Depressionen sind nur schwer zu verstehen. Für Betroffene und

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4 Thema
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MAGAZIN
11. September 2016
«Falle noch
immer in ein
Loch»: Peter
Meier (46).
Im
Tief
M
Depressionen sind
nur schwer zu verstehen.
Für Betroffene und
deren Angehörige. Wie
Kranke ins Leben
­zurückfinden – und was
ihnen dabei hilft.
Ein Leitfaden.
ANNEGRET CZERNOTTA
Die Sonne scheint
nur für die anderen:
Rund fünf Prozent
aller Schweizer
erkranken an
Depressionen.
it 200 Stundenkilometern durchs
Leben: 200 Prozent arbeiten, sich
im Verein engagieren, am Wochenende Zeitungen austragen. Dann
bremste die Depression Peter Meier (46) aus. In Arbeitssitzungen
konnte sich der heutige Projektleiter eines Flachdachbetriebs aus Adliswil ZH nicht mehr kontrollieren,
fing an zu weinen. Nachts lag er
wach im Bett, die Gedanken kreisten. Hinzu kamen Kopf- und stechende Brustschmerzen. Dann
ging alles rasend schnell: Der Arbeitgeber schickte ihn zum Arzt,
eine Woche später befand er sich in
stationärer Behandlung.
Rund fünf Prozent aller Schweizer leiden an Depressionen. Die
Weltgesundheitsorganisation sagt,
dass 2030 ­Depressionen in Indust-
rienationen die häufigste Krankheit
sein wird. Die Symptome: Trauer,
Unlust, Antriebslosigkeit häufig gepaart mit Schuldgefühlen, Gedanken an Suizid oder Schlafstörungen
über mindestens zwei Wochen.
Oft werden die ersten Anzeichen
weggewischt, Freunde und Angehörige schweigen sie tot. Alle
hoffen, dass bald wieder Licht ins
Leben zurückkehrt – dass alles so
ist wie vorher.
Manchmal aber bleibt die Hoffnung unerfüllt – die Düsternis wird
zur Depression. Stress kann ein
Auslöser sein, so wie bei Peter
Meier. Aber auch eine körperliche
Krankheit, manchmal auch die Genetik. Dann sind Medikamente und
allerlei Therapien nötig, um wieder
in den Alltag zu finden. Und viel
Geduld (lesen Sie dazu unsere
Check-Liste ab Seite 8).
Bei Peter Meier hatte sich der Zusammenbruch schon lange vorher
angekündigt: «Ich konnte einfach
nicht mehr Nein sagen oder mich
abgrenzen. Habe für andere den
Kopf hingehalten und diese in
Schutz genommen.» 
6 Thema
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MAGAZIN
11. September 2016
«Bin ich depressiv,
mag ich mich nicht.
Bin ich manisch,
mögen mich die
anderen nicht»:
Fredy Obrist (62).
Suizidäusserungen belasten
Angehörige besonders
Eine harte Zeit, auch für seine Familie. Sie musste erst akzeptieren,
dass Meier trotz Krankheit wenig
Nähe und Zuwendung erträgt. Für
Sibylle Glauser (56) vom Netzwerk
Angehörigenarbeit Psychiatrie, ein
bekanntes Phänomen: «Für nahestehende Personen ist das Ver­halten des depressiven Menschen oft
sehr belastend und verunsichernd.» Sie fragen sich: Muss ich
meinen Partner oder Freund schonen? Wäre es hilfreicher, die Dinge
offen anzusprechen?
Besonders bedrückend sind Suizid­
äusserungen, die Angehörige
sehr ängstigen, da sie nicht einschätzen können, ob diese ernst
oder manipulativ gemeint sind.
«
Die Ohnmacht
bei den Angehörigen ist
gross. Erhalten sie
keine Unterstützung, werden
sie mitunter selber
krank»
Sibylle Glauser, Netzwerk
Angehörigenarbeit Psychiatrie
«Die Ohnmacht bei Angehörigen ist
gross», so Glauser. «Erhalten sie
keine Unterstützung, besteht die
Gefahr, dass sie irgendwann selber
an einer Depression erkranken.» Sie
empfiehlt deshalb, sich früh über
Hilfsangebote zu informieren und
Beistand zu holen.
Oft wird diese Chance verpasst.
