Komplexes Zusammenspiel

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Säuglingsschlaf und -ernährung
Komplexes Zusammenspiel
Das Schlafverhalten des Säuglings ist Resultat einer komplexen Interaktion zwischen Temperament, Eltern-Kind-Beziehung und biologischen Rhythmen, welche in jedem Kind individuell programmiert sind. Seit langem gehören Trinkverhalten und Durchschlafen zu den wichtigsten Sorgen junger Eltern. Gerlinde
Michel fasst einen Literaturreview1 zusammen, der die Evidenz zu normalen
frühkindlichen Schlafmustern in Verbindung mit Ernährung untersucht.
Nach einer Literatursuche in MEDLINE
und CINAHL wurden 48 Studien zu den
Themen Schlaf und Ernährungsmethoden bei Säuglingen einbezogen. Die meisten Studien stammen aus den USA, weitere aus dem UK, Kanada, Australien und
den Niederlanden. Untersuchungen der
Schlafmuster von Säuglingen basieren
häufig auf Tagesrapporten, Schlaftagebüchern oder retrospektiven Interviews
mit den Eltern, eine Limitierung, welche
in Untersuchungen mit Hilfe technischer
Methoden wie Monitoren oder Videoaufzeichnungen diskutiert wird. Bei Videoaufzeichnungen von schlafenden Säuglingen stellte man nämlich fest, dass nur
15% der zweimonatigen und 33% der
neunmonatigen Kinder – entgegen den
elterlichen Angaben – wirklich durchschliefen; die übrigen Babys wachten
zwischendurch auf, unterbrachen jedoch
den Schlaf der Eltern nicht mit Schreien.
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Weitere methodische Probleme bei Untersuchungen des Zusammenhangs von
Schlaf und Ernährung sind abgebrochene
Stillbeziehungen, unterschiedliche Definitionen, wie lange eine Nacht dauert,
und unterschiedliche Definitionen des
Co-Sleeping (geplant oder reaktiv, im selben Zimmer oder selben Bett?).
Entwicklung
des Säuglingsschlafs
Schlafmuster beginnen intrauterin
gleichzeitig mit der Lebensfähigkeit des
Embryos. Schlafphasen und -zyklen konnten ab der 36. SSW identifiziert werden;
diese sind jedoch erst ab dem vierten bis
sechsten Lebensmonat voll entwickelt.
Während den ersten Lebenswochen haben die Neugeborenen einen unregelmässigen circadianen Rhythmus, wobei
sich die Dauer von Schlaf- und Wachpha-
sen tagsüber und nachts etwa die Waage
halten. Im Alter von etwa zwei Monaten
beginnt der Nachtschlaf länger zu dauern
als der Tagesschlaf, und sowohl einzelne
Wach- als auch Schlafphasen werden länger. Bis zum Alter von drei Monaten produziert das Baby weder Melatonin noch
Kortisol (Hormone, welche im Tageszeitrhythmus produziert werden und den
Schlaf beeinflussen).
Ungefähr 50% der Zeit verbringt der
schlafende Säugling im REM- oder aktiven Schlaf (Augenbewegungen, unregelmässiger Atem, unwillkürliche Körperbewegungen) und 50% im Non-REM oder
ruhigen Schlaf (regelmässiger Atem, ruhiger Körper, keine Augenbewegungen).
Während Erwachsene vom Wachzustand
über Non-REM- zum REM-Schlaf gelangen, gleitet das Neugeborene zuerst in
den aktiven und dann in den ruhigen
Schlaf. Es kann bei Überstimulierung
auch direkt vom Wachen in den Ruheschlaf fallen (Stressschlaf), eine wichtige
Überlebensstrategie des Neugeborenen,
das sich nicht aus eigenen Kräften fortbewegen kann. Forschende unterscheiden bei Säuglingen bis zu zehn unterschiedliche Schlaf-, Wach- und Übergangszustände.
1
Libby Averill Rosen, «Infant Sleep and Feeding».
JOGNN, 37, 706–714, 2008.
Wie viel ist «normal»?
