Der Mainzer Katholizismus und der Erste Weltkrieg

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Der Mainzer Katholizismus und
der Erste Weltkrieg
Hausarbeit zur Erlangung des Akademischen Grades
Master of Education
vorgelegt dem Fachbereich 01 – Katholische Theologie und Evangelische
Theologie
der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
von
Simon Brößner
geboren am 24.03.1989 in Viernheim
Matrikelnummer: 2663632
2015
Studienfächer:
Katholische Religionslehre
Geschichte
Bildungswissenschaften
Erstgutachter:
Zweitgutachter:
Univ.-Prof. Dr. theol. Claus Arnold
PD Dr. theol. Christoph Nebgen
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ................................................................................................................................... 3
1.1 Ausgangssituation und Forschungsstand............................................................................. 3
1.2 Herleitung der Fragestellung ............................................................................................... 5
1.3 Forschungsmethode............................................................................................................. 9
1.4 Aufbau der Arbeit ............................................................................................................. 11
2 Die Lehre vom gerechten Krieg ............................................................................................... 13
2.1 Der deutsche Katholizismus und die Lehre vom gerechten Krieg .................................... 13
2.2 Der Mainzer Katholizismus und die Lehre vom gerechten Krieg ..................................... 15
3 Die Causa Belgien .................................................................................................................... 17
3.1 Die Verletzung der Neutralität Belgiens ........................................................................... 17
3.1.1 Der Deutsche Katholizismus und die Verletzung der Neutralität Belgiens ............... 18
3.1.2 Der Mainzer Katholizismus und die Verletzung der Neutralität Belgiens ................. 18
3.2 Der Vorwurf der Gräueltaten ............................................................................................ 20
3.2.1 Der Vorwurf der Gräueltaten und der deutsche Katholizismus ................................. 21
3.2.2 Der Vorwurf der Gräueltaten und der Mainzer Katholizismus .................................. 23
4 Die Causa Frankreich ............................................................................................................... 26
4.1 Die Absprache der Religiosität Frankreichs ...................................................................... 26
4.1.1 Die Absprache der Religiosität Frankreichs im deutschen Katholizismus................. 26
4.1.2 Die Absprache der Religiosität Frankreichs im Mainzer Katholizismus ................... 28
4.2 „La Guerre Allemande et le Catholicisme“ ....................................................................... 32
4.2.1 „La Guerre Allemande et le Catholicisme“ und der deutsche Katholizismus ............ 32
4.2.2 „La Guerre Allemande et le Catholicisme“ und der Mainzer Katholizismus ............ 33
4.3 Die Kathedrale von Reims ................................................................................................ 36
4.3.1 Der deutsche Katholizismus und die Kathedrale von Reims ..................................... 37
4.3.1 Der Mainzer Katholizismus und die Kathedrale von Reims ...................................... 37
5 Die Causa Italien ...................................................................................................................... 39
5.1 Die Lösung der Römischen Frage ..................................................................................... 39
5.1.1 Der deutsche Katholizismus und die Lösung der Römischen Frage .......................... 40
5.1.2 Der Mainzer Katholizismus und die Lösung der Römischen Frage........................... 41
5.2 Die Befreiung des italienischen Volkes von der kirchenfeindlichen Freimaurerregierung
................................................................................................................................................. 46
5.2.1 Der deutsche Katholizismus und die Befreiung des italienischen Volkes von der
kirchenfeindlichen Freimaurerregierung ............................................................................. 46
5.2.2 Der Mainzer Katholizismus und die Befreiung des italienischen Volkes von der
kirchenfeindlichen Freimaurerregierung ............................................................................. 46
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV. ...................................................................................... 53
6.1 Die Friedensbemühungen der Päpste ................................................................................ 53
6.1.1 Der deutsche Katholizismus und die Friedensbemühungen der Päpste ..................... 54
1
6.1.2 Der Mainzer Katholizismus und die Friedensbemühungen der Päpste ...................... 55
6.2 Die deutsche Friedensinitiative von 1916 ......................................................................... 65
6.3 Die Neutralität des Papstes ................................................................................................ 66
6.3.1 Der deutsche Katholizismus und die Neutralität des Papstes ..................................... 66
6.3.2 Der Mainzer Katholizismus und die Neutralität des Papstes ..................................... 67
7 Fazit .......................................................................................................................................... 70
7.1 Ergebnisse der Arbeit ........................................................................................................ 70
7.2 Ausblick auf weiterführende Studien ................................................................................ 72
8 Literaturverzeichnis.................................................................................................................. 74
8.1 Quelle ................................................................................................................................ 74
8.2 Sekundärliteratur ............................................................................................................... 74
8.3 Internetquellen................................................................................................................... 86
Selbstständigkeitserklärung ......................................................................................................... 87
2
1 Einleitung
1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation und Forschungsstand
Im August vor hundert Jahren brach er aus1: Der Erste Weltkrieg. 2 Dieser Krieg, der für
die Deutschen bis zum 11. November 1918 dauerte,3 sollte im Nachhinein als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts („the great seminal catastrophe of this century“4) in die
Forschung eingehen.5
Bis heute ist der Erste Weltkrieg ein viel diskutiertes Themenfeld in der Geschichtsschreibung.6 Dementsprechend hat die historische Forschung zum Ersten Weltkrieg mittlerweile eine gewaltige Menge an Literatur hervorgebracht, 7 selbst wenn der Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg lange Zeit eine höhere Bedeutung zugekommen ist.8
Vor allem in der letzten Dekade ist dabei ein wesentlicher Zuwachs an Forschungsliteratur zu verzeichnen.9
Dabei lag der Schwerpunkt in der westdeutschen Geschichtsschreibung nach dem Zweiten Weltkrieg10 bis in die 1960er Jahre auf der Politikgeschichte. Diese wurde in den
1970ern von sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Untersuchungen abgelöst.11 Seit den
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Der Großteil dieser Arbeit wurde im Jahr 2014 verfasst.
Die Bezeichnung „Erster Weltkrieg“ wurde von Oberst Charles à Court Repington einem Militärkorrespondent der Londoner Times in seinem 1920 erschienen Werk „The First World War, 1914-1918“,
geprägt. Manche Historiker denken, dass eher der Siebenjährige Krieg (1756-1763) diesen Namen beanspruchen kann. Für die meisten Zeitgenossen war es „the great war“/„la Grande Guerre“/„la Grande
Guerra“. Nur die Deutschen bezeichneten ihn von Beginn an als Weltkrieg. Vgl. Howard, Weltkrieg, S.
19f.
Auch wenn manche Forscher den Zeitraum von 1914 bis 1945 als „Zweiten Dreißigjährigen Krieg“
zusammenfassen und bereits einige Zeitgenossen den Friedenschluss 1918/19 nicht als Endes des Krieges ansahen (vgl. Greschat, Kirchen, S. 109; Winter [u.a.], Einleitung S. 10f.), gibt es viele Argumente
die für eine Eigenständigkeit des Ersten Weltkrieges sprechen. Vgl. Neitzel, Ursachen, S. 13. Daher hat
sich der überwiegende Teil der Forscher für den 11. November 1918, an dem es zur Unterzeichnung
des Waffenstillstands kam als Ende des Ersten Weltkrieges entschieden. Vgl. Bihl, Weltkrieg, S. 248;
Lätzel, Kirche, S. 56.
Diese Bezeichnung, die von der aktuellen Forschung weitestgehend akzeptiert ist, geht auf den amerikanischen Historiker und Diplomaten George F. Kennan zurück. Vgl. Kennan, decline, S. 3.
Vgl. Berghan, Weltkrieg, S. VII; 11.
Vgl. Geinitz, Kriegsfurcht, S. 9; Winter [u.a.], Einleitung, S. 7. Auch in Mainz hat der Erste Weltkrieg
aktuell eine große Bedeutung. Dies beweisen die anlässlich des Zitadellenfestes am 13.9.2014 gehaltenen Vorträge über die Rolle von Mainz im Ersten Weltkrieg und die Ausstellung auf der ehemaligen
Festung. Vgl. Flyer, Zitadellenfest.
Vgl. Fesser, Deutschland, S. 114; Neitzel, Ursachen, S. 13.
Vgl. Hummel/Kösters, Einführung, S. 10f., Neitzel, Ursachen, S. 16, Scheidgen, Bischöfe, S. 1.
Vor allem der 90. und 100. Jahrestag des Ausbruches des Ersten Weltkrieges haben zu einem gewaltigen
Anstieg der Weltkriegsforschung geführt. Vgl. Berghan, Weltkrieg, S. VIII; Nübel, Forschung S. 1.
Da die vorherige Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg meist den heutigen wissenschaftlichen
Ansprüchen nicht genügt, wird hier darauf verzichtet diese Entwicklung zu skizzieren. Sie kann bei
Krumeich/Hirschfeld, Geschichtsschreibung, S. 304-308 und Neitzel, Ursachen, S. 13 nachverfolgt
werden.
Vgl. Bauerkämper/Julien, Einleitung, S. 11; Geinitz, Kriegsfurcht, S. 11; König, Agitation, S. 23;
Nübel, Forschungen S. 1.
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1 Einleitung
1980er Jahren dominieren die erfahrungsgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen12 Fragestellungen, wobei vor allem der Alltag und die Mentalitäten berücksichtigt werden.13
So gerieten Tagebücher, Fotografien, Feldpost und Frontzeitungen in den Fokus der Historiker.14 Nach der Jahrtausendwende kam es zu einer Vielzahl von Gesamtdarstellungen
und kurzen Überblickwerken, in denen sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte zusammengeführt wurden. Hier ist Neitzels „Weltkrieg und Revolution“ zu nennen. Daneben
bietet die von Hirschfeld [u.a.] herausgegebene „Enzyklopädie Erster Weltkrieg“, in der
mehr als 140 internationale Experten zu Wort kommen, einen globalen Überblick über
den aktuellen Forschungsstand zum Ersten Weltkrieg.15
Innerhalb des weiten Forschungsgebietes des Ersten Weltkrieges befindet sich die vorliegende Studie in der Schnittmenge von Katholizismusforschung und regionalgeschichtlicher Studien zu Mainz. Bemängelt Scheidgen noch 1991, dass der Katholizismus im Ersten Weltkrieg nicht umfangreich genug erforscht sei,16 behauptet Geinitz sieben Jahre
später, dass die Forschung über die katholischen Kirche im Ersten Weltkrieg auf einem
breiten Fundament an wissenschaftlicher Literatur beruhe.17 Mittlerweile existieren neben vielen grundlegenden überblicksartigen Werken über den Katholizismus im Ersten
Weltkrieg18 auch wenige regionalgeschichtliche Studien.19 Ebenfalls gibt es Untersuchungen zu einzelnen Gruppierungen innerhalb des deutschen Katholizismus, wie beispielsweise Untersuchungen zur Zentrumspartei20, zu deutschen Soldaten21 und zum Episkopat und anderen Geistlichen.22 Eine Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse, die
sich gut für einen Einstieg in die Thematik eignet, gelang vor kurzem Lätzel, wobei er,
wie er selbst zugibt, keine neuen wissenschaftliche Ergebnisse präsentiert und sich größtenteils auf den deutschen Katholizismus beschränkt. 23 Um einen ersten internationalen
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Einen umfassenden Überblick über aktuelle Forschungstendenzen zur Kultur und Sozialgeschichte des
Ersten Weltkrieges in Großbritannien und Deutschland bietet Nübel, Forschungen.
Vgl. König, Agitation S. 23; Krumeich/Hirschfeld, Geschichtsschreibung, S. 312.
Vgl. Krumeich/Hirschfeld, Geschichtsschreibung, S. 310f.
Vgl. Nübel, Forschungen, S. 31f.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 4-10.
Vgl. Geinitz, Kriegsfurch S. 184.
Baumeister, Parität; Gatz, Kirche; Gründer, Nation; Hürten, Katholizismus; Ders. Kirche; Lutz, Katholiken; Loth, Katholizismus; Strötz, Katholizismus.
Geinitz, Kriegsfurcht; Göbel, Katholiken.
Loth, Katholiken.
Haidl, Ausbruch.
Scheidgen, Bischöfe; Missalla, Gott.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 10.
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1 Einleitung
Überblick zu erhalten, sei auf Greschat verwiesen, der skizzenartig die staatsübergreifende Rolle des Christentums behandelt.24 Die jüngste Katholizismusforschung beschäftigt sich vor allem mit der religiösen Deutung des Krieges.25
Schließlich sei auf den von Berkessel herausgegebenen Band „Mainz und der Erste Weltkrieg“ hingewiesen. Dort wird allerdings nicht explizit auf den Katholizismus im Ersten
Weltkrieg eingegangen. Stumme vertritt in seinem Beitrag „Kriegsbeginn und ,Augusterlebnis‘ im Spiegel der Mainzer Presse“ lediglich die These, dass dort der erste Weltkrieg
vom Mainzer Katholizismus begrüßt worden sei.26
1.2 Herleitung der Fragestellung
Der Erste Weltkrieg stellte gerade für den Katholizismus27 im Deutschen Kaiserreich eine
besondere Chance, aber zugleich auch eine Herausforderung dar. Die aktuelle Forschung
ist sich weitestgehend darin einig, dass die Katholiken den Ersten Weltkrieg als Gelegenheit sahen, ihren Pariahstatus28 im protestantisch-liberal geprägten Deutschen Reich zu
überwinden. Wenn man, so die damals gängige Meinung der Katholiken, die nationale
Zuverlässigkeit unter Beweis stelle, könne man dem Vorwurf der Reichsfeindlichkeit29
widerlegen und somit die Integration in den 1871 geschaffenen Nationalstaat vollenden.30
Dies würde zu der lang ersehnten politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gleichberechtigung führen.31 Zwar waren die Katholiken 1914 bereits weitestgehend in den Nationalstaat integriert32 und hatten vor allem im Südwesten Deutschlands seit Beginn des
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Vgl. Greschat, Christenheit, S. 13.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 37; Hummel/Kösters, Einführung S. 13. Hier sei auf Holzem, Krieg und
Christentum und den von Korff herausgegebenen Sammelband: Alliierte im Himmel verwiesen. Ebenso
gehören Holzem/Holzapfel, Kriegserfahrung und Schlager, Kult dazu.
Vgl. Stumme, Kriegsbeginn, S. 50.
Mit Katholizismus sind in der vorliegenden Studie alle Anschauungen und Haltungen, die sich an den
Grundvorgaben der römisch-katholischen Kirche orientieren, gemeint. Vgl. Beinert, Katholizismus, Sp.
888; Haidl, Katholizismus, S. 607.
Entlehnung vom amerikanisch-englischen pariah für „Ausgestoßene“/„Außenseiter“. Vgl. Mommsen,
Umdeutung, S. 252; Mommsen, Erster Weltkrieg, S. 170.
Der Vorwurf der Staatsfeindlichkeit ergab sich daraus, dass den Katholiken „Ultramontanismus“, also
eine besondere Rom- und Papsttreue vorgeworfen wurde. In den Augen der Protestanten konnte man
aber nur entweder dem Papst, oder dem Kaiser und der Nation gegenüber loyal zu sein. Die Katholiken
hätten sich für den Papst entschieden. Während des Kulturkampfes wurde Ultramontanismus daher oft
auch als Schimpfwort genutzt. Vgl. Conzemius, Katholizismus, Sp. 893; Ders., Kirchen S. 49;
Göbel, Katholiken S. 19; Lätzel, Kirche, S. 22; 39ff.; Weiß, Ultramontanismus, S. 512f.; 528f.
Vgl. Burkard, Kaiser, S. 46; Geinitz, Kriegsfurcht, S. 185; Göbel, Katholiken S. 12; Kretschmann, Herr,
S. 58; Lätzel, Kirche, S. 32; Leonhard, Weltkrieg Sp. 1443; Loth, Katholiken, 280; Lutz, Demokratie,
S. 21; Schatz, Kirchengeschichte, S. 132; Strötz, Katholizismus, S. 216.
Vgl. Betker, Einleitung, S. 21; Bruendel, Zeitenwende, S. 61; Göbel, Katholiken S. 12; Loth, Katholiken, S. 279; Schlager, Kult, S. 40.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 195f; Strötz, Katholizismus, S. 181.
5
1 Einleitung
19. Jahrhunderts einen großen Anteil an der Nationalisierung,33 dennoch fühlten sie sich
kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges als „Bürger zweiter Klasse“34 behandelt und
meinten, im Vergleich zur protestantischen Mehrheit35 benachteiligt zu werden.36 Tatsächlich waren die Katholiken in den hohen gesellschaftlichen Ämtern unterrepräsentiert,
wie ein Blick in die Leitungsfunktionen des Militärs, der Politik, der Wissenschaft und
der Staatsverwaltung bestätigt. Entsprechend hatten sie im Schnitt ein geringeres Einkommen als ihre protestantischen Mitbürger.37 Lätzel weist darauf hin, dass dies auch der
niedrigeren Bildung geschuldet gewesen sein könne.38 Die Katholiken waren überzeugt,
wenn sie sich in der Stunde der Gefahr von niemandem an nationaler Gesinnung überbieten ließen, müssten alle Zweifel und Vorurteile im Blick auf die nationale Zuverlässigkeit
verstummen und man könne sie nach dem Krieg nicht länger von der Teilhabe an der
Macht ausschließen.39 Bestärkt wurde diese Hoffnung durch eine Rede Kaiser Wilhelms
II. Anfang August 1914, in der er statt unterschiedlicher Klassen, Parteien und Konfessionen nur noch Deutsche kennen wollte.40
Doch war es für die Katholiken überhaupt legitim solch eine Chance zu nutzen? Gerieten
sie nicht vielmehr durch einen Krieg automatisch in einen Konflikt mit dem traditionell
katholischen Prinzip des Universalismus?41
Der Erste Weltkrieg bedeutete für den deutschen Katholizismus dementsprechend eine
Herausforderung. So war jeder Katholik einerseits Staatsbürger einer Nation und somit
gegenüber dem protestantischen Kaisertum und dem deutschen Nationalstaat verpflichtet.
Andererseits war man aber auch Katholik und dadurch Mitglied einer universalen Kirche
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Vgl. Lätzel, Kirche, S. 43, Scheidgen, Bischöfe, S. 20; Stambolis, Nationalisierung, S. 96. Vor allem
die konfessionelle Inhomogenität der Vereinskultur im Südwesten des Deutschen Reiches begünstigte
diese Nationalisierung. Vgl. Stambolis, Nationalisierung, S. 69-73.
Burkard, Kaiser, S. 46; Strötz, Katholizismus, S. 175.
Bei der letzten Volkszählung 1910 waren 36,7% (23,8 Millionen) aller Deutschen katholisch. Zudem
war das Zentrum mit 16,3% der Stimmen im Reichstag vertreten. Als Katholik gehörte man dement
sprechend zu einer zahlenmäßig starken sowie, zu einer politisch einflussreichen, aber wenig geachtet
Minderheit im Deutschen Kaiserreich. Vgl. Fesser, Tagen, S. 128; Hürten, Kirche S. 725; Haidl, Katholizismus, S. 607; Lutz, Demokratie S. 9; 16; Strötz, Katholizismus, S. 172.
Vgl. Burkard, Kaiser, S. 46; Greschat, Christenheit S. 17.
Vgl. Baumeister, Parität; S. 23ff; 33ff.; Göbel, Katholiken, S. 74; Lätzel, Kirche, S. 32.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 32.
Vgl. Greschat, Christenheit, S. 17; Loth, Katholiken S. 28, Strötz, Katholizismus, S. 216. Auch im
Mainzer Journal (in Zukunft mit MJ abgekürzt) wird diese Hoffnung geäußert. Vgl. Kriegserkenntnisse,
in: MJ 26.11.1915.
Vgl. Loth, Katholiken, S. 279; Schlager, Kult, S. 40. Auch das MJ berichtet von dieser Rede. Vgl.
Ansprachen des Kaisers und des Reichskanzlers, in: MJ 03.08.1914.
Vgl. Baadte, Universalismus, S. 89; Lutz, Demokratie S. 47. Dass sich der Mainzer Katholizismus dieser Problematik durchaus bewusst war, beweisen Artikel wie beispielsweise: Papsttum und Weltfriede,
in: MJ 24.02.1917; Papsttum und Weltfriede, in: MJ 05.05.1917 und Der Internationalismus der katho
lischen Kirche, in: MJ 20.07.1918.
6
1 Einleitung
mit dem Papst als Oberhaupt.42 Anders ausgedrückt stand der Katholizismus während des
Weltkrieges im Spannungsverhältnis zwischen Nationalismus43 auf der einen und Universalismus sowie Ultramontanismus44 auf der anderen Seite.45
Viele Historiker sind sich dahingehend einig, dass sich der deutsche Katholizismus im
Ersten Weltkrieg mehrheitlich46 für die Nation und gegen die christlichen Werte entschieden habe. Die deutschen Katholiken hätten vor allem beweisen wollen, dass sie gute Deutsche seien. 47 Aus der völkerverbindenden kirchlichen Gemeinschaft sei so eine Kirche
geworden, die ausblendete, dass in anderen Ländern ebenfalls Katholiken mit derselben
Tradition, den gleichen Dogmen und Hierarchien und vor allem dem gleichem Credo
wohnten.48 „Aus der Friedensbotschaft des Evangeliums und der universalen göttlichen
Liebe wurde die Verkündigung eines brutalen nationalen Götzen.“49 Doch gerade die
neuere Forschung weist darauf hin, dass die Haltung der Katholiken differenzierter betrachtet werden muss.50 Dies beweisen Spezialstudien, wie die von Scheidgen, Göbel und
Geinitz.51 Daher bieten sich weitere Detailstudien an.
Gerade der Mainzer Katholizismus ist in dieser Hinsicht ein interessantes Beispiel, da
Mainz an der Entstehung des Ultramontanismus während der Napoleonischen Zeit entscheidenden Anteil hatte und daher als extrem ultramontan galt.52 Zwar hatte diese Haltung zwischenzeitlich durch Einwirken der hessischen Landesregierung nachgelassen,
doch die Einstellung der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstandenen „zweiten
Mainzer Theologenschule“ kann wieder als kirchenstreng und papstloyal bezeichnet werden.53 So lehnten ihre Anhänger moderne philosophische und theologische Ansätze ab
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Vgl. Göbel, Katholiken, S. 34; Hürten, Kirche, S. 725; Kretschmann, Herr, S. 58; Lätzel, Kirche, S.
177; Pollard, Pope, S. 94; Schlager, Kult, S. 42.
Die vorliegende Arbeit verwendet den Begriff „Nationalismus“ im Sinne einer politisch gesellschaftlichen Einstellung, die der Nation den absoluten Vorrang vor anderen Bindungen, wie zum Beispiel der
Religion, zumisst. Vgl. Koschorke, Nationalismus, Sp. 68.
Auch wenn Weiß schreibt die Definition Ultramontanismus als Papsttreue sei zu kurz gegriffen, ist dies
für die vorliegende Arbeit ausreichend. Vgl. Weiß, Ultramontanismus S. 514 und Anm. 29 der vorliegenden Arbeit. Zur genaueren Definition siehe Weiß, Ultramontanismus und Schulte Umberg, Berlin.
Vgl. Göbel, Katholiken S. 14f.; Hürten, Kirche S. 725; Haidl, Katholizismus, S. 607.
Eine Ausnahme war zum Beispiel Julius Bachem. Vgl. Loth, Katholiken, S. 285.
Vgl. Greschat, Kirchen, S. 105; Hope, world wars, S. 131f.; Hürten, Geschichte, S. 183; Kirchner,
Papsttum, S. 80f; Lätzel, Kirche, S. 31; 41; Maron, Kirche, S. 262; Schlager, Kult, S. 42; Schreiner,
Helm, S. 96.
Vgl. Kretschmann, Herr S. 59; Lätzel, Kirche, S. 199.
Greschat, Christenheit, S. 13.
Vgl. Werner, Gott, S. 69.
Geinitz, Göbel und Scheidgen kommen zu dem Schluss, dass der jeweils von Ihnen untersuchte Teil
des Katholizismus keinem bedingungslosen Nationalismus, der jeden Gedanken an die Universalität
des Christentums ausblendete, verfiel. Vgl. Geinitz, Kriegsfurcht, S. 195; Göbel, Katholiken, S. 64;
Scheidgen, Bischöfe, S. 60; S. 362. Im Hauptteil dieser Studie wird darauf genauer eingegangen.
Vgl. Weiß, Ultramontanismus, S. 518f.
Vgl. Arnold, Friedrich, S. 16f; Braun, Bistum, S. 1169; Ders., Mainz, S. 947; Kläger, Mainz, S. 442.
7
1 Einleitung
und versprachen sich „Orientierung von dem Blick über die Alpen nach Rom“54. Geprägt
wurde diese „zweite Mainzer Theologenschule“ vor allem durch Bischof Haffner55,
Domdekan Heinrich56, Regens Moufang57 sowie Bischof Brück58, der als konservativ und
antiaufklärerisch galt.59 Auch der 1848 von Domdekan Lennig60 gegründete „Verein für
religiöse Freiheit“61 demonstriert die ultramontane Einstellung der damaligen Mainzer
Katholiken, indem er sich bei seiner ersten Mitgliederversammlung in „Piusverein“ umbenannte.62 Ein weiterer Beleg für die papsttreue Haltung der Mainzer Bistumsleitung ist,
dass Domkapitular Schneider63 auf Grund seines Versuchs in den 1880er Jahren sich von
einer ultramontanen Sichtweise zu lösen eine Außenseiterrolle in Domkapitel und Diözese innehatte und angesichts der kirchenpolitischen Verhältnisse in Mainz unter den Bischöfen Brück und Kirstein64 resignierte.65 Allerdings schien kurz vor dem Ersten Weltkrieg die Hochburg des Ultramontanismus umgeschwenkt zu sein, wie der Gewerkschaftsstreit belegt. In dieser Auseinandersetzung innerhalb des deutschen Katholizismus, ging es darum, ob die Zentrumspartei und die christlichen Gewerkschaften autonom
oder von Rom abhängig und der katholischen Hierarchie untergeordnet sein sollten.66 Der
deutsche Katholizismus teilte sich dabei in zwei Lager: Die Anhänger der „Berliner Richtung“ wollten eine engere Bindung an Rom und befürworteten den antimodernistischen
Weg Pius X.67 Die Gegenseite, die „Köln-Mönchengladbach Richtung“, vertrat einen Reformkatholizismus mit einer stärkeren Unabhängigkeit von Papst und kirchlicher Hierarchie.68 Die katholischen Arbeiter des Bistums Mainz waren mehrheitlich im „Verband
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Arnold, Friedrich, S. 14.
Paul Leopold Haffner (1829-1899) ab 1886 Bischof von Mainz Vgl. Braun, Bistum, S. 1142;1168.
Domdekan Johann Baptist Heinrich (1816-1891) war ab 1869 Mainzer Generalvikar. Zudem war er
Professor für Dogmatik. Vgl. Braun, Bistum, S. 1168; Schwerdtfeger, Kirche, S. 21.
Franz Christoph Ignaz Moufang (1817-1890) war nach dem Tode Bischof Kettelers 1977 bis zu der
Ernennung Haffners Bistumsverweser und später Regens in Mainz. Braun, Bistum, S. 1168; Schwerdtfeger, Kirche, S. 21.
Dr. Heinrich Brück (1831-1903), ab 1899 Bischof von Mainz. Vgl. Braun, Bistum S.1146f;
Vgl. Jürgensmeier, Bistum, S. 302.
Adam Franz Lennig (1803-1866), ab 1856 Domdekan. Vgl. Reusch, Lennig, S. 261.
Die bekanntesten Gründungsmitglieder neben Lennig waren Moufang, Heinrich, der Kirchenhistoriker
Kaspar Riffel (1807-1856) und der Laie Johann Falk. Vgl. Jürgensmeier, Bistum, S. 283.
Vgl. Schwerdtfeger, Kirche, S. 18.
Friedrich Schneider (1836-1907), wurde 1891 zum Mainzer Domkapitular ernannt. Vgl. Arnold, Friedrich, S. 14.
Georg Heinrich Maria Kirstein war von 1903/4 bis 1921 Bischof von Mainz. Vgl. Braun, Bistum, S.
1147f.; Jürgensmeier, Bistum, S. 303f.
Vgl. Arnold, Friedrich, S. 21-29.
Lätzel, Kirche, S. 29
Berühmteste Vertreter dieser Richtung waren der Trierer Bischof Michael Felix Korum (1881-1921
Bischof von Trier) und der Breslauer Kardinal Georg Kopp (1887-1914 Bischof von Breslau). Vgl.
Lätzel, Kirche, S. 29.
Generell war der Osten eher der „Berliner-„ und der Westen, mit Ausnahme von Trier, eher der „KölnMönchengladbach Richtung“ zugetan. Vgl. Lätzel, Kirche, S. 29.
8
1 Einleitung
katholischer Arbeitsvereine Westdeutschlands“ vertreten, der der „Köln-Mönchengladbach Richtung“ zugeneigt war. Bischof Kirstein, der Nachfolger des 1903 verstorbenen
Brück, ließ sich nicht festlegen, schien aber laut Braun eher „die Köln-Mönchengladbach
Richtung“ zu bevorzugen. Gleichwohl hatte die „Berliner Richtung“ ebenfalls Vertreter
im Bistum Mainz, wie beispielweise den Domkapitular Bendix.69 Insgesamt habe Bischof
Kirstein versucht allen Konflikten aus dem Weg zu gehen und hielt sich politisch eher
bedeckt.70 Auch dem Krieg gegenüber sei er eher zurückhaltend gewesen.71
Gerade die Fragestellung, wie sich der Mainzer Katholizismus im Spannungsverhältnis
Nationalismus und Ultramontanismus verhielt, bietet sich daher für Mainz an, da es lange
als extrem papsttreu galt und auch wenn die Stimmung kurz vor dem Ersten Weltkrieg zu
kippen schien, doch noch immer starke Vertreter des Ultramontanismus sowie einen Bischof der dem Krieg eher reserviert gegenüberstand, hatte.
1.3 Forschungsmethode
Eine geeignete Methode zur Meinungsforschung ist die Zeitungsanalyse,72 denn mit Zeitungen ist man am „historischen Puls der Zeit. Sie kommentieren und registrieren fast alle
Ereignisse“73 als subjektive Beobachter des Zeitgeschehens und versuchen die Leser im
Sinne ihrer Meinung zu lenken.74 Auch wenn nie genau gesagt werden kann, inwiefern
die Leserschaft der geäußerten Meinung zustimmt, sagen Zeitungsartikel etwas über die
öffentliche Stimmung der zeitgenössischen Akteure aus, da sie wie auch Hirtenbriefe, die
in den Zeitungen abgedruckt sind, auf die Bedürfnisse der Leser und der Gemeinde eingehen müssen, um erfolgreich zu sein.75 Zeitungen leisten somit einen unerlässlichen Beitrag zu der Untersuchung zeitgenössischer Einstellungen zu einzelnen politischen, wirtschaftlichen, historischen oder kulturpolitischen Vorgängen.76 Um die Meinung der
Mainzer Katholiken im Bezug auf die vorgestellte Fragestellung hin zu untersuchen,
wurde dementsprechend mit dem „Mainzer Journal“ (im Folgenden MJ abgekürzt) eine
Katholische Mainzer Tageszeitung verwendet.
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76
Dr. Ludwig Bendix (1857-1923). Vgl. Braun, Bistum S. 1157ff.
Vgl. Jürgensmeier, Bistum, S. 304; Schwerdtfeger, Kirche, S. 26.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 92.