In der Schweiz richten sich jährlich
1300 Menschen – 90 Prozent davon
leiden an einer psychischen Krankheit, meist an einer Depression. Die
Suizidrate ist bei Männern etwa
dreimal höher.
Vergleicht man die Symptome
der Krankheit bei Männern und
Frauen, zeigen sich grosse Unterschiede: Depressive Männer sind
oft gereizt, aggressiv, flüchten sich
in Suchtmittel (Alkohol) oder ins
Arbeitsleben – und verbergen ihre
Depression hinter körperlichen
­Beschwerden wie Herzrasen oder
Schmerzen. Frauen hingegen sind
eher melancholisch, traurig, ziehen sich zurück.
Braucht es deshalb auch eine
­andere Therapie? Der Psychiater
Joe Hättenschwiler (58), Chefarzt
des Zentrums für Angst- und
Depres­sionsbehandlung Zürich,
betrachtet jeden Fall differenziert:
Dr. Joe Hättenschwiler (58): «Nicht immer ist die Seele schuld. Manchmal verstecken
sich hinter psychischen Problemen körperliche Erkrankungen.»
«Erst abklären, dann handeln»
Was muss vor der Diagnose
Depression alles abgeklärt
sein?
Joe Hättenschwiler: Hinter
den Symptomen einer Depres­
sion können sich unterschiedli­
che körperliche Erkrankungen
verbergen. Beispielsweise eine
Schilddrüsenunterfunktion oder
Herzerkrankungen. Zudem
machen sich auch ernährungs­
bedingte Mangelerscheinungen
durch psychische Symptome
bemerkbar. Zu wenig Eisen
oder Vitamin D im Blut machen
müde und kraftlos. Vitamin B
braucht es für die Nerven- und
Blutbildung. Ein Mangel kann zu
Konzentrationsstörungen oder
Burn-out und im Extremfall bis
hin zu Psychosen führen. Auch
können Medikamente oder
Drogen Nebenwirkungen
verursachen, die denen
e­ iner Depression sehr ähnlich
sind. Die umfassende Abklärung
ist deshalb der erste Schritt in
Richtung Therapie.
Warum ist die genaue
Diagnostik so wichtig?
Ich hatte erst kürzlich einen
62-jährigen Patienten, der
wegen Angst, Depression und
Erschöpfung zu uns überwiesen
wurde. Als wir ihn erneut
körperlich abklären
liessen, fand sich ein
gutartiger Hirn­
tumor, der die
­Depression wohl
ausgelöst hatte.
Nach der Tumor­
entfernung war nämlich auch die
Depression weg.
Können Selbsttests für eine
erste Selbsteinschätzung
sinnvoll sein?
Ich denke, Selbsttests sind sinn­
voll und gut, wenn man unsicher
ist, ob eine Abklärung nötig ist.
Und das Internet verschafft
heute einen leichten Zugang zu
diesen Tests. Wenn im Anschluss
eine Depression vorliegen könn­
te, dann sollte die betreffende
Person zum Hausarzt gehen –
falls vorhanden – oder sonst
direkt zum Psychiater. Je
früher die Abklärung und
Therapie beginnt, desto
besser.
Dr. Joe Hättenschwiler ist
Chefarzt des Zentrums
für Angst- und Depressi­
onsbehandlung Zürich
«Es gibt Männer, die für Gespräche
sehr offen sind, anderen ist es wichtig, Medikamente zu nehmen, im
Wissen, dass sie sich jederzeit beim
Arzt oder Therapeuten melden
können.» Wichtig sei allerdings, die
Symptome richtig zu deuten – und
individuell angepasst darauf zu
­reagieren.
In diesem Bereich hapert es derzeit noch. «Nur etwa jeder Dritte
­erhält die richtige Diagnose», sagt
Psychiater Uwe Herwig (50), Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums
Appenzell Ausserrhoden. «Und nur
ein knappes Drittel dieser Betroffenen erhält auch die richtige Behandlung.» Depressionen werden
folglich oft verkannt, falsch behandelt oder vom Betroffenen verdrängt. Damit erhöht sich auch das
Risiko für einen Rückfall.
