Astronomie historisch

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Astronomie (v. griech. ástron "Stern" u. nómos "Gesetz") ist die Wissenschaft von
den Himmelskörpern (und hat nichts zu tun mit der ►Astrologie). Die Astronomie
befasst sich mit der Erforschung von Planeten, Monden, Fixsternen, Sternhaufen,
Galaxien, Galaxienhaufen, ►Quasaren, interstellarer Materie, kosmischer
Strahlung, ►Schwarzen Löchern und dergleichen. Untergebiet der Astronomie ist
die Kosmologie, die unter anderem das Ziel hat, Erkenntnisse zur zeitlichen oder
räumlichen Unendlichkeit des ►Universums zu gewinnen.
Astronomie begann mit der Beobachtung des Nachthimmels und der Feststellung
von Regelmäßigkeiten im Lauf von Sonne und Planeten. Hieraus ließen sich
Bewegungsgesetze ableiten. Frühe Astronomen konnten mit Hilfe dieser Gesetze
Sonnen- und Mondfinsternisse präzise voraussagen und dadurch Ruhm und Ehre
gewinnen.
► Die erste Kultur, die sich Berufsastronomen leistete, waren die Babylonier. Sie
benutzten ein auf der Zahl 60 basierendes ►Zahlensystem, um die Positionen von
Mond, Sonne und Planeten aufzuzeichnen. Im babylonischen Weltbild befand sich
die Erde im Mittelpunkt, umgeben von Wasser. Um die Erde herum bewegten sich
Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn. Jenseits des Saturns
erstreckte sich ein rundes Gewölbe, an dem die Fixsterne angeheftet waren. Alles
war von Wasser umschlossen.
► Die Griechen übernahmen zunächst das Weltbild der Babylonier. Thales von
Milet beschrieb um 500 v. Chr. die Erde als eine flache, von Wasser umgebene
Scheibe. Dieses Weltbild war während der gesamten Antike populär und findet
sich auch in der ►Bibel. Erst spätere griechische Denker brachten an diesem
Modell erhebliche Modifikationen an.
Weltbild der Hebräischen Bibel
► Anaxagoras (um 450 v. Chr.) hielt die Erde für einen vertikalen Zylinder, auf
dessen runder Stirnseite wir leben. Der Mond war eine Spiegelung des
Sonnenlichts und Mondfinsternisse ein Resultat des Erdschattens, der das
Sonnenlicht abdeckt.
► Eudoxus (um 350 v. Chr.) beschrieb die Bewegungen der Planeten um die Erde
als kleine Kreise auf großen Kreisbahnen. Die Kombination von zwei
Kreisbewegungen war nötig, um die seltsame Bahn der Planeten relativ zur
stillstehenden Erde zu erklären. Diese bewegen sich nämlich meistens in die
gleiche Richtung, manchmal jedoch rückwärts.
► Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) überarbeitete das Modell des Eudoxus. Durch
Hinzufügen von noch mehr Kreisen gelang es ihm, die Planetenpositionen in einem
halbwegs mit den Beobachtungen übereinstimmenden Modell zu beschreiben.
► Aristarchus (um 250 v. Chr.) machte die erste grobe Abschätzung der
Entfernungen von Sonne und Mond. Nach seinen Berechnungen war die Sonne
zwanzigmal weiter von der Erde entfernt als der Mond. Da sie uns gleichgroß
erscheint, musste sie also in Wirklichkeit auch zwanzigmal größer sein. Aristarchus
fragte sich, ob es dann Sinn macht, dass sich die Sonne um die Erde bewegt. Wenn
die Sonne soviel größer ist, sollte es dann nicht umgekehrt sein?
► Ptolemäus (um 150 n. Chr.) überarbeitete das Modell des Eudoxus und
Aristoteles und fasste in seinem Buch Amalgest das astronomische Wissen seiner
Zeit zusammen. Er beschrieb ein kompliziertes Modell von Planeten-Kreisbahnen,
deren Mittelpunkte sich wiederum auf größeren Kreisbahnen, den Deferenten,
bewegten. Er justierte die Kreise so lange, bis er eine gute Übereinstimmung mit
den beobachteten Planetenpositionen erzielte.
Weltbild des Ptolemäus
► Thomas von Aquin (1225 - 1274) machte das geozentrische Weltbild des
Ptolemäus zum christlichen Dogma, das die nächsten 700 Jahre innerhalb der
Kirche Bestand haben sollte.
