Schwerpunkt Bilder gebären Birgit Löffler kombiniert ihre zwei Berufe. Sie arbeitet als Hebamme auf der Pränatalabteilung am Universitätsspital Zürich (USZ) und bietet seit 2001 als Kunsttherapeutin begleitetes Malen auf der Pränatalabteilung an. Von Birgit Löffler und Vera Decurtins «Malend tastete ich mich an die Realität meiner Tochter heran. Da ich mir nicht vorstellen konnte, wie klein sie wirklich ist, malte ich sie 1 :1 gemäss Doppler-Vermessungszahlen. Mit den Fingern verrieb ich die Pastellkreidenstriche und berührte auf diese Weise ihren zierlichen Körper, ihr Gesicht. Bei ihrem Anblick wurde ich erfüllt von tiefer, liebevoller Verbindung mit ihr, in ihrem Gesicht sah ich, dass sie ein Teil von mir ist und doch ganz eigen. Von dieser Stunde an redete ich mit ihr. Ein weiterer schöner Nebeneffekt : Da ich durchs Malen ein Bild hatte von der ungefähren Grösse meiner Tochter, war mein erster Gedanke nach ihrer Geburt in der 32. Schwangerschaftswoche : ‹Ist sie gross !› So relativ sind 32 Zentimeter. Im Hintergrund malte ich drei verschiedene Wege, den Tod, Behinderung und ein gewöhnliches Leben. Über alles malte ich einen Regenbogen. Es beruhigte mich, dass unsere Tochter, was auch immer kommt, eingebettet sein würde in etwas Göttliches. Malen hatte für mich in diesem Moment eine spirituelle Dimension. Frappant : Am Morgen ihrer Geburt stand über der Universitätsklinik ein Regenbogen …» (Ausschnitt aus einem Brief einer Patientin) den Mütter während einer oft schweren und ungewissen Zeit unterstützt und begleitet. «Ich biete das begleitete Malen seit Dezember 2001 im USZ an. Dank dem grossen Entgegenkommen der Abteilungsleiterin und der Leiterin Pflege war dies möglich. Meine Ausbildung zur Mal- und Kunsttherapeutin habe ich aus persönlichem Interesse begonnen. Ich wusste damals noch nicht, dass ich diese Ausbildung im Spital anwenden könnte. Es ist gut, dass ich auch Hebamme auf der Abteilung bin. Von den Ärzten werde ich unterstützt, ich bin im Team integriert, die Frauen kennen mich, ich kenne ihre Geschichte und bin mit ihren Hoffnungen und Ängsten, auch mit Tod und Trauer vertraut. Beim begleiteten Malen schlüpfe ich bloss in eine andere Rolle und komme mit Alltagskleidern auf die Abteilung. Ich ermutige und motiviere zum Malen, begleite, berate und bediene die Frauen, die im Bett liegen müssen. Das ist anstrengend für mich und für die Frauen, denn manchmal wühlt Malen auf und will im Gespräch verarbeitet sein. Manchmal kommt es mir vor wie eine Geburt, aber auf einer anderen Ebene, das ist das Spezielle», sagt Birgit Löffler, diplomierte Hebamme seit 1976. Auf der Pränatalabteilung des USZ werden schwangere Frauen mit Komplikationen behandelt und überwacht. Das «begleitete Malen» ist einer der verschie- Ich durfte Birgit Löffler an einem Montagnachmittag begleiten. Angekommen denen Bausteine innerhalb des Behandlungskonzeptes am USZ, das die werden- im USZ, begrüsst Birgit ihre Stationskol- 26 27 Vor der Geburt Baby Mandala leginnen und schaut auf einer Liste, welche neuen Patientinnen auf der Abteilung sind. Einige Frauen kennt sie bereits, weil sie am Tag zuvor Hebammendienst hatte. Kinder ein Bild malen. Sie sucht aus den Mandalas eines für ihren Sohn und eines für ihre Tochter aus. Die Patientin wirkt zufrieden, dass sie etwas tun kann. Die dritte Frau hat Zwillinge im Bauch, sie weiss, dass eines nicht mehr lebt … Bevor wir das Zimmer betreVerschiedene Stifte und Ölkreiden, Wasser- und Acryl- ten, fragen wir uns, ob sie über das tote Kind spricht oder nicht ? Trauer, Freude, Angst und Hoffnung sind farben, Pinsel, Stempel, Schwämmchen, Papier verschiedenen Formats, Klebband, Bretter für bettlägerige stark im Vordergrund. Die Frau spricht nicht so viel und möchte im Moment auch nicht malen. Frauen, Mandalas, Material für Collagen werden zu einem fahrbaren Kleinmalatelier