Bindung und Psychopathologie

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„Die Couch war zu klein…“:
Ruth‘s Idee und die Psychotherapie
im 21. Jahrhundert
Alexander Trost
Die Anfänge
Menschen gelangen über gelebte Geschichte(n) zu theoretischen Konzepten:
•
•
•
•
•
•
„Das Grauen der Zeit erlebte ich sehr tief. …“
…eine in der Wolle gefärbte Psychotherapeutin
„beachte die Körpersignale…!
Gruppenbehandlung und Gegenübertragung
Erlebnistherapie
„Heilen in Beziehung“:
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
2
Gegenübertragungen
- …waren in den 30er/40erJahren noch anrüchig:
„Unreife“ verlangte erneute eigene Analyse
- Konsequenz: Man gab sie einfach nicht zu (…zum
Schaden der therapeutischen Beziehung)
- Initialzündung: RC brachte exemplarisch ihre eigene
GÜ in einer Fallvorstellung ein
- „Ich fühlte mich in diesen GÜ-Workshops zum ersten
Mal nicht nur als Therapeutin oder Lehrerin, sondern
als Partnerin im Leben. Dies verminderte nicht meine
Funktion…“ (RC: Gucklöcher. In: Gruppendynamik 25 4. 1994, 4)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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„Keine Methode ersetzt persönliche Wärme.
Toleranz und positive Einstellung zu Menschen…
Ich sehe in der Psychotherapie und in der
allgemeinen Erziehung den axiomatischen
Glauben sowohl an die Autonomie des
Menschen als auch an die Tatsache der
zwischenmenschlichen Gebundenheit. Therapie
und Erziehung verlangen, dass Menschen sich
dieser Tatsache immer mehr bewusst werden…“
RC, 1970
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Die Geburt der TZI
Hart erarbeitete, aus den vielfältigen
Erfahrungen abgeleitete „Vision“ im Traum:
Die gleichseitige Pyramide: „Die vier
gleichgewichtigen Punkte veränderte ich
dann aus visuellen Gründen in ein
gleichseitiges Dreieck in einer
vielschichtigen Kugel“ (Gucklöcher, a.a.O.)
(was ist aus dem DU geworden? AT)
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Ruth‘s Idealbild des Menschen
Eine Person, die:
• ihre Vergangenheit kennt,
• ihre Zukunft entwickelt
• in der Gegenwart handelt
• sich von der Gleichheit untereinander tragen lässt,
• die Andersartigkeit Anderer akzeptiert
• die Chance, voneinander zu lernen, nutzt und
• nicht stehen bleibt, wenn es Entwicklungsmöglichkeit
gibt. (Langmaack, 2001)
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TZI als System
1. Drei Axiome („ohne sie ist die TZI so wirksam wie ein in einem
Heuschober angezündetes Streichholz“ RC in G.G.)
1. Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit
und ein Teil des Universums, autonom und
interdependent (existentiell-anthropolog. A.)
2. Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen. Respekt vor
dem Wachstum bedingt bewertende
Entscheidungen (ethisches A.)
3. Freie Entscheidung geschieht innerhalb
bedingender innerer und äußerer Grenzen;
Erweiterung ist möglich. (politisch-pragmat. A.)
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TZI als System (2)
2. Zwei Postulate:
1. Sei Deine eigene Chairperson
2. Störungen und starke Betroffenheiten haben
Vorrang
3.
Struktur- /4-Faktorenmodell =>
dynamische Balance => lebendiges Lernen
in der Gruppe => Thema => Struktur =>
Prozess => Vertrauen
- Partizipierende Leitung
- Selektive Authentizität
(Cohn 1975)
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Gesellschaftspolitik vs. Gesellschaftstherapie
• Politik abstrahiert vom Einzelnen, auch wenn
ihre Auswirkungen diesen treffen
• Ruth Cohn, obwohl gesellschaftspolitisch
motiviert, tat dieses nie: Verständigung und
Kooperation statt Unterdrückung und
aggressiver Auseinandersetzung zwischen
unterschiedlichen Gruppierungen.
• Cave: „Heilsversprechen“ (W. Zitterbarth)
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„Das Ziel der Themenzentrierten Interaktion ist
nicht die Ästhetisierung des vollkommenen,
selbstentfalteten Menschen, sondern das Wissen
von der durch Scharten und Runzeln, persönlichen
Verletzungen und öffentliche (institutionelle)
Kämpfe gezeichneten Person. Die Kantigkeit von in
ihrer Art sehr verschiedenen Menschen scheint
mir mehr willkommen als ein irgendeinem Ideal
angenäherter WILL-Typ…“ (M. Kroeger: Anthropologische
Grundannahmen der TZI, in: Löhmer, C, Standhardt, R. (HRSG) 1992: Pädagogisch-therapeutische
Gruppenarbeit nach Ruth C. Cohn, Stuttgart)
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„Du kannst eine Schneeflocke sein“
• „Ich bin wichtig und Du bist wichtig und die Welt ist
wichtig“
• TZI beruht auf dem Anteilnehmen: „Teilnehmen an
dem, was ist. Eine bisschen Hilfe zu lernen > Liebe
Deinen Nächsten wie Dich selbst <“
• „ Ich möchte Ohren haben, die Schreie von Männern
in den Folterkellern hören: nicht vergessen, dass es
das gibt“.
• „Die Schneeflocke, die den Ast zum Brechen bringt“
Interview zum 80. Geburtstag, 22.8. 1992 ( RP)
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Politische Situation der Nachkriegszeit:
• Wirtschaftlicher Aufschwung überall, auch
durch den Kalten Krieg beflügelt …
• Befreiung von den Fesseln der Vergangenheit,
Neuanfang: ZERO
• Aufstrebende Emanzipationsbewegungen
• (Fast) Alles ist möglich! Experimentierfreude
• Kein Bewusstsein für Begrenzungen
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IGK 2013: „TZI im Wandel der Zeit“
• Gelebte Geschichte:
– Veränderungen in Ausbildungsstruktur, Globe, Lehre,
Anwendungsbereichen
• Worauf bin ich stolz?:
– „Wir haben Gold in den Händen“
– Nachwuchsförderung: JE
– Bewegung in Indien
• Was bedaure, kritisiere ich?
