Säuglingsschlaf und -ernährung Komplexes Zusammenspiel Das Schlafverhalten des Säuglings ist Resultat einer komplexen Interaktion zwischen Temperament, Eltern-Kind-Beziehung und biologischen Rhythmen, welche in jedem Kind individuell programmiert sind. Seit langem gehören Trinkverhalten und Durchschlafen zu den wichtigsten Sorgen junger Eltern. Gerlinde Michel fasst einen Literaturreview1 zusammen, der die Evidenz zu normalen frühkindlichen Schlafmustern in Verbindung mit Ernährung untersucht. Nach einer Literatursuche in MEDLINE und CINAHL wurden 48 Studien zu den Themen Schlaf und Ernährungsmethoden bei Säuglingen einbezogen. Die meisten Studien stammen aus den USA, weitere aus dem UK, Kanada, Australien und den Niederlanden. Untersuchungen der Schlafmuster von Säuglingen basieren häufig auf Tagesrapporten, Schlaftagebüchern oder retrospektiven Interviews mit den Eltern, eine Limitierung, welche in Untersuchungen mit Hilfe technischer Methoden wie Monitoren oder Videoaufzeichnungen diskutiert wird. Bei Videoaufzeichnungen von schlafenden Säuglingen stellte man nämlich fest, dass nur 15% der zweimonatigen und 33% der neunmonatigen Kinder – entgegen den elterlichen Angaben – wirklich durchschliefen; die übrigen Babys wachten zwischendurch auf, unterbrachen jedoch den Schlaf der Eltern nicht mit Schreien. 10 Hebamme.ch 4/2009 Sage-femme.ch Weitere methodische Probleme bei Untersuchungen des Zusammenhangs von Schlaf und Ernährung sind abgebrochene Stillbeziehungen, unterschiedliche Definitionen, wie lange eine Nacht dauert, und unterschiedliche Definitionen des Co-Sleeping (geplant oder reaktiv, im selben Zimmer oder selben Bett?). Entwicklung des Säuglingsschlafs Schlafmuster beginnen intrauterin gleichzeitig mit der Lebensfähigkeit des Embryos. Schlafphasen und -zyklen konnten ab der 36. SSW identifiziert werden; diese sind jedoch erst ab dem vierten bis sechsten Lebensmonat voll entwickelt. Während den ersten Lebenswochen haben die Neugeborenen einen unregelmässigen circadianen Rhythmus, wobei sich die Dauer von Schlaf- und Wachpha- sen tagsüber und nachts etwa die Waage halten. Im Alter von etwa zwei Monaten beginnt der Nachtschlaf länger zu dauern als der Tagesschlaf, und sowohl einzelne Wach- als auch Schlafphasen werden länger. Bis zum Alter von drei Monaten produziert das Baby weder Melatonin noch Kortisol (Hormone, welche im Tageszeitrhythmus produziert werden und den Schlaf beeinflussen). Ungefähr 50% der Zeit verbringt der schlafende Säugling im REM- oder aktiven Schlaf (Augenbewegungen, unregelmässiger Atem, unwillkürliche Körperbewegungen) und 50% im Non-REM oder ruhigen Schlaf (regelmässiger Atem, ruhiger Körper, keine Augenbewegungen). Während Erwachsene vom Wachzustand über Non-REM- zum REM-Schlaf gelangen, gleitet das Neugeborene zuerst in den aktiven und dann in den ruhigen Schlaf. Es kann bei Überstimulierung auch direkt vom Wachen in den Ruheschlaf fallen (Stressschlaf), eine wichtige Überlebensstrategie des Neugeborenen, das sich nicht aus eigenen Kräften fortbewegen kann. Forschende unterscheiden bei Säuglingen bis zu zehn unterschiedliche Schlaf-, Wach- und Übergangszustände. 