Metatheater

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Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde
an der Philosophischen Fakultät
der Universität Freiburg (CH)
BOULEVARD IM SPIEGEL
Metatheater
bei Curt Goetz, Sacha Guitry und Noël Coward
Genehmigt von der Philosophischen Fakultät
auf Antrag der Herren Professoren Ralph Müller (1. Gutachter)
und Achim Hölter (2. Gutachter).
Freiburg, den 24. Februar 2014 (Datum der Thesenverteidigung).
Prof. Marc-Henry Soulet, Dekan.
Mirjam Hurschler Harjane
Engelberg (OW)
Für Karim
Vorwort
Zahlreiche Personen haben dieses Dissertationsprojekt unterstützt und begleitet. Mein
besonderer Dank gilt:
dem ersten Betreuer meiner Doktorarbeit, Prof. Dr. Fricke († 2012), der mich auf das
Boulevardtheater (und im Besonderen die Stücke von Curt Goetz) aufmerksam
gemacht hat, für seine langjährige wertschätzende Betreuung des Projekts,
meinem Doktorvater Prof. Dr. Müller, dem ich neue Impulse für die Arbeit verdanke,
für seine Bereitschaft, nach dem Tod von Prof. Fricke die Betreuung meiner
Dissertation zu übernehmen,
Prof. Dr. Hölter für sein Einverständnis, als Zweitgutachter zu fungieren,
allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen sowie den Leitenden des Forschungskolloquiums der Universität Fribourg für ihr Interesse, die Diskussionen und Ideen,
Thomas Hanke für das sorgfältige Lektorat der Arbeit, seine Hinweise und Korrekturvorschläge,
den Mitgliedern der Direktion des Kollegiums Heilig Kreuz dafür, dass sie dem Projekt
gegenüber positiv eingestellt waren,
den Freundinnen und Freunden, besonders Sonja Klimek, Renzo Caduff, Elisabeth
Peyer und Andrea Pirkenseer für das Korrekturlesen sowie Claudius Pirkenseer
für die Grafik, des Weiteren Daniela Kalscheuer, Eva Wiedenkeller, Thomas
Studer, Katja Blust für ihre Hilfe und Ratschläge sowie weiteren Personen, die
mich ermutigt und in irgendeiner Form zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen
haben,
schließlich meinen Eltern, meiner Schwester und meinem Bruder sowie meinem Mann,
Karim Harjane, für die Geduld, die Gespräche und die Unterstützung.
Ce qui ne me passionne pas m’ennuie.
(Sacha Guitry: Mon portrait)
I
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ..................................................................................................................................I
Abbildungen und Tabellen ..................................................................................................V
1.
Einleitung .......................................................................................................................1
1.1. Sind Boulevardstücke Illusionstheater? ...................................................................................... 1
1.2. Die Gattung Boulevardtheater ..................................................................................................... 4
1.3. Fragestellung und Aufbau der Arbeit.......................................................................................... 8
1.4. Die Autoren Goetz, Guitry und Coward ................................................................................. 11
1.5. Die Forschungssituation ............................................................................................................. 20
2.
Begriffsbestimmung .................................................................................................... 27
2.1. Kurzzusammenfassung zur Begriffsverwendung .................................................................... 29
2.2. Abgrenzung und Verwendung der Termini Metatheater und Theater im Theater
(Spiel im Spiel)........................................................................................................................................... 32
2.2.1. Spiel im Spiel / Theater im Theater .................................................................................................................... 32
2.2.2. Metatheater und metatheatrale Formen.............................................................................................................. 45
2.2.3. Zusammenstellung der in dieser Arbeit gebrauchten metatheatralen Formen ............................................ 57
2.3. Klärung der Begriffe Intermedialität, Potenzierung, Ipsoreflexion und Mise en abyme .................. 61
2.4. Die unendliche Ipsoreflexion als unendliche (Dramen-)Form und die Metalepse
als paradoxe Überschreitung von Dramen-Ebenen ......................................................................... 66
3.
Metatheatrales Schauspiel vs. Verstellung .................................................................. 79
3.1. Verwechslungs-, Beobachtungs- und Verstellungsszenen in Abgrenzung zu
Theater im Theater ................................................................................................................................ 79
3.2. Besondere Rollenspiele: Zwei Beispiele für dramatische Metalepsen bei Guitry ............... 83
4. Der Raub der Sabinerinnen – ein frühes Beispiel von Spiel im Spiel im
Unterhaltungstheater, neu bearbeitet von Curt Goetz....................................................... 90
5. Theater im Theater als Bühnenprobe oder während der Dreharbeiten zu
einem Film......................................................................................................................... 110
5.1. Dreharbeiten auf dem Theater ................................................................................................. 111
5.2. Theater im Theater als Bühnenprobe ..................................................................................... 121
6.
Eine Aufführung als Theater-im-Theater-Einlage .................................................... 141
6.1. Theater im Theater als Einlage eines fiktiven Bühnenwerks ............................................... 141
6.1.1. Theater im Theater als akustisch eingespielte Aufführung............................................................................ 141
6.1.2. Theater im Theater als Aufführung einer Liebesgeschichte oder eines Beziehungsdramas.................... 144
6.1.3. Puppentheater im Theater ................................................................................................................................... 166
6.2. Theater im Theater als Einlage des aufgeführten Bühnenwerks eines anderen
Autors .................................................................................................................................................... 172
6.2.1. Eine Pantomime als Theatereinlage .................................................................................................................. 172
6.2.2. Theater im Theater als Aufführung des Binnendramas eines realen Autors bei Guitry und
Goetz....................................................................................................................................................................... 184
7.
Besondere Theatereinlagen: Eine Binnenhandlung als Stegreiftheater .................... 196
7.1. Improvisierte Theatereinlagen ................................................................................................. 196
7.2. Eine improvisierte Binnenhandlung als intertextuelle Vermischung von
Dramenebenen ..................................................................................................................................... 197
7.3. Stegreiftheater als aporetische Ipsoreflexion ......................................................................... 217
II
8.
Musiktheater im Theater ............................................................................................ 229
8.1. Musiktheatereinlagen – eine Einführung ................................................................................ 229
8.2. Oper im Musical bei Guitry ...................................................................................................... 232
8.3. Oper im Theater bei Guitry...................................................................................................... 239
8.4. Musical im Musical bei Coward ............................................................................................... 242
8.5. Meta-Oper im Theater bei Goetz ............................................................................................ 246
9.
Theater im Theater als Lesung .................................................................................. 260
10. Metatheatrale Formen ................................................................................................ 267
10.1. Überblick über die metatheatralen Formen ........................................................................... 267
10.1.1.
10.1.2.
10.1.3.
10.1.4.
10.1.5.
10.1.6.
Nicht-theatrale Einlagen ...................................................................................................................................... 269
Gelesene Einlagen ................................................................................................................................................ 269
Showeinlagen ......................................................................................................................................................... 273
Eine Geistererscheinung als Spukeinlage ......................................................................................................... 278
Spielerische Einlagen............................................................................................................................................ 285
Öffentliche, nicht-theatrale Auftritte................................................................................................................. 298
10.2. Prologe und Epiloge, Vorspiele und Nachspiele................................................................... 305
10.3. Theaterverweise, -metaphern und Sprechen ad spectatores .................................................... 338
11. Boulevard im Spiegel: Metaliterarische Aussagen über das Theater, den
Roman und den Film in Boulevardstücken von Goetz, Guitry und Coward ................... 349
11.1. Über die (Theater-)Schriftsteller .............................................................................................. 352
11.1.1.
11.1.2.
11.1.3.
11.1.4.
11.1.5.
Über historisch verbürgte Theaterschriftsteller............................................................................................... 352
Über fiktive Schriftsteller..................................................................................................................................... 355
Über einen Romanautor: David Bliss in Hay Fever ......................................................................................... 363
Über die Selbstinszenierung, oder: Wie man sich einen Namen macht...................................................... 370
Über die Auteurs-Acteurs, das Schauspiel und die Schriftstellerei .................................................................. 374
11.2. Über die Schauspieler ................................................................................................................ 377
11.2.1. Über historisch verbürgte Schauspieler ............................................................................................................ 377
11.2.2. Über fiktive Schauspieler und Schauspielerinnen ........................................................................................... 380
11.2.3. Stars am Ende ihrer Karriere .............................................................................................................................. 393
11.3.
11.4.
11.5.
11.6.
11.7.
Über die Kritiker und die Presse.............................................................................................. 402
Über die Theaterdirektoren und -regisseure .......................................................................... 411
Über das Publikum .................................................................................................................... 418
Über das Boulevardtheater ....................................................................................................... 425
Über den Film und Hollywood ................................................................................................ 436
12. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen .......................................................... 449
12.1. Nichts Neues im Boulevardtheater? ........................................................................................ 449
12.2. Parallelen und Unterschiede im Umgang der Boulevardautoren mit
metatheatralen Techniken und Theater im Theater ....................................................................... 451
12.3. Inhaltliche Parallelen.................................................................................................................. 454
12.4 Die Komik metatheatraler Formen ......................................................................................... 457
12.5. Einreihung in die Tradition des Metatheaters........................................................................ 461
12.6. Inszenierte Poetik....................................................................................................................... 462
12.7. Der Anteil metatheatraler Stücke am Gesamtwerk der Autoren ........................................ 463
12.8. Metatheater im Boulevard – Innovation oder Pirandello-Imitation? ................................. 464
III
13. Verzeichnis der untersuchten metatheatralen Stücke ................................................ 473
13.1. Verzeichnis der in der Arbeit behandelten Stücke von Goetz, den Gebrüdern
von Schönthan und Gordon mit Nachweis der Kurztitel ............................................................. 473
13.2. Verzeichnis der in der Arbeit behandelten Stücke von Sacha Guitry mit
Nachweis der Kurztitel ....................................................................................................................... 475
13.3. Verzeichnis der in der Arbeit analysierten Stücke von Noël Coward ................................ 478
14. Literaturverzeichnis mit Nachweis der Kurztitel. ...................................................... 480
14.1. Abbildungen................................................................................................................................ 480
14.2. Primärliteratur ............................................................................................................................. 480
14.2.1.
14.2.2.
14.2.3.
14.2.4.
Werke, Übersetzungen und Bearbeitungen von Curt Goetz (chronologisch) ........................................... 480
Werke von Sacha Guitry (chronologisch) ........................................................................................................ 481
Werke von Noël Coward (chronologisch) ....................................................................................................... 482
Weitere Primärliteratur (inkl. Musiktheater) und Nachweis der Kurztitel.................................................. 483
14.3. Sekundärliteratur ........................................................................................................................ 485
14.3.1.
14.3.2.
14.3.3.
14.3.4.
14.3.5.
Publikationen zum Leben und Werk von Curt Goetz ................................................................................... 485
Publikationen zum Leben und Werk von Sacha Guitry ................................................................................ 486
Publikationen zum Leben und Werk von Noël Coward ............................................................................... 487
Forschungsliteratur zur Potenzierung, zum Metatheater und verwandten Begriffen ..................................... 487
Weitere Forschungsliteratur, Artikel und Nachschlagewerke ....................................................................... 490
14.4. Internetseiten (Onlinefassungen oder PDF) .......................................................................... 494
IV
Abbildungen und Tabellen
Abbildung 1: Übersicht über die Begriffe ............................................................................. 28
Abbildung 2: Henry Monnier, als Monsieur Prudhomme verkleidet...................................... 89
Tabelle 1: Aufbau der Seifenblasen.......................................................................................... 319
Tabelle 2: Aufbau des Einakters Die Barcarole.....................................................................319
«Was das ist: ‹Boulevardtheater›? Das ist haarscharf an der Kunst vorbei.»
(Die Direktorin eines Boulevadtheaters, einen Dritten zitierend)
(Huber 1985, 6)
V
1.
Einleitung
1.1.
Sind Boulevardstücke Illusionstheater?
Le comédien: […] Il ne faut pas être amoureux du théâtre, il faut l’adorer. Ce
n’est pas un métier, le théâtre, c’est une passion !
(Comédien, I, 343)1
Stellen Sie sich vor, man habe Sie zu einem Theaterabend eingeladen. Eine Komödie,
ein Unterhaltungsstück steht auf dem Programm. Welche Erwartungen und Wünsche
verknüpfen Sie mit einem solchen Theaterbesuch? Vielleicht wollen Sie sich entspannen,
lachen und gut unterhalten werden. Handelt es sich um ein Boulevardstück, dann ist mit
einer Beziehungskomödie zu rechnen, die als «wesentliches Merkmal […] die zwischenmenschlichen (vorehelichen, ehelichen, nachehelichen und außerehelichen) Beziehungen» thematisiert (Huber 1985, 190).2 Solches Theater zeigt Bühnenfiguren auf der
Suche nach dem persönlichen Glück und setzt mehr auf Gefühle und Pointen als auf
Rationalität (vgl. ebd., 191). Ein befreiendes Lachen zeigt das unvermeidliche Happy
End an (vgl. ebd., 208), nachdem private Probleme gelöst oder vielleicht auch nur hinweggewischt wurden. Ziel für die Zuschauer ist das «Erleben von Harmonie, Glück,
Schönheit» (ebd., 335), wobei «öffentliche» Angelegenheiten und Probleme, die nicht
das Privatleben betreffen, dabei nonchalant ausgeblendet werden (vgl. ebd., 191).
Das Boulevardtheater gibt scheinbar Einblick in «Privates» (ebd., 191), zeigt
«Personen ‹quasi aus dem richtigen Leben› »3 (ebd., 331): Identifikation ist ausdrücklich
erwünscht. Im konventionellen Illusionstheater – in ihrer typischen Ausprägung sind
Boulevardtheatergebäude mit einer «Guckkastenbühne» ausgestattet (ebd., 253) – soll
der Zuschauer für die Dauer der Aufführung vergessen, dass es sich um Theater handelt, und sich mit den Bühnenfiguren identifizieren. Was wird aber unter dem Begriff Illusion genau verstanden? Strube unterscheidet drei Arten:
(1) Die Illusion als Täuschung der Sinne oder Trugwahrnehmung […] als Wirkung und Gütesiegel einer detailliert-realistischen Kunst […].
(2) Die Illusion als pathetische Täuschung […], thematisiert vor allem in der Theorie der tragischen Affekte. Der Zuschauer fühlt sich in die Szene selbst versetzt: empfindet Zorn, Angst
und dergleichen, ohne sich der tatsächlichen Distanz zum Dargestellten bewußt zu sein. […].
Alle vollständigen bibliographischen Angaben sowie die verwendeten Kurztitel und Siglen werden am
Ende dieser Arbeit angegeben (Die Kurztitel in Kap. 13. und 14.). Für Primärliteratur, also Theaterstücke
und Musiktheater von Goetz, Guitry und Coward, aber auch für literarische Werke anderer Autoren, wird
in der Regel nur der Kurztitel angegeben. Internetseiten werden in der Online-Publikation mindestens bei
ihrer ersten Erwähnung in einer Fussnote verlinkt. Betreffend Orthographie halte ich mich an das aktuelle
amtliche Regelwerk (Duden). Fremdwörter verwende ich jedoch in der Regel nicht in eingedeutschter
Form.
2 Als mögliche inhaltliche Alternative für das Boulevardtheater nennt Huber noch die «Kriminalkomödie»
(Huber 1985, 189).
3 Huber, der seine Daten durch die Befragung von Mitarbeitern an deutschen Boulevardtheatern erhoben
hat, verweist hier auf seine «Regisseur-Fragebogen-Auswertung, Frage C, III» (Huber 1985, 331).
1
1
(3) Die Illusion als ästhetische Illusion oder als Zustand, in dem der Rezipient vermöge seiner
Einbildungskraft die […] dargestellten Figuren quasi vor Augen hat und in dem er lebhaft Anteil an deren Schicksal nimmt […].
(Strube 2000, 125)
Die erste Definition spricht die Mimesis an. Auf eine realistische Nachbildung des privaten Raumes wird im Boulevardtheater beispielsweise beim Dekor geachtet, laut Huber:
«Ein Bühnenbild im Boulevardtheater ist die Verneinung des möglichen Bestrebens,
Theater im Theater zu enthüllen, zu offenbaren» (Huber 1985, 241). Die zweite Definition von Illusion bezieht sich auf die Katharis. Nach Aristoteles’ Poetik ist die Funktion
der Tragödie, dass sie «Jammern und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.» (vgl. Aristoteles: Die Poetik, 19;
übers. v. Fuhrmann).4 Bezogen auf das Theater ist insbesondere die dritte der angeführten Definitionen von Interesse: Dem Publikum wird im Theater eine Scheinwirklichkeit
vorgespielt, in die es eintauchen kann und will. Hensel nennt diese Haltung das «mühelose Vereinbaren von Es-besser-Wissen und Trotzdem-dran-Glauben» (Hensel 1986,
1198).
[Ein] Zuschauer […] weiß von vornherein um den fiktiven Charakter der Aufführung […].
Trotzdem spricht ihn das, was er auf der Bühne sieht, gefühlsmäßig tatsächlich an, er läßt sich
von der theatralischen Illusion gefangen nehmen […].
(Schöpflin 1993, 9)
Schöpflin geht in ihrer Beschreibung auf diese dritte Art der Illusion ein. Voigt spricht
dabei auch von Inlusion (vgl. Voigt 1954, 4). Die folgende «Spielregel Nummer eins» des
Illusionstheaters gilt für jeden Zuschauer, so Hensel (1986, 1198):
[W]ährend jeder Sekunde der Vorstellung weiß er, daß der Schauspieler Philipp keineswegs der
Richter von Zalamea ist, aber er denkt nicht daran, das zu glauben, was er weiß, sondern er
nimmt Herrn Philipp den Richter von Zalamea mühelos ab. Er läßt sich sogar in das Gefühlsleben des Richters verstricken, (während ihn das Gefühlsleben des Herrn Philipp kaum interessiert) […].
(Hensel 1986, 1198)
Für einen Theaterbesucher, der der Norm (von Definition 3) entspricht, gilt nach Voigt
Folgendes: «Wenn etwa ein Zuschauer des ‹Hamlet› vom Wahnsinn der Ophelia erschüttert ist, nimmt er nicht einen Augenblick an, die Darstellerin der Ophelia sei wahnsinnig
geworden» (Voigt 1954, 6).5
Inwieweit begünstigen nun aber die Komödien von Goetz, Guitry und Coward
die Einfühlung? René Benjamin, Guitrys Freund, Journalist und Schriftsteller, schreibt
in seinem Werk Sacha Guitry, roi du théâtre Folgendes über die Wirkung der Stücke
Guitrys.
Bekanntlich fehlen Äußerungen zur Komödie, da das entsprechende Buch verloren ist (vgl. Nachwort zur
Poetik, Fuhrmann 1997, 146.).
5 Kursivsetzung M.H.
4
2
Jamais Sacha ne m’ennuie: il me délivre. Le mot de plaisir, si doux, reprend avec lui son sens, à
peine l’annonce-t-on, je m’apprête à quitter le monde, ses mensonges et ma gêne ; je me sens
des ailes ; je pars pour les pays aérés de l’illusion !
(Benjamin 1933, 4)
Dieses Zitat verdeutlicht, wie sehr in manchen Stücken Guitrys eine Illudierung des
Publikums ermöglicht wird: Der Begriff «illusion [ist] in der frz. Sprache unter anderem
in den Bedeutungen ‹Sinnestäuschung›, ‹Wunschtraum› »6 gängig (Strube 2000, 126). Im
Sinne von Illusion (3) respektive Inlusion (nach Voigt 1954, 4) ist das Wort aus dem Französischen in die deutsche Sprache während «des 17. Jhs. – zumeist in der Bedeutung der
eigentlichen ästhetischen Illusion» (ebd., 126) eingeflossen. Es ist davon auszugehen,
dass bei Benjamin der Begriff ebenfalls in der letztgenannten Bedeutung mitgedacht ist,
jedoch wird er auch im Sinne von « ‹Wunschtraum› » (ebd.) verwendet. Knecht hält in
ihrer Dissertation für Goetz’ und Guitrys Stücke im Gegensatz zu denjenigen ihrer Boulevard-Vorgänger fest, dass sie stark psychologisiert seien, was die Einfühlung begünstigen kann.
Guitry sieht den höchsten Reiz des Bühnenstückes nicht mehr in möglichst viel Aktion, sondern er und seine Generation verlegen vielmehr ihre ganze Kunst auf die Dramatisierung seelischer Vorgänge. Daher ist ihre technische Einstellung notwendigerweise eine ganz andere: Für
Guitrys Generation ist die Konversation Hauptsache. Es gibt kein Wort, keinen Satz, der im Geflecht der Handlung und in der Psychologie der Gestalten nicht Sinn und Zweck hätte. Mit
Hilfe dieses Prinzips kommen diese Schriftsteller dem Kern des Konversationsstückes viel näher als ihre Vorgänger. Denn es ist ihr Bestreben, den Dialog so zu färben und zu pointieren,
daß die leisesten Regungen der Seele auf die ganze Handlung bestimmend einwirken und deutlich […] zum Ausdruck kommen.
(Knecht 1970, 15.)7
Die Erwähnung Guitrys in Knechts Dissertation, die sich eigentlich mit Goetz befasst,
hat Seltenheitswert. Ihre Aussage lässt sich deshalb auf Goetz übertragen, dem ihr Interesse in erster Linie gilt. Auch Coward versteht es in einigen Stücken, die Emotionen
des Publikums geschickt zu orchestrieren und auf diese Weise Einfühlung zuzulassen,
beispielsweise in seinem Musical Cavalcade, über das Hoare schreibt, «the overwhelming
impression of the production was of […] sentimentality» (Hoare 1995, 233). Das Musical ermöglichte also eine Identifikation mit einigen der dargestellten Figuren, obschon
manche andere im Stück auch sehr typenhaft gezeichnet sind (vgl. ebd.). Die angeführten Aussagen deuten an, wie sehr Goetz’, Guitrys und Cowards Stücke zuweilen psychologisiert sind. Es ist davon auszugehen, dass die drei Boulevardautoren mit den meisten
Direkte wörtliche Übersetzungen in die deutsche Sprache werden in dieser Arbeit, wie hier, durch einfache Anführungszeichen gekennzeichnet.
7 Masch. Diss. Kursivsetzung M.H. an Stelle von gesperrter Hervorhebung bei Knecht.
6
3
ihrer Boulevardstücke die Illusion des Publikums (im Sinne von Inlusion) 8 beabsichtigt
haben.
Für das Boulevardtheater wurde einleitend der Frage nachgegangen, inwiefern
man es als typisches Illusionstheater betrachten kann, das heißt, in welchem Grad in den
Boulevardstücken eine Einfühlung, also eine Identifikation des Publikums mit den Figuren, ermöglicht wird. Welche Merkmale in diesem Zusammenhang der Gattungskonvention des Boulevardtheaters entsprechen, soll nachfolgend geklärt werden.
1.2.
Die Gattung Boulevardtheater
Bartholoméus I : Ces poètes, ces auteurs, qui pondent des œuvres comme on
pond des œufs… Il faut s’en méfier ! Il faut s’en méfier !
(Ionesco: L’Impromptu de l’Alma, 20)
Den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit stellen ausgewählte Stücke der sogenannten Boulevardautoren Goetz, Guitry und Coward dar. Kowzan wirft in Bezug auf die
Gattung die Frage auf: «Mais qu’est-ce que le Boulevard, dans l’esprit du public et de la
critique théâtrale de notre temps ?» (Kowzan 1991, 228). Es ist nicht einfach, darauf eine
allgemeingültige Antwort zu geben, und eine Absicht dieser Arbeit soll sein, in den dramatischen Werken Goetz’, Guitrys und Cowards Hinweise zu ihrem eigenem Verständnis von Boulevardtheater zu finden. Hier soll vorab die Gattung allgemein vorgestellt werden. Der französische Begriff boulevard bedeutete «[zunächst] ‹Festungswerk›, ‹Stadtwall›,
‹Bollwerk› » (Daphinoff 1997, 247). Später bezeichnete er…
die breiten, anfangs ringförmig verlaufenden Straßen in Paris, die an die Stelle der früheren
Festungswälle getreten waren. Seit dem 18. Jh. wird das Wort metonymisch für die publikumswirksamen Stücke verwendet, die in den Privattheatern ‹entlang den Boulevards› gespielt
wurden […].
(Daphinoff 1997, 247)
Die Gattung ist «historisch eng mit der Topographie und der Kulturgeschichte der französischen Hauptstadt» (ebd.) verknüpft. Bei den frühen Boulevardstücken handelte es
sich um eigentliche ‹Jahrmarkttheater›, «Théatres des foires» (Brunet 2005, 6). Sie wurden
nur saisonal aufgeführt. Diese Jahrmärkte brachten Leben in die Stadt: Kleine Läden
und Cafés wurden eröffnet, Handwerker, Händler und Marktschreier mischten sich unter Akrobaten, Jongleure und Komödianten. Die Schauspiele waren zu jener Zeit vielseitiger Art: Pantomimen, Seiltanz, Marionettentheater wurden gezeigt und wilde Tiere zur
Schau gestellt… Im Laufe der Zeit haben sich der Schauplatz und die Gattung aber verändert. Heute versteht man unter einem Boulevardstück Folgendes:
Der Ausdruck Boulevardstück bezeichnet in der Theaterpraxis das Genre der KONVERSATIONSein auf ein gebildetes Großstadtpublikum zielendes Schauspiel komödienhaften
KOMÖDIE:
Voigts Unterscheidung wird in der Arbeit Rechnung getragen, ohne jedoch seine weniger verbreitete
Benennung zu übernehmen. Statt Inlusion wird also von Illusion gesprochen.
8
4
Charakters, das die Übertretung der zwar als einengend empfundenen, aber letztlich bejahten
Normen bürgerlicher Moral zum Gegenstand hat. Darin ist es verwandt der anspruchsvolleren
SITTENKOMÖDIE (als comedy of manners seit dem 17. Jh. auf englischen bzw. als comédie de mœurs
besonders auf französischen Bühnen des 19. Jhs. beheimatet […]), von der es sich durch die
mechanische Wiederholbarkeit der Konflikte und Situationen, die grundsätzliche Typisierung
der Figuren und die Aussparung sozialkritischer Aspekte unterscheidet. In Bezug auf das frz.
Unterhaltungstheater wird nicht scharf unterschieden zwischen Boulevardstück und VAUDEVILLE (wie seit dem späten 17. Jh. kurze, populäre Stücke mit gesungenen […] Couplet-Einlagen
genannt werden […] s. Gidel 1986).
(Daphinoff 1997, 246f.; Hervorh. bei Daphinoff)
Zum Vaudeville gehörten früher also volksliedartige Einlagen (vgl. Gidel 1986, 7). Später
waren diese kein notwendiger Bestandteil der Gattung mehr. Im Gegensatz etwa zu den
Operetten und zur «opéra-comique» war im französischen Schwank der Text besonders
wichtig (vgl. Brunet 2005, 50). Ein bekannter Vertreter des späteren Vaudeville (wobei
dem französischen Begriff etwa der deutsche Terminus ‹Schwank› entspricht) ist Georges
Feydeau (1862-19219) als meistgespielter Schwankautor in Frankreich und im Ausland
(vgl. Brunet 2005, 70).
Ein «Boulevardstück [erweist sich] bis heute nicht nur als außerordentlich bühnenwirksam (ein nicht geringer Wert an sich), sondern auch – bei aller Konstanz seiner
Machart – als erstaunlich wandlungsfähig» (Daphinoff 1997, 248). Inwieweit sich dies in
den metatheatralen Stücken von Goetz, Guitry und Coward manifestiert, wird Teil der
Untersuchung sein. Daphinoff betont, auf Marcel Aymé verweisend, als eine Gemeinsamkeit der Boulevardkomödien – vor allem für die Stücke «seit dem 2. Weltkrieg»
(ebd.) – deren «größere psychologische Glaubwürdigkeit» (ebd.). Dieser Aspekt gilt
meines Erachtens auch für die früher entstandenen Stücke Goetz, Guitry und Cowards,
die sich jedoch in andern Punkten von den genannten Boulevardstücken unterscheiden.
Man kann in dieser Psychologisierung die Bemühung um das Schaffen einer wahrheitsgetreuen Illusion erkennen, was das Publikum zu größerer Einfühlung einlädt.