• „das Verschwinden der bunten Vögel“
• Welche Anstöße will ich geben?
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Hat sich die TZI verändert?
• H. Reiser: Theoretische Orientierungen im Spiegel
der Graduierungsarbeiten 1984 -2010:
– 1. Verdreifachung theoriebezogener Begriffe
– 2. Das Bestehen der Psychoanalyse und der Aufstieg der
Systemtheorie
– 3. Das Beharren auf Partizipation (teilnehmende Leitung)
• Hypothese: Die TZI hat sich nicht wesentlich
verändert, aber es wurden deutlich mehr
Anstrengungen zur theoretischen Explikation und
(pädagogischen) Systematisierung unternommen.
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Grafische Modelle zur TZI
(hier Matzdorf, P.)
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Schultze, A.:
Baummodell der TZI.
In: Handbuch TZI, Mina
Schneider-Landolf: Das
System TZI
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Rubner, Ph.: Das
System der TZI.
Das 3x4-FaktorenModell. In: TZI
2/2008
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Ein fraktales Modell der TZI
Reiser, H.: Vorschlag für
eine theoretische
Grundlegung der TZI. In:
TZI 2/2014
(n.b: als pädagogisches
System! A.T.)
Oder auch: W. Lotz,2014
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Eine andere soziopolitische Situation…
• Globalisierung der Märkte vs. Individualisierung der
Risiken
• Freiheit vs. Sklaverei
• Fundamentalistische Gewalt vs. Individuelle
Menschenrechte
• Migration als „Normalfall“ vs. „mir san mir!“
• Flucht vs. Abschottung
• Weltweite kriegerische Konflikte vs. ohmächtige UNO
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Papst Franziskus beim Treffen der
Basisbewegungen im Vatikan:
• „Dritter Weltkrieg auf Raten“ – die
zerstörerischen Auswirkungen des Imperiums
des Geldes: Armut, Zwangsumsiedlung,
leidvolle Migration, Menschenhandel, Drogen
Krieg …..
• Solidarität und Ermutigung auf dem Weg zu:
„tierra“, „techo“, „trabajo“…. Für Alle!
Aus Publik-Forum Dossier, Dez. 2014,
auch: José Mujica, Uruguay
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Eine andere soziopolitische Situation… (2)
• Aushöhlung rechtsstaatlicher Strukturen (TTIP, Big Data,
Google etc.) vs. Basisbewegungen (Attac, Avaaz,
Greenpeace, etc.)
• Lokale Nachhaltigkeitsbewegungen (DeGrowth, LOHAS)
vs. SUV‘s, Fracking & Co. …
• Globale unmittelbare informationelle Vernetzung vs.
Abstumpfung/Katastrophenjournalismus
• „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ (Leggewie &
Welzer
• Zunahme psychischer Störungsdiagnosen vs. Öffentliche
Niederschwelligkeit psychotherapeutischer Begrifflichkeiten
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Bewegung für eine gutes Leben für Alle?
Die Degrowth Konferenz Leipzig, 2014
„Grundsätzlich impliziert in Zeiten, in denen das
offizielle Krisenrezept „Wachstum, Wachstum,
Wachstum!“ lautet, bereits der Begriff De-Growth eine
antagonistische Semantik: „Ziel ist eine Gesellschaft, in
der Menschen mit Rücksicht auf ökologische Grenzen in
offenen, vernetzten und regional verankerten
Ökonomien leben. Ressourcen werden durch neue
Formen demokratischer Institutionen gleicher verteilt“.
Programmheft, S.2
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Psychotherapie heute
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Allgemeine Psychotherapie-Wirkfaktoren
1. Ressourcenaktivierung: Selbstwert
und Autonomie
2. Problemaktualisierung: Prinzip der
realen Erfahrung
3. Aktive (methodengestützte,
professionelle) Hilfe zur
Problembewältigung
4. Therapeutische Klärung: Was
bedeutet mein Erleben und
Verhalten, welche Ziele und
Haltungen bewegen mich?
1. Auflage: 1994
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Vielfalt der Therapierichtungen (n. Grawe et. al. 1994)
• Psychodynamische Therapien (z.B. Psychoanalyse;
Psychanalyt. Kurztherapie; Individualtherapie; Katathymes Bilderleben)
• Humanistische Therapien (Klientzentr. Gesprächstherapie und
Spieltherapie; Psychodrama; Gestalttherapie; Bewegungs- und körperorient. Ther.)
• Kognitiv-behaviorale Therapien (Syst. Desensibilisierung,
Konfront.-behandl.; Biofeedback; Kogn. Therapien; Problemlösungstherapie;
Selbstmanagement-Therapie; soziales Kompetenztraining)
• Systemische und interpersonale Therapien
(Familientherapiemodelle z.B. Mailänder Modell; Lösungsorientíerte
Kurztherapie; Reflecting Team; narrative Ansätze; Interpersonale Therapie)
• Entspannungsverfahren
und trancetherapeutische
Verfahren (Autogenes Training; Progressive Muskelentspannung;
Meditation; Hypnose/Trancetherapie)
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Neuere Entwicklungen in der Psychotherapie
(Auszüge)
Psychoanalyse: „Die PA ist über die Ich- und
Objektbeziehungstheorie hinausgewachsen und hebt
heute immer stärker die Bedeutung aktueller
Beziehungen hervor. Damit entstand eine fundamentale
Änderung der analytischen Behandlungspraxis. Viele
Grundhaltungen und Überzeugungen wurden in Frage
gestellt, modifiziert oder aufgegeben. Zugewandheit,
Authentizität und kontrollierte Offenheit bestimmen
heute die Begegnung. (M. Ermann, in: Psychoanalyse im 21. Jh., Stuttgart,
2014)
(…kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? AT)
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Neuere Entwicklungen in der Psychotherapie
(Auszüge 2)
• Von der Erlebnisorientierung zur kognitiven Wende:
Primat der Verhaltenstherapie,
• jetzt „3. Welle“ der VT (Schematherapie, DBT, MBSR,
etc.): Skills und Achtsamkeit ÜBEN!