Co-Sleeping
Der Durchschnittswert für die «normale»
Schlafdauer im ersten Lebensjahr beträgt
14 von 24 Stunden, mit einer Bandbreite
von 11 bis 16 Stunden. Eine der frühesten
Studien über die Schlafmuster Neugeborener von 1961 stellte Extreme von 10,5 bzw.
23 Stunden fest. Die individuellen Unterschiede sind gross, eine Erkenntnis aller
Untersuchungen. Biopsychologische Einflussfaktoren sind Schlafumgebung, Mutter-Kind-Interaktion, Ernährungsplan und
Temperament des Kindes.
Stillen ist einer der wichtigsten Gründe
für Co-Sleeping, neben kulturellen Vorlieben, praktischen Gründen und vereinfachter Zuwendung zum Säugling. In einer Untersuchung nahmen fast 50% der befragten Eltern das Baby zu sich ins Bett, eine
andere berichtet von einer Zunahme des
Co-Sleepings von 5,5% im Jahr 1994 auf
12,8% im 2000. Eine Studie aus den USA
fand, dass Co-Sleeping vor allem in
schwarzen, asiatischen und hispanischen
Familien sowie Familien mit tiefen Einkommen beliebt ist, wobei nicht nach der Fütterungsmethode gefragt wurde.
Neuere Studien untersuchten den Zusammenhang zwischen Stillen/Nichtstillen
und Co-Sleeping, hier fielen die Resultate
kontrovers aus. Dennoch scheint ein Zusammenhang zwischen (verlängerem) Stillen und Co-Sleeping gegeben.
Eine Untersuchung (Mosko et al. 1997),
welche die Schlafdauer mit technischen
Methoden mass (Polysomnografie), fand
keinen Unterschied in der Schlafdauer bei
Müttern, deren Kind im selben Bett bzw. in
der Wiege schlief. Diejenigen Mütter, die
normalerweise ohne Kind schliefen, bewerteten ihre Schlafqualität als schlechter,
wenn das Kind in ihrem Bett schlief. Gemäss derselben Studie schlafen in 79% der
Kulturen die Babys im Schlafzimmer ihrer
Eltern und in 44% im selben Bett, ein Ergebnis, welches zahlreiche weitere Studien
bestätigen.
Ernährungsmethode
und Schlaf
Einige Forschungsgruppen fanden keine
signifikanten Unterschiede bei den Schlafmustern von gestillten und flaschenernährten Kindern. Andere schreiben von einem anfänglichen Unterschied, der mit
dem Älterwerden der Babys verschwindet.
Eine Studie (Ball 2003) stellte signifikante
Unterschiede sowohl im 1. wie 3. Lebensmonat fest, wobei die gestillten Kinder
häufiger erwachten. Für Frauen, die zwischen dem 1. und 3. Monat abstillten, waren die nächtlichen Stillunterbrüche ihres
Schlafs der wichtigste Grund dafür. In einer
Untersuchung von 133 ausschliesslich gestillten Kindern (Doan et al. 2007) berichteten die Eltern von durchschnittlich 45
mehr Schlafminuten im Vergleich zu Kindern, die zwischen 18 Uhr und Mitternacht
ihren Schoppen getrunken, bzw. durchschnittlich 47 Minuten mehr Schlaf im Vergleich zu Babys, die zwischen Mitternacht
und 6 Uhr eine Flasche bekommen hatten.
In einer anderen Studie (Quillin & Glenn
2004) tönt es genau umgekehrt: die stillenden Mütter schliefen 48 Minuten weniger lang. Weitere Studien untersuchten die
Zusammensetzung der Ersatzernährung
und ihren Einfluss auf die Schlafdauer. Laut
einer Studie, welche den Effekt von beigefügtem Tryptophan, Kohlehydraten und
tiefem Eiweissgehalt untersuchte, schliefen
die Säuglinge schneller ein, länger, und mit
weniger nächtlichen Unterbrüchen. Eine
andere Untersuchung fand keinen Unterschied zwischen mit und ohne Getreidesupplementen ernährten Kindern, ausser
im Alter von sieben Wochen, als die Babys
ohne Getreidefläschchen mit dreimal erhöhter Wahrscheinlichkeit acht Stunden
lang durchschliefen.
