Kreta Ausstellung für Internet

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75. Jahrestag der Invasion auf Kreta
1945 erhielt der Schriftsteller Nikos Kazantzakis
den Auftrag der griechischen Regierung, auf seiner
Heimatinsel Kreta deutsche Kriegsverbrechen zu
dokumentieren. Vom 29. Juni bis zum 6. August
reiste er gemeinsam mit dem Nationalökonomen
Kalitsounakis, dem Philologen Kakridis und dem
Fotografen Koutoulakis auf die Insel, um Zeugenaussagen und Beweise zu sammeln. Im Außenministerium verschwand der Bericht – offensichtlich
im Interesse der guten Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland. Nach dem Fund einer Kopie
in Iraklion wurde er 1983 publiziert unter dem Titel
»Bericht der Zentralen Kommission zur Feststellung
der Gräueltaten auf Kreta«.
Nikos Kazantzakis im Gespräch
mit zwei Dorfbewohnerinnen
Eine aktuelle Ausstellung auf Kreta mit den historischen Fotos von Koutoulakis widmet sich den
Gräueltaten und Zerstörungen durch die deutsche
Wehrmacht.
Wir wollen einen kleinen Einblick in die Ausstellung
geben, ergänzt durch weitere Dokumente und Fotos.
Sie zeigen die Täter, ihre verbrecherischen Befehle
und die völkische Tradition, die auch heute noch in
Deutschland gepflegt wird.
Gedenken heißt für uns, sich einzumischen –
gegen stattfindende und geplante Kriege und für die
Rechte der Opfer.
Wir danken Karina Raeck, Eberhard Rondholz
und Dr. Martin Seckendorf für ihre Mitarbeit.
Initiative Deutschlands unbeglichene Schuld(en)
Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V.
Werketage e.V.
Zeit des Schreckens
Kriegsverbrechen der Wehrmacht auf Kreta
Im April 1941 überfiel die Wehrmacht Griechenland.
Nachdem das Festland unterworfen war, begann ab
20. Mai 1941 unter der Deckbezeichnung »Merkur«
die Invasion Kretas.
Die »Festung Kreta« sollte als Militärstützpunkt die
deutsche Herrschaft im östlichen Mittelmeer sichern
und Aggressionen gegen die Anrainerstaaten
unterstützen.
Für die Bevölkerung begann eine über vier Jahre
andauernde Zeit des Schreckens. Aus Rache für die
unerwartet hohen Verluste bei der Landung und um
die Bevölkerung zur Duldung der Besetzung, der
ungeheuren wirtschaftlichen Ausplünderung sowie
zur Arbeit für die Deutschen zu zwingen, errichtete
die Wehrmacht ein grausames Okkupationsregime.
Am 9. Mai 1945 kapitulierten die deutschen Truppen
auf der Insel gegenüber den britischen Streitkräften.
Die deutschen Soldaten behielten jedoch ihre Waffen
und traten in Westkreta im Auftrage der Briten als
»Ordnungsmacht« vor allem gegen die linksgerichtete
Widerstandsbewegung EAM auf. Die Wehrmacht
führte ihre »Säuberungsaktionen« fort. Auch nach der
Kapitulation wurden Todesurteile gefällt und vollstreckt. Erst im Juli 1945 wurden die Wehrmachtsangehörigen entwaffnet und als Kriegsgefangene
nach Ägypten verbracht.
Die Wehrmacht hatte etwa 8.000 kretische Zivilisten
ermordet und flächendeckende Verwüstungen,
darunter mehr als 30 komplett zerstörte Dörfer,
hinterlassen.
Das vergossene Blut
und die Tränen der Mütter
auf Kreta bildeten einen
stetig anschwellenden
Strom.