► Nicolaus Kopernicus (1473 - 1543) entwarf ein völlig neues Weltbild mit der
Sonne im Zentrum, umgeben von Erde und Planeten auf kreisförmigen Bahnen.
Dies endlich erklärte die seltsame Rückwärtsbewegung der Planeten, die sich
immer dann ereignet, wenn die Erde auf ihrer Bahn einen äußeren Planeten
überholt. Allerdings stimmte sein einfaches Modell nicht mit den Beobachtungen
überein. Deshalb musste auch er auf Eudoxus' und Aristoteles' komplizierte Kreise
auf Kreisen zurückgreifen.
► Tycho Brahe (1546 - 1601) stellte die bis dahin genauesten Tabellen der
Planetenbewegungen auf, basierend auf präzisen Messungen mit einem
Quadranten. Er entwickelte ein neues Konzept des Sonnensystems, wonach sich
zwar die Planeten um die Sonne bewegen, diese aber wiederum die Erde umkreist.
Da man aus Beobachtungen von zwei Körpern allein nicht entscheiden kann,
welcher nun welchen umkreist, war dieses Konzept dem Weltbild des Kopernikus
prinzipiell ebenbürtig.
Sternwarte des Tycho Brahe
► Johannes Kepler (1571 - 1630) hatte die Idee, dass sich Erde und Planeten
nicht auf Kreisbahnen, sondern auf Ellipsen um die Sonne bewegten, und zwar mit
einer vom Bahnradius abhängigen Geschwindigkeit. Nun endlich verfügte man
über ein einfaches Modell des Sonnensystems, das perfekt mit den Beobachtungen
übereinstimmte.
► Galileo Galilei (1564 - 1642) erforschte als erster den Himmel mit einem
Fernrohr. Er entdeckte die Monde des Jupiters und stellte fest, dass die Milchstraße
aus einer Vielzahl einzelner Sterne besteht. Die Kirche zwang ihn schließlich unter
Androhung von Folter und Tod, sich öffentlich wider besseres Wissen zum
geozentrischen Weltbild zu bekennen.
► Isaac Newton (1642 - 1727) gelang es, die Planetenbewegung durch ein
einfaches Gravitationsgesetz vollständig zu erklären. Damit war das geozentrische
Weltbild endgültig widerlegt. Es wurde zwar noch bis ins 19. Jahrhundert von der
Kirche beibehalten, aber von Wissenschaftlern nicht mehr ernst genommen.
Hölzernes 40-Zoll-Spiegelteleskop des Wilhelm Herschel, 1785
► Wilhelm Herschel konstruierte Ende des 18. Jahrhunderts zahlreiche
leistungsfähige ►Spiegelteleskope. Er entdeckte den Planeten Uranus und
erstellte, unterstützt von seiner Schwester Caroline Herschel, einen vollständigen
Katalog aller sichtbaren Sterne und Galaxien.
► Friedrich Bessel gelang 1838 die erste Messung der Entfernung eines Sterns
nach der Parallaxenmethode (s. ►Entfernung). Er ermittelte die Entfernung zum
Stern 61 Cygni mit 100 Billionen Kilometern - die weiteste Entfernung, die bis
dahin je von Menschen gemessen wurde.
Der Anfang aller Dinge
Bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen Astronomen an, das Universum sei
►ewig, ►unbegrenzt (wenn auch nicht notwendigerweise unendlich) und unveränderlich.
Dieses Weltbild eines statischen Universums ohne Anfang und Ende wurde 1929 in seinen
Grundfesten erschüttert, ähnlich wie das ptolemäische Weltbild 400 Jahre vorher von
Kopernikus und Kepler aus seinen Angeln gehoben wurde.
► Edwin Hubble maß 1929 die Spektrallinien entfernter Galaxien und stellte fest, dass diese
ins Rote verschoben waren - und zwar um so mehr, je lichtschwächer, d.h. je weiter entfernt
die betreffende Galaxie war. Hubble nahm an, dass diese ►Rotverschiebung durch einen
Doppler-Effekt verursacht wurde und dass alle Galaxien sich voneinander fortbewegen - und
zwar um so schneller, je weiter sie voneinander entfernt sind. Demnach muss es einen
Zeitpunkt in der Vergangenheit gegeben haben, an dem alle Galaxien und Sterne am gleichen
Ort waren. Da Hubble als Ursache für das Auseinanderstreben der Galaxien eine Art primäre
Explosion annahm, bürgerte sich für diesen Zeitpunkt die Bezeichnung "Urknall" ein.