Manche Zitate aus Goetz’, Guitrys und Cowards Boulevardstücken (aber auch
Aussagen dieser Autoren außerhalb des Theaters) sind sozusagen zu geflügelten Worten
geworden,10 was auch in der «mit Wortspielen und ‹bonmots› operierenden Sprache» der
Komödien begründet ist (ebd., 247). Das Boulevardstück zeichnet sich wie der Schwank
durch einen «witzigen, oft anzüglichen Dialog und den Hang zur Situationskomik» aus
(ebd., 247), «von der […] Posse unterscheidet es sich vor allem durch die Wahl des Milieus (wohlhabendes Bürgertum, in der engl. Variante auch Teile der Aristokratie)» (ebd.).
Dazu gehörten als kontrastierendes Komödienpersonal auch die Diener und KammerLebensdaten nach Brunet 2005, 70.
Die zeigt die Suche auf Internet-Zitatportalen, die viele Treffer zu Goetz, Guitry und Coward liefern,
allzu oft leider ohne genauen Nachweis, aus welchem Werk das entsprechende Zitat entnommen ist.
9
10
5
zofen. Ein weiterer Unterschied des Boulevardstücks zur Posse ist «die größere handwerkliche Sorgfalt, mit der seine verwickelte, temporeiche Handlung durchkomponiert
ist»11 (ebd.). Auf Französisch heißt ein solches Stück «pièce bien faite» (ebd.), «in England
[…] well-made play» (ebd.). Brunet weist darauf hin, das «modèle de la ‹pièce bien faite› »
sei von Scribe eingeführt worden (Brunet 2005, 56). Feydeau entwickelte es weiter
(ebd.): «Accentuant les procédés de Scribe et de Labiche, y ajoutant une maîtrise consommée du quiproquo et du tempo, Feydeau porte l’esthétique du genre à une sorte de
perfection canonique» (ebd., 57). Huber betont: «Boulevardautoren sind […] sehr darum
bemüht, vom äußeren Aufbau her eine straffe Ordnung zu schaffen» (Huber 1985, 195).
Als gemeinsame Züge des Boulevardtheaters oder auch des «bürgerliche[n]
Lachtheater[s]» (vgl. Klotz, 1980) können inhaltlich und formal die meistens «geschickt
orchestrierten Abfolgen von Verwechslungen, Verstellungen und Entlarvungen rund
um das Thema Ehebruch» gelten (Daphinoff 1997, 247). Typisch ist das «Dreieck […]:
Mann, Frau, Geliebter» (Knecht 1970, 13). Knecht (1970) erwähnt (in ihrer Arbeit über
Goetz’ Theater) Sardous Komödie Divorçons als mögliches « ‹Urbild› aller der nun folgenden erotischen Dreieckskomödien […], die ein Sacha Guitry und ein Curt Goetz
später erdichten» (ebd.). Auch viele Komödien Cowards, auf den Knecht indessen kaum
eingeht, passen in diese Kategorie (beispielsweise Hay Fever mit seinen mannigfaltigen
amourösen Verwicklungen).
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das Boulevardtheater in der
Regel die Illusion der Zuschauer begünstigt. Identifikationspotential bieten dem Publikum etwa die in Konflikte des Liebeslebens verwickelten Figuren. Die Einfühlung
kommt beispielsweise durch die (manchmal allerdings überzeichnete) Darstellung von
Alltagsproblemen auf der Bühne zustande, die das Publikum aus eigener Erfahrung
kennt. Die Bereitschaft zur momentanen Identifikation wird in der Komödie dadurch
gesteigert, dass viele Konflikte sich entweder auflösen (beispielsweise durch ein Happy
End) oder zumindest weniger schlimm erscheinen, indem man darüber lacht. Nicht alle
Bühnenfiguren sind jedoch als Sympathieträger konzipiert. Während das Publikum mit
den einen lacht – oft mit den individueller gestalteten Charakteren,12 mit denen es sich
auch stärker identifizieren kann und will - wird über die anderen gelacht. Oft handelt es
An dieser Stelle wird auf Klotz’ Werk Bürgerliches Lachtheater (Klotz 1980) verwiesen.
Ein Charakter zeichnet sich, im Unterschied zum Typus, als «[d]urch große Merkmalsdichte und
-komplexität individualisierte, durchaus auch widersprüchlich profilierte Figur» aus (Fricke/Zymner 1996,
193).
11
12
6
sich bei der letzten Gruppe um Typen13, von denen sich das Publikum eher distanziert als
mit ihnen zu sympathisieren. Das typische Boulevardstück kann man insgesamt auch
aus folgendem Grund tendenziell dem Illusionstheater zurechnen (vgl. Kowzan 1991,
230), nämlich weil sich die typischen Boulevardkomödien etwa von Scribe, Labiche und
Sardou durch «einen straffen, an klassizistischen Mustern orientierten Aufbau» auszeichnen (Daphinoff 1997, 248). Huber betont ebenfalls: «Das Boulevardtheater-Stück
bevorzugt das Ausgeglichene im Schema, das Regelmäßige anstelle des Offenen» (Huber
1985, 197). Traditionell weisen solche geschlossenen Dramen keinerlei Brüche auf.
Neben dem Illusionstheater gibt es eine andere Traditionslinie, nämlich offene
Dramen, die sich durch «Selbstreflexivität bzw. Selbst-Bewußtheit» auszeichnen (Vieweg-Marks 1989, 14). Die Illusion wird darin also gebrochen. Bei einem solchen Theaterstück handelt es sich jeweils um ein «Drama über das Drama, d.h. in der Kunstform
Drama werden Eigenheiten eben dieser Kunstform thematisiert, bloßgelegt oder […]
angesprochen» (ebd.). Solche Formen werden in der vorliegenden Arbeit unter dem
Oberbegriff Metatheater vereint. Als spezielle Untergruppe gehören hierzu beispielsweise
alle Bühnenwerke, die ein Theater im Theater enthalten (dieses wird in einigen Studien
Spiel im Spiel genannt, wobei die beiden Begriffe nicht immer als Synonyme verwendet
werden – zur Begriffsdefinition, siehe Kap. 2.). Allgemein wird unter Theater im Theater
die Aufführung eines weiteren Bühnenwerks innerhalb eines Dramas verstanden,
wodurch den Zuschauern die Theatralität bewusst gemacht wird.14
Kowzan hat in einem 1991 publizierten Artikel darauf hingewiesen, dass sich in
mindestens 24 von Guitrys Bühnenwerken Elemente des Metatheaters nachweisen liessen (Kowzan 1991, 228).15 Diesen Artikel hat er 2006 mit kleinen Modifikationen im
umfassenden Werk Théâtre Miroir: Métathéâtre de l’Antiquité au XXIe siècle publiziert – welches damit eines der wenigen Werke ist, das auch auf die Metatheatralität im Boulevardtheater vor dem Ersten Weltkrieg, insbesondere in Bezug auf Guitry, eingeht (vgl.
Kowzan 2006, 41-5316). Das Theater im Theater erscheint Kowzan grundsätzlich als «un
Typenkomik soll hierzu definiert werden als «erheiternde Wirkung wiederkehrender, karikierend übertriebener Absonderlichkeiten einer Bühnenperson, die […] eine Gruppe – wie ‹Geizige›, ‹Heuchler› oder
‹Eingebildete Kranke›– repräsentiert […]» (Fricke/Salvisberg 1997, 279).
14 Prominente Vertreter des Metatheaters sind (unter vielen anderen) etwa Shakespeares Hamlet (~1602) –
datiert nach Schöpflin (1993, 255), Molières Impromptu de Versailles (1663; vgl. ebd., 318) sowie Tiecks
Dramen, beispielsweise Der gestiefelte Kater (1797; vgl. ebd., 88) und Die verkehrte Welt (1798; vgl. ebd., 92).
15 Es handelte sich um einen Vortrag unter dem Titel «Sacha Guitry au-delà du Boulevard» aus dem Jahre
1990 (vgl. Kowzan 1991, 229). Dieser Vortrag wurde im Mai 1991 als Artikel in den Cahiers de l’Association
internationale des études françaises abgedruckt (siehe Kowzan 1991, 229-246).
16 Kowzan (2006) erwähnt Guitry zudem kurz auf den folgenden Seiten: 160, 264f., 212, 214f., 237, 275,
294f. (dort werden verschiedene Stücke über den Mimen Deburau erwähnt), 300f., 329. Außerdem geht
13
7
élément plutôt étranger aux stéréotypes boulevardiers» (Kowzan 1991, 230; vgl. Kowzan
2006, 41). Er relativiert seine Aussage aber: «Au moins, il leur était étranger jusqu’au milieu du XXe siècle, c’est-à-dire du vivant de Sacha Guitry» (ebd.). Kowzans Publikation
stellte den Auslöser dar, mich auf die Suche nach weiteren metatheatralen Stücken von
Boulevardautoren zu begeben, die sich mit jenen Guitrys vergleichen lassen.
Tatsächlich finden sich einige metatheatrale Stücke etwa zur gleichen Zeit im
deutschen Boulevardtheater bei Curt Goetz. Sie bilden einen Kontrast zu denjenigen
seiner Komödien, welche auf das Spiel mit der Illusion verzichten. Dies gilt beispielsweise für sein Erfolgsstück Ein Haus in Montevideo (1945), das ein typisches Ilusionstheater darstellt.17 Auf der Parallele bezüglich metatheatraler Strukturen in Goetz’ und
Guitrys Werken beruhte die Idee, die beiden Autoren und ihren Umgang mit der Metatheatralität zu vergleichen, ein Vorhaben, das ich erstmals im Rahmen meiner Lizentiatsarbeit verfolgt habe.18 Gestützt auf deren Analysen wurde das Thema für die Dissertation erweitert, so dass die Frage aufkam, ob metatheatrale Formen bei einem weiteren
Boulevardautor derselben Zeit vorkommen, der sich als Dritter im Bunde für eine vergleichende Analyse eignen würde. Dabei lag Noël Coward als bekannter Vertreter des
englischsprachigen Boulevardtheaters eigentlich auf der Hand, denn Goetz, Guitry und
Coward werden oft miteinander in Verbindung gebracht (siehe Kap. 1.3.). Aber würden
sich, analog zu Goetz und Guitry, auch bei Coward metatheatrale Stücke finden?
1.3.
Fragestellung und Aufbau der Arbeit
Einen Hinweis auf das Vorhandensein metatheatraler Aspekte bei Coward liefert Hahns
Studie aus dem Jahre 2004:
Cowards Weltsicht war eine theaterzentrierte, wie sich am deutlichsten in den Stücken zeigt,
die explizit von Schauspielern oder Schauspielerinnen handeln, zum Beispiel Hay Fever, Present
Laughter oder Waiting in the Wings […]. Sie entfaltet sich aber im gesamten Spektrums des Spiels
im Spiel, zum Beispiel wiederum in Hay Fever oder Cavalcade […] und letztendlich im ständig (in
allen Stücken) präsenten und vielfach direkt thematisierten Rollenspiel der Figuren – bewusst
bei den insider-Figuren der talentocracy19 oder unbewusst und von der Gesellschaft vorgegeben im
Falle der outsider-Figuren.
(Hahn 2004, 41f.)
Kowzan auf eine One Man Show von Jean Piat über Guitry mit dem Titel De Sacha à Guitry ein (hier geht
es also nicht um Guitrys eigene Stücke), siehe ebd., 238f.
17 Datierung nach: Knecht 1970, 216 – die Uraufführung fand am New Yorker Broadway statt unter dem
Titel It’s a gift (vgl. ebd.). Der Nachweis der Datierung wird konsequent mindestens bei der ersten Erwähnung der Stücke angegeben. Meistens bezieht sich das Datum auf die Erstaufführung (wobei auf Abweichungen explizit hingewiesen wird).
18 Mirjam Hurschler (2004): Selbst-Reflexion des Boulevards. Studien zum Metatheater bei Curt Goetz
und Sacha Guitry. Lizentiatsarbeit (BCU UM 2004.211) Universität Freiburg (CH).
19 Anm. bei Hahn. Hahn erwähnt hier, dass John Lahr den Begriff talentocracy geprägt habe. Sie verweist
zum Begriff auf: John Lahr (1982): Coward the playwright. London, 42.
8
Auf diese Weise ließ sich Coward oder vielmehr sein Werk in die komparatistische Studie integrieren. Deren Gegenstand ist also die systematische Untersuchung metatheatraler Techniken und der Vergleich des Metatheaters in den Bühnenwerken Goetz’,
Guitrys und Cowards. In der vorliegenden Studie gilt es zu klären, ob und auf welche
Weise in Cowards Stücken tatsächlich eine Entfaltung des ganzen «Spektrums des Spiels
im Spiel» zum Tragen kommt (vgl. Hahn 2004, 41). Daneben interessiert auch, inwiefern
bezüglich Cowards Einsatz metatheatraler Formen Parallelen zu Goetz und Guitry hergestellt werden können. In der Arbeit soll folgenden leitenden Fragestellungen nachgegangen werden:

Welche Parallelen und Unterschiede lassen sich bezogen auf den Einsatz metatheatraler Techniken durch Goetz, Guitry und Coward feststellen? Inwiefern
wird damit auch Komik erzeugt? Welche anderen Funktionen hat die Metatheatralität in den untersuchten Boulevardstücken und welche Aussagen über das
Theater lassen sich daraus ableiten?

Inwiefern lässt sich aus metatheatralen Stücken der Boulevardtheaterautoren
Curt Goetz, Sacha Guitry und Noël Coward mithilfe einer Dramentextanalyse
eine «inszenierte Poetik» des (Boulevard-)Theaters ableiten (bzgl. Begriff; vgl.
Zaiser 2009, 7)?
Das Textkorpus, das der Analyse als Grundlage dient, stützt sich einerseits auf die Zusammenstellung metatheatraler Texte bei Guitry durch Kozwan (1991, 229-246), andererseits auf Hahns Hinweise auf metatheatrale Stücke bei Coward (vgl. Hahn 2004, 41f.)
– wobei von Guitry und Goetz noch weitere Dramentexte berücksichtigt worden sind,
die in Bezug auf die Fragestellung als relevant erschienen – entscheidend für die Auswahl war das Kriterium der Metatheatralität. Dazu wurden Goetz’ sämtliche Bühnenwerke
in Bezug auf metatheatrale Aspekte analysiert – worunter sich auch ein paar zu Lebzeiten nicht aufgeführte oder nur selten gespielte Stücke befinden. Wo sich das in Bezug
auf das Thema anbietet, sollte außerdem auf Goetz’ Übersetzungen von Cowards Stücken verwiesen werden.
Um Parallelen, aber auch Unterschiede in Bezug auf die verwendeten metatheatralen Techniken bei den drei Boulevardautoren aufzuzeigen, ist die Arbeit nach formalen Kriterien angeordnet: Nach dem einführenden Teil und der Begriffsdefinition werden ab Kapitel 4 zunächst Boulevardstücke von Goetz, Guitry und Coward vorgestellt,
die ein eigentliches Theater im Theater als sozusagen vollständige Form enthalten. Im
Rahmen dieser Kapitel wird zugleich auf zusätzliche metatheatrale Formen hingewiesen,
9
die die Binneneinlage begleiten, und auch auf einige inhaltliche Aspekte eingegangen,
um für die Leserschaft eine gewisse thematische Kontinuität zu gewährleisten. Im zweiten Teil ab Kapitel 10 wenden wir uns denjenigen Stücken zu, die zwar metatheatrale
Formen, aber keine eigentliche Theatereinlage aufweisen. Um die zu untersuchenden
Stücke nach metatheatralen Kategorien zu ordnen, wird auf ein «ahistorisches und auf
Metadramen verschiedener Epochen anwendbares Analysekonzept» zurückgegriffen
(Vieweg-Marks 1989, 7), wie es Vieweg-Marks’ Arbeit und weiteren Studien zur Metatheatralität zugrunde liegt. Präsentiert werden die also Stücke nicht etwa angeordnet
nach Autor oder Chronologie ihrer Entstehungszeit. Im letzten Teil der Arbeit werden
im Sinne einer Poetik des Boulevardtheaters metatheatrale Aussagen über die einzelnen
Konstituenten des Boulevardtheaters wiedergegeben, diesmal nach inhaltlichen Themengebieten organisiert (siehe unten, Kap. 11).
Beim Herausarbeiten einer «inszenierte[n] Poetik»20 (Zaiser 2009, 7) soll beispielsweise darauf geachtet werden, auf welche Weise die «Aufgaben des Schauspielers
und des Theaters» auf der Bühne gezeigt werden (Kokott 1968, 23a). Dazu gehört die
Auslegung der Elemente, die der zur Aufführung bestimmte Dramentext den Zuschauern (respektive den Dramenlesern)21 über das Boulevardtheater bekanntgibt. Es geht also
darum aufzuzeigen, auf welche Weise der Autor «dem Publikum seine Auffassung vom
Theater» (ebd.) durch den Rückgriff auf metatheatrale Formen, implizit oder explizit,
übermittelt. In dieser Arbeit wird dabei vor allem, aber nicht ausschließlich der metatheatrale Bezug auf das Boulevardtheater untersucht. Dabei geht es nicht darum, eigentliche Autoren-Intentionen zu unterstellen, es geht vielmehr um das Herausarbeiten einer
möglichen, aus dem zur Inszenierung bestimmten Dramentext abgeleiteten «Poetik des
Theaters» (vgl. Zaiser 2009, 41). Diese soll durch eine Dramentextinterpretation der
ausgewählten Stücke anhand einer Analyse von metatheatralen Formen rekonstruiert
werden. Sie muss sich keineswegs mit einer wirklichen Autoren-Intention decken, da es
sich dabei um ein Konstrukt von mir als interpretierender Dramenleserin handelt.
Herangezogen für das Herausarbeiten dieser möglichen «Poetik des Theaters»
(ebd.) werden in der Regel der Haupttext und auch der Nebentext (wodurch bis zu einem gewissen Grad auch dem Inszenierungsaspekt Rechnung getragen wird). Ehlers
gibt zu bedenken, dass man eigentlich ohne eine Analyse der entsprechenden InszenieUrsprünglich zurückzuführen ist der Begriff bekanntlich auf Die Poetik von Aristoteles. Die Bezeichnung inszenierte Poetik bei Zaiser bezieht sich im metaliterarischen Sinne nicht nur auf das Drama (vgl. Zaiser 2009, 58).
21 Die weiblichen Vertreterinnen sind in dieser Arbeit selbstverständlich stets mitgemeint. Oft wird in dieser Arbeit aus ökonomischen Gründen das generische Maskulinum für Frauen und Männer verwendet.
20
10
rungen «über die tatsächliche Illusionswirkung solcher [metatheatraler] Stücke keine
Aussage treffen» kann (Ehlers 1997, 22). Denn «[d]er Charakter der potentiellen Aufführung ist dem Text unbekannt» (ebd.). Dennoch sollen in dieser Arbeit nur diejenigen
metatheatralen Formen analysiert werden, die sich im Haupt- oder auch Nebentext manifestieren, zumal gerade die metatheatralen Stücke der Boulevardautoren nur noch selten gespielt werden. Außerdem wären konkrete Daten über die Illusionswirkung schwierig zu erheben. Vieweg-Marks formuliert die Problematik des Einbezugs der Aufführungssituation in die metatheatrale Analyse zutreffend:
Zwar können Selbst-Bewußtheit des Mediums Theater, Problematisierungen seiner illusionären
Natur auch durch textexterne Mittel wie [durch den] Inszenierungsstil […] evoziert werden, all
diese Aspekte – und dazu gehören auch individuelle Inszenierungen – zu berücksichtigen,
würde jedoch entweder das Zurückgreifen auf einen unübersehbaren Fundus an historisch variablen Daten verlangen oder wiederum Pauschalisierungen zur Folge haben.
(Vieweg-Marks 1989, 16)
«Da weder das eine noch das andere erwünscht ist» (ebd.), sieht Vieweg-Marks für ihre
eigene Studie Metadrama und englisches Gegenwartsdrama von einer «Behandlung textexterner Formen der dramatischen Selbstreflexion» ab (ebd.). Dieser Weg soll auch in der
vorliegenden Arbeit beschritten werden. Ganz punktuell können dramentheoretische
Schriften der Boulevardautoren hinzugezogen werden, um die Analyse des Dramentexts
zu ergänzen. Etwas häufiger wird auch der Paratext (zum Beispiel Widmungen) berücksichtigt. Solche nicht-fiktionalen Dokumente sollen vereinzelt konsultiert werden, um zu
prüfen, inwieweit eine abgeleitete Hypothese im Sinne einer aufgeführten Poetik plausibel erscheint. Von der Analyse weitgehend ausgeschlossen werden indessen (auto)biografische Schriften, obwohl ihnen durchaus Einzelheiten zu den Aufführungsbedingungen entnommen werden können.
1.4.
Die Autoren Goetz, Guitry und Coward
Goetz, Guitry und Coward werden durch ihr ungefähr gleichzeitiges Wirken und als
Vertreter der Boulevardtheatertradition ihres Landes (oder vielmehr eines ganzen
Sprachraumes) oft miteinander in Verbindung gebracht, wie einige Beispiele verdeutlichen sollen. Im Nachruf auf Curt Goetz (publiziert am 21. September 1960) vergleicht
Der Spiegel Goetz explizit mit Guitry und Coward: «Curt Goetz, dem zum deutschen Oscar Wilde gewiß noch einiges fehlte, wäre aber vielleicht auch hierzulande höher eingeschätzt worden, wenn er immerhin Sacha Guitry oder Noel [sic] Coward geheißen hätte
(den er übersetzte)»22 (O.V. In: Spiegel 39 (1960), 83). 23 Es wird hier angesprochen, dass
Gelegentlich wird auch in anderen Publikationen das Trema von Noël weggelassen – um den Lesefluss
nicht zu stören, wird nicht systematisch auf diese Abweichung hingewiesen.
22
11
Goetz als ein den beiden anderen ebenbürtiger Boulevardautor angesehen werden kann,
ihm jedoch in Deutschland zu diesem Zeitpunkt weniger Anerkennung zugekommen zu
sein scheint als Guitry in Frankreich und Coward in England (oder sogar als Guitry und
Coward in Deutschland) – damit wird insbesondere auf das «Nachlassen des GoetzErfolges» in den Jahren vor seinem Tod angespielt (ebd.). Der Nachruf lässt aber unerwähnt, dass auch Guitry Ende der 40er Jahre an Popularität einbüßte, als sich das Publikum für Theaterautoren wie Sartre oder Camus, bald darauf auch Ionesco zu begeistern
begann (vgl. Simsolo 1988,119f.). Über Coward schreibt Hahn desgleichen, dass er
«nach dem zweiten Weltkrieg […] von den Kritikern fast einhellig abgelehnt» worden sei
(Hahn 2004, 6),24 wobei Coward später (rund drei Jahre nach Goetz’ Tod) wiederum an
frühere Erfolge anknüpfen konnte (vgl. ebd.).
Tatsächlich war Goetz auch in seinen erfolgreichen Zeiten auf internationaler
Ebene (zumindest außerhalb des deutschsprachigen Raumes) weniger bekannt als
Guitry und Coward, deren Stücke übersetzt und über die Landesgrenzen hinaus gespielt.
Auch in den USA scheint Goetz während der Zeit seines Exils weniger erfolgreich gewesen zu sein als zuvor im deutschsprachigen Europa. Knecht postuliert jedoch, Goetz
sei «der einzige deutsche Boulevarddramatiker, der den französischen Autoren dieses
Genres ebenbürtig» sei (Knecht 1970, 19). Er wird von Grange in einem später
erschienenen Artikel mit Coward verglichen: «Goetz was, by 1933, one of the German
theatre’s most popular and successful artists, one whom critics labeled ‹the German Noël Coward› » (Grange 1998, 15). Grange führt dies auch auf Goetz’ Übersetzung von
Cowards Stücken zurück:
Audiences associated his name with Coward’s in the Weimar Republic years when he translated several of Coward’s comedies into successful German versions. He then wrote some of his
own with distinct “Cowardly” dimensions.
(Grange 1998, 16)
Hier wird eine wichtige, direkte Beeinflussung angesprochen: Goetz hat sich durch seine
Übersetzungen (siehe unten) zweifellos sehr intensiv mit Cowards Werk auseinandergesetzt.
In seiner Publikation Noël Coward – A biography erwähnt Hoare ein Treffen
zwischen Guitry und Coward: «Coward and Jack Wilson […] stopped off in Paris to
meet the playwright Sacha Guitry, with whom Noels Work was often compared» (Hoare
O.V.: Nachruf. Curt Goetz 17.XI.1888 – 12.IX.1960. In: Spiegel 39 (1960), 83 [Onlinefassung]. URL:
<http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43066868.html> (22.05.2013).
24 Catsiapsis gibt dafür folgende Erklärung ab: «En Angleterre surtout, au sortir des épreuves de la guerre,
les spectateurs qui s’apprêtait à applaudir en 1956 Look Back in Anger de John Osborne ne comprenaient
plus les frivolités parfois irritantes de la société […] de l’avant-guerre entièrement préoccupée de plaisirs et
de superflu» (Catsiapsis 1981, 87).
23
12
1998, 223). In einer Anmerkung ergänzt Hoare (vgl. ebd.), tatsächlich sei Cowards Stück
I’ll leave it to you bereits im Juli 1920 mit Guitrys Werk in Verbindung gebracht worden,
und zwar in einer Kritik im Magazin Time and Tide (vgl. ebd.), denn Guitry war im Jahr
1920 im Stück Nono in London aufgetreten (vgl. ebd.).
Morelle schreibt im Artikel der Encyclopædia Universalis über Coward: «Il peut-être
considéré comme le Sacha Guitry de l’Angleterre» (Morelle [o.J.]).25 Auch Catsiapsis
(1981, 83) nennt Coward «le Sacha Guitry anglais». Aufgrund der erwähnten Übereinstimmungen kann jedoch nicht a priori davon ausgegangen werden, dass sich auch in Bezug auf das Metatheater der drei Boulevardautoren Ähnlichkeiten finden.
Guitry (21.2.1885 – 24.7.1957),26 Goetz (17.11.1888 – 12.9.1960)27 und Coward
(16.12.1899 – 26.3.1973)28 können als Angehörige der gleichen Generation betrachtet
werden, auch wenn Guitry vierzehn Jahre älter ist als Coward. Jeder von ihnen steht als
«Schauspieler, Autor und Regisseur […] in einer Reihe mit anderen großen Komödianten, die gleichfalls in dreifaltiger Personalunion Theater-, [manche] später auch Filmgeschichte schrieben»(Renaissancetheater [o.J.]).29 Dazu gehören neben den drei Boulevardiers etwa «Molière, Chaplin» (vgl. ebd.), Shakespeare, Schikaneder, Lortzing, Axel von
Ambesser und Dario Fo. Kowzan schreibt über Guitry :
Homme de théâtre complet: comédien, auteur dramatique, metteur en scène, directeur de
théâtre, mais aussi fils d’un couple d’acteurs et mari de comédiennes, il a voulu peindre le milieu dans lequel il fut plongé depuis sa naissance et dont il connaissait tous les secrets.
(Kowzan 1991, 231)
Goetz, Guitry und Coward kannten die Theaterpraxis aus nächster Beteiligung. Sir Noël
Coward30 war im Gegensatz zu den anderen beiden Boulevardautoren zusätzlich noch
«Komponist […] Sänger und Kabarettist» (Hahn 2004, 1). Bezüglich der Biographie bestehen weitere Ähnlichkeiten zwischen den Boulevardautoren: Wie Guitry leitete Goetz
selbst eine Bühne31 und war ebenfalls mit Schauspielerinnen verheiratet, in erster Ehe
25 Morelle [o.J.]: Coward Noel – (1899-1973). In: Encyclopædia Universalis. [Onlinefassung]. URL:
<http://www.universalis-edu.com/encyclopedie/noel-coward/> (22.05.2013).
26 Lebensdaten nach: Bernard/Paucard 2002, 13.
27 Lebensdaten nach: Goetz/von Martens 1963, 481.
28 Lebensdaten nach: Catsiapsis 1981, 83.
29 Renaissancetheater Berlin [o.J.]: Geschichte des Renaissancetheaters. Das Renaissancetheater und Curt
Goetz. [Onlinefassung]. URL: <http://www.renaissance-theater.de/cms.php?id=18> (22.05.2013). Die
angesprochene Dreifachfunktion wird bei Guitry im Vorspann zum Film Je l’ai été trois fois (1952) thematisiert: «[…] une grosse voiture amène Guitry. Il sort trois fois de la voiture: en auteur, en acteur et en metteur en scène» (Simsolo 1988, 143; zur Datierung des Films vgl. ebd., 152).
30 1970 wurde Coward geadelt (vgl. Hahn 2005, 221).