»Jede griechische Landschaft ist so sehr von
Glück und Unglück getränkt, so sehr von
menschlichem Kampf erfüllt, dass sie sich zu
einer strengen Lehre erhebt, der man sich
nicht entziehen kann, sie wird zum Schrei,
den man verpflichtet ist zu hören.«
Nikos Kazantzakis
Orte des Schreckens
● Kastélli Kissámou
Potamída ● ● Drapaniás
Plataniás, Galatás
● ● ● ● Chaniá, Mourniés
● Kondomari
● Kyrtomádos ● ● Mesklá, Aptera
Maláthyros ●
Vatólakkos ● ● Fournés ● ● Lóulos, Gerólakkos
● ● Aletrouvári, Samonás
● Kakópetros
Sirikár, Tsourounianá ● ●
● Alikianós ● Katochóri
● Kaláthaines
● Karés
● Flória
Límni ●
Livadás ●
Über 100 Städte und Dörfer werden benannt im »Bericht der Zentralen Kommission zur Feststellung
der Gräueltaten auf Kreta«. Die Karte zeigt 80 Orte schlimmster Kriegsverbrechen der Wehrmacht.
● Kándanos
● Skinés
● Chamalévri
Misíria ●
● Astéri
● Damásta
● Kamariótis
● Koustogérako
● Anógia
Kallikrátis ●
Moní ●
● Kalí Sykiá
● Koxaré
● Christós
● Drygiés
Krýa Vrýsi ●
● Sitía
● Amári
● Agios Geórgios
● Gérgeri
Lochriá ●
● Kamáres
Magarikári ● ● Vorízia
● Skoúrvoula
Phaistós ●
● Apesokári
● Plóra
Wer heute die Dörfer von Amári besucht, dem bietet sich ein
herzzereißender Anblick. Die einst blühenden Dörfer sind zu
Ruinen geworden, 500 Familien sind obdachlos, ohne Kleidung,
ohne Möbel, ohne Geräte, ohne alles. Und dann wird der
Besucher vor ein zusammengestürztes Haus geführt, unter
dessen Trümmern sich noch die bei der Massenhinrichtung
Getöteten befinden. Auf den zusammengestürzten und
halbverbrannten Wänden jedes Hauses und den Steinen ringsum
sind noch reichlich die Spuren des Blutes der Märtyrer zu
erkennen. Und unten, in der Mitte des Hauses, unter den durch
die Sprengung aufgehäuften Steinen, ihre bloßen Knochen.
Gourgoúthoi Vier wurden hingerichtet.. Alle 17 Häuser wurden
zerstört; die Kirche blieb durch Zufall erhalten.
● Knossós
● Kastélli Pediádos
Monastiráki ●
Die Dörfer von Amari
● Iráklion
Krevvatás ●
● Ríza
● Viánnos
● ● Vachós, Péfkos
● Amirás
Kefalovrýsi ● ● ● Gdóchia, Mýthoi
● Ierápetra
● ● Arvi, Mýrtos
Keratókambos ●
Kardáki Diese Siedlung, aus 13 Häusern bestehend, zählt
nur neun Männer, von denen es drei schafften zu fliehen. Die
Deutschen hatten aber bestimmt, dass 20 in diesem Dorf
hinzurichten seien; deshalb wurden zu den sechs verhafteten
Kardakianern 14 aus den umliegenden Dörfern hinzugenommen. Alle Häuser wurden zerstört.
der Zivilbevölkerung abziehen konnten, darunter Erginoúsa
Mathioudáki, 103 Jahre, G. Lemonáki, 86 Jahre, seine Frau
Evangelía, 80 Jahre, Amalía Papoutsáki, 75 Jahre, und Emm.
Katsantónis, 75 Jahre, dessen zwei Söhne Geórgios und Stylianós
und der Ehemann seiner Tochter Dion. Chandrákis wurden auch
hingerichtet. Vollständige Zerstörung aller 172 Häuser.
Vrýses Von den jüngeren Männern wurden 30 hingerichtet.
Die übrigen wurden in Réthymnon eingesperrt. Die Frauen und
Kinder und die Alten wurden unter Schlägen und Beschimpfungen in das Dorf Méronas geführt. Die Plünderung von Vrýses
dauerte acht Tage. Danach wurden seine 77 Häuser zerstört.