1 Libby Averill Rosen, «Infant Sleep and Feeding». JOGNN, 37, 706–714, 2008. Wie viel ist «normal»? Co-Sleeping Der Durchschnittswert für die «normale» Schlafdauer im ersten Lebensjahr beträgt 14 von 24 Stunden, mit einer Bandbreite von 11 bis 16 Stunden. Eine der frühesten Studien über die Schlafmuster Neugeborener von 1961 stellte Extreme von 10,5 bzw. 23 Stunden fest. Die individuellen Unterschiede sind gross, eine Erkenntnis aller Untersuchungen. Biopsychologische Einflussfaktoren sind Schlafumgebung, Mutter-Kind-Interaktion, Ernährungsplan und Temperament des Kindes. Stillen ist einer der wichtigsten Gründe für Co-Sleeping, neben kulturellen Vorlieben, praktischen Gründen und vereinfachter Zuwendung zum Säugling. In einer Untersuchung nahmen fast 50% der befragten Eltern das Baby zu sich ins Bett, eine andere berichtet von einer Zunahme des Co-Sleepings von 5,5% im Jahr 1994 auf 12,8% im 2000. Eine Studie aus den USA fand, dass Co-Sleeping vor allem in schwarzen, asiatischen und hispanischen Familien sowie Familien mit tiefen Einkommen beliebt ist, wobei nicht nach der Fütterungsmethode gefragt wurde. Neuere Studien untersuchten den Zusammenhang zwischen Stillen/Nichtstillen und Co-Sleeping, hier fielen die Resultate kontrovers aus. Dennoch scheint ein Zusammenhang zwischen (verlängerem) Stillen und Co-Sleeping gegeben. Eine Untersuchung (Mosko et al. 1997), welche die Schlafdauer mit technischen Methoden mass (Polysomnografie), fand keinen Unterschied in der Schlafdauer bei Müttern, deren Kind im selben Bett bzw. in der Wiege schlief. Diejenigen Mütter, die normalerweise ohne Kind schliefen, bewerteten ihre Schlafqualität als schlechter, wenn das Kind in ihrem Bett schlief. Gemäss derselben Studie schlafen in 79% der Kulturen die Babys im Schlafzimmer ihrer Eltern und in 44% im selben Bett, ein Ergebnis, welches zahlreiche weitere Studien bestätigen. Ernährungsmethode und Schlaf Einige Forschungsgruppen fanden keine signifikanten Unterschiede bei den Schlafmustern von gestillten und flaschenernährten Kindern. Andere schreiben von einem anfänglichen Unterschied, der mit dem Älterwerden der Babys verschwindet. Eine Studie (Ball 2003) stellte signifikante Unterschiede sowohl im 1. wie 3. Lebensmonat fest, wobei die gestillten Kinder häufiger erwachten. Für Frauen, die zwischen dem 1. und 3. Monat abstillten, waren die nächtlichen Stillunterbrüche ihres Schlafs der wichtigste Grund dafür. In einer Untersuchung von 133 ausschliesslich gestillten Kindern (Doan et al. 2007) berichteten die Eltern von durchschnittlich 45 mehr Schlafminuten im Vergleich zu Kindern, die zwischen 18 Uhr und Mitternacht ihren Schoppen getrunken, bzw. durchschnittlich 47 Minuten mehr Schlaf im Vergleich zu Babys, die zwischen Mitternacht und 6 Uhr eine Flasche bekommen hatten. In einer anderen Studie (Quillin & Glenn 2004) tönt es genau umgekehrt: die stillenden Mütter schliefen 48 Minuten weniger lang. Weitere Studien untersuchten die Zusammensetzung der Ersatzernährung und ihren Einfluss auf die Schlafdauer. Laut einer Studie, welche den Effekt von beigefügtem Tryptophan, Kohlehydraten und tiefem Eiweissgehalt untersuchte, schliefen die Säuglinge schneller ein, länger, und mit weniger nächtlichen Unterbrüchen. Eine andere Untersuchung fand keinen Unterschied zwischen mit und ohne Getreidesupplementen ernährten Kindern, ausser im Alter von sieben Wochen, als die Babys ohne Getreidefläschchen mit dreimal erhöhter Wahrscheinlichkeit acht Stunden lang durchschliefen. Eine Studie zieht den Schluss, dass individuelle Haltungen und Erwartungen gegenüber dem nächtlichen