31 «Es war ein Jugendtraum meines Mannes, eine Bühne zu führen», schreibt Valérie von Martens über
Goetz (Von Martens 1963, 21). Sie berichtet, dass er für seine Theatertruppe zusammen mit dem «Bühnenmeister und Requisiteur» Max Tourneen in Form von Ensemble-Gastspielen organisierte (vgl. ebd.,
23-25, hier 25). Gemeint ist Max Kaufmann.
13
mit der Schauspielerin Erna Nitter (vgl. Marschall 2005, 729-731).32 1923 heiratete er die
österreichische Schauspielerin Valérie von Martens (vgl. ebd.), die zu einem wichtigen
Mitglied seines Schauspielerensembles wurde. Auch Coward führte Regie. Goetz und
Coward stammen nicht aus einer eigentlichen Schauspielerfamilie wie Guitry, dessen
Vater Lucien bereits ein bekannter Schauspieler war, als Sacha geboren wurde.33
Guitry war fünfmal verheiratet. Seine Gattinnen waren immer auch seine Bühnenpartnerinnen. Es handelt sich um: Charlotte Lysès, Yvonne Printemps, Jacqueline
Delubac, Geneviève de Séréville und Lana Marconi (vgl. Bernard/Paucard 2002, 14f.).
Ähnlich wie Valérie von Martens, welche die Memoiren von Goetz fertigstellte und
publizierte,34 gab Geneviève de Séréville ein Werk über ihren Ex-Mann heraus, welches
unter dem Titel Sacha Guitry mon mari 1959 bei Flammarion erschien.35
Goetz, Guitry und Coward schrieben Stücke und Rollen immer auch für sich
selbst (und im Falle von Guitry und Goetz für ihre jeweiligen Lebens- und Bühnenpartnerinnen). Eine wichtige Bühnenpartnerin Cowards war beispielsweise Gertrude
Lawrence, die er bereits als Kinderstar kennenlernte (vgl. Hahn 2004, 217). Cowards
langjähriger Freund und Partner, auch auf der Bühne, war Graham Payn. Sein Privatleben hielt Coward teilweise verborgen – wohl auch wegen der fehlenden Toleranz und
der damals «drohenden strafrechtlichen Verfolgung aufgrund seiner Homosexualität»
(Hahn 2004, 22). Da man sich für den Star interessierte, gab es sehr viele Werke über
Cowards Leben: «Die Zahl der Biographien überwiegt die Zahl der werkbezogenen
Monografien» (Hahn 2004, 10). Cowards Lebenspartner Graham Payn etwa hat 1995
das Werk My Life with Noël Coward publiziert. Auch dieses Interesse am Privatleben des
Schauspielers gehört zum Phänomen Boulevard: So sind unter den Befragten am deutschen Boulevardtheater der 1980er Jahre «annähernd sechzig Prozent aller Darsteller der
32 Marschall (2005): Curt Goetz. In: Kotte (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz. Bd. 1. Zürich, 729-731.
[Onlinefassung]. URL: <http://tls.theaterwissenschaft.ch/wiki/Curt_Goetz> (22.05.2013).
33 Jedoch war Goetz’ Großvater mütterlicherseits, Wilhelm Rocco, als «Schauspieler und Schriftsteller» tätig, wie Goetz im ersten Teil seiner Memoiren schreibt (Goetz 1960, 40). Lange Zeit habe Goetz zwischen
der Liebe zur Medizin und der Liebe zum Theater geschwankt – der Großvater väterlicherseits, Bernhard
Goetz, war Augenarzt (ebd., 39). Goetz’ Memoiren sind mit Vorsicht zu lesen, da er dort mit Fiktion und
Wirklichkeit spielt, sich also keineswegs nur an die Fakten hält. «Goetz stellt den Wahrheitsanspruch seines Werkes und damit auch den der Gattung ganz offen ironisch in Frage» (Seifener 2005, 98).
34 Wie ungewöhnlich diese Weiterführung der Memoiren durch eine andere Person, in diesem Fall Goetz’
Ehefrau, bezogen auf die autobiographische Gattung ist, kann man dem Werk von Seifener (2005) entnehmen.
35 Geneviève de Séréville-Guitry (1959): Sacha Guitry mon mari. Paris. Diesem Werk schließt sich eines
von Jacqueline Delubac (1976) an: Faut-il épouser Sacha Guitry ? (Angaben nach Bernard/Paucard 2002,
231). Valérie von Martens publizierte neben den Memoiren weitere Werke über ihren Mann, beispielsweise den Fotoband Das Große Curt Goetz Album. Bilder eines Lebens (1968).
14
Überzeugung, das Publikum interessiere sich im Moment der Aufführung mehr für die
Person des Stars als für seine Rollenfigur» (Huber 1985, 373).36
Neben dem Theater galten sowohl Cowards als auch Guitrys und Goetz’ Interessen auch dem Kino: Stücke der drei Autoren wurden verfilmt. Sie waren alle Drehbuchautoren und haben selbst Filmregie geführt, allerdings nicht bei all ihren verfilmten
Werken. Goetz und Guitry drehten zuerst Stumm-, später dann Tonfilme.37 Coward
führte ab dem Film This Happy Breed (UK 1944) Regie.
Die hier übermittelten Informationen zum Leben und zum Tätigkeitsfeld der
Autoren sollen eine Hilfestellung für das Verständnis der Epoche und des Boulevardtheaters bieten.38 Durch die enge Verbindung ihrer Biographie mit dem Theater und der
Schauspielerei mag sich Goetz’, Guitrys und Cowards besonderes Interesse erklären,
dem Zuschauer die Aufführungssituation durch Verweise auf das Theater oder metatheatrale Einlagen in ihren Stücken zu vergegenwärtigen. Auch Kowzan äußert diesen Gedanken (vgl. Zitat oben), relativiert diese Ansicht (in Bezug auf Guitry) jedoch wieder:
Cela n’est pas la seule explication de ce penchant; d’autres hommes de théâtre, aussi universels
que lui [=Guitry; M.H.], n’ont nullement exploité dans leur création ce côté biographique. Il
s’agit donc, en ce qui concerne Guitry, d’un choix délibéré de procédés dramaturgiques ou
structuraux pour mieux servir son œuvre. Et ils l’ont servie, me semble-t-il, d’une façon très efficace.
(Kowzan 1991, 231)
Die Tatsache, dass ungefähr zur gleichen Zeit entstandene Boulevardstücke dreier Autoren metatheatrale Aspekte aufweisen, stellt eine lohnende Ausgangslage für einen komparatistischen Vergleich dar – umso mehr, als Goetz, Guitry und Coward Vertreter des
Unterhaltungstheaters verschiedener Sprachregionen und unterschiedlicher Nationalliteraturen sind. Es soll auch untersucht werden, inwieweit das Entstehen von Komik in einen Zusammenhang mit metatheatralen Techniken gebracht werden kann, denn Schmeling weist darauf hin, dass das Theater im Theater «mit fast allen Formen des komischen
Genres kombinierbar» sei (Schmeling 1977, 18), was die Vermutung nahelegt, dass die
Metatheatralität komische Effekte erzeugen kann. Speziell wird auf parodistische Elemente verwiesen.
Vor der eigentlichen Untersuchung soll nochmals die Frage aufgegriffen werden,
inwiefern eine mehr oder weniger direkte Beeinflussung der drei Autoren untereinander
Huber verweist hier auf seinen Fragebogen.
Zu Guitry siehe Simsolo 1988, Filmographie, 171-173. Zu Goetz, siehe International Movie Database
[o.V.] (2013), nachfolgend IMDb genannt: Curt Goetz (1888-1960). Director. Filmography. [Onlinefassung]. URL: <http://www.imdb.com/name/nm0324506/#Director> (22.05.2013). Diejenigen Filme,
welche sich auf in dieser Arbeit besprochene Bühnenwerke stützen, werden zudem in Kap. 11.7. in einer
Anmerkung aufgelistet.
38 An späterer Stelle wird indessen nur noch vereinzelt auf die Biographie der Autoren eingegangen.
36
37
15
möglich wäre – was mit dieser Arbeit in keiner Weise postuliert werden soll und wovon
grundsätzlich nicht ausgegangen wird. Das Boulevardtheater steht bekanntlich in einem
Zusammenhang mit Paris und der französischen Unterhaltungskultur. Darum werden
Coward und Goetz, die sich als Vertreter dieser Boulevardtradition verstanden, möglicherweise mit Werken Guitrys oder seiner Vorgänger vertraut gewesen sein. Es muss
davon ausgegangen werden, dass zumindest Goetz eher die Filme als die Theaterstücke
von Guitry kannte, denn Simsolo schreibt: «Guitry a toujours refusé que ses pièces
soient jouées outre-Rhin» (Simsolo 1988, 86). Wann genau Guitry dieses Verbot verhängte, ist der Quelle allerdings nicht zu entnehmen. Es ist davon auszugehen, dass dies
erst nach Beginn des Zweiten Weltkriegs der Fall war – denn Guitrys Musiktheater Mariette ou comment on écrit l’histoire wurde beispielsweise in deutscher Fassung unter dem Titel Marietta noch 1929 in Berlin aufgeführt.39 Guitrys Filme sind auf jeden Fall auch in
Deutschland gezeigt worden, denn Simsolo weist darauf hin, deutsche Offiziere hätten
Guitry in der Zeit des Dritten Reiches kennen lernen wollen,40 da er ihnen durch seine
Filme bekannt gewesen sei (vgl. Simsolo 1988, 86).41 Umgekehrt wurden jedoch auch
deutsche Filme einem französischen Publikum zugänglich (vgl. Simsolo 1988, 92f.). So
ist es nicht ausgeschlossen, dass in Paris Filme gezeigt wurden, die sich auf Goetz’
Drehbücher stützten (Hokuspokus etwa war bereits 1930 von Ucicky verfilmt worden).
Sacha Guitry und Alfred Grünwald: Marietta (1929). Deutsche Fassung: Vgl. Operone [o.J.]: Bühnenwerke mit Musik. Straus, Oscar Nathan. (* 6. März 1870 in Wien † 11. Jan. 1954 in Bad Ischl). Bühnenwerk. II. Operetten. [Onlinefassung]. URL: <http://www.operone.de/komponist/straus.html>
(22.05.2013).
40 Solche Kontakte wurden ihm bekanntlich zum Verhängnis. Es war zu keiner Zeit Ziel dieser Arbeit, der
Rolle der drei Boulevardautoren während des Zweiten Weltkriegs im Detail nachzugehen, obschon damit
zweifellos – auch in Bezug auf die Funktion des Theaters im Krieg – wichtige moralische Fragen verknüpft wären. Das Thema wird in dieser Arbeit nur gestreift. Verwiesen sei zu dieser Frage auf Arbeiten,
die sich spezifisch mit dem Theater in Frankreich zur Zeit der Besatzung, also auch mit dem Fall Guitry,
beschäftigen, darunter: Kathrin Engel (2003): Deutsche Kulturpolitik im besetzten Paris 1940-1944: Theater und Film. Oldenburg; Edward Boothroyd (2009): The Parisian Stage during the occupation, 19401944. A theatre of resistance? Doctoral thesis. University of Birmingham. [PDF-Onlinefassung]. URL:
<etheses.bham.ac.uk/345/1/boothroyd09PhD.pdf> (22.05.2013).
Mit der Gesellschaftskritik in Goetz’ Stücken setzt sich Geissler (1984) kritisch auseinander. Goetz’ Rolle
im Zweiten Weltkrieg thematisiert Grange (1998). (Siehe auch: William Grange (1996): Comedy in the
Weimar Republic. A chronicle of congruous laughter. Westport, Connecticut (u.a.) oder: Grange (2006):
Hitler Laughing. Comedy in the Third Reich. Lanham, MD.) Einen kritischen Blick auf Goetz’ Exil werfen zudem Elfe (1976, 383-392) und – bezogen auf die Autobiographie auch Seifener (2005) in seinem
Werk Schauspieler-Leben – Autobiographisches Schreiben und Exilerfahrung (siehe z.B. Seifener 2005, 194f.).
41 Dank des Kontakts mit der deutschen Besatzungsmacht hat Guitry für sich und seinen jüdischen
Freund Henri Bergson (dem Autor von Le rire) einen ‹Passierschein› («laissez-passer») erwirken können
(Simsolo 1988, 86). Aktionen dieser Art, immer im Dienste des Theaters, sind wohl der Grund, weshalb
Guitry 1944 Kollaboration vorgeworfen wurde, was zu seiner Festnahme führte. Er wurde aber aufgrund
mangelnder Beweise vom Vorwurf der Kollaboration freigesprochen (vgl. ebd., 103).
39
16
Guitry und Coward sprachen wahrscheinlich kein Deutsch (zumindest finden
sich diesbezüglich keine Anhaltspunkte).42 Dadurch ist es eher unwahrscheinlich, dass
sie Goetz’ Dramen kannten. Diese wurden nämlich nicht «ins Französische und ins
Englische ‹übersetzt› », wie von Martens schreibt (Goetz/von Martens 1963, 122). Von
Martens vergisst hier die englischen Übersetzungen für die Drehbücher zu erwähnen,
die möglicherweise nicht von Goetz stammen. Ebenso fehlt das auf Englisch aufgeführte Stück Ein Haus in Montevideo (vgl. Grange 1998, 16). Auf Englisch verfilmt wurden
z.B. Dr. med. Hiob Prätorius und Hokuspokus – siehe unten, Kapitel 11.7.).
Goetz scheint über gute passive Französischkenntnisse verfügt zu haben, denn
er übertrug ein Stück von Jacques Deval ins Deutsche. 43 So entstand Goetz’ Bearbeitung
Towárisch (1935) nach Devals Vorlage Tovaritch (1934), (siehe auch Corvin 1989, 37).44
Valérie von Martens betont dazu, jede Übersetzung komme einer «Umdichtung» gleich
(Goetz/von Martens 1963, 122). Goetz übertrug mehrere englische Boulevardstücke
von Coward ins Deutsche, nämlich Blithe Spirit (1941)45 unter dem deutschen Titel Fröhliche Geister (1948), Present Laughter (1942) unter dem Titel Nach Afrika (1949) 46 und auch
Design for Living (1933) 47 mit dem deutschen Titel Unter uns Vieren (1952).48 Gegen eine
Simsolo verweist mehrmals auf Guitrys Aversion gegen die deutsche Besatzungsmacht (vgl. z.B. Simsolo 1988, 86f.), diese zeigte sich auch in Guitrys patriotischen Stücken. Guitry verfügte über Englischkenntnisse, zumindest scheint das aus den Stücken L’Illusionniste (1917), You’re telling me (1939) – hier mit
ausdrücklicher Hilfe von Geneviève de Séréville – (siehe dort 224) und Beaumarchais (1950) hervorzugehen.
43 Obwohl Goetz in einem Brief bescheiden anmerkte, er hätte Herrn Deval «schon selber geschrieben
[…], wenn [s]ein Französisch besser wäre» (Goetz/von Martens 1963, 125).
44 Manches Anekdotische zu Inhalt, Entstehung und Aufführung dieses Stücks sowie Änderungen gegenüber dem Original ist von Martens (1963) zu entnehmen (siehe Goetz/von Martens 1963, 122-135). Nach
der Aufführung soll Deval gesagt haben: «Ich wollte, ich hätte geschrieben, was Sie gespielt haben, Herr
Goetz» (ebd., 133). Es habe bezüglich der Aufführung des Stücks Probleme gegeben haben, weil Deval
jüdisch war. Ein Ariernachweis wurde verlangt, worauf Goetz ans Propagandaministerium schrieb: «Sehr
geehrte Herren, Jacques Deval ist Franzose, also Arier. Hochachtungsvoll, Curt Goetz.» (ebd., 134). Nach
einer anderen Anekdote soll «Maxe» zu einem Mann «in Uniform» (ebd., 128), der Zweifel anmeldete, ob
Deval Arier sei, gesagt haben: ‹Halten Sie bloß die Schnauze, sonst kommt et raus, det sie n’Drückeberger
waren! Ick war an der Front! Det Stück heest Towárisch. Tow heißt auf russisch hoch! Also Hoch arisch! Tow tow
tow!› Der Uniformierte [habe] sich nie wieder blicken lassen» (ebd.).
45
Datiert nach: The Noël Coward Society (2001): Chronology. [Onlinefassung]. URL:
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
46 Die Aufführung von Goetz’ Bearbeitung fand 1948 (Volkstheater, Wien) unter dem Titel Spuk im Hause
Condomine statt (es handelt sich hierbei nicht um die deutschsprachige Uraufführung). Vgl. Mengel (Projektleiter): Weltbühne Wien. Forschungsprojekt Universität Wien: Aufführungsdatenbank, 12. [PDFOnlinefassung]. URL:
<http://www.univie.ac.at/weltbuehne_wien/pdf_downloads/auffuehrungsdatenbank.pdf> (22.05.2013).
Die deutsche Uraufführung (Theater in der Josefsstadt, Wien) unter dem Titel Dann lieber nach Afrika
wurde datiert nach: Mengel [o.J.], 13; vgl. oben. Siehe auch: Marschall (2005): Curt Goetz. In: Kotte (Hg.):
Theaterlexikon
der
Schweiz.
Bd. 1.
Zürich,
729-731.
[Onlinefassung].
URL:
<http://tls.theaterwissenschaft.ch/wiki/Curt_Goetz> (22.05.2013).
47
Datiert nach: The Noël Coward Society (2001): Chronology. [Onlinefassung]. URL:
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
42
17
direkte Beeinflussung von Goetz durch Coward bezüglich Metatheatralität spricht indessen die Tatsache, dass gerade die von Goetz übersetzten Stücke wenige (nämlich
Blithe Spirit, Present Laughter) oder keine auffälligen metatheatralen Elemente aufweisen
(dies gilt für Design for Living). Entsprechend wird auf Unter uns Vieren in dieser Arbeit
nicht eingegangen.
Erwähnenswert ist auch, dass Goetz umgekehrt seine eigenen Theaterstücke
Hokuspokus, Dr. med. Hiob Prätorius und Die tote Tante – der Einakter, woraus Ein Haus in
Montevideo wurde – in die englische Sprache übertrug, als er sich von 1939 bis 1946 im
freiwilligen Exil in Amerika befand (vgl. Knecht 1970, 22). Bereits zuvor hatte Goetz
seinen Wohnort «[n]ach 1933 […] in die Schweiz, an den Thuner See» verlagert (ebd.)
und die «Schweizer Staatsbürgerschaft» beantragt (ebd.). Goetz wählte indessen Liechtenstein als letztes Domizil. Coward wohnte in seinen letzten Lebensjahren mit seinem
Lebenspartner ebenfalls in der Schweiz, in der Nähe von Montreux, und in Jamaica,49
wo er verstarb.
Cowards Berühmtheit erstreckte sich bis auf den amerikanischen Kontinent (vgl.
Catsiapsis 1981, 83), während Goetz in Amerika nicht an seine Erfolge im deutschsprachigen Raum anknüpfen konnte. Coward unterhielt auch Beziehungen zu Frankreich,
wie dem 1981 in der revue d’histoire du théâtre erschienenen Artikel Noël Coward et la France
zu entnehmen ist (vgl. Catsiapsis 1981, 83-96). So entdeckte Coward Paris bereits in den
Goldenen Zwanzigern, in seinem 20. Lebensjahr (vgl. ebd.). Der Kontakt zu Frankreich
und sein Erleben dieser années folles beeinflusste sein Werk (vgl. ebd., 83), was sich speziell in den Stücken Private Lives, Design for Living und The Marquise zeigt – in letzterem wird
etwa eine Französin als klischeehafte Karikatur vorgeführt (vgl. ebd., 88).
Coward verfügte auch über gute Kenntnisse der französischen Sprache. Guitry
soll Coward sogar den Vorschlag unterbreitet haben, dessen Stück Private Lives auf Französisch im théâtre de la Madeleine aufführen zu lassen – möglicherweise sollte es Coward
übersetzen, dies geht aus der Quelle allerdings nicht klar hervor (vgl. Hoare 1998, 223f.).
Guitry habe im Gegenzug angeboten, ein Stück für Coward zu schreiben, jedoch sei dieses Projekt nie umgesetzt worden (vgl. ebd., 224.)
Die angesprochene Begegnung zwischen den Autoren Guitry und Coward war
nicht die einzige – zwischen den beiden Weltkriegen hat sich Coward oft in Paris aufgehalten (vgl. Catsiapsis 1981, 85) und dabei «Sacha Guitry et son épouse Yvonne PrinUnter uns Vieren ist 1952 im Verlag Felix Bloch Erben erschienen. Im selben Jahr fand eine Aufführung
(Berlin, Kurfürstendamm) statt.
49 Sein Umzug geschah auch aus steuertechnischen Gründen (vgl. Hahn 2004, 220).
48
18
temps» wiederholt besucht (ebd.) – wobei Cowards Bewunderung insbesondere dem
Talent Yvonne Printemps galt, deren Gesangsvorträge er sich anhörte, wann immer er
in den 20-er Jahren in Paris weilte. Coward soll über Printemps gesagt haben: «[E]lle
était pour moi l’épitomé de ce mot si souvent mal employé: ‹une star› » (zitiert in: Catsiapsis 1981, 85).50 Es verwundert daher wenig, dass Printemps im Jahre 1934 in Cowards Musical Conversation Piece eine gesungene Hauptrolle übernahm, obwohl sie kaum
Englisch sprach (vgl. ebd., 88f).51
Auch wenn eine direkte oder indirekte Beeinflussung zwischen Goetz, Guitry
und Coward nicht auszuschließen ist, wird punkto Metatheatralität nicht davon ausgegangen. Dagegen spricht auch die Tatsache, dass, wie erwähnt, gerade Goetz’ Werk
wohl weder in Frankreich noch in Großbritannien bekannt war (sowie dass die metatheatralen Stücke. zumindest jene von Guitry und Coward, gar nicht ihre bekanntesten waren). Zu untersuchen wäre, ob Goetz’ Filme in Frankreich oder auch Großbritannien
vorgeführt wurden. Mindestens für die späte Hollywoodverfilmung von Dr. med. Hiob
Prätorius52 aus dem Jahre 1951 wäre dies denkbar.
Nicht von der Hand zu weisen ist, wie erwähnt, Goetz’ Beeinflussung durch
Coward infolge seiner Übersetzertätigkeit (wobei diese Übersetzungen später auch aufgeführt wurden, wodurch Goetz in mehrere der Coward’schen Rollen schlüpfte). Grange erwähnt zudem Cowards Mitwirken in einem (auf Deutsch aufgeführten und nach
Grange von Goetz übersetzten) Coward-Stück:
A more crucial discovery for Goetz and his subsequent playwriting career […] was his exposure during his Barnowsky years to the comedies of Noël Coward. Kurt Götz the actor began
the transformation into Curt Goetz the playwright when he translated and starred in Coward’s
The Young Idea; the result was so popular that he took it on the road as a vehicle for himself and
later appeared in several of the Coward plays he had translated.
(Grange 1998, 17f.)
Mir liegen jedoch keine weiteren Belege für diese Rolle und Übersetzung vor, auch im
Rollenverzeichnis von Knecht (1970, vgl. 213-229) fehlt ein entsprechender Hinweis,
wobei sie in ihrer Dissertation ebensowenig die anderen Stücke Cowards erwähnt, die
Goetz übersetzt und in denen er gespielt hat.
Es handelt sich dabei um die frz. Übersetzung durch Catsiapsis von: Cole Lesley (1978): The Life of
Noël Coward. London, 162.
51 Sie lernte die Liedtexte phonetisch und das Musical wies deswegen auch französischsprachige Passagen
auf (Catsiapsis 1981, 88). Zum Ausdruck gebracht wurde darin – wohl durchaus mit Ironie – «une méfiance contre les Français considéré comme un peuple léger et d’une honnêteté douteuse» (ebd.).
52 Das Theaterstück Dr. med. Hiob Prätorius diente dem 1951 erschienenen Film von Joseph L. Mankiewicz
als Vorlage (USA: Twentieth Century Fox), die Verfilmung erschien unter dem Titel People Will Talk.
IMDb:
Curt
Goetz
(1888-1960).
Writer.
Filmography.
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.imdb.com/name/nm0324506/#Writer> (22.05.2013).
50
19
Die hier theoretisch nochmals aufgeworfene Frage bezüglich einer Beeinflussung tatsächlich zu beantworten, soll nicht Ziel dieser Arbeit sein, denn dafür wäre eine
spezifisch darauf ausgerichtete Recherchearbeit vonnöten. Vielmehr sollen die Stücke der
drei Autoren untersucht werden. Es soll indessen ebenso wenig darum gehen, intertextuelle Bezüge zwischen den Dramentexten der drei Autoren zu suchen, um damit wiederum mögliche Beeinflussungen belegen zu wollen, zumal nicht ihr Gesamtwerk in der
Analyse berücksichtigt wird. Vielmehr wird der Fokus auf den Umgang der Boulevardiers mit metatheatralen Techniken gelegt.
1.5.
Die Forschungssituation
An dieser Stelle wird zunächst auf die Forschungssituation und einschlägige Literatur
zum Unterhaltungstheater verwiesen, insbesondere in Bezug auf Goetz, Guitry und
Coward, nachdem eine Definition der Gattung bereits gegeben wurde (vgl. oben, Kap.
1.2.). Dabei ist das Themengebiet des Boulevardtheaters für die der Arbeit zugrundeliegende Fragestellung insgesamt weniger relevant als die Forschungsliteratur zum Metatheater, auf die deshalb im Anschluss ausführlicher eingegangen wird. Zum Metatheater im Unterhaltungstheater liegen wenige systematische Untersuchungen vor. In den
Studien von Schmeling und Schöpflin werden Boulevardstücke nur teilweise berücksichtigt,53 was wohl nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass das Metatheater nicht als typisches Element des Boulevardtheaters angesehen wird.
«In England, wo Unterhaltung in der Literatur nichts Minderwertiges bedeutet,
ist das Boulevardstück ein respektabler Forschungsgegenstand (s. Barth)»54, schreibt
Daphinoff (1997, 248). In Frankreich sei dagegen «[e]ine systematische Erforschung des
Boulevardtheaters […] erst in Ansätzen (Corvin)»55 vorhanden (ebd.). Ergänzend erwähnt werden soll vor allem eine neuere Publikation von Brunet (2005) mit dem Titel
Le théâtre de boulevard und das ebenfalls französischsprachige Werk der beiden Autoren
Barrot und Chirat (1998).
Vorurteile dem Boulevardtheater gegenüber – der zitierte Reallexikonartikel ist
in dieser Hinsicht eine löbliche Ausnahme – bestehen besonders in «Deutschland, wo
Schöpflin zieht Noël Cowards Stück Private Lives (Hochzeitsreise) in ihre Betrachtungen mit ein, welches
als Theater im Theater in einer Farce von Philipp Kings, See How They Run (1944), vorkommt (vgl.
Schöpflin 1993, 421). Sowohl bei Schmeling als auch Schöpflin kommen auch Stücke von Tom Stoppard
zur Sprache, den man gewissermaßen als einen «Nachfolger» des Boulevardtheaters bezeichnen kann (vgl.
Daphinoff 2001, 248). Zu Stoppard siehe etwa Schmeling 1977, 198 f.; 200 sowie Schöpflin 1993, 500-510;
144-147; 677.
54 Verwiesen wird hier auf: Adolf Barth (1987): Moderne englische Gesellschaftskomödie. München, Zürich.
55 Corvin 1989.
53
20
das Boulevardstück von der akademischen Lehre und Forschung […] in der Regel kaum
zur Kenntnis genommen und tendenziös behandelt [wird] (Leisentritt)»56 (Daphinoff
1997, 248).57 Eine Ausnahmeerscheinung stellt auch Hubers (1985) Dissertation über
das deutsche Boulevardtheater dar (vgl. ebd., 248). Sie ist insofern von Interesse, als sie
sich mit der Boulevardtheater-Wirklichkeit der 1980er Jahre auseinandersetzt, das heißt
(gemäß Untertitel) mit «Organisation – Finanzierung – Produktionsmethoden – Wirkungsabsichten» westdeutscher Boulevardtheater. Huber tut dies nicht, um «die Existenz des Boulevardtheaters zu rechtfertigen. Das Ziel lautet vielmehr, diese komplexe
Existenz zu erklären» (Huber 1985, 9f.). Er hat dazu Mitarbeiter an «16 Boulevardtheatern in 14 Städten und Gemeinden» mithilfe von Fragebogen um ihre Meinung gebeten
(ebd., 22). Seine «Stichprobe [besitzt] ihren Mittelpunkt in der Spielzeit 1982/82» (ebd.,
20). Auch wenn seine Ergebnisse nicht direkt auf die Epoche Goetz’, Guitrys und Cowards übertragbar sind, kann man daran die weitere Entwicklung der Gattung Boulevardtheater in Westdeutschland nachverfolgen und es lassen sich auch einige Parallelen
beobachten.