Smilés Die Siedlung mit elf Wohnhäusern wurde zerstört. Drei
Männer wurden hingerichtet, von denen der eine, Io. Varoúchos,
Vater von sieben Kindern war.
Ano Méros Unterwegs erschossen die Deutschen alle Tiere –
Kühe, Hunde, Schweine usw. 30 Männer brachten sie bei einer Massenhinrichtung um. Greise und Greisinnen aber, die nicht mit
Drygiés 30 zerstörte Häuser. Kein Hingerichteter, weil die
Einwohner rechtzeitig über die Ereignisse in den anderen Dörfern
informiert wurden und das Dorf voll-ständig geräumt hatten.
Bericht des zentralen Ausschusses zur Feststellung von Kriegsverbrechen auf Kreta
Fallschirmjäger werden
über Kreta abgesetzt.
Die Verteidiger der Insel –
britische und griechische
Soldaten, unterstützt von
Zivilisten – fügten ihnen
hohe Verluste zu.
Die 5. Gebirgsdivision
stellt sich zum Überfall
auf Kreta bereit
Bruchlandung
von Truppentransportern
(JU 52) der Wehrmacht
„Auf Grund der mir vom Fuehrer und Obersten Befehlshaber
der Wehrmacht gegebenen Ermaechtigung verordne ich ueber
die Einfuehrung der Arbeitspflicht Folgendes
Abschrift aus dem Befehl
vom 26. Juni 1941
Verteiler:
Gruppe West
Gruppe Mitte
Gruppe Ost
Feldkmdt.606
Gen.Kdo.XI Fl.Korps
Generalkommandant
des XI. Fliegerkorps war
Kurt Student
1.) Alle Gemeindebuerger sind ohne Ansehen ihrer Berufes,
ihres Alters und ihres Geschlechtes verpflichtet, auf
Anforderung des Buergermeisters jede Arbeit zu leisten.
3.) Alle Zugkraefte (Pferde, Esel usw.) sowie Fahrzeuge
sind dem Buergermeister auf Anfordern zur Abeitsleistung
zu gestellen.
4.) Jede Gemeinde hat sofort eine Bereitschaftskolonne
fuer die Durchfuehrung dringender Arbeiten so aufzustellen, dass sie binnen 3 Stunden eingesetzt werden kann.
Die Staerke richtet sich nach der Einwohnerzahl, auf je
100 Einwohner entfallen 10 Mann sowie 5 Mann Reserve.
5.) Wer den sich aus dieser Verordnung ergebenen
Verpflichtungen nicht oder nicht puenktlich nachkommt, wird
wegen Arbeitsverweigerung oder Sabotage mit Gefaengnis
oder Zuchthaus in besonders schweren Faellen mit dem Tode
bestraft.“
Zwangsarbeit auf Kreta
Nach der Besetzung Griechenlands im April 1941
zwang die deutsche Besatzungsbehörde rund
20.000 Griechinnen und Griechen auf Kreta, für die
Deutschen zu arbeiten.
Zwangsarbeiter bei der
Erweiterung eines
Lutfwaffenstützpunktes
auf Kreta im Januar 1943
Eine Passstraße auf Kreta.
An Ort und Stelle wird der
Kleinschlag hergestellt.
Ganze Familien sind beim
Straßenbau beschäftigt.
Bereits wenige Tage
nach Beginn der Invasion,
am 31. Mai 1941, erließ
Kurt Student, Kommandierender General
des XI. Fliegerkorps
und Befehlshaber der
deutschen Truppen in der
Luftlandeschlacht, den
Befehl über Vergeltungsmaßnahmen.
Die Karriere von
Kurt Student begann
bereits im Ersten Weltkrieg
bei den Feld- und
Kampffliegern. Im Juni
1918 wurde er zum
Hauptmann befördert;
am 1. Januar 1941 zum
Kommandierenden
General d. XI. Fliegerkorps.