Erwachen wohl eher für Unterschiede zwischen gestillten und nicht-gestillen Kindern verantwortlich sind als die Zusammensetzung der Nahrung oder die konsumierten Mengen. Die Kontroverse über die Sicherheit des Co-Sleeping verunsichert Eltern wie Fachpersonen gleichermassen. Eine Studie hat Sicherheits- und Risikofaktoren dazu zusammengestellt (siehe Tabelle unten). Strategien zur Verlängerung der Schlafphasen Eine experimentelle Studie zeigte auf, welchen Einfluss das Verhalten der Eltern auf das Schlafmuster des Babys haben kann. 100% der acht Wochen alten Babys aus der Versuchsgruppe schliefen 5 Stunden am Stück, gegenüber 23% der Babys aus der Kontrollgruppe. Sämtliche Säuglinge wurden gestillt und tranken vergleichbare Mengen Muttermilch. Die Kinder aus der Experimentalgruppe wurden schwerpunktmässig abends gestillt, gepuckt, getätschelt, gewickelt, falls das Kind nicht einschlief herumgetragen, und als letztes Mittel, wenn das Kind hellwach war, noch einmal gefüttert. Folgende Strategien zur Verbesserung des Säuglingsschlafs wurden identifiziert: Lichterlöschen (ermutigt die Eltern, nicht sofort auf das Schreien des Babys zu reagieren); bessere Schlafgewohnheiten tagsüber (konstante Abläufe für Schlafen, Füttern, Baden); immer den gleichen Schlafplatz in der Wohnung anbieten; das Pucken (Hall et al. 2006). Zum Pucken existieren kontroverse Meinungen: Während Hall et al. eine Verbesserung der kindlichen Schlafqualität fanden, warnen andere Studien Sicherheit und Risikofaktoren des Co-Sleeping Sicheres Co-Sleeping Das Baby liegt neben der Mutter, nicht zwischen den Eltern Das Baby schläft auf dem Rücken Das Baby schläft nicht zu nahe am Bettrand; grosse Betten sind besser Keine Lücken zwischen Matratzen, Matratze und Bettgestell oder Wand, wo sich das Baby den Kopf einklemmen könnte Dünne Decke, keine schweren Duvets Ausschliessliches Stillen während 6 Monaten Elterliche Risikofaktoren Ein oder beide Elternteile rauchen Alkohol- oder Drogenkonsum, der Wachsamkeit herabsetzt Signifikante Erschöpfung oder Schlafentzug Übergewicht Jemand anders (Geschwister oder Babysitter) schläft im gleichen Bett Unsichere Schlafumgebung Sofa, Lehnstuhl, Liegestuhl Weiche Matratze Kissen in der Nähe des Babys Überheiztes Zimmer Quellen: Buswell S. D., Spatz D. L. (2007): Parent-infant co-sleeping and its relationship to breastfeeding. Journal of Pediatric Health Care 21, 22–28. Morgan K. H. et al. (2006): The controversy about what constitutes safe and nurturant infant sleep. Journal of Obstetrics Gynecological and Neonatal Nursing 35, 684–691. Hebamme.ch Sage-femme.ch 4/2009 11 vor Hüftdysplasien, Atemwegserkrankungen und Rückenlage, welche das Risiko für SIDS erhöht (Gerard et al; van Sleuwen et al. 2007). In einer kleinen randomisierten kontrollierten Studie testeten Stremler et al. (2007) Strategien zur Verbesserung des Schlafs von Mutter und Kind. Dazu instruierten sie die Eltern über die normalen Schlaf/Wachmuster der Säuglinge und über gute Schlafgewohnheiten. Mit Hilfe von Aktivitätsmeldern an den Handgelenken wiesen die Forscher nach, dass die Babys in der Studiengruppe 46 Minuten länger schliefen. Ausserdem klagten die Eltern seltener über Probleme im Zusammenhang mit Schlaf. Schlussfolgerungen Der Säuglingsschlaf ist ein komplexer Prozess, welcher ein individuelles Baby und individuelle Eltern betrifft, ganz abgesehen