auf einem Rollwagen vorbereitet. Spannend war für mich, dass das Geräusch Im USZ werden Frauen, die ein Kind verloren haben, des Wagens so tönt, wie wenn eine Pflegefachfrau mit auch durch die Psychologin und die Seelsorge betreut, Medikamenten, Spritzen oder Geräten auf dem Weg zu falls sie das wünschen. Eine Seelsorgerin und Pflegeden Zimmern wäre … dienstleiterin haben eine «Sternenbox» geschaffen. Darin hat es verschiedene Materialien und Bücher mit berührenden Einträgen. Verzweiflung, Trost, VerarbeiBirgit Löffler geht durch alle Zimmer, sucht in ihrer tung, Trauer und Abschied sind ein grosses Thema. «Es offenen, spontanen aber sehr feinfühligen Art einen braucht eine enorme Präsenz, ich weiss nie, was mich persönlichen Kontakt zu den Frauen. Mit grosser Kompetenz geht sie auf jede Frau zu, redet in der medi- erwartet, in welchem Zustand die Frauen sind. Es gibt bei uns auch einen Trauerraum, wo jede Mutter, jede zinischen Fachsprache über ihr Befinden, ihre Erlebnisse und über das, was noch auf sie zukommt. Ebenso Familie auf ihre Art Abschied nehmen kann von ihrem Kind. Für jedes verstorbene Kind kann ein kleiner Stein kompetent erzählt sie in der Rolle Kunsttherapeutin angeschrieben werden. In der Begleitung von schwanvom Wert und Sinn des Malens. Jede Frau kann frei geren Frauen, die ihr Kind verloren haben, hat sich entscheiden, ob sie das Angebot annehmen möchte. vieles zum Positiven verändert in den Kliniken und In einem Dreibettzimmer treffen wir drei Frauen mit beim Personal», sagt Birgit Löffler. ganz unterschiedlichen Geschichten : Eine hochschwangere Frau sitzt auf dem Bettrand und kaum begrüsst, beginnt sie zu weinen. Ambivalenter Blutdruck (Präklampsie) macht ihr zu schaffen, sie hat Angst. Birgit Löffler erklärt kurz, dass Malen auf eine andere Art helfen könnte. Fragt nach einer Farbe, welche gut tun würde. Inzwischen ist der Partner der Frau gekommen. Trotzdem lässt die werdende Mutter sich darauf ein, in der Malecke im Spitalgang stehend ein Bild zu malen. Einfach blau, blau tue ihr gut ! Im Malen wird die Frau ruhiger, offensichtlich hat das Blau auf seine Weise gewirkt. Einen Tag später kommt ein gesundes Baby durch Kaiserschnitt auf die Welt. Eine andere Frau musste infolge frühzeitiger Wehen in der 26. Schwangerschaftswoche plötzlich in die Klinik. Sie hat Heimweh und sorgt sich um die Kinder zuhause. Birgit macht ihr den Vorschlag, sie könnte für die «Der Prozess des Malens an sich ist gut, tut gut. Ich möchte kleine Samen setzen und dazu beitragen, dass die Frauen ein wenig abgelenkt werden, nicht immer den Fokus auf den Bauch und die Schwangerschaft setzen. Malen kann auch eine Handlung gegen die Langeweile und das oft lange Warten sein.» «Auch dass die Frauen etwas zur Erinnerung an diese Zeit haben, mit einem Bild das Spitalzimmer schmücken können, ein Bild für die Kinder daheim malen, Tagebuch schreiben, dem ungeborenen Kind ein Bild schenken, ein Mandala malen, jeden Tag ein Symbol zeichnen, einen persönlichen Kalender gestalten, im Bild vielleicht auch Trost und Zuversicht gewinnen und Raum für ihre Gefühle haben. Oft sind die Frauen überrascht und lachen, es entsteht eine andere Stimmung Schwerpunkt im Zimmer. Eine Frau war bei uns und hatte ihre Zwillinge verloren, und als sie erneut schwanger im USZ auf der Pränatalabteilung lag, wollte sie malen und ihre Gefühle ausdrücken. Manchmal ist Malen mit der Schulzeit verbunden und negativ belastet. Dann muss ich immer ganz viel reden, damit sie doch anfangen. Es gibt keine Interpretationen der Farben oder Bilder. Manchmal staune ich, wie die Frauen sofort offen sind, ich habe das Gefühl, wenn ich sage, ich bin Hebamme und Kunsttherapeutin, gibt das wie einen Vertrauensvorschuss. Ich bin kompetent in beiden Berufen und strahle dies aus. Deshalb habe ich relativ freie Hand und werde geschätzt. Schön, nicht, so