• Vom Individuum zum System und zurück:
systemische (Familien)Therapie und
„Störungsspezifische PT“
• „Extremsituationen im Fokus“: Traumatheorie und –
therapie
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Neuere Entwicklungen in der Psychotherapie
(Auszüge 3)
• Die Wiederentdeckung des Emotionalen
• Die Wiederentdeckung des Körpers: EMDR,
Energetische Psychologie, u.a. Klopftechniken,
• Neurobiologie belegt „Altes Wissen“
• Von der Triebtheorie zur Bindungstheorie
• Affektives schafft Kognitives: Mentalisierung
• Achtsamkeit als PT-Prinzip: MBSR und ähnliche
Verfahren
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Meditationsstudien
Zahlreiche Studien belegen positive Effekte auf Blutdruck,
Immunstatus, psychiatrische Symptome, Gedächtnis,
Selbstwahrnehmung, Empathie, Stressreaktionen,
einschließlich der neurobiologischen Korrelate
Beispiel: Dharamsala & MIT, 2000 - 2003)
• Antikörper gegen Influenza 
• Synchronisierung schneller Gamma- Gehirnwellen, Abnahme
langsamer Wellen
• Links präfrontal dauerhaft höhere Aktivität
• Negative (re präfrontal) Affekte besser kontrollierbar
• Subjektiv: entspannter
& zufriedener
Die Couch
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Damit Menschen…
• gut mit sich und Anderen in Kontakt sein..
• Impulse, Affekte und Stress regulieren…
• lern- und arbeitsfähig sein ...
• Beziehungs- und kooperationsfähig sein…
können,
…braucht es Voraussetzungen, die am besten
neurobiologisch und bindungstheoretisch
beschrieben werden.
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Funktionsprinzipien des Gehirns
• Entwicklungsfenster
– Sprache
– stereoskopisches Sehen
– Bindungsbeziehungen
• Plastizität
– Von „Trampelpfaden zu Autobahnen“
• Phylogenetische Hierarchie
– „alte“ Hirnteile: Reflexhafte Automatismen vs.
– Neocortex: willentliche Kontrolle & Integration
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Funktionsprinzipien des Gehirns
• Phylogenetische Hierarchie: Explizite Fähigkeiten des
Neocortex, also des jüngsten Teils der Großhirnrinde, werden
am stärksten durch interaktive Prozesse („nutzungsabhängig“)
mit der Außenwelt modifiziert. Dies ist besonders im Hinblick
auf die Aufgaben des Frontalhirns von Bedeutung:
Aufmerksamkeit
Motivation
Entscheidungsfähigkeit
Kontrollüberzeugungen
Selbstwirksamkeit.
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Resonanz als evolutionäres Prinzip:
Von Spiegelphänomenen zu Spiegelneuronen
Bei Hirnuntersuchungen mit Schweinsaffen (Makakken) stellten die Forscher
Vittorio Gallese und Giacomo Rizzolatti (Parma) fest, dass einige Nervenzellen im
Stirnhirn nicht nur dann in Erregung gerieten, wenn sie eine bestimmte eigene
Tätigkeit ausführten, Die gleichen Nervenzellen feuerten ihre Signale auch, wenn
die Affen den Versuchsleiter bei der Ausführung der gleichen Tätigkeiten
beobachteten.
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Gehirnaufbau
Persönlichkeit und Temperament entwickeln sich auf 4 Ebenen im Gehirn:
•
Untere limbische Ebene
(Hypothalamus, zentrale Amygdala, vegetative Zentren des Hirnstamms)
•
Regulation von lebenswichtigen vegetativen Funktionen und Notfallreaktionen
bildet unter dem Einfluss von Genen und vorgeburtlichen Erfahrungen die
Grundlage für unserer Temperament
Individuelle Funktion dieser Ebene kann durch spätere Erfahrung / Erziehung nur
schwer verändert werden.
Mittlere limbische Ebene
(basolaterale Amygdala / mesolimbisches System)
-
Ebene der unbewussten emotionalen Konditionierung und des individuellen
emotionalen Lernens
Funktion entwickeln sich in den ersten Lebensjahren (frühkindliche
Bindungserfahrungen)
Untere & mittlere limbische Ebene bilden den Kern unserer Persönlichkeit
Veränderungen im Jugend- oder Erwachsenenalter nur über starke emotionale
und lang anhaltende Einwirkungen
(vgl. Roth / Strüber 2014: 371f)
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• Obere limbische Ebene
(limbische Cortexareale)
- bewusstes emotional-soziales Lernen
- emotionale Reaktionen der beiden unteren limbischen Ebenen
werden verstärkt oder abgeschwächt
- Grundlage für Gewinn- und Erfolgsstreben, Freundschaft, Liebe,
Hilfsbereitschaft, Moral und Ethik
- entwickelt sich in der späteren Kindheit und Jugend aufgrund sozialemotionaler Erfahrungen und ist durch solche veränderbar
• Kognitiv sprachliche Ebene
(Sprachzentrum der linken Großhirnrinde, präfrontaler Cortex)
- bewusste sprachliche und rationale Kommunikation
- bewusste Handlungsplanung, Erklärung der Welt, Rechtfertigung
des eigenen Verhaltens
- individuelle Funktionen dieser Ebene entsteht relativ spät und
wandelt sich ein Leben lang, durch sprachliche Interaktion.
(vgl. Roth / Strüber 2014: 372)
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Psychoneuronale Grundsysteme
Differenzierte Gefühle & komplexes Verhalten entstehen durch
enge Wechselwirkung der neurochemischen (Transmitter-)
Systeme.