Vgl. Wieseotte, Mainzer Journal, S. 17.
Matzerath, Zeitungen, S. 190.
Vgl. Wieseotte, Mainzer Journal, S. 17f.
Vgl. Geinitz, Kriegsfurcht, S. 204f.; Göbel, Katholiken, S. 40; König, Agitation, S. 28; Verhey,
Geist, S. 33.
Vgl. Wieseotte, Mainzer Journal, S. 17f.
9
1 Einleitung
Dieses Blatt eignet sich gut zu einer Analyse, da es „bis 1933 die maßgebende öffentliche
Stimme der Katholiken am Mittel und Oberrhein“77 und das „wichtigste Organ der katholischen Laien von 1848-1942“78 war. Im Gegensatz zu der 1821 gegründeten kirchenpolitischen Zeitschrift „der Katholik“, die 1909 nur noch 542 Abonnenten hatte und 1918
ganz den Betrieb einstellte, 79 hatte das MJ nach eigenen Angaben während des Weltkriegs über 19.000 Abonnementen80 und erreichte so einen weit größeren Teil des Mainzer Katholizismus als „der Katholik“. Gegründet wurde das MJ nach Aufhebung der Pressezensur im Juni 184881, unter der Redaktion Franz Sausens (1810-1866), der der „zweiten Mainzer Theologenschule“ und dem „Piusverein“ nahestand.82 Das Blatt war dementsprechend ultramontan eingestellt und sollte das politische Geschehen aus romtreuer
katholischer Sicht kommentieren.83 Nach der Reichsgründung stand das Blatt dem Zentrum nahe84 und repräsentierte so gewissermaßen als „das führende hessische Zentrumsblatt“85 in dieser Region den politischen Katholizismus.86 Da das MJ von Laien betrieben
wurde, in ihm aber auch Hirtenbriefe und Artikel über Vereinsversammlungen abgedruckt sind, deckt es eine große Bandbreite des Mainzer Katholizismus ab.
Es erschien sechsmal wöchentlich und erreichte bald eine Auflage von 1.000 Exemplaren.87 Damit gehörte es zu den am weitest verbreiteten Zeitungen im Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Kurz darauf wurde es ebenso in Bayern, Elsass-Lothringen, Baden, Württemberg und Nassau gelesen. Mit diesem überregionalen Charakter sicherte sich das MJ
auch eine führende Rolle unter den katholischen Tageszeitungen Deutschlands.88 Entsprechend seiner weiten Verbreitung in Süddeutschland89 kann durch die Verwendung
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Braun, Mainz, S. 940.
Jürgensmeier, Bistum, S. 283. Laut Kornfeld bestand es nur bis 1941. Kornfeld, Entwicklung, S. 83.
Vgl. Braun, Mainz, S. 937; Kornfeld, Entwicklung, S. 202; Schmolke, Entwicklung, S. 236; Roegele,
Presse, S. 399.
Vgl. MJ vom 20.03.1915.
Nach Verkündigung der Pressefreiheit am 30.03.1948 erschien die erste Probenummer am 06.06.1948.
Vgl. Kornfeld, Entwicklung, S. 174. Regelmäßig erschien das MJ ab 16.07.1948. Vgl. Schmolke, Katholiken, S. 81.
Vgl. Arnold, Friedrich, S. 14; Kornfeld, Entwicklung, S. 174; Wieseotte, Mainzer Journal, S. 79.
Vgl. Braun, Mainz, S. 940; Kornfeld, Entwicklung, S. 174; Wieseotte, Mainzer Journal, S. 27.
Vgl. Braun, Bistum, S.1152; Schütz, Weltkrieg, S. 489; Stumme, Kriegsbeginn, S. 45.
Grundsätzliches zur hessischen Zentrumspolitik, in: MJ 11.12.1917. Im Folgenden werden alle direkten
Zitate aus dem MJ kursiv abgebildet um diese hervorzuheben.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 22.
Im Jahre 1883 lag die Auflagenhöhe bei etwa 4800, 1887 bei circa 5000 Exemplaren. Vgl. Kornfeld,
Entwicklung, S. 83f.
Vgl. Kornfeld, Entwicklung, S. 175. Obwohl das MJ seine Auflagen ständig steigerte und im ganzen
Südwesten Deutschlands gelesen wurde, konnte es die führende Rolle unter den katholischen Blättern
bis zur Zeit des Ersten Weltkriegs nicht beibehalten. Die zwei großen katholisch überregional anerkannten Tageszeitungen, in dieser Zeit waren die Kölnische Volkszeitung und die Germania in Berlin. Vgl.
Schmolke, Entwicklung, S. 239; Roegele, Presse, S. 420.
Vgl. Roegele, Presse, S. 410.
10
1 Einleitung
dieser Tageszeitung als Quelle nicht nur die Stimmung der Stadt Mainz, sondern auch die
des gesamten Bistums Mainz im Ersten Weltkrieg veranschaulicht werden. Über die Biographie und kirchenpolitische Stellung des Chefredakteurs zur Zeit des Ersten Weltkriegs Franz Koepgen ist nichts bekannt.
Allerdings erschwert die staatliche Pressezensur während des Ersten Weltkriegs den Umgang mit Zeitungen in diesem Zeitraum. So ging bei Kriegsbeginn gemäß Artikel 68 der
Reichsverfassung die vollziehende Gewalt im Kaiserreich auf die 62 lokalen Militärbefehlshaber90 über, die somit auch für die Pressezensur zuständig waren.91 Jedoch fehlten
bis zum Kriegsende einheitliche und transparente Richtlinien92 und die Zensur war fast
ausschließlich auf die öffentliche Kriegszieldiskussion sowie auf militärische Meldungen
beschränkt.93 Weiterhin waren die politischen Grundüberzeugungen der Journalisten in
ihren Beiträgen zu erkennen, 94 obgleich sie sich quasi eine Selbstzensur95 auferlegten,
indem sie ihr Schreiben in den Dienst des Vaterlandes stellten, um ihren Beitrag zum
erfolgreichen Ausgang des Krieges zu leisten.96 Daher kann eine Untersuchung des MJ
trotz Zensurbestimmungen für die dieser Arbeit zugrunde liegende Frage zielbringend
sein.
1.4 Aufbau der Arbeit
Zunächst wird in Kapitel 2 die damals in der katholischen Moraltheologie herrschende
Lehre des gerechten Krieges vorgestellt, da dies die Voraussetzung ist, um die Argumentationsstruktur des Katholizismus, während des Ersten Weltkrieges zu verstehen.
Um herauszufinden wie der Mainzer Katholizismus mit der Spannung zwischen Ultramontanismus/Universalismus und Nationalismus umging, wird in den Kapiteln 3 bis 5
analysiert, wie im MJ mit der Rechtfertigungsproblematik einen Krieg gegen Länder mit
überwiegend katholischer Bevölkerung, wie Belgien, Frankreich und Italien führen zu
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96
In Mainz war dies der Gouverneur Hugo von Kathen. Vgl. Schütz, Weltkrieg, S. 475.
Vgl. Fesser, Tagen, S. 143; König, Agitation, S. 54ff.
Vgl. Bohrmann, Zeitung, S. 974; Creutz, Pressepolitik, S. 5; 296f.; König, Agitation, S. 54-64; Jeismann, Propaganda, S. 203.
Vgl. Albes, Zensur, S. 975; Bohrmann, Zeitung, S. 974; Creutz, Pressepolitik, S. 291-96. Lipp sieht das
allerdings kritischer als die meisten ihrer Forscherkollegen. Laut ihr habe sich zwar die Zensur offiziell
nur auf militärische Berichte erstreckt, aber indem man politische und wirtschaftliche Fragen zu militärischen Angelegenheiten erklärte, habe die Zensur beliebig ausgeweitet werden können. Vgl. Lipp, Meinungslenkungen, S. 18.
Vgl. Creutz, Pressepolitik, S. 8.
Vgl. Jeismann, Propaganda, S. 203; Mommsen, Deutschland, S. 19.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 40.
11
1 Einleitung
müssen umgegangen wurde.97 Dabei wird untersucht ob der Mainzer Katholizismus tatsächlich vergaß, dass in diesen Ländern Glaubensbrüder mit derselben Tradition wohnten.
Anschließend wird in Kapitel 6 die Position zum Papst erforscht. Dabei soll der Frage
nachgegangen werden, wie der Mainzer Katholizismus seiner doppelten Verpflichtung
gegenüber Vaterland und dem Oberhaupt seiner Kirche Folge leisten konnte, wo doch der
Pontifex zu Neutralität und Frieden aufrief.98
Da Regionalgeschichtliche Studien nie einen Selbstzweck haben, sondern erst wissenschaftlichen Wert erlangen, wenn sie in einen größeren Zusammenhang gebracht werden,99 sind die Kapitel zweigeteilt. Zunächst wird das entsprechende Thema, soweit dies
möglich ist, im Gesamtkontext der bisherigen Katholizismusforschung dargestellt.100 Danach wird die Mainzer Sichtweise in diesen Kontext eingeordnet.
97
98
99
100
Vgl. Hürten, Kirche, S. 725; Kretschmann, Herr, S. 58; Lätzel, Kirche, S. 150; Roegele, Presse, S. 422.
Vgl. Becker, Religion, S. 194; Schatz, Kirchengeschichte, S. 131.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 39.
Die Problematik eines Vergleichs ergibt sich daraus, dass es bis auf die Studie von Göbel keine weiteren
vergleichbaren regionalen Studien zum Katholizismus gibt. Oft wird nur pauschalisierend über „den
deutschen Katholizismus“ gesprochen. Es kann deshalb lediglich auf Tendenzen der Forschungen und
auf Studien zu einzelnen Gruppierungen des Katholizismus zurückgegriffen werden.
12
2 Die Lehre vom gerechten Krieg
2 Die Lehre vom gerechten Krieg
Um die in den Kapiteln 3-6 vorgestellte Argumentationsstruktur des Katholizismus während des Ersten Weltkrieges besser nachvollziehen zu können, wird in diesem Kapitel die
damals in der katholischen Moraltheologie herrschende Lehre des gerechten Kriegs vorgestellt.
2.1 Der deutsche Katholizismus und die Lehre vom gerechten Krieg
Den Kernpunkt der zeitgenössischen Rechtfertigungsversuche des deutschen Katholizismus während des Ersten Weltkriegs bildet die in der damaligen katholischen Moraltheologie vorherrschende Lehre des bellum iustum.101 Auch wenn Benedikt XV. 102 in der
gängigen Historiographie als der erste Papst angesehen wird, der diese Lehre in Frage
stellte, hat er die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg nie offiziell wiederrufen. 103
Die Idee des gerechten Krieges stammt aus der Antike. Bereits Cicero verstand darunter
den Vergeltungs- und Verteidigungskrieg. Der Kirchenvater Augustinus und Thomas von
Aquin griffen diesen Grundgedanken auf. Laut ihnen ist die Teilnahme am Krieg für
Christen erlaubt, wenn er durch die oberste Autorität des Staates erklärt wird, ein gerechter Kriegsgrund vorliegt und er auf rechte, das heißt völkerrechtlich gebilligte Weise geführt wird.104 Als gerechter Kriegsgrund gilt die Selbstverteidigung. Der ungerechte Angreifer hingegen stehe abseits der göttlichen Ordnung, welche durch den Kampf erneut
hergestellt werden müsse.105 Dementsprechend strafe der Krieg das Unrecht und sollte
zur Umkehr des Sünders führen. Der Krieg war demgemäß zur Zeit des Ersten Weltkrieges in den Augen der Katholiken ein zulässiges Mittel zur Wiederherstellung des Rechts
und sogar sozialethische Pflicht. 106 Da es der deutschen Regierung gelang das Deutsche
Reich und Österreich-Ungarn als angegriffenes Opfer zu stilisieren, das sich lediglich
verteidige und dem Gerechtigkeit zustehe,107 dachte die Mehrheit der Deutschen, die Bestrafung der Sünder und Wiederherstellung der göttlichen Ordnung sei die Aufgabe der
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107
Vgl. Beestermöller, Krieg, Sp. 476f.; Reuter, Krieg, Sp. 1770f.
Benedikt XV., als Giacomo Marchesa della Chiesa 1854 in Genua geboren, war vom 3. September 1914
bis 22. Januar 1922 Papst. Vgl. Becker, Benedikt XV, S. 376; Lätzel, Kirche, S. 149.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 156; Morozzo della Rocca, Benedikt, S. 188f.
Vgl. Holzem/Holzapfel, Kriegserfahrung, S. 287; Kretschmann, Herr, S. 56f.; Greschat, Christenheit,
S. 20f.; Reuter, Krieg, Sp. 1770f.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 63; Alzheimer, Einführung, S. 18.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 64.
Die deutsche Regierung stellte Russland als Auslöser des Krieges dar und verbreitete durch amtliche
Propaganda die Legende von der Einkreisung Deutschlands und dem Überfall durch die Ententemächte.
Vgl. Baadte, Universalismus, S. 90; Berghan, Weltkrieg, S. 30f.; Fesser, Deutschland, S. 36; Jeismann,
Propaganda, S. 200; Mommsen, Zeitalter, S. 284; Ders., Deutschland, S. 16f.
13
2 Die Lehre vom gerechten Krieg
Mittelmächte, die somit zum Werkzeug Gottes wurden. Da Gott die gerechte Sache unterstütze, würde er auch den Deutschen zum Sieg verhelfen und sie im gegenwärtigen
Weltkrieg unterstützen. So kam es gleichzeitig zu einer nationalen Vereinnahmung Gottes für die Interessen des Deutschen Reiches durch die deutschen Katholiken.108
Im deutschen Katholizismus herrschte uneingeschränkt die Auffassung, der Krieg sei
nicht vom Deutschen Reich verschuldet und somit ein von außen aufgezwungener, gerechter Verteidigungskrieg.109 Für den höheren Zweck der Selbstverteidigung durfte auch
der Christ zur Waffe greifen.110 Sowohl die Zentrumspartei111, als auch die deutschen
Bischöfe waren von der Unschuld der Deutschen am Kriegsausbruch überzeugt. Sie waren der Meinung, das Deutsche Reich führe einen gerechten Verteidigungskrieg, in den
es entgegen seiner ehrlichen Friedensabsichten hineingezogen worden sei.112 Berühmt
wurde die Aussage des Speyrer Bischofs von Faulhaber113, der Weltkrieg sei „das Schulbeispiel eines gerechten Krieges“114. Auch die Überzeugung, man kämpfe für die Sache
Gottes und die Darstellung Gottes als Sieghelfer der eigenen Sache, war in öffentlichen
Verlautbarungen des Klerus zu finden,115 wie zahlreiche Kriegspredigten beweisen.116
Auch der Freiburger Katholizismus117 und die Fuldaer Katholiken übernahmen die Parole
vom aufgezwungenen Krieg und damit von der Gerechtigkeit der nationalen Sache. In
Fulda ist die Formel des aufgezwungenen Krieges allerdings nur im ersten Kriegsjahr zu
finden. Göbel vermutet, dass die weitere Betonung im Verlauf des Krieges nicht mehr
notwendig war, so sehr hätte die Bevölkerung das Argument des gerechten Verteidigungskriegs verinnerlicht.118 Dass Gott das Deutsche Reich unterstützte, wurde dahingegen in Fulda während des gesamten Krieges betont.119
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119
Vgl. Becker, Religion, S. 193; Greschat, Christenheit, S. 20f.; Krumeich, Gott, S. 278; Lätzel, Kirche,
S. 91.
Vgl. Kirchner, Papsttum, S. 81; Lätzel, Kirche, S. 68; Lutz, Demokratie, S. 43; Gatz, Kirche, S. 56;
Strötz, Katholizismus, S. 190. Auch alle anderen kriegführenden Staaten sahen sich als die Angegriffenen und behaupteten einen Verteidigungskrieg zu führen. Vgl. Greschat, Weltkriege, S. 105; Bihl, Weltkrieg, S. 66.
Vgl. Geinitz, Weltkrieg, S. 684; Lätzel, Kirche, S. 63.
Vgl. Gatz, Kirche, S. 60; Loth, Katholiken, S. 279.
Vgl. Burkhard, Kaiser, S. 56; Gatz, Kirche, S. 58; Geinitz, Kriegsfurcht, S. 188; Schlager, Kult, S. 56;
Scheidgen, Bischöfe, S. 356; Werner, Gott, S. 72f.
Bischof Faulhaber (1869-1952) wurde 1917 Erzbischof von München-Freising. Vgl. Schmaus, Faulhaber, S. 31.
Gatz, Kirche, S. 58. Diese Aussage wird auch im MJ abgedruckt, siehe: Bischof Dr. Faulhaber über
Krieg und Christentum, in: MJ 26.3.1915.
Vgl. Holzem/Holzapfel, Kriegserfahrung, S. 287.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 110.
Vgl. Geinitz, Weltkrieg, S. 682.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 87ff.; 135f.
Vgl. ebd., S. 93f.
14
2 Die Lehre vom gerechten Krieg
2.2 Der Mainzer Katholizismus und die Lehre vom gerechten Krieg
Auch im MJ erscheinen durchweg Artikel, die beweisen, dass der Mainzer Katholizismus
den Weltkrieg als einen gerechten Verteidigungskrieg ansieht.120 Das Deutsche Reich sei
zum Krieg gezwungen worden: Durch Frankreich, das eine Revanche für die Niederlage
des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 wolle. Durch Russland, das von slawischer
Leidenschaft gegen das Germanentum gepackt sei und durch England, das von Deutschland nicht auf dem Weltmarkt überholt werden wolle.121 Daher könne man „mit reinem
und gutem Gewissen in den Kampf“122 ziehen. Selbst Papst Pius X. sei von der Gerechtigkeit des Sache Österreichs überzeugt.123 Im Gegensatz zum Fuldaer Katholizismus findet sich diese Deutung aber nicht nur im ersten Kriegsjahr, sondern es wird durchweg
betont, dass das Deutsche Reich aus Notwehr zu diesem Krieg gezwungen wurde und laut
christlicher Moral ein gerechter Verteidigungskrieg, wie ihn das Kaiserreich führt, durchaus legitim sei.124 Ebenso ist man im Mainzer Katholizismus durchgängig der Meinung,
dass Gott auf Seiten der Deutschen sei und man durch seine Hilfe den Sieg erlangen
werde.125 Hieraus den Umkehrschluss zu Göbels These zu ziehen, würde bedeuten, dass
im Mainzer Katholizismus der Gedanke eines gerechten Krieges nicht verbreitet war,
weshalb dies immer wieder betont werden musste. Doch zur Bestätigung einer solchen
These fehlen weitere Belege, sodass dieser Umkehrschluss nicht schlüssig erscheint.
120
121
122
123
124
125
Vgl. Vor dem Kriege, in: MJ 03.08.1914; Lokales und Vermischtes. Krieg, in: MJ 03.08.1914; England
hat Deutschland den Krieg erklärt, in: MJ 05.08.1914; Wenn es denn sein soll, in: MJ 07.08.1914;
Krieg-Kirche, in: MJ 07.08.1915; Kaltes Blut!, in: MJ 26.05.1915; Große vaterländische Kundgebung
des Volksvereins für das katholische Deutschland (Ortsgruppe Mainz), in: MJ 14.12.1914; Gebet und
Krieg, in: MJ 18.12.1914; Neujahr, in: MJ 31.12.1914; Zum Geburtstag Kaiser Wilhelm II., in: MJ
26.01.1915; Kriegs-Mai, in: MJ 06.05.1915.
Vgl. Ein deutsches Ultimatum an Rußland, in: MJ 31.07.1914; Im Kriegszustand, in: MJ 01.08.1914;
Vaterländische Versammlung in Mainz, in: MJ 10.08.1914; Nationalstaat und Weltreich im Weltkriege,
in: MJ 23.09.1915; Auslandsstimmen zum Kriege, in: MJ 06.05.1915; Der Jahrestag des großen Krieges, in: MJ 31.7.1915; Eine französische Anklage und eine deutsche Verteidigung, in: MJ 04.03.1916;
Poincare, Frankreich und die Revanche, in: MJ 21.10.1916.
Auch die nicht Waffenfähigen können nützen!, in: MJ 11.08.1914.
Vgl. Papst Pius X. und der Krieg, in: MJ 26.08.1914; Die Stellung der Katholiken zur Friedensbewegung, in: MJ 23.06.1917. Dazu mehr in Kapitel 6.3.
Vgl. Kriegserkenntnisse, in: MJ 26.11.1915; Karfreitag, in: MJ 20.04.1916; Am Beginn des dritten
Kriegsjahres, in: MJ 31.07.1916; Sozialdemokraten über die Schuldfrage am Kriege, in: MJ 19.10.1916;
Die Stellung der Katholiken zur Friedensbewegung, in: MJ 23.06.1917; Das Geheimnis deutscher Stoß
kraft, in: MJ 19.01.1918; Vier Jahre Weltkrieg, in: MJ 30.07.1918.
Vgl. Im Kriegszustand, in: MJ 01.08.1914; Der Krieg, in: MJ 07.08.1914; Vertrauen, in: MJ 14.08.1914;
Kaltes Blut!, in: MJ 26.05.1915; Am Beginn des dritten Kriegsjahres, in: MJ 31.07.1916; Weihnachten,
in: MJ 23.12.1916; Die dritte Osterfeier im Weltkriege, in: MJ 07.04.1917; Dies und das, in: MJ
24.02.1917; Gottesgericht!, in: MJ 02.11.1917; Italiens Zusammenbruch und die Entente, in: MJ
10.11.17.
15
2 Die Lehre vom gerechten Krieg
Auch der Mainzer Bischof Kirstein ist von der Gerechtigkeit der Sache der Mittelmächte
während des gesamten Kriegszeitraumes überzeugt.126
Vergleicht man den Mainzer mit dem bereits erforschten Katholizismus zum Themengebiet des gerechten Krieges, so sind keine wesentlichen Unterschiede festzustellen. Durchgängig waren sowohl der bisher erforschte Teil des deutschen, wie auch der Mainzer Katholizismus der Meinung, dass Gott die eigene Angelegenheit unterstütze, da man sich in
einem gerechten von den Feinden aufgezwungenen Verteidigungskrieg befinde. Auch das
Mainzer Journal fordert seine Leser auf die nationale Sache zu unterstützen und das Vaterland zu verteidigen. Ob dabei das Verbundenheitsgefühl zu den Katholiken der Länder
gegen die man Krieg führte, verlorenging, ist in den folgenden Kapiteln zu klären.
126
Hirtenbrief Georg Heinrich Kirsteins, in: MJ 05.10.1914; Fastenhirtenbrief Georg Heinrich Kirsteins,
in: MJ 19.02.1917.
16
3 Die Causa Belgien
3 Die Causa Belgien
In diesem Kapitel wird untersucht, wie der Mainzer Katholizismus den Einmarsch in Belgien legitimierte und mit den Völkerrechtsbrüchen der deutschen Regierung gegenüber
der belgischen Bevölkerung umging, wo doch die katholische Kirche als Staatskirche dort
einen zentralen Platz in der Gesellschaft einnahm.127 Stellte man sich auf die Seite der
eigenen Nation oder trat man für die Glaubensbrüder in Belgien ein und wies darauf hin,
dass ein gerechter Krieg im Sinne der christlichen Moraltheologie auch eine rechte
Kriegsführung beinhalte?128
3.1 Die Verletzung der Neutralität Belgiens
Am 2. August 1914 stellte die deutsche der belgischen Regierung ein Ultimatum, in dem
sie Belgien aufforderte den deutschen Truppen bei ihrem Durchmarch nach Frankreich
keinen Widerstand zu leisten. Da die Belgier nicht wie gefordert reagierten, marschierten
am 4. August die deutschen Truppen völkerrechtswidrig in das neutrale Belgien ein129
und besetzten es bis zum 25. August fast vollständig.130 Den Neutralitätsbruch verteidigte
der damalige Reichskanzler Bethmann Hollweg131 mit Notwehr, obwohl man offensichtlich in ein anderes Land eingedrungen war.132 Um den Angriff auf Belgien trotzdem als
Verteidigungskrieg darzustellen, berief man sich auf den nach Alfred Graf von Schlieffen
(1833-1913) benannten und von seinem Nachfolger Helmuth Johannes Ludwig von
Moltke (1848-1916) weiterentwickelt Plan. Dieser sogenannte Schlieffenplan sah bei der
Gefahr eines Zweifronten Krieges vor zuerst im Westen Frankreich zu besiegen, um dann
die gesamte Heeresstärke im Osten gegen Russland einsetzten zu können. Dazu musste
Frankreich allerdings schnell besiegt werden, um Russland möglichst wenig Zeit für sein
Vorrücken im Osten zu gewähren. Deshalb sollten die deutschen Truppen völkerrechtswidrig durch die neutralen Länder Belgien, Holland und Luxemburg vordringen, anstatt
über die stark befestigte Französisch-Lothringische-Grenze vorzustoßen.133
127
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129
130
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132
133
Vgl. Benvindo/Majerus, Belgien, S. 138; Gatz, Kirche, S. 56f.; Ypersele, Belgien, S. 44.
Vgl. Kapitel 2.1.
Vgl. Bihl, Weltkrieg, S. 51; 89; Berghan, Weltkrieg, S. XI; Fesser, Deutschland, S. 42; Meseberg-Haubold, Widerstand, S. 45; Ypersele, Belgien, S. 44. Bruendel und Greschat meinen, der Einmarsch hätte
bereits am 3. August stattgefunden. Vgl. Bruendel, Zeitenwende, S. 97; Greschat, Christenheit, S. 15.
Vgl. Fesser, Tagen, S. 140.
Theobald Theodor Friedrich Alfred von Bethmann Hollweg (1856 - 1921) war Reichskanzler von 1909
bis 1917. Vgl. Frauendienst, Bethmann, S. 188ff.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 294.
Vgl. Berghan, Weltkrieg, S. 28f.; Fesser Deutschland 23f.; Greschat, Christenheit, S. 15.
17
3 Die Causa Belgien
3.1.1 Der Deutsche Katholizismus und die Verletzung der Neutralität Belgiens
Auch die deutschen Katholiken meinten in Anlehnung an die augustinische Lehre vom
gerechten Krieg,134 dass die Verteidigung ein derart hohes Gut sei, dass sie die deutsche
Missachtung der Neutralität Belgiens rechtfertige.135 Die Reaktion des Fuldaer und Freiburger Katholizismus auf die Neutralitätsverletzung Belgiens werden in den betreffenden
Arbeiten nicht genauer erläutert.
3.1.2 Der Mainzer Katholizismus und die Verletzung der Neutralität Belgiens
In der Rechtfertigung der Verletzung der belgischen Neutralität ist beim Mainzer Katholizismus eine Entwicklung zu erkennen. An dem Tag, an dem die Deutschen unter Missachtung der belgischen Neutralität in Belgien einmarschierten, also am 4. August 1914,
wirft das MJ den Franzosen vor, unter Verletzung der belgischen Neutralität zahlreiche
Fliegerangriffe auf deutsche Eisenbahnlinien in Süddeutschland durchgeführt zu haben.136 Zudem übernimmt das MJ die Rechtfertigungsstruktur des Reichskanzler Hollweg
in Bezug auf die Verletzung der Neutralität Belgiens. Das Deutsche Reich hätte aus Notwehr und zur Selbsterhaltung gehandelt.137 So habe man gewusst, dass Frankreich eine
starke Verteidigungslinie in Elsass-Lothringen aufgebaut habe, die nur mit großem Zeitaufwand und unter heftigen Verlusten überwunden werden könne. Dies hätte aber Russland zu viel Zeit für die Mobilmachung gegeben. Deshalb sei man gezwungen gewesen
durch Belgien, Holland und Luxemburg einzumarschieren, um Frankreich schnell zu besiegen und so einen Zweifrontenkrieg zu verhindern.138 Hier wird also, wie von offizieller
deutschen Seite auch, auf den sogenannten Schlieffenplan verwiesen. Gleichzeitig wird
betont, dass man den Einmarsch bedauere und man deshalb bereit sei nach Beendigung
des Krieges Belgien sofort wieder zu räumen.139 Zunächst wird also ein Völkerrechtsbruch zugegeben, der aber nur gezwungenermaßen stattgefunden habe und den vorher
bereits Frankreich, ebenso begangen habe. Dementsprechend zeigt man sein Bedauern
und versichert den Völkerrechtsbruch sofort nach Beendigung des Krieges wieder gut zu
machen.
134
135
136
137
138
139
Zur Lehre des gerechten Kriegs siehe das vorherige Kapitel.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 62; Meseberg-Haubold, Widerstand, S. 102.
Vgl. Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Frankreich, in: MJ 04.08.1914.
Auch am Ende des Krieges wird im Mainzer Katholizismus noch behauptet in Notwehr gehandelt zu
haben. Vgl. Die Wiederherstellung Belgiens, in: MJ 16.02.1918.
Vgl. Der Krieg, in: MJ 07.08.1914; Deutschland und Belgien, in: MJ 11.08.1914; Die geographische
Lage Belgiens und Luxemburgs, in: MJ 08.08.1914; Englands Bruch mit Deutschland. Der 4. August,
in: MJ 08.09.1914; Die Neutralität des Papstes, in: MJ 10.08.1915.
Vgl. Deutschland und Belgien, in: MJ 11.08.1914; Deutschland und Belgien, in: MJ 18.08.1914.
18
3 Die Causa Belgien
Ab Mitte Oktober 1914 wird von einem Dokumentenfund in Brüssel berichtet, der beweisen würde, dass Belgien bereits seit 1906 ein Geheimverbündeter Englands und
Frankreichs gewesen sei. Diesem Vertrag gemäß habe England schon damals geplant im
Falle eines deutsch-französischen Krieges 100.000 Soldaten nach Belgien zu schicken
und dazu einen gemeinsamen Vorgehensplan mit der belgischen Armee entworfen. Zudem hätte Frankreich bereits seit dem 24. Juli 1914 französisches Militär in Belgien stationiert. Diese Tatsachen bewiesen, dass nicht das Deutsche Reich, sondern die belgische
Regierung selbst die Neutralität Belgiens gebrochen habe.140 Dadurch dürfe wohl auch
der Reichskanzler nicht mehr der Meinung sein, dass der Einmarsch in Belgien ein Unrecht sei, „weil ja die belgische Neutralität gar nicht mehr bestand, sondern vielmehr ein
englisch-belgischer Freundschaftsvertrag.“141 Darüber hinaus habe sich Belgien schon
im Juli 1914 auf einen Krieg vorbereitet, indem es unter anderem deutsche Funkgeräte
auf Schiffen zerstört hätte, woraus hervorgehe, dass Belgien sich offen als Feind des
Deutschen Reiches bekannt habe, noch ehe ein deutscher Soldat auf belgischem Boden
stand. Belgien sei demzufolge bereits vor Kriegsausbruch von einer neutralen zu einer
kriegsführenden Macht geworden, gegen die man sich nur verteidigt habe.142
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bis Mitte Oktober 1914 in Mainz noch eine gewisse Verbundenheit zu den belgischen Glaubensbrüdern zu erkennen ist, die durch ein
Bedauern und das Versprechen auf Wiedergutmachung zu erkennen ist. Doch ab da übernimmt der Mainzer Katholizismus kritiklos und ohne zu hinterfragen, wie auch der übrige
bereits erforschte deutsche Katholizismus, das nationale Legitimationsmuster, nach welchem kein Völkerrechtsbruch stattgefunden habe. So wird aus einem anfänglichen Eingestehen, man habe aus Notwehr ein Unrecht getan, um dem höheren Zweck der Selbsterhaltung zu entsprechen, die vollkommene Verleugnung der Schuld. Man habe überhaupt keinen Völkerrechtsbruch begangen, da die Neutralität faktisch bei Kriegsausbruch
nicht mehr bestanden habe. Dies muss aber nicht die vollkommene Abwehr vom Ultramontanismus bedeuten, da der deutsche Katholizismus, wie beispielsweise auch die Sozialdemokraten, von den deutschen Verantwortlichen getäuscht worden waren.