macht die Arbeit Freude …» Birgit Löffler und die Pflegefachfrauen geben den Patientinnen auch Material ab. Malen muss nicht jetzt passieren, die Frau kann die Sachen behalten, bis sie fertig ist, es kann auch nachts oder irgendwann gemalt werden. Es gibt Frauen, die das Malmaterial während ihrem ganzen Spitalaufenthalt bei sich haben. Aus zeitlichen und finanziellen Gründen findet das begleitete Malen zweimal pro Monat statt. Birgit Löffler betont, dass es nicht um Kunst, Kunstunterricht oder Kunsttherapie gehe. Malen mit Migrantinnen «Du hast erwähnt, dass dir das Malen für Migrantinnen wichtig ist, magst du darüber berichten ?» Tigerente für mein Kind «Für Migrantinnen ist das Bild eine Ausdrucksmöglichkeit, da die Frauen meist kaum Deutsch sprechen. Ich gebe ihnen ein Blatt, Farbe und ein Malbrett in die Hand. Oft gucken sie mich staunend an, aber es entstehen Bilder ... oftmals Landschaften ihrer Heimat. Das ist sehr berührend. Eine Frau aus Sri Lanka malte einen Heissluftballon, der über die Berge schwebt. Sie malte so viele Bilder, dass wir sie zu einem Heft zusammengebunden haben. Es werden auch viele Häuser gemalt, vielleicht ist das mit Heimweh verbunden.» Eine Romafrau erwartete ihr erstes Kind. Lange musste sie liegen wegen vorzeitiger Wehen. Sie malte und ihr Mann malte. Es entstand ein Bild wie Sterntaler, die vom Himmel herunterfielen. Dollario sollte das Kind heissen, viel Geld haben ... ein Wunsch von einem werdenden Vater, der kaum lesen und schreiben konnte und seinen Lebensunterhalt mit Messerschleifen verdiente. Als wir das Bild in seiner Aussage verstanden hatten, mussten wir alle drei lachen ! Hebamme und Kunsttherapeutin, zwei Berufe «Wie konntest du deine Berufe Hebamme und Kunsttherapeutin verbinden ?» Meine Bilder «Hebamme bin ich schon lange und durch eine Krise im Beruf bin ich zur Kunsttherapie gekommen. Die Idee, beide Berufe zu verbinden, sprach ich immer wieder aus, obwohl mir noch nicht ganz klar war, wie das geschehen könnte. Es war wohl ein Zufall, dass ich auf einer 28 Landschaft Haus 29 Heissluftballon Station gelandet bin, wo ich meine Vision umsetzen konnte. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zu sein, die richtigen Leute treffen und ein bisschen Glück dazu, aber auch das Dranbleiben von mir, haben geholfen meine Vision umzusetzen.» «Was war rückblickend die grösste Herausforderung ?» «Vor zwölf Jahren kam der Gedanke, das mache ich ! Jetzt kommt mir alles so leicht vor, ich kann dir gar nicht sagen, es erstaunt mich selber. Es freut mich sehr, dass sich dieser Baustein trotz Spardruck etablieren konnte. Manchmal war, ist die Angst da, dass das Malen vom Budget gestrichen wird. Ich bin mir bewusst, dass es auch auf Grund der Kombination meiner beiden Berufe möglich war, diese Nische zu finden. Eine Herausforderung war es, den Rahmen zu suchen und zu finden.» der Pränatalen Abteilung ist es mir leider nicht möglich, einen Praktikumsplatz anzubieten. Gerne kann bei mir professionelle Beratung eingeholt werden, siehe meine Website. Ich begleite auch, aber wegen meiner Arbeit im USZ eher selten, Frauen in meinem privaten Malatelier. Gegenwärtig ist es eine Frau, die im Spital nicht gemalt hat, weil es ihr sehr schlecht ging. Jetzt möchte sie ihre Schwangerschaft und die Geburt verarbeiten. Auch habe ich dann und wann Frauen, die ihre Kinder verloren haben und dies malend verarbeiten. Mein Malangebot am USZ, da freue ich mich, wenn ich es noch lange weiterführen darf !» Birgit Löffler Dipl. Hebamme Maltherapeutin IAC Uetlibergstrasse 107, 8003 Zürich www.birgit-loeffler.ch «Was ist dir wichtig ?» Vera Decurtins «Gerne ermuntere ich kunsttherapeutisch Tätige dazu, in Spitälern anzuklopfen, Visionen zu haben, langen Atem zu haben. Wegen der besonderen Situation auf Kunst- und Maltherapeutin ED Reichsgasse 25, 7000 Chur [email protected]