Telefon 147
Soforthilfe für Kinder und
Jugendliche bei Fragen zu
Sexualität, Liebeskummer,
­Familienproblemen etc. – und
wenn sie nicht mehr leben
mögen: www.147.ch
Selbsthilfe Schweiz
­Vermittlung von Selbsthilfe­
gruppen: Betroffene und
­Angehörige können sich mit
anderen Betroffenen und
­Angehörigen austauschen.
Tel. 0848 810 814
Verein Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie
Angehörige von Menschen mit
einer psychischen Erkrankung
erhalten Unterstützung und
Infos: www.angehoerige.ch
Antidepressiva entschleunigen
den Alltag von Peter Meier
Peter Meier hat mittlerweile in den
Alltag zurückgefunden – er arbeitet
nicht mehr so viel wie früher. Die
Antidepressiva tragen zur Entschleunigung seines Alltags bei:
Abends fällt er todmüde ins Bett
und schläft traumlos. Freie Zeit
lässt ihn aber noch immer gefühlsmässig in ein Loch fallen: «Manchmal reicht eine Viertelstunde, und
ich frage mich: Macht das Sinn?
Mache ich das Richtige?»
Diese Fragen diskutiert er in der
Selbsthilfegruppe von Equilibrium,
dem Verein zur Bewältigung von
Depressionen, tauscht seine Erfahrungen mit anderen Betroffenen
aus. Fredy Obrist (62) aus Aarburg
AG ist Regionalleiter und Kontaktperson bei Equilibrium, er selber
erkrankte in der Jugend. Durch die
ehrenamtliche Tätigkeit erfährt er
grosse Wertschätzung: «Die Betroffenen anerkennen meine Person
und meine Arbeit und zeigen das
auch.»
Das hatte ihm in seinem ursprünglichen Beruf als Lehrer häufig gefehlt. Denn durch seine Depression mit manischen, das heisst
euphorischen Phasen, fiel er auf,
eckte mit seiner unkontrollierbaren
Aktivität an oder konnte sich in
­depressiven Phasen schlechter konzentrieren, war weniger belastbar:
Vor 13 Jahren entschied er mit seiner Familie, den Haushalt zu führen. Seitdem ist er Hausmann und
psychisch stabil.
Obrist verweist auf einen wunden Punkt – auf die mangelnde
­Bereitschaft der Gesellschaft, Menschen mit psychischen Erkran­
Wohin, wenn ich
Hilfe brauche?
Telefon 134
Die Dargebotene Hand: Für
Menschen in einer schwierigen
Lebenslage, die sofort Hilfe
brauchen: www.143.ch
APHS Angst- und
Panikhilfe Schweiz
Die Patientenorganisation
bietet Hilfe und Beratung,
Infos und die Möglichkeit zur
Diskussion zwischen Patienten,
Angehörigen sowie Fachleuten
an: Tel. 0848 801 109,
www.aphs.ch
SGAD Schweizerische
Gesellschaft für Angst
und Depression
Informationsplattform für alle
Fragen (Prävention, Krank­
heitsbilder, Forschung etc.)
rund um das Thema Angst und
Depression: www.sgad.ch
Schweizerische Stiftung
Pro Mente Sana
Beratung in sozialen,
­psychologischen und rechtli­
chen Fragen. Auskunft zu
­Recovery-Gruppen:
www.promentesana.ch
Fotos: Jessica Peterson/Rubberball/Getty Images, Miriam Künzli (2), Siggi Bucher
 Dann kam der Kollaps, die Klinik. Doch statt aufwärts, ging es
dort erst einmal abwärts: Als
Meier zum Therapeuten Vertrauen
gefasst hatte und dieser plötzlich in
die Ferien ging, fühlte er sich verletzt und allein gelassen. Es folgte
ein Suizidversuch. Dauert die stationäre Behandlung sonst ein bis
drei Monate, blieb er acht Monate
in der Klinik.
«
Nur etwa
jeder Dritte
Depressive erhält
die richtige
Diagnose»
Uwe Herwig, Psychiater und
Chefarzt des Psychiatrischen
Zentrums Appenzell
Ausserrhoden
kungen in ihrer Andersartigkeit zu
tolerieren. «Betroffene erfahren
­
stattdessen oft eine Abwehr oder
Abschirmung ihres Umfelds», sagt
Jasmin Jossen (35), Fachmitarbeiterin Psychosoziales bei der Stiftung Pro Mente Sana, die sich für
psychisch beeinträchtigte Menschen einsetzt.