Eine Studie zieht den Schluss, dass individuelle Haltungen und Erwartungen gegenüber dem nächtlichen Erwachen wohl
eher für Unterschiede zwischen gestillten
und nicht-gestillen Kindern verantwortlich
sind als die Zusammensetzung der Nahrung oder die konsumierten Mengen.
Die Kontroverse über die Sicherheit des
Co-Sleeping verunsichert Eltern wie Fachpersonen gleichermassen. Eine Studie hat
Sicherheits- und Risikofaktoren dazu zusammengestellt (siehe Tabelle unten).
Strategien zur Verlängerung der Schlafphasen
Eine experimentelle Studie zeigte auf,
welchen Einfluss das Verhalten der Eltern
auf das Schlafmuster des Babys haben
kann. 100% der acht Wochen alten Babys
aus der Versuchsgruppe schliefen 5 Stunden am Stück, gegenüber 23% der Babys
aus der Kontrollgruppe. Sämtliche Säuglinge wurden gestillt und tranken vergleichbare Mengen Muttermilch. Die Kinder aus der Experimentalgruppe wurden
schwerpunktmässig abends gestillt, gepuckt, getätschelt, gewickelt, falls das Kind
nicht einschlief herumgetragen, und als
letztes Mittel, wenn das Kind hellwach war,
noch einmal gefüttert.
Folgende Strategien zur Verbesserung
des Säuglingsschlafs wurden identifiziert:
Lichterlöschen (ermutigt die Eltern, nicht
sofort auf das Schreien des Babys zu reagieren); bessere Schlafgewohnheiten tagsüber (konstante Abläufe für Schlafen, Füttern, Baden); immer den gleichen Schlafplatz in der Wohnung anbieten; das Pucken (Hall et al. 2006). Zum Pucken existieren
kontroverse Meinungen: Während Hall et
al. eine Verbesserung der kindlichen Schlafqualität fanden, warnen andere Studien
Sicherheit und Risikofaktoren des Co-Sleeping
Sicheres Co-Sleeping
Das Baby liegt neben der Mutter, nicht zwischen
den Eltern
Das Baby schläft auf dem Rücken
Das Baby schläft nicht zu nahe am Bettrand;
grosse Betten sind besser
Keine Lücken zwischen Matratzen, Matratze und
Bettgestell oder Wand, wo sich das Baby den Kopf
einklemmen könnte
Dünne Decke, keine schweren Duvets
Ausschliessliches Stillen während 6 Monaten
Elterliche Risikofaktoren
Ein oder beide Elternteile rauchen
Alkohol- oder Drogenkonsum, der Wachsamkeit
herabsetzt
Signifikante Erschöpfung oder Schlafentzug
Übergewicht
Jemand anders (Geschwister oder Babysitter)
schläft im gleichen Bett
Unsichere Schlafumgebung
Sofa, Lehnstuhl, Liegestuhl
Weiche Matratze
Kissen in der Nähe des Babys
Überheiztes Zimmer
Quellen:
Buswell S. D., Spatz D. L. (2007): Parent-infant co-sleeping and its relationship to breastfeeding.
Journal of Pediatric Health Care 21, 22–28.
Morgan K. H. et al. (2006): The controversy about what constitutes safe and nurturant infant
sleep. Journal of Obstetrics Gynecological and Neonatal Nursing 35, 684–691.
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vor Hüftdysplasien, Atemwegserkrankungen und Rückenlage, welche das
Risiko für SIDS erhöht (Gerard et al; van
Sleuwen et al. 2007).
In einer kleinen randomisierten kontrollierten Studie testeten Stremler et al.
(2007) Strategien zur Verbesserung des
Schlafs von Mutter und Kind. Dazu instruierten sie die Eltern über die normalen Schlaf/Wachmuster der Säuglinge
und über gute Schlafgewohnheiten. Mit
Hilfe von Aktivitätsmeldern an den
Handgelenken wiesen die Forscher
nach, dass die Babys in der Studiengruppe 46 Minuten länger schliefen. Ausserdem klagten die Eltern seltener über Probleme im Zusammenhang mit Schlaf.