Verbrecherische Befehle:
»Als Vergeltungsmaßnahmen
kommen in Frage:
Erschiessungen,
Kontributionen,
Niederbrennen von Ortschaften,
Ausrottung der männlichen
Bevölkerung ganzer Gebiete.«
Insgesamt gab es nach Angaben des griechischen
Kriegsverbrecherbüros 42 Orte, in denen Massenhinrichtungen und Erschießungen durch die Wehrmacht
stattfanden.
Fallschirmjäger treiben
die Dorfbevölkerung
zusammen.
Die Geiseln werden
hingerichtet.
Fotograf:
Weixler, Franz Peter
© Bundesarchiv
Kondomari
Der verbrecherische Befehl wurde befolgt:
Am 2. Juni 1941 rückten Fallschirmjäger in den Ort
Kondomari ein, trieben die Bevölkerung zusammen,
nahmen Dutzende von Geiseln und richteten sie hin.
Vater und Sohn
vor der Hinrichtung
Die Dorfbewohner
von Skoúrvoula vor dem
Massengrab ihrer
exekutierten Frauen
Im August 1944 wollten die Deutschen im Dorf
Skoúrvoula als Vergeltung 35 Menschen hinrichten;
weil sie aber keine Männer vorfanden, stellten sie 25
Frauen in die Linie. Ein deutscher Soldat des
Exekutionskommandos warf seine Waffe weg und
sagte: »Ich töte keine Frauen, ich bin Soldat und kein
Mörder.« Der kommandierende Offizier zog seine
Pistole und erschoss ihn auf der Stelle.
Zacharias Konst. Bandouvas aus Skouvola
Griechenland, Kreta:
Soldat vor dem Schild über
die Zerstörung von
Kandanos:
»Zur Vergeltung der
bestialischen Ermordung
eines Fallschirmjägerzuges
u. eines Pionierhalbzuges
durch bewaffnete Männer
u. Frauen aus dem
Hinterhalt wurde
Kandanos zerstört.«
Datierung: 1943/1944
Fotograf: Segers, Hermann
© Bundesarchiv
Kandanos
Als Vergeltungsmaßnahme für die Tötung deutscher Soldaten bei
einem Hinterhalt kretischer Freiheitskämpfer wurde Kandanos
auf Befehl von Generaloberst Kurt Student am 3. Juni 1941 dem
Erdboden gleichgemacht.
Im verwüsteten Damasta
Aus den Trümmern der
Ölmühle bergen sie die
zerstörten Maschinen.
Kinder am Grab des
ermordeten Vaters
Mitgieder der Kommision
befragen die Überlebenden des Dorfes
Vrisses.
Der Brunnen mit den
Leichen:
Die Ermordeten wurden
von der Wehrmacht in
einen Brunnen geworfen,
der danach zugeschüttet
wurde. Nur die Kreuze
deuten auf ein Grab hin.
Das Dorf Viannos
nach der Zerstörung
im September 1943
Aus der Tagesmeldung
der Heeresgruppe E
vom 22. September 1943
Viannos
»Am 14.9. sollte eine der größten Katastrophen hereinbrechen, die Kreta während der ganzen Besatzungszeit
erlebt hat. Die Deutschen überfielen die Dörfer von
Viannos. Nachdem sie schon vorher auf dem Hinweg
jeden getötet hatten, der ihnen begegnete – Männer,
Frauen, Kinder – trieben sie in den Dörfern selbst alle
Männer zusammen und exekutierten sie in Gruppen.«
Bericht des zentralen Ausschusses zur Feststellung von
Kriegsverbrechen auf Kreta
Das zerstörte Anógia
Anógia
»Am 13.8.1944 vollendeten die Deutschen die Umzingelung, kamen nach Anógia und befahlen den übrig
gebliebenen Bewohnern (es mögen rund 1500 Frauen
und Kinder gewesen sein), innerhalb einer halben
Stunde abzuziehen. Danach schritten sie zur allgemeinen Plünderung des Dorfes. Nach der Verwüstung
jeden Hauses wurde es zuerst angezündet und dann
mit Dynamit in die Luft gesprengt. Das Ausmaß der
Plünderung kann man begreifen, wenn man berücksichtigt, dass diese vom 13. August bis zum 5. September dauerte. Die Deutschen raubten die Herden
der Bewohner. Heute ist von den 940 Häusern der
Anógianer nicht ein einziges übrig geblieben. Die
offizielle Aufstellung der Nomarchie Réthymnon führt
117 Anogianer auf, die hingerichtet wurden. «
Bericht des zentralen Ausschusses zur Feststellung von
Kriegsverbrechen auf Kreta
Das zerstörte Anógia
Andartiko
Der Widerstand auf Kreta
Die Okkupation Kretas stieß auf den Widerstand der
dort stationierten britischen Truppen. Von Anfang an
beteiligte sich die Zivilbevölkerung an der Verteidigung ihrer Insel. Unter hohen Verlusten wurden die
britischen Verbände bis zum 1. Juni 1941 nach
Ägypten evakuiert. Unmittelbar danach formierten
sich erste Widerstandsorganisationen.