«Gerade in Krisen wäre die Unterstützung durch Angehörige,
Freunde oder Kollegen jedoch
wichtig. In der Psychiatrie begegnet man dem Patienten zudem vielfach noch mit der Haltung: Wir wissen schon, was du brauchst», so
Jossen. Diese Haltung – und auch
die Nebenwirkungen der Medikamente – könnten Betroffene darin
behindern, ihr Erleben zu überdenken oder sich für ihre Bedürfnisse
einzusetzen.
Hier setzt der sogenannte Recovery-Gedanke an: von «unheilbar»
und «chronisch krank» zu Hoffnung und Vertrauen in die Genesungsmöglichkeiten jedes Einzelnen. «Recovery heisst ja Erholung –
dass jeder Mensch für sich einen
­eigenen und individuellen Umgang
mit seiner Lebenssituation finden
darf», sagt Jossen. Denn jedes Krisenerleben ist immer auch ein Erfahrungsschatz, sich anzunehmen
und wieder Neues zu entdecken. l
Lesen Sie ab Seite 8, wie sich Depressionen feststellen und behandeln lassen.
Verein Equilibrium
Vermittelt Selbsthilfegruppen
und informiert über
­Entstehung, Verlauf und
­Therapiemöglichkeiten bei
­Depressionen:
Tel. 0848 143 144,
www.depressionen.ch
Stress No Stress
Informationen und Massnahmen
für Mitarbeiter und Unter­
nehmen zum Thema Stress:
www.stressnostress.ch
Selbsttests
Ein erster Schritt – ersetzt aber
nie die ärztliche Abklärung:
www.zadz.ch/krankheiten/test;
www.pdgr.ch/SelbsttestDepression.1629.0.html
8 Thema
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MAGAZIN
11. September 2016
Je früher sich
Betroffene
therapieren
lassen, je besser sind ihre
Aussichten.
Elektrokrampftherapie Bei mittelsc hweren und schweren Depressionen wird immer häufiger die
Elektrokrampftherapie (EKT) eingeset zt. Die Erfolgsquote liegt bei rund 80 Prozent.
EKT – BEWEGTE
VERGANGENHEIT
Ein Verfahren au f der Überholspur
Wann spricht man
von einer Depression?
 Eine Depression ist eine
psychische Störung mit
folgenden Hauptsymptomen: gedrückte Stimmung,
Interesselosigkeit, Freudlosigkeit sowie Antriebsstörung. Hinzu kommen
Schuldgefühle, Zweifel am
Selbstwert, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und Gedanken an
Suizid. Treten die Symptome mindestens zwei Wochen lang auf, sollte man
Abklärungen treffen.
Welche Formen der
Depression kennt man?
 Unterschieden werden
leichte, mittelgradige und
schwere Depressionen –
mit/ohne körperlichen oder
psychotischen Symptomen
(z. B. Verfolgungsängste).
Und ob Depressionen wiederkehren. Eine eigene
Form ist die bipolare Störung: mit wechselnden
Phasen von Depression und
Manie ­(Hyperaktivität). Untergruppen sind die seltenere Winterdepression, ver­
ursacht durch einen Mangel
an Sonnenlicht – oder die
Depression nach der Geburt,
die postpartale Depression.
Was löst eine
Depression aus?
 Es gibt meist nicht einen
Grund, sondern mehrere:
Die Gene, also die Veran­
lagung, spielen eine Rolle,
frühkindliche Belastungen
auch. Zudem das aktuelle soziale Umfeld und wie dort
miteinander umgegangen
wird. Weitere Faktoren sind
die Handhabung von Stress
und die Dauer belastender
Situationen: Chronischer
Stress kann krank machen.
Auch körperliche Ursachen
können Grund für eine Depression sein (siehe Interview Seite 6).
Wie wird eine
Depression behandelt?
 Bei einer leichten Depression reicht mitunter eine
stützende psychotherapeutische Begleitung. Bei mittelschweren bis schweren
Depressionen kommen Medikamente (Antidepressiva)
zur Psychotherapie hinzu.
Eine stationäre Behandlung
(ein bis drei Monate) ist bei
ausgeprägten Suizidgedanken oder bei erheblichen
Pro­blemen in der Alltagsbewältigung angezeigt. Bei
therapieresistenten und
chronischen Depressionen
erweist sich die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) als
besonders hilfreich. Neben
der EKT wird – als neue
Option – auch die transkranielle Magnetstimulation
ange­boten. Hier regen Magnetfelder das Gehirn an.