Die meisten der erschienenen Publikationen über die Boulevardautoren sind
nicht literaturwissenschaftlicher Art. Im Allgemeinen steht bei Werken zu Goetz, Guitry
und Coward der biografische Aspekt klar im Vordergrund, wobei dokumentarisches
und oft auch anekdotisches Material in diese Werke einfließt. Als neuere Publikation ist
etwa der Bildband Sacha Guitry – Une vie d’artiste zu nennen, der 2007 begleitend zur von
der Cinémathèque Française und der Bibliothèque nationale de France organisierten Ausstellung
50 Jahre nach Guitrys Tod erschienen ist. Die Menge an biographischen Werken über
die drei Boulevardautoren ist nahezu unüberblickbar geworden (zu Guitry, vgl. Simsolo
1988, 177). Dies zeugt aber auch von dem (teilweise neu erwachten) Interesse am Boulevardtheater von Goetz, Guitry und Coward und mag zum Teil dazu führen, dass ihre
Stücke wieder gespielt werden (zumindest scheint sich diese Tendenz in den letzten Jahren für Guitry im französischsprachigen Raum und für Coward in Großbritannien abzuzeichnen). Von der Wissenschaft vernachlässigt wurden lange Zeit ebenfalls die Filme
der Boulevardautoren.58 Simsolo schrieb ein Werk über Guitry als Cineasten im Jahre
1988, das sich auch in Bezug auf das Theater als interessant erwiesen hat. Eine weitere
Gemeint ist: Gudrun Leisentritt (1979): Das eindimensionale Theater. Beitrag zur Soziologie des Boulevardtheaters. München.
57 Zur Forschungslage vgl. auch Huber 1985, 6-15.
58 Dass etwa Guitrys cinematographisches Werk später doch gewürdigt wurde, hat François Truffaut mit
folgenden Worten kommentiert: «Sacha Guitry n’a plus d’ennemis, et c’est logique puisque ceux-ci lui reprochaient surtout d’être vivant» (François Truffaut 1977, im Vorwort zur Veröffentlichung von Texten
Guitrys «aux Éditions Ramsay», zitiert nach Simsolo 1988, 13.)
56
21
Publikation unter dem Titel Sacha Guitry, cinéaste, erschien 1993.59 Zu Goetz’ und Cowards filmischem Werk ist im Gegensatz zu Guitry nur wenig Sekundärliteratur 60 verfügbar. Auf die Filme von Goetz, Guitry und Coward soll insgesamt nur am Rande eingegangen werden, nämlich vor allem insofern, als sie auf der Bühne thematisiert werden.
Auch zu Coward gibt es mehr Biographien als literaturwissenschaftliche Studien,
obschon, wie bereits angedeutet, die literaturwissenschaftliche Forschung im Unterhaltungsbereich im englischen Sprachraum weniger vernachlässigt wird als im deutsch- und
französischsprachigen Gebiet. Die aktuellste anglistische Publikation zu Coward stellt
Hahns im Jahre 2004 publizierte Dissertation dar, worin sie die ältere und neuere Forschung zu Coward kritisch darstellt und aufarbeitet.61 Ihre Ergebnisse werden hier nur
auszugsweise wiedergegeben und sollen einige Kritikpunkte zu Coward aufgreifen: «Die
Coward-Rezeption der vergangenen Jahrzehnte reicht von unverhohlener Verehrung bis
zur völligen Ablehnung», hält sie fest (Hahn 2004, 4). Bereits im Jahre 1933 wurde das
Werk The Amazing Mr. Noël Coward62 von Patrick Braybrookes publiziert, worin «neben
den biographischen Details vor allem die Bewunderung, die Coward bei seinen Zeitgenossen erregte», beschrieben werde (ebd., 6). 1946 habe Lynton Hudson «das Fehlen
von Tiefe und Schärfe in Cowards Kritik»63 kontstatiert (ebd., 7) – einen solchen, positiv
ausgedrückt eher versöhnlichen Tonfall kann man als typisches Merkmal des Boulevardtheaters betrachten. Hahn betont aber auch (vgl. ebd.), es sei Hudsons Verdienst gewesen, in Hinsicht auf Cowards Dialoge auf die «enormen Veränderungen in der Bühnensprache» hinzuweisen (ebd.). Sie erwähnt «Trewin, der Coward in erster Linie als professionellen und ewig jungen Autor lobt […] [, aber auch] betont, dass der gedruckte Text
eher dünn erscheint und darum ein näheres Studium der Stücke nicht lohnen würde» 64
(ebd.).
59 Es handelt sich um: Arnaud (1993). Zu Guitrys Kino zu erwähnen sind auch Keit (1999) und Lorcey
(2007).
60 Zu Cowards Kino ist folgendes neueres Werk zu nennen: Barry Day (2005): Coward on Film. The Cinema of Noël Coward. Oxford. Zu Goetz’ Filmen fehlen vergleichbare Werke weitgehend. Auf einigen
Seiten werden seine Filme behandelt von Horst O. Hermanni (2009), 139-144. Zu erwähnen ist auch die
Broschüre zu Goetz’ Film über Friedrich Schiller: Horst Jaedicke (2005): Curt Goetz und sein in Stuttgart
gedrehter Schillerfilm (1923). Marbach a.N..
61 Dies geschieht insbesondere in Kapitel 1.1 Zur Rezeption Noël Cowards in der Kritik und am Theater, Hahn
2004, 4-17.
62 Patrick Braybrooke (1933): The Amazing Mr. Noël Coward. London.
63 Lynton Hudson (1967): The Twentieth Century Drama. London, 58.
64 J. C. Trewin (1953): Tap Tap in: Dramatists of Today. London, New York.
22
Zum Boulevardtheater der drei Autoren liegen auch nur wenige universitäre
Studien vor.65 Oft sind diese Arbeiten zudem keiner größeren Leserschaft zugänglich.
Zu Goetz ist die deutschsprachige Dissertation von Angelika Knecht zu nennen (Universität Wien, 1970),66 die sich vertieft mit dem Autor, seinem Schreiben, seinen Rollen,
aber auch mit seinem theatralen Werk und den Kritiken zu den Stücken auseinandergesetzt hat. Die bereits erwähnte, auf deutsch erschienene Publikation von Tamara Hahn
(2004)67, It’s all a question of masks, setzt sich mit Coward auseinander, wobei sie gemäß
Untertitel vor allem auf den Aspekt der «Selbstinszenierung und Modernität» eingeht
(ebd.). Gerade in Bezug auf die Selbstinszenierung wird dabei mehr auf Fakten außerhalb des Dramentextes eingegangen, als dies bei mir der Fall ist.
Meine Arbeit stützt sich vor allem auf Untersuchungen, die das Kunstmittel des
Metatheaters literaturübergreifend, also in verschiedenen Literaturen und Sprachen darstellen.68 Zum Metatheater wurden ebenfalls Untersuchungen beigezogen, die sich nur
mit dem Metadrama einer bestimmten Nationalliteratur innerhalb einer bestimmten
Epoche oder Gattung auseinandersetzen und es ermöglichten, einen Überblick über
1985 erwähnt Huber zum Boulevardtheater allgemein gerade einmal «drei Dissertationen, die im Titel
oder Untertitel das Präfix ‹Boulevard›-[…] tragen» (Huber 1985, 12). Weitgehend unpublizierte universitäre Arbeiten zu Goetz, Guitry oder Coward, die sich jedoch nicht spezifisch mit metatheatralen Aspekten
auseinandersetzen, sind beispielsweise: Horst Fuchs Richardson (1976): Comedy in the works of Curt
Goetz. Ph.D. University of Connecticut (USA); Liane Reinshagen-Joho (1997). Humour: The Other Intelligence. Curt Goetz and Jorge Ibargüengoitia. Ph.D. University of Washington (USA); Tina Brünisholz
(2001): Die Kunst des ErGoetzens. Techniken und Funktionen der Bühnenkomik in Komödien und Einakter-Gruppen von Curt Goetz. Lizentiatsarbeit (BCU UM 2001.247). Universität Freiburg (CH); Beate
Kern (2001): Curt Goetz: Ein Unterhaltungskünstler im 20. Jahrhundert. Diplomarbeit Univ. Wien. Legendre, Nicole (1971): Le rire dans le théâtre de Sacha Guitry. M.A. Dalhousie University (CAN); Felix
Rehm/Alain Bergala (2011): Sacha Guitry et Jean Eustache: monologuistes libertins. Mémoire de Master
en études cinématographiques. Univ. Paris III; Yves Uro (2012): Les actrices de Sacha Guitry. Thèse de
doctorat en études cinématographiques et audiovisuel. Université de Sorbonne; Carolin Sheryll White Rogers (1972): Dramatic structure in the comedies of Noel Coward. The influence of the festive tradition.
(Microfilm.) Florida State University (USA). Ergänzend zu erwähnen sind folgende, publizierte Arbeiten,
jene von Bandana Ghosh (2006): Images of Women in the Cowardian Universe. Ph.D. Jaipur (India). Sarah Schmid (2010): «Involving the Playwright. Pastiche as a Technique of Cinematic Transposition in Recent Film Adaptations of Selected Plays by Noël Coward». Diplomarbeit (Magister) Universität Wien.
[PDF-Onlinefassung].
URL:
<http://othes.univie.ac.at/10129/1/2010-06-06_0603371.pdf>
(22.05.2013). Melinda Anne Benson (2012): «Noel Coward: a voice teacher's perspective.» Diss. (Musical
Arts). University of Iowa. [PDF-Onlinefassung]. URL: <http://ir.uiowa.edu/etd/3261> (22.05.2013).
66 Xerograph. Reprod. (NGq 1438) schweiz. Landesbibliothek.
67 Zugl. Diss.: Institut für Anglistik. Technische Universität Berlin 2002.
68 Es handelt sich dabei insbesondere um die Dissertation von Voigt (1954) zum «deutschen, englischen
und spanischen Drama» (vgl. ebd., Untertitel), jene von Kokott (1968) zu Dramen aus der englischen,
französischen, deutschen und italienischen Literatur, die von Schmeling (1977 und 1982) sowie um die
umfassenden Werke zum Theater im Theater in verschiedenen Nationalliteraturen von Schöpflin (1993) und
Kowzan (2006). Anzufügen ist der Sammelband von Fischer und Greiner (2007): The play within the play:
the performance of meta-theatre and self-reflection. Die neueste in dieser Arbeit berücksichtigte Publikation stellt
das Werk Theater in Stücken von Pauli (2013) dar. Hier wird das Unterhaltungstheater nur am Rande berücksichtigt, eingegangen wird nämlich auf den Schwank Der Raub der Sabinerinnen (1885) der Gebrüder
Schönthan (vgl. Pauli 2013, 89-97) und auf Der reinste Wahnsinn (1982), Originaltitel: Noises-Off, von Michael Frayn (vgl. ebd., 315).
65
23
Formen des Metatheaters in der deutschen, französischen und englischen Literatur zu
gewinnen.69
Mit dem Phänomen des Spiels im Spiel hat sich im deutschen Sprachraum insbesondere Voigt (1954) in seiner Dissertation70 auseinandergesetzt. Außerdem stellen
Autoren wie Schmeling (1977 und 1982), Kiermeier-Debre (1989) sowie Schöpflin
(1993) die Tradition des Metatheaters in ihren komparatistischen Studien umfassend
dar, wobei kaum auf das Boulevardtheater eingegangen wird. Als literaturübergreifende
Studie zu nennen ist auch Kowzans 2006 erschienenes französischsprachiges Werk
Théâtre Miroir – Métathéâtre de l’Antiquité au XXIe siècle, das – ähnlich wie Schöpflins Studie
– anhand vieler Beispiele auf die Tradition des Metatheaters in verschiedenen Sprachen
und Literaturen eingeht und dabei – als eines der wenigen – auch metatheatrale Boulevardstücke wie diejenigen Guitrys erwähnt. Schöpflins Werk dient als eigentliches Nachschlagewerk zum Thema, da es auf einzelne Stücke oft sehr genau eingeht. Auch Kokotts interdisziplinär angelegte Studie (1968) stellte für die vorliegende Untersuchung
eine wertvolle Grundlage dar, um hier nur einige Werke aus der schier unüberblickbaren
Menge von Studien zum Metatheater zu nennen.
Für die Begriffsdefinition diente neben Voigts Dissertation (1954) und anderen
jene von Vieweg-Marks (1989) mit dem Titel Metadrama und englisches Gegenwartsdrama als
Ausgangslage. Es wurden von ihnen nicht die genauen Termini, wohl aber manche
Konzepte übernommen (siehe unten, Kap. 2.). Die folgende Studie zum Metatheater
erwies sich als weniger hilfreich: So geht Hornby in seiner Studie Metadrama and perception
von folgender Annahme aus: «[…] all drama is metadramatic» (Hornby 1986, 31). Da
bei den Boulevardautoren gerade metatheatrale Dramen von nicht metatheatralen unterschieden werden sollen, hat sich beispielsweise Hornbys Aussage, wonach alle Stücke als
potentiell metadramatisch betrachtet werden sollen, nicht als hilfreich erwiesen.
Zum Theater im Boulevardtheater vor dem Zweiten Weltkrieg liegen, wie angedeutet, sehr wenige Studien vor– zwar wird das Unterhaltungstheater am Rande von
Schöpflin (1993) miteinbezogen, metatheatrale Stücke von Goetz, Guitry oder Coward
werden darin jedoch nicht aufgeführt. Neben Kowzan (2006) gibt es aber noch zwei
weitere Werke, in denen metatheatrale Boulevardstücke berücksichtigt werden: Goetz’
69 Zu nennen ist Forestier für das Kunstmittel in der französischen Literatur des 17. Jahrhunderts unter
Miteinbezug eventueller ausländischer Einflüsse (vgl. Forestier 1981, 15)und Voß (1998) für das französische Theater der ‹Gegenwart›. Außerdem Karin Schöpflins Dissertation über das englische Theater «im
ausgehenden 16. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts» (Schöpflin 1988, 25) und
Vieweg-Marks (1989) für das englische Theater der ‹Gegenwart›. Auch ein neueres Boulevardstück (NoisesOff von Frayn) wird bei Vieweg-Marks berücksichtigt.
70 Masch. Diss.
24
Komödie Hokuspokus (1927)71 wird bei Kiermeier-Debre (1989, 254) 72 und ausführlicher
auch bei Ehlers (1997, 146-157) behandelt, die in der Studie Mimesis und Theatralität gemäß der Angabe im Untertitel das « ‹Theater auf dem Theater› » in Werken zwischen 1899
und 1941 untersucht. Schoell schreibt in seiner Publikation Die französische Komödie (direkt nach dem Zwischentitel Boulevard) – und zwar bezeichnenderweise im übergreifenden Kapitel Komödie als Metatheater: Von Jean Anouilh bis zum Théâtre du Soleil: «Unter den
Komödien der hier betrachteten Epoche soll zunächst die Gruppe der Boulevardstücke
herausgegriffen werden.» (Schoell 1983, 219), woran sich der vielsagende Satz anschließt: «Hier ist nicht viel Neuerung zu erwarten, und es besteht keine Notwendigkeit,
viele Autoren und zahlreiche Stücke zu nennen oder gar zu analysieren» (ebd.). Er postuliert: «In der großen Mehrzahl gehen sie an Veränderung der Struktur, an komischen
Einfällen und an kritischer Potenz nicht über die großen Vorbilder der Jahrhundertwende, nicht über Feydeau hinaus. […] Wir werden daher nur einige wenige Stücke
stellvertretend vorstellen» (ebd.). Aufgrund von Roussins Stück Bobosse kommt Schoell
zum Schluss, dass «das Boulevardtheater […] in den 40er Jahren in die Phase der Selbstreflexion getreten ist» (ebd., 224). Inwieweit Schoells Aussagen zutreffend sind, wird die
Untersuchung zeigen.
Übrigens war es der hier erwähnte Roussin, der Cowards Stück Present Laughter
(welches auch Goetz übersetzte) unter dem Titel Joyeux Chagrins ins Französische übertrug (vgl. Catsiapsis 1981, 87). Aufgeführt wurde Joyeux Chagrins, wobei Coward selbst
eine Rolle übernahm, am 18. November 1948 in Paris, im Théâtre Edouard VIII – der
gewünschte Erfolg blieb jedoch aus (vgl. ebd.).
Schmeling (1977) weist in seiner Studie darauf hin, dass «in einigen Forschungen
der […] Versuch unternommen [worden sei], das Spiel im Spiel in die ‹Komödie› bzw.
in das ‹Lustspiel› einzugliedern» (Schmeling 1977, 17). Diese gattungsspezifische Zuordnung erweist sich zwar als unangemessen,73 sie kann aber als Hinweis auf die Häufigkeit
dienen, mit der metatheatrale Techniken gerade in Komödien vorkommen. Vor diesem
Hintergrund mag es erstaunen, dass die Metatheatralität im Boulevardtheater als untypisch gilt. Wie gezeigt hängt dies jedoch mit der geschlossenen Form dieser Stücke zuDatierung der Uraufführung (Kammerspiele, Stettin) nach Knecht 1970, 216. Nach einer Tour in der Provinz fand die Berliner Uraufführung (Komödienhaus) «bei Barnowsky» am 30.09.1927 statt (vgl. ebd., 53).
Das Stück war bereits im Jahre 1925 beendet worden (vgl. Knecht 1970, 92), was teilweise abweichende
Datierungen erklärt.
72 Er geht auch kurz auf den Schwank Der Raub der Sabinerinnen der Gebrüder Schönthan ein (vgl. Kiermeier-Debre 1989, 181-184) wie nach ihm auch Pauli (2013), vgl. oben.
73 Kommt doch das Kunstmittel des Spiels im Spiel auch in unbestritten nicht-komischen Theaterstücken
vor, so in «Shakespeares ‹The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark› (engl. Originaltitel) oder in den spanischen ‹Autos sacramentales› » (Schmeling 1977, 17).
71
25
sammen. Interessant sind Schmelings Betrachtungen zur Komödientradition und ihrem
Umgang mit dem Spiel im Spiel insofern, als er damit auch gewisse Stücke untersucht,
die man als Vorläufer des Boulevardtheaters betrachten kann. In diese Richtung verweist folgende Aussage: «Der Bekanntheitsgrad eines Dramatikers oder geschmackskritische Vorbehalte sollen die Kritikwürdigkeit des literarischen Gegenstandes nicht determinieren. (Neben Shakespeare oder Pirandello werden daher auch Dramatiker wie Nadal
oder Möser zu berücksichtigen sein» (Schmeling 1977, 4). Dieser Grundsatz passt zur
vorliegenden Studie zum Unterhaltungstheater angesichts der Tatsache, dass der Terminus Boulevard häufig «au sens péjoratif» verwendet wurde und wird (vgl. Kowzan 1991,
230). Selbst die literarische Qualität des Theaters der herausragenden Boulevardiers wird
oft angezweifelt. (Dies mag auch der Grund sein, warum Goetz, Guitry und Coward ihr
eigenes Theater (zumindest in den analysierten Stücken) nie als Boulevardtheater bezeichnen.) Gerade die Tatsache, dass die Literaturwissenschaft das Boulevardtheater tendenziell vernachlässigt, wird in der vorliegenden Arbeit als Chance begriffen, das noch wenig untersuchte Feld der Metatheatralität im Boulevardtheater von Goetz, Guitry und
Coward zu untersuchen. Es gilt dabei, unvoreingenommen auf die Dramentexte einzugehen, auch wenn eine Analyse – wie es Hahn (2004, 15) gerade für Coward zu Recht
feststellt – «ohne die Inszenierungen […] unvollständig bleibt» (ebd.) und obschon «auf
dem Papier […] die meisten […] Stücke eher blass» erscheinen (ebd.). Ähnliches fällt
auch bei manchen von Goetz’ und Guitrys Komödien auf. Alle leben sie eigentlich von
ihrer Umsetzung auf der Bühne und von den Rollen, die von den Boulevardautoren
selbst gespielt wurden – ein Aspekt, den ich mir als Dramenleserin hinzudenken muss.
26
2.
Begriffsbestimmung
Le chevalier (Paul) lisant :
[…]Vous êtes Béatrix et je suis, moi, le Dante !
Je peux me transformer, amour, avec plus d’art,
Vous êtes Héloïse et je suis Ab…
Ah non, ça, je refuse. (Il jette le manuscrit.) Je suis grisé par toutes les bêtises que
je viens de lire…
(Jean III: III, 162f.)
Für diese Arbeit sollen die verwendeten Begriffe vorgängig geklärt werden. Dabei wird
einerseits eine klare Festlegung des Terminus Theater im Theater angestrebt (siehe 2.2.1.),
andererseits geht es insbesondere um die Definition des Oberbegriffs Metatheater (siehe
2.2.2.). Dem eigentlichen terminologischen Kapitel 2.2. wird in der vorliegenden Arbeit
eine Zusammenfassung der Begriffsverwendung vorangestellt. Sie soll das Verständnis
der verwendeten Termini erleichtern und die folgenden Kapitel einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, ohne dass alle Einzelheiten zur Wahl und Definition der
Begriffe nachvollzogen werden müssen. Einen Überblick über die verwendeten Bezeichnungen bietet dabei die folgende Graphik. Was genau mit den Termini gemeint ist,
wird anschließend im eigentlichen Anwendungsteil (ab Kap. 3.) an verschiedenen Beispielen deutlich gemacht.
Da es sich um eine komparatistische Studie handelt, erscheint es sinnvoll, zur
Beschreibung nach Möglichkeit Termini zu verwenden, die auf Französisch, Deutsch
und Englisch gebräuchlich sind, zumal die meisten der analysierten Stücke von Guitry,
stammen. Am üblichsten erschienen die Termini Theater im Theater und Metatheater. Der
Terminus Metatheater wird in der vorliegenden Arbeit als Oberbegriff verstanden, während Theater im Theater als Unterbegriff verwendet und Spiel im Spiel als Synonym dazu
gebraucht wird.
27
Abbildung 1: Übersicht über die Begriffe
28
2.1.
Kurzzusammenfassung zur Begriffsverwendung
Der Oberbegriff zu Theater im Theater lautet Metatheater. Durch diese zwei Begriffe sollen
Phänomene beschrieben werden, die über das Theater oder über seine Gemachtheit etwas
aussagen oder zeigen.
Die Boulevardautoren haben durch die Darstellung anderer Medien auf dem
Theater jedoch vereinzelt mediale und Gattungs-Grenzen überschritten, etwa durch die
Darstellung eines Romans im Theater. Da eine solche Darstellung auf der Bühne nun
nicht nur etwas aus über die Gemachtheit des Theaters, sondern auch etwas über die Gemachtheit des Romans zeigt, soll dort, wo der Begriff der Metatheatralität zu kurz greift, auf
einen umfassenderen Begriff ausgewichen werden, nämlich Metaliteratur (vgl. Wolf 2007,
38).1 Bei Metaliteratur handelt es sich um einen Oberbegriff, das heißt: Alle metatheatralen Formen sind zugleich metaliterarisch, aber nicht jedes metaliterarische Phänomen ist
metatheatral. (Auch ein Musiktheater im Theater gehört zur Metaliteratur, zumal vorwiegend die Libretti analysiert wurden.) Zur Beschreibung medienübergreifender Phänomene dient zudem der Oberbegriff der Intermedialität. Ein Beispiel für Intermedialität stellt
ein (auf der Bühne abgespielter) Film auf dem Theater dar – hier ist ausschlaggebend,
dass es sich um zwei verschiedene Medien handelt. Alternativ kann anstelle von Intermedialität auch Frickes medienübergreifend anwendbarer Terminus der «Potenzierung» gebraucht werden (vgl. Fricke 2000, 107).
Für den Begriff Theater im Theater wurden folgende drei Bedingungen als notwendig
festgelegt: Von eigentlichem Theater im Theater soll nur dann die Rede sein, wenn erstens
eine Figur einen Rollenwechsel vollzieht. Dies kann nach Schöpflin bezeichnet werden als
«Doppelheit von Darsteller und Rolle» (Schöpflin 1988, 15).2 Zweitens muss diese Figur in einer Rahmenhandlung und in einer Binnenhandlung (also in einem äußeren und in einem darin
enthaltenen Stück) auftreten. Drittens muss es sich bei dieser Binneneinlage notwendigerweise um eine fiktionale Einlage handeln, damit ist gemeint, dass eine zweite, innere
Fiktion in eine äußere Fiktion eingelegt ist. (Fiktion bezieht sich hier nicht nur auf epische Texte, sondern bezeichnet allgemein «etwas Gemachtes», Erfundenes (vgl. Wolf
2007, 35) – dabei sind sich grundsätzlich die meisten Figuren des äußeren Stücks (und
Hervorhebung M.H. Nachfolgend werden in Kap. 2, sofern nicht anders vermerkt, alle Termini von mir
kursiv gesetzt, ohne dies extra zu vermerken. Diese Begriffe werden nur bei ihrem ersten Vorkommen in
diesem Kapitel zitiert. Wolf (2007, 38) verwendet in seinem Artikel Metaisierung als transgenerisches und transmediales Phänomen den Begriff «Metaliteratur» (ebd.) als Oberbegriff für «medienspezifische Metagattungen»
(ebd.). Als Unterbegriffe nennt er «Metafiktion» (ebd.), «Metadrama» (ebd.) und «Metalyrik» (ebd.). In der
vorliegenden Arbeit soll indessen der Begriff Metatheater anstelle von Metadrama verwendet werden. (Metafiktion ist bei Wolf nur epischen Texten vorbehalten).
2 Hervorhebung des Begriffs M.H.
1
29
auch die echten Zuschauer) darüber im Klaren, dass das innere Stück nicht Teil der äußeren ‹Realität›, also fiktional ist.
Werden die Bedingungen für ein Theater im Theater nur teilweise erfüllt, so soll
von Metatheatralität die Rede sein, nicht von eigentlichem Theater im Theater. Der Begriff
Metatheater wird demnach als Oberbegriff von Theater im Theater verwendet. Ein Theater
im Theater ist immer zugleich metatheatral, hingegen stellt nicht jede metatheatrale Form ein
Theater im Theater dar.
Während für ein Theater im Theater die drei oben festgelegten Kriterien gelten,
werden als metatheatrale Formen verschiedenartige Elemente bezeichnet, die mit eigentlichem Theater im Theater die Gemeinsamkeit teilen, illusionsstörend zu sein. Sie dienen
dazu, einem Publikum die Gemachtheit des Theaters, das es vor sich ablaufen sieht, ins
Bewusstsein zu rufen oder auch etwas über das Theater auszusagen. Unter dem Begriff metatheatrale Formen werden verschiedenartige Elemente subsumiert, insbesondere solche,
die auch im Epischen Theater vorkommen, beispielsweise Epiloge und Prologe, Zuschaueransprachen (Sprechen ad spectatores), Vor- und Nachspiele, Verweise auf das Theater
und Theatermetaphern. Zu den metatheatralen Formen werden auch Einlagen innerhalb
eines Theaters gezählt, die nicht im definierten Sinne theatral sind, etwa Showeinlagen wie
Zaubervorführungen oder punktuelle gesungene Einlagen (die jedoch keine eigentlichen
Musiktheatereinlagen darstellen, da sie nicht im Sinne eines Theaters gespielt werden).
Demgegenüber sind eigentliche Theatereinlagen zugleich als Theater im Theater und als Metatheater zu klassifizieren. Einige metatheatrale Formen wie der Chor wurden deshalb
nicht übernommen, weil sie in den analysierten Boulevardkomödien nicht vorkommen.
Von den erwähnten Formen unterschieden wird ein Formtyp, der mit den bisher
definierten Begriffen nicht hinreichend beschrieben werden kann. Es handelt sich dabei
um eine unendliche Struktur, die genauer als «réduplication à l’infini» zu benennen ist (vgl.
Dällenbach 1977, 51). Der Begriff wird auf Deutsch als «unendliche Ipsoreflexion» wiedergeben (vgl. Fricke 2001, 225). Solchen unendlichen Formen, die im Theater in der Regel nur
angedeutet werden können, muss eine Metastruktur zugrunde liegen – eine so genannte
« ‹einfache Ipsoreflexion› (réflexion simple) » (Fricke 2001, 221). Es kann sich dabei um eine
Theatereinlage handeln, aber auch eine andere Struktur ist möglich. Ein Beispiel für eine
solche Form stellt ein Fragment einer Romanlesung im Theater dar, das zuerst vorgelesen und dann (scheinbar) unendlich oft wiederholt wird. Ein solches Beispiel findet sich
in Cowards Hay Fever. Unendliche Formen stellen auf der Ebene der Intermedialität
(respektive Potenzierung) einen Spezialfall dar.