Die ideologischen und politischen Überzeugungen
der verschiedenen Widerstandsgruppen spielten
zunächst eine untergeordnete Rolle. Das sollte sich im
Verlauf, insbesondere zum Ende der Wehrmachtsbesatzung, ändern. Wie auch auf dem griechischen
Festland entstanden zwei Lager.
Die Nationale Befreieungsfront EAM und ihr bewaffneter Arm, die ELAS, strebten ein auch von Großbritannien unabhängiges, republikanisches und
antifaschistisches Griechenland an, das sozial
gerechter gestaltet werden sollte. Sie bildeten die
weitaus stärkste Widerstandsorganisation und
beherrschten beim Abzug der Wehrmacht etwa 75
Prozent des griechischen Territoriums.
Die liberalen, konserativen und royalistischen Widerstandsgruppen hatten sich im Herbst 1942 mit Unterstützung der Briten zur EOK zusammengeschlossen.
Abmachungen der Wehrmacht mit Mitgliedern der
EOK leiteten den fast störungsfreien Rückzug der
Wehrmacht ab 1944 ein.
Noch unter deutscher Besatzung wurde der Keim zum
Bürgerkrieg gelegt, der bis 1949 andauerte. Nur durch
die Unterstützung aus Großbritannien und den USA
gelang es den nationalistischen Kräften, die EAM zu
besiegen. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung
blieb gesichert wie auch Griechenlands Zugehörigkeit
zum Westblock.
Gedenkmünzen zum
Überfall der Wehrmacht
auf Kreta
Fliegt ein Vogel von der Ebene zur Höhe auf,
bringt traurige und bitt‘re Botschaft:
»Die Deutschen sind mit tausend Fliegern eingefallen,
und an Schirmen werfen sie Kanonen, Munition, Soldaten ab,
sie wollen Kreta nehmen und versklaven.«
»Flieg zu deiner Ebene, Vogel, sag es den Deinen,
dass sie widerstehen im Kampfe, bis wir niedersteigen;
dass die Deutschen, die Korsaren, sehen, wie Kreta kämpft,
wie es ficht und wie es sich schlägt um seiner Freiheit Willen.«
Aus einem kretischen Volkslied
Die Andartengruppe von
Giorgis Petrakogiorgis
Frauen bringen den
Andarten Verpflegung
in ihre Verstecke
in den Bergen.
Evangelió Kladou
Frauen waren nicht nur bei der Unterstützung
der Andarten aktiv. Einige schlossen sich auch
dem bewaffneten Widerstand an, wie die
beiden Lehrerinnen Evangelió Kladou und
Maria Lioudaki. Beide zahlten für den Widerstand im anschließenden Bürgerkrieg mit
ihrem Leben. Maria Lioudaki wurde 1947
wegen ihrer prokommunistischen Aktivitäten
gefangengenommen und ermordet.
