Einführung in das feministische Denken Judith Butlers

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UE ,,Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten für PhilosophInnen“
Referentin: Kathrin Feichtinger
9.1.2003
Einführung in das feministische Denken Judith Butlers
Nach ihrem traditionellen Selbstverständnis ist die Philosophie wohl diejenige Disziplin, die
sich am nachhaltigsten der Frage der Geschlechterdifferzenz entzieht. 1
Auf der einen Seite kommt nur der Mensch vor, mit dem sich der Mann und er allein
identifiziert; in den Bestimmungen des Menschen hat der Unterschied der Geschlechter keinen
Ort. Auf der anderen Seite kommt zwar das Geschlecht und die Geschlechterrelation vor, aber
der Mann lässt sich auf diese Relation gar nicht ein, er begibt sich in kein Verhältnis zur Frau,
während diese umgekehrt vollständig und ausschließlich mit dem Geschlechterverhältnis
identifiziert wird. Der Mann ist also Mensch ohne Relation zum Menschen, die Frau ist
Relation ohne Anteil am Menschsein. (Klinger 1995, 37)
These:
Die Dualität der Geschlechter (sex) wird in einem vordiskursives Feld verortet (z.B. Biologie) und
als natürlich ausgegeben, der binäre heterosexistische Rahmen des Geschlechts sichert ihre innere
Stabilität.
Daraus ergibt sich die Frage:
Wie müssen wir dann die "Geschlechtsidentität" reformulieren, damit sie auch jene
Machtverhältnisse umfaßt, die den Effekt eines vordiskursiven Geschlechts (sex) hervorbringen
und dabei diesen Vorgang der diskursiven Produktion selbst verschleiern? 2
Begriffsdefinition sex / gender:
Im Zuge der feministischen Kritik an Gesellschaft und Machtverhältnissen zwischen den
Geschlechtern ist es zu einer Trennung von biologischem Geschlecht (sex) und sozial konstruierten
Geschlechterrollen (gender) gekommen. Durch diese Trennung soll die Normierung der
Rollenzuschreibung (vor allem für Frauen) sichtbar gemacht und aufgezeigt werden, dass Frau-Sein
kein "gottgegebenes Schicksal" ist.
Seit der 2. Frauenbewegung in den 70er Jahren gilt es für feministische Theoretikerinnen als
gegeben, dass man nicht als Frau geboren wird, sondern zu einer gemacht wird (Simone de
Beauvoir), dass also normative Geschlechterrollen Konstruktionen darstellen, die zur
Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse dienen. Allerdings hat kaum eine Theoretikerin die
vordiskursive Gegebenheit von biologische Geschlecht (sex) bezweifelt. Es war stillschweigende
Voraussetzung, dass alles auf der Zweigeschlechtlichkeit von Frauen und Männern basiert und
außerhalb dieser Dualität nichts existiert.
Butlers dekonstruktivistische Kritik am traditionellen Feminismus
Judith Butler hat 1990 mit ihrem Buch Gender Trouble die Diskussion zu sex und gender neu
eröffnet, indem sie ein vordiskursives biologische Geschlecht in Frage stellt. Ihre Leitfrage lautet,
was wenn auch sex konstruiert ist und es tatsächlich kein "Original" gibt?:
Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender)
gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und
Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist. (Butler 1991, 24)
Butler versucht, den Strukturen von sex, gender und Zwangsheterosexualität in einer
dekonstruktiven Weise nachzugehen. Der Dreh- und Angelpunkt in Butlers Theorie ist der
Zusammenhang von Sexualität und Geschlechtszugehörigkeit, denn die diskursive Normierung von
Geschlechtsidentiät entsteht nicht allein durch die Unterscheidung von Frau/Mann. Für sie ist diese
Unterscheidung unlösbar verknüpft mit der heterosexuellen Normierung von Begehren. Dies stellt
eine Machtformation dar, ein Bündnis zwischen dem System der Zwangsheterosexualität und den
diskursiven Kategorien, die die Identitätskonzepte von Frau/Mann begründen. Ihr Augenmerk gilt
denen die außerhalb dieser Normen angesiedelt sind: Menschen, die geschlechtlich nicht klar
einzuordnen sind, deren Begehren nicht in heterosexuellen Bahnen verläuft, die nicht mit dem
1
Klinger, Cornelia: "Beredtes Schweigen und verschwiegenes Sprechen: Genus im Diskurs der Philosophie", in:
Hadumod Bußmann / Renate Hof (Hg.): Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften. Stuttgart: Kröner
1995, 34-59, hier 35.