30
Daneben sind paradoxe, also logikwidrige (Dramen-)Formen zu beobachten. Diese
können mit Dällenbachs Terminus der «réduplication aporistique» beschrieben werden
(Dällenbach 1977, 51). Fricke (2001) verwendet dafür auf Deutsch den Begriff «aporetische Ipsoreflexion» (Fricke 2001, 224). (Beispiele für diese Form werden auch in Kapitel 3
angeführt.)
Ein anderer Begriff für paradoxe Formen wird von Genette in seinem Werk Figures III eingeführt: «le terme de métalepse […]» (Genette 1972, 244). 3 Für alle Dramenphänomene, die einen Wechsel von einer Dramenebene auf die andere beinhalten (was
zur paradoxen Vermischung zweier Dramenebenen führt) soll vorwiegend der Begriff
der Metalepse von Genette (1972) übernommen werden (vgl. Kapitel 2.3.). Denn die
Vorstellung der Ebenenüberschreitung ist gerade für das Theater sehr anschaulich. Figuren überqueren dabei eine «frontière mouvante mais sacrée entre deux mondes» (ebd.,
245) – übertragen auf das Theater geht es um einen Wechsel zwischen Rahmen- und
Binnenhandlung oder umgekehrt. Mit einer Metalepse haben wir es etwa dann zu tun,
wenn beispielsweise eine Figur aus dem Stück in den Zuschauerraum des fiktiven Publikums hinuntersteigt und sich dort nicht etwa wie ein Schauspieler verhält, sondern weiterhin in ihrer Rolle verharrt. Dabei überschreitet die Figur physisch Dramenebenen. Die
angesprochene Vermischung der Ebenen entsteht dadurch, dass die einer anderen Dramenebene zugehörige Figur sich jetzt auf einmal am ‹falschen› Ort befindet und dort
beispielsweise mit dem fiktiven Publikum über ihre ‹Realität›, nämlich das Stück spricht,
in dem sie selber als Figur mitspielt – was auf das (fiktive und echte) Publikum paradox
wirken muss. Der Begriff der Metalepse wird dabei in der Systematisierung von Klimek
(2010) übernommen, die sich auf Genettes Definition von 1972 beschränkt und seiner
Begriffserweiterung (vgl. Genette 2004) nicht folgt, da der ursprüngliche Begriff
dadurch ausgeweitet würde. Bei dem Metalepsen gilt es zwei Formen zu unterscheiden,
nämlich, «ob eine Metalepse lediglich durch die Rede […] oder durch eine Handlung
vollzogen wird» (Klimek 2010, 66). 4 Eine Metalepse des ersten Typs, in der eine zweite
dramatische Ebene nur durch Worte evoziert werden, aber keine physische Überschreitung
geschieht, stellt etwa «das metaleptische Motiv des Figurenwissens um die Fiktivität […]
der eigenen Welt» (ebd., 79) dar. Dabei ist faktisch zwar nur eine theatrale Ebene vorhanden, die Figur spricht jedoch auf dieser Ebene (und nicht als Schauspielerfigur) über
3 Hervorhebung bei Genette. Im zitierten Werk Figures III wendet Genette seinen Begriff der Metalepse
vor allem auf epische Texte an, versucht jedoch probehalber selbst, ihn auf dramatische Texte auszuweiten (vgl. Genette 1972, 245), was er in einer späteren Publikation (Genette 2004) vorführt.
4 Klimek verweist auf Wolf 1993, 359-361, hier vgl. 359, 361.
31
das Theaterstück oder die Rolle, die sie darin spielt. Dabei gilt der Grundsatz: Jede dramatische Metalepse ist zugleich metatheatral, aber nicht jede metatheatrale Form stellt
zugleich eine dramatische Metalepse dar. Die Aussage einer Schauspielerfigur über ihre
Rolle wird beispielsweise als metatheatral, nicht aber als Metalepse klassifiziert – denn
sie wirkt nicht logikwidrig.
Der Versuch einer genauere Definition und Abgrenzung der Begriffe wird in
den nachfolgenden Unterkapiteln vorgenommen. Die hier erwähnten Begriffe erheben
keinesfalls den Anspruch, ein vollständiges Bild des thematischen Feldes der Metatheatralität zu geben und noch weniger der Intermedialität. Sie sollen jedoch erlauben, die im
Anwendungsteil vorkommenden Beispiele, die als metatheatral, intermedial oder metaliterarisch eingestuft werden, passend zu benennen. Einige zusätzliche (für die Analyse
der Theaterstücke nötige) Begriffe werden direkt im Anwendungsteil eingeführt.
2.2.
Abgrenzung und Verwendung der Termini Metatheater und Thea-
ter im Theater (Spiel im Spiel)
2.2.1. Spiel im Spiel / Theater im Theater
In der vorliegenden Arbeit werden bevorzugt, aber nicht ausschließlich die Termini Theater im Theater und Metatheater verwendet, dies, obwohl der Begriff Spiel im Spiel im deutschen Sprachraum sehr verbreitet ist. Auch die Bezeichnung Metatheater (oder, nicht
immer gleichbedeutend, Metadrama) wird in sehr vielen Studien verwendet. Metatheater
soll als der weiter gefasste Begriff verstanden werden. Theater im Theater wird dem Begriff
Spiel im Spiel vorgezogen. Die Wahl dieser Terminologie wird später begründet. Diese
beiden Begriffe werden in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich als Synonyme betrachtet.
Die verschiedenen Bezeichnungen für die Techniken des Metatheaters werden
in der Forschung nicht immer klar auseinandergehalten. In seiner Publikation Métathéâtre
et intertexte weist Schmeling darauf hin, der Terminus «théâtre dans le théâtre», der eine Theatereinlage bezeichnet, habe in den meisten Sprachen eine ‹Entsprechung› (vgl. Schmeling 1982, 5). Erwähnt werden von ihm u.a. folgende, oft gleichbedeutend verwendete
Pendants zu Theater im Theater oder «Spiel im Spiel» (ebd.): «play within a play […], Theater
auf dem Theater […], Teatro nel Teatro, […] commedia nella commedia […]» (ebd.). 5 Die Bezeichnung Theater auf dem Theater verwendet beispielsweise Kokott (1968) systematisch in
Ergänzt werden kann die Aufzählung durch «Stück im Stück» (Kiermeier-Debre 2003, 472) – auf Französisch «pièce dans une pièce» (ebd.) – Begriffe, die sich insbesondere auf fragmentarische Theatereinlagen beziehen.
5
32
seiner Studie. Voigt erwähnt, als vielleicht älteste Bezeichnung im deutschen Sprachraum, auch den Begriff «Schauspiel im Schauspiel» (Voigt 1954, 1). 6
Der Begriff Spiel an sich stammt ursprünglich vom alt- beziehungsweise mittelhochdeutschen «Substantiv spil» ab (Kiermeier-Debre 2003, 472). Er bezeichnet zu jener
Zeit auch das «Geistliche[ ] Spiel» (ebd.). Auf ähnliche Weise hat Voigt seinen Begriff
Spiel im Spiel an Huizingas umfassenden anthropologischen Spiel-Begriff anknüpfend
gewählt und definiert (vgl. Voigt 1954, 1f.).7 Schmeling weist auf eine besondere Charakteristik des Begriffs Spiel im Spiel hin: Er zeige eine zusätzliche Differenzierung an, «que
font le français et l’allemand entre ‹théâtre dans le théâtre› et ‹jeu dans le jeu› » (Schmeling
1982, 5; Hervorhebung M.H.). Dies deutet an, dass diese Begriffe in der Forschung teilweise nicht als Synonyme verwendet werden. Forestier etwa verwendet «jeu dans le jeu»
als Oberbegriff von Theater im Theater (vgl. Forestier 1981, 31). Problematisch kann daran sein, dass im Englischen im Gegensatz dazu mit «play within a play» (Schmeling 1982,
5) nur ein gängiger Begriff existiert (Eine parallele Begriffsbildung wie theatre within the
theatre scheint – zumindest in Anbetracht der von mir verwendeten Forschungsliteratur
– nicht gebräuchlich).
Voigt (1954) hat indessen als Begründer des Terminus seinen Spiel-im-Spiel-Begriff
gerade an play within a play anknüpfend gewählt. Schmeling führt aus, der Begriff Spiel im
Spiel sei umfassender als Theater im Theater (vgl. Schmeling 1982, 5). Spiel im Spiel kann
demnach (wie Metatheater) als umfassenderen Begriff zu Theater im Theater verwendet
werden, wie es einige Studien tun. Nicht immer jedoch wird diese Unterscheidung systematisch gemacht. In der vorliegenden Arbeit soll Spiel im Spiel indessen nie als Oberbegriff, sondern nur als Synonym zu Theater im Theater verwendet werden. Als Oberbegriff soll
stets der internationalere Terminus Metatheater vorgezogen werden. Als Synonym zu
Theater im Theater definiert auch Kiermeier-Debre den Terminus Spiel im Spiel:
Das Spiel im Spiel ist einerseits ein Spezialfall selbstrückbezüglicher Potenzierung in der Literatur, andererseits ein spezifischer Gestaltungsmodus der dramatischen Kunst […] In ein Bühnenwerk […] wird als Teil ein zweites Bühnenwerk eingefügt.
(Kiermeier-Debre 2003, 472. Hervorh. bei Kiermeier-Debre)
Mit Voigts Dissertation (1954) hat sich im deutschen Sprachraum weitgehend der Begriff «Spiel im Spiel durch[ge]setzt» (Kiermeier-Debre 2003, 472) Voigts Terminus wurde
«durch die Forschung des 20. J[ahrhunderts] zu einer fixen terminologischen Größe»
(ebd., 472). Zum Beispiel verwendet auch Pfister den Begriff Spiel im Spiel in seinem
Schöpflin weist darauf hin, dass bereits Schwab diesen Begriff verwendete (Schöpflin 1988, 2). Gemeint
ist: Hans Schwab (1896): Das Schauspiel im Schauspiel zur Zeit Shaksperes [sic], Wien/Leipzig.
7 Voigt verweist auf: Johann Huizinga [o.J.]:‹ Homo ludens. Versuch einer Bestimmung des Spielelementes der Kultur›. 3. Auflage. Köln, 22.
6
33
Werk zur Dramenanalyse (vgl. bei Pfister 2001, Kap. 6.3.2.2 Spiel im Spiel, 299-307; siehe
auch Pfister 2001, 294ff.). Trotzdem wird in der vorliegenden Arbeit Theater im Theater
vorgezogen.
Pfister versteht den – von Voigt übernommenen und von ihm als Oberbegriff
verwendeten – Begriff Spiel im Spiel so, dass dabei «einer fiktionalen primären Spielebene
Sequenzen untergeordnet [sind]» (Pfister 2001, 299). Er führt aus, dass durch den Einsatz dieser Dramentechnik «die primäre Fiktionalität durch eine sekundäre potenziert»
werde (ebd.). Mit dem (ebenfalls in Kiermeier-Debres Definition verwendeten) Begriff
der Potenzierung zur Beschreibung des Kunstmittels auf greift Fricke ein «frühromantische[s] Konzept» zurück (Fricke 2000, 107). Schmeling verwendet desgleichen die Begriffe «Potenzierung» und «Potenzierungsmechanismen» (Schmeling 1977, 5).
Schmeling weist auf die manchmal unklare Verwendung von Termini hin, die
eine Binneneinlage oder metatheatrale Aspekte allgemein beschreiben:
Der Begriff [Spiel im Spiel; M.H.] befindet sich in semantischer Nachbarschaft mit Bezeichnungen wie Metatheater, Theater auf (in) dem Theater, potenziertes Spiel bis hin zu reduzierten Kategorien
wie Szene in der Szene oder Rolle in der Rolle. Nachbarschaft bedeutet freilich nicht Identität.
Wenn in der Forschung mitunter das eine für das andere steht (nicht zuletzt aus zweifelhaften
stilistischen Gründen), so meinen die Begriffe doch Unterschiedliches, obschon sie alle nach
dem gleichen Prinzip der Reflexivität, Potenzierung oder Selbstbespiegelung konstruiert sind.
(Schmeling 1977, 5; Hervorhebung M.H.)
Für die vorliegende Untersuchung bieten sich Begriffe an, welche in mehreren Sprachen, insbesondere aber auf Englisch, Französisch und Deutsch, verwendet werden. Als
direkte Übersetzung des geläufigeren französischen Begriffes théâtre dans le théâtre bietet
sich für diese Arbeit der Terminus «Theater im Theater» an, den ebenfalls Karin Schöpflin
(1993, 1) verwendet. Als Oberbegriff wird dem deutschen Terminus Spiel im Spiel der international verständliche Terminus Metatheater vorgezogen. Spiel im Spiel wird in der vorliegenden Arbeit selten verwendet, und wenn, dann nur als Synonym zu Theater im Theater
und nie als Oberbegriff. Die Termini Theater im Theater, Theater auf dem Theater und Spiel
im Spiel werden demnach als gleichbedeutende Nebenbegriffe verstanden (wobei der
erstgenannte Begriff zur Beschreibung einer solchen Drameneinlage wegen seiner wörtlichen Übereinstimmung mit der französischen Terminologie bevorzugt verwendet
wird). Auf die Verwendung von Spiel im Spiel als Oberbegriff wird, wie erwähnt, wegen
der beschriebenen Begriffsverwirrung ganz verzichtet.
Theater im Theater hat insbesondere auf Französisch eine direkte Entsprechung.
Kowzan betont (in Bezug auf die französische Forschung): «Tout au cours du XXème
siècle, la grande majorité des auteurs utilisait le terme ‹théâtre dans le théâtre› » (Kowzan
34
2006, 12).8 Maßgeblich mitgeprägt wurde der Begriff des «théâtre dans le théâtre» von Forestier (1981, 10). Forestier definiert das Kunstmittel, ähnlich wie Schmeling (1982) und
Kiermeier-Debre (2003), als «un procédé qui consiste à inclure un spectacle dans un
autre spectacle; autrement dit, il s’agit avant tout d’une structure» (Forestier 1981, 10).
Die Tatsache, dass der Begriff Spiel im Spiel bei Voigt (1954) respektive Theater im Theater
bei Forestier (1981) und Schmeling (1982) durch Strukturtypen fassbar gemacht wird,
schafft die Grundlage dafür, verschiedenartige Stücke, die eine solche Theater-imTheater-Struktur aufweisen, gegenüberstellen zu können. Das ist ein großer Vorteil für
die vorliegende Arbeit, weil nicht a priori von beispielsweise thematischen Übereinstimmungen hinsichtlich metatheatraler Aspekte bei den drei Boulevardautoren ausgegangen werden kann. Da alle drei Autoren Techniken des Theaters im Theater verwenden, lässt sich auf diese Weise ihr Umgang mit diesem Kunstmittel zuerst einmal
formal vergleichen. Aus diesem Grund sind die Kapitel der vorliegenden Arbeit in Bezug auf das Theater im Theater größtenteils nach formalen Kriterien angeordnet, im Gegensatz zu anderen Arbeiten über das Metatheater, welche die Stücke primär thematisch
und manchmal zusätzlich formal anordnen. Letzteres trifft etwa auf Nelson (1958) zu, 9
der den englischen Begriff für das Theater im Theater eher allgemein umschreibt:
What, in short, is a play within a play? It is a formal imitation of an event through the dialogue
and action of impersonated characters occurring within and not suspending the action of just
such another imitation.
(Nelson 1958, 7; vgl. Zaiser 2009, 42 )
Von einem eigentlichen Theater im Theater kann nach Forestier erst dann gesprochen
werden, wenn das Theaterstück neben der Rahmenhandlung mindestens eine Theatereinlage enthält. Nelson erwähnt als ein Kriterium den Rollenwechsel (ebd.) und teilt
dem realen Zuschauer die Aufgabe zu, zu entscheiden, wann es sich um ein Binnenstück
handelt: «Who defines the inner play as a play? Must it not always be the offstage spectator, the witness of the double action?» (ebd.). Zaiser kritisiert zurecht den «diffuse[n]
Charakter von Nelsons Spiel-im-Spiel-Definition» (Zaiser 2009, 42), da sich diese zu
wenig auf formale Merkmale stütze, zumal Nelson, laut Zaiser, «die Zeichen dieser Meta-Spielebene nicht im Drama selbst festzumachen versucht, sondern dem Interpretati-
Kowzan (2006, 12) geht davon aus, der englische Begriff play within a play werde ‹präziser› als der französische Terminus verwendet (vgl. ebd.) und gleichzeitig sei der englische Ausdruck auch ‹enger› gefasst als
theatre dans le théâtre (vgl. ebd.). Letzterer sei nämlich vergleichbar mit dem französischen Ausdruck pièce
dans la pièce (vgl. ebd.).
9 Nach Themen geordnet ist etwa die Arbeit von Nelson (1958). Schnitzlers Stück Der Grüne Kakadu wird
dort beispielsweise behandelt unter dem Kapitel «Schnitzler. The Play as Clinic» (Nelson 1958, 115). Begründet wird die thematische Überschrift zu Schnitzler mit folgenden Worten: «Schnitzler […] is a clinical
psychologist sensitively but dispassionately listening to a patient tell of his problems» (ebd., 121). Pirandellos Stücke werden dagegen im Kapitel «Pirandello. The Play as Life» besprochen (ebd., 122).
8
35
onsspielraum des Lesers bzw. Zuschauers überlässt» (ebd.). Es gibt auch für die vorliegende Arbeit festzuhalten, dass die illusionsstörende Wirkung einer Theater-im-TheaterEinlage letztlich in ihrer Form begründet sein soll (vgl. ebd.).
Für das die Einlage umschließende Drama und das Binnentheater gibt es verschiedene Bezeichnungen. Die Rahmenhandlung als äußere Handlung etwa definiert sich
als «Geschehen, das eine Binnenhandlung (oder mehrere) umschließt, speziell auch im
Drama» (Asmuth 2003, 216). Im Umgang mit dem Begriff ist eine gewisse Vorsicht geboten,10 so sollte er nicht mit «einem bloßen ‹Situationsrahmen› […] oder einer einleitenden Herausgeberfiktion» verwechselt werden (ebd.). Im entsprechenden ReallexikonArtikel wird die Benennung auch auf ein Vorspiel angewendet, wenn es heißt: «Als ‹gerahmt› sind außer Rahmenerzählungen bezeichnet worden: […] Dramen mit prologartigem Vorspiel» (ebd., Kursivsetzung bei Asmuth). Diese Verwendung erscheint problematisch: Zur klareren Unterscheidung soll der Terminus der Rahmenhandlung in dieser
Arbeit nur dem äußeren Stück, in das ein Theater eingeschlossen ist, vorbehalten sein.
Ein entsprechender französischer Begriff ist «la pièce-cadre» (Forestier 1981, 11),
während die Binnenhandlung beispielsweise als «spectacle intérieur» benannt werden kann
Nelson (1958) nimmt auf Englisch eine ähnliche Unterscheidung vor.
I shall use a number of terms whose meanings are largely self-evident […]: “primary” or “outer” applied to any traditional term for a play (“action”, “illusion”, etc.) refers to the play containing a play within a play. “Secondary” or “inner” refers, naturally, to the play within a play itself.
(Nelson 1958, x; Hervorh. bei Nelson)
Schöpflin verwendet auch den Begriff der «Dramenrealität» in ihrer zweiten Publikation
zuweilen als Synonym für die Rahmenhandlung (vgl. Schöpflin 1993, 13; Hervorh. bei
Schöpflin). Sie definiert ihn dort als nur scheinbare, «sich als Wirklichkeit gebende»
Dramenebene (ebd.). In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff gelegentlich in der
Abwandlung Dramen-‹Realität› verwendet, da nicht der Anschein erweckt werden soll,
der Rahmenhandlung werde durch diese Benennung der fiktionale Charakter abgesprochen. Alternativ nennt Schöpflin (1988) die Rahmenhandlung auch Drama und die Binnenhandlung Theater, was sich am Begriff «Theater im Drama» zeigt (Schöpflin 1988, 11),
der für die vorliegende Arbeit aus verschiedenen Gründen nicht übernommen werden
Schöpflin verwendet den lexikalisch der Rahmenhandlung nahestehenden Begriff «Dramenhandlung» für das
Theaterstück in seiner Gesamtheit (vgl Schöpflin 1993, 95) – vgl. ihre Überschrift zu Kapitel 4 (Seiten 95
bis 186). Dieser Terminus wird in der vorliegenden Arbeit nicht übernommen, weil im Einzelfall Unklarheit darüber herrschen könnte, ob er sich nur auf die äußere Handlung bezieht oder auf die Gesamthandlung des Theaterstücks (wovon bei Schöpflin wahrscheinlich auszugehen ist). Schöpflin spricht etwa in
Bezug auf das frühe Stück «Mariken van Nieumeghen» (ebd.) von einer «Aufführung begrenzten Umfangs,
die in eine ihr übergeordnete Dramenhandlung eingeordnet ist» (ebd.).
10
36
soll.11 Die von Schöpflin vorgeschlagene Benennung kann nämlich auch für weitere
Verwirrung sorgen, wie insbesondere die davon abweichende Verwendung derselben
Begriffe Drama und Theater bei Ehlers zeigt. Ehlers (1997) kritisiert nämlich ihrerseits die
«mangelnde Differenzierung zwischen Drama und Theater in der Forschung» (Ehlers
1997, 22). Die Begriffe haben in Ehlers Gebrauch nun jedoch eine andere Füllung als
bei Schöpflin, was verdeutlicht, wie problematisch Schöpflins von Ehlers abweichende
Begriffsverwendung ist. Für Ehlers gilt:
Drama bezeichnet […] vor allem den wortsprachlichen Diskurs, in dem Dialog und Handlung
eine Einheit bilden. Es basiert auf der Annahme, daß sprachliche Zeichen das geeignete Mittel
zwischenmenschlicher Kommunikation und der Darstellung von Realität sind. ‹Theatralität› ist
demnach all das, was im Theater über diese dramatische Einheit hinausweist oder sie aufbricht,
Momente, die das Theater vom Drama und von der Literatur unterscheiden, das, was am
Theater a-sprachlich ist.
(Ehlers 1997, 23; Hervorh. M.H.).
Korthals nennt es passend eine «Doppelgestalt des Dramas als literarischer Text und
Theateraufführung» (Korthals 2003, 412). Ehlers’ Unterscheidung mag sinnvoll sein, da
sie die Inszenierung einbezieht.12 Die Aufführungspraxis kann sich in der Tat einerseits
formal auswirken und andererseits die Wahrnehmung des Publikums beeinflussen (der
Zuschauer wird metatheatrale Formen als tendenziell illusionsstörend respektive den
Theatercharakter bewusst machend wahrnehmen – diese Wirkung lässt sich mit der Inszenierung aber noch steigern oder abschwächen). Ehlers Begriffsdifferenzierung wird
dennoch für die vorliegende Studie nicht übernommen. Die Gründe wurden in der Einleitung zur Arbeit dargelegt (vgl. Kap. 1.3.). Die Unterscheidung zwischen Dramentext
Schöpflin führt aus: Diese Benennung «weist zwar auf die Verdoppelung der Form in sich weniger
deutlich hin, dafür trägt sie aber einigen anderen Tatsachen Rechnung» (ebd.). Sie ergänzt: «Wie die […]
Kritik SCHMELINGs an VOIGTs These von der Analogie des Verhältnisses zwischen Spiel im Spiel
und umschließendem Drama einerseits und zwischen Drama und Publikumswelt andererseits gezeigt hat,
ist die Konstatierung dieser Analogie zumindest nicht ohne Einschränkungen oder Problematisierungen
haltbar. Der Dramatiker kann lediglich das Drama einschließlich des Innenspiels formen und die Wirkung
der eingelegten Aufführung auf die Dramengestalten bestimmen, was ihm für sein reales Publikum nicht
möglich ist» (Schöpflin 1988, 11; vgl. Schmeling 1977, 14). Schöpflin rechtfertigt ihre Terminologie mit
der Aussage, «daß sich das umschließende Drama oftmals […] vom Innenspiel abzuheben versucht, sich
also in der Dramenimmanenz als etwas anderes versteht als die interne Aufführung» (ebd., 12). Wie angedeutet soll Schöpflins Verwendung der Begriffe Theater und Drama in dieser Arbeit nicht übernommen
werden, dem Unterschied soll jedoch durch alternative Bezeichnungen wie Rahmenhandlung und Binnenhandlung Rechnung getragen werden. Die Unterscheidung kann auch mit anderen Umschreibungen angezeigt werden und muss nicht notwendigerweise bereits in die Bezeichnung für das Kunstmittel einfließen.
In ihrer Publikation von 1993 verwirft Schöpflin selber die vorgeschlagene Begriffsunterscheidung und
spricht stattdessen von «Theater im Theater» (vgl. Schöpflin 1993,10). Sie verwendet für die Beschreibung
der Binnenhandlung nun ebenfalls Begriffe wie «interne Aufführung» (ebd., 11) oder «Theatereinlage» (ebd.).
Desgleichen kann die Rahmenhandlung beispielsweise beschrieben werden als äußeres Spiel.
12 Auch spätere Arbeiten fordern eine solche Unterscheidung: Nach Holger Korthals sollte desgleichen –
hier bezüglich des Oberbegriffs – zwischen «metatheatral» und «metadramatisch» unterschieden werden
(Hauthal 2007b, 95). Dies sei wichtig, «[a]usgehend von der Prämisse, dass es im Drama sowohl Bezugnahmen auf die ‹dramatische Vermittlung› als auch solche auf die ‹theatrale Vermittlung› gibt» (ebd.).
Hauthal verweist hier auf Korthals’ Kapitel VI Fiktionalität, Metafiktionalität, Metanarrativität, Metadramatizität, Methatheatraliät (Korthals 2003, 387-426; hier 412).
11
37
und Aufführungssituation ist für die vorliegende Arbeit auch wenig ergiebig, da sich die
Untersuchung auf eine reine Theatertextanalyse stützt. In der vorliegenden Arbeit ist also, wenn der Begriff Theater verwendet wird, in der Regel die Rede von «Drama» im Sinne Ehlers (1997, 23), da es um die Dramentexte geht. Es gilt bei der Lektüre aber in der
Tat auch zu beachten, «dass sie [=die Theatertexte; M.H.] für die szenische Einrichtung
bestimmt sind» (Schöpflin 1993, 5). In dieser Arbeit soll auch der Aufführungssituation
oder eben der «Theatralität» im Sinne Ehlers (1997, 23) teilweise Rechnung getragen
durch den Einbezug der Regieanweisungen in die Analyse Es wird jeweils explizit gekennzeichnet, wann es sich um den Nebentext eines Theaterstücks handelt. Dadurch wird
teilweise, ohne Übernahme ihrer Terminologie, Ehlers Vorschlag gefolgt, «literarische
und theatralische Gestaltungsweisen auseinanderzuhalten» (Ehlers 1997, 23).
Bis zu einem gewissen Grad zutreffend ist Schmelings Kritik an Voigts Postulat
einer Quasi-Übereinstimmung zwischen äußerer und innerer Handlung (vgl. Schmeling
1977, 14.) Wenn hier von Theater im Theater die Rede ist, soll damit keineswegs eine nahezu vollständige Analogie suggeriert werden. Die Kritik Schöpflins zielt etwa auf folgende Aussage Voigts: «Das Spiel weist als verkleinertes Abbild eines Dramas viele konstituierende Elemente der Großform auf, die ihm eine gewisse Eigenständigkeit sichern,
aber es wird nie völlig autonom» (Voigt 1954, 10; vgl. die Kritik an dieser Aussage bei
Schöpflin 1988, 11). Wie aus dem Zitat hervorgeht, spricht auch Voigt nicht von einer
vollkommenen Analogie. Tatsächlich verkennt er jedoch den Unterschied zwischen dem
echten Publikum und dem Binnenpublikum und überbetont damit die Annahme einer
Spiegelung,13 einer Quasi-Übereinstimmung zwischen Realität und Fiktion, wenn er postuliert: «Das Spielpublikum verhält sich dem Spiel gegenüber wie ein Dramenpublikum einem Drama gegenüber» (Voigt 1954, 10; vgl. die Kritik bei Schöpflin 1988, 9f.). Die
Aussage ist in dieser Form nicht zutreffend und wird auch von Schmeling kritisiert, worauf wiederum Schöpflin hinweist.
