Vorwort - Facultas

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Vorwort
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Ich denke, also bin ich.
rené decartes,
Philosoph und Wissenschafter, 16. Jhd.
Seit diesem legendären Ausspruch beschäftigen sich Forscher intensiv mit der Frage nach dem Ich. Seit etwa hundert Jahren wurde dieses
Forschungsgebiet auch noch erweitert, nämlich um die Frage »Was
geschieht mit dem Ich, wenn das Hirn erkrankt ist, wenn Defekte dieses
zentrale Organ stören und es daran hindern zu denken und sich zu erinnern?«
Aktuell wurde diese Frage seit Dr. Alzheimer die Leidensgeschichte
seiner Alzheimer-Patientin Auguste D. minutiös dokumentiert hatte.
Seither wird in den Forschungslabors weltweit nach den Ursachen dieser
tödlichen Störung und nach Wegen gesucht, mit Medikamenten einzugreifen, die Krankheit zu stoppen oder gar zu heilen.
Derzeit ist die Wissenschaft diesem Geheimnis auf der Spur und namhafte Hirnforscher bezeichnen die kommenden Jahrzehnte schon jetzt
als das »goldene Zeitalter der Hirnforschung«.
Der Leiter des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt,
Wolf Singer, sieht die Faszination dieses Forschungsgebietes darin, dass
sich bei der Bearbeitung von Fragen der Hirnforschung überraschende
Parallelen zu anderen komplexen Systemen ergeben. Singer: «Hierzu
gehören die Superorganismen des Insektenstaates ebenso wie unsere verflochtenen Wirtschafts- und Sozialsysteme.«
Ein wichtiges Ziel der Forschung ist die Frühdiagnose der Krankheit, noch bevor erste Anzeichen sichtbar werden. Versuche in dieser
Richtung laufen bereits: Da Alzheimer-Patienten gewisse Gerüche nicht
erkennen können, haben Forscher einen Geruchstest als Früherkennung entwickelt. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die in diesem Buch
genannt werden.
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Auch heute gilt schon, dass die Therapie der Alzheimer Krankheit
möglichst früh begonnen werden sollte, weil dann die größte Aussicht
darauf besteht, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
Schon Doktor Alzheimer hat im Gehirn seiner Patientin Auguste
Deter eigenartige, knäuelförmige Strukturen festgestellt. Da diese nach
wie vor geheimnisvollen Proteinansammlungen eine wesentliche, aber
bisher wenig verstandene Rolle beim Fortschreiten neurodegenerativer
Erkrankungen zu spielen scheinen, arbeitet man fieberhaft daran, die
zugrunde liegenden Mechanismen zu verstehen. Zugleich hofft man
damit die Ursachen oder Ereignisse, die zu dieser seltsamen Proteinansammlung führen, aufklären zu können. Erfolgreiche Entdeckungen
würden dann eine Basis für wirksame Medikamente bilden, die jene verhängnisvollen Kaskaden, die zum Fortschreiten der Krankheit führen,
zum Stillstand zu bringen.
Der Fortschritt der Neurowissenschaften wird zu verbesserter Frühdiagnose neurodegenerativer Erkrankungen führen. Die sofortige und
verlässliche Aufdeckung solcher Zerstörungen im Gehirn ist die Voraussetzung für effiziente klinische Versuche und letztendlich für eine erfolgreiche Behandlung dieser Krankheiten.
Noch viele offene Fragen
Die zentrale Frage, auf die Forscher weltweit aber eine schlüssige Antwort suchen, lautet: »Was geschieht, wenn die Harmonie des klaglosen
Zusammenwirkens von Elektrizität und Chemie gestört ist?« Dann entstehen Defekte im Gehirn, im Fluss der Gedanken, dann entsteht als
wichtigste Demenz des älteren Menschen die Alzheimer Krankheit. Wir
wissen aber nicht, was die Ursache dafür ist, dass gewisse Eiweißstoffe
im Hirn plötzlich verrückt spielen. Neurowissenschafter haben diese
so genannten Plaques im Mikroskop studiert. Dr. Alzheimer hat sie als
erster genau beschrieben. Wieso sie entstehen, ist bis heute allerdings
unbekannt. Das Gehirn gibt seine Geheimnisse nur widerwillig und
stückweise preis. Doch darüber wird im Kapitel über die neuesten Forschungsergebnisse zur Alzheimer Krankheit ausführlich berichtet.
Die Zeit drängt. Eine Lawine rollt unaufhaltsam auf uns zu und noch
kann man sie nicht aufhalten, bestenfalls hinauszögern. Demenzerkrankungen – allen voran Alzheimer – werden schon jetzt als Geißel unseres
Jahrhunderts bezeichnet. Es kann jedoch noch schlimmer kommen, denn
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die Menschen werden immer älter und damit steigt ihr Risiko, der Krankheit des Vergessens anheim zu fallen.
Der Grund dafür liegt in der Bevölkerungsentwicklung. In den westlichen Industrienationen, so betonen Epidemiologen, wird durch die steigende Lebenserwartung und die rückläufigen Geburtenraten »in den
kommenden Jahrzehnten ein nachhaltiger Umbau der Altersstruktur
auftreten«. Wie die Experten schätzen, wird sich die Zahl der über 65-jährigen Personen bis 2030 nahezu verdoppeln. Weil die Alzheimer-Krankheit in erster Linie bei alten Menschen auftritt, wird daher auch eine Verdopplung der Krankheitsfälle bis zum Jahr 2030 erwartet.