Daraus entstehen 6 psychoneuronale Grundsysteme:
•
•
•
•
•
•
Stressverarbeitung
Selbstberuhigung
Bewertung und Belohnung bzw. Belohnungserwartung
Impulshemmung
Bindung
Realitätssinn
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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(vgl. Roth / Strüber 2014: 374)
Die Entwicklung des Gehirns
Vorgeburtlich:
- Veränderungen des Gehirns der Mutter aufgrund traumatisierender
Erfahrungen: Misshandlung, Vergewaltigung, Verlust des Partners, Krieg, schwere Unfälle
wirken auf das unreife Gehirn des Embryos / Fötus
 Fehlentwicklungen im Stressverarbeitungs- und Selbstberuhigungssystem des Kindes
• Beeinträchtigung dieser Systeme (Bindungssystem!) bei Kleinkindern durch:
- Misshandlung, Missbrauch, Vernachlässigung und Tod der Eltern, längere Trennung von
den Eltern, psychische Störungen der primären Bezugsperson
• Frühe massive Störungen des Stressverarbeitungssystems (Cortisol) und
des Selbstberuhigungssystems (Serotonin) führen zu Fehlregulation des
Cortisol-Haushalts
 Langfristige Folgen: Beeinflussung der Ausbildung anderer
psychoneuronalen Systeme
(vgl. Roth / Strüber 2014: 375)
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Wir leben – von Anfang an – von Resonanz,
Anerkennung und emotionaler Spiegelung. Dies
wird in einer responsiven frühen Eltern-Kind
Interaktion verwirklicht, und ist die Grundlage
einer sicheren Bindung.
Martin Buber: „Der Mensch wird am Du zum Ich“
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• Sichere emotionale Bindungen sind für Kinder die
wichtigste Ressource zur Bewältigung von Unsicherheit,
Angst und Stress.
• Die Ausformung und Stabilisierung sicherer
Bindungsmuster hängt davon ab, ob ein Kind die
wiederholte Erfahrung machen kann, dass es in der Lage
ist, neue Anforderungen, die zu einer Störung seines
emotionalen Gleichgewichtes führen, mit der
Unterstützung einer primären Bezugsperson bewältigen zu
können.
• HÜTHER meint, auf der Grundlage qualifizierter
neurobiologischer Studien, dass "Liebe ein Naturgesetz ist
und das Gehirn ein Sozialorgan". Das Gehirn ist vom
Aufbau her optimiert für „psychosoziale Kompetenz“.
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Emotionale Sicherheit: Voraussetzung für Lernen und Wachstum
Soziale Beziehungen
Wahrnehmungsfähigkeit
Wissen +
Erfahrung
Emotionale
Sicherheit
Neugier + Exploration
Motorik
Am besten von zwei
Personen + Kontext !
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Was kann ein Säugling?
• Fähigkeit, sofort nach der Geburt nachahmen zu können: „Synchronisation“
mit der Mutter: Identifikation, Teilnehmen am Erleben anderer, mittels
Spiegelneuronen.
• Selbstwirksamkeit von Anfang an: Aktiv sein! Etwas beim Gegenüber
bewirken!
• Diese frühe Intersubjektivität strukturiert die äußere und innere Welt des
Säuglings, ist die Basis interaktiven Wissens und früher sensorischer
Integration.
• Die Erfahrungen der ersten 18 Monate sind nonverbal, nicht-symbolisch, nicht
erzählbar, implizites Wissen, bleibt auch nach Spracherwerb parallele
Erlebenswelt (Somatische Marker).
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Affektive Kommunikation
„Die Resonanz der rechten Hemisphären von
Mutter und Kind in der regulatorischen
Interaktion ist der wesentliche „promotor“ für
eine normale Entwicklung“ Allan Schore, 2011
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Containment
• Die Mutter akzeptiert die Gefühle ihres
Kindes, nimmt sie in sich auf, verarbeitet sie
und gibt sie dem Kind in verständlicher Form
zurück (Bion, W.R)
• Ziel dieses Prozesses ist es, das Kind in der
Verarbeitung ängstigender Affekte / Erlebnisse
so zu unterstützen, dass es in explorativem
Kontakt mit der Umwelt bleiben kann.
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HOLDING
D. W. WINNICOTT, der berühmte englische Kinderarzt und Psychoanalytiker, stellte
in seinen Arbeiten vor allem die Bedeutung des Haltens und Gehaltenwerdens (engl.:
Holding) in der frühen Mutter-Kind-Beziehung heraus. Voraussetzung für eine
gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Kindes sei die Erfahrung, von der frühesten
Säuglingszeit an, von der Mutter oder einer anderen engen Bezugsperson
hinreichend gehalten worden zu sein.
".....Halten: Schützt vor physischer Beschädigung. Berücksichtigt die
Hautempfindlichkeit des Säuglings - Empfindlichkeit gegen Berührung,
Temperatur, auditive und visuelle Reize, Empfindlichkeit gegen das Fallen und
den Umstand, daß der Säugling kaum etwas von der Existenz von irgend etwas
anderem als des Selbst weiß. Es umfaßt den immer gleichen Ablauf der Pflege
bei Tag und bei Nacht; sie ist bei jedem Säugling anders... Es (Das Halten)
folgt ebenfalls den winzigen Veränderungen, die von Tag zu Tag eintreten und
zum Wachstum und zur Entwicklung des Säuglings in physischer und
psychischer Hinsicht gehören" .
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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„Lebendiges Lernen:
…Diesen Begriff hatte ich damals noch nicht
gefunden, auch nicht von anderen gehört.
Rückschauend weiß ich, dass für mich
Bankstreet* die Quelle lebendigen Lernens
gewesen ist: den Spuren des Interesses des
Kindes folgen.“
* Bankstreet Schools: progressive Lehrerausbildung in NY. RC war Assistant Teacher dort. In:
Gelebte Geschichte, S. 327
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Aaron-Segen (Num 6, 24-26)
„Der Herr segne und behüte Dich. Der Herr lasse
sein Angesicht über dich leuchten und sei dir
gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu
und schenke dir Heil“
In der alttestamentlichen Sprache: das Gesicht der Mutter, das
dem Säugling die Welt bedeutet, und das des Vaters, der sich
dem Kind kraft- und lebensspendend zuwendet.