Schlussfolgerungen
Der Säuglingsschlaf ist ein komplexer
Prozess, welcher ein individuelles Baby
und individuelle Eltern betrifft, ganz abgesehen vom kulturellen und physischen Umfeld. Die jeweiligen Interaktionen haben tiefgreifende Auswirkungen
auf das kindliche Verhalten wie Schlafen, Trinken und Beschäftigung mit sich
selbst. Die im Kontext meist verwendeten Wörter wie «Schlafunterbrüche»,
«Störungen» oder «Schlafentzug» haben negative Assoziationen zur Folge.
Vielleicht sollte man besser von nächtlichen Zwischenspielen («Interludes»)
sprechen. Als wichtiges Forschungsthema ist der Säuglingsschlaf jedenfalls
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noch lange nicht erschöpft.
Referenzen
Ball H. (2003): Breastfeeding, bed-sharing and
infant sleep. Birth 30, 181–188.
Doan T. et al. (2007): Breastfeeding increases
sleep duration of new parents. Journal
of Perinatal and Neonatal Nursing 21,
200–206.
Gerard et al. (2002): Physiologic studies in
swaddling. An ancient childcare practice
which may promote the supine for infants
sleep. Journal of Pediatrics 141, 398ff.
Hall W.A. et al. (2006): Effects of an intervention aimed at reducing night waking and
signalling in 6- to 12-month-old infants.
Behavioral Sleep Medicine 4, 242–261.
Mosko S. et al. (1997): Maternal sleep and
arousals during bed-sharing with infant.
Sleep 20, 142–150.
Quillin S., Glenn L. (2004): Interaction between feeding method and co-sleeping on
maternal-newborn sleep. Journal of Obstetrics Gynecological and Neonatal Nursing 33, 580–588.
Stremler et al. (2007): A behavioral educational intervention to promote maternal and
infant sleep. A pilot randomized, controlled trial. Sleep 29, 1609–1615.
van Sleuwen et al. (2007): Swaddling: A systematic review. Pediatrics 120, e1097–e1106.
Eine vollständige Literaturliste ist auf der Redaktion erhältlich.
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Wie lernen Babys durchschlafen?
Sanfte Wege sind
Viele Eltern reagieren verunsichert, wenn es um den Schlaf ihres Babys geht.
Sollte es mit drei Monaten nicht durchschlafen? Oder mindestens mit sechs,
oder vielleicht doch erst mit neun Monaten? Hat das Kind ein Problem, weil
es noch immer nicht ohne Hilfe einschlafen kann? Wäre es nicht wichtig für
seine Entwicklung, allein einschlafen zu lernen? Sollen wir unser Baby schreien lassen, bis es schläft?
Anni Gethin
Beth Macgregor
Hilfe beim Einschlafen
Ebenso normal ist es, dass ein Baby zum
Fragen wie oben sind Teil langer Dis- Einschlafen Hilfe braucht. Die meisten
kussionen in Mütterzentren und Online- brauchen eine Form von Unterstützung,
Foren. Seit kurzem helfen Forschungsar- damit ihr Gehirn den Übergang von
Wachsein zum Schlafen schafft,
beiten aus unterschiedlichen
Disziplinen, einige Antworten Anni Gethin und Beth z.B. Wiegen, Streicheln, FütMacgregor sind die Autodarauf zu finden. Die Antwor- rinnen des Buchs «Helping tern, auf den Rücken tätten wecken Zweifel an gewis- your baby to sleep: Why scheln. Lassen die Eltern einen
sen Formen des kontrollierten gentle techniques work Säugling allein und wach,
best», Finch Books Sydney,
dann meldet sich oft ein primiSchlaftrainings und unterstüt- 2007).