Beide Verhältnisse basieren vielmehr auf unterschiedlichen Voraussetzungen. Das innere [Verhältnis] (zwischen Bühne und Spiel-Bühne) ist ein in allen seinen Elementen vom Autor ästhetisch determiniertes, es besitzt eine Finalität, der sich der stückimmanente, im Text fixierte Zuschauer notwendig unterwerfen muß, während der äußere Bezug (zwischen Zuschauerraum
und Bühne erster Ordnung) sich als einen latenten darstellt, abhängig ist von Imponderabilien,
die außerhalb der Macht des Dramatikers liegen.
(Schmeling 1977, 14)
Es scheint allerdings nicht nötig, dass der angesprochene Unterschied durch die unterschiedliche Benennung der fiktionsinternen Dramenebenen angezeigt werden muss.
Pfister schreibt zum Begriff «Spiegelung»: «Über die genaue Füllung dieses Begriffs besteht kein Konsensus, und auch das von uns vorgeschlagene Konzept deckt sich mit keiner der vorliegenden Begriffsbestimmungen völlig» (Pfister 2001, Anm. 60, 412, siehe ebd. für weitere Verweise zum Begriff).
13
38
Bezüglich des Umfangs von Rahmen- und Binnenhandlung führt Asmuth aus:
«Die Rahmenhandlung […] ist dem Binnengeschehen […] kommunikativ übergeordnet,
an Umfang und Bedeutung in der Regel untergeordnet» (Asmuth 2003, 216). Es handelt
sich hierbei um eine prototypische Vorgabe bzw. um häufig so beobachtete Verhältnisse
von Binnen- und Rahmenhandlung – diese Beschreibung trifft indessen nicht auf alle in
dieser Arbeit untersuchten Stücke zu. Ähnlich beschreibt Pfister die quantitativen Verhältnisse: «Für die
QUANTITATIVEN RELATIONEN
zwischen den über- und untergeord-
neten Sequenzen» geht er auf folgende zwei Möglichkeiten ein (Pfister 2001, 303):
Das Spiel im Spiel ist entweder eine Einlage von begrenztem Umfang im quantitativ überwiegenden primären Spiel, das dann den dominanten Fokus trägt, oder aber das Spiel im Spiel
dominiert quantitativ und qualitativ, wodurch dann die übergeordneten Sequenzen auf den Status einer Rahmenhandlung […] reduziert werden.
(Pfister 2001, 303)
Problematisch ist auch an Pfisters Beschreibung, dass er den Begriff der Rahmenhandlung
nur dann für das externe Spiel verwenden will, wenn dieses «qualitativ und quantitativ»
untergeordnet ist (ebd.). In der vorliegenden Arbeit soll der Begriff indessen gemäß
Asmuths allgemeinerer Definition im Reallexikon verwendet werden (siehe Asmuth
2003, 216).14
Abschließend stellt sich nun die Frage, wann genau eine Drameneinlage als Theater im Theater klassifiziert werden soll. Um dieses Problem zu lösen, werden – angelehnt
an die Prototypensemantik – typische Vertreter des Theaters im Theater von untypischen unterschieden (vgl. Linke u.a. 1996, 157). Als Theater im Theater sollen nur typische
metatheatrale Vertreter gelten. Für die «Komponentialsemantik» (ebd.) oder «Merkmalssemantik» (ebd., 158) gelten dabei zwei Voraussetzungen.
Weitere Varianten bezüglich der Anordnung von Rahmen- und Binnenhandlung werden erwähnt von:
Max Dessoir (1929): Das Schauspiel im Schauspiel. In: ders.: Beiträge zur allgemeinen Kunstwissenschaft.
Stuttgart, 137-150. Voigt übernimmt sie z.T. (vgl. den Begriff Wechselspiel bei Voigt 1954, 40). Da die bisher vorgestellten quantitativen Unterscheidungen als ausreichend erscheinen, um Theatereinlagen respektive umrahmende Teile zu beschreiben, wird Dessoirs zusätzliche Unterscheidung nicht übernommen.
Dessoir differenziert nämlich zwischen einem «Rahmen-, Zwischen- und Wechselspiel» (Schöpflin 1988,
4). Unter «Wechselspiel» als Nebenform des Spiels im Spiel versteht Voigt (1954, 40) Folgendes: «Diese
Form weicht am stärksten von der Struktur des Spiels im Spiel ab; das einzige gemeinsame Strukturelement beider ist die Zweischichtigkeit, aber in einer gänzlich verschiedenen Art. Als bekanntestes Beispiel
dieser vorwiegend im Barock verwendeten Form wählen wir zur Veranschaulichung die Geliebte Dornrose
(1660) von Andreas Gryphius. […]. [E]s sind in der Tat – wie der Titel verheißt – zwei verschiedene Dramen, die zu einer Einheit zusammengefasst worden sind, und zwar nicht in dem Sinne, wie eine Trilogie
eine Einheit bildet, sondern in einer Akt für Akt wechselnden Ineinanderschachtelung» (Voigt 1954, 40,
Hervorhebung bei Voigt, Titel im Original unterstrichen). Wie bereits aus dieser Beschreibung klar wird,
handelt es sich dabei um eine sehr spezifische Form, die in den analysierten Boulevardstücken nicht vorkommt, weshalb auch nicht weiter auf Dessoirs Bezeichnung zurückgegriffen wird. Eine Visualisierung
verschiedener Einlageformen findet sich bei Kozwan (2006, 153), er geht auch auf das erwähnte Stück
von Gryphius ein (vgl. ebd.).
14
39
(a) Begriffe haben deutliche Grenzen der ‹Zuständigkeit›: ein Ding fällt unter einen Begriff oder es fällt nicht unter einen Begriff. (b) Begriffe sind im Prinzip durch eine beschränkte
Zahl von Merkmalen vollständig definierbar.
(Linke u.a. 1996, 157)
Bezogen auf typische Vertreter von Theater im Theater heißt das im Fall von a), dass sie
auf jeden Fall der Grunddefinition entsprechen müssen, also etwa der Definition von
Kiermeier-Debre: «In ein Bühnenwerk […] wird als Teil ein zweites Bühnenwerk eingefügt.» (Kiermeier-Debre 2003, 472). Diesem Aspekt wird in der vorliegenden Studie
Rechnung getragen und ein Binnenstück nur dann als Theater im Theater eingestuft, wenn
eine Theatereinlage im Theater vorliegt oder zumindest angedeutet wird (z.B. akustisch).
Im Einzelfall ist jedoch – wie in dieser Studie – nicht immer einfach zu entscheiden,
welche Stücke dem Begriff Theater im Theater noch entsprechen sollen und welche nicht
– denn wann ist etwas noch ein «Bühnenwerk» (ebd.)? Beispielsweise stellt sich die Frage, ob eine fragmentarische Binnenaufführung auch noch berücksichtigt werden soll.
Bei manchen Vertretern des Theaters im Theater «signalisieren wir [also] eine gewisse
Reserve gegenüber einer eindeutigen Zuordnung» (Linke u.a. 1996, 157).
[Das einzuordnende Objekt] entbehrt offensichtlich gewisser Eigenschaften, die es zu einem
besonders guten Vertreter eines Begriffs machen würde, ohne dass es andererseits aber auch
klar aus dem Begriff herausfallen würde.
(Linke u.a. 1996, 157)
Ein Begriff bezieht sich also immer auf «Kernzonen mit besonders typischen […] Vertretern – man nennt sie Prototypen – und vom Kern immer weiter entfernte, immer peripherere Zonen […] untypischer Vertreter» (ebd.). Verbunden sind all diese Vertreter
durch eine Art Verwandtschaft. Beim Konzept von Theater im Theater kann meines Erachtens dennoch von Prototypen ausgegangen werden, dies im Gegensatz zu Wittgensteins Konzept der «Familienähnlichkeiten» (Wittgenstein 1958, 57, §67), das dafür die verschiedenartigen metatheatralen Formen insgesamt passend zu beschreiben scheint. Über die
metatheatralen Formen lässt sich nämlich ähnlich wie über die « ‹Spiele› » (vgl. ebd.) aussagen:
Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als durch das Wort «Familienähnlichkeiten»; denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc. – Und ich werde sagen: die ‹Spiele› bilden eine Familie.
(Wittgenstein 1958, 57, §67)
Hier soll es nun aber darum gehen, charakteristische Merkmale für Theater im Theater
festzulegen. Voigts Studie zeigt beispielhaft, was der Begriff Theater im Theater (respektive
Spiel im Spiel) alles umfassen kann:15 Er umschreibt seine Ausgangsdefinition als «vorläufige Definition des Spiels im Spiel» (Voigt 1954, 10), geht jedoch davon aus, dass die
Weggelassen wurde in Voigts zitierter Definition indessen die Passage zur Analogie zwischen Binnenzuschauern und echten Zuschauern aus den oben angeführten Gründen.
15
40
«Elemente, die in ihr enthalten sind, […] in jedem Spiel im Spiel wiederkehren [müssen]» (ebd.). Für die vorliegende Untersuchung umreißt Voigts Vorgabe eine Art Theater-im-Theater-Prototyp, den er wie folgt definiert:
Das Spiel im Spiel ist eine Einlage in ein Drama, die über einen eigenen Spielraum und eine eigene Zeitlichkeit verfügt, und zwar so, dass ein räumliches und zeitliches Nebeneinander der
Spiel- und der Dramensphäre entsteht. Das Spiel weist als verkleinertes Abbild eines Dramas
viele konstituierende Elemente der Grossform auf, die ihm eine gewisse Eigenständigkeit sichern, aber es wird nie völlig autonom.
Das Spiel ist dem Drama nicht nur äusserlich, sondern auch in seinem Gehalt und inneren
Gewicht ein- und untergeordnet; dadurch wird auch seine Ausdehnung begrenzt: Es muss als
Nebenvorgang überschaubar bleiben.16 Es ist dem Drama nicht immer durch die Handlung,
stets aber durch die Personalität verbunden: Das Spielpublikum besteht aus Dramenpersonen,
und die Spielpersonen sind in ihrer «realen» Existenz als der Dramensphäre zugehörig zu denken, wenngleich sie nicht als Dramenpersonen in Erscheinung zu treten brauchen. Durch dieses Teilhaben an zwei Bereichen sind Einbrüche vom einen in den anderen möglich.
(Voigt 1954, masch. Diss., 10; Anm. M.H.)
Die vielen prototypischen Merkmale von Spiel im Spiel nach Voigt decken sich nicht indessen mit der Minimal-Definition des Begriffs Theater im Theater in der vorliegenden
Arbeit. Für das Theater im Theater wird in der vorliegenden Arbeit vorgängig eine erste
notwendige Bedingung festgelegt: Das Stück muss eine Theatereinlage aufweisen. Nachfolgend soll diese Definition erweitert werden.
Voigt erwähnt in seiner Definition das «Spielbewusstsein» (ebd.) als eine Vorgabe für Theater im Theater. Unter diesem Begriff wird in der vorliegenden Arbeit verstanden, dass mindestens ein Teil des Binnenhandlungspersonals und der echten Zuschauer um die Fiktionalität des Binnendramas weiß.
Am Anfang von Schöpflins Arbeit zum Phänomen des Theaters im Theater
steht eine allgemeine «Bestimmung des Begriffs» Theater (vgl. Schöpflin 1993, 3-10). Sie
grenzt sich von ähnlichen Untersuchungen dadurch ab, dass sich ihre Analyse vor allem
auf den Begriff Theater im Theater stützt (und sie beispielsweise Spiel im Spiel nur gelegentlich, nämlich als umfassenderen Terminus verwendet). Anschließend definiert auch
Schöpflin den ihrer Untersuchung zugrundeliegenden Hauptbegriff und beantwortet
damit die Frage: «Was ist Theater im Theater?» (Schöpflin 1993, 10). Grundsätzlich stellt
sie fest, dass «für das in ein Theaterstück verlegte Theater dieselbe Definition wie für
das Theater allgemein [gelten]» könne (ebd.) Genauer sollen jedoch für das Vorliegen
von eigentlichem Theater im Theater die nachfolgend erwähnten Bedingungen erfüllt sein:
[Dafür] muß das interne Theaterspiel in jedem Fall die Grundkonstituenten des Theaters aufweisen; das heißt, es muss eine Zweiteilung des Dramenpersonals in Schauspieler, die eine Impersonation vollziehen, und Zuschauer gegeben sein; die interne Aufführung muß eine Fiktion
Diese Vorgabe Voigts übernimmt Asmuth für seine Definition von Rahmenhandlung im Reallexikon (vgl.
Asmuth 2003, 216A).
16
41
bieten; und zuschauende und schauspielernde Damenfiguren müssen sich des fiktiven Charakters des Dargebotenen bewußt sein […]
(Schöpflin 1993, 11f.)
Die hier festgelegten Merkmale müssen auch für die vorliegende Arbeit erfüllt sein, damit von eigentlichem Theater im Theater die Rede sein kann (grundsätzlich handelt es
sich dabei nur um eine bewusste Auswahl einiger prototypischer Merkmale, die nachfolgend – nicht mehr im Sinne der Prototypensemantik – als verbindlich festgelegt werden): Unabdingbar ist erstens der Rollenwechsel, den Schöpflin auch «Impersonation» nennt
(ebd.) und den auch Voigt in seiner Definition implizit erwähnt (vgl. oben). Es wird
zweitens vorausgesetzt, dass ein Schauspieler – einerseits in der Rahmenhandlung, andererseits aber auch in einer Binnenhandlung – auftritt und in letzterer eine Rolle spielt.
Schöpflin bezeichnet dies auch als «Doppelheit von Darsteller und Rolle» (Schöpflin 1988,
15). Bei der Binneneinlage muss es sich drittens notwendigerweise um eine fiktionale Einlage handeln, die von einem Teil des fiktiven Bühnenpersonals, allenfalls dem Binnenpublikum sowie dem realen Publikum, als solche erkannt werden soll, was auch erst im
Nachhinein geschehen kann.17 Damit es sich um ein eigentliches Theater im Theater
handelt, sind nach Schöpflin diese Merkmale – das Vorhandensein eines Rollenspiels,
die Existenz zweier Ebenen und die Fiktion in der Fiktion – notwendig (vgl. Schöpflin
1993, 11). Dies soll auch für die vorliegende Arbeit gelten.18
Pfister spricht auf Voigts Terminologie zurückgreifend (vgl. Voigts Zitat), von
«IDENTITÄT DES PERSONALS» (Pfister 2001, 301; vgl. den Begriff «Identität von Spielund Dramenpersonen» bei Voigt 1954, 91). Darunter wird verstanden, dass die «fiktiven
Schauspieler, die das Spiel im Spiel aufführen, auch als Figuren in den übergeordneten
In der Folge relativiert auch Schöpflin Voigts Kriterium des «Spielbewusstseins», wenn sie schreibt:
«[nicht] immer ist bei allen Mitspielern oder Zuschauern eines internen Theaterstücks ein vollständiges
oder überhaupt ein Spielbewußtsein gegeben. Gerade daraus kann der Dramatiker einen besonderen Effekt gewinnen, ebenso wie aus dem umgekehrten Fall, wenn nämlich das vorhandene Spielbewußtsein eines Binnenpublikums oder drameninterner Schauspieler während einer Theatervorstellung mißbraucht
wird» (ebd., 12). Auch in dieser Arbeit muss das Wissen um Fiktionalität nicht notwendigerweise bei allen
Figuren vorhanden sein. Tritt jedoch der Fall ein, dass das Spielbewusstsein bei einigen Figuren fehlt, so
gilt zu unterscheiden, ob es sich lediglich um eine Verstellungs- oder Verwechslungsszene innerhalb einer Fiktion handelt oder um eine eigentliche Binneneinlage. Denn eine Verstellungs- und Verwechslungsszene
soll grundsätzlich vom Begriff Theater im Theater (und vom Oberbegriff Metatheater) unterschieden werden
(vgl. dazu Kap. 3).
18 Schöpflin relativiert in der Folge gewisse Vorgaben der angeführten Definition (vgl. Schöpflin 1993,
11f.) und lässt so auch eine «zeitliche Versetzung zwischen Theaterspiel und Dramenrealität» als Theater
im Theater gelten (ebd., 11) – ihrer Meinung nach kann man eine zeitliche «Rückblende oder einen Vorgriff» (ebd.) als Theater im Theater bezeichnen. Dies kann durch die formale Ähnlichkeit solcher Einlagen
begründet werden, widerspricht aber der Definition von Theater in Theater, die in der vorliegenden Arbeit
angewendet werden soll, da es sich bei einer solchen Einlage nicht um eine neue Fiktion handelt, sondern
um dieselbe fiktionale Geschichte.
17
42
Sequenzen fungieren» (Pfister 2001, 301) 19 – was sich mit der zuvor angesprochenen
«Doppelheit von Darsteller und Rolle» deckt (Schöpflin 1988, 15); Pfister stützt sich auf
Voigts Studie und verwendet deshalb bevorzugt den Begriff Spiel im Spiel. Voigt schreibt,
dass Rahmen- und Binnenhandlung «im Punkte der Personalität unmittelbar ineinander
übergehen» (Voigt 1954, 98).
Zusätzliche bei Voigt erwähnte Vorgaben für das Spiel im Spiel mögen auf einzelne Stücke zutreffen, sie sollen für die allgemeine Definition von Theater im Theater in
der vorliegenden Arbeit jedoch nicht verbindlich sein. Auch Schöpflin schreibt, dass es
«beim Theater im Theater gewisse Einschränkungen im Hinblick auf die grundlegenden
Komponenten von Theater geben [kann], ohne daß es seinen theatralischen Charakter
einbüßt, eben weil die eingelegte Aufführung durch die Existenz der sie umgebenden
Dramenebene im- oder explizit als Theater gekennzeichnet ist» (ebd., 11). Wie angesprochen werden jedoch in Bezug auf das Theater im Theater für diese Arbeit die drei
oben erwähnten Kriterien als verbindlich angesehen. Offener wird dafür das Feld der
metatheatralen Formen definiert sein.
Schöpflins Aussage lässt wiederum an einen Prototypen denken. Ein prototypisches Theater im Theater verfügt beispielsweise über ein Binnenpublikum, jedoch soll
diese Vorgabe nicht eine notwendige Bedingung sein, um von Theater im Theater sprechen zu können. Die Vorgabe betreffend das Publikum wird von mehreren Forschenden flexibel gehandhabt. Für Forestier reicht ein einziger Zuschauer für das Vorliegen
von Theater im Theater aus: «Il y a théâtre dans le théâtre à partir du moment où au
moins un des acteurs de la pièce-cadre se transforme en spectateur» (Forestier 1981. 11).
Schöpflin schreibt desgleichen: «Das Publikum kann zahlenmäßig stark reduziert sein –
so mag schon ein einziger Bühnenzuschauer genügen, um ein Gegenüber von Ausführenden und Rezipienten innerhalb des Dramas zu schaffen.» (Schöpflin 1993, 11). Später relativiert sie diese Vorgabe – wahrscheinlich in Analogie zu einer wirklichen Probesituation – noch weiter: «Ein Bühnenpublikum kann aber auch ganz fehlen, etwa
wenn eine Theaterprobe dargestellt wird» (ebd.) Das Theater im Theater kann außerdem, wie erwähnt, auch ein Theater-Fragment sein.
Das Theater im Theater erfährt keine Einschränkung durch das Kriterium des Umfangs. Schon
der Vortrag einiger weniger Verse oder Zeilen aus einem tatsächlich existierenden oder fiktiven
Theaterstück in einem Drama führt ein Theater im Theater herbei.
(Schöpflin 1993, 14)
Der Terminus ‹übergeordnete Sequenzen› soll sich in dieser Arbeit nur auf die Rahmenhandlung beziehen. Pfister indessen verwendet ihn auch für Vor- und Nachspiele sowie Pro- und Epiloge.
19
43
Für die vorliegende Arbeit kann Schöpflins Aussage genau dann zugestimmt werden,
wenn trotz des kleinen Umfangs einer Theatereinlage damit ein Rollenwechsel einhergeht und es sich um eine Fiktion in der Fiktion handelt. Dies zeigt sich etwa bei einer
Musicaleinlage, die typischerweise gesungen und gespielt ist. In Erinnerung an die oben
angeführte Definition mit ihrer Einteilung in «Kernzonen mit besonders typischen […]
Vertretern – […] Prototypen – und vom Kern immer weiter entfernte, immer peripherere
Zonen […] untypischer Vertreter» (ebd.) ist zu bemerken, dass in so einer «peripheren
Zone» des Theaters im Theater beispielsweise die Lesung eines Theaterstücks anzusiedeln wäre. Während dabei die Vorgabe der Fiktionalität eingehalten ist, stellt sich insbesondere die Frage nach der Rollenübernahme: Inwieweit spielt ein Schauspieler, der eine
Passage eines Dramentextes vorliest, noch eine Rolle? Es soll davon ausgegangen werden, dass das Ablesen des Sprechtextes vom Theatermanuskript durch eine Bühnenfigur
einem eigentlichen Schauspiel immer noch recht nahe kommt. Für Schöpflin scheint der
Fall klar: «Auch die Rezitation eines Ausschnittes aus einem Theaterstück durch einen
einzelnen Schauspieler schafft […] Theater im Theater» (Schöpflin 1993, 14).
Zuletzt stellt sich die Frage nach den Grenzen von Theater im Theater: Eine
extrem fragmentarische Schauspieleinlage soll beispielsweise dann nicht mehr als gelesene Theatereinlage gelten, wenn sie nicht als fiktionale Einlage erkannt wird, man denke
an eine intertextuelle Anspielung, die im Dramentext vom Zuschauer unbemerkt bleiben kann. Eine solche intertextuelle Anspielung wäre dann auch nicht metatheatral.
Wird das Mini-Fragment als Zitat erkannt, so wird es als metatheatrale Form klassifiziert
(außer, wenn es vorgespielt wird).
Eine Theaterlesung wird vom Publikum in der Regel als illusionsstörend wahrgenommen. Im Gegensatz etwa zum Vorlesen eines Drehbuchs auf dem Theater ist die
Rezension eines Theaterstückes auf dem Theater (vor allem, wenn die Figurenrede vorgetragen wird) immer noch als (nicht-prototypische) Theatereinlage zu sehen. Dennoch
kann gerade eine Theaterlesung dem Publikum auch das Vorliegen des Stückes als gedrucktes Medium bewusst machen. Durch die Lesung eines Theaterstücks wird die
Aufmerksamkeit des Publikums auf die Machart von Theater gelenkt, konkret darauf,
dass jedem gespielten Stück ein Dramentext zugrunde liegt, welcher «unveränderlich ist»
(ebd.) Letzteres gilt nicht für die «Inszenierung des Textes, die immer schon Interpretation ist» (ebd.) und von einem Regisseur zum nächsten stark abweichen kann. Der Aspekt der Rollenumsetzung als Teil der Inszenierung ist also bei einer Theaterlesung auf
44
dem Theater nur teilweise vorhanden, je nachdem, wie sehr sich der Vorleser oder die
Vorleserin bei der Rezitation um eine Rollenübernahme bemüht.
Ein weiterer Grenzbereich von Theater im Theater umfasst die Improvisationen, also Stegreifspiele auf dem Theater, die sich oft nicht durch einen eigenen Bühnenraum auszeichnen. Nach Schöpflin ist für das Vorliegen von Theater im Theater «keine
zweite, kleinere Bühne» vonnöten (Schöpflin 1993, 12), wozu sie ausführt: «Es reicht
aus, wenn die Dramenpersonen durch Vereinbarung einen Spielraum für das interne
Spiel abstecken» (ebd.). Gerade in modernen Stücken fehlt oft eine Bühne für die Binnenhandlung. Solche Theatereinlagen könnten mit Voigts engerem Begriff – der eine
Bühne voraussetzt – also nicht als eigentliches Binnentheater erfasst werden, sodass hier
Schöpflins Vorgabe gefolgt werden soll. Stegreiftheatereinlagen werden wiederum dann
unter dem Begriff Theater im Theater erfasst, wenn sie die für diese Arbeit festgelegten
drei Kriterien erfüllen: Das Stegreifspiel muss als Stegreiftheatereinlage eine Fiktion in
der Fiktion bilden und dabei muss es sich um einen Rollenwechsel handeln. Es reicht also nicht, Kapriolen auf der Bühne reichen also nicht, die Einlage muss einen Kunstcharakter aufweisen, einem Theaterstück ähneln. Die fiktionale Einlage sollte zudem von
einigen Bühnenfiguren als solche erkannt werden (vgl. Schöpflin 1993, 11). Auch
Schöpflin klassifiziert das Stegreiftheater noch als eigentliches Theater im Theater (vgl.
Schöpflin 1993, 13). Eine Handlung kann auch dann fiktional (erfunden) sein, wenn ihr
Dramentext (scheinbar) nicht von vornherein festgelegt ist – denn vom echten Autor ist
eine solche Handlung natürlich vorausgeplant.
In dieser Arbeit werden die folgenden Typen von Theater im Theater unterschieden: Theater im Theater als Bühnenprobe, Dreharbeiten auf dem Theater, Theater als Aufführung, akustisch eingespielte Aufführungen, eine Pantomime als Theatereinlage, ein Puppentheater im
Theater, Stegreiftheatereinlagen, Musiktheater im (Musik-)Theater oder Theater im Theater als Lesung. Zum Puppentheater im Theater soll noch angemerkt werden, dass auch hier von einer
eigentlichen Rollenübernahme ausgegangen werden, obschon die Rolle nicht traditionell
verkörpert, sondern mit einer Puppe vorgespielt wird.
2.2.2. Metatheater und metatheatrale Formen
Das Ziel der bisherigen Ausführungen bestand darin, einen Überblick darüber zu geben,
wie der Terminus Theater im Theater und ähnliche Begriffe in einigen für diese Arbeit relevanten Studien verstanden werden, um abschließend zu verdeutlichen, wie der Terminus Theater im Theater in der vorliegenden Arbeit angewendet werden soll. Nicht alle analysierten Stücke, die im weitesten Sinne als selbstreflexiv wahrgenommen werden,
45
schließen jedoch ein Binnentheater ein und halten der eingeschränkten Definition von
Theater im Theater stand (verstanden als: eine Theatereinlage enthaltend, also mit Rollenwechsel und mindestens einer zweiten fiktionalen Ebene). Deshalb ist es wünschenswert, diese metatheatralen Unterformen unter einen weiteren Oberbegriff vereinen zu
können, wobei sich Metatheater (anstatt Spiel im Spiel) anbietet.
Vereinzelt wurde diskutiert, ob metatheatrale Stücke eine Gattung darstellen. 20
Da das Kunstmittel des Metatheaters jedoch in ganz verschiedenen Gattungen auftreten
kann, scheint es passender, wenn insgesamt von «illusionsbrechende[n] Techniken» anstatt von einer Textsorte die Rede ist (vgl. Vieweg-Marks 1989, 15). Beim Metatheater
handelt es sich (gemäß Vieweg-Marks, die aber den Begriff Metadrama verwendet) um
«keine eigene Gattung, sondern ein dramatisches Prinzip, das sich in allen Gattungen
manifestiert» (ebd., 9).
Wie angedeutet werden dem Begriff Metatheater ganz verschiedenartige Formen
subsumiert. Sie weisen gewisse «Familienähnlichkeiten» auf (vgl. Wittgenstein 1958, 57,
§67). Im Gegensatz zu Wittgensteins Begriff eint sie jedoch ein gemeinsames Merkmal,
nämlich jenes, die Illusion zu brechen.