In den 1950ern wurde die Wasserstoffbombe entwickelt. Da ein Stern im Prinzip nichts
anderes ist als eine permanente Wasserstoffbombenexplosion unter Gravitationsdruck, begann
die Astronomie nun den nuklearen Mechanismus im Inneren von Sternen zu verstehen.
Während der Lebenszeit eines Sterns ändert sich auf charakteristische Weise seine Helligkeit
und Temperatur in Abhängigkeit von seiner Masse. Die Astronomie hatte nun einigermaßen
zuverlässige Methoden an der Hand, um die ►Entfernung von Sternen anhand ihrer
Temperaturen und Helligkeiten zu bestimmen.
Es stellte sich heraus, dass die fernsten Galaxien, deren Rotverschiebung man kannte, mehrere
Milliarden Lichtjahre (s.u.) entfernt waren. Aus ihrer Geschwindigkeit ließ sich nun
berechnen, dass ihre Bewegung vor 10 Milliarden Jahren begonnen hatte. Dies war die erste
grobe Abschätzung des Alters des Universums.
Präzisere Entfernungsmessungen ergaben später, dass die Rotverschiebung nicht durch ein
Auseinanderbewegen der Galaxien verursacht wurde, wie Hubble angenommen hatte, sondern
durch eine Ausdehnung des Raums selbst. Dies ergab eine leicht unterschiedliche Formel für
die Berechnung der Distanz aus der Rotverschiebung. (In manchen Lehrbüchern wird immer
noch fälschlicherweise der geschwindigkeitsbedinget Doppler-Effekt als Ursache der
Rotverschiebung angegeben).
Das bessere Verständnis der Quantenmechanik erlaubte die Berechnung eines
mathematischen Modells des ►Urknalls. Nach diesem Modell wurde 400000 Jahre nach dem
Urknall das anfängliche Urplasma durchsichtig und erlaubte das Entkommen von vorher im
Plasma 'gefangener' Strahlung. Diese Strahlung, sofern das Modell richtig war, muss heute
noch sichtbar sein. In der Tat entdeckten 1964 zwei amerikanische Physiker die kosmische
►Hintergrundstrahlung. Dies war der endgültige Beweis für den Urknall.
In den 1980ern und 1990ern erlaubt das ►Hubble-Weltraumteleskop und andere
fortgeschrittene Teleskope die Entfernungsmessung von Galaxien mit hoher Präzision,
insbesondere durch die Analyse der Strahlung von Supernovae. Es ergab sich, dass eineige
Galaxien offenbar älter waren als die 10 Milliarden Jahre, die für das Alter des Universums
angenommen wurden. Dieses Rätsel wurde später durch die Entdeckung erklärt, dass sich das
Universum beschleunigt ausdehnt (bis dahin nahm man an, dass die Ausdehung durch die
Gravitation abgebremst wird). Die neuen Daten ergaben ein Alter des Universums von 13.7
Milliarden Jahren.
Wir können jedoch prinzipiell nicht unendlich weit ins Weltall schauen. Astronomische
Beobachtungen sind auf das ►Hubble-Volumen beschränkt, einen kugelförmigen Bereich
von 46 Milliarden Lichtjahren Radius. Aus den Beobachtungen und den bekannten
physikalischen Gesetzmäßigkeiten lassen sich aber begründete Vermutungen über den
Zustand des Universums außerhalb dieses Beobachtungsbereichs ableiten (s.
►Parallelwelten).
Eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Gebiet der Astronomie überhaupt ist das
Bestimmen der ►Entfernungen zu beobachteten Himmelsobjekten. Astronomische
Entfernungen werden oft nicht in Meter angegeben, sondern in Lichtjahren oder Parsec. Ein
Lichtjahr* ist die Strecke, die ein Lichtstrahl im Vakuum in 365,25 Tagen zurücklegt (1
Lichtjahr = 9.460.528.000.000 Kilometer). Ein Parsec ist die Entfernung eines Sterns, der
von gegenüberliegenden Positionen der Erdbahn genau um eine Bogensekunde, d.h. 1/3600
Winkelgrad gegen den Hintergrund verschoben erscheint (1 Parsec = 3,26 Lichtjahre). Einige
astronomische Entfernungen:
9 Lichtminuten
zur Sonne.