tiver Überlebensmechanismus,
zen, was viele Eltern schon immer gewusst haben: Sanfte Einschlaf- und es beginnt zu weinen und nach der
techniken sind am besten für die Kinder. Sicherheit seiner Eltern zu schreien. Dass
bestimmte Methoden von Schlaftraining
«Erfolg» haben, zeigt vor allem, dass sich
Gehirnentwicklung
diese primitive Reaktion gewaltsam ausmassgebend
löschen lässt. Während einem SchlaftraiErstens ist es entwicklungsmässig nor- ning machen die Kinder drei Phasen
mal, dass Babys nachts erwachen. Entge- durch: zuerst protestieren sie, dass sie algen den Aussagen einiger Elternberate- lein gelassen werden, dann geben sie die
rinnen gibt es keinen magischen Mo- Hoffnung auf, dass ihre Eltern je wieder
ment, ab dem ein Kind natürlicherweise zurückkommen, und schliesslich geben sie
durchschläft; im Gegenteil, das Durch- auf. Es gibt genug Forschungsevidenz darschlafalter variiert stark. Man nimmt heu- über, wie unerwünscht es ist, dass ein
te an, dass diese Unterschiede mit dem Baby verlernt, die Eltern um Hilfe zu rufen.
unterschiedlichen Zeitpunkt zu tun haben, an dem die schlafregulierenden Ge- Gehirnentwicklung:
hirnzentren reif genug sind. Jede Mutter
wird erzählen, dass ihre Kinder ab ver- Gemeinsames Projekt
Die Säuglingsneurowissenschaft und
schiedenen Altern durchschliefen.
Es ist auch normal, dass ein Kind, das die psychologische Forschung liefern zubereits durchschlief, auf einmal wieder sätzliche Gründe, weshalb sanfte Schlafjede Nacht erwacht. Dafür kann es aus- techniken am besten für Babys sind. Heuser Zahnen oder Krankheiten eine ganze te weiss man, dass unsere Fähigkeiten,
Anzahl Gründe geben. Viele Entwick- Gefühle zu regulieren, auf Stress zu realungsschritte wie das Erlernen des Krab- gieren und gute Beziehungen zu anderen
belns oder Gehens, die Entwicklung von Menschen zu pflegen, während den ersTrennungsangst oder anderen neurolo- ten Lebensjahren im Gehirn verankert
gischen und psychologischen Verände- werden. Diese Fähigkeiten entstehen
rungen können beim Kind häufigeres Er- nicht einfach von selber, so wie unsere
wachen nach sich ziehen. Selbst wenn Zähne wachsen oder wir das Gehen erEltern in ihrem Babyratgeber lesen, ihr lernen. Ein Kind kann sein Gehirn oder
Kind sollte in seinem Alter durchschla- seine emotionellen Fähigkeiten nicht alfen, können sie sich beruhigen – es ist lein entwickeln – das ist ein gemeinsames
Projekt von Kind, Eltern und weiteren
normal.
am besten
wichtigen Menschen in seinem Leben.
Das Gehirn und emotionelle Reaktionen
werden wortwörtlich durch die Interaktionen zwischen Kind und Eltern strukturiert, durch Lächeln und Zärtlichkeiten,
beruhigende Worte und Gesten, Lachen
und Kitzeln, Trost bei Traurigkeit und Beruhigung bei Zorn und Aufregung. Alle
diese Alltagsereignisse bauen die Verbindungen im kindlichen Gehirn auf. Auch
wenn die Mutter beim Stillen liebevoll in
die Augen ihres Babys schaut, hilft das
sein Gehirn zu entwickeln. Eltern, die auf
die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen,
helfen ihm bei der Entwicklung seiner
Fähigkeit, alle menschlichen Emotionen
zu erleben. Und vielleicht noch wichtiger:
mit der Zeit zu lernen, aus Zuständen der
Erregung wieder in die Ruhe zu finden.
Weg vom Schlaftraining
Deshalb brauchen Säuglinge verständnisvolle und geduldige Eltern, um zu gutem Schlaf zu finden. Die Berichte über
Schlaftrainings (inklusive kontrolliertes
Schreienlassen), die man heute in Webforen und auf Beratungsseiten im Internet findet, sind oft schockierend. Viele
Kinder erleiden nächtelang extreme Stresszustände; viele schreien bis sie erbrechen
müssen, und das immer wieder, bis das
Schreien «aufhört». Sogar die besten Szenarien, bei denen Babys nur kurze Zeit
schreien, sind für Kinder wie Eltern vor allem belastend. Die Forschung hat nachgewiesen, dass es potenziell schädlich ist
und die Kindsentwicklung nachhaltig
stört, wenn man Babys wie beim Schlaftraining in Stresszuständen sich selber
überlässt; und diese Untersuchungen
sind zum Glück heute den Eltern auch zugänglich.
