Bericht Kunsttherapiezeitung Forum im November 2012

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Schwerpunkt
Bilder gebären
Birgit Löffler kombiniert ihre zwei Berufe. Sie arbeitet als Hebamme auf der
Pränatalabteilung am Universitätsspital Zürich (USZ) und bietet
seit 2001 als Kunsttherapeutin begleitetes Malen auf der Pränatalabteilung an.
Von Birgit Löffler und Vera Decurtins
«Malend tastete ich mich an die Realität meiner Tochter heran. Da ich mir nicht vorstellen konnte, wie klein
sie wirklich ist, malte ich sie 1 :1 gemäss Doppler-Vermessungszahlen. Mit den Fingern verrieb ich die Pastellkreidenstriche und berührte auf
diese Weise ihren zierlichen Körper, ihr
Gesicht. Bei ihrem Anblick wurde ich
erfüllt von tiefer, liebevoller Verbindung
mit ihr, in ihrem Gesicht sah ich, dass sie
ein Teil von mir ist und doch ganz eigen.
Von dieser Stunde an redete ich mit ihr.
Ein weiterer schöner Nebeneffekt : Da ich
durchs Malen ein Bild hatte von der
ungefähren Grösse meiner Tochter, war
mein erster Gedanke nach ihrer Geburt
in der 32. Schwangerschaftswoche : ‹Ist
sie gross !› So relativ sind 32 Zentimeter.
Im Hintergrund malte ich drei verschiedene Wege, den Tod, Behinderung und
ein gewöhnliches Leben. Über alles
malte ich einen Regenbogen. Es beruhigte mich, dass unsere Tochter, was
auch immer kommt, eingebettet sein
würde in etwas Göttliches. Malen hatte
für mich in diesem Moment eine spirituelle Dimension. Frappant : Am Morgen
ihrer Geburt stand über der Universitätsklinik ein Regenbogen …» (Ausschnitt aus einem Brief einer Patientin)
den Mütter während einer oft schweren
und ungewissen Zeit unterstützt und
begleitet.
«Ich biete das begleitete Malen seit
Dezember 2001 im USZ an. Dank dem
grossen Entgegenkommen der Abteilungsleiterin und der Leiterin Pflege war
dies möglich. Meine Ausbildung zur
Mal- und Kunsttherapeutin habe ich aus
persönlichem Interesse begonnen. Ich
wusste damals noch nicht, dass ich diese
Ausbildung im Spital anwenden könnte.
Es ist gut, dass ich auch Hebamme auf
der Abteilung bin. Von den Ärzten werde
ich unterstützt, ich bin im Team integriert, die Frauen kennen mich, ich kenne
ihre Geschichte und bin mit ihren Hoffnungen und Ängsten, auch mit Tod und
Trauer vertraut. Beim begleiteten Malen
schlüpfe ich bloss in eine andere Rolle
und komme mit Alltagskleidern auf die
Abteilung. Ich ermutige und motiviere
zum Malen, begleite, berate und bediene
die Frauen, die im Bett liegen müssen.
Das ist anstrengend für mich und für die
Frauen, denn manchmal wühlt Malen
auf und will im Gespräch verarbeitet
sein. Manchmal kommt es mir vor wie
eine Geburt, aber auf einer anderen
Ebene, das ist das Spezielle», sagt Birgit
Löffler, diplomierte Hebamme seit 1976.
Auf der Pränatalabteilung des USZ
werden schwangere Frauen mit Komplikationen behandelt und überwacht. Das
«begleitete Malen» ist einer der verschie- Ich durfte Birgit Löffler an einem Montagnachmittag begleiten. Angekommen
denen Bausteine innerhalb des Behandlungskonzeptes am USZ, das die werden- im USZ, begrüsst Birgit ihre Stationskol-
26
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Vor der Geburt
Baby
Mandala
leginnen und schaut auf einer Liste, welche neuen
Patientinnen auf der Abteilung sind. Einige Frauen
kennt sie bereits, weil sie am Tag zuvor Hebammendienst hatte.
Kinder ein Bild malen. Sie sucht aus den Mandalas
eines für ihren Sohn und eines für ihre Tochter aus. Die
Patientin wirkt zufrieden, dass sie etwas tun kann.
Die dritte Frau hat Zwillinge im Bauch, sie weiss, dass
eines nicht mehr lebt … Bevor wir das Zimmer betreVerschiedene Stifte und Ölkreiden, Wasser- und Acryl- ten, fragen wir uns, ob sie über das tote Kind spricht
oder nicht ? Trauer, Freude, Angst und Hoffnung sind
farben, Pinsel, Stempel, Schwämmchen, Papier verschiedenen Formats, Klebband, Bretter für bettlägerige stark im Vordergrund. Die Frau spricht nicht so viel
und möchte im Moment auch nicht malen.