6 Lichtstunden
zum Ende des Sonnensystems (Plutobahn).
4,3 Lichtjahre
zum nächsten sichtbaren** Fixstern, dem Alpha Centauri.
365 Lichtjahre
zur nächsten außerirdischen Zivilisation (ohne Gewähr).
100.000 Lichtjahre
zum Ende der Milchstraße.
2,7 Millionen Lichtjahre zur nächsten Galaxie, dem Andromedanebel.
250 Millionen Lichtjahre zum Großen Attraktor.
32 Milliarden Lichtjahre zur z.Zt. fernsten sichtbaren Galaxie, Abell 2218/391.
46 Milliarden Lichtjahre zum Ende der beobachtbaren Welt.
Zeitpunkt Null: Was den Urknall auslöste und wie das genau passierte, liegt im Bereich der
Spekulationen, denn das Standardmodell taugt nicht für so kleine Zeiten. Ziemlich sicher ist,
dass das Universum nicht aus einem Punkt explodierte, wie Sie noch in manchen Büchern
lesen können. Der Physiker Gabriele Veneziano entwickelte eine Interpretation der
Stringtheorie, nach der die Welt ein unendlich großer, ►ewiger, kalter, zehndimensionaler
Raum ist. Zunächst sind alle zehn ►Dimensionen gleichwertig. Die Überlappung zweier
schwingender, mehrdimensionaler Membranen in diesem Raum führte zur Abspaltung
unserer drei Raumdimensionen zum Zeitpunkt Null. Die Abspaltung ging einher mit dem
'Aufrollen' der restlichen Dimensionen zu winzigen Größen und einer extremen Verdichtung
und Erhitzung des Raums. Gemäß dieser Theorie gibt es ständig neue Urknalle, die jedesmal
zur temporären Entstehung eines drei- oder auch mehrdimensionalen Universums führen.
Wie dem auch gewesen sein mag, alle weiteren Ereignisse lassen sich aus dem
Standardmodell ableiten:
10-43 Sekunden*: Das Universum beginnt dicht und heiß. Es gibt noch keine Atome oder
Atomkerne, nur elektromagnetische Strahlung (so dass die Bibel mit ►"Es werde Licht!"
nicht ganz falsch lag). Ein Liter Urknall wiegt 1094 Kilogramm und hat eine Temperatur von
1032 Grad Celsius**. Die vier Grundkräfte, die die heutige Physik kennt - Schwerkraft, Starke
und Schwache Kernkraft und Elektromagnetische Kraft - sind bei dieser Temperatur noch zu
einer gemeinsamen Urkraft vereinigt.
Der Raum beginnt sich sofort auszudehnen***. Durch die Ausdehnung nehmen die Dichte
und Temperatur der Strahlung ab. Die Schwerkraft spaltet sich als erste eigenständige Kraft
von der Urkraft ab, denn sie gehorcht unterhalb einer bestimmten Temperatur einem anderen
Kraftgesetz als die anderen drei Kräfte. Die Strahlung ist immer noch so energiereich, dass
sich Strahlungsteilchen ständig spontan in kurzlebige Materie- und Antimaterieteilchen und
zurück verwandeln. Dabei bildet sich aufgrund einer Unsymmetrie (►CP-Verletzung) ein
winziger Überschuss an Materie im Vergleich zur Antimaterie. Dieser Überschuss von nur
etwa 0,0000000001 Prozent ist die Grundlage für die gesamte heutige Materie des
Universums.
10-36 Sekunden: Die Strahlungstemperatur ist auf 1027 Grad abgesunken. Auch die Starke
Kernkraft spaltet sich bei dieser Temperatur als eigene Kraft ab. Die Abspaltung bewirkt
einen Phasenübergang in den Kraftfeldern, ähnlich wie wenn Wasser zu Eis gefriert. Hierbei
wird Energie freigesetzt und beschleunigt 'inflationär' die Ausdehnung des Raumes, der sich
in kurzer Zeit um den Faktor 1030 ausdehnt. Der Bereich, der dem heute beobachtbaren Teil
des Universums entspricht (►Hubble-Volumen), erreicht dabei schlagartig die Größe eines
Tennisballs. Diese extrem schnelle Inflation des Raums ist die Ursache für die heute
beobachtete gleichförmige Verteilung von Materie und Strahlung im Universum.
