Handreichung zum Thema

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Judentum und Islam
Die in den Lehrmitteln häufig gemachte Darstellung der 5 Säulen des Islams lässt sich auch für
das ältere Judentum nachweisen (Gebet, Fasten, Wallfahrt, Almosen, Speisevorschriften). Der
Islam nimmt viele jüdische Traditionen auf: Das Prinzip einer heiligen Sprache, die zentral im
Gottesdienst ist, den Ruhetag, die Speisegesetze, eine „mündliche Überlieferung“ (Sunna) zur
schriftlichen (Koran), die religionsgesetzliche Einzelfallentscheidung (Fatua), das Prinzip von
unabhängigen Gelehrten- Rechtsschulen, die Gleichnisse (Hadith, Midrasch), die Wichtigkeit
der Fürsorge, Beerdigungsvorschriften etc.
Problempunkte im Verhältnis zwischen Judentum und Islam sind:
1. Der Status als Dhimmi (Schutzverwandte): Kopfsteuer für Nichtmuslime, falls sie ein
„Volk des Buches“ sind: Konversionsdruck. Der traditionale islamische Staat kennt keine
moderne Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Einzelne Angehörige von
Minderheiten können aber durchaus wichtige Positionen erhalten.
2. Der Anspruch der Muslime den letztgültigen geoffenbarten Text der Religion zu haben
3. Der heutige Umgang mit der Passage über das Massaker an Juden in Mekka in der
Frühgeschichte des Islam.
Der Islam breitet sich nach 632 sehr schnell von der arabischen Halbinsel aus. Das christliche
Nordafrika fällt in sich zusammen. Übrig bleiben nur die christlichen Kopten in Ägypten.
Orientalische Kirchen im Nahen Osten halten sich.
Kulturell kommt es zu eine grossen Nähe: Arabisch ist auch eine jüdische religiöse Sprache
(Saadia Gaon). Juden sind arabische Dichter (Schmuel ha-Nagid, Juda ha-Levi) und
Religionsphilosophen (Maimonides). Grossflächige Verfolgungen wie in Europa etwa 1348 gibt
es keine. Mark R. Cohen sieht im welthistorischen Vergleich den Islam im Bezug auf die Lage
der Juden besser als das Christentum abschneiden („Unter Kreuz und Halbmond“ die Juden im
Mittelalter, München 2011, 224 Sn.)
Allerdings herrschen regional unterschiedliche Lebensbedingungen. Spanische Reisende
berichten von einer harten Lage in Marokko im 18./19. Jahrhundert.
Jüdische Gemeinschaften gab es in ganz Nordafrika, in Äthiopien (Falaschas), im Jemen, im
Irak, Syrien, Libanon, im Iran und in Afghanistan. Die europäischen Juden hatten kaum
Kontakt mit diesen Gemeinschaften, allenfalls die jüdischen Kaufleute aus Livorno kennen sich
in Nordafrika aus. Familienzweige leben in Tunesien. Die (europäisch-) jüdische Presse, die
nach 1837 entsteht, berichtet teilweise aus diesen Gebieten. Die christliche Judenmission
entdeckt etwa die Falaschas vor den europäischen Juden.
Mit der europäischen Expansion geraten vor allem die maghrebinischen Juden unter
frankophonen Einfluss: Alliance Israelite Universelle. Ein modernes jüdisches Schulwesen
entsteht nach 1868. Die jüdischen Lehrer werden zu Multiplikatoren der Moderne. In Algerien
erhalten alle Juden 1870 das französische Staatsbürgerrecht. Mit dem Aufkommen der
arabischen Nationalbewegung kommen die Juden immer mehr in eine problematische
Position. Der Konflikt in Palästina hat nach 1918 immer mehr Auswirkungen auf die Lage der
Juden in den arabischen Ländern. Mit dem Ende des Kolonialismus spitzt sich diese zu. Die
Juden werden aus den arabischen Ländern vertrieben oder fliehen (Irak / Jemen 1948, Ägypten
1948 und 1956, Algerien, Tunesien 1962-64, Libyen 1967 etc.). Sie verlieren allen Besitz und
müssen sich ihr Leben neu aufbauen. Grosse Gruppen siedeln sich in Israel und Frankreich,
kleinere in den USA und Südamerika an.
Pädagogischer Ansatz:
1. Jüdische Traditionen sind eingeflossen in den Koran und in den Islam. Wenn ein
Muslim das Judentum ablehnt, lehnt er Teile seiner eigenen Tradition ab.
2. In der Geschichte gab es ein erträgliches Nebeneinander bis in die 1930er Jahre. Als
Beispiel dafür kann man die jüdische Gemeinde Istanbul anführen. Nach 1492/96
wandern dort aus Spanien und Portugal vertriebene Juden zu. Sie bewahren ihre
spanisch jüdische Kultur über vierhundertfünfzig Jahre bis zur starken
Türkisierungspolitik von Kemal Pascha Atatürk. Ein jüdischer Mikrokosmos entsteht. Die
Gemeinde umfasst in den 1930er Jahren an die vierzigtausend Mitglieder.
3. Die Juden arabischer Kultur waren zwischen 1940 und 1967 Opfer der arabischen
Nationalbewegung(en). Ohne „Aufrechnung“ gilt es von dieser Tatsache Kenntnis zu
nehmen.
Wichtig ist es darauf hinzuwirken, dass Schüler die jeweiligen religiösen Traditionen mit
Respekt betrachten, damit wäre schon viel erreicht.
Einführungen:
Lewis, Bernard: The Jews of Islam, Princeton 2011. (1. Aufl. 1973; “Die Juden in der islamischen
Welt vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert“, München 2004, 214 Sn.)
Stilman, Norman: The Jews of Arab Lands in Modern Times, Philadelphia 1991.
Bar Chen, Eli: Weder Asiaten noch Orientalen. Internationale jüdische Organisationen und die
Europäisierung „rückständiger“ Juden, Würzburg 2005.
Benbassa, Esther / Rodrigue, Aron: Die Geschichte der sephardischen Juden von Toledo bis
Salonikki, Bochum 2005.
Rodrigue, Aron: French Jews, Turkish Jews: The Alliance Israelite Universelle and the politics of
Jewish schooling in Turkey, 1860-1925, Indiana 1990.
http://www.muze500.com/ (Jüdisches Museum Istanbul 1492/1992)
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