Unterstützung
für Eltern wichtig
Natürlich ist es auch wichtig anzuerkennen, dass Eltern sehr stark unter
Schlafentzug und einem exzessiv schreienden Baby leiden können. Wir beide
hatten ziemlich unruhige Kinder (und
Anni ein extrem unruhiges Baby). Genau
deshalb verdienen Eltern professionelle
Hilfe, um praktische und verständnisvolle
Wege zu finden, ihren Säugling zum
Schlafen zu bringen – Wege, die das Vertrauen des Kindes in seine Eltern nicht
gefährden. Solche Hilfe besteht darin,
systematisch mögliche Ursachen des exzessiven Schreiens aufzuspüren und ganz
allmählich den Zugang des Kindes zum
Schlaf zu verändern.
Zum Schluss muss man darauf hinweisen, dass unsere Gesellschaft heutzutage
Eltern sehr wenig unterstützt. Auch deshalb sollten neue Wege zur Unterstüt-
zung von jungen Eltern gefunden werden, damit die frühen Kindermonate und
-jahre glücklicher und entspannter verlaufen – genau so, wie die meisten von
uns sie sich vorstellen.
왗
Aus: Anni Gethin, Beth Macgregor, Why Gentle
Sleep Techiques Are Best. Essence, Australian
Breastfeeding Association, May 2007. Übersetzung: Gerlinde Michel.
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M O S A I K
Stress während Schwangerschaft
Beeinflusst kindliche
Schlafmuster
Der Zusammenhang zwischen Angst und Depression in der
Schwangerschaft und einem ungünstigen Outcome des Neugeborenen wurde in der Forschungsliteratur vielfach aufgezeigt.
Relativ neu ist die Erkenntnis, dass Stress in der Schwangerschaft
die Schlafmuster des Säuglings negativ beeinflussen kann.
Fotos: Judith Fahner
Schwangerschaft und Wochenbett
Erschöpfungszuständen
vorbeugen
Eine prospektive Langzeitstudie von Kathryn Lee und MaryEllen
Zaffke von der Universität San Francisco hatte zum Ziel, Erschöpfungs- und Energiezustände bei Frauen vor, während und
nach einer Schwangerschaft zu untersuchen und sie in Beziehung zu Faktoren wie Parität, Schlafstörungen, Funktion der
Schilddrüse und Eisenmangel zu setzen.
24 Erstgebärende und 18 Mehrgebärende nahmen an der Erhebung teil. Diese wurde mittels
Fragebogen und Laboranalysen
von Blutproben durchgeführt.
Der Fokus der Untersuchung lag
auf sich verändernden Erschöpfungs- und Energiezuständen im
Laufe einer normalen Schwangerschaft. Die Zeitpunkte der
Analysen lagen vor der Konzeption, in jedem Schwangerschaftsdrittel und 1 bzw. 3 Monate nach
der Geburt.
Resultate: Jüngeres Alter und tiefere Werte von Eisen, Ferritin und
Hämoglobin erklärten grössere
Erschöpfungszustände im ersten
Trimenon. Weniger Schlaf im dritten Trimenon stand in Beziehung
mit höherer Erschöpfung. Zwischen postpartalen Erschöpfungszuständen und wenig Schlaf sowie tiefen Ferritin- und Hämoglobinwerten bestand ein direkter
Zusammenhang.
Bedeutung für die Beratung
Die Resultate dieser Studie liefern
den Hebammen eine gründliche
Beschreibung der Erschöpfungszustände, welche Frauen im
Laufe einer Schwangerschaft und
nach der Geburt durchlaufen.