vom kulturellen und physischen Umfeld. Die jeweiligen Interaktionen haben tiefgreifende Auswirkungen auf das kindliche Verhalten wie Schlafen, Trinken und Beschäftigung mit sich selbst. Die im Kontext meist verwendeten Wörter wie «Schlafunterbrüche», «Störungen» oder «Schlafentzug» haben negative Assoziationen zur Folge. Vielleicht sollte man besser von nächtlichen Zwischenspielen («Interludes») sprechen. Als wichtiges Forschungsthema ist der Säuglingsschlaf jedenfalls 왗 noch lange nicht erschöpft. Referenzen Ball H. (2003): Breastfeeding, bed-sharing and infant sleep. Birth 30, 181–188. Doan T. et al. (2007): Breastfeeding increases sleep duration of new parents. Journal of Perinatal and Neonatal Nursing 21, 200–206. Gerard et al. (2002): Physiologic studies in swaddling. An ancient childcare practice which may promote the supine for infants sleep. Journal of Pediatrics 141, 398ff. Hall W.A. et al. (2006): Effects of an intervention aimed at reducing night waking and signalling in 6- to 12-month-old infants. Behavioral Sleep Medicine 4, 242–261. Mosko S. et al. (1997): Maternal sleep and arousals during bed-sharing with infant. Sleep 20, 142–150. Quillin S., Glenn L. (2004): Interaction between feeding method and co-sleeping on maternal-newborn sleep. Journal of Obstetrics Gynecological and Neonatal Nursing 33, 580–588. Stremler et al. (2007): A behavioral educational intervention to promote maternal and infant sleep. A pilot randomized, controlled trial. Sleep 29, 1609–1615. van Sleuwen et al. (2007): Swaddling: A systematic review. Pediatrics 120, e1097–e1106. Eine vollständige Literaturliste ist auf der Redaktion erhältlich. 12 Hebamme.ch 4/2009 Sage-femme.ch Wie lernen Babys durchschlafen? Sanfte Wege sind Viele Eltern reagieren verunsichert, wenn es um den Schlaf ihres Babys geht. Sollte es mit drei Monaten nicht durchschlafen? Oder mindestens mit sechs, oder vielleicht doch erst mit neun Monaten? Hat das Kind ein Problem, weil es noch immer nicht ohne Hilfe einschlafen kann? Wäre es nicht wichtig für seine Entwicklung, allein einschlafen zu lernen? Sollen wir unser Baby schreien lassen, bis es schläft? Anni Gethin Beth Macgregor Hilfe beim Einschlafen Ebenso normal ist es, dass ein Baby zum Fragen wie oben sind Teil langer Dis- Einschlafen Hilfe braucht. Die meisten kussionen in Mütterzentren und Online- brauchen eine Form von Unterstützung, Foren. Seit kurzem helfen Forschungsar- damit ihr Gehirn den Übergang von Wachsein zum Schlafen schafft, beiten aus unterschiedlichen Disziplinen, einige Antworten Anni Gethin und Beth z.B. Wiegen, Streicheln, FütMacgregor sind die Autodarauf zu finden. Die Antwor- rinnen des Buchs «Helping tern, auf den Rücken tätten wecken Zweifel an gewis- your baby to sleep: Why scheln. Lassen die Eltern einen sen Formen des kontrollierten gentle techniques work Säugling allein und wach, best», Finch Books Sydney, dann meldet sich oft ein primiSchlaftrainings und unterstüt- 2007). tiver Überlebensmechanismus, zen, was viele Eltern schon immer gewusst haben: Sanfte Einschlaf- und es beginnt zu weinen und nach der techniken sind am besten für die Kinder. Sicherheit seiner Eltern zu schreien. Dass bestimmte Methoden von Schlaftraining «Erfolg» haben, zeigt vor allem, dass sich Gehirnentwicklung diese primitive Reaktion gewaltsam ausmassgebend löschen lässt. Während einem SchlaftraiErstens