Der Begriff Gattung könnte insofern erwogen werden, als metatheatrale Stücke über eine Zeitspanne
von mehreren Jahrhunderten nachgewiesen werden können, wie Schmelings Studie aufzeigt, die mit dem
Barocktheater einsetzt, aber auch Einflüsse des «zweckfreie[n] Spiels der Aristophanischen Komödie und
d[er] italienische[n] ‹Commedia dell’arte›» für das romantische, selbstbewusste Theater in Deutschland geltend macht (vgl. Schmeling 1977, 149). Kowzan weist darauf hin, dass metatheatrale Aspekte bereits in
antiken Dramen etwa durch die Präsenz des Chors, durch Rahmungen oder auch in Form von Reden ad
spectatores vorhanden seien (vgl. Kowzan 2006, 15, 191ff.). Es gibt insbesondere eine Epoche, in der Spiel
im Spiel-Phänomene zu fehlen scheinen, so im Drama der Weimarer Klassik in Deutschland (siehe Schmeling 1977, 149) – zumindest, sofern man die geschlossenen Dramen typisch für diese Zeit betrachtet. Die
gemachte Aussage trifft jedoch nicht auf die klassische Periode anderer Nationalliteraturen, etwa auf den
französischen Klassizismus zu (vgl. Forestier 1981). In der deutschen Klassik wurde zwar zuweilen auf
das potenzierte Spiel verzichtet (vg. ebd.), jedoch verwendeten «[…] auch Goethe und Schiller in ihrer klassischen Periode jene Form der ‹selbstbewußten Illusion›, wie sie dem potenzierten Spiel eignet» (Schmeling 1977, 149f). Diese Bemerkung ist zutreffend, zumal auch Goethes Faust I, wenn auch kein eigentliches Theater im Theater, so doch ein metatheatrales Vorspiel aufweist. Goethe schrieb auch ein Stück mit
Theater im Theater, das von der Datierung her zum Sturm und Drang gehört: Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern, dessen Fassungen 1773/1776 entstanden (vgl. Schöpflin 1993, 80, 82f.). Inwieweit kann man also
von einer Gattung des Metatheaters sprechen? Ein «Text gehört zu einer LITERARISCHEN TEXTSORTE nach
Frickes Definition genau dann, wenn er alle in der rein systematischen Definition dieser Textsorte festgelegten NOTWENDIGEN MERKMALE […] und mindestens eines der ALTERNATIVEN MERKMALE […] erfüllt» (Fricke 2000, 36). Wird von Frickes Gattungsdefinition ausgegangen, wäre es schwierig, alle metatheatralen Formen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, also mehrere notwendige Merkmale für
diese Formen festzulegen, zumal es sich dabei um formale und inhaltliche Aspekte handelt (vgl. unten
Kap. 2). Zwar könnte der Illusionsbruch als ein solches notwendiges Merkmal gelten – problematisch wäre jedoch auch, dass manchmal nur ein kleiner Teil des Gesamtkunstwerks von einer Illusionsstörung betroffen sein kann. Zu den «ALTERNATIVEN MERKMALE[N]» (ebd.) könnte etwa der Einlagecharakter gezählt werden. Da das Kunstmittel des Metatheaters jedoch in ganz verschiedenen Gattungen auftreten
kann, scheint es passender, wenn insgesamt von «illusionsbrechende[n] Techniken» anstatt von einer
Textsorte die Rede ist (vgl. Vieweg-Marks 1989, 15).
20
46
Eingeführt wurde die Bezeichnung Metatheater 1963 von Lionel Abel (vgl. Hauthal 2007b, 92).21 1971 prägte dann «James L. Calderwood […] den Terminus Metadrama»
(ebd.).22 Diese beiden Termini werden auch von Kiermeier-Debre (2003) als Oberbegriffe verwendet (vgl. Kiermeier-Debre 2003, 472). Hauthal (2007b) weist wiederum auf
die unterschiedliche Verwendung von Metatheater und Metadrama hin: «Beide Begriffe
werden […] teils synonym, teils differenzierend gebraucht und unterschiedlich definiert.» (Hauthal 2007b, 92). Wie bereits in Bezug auf den Begriff Theater im Theater ausgeführt, soll hier keine inhaltliche Unterscheidung gemacht werden zwischen den Begriffen Theater und Drama; sie werden in dieser Arbeit synonym verwendet, wobei fast ausschließlich der Terminus Metatheater verwendet wird. Hornby (1986) bedauert die
mangelnde Klarheit der Begriffsverwendung bei Abel23 (dem Begründer des Begriffs Metatheater) und Hornby weist auch auf die Schwächen anderer anglistischer Studien hin24
und stellt in Bezug auf sie fest: «metadrama is rarely given an adequate definition» (ebd.).
Im Vorwort einer späteren Studie zum Metadrama beschreibt der Begründer des Begriffs Metadrama, Calderwood, sein Vorgehen folgendermaßen:
[…] my reading of Hamlet is on the whole metadramatic rather than deconstructive. Deconstruction, it seems to me, is built into the play, as it is in many literary works, to the extent that
Hamlet repeatedly insists upon its own fictionality, or in this case theatricality, and addresses itself to the nature of dramatic illusion. But this deconstructive theme is but a part, albeit a highly significant part, of a metadramatic reading that regards the more complete subject of the
play to include, not only its own theatricality, but also its own digressive structure, its selfconsuming nature as a performance in time, its concrete universality, the creative negativity of
its language, and its relations specifically to its source play, the Ur-Hamlet, and to its genre of
revenge tragedy.
(Calderwood 1983, xvf.; Hervorh. der Titel bei Calderwood)
Hornby vermisst in vielen der von ihm untersuchten Studien eine klare Kategorisierung
von Strukturen des Metatheaters oder Metadramas (vgl. Hornby 1986, 31). Wie das zitierte Beispiel zeigt, scheinen auch bei Calderwood klare formale Kriterien zu fehlen.
Insbesondere Voigts Arbeit ist eine Typisierung der metatheatralen Elemente zu verdanken (siehe Voigt 1954, 11ff). Ehlers betont: «Eine präzise ‹Formbestimmung› und
Systematisierung des Spiels im Spiel ist das Ziel der bis heute grundlegenden Dissertation J. Voigts» (Ehlers 1997, 21). Auch die vorliegende Arbeit folgt weitgehend Voigts
Das gemeinte Werk führt den Begriff bereits im Titel: Lionel Abel (1963): Metatheatre. A new view of
Dramatic Form. New York.
22 James L. Calderwood (1971): Shakespearean Metadrama. The Argument of the Play in Titus Andronicus, Love’s Labour Lost, Romeo and Juliet, A midsummer Night’s Dream and Richard II. Minneapolis.
23 «Lionel Abel’s seminal book, Metatheatre, although original and striking, is actually a collection of loosely
connected essays, of which only about half actually deal with metatheatre – which is never clearly defined»
(Hornby 1986, 31).
24 Neben Abel und Calderwood erwähnt er beispielsweise auch Nelsons Studie Play within a play (vgl. Nelson 1958).
21
47
Einteilung in «Vor- und Nebenformen des Spiels im Spiel» (Voigt 1954, 11), 25 wobei
diese Kategorien jedoch abweichend von Voigt als metatheatral benannt werden, insbesondere wegen der internationalen Gebräuchlichkeit des Begriffs.
Hornby definiert den Begriff Metadrama seinerseits so, wie Metatheater auch in
dieser Arbeit verstanden werden soll: «Briefly, metadrama can be defined as drama
about drama» (Hornby 1986, 31). Kowzan verwendet als Oberbegriff den Terminus
«métathéâtre» (Kowzan 2006, 12). Er definiert ihn desgleichen als «théâtre sur le théâtre»,
darauf hinweisend, es handle sich um eine Begriffsbildung nach dem Vorbild von
«métalangage» (Kozwan 2006, 12).26 Darunter wird unter Bezugnahme auf ein Konzept
von ihm Folgendes verstanden: «[le] langage parlant du langage lui-même, Louis Hjelmslev, 1957»27 (ebd.). Kowzans Definition folgend gelten als metatheatral «[des] ouvrages
dramatiques et/ou spectacles qui contiennent une référence à d’autres faits théâtraux :
citations dramatiques, réflexions sur l’art de théâtre, pièce(s) dans la pièce» (ebd.). Diese
Definition trifft auch auf die in dieser Arbeit als metatheatrale Formen beschriebenen
Phänomene zu. Eine klare Grenze zwischen Metatheatralität und Intertextualität ist dabei im Einzelfall nicht immer zu ziehen. Das Theater im Theater ist als eine bestimmte
Ausprägung von Metatheater zu sehen. Für die Abgrenzung der Begriffe gilt es festzuhalten:
Tout ouvrage dramatique ou spectacle qui contient une intra-pièce est métathéâtral, tandis que
l’ouvrage de caractère métathéâtral ne contient pas systématiquement de pièce intérieure.
(Kowzan 2006, 12)
In dieser Arbeit wird Wert darauf gelegt, für die beiden Formen auch zwei verschiedene
Begriffe zu verwenden, um damit anzuzeigen, dass die beiden Begriffe hierarchisch
nicht auf derselben Stufe stehen.
Dem Hyperonym Metatheater sollen Phänomene untergeordnet werden, die das
Bühnenspiel reflektieren beziehungsweise auf dessen Theatralität verweisen, was nicht
notwendigerweise im Rahmen einer eigentlichen Theatereinlage geschehen muss. So
wird von reinem Metatheater die Rede sein, wenn es darum geht, Aussagen zu zitieren, die
im Theater zum Theater gemacht werden. Werden diese Aussagen jedoch in Stücken
Die vielen Studien umfassend darzustellen, welche sich auf Voigts Terminologie stützen und ähnliche
oder andere Bezeichnungen wählen, kann an dieser Stelle wegen der Fülle des Materials nicht geleistet
werden. Schöpflin weist beispielsweise darauf hin, dass Mehl (in einer nach Voigts Disserstation entstandenen Studie) ähnliche Strukturen wie bei Voigt als «verwandte Formen» bezeichne (Schöpflin 1988, 5).
Dieter Mehl (1961): Zur Entwicklung des «Play within a play» im Elisabethanischen Drama. In: Shakespeare Jahrbuch 97 (1961), 134ff; Dieter Mehl (1965): Forms and Functions of the Play within a Play». In:
Renaissance Drama 8 (1965), 41ff.
26 Zaiser (2009, 8f.) verweist bezüglich des gleichen Konzepts auf folgenden Artikel Barthes: Roland
Barthes (1964): Littérature et méta-langage. In: Roland Barthes (1964). Essais critiques. Paris, 110f., hier:
110.
27 Die genaue Quellenangabe fehlt bei Kowzan.
25
48
mit einer eigentlichen Theatereinlage gemacht, also innerhalb einer Rahmen- oder Binnenhandlung, so sollen diese Aussagen in der Regel im gleichen Kapitel stehen, das auf
die Binneneinlage eingeht, um eine thematische Kontinuität bei der Behandlung der
Stücke teilweise zu gewährleisten. Metatheatrale Formen können also alleine vorkommen oder auch ein eigentliches Binnentheater begleiten (vgl. Kozwan, 2006, 12). Voigt
beschreibt seine «Vorformen» (ebd., 11, 41), bei ihm von Spiel im Spiel, gleichermaßen als
«Elemente, die im Verein mit anderen in der Hauptform wiederkehren» können (ebd.,
11).
Alle metatheatralen Formen eint das, was Voigt beispielsweise bezüglich «Prolog
[und] Sprechen ad spectatores» feststellt (Voigt 1954, 41, Hervorh. M.H.): «Durch die verschiedenen Vorformen wird eine Distanzierung des Publikums zur Dramensphäre geschaffen, der Spielcharakter des Dramas wird betont» (ebd.). Es geht also in erster Linie
um «die Erzeugung eines Spielbewußtseins» (Schöpflin 1988, 528; vgl. Voigt 1954, 5). Dieses stellt eines der Kriterien für das Vorliegen einer metatheatralen Struktur dar.
Schöpflin fasst in ihren beiden Publikationen das Spiel im Spiel (anstelle von Metatheater) als weiter gefassten Begriff zu Theater im Theater auf, wobei sie im Allgemeinen
Voigts Terminologie folgt (Schöpflin 1988, 5; Schöpflin 1993, 16). Sie grenzt dadurch
von ihrem eigentlichen Interessensgebiet, das sie als Theater im Theater bezeichnet, solche Techniken ab, die mit eigentlichem «Theater im Theater [zu] verwechseln» sind
(Schöpflin 1993, 16). Denn einige «dramatische Techniken, die als Spiel im Spiel im weitesten Sinn bezeichnet werden, sind mit dem Theater im Theater deshalb verwechselbar,
weil sie einen Teil der Voraussetzungen erfüllen, die zur Definition des Theaters im
Theater gehören» (ebd.). Schöpflin scheint sich also implizit an einer exemplarischen
Theatereinlage zu orientieren, die besonders viele typische Merkmale aufweist. Ihre Definition schließt in den Oberbegriff auch diejenigen Formen ein, welche Voigt als «Vorund Nebenformen des Spiels im Spiel» bezeichnet hat (Voigt 1954, 11). Was die in dieser Arbeit als Metatheater bezeichneten Formen eint, ist nicht nur ihre (im weiteren Sinne) familiäre Ähnlichkeit mit der vollständigen Form des Theaters im Theater, sondern
auch ihr Potential, die Illusion zu stören.29 Damit ist gemeint, dass dem echten Zuschauer durch den Einsatz metatheatraler Formen oder Theatereinlagen «die Elemente
28 Hervorhebung bei Schöpflin in Anführungszeichen – sie wurden in diesem Kapitel immer von mir
durch Kursivsetzung ersetzt.
29 Andererseits wird manchmal betont, die Beschreibung als Illusionsbrechung werde dem Phänomen
nicht ganz gerecht. Beispielsweise könne durch das Sprechen ad spectatores im Rahmen einer Binnenhandlung auch «die Illusion des Rahmendramas», also der Rahmenhandlung, intensiviert werden (vgl. Hauthal
2007b, 106). Daraus resultiere «trotz ihrer Illusionsstörung paradoxerweise letztlich eine emphatische Involvierung der Zuschauer» (ebd.). Der Grad der Illusionsstörung kann auch schwerlich gemessen werden.
49
der theatralischen Aufführung bewußt[gemacht]» werden (Kokott 1968, 23). Das
Zuschauerempfinden wird durch die Struktur des Vorgeführten beeinflusst.
Diese Arbeit differenziert nicht, wie Voigt, zwischen «Vor- und Nebenformen
des Spiels im Spiel» (vgl. Voigt 1954, 11-42, hier 11). Stattdessen wird nur der Oberbegriff Metatheater verwendet.30 Viele der metatheatralen Elemente werden für diese Arbeit
von Voigt übernommen und deshalb an dieser Stelle eingeführt. Es handelt sich insgesamt, wie erwähnt, um «[F]ormen, die das Spiel explizit als Spiel kennzeichnen» (Schöpflin 1988, 5). Es sind dies:
Chor, Kommentar, Prolog, [Epilog], Sprechen ad spectatores, Aus-Der-Rolle-Fallen […], Spiel der Verstellung und Spielen im Spiel […].
(Schöpflin 1988, 5; vgl. Voigt 1954, 11, 14, 17, 18f., 22, 25 u.a. Fettdruck bei Schöpflin)
In der Regel wird Voigts Vorgaben gefolgt (wobei sein Oberbegriff bekanntlich Spiel im
Spiel ist). Davon abweichend soll in dieser Arbeit jedoch ebenso das als eigentliches Theater
klassifiziert werden, was Voigt als Spielen im Spiel umschreibt:
Unter Spielen im Spiel verstehen wir einen Vorgang, in dem eine Dramenperson unter sichtbarer
Beibehaltung ihrer Eigenschaften als solcher – also ohne Kostümierung oder andere Zurüstung – einem Publikum, das ebenfalls aus Dramenpersonen besteht, etwas vorspielt. In der
Regel wird das etwas Improvisiertes sein, ein Nachäffen einer anderen Dramenperson zum
Beispiel […].
(Voigt 1954, 25)
Voigt bezeichnet es insbesondere «durch das Fehlen eines vorher abgesteckten Spielraumes» (ebd.) nicht als eigentliches Spiel im Spiel. Das hier beschriebene Phänomen gilt
es jedoch von der Verstellung zu unterscheiden, die als nicht metatheatral klassifiziert
wird (siehe unten, Kapitel 3). Bei der Verstellung würde das Spiel der Figur von den anderen Bühnenfiguren nicht als solches durchschaut, sondern als ‹Wirklichkeit› betrachtet.
Bei Pfister wird jedoch das Spielen im Spiel weitgehend mit der Verstellung gleichgesetzt
(vgl. Pfister 2001, 306). Für diese Arbeit soll deshalb der Begriff des Spielens im Spiel
nicht übernommen werden.
Ehlers kritisiert, dass Schöpflin sich in ihrer Studie insbesondere auf Aspekte des
Theaters im Theater beschränke und metatheatrale Phänomene weitgehend ausklammere,
da die Untersuchung deshalb «an eine begrenzte Vorstellung von Theater gebunden» sei
(Ehlers 1997, 17). Dies, obschon Ehlers grundsätzlich Schöpflins «Bestimmung des Mediums Theater und eine daraus abgeleitete des Gegenstands» (ebd.) als «vielversprechend» (ebd.) bezeichnet. Um in diesem Sinne zu vermeiden, Formen aus der Analyse
auszuschließen, die nicht einer engen Theater-im-Theater-Definition standhalten, aber
Mit der Bezeichnung Vorformen meint Voigt übrigens «nicht […], dass sich aus diesen Vorformen das
Spiel im Spiel allmählich entwickelt hätte […]» (Voigt 1954, 11). «In der Funktionsweise bilden sie [seines
Erachtens] Vorstufen zur Funktion des Spiels im Spiel» (ebd.).
30
50
dennoch für die Untersuchung als wichtig zu erachten sind, werden in dieser Arbeit
auch metatheatrale Elemente berücksichtigt.
Voigt benennt eine zweite Gruppe metatheatraler Elemente als «Nebenformen»
(Voigt 1954, 29). Letztere definiert er eher vage als «festere Formen […], die nicht den
Charakter potentieller Bausteine für größere Formen tragen» (Voigt 1954, 11). Unter
Nebenformen versteht er Theater-ähnliche-Einlagen wie «Pantomime, Rahmendrama, Traumdrama und Wechselspiel» (Schöpflin 1988, 5; vgl. Voigt 1954, 29, 31, 36, 40).31 Die Pantomime wird in der vorliegenden Arbeit hingegen als eigentliches Theater im Theater eingestuft wenn sie die dafür festgelegten Kriterien erfüllt. Dass es sich dabei um eine
stumme Einlage handelt, soll kein Hindernis sein, sie dennoch als Theater im Theater zu
klassifizieren. (Genauer begründet wird dies im Kapitel 6.2.1.) Anstelle von «Rahmendrama» (Voigt 1954, 31) – derjenigen von Voigts Nebenformen, die als metatheatrales Element berücksichtigt wird – wird in der vorliegenden Arbeit die Rede von Vor- und Nachspiel sein. Auf Französisch werden diese Rahmungen auch prologue und épilogue genannt,
auf Deutsch hingegen wird von Prolog und Epilog nur dann gesprochen, wenn es sich dabei nicht um eine aufgeführte, sondern um eine gesprochene Passage handelt.
In seiner auf französisch erschienen Studie métathéâtre et intertexte: aspects du théâtre
dans le théâtre unterscheidet Schmeling (1982), ähnlich wie Voigt, zwischen «formes complètes du théâtre dans le théâtre» (Schmeling 1982, 10) und solchen, die er «formes
périphériques» nennt (ebd., 12), es handelt sich um: «Prologue ou jeu préliminaire», […]
l’épilogue, […] le discours aux spectateurs (ad spectatores) […], le chœur, l’éclatement du rôle […]
l’aparté (Beiseite-Sprechen) […], L’introduction d’un meneur de jeu» (ebd., 12f; Hervorhebung
im Original).
Einzelne dieser Formen werden in dieser Arbeit als fiktionsintern und kaum illusionsstörend eingeschätzt, weil davon ausgegangen wird, dass sie der Theaterkonvention
entsprechen. Nicht als metatheatral bezeichnet werden soll etwa das bei Schmeling erwähnte «Beiseite-Sprechen» (1982, 12) und ebenfalls der «meneur de jeu» (Spielemacher) (ebd.,
13). Diese beiden Formen hat auch Voigt nicht als Vor- und Nebenformen eingestuft. Ein
Spielemacher wird desgleichen als fiktionsinterne Figur betrachtet. Das Beiseite-Sprechen
wird in der Regel nicht als Normverstoß wahrgenommen, es sei denn, es handle sich um
distanzierende Kommentare zur Rolle, wie sie etwa im Epischen Theater vorkommen.
Die anderen von Schmeling genannten metatheatralen Strukturen stimmen weitgehend
Der Begriff Wechselspiel, den bereits Dessoir (1929) verwendet, wurde bereits erklärt. Es wird hier nicht
genauer darauf eingegangen, da keines der analysierten Boulevardstücke genau eine solche Einlage aufweist, genauso wenig wie ein typisches Traumdrama.
31
51
mit Voigts «Vor- und Nebenformen» überein (Voigt 1954, 11) – Voigt war der erste, der
diese Formen in eine systematische Typologie eingeteilt hat.
Karin Vieweg-Marks (1989) hat in ihrer Studie Metadrama und englisches Gegenwartsdrama die bestehenden Typologien in eine umfassendere eingebunden; Hauthal
weist darauf hin, dass «Vieweg-Marks’ Monographie die Einzelergebnisse metadramatischer Forschungen vor 1989 synthetisiert» habe (Hauthal 2007b, 92).32 Der Vorteil einer
solchen Klassifizierung sei es, «Metadramen über epochenspezifische und (national-)geografische Ausprägungen hinweg zu klassifizieren und vergleichbar zu machen»
(ebd., 93). Dies gilt jedoch auch bereits vor Vieweg-Marks für die Typologien von Voigt
und Schmeling, die deshalb für die vorliegende Arbeit ein hilfreiches Instrument darstellen.
Vieweg-Marks Typologie soll hier vorgestellt werden, um zu zeigen, dass ihre
Unterscheidungen sich weitgehend mit denen decken, die in der vorliegenden Arbeit
gemacht werden. So fällt etwa auf, dass mache ihrer Typen den Vor- und Nebenformen
von Voigt entsprechen (ebenfalls verwendet von Schöpflin, 1993) respektive den (damit
nur teilweise übereinstimmenden) formes périphériques von Schmeling (1982). Insgesamt ist
ihr Begriff der Metatheatralität jedoch weiter gefasst. Vieweg-Marks terminologischen Bezeichnungen für die metatheatralen Formen soll aus den später ausgeführten Gründen
nicht gefolgt werden.
Vieweg-Marks verwendet als Oberbegriff nicht Metatheater, sondern den Terminus Metadrama. Sie unterscheidet zwischen sechs Typen, die auch den Theater im Theater
genannten Typ einbeziehen, wobei diese Untertypen mit einem erklärenden Adjektiv
versehen ebenfalls als Metadrama bezeichnet werden. Im Folgenden sollen die Definitionen der sechs Formen zusammengefasst wiedergegeben und jedem Typ die entsprechenden Bezeichnungen bei Voigt (1954), Schmeling (1982) oder auch Schöpflin (1993)
zugeordnet werden.
(1) Der erste Typus, das thematische Metadrama, macht «das Theater selbst zu seinem Gegenstand» [Vieweg-Marks 1989, 19]. In den häufig im Theater(milieu) spielenden Dramen konstituiert sich «durch die Themenwahl und den Inhalt, der zugleich Form ist, die Metaebene der
dramatischen Selbstreflexion» (ebd.).
(Hauthal 2007b, 93)
Der erste Typus lässt an Hornbys Definition «drama about drama» denken (Hornby
1986, 31) und Metadrama wird auch von Vieweg-Marks selber so definiert (vgl. ViewegMarks 1989, 22). Dazu gehören aber nicht, wie man zunächst annehmen könnte, «Gespräche über oder Verweise auf das Theater» (Schöpflin 1993, 16). Unter dem thematischen Me32
Hauthal verweist hier unter anderem auf Vieweg-Marks (1989, 7-18).
52
tadrama versteht man etwa die Darstellung des Theatermilieus. 33 Nach Vieweg-Marks
Definition ist also bereits ein Stück, in dem etwa ein Schauspieler auftritt, dadurch metadramatisch. Dies weitet den Begriff der Metatheatralität im Vergleich zu Schmelings oder
Voigts Formen aus. Aufgegriffen hat diesen Punkt Kowzan, der einen Teil seines Werks
über das Metatheater dem Thema «Gens du théâtre comme personnages scéniques» widmet (vgl.
Kozwan 2006, 241). Wenn die Illusionsbrechung als gemeinsames Kriterium aller metatheatralen Formen gelten soll, so stellt sich die Frage, ob das thematische Metadrama, also etwa durch die Darstellung einer Schauspielerfigur auf der Bühne ausreicht, um diese Störung der Illusion herbeizuführen.
Der zweite Typus von Vieweg-Marks bezeichnet ein Theater im Theater:
(2) In fiktionalen Metadramen wie dem Spiel im Spiel hingegen resultiert «die selbstreflexive Metaebene» [Vieweg-Marks 1989, 22] aus der Potenzierung von Fiktionsebenen durch (eine) zusätzliche Spielebene(n) […]
(Hauthal 2007, 93)
Wenn es sich um ein eigentliches Theater im Theater handelt, soll dieses in der vorliegenden Arbeit direkt so bezeichnet werden, um klarzumachen, dass es sich bei Metatheater um den Oberbegriff handelt. Der Typ 2 entspricht ansonsten genau der Definition
von Theater im Theater. (Vieweg-Marks untersucht in ihrem Werk nach einer allgemeinen
Definition der verschiedenen Formen dann auch vor allem diesen Aspekt, nämlich das
Theater im Theater.)
Vieweg-Marks’ Typ 3 umfasst die meisten der erwähnten metatheatralen Elemente:
(3) Formen des episierenden Metadramas weisen Prologe, Epiloge, asides, narrativen Nebentext
oder einen Chor bzw. (eine) Erzähler-/Regiefigur(en) auf, die die Gemachtheit oder Erfundenheit der Binnenfunktion des Dramas kommentieren.
(Hauthal 2007, 93)
Vieweg-Marks stellt klar, der Begriff sei «trotz mancher Affinitäten zur Brecht’schen
Theaterpraxis nicht [damit] gleichzusetzen» (Vieweg-Marks 1989, 25). Dem Typ 3, den
sie auch als «Kommentierung der Fiktion» bezeichnet (ebd.), entsprechen die meisten
der formes périphériques und auch einige der Begriffe Voigts und Schöpflins.34 ViewegMarks’ Katalog für die Form 3 decken also auch unsere hier verwendeten Begriffe ab.
33 Von Schmelings formes périphériques entspricht keine dem Typ 1 (vgl. Schmeling 1982, 12). Auch bei
Voigt scheint eine Entsprechung zu fehlen.
34 An dieser Stelle sollen zur Verdeutlichung Schmelings Begriffe jenen von Voigt und Schöpflin gegenübergestellt werden. Vieweg-Marks bezieht sich diesbezüglich beispielsweise auf Pfister (1977, 105f.), der
sich wiederum auf Voigt bezieht. Bei Voigt entsprechen die Begriffe «Prolog» (Voigt 1954, 11) und «Rahmendrama» (ebd., 31) dem «Prologue ou jeu préliminaire» bei Schmeling (1982, 12; Hervorhebungen bei Schmeling) sowie «l’épilogue» (ebd.); diese werden in der vorliegenden Arbeit Vor- und Nachspiele genannt. Schmelings Kategorie «Le discours aux spectateurs» (1982, 12) entspricht Voigts «Sprechen ad spectatores» (1954, 11).
Ähnlich wie eine Zuschaueransprache ist die Form «l’aparté» (Schmeling 1982, 13), welche in dieser Arbeit
jedoch als nicht metatheatral betrachtet wird, zumal das Beiseite-Sprechen üblichen Theaterkonventionen
53
Vieweg-Marks’ Typus 4 wird «diskursives Metadrama» genannt (Vieweg-Marks 1989, 29)
(4) Unter diesen Typus subsumiert Vieweg-Marks sprachliche Formen der Selbstreferenz, wie
beispielsweise den Gebrauch von Theatermetaphern […]
(Hauthal 2007, 93f.)
Dieser Typus scheint nun weitgehend dem zu entsprechen, was Schöpflin als «Theatermetaphorik» bezeichnet (Schöpflin 1993, 16). Dazu gehören aber auch Aussagen «über oder
Verweise auf das Theater» (ebd.) – dann nämlich, wenn über das Theater gesprochen wird,
ohne dabei eine Metapher zu verwenden. Vieweg-Marks bezeichnet all diese Formen als
«sprachliche Formen der dramatischen Selbstbewußtheit» (Vieweg-Marks 1989, 29). Positiv anzumerken ist, dass diese Benennung deutlich macht, dass es sich hierbei nicht in erster
Linie um ein strukturelles, sondern um ein inhaltlich-sprachliches Merkmal handelt – was in
Bezug auf diese metatheatrale Form tatsächlich gilt. Der Begriff Theatermetaphern scheint
das Phänomen allerdings genauso treffend zu fassen. Da er die rhetorische Figur explizit
nennt, wird auch klar, dass es sich um ein sprachliches Bild und nicht um einen formalen Aspekt handelt. Dieser Begriff (oder alternativ der Begriff Theaterverweise) wird deshalb Vieweg-Marks’ Benennung vorgezogen. Dennoch ist ihr weitere Klärung der zu
verwendenden Begriffe zu verdanken, denn sie verweist darauf, dass Überlappungen
zwischen den einzelnen metatheatralen Formen möglich seien. Beispielsweise schreibt
sie über das Sprechen ad spectatores, dass es einem «Überschneidungsbereich von episierenden und diskursiven metadramatischen Techniken» angehöre. (ebd., 30). Dies ist laut
Vieweg-Marks so, «da es rein sprachlich zwischen Bühne und Publikum vermittelt, ohne
jedoch […] langfristig die Struktur des Dramas zu beeinflussen (ebd.). Festzuhalten ist
auch, dass ebenso das Sprechen ad spectatores eine theatrale Norm bricht, nach der im Theater so agiert wird, als gäbe es keine Zuschauerschaft. Vieweg-Marks merkt außerdem an,
auch bei «Prolog, Epilog, Chor und epische[m] Erzähler [handle es sich] in gewisser
Hinsicht um diskursive metadramatische Formen» (ebd., Anm. 65). Diese hätten aber
im Gegensatz dazu «episierende und strukturbestimmende» Effekte (ebd.). Dies ist ein
Aspekt, der auch etwa auf die Vorspiele in dieser Arbeit zutrifft.