140
141
142
Vgl. Englands und Belgiens Schuld. Aufgefundene Dokumente, in: MJ 14.10.1914; Belgiens Abfall
von der Neutralität, in: MJ 28.10.1914; Tolle Ansprüche, in: MJ 23.01.1915; England und die belgische
Neutralität. Eine neue Erklärung der deutschen Regierung, in: MJ 29.01.1915; Die Belgische Neutralität
und die griechische Neutralität, in: MJ 06.10.1915.
König Albert über Belgiens Neutralität, in: MJ 13.04.1915.
Vgl. Belgien verletzt selbst seine Neutralität, in: MJ 24.10.1914; Wie Belgien sich auf den Krieg vorbereitet hat, in: MJ 28.10.1914; Hat Belgien seine Neutralität gewahrt? Eine holländische Antwort, in:
MJ 05.01.1915
19
3 Die Causa Belgien
3.2 Der Vorwurf der Gräueltaten
Bei der Durchquerung Belgiens im August 1914 kam es zu brutalen Ausschreitungen
deutscher Truppenteile gegen die Zivilbevölkerung Belgiens, denen mindestens 5.000
Menschen zum Opfer fielen. Massaker143 und Brandschatzungen begleiteten die deutschen Siege. Die deutsche Regierung rechtfertigte dieses Vorgehen gegen die belgische
Zivilbevölkerung mit dem Hinweis auf belgische Freischärler, die Franktireur genannt
wurden.144 Man warf der belgischen Zivilbevölkerung vor, Grausamkeiten an in Belgien
wohnenden Deutschen145 sowie an verletzten deutschen Soldaten verübt zu haben und als
Heckenschützen auf das deutsche Heer zu schießen.146 Die deutschen Maßnahmen seien
nur eine gerechte Antwort auf solche Tätigkeiten. Doch die Franktireur-Angst hatte noch
eine weitere Ursache. So stammten die meisten Truppenteile, die für den Einmarsch in
Belgien eingesetzt wurden, aus Preußen und waren somit antikatholisch eingestellt. Laut
ihnen waren die belgischen Geistlichen die Rädelsführer des Volkskrieges. Das Zusammenwirken dieser Beiden Dimensionen lässt sich gut am Beispiel Löwens, das zum Symbol der deutschen Kriegsgräuel weltweit wurde, veranschaulichen. Sowohl die wertvolle
Bibliothek, als auch erhebliche Teile der Stadt wurden zerstört und circa 250 Zivilisten
getötet. Dabei war Löwen am 19. August 1914 zunächst kampflos eingenommen worden.
Am 25. desselben Monats kam es dann zu Schusswechseln. Historiker glauben heute,
dass es sich um friendly fire handelte. Deutsche hätten aus Versehen auf eigene Kameraden geschossen, die sie in der Dunkelheit für Gegner hielten. Dadurch gerieten die kampfunerfahrenen Soldaten in Panik und fühlten sich von Franktireur umzingelt. In der folgenden fünftägigen Strafaktion wurden ein Großteil der Stadt sowie die berühmte Bibliothek zerstört. Hierbei wurde die Bibliothek Löwens irrtümlicherweise für die katholische
Universität gehalten, weshalb Löschversuche von deutschen Truppen verhindert wurden.
143
144
145
146
Vgl. Benvindo/Majerus, Belgien, S. 130. In Dinant wurde beispielsweise etwa ein Zehntel (circa 675
Zivilisten) der Gesamtbevölkerung ermordet. Auch in anderen Orten wie Tamines (heute Sambreville)
und Aarschot kam es zu Massakern. Vgl. Fesser, Tagen, S. 180; Ypersele, Belgien, S. 45.
Die Franktireur-Angst stammt aus den Erfahrungen von französischen Freischärler Überfällen auf deutsche Truppen während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. Diese noch im kollektiven
Gedächtnis der Deutschen gespeicherte Angst vor solchen Partisanen wuchs zu einer wahren Phobie,
welche die Wahrnehmung dahingehend trübte, dass auch versehentliche Schüsse undisziplinierter Sol
daten, oder friendly fire als heimtückische Überfälle interpretiert wurden. Vgl. Bruendel, Zeitenwende,
S.75; 94f.; Ypersele, Belgien, S. 46.
Am 3. August 1914 kam es tatsächlich zu vier Tagen andauernden antideutschen Ausschreitungen in
Antwerpen und Brüssel. Vgl. Benvindo/Majerus, Belgien, S. 129. Auch hatte es 1914 wahrscheinlich
wirklich Sabotageakte und Übergriffe auf deutsche Soldaten gegeben. Diese sind aber nicht auf einem
organisierten Volkswiderstand der Belgier und Franzosen zurückzuführen. Vgl. Bruendel, Zeitenwende, S. 94f.
Vgl. Bihl, Weltkrieg, S. 90; Bruendel, Zeitenwende, S. 94f.; Greschat, Christenheit, S. 25; Ypersele,
Belgien, S. 47.
20
3 Die Causa Belgien
Zudem kam es zu Erschießungen.147 Neben dem Franktireur-Wahn sieht die Forschung
einen weiteren Grund für die Gräueltaten deutscher Truppen darin, dass die deutsche Armee infolge des Schlieffenplans unter erheblichem Zeitdruck stand. Bruendel fasst dies
gut zusammen: eine fatale Mischung aus Angst, Überanstrengung und Wut habe zu einer
Überreaktion geführt, sodass „vermeintliche Übergriffe mit zum Teil drakonischen aber
nach Meinung deutscher Soldaten legitimen Maßnahmen“148 vergolten wurden.
Die deutschen Ausschreitungen begrenzten sich zwar auf die ersten Wochen des Krieges,
doch die Propaganda der Entente benutzte diese bis zum Ende des Krieges, um deutsche
Grausamkeit zu verdeutlichen.149 Zudem schmückte sie die tatsächlich begangenen Gräueltaten zum Teil erheblich aus. So kursierten beispielsweise Gerüchte, nach denen deutsche Soldaten Kindern die Hände abgehackt hätten.150
Ein weiterer offensichtlicher Bruch des Völkerrechts in Bezug auf Belgien war die
Zwangsrekrutierung von etwa 60.000 belgischer Arbeiter nach Deutschland ab Oktober
1916, um dem Arbeitskräftemangel in der deutschen Industrie zu begegnen. Dies wurde
nach außen hin als soziale Maßnahme zugunsten arbeitsloser Belgier dargestellt.151 Doch
bereits im März 1917 wurden die Arbeiter wieder zurückgeschickt, da man die „verheerende außenpolitische Wirkung“152 erkannte. Die Bedingung eines gerechten Krieges,
dass dieser auch auf völkerrechtlich anerkannte Weise zu führen sei, wurde demnach
nicht eingehalten. Im Folgenden soll geklärt werden, wie das Verhalten der Mainzer Katholiken in den Kontext der bisherigen deutschen Katholizismusforschung eingeordnet
werden kann.
3.2.1 Der Vorwurf der Gräueltaten und der deutsche Katholizismus
Die Reaktion des deutschen Katholizismus auf die Vorwürfe von Gräueltaten fiel differenziert aus. Die einen beriefen sich auf das deutsche „Weißbuch“153 und sagten, alles sei
147
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150
151
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153
Vgl. Bihl, Weltkrieg, S. 90; Bruendel, Zeitenwende, S. 94; Gatz, Kirche, S. 57; Greschat, Christenheit,
S. 25; Kramer, Löwen, S. 683; Salden, Horde, S. 96f.; Ypersele, Belgien, S. 45. Heutige Historiker sind
sich größtenteils einig, dass die Zerstörung Löwens nicht geplant war. Auch für einen Angriff aus der
belgischen Bevölkerung gibt es keine Belege. Vgl. Salden, Horde, S. 98.
Bruendel, Zeitenwende, S. 95.
Vgl. Greschat , Weltkrieg, S. 25.
Vgl. Kramer, Kriegsgreuel, S. 647; Ypersele, Belgien, S. 46.
Vgl. Benvindo/Majerus, Belgien, S. 140; Mommsen, Deutschland, S. 22; Scheidgen, Bischöfe, S. 315.
Greschat und Ypersele sprechen von mehr als 120.000 Belgiern, von denen 3600 in Deutschland starben. Vgl. Greschat, Christenheit, S. 30; Ypersele, Belgien, S. 48.
Neitzel, Revolution, S. 95.
Sowohl Deutschland als auch Belgien stellten offizielle Untersuchungen bezüglich der Vorwürfe von
Gräueltaten an. Das Deutsche Reich veröffentlichte seine Resultate im deutschen „Weißbuch“ am 10.
Mai 1915, in dem es alle Vorwürfe zurückwies. Belgien antwortete mit dem „Graubuch“. In der aktuellen Forschung wird davon ausgegangen, dass die deutsche Armee, vor allem zu Beginn des Krieges,
21
3 Die Causa Belgien
gelogen, die anderen, zu denen auch die über die Vorgänge in Belgien gut informierten
Erzberger, Kardinal Hartmann154, Bischof Faulhaber und der in Belgien stationiert Militäroberpfarrer Middendorf (1867-1930) gehörten, schwiegen aus Gründen der Staatsräson und Furcht vor innenpolitischen Schwierigkeiten.155 Wenn der deutsche Katholizismus die deutsche Verwaltung in Belgien kritisierte, dann nur wegen des angenommenen
Unverständnisses preußischer Beamter für Belange der katholischen Konfession.156 Dies
war beispielsweise im Winter 1917 und Frühjahr 1918 der Fall. So sollten 1917 Metallgegenstände der Universität Löwen und 1918 Kirchenglocken zum Einschmelzen eingezogen werden.157 Beides konnte Hartmann, der sich bereits 1914 für belgische Katholiken
eingesetzt hatte, 158 verhindern.159 Auch im Mai 1915 konnte der Vorsitzende der Fuldaer
Bischofskonferenz ein für Belgien geplantes Verbot der Fronleichnamsprozession abwenden.160 Ebenso intervenierte er im Mai 1918 gegen die Überweisung belgischen Jesuiten aus Tournai in deutsche Gefangenenlager, da sie unerlaubt Briefschmuggel zwischen Belgiern und deren Angehörigen an der Front betrieben hatten. Allerdings war sein
Bemühen sie stattdessen auf Jesuiten Klöster in Belgien zu verteilen, erfolglos.161
Die Anschuldigung, die belgische Geistlichkeit würde die Zivilbevölkerung gegen die
deutsche Besatzung aufstacheln und daher die Ursache des Franktireur-Krieges sein,
wurde im deutschen Katholizismus zurückgewießen. So versuchte die Kölnische Volkszeitung aufkommenden Anschuldigungen, katholische belgische Geistliche würden
Gräueltaten an deutschen Soldaten verüben, zu unterbinden, indem sie sich an die oberste
Kommandobehörde in Berlin wandte. Diese untersagte tatsächlich am 16. September
1914 solche Anschuldigungen zu veröffentlichen.162 Auch in Fulda wurden die vermeintlichen Gräueltaten belgischer Geistlicher als Verleumdungen bezeichnet. 163
154
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162
163
tatsächlich Verbrechen an der belgischen Zivilbevölkerung beging. Vgl. Bihl, Weltkrieg, S. 90, Bruendel, Zeitenwende S. 94f.; Fesser, Tagen, S. 181;Ypersele, Belgien, S. 47.
Bruno Felix Bernard Albert von Hartmann (1851-1919), seit 1912 Erzbischof von Köln, war der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Vgl. Plum, Hartmann, S. 781.
Vgl. Meseberg-Haubold, Widerstand, S. 103.
Vgl. ebd., S. 102f.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 317; 360.
Kardinal Hartmann setzte sich erfolgreich erstens für die in Deutschland internierten belgischen Geistlichen ein. Falls sie keine Straftat begangen hatten, sollte ihnen die Rückkehr nach Belgien erlaubt werden. Zweitens sollte der Briefverkehr der belgischen Bischöfe untereinander freigegeben werden. Drittens sollte die Zensur des Briefverkehres zwischen Bischöfen und dem Heiligen Stuhl aufgehoben werden. Viertens sollte die Enzyklika Benedikts auch in Belgien veröffentlicht werden. Vgl. Scheidgen,
Bischöfe, S. 297f.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 318.
Vgl. ebd., S. 298.
Vgl. ebd., S. 319f.
Vgl. ebd., S. 295.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 55.
22
3 Die Causa Belgien
3.2.2 Der Vorwurf der Gräueltaten und der Mainzer Katholizismus
Die Ausschreitungen gegen die belgische Zivilbevölkerung werden im MJ auf zweifache
Art kommentiert. Einerseits werden sie als Lügen und Verleumdungen dargestellt.164 So
hätte sich auch das päpstliche Staatssekretariat über die angeblichen Gräueltaten bei den
in Rom ansässigen belgischen Ordensoberinnen und bei durchreisenden Nonnen sowie
dem Bischof von Namur erkundigt, „die alle aussagten nichts von den Greultaten (sic!)
zu wissen.“165 Andererseits werden sie als rechtmäßiges Vorgehen gegen Franktireur Angriffe dargestellt, also indirekt zugegeben. So tauchen zahlreiche Artikel auf, die von
heimtückischen Überfällen aus dem Hinterhalt auf deutsche Truppen berichten. Immer
wieder seien bestialische Grausamkeiten auch unter Missachtung des Roten Kreuzes an
deutschen Verwundeten verübt worden. Sogar Frauen hätten sich an diesen Vergehen
beteiligt. Die Verantwortung für die Schärfe des deutschen Vorgehens trügen die belgischen Behörden, die die Bürger mit Waffen versehen und zur Teilnahme am Krieg aufhetzen würden. Überall dort, wo sich die Bevölkerung den deutschen Truppen gegenüber
nicht feindselig verhalten habe, sei auch niemand zu Schaden gekommen.166
Auch die Ausschreitungen in Löwen werden mit einer Strafaktion und Selbstverteidigung
gegen belgische Franktireurs gerechtfertigt. Belgische Zivilisten hätten am 25. August
aus Häusern auf deutsche Truppen geschossen, wogegen man sich nur gewehrt habe. Bei
diesem Gefecht sei unabsichtlich ein Großteil der Stadt zerstört worden, was einem
selbstverständlich Leid täte.167 Die Verantwortung für das Geschehen trage erstens die
belgische Bevölkerung selbst, da sie sich außerhalb von Recht und Gesetz gestellt habe
und zweitens die belgische Regierung, die die Bevölkerung zum Widerstand antreibe.168
164
165
166
167
168
Vgl. Belgische Verleumdung deutscher Truppen, in: MJ 20.01.1915; Der Gegenbeweis, in: MJ
14.09.1914; Die „deutschen Greuel“ in Belgien, in: MJ 21.05.1915; Große vaterländische Kundgebung
des Volksvereins für das katholische Deutschland (Ortsgruppe Mainz), in: MJ 14.12.1914; Die mechelner Kathedrale, in: MJ 21.11.1914; Wie die Wahrheit sich Bahn bricht!, in: MJ 22.1.1915.
Das Märchen von den deutschen Greueltaten in Belgien, in: MJ 11.07.1916.
Vgl. Belgische Schandtaten und ihre Strafe, in: MJ 19.08.1914; Verschiedene Nachrichten. Aus dem
Hinterhalt erschossen, in: MJ 20.08.1914; Ein Protest der deutschen Heeresleitung, in: MJ 29.08.1914;
Denkschrift deutscher Katholiken über den gegenwärtigen Weltkrieg, in: MJ 05.09.1914; Im deutschen
Belgien, in: MJ 12.09.1914; Eine englische Bestätigung der Franktireurangriffe, in: MJ 10.09.1914; Die
Deutschen in Gent, in: MJ 10.9.14; Vom westlichen Kriegsschauplatz. Landbewohner im Kriege, in:
MJ 10.08.1914; Die Franktireurs und Löwen, in: MJ 07.09.1914; Eine Strafexpedition nach Arlon, in:
MJ 26.08.14; Wie die Deutschen in Brüssel einzogen, in: MJ 25.08.1914; Bei Aachen und Lüttich.
Bericht eines Augenzeugen, in: MJ 11.08.1914; Deutsche Warnungen an Frankreich und Belgien, in:
MJ 17.08.1914; Vom westlichen Kriegsschauplatz, in: MJ 12.08.1914; Belgische Greuel, in: MJ
11.8.14.
Vgl. Löwen, in: MJ 31.08.1914.
Ein Ueberfall der Bürger von Löwen auf die deutschen Truppen, in: MJ 29.8.14; Die Wahrheit über
Löwen, in: MJ 03.09.1914; Die Wahrheit über Löwen. Amtliche deutsche Darstellung, in: MJ
05.09.1914; Das Schicksal der Stadt Löwen, in: MJ 31.08.1914; Der Zustand Belgiens. Englische Ge-
23
3 Die Causa Belgien
Deutsche Soldaten hingegen hätten das gotische Rathaus, die Peterskirche und deren
Schatz sowie weitere wertvolle Kunstschätze vor der Zerstörung gerettet.169 Überdies sei
Löwen, entgegen der Verleumdungen ausländischer Blätter, nicht vollkommen zerstört
worden, sondern nur die Stadtteile seien zu Schaden gekommen, in denen sich die Bevölkerung am Franktireur-Kampf beteiligt habe.170 Hier wird also die amtliche Legitimierung übernommen, aber zusätzlich wird aber auch ein Bedauern über das Schicksal Löwens ausgedrückt.
Gegen die Vorwürfe an den Franktireur-Angriffen seien die klerikalen Kreise Belgiens
Schuld, bringt das MJ immer wieder in Artikeln, die die Unschuld belgischer katholischer
Priester beweisen und deren deutschlandloyale Haltung herausstellen. 171 Die belgischen
Geistlichen verhielten sich sehr „freundlich und gefällig […] was auch mein Kamerad,
der protestantisch ist, bestätigte und lobte“172.
Die Wegführung belgischer Arbeiter wird als Gegenmaßnahme zur Arbeitslosigkeit begründet. Wegen der Seeblockade Englands könnten keine Rohstoffe mehr nach Belgien
gelangen und auch keine Industrieprodukte mehr exportiert werden, weshalb es in Belgien etwa 1,2 Millionen Arbeitslose gebe. Da dies der belgischen Wirtschaft und Moral
schade und nicht genug Arbeit in Belgien geschaffen werden könne, habe man sie zur
Arbeit im Deutschen Reich angewiesen, „wo bereits eine große Anzahl belgischer Arbeiter freiwillig tätig ist und sich bei hohen Lohnsätzen und weitgehender Bewegungsfreiheit
durchaus wohl fühlt.“173 Völkerrechtlich würde die Zwangsrekrutierung durch den Artikel 43 der Haager Landkriegsordnung abgesichert, wonach die besetzende Macht zur
Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in dem besetzten Gebiet zu sorgen habe. Es
müsse demzufolge dafür gesorgt werden, dass „die Arbeitsfähigen nicht der Öffentlichkeit
zur Last fallen und durch Müßiggang eine öffentliche Landplage bilden.“174
Artikel, in denen sich die Mainzer Katholiken über die deutsche Verwaltung in Belgien
beschweren oder sich für die Belange der Katholiken, ähnlich wie Kardinal Hartmann,
169
170
171
172
173
174
fangene in Maubeuge, in: MJ 10.09.1914; Hat Belgien seine Neutralität gewahrt? Eine holländische
Antwort, in: MJ 05.01.1915; Ueber die Schreckensnacht in Löwen, in: MJ 04.09.1914.
Vgl. Ein amtlicher Bericht über die Lage in Löwen, in: MJ 19.09.1914; Die Beschießung von Reims u.
das Schicksal der Kathedrale, in: MJ 23.09.1914; Der Dom zu Reims, in: MJ 29.09.1914; Kunstschätze
Löwens unversehrt. Rettungsarbeiten der deutschen Soldaten, in: MJ 09.09.1914.
Vgl. Wie es in Löwen aussieht. Drei Viertel der Stadt unversehrt, in: MJ 09.09.1914; Die Wahrheit
unerwünscht, in: MJ 11.11.1916.
Vgl. Das klerikale Belgien, in: MJ 03.09.1914; Für die Nichtkämpfer, in: MJ 10.09.1914; Falsche Be
schuldigung belgischer Geistlicher, in: MJ 21.09.1914; Die katholischen Geistlichen und der Krieg!, in:
MJ 18.09.1914; Die Vorwürfe gegen die Geistlichen im Feindesland, in: MJ 02.10.1914.
Das Verhalten belgischer Geistlicher, in: MJ 28.11.1914.
Die Wegführung der belgischen Arbeiter, in: MJ 13.12.1916.
Ebd..
24
3 Die Causa Belgien
einsetzen, finden sich im MJ nicht. Dass die Mainzer Katholiken etwas von der Einschmelzung belgischer Kirchenglocken wussten, beweist ein Artikel, der in einem Nebensatz erwähnt, dass Papst Benedikt XV. sich dafür ausgesprochen habe, die belgischen
Kirchenglocken nicht einzufordern.175 Kommentiert wird das im MJ zwar nicht, aber da
der Mainzer Katholizismus auch nicht gegen den Einzug der eigenen Kirchenglocken
war,176 ist davon auszugehen, dass er auch nichts gegen den der Belgier einzuwenden
hatte.
Wie auch bei der Rechtfertigung für den Einmarsch in Belgien übernimmt sowohl der
Mainzer als auch er bisher erforschte deutsche Katholizismus die von nationaler Seite aus
vorgegebene Argumentationsstruktur gegenüber den vorgeworfenen Gräueltaten an der
belgischen Zivilbevölkerung und der Zwangsrekrutierung belgischer Arbeiter. Gleichwohl drückt das MJ sein Bedauern über die Zerstörung Löwens aus, was doch eine gewisse Verbundenheit zu den Katholiken Belgiens vermuten lässt. So verteidigt der Mainzer Katholizismus auch die katholische belgische Geistlichkeit, gegen die Vorwürfe für
den Franktireur-Kampf in Belgien verantwortlich zu sein und dementiert dies, genauso
wie der restliche bisher erforschte Katholizismus. Dafür, dass sich der Mainzer Katholizismus für die Belange belgischer Katholiken so massiv einsetzt wie Kardinal Hartmann,
finden sich allerdings keine Belege. So kritisiert das MJ in keiner Weise das Vorgehen
der deutschen Verwaltung gegenüber Belgien, vielmehr sei es dieser zu verdanken, dass
in Belgien wieder Ordnung herrsche und die Flamen, die eine Mehrheit der belgischen
Bevölkerung stellen würden, nicht mehr unterdrückt seien.177 Doch auch hier kann nicht
mit Sicherheit gesagt werden, ob das Verhalten des Mainzer Katholizismus mit Nichtwissen der tatsächlichen Umstände oder Ausblendung des katholischen Universalismus-Gedanken zu tun hatte.
175
176
177
Vgl. Der Papst und der Krieg, in: MJ 24.06.1918.
Im MJ erklärt man sich grundsätzlich zur Beschlagnahmung bereit, fordert aber eine angemessene Bezahlung. Vgl. Beschlagnahmung der Bronze-Glocken, in: MJ 31.03.1917; Die Beschlagnahmung der
Kirchenglocken und Orgelpfeifen, in: MJ 24.05.1917; Zur beschlagnahme der Glocken, in: MJ
19.06.1917.
Vgl. Deutsche Verwaltung in Belgien, in: MJ 21.07.1917.
25
4 Die Causa Frankreich
4 Die Causa Frankreich
Der Erste Weltkrieg stellte die deutschen Katholiken vor das Problem einen Krieg gegen
das vornehmlich aus Katholiken bestehende Frankreich legitimieren zu müssen, das zudem im Volksmund als „älteste Tochter der Kirche“ galt.178 Besonders Herausgefordert
wurden sie dabei durch den französischen Sammelband La Guerre Allemande et le Catholicisme (künftig mit La Guerre abgekürzt), der ihnen vorwarf dem Katholizismus entgegengesetzt zu handeln. Eine weitere Belastungsprobe stellt die Beschießung der katholischen Kathedrale in Reims dar, die als das Symbol des katholischen Frankreichs galt.179
Im folgenden Kapitel wird dargestellt, wie der Mainzer im Vergleich zu dem bisher erforschten deutschen Katholizismus mit diesen Angelegenheiten umging.
4.1 Die Absprache der Religiosität Frankreichs
Obwohl sich auch Ende des 19. Jahrhunderts die Franzosen noch fast ausnahmslos als
Katholiken bezeichneten, war es doch seit der Französischen Revolution 1789 in Frankreich sukzessive zu einer vollständigen Laizität gekommen, die 1905 mit dem Gesetz der
strikten Trennung von Kirche und Staat abgeschlossen wurde.180 Diese Tatsache nutzte
der Deutsche Katholizismus zur Legitimierung eines Krieges gegen Frankreich. Wie genau er das tat und ob dabei jeglicher Verbundenheitsgedanke mit den Glaubensbrüdern
fallen gelassen wurde, ist im folgenden Kapitel zu klären.
4.1.1 Die Absprache der Religiosität Frankreichs im deutschen Katholizismus
Der deutsche Katholizismus rechtfertigte den Krieg gegen Frankreich, indem er den Franzosen ihre Religiosität absprach.181 Dabei kam den Deutschen die politische Geschichte
Frankreichs entgegen. Denn 1905 war in der Dritten Französischen Republik die vollkommene Trennung von Kirche und Staat beschlossen worden. Dementsprechend warfen
die deutschen Katholiken nun den Franzosen Atheismus und Laizismus vor. Man führe
einen Kampf gegen die kirchenfeindliche Einstellung der Franzosen und sorge somit für
178
179
180
181
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 55; Geinitz, Weltkrieg, S. 687.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 258.
Vgl. Cabanel, Laizität, S. 141f.
Dieses Argumentationsmuster taucht bereits im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 auf. Vgl. Göbel,
Katholiken, S. 141.
26
4 Die Causa Frankreich
einen Aufschwung der katholischen Kirche in Frankreich,182 da nur ein besiegtes Frankreich wieder den Weg zur Kirche finden werde.183 Ein Beweis für die katholikenfeindliche Haltung in Frankreich wurde darin gesehen, dass das während des Ersten Weltkrieges
vom Papst für die gesamte katholische Kirche verfasste und gleichlautende Bittgebet um
Frieden von der französischen Regierung konfisziert wurde. Erst nachdem der Erzbischof
von Paris, Kardinal Amette184, interveniert hatte, wurde es zwar wieder freigegeben, aber
zuvor in einem nationalen Sinne verändert. Statt, wie vom Papst gedacht, für einen allgemeinen Frieden zu beten, bat man nun um den Sieg Frankreichs.185 Auch in Fulda und
Freiburg versuchten die Katholiken den Krieg gegen Frankreich hauptsächlich zu rechtfertigen, indem sie den Franzosen ihre Religiosität absprachen und die Säkularisation von
1905 verurteilten.186 Allerdings wurde in Fulda nicht Frankreich als Ganzes als atheistisch
abgestempelt. So wurden die Priester bereits am Anfang des Weltkrieges als gute Katholiken, die nur Opfer des religionsfeindlichen Staates sind, angesehen. Im Verlauf des
Krieges wird noch weiter differenziert. Ab 1915 gab man nicht mehr dem gesamten französischen Volk, sondern nur noch der sogenannten freimaurerischen Regierung die
Schuld am religiösen Verfall Frankreichs.187 In Freiburg ging die religiöse Abgrenzung
zunächst so weit, dass dort sogar von einem Kreuzzug zur Verteidigung der christlichen
Kultur gesprochen wurde. Doch bald schon sollten Geistliche dort gegenteilige Erfahrungen mit der vermeintlichen Ungläubigkeit der Franzosen sammeln.188 Ein Blick in die
Feldpostbriefe beweist ebenfalls, dass viele katholische Soldaten der Meinung waren,
dass gegen den Laizismus und Atheismus in Frankreich gekämpft werden müsse.189
182
183
184
185
186
187
188
189
Vgl. Betker, Einleitung, S. 23; Lätzel, Kirche, S. 45;111; Loth, Katholiken, S. 268. Die französischen
Katholiken wiederum rechtfertigten ihren Einsatz im Krieg als Kampf gegen das preußisch lutherische
Kaisertum und sprachen den Deutschen den rechten Glauben ab. Vgl. Becker, Religionsgeschichte, S.
36; Greschat, Christenheit, S.23; Morozzo della Rocca, Benedikt, S. 192; 202.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 45; Lutz, Demokratie, S. 44.
Léon-Adolphe Kardinal Amette (1850-1920) war seit 1908 Erzbischof von Paris. Vgl. Bräuer, Handbuch, S. 215f.
Vgl. Burkard, Kaiser, S. 58.
Vgl. Geinitz, Kriegsfurcht, S. 202; Göbel, Katholiken, S. 114.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 116f.; 141.
Vgl. Geinitz, Kriegsfurcht, S. 203. Ob im Laufe des Krieges in Freiburg eine Wandlung des Frankreichbildes, wie in Fulda, stattfindet, kann nicht beurteilt werden, da Geinitz nur die ersten Kriegsmonate
untersucht.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 138f.
27
4 Die Causa Frankreich
4.1.2 Die Absprache der Religiosität Frankreichs im Mainzer Katholizismus
Auch das MJ spricht Frankreich seine Religiosität ab. Bereits zu Beginn des Weltkrieges
wird behauptet, Frankreich sei von der katholischen Kirche und dem katholischen Glauben abgefallen.190 Demgemäß wird Frankreich immer wieder als atheistische Republik191
sowie „Land der Katholikenverfolgung und des Religionshasses“192 dargestellt. Dabei
wird stets auf die 1905 erfolgte Trennung von Staat und Kirch angespielt. 193 Ein Beleg
für den Abfall Frankreichs vom Glauben sei, so das MJ, dass Geistliche nicht vom Militärdienst befreit würden.194 Sogar Bischöfe würden zum Dienst an der Waffe gezwungen.195 Ein weiterer Beweis für die Gott- und Kirchenfeindlichkeit der Franzosen sei, dass
kriegsgefangene französische Geistliche von den eigenen mitinternierten Kameraden beschimpft und verspottet würden. In Deutschland hingegen würde man die gefangenen
Kleriker wie Offiziere behandeln.196
Bei allen Vorwürfen der Ungläubigkeit Frankreichs macht das MJ aber Abstufungen zwischen den einzelnen Franzosen. So verteidigt es die französischen Geistlichen, die „ihre
Gläubigen zu Ruhe und Besonnenheit aufrufen und von Unrecht abhalten“197 von Anfang
an. Ab Ende November 1914 wird dann weiter differenziert. So gebe es in der Bevölkerung Frankreichs „noch edle Katholiken, aber die, die den Ton angeben, haben Gottlosigkeit auf ihre Fahnen geschrieben, sie haben das Volk mit allen Mitteln von Gott und
der Religion fortgerissen“. 198 Das MJ macht demnach vor allem die Regierung für das
gottlose Verhalten Frankreichs verantwortlich, wie auch die Artikel der nächsten Zeit beweisen. So findet sich im Folgenden im MJ die Unterscheidung zwischen der kirchen-
190
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192
193
194
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196
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198
Vgl. Se. Heiligkeit Papst Pius X. gestorben, in: MJ 20.08.1914.