Die starke Ausdehnung kühlt zudem die Strahlung extrem ab, auf 1016 Grad (das ist eine Zahl,
die man bereits aussprechen kann: Zehntausend Billionen Grad Celsius). Jetzt trennen sich
auch die elektromagnetische Kraft und die Schwache Kernkraft. Damit ist die Aufspaltung der
Urkraft in die vier heute bekannten Grundkräfte abgeschlossen.
10-16 Sekunden: In dem heißen Plasma aus Strahlung und Teilchen, das den Raum erfüllt,
entstehen jetzt durch Zusammenballung von Quarks und Antiquarks verschiedene Sorten
schwerer Elementarteilchen. Mit abnehmender Temperatur zerfallen die schwersten der
Teilchen, bis nur noch Protonen und Neutronen - die späteren Bestandteile von Atomkernen
- sowie ihre Antiteilchen übrig bleiben. Auch diese Teilchen vernichten sich gegenseitig bei
Kollisionen mit ihren Antiteilchen, bis auf den schon erwähnten winzigen MaterieÜberschuss.
Die Strahlungsenergie reicht zur Bildung schwerer Teilchen nicht mehr aus. Nur noch leichte
Elementarteilchen - wie Elektronen und ihre Antiteilchen, die Positronen - können entstehen.
Ein Raumvolumen von einem Liter wiegt jetzt nur noch gut 10 Milliarden Kilogramm bei
einer Temperatur von einer Milliarde Grad Celsius.
10 Sekunden: Die Temperatur ist nun so niedrig, dass sich Protonen und Neutronen zu
stabilen ►Atomkernen vereinigen können, ohne dass sie durch die Strahlung gleich wieder
auseinander gerissen werden. 75% der Protonen schwirren als Wasserstoffkerne frei herum,
die restlichen bilden zu 25% Helium (bestehend aus 2 Protonen und 2 Neutronen) und zu
0,001% Deuterium (1 Proton, 1 Neutron). Die ältesten Sterne bestehen heute noch aus genau
dieser Mischung.
Die Ausdehnung des Raums bewirkt übrigens keineswegs, dass sich die Atomkerne selbst
ausdehnen. Nur der Abstand zwischen ihnen vergrößert sich. Nach fünf Minuten hat die
Materiedichte soweit abgenommen, dass sich keine neuen Atomkerne mehr bilden. Die übrig
gebliebenen Neutronen sind nicht stabil und zerfallen im Verlauf der nächsten Minuten.
Danach passiert einige Jahrtausende lang nichts Aufregendes mehr.
10000 Jahre: Durch die weiter sinkende Temperatur nimmt die Energie und Masse der
Strahlung ständig ab. Es gibt jetzt mehr Materie als Strahlung im Universum. Unterhalb von
2700 Grad Celsius (3000 Kelvin) können positiv geladene Atomkerne negativ geladene
Elektronen 'einfangen' und mit ihnen stabile Wasserstoff-Atome bilden. Diese sind elektrisch
neutral und wechselwirken daher kaum noch mit den Strahlungsteilchen. Licht kann sich nun,
etwa 380000 Jahre nach dem Urknall, ungehindert ausbreiten. Das Universum wird
durchsichtig. Das Licht mit der Strahlungstemperatur von 3000 Kelvin, das damals das
Universum erfüllte, können wir heute noch als ►Hintergrundstrahlung wahrnehmen.
1 Million Jahre: Da die Strahlung keinen Druck mehr auf sie auswirkt, gerät die Materie
nun stärker unter den Einfluss der Schwerkraft, die eine gegenseitige Anziehung der Teilchen
bewirkt. Anfangs war die Materie fast völlig gleichförmig verteilt, abgesehen von geringen
Dichteschwankungen, die in der bereits erwähnten Inflations-Phase 10-36 Sekunden nach dem
Urknall entstanden sind. Aus diesen Dichteschwankungen bilden sich nun großräumige
Zusammenballungen. Die Atome verhalten sich dabei wie Schmeißfliegen: Je mehr sich auf
einem Haufen versammeln, desto mehr Anziehung üben sie auf andere aus. Es kommt zu
Massenansammlungen von Wasserstoff- und Heliumatomen.