ist es entwicklungsmässig nor- ning machen die Kinder drei Phasen mal, dass Babys nachts erwachen. Entge- durch: zuerst protestieren sie, dass sie algen den Aussagen einiger Elternberate- lein gelassen werden, dann geben sie die rinnen gibt es keinen magischen Mo- Hoffnung auf, dass ihre Eltern je wieder ment, ab dem ein Kind natürlicherweise zurückkommen, und schliesslich geben sie durchschläft; im Gegenteil, das Durch- auf. Es gibt genug Forschungsevidenz darschlafalter variiert stark. Man nimmt heu- über, wie unerwünscht es ist, dass ein te an, dass diese Unterschiede mit dem Baby verlernt, die Eltern um Hilfe zu rufen. unterschiedlichen Zeitpunkt zu tun haben, an dem die schlafregulierenden Ge- Gehirnentwicklung: hirnzentren reif genug sind. Jede Mutter wird erzählen, dass ihre Kinder ab ver- Gemeinsames Projekt Die Säuglingsneurowissenschaft und schiedenen Altern durchschliefen. Es ist auch normal, dass ein Kind, das die psychologische Forschung liefern zubereits durchschlief, auf einmal wieder sätzliche Gründe, weshalb sanfte Schlafjede Nacht erwacht. Dafür kann es aus- techniken am besten für Babys sind. Heuser Zahnen oder Krankheiten eine ganze te weiss man, dass unsere Fähigkeiten, Anzahl Gründe geben. Viele Entwick- Gefühle zu regulieren, auf Stress zu realungsschritte wie das Erlernen des Krab- gieren und gute Beziehungen zu anderen belns oder Gehens, die Entwicklung von Menschen zu pflegen, während den ersTrennungsangst oder anderen neurolo- ten Lebensjahren im Gehirn verankert gischen und psychologischen Verände- werden. Diese Fähigkeiten entstehen rungen können beim Kind häufigeres Er- nicht einfach von selber, so wie unsere wachen nach sich ziehen. Selbst wenn Zähne wachsen oder wir das Gehen erEltern in ihrem Babyratgeber lesen, ihr lernen. Ein Kind kann sein Gehirn oder Kind sollte in seinem Alter durchschla- seine emotionellen Fähigkeiten nicht alfen, können sie sich beruhigen – es ist lein entwickeln – das ist ein gemeinsames Projekt von Kind, Eltern und weiteren normal. am besten wichtigen Menschen in seinem Leben. Das Gehirn und emotionelle Reaktionen werden wortwörtlich durch die Interaktionen zwischen Kind und Eltern strukturiert, durch Lächeln und Zärtlichkeiten, beruhigende Worte und Gesten, Lachen und Kitzeln, Trost bei Traurigkeit und Beruhigung bei Zorn und Aufregung. Alle diese Alltagsereignisse bauen die Verbindungen im kindlichen Gehirn auf. Auch wenn die Mutter beim Stillen liebevoll in die Augen ihres Babys schaut, hilft das sein Gehirn zu entwickeln. Eltern, die auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen, helfen ihm bei der Entwicklung seiner Fähigkeit, alle menschlichen Emotionen zu erleben. Und vielleicht noch wichtiger: mit der Zeit zu lernen, aus Zuständen der Erregung wieder in die Ruhe zu finden. Weg vom Schlaftraining Deshalb brauchen Säuglinge verständnisvolle und geduldige Eltern, um zu gutem Schlaf zu finden. Die Berichte über Schlaftrainings (inklusive kontrolliertes Schreienlassen), die man heute in Webforen und auf Beratungsseiten im Internet findet, sind oft schockierend. Viele Kinder erleiden nächtelang extreme Stresszustände; viele schreien bis sie erbrechen müssen, und das immer wieder, bis das Schreien «aufhört». Sogar die besten Szenarien, bei denen Babys nur kurze Zeit schreien, sind für Kinder wie Eltern vor allem belastend. Die Forschung hat