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Europapolitische Studienfahrt nach Madrid
22 Mitglieder und Freunde der überparteilichen Europa-Union vom Kreisverband Vechta
reisten kürzlich sechs Tage nach Madrid. Touristische Inhalte der Studienfahrt waren ein
abendlicher Stadtrundgang und eine morgendliche Stadtrundfahrt, eigene Erkundungen in
der Innenstadt und im Prado-Museum sowie ein Ausflug in den ca. 50 km entfernten
Königspalast Escorial. Zur politischen Information wurde das Spanische Parlament besucht,
die Deutsche Botschaft und das Goethe-Institut.
Politisch ist Spanien kein Zentralstaat mehr, sondern besteht aus 17 sogen. Autonomen
Gemeinschaften. Diese wurden von 1979-83 aus nur einer oder aus mehreren der traditionellen Provinzen gebildet. Sie haben ein eigenes Parlament und eine Regionalregierung und
entsenden je nach ihrer Größe einige Vertreter in den spanischen Senat. Ihre Selbständigkeit
ist mit unseren Bundesländern vergleichbar, geht aber in den Zuständigkeitennicht so weit.
Nach Überwindung des Putschversuchs durch rechte Militärs und Teile der Guardia Civil im
Februar 1981 mit tatkräftiger Mitabwehr durch den König und seit der Regierung unter
Felipe Gonzales von der Sozialdemokratischen Partei (PSOE) ab 1982 ist die spanische
Demokratie gefestigt.
Seit 1986 ist Spanien Mitglied der (jetzigen) Europäischen Union. Es spielt dort eine aktive
Rolle, das Land ist europafreundlich. Eine europakritische Partei gibt es nicht.Von 1998–2013
hatte das Land einen Bevölkerungszuwachs von 7 Millionen auf nunmehr 47 Mio. Einwohner. Ministerpräsident ist seit 2011 Mariano Rajoy von den Rechtskonservativen
(PartidoPopular = PP). Das Baskenland und Katalonien, zwei reiche autonome Regionen im
Norden, streben nach Unabhängigkeit, und das Problem Gibraltar als englischer Besitz ist für
Spanien ungelöst.
Zum Flüchtlingsproblem: Ceuta und Melilla, zwei Kommunen mit über 80 Tsd. Einwohnern
an der marokanischen Küste, haben den Status autonomer Städte. Währung ist dort der
Euro, aber weil in Afrika liegend, gehören sie nicht zum EU-Zollgebiet. Vor den Zäunen, die
sie umgeben, kampieren Zehntausende von Schwarzafrikanern in der Hoffnung, über sie
nach Europa zu kommen.Es gab schon Anstürme von einigen auf die Grenzzäune. Dass der
Migrationsdruck aus Afrika nicht nur Italien, Malta und Griechenland, sondern auch Spanien
betrifft, darüber wird in unseren Medien zu wenig berichtet.
Die Spanier sind mehrheitlich deutschfreundlich, und sie sind pro-europäisch. Eine europakritische Partei gibt es nicht. Die Schattenwirtschaft wird auf 20 – 30 % der Wirtschaftsleistungen geschätzt, die Korruption in Politik und Wirtschaft ist verhältnismäßig hoch. Unsere
Gesprächspartner betonten das immer, unsere Führer dazu auch, dass das spanische
Königshaus in seiner langen Geschichte nicht immer vorbildhaft war.
Die aktuelle Wirtschaftskrise ist spürbar, aber nur durch einzelne auf Gehwegen bettelnde
junge Arbeitslose nach außen hin sichtbar. Meist werden ihre Auswirkungen im Familienverband aufgefangen. Dadurch kam es bisher nicht zu Massenprotesten gegen die Sparpolitik der Regierung. Deutlich sichtbar im Stadtbild sind aber Bettlerinnen aus Rumänien.
Dass arbeitslose Spanier zur beruflichen Qualifizierung oder zum Arbeiten ins Ausland gehen
können, bedeutet keinen braindrain (wie vereinzelt befürchtet), sondern ist für eine spätere Wiederkehr offen und für die Gegenwart positiv. Nach Deutschland kamen bisher nur
etwa 15 Tsd. Denn die spanischen Präferenzen sind: 1. nach Lateinamerika, 2. nach UKund
USA, 3. nach Italien, 4. nach Skandinavien, und erst 5. zu uns. Fremdsprachenkenntnisse
haben die meisten Spanier wenig, und wenn, dann ist unter den jüngeren Englisch, unter
den älteren etwas Französisch verbreitet.
Spanien hat statistisch gesehen eine jüngere Bevölkerung als Deutschland. Und von der
Wirtschaftskrise unbeeinflusst ist der abendliche Drang der Jüngeren nach draußen, zum
Treffen mit Freunden in Straßencafés. Dies auch in der Großstadt Madrid mit ihren 3,2 Mio.
Einwohnern. Selbst Seniorenpaare finden sich vereinzelt unter den abendlichen Flaneuren.
Die Sauberkeit von Straßen und Plätzen fällt auf in Madrid. Sie ist höher als wir sie jetzt in
Deutschland haben. Erreicht wird sie durch tägliche Müllabfuhr und Straßenreinigung. Der
Großstadtverkehr fließt dicht, aber flexibel und unaggressiv. Der Stierkampf ist der Bevölkerung weiterhin so wichtig wie der Fußball. Hooligans haben wir im Straßenbild nicht
gesehen.
Das Gruppenprogramm enthielt auch Zeiten zur freien Verfügung, da konnten die Teilnehmer eigenen Interessen nachgehen. Für den Verfasser dieses Artikels waren das Besuche im
Süden der Stadt, so im kleinen Museum für angewandte Künste und im großenRetiro-Park.
Das ist ein aus einer königlichen Barockanlage hervorgegangener Landschaftspark auf l.4
qkm Fläche, mit einem See, Fontainen, einem Kristallpalast und einem Rosengarten, der von
Einwohnern wie Touristen gern besucht wird. Dann war es das Kunstmuseum ThyssenBornemisza, in dem als Frucht eines Verkaufs des Schweizer Bürger gewordenen deutschungarischenBarons von Thyssen-B. und seiner letzten, spanischen Frau Carmen hochkarätige Werke der europäischen Kunst vom Hochmittelalter bis zur Gegenwart zu sehen
sind, für das 20. Jahrhunderzt auch US-amerikanische. Und schließlich war es der Bahnhof
Atocha, von dem nun die ICEs nach Sevilla und nach Barcelona abfahren. 2004 war er noch
ein Vorstadtbahnhof und wurde Ziel eines schrecklichen Terroranschlags muslimischer
Fundamentalisten, mit 191 Toten und etwa 1500 Verletzten. An sie erinnertjetzt ein Mahnmal vor dem Bahnhof.
23. Okt. 2014
Dr. Helmut Gross
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