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Immer mehr Krankheitsfälle
»Eines der größten sozial und gesundheitspolitischen Probleme, das
durch die Alterung der Bevölkerung aufgeworfen wird, ist die Versorgung der hohen und fortwährend wachsenden Zahl von demenzkranken
älteren Menschen«, so Dr. Horst Bickel, von der Technischen Universität München.
Die Altersverteilung
Während in der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen etwas mehr als
ein Prozent der Bevölkerung unter Demenzen leidet, ist bei den über
90-Jährigen immerhin schon rund ein Drittel davon betroffen. Ab dem
65. Lebensjahr verdoppelt sich die Zahl der Betroffenen im Abstand von
je 5 Jahren.
In einer groß angelegten europaweiten Studie haben Experten heraus­
gefunden, dass von dieser Erkrankungen vor allem Frauen betroffen
sind. Das hat folgenden sehr einleuchtenden Grund: Frauen werden älter
als Männer. In der Altersgruppe ab 70 bilden Frauen die Mehrheit und
erkranken somit auch häufiger.
Überlebenszeit und Erkrankungsalter
Die hohen Raten des Neuauftretens bringen verständlicherweise ein
beträchtliches individuelles Risiko, über kurz oder lange ebenfalls
betroffen zu sein. Die Häufigkeit der Alzheimer-Krankheit steigt mit
dem zunehmenden Lebensalter steil an. Das spricht dafür, die AlzheimerKrankheit als eine chronische Alterskrankheit zu betrachten, wie etwa
den Diabetes mellitus oder die Osteoporose. Für die Alzheimer-Krank-
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heit gilt, vom Erkennen bis zum tragischen Ende, eine mittlere Überlebenszeit von rund sieben Jahren. Das ist der Durchschnittswert, den
Spezialisten angeben. Bei einem Erkrankungsalter von 65 liegt die Überlebensdauer bei acht Jahren, bei Krankheitsbeginn mit 75 bei sechs Jahren. Dies belegen breit angelegte Studien. Je später die Krankheit ansetzt,
desto kürzer dauert sie auch. In einem Alter von 85 beträgt die weitere
Lebenserwartung nur mehr vier Jahre und im 90. Lebensjahr verbleiben
dem Kranken noch zwei Jahre.
Der individuelle Krankheitsverlauf kann aber sehr unterschiedlich
sein. So wurden auch Krankheitsverläufe mit einer Dauer von 20 Jahren
beschrieben.
Was Epidemiologen besondere Sorgen bereitet
Mit dem Fortschreiten der Demenzerkrankungen nimmt der Hilfs- und
Pflegebedarf unausweichlich zu, denn Demenzen verlaufen in der Regel
irreversibel und enden mit dem Tod. »Die große Zahl von Kranken macht
die Demenz zur wichtigsten Ursache von Autonomieverlust und Pflegebedürftigkeit im Alter.« Studien zeigen überdies, dass bis zu 40 Prozent
der Patienten bis zum Lebensende zu Hause versorgt werden, allerdings
wird in vielen Fällen, bei fortgeschrittenem Krankheitsstadium, eine
weitere Betreuung in einem Pflegeheim oder einer geriatrischen Pflege­
institution notwendig.
Angst vor Verlust der Autonomie
In unserer westlichen, industrialisierten Gesellschaft wird ein hoher
Wert auf die individuelle Leistungsfähigkeit gelegt. Leistungseinbußen im Bereich Gedächtnis und eine Minderung der Leistungsfähigkeit
machen vielen Menschen Angst und werden, im Allgemeinen, von der
Gesellschaft verdrängt bzw. an den Rand gedrängt. Psychische Krankheiten haben insgesamt ein schlechtes Image und ihnen haftet das Bild
der Schwäche, Nutzlosigkeit, des Versagens und einem »der Gesellschaft zur Last fallen« an. Die Alzheimer-Krankheit wird auch deshalb
als so schrecklich empfunden, weil sie eine, in der westlichen Welt und
unseren Köpfen, wesentliche Facette des Mensch-Seins, nämlich die Vernunft und die Freiheit, für sich selbst zu entscheiden, beeinträchtigt. Es
ist aber sehr wichtig zu betonen, dass diese Krankheit zu keiner Reduktion des »Mensch-Seins« führt und die Betroffenen, in jedem Krankheits-
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stadium, über Ressourcen, Entwicklungsmöglichkeiten und über ein
sehr ausgeprägtes, Innenleben verfügen. Den Erkrankten muss daher in
jedem Krankheitsstadium mit Respekt und Anteilnahme begegnet werden.
Die Krankheit ist eng mit dem Alterungsprozess verbunden und mehr
als die Hälfte der über 100-Jährigen ist davon betroffen. Wahrscheinlich würde jeder Mensch, gesetzt den Fall er lebt lange genug, die Alzheimer Krankheit entwickeln. Es handelt sich also um eine chronische
Alterskrankheit und ist daher ein »natürlicher« Teil unserer Gesellschaft.
Dieses Buch soll auch mithelfen, die Erkrankung, den Verlauf, die Symptome und Beschwerden der Betroffenen besser begreifen zu können und
dadurch die Welt der Betroffenen besser zu verstehen.
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W. Gerschlager
G. Baumgart
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