Hilfreich kann überdies ein
einmaliger Schlafentzug
sein: ab 1.30 Uhr bis zum
folgenden Abend.
Wie wirken
Antidepressiva?
 Das Gehirn besteht aus
Milliarden von Nervenzellen, die miteinander über
Schaltstellen (Synapsen)
kommunizieren. Damit diese Kommunikation funktioniert, braucht es Botenstoffe
als bindendes Glied. Im
Gehirn sind das vor allem 
lange Zeit grau war, zeigen
sich nach der EKT farbige
Tupfer im Alltag. 80 Prozent der
Patienten führen dank der EKT
­sogar wieder ein normales Leben.
Weshalb diese Therapie so
durchschlagend wirkt, ist allerdings noch immer unbekannt.
Studien und bildgebende Verfahren weisen darauf hin, dass sich
die Reaktion des Gehirns, den
Krampf beenden zu wollen, positiv
aufs Gehirn auswirkt: Im Krampf
schütten die Nervenzellen Botenstoffe aus, die neue Nervenzellen
wachsen lassen und die Verknüpfung unter den Nervenzellen verbessert. «Das Gehirn ist ein sehr
aktives Organ, das sich fortwährend verändert und durch die EKT
Die EKT kommt
in Chur seit drei
Jahren zum
Einsatz.
positiv beeinflusst wird», sagt
Baumann. Erste Effekte zeigen
sich nach vier bis sechs Behandlungen. In der Regel brauchts zehn
bis 15. Die medikamentöse Therapie wird allerdings beibehalten. * Name geändert
brandinghouse
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Volg im Rucksack gibt Kraft und
Energie für die Bergtour.
«Ohne den Volg im Tal wären Frischprodukte rar
in unserer Hütte.» Hüttenwartin Gabi Aschwanden,
Kundin im Volg Linthal (GL)
Fotos: Jessica Peterson/Rubberball/Getty Images, Axel Baumann/pdgr.ch (2)
Licht
im Dunkeln
Wie erkennen, wie
therapieren?
Was Betroffene
und Angehörige
über Depressionen
wissen sollten.
wenige Minuten später auf und
wird für zwei weitere Stunden beobachtet. Gegen 16 Uhr ist sie wieder zu Hause. Bei der Bündnerin
wird ein sogenanntes ErhaltungsEKT eingesetzt. Zeigt sie Zeichen
einer Depression, erhält sie den
heilsamen Stromstoss. Das ist alle
zwei Monate der Fall. Bereits wenige Stunden nach der EKT funktioniert ihr Kopf wieder normal.
Zusehends mehr Spitäler bieten die EKT an: Schweizweit gibt
es über 1000 Behandlungen pro
Jahr. «Die Wirkung ist verblüffend», sagt Baumann. «Suizidale
Patienten wollen wieder leben.
Schwer depressive Menschen fangen wieder an zu reden und sogar
zu lachen.» Nachdem das Leben
Romy Rot* kommt für die Elektrokrampftherapie (EKT) meist gegen
zwölf Uhr mittags in die Aufnahme
des Kantonsspitals Chur. Vorher
hat sie gearbeitet, aber darauf geachtet, nichts mehr zu trinken und
zu essen. Sie zieht ein Spitalhemd
an. Die Narkoseärzte legen für die
Narkosemittel eine Kanüle in ihren
Handrücken und verkabeln sie mit
einem Monitor, der Puls- und Herzschlag angibt.
Ist die Narkose eingeleitet,
beginnt Psychiater Axel Baumann,
Co-Chefarzt bei den Psychiatrischen Diensten Graubünden, seine
Arbeit: Er befestigt sieben Elektroden auf dem Kopf der Frau, sie leiten deren Gehirnströme auf den
Monitor ab. Die Ärzte geben Romy
Rot nun das Narkosemittel und ein
muskelentspannendes Medikament durch die Kanüle. Sie erhält
Sauerstoff über eine Maske. Baumann gibt nun über acht Sekunden
Strom. Auf dem Monitor sind wilde
Zacken zu erkennen, die Patientin
bewegt sich allerdings nicht. Nach
dem Stromstoss stoppen die Ärzte
die Narkose. Die Patientin wacht
In den 1930er-Jahren setzten Mediziner die EKT äusserst willkürlich ein. Sie
versuchten sogar Pubertätskrisen mit Stromstössen zu beenden. Ohne
­­Narkose und muskelentspannende Medikamente.