Evangelió Kladou, geboren 1919, wuchs in
Anógia auf. Zu Beginn der Besatzung war sie
als Lehrerin tätig und engagierte sich zunächst
in der EAM. Später ging sie in die Berge und
wurde als »Kapetanissa« anerkannt. Während
des Bürgerkrieges wurden sie und ihre gesamte Familie verfolgt. Sie führte ein Leben im
Untergrund. Am 6.12.1949 wurde sie gefangengenommen und anschließend exekutiert.
Andarten aus Anogia
ehren die Gefallenen
aus dem Ort Korfes
der Präfektur Malevizi,
August 1944.
Andarten aus Anógia
Anógia wurde unmittelbar nach der »Schlacht auf Kreta«,
im Mai 1941, einer der Stützpunkte des kretischen
Widerstandes. Er operierte aus den Schlupfwinkeln des
unwegsamen Ida-Gebirges und seinen Ausläufern. Die
Zerstörung von Anógia wurde unter anderem damit
begründet, dass die Bevölkerung den Entführern des
Wehrmachtsgenerals Kreipe Unterschlupf gewährt habe.
Im April 1944 beteiligten sich Andarten aus Anógia an
einem Angriff auf einen Lastwagenkonvoi der Wehrmacht
in der Nähe von Damasta. Manolis Spithouris wurde dabei
schwer verwundet; eine Kugel riss seinen Leib auf. Er
wurde in einer Höhle des Ida-Gebirges versteckt – acht
Tage lang. Ohne ausreichend Essen und Wasser überlebte
er dank der Pflege durch vier Frauen des Dorfes.
Manolis Spithouris mit
seiner Schwester, die ihn
mit drei weiteren Frauen
aus Anógia gepflegt und
das Leben gerettet hat.
Der Widerstandskämpfer
Manolis Spithouris
mit Karina Raeck 1990
Das Schicksal von Manolis Spithouris inspirierte die
Berliner Künstlerin Karina Raeck. Sie schuf mit Hilfe
der Schäfer auf der Nida-Hochebene ein Monument
für den Widerstand auf Kreta:
Andartis – der Partisan des Friedens
Völkische Tradionspflege
Freispruch für Kriegsverbrecher –
Karrieren der Täter in der Bundesrepublik
Kein Angehöriger der Wehrmacht wurde jemals vor
einem bundesdeutschen Gericht für seine Kriegsverbrechen auf Kreta verurteilt.
Nur in einem einzigen Fall kam es zu einer Anklage.
Der Bataillonskommandeur S., der im November
1944 sechs Zivilisten erschießen ließ, wurde im Juli
1951 vom Landgericht Augsburg freigesprochen: Es
sei »aus dem Gesichtspunkt völkerrechtlicher Notwehr
gerechtfertigt«, befand das Gericht, wenn »verdächtige
Personen, die sich im Vorfeld der deutschen Hauptkampflinie aufhielten und nicht sofort als harmlos zu
erkennen waren, ohne Standgerichtsurteil auf Befehl
von Offizieren erschossen wurden.« Die Richter hatten
sich die Argumente der Täter in Wehrmachtsuniform
zu eigen gemacht.
Viele Täter des Zweiten Weltkrieges wurden gebraucht
bei der Wiederaufrüstung der Bundesrepublik. 1959
hatten ca. 12.000 von 14.000 Bundeswehroffizieren
bereits in der Wehrmacht Führungsämter bekleidet.
In den zahlreichen Kameradschaften der Fallschirmund Gebirgsjäger wurde die völkische Tradition fortgesetzt und die Geschichte umgeschrieben. Aus den
Kriegsverbrechern wurden Helden.
Jährlich, am 20. Mai, gedenken die Kameradschaften
ihrer gefallenen Mittäter, so beispielsweise in Bad
Reichenhall und in Mittenwald. Selbst auf Kreta feiern
die Kameradschaften die »Heldentaten« ihrer Vorbilder aus der Wehrmacht.