Die Couch war zu klein....
46 IAT 2015 A. Trost
…Ziel der (M-K) Beziehung ist nicht perfekte
Übereinstimmung (perfect agreement) sondern,
dass es im Gegenteil zwischen dem Baby und
seiner primären Bezugsperson auch immer
wieder Momente von Dissonanzen und
Unverständnis gibt.
Wieso?
… Episoden von „Wiedergutmachung“
(interactive repair) kennzeichnen eine gelungene
M-K-Beziehung! (Allan Schore)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Selbstregulation (Chairpersonship?)
• …eine lebenslange Aufgabe, die (spätestens)
mit der Geburt beginnt.
• Anfänglich benötigt das Kind feinfühlige CoRegulation.
• Im Laufe der Entwicklung lernt das Kind, sich
immer mehr, häufiger und besser selbst zu
regulieren, und gewinnt so mehr Autonomie
und Selbstwirksamkeit.
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
48
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Selbstregulation
• Kinder benötigen zur jeweils richtigen Zeit einen
„kompetenten Anderen“ (Holodynski), der ihnen zur
Verfügung steht.
• Dann erwerben sie bereits in der Frühkindheit
diverse Strategien, um „Humankapital“ fördernde
Prozesse im weiteren Lebenslauf selbständig nutzen
zu können. Diese Fähigkeiten sind zunächst nichtkognitiv.
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Selbstregulation
„Erwachsen“ kann man einen Menschen nennen, der
• somatische, psychische und soziale DysBalancen bei
sich selbst wahrnimmt
• und, ggf. mit Hilfe Anderer so regulieren kann, dass
er/sie im Wesentlichen mit sich und anderen gut
zurecht kommt, und seine Entwicklungsaufgaben
bewältigt.
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
50
50
„In einer Welt voller
Widersprüche braucht es
die Fähigkeit mit
Gegensätzlichem
umzugehen und
Getrenntes als
zusammengehörig zu
betrachten, also von der
Ganzheit des
Widerspruchs“
(H. S. Herzka, gestützt auf die philosophischen
Gedanken
Martin Bubers)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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BINDUNG
Voraussetzungen für die Entwicklung sicherer
Bindung:
- Responsive und feinfühlige Eltern-KindInteraktion
- Containment
- Holding
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Bindungstheorie
• Während seines ersten Lebensjahres
entwickelt der Säugling eine spezifische
Bindung zu einer primären Bindungsfigur.
• Das Bindungssystem ermöglicht das
Überleben.
• Die Bindungsfigur ist die “sichere Basis” für
das Kind (sicherer Hafen)
• Das Bindungssystem wird bei Angst und
Trennung aktiviert.
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Bindungstheorie
• Das Bindungssystem wird durch die physische
Nähe der Bindungsfigur beruhigt.
• Das Bindungssystem verhält sich reziprok zum
Explorationssystem
• Sobald das Bindungssystem beruhigt ist, kann
sich das Kind der Exploration zuwenden
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Aktivierung des Bindungssystems
Bindungssystem
Beruhigung des Bindungssystems
Explorationssystem
Explorationssystem
Bindungssystem
Eine Aktivierung des Bindungssystems und
gleichzeitige Dämpfung des Erkundungssystems
erfolgt, wenn das Kind ängstlich, unsicher, fremd,
einsam, verlassen, hungrig, müde ist, usw.
Eine Beruhigung des Bindungssystems und
gleichzeitige Aktivierung des
Erkundungssystems erfolgt bei Wohlbefinden
und dem Gefühl von Sicherheit. Das Kind ist
unternehmungslustig, spielt, exploriert mit
Mund und Händen usw.
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Feinfühligkeit
Die Betreuungsperson / SPFH muss
1. Die Signale des Baby’s / Kooperationspartners wahrnehmen,
2. sie richtig interpretieren,
3. angemessen und
4. prompt auf sie reagieren
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Wenn eine Mutter (Primäre Bezugsperson) im
ersten Jahr….
…sowohl positive als auch negative Äußerungen des Kindes
vorwiegend feinfühlig beantwortet hat
• weinen die Säuglinge schon mit 10 Monaten weniger und
äußern sich differenzierter,
• willigen die Krabbler häufiger in die Ziele der Mutter ein,
sind kooperativer und seltener trotzig,
• zeigen die Kleinkinder offener ihre Gefühle und lassen
sich gut beruhigen, und
• können die Kleinkinder ihre Wünsche nach Nähe und
Trost oder Hilfe, aber auch nach ungestörtem Erkunden
selbständig regulieren und entsprechend handeln.
(Grossmann & Grossmann, 2004, Sroufe et al., 2005)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
57
Feinfühligkeit
Elterliche Feinfühligkeit, Unterstützung und
Akzeptanz der Mutter ebenso wie die des Vaters
haben von frühester Kindheit an einen
wesentlichen Einfluss auf die Fähigkeit, enge
Bindungen einzugehen.
(Ergebnis der Bielefelder und Regensburger Längsschnittstudien von Grossmann, K & K, 2004)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Sichere Bindungsbeziehung / B – Gruppe
 Kinder mit sicherer Bindung können in Situationen von emotionaler Belastung
den Bezugspersonen ihre Gefühle offen mitteilen.
 Sind ihre eigenen inneren Ressourcen erschöpft und sind sie innerlich
verunsichert, können sie sich bei ihren Bezugspersonen Zuwendung, Nähe
und Sicherheit holen.
 Diese Kinder haben eine Grundsicherheit und Vertrauen zu ihren
Bindungspersonen.
 Sie können eher befriedigende und wenig störungsanfällige Beziehungen zu
Gleichaltrigen aufbauen und Konflikte kompetent lösen.
 Zudem haben sie eine positive Einstellung zu sich selbst.