Vgl. Der Krieg und der Katholizismus, in: MJ 24.02.1915; Krieg-Kirche, in: MJ 07.08.1915.
Konferenz der katholischen Männer und Arbeitervereine, in: MJ 05.01.1915.
Vgl. Der Krieg und Christus, in: MJ 01.05.1915; Die Stellung der Kirche zum Kriege. Benedikt XV.
als Friedenstifter, in: MJ 21.04.1915.
Vgl. Eingezogene Priester im französischen Heere, in: MJ 10.09.1914; Konferenz der katholischen
Männer und Arbeitervereine, in: MJ 05.01.1915; Die französischen Geistlichen und der Krieg, in: MJ
04.12.1915; Die Kriegsleistungen der Priester, in: MJ 01.04.1916; Ueber den Geistlichen im französischen Heere, in: MJ 21.10.1916; Dies und das, in: MJ 24.02.1917.
Vgl. Bischöfe im französischen Heere, in: MJ 06.10.1914.
Vgl. Die gefangenen französischen Militärgeistlichen, in: MJ 05.10.1914; Das Schreiben des Hl. Vaters
Papst Benedikt XV., in: MJ 24.10.1914; Der Papst und Deutschland, in: MJ 24.10.1914; Ein Gespräch
mit dem preußischen Gesandten beim Vatikan, in: MJ 09.11.1914.
Die katholischen Geistlichen und der Krieg!, in: MJ 18.9.1914. Auch die Elsässischen Priester, denen
eine deutschlandfeindliche Haltung vorgeworfen wird, verteidigt das MJ, indem es ihnen ein dem Deutschen Reich wohlgesonnenes Verhalten attestiert. Vgl. Die Stimmung in Straßburg, in: MJ 10.08.1914;
Die Lügen über das Kloster Delenberg im Elsaß, in: MJ 26.08.1914; Amtliche Ehrenrettung der katholischen Geistlichkeit, in: MJ 08.09.1914.
„Thron und Altar“. Apologetischer Vortrag, in: MJ 20.11.1914.
28
4 Die Causa Frankreich
feindlichen Freimaurerregierung Frankreichs, die Schuld am Weltkrieg habe und sich antikatholisch, antikirchlich und antipäpstlich verhalte199 und der katholischen Bevölkerung
Frankreichs, die von dieser Regierung unterdrückt werde und die „in den Krieg hineingestoßen“200 wurde, fortwährend wieder. So habe die französische Regierung den „Kriegswillen des Volkes gefälscht und mit Lügen angestachelt“.201 Die Katholiken Frankreichs
aber hätten bedauernswerterweise keinen Einfluss auf ihre Regierung. 202 Vielmehr würden sie von der Regierung „fortwährend wie arme Verwandte und wie Franzosen zweiter
Klasse behandelt. […] [und] von der öffentlichen Macht und von den Verantwortungen
ferngehalten“203.
Die feindliche Haltung der Regierung gegenüber Papst und Kirche wird im MJ ständig
mit Beispielen belegt. Ein erster Beweis wird darin gesehen, dass das Gebet des Papstes
für den Frieden im Februar 1915 erst erlaubt wurde, nachdem es auf einen national französischen Sinn, also einem dem Papst zuwiderlaufenden Sinn begrenzt wurde. 204 Ein
nächster Beweis besteht darin, dass die Regierung die Hirtenbriefe der französischen Bischöfe beschneide.205 Die französische Regierung treibe „ihre feindliche Haltung gegenüber dem Heiligem Stuhl soweit, daß (sic!) sie die Auslieferung der bei französischen
Banken deponierten Geldern des Vatikan verweigert.“206 Ein weiterer Anlass auf die
Papst- und Kirchenfeindlichkeit der französischen Regierung aufmerksam zu machen ist
das Bekanntwerden, dass die französische Regierung der italienischen Forderung entsprochen hat, sich niemals auf die Internationalisierung oder Veränderung der bestehenden
römischen Garantiegesetze zugunsten des Papsttums einlassen zu wollen, was einer Missachtung der Rechte und Interessen des Heiligen Stuhles und der katholischen Kirche
gleichkomme.207 Auch hier unterscheidet das MJ zwischen den Katholiken Frankreichs
199
200
201
202
203
204
205
206
207
Vgl. Die Kurie und der Weltkrieg, in: MJ 03.05.1915; Gotteslästerliche Geschmacklosigkeiten in Frankreich, in: MJ 14.08.1915; Der Sinn von diesem „großen Sterben“, in: MJ 14.12.15; Zur Lage des Papstes, in: MJ 02.02.1916; Weltkrieg und Jakobinertum, in: MJ 10.05.1916; Die unbelehrbaren französischen Katholiken, in: MJ 19.10.1916; Papst und Friedensfrage, in: MJ 28.07.1917; Der Hl. Stuhl und
die Katholiken, in: MJ 27.12.1917; Demokratisches Ideal und die Wirklichkeit in Frankreich, in: MJ
05.03.1918; Die letzten Friedensschritte Benedikts XV. in Frankreich, in: MJ 04.04.1918; Der Papst
und der Krieg, in: MJ 07.06.1918.
Die Auguren Frankreichs, in: MJ 19.04.1916.
Verantwortungsgefühl gegenüber der Menschheit, in: MJ 21.12.1917.
Vgl. Frankreich und der Vatikan. Französisches Liebeswerben, in: MJ 06.03.1915.
Die neue Regierung und die Katholiken in Frankreich, in: MJ 13.11.1915.
Vgl. Das verbotene Friedensgebet, in: MJ 04.02.1915; Der Krieg und die französischen Katholiken, in:
MJ 21.04 1915; Der Friedens-Aufruf des Papstes, in: MJ 03.08.1915.
Vgl. Frankreich und der Vatikan. Französisches Liebeswerben, in: MJ 06.03.1915; Die Kurie und der
Weltkrieg, in: MJ 03.05.1915.
Der Heilige Stuhl und der Weltkrieg, in: MJ 08.04.1915.
Vgl. Der Vierverband als Feind des Hl. Stuhles, in: MJ 08.01.1916; Die russischen Geheimakten und
der päpstliche Stuhl, in: MJ 08.12.1917. Mehr dazu in Kapitel 5.1.
29
4 Die Causa Frankreich
und der Regierung der französischen Republik. So schreibt das MJ: „Das haben die französischen Katholiken wahrlich nicht verdient“208 und „Die Katholiken Frankreichs sehen
die Londoner Klausel als Beleidigung an und setzten sich mit aller Macht für die Wiederherstellung der offiziellen diplomatischen Beziehung Frankreichs mit dem Vatikan
ein."209 Auch wird ein Brief des Kardinal Dubois, Erzbischof von Rouen 210, im MJ abgedruckt, in dem er dem Papst sein Bedauern und Protest gegenüber dem Londoner Vertrag ausdrückt.211 Die Einstellung der Pariser Regierung zeige sich auch darin, dass
„Frankreich bei der chinesischen Regierung gegen die Anknüpfung diplomatischer Beziehungen zwischen China und dem Vatikan […] Einspruch erhoben hat. Der Protest
werde damit begründet, daß (sic!) gemäß dem Vertrage von 1858 die katholischen Organisationen unter französischem Schutz stehen. Es ist eine unerträgliche Bevormundung,
die sich das offizielle Frankreich damit gegenüber dem Heiligen Stuhle herausnimmt […]
China wie der Vatikan erhalten, damit einen neuen Vorgeschmack davon, was es mit der
Freiheit auf sich hat, die der Sieg der Verbandsmächte der Welt bringen soll.“212 Auch
die päpstliche Friedensnote vom August 1917213 bietet dem MJ einen Anlass die französischen Glaubensbrüder in einem guten und die französische Regierung in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen. So sei das französische Volk für den Frieden und pro Papst
eingestellt.214 Die friedensbefürwortenden und der Papstnote freundlich gegenüberstehenden Hirtenbriefe katholischer Bischöfe würden aber in Frankreich zensiert werden
und Anlass für eine antikirchliche Hetze sein.215 Selbst das antideutsche Verhalten französischer Katholiken wird in einem Artikel des MJ entschuldigt. Dass sie „so aufgebracht
gegen uns sind, liegt an der unverantwortlichen Hetze gegen uns, bei den französischen
Katholiken, soweit sie kirchentreu sind, herrscht eine Vorstellung von deutschen Verhältnissen vor, die ihren schädlichen Einfluß (sic!) auch auf die Beurteilung der deutschen
208
209
210
211
212
213
214
215
Die Ausschließung des Papstes von den Friedensverhandlungen, in: MJ 19.12.1917.
Der Papst und der Krieg, in: MJ 24.06.1918
Louis-Ernest Kardinal Dubois (1856-1929) war ab 1916 Erzbischof von Rouen und ab 1920 Erzbischof
von Paris. Vgl. Bräuer, Handbuch, S. 238.
Vgl. Die antivatikanische Klausel im Londoner Vertrag, in: MJ 29.06.1918.
Frankreich und der Hl. Stuhl, in: MJ 20.08.1918.
Dazu mehr in Kapitel 6.1.
Vgl. Für und gegen den Frieden, in: MJ 01.09.1917.
Vgl. Frankreichs Priester und der Frieden, in: MJ 21.11.1917. Laut Baadte lehnte die Mehrheit der
französischen Bischöfe diesen Friedensvorschlag Benedikts XV. ab. Vgl. Baadte, Universalismus, S.
103.
30
4 Die Causa Frankreich
Katholiken ausübt, wonach das deutsche Volk im allgemeinen protestantisch also ketzerisch sei“216. In diesem Sinne veröffentlicht das MJ auch Artikel, die nach dem Erscheinen des Buches La Guerre die Katholiken Frankreichs verteidigt.217
Der Kampf gegen die Dritte Französische Republik im Weltkrieg wird nun damit gerechtfertigt, dass ein Sieg des sitten- und gottlosen Frankreichs im gegenwärtigen Weltkrieg
verhindert werden müsse, denn dadurch würde das dortige „atheistische Regiment gefestigt und der Sturz des Katholizismus“218 in der gesamten Welt herbeigeführt. Wenn die
Mittelmächte aber gewinnen, würde „dadurch der Geist der Religion des Christentums
und der christlichen Sitte in die ganze Welt getragen werden.“219 „So ist das deutsche
Schwert gezogen auch für Frankreichs Katholiken […] fürwahr das Schwert ist gezogen
wie für des Reiches so für der katholischen Weltkirche Freiheit […] Jedesmal (sic!) wenn
wir rufen es lebe das Vaterland, klingt […] mit der Ruf - es lebe die Kirche!“220 Die
Interpretation, dass ein Sieg Frankreichs ein großes Unglück für die katholische Welt
bedeuten würde, ein Sieg des Deutschen Reiches dagegen Frankreich und der gesamten
Welt den Glauben wieder bringe und man daher auch im Dienste der französischen Glaubensbrüder kämpfe, findet sich immer wieder in Artikeln des MJ.221 Darüber hinaus wird
hier deutlich, wie die nationale Sache, der Sieg des Vaterlandes, mit der katholischen
Sache, der Stärkung der Kirche und der Verbreitung des katholischen Glaubens, miteinander in Einklang gebracht werden.
Sowohl der bisher erforschte deutsche als auch der Mainzer Katholizismus rechtfertigen
den Krieg gegen die ehemals „älteste Tochter der Kirche“, indem sie das ehemals betonen. Nun sei Frankreich Kirchen-, Katholiken- und Papstfeindlich eingestellt. Allerdings
differenzieren der Fuldaer Katholizismus ab 1915 und der Mainzer Katholizismus bereits
im November 1914 zwischen der kirchenfeindlichen Freimaurerregierung und den treuen
Katholiken Frankreichs.222 Der Mainzer Katholizismus betont immer wieder, dass es in
Frankreich noch kirchen- und papsttreue Katholiken gebe. Er blendet also keineswegs
216
217
218
219
220
221
222
Die Stellung der Katholiken zur Friedensbewegung, in: MJ 30.06.1917.
Siehe dazu das folgende Kapitel.
P. Cohausz über den Weltkrieg und die deutschen Katholiken, in: MJ 18.06.1915. Pater Otto Cohausz
SJ (1872-1938) diente freiwillig im Weltkrieg als Feldgeistlicher. Vgl. Hillig, Nachruf, online unter:
http://www.con-spiration.de/syre/files/rothe-nr/cohauss.html
„Thron und Altar“. Apologetischer Vortrag, in: MJ 20.11.1914.
Krieg-Kirche, in: MJ 24.08.1915.
Vgl. „Thron und Altar“. Apologetischer Vortrag, in: MJ 20.11.1914; Konferenz der katholischen Männer und Arbeitervereine, in: MJ 05.01.1915; Die Stellung des Papstes, in: MJ 07.01.1915; Die sittliche
Erneuerung durch den Krieg, in: MJ 12.02.1915; Der Krieg und der Katholizismus, in: MJ 24.02.1915.
An dieser Stelle bieten sich weitere regionale Studien an um herauszufinden ob es diese Differenzierung
auch außerhalb von Mainz und Fulda gab.
31
4 Die Causa Frankreich
aus, dass in anderen Ländern Glaubensbrüder mit der gleichen Tradition lebten. Um eben
diese Glaubensbrüder von der atheistischen Regierung zu befreien, müsse man im Dienste
der gesamten katholischen Kirche die nationale Sache unterstützen. Denn nur durch einen
Sieg der Mittelmächte würde die katholische Kirche gestärkt aus dem Weltkrieg hervorgehen. So werden durch den Mainzer Katholizismus deutsche/nationale mit katholischen/
weltkirchlichen Zielen gleichgesetzt.
4.2 „La Guerre Allemande et le Catholicisme“
Obwohl sich die deutschen Katholiken im Ersten Weltkrieg patriotisch und nationalistisch gaben, lehnten sie doch den Hass gegenüber anderen Nationen ab.223 Diese Einstellung wurde durch die Ende April 1915 vom französischen Kirchenhistoriker Baudrillart224 herausgegebene und von einigen Bischöfen aus Frankreich empfohlene Sammelschrift La Guerre auf die Probe gestellt.225 In diesem Buch warfen unterschiedliche Autoren in sieben Beiträgen der Regierung und Intellektuellen des Deutschen Reiches vor,
einen Kampf gegen den Katholizismus zu führen. Frankreich hingegen sei der Kirche treu
ergeben. Veranschaulicht wurde dies durch einen zeitgleich veröffentlichten Bildband.226
Dieses Werk war hauptsächlich als Propagandaschrift für die Katholiken in den neutralen
Ländern gedacht und wurde daher in mehrere Sprachen übersetzt.227 Im Folgenden soll
betrachtet werden, wie der Mainzer Katholizismus im Vergleich zum deutschen Katholizismus auf dieses Buch reagierte.
4.2.1 „La Guerre Allemande et le Catholicisme“ und der deutsche Katholizismus
Auch wenn sich die Vorsitzenden der Fuldaer228 und Münchner Bischofskonferenz229
über diese Aufsatzsammlung beim Papst beschwerten, unterließen die Bischöfe doch im
päpstlichen Sinne eine direkte Entgegnung.230 So unterschrieb auch kein Mitglied des
223
224
225
226
227
228
229
230
Vgl. Gatz, Kirche, S. 64.
Alfred Henri Marie Kardinal Baudrillart (1859-1942) war ab1907 Leiter des Institut catholique de Pa
ris. Ab 1921 war er Titularbischof von Hemeria und Weihbischof in Paris. Vgl. Bräuer, Handbuch, S.
286.
Vgl. Baadte, Universalismus, S. 97; Burkard, Kaiser, S. 57f.; Gatz, Kirche, S. 64.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 258f.; Arnold, Guerre, S. 3. Eine Zusammenfassung der einzelnen Artikel
findet sich bei: Lätzel, Kirche, S. 71ff. und Scheidgen, Bischöfe, S. 261-268.
Vgl. Baadte, Universalismus, S. 98.
Zu Kardinal Hartmann vgl. Anm. 152.
Vorsitzender der Münchner Bischofskonferenz war zu diesem Zeitpunkt Franziskus Kardinal von Bettinger (1850- 1917), der ab 1909 Erzbischof von München und Freising war. Vgl. Krausen, Bettinger,
S. 195.
Im August 1915 beschwerten sich deutsche Bischöfe beim Papst. Dieser betonte, dass er nicht wolle,
dass man ein anderes Volks durch Wort oder Schrift herabsetzen würde. Letztendlich verzichteten die
32
4 Die Causa Frankreich
Episkopats die von Theologie-Professor Rosenberg und 125 weiteren namenhaften Vertretern des deutschen Katholizismus herausgebrachte „Denkschrift deutscher Katholiken
gegen das französische Buch: ,La Guerre allemande et le Catholicisme‘“231. Auch der
Kirchenhistoriker Pfeilschifter232 brachte 1915 zusammen mit anderen Gelehrten einen,
die französischen Vorwürfe abwehrenden, Sammelband heraus.233 In beide Schriften bemühten sich die Autoren um einen ruhigen wissenschaftlichen Ton.234
4.2.2 „La Guerre Allemande et le Catholicisme“ und der Mainzer Katholizismus
Nach der Herausgabe des Buches La Guerre erscheinen im MJ Artikel, die die Argumente
der Schrift und des Fotobuches zusammenfassen und widerlegen.235 Ebenso werden die
Gegenschriften von Rosenberg236 und von Pfeilschifter237 mit ihren Argumenten vorgestellt. Dabei reagiert das MJ ähnlich wie der restliche bereits erforschte Katholizismus in
Deutschland. So wird betont, dass im Gegensatz zu den französischen Katholiken, die
„selbst mitten im blutigen Völkerringen ihrem religiösen Hasse keine Zügel anlegen“238
und daher vom Evangelium Jesu abfielen,239 man selbst vollkommen sachlich bleiben
wolle und auf jede Art von Beleidigung verzichten würde240, um „die letzten Verbindungsfäden nicht zu zerschneiden, welche für die Zukunft geblieben sind […]. Wir dürfen
auch nicht vergessen, daß (sic!) der im Angriffsbuch vertretene Katholizismus nicht den
gesamten französischen Katholizismus darstellt.“ 241 Das beste Beispiel biete hierfür ein
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
Bischöfe auch auf eine Reaktion, um der Weltgeschichte das Schauspiel eines sich streitenden Episkopats zu ersparen. Vgl. Baadte, Universalismus, S. 100; Burkard, Kaiser, S. 57f.; Gatz, Kirche, S. 64.
Vgl. Gatz, Kirche, S. 64. Eine Zusammenfassung der Kapitel bietet Lätzel, Kirche, S. 79-83. Bereits
zuvor hatte Alfred Rosenberg unter dem Titel: „Der deutsche Krieg und der Katholizismus. Deutsche
Abwehr französischer Angriffe“ eine Schrift gegen die Vorwürfe verfasst. Vgl. Arnold, Guerre, S. 308.
Georg Pfeilschifter (1870-1936). Vgl. Faller, Pfeilschifter, Sp. 1090.
Dieser erschien unter dem Titel: „Deutsche Kultur, Katholizismus und Weltkrieg. Eine Abwehr des
Buches `La guerre allemande et le catholicisme´“. Wie La Guerre war es vor allem an neutrale Nationen
gerichtet, weshalb es auch in die Weltsprachen übersetzt wurde. Vgl. Arnold, Guerre S. 308. Eine Zusammenfassung der Artikel findet sich bei Lätzel, Kirche, S. 74-79.
Vgl. Gatz, Kirche S. 64f.; Strötz Katholizismus, S. 187.
Vgl. Eine Widerlegung der französischen Anschuldigungen, in: MJ 28.06.1915. Zudem erscheinen im
MJ sechs Artikel, die alle mit „Eine französische Anklage und eine deutsche Verteidigung“ überschrieben sind an folgenden Tagen: 29.01.1916; 11.02.1916; 19.02.1916; 23.02.1916; 26.02.1916;
04.03.1916.
Vgl. Der deutsche Krieg und der Katholizismus, in: MJ 04.06.1915; Der deutsche Katholizismus im
Weltkriege, in: MJ 09.10.1915.
Vgl. Eine neue Abwehrschrift der deutschen Katholiken, in: MJ 06.01.1916.
Eine französische Anklage und eine deutsche Verteidigung, in: MJ 23.02.1916.
Vgl. Frankreichs im Chauvinismus ertrunkener Katholizismus, in: MJ 30.09.1915.
Vgl. „Der deutsche Krieg und die katholische Kirche“ in: MJ 16.03.1915; Der deutsche Krieg und der
Katholizismus, in: MJ 02.06.1915; „Der deutsche Krieg und der Katholizismus“, in: MJ 10.06.1915;
Eine französische Anklage und eine deutsche Verteidigung, in: MJ 29.01.1916.
Die Katholiken in Deutschland und Frankreich während des Weltkrieges, in: MJ 15.09.1915.
33
4 Die Causa Frankreich
französischer Benediktinerpater, der das Buch kritisiert.242 Zudem wird daran erinnert,
dass sehr viele französische Katholiken, auch solche, die La Guerre unterstützen, den
deutschen Kriegsgefangenen gegenüber großartige, versöhnend wirkende Werke der
Caritas ausgeübt hätten.243 Dementsprechend findet sich hier erneut die Mahnung nicht
zu Verallgemeinern. Selbst über die französischen Glaubensgenossen, die die Anklageschrift unterstützen, solle nicht zu hart geurteilt werden, da sie in ihrer Jugend Zeugen der
furchtbaren Katastrophe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 gewesen seien und
sie von Jugend auf nichts anderes gehört hätten, als dass „Frankreich die erstgeborene
Tochter der Kirche“244 sei. Außerdem wird ein Artikel abgedruckt, in dem Kardinal Hartmann die Beteiligung seiner Mitbrüder im Episkopat damit verteidigt, dass sie auch durch
die falsche Entente-Presse aufgestachelt worden seien.245
Ebenso findet sich im MJ auch ein Artikel, der das Darmstädter Tageblatt kritisiert, da es
anlässlich des Buches La Guerre Folgendes schreibt: „wo käme es mit der Vaterlandsliebe hin, wenn man die Herzen der Jugend nicht mehr entflamme zum Hasse gegen unsere heimtückischen Feinde.“246 Dagegen wendet das MJ ein, es sei zwar gestattet, „Entrüstung zu haben […], ebenso, den Angreifer so niederzuwerfen, wie es die eigene Sicherheit verlangt; aber nie kann gestattet sein der Haß (sic!), das heißt die blindwütige
Sucht, ein Volk, […], wo und wann sich Gelegenheit bietet zu vernichte. […] Insbesondere die katholische Kirche, die Weltkirche, die die Menschen aller Völker, aller Zonen,
aller Farben ihrer erhabenen Bestimmung der Gotteskindschaft entgegenführen soll und
will, kann nie schweigen zur Predigt des Hasses unter den Völkern […] wohl aber kann
der Fall eintreten, daß (sic!) man der Ansicht sein darf, im Interesse der Kirche sei der
Sieg der einen oder anderen Partei wünschenswert, ja notwendig. [...] Die Katholische
Kirche muss gegen den Haß (sic!) protestieren. Hinweg mit der blasphemischen Sprache
vom deutschen Gott, es gibt keinen deutschen Gott. […] Gott ist auch der liebevolle Gottvater des armen betörten Franzosenvolkes. […] Echtes Christentum gibt es auch in gallischen, d.h. französischen, in gelben, braunen und schwarzen Menschenherzen. […] alle
sind gleichberechtigte Kinder derselben heiligen Gotteskirche, alle bestimmt zur selben
himmlischen Gottesgemeinde.“247 Dieser Artikel ist kein Einzelfall: Immer wieder betont
das MJ, dass der deutsche Katholizismus es aus Liebe zur katholischen Einheit ablehne
242
243
244
245
246
247
Vgl. An die belgischen Katholiken, in: MJ 12.10.1915.
Vgl. Die Katholiken in Deutschland und Frankreich während des Weltkrieges, in: MJ 15.09.1915.
Eine französische Anklage und eine deutsche Verteidigung, in: MJ 19.02.1916.
Vgl. Geistliche Würdenträger ueber den Krieg, in: MJ 12.06.1918.
Krieg-Kirche, in: MJ 24.08.1915.
Krieg-Kirche, in: MJ 24.08.1915.
34
4 Die Causa Frankreich
anderen Nationen mit Hass zu begegnen, da dies gegen das Evangelium der christlichen
Liebe wäre.248 Selbst wenn das französische Verhalten dem deutschen Katholizismus
noch so sehr geschadet habe, so dürfe das die deutschen Katholiken nicht von einem entgegengesetzten Handeln abhalten.249 Wenn man auf den Hass gegen andere Völker verzichtet, würde man ganz im Sinne des Papstes handeln. So wird ein Papstschreiben im
MJ veröffentlich, das er an die Bischöfe der Fuldaer Konferenz sendet, in dem es heißt,
dass es keinem Katholiken erlaubt sei „die Handlungen der Katholiken eines anderen
Volkes durch Wort und Schrift in einer Weise herabzusetzen, daß (sic!) sie, wie der Apostel sagt ,einander, herausfordern, einander beneiden‘ und so neuen Zunder zu der Erbitterung liefern […] Daher ermahnen Wir alle Katholiken, daß (sic!) sie jede Zwietracht
meiden und durch christliche Bruderliebe miteinander zur Wiederherstellung eines solchen Friedens allesamt beitragen müssen.“250 Ein Beweis für die Menschlichkeit und den
Hassverzicht sieht das MJ darin, dass die Deutschen in den von ihnen besetzten Gebieten
Gelder an hilfsbedürftige Franzosen gespendet hätten.251 Diese vorgestellten Zeitungsartikel sind klare Belege dafür, dass sich der Mainzer Katholizismus dem Gedanken des
Universalismus bewusst und nicht einem übertriebenen Nationalismus verfallen war.
Auch wird es im Mainzer Katholizismus gutgeheißen, dass sich die deutschen Kardinäle,
Erzbischöfe und Bischöfe nicht an der Erwiderung des Buches La Guerre beteiligen. So
sei „das rein politische Ziel und die Art der Polemik über Katholizismus und Weltkrieg
nicht mit der Würde und den Aufgaben des bischöflichen Hirtenamtes vereinbar.“252 Vielmehr hätten „die beiden deutschen Kardinäle im Namen des gesamten deutschen Episkopats inzwischen durch ihre Beschwerde beim Heiligen Vater den ihnen offenstehenden
und gebotenen Weg beschritten.“253 Hierbei hätten „die deutschen Kirchenfürsten den
ausdrücklichen Wunsch des Papstes vor den Augen, Streitigkeiten zwischen Mitgliedern
der katholischen Hierarchie zu vermeiden. Die deutschen Bischöfe haben stets diese Verhaltungsmaßregeln befolgt, auch wenn sie dabei Opfer bringen mußten (sic!).“254
248
249
250
251
252
253
254
Vgl. Der deutsche Krieg und der Katholizismus, in: MJ 04.06.1915; Patriotismus, ein schönes aber auch
viel mißbrauchtes Wort, in: MJ 28.12.1915; Fastenhirtenbrief Georg Heinrichs, in: MJ 19.02.1917.
Vgl. Die Stellung der Katholiken zur Friedensbewegung, in: MJ 28.06.1917.
Eine Mahnung des Papstes, in: MJ 27.09.1915.
Vgl. Deutsche Hilfstätigkeit im besetzten Frankreich, in: MJ 22.02.1917.
Denkschrift deutscher Katholiken gegen das französische Buch „La Guerre allemande et le Catholicisme“, in: MJ 18.06.1915.
„Der deutsche Krieg und der Katholizismus“, in: MJ 10.06.1915.
Geistliche Würdenträger ueber den Krieg, in: MJ 12.06.1918.
35
4 Die Causa Frankreich
Die Berichterstattung des MJ in Bezug auf das Buch La Guerre verdeutlicht, dass im
Mainzer Katholizismus der Gedanke des Universalismus auch im Weltkrieg noch verankert war. Die Reaktion des Mainzer Katholizismus unterscheidet sich hierbei nicht wesentlich von der des übrigen bereits untersuchten deutschen Katholizismus. So überwiegen die Stimmen, die dazu auffordern, die Reaktion auf La Guerre solle nicht in gleicher
polemischer Weise ausfallen, in der das Buch verfasst sei. Vielmehr wird betont dem
Feinde Nächstenliebe statt Hass entgegen zu bringen. Gleichwohl gibt es auch ein paar
spitze Andeutungen, die darauf abzielen sich selbst als moralisch besser darzustellen, indem darauf hingewiesen wird, dass man im Gegensatz zu den französischen Katholiken
die Grundsätze der Christenheit und des Papstes beherzige.
4.3 Die Kathedrale von Reims
Zwischen dem 4. und 12. September besetzten die deutschen Truppen die französische
Stadt Reims, ohne dass dabei die Kathedrale, die als Symbol für das katholische Frankreich galt, 255 beschädigt wurde. Mitte September mussten die Deutschen sich allerdings
bis auf einige Kilometer nördlich von Reims zurückziehen. Am 19. September beschoss
die deutsche Artillerie die Kathedrale. Dadurch fingen die Gerüste an der Westfassade
und das Dach Feuer, wodurch zahlreiche Skulpturen und mittelalterliche Glasfenster zerstört wurden. Die Deutschen behaupteten, sie hätten die Kathedrale nur beschossen, da
die Franzosen Artillerie in ihrer Nähe stationiert hätten und die Türme der Kathedrale als
Beobachtungs- und Winkerstation benutzt hätten, was der Erzbischof von Reims
Luçon256 verneinte.257 Auch im weiteren Verlauf des Krieges rechtfertigten die Deutschen
die Beschießungen der Kathedrale mit dem Vorwurf die Franzosen würden in ihrer Nähe
Artillerie aufstellen und die Kathedrale als Beobachtung und Winkerstation missbrauchen.258 Im Folgenden wird analysiert, wie sich der Mainzer Katholizismus im Vergleich
zu dem übrigen deutschen Katholizismus zu der Beschießung der Kathedrale von Reims
verhielt.
255
256
257
258
Die dortige aus dem 13. Jahrhundert stammende Kathedrale war der Krönungsort der französischen
Könige und hatte damit einen großen Symbolwert für den französischen Katholizismus. Vgl. Greschat,
Christenheit, S. 25; Horne, Reims, S. 790; Meseberg-Haubold, Widerstand, S. 79.
Louis-Henri-Joseph Kardinal Luçon (1842-1930) war ab 1906 Erzbischof von Reims. Vgl. Lohmann,
Lucon, Sp. 308.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 285. Laut Horne war in der Nähe Kathedrale keine französische Artillerie
stationiert. Dass die Türme als Beobachtungstürme genutzt worden seien, könne dagegen zugetroffen
haben. Allerdings hätte es sich dabei auch um zivile Schaulustige handeln können. Vgl. Horne, Reims,
S. 790.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 285-293.
36
4 Die Causa Frankreich
4.3.1 Der deutsche Katholizismus und die Kathedrale von Reims
Kardinal Hartmann hatte schon durch den Verzicht der direkten Antwort auf die Schrift
La Guerre zum Ausdruck gebracht, dass die nationale Begeisterung der deutschen Bischöfe durchaus seine Grenzen kannte. Noch deutlicher ist dies in seinem Einsatz für die
Kathedrale von Reims zu erkennen. Ihre Beschießung konnte er zwar anfangs, aber nicht
dauerhaft verhindern.259 Wie sich andere Gruppierungen im deutschen Katholizismus zu
der Beschießung der Kathedrale äußern, ist bisher nicht erforscht worden.