Generalmajor BernhardHermann Ramcke (links)
und General der Fallschirmjäger Kurt Student
(rechts) vor einem
Eisenbahnwaggon
(Befehlszug von Hermann
Göring?) © Bundesarchiv
Nachkriegskarrieren
Am 10. Mai 1946 wurde Student vor einem britischen
Militärgericht in Lüneburg wegen Kriegsverbrechen
zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, doch weigerte sich
der zuständige Gerichtsherr, General Galloway, das
Urteil zu bestätigen, weil Student für seine untadelige
Haltung bekannt war. (Munzinger-Archiv)
Kurt Student zählte durch den Aufbau des Traditionsverbandes »Bund Deutscher Fallschirmjäger« zu den
führenden Köpfen in den Traditionsverbänden der
Wehrmacht. Zur Beerdigung des verurteilten Kriegsverbrechers Hermann-Bernhard Ramcke, der ebenfalls
an der Invasion auf Kreta beteiligt war, hielt Student
1968 eine Würdigung.
Die Angehörigen der Waffen-SS könnten stolz darauf
sein, auf »schwarzen Listen« gestanden zu haben. Es
sei nicht ausgeschlossen, dass diese »schwarzen
Listen« wieder Ehrenlisten würden, hatte Ramcke
bereits 1952 erklärt.
»Auch nach 53 Jahren:
Ihr bleibt unvergessen!
Ausländer raus!«
Eintrag im Gästebuch
des deutschen Soldatenfriedhofs in Maleme
auf Kreta
Kriegerdenkmäler
der Wehrmacht
in Floria (links)
und bei Chania (rechts),
das von der Bevölkerung
auf Kreta »der böse Vogel«
genannt wird.
»Gefallen für Großdeutschland«
Bis heute gedenken die Traditionsvereine ihrer gefallenen
Mittäter auch auf Kreta selbst, so auf dem Soldatenfriedhof
in Maleme oder am Denkmal für die gefallenen Wehrmachtssoldaten in Floria. Im Jahre 1990 wurde es im Auftrag der
Gebirgsjägerkameradschaft Oberfranken restauriert.
Am 22. September 2016
wurde das Wehrmachtsdenkmal in Floria von
Antifaschst_Innen verpackt
und symbolisch an die
Gebirgsjägerkameradschaft
zurückgeschickt.
Veteranentreffen
in Mittenwald, Bayern
Die »Brendtenfeier« in Mittenwald
Im bayerischen Mittenwald findet seit 1957 jedes Jahr
an Pfingsten die »Brendtenfeier« des Kameradenkreises
der Gebirgstruppen statt.
Dessen Ehrenpräsident war von 1952 bis 1983 General
Hubert Lanz. 1947 wurde er im internationalen Nürnberger Geiselmord-Prozess wegen des Massakers auf
Kefalonia an 5.000 wehrlosen italienischen Soldaten
und wegen Geiselmorden auf dem Balkan zu zwölf
Jahren Haft verurteilt. Bereits 1951 aus dem Kriegsverbrechergefängnis entlassen, trat er in die FDP ein und
war dort als Berater für militär- und sicherheitspolitische
Fragen tätig.
Das »Ehrenmal«
am Hohen Brendten:
»Errichtet von den
heimgekehrten
Kameraden der
Gebirgstruppe, 1957«.
Pfingsten 2003 wurde
die Inschrift ergänzt.
Fotos: Umbruch Bildarchiv
Erst im Sommer 2012
wurde die GeneralKonrad-Kaserne
umbenannt; die
Wehrmachtssymbolik
schmückt auch heute noch
die Hohenstaufen-Kaserne.
1952 hatte General Rudolf Konrad den Kameradenkreis
der Gebirgstruppe ins Leben gerufen. Bereits zwei Jahre
vor Gründung der Bundeswehr, am »Tag der Treue« im
Mai 1953, erwarteten die Kameraden zukunftsfroh die
Wiederbewaffnung und sprachen von einer »neuen
Wehrmacht«. Vor 10.000 Kameraden in München hoffte
Konrad, »daß in der neuen Schale die gleichen Männer,
die alten Soldaten stecken, die einst Kraft und Ruhm
des deutschen Heeres und Stolz des deutschen Volkes
waren.«
Im Juni 1966 wurde die Kaserne der Bundeswehr in
Bad Reichenhall nach General Rudolf Konrad benannt.