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Organisierte Bindungsstrategien
25-30%
50%
15-20%
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost (Gloger-Tippelt/König 2009)
60
Bindungstypen
Unsicher-vermeidend:
• Bindungsfigur als vorhersagbar, aber abweisend
erlebt
• Keine Vorstellung der Bedeutung von Gefühlen
• Kein Ausdruck negativer Affekte, Affektabspaltung,
Vermeidung
– Deaktivierung des Bindungssystems
• Eher externalisierende Strategien
• Weniger anfällig für gesellschaftliche Ideale
(Ettrich, 2004b, S.66/ Strauss, 2008, S.11)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
61
Bindungstypen
Unsicher-ambivalent:
• Bindungsfiguren als unachtsam und inkonsistent
erlebt  nicht vorhersehbar
• Keine Entwicklung hinreichender Affektregulation, da
gesteigerte Emotionalität
– Hyperaktivierung des B‘Systems
• Furcht vor Zurückweisung
• Eher Ausbildung internalisierender Strategien
(Ettrich, 2004b, S.66f./ Strauss, 2008, S.12)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
62
Mentalisierung
• „To have the mind in Mind“ (P. Fonagy)
= Die Psyche einer anderen Person wird unabhängig und getrennt von der
eigenen Psyche wahrgenommen.
• Mentalisierung wird heute synonym zu Reflexive Funktionen verwendet:
…Bildung eines symbolvermittelten sekundären Repräsentationssystems
der Affekte, des Selbst und der Objekte. Dies gelingt durch die kontingente
Spiegelung der Affekte des Kindes durch die Primärobjekte…. (Potthoff P, in Hirsch
M (Hg) 2008: Die Gruppe als Container. Göttingen)
• Diese Fähigkeit wird in einem in reziproken Prozess zwischen der Mutter
und dem Kind entwickelt, wobei die Mutter dem Kind hilft, sein Verhalten –
und das von anderen - in Verbindung mit der Benennung von Gefühlen,
Wünschen, Erwartungen und Überzeugungen zu verstehen.
Auch => autobiografisches Gedächtnis
• Mentalisierung gelingtDieinCouch
sicheren
Bindungen besser als in unsicheren
war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
63
Mentalisierung
• Affektspiegelung
• Markierung
– Eltern reagieren im Gefühlsausdruck nicht ganz
gleich wie das Baby, sondern ähnlich und
erkennbar übertrieben
• Autobiografisches Selbst (ab ca. 6. LJ.):
– Erinnerungen an eigene intentionale Aktivitäten
kausal, temporal und kohärent organisiert
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
64
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
65
Risiko- und Schutzfaktoren
• Schutzfaktoren für den Aufbau sicherer
Bindung:
– Feinfühligkeit
– Empathische Verbalisierung
– Synchronizität und Reziprozität
(Brisch, 2002, S.355)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
66
Risiko- und Schutzfaktoren
• Risikofaktoren für den Aufbau unsicherer
Bindung:
– Psychisch Kranke Eltern
– Chronische soziale Belastung
oder Überforderung
– Trauma, Gewalt
– Pathogene Einflüsse wie
Liebesentzug, Schuldzuweisung,
Nicht-Erwünschtheit
(Ettrich, 2004b, S.66/ Brisch, 2002, S.357)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
67
„Ob ein Kind zu einem warmherzigen,
offenen und vertrauensvollen Menschen mit
Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder
aber zu einem gefühlskalten, destruktiven,
egoistischen Menschen, das entscheiden die,
denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist,
je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist,
oder aber dies nicht tun“
(„Niemals Gewalt“: Astrid Lindgren anlässlich der Verleihung
des Friedenpreises des Börsenverein des Deutschen
Buchhandels 1978).
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
68
Das innere Arbeitsmodell – „inner working model“ (Bowlby)
 Kinder bilden während der sozio – emotionalen Entwicklung ihrer frühen
Kindheit eine interne Repräsentation von sich und ihrem Bezugsobjekt.
 Dieses verinnerlichte frühe Beziehungsmuster hat eine beständige
Wirkung auf die weitere Entwicklung und wird in ähnlichen
Beziehungssituationen während des ganzen Lebens reaktiviert.
 Die wichtigste Aufgabe dieses Arbeitsmodells ist es, Ereignisse der
realen Welt gedanklich vorwegzunehmen, um in der Lage zu sein, das
eigene Verhalten besser zu planen und die Situation kontrollieren zu
können
 Bei sicher gebundenen Kindern, funktioniert dieses Arbeitsmodell als
sichere Basis, von der aus sie ihre Umwelt erkunden und begreifen zu
können. In Zeiten von emotionalem Stress fungiert es als eine Art
sicherer Hafen.
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
69
Innere Arbeitsmodelle
• Entstehen auf Grundlage früher Bindungserfahrung
• „Kognitive –affektive Schemata, in denen
Erwartungen bezüglich des Verhaltens einer
bestimmten Person gegenüber dem Selbst speichert.
Diese Erwartungen sind Abstraktionen, die auf
wiederholte Interaktion mit dieser Person basieren.“
• Relativ stabil, aber veränderbar
(Seiffge-Krenke, 2009,S.59)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
70
Innere Arbeitsmodelle
• Steuern Bindungsverhalten gegenüber
primärer Bezugsperson
• Informationsverarbeitung Interpretation
von Ereignissen
• Emotions- und Verhaltensregulation
• Prägung Selbstwertgefühl
(Dias, 2008, S.189)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
71
Innere Arbeitsmodelle:
Inneres Arbeitsmodell des Selbst
• Kernpunkt: Vorstellung der eigenen Person als
liebenswert und akzeptabel
• Erwartung von eigener Effektivität
(Becker-Stoll, 2003, S.135)
• Ich als von Bindungsperson geschätzter Mensch
(Bretherton, 2002, S.17)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
72
Inneres Arbeitsmodell der Umwelt
Kernpunkt: Vorstellung über eigene Bindungsperson(en)
– Wer sie sind
– Wo sie sind
– Wie sie sich verhalten
Emotional verfügbar?