4.3.1 Der Mainzer Katholizismus und die Kathedrale von Reims
Über die Beschießung der Kathedrale von Reimes wird im MJ zum ersten Mal am 22.
September 1914 berichtet. Der Dom sei bei der Beschießung der Stadt geschont worden,
trotzdem seien die Türme des Doms in Rauch gehüllt, da er „insgesamt während der
dreitägigen Beschießung achtmal getroffen wurde. Der Schaden [sei] aber sehr geringfügig.“260 Auch einen Tag später schreibt das MJ, dass man es sehr bedauern würde, wenn
der alte prächtige Dom in Reims bei der Beschießung beschädigt würde, und so würde
man die Kathedrale nach Möglichkeit schonen. „Wenn die Franzosen aber ihre Geschütze
bei dem kostbaren Bauwerk aufstellen und es als Deckung nutzen, dann hört die Möglichkeit der Schonung auf und die Franzosen üben selbst den Vandalismus aus, den sie
den Deutschen vorwerfen. […] Kostbarer als das Bauwerk ist uns das Menschenleben.“261 In der Folgezeit erscheinen immer wieder Artikel, die beschreiben, dass die Kathedrale nur geringfügige Schäden erlitten habe und man nur gezwungenermaßen die Kathedrale beschieße, da die Franzosen vor der Kathedrale Artillerie zur Beschießung deutscher Truppen aufgestellt hätten und die Türme als Signal- sowie Beobachtungsstationen
missbrauchen würden. Alleinige Schuld an der Zerstörung der Kathedrale trügen daher
die Franzosen selbst.262 Außerdem veröffentlicht das MJ einen Artikel, in dem es sarkastisch feststellt, dass es sonderbar sei, mit welchem Eifer nun auf einmal Frankreich auf
259
260
261
262
Am 20.05.1915 bat Kardinal Hartmann auf Wunsch des Papstes Kaiser Wilhelm II. bei einer Beschießung Reims Rücksicht auf die Kathedrale zu nehmen. Die deutsche Führung sicherte Hartmann zu von
einer Beschießung der Kathedrale abzusehen, wen diese nicht zu militärischen Zwecken miss braucht
würde. Anfang Mai 1917 bekam Hartmann die Nachricht, die Kathedrale sei erneut bombardiert worden. Auf seine Nachfrage hin, wurde dies damit begründet, dass die Franzosen bei ihrer Frühjahrsoffensive in der Nähe der Kathedrale Geschütze aufgestellt hätten. Zudem seien ab Anfang Oktober 1917
ihre Türme zu Beobachtungs- und Meldezwecken missbraucht worden. Am 7. November sei sogar eine
Antenne und am 4. Dezember eine Blinkstation eingerichtet worden. Die Franzosen seien daher selbst
Schuld, wenn die Kathedrale zerstört würde. Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 285-293.
Die Beschießung von Reims, in: MJ 22.09.1914.
Die Beschießung von Reims u. das Schicksal der Kathedrale, in: MJ 23.09.1914.
Vgl. Die Kathedrale von Reims steht noch, in: MJ 24.09.1914; Eine vernünftige italienische Stimme,
in: MJ 24.09.1914; Die Kathedrale in Reims, in: MJ 25.09.1914; Der Dom von Reims, in: MJ
37
4 Die Causa Frankreich
den Schutz seiner Kirchen bedacht sei. Seit Jahren hätten die Franzosen nicht das geringste Interesse für ihre Kirchen gezeigt und sie größtenteils nicht kirchlichen Zwecken
zugeführt, manche seien sogar als Pferdestall missbraucht worden.263 Das Thema der Beschießung der Kathedrale von Reims wird im MJ dann erst im April 1918 wieder im Zuge
des deutschen Rückzuges virulent. Erneut wird das Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht, aber die Kathedrale sei zum wiederholten Mal zu militärischen Zwecken missbraucht worden.264
Der Mainzer Katholizismus protestiert im Gegensatz zu Hartmann nicht gegen die Beschießung der Kathedrale. Er glaubt und verbreitet die von der Regierung propagierte
Begründung, dass die Franzosen selbst Schuld seien, wenn die Kathedrale beschädigt
würde, da sie den Dom zu militärischen Zwecken missbrauchen würden. Kostbarer als
Bauwerke seinen nun einmal Menschenleben. Allerdings bringt der Mainzer Katholizismus wie schon im Fall Löwens sein Bedauern mehrmals zum Ausdruck, was auf eine
gewisse Verbundenheit mit den französischen Glaubensbrüdern schließen lassen kann.
263
264
26.09.1914; Der Dom von Reims, in: MJ 28.09.1914; Der Dom zu Reims, in: MJ 29.09.1914; Zur
Kriegslage, in: MJ 30.10.1914; Ein Gespräch mit dem preußischen Gesandten beim Vatikan, in: MJ
09.11.1914; Die Kathedrale von Reims, in: MJ 15.11.1915; Zerstörung von Kunstschätzen, in: MJ
27.11.1914; Der Dom von Reims, in: MJ 02.11.1914.
Vgl. Frankreich und seine Kirchen, in: MJ 08.10.1914.
Vgl. Die Schuld, in: MJ 06.04.1918; Die Beschießung von Reims, in: MJ 23.04.1918.
38
5 Die Causa Italien
5 Die Causa Italien
Obwohl Italien seit 1882 mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich in einer Allianz verbunden war, erklärte es am 3. August 1914 seine Neutralität. Seitdem bemühten
sich beide kriegsführenden Parteien durch territoriale Zugeständnisse Italien für sich zu
gewinnen. Im April 1915 unterzeichnete das Königreich Italien einen Geheimpakt mit
der Entente und erklärte am 23. Mai 1915 den Habsburgern sowie am 28. August 1916
dem Deutschen Reich den Krieg.265 Der Kriegseintritt Italiens stellte die deutschen Katholiken vor die Herausforderung ihren Einsatz im Weltkrieg zu legitimieren, da Italien
eine traditionell katholische Nation war266 und nach wie vor die katholische Kirche eine
entscheidende Rolle in Italien spielte.267 Vor allem zwei Argumente werden hier vom
deutschen Katholizismus verwendet: Erstens: Durch den Krieg könne die Römische
Frage zugunsten des Papstes gelöst werden und zweitens: Man führe den Krieg lediglich
gegen die Freimaurerregierung Italiens. Dies wird im Folgenden weiter ausgeführt.
5.1 Die Lösung der Römischen Frage
Als Römische Frage wird der von 1870 bis 1929 andauernde Konflikt zwischen katholischer Kirche und italienischem Staat bezeichnet, in dem es einerseits um den Status Roms
als Hauptstadt und andererseits um die staatsrechtliche Stellung des Vatikans in Rom
ging.
Die national-liberale italienische Einigungsbewegung (Risorgimento) hatte bereits seit
den 1830er Jahren die Forderung nach der weltlichen Herrschaft über Rom vertreten, da
sie die „Ewige Stadt“ als die natürliche Hauptstadt des italienischen Königreiches ansah.
Dagegen wehrte sich der damalige Papst Pius IX. Bis 1870 sicherte eine französische
Garnison die päpstliche Herrschaft im noch verbliebenen Kirchenstaat (Latium mit der
Stadt Rom). Doch als die französischen Truppen im Sommer 1870 im Zuge des DeutschFranzösischen Krieges nach Frankreich abberufen wurden, konnte das italienische Heer
ohne nennenswerten Widerstand Rom einnehmen und die weltliche Herrschaft des Papsttums dort beenden sowie den Kirchenstaat in den seit 1861 bestehenden Nationalstaat
Italien integrieren. Im folgenden Jahr wurde die italienische Hauptstadt von Florenz nach
Rom verlegt und ein Garantigesetz von der italienischen Regierung erlassen, welches von
Pius IX. als ungenügend abgelehnt wurde, obwohl es dem Pontifex Souveränitätsrechte,
265
Vgl. Berghan, Weltkrieg, S. 40f.; Greschat, Kirchen, S. 105; Lätzel, Kirche, S. 152.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 121.
267
Vgl. Greschat, Christenheit, S. 45.
266
39
5 Die Causa Italien
freie Ausübung seines geistlichen Amtes, eine jährliche Vergütung, eine diplomatische
Vertretung sowie die Benutzung der vatikanischen Paläste, Gärten und anderen Gebäude
versicherte. Überdies erklärte sich der Papst zum Gefangenen im Vatikan und forderte
die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papsttums. Auch die nachfolgenden
Päpste versuchten die Wiedererrichtung des Kirchenstaates zu erreichen. Endgültig geklärt wurde die Römische Frage erst unter Pius XI. durch die 1929 geschlossenen Lateranverträge mit der faschistischen Regierung Italiens unter Benito Mussolini. Rom
wurde hierbei von der katholischen Kirche als Hauptstadt Italiens anerkannt. Im Gegenzug garantierte die italienische Regierung dem Vatikan als Vatikanstadt die volle staatliche Souveränität und politische Unabhängigkeit.268
5.1.1 Der deutsche Katholizismus und die Lösung der Römischen Frage
Der Deutsche Katholizismus legitimierte den Krieg gegen Italien damit, dass man mit
einem Sieg über Italien etwas zur Verbesserung der Lage des Papsttums beitragen
könne.269 So sah man eine Möglichkeit die Römische Frage zu Gunsten des Papstes zu
entscheiden und den Papst somit wieder zu einem Souverän mit eigenen Territorien zu
machen.270 Immer wieder wurde erörtert, wie die territoriale, die rechtliche und die finanzielle Situation des Papstes verbessert werden könne.271 Dabei kam den deutschen Katholiken entgegen, dass das Königreich Italien im Londoner Geheimvertrag (26. April
1915)272, bei dem es einen Kriegseintritt auf Seiten der Entente zusagte, in Artikel 15
seine künftigen Bündnispartner dazu verpflichtete, jedwede Beteiligung des Papstes an
Friedensverhandlungen oder auch nur den Einfluss auf die künftige Friedensordnung zu
verhindern.273 Auch die Fuldaer katholische Presse äußert die Hoffnung durch den Krieg
die Stellung der Kirche und des Papsttums in Deutschland und der ganzen Welt zu verbessern sowie die Italienische Frage zugunsten des Papstes entscheiden zu können und
den Kirchenstaat in seiner ursprünglichen Form wiederherzustellen.274
268
269
270
271
272
273
274
Vgl. Gelmi, Römische Frage, Sp. 1286f.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 134; Loth, Katholiken, S. 286.
Vgl. Hürten, Kirche, S. 729.
Vgl. Lutz, Demokratie, S. 44; Strötz, Katholizismus, S. 192.
Vgl. Maron, Kirche, S. 214.
Bereits 1899 und 1907 verhinderte Italien, dass der Heilige Stuhl zu Haager Friedenskonferenzen eingeladen wurde, da es ihn als italienischen Staatsbürger und Untertan des Königreichs Italien ansah. Vgl.
Hürten, Kirche, S. 726. An den Friedensverhandlungen am Ende des Ersten Weltkrieges war der Papst
dann tatsächlich auf Wunsch der italienischen Regierung nicht beteiligt. Vgl. Lätzel, Kirche, S. 172.
Vgl. Göbel, Katholiken, S.77f.; 121ff.
40
5 Die Causa Italien
5.1.2 Der Mainzer Katholizismus und die Lösung der Römischen Frage
Bis zum Kriegsbeitritt Italiens betont das MJ regelmäßig, wie sich durch den Krieg die
Stellung des Papsttums gebessert habe. So würden sogar die Protestanten schreiben, dass
mit dem Krieg ein Wachstum der päpstlichen Macht und eine Festigung seiner Stellung
einhergehen275. Dies sei vor allem darin erkennbar, dass nun wieder zahlreiche, dem Vatikan eigentlich fern stehende Staaten, unter anderem auch das kirchenfeindliche Frankreich, das orthodoxe Russland, aber auch Japan und England diplomatische Beziehungen
zum Vatikan aufnehmen wollen. Durch den Weltkrieg sei das Papsttum längst nicht mehr
eine bloße moralische Instanz, sondern ein gewichtiger politischer Faktor geworden.276
So sei der „Papst heute die meist umworbene Persönlichkeit“277 und Rom wieder caput
mundi.278
Doch dies änderte sich mit dem drohenden Kriegseintritt Italiens. Bereits wenige Monate
vor der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn erscheinen Artikel, die sich mit
der Römischen Frage auseinandersetzen und auf die Lückenhaftigkeit des italienischen
Garantigesetzes von 1871 sowie auf die vielen unklaren Fragen bezüglich des Papsttums
hinweisen. 279 Wie der Mainzer Katholizismus zur Römischen Frage und dem Garantiegesetz von 1871 steht, verdeutlicht ein Artikel, in dem es heißt: „Der päpstliche Stuhl hat
dies Gesetz aber nie anerkannt, vielmehr wiederholt gegen den Rechtsbruch und die Beraubung der Kirche Protest erhoben, so daß (sic!) ein Rechtsverhältnis auf Grund des
Garantiegesetzes zwischen dem italienischem Staate und dem Heiligen Stuhle nicht besteht, rechtlich vielmehr das Verhältnis des Papstes zum König von Italien hinsichtlich
des Kirchenstaates das eines seiner territorialen Souveränität beraubten Herrschers zu
einem Usurpator ist.“280 Da der Papst das Garantiegesetz nicht anerkannt hat, könne es
allerdings auch jederzeit von der italienischen Regierung zurückgezogen werden und
biete daher als einseitige Abmachung keine Grundlage zum Erheben von Rechtsansprü-
275
276
277
278
279
280
Vgl. Die Stellung des Papstes, in: MJ 07.01.1915.
Vgl. Die gegenwärtige Stellung des Heiligen Stuhles, in: MJ 17.02.1915; Der Heilige Stuhl und der
Weltkrieg, in: MJ 08.4.1915; Der Papst im Völkerkrieg, in: MJ 09.04.1915; Papst Benedikt XV. und
der Weltkrieg, in: MJ 24.03.1915; Der wahre Friedensfürst, in: MJ 11.05.1915; Rom. Anerkennung des
Papsttums, in: MJ 17.07.1915; Weltkrieg, Weltfriede und Papsttum, in: MJ 15.09.1915; Papst Benedikt
XV., in: MJ 02.09.1916.
Papst Benedikt XV., der Krieg und Italiens Neutralität, in: MJ 30.01.1915.
Vgl. Die Kurie und der Weltkrieg, in: MJ 03.05.1915.
Vgl. Stellung der Kurie bei einem Kriege Italiens, in: MJ 25.03.1915; Die Lage des Heiligen Stuhls, in:
MJ 24.04.1915; Die Souveränität des Hl. Stuhles in einem italienischen Krieg, in: MJ 24.04.1915; Die
Sorge des Heiligen Stuhles, in: MJ 08.05.1915; Italien und der Heilige Stuhl, in: MJ 15.05.1915.
Italien und der Heilige Stuhl, in: MJ 15.05.1915.
41
5 Die Causa Italien
chen, weder durch den Vatikan noch durch einen anderen Staat. Diese Lücken- und Mangelhaftigkeit des bisherigen Garantiegesetzes werde durch die zahlreichen sich stellenden
Fragen verdeutlicht, die durch den Ersten Weltkrieg offen gelegt geworden seien. So ist
ungeklärt, ob „die italienische Regierung, falls sie zum Kriege sich entschließt, das Garantiegesetz noch weiter als sie verpflichtende anerkennen [wird]? Wird sie die Exterritorialität des Papstes und damit auch das Recht der beim Vatikan beglaubigten Gesandten auf Exterritorialität respektieren? Wird sie vor allem der persönlichen Freiheit des
Papstes, seinem Rechte als Oberhaupt der Kirche mit all seinen Bischöfen in Verbindung
zu treten, keine Schranken auferlegen?“281 Auch sei in den Gesetzen nichts „über die
große Anzahl von Personen der verschiedensten Staatsangehörigkeiten vorgesehen, die
als Prälaten, Beamte oder Hofwürdenträger zur Kurie oder zum päpstlichen Hofe gehören, ihren Wohnsitz, oft auch ihren Amtssitz aber nicht in dem exterritorialen vatikanischen Gebiet, sondern in der Stadt Rom haben. In welcher Weise garantiert beispielsweise Italien im Falle eines Kriegs die Unverletzlichkeit der Prälaten des internationalen
Gerichtshofes, der Rota, der Protonotare „di numero“, der päpstlichen Kammerherren,
der Ordensgenerale und -prokuratoren und aller sonstigen derartigen Kurialbeamten,
soweit diese nach ihrer Staatszugehörigkeit Bürger jener Staaten sind, mit denen Italien
in den Kriegszustand eintreten würde [….] Doch nicht nur persönliche Fragen kommen
hier in Betracht, sondern auch materielle. […] Ebenso wie die Nationalstiftungen ist auch
das Vermögen der nationalen Ordenskongregationen im Kriegsfall in einem völligen Ex
lex-Zustand“282.
Nach dem Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente werden nun genau diese Fragen
immer wieder aufgegriffen, um die Kirchen- und Papstfeindlichkeit der italienischen Regierung zu verdeutlichen und auf die Mangelhaftigkeit des bisherigen Garantiegesetzes
hinzuweisen. Das italienische Garantiegesetz sei völlig wertlos und die Lage des Heiligen
Stuhls unhaltbar geworden. 283 So hätten mit dem Tag der Kriegserklärung die Rechte des
Papstes faktisch aufgehört zu existieren. Benedikt XV. könne sein Hirtenamt nun nicht
mehr ungestört ausüben und die Kirche unbehindert regieren, da er nicht mehr in der Lage
sei mit den Gläubigen im Ausland frei zu verkehren und die italienische Regierung allen
281
282
283
Italien und der Heilige Stuhl, in: MJ 15.05.1915.
Lage des päpstlichen Stuhles im Kriegsfalle, in: MJ 22.05.1915.
Der Papst selbst bezeichne den jetzigen Stand der Römischen Frage als unhaltbar und ungenügend. Vgl.
Die Ansprache des Hl. Vaters Papst Benedikt im Konsistorium, in: MJ 08.12.1915; Die Friedensrede
Papst Benedikts XV., in: MJ 09.12.1915; Die Ansprache des Heiligen Vaters im Konsistorium am 6.
Dezember, in: MJ 14.12.1915.
42
5 Die Causa Italien
Verkehr mit den Mittelmächten abgeschnitten habe. Gerade aber für die katholische Kirche als Universalkirche ist es „einleuchtend, daß (sic!) sowohl die Staaten, als auch die
katholischen Bürger in einem ständigen und ununterbrochenen Verkehr mit der Kurie
und mit dem Papst stehen müssen.“284 Nach der Kriegserklärung Italiens aber hätten der
preußische und bayrische Gesandte beim Heiligen Stuhle, der österreichische Botschafter
sowie alle am Vatikan lebenden Geistlichen der sich mit Italien im Krieg befindenden
Länder Rom und die Kurie verlassen müssen, da sie sich dort nicht mehr sicher fühlten.
Das habe beispielsweise auch den Generalabt der Benediktiner Freiherr von Stotzingen
betroffen.285 Des Weiteren sei ein telegraphischer Verkehr mit dem Vatikan für die Mittelmächte nur noch bedingt möglich, der Postverkehr sogar vollkommen unterbrochen.
Auch der diplomatische Kurier darf seit der vollkommenen italienisch-schweizerischen
Grenzsperrung nun nicht mehr verkehren. „So ist es einem großer Teil der katholischen
Bevölkerung unmöglich mit dem Papst in Kontakt zu treten, […] nicht einmal das offizielle Amtsblatt des Hl. Stuhles („Acta Apostolicae Sedis“), oder das offiziöse vatikanische
Blatt „Osservatore Romano“ können aus Italien herauskommen, und so sind die unentbehrlichen Beziehungen zwischen dem Vatikan und einem großen Teil des Episkopates
und den Gläubigen unterbunden“286. Zudem sei der päpstliche Nachrichtenverkehr einem
Zensus unterlegen. Es würden Briefe geöffnet287 und päpstliche Kundgebungen im Osservatore Romano zensiert.288 Ebenfalls seien vielfach Briefe und Telegramme der Kurie
von den italienischen Behörden zurückgehalten und unterschlagen worden, selbst mit
amtlichen Kundgebungen des Papstes sei so verfahren worden. 289 Beispielsweise sei
„eine Depesche an den päpstlichen Nuntius in München nicht angekommen, die aller
Wahrscheinlichkeit nach von italienischer Zensur zurückgehalten wurde.“290
Gleichsam sei die finanzielle Lage des Papstes auf Grund der Annexion des Kirchenstaats
gefährdet. Denn der Papst benötige jährlich eigentlich circa 7,2 Millionen Lire, bekam
284
285
286
287
288
289
290
Die Stellung des Papstes, in: MJ 18.08.1915.
Vgl. Das Papsttum im Kriege, in: MJ 27.05.1915; Abreise der deutschen Gesandten beim Vatikan, in:
MJ 28.05.1915; Die augenblickliche Lage des Papsttums in Rom, in: MJ 29.05.1915; Die Gesandten
beim Vatikan, in: MJ 29.05.1915; Die Römische Frage, in: MJ 04.11.1915; Bedrohliche Gestaltung der
Lage des Papstes, in: MJ 22.01.1916.
Der Papst als Gefangener im Vatikan, in: MJ 28.11.1917. Die Acta Apostolicae Sedis seien seit 1. Januar
1916 nicht mehr an die bischöflichen Ordinariate in Deutschland weitergeleitet worden. Vgl. Kirchliche
Nachrichten, in: MJ 16.04.1916.
Vgl. Die Römische Frage, in: MJ 26.06.1915; Die Freiheit der Meere und die Freiheit des Papstes, in:
MJ 02.10.1916.
Nach dem Kriegseintritt Italiens wurde der Osservatore Romano, wie jede andere italienische Zeitung
auch, der Pressezensur unterzogen. Vgl. Pollard, Pope, S. 100.
Vgl. Die Römische Frage, in: MJ 04.11.1915.
Die finanzielle Lage des Papstes, in: MJ 14.09.1915.
43
5 Die Causa Italien
aber von italienischer Seite in den Garantiegesetzen nur 3,5 Millionen angeboten. Auch
hier sei demnach die unabhängige und freie Ausübung des päpstlichen Amtes eingeschränkt. Wenn also, wie man hoffte, nach dem Weltkrieg die Römische Frage einer befriedigenden Lösung zugeführt werden solle, müsse dabei auch der materielle Aspekt bedacht werden.291
Dabei wird den Mainzer Katholiken suggeriert, dass sie gegen Italien in den Krieg ziehen,
um die Stellung des Papsttums in der Welt zu verbessern und die Römische Frage zu
seinen Gunsten zu entscheiden.292 Dies wird besonders in folgenden drei Artikeln deutlich. Erstens „Darum ist es die Pflicht aller Katholiken, darauf hinzuarbeiten, daß (sic!)
Rom seinem rechtmäßigen Besitzer, dem Papsttum, zurückgegeben wird. Hierdurch wird
das Unrecht, das vor 45 Jahren begangen wurde, wieder gut gemacht. […] Alle Katholiken der Welt setzten ihre Hoffnung auf Deutschland und Oesterreich und wünschen, daß
(sic!) es den Heeren dieser beiden Mächte gelingen wird, das Haupt der katholischen
Kirche wieder in den Besitz seines Eigentumes zu setzten […] der Sieg Italiens [würde]
auch den Sieg der Feinde des Christentums bedeuten“293. Zweitens: „Hoffentlich wird
aber die Lösung der Römischen Frage nicht von Italien, sondern von anderer Seite diktiert, und aus diesem Grunde wünschen wir den beiden Kaiserreichen einen glorreichen
Sieg auf allen Punkten.“294 Drittens: „durch unseren Sieg soll auch dem Vater der Christenheit Recht und Gerechtigkeit teil werden, daß (sic!) die Siegesglocken, wenn sie einmal
läuten werden, auch den Sieg seiner Sache verkünden werden. Der Hl. Vater will nicht,
daß (sic!) um seinetwillen der Krieg nur einen Tag länger dauert; es soll kein Schuß (sic)
mehr abgegeben werden, um seiner Sache zum Siege zu verhelfen. Aber wir wollen zu
Gott bitten, er möge es fügen, daß (sic!), wenn wieder Weltfrieden ist, auch […] der
Papst, frei sei.“295 Obgleich hier zugegeben wird, der Papst wolle nicht, dass man seine
Rechte mit Waffengewalt erzwinge, wird doch der Weltkrieg vom Mainzer Katholizismus dadurch verteidigt, auch für eine Verbesserung der Lage des Papsttums zu kämpfen.
Ganz in diesem Sinne ist auch in einem anderen Artikel zu lesen, dass Benedikt XV. zwar
nicht wolle, dass der Krieg für die Rechte des Papsttums weitergeführt werde, aber es
bedarf nun einmal der Korrektur des Garantiegesetztes. Es könne dem Papst allerdings
291
292
293
294
295
Vgl. Dies und das, in: MJ 05.06.1915; Die finanzielle Lage des Papstes, in: MJ 14.09.1915; Die finanzielle Unabhängigkeit des Heiligen Stuhles, in: MJ 02.11.1915.
Vgl. Die Stellung des Papstes, in: MJ 18.08.1915; Die Lage des Papstes in dem gegenwärtigen europäischen Kampfe, in: MJ 08.10.1915.
Die Römische Frage, in: MJ 16.06.1915.
Die Einigung Italiens, in: MJ 03.07.1915.
Papst und Weltkrieg, in: MJ 22.04.1916.
44
5 Die Causa Italien
lediglich mit Waffengewalt zu seinem Recht verholfen werden.296 Vorsichtiger formuliert
es Bischof Kirstein in seinen Hirtenbriefen. In diesen ruft er nicht zu Waffengewalt, sondern zum Gebet für den von Feinden umringten Papst auf, dass Gott ihn aus dieser Lage
errette, beschütze und Benedikt XV. noch „die Wiederherstellung der Freiheit des päpstlichen Stuhles erleben lasse“.297 Damit wählt er das Mittel, das Benedikt XV. erlaubt,
nämlich das Gebet.298
Daneben fordert das MJ unablässig die Internationalisierung der Römischen Frage, da die
katholische Kirche eine Weltkirche sei und daher „nicht bloß 35 Millionen Italiener, sondern 270 Millionen Katholiken daran unmittelbar beteiligt sind.“299 Es sei Aufgabe der
internationalen Diplomatie, die völlige Unantastbarkeit und Unabhängigkeit des Papstes
als „wirklichen weltlichen Souveränität mit Gebietshoheit über irgendein Territorium“300
zu gewährleisten und ihn nicht dem Belieben des Königreiches Italien zu überlassen.301
Die Berechtigung dieser Forderung ergebe sich nicht zuletzt daraus, dass auch viele nicht
katholische Kreise für die völlige Freiheit des Papstes eintreten würden.302
Die Zeitungsartikel, die die Römische Frage betreffen, verdeutlichen demnach, dass die
Mainzer Katholiken ihr nationales Engagement quasi damit rechtfertigen, die Universalität der Kirche schützen zu müssen. Damit der Katholizismus seinen länderübergreifenden Charakter wahren könne, müsse Italien besiegt werden, um die Römische Frage zu
Gunsten des Papsttums entscheiden zu können. Durch den Ersten Weltkrieg scheint endlich das machbar, was die Ultramontanen seit 1871 unablässig gefordert hatten. Der
Mainzer Katholizismus argumentiert demnach wie der bisher erforschte Katholizismus.
Der Tatsache, dass der Papst nicht will, dass für seine Sache der Krieg weitergeführt wird,
wird wenig Beachtung geschenkt. Obgleich sich zumindest Bischof Kirstein nur für das
296
297
298
299
300
301
302
Vgl. Franz Ehrle S. J. zur Lösung der Römischen Frage, in: MJ 26.09.1916. Der Jesuit Franz Ehrle
(1845 -1934, ab 1922 auch Kardinal) war bis 1914 Präfekt der Vatikanischen Bibliothek. Während des
Ersten Weltkrieges war er Chefredakteur und Herausgeber der katholischen Zeitschrift: „Stimmen aus
Maria Laach“. Vgl. Holtzmann, Ehrle, S. 360.
Georg Heinrich: Fastenhirtenbrief, in: MJ 07.03.1916. Auch in seinem „Hirtenschreiben des Hochwürdigen Herrn Bischofs Dr. Georg Heinrich Kirstein betr. die Feier der Herz-Jesu-Festes“ in: MJ
05.06.1915 ruft er lediglich zum Gebet auf.
Um die Haltung Kirsteins zu untersuchen, würde sich eine Studie anbieten, die seine während des Ersten
Weltkrieges gehaltenen Predigten analysiert.
Die Römische Frage, in: MJ 04.11.1915.
Die Forderung nach Lösung der Römischen Frage, in: MJ 17.10.1916.
Vgl. Die „Römische Frage“, in: MJ 05.06.1915; Die Römische Frage, in: MJ 26.06.1915.; Die völker
rechtliche Stellung des Papstes, in: MJ 09.07.1915; Die Sicherung der Unabhängigkeit des Heiligen
Stuhles, in: MJ 03.01.1916; Bedrohliche Gestaltung der Lage des Papstes, in: MJ 22.01.1916; Die Römische Frage und die Pflicht der Katholiken aller Nationen, in: MJ 08.03.1916; Dies und das, in: MJ
11.11.1916.
Vgl. Der Papst und die kriegsführenden Mächte, in: MJ 26.06.1915; Die Römische Frage, in: MJ
26.06.1915.
45
5 Die Causa Italien
Gebet und nicht für die Weiterführung eines Kampfes zur Verbesserung der Lage des
Papstes einsetzt. Auch wird der Wunsch Benedikts XV. nicht einfach verschwiegen, sondern erwähnt. Dies sollte wohl den Friedenswunsch des Papstes, auf den im folgenden
Kapitel eingegangen wird, hervorheben.
5.2 Die Befreiung des italienischen Volkes von der kirchenfeindlichen Freimaurerregierung
Im Folgenden soll das Argument des deutschen Katholizismus, man führe den Krieg nur
gegen die von Freimaurern durchdrungene Regierung Italiens, nicht aber gegen die katholische Bevölkerung des Königreiches näher beleuchtet werden.
5.2.1 Der deutsche Katholizismus und die Befreiung des italienischen Volkes von der
kirchenfeindlichen Freimaurerregierung
Das zweite Argument, mit dem der deutsche Katholizismus seinen Einsatz im Ersten
Weltkrieg gegen Italien legitimiert, ist, dass das italienische Volk den Krieg nicht gewollt
habe, sondern durch die kirchenfeindliche von Freimaurern durchdrungene Regierung zu
einem Krieg gezwungen worden sei. Die italienischen Katholiken lehnten einen Kriegseintritt Italiens sogar ausdrücklich ab. Man führe den Krieg, um die Katholiken Italiens
von eben dieser Regierung zu befreien.303 Auch die Fuldaer Katholiken argumentieren
auf diese Weise.304
5.2.2 Der Mainzer Katholizismus und die Befreiung des italienischen Volkes von der
kirchenfeindlichen Freimaurerregierung
Schon vor dem Eintritt Italiens in den Weltkrieg schildert das MJ, dass es im neutralen
Italien zwei Strömungen gebe. Einerseits die Prodeutsche und andererseits die Antideutsche. Diejenigen, die gegen das Deutsche Reich agitieren würden, seien die Freimaurer.