Nicht Berufstätigkeit, Kinderzahl
und Aufgaben der Haushaltführung beeinflussen den Grad
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von Erschöpfung und Müdigkeit
dieser Frauen, sondern eine ausreichende Menge ungestörten
Schlafs und die angemessene
Versorgung mit Eisen, Folsäure
und Ferritin. Deshalb sollten Gesundheitsfachleute diese Aspekte
bereits vor einer Schwangerschaft ansprechen. Insbesondere
Erstgebärende sollten auf die Erschöpfungsgefahr im ersten Monat nach der Geburt aufmerksam
gemacht werden. Aber alle Frauen, egal ob nach der ersten oder
einer späteren Schwangerschaft,
müssen wissen, dass Müdigkeit
und tiefe Energiereserven in der
postpartalen Periode normal sind
und bis zu drei Monaten und länger anhalten können.
In dieser Untersuchung stand das
Alter der Frauen in umgekehrter
Beziehung zum Alter. Deshalb
sollten Hebammen insbesondere
junge erstgebärende Frauen auf
die Gefahr von Erschöpfungszuständen aufmerksam machen,
um schwerwiegenden Folgen wie
einer gestörten Beziehungsaufnahme zum Neugeborenen oder
postpartalen Depressionen vorzubeugen.
Kathryn A. Lee, MaryEllen Zaffke,
Longitudinal Chages in Fatigue and
Energy During Pregnancy and the
Postpartum Period. JOGNN March/
April 1999: 183–191.
In einer prospektiven Längzeitstudie
beantworteten
über
14 000 Frauen zu zwei Zeitpunkten ihrer Schwangerschaft (18.
und 32. SSW) und zweimal nach
der Geburt ihres Kindes (2 und 8
Monate postpartal) einen Fragebogen. Mit den Fragen wurden
Stress- und Angstzustände der
Mütter erhoben und gemessen.
Bei den Säuglingen wurden die
Schlafgewohnheiten im Alter von
6, 18 und 30 Monaten, d. h. die
gesamte Schlafdauer pro Nacht,
die Anzahl von Aufwachepisoden
sowie weitere allgemeine Schlafprobleme, erfasst.
Die Resultate lassen vermuten,
dass zwischen höheren Angstund Depressionspegeln der Mütter während der Schwangerschaft und späteren Schlafproblemen der Säuglinge (im Alter von
18 und 30 Monaten) ein Zusam-
menhang besteht. Dies ist ein bedeutsamer Befund. Er reiht sich in
die zunehmende Anzahl von Untersuchungen ein, die nahelegen,
dass eine unbehandelte Depression oder depressive Verstimmung während der Schwangerschaft langfristige Auswirkungen
auf die Entwicklung des Kindes
hat. Es gilt als gesichert, dass unter Ängsten und Depressionen leidende Schwangere erhöhte Mengen von Stresshormonen wie
Cortisol ausschütten. Sind die
Kinder im Mutterleib solchen
Stresshormonen ausgesetzt, so
kann dies die spätere Entwicklung des Kindes negativ beeinflussen.
O’Connor TG et al. Prenatal mood
disturbance predicts sleep problems
in infancy and toddlerhood. Early
Human Development 2007 July;
83(7): 451–458.
Verbessert den Schlaf Neugeborener
Lavendelbad
In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 30 Mutter-Kind Paaren wurde der Effekt eines Bades mit Zusatz
von wohlriechendem Lavendelöl auf die Babys und Mütter untersucht.
Die Mütter in der LavendelbadGruppe waren entspannter; sie
lächelten und berührten ihr Kind
öfter als die Mütter in der Kontrollgruppe. Die LavendelbadBabys schauten ihre Mütter
während des Badens öfter an, sie
weinten nach dem Bad weniger
und fielen in einen länger dauernden Tiefschlaf. Der gemessene Cortisolspiegel in dieser Mutter-Kind-Gruppe fiel signifikant
ab, was den beobachteten Entspannungsgrad bestätigte.
Die Resultate bestätigen frühere
Studien, welche eine entspan-
nende und Schlaf fördernde Wirkung des Lavendelaromas nachgewiesen haben.
Field T et al. Lavender bath oil reduces stress and crying end enhances
sleep in very young infants. MIDIRS
Midwifery Digest 18: 40 2008; 571–
573.
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