Unterstützt Exploration?
(Bretherton, 2002, S.17)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
73
Transgenerationale Perspektive
• Weitergabe positiver Kindheitserfahrung
• Wahrscheinlichkeit: sichere Eltern 3-4-fache
höhere Wahrscheinlichkeit sichere Kinder
• statistischer Zusammenhang zwischen
Bindungsrepräsentation der Eltern und der
Bindungsqualität der Kinder
• Vorhersage schon vor der Geburt, welche
Bindung Kind ausbildet
(Bretherton, 2001, S.61f./ Seiffge-Krenke, 2009, S.75ff/Buchheim, 2005, S.36)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
74
Trauma, chronische Belastung &
Bindung
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
75
„Wenn die Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung
verschlossen ist, bleibt sie unzugänglich. Dann
richtet sich Ärger auf die falschen Ziele, Angst
tritt in unangemessenen Situationen auf, und
Feindseligkeit wird von falscher Seite erwartet“
(John Bowlby, 1988)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
76
Frühkindliche Phase besonders sensibel
• Negative Einflüsse können später nur noch im geringem Umfang
kompensiert werden können (rumänische Waisenkinder)
• Starke Beeinflussbarkeit der Organisation neuronaler Verschaltungen
durch frühe Erfahrungen
• Schnelle / nachhaltige Veränderungen sind später nicht möglich
(graduelle Verstärkung und Abschwächung)
• Aber positive korrigierende Einflüsse sind in dieser Phasen besonders
wirksam
 positive Bindungserfahrung führt zur starken Ausschüttung von
Oxytocin („Bindungshormon“), kann negative Effekte teilweise dämpfen
(vgl. Roth / Strüber 2014: 375) (vgl. RothDie
/ Strüber
2014:
Couch war
zu156)
klein.... IAT 2015 A. Trost
77
Auswirkungen früher Erfahrungen auf das Gehirn /
Psyche werden von einer Generation zur anderen
weitergegeben – über 3 Generationen
(Transgenerationaler Transfer)
– direkte (epi-)genetische Vererbung von
Anfälligkeitsfaktoren
– Auswirkungen elterlichen Verhaltens auf das Gehirn des
Kindes (Hemmt Ausbildung von Bindungsstellen für
Neurotransmitter)
– Umwelteinflüsse wirken auf die Genetik ein
– Übereinstimmung zwischen den Bindungstypen der Eltern
und Kinder
(vgl. Roth / Strüber 2014: 177) (vgl. Roth / Die
Strüber
2014:
(vgl. Roth
Strüber
2014: 194)
Couch
war183)
zu klein....
IAT /2015
A. Trost
78
• Autobiographisches Gedächtnis hat eine hohe
Bedeutung für die Entwicklung der Psyche
• Erinnerungen an die ersten 18-24 Monate nicht
möglich (infantile Amnesie)
• Abhängig von der Hirnentwicklung (emotionale
vor kognitive Zentren)
• Traumatisierung beeinflusst Psyche – auch wenn
das Erlebnis nicht erinnert wird
Couch
war 296)
zu klein.... IAT 2015 A. Trost
(vgl. Roth / Strüber 2014: 163) (vgl. Roth / Die
Strüber
2014:
79
Neue Erkenntnis:
Ursachen aller psychischen Störungen sind…
• Genetisch-epigenetische Aspekte
(10-20% der Varianz)
• Traumatisierung der Mutter vor und in der
Schwangerschaft
• Traumaerfahrungen des Kindes in den ersten
2-3 Lebensjahren.
(Roth, G., Stüber, N.: Wie das Gehirn die Seele macht, Stuttgart, 2014)
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
80
Die erworbene Dysbalance…
• des Stressverarbeitungssystems
• des Selbstberuhigungssystems
…blockiert Reifung der Motivationssysteme in
den ersten Lebensabschnitten:
- Impulshemmung
1.-20. LJ.
- Mentalisierung und Empathie 2.-20.
- Realitätssinn und
Risikowahrnehmung
3.-20.
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
81
The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study:
Was ist eine ACE ?
→ Erleben / Erleiden einer der folgenden Erfahrungen in der Familie vor dem 18. Lebensjahr:
•
Wiederholte körperliche Misshandlung
•
Wiederholte emotionale Misshandlung
•
Sexueller Missbrauch
•
Ein Alkoholiker /Drogenuser im Haushalt
•
Ein Haushaltsmitglied im Gefängnis
•
Jemand der chronisch depressiv,
psychisch krank, suizidal
oder in der Psychiatrie ist
•
Eine Mutter, die Gewalt erleidet
•
Ein oder kein Elternteil
•
Emotionale oder physische Vernachlässigung
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
82
82
Desorganisierte – desorientierte Bindungsbeziehung / D – Gruppe
 Diese Kinder zeigen eine Vielzahl irritierender und widersprüchlicher
Verhaltensweisen, z. B. Widersprüche zwischen Mimik und
Körperbewegung, Stereotypien der Gesten, eingefrorene verlangsamte
Mimik oder Bewegung, direkte subtile Zeichen von Anspannung, Furcht
und Desorganisation
 Die hier bestehenden Zusammenhänge zwischen Misshandlung und
anderen traumatischen Situationen in der Familie sind empirisch belegt.
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
83
Desorganisation & Desorientierung:
• Desorganisiertes Bindungsverhalten stellt im Gegensatz zu
organisiertem Bindungsverhalten ein „Steckenbleiben“ zwischen
zwei Verhaltenstendenzen dar, bei dem auf der einen Seite die
Zuwendung zur Mutter und das Nähesuchen und auf der anderen
Seite die Abwendung steht. Die gleichzeitige Aktivierung von
beiden Systemen führt zu einem Zusammenbruch des
organisierten Bindungsverhaltens.
• Desorganisiertes Verhalten wird als Indikator für Stress und Angst
angesehen, den das Kind nicht beenden kann weil die
Bezugsperson gleichzeitig die Quelle von Furcht und der potentielle
sichere Hafen ist („no where to go“ ).