Für viele Patienten endete
die EKT dadurch traumatisch: Sie erlitten wegen
Muskelkrämpfen Zungen­
bisse und sogar Kno­
chenbrüche. Auch die
verbesserten Methoden
standen unter Verdacht.
Erst in den letzten zehn
Jahren konnte sich das
Verfahren etablieren: wegen seiner hohen Wirksamkeit bei mittelschweren bis
schweren Depressionen.
Seit 25 Jahren arbeitet Gabi Aschwanden dort, wo andere ihre Freizeit verbringen: in luftiger Höhe auf 2111
Meter über Meer in den Glarner Alpen.
Am Fusse des Tödis bewirtet sie auf
der Fridolinshütte pro Saison bis zu
2000 Wanderer, Bergsteiger und Skitourengänger. Die frischen Produkte
in ihrer Hütte kauft Gabi Aschwanden hauptsächlich im Volg in Linthal.
«Ohne den Dorfladen im Tal wäre
unser Leben auf dem Berg um einiges
komplizierter, denn die Lagerung von
Frischprodukten ist in der Hütte etwas
schwierig. Deshalb sind wir sehr froh
über den nahen Volg. So können wir
auch mal schnell etwas besorgen,
wenn unerwartet Gäste kommen.» Mit
schnell meint die Hüttenwartin übrigens rund 1½ Stunden Abstieg und
2 Stunden Aufstieg.
Volg. Im Dorf daheim.
In Linthal zuhause.
Im kleinen See vor der Fridolinshütte können sich Wanderer im
Sommer abkühlen. Im Hintergrund
ist der Bifertenfirn, über den die
Bergsteiger auf den Tödi gelangen.
Eine «Feins vom Dorf»Spezialität im Volg Linthal
ist der Bienenhonig vom
lokalen Imker Stefan Manser.
10 Thema
Welche Antidepressiva
gibt es?
 Die meisten Antidepressiva beruhen noch immer auf
dem Wirkprinzip des ersten:
Imipramin. Dieses entdeckte
in den 1950er-Jahren der
Schweizer Psychiater Roland Kuhn. Neue Anti­
depressiva wirken allerdings gezielter (selektiver)
und haben dadurch weniger
Nebenwirkungen. Machen
beispielsweise wenige müde
oder beeinträchtigen die
Konzentration weniger. Ein
teilweise neues Wirkprofil
hat Agomelatin, das den
Tag-Nacht-Rhythmus stabilisiert.
Wie lange darf man
­Antidepressiva schlucken?
 Es gibt keine zeitliche
­Begrenzung. Antidepressiva
kann man lebenslang einnehmen. Entgegen vieler
Annahmen verändern sie
auch die Persönlichkeit
der Betroffenen nicht. Eher
legen die Medikamente jene
Charaktereigenschaften frei,
die man vor der Krankheit
hatte. Grundsätzlich gilt:
Nach einer Depression sollte
man Antidepressiva für
sechs bis zwölf Monate
­einnehmen und nur langsam
unter ärztlicher Begleitung
absetzen. Oder erhöhen.
­Nebenwirkungen – etwa
­sexuelle Störungen – unbedingt dem Arzt, der Ärztin
melden und nicht einfach
ertragen. Und nie selber an
der Medikation schrauben.
Denn sonst droht eine neue
Depression.
Ist eine Psychotherapie
zwingend?
 Bei mittelschweren bis
schweren Depressionen gehört sie mit dazu – in Kombination mit Medikamenten.
Studien belegen die gute
Wirkung der Psychotherapie. Das heisst aber auch,
dass sie Nebenwirkungen
haben kann. Deshalb nicht
irgendeinen Therapeuten
wählen, sondern sich gut
darüber informieren, welche
Therapien dieser anbietet
und welche Ausbildung er
hat. Wichtig: Die Chemie
zwischen Therapeut und
­Patient muss stimmen. Trifft
das nicht zu – weitersuchen!
Gibt es Psychotherapien,
die besonders helfen?
