KVB FORUM Ausgabe 3.2016

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Tit elt he ma
Keine illusorischen Ziele
zu befürchten
Wie kommt die neue Wirkstoffvereinbarung (WSV) der KVB bei den Mitgliedern
an? Und wie hat sich ihr Verordnungsverhalten seit Einführung der WSV Ende
2014 verändert? Apothekerin Barbara Krell-Jäger sitzt an der Quelle. Jeden Tag
beraten sie und das Team der Verordnungsberatung die Ärzte praxisindividuell
zur wirtschaftlichen Verordnung von Arznei-, Heil-, Hilfsmitteln und Sprechstundenbedarf.
Saldierung der einzelnen Ziele zur
Gesamtzielerreichungsquote, die
Zielwertberechnung auf Basis tatsächlicher Verordnungskosten der
jeweiligen Arztfachgruppe und vor
allem welche Fertigarzneimittel einer Zielerreichung entgegenstehen.
Apothekerin
Barbara KrellJäger kennt alle
Antworten rund
um die Verordnung und berät
die KVB-Mitglieder persönlich
und praxisindividuell.
Frau Krell-Jäger, mit welchem Beratungsbedarf sind die Mitglieder direkt nach der Einführung
der Wirkstoffvereinbarung an
Sie herangetreten? Hat sich dieser Bedarf inzwischen verändert?
Der Informationsbedarf war enorm,
da die WSV völlig neu war im Vergleich zu dem, was bisher gegolten hat. Daher musste die Systematik von Grund auf erklärt werden.
Der wichtigste Punkt, bei dem die
Ärzte „den Schalter“ komplett umlegen mussten, war, dass es kein
„Budget“ mehr gibt und dass es
nicht mehr nötig ist, die einzelnen
Präparate nach Kosten auszuwählen. Weitere erklärungsbedürftige
Themen waren die Erläuterung des
Begriffs „DDD“ und dessen Bedeutung für die WSV, das Erkennen von
Generika und Rabattverträgen, die
K V B F O R U M 3/2016
Auch heute gibt es immer noch Fragen zu den gleichen Themen, dazu
die Einordnung in die WSV-Systematik neu auf den Markt gekommener Arzneimittel, die Weiterentwicklung der einzelnen WSV-Gruppen, die Prüfrelevanz, etc. Der Fokus rückt aber jetzt wieder mehr
auf pharmakologische und therapeutische Aspekte.
Wie ist die generelle Stimmung
der Ärzte gegenüber der WSV?
Die Einstellung ist überwiegend
positiv. Viele waren zunächst ungläubig, dass der vordergründige
Blick auf die Kosten des einzelnen
Mittels nicht mehr zählt. Wer das
System einmal verstanden hat, findet es in der Regel einfach und
transparent. Betroffen reagierten
zeitweise Ärzte, die bisher unterdurchschnittlich verordnet haben
und im Richtgrößen- beziehungsweise Fachgruppenvergleich nicht
auffällig waren. Sie merken nun,
dass sie bei einzelnen WSV-Gruppen noch Einsparpotenzial hätten.
Manche Ärzte reklamierten eine
Einschränkung ihrer Therapiefreiheit. Diese kann aber durchaus erhalten bleiben, wenn unter Berücksichtigung des Wirtschaftlichkeitsgebots Therapieentscheidungen
differenzierter getroffen werden.
Manche Ärzte hatten Probleme, unberechtigten Patientenwünschen
stringent entgegenzutreten, wenn
zum Beispiel ein Patient die Verordnung des „Originals“ forderte.
Wie kommen die Praxen mit
dem Ampelsystem der Trendmeldung zurecht?
Für die meisten Ärzte ist dies sehr
übersichtlich. Rote Ampeln/Punkte werden durchaus ernst genommen, grüne Ampeln/Punkte werden als Lob verstanden und erhöhen die Zufriedenheit. Die Ärzte
können „ampelgenau“ beziehungsweise „punktgenau“ erkennen, wo
Handlungsbedarf besteht. Mithilfe
der aufeinanderfolgenden Trendmeldungen ist die Entwicklung gut
abzulesen und ermöglicht ein
rechtzeitiges Gegensteuern.
Haben Sie den Eindruck, dass
die generelle Angst vor Regressen abgenommen hat?
Ja, insbesondere, wenn es um
hochpreisige Präparate geht, die
oft nicht der WSV unterliegen. Es
wird zwar von unserer Seite immer
t i t elt h em a
hervorgehoben, dass Einzelfallprüfungen nach wie vor möglich sind.