nachgewiesen, dass es potenziell schädlich ist und die Kindsentwicklung nachhaltig stört, wenn man Babys wie beim Schlaftraining in Stresszuständen sich selber überlässt; und diese Untersuchungen sind zum Glück heute den Eltern auch zugänglich. Unterstützung für Eltern wichtig Natürlich ist es auch wichtig anzuerkennen, dass Eltern sehr stark unter Schlafentzug und einem exzessiv schreienden Baby leiden können. Wir beide hatten ziemlich unruhige Kinder (und Anni ein extrem unruhiges Baby). Genau deshalb verdienen Eltern professionelle Hilfe, um praktische und verständnisvolle Wege zu finden, ihren Säugling zum Schlafen zu bringen – Wege, die das Vertrauen des Kindes in seine Eltern nicht gefährden. Solche Hilfe besteht darin, systematisch mögliche Ursachen des exzessiven Schreiens aufzuspüren und ganz allmählich den Zugang des Kindes zum Schlaf zu verändern. Zum Schluss muss man darauf hinweisen, dass unsere Gesellschaft heutzutage Eltern sehr wenig unterstützt. Auch deshalb sollten neue Wege zur Unterstüt- zung von jungen Eltern gefunden werden, damit die frühen Kindermonate und -jahre glücklicher und entspannter verlaufen – genau so, wie die meisten von uns sie sich vorstellen. 왗 Aus: Anni Gethin, Beth Macgregor, Why Gentle Sleep Techiques Are Best. Essence, Australian Breastfeeding Association, May 2007. Übersetzung: Gerlinde Michel. Hebamme.ch Sage-femme.ch 4/2009 13 M O S A I K Stress während Schwangerschaft Beeinflusst kindliche Schlafmuster Der Zusammenhang zwischen Angst und Depression in der Schwangerschaft und einem ungünstigen Outcome des Neugeborenen wurde in der Forschungsliteratur vielfach aufgezeigt. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass Stress in der Schwangerschaft die Schlafmuster des Säuglings negativ beeinflussen kann. Fotos: Judith Fahner Schwangerschaft und Wochenbett Erschöpfungszuständen vorbeugen Eine prospektive Langzeitstudie von Kathryn Lee und MaryEllen Zaffke von der Universität San Francisco hatte zum Ziel, Erschöpfungs- und Energiezustände bei Frauen vor, während und nach einer Schwangerschaft zu untersuchen und sie in Beziehung zu Faktoren wie Parität, Schlafstörungen, Funktion der Schilddrüse und Eisenmangel zu setzen. 24 Erstgebärende und 18 Mehrgebärende nahmen an der Erhebung teil. Diese wurde mittels Fragebogen und Laboranalysen von Blutproben durchgeführt. Der Fokus der Untersuchung lag auf sich verändernden Erschöpfungs- und Energiezuständen im Laufe einer normalen Schwangerschaft. Die Zeitpunkte der Analysen lagen vor der Konzeption, in jedem Schwangerschaftsdrittel und 1 bzw. 3 Monate nach der Geburt. Resultate: Jüngeres Alter und tiefere Werte von Eisen, Ferritin und Hämoglobin erklärten grössere Erschöpfungszustände im ersten Trimenon. Weniger Schlaf im dritten Trimenon stand in Beziehung mit höherer Erschöpfung. Zwischen postpartalen Erschöpfungszuständen und wenig Schlaf sowie tiefen Ferritin- und Hämoglobinwerten bestand ein direkter Zusammenhang. Bedeutung für die Beratung Die Resultate dieser Studie liefern den Hebammen eine gründliche Beschreibung der Erschöpfungszustände, welche Frauen im Laufe einer Schwangerschaft und nach der Geburt durchlaufen. Nicht Berufstätigkeit, Kinderzahl und Aufgaben der Haushaltführung beeinflussen den Grad 14 Hebamme.ch 4/2009 Sage-femme.ch von Erschöpfung und Müdigkeit dieser Frauen, sondern eine ausreichende Menge