1 Milliarde Jahre: Die Massenansammlungen ziehen sich durch die Schwerkraft dichter
und dichter zusammen. Sie bilden schließlich ►Schwarze Löcher, die so massiv sind, dass
sie den Raum um sich verkrümmen und zu einem geschlossenen Bereich abschnüren. Um sie
herum rotieren große Wolken von durch die Anziehung eingefangenem Helium und
Wasserstoffgas. Gasströme stürzen unter Aussendung enormer Strahlung in die Schwarzen
Löcher hinein und verschwinden für immer. Diese Strahlungsquellen - die ►Quasare existieren heute nicht mehr, dennoch sehen wir sie immer noch am Rand des beobachtbaren
Bereichs des Universums.
In den rotierenden Gaswolken entstehen aus örtlichen Verdichtungen die ersten Sterne und
Sternhaufen. Bis jetzt kannte die Welt nur Wasserstoff, Helium und Spuren anderer leichter
Elemente; nun bilden sich in den Sternen durch Verschmelzen von Atomkernen alle schweren
Elemente bis zum Eisen. Die größeren Sterne explodieren schon nach ein paar Millionen
Jahren als Supernova. In der Explosion bilden sich auch Elemente, die schwerer als Eisen
sind, und werden ins All geschleudert. Alle schweren Elemente, aus denen auch wir
zusammengesetzt sind, wurden im Inneren von Sternen und in Supernova-Explosionen
ausgebrütet (so dass wir im wahrsten Sinn des Wortes aus Sternenstaub bestehen).
Nachdem die Schwarzen Löcher die meisten Gaswolken in ihrer unmittelbaren Nähe an sich
gezogen und verschluckt haben, versiegen die in sie hineinstürzenden Gasströme und damit
auch die Quasarstrahlung. Die Schwarzen Löcher kommen zur Ruhe und werden weitgehend
unsichtbar. Sie bilden die Zentren der um sie herum durch Sternbildung entstehenden
Galaxien.
9 Milliarden Jahre: Am Rand einer sonst weiter nicht auffälligen Spiralgalaxie verdichtet
sich eine Wolke aus Gas und Staub, die auch schwere Elemente aus früheren SupernovaExplosionen enthält. Unter dem Einfluss der Schwerkraft verklumpt diese Wolke schließlich
zu einem Sonnensystem mit neun Planeten.
13,7 Milliarden Jahre: Die Temperatur der allumfassenden Strahlung ist nun auf unter 270 Grad Celsius abgesunken, nur 2,7 Grad über dem absoluten Nullpunkt. Dies ist die heute
gemessene Temperatur der kosmischen ►Hintergrundstrahlung. Auf dem dritten Planeten des
oben erwähnten Sonnensystems kriechen kleine Gruppen werkzeugbenutzender Lebewesen
aus dem Dschungel. Sie starren in den Nachthimmel und beginnen sofort mit dem Grübeln
über die ►Unendlichkeit...
Was passiert weiter? Da es keinen Grund gibt, die Computersimulation in der Jetztzeit
anzuhalten, kann man sie bis zum Ende des Universums durchlaufen lassen. Das Ergebnis
finden Sie unter ►Universum.
* = 0,000000000000000000000000000000001 Sekunden; Zehnerpotenz-Schreibweise s.
►Zahlen.
** Jede Strahlung besitzt nach der Einsteinformel ►E = mc2 eine bestimmte Masse und nach
dem Planck'schen Strahlungsgesetz eine bestimmte Temperatur, die beide von der Dichte und
der Frequenz der Strahlungsteilchen abhängen. Strahlung kann sich spontan in Materie und
Antimaterie gleicher Masse verwandeln. Wenn Materie mit Antimaterie in Berührung kommt,
zerstrahlt sie wieder.
*** Auch wenn er bereits unendlich groß ist. Stellen Sie sich vor, der Raum bestünde aus
unendlich vielen kleinen Gummiwürfeln, die sich alle gleichermaßen ausdehnen. Er dehnt
sich übrigens auch heute noch aus, doch viel langsamer - der Ausdehnungfaktor beträgt
zurzeit nur 6 x 10-5 in einer Million Jahre. Es gibt Hinweise, dass die
Ausdehnungsgeschwindigkeit wieder zunimmt.
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