Frauen, Mandalas, Material für Collagen werden zu
einem fahrbaren Kleinmalatelier auf einem Rollwagen
vorbereitet. Spannend war für mich, dass das Geräusch Im USZ werden Frauen, die ein Kind verloren haben,
des Wagens so tönt, wie wenn eine Pflegefachfrau mit
auch durch die Psychologin und die Seelsorge betreut,
Medikamenten, Spritzen oder Geräten auf dem Weg zu
falls sie das wünschen. Eine Seelsorgerin und Pflegeden Zimmern wäre …
dienstleiterin haben eine «Sternenbox» geschaffen.
Darin hat es verschiedene Materialien und Bücher mit
berührenden Einträgen. Verzweiflung, Trost, VerarbeiBirgit Löffler geht durch alle Zimmer, sucht in ihrer
tung, Trauer und Abschied sind ein grosses Thema. «Es
offenen, spontanen aber sehr feinfühligen Art einen
braucht eine enorme Präsenz, ich weiss nie, was mich
persönlichen Kontakt zu den Frauen. Mit grosser
Kompetenz geht sie auf jede Frau zu, redet in der medi- erwartet, in welchem Zustand die Frauen sind. Es gibt
bei uns auch einen Trauerraum, wo jede Mutter, jede
zinischen Fachsprache über ihr Befinden, ihre Erlebnisse und über das, was noch auf sie zukommt. Ebenso Familie auf ihre Art Abschied nehmen kann von ihrem
Kind. Für jedes verstorbene Kind kann ein kleiner Stein
kompetent erzählt sie in der Rolle Kunsttherapeutin
angeschrieben werden. In der Begleitung von schwanvom Wert und Sinn des Malens. Jede Frau kann frei
geren Frauen, die ihr Kind verloren haben, hat sich
entscheiden, ob sie das Angebot annehmen möchte.
vieles zum Positiven verändert in den Kliniken und
In einem Dreibettzimmer treffen wir drei Frauen mit
beim Personal», sagt Birgit Löffler.
ganz unterschiedlichen Geschichten :
Eine hochschwangere Frau sitzt auf dem Bettrand und
kaum begrüsst, beginnt sie zu weinen. Ambivalenter
Blutdruck (Präklampsie) macht ihr zu schaffen, sie hat
Angst. Birgit Löffler erklärt kurz, dass Malen auf eine
andere Art helfen könnte. Fragt nach einer Farbe,
welche gut tun würde. Inzwischen ist der Partner der
Frau gekommen. Trotzdem lässt die werdende Mutter
sich darauf ein, in der Malecke im Spitalgang stehend
ein Bild zu malen. Einfach blau, blau tue ihr gut ! Im
Malen wird die Frau ruhiger, offensichtlich hat das
Blau auf seine Weise gewirkt. Einen Tag später kommt
ein gesundes Baby durch Kaiserschnitt auf die Welt.
Eine andere Frau musste infolge frühzeitiger Wehen in
der 26. Schwangerschaftswoche plötzlich in die Klinik.
Sie hat Heimweh und sorgt sich um die Kinder zuhause.
Birgit macht ihr den Vorschlag, sie könnte für die
«Der Prozess des Malens an sich ist gut, tut gut. Ich
möchte kleine Samen setzen und dazu beitragen, dass
die Frauen ein wenig abgelenkt werden, nicht immer
den Fokus auf den Bauch und die Schwangerschaft
setzen. Malen kann auch eine Handlung gegen die
Langeweile und das oft lange Warten sein.»
«Auch dass die Frauen etwas zur Erinnerung an diese
Zeit haben, mit einem Bild das Spitalzimmer schmücken können, ein Bild für die Kinder daheim malen,
Tagebuch schreiben, dem ungeborenen Kind ein Bild
schenken, ein Mandala malen, jeden Tag ein Symbol
zeichnen, einen persönlichen Kalender gestalten, im
Bild vielleicht auch Trost und Zuversicht gewinnen und
Raum für ihre Gefühle haben. Oft sind die Frauen überrascht und lachen, es entsteht eine andere Stimmung
Schwerpunkt
im Zimmer. Eine Frau war bei uns und hatte ihre Zwillinge verloren,
und als sie erneut schwanger im USZ auf der Pränatalabteilung lag,
wollte sie malen und ihre Gefühle ausdrücken. Manchmal ist Malen
mit der Schulzeit verbunden und negativ belastet. Dann muss ich
immer ganz viel reden, damit sie doch anfangen. Es gibt keine Interpretationen der Farben oder Bilder.