Die Verherrlichung
der Wehrmachtsgeneräle
durch den Autor
Rudolf Kaltenegger,
vertrieben durch das
Verlagshaus Würzburg:
»Inmitten seiner
aufopferungsvollen
Tätigkeit als Vorsitzender
des Kameradenkreises der
ehemaligen Gebirgstruppe
verstarb General Rudolf
Konrad am 10. Juni 1964.«
Julius Ringel wurde
mit der Aufstellung
der 5. Gebirgsdivision
beauftragt. Mit dieser
Division nahm er am
Krieg gegen Griechenland teil. Im Mai 1941
waren Teile seiner
Division an der Luftlandeschlacht um
Kreta beteiligt.
© Bundesarchiv
Despina Altinoglou,
Nikolaos Marinakis und
Aristomenis Syngelakis
»Kreta-Gedenken« in Bad Reichenhall
Jährlich im 20. Mai ehrt die Gebirgsjägerkameradschaft
Bad Reichenhall ihre gefallenen Wehrmachtssoldaten.
Auf einem antifaschistischen Hearing am 14. Mai 2016
sprach Nikolaos Marinakis. Der heute 92-Jährige hat die
Massenerschießungen im kretischen Skinés überlebt.
Soldaten des Reichenhaller Gebirgsjägerregiments 100
der 5. Gebirgsdivision (Divisionskommandeur Generalmajor Julius Ringel) hatten am 1. August 1941 die Dörfer
Skines und Kydonia angezündet. 114 Menschen wurden
dabei ermordet.
Nach den Zerstörungen der Wehrmacht auf Kreta und
in Griechenland und angesichts der aktuell aus Berlin
verordneten Austeritätspolitik stellte er unter großem
Beifall die Frage: Wer schuldet hier eigentlich wem?
Demonstration gegen
den Kreta-Gedenktag
Fotos: Robert Andreasch
Unbeglichene Schuld(en)
Bis heute warten die Opfer der Wehrmacht auf eine
angemessene Entschädigung und die griechische
Bevölkerung auf die Zahlung von Reparationen für die
Zerstörung der Wirtschaft und Infrastruktur, für die Ausplünderung ihre Landes durch die deutschen Besatzer.
Das Foto zeigt
Manolis Glezos
im September 2015
in Athen.
Zusammen mit Apostolos
Sandas erklomm er am
30. Mai 1941 die Akropolis
und entfernte die dort seit
der deutschen Einnahme
von Athen gehisste
Hakenkreuzfahne.
Foto: Giovanni Lo Curto
■ Griechische
und italienische Gerichte haben den Opfern
der Kriegsverbrechen Recht gegeben. Ihnen steht eine
angemessene Entschädigung zu. Doch die Vollstreckung
dieser Urteile wird von der Bundesregierung blockiert.
■ Jahrzehntelang
lehnten die Bundesregierungen
Reparationszahlungen mit Hinweis auf das Londoner
Schuldenabkommen von 1953 ab. Dort wurde die
Prüfung von Reparationsansprüchen auf die Zeit nach
Abschluss eines Friedensvertrages vertagt. Doch bei den
Verhandlungen zur Wiedervereinigung, im 2+4-Vertrag,
bestand die Bundesregierung darauf, entsprechende
Ansprüche auszuschließen, obwohl Griechenland an den
Verhandlungen nicht beteiligt war. Ein Vertrag zu Lasten
Dritter ist im internationalen Recht nicht zulässig.
■ Selbst
die im Dezember 1942 von der griechischen
Kollaborationsregierung erpresste Zwangsanleihe will
die Bundesregierung nicht zurückzahlen.
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