Davor fürchten sich aber die meisten Ärzte nicht, denn Einzelfälle
sind in der Regel sehr gut darzulegen. Aber wenn man den „Berg“
aller Verordnungen insgesamt begründen soll, ist das schon beängstigend. Zahlreiche Ärzte, vor
allem diejenigen, die in der neuen
WSV schon viel geschafft haben,
äußern die Befürchtung, dass die
Ziele immer weiter nach oben geschraubt werden. Aber die Weiterentwicklung der WSV ist Verhandlungssache zwischen der KVB und
den Krankenkassen. Und die KVB
wird natürlich keine Ziele vereinbaren, deren Erreichbarkeit für unsere Mitglieder illusorisch ist.
damals nicht in Anspruch genommen und mich durch den Verordnungsalltag „gemogelt“.
Was hat sich mit der Einführung
der Wirkstoffvereinbarung Ende
2014 für Ihre Praxis verändert?
Sie hat mir durch das „Ampelsystem“ schnell meine Verordnungsfehler vor Augen geführt. Vor allem
Frau Krell-Jäger, vielen Dank für
das Gespräch!
Aus der Regresszone
hinausmanövriert
Mithilfe der neuen Wirkstoffvereinbarung und mit Unterstützung der
individuellen Verordnungsberatung
der KVB hat Elke Sennefelder, Hausärztin und Fachärztin für Innere Medizin aus Gilching, ihr Verordnungsverhalten im Griff. Das war nach
eigenem Bekunden nicht immer so.
Frau Sennefelder, welche Erinnerungen haben Sie an die Richtgrößenprüfungen und was war
für Sie das größte Ärgernis?
Ich habe 2008 nach langjähriger
Klinikarbeit eine hausärztlich-internistische Praxis übernommen. Die
Richtgrößenprüfung war für mich
immer ein „Buch mit sieben Siegeln“
– in der Klinik gab‘s beim Verordnen ja keine Einschränkungen. Ehrlich gesagt habe ich meine Verordnungen mehr oder weniger „so laufen lassen“, wie es meine Praxisvorgängerin gehandhabt hat. Eine
Beratung durch die KVB habe ich
Nach Aufschlüsselung der einzelnen Arzneimittelgruppen und den
Erläuterungen durch Frau Krell-Jäger war für mich durchaus transparent, worauf es beim Verordnen
ankommt.
Hatten Sie Schwierigkeiten, Ihre
Ziele zu erreichen?
Ja, der Widerstand der Patienten
hat die Umsetzung erschwert. Ich
habe mich zunächst auf zwei Arzneimittelgruppen fokussiert, die
ich dann konsequent bei jeder Rezeptausstellung geprüft und umgesetzt habe. Viele Patientendiskussionen später, teilweise verbunden
mit Kompromissen, habe ich es
geschafft, mich aus der „Regresszone“ hinauszumanövrieren. Nun
kann ich wieder durchatmen.
Elke Sennefelder, Internistin
aus Gilching, hat
dank einer individuellen Verordnungsberatung im Rahmen
der neuen Wirk-
Haben Sie im Vergleich zu früher mehr Generika verordnet?
stoffvereinbarung ihre Ziele
im Griff.
die prozentuale Darstellung im Gesamtergebnis hat mir deutlich gemacht, dass dringender Handlungsbedarf besteht.
Wie schwierig war es, sich mit
der neuen Systematik vertraut
zu machen?
Ja, ich achte inzwischen vor allem
bei Neuverordnungen auf die Verordnung von Generika und auf Rabattverträge. Die Patienten haben
sich mittlerweile daran gewöhnt,
dass die Originalpräparate nur noch
in Einzelfällen verordnet werden
oder sie die Kosten selbst tragen
müssen.
Nachdem ich das jahrelang versäumt hatte, habe ich Unterstützung von der KVB in Anspruch genommen. In einem ausführlichen
Telefongespräch hat mir Apothekerin Barbara Krell-Jäger mein Verordnungsverhalten erläutert und
mir praktische Tipps zur Verbesserung gegeben. Im Praxisalltag habe ich mich dann „Step by step“
an die Vorgaben herangetastet.
Was sind für Sie persönlich die
größten Vorteile der neuen Wirkstoffvereinbarung?
Mit der neuen WSV wurde den
Mitgliedern mehr Transparenz
bei den einzelnen Indikationen
versprochen. Inwieweit hat sich
dies für Sie bewahrheitet?
Frau Sennefelder, vielen Dank
für das Gespräch!
Die Übersichtlichkeit der „Problemzonen“ erscheint mir am hilfreichsten, auch wenn man sich als Arzt
in seinem Verordnungsverhalten
bei innovativen beziehungsweise
neuen Medikamenten ein wenig
eingeschränkt fühlt.
Interviews Marion Munke (KVB)
K V B F O R U M 3/2016
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