„Mit vielem Geld unterstützen die Freimaurer, die die gehässigsten Feinde des Christentums sind, die deutschfeindlichen Zeitungen.“305 Unablässig erscheinen Artikel, die behaupten, dass die italienischen Katholiken deutschlandfreundlich seien und entweder an
der Seite der Mittelmächte kämpfen oder zumindest wohlwollende Neutralität wahren
303
304
305
Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass dies wahrscheinlich nicht so war. Zwar distanzierten sich
die Katholiken Italiens zunächst vom Weltkrieg. Doch spätestens seit Ausbruch des Krieges unterstützten sie den Weltkrieg vorbehaltlos. Auch die Kirchenhierarchie zeigte sich patriotisch. Vgl. Greschat,
Christenheit, S. 46; Pollard, Pope, S. 102f.; Stevenson, Weltkrieg, S. 345.
Vgl. Göbel, Katholiken, S.121-124; 142.
„Thron und Altar“. Apologetischer Vortrag, in: MJ 20.11.1914.
46
5 Die Causa Italien
wollten,306 während die demokratischen Parteien, die von den Freimaurern durchdrängt
seien, versuchen würden mit allen Mitteln Italien gegen den Willen des Volkes zu einem
Krieg gegen die Mittelmächte zu drängen.307 Dass das MJ dabei grundsätzlich eine italienfreundliche Haltung einnimmt, beweisen Artikel, die das Königreich gegen die deutschen Stimmen verteidigt, die Italien dafür kritisieren, dass sie nicht an der Seite der Mittelmächte in den Krieg eintreten.308
Die Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn wird vom MJ heftig kritisiert. Es stellt
sie als Treuebruch, wie ihn in der Geschichte zuvor noch nie gegeben hat, dar.309 Doch
von Anfang an unterscheidet das MJ, wie in Frankreich, auch in Italien zwischen dem
Volk auf der einen und der Regierung auf der anderen Seite. Es erscheinen fast täglich
Artikel, die den Kriegseintritt Italiens damit begründen, dass es den italienischen Freimaurern durch „Unterwühlung (sic!) der öffentlichen Meinung in Italien, Druck auf die
Regierung und Aufpeitschen der italienischen Bevölkerung […] gegen Deutschland und
Oesterreich (sic!)“310 gelungen sei „die Regierung und den Koenig (sic!) in den vergangenen Woche ins Bockshorn zu jagen und ihr, wenn sie sich nicht für den Krieg gegen
Oesterreich (sic!) erkläre, mit der Empörung des Volkes zu drohen“311. Der Hass gegen
Österreich als älteste Monarchie und Personalisierung der Theokratie sowie die Abneigung gegen das Papsttum seien die Ursachen für das Handeln der antiklerikalen italienischen Freimaurerlogen,312 denn „[d]en Weltkrieg halten sie [die Freimaurer] für die
beste Gelegenheit, die Menschheit von ,Thronen und Altären´ zu befreien.“313 Auch der
„Ausspruch eines italienischen Freimaurerhäuptlings, daß (sic!) durch das Eingreifen
Italiens in den Weltkrieg die Hoffnung bestehe, dem ,heiligen Gaukler´ in Rom den Garaus zu machen und mit ihm die ganze christliche Religion zu vernichten“314 belegt diese
306
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312
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314
Vgl. Zur Neutralitätserklärung Italiens, in: MJ 12.08.1914; Die Haltung Italiens, in: MJ 21.04.1915;
Dies und das, in: MJ 15.05.1915.
Vgl. Die italienischen Parteien und der Krieg, in: MJ 30.01.1915; Die Haltung Italiens, in: MJ
21.04.1915; Die Haltung Italiens, in: MJ 11.05.1915; Dies und das, in: MJ 15.05.1915; Die romanischen
Freimaurer gegen Deutschland. Geheime Rundschreiben der Mailänder Großloge, in: MJ 26.05.1915;
Ueber die wirtschaftliche Kriegsrüstung Italiens, in: MJ 27.05.1915.
Vgl. Der Krieg. Italiens Haltung, in: MJ 07.08.1914; Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem
König von Italien. Das Verhalten Italiens, in: MJ 12.08.1914; Italien und der Weltkrieg. Etwas zum
Rätselraten, in: MJ 01.05.1915.
Vgl. Wie der Dreibund gekündigt wurde, in: MJ 22.05.1915; Italiens Vertragsbruch, in: MJ 22.05.1915;
Italiens Treuebruch, in: MJ 25.05.1915; Von der Extratour zum Treuebruch, in: MJ 1.6.1915; Schadet
uns der italienische Verrat?, in: MJ 11.06.1915.
Feldzug der italienischen und französischen Freimaurerlogen gegen die Zentralmächte, in: MJ
28.05.1915.
Die Politik der romanischen Freimaurerei, in: MJ 05.06.1915.
Vgl. Italiens Stellung zu Deutschland und Oesterreich, in: MJ 30.05.1916.
Zur 200 jährigen Jubelfeier der Freimaurerei, in: MJ 27.06.1917.
Die Einigung Italiens, in: MJ 03.07.1915.
47
5 Die Causa Italien
antipäpstliche Haltung. Die Kirchenfeindlichkeit der italienischen Freimaurer gehe sogar
so weit, dass sie „Verbrecher und bezahlte Kreaturen in geistliche Gewänder steckt, die
nun unter dem Volk agitieren, als wäre der italienische Klerus selbst gegen den Papst.
Natürlich hat die italienische Geistlichkeit nicht den geringsten Anteil an der Hetze“315.
Bei ihrer Kriegstreiberei würden die italienischen Freimaurer von ihren englischen und
französischen Gesinnungsgenossen unterstützt,316 „um das Werk der Zerstörung der Kirche, das so gut in Frankreich gelungen ist mit Hilfe der italienischen Freimaurerlogen zu
vollenden.“317 Der Kriegseintritt Italiens stelle dementsprechend „einen Sieg der republikanischen Partei und der verbrüderten französisch-italienischen Freimaurerei unter dem
antikirchlichen Logenbruder Sonnino318 dar.“319
Schuld am Bündnisbruch und an dem Kriegseintritt auf Seite der Entente ist dem MJ zu
Folge die „radikal freimaurerische Regierung in Italien“320, die gegen den Willen des
Volkes handelt.321 Die „Antikatholiken gaben in Italien den Ausschlag zum Krieg.“322 Die
Katholiken Italiens hingegen hätten alles getan, um den Verrat zu verhindern. Deshalb
würden sie auch „blutenden Herzes und mit der Schamesröte im Angesichte“
323
in den
Krieg ziehen. Gleichwohl erschien Mitte Juli 1915 ein Artikel, der den italienischen Katholiken zwar attestiert bis Mai 1915 dem Neutralitätsprinzip treu geblieben zu sein, doch
nach der Kriegserklärung hätte die katholische Presse in die nationale Begeisterung ohne
Einschränkung mit eingestimmt und der Aufmarsch der Truppen habe unter begeisternden Kundgebungen der Bischöfe und Seelsorger stattgefunden. Dabei hätten die italienischen Katholiken zu den Ersten gehört, „die unter Hintansetzung aller entgegenstehenden
früheren Anschauungen sich voll aufrichtigem italienischem Patriotismus für den Nationalkrieg gegen Oesterreich-Ungarn (sic!) erklärten.“324 Dieser Artikel bleibt aber der
einzige, in dem die Katholiken Italiens für ihr Verhalten kritisiert werden. Auch gegen
Ende des Kriegs vertritt das MJ die Meinung, dass die italienischen Katholiken an der
315
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318
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324
Der Papst in Gefahr, in: MJ 03.07.1915.
Vgl. Die Politik der romanischen Freimaurerei, in: MJ 05.06.1915; Gegen wen führt Italien eigentlich
Krieg? Italienischer Freimaurer und Vatikan, in: MJ 07.07.1915; Weltkrieg und Jakobinertum, in: MJ
10.05.1916; Wann kann der Friede kommen?, in: MJ 13.01.1917.
Die Römische Frage, in: MJ 16.06.1915.
Baron Sidney Costantino Sonnino (1847-1922) war während des Ersten Weltkrieges italienischer Außenminister. Vgl. Pollard, Pope, S. 95f.
Benedikt XV. und Italien im Weltkrieg, in: MJ 14.06.1915.
Prozeß des Bischofs von Sutri-Nepi, in: MJ 08.01.1916.
Vgl. Italiens militärische Mißerfolge, in: MJ 22.05.1915; Der Vierverband als Feind des Hl. Stuhles, in:
MJ 08.01.1916; Ein Jahr italienischer Krieg, in: MJ 24.05.1916.
P. Cohausz über den Weltkrieg und die deutschen Katholiken, in: MJ 18.06.1915.
Feindeshaß oder Feindesliebe?, in: MJ 11.06.1915.
Zur Römischen Frage, in: MJ 15.07.1916.
48
5 Die Causa Italien
Kriegserklärung unschuldig seien.325 So bringt es anlässlich der dritten Wiederkehr des
Tages der italienischen Kriegserklärung gegen Österreich einen Artikel, der betont, dass
die Katholiken den „Krieg nicht gewollt [haben]. Sie haben niemals Umzüge mit Fahnen
durch die Straßen veranstaltet […] aber trotzdem haben sie immer treu die Pflicht der
Bürger eines kriegsführenden Staates erfüllt.“326 Ebenso sei zu bedenken: „der Einzelne
tut nur seine Pflicht und darob verdient er unsere Achtung. […] Diese Leute haben auch
ein Herz im Bußen, das schlägt für Vaterland und Soldatenehre.“327 Hier wird also zum
einen zwischen dem einzelnen Soldaten und der feindlichen Regierung differenziert. Zum
anderen werden die Katholiken Italiens in diesem Artikel als treue Staatsbürger des eigenen Vaterlandes dargestellt. Dies soll einerseits das Verhalten der italienischen Katholiken entschuldigen. Anderseits kann dies aber auch in Bezug auf die in der Einleitung
erwähnte Integration in den Nationalstaat gelesen werden. So wird hier deutlich, dass
Katholizismus und Nationalismus sich nicht ausschließen. Auch als Katholik könne man
treu zum eigenen Vaterland stehen. Dass auch im Mainzer Katholizismus die Angst vor
einem erneuten Kulturkampf nach Ende des Weltkrieges und die Auseinandersetzung mit
dem Vorwurf der Staatsfeindlichkeit virulent waren, beweisen einige Artikel.328 Dabei
wird betont, dass der „völkerumspannende Charakter der katholischen Kirche […] eine
nationale Entwicklung der Kultur keineswegs [ausschließe] […] Die katholische Kirche
huldigt keinem verschwommenen, nivellierenden Internationalismus, […] sondern sie betrachtet die einzelnen Völker als ihre Kinder, deren jedes seine Eigenart in vollem Maße,
trotz aller Harmonie in den Grundwahrheiten des Glaubens entfalten kann und soll.“329
So wird einerseits den eigenen Lesern verdeutlicht, dass man sich durchaus als Katholik
für die nationale Sache einsetzen dürfe, andererseits wird gegen Stimmen argumentiert,
die den Katholiken Reichsfeindlichkeit vorwarfen. Dass der Mainzer Katholizismus dabei durchaus Grenzen des Nationalismus sieht und den Gedanken des Universalismus
nicht aufgibt, beweisen die bereits in Kapitel 4.2.2 erwähnten Artikel. 330 Auch der Forderung, die deutschen Katholiken sollen sich in Zukunft deutsch-katholisch statt römisch-
325
326
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328
329
330
Vgl. Die italienischen Katholiken und der Krieg, in: MJ 16.05.1918.
Ebd..
Feindeshaß oder Feindesliebe?, in: MJ 11.06.1915.
P. Cohausz über den Weltkrieg und die deutschen Katholiken, in: MJ 18.06.1915; Für die kommenden
Aufgaben des deutschen Katholiken, in: MJ 13.11.1917; Bedauerliche Entgleisungen, in: MJ
29.05.1918; Burgfriede und Kulturkampf, in: MJ 05.06.1918.
Der Internationalismus der katholischen Kirche, in: MJ 20.07.1918.
Siehe dazu Kapitel 4.2.2 und die Artikel: Feindeshaß oder Feindesliebe?, in: MJ 11.06.1915; Pfingsten,
in: MJ 10.06.1916.
49
5 Die Causa Italien
katholisch nennen, entgegnet das MJ: „das kommt nicht in Frage. Die enge Anbindung
an Rom ist Pflicht und Ruhm.“331
Genau wie die katholische Bevölkerung Italiens, so seien auch der Vatikan und der italienische Klerus gegen diesen Krieg332, weshalb von Seiten der italienischen Freimaurerregierung „dem italienischen Volk vorgeschwindelt würde, der Papst trage die Schuld,
am ganzen Mißerfolge (sic!) [um so] den Pöbel gegen den Vatikan aufzuhetzen“333,
wodurch die persönliche Sicherheit des Papstes gefährdet sei.334 Der Papst befinde sich
daher in einer gefährlichen Lage. Demzufolge würden die Mittelmächte auch für die Sicherheit des Papstes kämpfen.335 Kurz vor Ende des Krieges würde sogar fast jeder Tag
Nachrichten über Verhaftungen von italienischen Priestern bringen, da diese sich für den
Frieden einsetzen und deshalb als Pazifisten angeklagt werden.336
Ein weiterer Beleg für die Kirchen- und Papstfeindlichkeit der italienischen Regierung
sei die Verfolgung und Verleumdung des Bischofs Döbbing von Nepi-Sutri 337 durch italienischen Freimaurer, die behauptet hätten, das Volk sei gegen ihn. Die rege Teilnahme
des Volkes an der Trauerfeier aber bewiese laut MJ das Gegenteil.338 Auch die Beschlagnahmung des österreichischen Botschaftspalastes durch die italienische Regierung, gegen
die auch der Papst protestiert habe, gebe die Katholiken und Kirchenfeindlichkeit der
Regierung Italiens zu erkennen, so sei dieser Palast trotz der Abwesenheit des österreichungarischen Botschafters doch immer noch Eigentum des Vatikans.339 Einen weiteren
Anlass die Papstfeindlichkeit der italienischen Regierung zu betonen, bietet dem MJ die
Offenlegung der Verträge der Entente durch die russische Regierung, nachdem Russland
aus dem Krieg ausgetreten war. Dadurch wurde bekannt, dass Italiens Regierung in Artikel 15 des Londoner Vertrages tatsächlich340 die Forderung an seine Bündnispartner
331
332
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339
340
„Römisch-katholisch“ oder „deutsch-katholisch“, in: MJ 25.06.1918.
Vgl. Zum Krieg mit Italien. Preßfehde, in: MJ 28.05.1915.
Italienische Hetze gegen den Vatikan, in: MJ 15.01.1916.
Die finanzielle Lage des Papstes, in: MJ 14.09.1915; Zur Lage des Papstes, in: MJ 02.02.1916.
Dieses Argument wurde bereits im vorherigen Kapitel ausführlich erläutert.
Vgl. Der Papst und der Krieg, in: MJ 07.06.1918.
Der Franziskaner Bernhard (Taufname Josef Heinrich Maria) Döbbing (1855-1916) war ab 1900 Bischof von Nepi-Sutri. Vgl. Hardick, Döbbing, S. 10.
Vgl. Eine Ehrenerklärung für Bischof Doebbing, in: MJ 03.04.1916.
Vgl. Die Protestnote des Papstes über die Wegnahme des Palazzo Venezia, in: MJ 28.09.1916; Der
Mummenschanz der italienischen Kriegshetzer, in: MJ 04.10.1916.
Bereits in den Artikeln des MJ „Der Vierverband als Feind des Hl. Stuhles“ vom 08.01.1916, „Bedrohliche Gestaltung der Lage des Papstes“ vom 22.01.1916 und „Der Römischen Frage Ende und Anfang“,
von 03.03.1916 wird dies behauptet. Allerdings wird hier im MJ darauf verwiesen, dass man sich nicht
sicher sei, ob es sich dabei um eine Tatsache oder nur ein Gerücht handele, was vor allem der Artikel
im MJ: „Die römische Frage und die Pflicht der Katholiken aller Nationen“, vom 08.03.1916 beweist.
50
5 Die Causa Italien
stellte, Italien zu unterstützen den Heiligen Stuhl daran zu hindern, jedwede diplomatischen Schritte für die Erreichung eines Friedensschlusses oder die Regelung von mit dem
gegenwärtigen Krieg zusammenhängenden Fragen zu unternehmen. Zudem wurde vereinbart die Römische Frage nicht zu einer internationalen Angelegenheit werden zu lassen und sich auf Änderungen des Garantiegesetzes zu Gunsten des Heiligen Stuhles einzulassen.341 Die Artikel zu diesem öffentlichen Bekanntwerden zeigen noch einmal deutlich, dass das MJ zwischen den Katholiken Italiens und ihrer Regierung differenziert. So
sei damit bewiesen, dass die führenden Männer Italiens antikatholische Freimaurer und
Atheisten seien342, die Katholiken Italiens hingegen seien enttäuscht und verärgert343 über
den Artikel 15 des Londoner Vertrages, der auf Veranlassung des „kleinen Gernegroß[es]
auf dem italienischen Königsthrone und seiner freimaurerischen Regierung“344 zustande
kam. Im Gegensatz zu ihrer Regierung fordern die italienischen Katholiken die Zulassung
und Mitwirkung des Vatikans bei einer künftigen Friedenskonferenz.345Auch anlässlich
der Friedensnote des Papstes 1917 wird darauf verwiesen, dass das italienische Volk im
Allgemeinen und vor allem die Katholiken für den Frieden und daher papstfreundlich
gesinnt seien.346 Dahingegen untersage die paspstfeindliche Regierung Italiens „den katholischen Blättern die Friedensnote des Papstes […] zu verbreiten.347
Dass das MJ nicht alle Italiener vorbehaltlos verurteilt, sondern wie bereits mehrfach erwähnt, zwischen den Kriegshetzern und dem katholischen Volk, dass den Krieg überhaupt nicht gewollt habe, differenziert, beweisen auch Artikel, die zur Besonnenheit gegen die in Deutschland lebenden Italiener aufrufen. Es liege kein Grund vor diesen die
Gastfreundschaft zu versagen und sie in irgendeiner Weise zu belästigen,348 denn zahlreiche Italiener wollen sogar für die Mittelmächte in den Kampf ziehen, wie badische Behörden mitteilen.349 Es sei „zu hoffen und zu wünschen, daß (sic!) der gerechte Zorn des
deutschen Volkes gegen die italienischen Kriegshetzer und Kriegsmacher niemand zu einer unfreundlichen Behandlung der Italiener verleite, die auf deutschem Boden für und
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348
349
Vgl. Die russischen Geheimakten und der päpstliche Stuhl, in: MJ 08.12.1917; Der Vatikan und die
Entente, in: MJ 11.12.1917; Die Ausschließung des Papstes von den Friedensverhandlungen, in: MJ
19.12.1917.
Vgl. Der Hl. Stuhl und die Katholiken, in: MJ 27.12.1917.
Vgl. Die Klausel gegen den Vatikan, in: MJ 20.2.1918.
Was sagen dazu die Katholiken der Welt?, in: MJ 06.12.1917.
Vgl. Italien, der Papst und die künftige Friedens-Konferenz, in: MJ 14.7.16, Nr. 162.
Vgl. Friedensbestrebungen in Italien, in: MJ 28.08.17; Die Friedensnote des Papstes, in: MJ 28.08.1917;
Für und gegen den Frieden, in: MJ 01.09.1917.
Unterdrückung der Verbreitung der Papstnote an der italienischen Front, in: MJ 01.09.1917.
Vgl. Mahnung zur Besonnenheit, in: MJ 22.05.1915.
Vgl. Italiener in Deutschland, in: MJ 01.06.1915.
51
5 Die Causa Italien
mit uns arbeiten, […] und den verräterischen Krieg ebenso verdammen wie wir selber“350
Man dürfe niemals vergessen, dass es in Italien noch Gerechte gebe351 und große Volksteile Italiens sowie Vertreter der verschiedensten Stände und Berufskreise gegen den
Krieg waren. Deshalb wird auch ein Artikel der Darmstädter Zeitung kritisiert, der dazu
aufruft fünf Jahre lang nicht nach Italien zu reisen. Das MJ hingegen legt entschiedenen
Widerspruch gegen solche Boykotterklärungen für die Zeit nach dem Kriege ein, die ein
ganzes Volk für die fanatischen Entgleisungen weniger verantwortlich machen würden.
„Alle Verallgemeinerungen sind bedenklich, also Vorsicht oder sagen wir lieber Gerechtigkeit“352. Dieser Artikel ist nicht nur deshalb wichtig, da er die Differenzierung des
Mainzer Katholizismus verdeutlicht, sondern auch, weil er beweist, dass es in der deutschen Bevölkerung durchaus Stimmen gab, die nicht so dachten wie der Mainzer Katholizismus.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich der Mainzer Katholizismus von dem übrigen
bereits erforschten deutschen Katholizismus in der Rechtfertigung des Weltkrieges gegen
das italienische Königreich nicht unterscheidet. So differenziert das MJ im Falle Italiens,
zwischen der freimaurerische kirchen- und papstfeindliche Regierung und der katholischen Bevölkerung Italiens, die einen Krieg gegen das Deutsche Reich nicht wolle. Ein
Sieg gegenüber Italien würde sich positiv für den Heiligen Vater und die Katholiken Italiens auswirken und zu einer für das Papsttum erfreulichen Klärung der Römischen Frage
führen. Das nationale Ziel: Der Sieg der Mittelmächte, würde dementsprechend auch eine
Verbesserung der Situation der Kirche und des Papstes bewirken.
350
351
352
Der Krieg mit Italien, in: MJ 05.06.1915.
Vgl. Eine Audienz beim Papste, in: MJ 30.10.1915.
Nicht zu hitzig!, in: MJ 02.11.1915.
52
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
Durch den Krieg befanden sich die Katholiken in dem Dilemma, wie sie ihren Einsatz für
die Nation legitimieren konnten, wo doch ihr geistliches Oberhaupt, der Papst, die Neutralität und den Frieden predigte.353 Wie sie damit umgingen, wird im Folgenden analysiert.
6.1 Die Friedensbemühungen der Päpste
Bereits Pius X.354 rief in seinem apostolischen Schreiben Dum Europa fere am 2. August
1914 die Katholiken auf der ganzen Welt auf, Buße zu tun und für den Frieden zu beten.355
Sein Appell verhallte aber ohne große Resonanz.356 Auch sein Nachfolger Benedikt XV.
setzte sich immer wieder für den Frieden ein und forderte die deutschen katholischen
Bischöfe auf, den Hassgefühlen ihrer Gläubigen entgegen zu wirken.357 Bereits in seiner
ersten offiziellen Ansprache vom 8. September 1914, einem Mahnruf an alle Katholiken
weltweit (Exhortatio: Ad universos orbis catholicos), verlangte Benedikt XV. die rasche
Beendigung des Krieges.358 Auch in seiner ersten Enzyklika Ad beatissimi apostolorum
principis359, die am 1. November 1914 veröffentlicht wurde, forderte das katholische
Oberhaupt die Katholiken zum Frieden auf und bat sie von jedweder Zwietracht untereinander und von gegenseitigen Beschuldigungen abzusehen.360 Zudem schrieb der Papst
Bittandachten für den Frieden für den 7. Februar sowie 21. März 1915 vor und verfasste
in diesem Zusammenhang auch ein Gebet für den Frieden361, das verbindlich bei jeder
Messe gebetet werden sollte.362 Zum ersten Jahrestag der österreich-ungarischen Kriegserklärung an Serbien, also am 28 Juli. 1915, veröffentlichte Benedikt XV. ein Apostolisches Mahnschreiben an die sich im Kriege befindenden Völker und deren Regierenden
353
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357
358
359
360
361
362
Vgl. Becker, Religion, S. 194; Kretschmann, Herr, S. 59; Lätzel, Kirche S. 177; Mommsen, Anfang, S.
175; Schatz, Kirchengeschichte, S. 131.
Pius X. wurde als Giuseppe Melchiorre Sarto 1835 geboren und war von 4. August 1903 bis 20. August
1914 Papst. Vgl. Maron, Kirche, S. 209; 212.
Vgl. Strötz, Katholizismus, S. 200f.
Vgl. Schlager, Kult, S. 55.
Vgl. Morozzo della Rocca, Benedikt XV., S. 201.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 150f.; Pollard, Pope, S. 85; Scheidgen, Bischöfe, S. 322.
Die Originalfassung ist in: AAS VI (1914), S. 565-581 (lat.); S. 630-646 (dt.) zu finden.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 152; Pollard, Pope, S. 85ff.; Strötz, Katholizismus, S. 202.
Dieses Gebet wurde in Frankreich zunächst verboten und erst erlaubt, nachdem es mit einem Zusatz
versehen wurde, in dem es ausdrücklich für den Sieg Frankreichs bat. Vgl. Kapitel 4.1 der vorliegenden
Studie.
Vgl. Strötz, Katholizismus, S. 203; Lätzel, Kirche, S. 171.
53
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
(Exhortation: Allorché fummo chiamati)363, in dem er ausdrücklich dazu aufrief den
Krieg zu beenden.364 Dabei verurteilte er den Ersten Weltkrieg als „grauenhafte nutzlose
Schlächterei“, was in den deutschen Übersetzungen mit „entsetzlichem Kampf“ verharmlost wurde. 365 Da alle diese Anregungen kaum etwas brachten,366 beschloss Benedikt XV.
im Sommer 1917 den kriegsführenden Mächten konkrete Friedensvorschläge zu unterbreiten. So kam es ab Juli zu Vorverhandlungen mit dem Deutschen Reich um die Bedingungen auszuloten, auf deren Basis das Kaiserreich gewillt gewesen wäre einem Frieden
zuzustimmen.367 Am 9. August wurde den kriegsführenden Nationen die auf den 1. August 1917, also den dritten Jahrestag des Krieges, zurückdatierte Friedensnote Dès le
début368 übergegeben. In dieser betont der Papst erneut seine Neutralität und den Wunsch
nach einem gerechten und dauerhaften Frieden und mahnt die Regierenden der kriegführenden Länder unter anderem zur Abrüstung und dem Verzicht auf Gebietserweiterungen
und gegenseitige Kriegsentschädigung. Zudem fordert er die Freiheit der Meere und eine
Räumung Belgiens. Dabei orientierte sich der Papst größtenteils am Status quo ante bellum.369 Während die Regierung des Deutschen Reiches und seine Verbündeten formell
und ausweichend reagierten, stellte die USA Bedingungen, die einer Ablehnung gleichkamen. Frankreich, Großbritannien, Russland und Italien antworteten sogar überhaupt
nicht, was mit einer schroffen Ablehnung vergleichbar war.370
6.1.1 Der deutsche Katholizismus und die Friedensbemühungen der Päpste
Der deutsche Katholizismus reagierte unterschiedlich auf die vielen Friedensbestrebungen Benedikts. Der patriotisch gesinnte Teil des Katholizismus verschwieg oder kritisierte sie sogar, um nicht in den Verdacht der Reichsfeindlichkeit oder der nationalen
Unzuverlässigkeit zu geraten. 371 Die Bischöfe wiederum unterstützten die päpstlichen
363
364
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371
Der Wortlaut ist in: AAS VII (1915), S. 365-368 (lat.); S. 372-374 (dt.) zu finden. Zudem ist er online
unter: http://w2.vatican.va/content/benedict-xv/de/apost_exhortations/documents/hf_ben-xv_exh_191
50728_ fummo-chiamati.html abrufbar.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 153ff.
Vgl. Alzheimer, Einführung, S. 17.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 172; Strötz, Katholizismus, S. 206.
Den genauen Ablauf der Vorverhandlungen nachzuzeichnen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, deshalb sei hier auf Neitzel, Revolution, S. 107, Lätzel, Kirche, S. 159-163 und Scheidgen, Bi
schöfe, S. 328-330 verwiesen.
Offizieller lateinischer Text in: AAS IX (1917), S. 417-420.
Vgl. Alzheimer, Einführung, S. 17; Burkard, Kaiser, S. 58; Greschat, Christenheit, S. 80; Kirchner,
Papsttum, S. 82; Lätzel, Kirche, S. 164; Pollard, Pope, S. 123-128; Scheidgen, Bischöfe, S. 330.
Vgl. Burkhard, Kaiser, S. 58f.; Gatz, Kirche, S. 59; Greschat, Christenheit, S. 80f.; Hoff, Friedeninitiative, S. 511; Lätzel, Kirche, S. 169; Neitzel, Revolution, S. 108; Schatz, Kirchengeschichte, S. 133;
Scheidgen, Bischöfe, S. 331.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 137; Morozzo della Rocca, Benedikt XV., S. 192; 195.
54
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
Anordnungen der allgemeinen Gebettage und des allgemeinen Friedensgebets.372 Zudem
veröffentlichten die Amtsblätter der einzelnen Diözesen ab 1916 verstärkt Auszüge aus
Friedensbotschaften des Papstes.373 Auch die Reaktion auf Dès le début fiel im deutschen
Katholizismus unterschiedlich aus. Während die deutschen Zentrumsabgeordneten, allen
voran Erzberger, die Initiative des 1. Augusts 1917 fast gänzlich begrüßten,374 reagierte
die Zentrumspresse uneinheitlich auf diesen Friedensvorschlag. Die Berliner Germania
befürwortete die päpstliche Note. Dahingegen hielt sich die Kölnische Volkszeitung mit
einer Beurteilung zurück, da laut ihr die nationale Kriegszielpolitik nicht mit den Vorstellungen des Papstes vereinbar sei.375 Fast bis Kriegsende tritt sie für eine Hegemonialstellung des Deutschen Reiches ein.376 Die Bischöfe trugen die Friedensinitiative von
1917 zwar inhaltlich,377 allerdings hielten sie sich im Gegensatz zu den anderen Friedensbekundungen in der Öffentlichkeit mit Stellungnahmen zurück, um den diplomatischen
Erfolg nicht zu gefährden.378 Auch die Fuldaer katholische Presse hält die Friedensnote
des Papstes inhaltlich für akzeptabel und berichtet daher, im Gegensatz zu einem Großteil
des deutschen Katholizismus, positiv über sie.379 Anhand der Stellungnahmen zu den
Friedensinitiativen des Papstes lässt sich demnach ablesen, ob man eher ultramontan oder
eher national orientiert war.380
6.1.2 Der Mainzer Katholizismus und die Friedensbemühungen der Päpste
Das MJ verschweigt weder die Einstellung der Päpste zum Krieg noch die der Friedensinitiativen. So berichtet es bereits am 7. August 1914, dass Papst Pius X. von „tiefste[m]
Schmerz erfüllt“381 sei und alle Christen aufrufe zu Gott zu beten, damit „Gott die unheilvolle Kriegsstachel wieder abwendet und den obersten Leitern der Nationen Gedanken
des Friedens eingebe“.382 Auch in den folgenden Wochen wird immer wieder berichtet,
dass Pius X. durch den Ausbruch des Krieges sehr gelitten habe und ihn der Krieg mit
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 124; 357.
Vgl. Burkard, Kaiser, S. 58; Scheidgen, Bischöfe, S. 327.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 157; Schlager, Kult, S. 38; 43.
Vgl. Baadte, Universalismus, S. 104; Heinen, Zentrumspresse S. 112-121.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 133.
Vgl. Burkhard, Kaiser, S. 58f.; Kirchner, Papsttum, S. 83; Scheidgen, Bischöfe, S. 331f.