2 Butler, Judith: Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. New York: Routledge 1990. dt.: Das
Unbehagen der Geschlechter. Übers. v. Katharina Menke. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, 24.
1
UE ,,Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten für PhilosophInnen“
Referentin: Kathrin Feichtinger
9.1.2003
Geschlecht, das ihnen körperlich zugeschrieben wird, leben wollen. Das bedeutet, dass sich auch
der Fokus von Macht und Herrschaft von Männern über Frauen verschiebt auf all jene, die durch die
Normierung von Geschlecht ausgeschlossen werden.
Butler führt ihre Analyse bis zu Punkten, wo der Zusammenhang von sex, gender, sexueller Praxis
und Begehren gesprengt wird:
Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig
vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst zu einem
freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen
männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und
weiblich. (Butler 1991, 23)
Hinter den Äußerungen der Geschlechtsidentität (gender) liegt keine geschlechtlich bestimmte
Identität (gender identity). Vielmehr wird diese Identität gerade performativ durch diese
"Äußerungen" konstituiert, die angeblich das Resultat sind. (Butler 1991, 49)
Damit betont sie den grundsätzlich performativen und phantasmatischen Charakter von gender und
gender identity. Die Wirklichkeit von Geschlecht wird im Zuge der performativen Wiederholung,
im Zitieren dieser Normen erzeugt. Zu beachten gilt es bei der Performativität noch, dass
Geschlecht zwar performativ ist, dieser Zustand aber nicht frei gewählt werden kann. Vielmehr
entsteht der performative Charakter durch den Zwang regulierender Normen.
Diese Normen stellen ein Ideal dar, das nie erreicht werden kann, daher gehören Variationen dieser
Normen zum modus vivendi Geschlechtsidentität. Der phantasmatische Charakter des Geschlechts
kommt gerade durch die subversiven Wiederholungen und Verschiebungen der Konnotation von
Weiblichkeit und Männlichkeit zum Vorschein. Dabei meint Butler Formen von
Geschlechterparodie, Praktiken der Travestie, des Cross-Dressings und die Stilisierung sexueller
Identitäten, wie sie in der schwul-lesbischen, queeren und transgender Kultur entstehen. Es geht
aber nicht um die Imitation "echter" Männer und Frauen, sondern um die Parodie des Begriffs des
Originals als solches. (vgl. Butler 1991, 190-207)
Das bedeutet, die Parodie braucht kein Original, die Imitation existiert ohne Original und durch die
fortwährende Verschiebung wird der Mythos der Ursprünglichkeit aufgedeckt. So zeigt sich auch,
dass Geschlechtsidentität eine Konstruktion ist, die ihren Ursprung immer wieder verschleiert.
Dadurch dass Abweichungen von den Normen "bestraft" werden, kann die Konstruktion aufrecht
erhalten werden. Wenn Geschlechtsidentität performativ ist und nicht expressiv, dann gibt es keine
vordiskursive Identität:
Es gibt dann weder wahre noch falsche, weder wirkliche noch verzerrte Akte der
Geschlechtsidentität, und das Postulat einer wahren geschlechtlich bestimmten Identität enthüllt
sich als regulierende Fiktion. (Butler 1991, 208)
Geschlechtsidentitäten sind also weder wahr noch falsch, aber durch ihre TrägerInnen können sie
unglaubwürdig gemacht werden.
Politik
Für eine feministische Politik bedeutet die Dekonstruktion der Identität nicht, dass alles was bisher
gegolten hat, ad absurdum geführt wird. Es bedeutet vielmehr, dass der Rahmen, in dem
feministische Politik stattfindet, neu definiert werden soll. Anders gesagt, jedes "wir" ist eine
Konstruktion, also auch die des Feminismus. Bisher würde das feministische "wir" über die
Identität Frau konstruiert, nach Butlers Analyse ist es jetzt an der Zeit, dieses "wir" zu hinterfragen
und andere Handlungstrategien zu entwickeln. Denn ihre These besagt auch, dass nicht zuerst eine
Identität existieren muss, um politisch Handeln zu können. Butler sieht die Handlungsmöglichkeiten
in der subversiven Wiederholung und betrachtet die Konstruktion als Bühne, auf der feministisches,
politisches Handeln möglich wird.
Der Anspruch an den Feminismus besteht also darin, diese Bühne zu nutzen und von ihr aus zu
agieren, Verschiebungen initiieren, die Binarität der Geschlechter stören und aufbrechen und die
immer wieder ihre Unnatürlichkeit aufzeigen.
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