Manchmal staune ich, wie die Frauen sofort offen sind, ich habe das
Gefühl, wenn ich sage, ich bin Hebamme und Kunsttherapeutin, gibt
das wie einen Vertrauensvorschuss. Ich bin kompetent in beiden
Berufen und strahle dies aus. Deshalb habe ich relativ freie Hand und
werde geschätzt. Schön, nicht, so macht die Arbeit Freude …»
Birgit Löffler und die Pflegefachfrauen geben den Patientinnen auch
Material ab. Malen muss nicht jetzt passieren, die Frau kann die
Sachen behalten, bis sie fertig ist, es kann auch nachts oder irgendwann gemalt werden. Es gibt Frauen, die das Malmaterial während
ihrem ganzen Spitalaufenthalt bei sich haben. Aus zeitlichen und
finanziellen Gründen findet das begleitete Malen zweimal pro Monat
statt. Birgit Löffler betont, dass es nicht um Kunst, Kunstunterricht
oder Kunsttherapie gehe.
Malen mit Migrantinnen
«Du hast erwähnt, dass dir das Malen für Migrantinnen wichtig ist,
magst du darüber berichten ?»
Tigerente für mein Kind
«Für Migrantinnen ist das Bild eine Ausdrucksmöglichkeit, da die
Frauen meist kaum Deutsch sprechen. Ich gebe ihnen ein Blatt, Farbe
und ein Malbrett in die Hand. Oft gucken sie mich staunend an, aber
es entstehen Bilder ... oftmals Landschaften ihrer Heimat. Das ist sehr
berührend. Eine Frau aus Sri Lanka malte einen Heissluftballon, der
über die Berge schwebt. Sie malte so viele Bilder, dass wir sie zu
einem Heft zusammengebunden haben. Es werden auch viele Häuser
gemalt, vielleicht ist das mit Heimweh verbunden.»
Eine Romafrau erwartete ihr erstes Kind. Lange musste sie liegen
wegen vorzeitiger Wehen. Sie malte und ihr Mann malte. Es entstand
ein Bild wie Sterntaler, die vom Himmel herunterfielen. Dollario sollte
das Kind heissen, viel Geld haben ... ein Wunsch von einem werdenden
Vater, der kaum lesen und schreiben konnte und seinen Lebensunterhalt mit Messerschleifen verdiente. Als wir das Bild in seiner Aussage
verstanden hatten, mussten wir alle drei lachen !
Hebamme und Kunsttherapeutin, zwei Berufe
«Wie konntest du deine Berufe Hebamme und Kunsttherapeutin
verbinden ?»
Meine Bilder
«Hebamme bin ich schon lange und durch eine Krise im Beruf bin ich
zur Kunsttherapie gekommen. Die Idee, beide Berufe zu verbinden,
sprach ich immer wieder aus, obwohl mir noch nicht ganz klar war,
wie das geschehen könnte. Es war wohl ein Zufall, dass ich auf einer
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Landschaft
Haus
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Heissluftballon
Station gelandet bin, wo ich meine Vision umsetzen
konnte. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zu sein, die
richtigen Leute treffen und ein bisschen Glück dazu,
aber auch das Dranbleiben von mir, haben geholfen
meine Vision umzusetzen.»
«Was war rückblickend die grösste Herausforderung ?»
«Vor zwölf Jahren kam der Gedanke, das mache ich !
Jetzt kommt mir alles so leicht vor, ich kann dir gar
nicht sagen, es erstaunt mich selber. Es freut mich sehr,
dass sich dieser Baustein trotz Spardruck etablieren
konnte. Manchmal war, ist die Angst da, dass das
Malen vom Budget gestrichen wird. Ich bin mir
bewusst, dass es auch auf Grund der Kombination
meiner beiden Berufe möglich war, diese Nische zu
finden. Eine Herausforderung war es, den Rahmen zu
suchen und zu finden.»
der Pränatalen Abteilung ist es mir leider nicht möglich, einen Praktikumsplatz anzubieten. Gerne kann
bei mir professionelle Beratung eingeholt werden, siehe
meine Website. Ich begleite auch, aber wegen meiner
Arbeit im USZ eher selten, Frauen in meinem privaten
Malatelier. Gegenwärtig ist es eine Frau, die im Spital
nicht gemalt hat, weil es ihr sehr schlecht ging. Jetzt
möchte sie ihre Schwangerschaft und die Geburt verarbeiten. Auch habe ich dann und wann Frauen, die ihre
Kinder verloren haben und dies malend verarbeiten.
Mein Malangebot am USZ, da freue ich mich, wenn ich
es noch lange weiterführen darf !»
Birgit Löffler
Dipl. Hebamme
Maltherapeutin IAC
Uetlibergstrasse 107, 8003 Zürich
www.birgit-loeffler.ch
«Was ist dir wichtig ?»
Vera Decurtins
«Gerne ermuntere ich kunsttherapeutisch Tätige dazu,
in Spitälern anzuklopfen, Visionen zu haben, langen
Atem zu haben. Wegen der besonderen Situation auf
Kunst- und Maltherapeutin ED
Reichsgasse 25, 7000 Chur
[email protected]
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