Weder der Wortlaut, noch ein Kommentar zu der Friedennote findet sich in einem Amtsblatt. Vgl.
Scheidgen, Bischöfe, S. 331f.; 359.
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 61; 137.
Vgl. Baadte, Universalismus, S. 103; Schatz, Kirchengeschichte, S. 132.
Kundgebung des Papstes Pius X. an die katholische Christenheit, in: MJ 07.08.1914.
Ebd.
55
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
großer Sorge und Trauer erfülle,383 was auch der Grund für den besorgniserregenden Gesundheitszustand des Papstes sei384 und sogar zu seinem Tod geführt habe.385 Auch die
erste offizielle Ansprache Benedikts XV., in der er den Weltkrieg als „schreckliches kriegerisches Schauspiel […], [das] Europa unter der Herrschaft des Feuers und des
Schwertes rot färb[t] vom christlichen Blut“386 beschreibt und in dem er auffordert, für
die Beendigung der Weltkrieges zu beten, wird in einer deutschen Übersetzung im MJ
abgedruckt.387 Dieses Schreiben wird ebenso vom Mainzer Bischof Kirstein in seinem
am 5. Oktober 1914 im MJ abgedruckten Hirtenbrief erwähnt. In diesem fordert der Mainzer Bischof ganz im Sinne des Papstes: „gerade der Rosenkranzmonat soll genutzt werden
den Frieden vom himmlischen Vater zu erflehen.“388 Auch alle weiteren Friedensbemühungen Benedikts XV. werden vom MJ bekanntgegeben. So wird dort die Enzyklika Ad
beatissimi Apostolorum princips vom 1. November 1914 erstmals am 17. November erwähnt und ihr gesamter Wortlaut in einer deutschen Übersetzung auf drei Ausgaben verteilt abgedruckt.389 In dieser Enzyklika, so das MJ, zeichne der Papst ein furchtbares Bild
des gegenwärtigen Krieges. Er bezeichnet ihn als „Schauspiel von Blut. […] Das Unglück, das daraus hervorgehe, mache es ihm [dem Papst] zur Pflicht sich wie sein Vorgänger dafür einzusetzen, dass er [der Krieg] beendet wird, indem er Fürsten und Völker
beschwört dem brudermordenden Streit ein Ende zu machen. […] Die Enzyklika schließt,
wie sie beginnt, mit dem innigen Wunsche für den Frieden […] Der Papst empfiehlt zum
Schluss zu Gott um Frieden zu beten und die Fürbitte der Allerheiligsten Jungfrau anzurufen.“390 Außerdem fordere der Papst in der Enzyklika, „daß (sic!) jeglicher Streit und
jeglichen Zwiespalt zwischen den Katholiken welcher Art er auch sei vollständig aufhöre
und in Zukunft kein neuer Streit entstehe“391. Der Friedenswunsch des Papstes und die
Verurteilung des Krieges durch Benedikt XV. werden demnach im MJ nicht verschwiegen. Ebenso werden sie auch nicht negativ kommentiert. Im Gegenteil: Die Darlegungen
383
384
385
386
387
388
389
390
391
Vgl. Zum Tode des Hl. Vaters, in: MJ 24.08.1914; Se. Heiligkeit Papst Pius X. gestorben, in: MJ
20.08.1914.
Vgl. Erkrankung des Hl. Vaters Papst Pius X., in: MJ 19.08.1914.
Vgl. Wir haben einen Papst!, in: MJ 04.09.1914; „Was tat der Papst, um den Krieg zu verhindern?“, in:
MJ 15.01.1916.
Die erste Enzyklika des Papstes Benedikt XV.. Eine Ergreifende Bitte an die Staatsoberhäupter für den
Frieden, in: MJ 15.09.1914.
Vgl. ebd.
Hirtenbrief Georg Heinrich Kirsteins, in: MJ 05.10.1914.
Vgl. Eine Enzyklika für den Frieden, in: MJ 17.11.1914; Enzyklika des Papstes Benedikt XV., in: MJ
24.11.1914; Enzyklika des Papstes Benedikt XV., in: MJ 26.11.1914; Enzyklika des Papstes Benedikt
XV, in: MJ 27.11.1914.
Die erste Enzyklika des Papstes Benedikt XV., in: MJ 18.11.1914.
Enzyklika des Papstes Benedikt XV., in: MJ 26.11.1914.
56
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
Benedikts XV. seien „nüchtern, klar und von stählerner Logik“392. Auch das Apostolische
Mahnschreiben, das Papst Benedikt XV. 1915 aus Anlass des Jahrestages des Krieges
herausbringt und in dem sich der Pontifex klar gegen den Krieg ausspricht und die Regierenden erneut aufruft endlich Frieden zu schließen, wird in einer Übersetzung im MJ
veröffentlicht. So ist dort zu lesen, dass der Papst den Weltkrieg als „Brudermörderische[n] Kampf, […] furchtbare Geißel […] [und] entsetzliches Blutbade“393 bezeichnet.
Erneut werden im MJ die Aussagen des Papstes auf keinerlei Weise kritisiert. Vielmehr
gebe es wohl „niemanden, der den warmherzigen Aufruf des Papstes […] ohne Bewegung
und Zustimmung lesen müßte (sic!). Der Aufruf […] verdient ob seiner […] edlen Absichten die ernste und aufrichtige Beobachtung aller Christen auf dem Erdenrund, […] Wir
wünschen dem Heiligen Vater, daß (sic!) es ihm gelingen möge eine Verständigung anzubahnen und daß (sic!) sein Friedensaufruf vom 28. Juli erfolgreich sein möge, auf daß
(sic!) der Friede bald komme. In diesem Sinne werden alle Freunde der Religion, der
Kultur und der Zivilisation am heutigen Jahrestag des Weltkrieges dem Vater der katholischen Christenheit gern die Hand reichen und seine Wünsche in christlicher Liebe erfüllen“394. Auch wird der Papst gegenüber protestantischen Pressestimmen, die den Friedensaufruf des Papstes wenig freundlich kommentieren, verteidigt und zahlreiche Beispiele nicht-katholischer Blätter geliefert, die den päpstlichen Bemühungen Anerkennung
zollen.395 Ein Indiz dafür, dass es auch von katholischer Seite Bedenken daran gab, die
päpstlichen Friedensvorstellungen zu verwirklichen, ist ein Artikel vom Juni 1917, in
dem explizit die Frage gestellt wird: „Dürfen und können wir katholischen Christen auch
wirklich mit mutigem Vertrauen daran arbeiten, daß (sic!) das päpstliche Friedensprogramm seine Verwirklichung finde?“396. Hätte es in katholischen Kreisen keine Zweifel
an der Unterstützung des Papstes in seinen Friedensbestrebungen gegeben, hätte es eines
solchen Artikels wohl nicht bedurft. Welcher Standpunkt im MJ vertreten wird, darüber
gibt der Artikel auch Auskunft, so heißt es dort: „Gewiß: ja wir müssen sogar daran
arbeiten“ […]Wer sich einen Sohn des Friedenspapstes nennt, kann sich daher der Mitarbeit an diesem - wie Leo XIII. sagt - ,außerordentlich christlichen und wohltätigen
Werke‘ nicht entschlagen […].397
392
393
394
395
396
397
Zur päpstlichen Enzyklika. Eine zusammenfassende Betrachtung, in: MJ 28.11.1914.
Eine Friedensbotschaft des Papstes. Ein Aufruf des Papstes an die Völker und Fürsten, in: MJ
31.07.1915.
Der Friedens-Aufruf des Papstes, in: MJ 03.08.1915.
Vgl. Protestantische Stimmen zum Friedenswerk des Papstes, in: MJ 06.10.1915.
Das päpstliche Friedensprogramm und die christliche Diesseitshoffnung, in: MJ 25.06.1917.
Ebd.
57
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
Allerdings ist anlässlich des päpstlichen Mahnschreibens im MJ auch zu lesen, dass sich
„eine glänzendere Rechtfertigung und Verteidigung der Verbündeten Kaiserreiche, als es
mittelbar durch die päpstliche Ausrufung der Leitsätze einer wahren Friedenspolitik geschieht kaum denken [lässt]. Niemals wollten die verbündeten Kaiserreiche andere Staaten und Nationen vernichten und auch nur sie erniedrigen oder unterdrücken. Immer haben sie die […] die Würde der anderen geachtet. Immer waren sie bereit zu einer Politik
des wechselseitigen Wohlwollens überzugehen, aber das gerade Gegenteil von all dem
haben unsere Gegner getan. Sie haben das Unrecht und ungerechte Aspirationen auf ihre
Fahnen geschrieben [...] Auf dem Banner, daß (sic!) die Verbündeten Kaiserreiche durch
die blutigen Grausen dieses Weltkriegs hindurch getragen haben, strahlen die Grundsätze, welche auch der Papst in den Mittelpunkt seiner Friedensmahnung gerückt hat. […]
zum Friedenschließen gehören zwei [...] Aus dem unfreundlich-hämischen Wiederhall,
den die päpstliche Friedenskundgebung in der maßgebenden italienischen Presse gefunden hat, [...] scheint der Schluß (sic!) zulässig, [...], dass die Kriegsraben noch einige
Zeit um den Berg kreisen und unsere unvergleichlichen Armeen noch manche Großtat zu
verrichten haben werden, ehe die Stimmung unserer Feinde soweit gebracht ist, daß (sic!)
die Friedensvermittlung des Papstes bei ihnen Aussicht auf Erfolg hat.“398 Ähnlich wird
auch im Dezember 1915 berichtet: Das Deutsche Reich sei zwar zum Frieden bereit,
„aber zum Frieden gehören zwei und die Staatsmänner der uns bekämpfenden Nationen,
wollen gar nicht daran denken mit uns Frieden zu machen, so lange sie uns nicht niedergerungen haben. Trotzdem sind wir Papst dankbar für seine Friedensbemühungen und
nehmen sie willigendes Herzen entgegen. Wir haben diesen Krieg weder gewollt noch
heraufbeschworen. Nur ein dauerhafter und gerechter Friede, wie ihn auch der Heilige
Vater empfiehlt, ist unser Ziel.“399 Es erscheinen nun unablässig Artikel, die betonen, dass
es nicht am Deutschen Reich und seinen Verbündeten liege, wenn der Wunsch des Papstes nach Frieden unerfüllt bleibe, sondern an der Entente und ihren Verbündeten. Denn
im Gegensatz zur Entente habe das Deutsche Reich den Friedensappell des Papstes wohlwollend entgegengenommen und sei gewillt ihn umzusetzen.400 Auch das Friedensangebot der Mittelmächte im Dezember 1916401 beweise, dass jedes weitere Blutvergießen nur
398
399
400
401
Der neue Vermittlungsversuch des Papstes, in: MJ 6.8.1915.
Die Friedensrede Papst Benedikts XV, in: MJ 09.12.1915.
Vgl. Die Ansprache des Heiligen Vaters im Konsistorium am 6. Dezember, in: MJ 14.12.1915; Dies
und das., in: MJ 24.12.1915; Neujahr 1916, in: MJ 31.12.1915; Der Papst über des Kaisers Friedensliebe, in: MJ 21.07.1916. Der Katholizismus und der Friede, in: MJ 07.07.1917.
Siehe dazu Kapitel 6.2
58
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
die Schuld der Entente sei402, wie auch Bischof Kirstein in seinem Fastenhirtenbrief von
1917 betont: „Lieber wollten unsere Feinde die ungeheure Last des Weltkrieges tragen,
lieber sollten Hunderttausende bluten und sterben, lieber sollten Güter aller Art zu
Grunde gehen, als daß (sic!) man die zum Frieden dargebotene Hand eines edlen Monarchen ergreift“403 Daher gebe es momentan „keinen anderen Weg zum Frieden zu gelangen als durch eine Fortsetzung unseres Siegeszuges.“404
Der Friedensaufruf des Papstes wird dementsprechend vom MJ zwar durchweg positiv
dargestellt, aber er wird auch gleichermaßen dazu verwendet sich selbst als gerecht und
die Mächte der Entente als Schuldige darzustellen. Ebenso wird die Weiterführung des
Krieges legitimiert. Dementsprechend kann man an diesen Stellen von einer Umdeutung
des päpstlichen Friedensaufrufes im Sinne des nationalen Ziels des Deutschen Kaiserreiches sprechen.
Dieses Argumentationsmuster spielt auch bei der Beurteilung der großen Friedensinitiative des Papstes vom August 1917, die kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges vom
MJ als das „für alle Zeiten […] reinste und leuchtendste Zeugnis dieser Geschichtsperiode“405 bezeichnet wird, eine große Rolle. Bereits bevor diese große Friedensinitiative
Benedikts XV. erfolgte, schriebt das MJ, der Papst plane, am bevorstehenden Jahrestag
des Kriegsausbruches eine Note mit einem Friedensvorschlag an die kriegsführenden
Staaten zu richten. Während vom Deutschen Reich und seinen Verbündeten angenommen
werden dürfe, dass sie auf die Stimmen des Papstes hören, könne man nicht davon ausgehen, dass „die von einem jakobinistisch-sozialistischem Freimaurerflügel beherrschte
Französische Republik, die eben den tollsten Kulturkampf hinter sich hat und […] die
Regierungen in London, Rom und Washington, die fasst einseitige Freimaurerregierungen sind“ 406 auf das päpstliche Friedensangebot positiv eingehen würden. Am 17. August
1917 wird dann der Wortlaut der Note auf der Titelseite des MJ abgedruckt407 und im
Folgenden immer wieder betont, dass sich die Vorahnung bestätigt habe. So seien das
deutsche Volk und die deutsche Regierung zur Vermittlung und zum Frieden bereit und
der Note positiv gegenüber gestellt,408 was durch die Zufriedenheit des Papstes mit der
402
403
404
405
406
407
408
Vgl. Ein Friedensangebot der Mittelmächte, in: MJ 13.12.1916; Der Katholizismus und der Friede, in:
MJ 07.07.1917.
Fasten-Hirtenbrief Georg Heinrichs, in: MJ 19.02.1917.
Friedensvermittlung?, in: MJ 16.12.1915.
Die Weltkrisis und ihre Entwicklung, in: MJ 12.09.1918.
Papst und Friedensfrage, in: MJ 28.07.1917.
Vgl. Der Wortlaut der Friedensnote Papst Benedikts XV., in: MJ 17.08.1917.
Vgl. Die Friedensnote des Papstes, in: MJ 18.08.1917; Des Papstes Friedensbemühen, in: MJ
21.08.1917; Die Note des Hl. Vaters, in: MJ 21.08.1917; Die päpstliche Note im Hauptausschuß, in:
MJ 28.08.1917.
59
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
Antwortnote der Mittelmächte bewiesen sei. 409 Aber wie bereits im Zuge vorheriger Friedensvorschläge vom MJ angeführt, brauche es zum Friedenschließen zwei. Die Entente
trage die Schuld, dass es zu keinem Frieden komme, da sie der Note ablehnend gegenüber
stehe. Jeder Tropfen Blut, der in Zukunft noch vergossen wird, jeder Schaden, der in
Folge des Krieges noch angerichtet wird, sei demgemäß der Entente zuzuschreiben.410
„Je freundlicher, je entgegenkommender wir sprechen, je dringender die Verbandsvölker
selber durch unsere freundliche Sprache ermuntert nach dem Frieden rufen, umso ärger
treiben es die Verbandsstaatsmänner, umso halsstarriger und trotziger widersetzen sie
sich allen Geboten der Billigkeit und Vernunft und der Sehnsucht der Menschheit.“411
Deutlich wird an diesem Artikel aber auch, dass das MJ zwischen dem Volk der feindlichen Mächte, das den Frieden will und den Regierenden der Völker, die den Krieg wollen,
unterscheidet. Sowohl die französischen, als auch die italienischen Katholiken seien dem
Papst und dem Frieden zugeneigt, weshalb sie durch ihre Regierungen verfolgt würden.412
Anlässlich der Friedensnote des Papstes erschienen im MJ allerdings auch zwei Artikel,
die verdeutlichen, wie der deutsche Katholizismus durch die Friedensinitiative Benedikts
XV. in das Spannungsverhältnis zwischen Universalismus und Nationalismus gerieten
und wie versucht wurde dieses zu lösen. So veröffentlicht das MJ, einen Tag nachdem es
die Friedenote Benedikts XV. abgedruckt hatte, einen Artikel der liberalen Kölnischen
Zeitung. Diese schreibt, dass aus deutschem Blickwinkel der päpstliche Vorschlag aus
territorialer und materieller Sicht unannehmbar erscheine. „Derartiges bietet aber noch
keinen ausreichenden Grund, die Hand, die hier der Menschheit den Frieden zurückgeben will, zurückzuweisen, der päpstlichen Note ein schroffes Nein entgegenzusetzen.
Deutschlands Ansprüche, die es um seiner Selbsterhaltung in der Zukunft willen stellen
409
410
411
412
Vgl. Das Urteil des „Osservatore Romano“, in: MJ 25.09.1917; Friedensbestrebungen des Hl. Vaters,
in: MJ 26.09.1917; Zur Lage, in: MJ 28.09.1917; Zufriedenheit des Papstes mit der Antwort der Mittelmächte, in: MJ 11.10.1917.
Vgl. Die Auffassung der Entente, in: MJ 17.08.1917; Die Friedens-Note des Papstes, in: MJ 17.08.1917;
Der Friedensschritt des Papstes, in: MJ 20.08.1917; Die Erklärung der französischen Regierung, in: MJ
20.09.1917; Preßstimmen zur Antwortnote, in: MJ 22.09.1917; Unsere Feinde haben das Wort, in: MJ
22.09.1917; Die Friedensfrage, in: MJ 23.10.1917; Was sagen dazu die Katholiken der Welt?, in: MJ
06.12.1917.
Ein kräftiges Wort an die friedlosen Verbandsmächte, in: MJ 03.11.1917.
Vgl. Frankreichs Priester und der Friede, in: MJ 21.11.1917; Für und gegen den Frieden, in: MJ
01.09.1917; Unterdrückung der Verbreitung der Papstnote an der italienischen Front, in: MJ
01.09.1917. Zu der Differenzierung zwischen Volk und Regierung vergleiche auch die Kapitel 4.1 und
5.1.
60
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
muß, sind so bescheiden, daß (sic!) sie auf einer Friedenskonferenz kein ernstliches Hindernis der Einigung bilden werden.“413 Ein zweiter Artikel betont, die deutschen Katholiken hätten dankbar die päpstlichen Friedensbemühungen aufgenommen. Bei dieser Friedensinitiative des Papstes sei allerdings zwischen allgemein religiösen Mahnungen und
konkreten politischen Vorschlägen zu unterscheiden. „Die Stellung der deutschen Katholiken […] ist gegeben, vom religiösen und nationalen Standpunkt aus. Vom religiösen
Standpunkt aus nehmen sie die Mahnungen des Hl. Vaters mit Ehrerbietung und Genugtuung auf, ist es doch christliche Pflicht, alles zu tun, was Menschenkraft vermag, die
Welt von diesem furchtbaren Kriegselend zu befreien. Sie sind mit dem Hl. Vater einig,
daß (sic!) nicht die Gewalt der Waffen […] einen dauerhaften Frieden bringen können,
sie erkennen deshalb die Notwendigkeit eines Verständigungsfriedens an. Mit besonderer
Genugtuung erfüllt es die deutschen Katholiken, daß (sic!) dieser Wunsch nach Verständigungsfrieden von der Mehrheit des deutschen Reichtags und auch von dem Kaiser und
der Regierung geteilt wird […]. Der Hl. Vater hat aber auch bestimmte politische diplomatische Vorschläge zur Beilegung des Völkerkonflikts gemacht, die zwar auch mit der
dem Papste zustehenden Ehrerbietung beurteilt werden müssen, denen gegenüber aber
der Katholik religiös nicht gebunden ist. Diese konkreten politischen Vorschläge des
Papstes […] werden bei den deutschen Katholiken auch vom politischen und nationalen
Standpunkt aus zu bewerten sein. Diese Vorschläge macht der Papst als neutraler Souverän, der den Meinungen und Forderungen der beiden kriegsführenden Gruppen gerecht werden muß, wenn er den Boden zu einer Verständigung ebnen will […]. So finden
wir bei den Vorschlägen des Papstes solche, die den Forderungen Deutschlands entgegenkommen und solche, die den Wünschen der Entente Rechnung tragen. Die Forderung
der Entente, die volle Unabhängigkeit Belgiens herzustellen, wird berücksichtigt, Rechnung getragen wird aber auch der deutschen Forderung auf Herausgabe der deutschen
Kolonien und der Sicherung der Freiheit der Meere. Bei den besonders komplizierten
Fragen wie Elsaß-Lothringen […] vermeidet der Papst bestimmte Vorschläge, er überlässt diese den Verhandlungen der kriegsführenden Länder. An diese Fragen wird der
Katholik von seinen nationalen Grundsätzen aus heranzutreten haben; so betrachten es
die deutschen Katholiken als selbstverständlich, daß (sic!) sie nur bei voller Sicherung
der Lebensinteresse des deutschen Volkes, gelößt (sic!) werden können. […] Die deutschen Katholiken waren noch immer gute Katholiken und gute Deutsche, sie haben es
schon immer verstanden ihre Pflichten gegenüber dem Oberhaupt ihrer Kirche und gegen
413
Deutschland und die päpstliche Note, in: MJ 18.8.17.
61
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
ihr Vaterland in Einklang zu bringen, weil diese Pflichten sich niemals widerstreiten können. Zwei Vorschläge liegen dem Hl. Vater besonders am Herzen: Abrüstung und
Schiedsgericht zur Verhinderung weitere Kriege. Welcher Christ sollte diesen idealen
Gedanke des Papstes nicht zustimmen […] Die deutschen Katholiken hoffen, daß (sic!)
die Friedensbemühungen des HL. Vaters Erfolg haben, daß (sic!) seine Vorschläge als
Grundlage von Verhandlungen genommen und ein Friede erzielt wird, durch den der
Welt Ruhe und Zufriedenheit gegeben, dem deutschen Volke Sicherung seiner politischen
und wirtschaftlichen Existenz gewährleistet wird.414
Es wird also deutlich, dass der Mainzer Katholizismus der päpstlichen Note grundsätzlich
positiv gegenübersteht. Die Vorschläge, die der Pontifex macht, seien als Grundlage für
Verhandlungen geeignet. Bei den Verhandlungen müssten dann aber auch nationale
Standpunkte eine Rolle spielen: Einem Frieden um jeden Preis befürwortet das MJ
nicht.415 Es bringt zwar seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Friedensnote des Papstes
zu einem Frieden führe, ist aber „gleichzeitig eisern entschlossen so lange weiterzukämpfen bis zu einem ehrenvollen Frieden.“416 Gleichzeitig wird in diesem Artikel deutlich,
dass der Mainzer Katholizismus es vermeiden will in den Verdacht der Reichsfeindlichkeit zu geraten. Man leugnete in einen Interessenkonflikt zwischen Papst und Nation zu
geraten, da ja die deutsche Regierung und der Kaiser die Forderungen des Papstes unterstützten. Man kämpfe nur weiter, um einen gerechten Frieden, wie ihn sich auch Benedikt
XV. wünsche, zu erreichen.
Nicht nur anlässlich der großen Friedensinitiativen wird im MJ auf den päpstlichen
Wunsch nach Frieden hingewiesen. Vielmehr wird kontinuierlich berichtet, dass der
Papst den Weltkrieg verurteilt und sich für den Frieden einsetze. 417 Dabei ruft das MJ
dazu auf alle Friedensinitiativen des Papstes zu unterstützen.418 Auch die zahlreichen
414
415
416
417
418
Die deutschen Katholiken und die Friedensvermittlung des Papstes, in: MJ 25.08.1917.
Das beweisen auch die Artikel „Erzbischof Dr. v. Hauck über die Friedensfrage, in: MJ 26.05.1917;
Grundlagen zum Frieden, in: MJ 13.06.1917. Johannes Jakobus von Hauck (1861-1943) war ab 1912
Erzbischof des Erzbistums Bamberg. Vgl. Albrecht, Hauck, S. 78.
Der Papst und der Friede, in: MJ 18.08.1917.
Vgl. Kirchliche Nachrichten, in: MJ 18.12.1914; Von Papst Benedikt XV., in: MJ 17.04.1915; Der Papst
und der Krieg. Ein Aufruf zur Dankesbezeugung, in: MJ 27.04.1915; Der wahre Friedensfürst, in: MJ
11.05.1915; „Zwischen Krieg und Frieden“, in: MJ 18.11.1915; Die Ansprache des Hl. Vaters Papst
Benedikt XV. im Konsistorium, in: MJ 07.12.1915; Eine Weihnachtsansprache des Papstes, in: MJ
27.12.1915; Das Papstschreiben an Kardinalvikar Pompili, in: MJ 11.03.1916; Gemeinschaftliche Hl.
Kommunion der Kinder am 30. Juli 1916, in: MJ 21.07.1916; Eine Ansprache des Papstes an die Kinder
von Rom, in: MJ 01.08.1916; Papst Benedikt XV., in: MJ 02.09.1916; Antwort des Papstes an die deutschen Bischöfe, in: MJ 10.10.1916; Ein Friedensruf des Papstes, in: MJ 10.05.1917; Papsttum und
Friede, in: MJ 22.09.1917; Das Friedenswerk Benedikts XV., in: MJ 04.09.1918.
Vgl. Die Stellung der Katholiken zur Friedensbewegung, in: MJ 30.06.1917; Die Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands entbieten ihren Gläubigen Gruß und Segen in unserem Herrn Jesus Christus, in:
MJ 27.11.1917.
62
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
Aufforderungen des Papstes für den Frieden zu beten werden dort abgedruckt und vorbehaltlos befürwortet.419 So wird ab dem 23. Januar 1915 regelmäßig auf die am 7. Februar
und in den Diözesen außerhalb Europas am 21. März stattfindenden Gebetsandachten für
den Frieden hingewiesen420 und mehrfach dazu aufgefordert dieses Gebet nach dem Willen des Papstes nach jeder Maiandacht zu beten.421 Auch Bischof Kirstein bestätigt im
MJ, dass man den Gebets- und Bußaufforderungen des Heiligen Vaters „gerne und willig
entsprechen“422 werde und ruft im Sinne des Papstes zu einem Gebet zum Erbitten des
Friedens am 17. Juni 1917 im Rahmen des Herz-Jesu-Festes auf.423 Anlässlich eines Motu
proprio des Papstes, in dem Benedikt XV. für den 29. Juni 1918 eine Messe in allen
kriegsführenden Ländern verordnet, bei der für den Frieden gebetet werden soll,424 versichert das MJ: „Dieser Weisung und Mahnung des Hl. Vaters werden die Priester unserer Diözese gewiß (sic!) bereitwillig entsprechen. Sie werden auch den Gläubigen von
den wesentlichen Inhalten des Motu proprio Kenntnis geben und sie einladen, der Hl.
Messe an diesem Welt-Opfer- und Bittag (sic!) zahlreich und andächtig beizuwohnen,
[…] und in der Meinung des Hl. Vaters zu beten“425
Es gibt auch immer wieder Stimmen im MJ, die die Universalität der katholischen Kirche
betonen. Stellvertretend sei hier auf einen Artikel verwiesen, der die Leser mahnend fragt:
„Sind wir uns allgemein in wirksamer Weise der Verbindung zur einen katholischen Kirche bewußt? […] Die übernatürlichen Bande der kirchlichen Gemeinschaft müssen stärker sein als alle Kriegsgegnerschaft, die um irdische Reiche sich jetzt so blutig abspielt.“426 So wie auch der Papst immer wieder die Geschwisterliebe und den Frieden
419
420
421
422
423
424
425
426
Vgl. Papst Benedikt XV. und der Rosenkranz, in: MJ 06.10.1915; Die Friedensbemühungen des Papstes, in: MJ 06.03.1916; Papst Benedikt XV. ermahnt neuerdings um Erlangung des Friedens zu beten,
in: MJ 16.05.1917; Kundgebung des Heiligen Vaters Benedikt XV. um den Frieden von Jesus Christus
durch Vermittlung der Allerheiligsten Jungfrau durch eifrige Gebete zu erflehen, in: MJ 27.06.1917;
Der Papst für den Völkerfrieden, in: MJ 30.6.1917; Hirtenschreiben des Hochwürdigsten Herrn Bischofs Dr. Georg Heinrich Kirstein, in: MJ 02.10.1917.
Vgl. Ein katholischer Weltbettag, in: MJ 23.01.1915; Allgemeines Gebet um den Frieden am 7. Februar
1915, in: MJ 27.01.1915; Buß- und Friedens-Gebet des Heiligen Vaters Papst Benedikt XV., in: MJ
26.01.1915; Um was wir bitten sollen, in: MJ 01.02.1915; Gebet um Frieden, in: MJ 20.03.1915; Eine
Übersetzung des Gebetes wird allerdings nur im Artikel vom 23. Januar 1915 veröffentlicht. Ab dann
wird nur darauf hingewiesen, dass man das Gebet in einer authentischen Übersetzung nach Wortlaut
der acta apostoliicae sedis kaufen kann. Vgl. Buß- und Friedens-Gebet des Heiligen Vaters Papst Benedikt XV., in: MJ 26.01.1915.
Vgl. Kirchliche Nachrichten. Friedensgebet, in: MJ 12.04.1915; Für den Maimonat Friedens-Gebet des
Heiligen Vaters Papst Benedikt XV., in: MJ 28.04.1915.
Zur heiligen Adventszeit, in: MJ 26.11.1915.
Vgl. Gebet zur Erflehung eines segenreichen Friedens, in: MJ 11.06.1917.
Vgl. Das päpstliche Motu proprio, in: MJ 11.05.1918.
Ein päpstliches Motu proprio, in: MJ 28.06.1918.
Papsttum und Weltfriede, in: MJ 05.05.1917. Weitere Artikel wurden bereits in Anm. 243-248; 291
aufgegriffen.
63
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
gepredigt habe, sei es Aufgabe aller Katholiken sich für die Nächstenliebe und den Frieden einzusetzen.427 Diese Liebe gebühre auch der Bevölkerung der anderen Länder, vor
allem den Kriegsgefangenen, denn die feindlichen Soldaten erfüllen auch nur ihre Pflicht
und folgen höheren Befehlen. 428
Die Mainzer Volksversammlung fasst die Einstellung des Mainzer Katholizismus zu den
päpstlichen Friedensinitiativen gut zusammen: Laut dieser gebe es in diesem schrecklichen Kriege zwei Lichtpunkte, zu denen die Menschen gläubig hoffend aufblicken könnten. „Papst und Kaiser, Friedensfürsten, Verteidiger und Hüter des Rechts […] Wir können dem Papst keinen besseren Dank erweisen, als den, daß (sic!) wir ihn in seinen Friedensbestrebungen unterstützen […] Also beten wir recht fleißig nach der Meinung des
Hl. Vaters für den Frieden. Dann erfüllen wir die Bitte des Hl. Vaters und erweisen uns,
unserem Vaterland und der ganzen Welt einen großen Dienst […] Möge Gott […] unserem tapferen Heere zum Sieg und Frieden führen. Wir aber alle beugen in Demut vor
Gott unsere Knie und beten: ,Gott erhalte uns den Papst‘, ,Gott erhalte uns den Kaiser‘.429 So wird in diesem Artikel zum Ausdruck gebracht, dass man sowohl dem Papst
als auch dem Kaiser gegenüber loyal sei. Indem man die Friedensinitiativen des Papstes
unterstütze, diene man auch der eigenen nationalen Sache. Ultramontanismus und Nationalismus würden sich demnach nicht widersprechen, sondern seien deckungsgleich. Sowohl für das Wohlergehen Wilhelms II. als auch Benedikts XV. wird gebetet.