 Zu den wirksamen Psychotherapien bei Depressionen zählt die Kognitive
Verhaltenstherapie (KBT):
Der Therapeut unterstützt
den Patienten darin, neue
Lösungen für seine Probleme zu finden und negative
Denkmuster und Verhaltensweisen abzulegen. Bei
schweren Depressionen hilft
insbesondere die Schematherapie. Sie macht alte Verhaltensmuster bewusst und
wie man diese überwinden
kann. CBASP (Cognitive
Behavioral Analysis System
of Psychotherapy; systematische psychodynamische
Verhaltens- und Gedankenanalyse) ist eine Weiterentwicklung der KBT und speziell auf die Schwierigkeiten
und Bedürfnisse chronisch
depressiver Menschen zu­
geschnitten. Auch jene Formen, die helfen, sich selber
wahrzunehmen und mit
­Gefühlen besser umzugehen, haben sich bei der De-
Nach der ersten
Depression erleiden 50 Prozent
eine zweite
Episode. Nach
der zweiten Episode sind es 70 Prozent, nach einer
dritten Depression
90 Prozent. Die
Rückfallwahrscheinlichkeit
lässt sich bei
früher und
gezielter Behandlung deutlich
verringern.
pression als wirksam erwiesen. Dazu gehören die Akzeptanz- und CommitmentTherapie, die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie,
die emotionsfokussierte
Therapie. Diese kombinieren Elemente wie Meditation, Atemübungen oder
achtsame Körperübungen.
Infos zu den Psychotherapien:
Schweizer Psychotherapeuten­
verband: www.psychotherapie.ch
Schweizerische Gesellschaft für
­Psychiatrie und Psychotherapie:
www.psychiatrie.ch
Wirkt Bewegung
antidepressiv?
 Studien zeigen, dass uns
Bewegung weniger depressiv werden lässt. Dazu ist
kein Leistungssport nötig,
Alltagsbewegung reicht.
In Studien liefen Teilnehmer
gerade einmal 14 Minuten
am Tag und wurden weniger
depressiv. Das hängt wohl
mit der stärkeren Ausschüttung von Botenstoffen im
Gehirn zusammen. Zentral
ist aber die Regelmässigkeit:
Ohne Bewegung verpufft
die antidepressive Wirkung.
Deshalb gilt: Bewegen, so
oft es geht!
Kann falsche Ernährung
eine Depression auslösen?
 Ob Ernährung depressiv
macht, ist bislang nicht
­ausreichend untersucht.
Darm und Gehirn stehen
aber sehr enger Verbindung
und beeinflussen sich gegenseitig. Sehr fette und süsse
Speisen scheinen z. B. das
Risiko für eine Depression
zu erhöhen – gesunde Ernährung senkt es. Bei depressiven Menschen sind
auch andere Bakterienstämme im Stuhl zu finden als
bei gesunden. Deshalb wollen Forscher herausfinden,
ob bestimmte Nahrungsmittel oder -bestandteile (wie
Probiotika in Joghurt) unsere Stimmung beeinflussen.
Auch Vitamin C und D, Magnesium, Zink und ungesättigte Fettsäuren könnten die
Stimmung mitprägen.
Annegret Czernotta; Mitarbeit von
Prof. Uwe Herwig, Chefarzt des
­ sychiatrischen Zentrums Appenzell.
P
Foto: Jessica Peterson/Rubberball/Getty Images
 Serotonin und Noradrenalin. Antidepressiva beeinflussen den Stoffwechsel
dieser Botenstoffe. Zudem
regulieren Antidepressiva
die Ausschüttung und die
Menge von Stresshormonen, etwa von Cortisol. Ein
Zuviel dieser Hormone kann
dazu führen, dass sich jemand nicht mehr an Stresssituationen anpassen kann –
und beispielsweise unter
chronischem Stress nicht
mehr schläft. Trotz aller
Kenntnisse sind viele Wirkmechanismen der Anti­
depressiva aber nicht
­abschliessend geklärt.
Forscher entdecken erst
langsam Gene oder andere
Marker, die anzeigen, ob
jemand auf ein Antidepressivum anspricht. Gentests
sollen in Zukunft helfen,
das geeignete Antidepressivum schneller zu finden
und in der individuell richtigen Dosis zu verabreichen.
Kann die
­Depression
wieder­
kehren?
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