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
84
Bindung und Trauma
Desorganisierte Bindungsmuster:
15% in nichtklinische Stichproben
25-34% bei niedrigem sozialem Status
35% Kinder mit neurologischer Auffälligkeit
43% Kinder von drogenabhängigen Müttern
48-77% misshandelte Kinder
>70% Jugendliche in Heimerziehung
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
85
Risiken für Bindungsdesorganisation
und Bindungsstörungen I
• Erleben von Gewalt
– v.a. Annäherungs-Vermeidungskonflikte
• Vernachlässigung
– v.a. deutlicher Rückzug und geringe emotionale Reaktivität
• psychische Erkrankung der Eltern
– z.B. Fehlen von Verlässlichkeit, Schutz, Sicherheit, Struktur
• häufiger Wechsel der Bezugspersonen
• Lern- / geistige Behinderung der Eltern
• wenige Sozialkontakte der Mutter
insgesamt: extrem geringe Passung von kindlicher
Reaktion und elterlichem Fürsorgeverhalten
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
86
Risiken für Bindungsdesorganisation
und Bindungsstörungen II
• unverarbeitete Traumatisierungen der Eltern
• komorbide Erkrankungen des Kindes
• Bereits im Neugeborenenalter Defizite in der
Verhaltensorganisation
– geringe Orientierungsfähigkeit,
– hohe Irritabilität,
– geringe Selbstregulationsfähigkeit
• Molekulargenetische Polymorphismen des Dopaminsystems
und Serotonintransports
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
87
Auswirkungen von Angst und Dauerstress
Angst
Stressreaktion
Vertrauen in eigene
Fähigkeiten
Vertrauen in die
Fähigkeiten anderer
Wissen
Erfahrung
Bindung
Vertrauen in vorgestellte Kräfte
Glaube
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A.
Trost
88
Politik &
Bindungswissen
http://kriegsursachen.blogspot.de/
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
89
Therapie und Behandlung von
Bindungsstörungen
• Bindungsorientierte Beratung und Therapie
– Fokus primär auf der Herstellung eines entwicklungsförderlichen
Umfelds
– Aufarbeitung möglicher Entwicklungsdefizite
• Nachreifung durch die feinfühlige therapeutische Beziehung
– Jede neue positive Erfahrung wird im Gehirn registriert, gespeichert
und verändert neurobiologische Ebene der Bindungsrepräsentation
• Psychotherapie indiziert
– 30 - 40% erhöhte Bindungssicherheit
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost S.44
http://www.erev.de/auto/Downloads/Skripte_2006/Fuenf_Tage/2006_Folien_von_Sydow.pdf
90
Therapie und Behandlung von Bindungsstörungen
• Therapeut / Pädagoge als sichere Basis
• ermöglicht, dass auf der affektiven Ebene eine Art
„Neustart“ im Sinne einer „korrigierenden
Erfahrung“ stattfinden kann
• Bezugspersonen in die Behandlung einbeziehen
– Kind kann Behandlungsfortschritte nur umsetzen, wenn
Bezugspersonen dies unterstützen
• Besondere Beachtung von bindungs- und
trennungsrelevanten Situationen
Vgl.:Brisch. 2009. S. 131
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
91
Psychotherapie generell:
1.Phase: schnelle, nicht nachhaltige Besserung hängt
vom Vertrauensverhältnis (Bindungssystem) und dem
gemeinsamen Glauben an die Methode ab: Oxytocin/Serotonin- / Endorphin-vermittelt (also limbisch, nicht
Großhirnrinde)
2. Phase: Langzeittherapie: Veränderung von
Gewohnheiten (Üben!, auch subcortical, sensomotorischlimbisch (Basalganglien), vermehrte Neurogenese
N.B: Einsichtsappelle bringen rein gar nichts!
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
92
Das Neue Psychotherapie-Wissen und die TZI ?
• Gruppe als Container, sicherer Ort
• Gruppe als Feld für korrigierende (Bindungs-) Erfahrung:
Affektspiegelung, Validierung
• LeiterIn als Modell für responsives, wertschätzendes
Verhalten
• Übungsraum für dialogische, themenzentrierte,
regelgeleitete Auseinander-Setzung
• Adaptation der Methodik an unterschiedliche Sprachen,
kulturelle Hintergründe, Milieus erforderlich
• TZI-Haltung als Grundlage für bürgerschaftliches
Engagement: PRIMAT von HALTUNG!
• Prävention!
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Vom Untertan, Massenmensch,
unfreien Menschen…
…über das „In-dividuum“, dem a-tomischen* Wesen zum…
:ver-antworteten, partizipierenden
sozialen Menschen:
Ruth Cohn: „Ich bin um so autonomer, je mehr ich
mir meiner Interdependenz bewusst bin!“
*später gefundene subatomare Teilchen sind durch Resonanzprozesse miteinander
verbunden, und können nur durch extrem hohe, zerstörerische Energie aus dieser
Verbindung herausgelöst werden
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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There is no such thing as a baby…there is a baby
and someone D.W.Winnicott (1960)
… da ist ein Kind und seine Familie und ….
und…
Es braucht…. ein ganzes Dorf!
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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Ich kooperiere, also bin ich …Mensch
Um „gut“ kooperieren zu können, muss ich
• Mensch sein… qua Evolution (Tomasello)
• Mensch sein, der geliebt wurde und wird, der frei in
Wahrnehmung und (Inter-) Aktion ist… cum grano
salis!
=> ein utopisches Ziel auf dem Weg zum
zukunftsfähigen Menschen
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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„Eines Tages, nachdem wir Herr der Winde, der
Wellen, der Gezeiten und der Schwerkraft
geworden sind, werden wir uns in Gottes
Auftrag die Kräfte der Liebe nutzbar machen.
Dann wird die Menschheit, zum zweiten Mal in
der Weltgeschichte, das Feuer entdeckt haben“.
Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955), frz. Theologe, Paläontologe u. Philosoph
Die Couch war zu klein.... IAT 2015 A. Trost
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