Zusammenfassend kann man sagen, dass beide Päpste in Mainz generell einen hohen
Stellenwert genossen, was die durchgängig positive Berichterstattung beweist.430 An keiner Stelle in den zahlreichen Artikeln des MJ über die Päpste ist ein Anzeichen von Kritik
herauszulesen. Zudem schaffen es nur diese beiden Persönlichkeiten während des Weltkrieges Kriegsnachrichten von der Titelseite zu verdrängen: Das erste Mal geschieht dies
am 20. August 1914 anlässlich des Todes Pius X.431 Das zweite Mal am 4. September
1914 anlässlich der Krönung Benedikts XV.432 Auch die Einstellung zum Krieg und die
zahlreichen Friedensinitiativen werden im Gegensatz zu eher national orientierten Katholizismuskreisen weder verheimlicht noch kritisiert. Vielmehr wird zu deren Unterstützung
aufgefordert und positiv über sie berichtet, wie es auch in Fulda und bei der Germania
427
428
429
430
431
432
Vgl. Papsttum und Weltfriede, in: MJ 05.05.1917.
Vgl. Fasten-Hirtenbrief Georg Heinrichs, in: MJ 19.02.1917.
Oeffentliche Versammlung der Ortsgruppe Mainz des Volks-Vereins für das kath. Deutschland, in: MJ
02.02.1916.
Vgl. Erinnerung an Papst Pius X., in: MJ 27.08.1914; Zum Gedächtnis Papst Pius X.. „Ignis ardens“,
in: MJ 02.09.1914; Papst Benedikt XV., in: MJ 02.09.1916.
Vgl. Se. Heiligkeit Papst Pius X. gestorben, in: MJ 20.08.1914.
Vgl. Wir haben einen Papst!, in: MJ 04.09.1914.
64
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
der Fall war. Auch anlässlich der großen Friedensinitiative des Papstes 1917 wird betont,
man wolle zwar keinen Frieden um jeden Preis, aber die Forderungen des Papstes können
als Grundlage zur Verhandlung dienen und seien deshalb akzeptabel. Gleichzeitig wird
behauptet, dass man durch die Friedensinitiativen des Papstes nicht in das Spannungsverhältnis von Nationalismus und Ultramontanismus geraten würde, da der Papst und die
Regierung des Deutschen Reiches dieselben Friedensvorstellungen hätten.
6.2 Die deutsche Friedensinitiative von 1916
In eine schwierige Lage wurde der deutsche Katholizismus zwischen Dezember 1916 und
März 1917 gebracht. So hatte die deutsche Regierung Ende des Jahres 1916 ein Friedensangebot an die Ententemächte gestellt und sowohl die USA als auch den Papst um Unterstützung gebeten. Da Großbritannien und Frankreich dem Pontifex signalisiert hatten nur
auf das deutsche Angebot einzugehen, falls der Vatikan sich nicht in die Verhandlungen
einmischen würde, kam der Papst der deutschen Bitte nicht nach. Der Grund hierfür
wurde allerdings erst im März 1917 bekannt, bis dahin schien es so, als hätte der Papst
das Angebot der Mittelmächte abgelehnt, was zu einer Abkühlung der Beziehungen zwischen Papst und Deutschem Reich führte.433
Das MJ berichtet von der Übermittlung der Friedensnote der Mittelmächte an den Papst
und der Hoffnung, dass der Versuch der Mittelmächte wohlwollend vom Papst aufgenommen und unterstützt würde.434 Man erwarte mit Spannung die diesjährige Weihnachtsansprache des Papstes im Konsistorium und sei sich sicher „der Papst werde nicht verfehlen, auf den deutschen Friedensvorschlag einzugehen“.435 Doch bei dieser Audienz
des Bischofskollegiums wiederholte der Papst zwar seine früheren Friedensmahnungen,
aber das Friedensangebot der Mittelmächte erwähnte er nicht. 436 Kritisiert wird der Papst
dafür im MJ jedoch nicht.437 Auch von einer Abkühlung der Beziehung ist im MJ nichts
zu spüren. Es wird weiter wie bisher positiv über ihn berichtet.
433
434
435
436
437
Vgl. Strötz, Katholizismus, S. 206; Pollard, Pope, S. 120.
Vgl. Die Uebermittlung der Note an den Papst, in: MJ 16.12.1916.
Die Haltung des Papstes, in: MJ 20.12.1916.
Vgl. Des Papstes Friedenswunsch, in: MJ 27.12.1916.
Vgl. Die Weihnachtsansprache des Papstes Benedikt XV., in: MJ 28.12.1916.
65
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
6.3 Die Neutralität des Papstes
Während Pius X. von der Rechtmäßigkeit des österreichischen Vorgehens gegenüber Serbien überzeugt schien,438 versuchte sein Nachfolger Benedikt XV. fortwährend strikte
Neutralität zu wahren und betonte immer wieder seine vollkommene Unparteilichkeit, da
er als Stellvertreter Christi der Vater aller Katholiken sei.439 Doch diese Neutralität wurde
von beiden kriegsführenden Parteien immer wieder angezweifelt. So warf man ihm entweder vor auf der anderen Seite zu stehen440, oder aber man behauptete, der Papst unterstütze die eigene Sache.441 Wie der Mainzer im Vergleich zum deutschen Katholizismus
damit umging wird im Folgenden dargestellt.
6.3.1 Der deutsche Katholizismus und die Neutralität des Papstes
Auch von deutscher katholischer Seite wurde die Neutralität des Papstes oft nicht respektiert.442 Entweder wurde versucht den Pontifex für sich zu beanspruchen, oder man warf
ihm vor auf der Seite der Entente zu stehen.443 Vielmals wurde der Papst dazu benutzt
einen Einsatz im Weltkrieg zu rechtfertigen. So wurde immer wieder betont, ein Sieg
würde die Wiederherstellung der traditionellen Schutzfunktion des Deutschen Reiches
für das Papsttum bedeuten.444 Besonders seit dem Kriegseintritt Italiens wurde die Meinung verbreitet, der Pontifex sei ein Nutznießer des deutschen Sieges, da dann die Römische Frage zu seinen Gunsten entschieden werden könne.445 Die Fuldaer Katholiken versuchten den Papst für sich zu vereinnahmen: So erschienen in den dortigen Zeitungen
immer wieder Artikel, die behaupteten, der Pontifex stünde auf der Seite der Mittelmächte. Andere Zeitungsartikel sollen verdeutlichen, dass nur das Deutsche Reich und
438
439
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441
442
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444
445
So bezeichnet er das Vorgehen Franz Josephs I. gegen die Serben als gerecht. Gleichwohl weigert er
sich die Waffen Österreich-Ungarns zu segnen. Vgl. Gatz, Kirche, S. 59; Strötz, Katholizismus, S. 199.
Siehe hierzu auch Kapitel 2.
Dies ging so weit, dass der Papst es vermied Länder wegen Kriegsaktionen, die offenkundig gegen
internationales Recht verstießen, wie beispielsweise der Einmarsch des Deutschen Reiches in Belgien,
ausdrücklich zu verurteilen. Vgl. Baadte, Universalismus, S. 101; Burkard, Kaiser, S. 57; Gatz, Kirche,
S. 59; Greschat, Christenheit, S.78f.; Hürten, Kirche, S. 726; Lätzel, Kirche, S. 150; 157; 172; Morozzo
della Rocca; Benedikt XV., S. 189ff.; Scheidgen, Bischöfe, S. 324; Strötz, Katholizismus, S. 202.
So sprach man in Frankreich vom „pape boche“ und im Deutschen Reich vom „französischen Papst“.
Vgl. Pollard, Pope, S. 87; 94.
Vgl. Kretschmann, Herr, S. 59; Mommsen, Umdeutung, S. 258.
Vgl. Morozzo della Rocca, Benedikt XV., S. 193; Strötz, Katholizismus, S. 192.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 172.; Becker, Religionsgeschichte, S. 38; Kirchner, Papsttum, S. 82; Maron,
Kirche, S. 214.
Vgl. Strötz, Katholizismus, S. 191; 197.
Siehe hierzu Kapitel 5.1.
66
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
seine Verbündeten im Sinne des Papstes handeln würden.446 Die Bischöfe hingegen betonten die Neutralität Benedikts XV. Sie verteidigten den Papst gegen sämtliche Vorwürfe, die seine Neutralität anzweifelten.447 Vor allem Bischof Hartmann war stets von
der Neutralität Benedikts XV. überzeugt, weshalb er sich bei Bethmann Hollweg über
einen Zeitungsartikel über ein angebliches Bündnis des Papstes mit der Entente beschwerte.448
6.3.2 Der Mainzer Katholizismus und die Neutralität des Papstes
Der Gedanke, dass Papst Pius X. auf der Seite der Mittelmächte stehe und das Vorgehen
Österreichs gegen Serbien für ein Gerechtes halte, scheint auch im Mainzer Katholizismus verbreitet zu sein. So berichten zwei Artikel, dass Pius X. auf die Bitte gegen den
Krieg zu intervenieren geantwortet hätte: „Der einzige Herrscher, bei dem ich mit Aussicht auf Erfolg intervenieren könnte, weil dieser Monarch stets in Treue dem Heiligen
Stuhl ergeben war, ist Kaiser Franz Josef. Aber gerade bei ihm kann ich nicht intervenieren, denn der Krieg den Österreich führt ist gerecht, nur allzu gerecht“449. Gleichzeitig
wurde mit dieser Aussage die Vorstellung der Mittelmächte sie würden den Weltkrieg als
gerechter Verteidigungskrieg führen, bestärkt.450
Auch über Benedikt XV. behauptet das MJ zunächst, der neue Papst sei österreich- und
deutschlandfreundlich.451 Doch im Folgenden wird immer wieder die Neutralität452 und
die „vollständige und unbedingte Unparteilichkeit“ 453 des Papstes und des Vatikans betont. Diese habe der Heilige Vater, obwohl er „von beiden Seiten angefeindet worden
ist“454, „unter den schwierigsten Umständen vollkommen zu wahren gewusst.“455 So seien
alle Versuche ihn auf die eine oder andere Seite zu ziehen fehlgeschlagen. 456 Das MJ
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Vgl. Göbel, Katholiken, S. 95f.;137.
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 359.
Vgl. Lätzel, Kirche, S. 158f.
Papst Pius X. und der Krieg, in: MJ 26.08.1914; Die Stellung der Katholiken zur Friedensbewegung,
in: MJ 23.06.1917.
Siehe hierzu Kapitel 2.
Vgl. Die Persönlichkeit des Hl. Vaters, in: MJ 12.09.1914.
Vgl. Der deutsche Kurienkardinal, in: MJ 20.11.1915; Papsttum und Weltfriede, in: MJ 24.02.1917.
Die Objektivität in der Kriegsfrage, in: MJ 08.09.1914; Kirchliche Nachrichten, in: MJ 09.10.1914;
Papst Benedikt XV. und die Kirchenfürsten der Entente, in: MJ 19.06.1918.
Der Papst und der Friede, in: MJ 18.08.1917.
Friedensvermittlung?, in: MJ 16.12.1915.
Vgl. Die gegenwärtige Stellung des Heiligen Stuhles, in: MJ 17.02.1915; Papst Benedikt XV., der Krieg
und Italiens Neutralität, in: MJ 30.01.1915; Der Papst und die kriegsführenden Mächte, in: MJ
26.06.1915; Der Krieg mit Italien. Der Wortlaut der Unterredung Papst Benedikts XV., in: MJ
29.06.1915; Unterredung des Papstes mit Latapie über die Streitfragen des Krieges, in: MJ 30.06.1915;
Die Neutralität des Papstes, in: MJ 10.08.1915; Eine Audienz beim Papste, in: MJ 30.10.1915; Die
67
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
verteidigt dabei den Papst einerseits gegen die Vorwürfe, er stehe auf Seiten der Entente457, die aus dem Inland auch von katholischer Seite, aber überwiegend aus protestantischen Kreisen stammten.458 Andererseits wird den Vorwürfen aus dem Ausland, er sei
deutschfreundlich, widersprochen.459 Vielmehr sei sich der römische Pontifex bewusst,
dass er als „Vertreter Jesu Christi, der für alle und jeden gestorben ist, mit dem gleichen
Gefühl der Liebe alle Kämpfenden umfassen […] müsse, [da] er als gemeinsamer Vater
der Katholiken sowohl auf der einen wie auf der anderen Seite der Kriegsführenden eine
große Zahl von Kindern, deren Heil ihm gleichmäßig und ohne Unterschied am Herzen
liegen muß (sic!) [hat]“460. Seine vollkommene Neutralität habe der Papst nicht zuletzt
damit bewiesen, dass er auch alles daran gesetzt habe, dass Italien neutral bleibe, um den
Krieg nicht zu verlängern. Auch dem Vorwurf des Papstes, Neutralität sei in Wahrheit
Opportunität, wird im MJ widersprochen.461
Gleichwohl tauchen im MJ immer wieder Artikel auf, die, wie bereits mehrfach erwähnt,
versuchen darzulegen, wie man selbst im Sinne der Forderungen des Papstes entsprechend handelt, während die Entente die Wünsche das Papstes missachte. So wird zum
Beispiel geschrieben, der Papst habe einen Gesandten nach Frankreich und England geschickt, um den dortigen Episkopat aufzufordern, dass der Gottesdienst „nicht zur Verhetzung gegen andere Nationen mißbraucht (sic!) werde [...] Der päpstliche Vertrauensmann hat den Auftrag, auf das musterhafte Beispiel der deutschen Bischöfe und Geistlichen hinzuweisen.“462 Auch wird in einem Artikel betont, dass im Vatikan Frankreich
gegenüber eine ungünstige Stimmung herrsche.463 Neben den Friedensbemühungen kam
es zu zahlreichen humanitären Hilfsmaßnahmen von Seiten des Papstes.464 Da solche ka-
457
458
459
460
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464
Neutralität des Papstes, in: MJ 17.11.1915; Die Neutralität des Papstes, in: MJ 19.02.1916; Erpressung
gegen Vatikan, in: MJ 09.09.1916.
Vgl. Eine mißdeutete Stelle der Weihnachtsansprache des Hl. Vaters, in: MJ 05.01.1918; Protestantische Stimmen über die Haltung des Papstes, in: MJ 02.03.1918; Eine Verletzung der Neutralitätspflichten des Vatikans?, in: MJ 15.05.1918; Der Papst und der Krieg, in: MJ 07.06.1918; Papst Benedikt XV.
und die Kirchenfürsten der Entente, in: MJ 19.06.1918.
Vgl. Die Neutralität des Papstes im Weltkrieg, in: MJ 02.02.1918.
Vgl. Die Stellung des Vatikans zum Weltkrieg, in: MJ 30.04.1918.
Der Papst über den Krieg, in: MJ 23.01.1915.
Vgl. Der Heilige Stuhl und der Weltkrieg, in: MJ 08.04.1915.
Der Papst gegen den Mißbrauch der Kanzel, in: MJ 20.02.1915.
Vgl. Frankreichs Bemühungen im Vatikan, in: MJ 23.04.1915.
So erreichte der Papst beispielsweise einen Austausch von dem für den Militärdienst untauglich gewor
denen Kriegsgefangenen. Sein Versuch über Weihnachten 1914 eine vorrübergehende Feuerpause zu
erwirken misslang. Vgl. Gatz, Kirche, S. 59; Lätzel, Kirche, S. 172; Schatz, Kirchengeschichte, S. 134;
Scheidgen, Bischöfe, S. 322; Strötz, Katholizismus, S. 213.
68
6 Die Päpste Pius X. und Benedikt XV.
ritativen Maßnahmen allerdings vorbehaltlos von allen, gleich welcher Konfession, begrüßt wurden465, soll hier im Laufe der vorliegenden Arbeit nicht genauer darauf eingegangen werden.466 In diesem Kontext sind sie aber insofern wichtig, als dass im MJ darauf
hingewiesen wird, dass das Deutsche Reich im Gegensatz zur Entente all diese Maßnahmen unterstützt habe.467
Man verteidigt den Papst im Mainzer Katholizismus dementsprechend gegen jede Art
von Vorwürfen, die ihm die Neutralität absprechen wollen und gibt sogar im Gegensatz
zum Fuldaer Katholizismus zu, dass der Papst nicht auf der Seite der Deutschen stehe.
Man respektierte demnach im Gegensatz zu einem Großteil des bisher erforschten Katholizismus den Wunsch des Papstes als neutral angesehen zu werden. Gleichwohl betont
man, dass man selbst in jeglicher Hinsicht den Prinzipien des Papstes entspreche, während die Länder der Entente papstfeindlich eingestellt seien. Dadurch konnte man sich,
wie bereits in den vorherigen kapiteln erläutert, sowohl als moralisch überlegen, als auch
als diejenigen hinstellen, die im Sinne des Katholizismus handeln.
465
466
467
Vgl. Scheidgen, Bischöfe, S. 322.
Das MJ berichtet in zahlreichen Artikeln über die humanitären Hilfsmaßnahmen Benedikts XV. während des Krieges. Stellvertretend seien hier genannt: Papst Benedikt XV. und der Weltkrieg, in: MJ
24.03.1915; Der Papst im Völkerkrieg, in: MJ 09.04.1915.
Der Vatikan und der Krieg, in: MJ 19.12.1914; Der Papst im Völkerkrieg, in: MJ 09.04.1915; Der Papst
und der Krieg. Ein Aufruf zur Dankesbezeugung, in: MJ 27.04.1915.
69
7 Fazit
7 Fazit
7.1 Ergebnisse der Arbeit
Der Mainzer Katholizismus sieht sich wie der gesamte Katholizismus durch den Ersten
Weltkrieg dem Spannungsverhältnis zwischen Universalismus auf der einen und Nationalismus auf der anderen Seite ausgesetzt. Dabei nimmt der Mainzer Katholizismus eine
mittlere Position zwischen diesen beiden Extremformen ein.
Einerseits wird immer wieder die nationale Zuverlässigkeit der Katholiken betont. So
wird während des gesamten Ersten Weltkrieges vom Mainzer Katholizismus, in Anlehnung an die damals gültige moraltheologische Lehre des bellum iustum, der Weltkrieg als
gerechter Verteidigungskrieg angesehen, für den auch der deutsche Katholik zur Waffe
greifen und somit das Vaterland unterstützen darf. Auch verbreitet das MJ beständig die
Meinung, dass Gott den Deutschen im Krieg helfe, da Gott immer auf der Seite der Gerechten stünde. Auch die amtlichen Legitimationsstrukturen im Falle der Rechtfertigung
des deutschen Vorgehens gegenüber Belgien -man habe aus Notwehr und zur Selbstverteidigung gehandelt- wird vom Mainzer Katholizismus ohne Kritik übernommen. Sowohl
der völkerrechtswidrige Einmarsch als auch das scharfe Vorgehen gegenüber der belgischen Zivilbevölkerung werden im MJ nicht verurteilt. Hier stellt sich die katholische
Mainzer Tageszeitung vollkommen in den Dienst der amtlichen nationalen Propaganda.
Auch fordert das MJ seine Leser dazu auf den Krieg weiterzuführen und die nationale
Angelegenheit zu unterstützen, bis ein gerechter Friede erreicht sei.
Andererseits werden dabei nie die Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche, der
völkerumspannende Charakter des Christentums sowie die Verbundenheit mit dem Papst
geleugnet. So lehnen die Mainzer Katholiken auch den Vorschlag, der Katholizismus
solle sich in Zukunft deutsch-katholisch statt römisch-katholisch nennen, strikt ab. Die in
der Einleitung vorgestellte These, dass aus der übernationalen Kirche eine Kirche geworden sei, die ausblendete, dass in anderen Ländern ebenfalls Katholiken mit derselben Tradition, den gleichen Dogmen und Hierarchien und vor allem dem gleichen Credo wohnten468, trifft für den Mainzer Katholizismus demnach nicht zu. Dies wird auch dadurch
bewiesen, dass die Mainzer, ebenso wie die Fuldaer Katholiken, deutlich zwischen den
Glaubensbrüdern und der Regierung in Frankreichs und Italien differenzieren. So wird
468
Vgl. Kretschmann, Herr S. 59; Lätzel, Kirche, S. 199.
70
7 Fazit
immer wieder betont nur gegen die kirchenfeindliche Freimaurerregierung in diesen Ländern Krieg zu führen. Dadurch würde den Glaubensbrüdern in diesen Ländern ein Gefallen getan. Zudem betont das MJ zwar immer wieder, dass die Katholiken dem Vaterland
treu ergeben seien und ihm dienen, aber dies dürfe nicht in eine generelle Abneigung
gegen andere Völker an sich ausarten. Höchstens die Schandtaten des Feindes dürfen gehasst werden. Vielmehr wird eine Nächstenliebe verkündet, die auch den gefangenen
Feinden gezollt werden müsse, da auch diese nur ihre Pflicht gegenüber der Obrigkeit
erfüllen. Auch das Bedauern über die Zerstörung Löwens und der Kathedrale von Reims
sowie die Reaktion auf das Buch La Guerre belegen, dass man sich im Mainzer Katholizismus durchaus noch einer Verbindung zu den Glaubensbrüdern in den anderen Ländern
bewusst war.
Die beiden Päpste des Ersten Weltkrieges werden im Mainzer Katholizismus durchweg
positiv bewertet. Weder ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Ersten Weltkrieg, noch
irgendeine Friedensinitiative von ihnen werden durch das MJ verschwiegen. Vielmehr
werden alle Friedensinitiativen Benedikts XV. begrüßt und er wird gegenüber den Vorwürfen, er sei parteiisch, verteidigt. Sogar als der Papst das Friedensangebot der Mittelmächte 1916 nicht unterstützt, wirft man ihm keine Entente-Freundlichkeit vor. Auch
verschlechtert sich die Stimmung gegenüber dem Papst, im Gegensatz zu einem Großteil
des Deutschen Reiches, dadurch im MJ nicht.
Trotzdem missbraucht man den Papst gegen seinen Willen zur Legitimation des Krieges.
So wird den Mainzer Katholiken durch das MJ suggeriert, dass durch einen Sieg im Weltkrieg eine bessere Stellung des Papsttums erreicht werden könne. Vor allem mit dem
Kriegseintritt Italiens wurde der Wunsch geäußert zu einer Lösung der Römischen Frage
zu Gunsten des Papstes beizutragen. Nur wenn der Papst wieder vollkommen frei in der
Ausübung seines Amtes sei, könne der Universalismus Gedanke der Katholischen Weltkirche verwirklicht werden. Zudem stärke ein Sieg der Mittelmächte die Position der Kirche in der ganzen Welt und befreie die Katholiken Italiens und Frankreichs von den dortigen kirchenfeindlichen Freimaurerregierungen. Auch werden die päpstlichen Friedensinitiativen dazu benutzt ein Weiterkämpfen zu legitimieren und sich selbst als moralisch
besser hinzustellen. Nur ein Sieg der Mittelmächte führe zu einem Frieden wie ihn der
Papst sich wünsche. Man selbst sei zwar schon zu einem solchen Friedensschluss bereit,
aber die Entente wolle aus Eroberungssucht immer weiterkämpfen. Daher müsse man
solange Durchhalten bis ein gerechter Friede, wie ihn sich auch der Papst vorstellt, errungen sei.
71
7 Fazit
Indem der Mainzer Katholizismus den Krieg damit rechtfertigt für das Papsttum, die
Glaubensbrüder und die katholische Kirche in den Weltkrieg zu ziehen, verschmelzt er
die universelle katholische Angelegenheit der Weltkirche mit der nationalen Sache
Deutschlands. Im Mainzer Katholiken herrscht die Auffassung um die Universalität der
Kirche langfristig zu schützen, müsse man im Weltkrieg die deutsche nationale Angelegenheit unterstützen. Universalismus und Nationalismus gehen so im Mainzer Katholizismus während des Ersten Weltkrieges ineinander über. Man konnte gleichzeitig für
Kaiser und Papst in den Krieg ziehen, wodurch das Dilemma einer Loyalität zur Kirche
und Nation aufgebrochen wurde.
Abschließend kann für den Mainzer Katholizismus wie er sich im MJ zeigt, behauptet
werden, dass er innerhalb des deutschen Katholizismus eine mittlere Position innehatte.
Die Mainzer Katholiken waren sicherlich nicht ganz so universalistisch eingestellt wie
beispielsweise die Bischöfe, allen voran Bischof Hartmann, aber auch nicht so national
wie beispielsweise die Kölnische Volkszeitung. Ebenso wie für die Fuldaer Katholiken
kann auch für den Mainzer Katholizismus festgehalten werden, dass er trotz nationaler
Bekundungen auch „die Zugehörigkeit zur universalistischen Gemeinschaft der Kirche
und de[m] katholische[n] Glaube[n] immer wieder betont und mindestens gleichberechtigt neben das Bekenntnis zur Nation stellt. Dabei ist häufig der Versuch zu erkennen, die
nationale mit der kirchlichen Loyalität zu verknüpfen“.469
7.2 Ausblick auf weiterführende Studien
Um in die in dieser Arbeit vorgestellte Thematik tiefer einzudringen, könnte einerseits
das MJ genauer analysiert werden. So hätte noch auf den Kriegsbeginn eingegangen werden können. Wurde dieser vom MJ mit nationaler Begeisterung begrüßt, oder verhielt
man sich eher zurückhaltend? Auch wie man sich gegenüber nationaler Leit-/Geschichtsbilder und Identifikationsfiguren verhielt, wie den protestantischen Persönlichkeiten Wilhelm II., Ludendorff und Hindenburg sowie Bismarck oder auch dem Sedangedenktag,
hätte untersucht werden können.470 Andererseits hätten weiter Quellengattungen in den
Blick genommen werden können. Hier bieten sich, falls vorhanden, Tagebücher und Feldpostbriefe Mainzer Katholiken an.
469
470
Vgl. Göbel, Katholiken, S. 127.
Quellen sind im MJ dazu vorhanden so sei exemplarisch auf die Artikel: Am Gedenktage von Sedan,
in: MJ 02.09.1914; Zum Geburtstag Kaiser Wilhelm II., in: MJ 26.01.1915; Bismarcktag, in: MJ
30.03.1915; Aus dem Leben des Generalfeldmarschalls von Hindenburg. Zu seinem 70. Geburtstag, in:
MJ 02.10.1917.
72
7 Fazit
Um den Mainzer Katholizismus im Ersten Weltkrieg allgemein besser einordnen zu können, bietet es sich an das MJ auch im Hinblick auf seine Kriegsdeutung zu untersuchen.
Finden sich im Mainzer Katholizismus, wie im bereits erforschten deutschen Katholizismus Stimmen, die den Krieg als „Strafgericht Gottes“, „Lehrmeister“ und „von Gott zur
religiös-sittlichen Erneuerung der Menschheit gewollt“, darstellen.471 Dabei würde sich
neben der Einordnung des Mainzer Katholizismus in den Deutschen Katholizismus auch
ein Vergleich mit dem Katholizismus weltweit anbieten.
Zudem wären auch Fragestellungen zu innenpolitischen Themengebieten, wie beispielsweise der Position des Mainzer Katholizismus zur Kriegszieldiskussion, oder zum deutschen Regierungssystem interessant. Hierbei könnte das MJ mit Zeitungen anderer politischer Strömungen in Mainz, wie zum Beispiel dem bürgerlich-liberalen Mainzer Anzeiger oder der sozialdemokratischen Volkszeitung verglichen werden.472
Schließlich sei wie in der Einleitung bereits erwähnt darauf hingewiesen, dass es bisher
nur wenige vergleichbare Studien zu regionalen Katholizismen im Ersten Weltkrieg gibt.
Um die vorliegende Studie in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können, wäre
es deshalb wünschenswert, wenn ähnliche Studien für andere Regionen durchgeführt
werden würden.
471
472
Auch hierzu finden sich zahlreiche Artikel im MJ, beispielsweise: Karfreitag. Golgatha und Völker
krieg, in: MJ 01.04.1915; Ostern, in: MJ 08.04.1915; Der Krieg und Christus, in MJ 01.5.1915; Es soll
und muß besser werden, in: MJ 09.09.1918.
Vgl. Stumme, Kriegsbeginn, S. 45.
73
8 Literaturverzeichnis
8 Literaturverzeichnis
8.1 Quelle
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Selbstständigkeitserklärung
Selbstständigkeitserklärung
Erklärung gemäß § 18 Abs. 6 und § 15 Abs. 8 der Ordnung für die Prüfung im lehramtsbezogenen Bachelorstudiengang an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
(POLBA), bzw. § 13 Abs. 2 und 3 der Ordnung im Zwei-Fächer- Bachelorstudiengang
an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (BAPO).
Hiermit erkläre ich, Simon Brößner (Matr.-Nr.: 2663632), dass ich die vorliegende
Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen oder Hilfsmittel (einschließlich elektronischer Medien und Online-Quellen) benutzt habe. Mir ist
bewusst, dass ein Täuschungsversuch oder ein Ordnungsverstoß vorliegt, wenn sich diese
Erklärung als unwahr erweist. § 18 Absatz 3 und 4 POLBA bzw. § 20 Abs. 3 und 4 BAPO
gilt in diesem Fall entsprechend.
Mainz, 27.03.2015
__________________________
Ort, Datum
Unterschrift
Auszug aus § 18 POLBA: Versäumnis, Rücktritt, Täuschung, Ordnungsverstoß (3) Versucht die
Kandidatin oder der Kandidat das Ergebnis einer Prüfung durch Täuschung oder Benutzung nicht
zugelassener Hilfsmittel zu beeinflussen, gilt die betreffende Prüfungsleistung als mit „nicht ausreichend“ (5,0) absolviert (…) (4) Die Kandidatin oder der Kandidat kann innerhalb einer Frist
von einem Monat verlangen, dass Entscheidungen nach Absatz 3 Satz 1 und 2 vom jeweils zuständigen Prüfungsausschuss überprüft werden. Belastende Entscheidungen sind der Kandidatin
oder dem Kandidaten unverzüglich schriftlich mitzuteilen, zu begründen und mit einer Rechtsbehelfsbelehrung zu versehen. Der Kandidatin oder dem Kandidaten ist vor einer Entscheidung
Gelegenheit zur Äußerung zu geben.
Auszug aus §20 BAPO: Versäumnis, Rücktritt, Täuschung, Ordnungsverstoß (3) Versucht die
Kandidatin oder der Kandidat das Ergebnis einer Prüfung durch Täuschung oder Benutzung nicht
zugelassener Hilfsmittel zu beeinflussen, oder erweist sich eine Erklärung gemäß § 13 Absatz 2
Satz 5 als unwahr, gilt die betreffende Prüfungsleistung als mit „nicht ausreichend“ (5,0) absolviert (…) (4) Die Kandidatin oder der Kandidat kann innerhalb einer Frist von einem Monat verlangen, dass Entscheidungen nach Absatz 3 Satz 1 und 2 vom zuständigen Prüfungsausschuss
überprüft werden. Belastende Entscheidungen sind der Kandidatin oder dem Kandidaten unverzüglich schriftlich mitzuteilen, zu begründen und mit einer Rechtsbehelfsbelehrung zu versehen.
Der Kandidatin oder dem Kandidaten ist vor einer Entscheidung Gelegenheit zur Äußerung zu
geben.
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