ungestörten Schlafs und die angemessene Versorgung mit Eisen, Folsäure und Ferritin. Deshalb sollten Gesundheitsfachleute diese Aspekte bereits vor einer Schwangerschaft ansprechen. Insbesondere Erstgebärende sollten auf die Erschöpfungsgefahr im ersten Monat nach der Geburt aufmerksam gemacht werden. Aber alle Frauen, egal ob nach der ersten oder einer späteren Schwangerschaft, müssen wissen, dass Müdigkeit und tiefe Energiereserven in der postpartalen Periode normal sind und bis zu drei Monaten und länger anhalten können. In dieser Untersuchung stand das Alter der Frauen in umgekehrter Beziehung zum Alter. Deshalb sollten Hebammen insbesondere junge erstgebärende Frauen auf die Gefahr von Erschöpfungszuständen aufmerksam machen, um schwerwiegenden Folgen wie einer gestörten Beziehungsaufnahme zum Neugeborenen oder postpartalen Depressionen vorzubeugen. Kathryn A. Lee, MaryEllen Zaffke, Longitudinal Chages in Fatigue and Energy During Pregnancy and the Postpartum Period. JOGNN March/ April 1999: 183–191. In einer prospektiven Längzeitstudie beantworteten über 14 000 Frauen zu zwei Zeitpunkten ihrer Schwangerschaft (18. und 32. SSW) und zweimal nach der Geburt ihres Kindes (2 und 8 Monate postpartal) einen Fragebogen. Mit den Fragen wurden Stress- und Angstzustände der Mütter erhoben und gemessen. Bei den Säuglingen wurden die Schlafgewohnheiten im Alter von 6, 18 und 30 Monaten, d. h. die gesamte Schlafdauer pro Nacht, die Anzahl von Aufwachepisoden sowie weitere allgemeine Schlafprobleme, erfasst. Die Resultate lassen vermuten, dass zwischen höheren Angstund Depressionspegeln der Mütter während der Schwangerschaft und späteren Schlafproblemen der Säuglinge (im Alter von 18 und 30 Monaten) ein Zusam- menhang besteht. Dies ist ein bedeutsamer Befund. Er reiht sich in die zunehmende Anzahl von Untersuchungen ein, die nahelegen, dass eine unbehandelte Depression oder depressive Verstimmung während der Schwangerschaft langfristige Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes hat. Es gilt als gesichert, dass unter Ängsten und Depressionen leidende Schwangere erhöhte Mengen von Stresshormonen wie Cortisol ausschütten. Sind die Kinder im Mutterleib solchen Stresshormonen ausgesetzt, so kann dies die spätere Entwicklung des Kindes negativ beeinflussen. O’Connor TG et al. Prenatal mood disturbance predicts sleep problems in infancy and toddlerhood. Early Human Development 2007 July; 83(7): 451–458. Verbessert den Schlaf Neugeborener Lavendelbad In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 30 Mutter-Kind Paaren wurde der Effekt eines Bades mit Zusatz von wohlriechendem Lavendelöl auf die Babys und Mütter untersucht. Die Mütter in der LavendelbadGruppe waren entspannter; sie lächelten und berührten ihr Kind öfter als die Mütter in der Kontrollgruppe. Die LavendelbadBabys schauten ihre Mütter während des Badens öfter an, sie weinten nach dem Bad weniger und fielen in einen länger dauernden Tiefschlaf. Der gemessene Cortisolspiegel in dieser Mutter-Kind-Gruppe fiel signifikant ab, was den beobachteten Entspannungsgrad bestätigte. Die Resultate bestätigen frühere Studien, welche eine entspan- nende und Schlaf fördernde Wirkung des Lavendelaromas nachgewiesen haben. Field T et al. Lavender bath oil reduces stress and crying end enhances sleep in very young infants. MIDIRS Midwifery Digest 18: 40 2008; 571– 573.