Bei Vieweg-Marks’ Typ 5 geht es um das Rollenverständnis. Zusammenfassend
schreibt Hauthal:
(5) Das figurale Metadrama umfasst […] so verschiedene figurenbezogene Formen der Selbstreferenz und Selbstreflexion wie das Fingieren von Sekundärrollen oder das Aus-der-Rolle-Fallen.
(Hauthal 2007, 94)
Vieweg-Marks selbst umschreibt den Begriff auch als «Reflexion der dramatischen Rolle» (Vieweg-Marks 1989, 35), also könnte damit ein Rollenbewusstsein gemeint sein respekentspricht. Den «Chor» (Voigt 1954, 11) erwähnt auch Schmeling als Nebenform: «le chœur» (Schmeling
1982, 13). Der bei Vieweg-Marks erwähnten Regiefigur entspricht der «meneur du jeu» (ebd.).
54
tive ein Fiktionalitätsbewusstsein. Das Rollenspiel stellt in der vorliegenden Arbeit ein notwendiges Kriterium dar, damit man von einem Theater im Theater sprechen kann – dies
ist aber nur gegeben, wenn auch zwei dramatische Ebenen vorhanden sind. Eine der
Grundvoraussetzungen von Theater an sich (nicht nur die eines Theaters im Theater) ist
«die ständige Dualität von realer Person und gespielter Rolle» (Vieweg-Marks 1989, 35).
Das «Aus-der-Rolle-Fallen» setzt oft die Existenz eines Binnentheaters voraus. Es findet
sich als Vorform bei Voigt (1954, 11) und wird von Schöpflin übernommen (1993, 16).
Insbesondere der Begriff des Aus-der-Rolle-Fallens soll auch für diese Arbeit verwendet
werden. Auf Französisch entspricht er der Bezeichnung «L’éclatement du rôle» (Schmeling
1982, 13; Hervorh. im Original). Diese Form gilt als metatheatral, denn wenn eine Figur
zum Beispiel ihren Theatertext vergisst, stört dies die Illusion. Es ist auch zutreffend,
dass dadurch punktuell eine Art zweite Dramenebene geschaffen wird. Wenn nun diese
«Schauspielerwelt» jedoch nicht als eigentliche Rahmenhandlung ausgebaut ist, also keine eigene Fiktionalität darzustellen scheint, wird die Form des Aus-der-Rolle-Fallens als
metatheatral verstanden, weil eine eigentliche Theatereinlage fehlt und ein kurzes Kippen auf die Theaterebene der Rahmenhandlung auch nicht genügt, um eine eigene fiktionale Ebene zu evozieren. Vieweg-Marks bezeichnet das «dramatische Rollenspiel» (Vieweg-Marks 1989, 36) als «figurales Metadrama» (ebd., 35). Gleichzeitig plädiert sie dafür,
eigentliche Verstellungen nicht als «dramenimmanente Aufführungen» zu klassifizieren
(ebd., 37) – genauso wenig sollen sie in der vorliegenden Arbeit als metatheatrale Form
gelten dürfen. Es bleibt jedoch unklar, was ein figurales Metadrama genau von einer eigentlichen Theatereinlage unterscheidet.
Das «Spiel der Verstellung» bei Voigt (1954, 22) respektive die «Verstellungsund Intrigenspiele sowie Rollenspiele von Dramenfiguren» bei Schöpflin (1993, 16)
werden von den entsprechenden Autoren oft im weiteren Sinne noch zur Metatheatralität
gezählt (vgl. Vieweg-Marks 1989, Anm. 92). In der vorliegenden Arbeit soll dies, wie
erwähnt, nicht gemacht werden. Kowzan benennt Formen der Verstellung nicht als metatheatral, sondern als «éléments de parathéâtre» (Kowzan 2006, 39) und macht damit den
Unterschied klar.
Die sechste und letzte metatheatrale Form von Vieweg-Marks ist auf die Intertextualität bezogen:
(6) Intertextuelle Bezüge auf (einen) andere(n) Text(e) oder (eine) andere Gattung(en) definiert
Vieweg-Markus schließlich als adaptives Metadrama.
(Hauthal 2007, 94)
Typus 6 wird bei Schmeling nicht unter den peripheren Formen erwähnt – gemäß dem Titel seines Werkes spricht Schmeling bei Formen des Typus 6 wohl direkt von «intertex55
te»35 (vgl. Schmeling 1982, 101). Auf Intertextualität soll in dieser Arbeit nicht systematisch, aber punktuell eingegangen werden – zumal sie nicht immer zu einer Störung der
Illusion führt. Ähnlich wie die Theatermetaphorik wirkt sie meistens auf sprachlicher
Ebene «durch die implizierten Verweise zu einem Prätext» (Vieweg-Marks 1989, 38).
Hingewiesen werden soll in der Arbeit auf intertextuelle Bezüge vor allem dann, wenn
es sich um Bezugnahmen auf andere Theaterstücke handelt und davon ausgegangen
werden kann, dass diese von einem Teil des Publikums als solche erkannt werden –
denn auf diese Weise brechen sie die Illusion. Auch einbezogen werden intertextuelle
Verweise, die im Zusammenhang mit dem Theater im Theater vorkommen (denn oft
parodiert das Binnenstück eine bestimmte Tradition) oder in Bezug auf Stücke, die selber ein Theater im Theater enthalten, wie beispielsweise Hamlet. Vieweg-Marks weist auf
«Parodie, Travestie, Collage und Montage» hin (ebd., 40). Sie bezeichnet diese als «Formen mit hohem metadramatischem Potential» (ebd.). Eigentlich kann jede Vorführung
eines von einem echten Autor geschriebenen Binnentheaterstücks nicht nur als metatheatral, sondern auch als intertextuell angesehen werden, da durch diese Aufführung nicht
nur etwas über das Gesamtdrama ausgesagt wird, sondern auch als eine intertextuelle Anspielung auf ein Binnenstück als zweite Fiktion verwiesen wird, welche meist nur in Auszügen vorgeführt wird.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass den metadramatischen Unterkategorien
von Vieweg-Marks (1989) in dieser Arbeit nur insofern Rechnung getragen wird, als klar
unterschieden wird, ob es sich um ein Theater im Theater im engeren Sinne handelt (Typ 2
entsprechend) oder um eine andere metatheatrale Form (bei Vieweg-Mark Metadrama
genannt). Im zweiten Fall werden die Techniken möglichst genau benannt und beschrieben, aber ohne Vieweg-Marks Bezeichnungen zu verwenden. Ihre Typologie ist
zudem umfassender als der dieser Arbeit zugrundeliegende Begriff von Metatheater.
Die Einführung neuer Bezeichnungen, deren Inhalt nicht auf den ersten Blick
ersichtlich wird, kann nämlich zusätzlich verwirren anstatt für mehr Klarheit zu sorgen.
Als Begründung, die neue Terminologie nicht zu übernehmen, soll hier Kowzans Ausführung wiedergegeben werden:
Pour ne pas créer des termes nouveaux (les sciences humaines abondent en vocables créés ad
hoc et mort aussitôt) nous utiliserons les deux termes existants, métathéâtre et théâtre dans le
Der Begriff «intertextualitalité» (Schmeling 1982, 101) wird von Schmeling verwendet «pour désigner le
phénomène que constitue la réflexion du théâtre sur lui-même. L’auteur s’interroge: – sur des textes
étrangers/ – sur ses propres textes, et même sur celui qu’il est en train de produire hic et nunc /– sur le texte
en tant que texte (en tant que forme médiatrice en général)» (ebd., 101; alle Hervorhebungen bei Schmeling).
35
56
théâtre, tout en précisant, le cas échéant, s’il s’agit d’une pièce dans la pièce ou d’une pièce sur le
théâtre.
(Kowzan 2006, 12)
Jede metatheatrale Form soll in der vorliegenden Arbeit mit den älteren und gebräuchlicheren Begriffen benannt werden, vorwiegend mit denjenigen Termini, die auch Voigt,
Schmeling oder Schöpflin verwenden. Kritisiert werden kann an Vieweg-Marks’ Typologie außerdem, dass die «Gleichwertigkeit der einzelnen Formen» nicht gegeben ist
(Hauthal 2007, 94). Ebenfalls bemängelt wird, es handle sich bei ihrem Kriterienkatalog
um eine «Sammelbezeichnung für experimentelle und/oder selbstreferentielle und
-reflexive Darstellungsverfahren sowie Episierungstendenzen.» (ebd.) Diese Kritik trifft
allerdings größtenteils auch auf die in dieser Arbeit unterschiedenen metatheatralen
Techniken zu – wie gesagt ist das, was sie eint, eine Art Verwandtschaft mit dem Theater
im Theater. Das hat sich gerade am Beispiel der Theatermetapher gezeigt, da sie als sprachliches Mittel mit anderen formalen (zeigenden) Mitteln kontrastiert. Andererseits erlauben diese Formen – so verschiedenartig sie auch sein mögen – zumindest formal oder auch
sprachlich einen direkten Vergleich, wenn man ihren Gebrauch bei Goetz, Guitry und
Coward einander gegenüberstellt. Außerdem haben sie (und auch das Theater im Theater) als gemeinsamen Nenner eine potentiell illusionsstörende Wirkung, sie können also
den fiktionalen Charakter eines Dramas bewusst machen. Ein zusätzliches Kriterium ist
die strukturelle (formale) Ähnlichkeit gewisser Formen mit einem eigentlichen Theater
im Theater (dies trifft beispielsweise auf die Vor- und Nachspiele zu). Das unter 2.1 für
diese Arbeit definierte Theater im Theater muss hingegen genauere Kriterien erfüllen, um
als solches zu gelten. Dies trifft jedoch nicht im gleichen Masse auf die anderen Studien
zu. Für Forestier beispielsweise reicht das Vorhandensein einer theaterähnlichen Einlage
und die Präsenz von mindestens einem zuschauenden Schauspieler als Hauptkriterium,
damit von Theater im Theater die Rede sein kann (vgl. z.B. Forestier 1981, 10f) – damit
kann bei ihm unter Umständen auch eine Showeinlage als Theater im Theater gelten.
2.2.3. Zusammenstellung der in dieser Arbeit gebrauchten metatheatralen Formen
Zusammengefasst gilt für alle metatheatralen Formen in der vorliegenden Arbeit: Sie definieren sich dadurch, dass sie die Illusion brechen und auf die Fiktionalität verweisen –
dies kann als das Hauptmerkmal des Metatheaters gelten und ist mit Brechts V-Effekt
vergleichbar, jedoch nicht identisch (vgl. Vieweg-Marks 1989, 25). Von einer stärkeren
Ähnlichkeit zwischen Brechts Formen und dem Metatheater geht Kokott aus, wobei er
nur den Begriff Theater auf dem Theater verwendet. (vgl. Kokott, 1968, 15).
57
Als metatheatrale Form kann jede Einlage gelten, welche die festgelegten Minimal-Kriterien des eigentlichen Theaters im Theater nicht erfüllt, einem Binnenstück jedoch
formal oder funktional ähnlich scheint. Metatheatrale Formen thematisieren außerdem das
Theater im weitesten Sinne selbstreflexiv, wobei das aber nicht heißen muss, dass dabei
notwendigerweise wörtlich etwas gesagt werden muss. Wie gezeigt wurde, kann Metatheatralität sprachlich erzeugt werden, etwa mithilfe von Theatermetaphern. Andererseits
kann dies auch durch Zeigen geschehen. Es ist dann jedoch Aufgabe des Zuschauers, die
gezeigten metatheatralen Elemente zueinander in Beziehung zu setzen und zu deuten.
Diese bilden entweder formal im weitesten Sinne das Theater nach oder enthalten explizite Äußerungen darüber. In diesem Sinne ist Metatheater als Theater über das Theater
zu verstehen. Gestützt auf Voigts Typologie (wobei nicht auf alle seiner Bezeichnungen
zurückgegriffen wird) und mit manchen Erweiterungen von Schmeling und Schöpflin
wird für diese Arbeit eine Auswahl an metatheatralen Formen übernommen, die auch in
Vieweg-Marks’ Typologie enthalten sind. Einige davon sind sprachlich-thematisch orientiert, andere formal – meistens gibt es innerhalb der Formen auch Überschneidungen.
So wird innerhalb eines Vorspiels, welches strukturell einer Rahmenhandlung ähnelt, oft
auch sprachlich-thematisch über das Theater (im Theater) gesprochen. Alle diese metatheatralen Erscheinungsformen sagen (oder zeigen) etwas über das Theater.
Hier folgt ein Überblick über die wichtigsten metatheatralen Formen, die in
dieser Arbeit verwendet werden. Die Begriffe werden von Schöpflin übernommen (vgl.
Schöpflin 1993, 16). Sie bezeichnet diese Formen jedoch nicht als metatheatral, sondern
als Spiel im Spiel.
1) Nicht-theatrale (also nicht-fiktionale36) Einlagen werden teilweise als metatheatral eingestuft, und zwar aus formalen Gründen: Sie ähneln dem eigentlichen Theater im Theater und es kann sich beispielsweise um Showeinlagen handeln. In der Regel
werden sie nur dann beachtet, wenn diese Einlagen wie ein Theater inszeniert werden
und durch sie etwas über das Wesen des Theaters ausgesagt wird.
2) Das Vor- und Nachspiel stellt eine metatheatrale Form dar (auf Französisch
prologue und épilogue genannt – oder jeu préliminaire nach Schmeling 1982, 12). Begründet
wird dies zunächst durch ein formales Kriterium: Für die prototypische Form solcher
Rahmungen gilt, dass sie von «selbständigem Personal getragen wird» (Pfister 2001, 300; den
Begriff verwendet bereits Voigt 1954, 98). Dieses Kriterium gilt nach Pfister dann als
Hiermit ist beispielsweise eine ‹reale› Einlage gemeint, die keine erfundene Welt darstellt (vgl. Wolf
2007, 35).
36
58
eingehalten, «wenn die fiktiven Schauspieler, die die Figuren des Spiels im Spiel verkörpern, in den übergeordneten Sequenzen nicht auftreten oder nur sehr peripher eingeführt werden» (Pfister 2001, 300).37 Es ist zu kritisieren, dass Pfister hier von «übergeordneten Sequenzen» (ebd.) spricht, denn da die Rollenübernahme in Vor- und Nachspielen in der Regel fehlt (jedenfalls in den von mir analysierten Stücken) und es sich
nicht um eine eigentliche Einlage in ein Theater handelt, ist dafür meines Erachtens der
Begriff der Nebenordnung passender. Vor- und Nachspielen sind dem Theater im Theater
formal im weiteren Sinne ähnlich. Für Vorspiele und Nachspiele wird auch die Benennung des Autors beachtet. Sind sie jedoch als solche benannt, entsprechen aber den Kriterien für ein Theater im Theater, werden sie auch als solches eingestuft38 (entgegen einer
allfälligen Benennung durch den Autor als Vor- und Nachspiel).
3) Auch Prologe und Epiloge gelten als metatheatrale Formen – es handelt
sich hier um ein thematisches und formales Kriterium. Sie werden als solche berücksichtigt,
wenn sie der Autor so benannt hat (thematisch) oder auch dann, wenn sie das Stück rahmen, ohne einen entsprechenden Namen zu tragen (formal) – in der Regel trifft beides
zu. Durch ihre rahmende Struktur ähneln sie einer Rahmenhandlung, unterscheiden sich
davon jedoch dadurch, dass kein eigentlicher Rollenwechsel vorliegt. Denn auch auf
diese Formen trifft in der Regel Pfisters Kriterium des «selbständige[n] Personal[s]» zu (Pfister 2001, 300). Im Gegensatz zum Vor- und Nachspiel und auch zum eigentlichen Theater im Theater besteht ein Prolog oder Epilog aus gesprochenen und nicht gespielten
Passagen.39 Teilweise sind diese Formen mit dem Sprechen ad spectatores identisch, nämlich dann, wenn darin das Publikum explizit angesprochen wird.
4) Das Sprechen ad spectatores bricht die Illusion formal und oft auch sprachlich-thematisch: Dadurch, dass Zuschauer direkt angesprochen werden, macht der Sprecher im Stück klar, dass er um die Existenz eines echten Publikums weiß (also auch um
die Fiktionalität des Gespielten). Manchmal hat ein solcher Sprecher dabei ein Fiktionalitätsbewusstsein: er weiß, dass er nur eine erfundene Bühnenfigur ist. Dies muss aber
nicht zutreffen. Das Sprechen ad spectatores bewirkt durch die Durchbrechung der so gePfister spricht dabei von Spiel im Spiel im weiteren Sinne und versteht den Begriff als Hyperonym im
Sinne des in dieser Arbeit verwendeten Begriffes Metatheater.
38 Nach Pfister wird im Falle einer eigentlichen Binneneinlage das Kriterium der «Identität des Personals»
eingehalten (ebd., 301). Unter ‹identischem Personal› versteht er, dass «die fiktiven Schauspieler, die das Spiel
im Spiel aufführen, auch als Figuren in den übergeordneten Sequenzen fungieren» (ebd.). Dies setzt einen
eigentlichen Rollenwechsel voraus. Hier passt nun die Bezeichnung «übergeordnet» (ebd.) für die Rahmenhandlung.
39 Als Ausnahme wird auch ein schriftlicher Prolog berücksichtigt, der Goetz’ gesammelten Bühnenwerken vorangestellt ist und sich auf sie bezieht. Er war zur Publikation, jedoch eigentlich nicht zur Aufführung bestimmt.
37
59
nannten Vierten Wand eine Art Verfremdungseffekt, weil das Publikum so «nicht den
Eindruck ha[t], ungesehen zu sein» (Kokott 1968, 17). Im Gegensatz dazu soll das konventionelle Beiseite-Sprechen in dieser Arbeit nicht als metatheatral angesehen werden.
Voigt, bei dem es ebenfalls nicht als metatheatrales Element erscheint, begründet dies
so: Dabei werde «die Geschlossenheit der Dramensphäre eigentlich nicht verlassen […],
es [sei] eher ein hörbar gemachter Gedanke, ein Bestandteil des Gesprächs, der dem Gesprächspartner vorenthalten [werde], als eine Adressierung des Publikums. Es [finde]
keine Öffnung des Bühnenraumes […] auf das Publikum hin statt» (Voigt 1954, 17).
Dem ist nichts hinzuzufügen. Das (meist kurze) Beiseite-Sprechen soll – entgegen anderweitiger Kategorisierung bei Schmeling (1982) oder auch Vieweg-Marks (1989) – als
fiktionsintern und der Theaterkonvention zugehörig und somit nicht als metatheatral
betrachtet werden.
5) Auch episierende Kommentare sollen als metatheatral gelten. Es handelt
sich hierbei vor allem um ein sprachlich-thematisches Kriterium: Auf episierende Kommentare eingegangen wird in der Regel nur, wenn die Kommentare entweder mit einem Prolog oder Epilog zusammenfallen oder dabei explizit etwas über das Theater (im Theater)
ausgesagt wird (vgl. unten, Aussagen über oder Verweise auf das Theater). Vieweg-Marks weist
darauf hin, dass «Chor und epischer Erzähler die Handlung durch kommentierende Einschübe segmentieren» (Vieweg-Marks 1989, 25). Sie verdeutlicht also, dass die Erzählerkommentare auch formal im Sinne einer Unterbrechung auf die Handlung einwirken.
Dies erinnert an Brechts Episches Theater.
6) Auch Aussagen über oder Verweise auf das Theater lassen Metatheatralität zutage treten. Es handelt sich um ein sprachlich-thematisches Kriterium, nach dem die Illusion gestört wird.
7) Durch das Verwenden von Theatermetaphorik wird die Handlung sprachlich
explizit als Theater bezeichnet. Dadurch wird dem Publikum bewusst gemacht, dass das
Aufgeführte eine Fiktion ist.
8) Durch das Aus-der-Rolle-Fallen von Dramenfiguren wird sprachlich-formal
klargemacht, dass es sich beim Theater nur um eine Fiktion handelt, welche von Schauspielern vorgespielt wird.
Dies sind alles Techniken, «die der Dramatiker einsetzt, um das Theaterspiel als Spiel zu
kennzeichnen» (Schöpflin 1993, 16). Schöpflins Ausführungen sollen noch einmal einen
Überblick über einen Teil der Formen geben:
Hierher gehören […] Gespräche über oder Verweise auf das Theater, die in ironischer Weise
den theatralischen Charakter des Stückes herausstellen können. Neben anderen dramenimma60
nenten Funktionen kann Theatermetaphorik auch diese Aufgabe erfüllen. Daneben gibt es
Passagen in Dramen, die man als aus der Dramenrealität ausgegrenzt empfindet. Sie haben mit
dem Theater im Theater den Einlagencharakter gemein, müssen aber keineswegs theatralischer
Natur sein.
(Schöpflin 1993, 16)
Eine Lied-Einlage beispielsweise erfüllt die Definition von eigentlichem Theater im Theater nur dann, wenn sie gespielt wird, beispielsweise in einem Musical die Handlung weitertreibt und eine eigene Fiktion beinhaltet. Auch Petzold weist darauf hin, dass ein eigentliches « ‹Stück im Stück› deutlich zu trennen [sei] von Zwischenspielen und Einlagen, die
den Ablauf des eigentlichen Dramas unterbrechen» (Petzoldt 2000, 85).
Einige metatheatrale Formen, beispielsweise aus Voigts Typologie, wurden deshalb nicht übernommen, weil sie in den analysierten Boulevardkomödien nicht vorkommen – dies gilt etwa für den Chor und die masque.40 Vereinzelt wird im Lichte anderer Studien auch von Voigts Terminologie abgewichen, beispielsweise bezüglich der
Pantomime und der Verstellung – erstere soll hier als eigentliches Theater im Theater
gelten, während letztere nicht als metatheatral aufgefasst wird (vgl. Kap. 3.). Auch die
Figur des «meneur du jeu» (Schmeling 1981, 13) wird als interner Teil der Fiktion empfunden und nicht in die Typologie der verwendeten metatheatralen Formen aufgenommen
(bei Voigt wird sie ebenso wenig als Vor- oder Nebenform erwähnt).
2.3.
Klärung der Begriffe Intermedialität, Potenzierung, Ipsoreflexion
und Mise en abyme
In dieser Arbeit wird punktuell auch auf die Darstellung anderer Medien im Theater
eingegangen, beispielsweise auf Dreharbeiten im Theater. Auf der Bühne «verfilmt» wird
bei Goetz konkret wiederum ein Theaterstück, nämlich Shakespeares Hamlet. Die Dreharbeiten auf dem Theater können auch mit dem Spiel-im-Spiel-Begriff – der ja das Medium (Drama oder Film) nicht im Namen anzeigt – noch erfasst werden. Zudem ähnelt
im vorliegenden Fall der Filmdreh einer Theaterprobe. Der Begriff Spiel im Spiel, hier allgemein als Synonym von Theater im Theater verwendet, hat also dem Theater-im-TheaterBegriff gegenüber den Vorteil, dass er (gemäß der Definition von Kiermeier-Debre im
Reallexikon) auch auf andere Formen «der dramatischen Kunst» wie etwa die Oper angewendet werden kann (Kiermeier-Debre 2003, 472). Ein anderes Beispiel bei Coward
ist jedoch das (Vor-)lesen von Romanen auf dem Theater. Dieser Fall verhält sich
40 Die masque wird bei Schöpflin so erklärt: «Aus Italien übernahm man die festliche Maskerade in folgender Form: Maskierte und/oder verkleidete Überraschungsgäste erscheinen auf einem Fest» (Schöpflin
1993, 42). Es handelt sich dabei, wie beim Chor, um eine Form, die aus der Tradition der Tragödie gewachsen ist: «Vor allem in der elisabethanischen Rachetragödie werden solche Maskeraden und Maskentänze in die Dramenhandlung als Mittel zur Ausführung einer Racheintrige fest integriert» (ebd., 42f.).
61
schwieriger und wird mit dem Begriff Theater im Theater nicht mehr genau erfasst, sofern
kein Theaterstück vorgelesen wird. Solche medienübergreifenden Phänomene sollen
aber dennoch adäquat beschrieben werden können. Oesterle stellt fest:
Werden […] generische und mediale Grenzen überschritten, erweist sich die Beschreibbarkeit
solcher […] Phänomene als problematisch. Denn die Forschungsarbeiten zur Mediatisierung
im Drama haben sich bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich mit den Begriffen Metadrama
und Spiel im Spiel auseinandergesetzt […].
(Oesterle 2007, 247)
Sie beschäftigt sich mit einem «Drehbuch im Drama […] in Paula Vogels
Hot’N’Throbbing» (1993) (ebd.) – diese Theater-Autorin ist laut Oesterle «eine der innovativsten amerikanischen Dramatikerinnen der Gegenwart» (ebd.). Das hier beschriebene «Drehbuch im Drama» (ebd.) stellt eine ähnliche Intermedialität dar wie die Dreharbeiten im Theater bei Goetz. Für eine solche intermediale Beschreibung kann beispielsweise der von Harald Fricke verwendete Begriff der Potenzierung dienen.41 Der Terminus
wird von Fricke so erklärt:
Wörter können sich nicht nur auf andersartige Gegenstände beziehen […], sondern auch auf
gleichartige Gegenstände (z.B. das Wort Wort) und sogar auf sich selbst als Gegenstand (der
Ausdruck in dieser Klammer). Die Literatur macht sich diesen Umstand zunutze durch vielfältige Verfahren, für die man – neben den unten erläuterten Alternativen wie Selbstbezüglichkeit,
Autoreferenz, Rekursivität, Iteration oder Mise en abyme – seit der Literatur der Romantik den Sammelnamen Potenzierung gefunden hat.
(Fricke 2003, 144)
Das Konzept der Potenzierung weist Fricke beispielsweise bei Novalis nach (vgl. Fricke
2000, 107). Die Potenzierung ist demnach als ein Oberbegriff zu Theater im Theater zu betrachten. Sie lässt sich so definieren:
Ohne die Regeln der logischen Typentheorie […] hinsichtlich der strikten Trennung hierarchisierter Zeichenebenen zu verletzen, wird eine Zeichenrelation auf höherer Stufe gleichartig oder
ähnlich wiederholt (‹eine Sängerin stellt eine Sängerin dar› etc.).42
(Fricke 2003, 144)
Kann also eine Romanlesung auf dem Theater als eine Potenzierung angesehen werden?
Dies trifft zu, wenn man davon ausgehen kann, dass der Begriff Potenzierung ähnliches
umfasst wie «Metafiktion»43 (ebd., 145) oder «Autothematismus» (ebd.), also die Selbstreflexivität beabsichtigt. Korthals unterscheidet in diesem Sinne eine «Kategorie, die sämtlichen
Frickes Reallexikonartikel könne als «bislang differenzierteste[…] Explikation des Begriffs der Potenzierung» gelten (vgl. Hauthal u.a. 2007a, 1) – dies nach Meinung der Autoren Hauthal, Nadj, Nünning und
Peters in ihrem Artikel zur Metaisierung in Literatur und anderen Medien (ebd.).
42 Die Definition stützt sich auf Dällenbachs Unterscheidung: Dieser benennt dasselbe Konzept als
«réduplication simple» (Dällenbach 1977, 51), gemeint ist damit ein «fragment qui entretient avec l’œuvre
que l’inclut un rapport de similitude» (ebd.)
43 Gemäß einem Vorschlag Wolfs (2007, 38) wird anstelle des Begriffs Metafiktion bevorzugt jener der
«Metaliteratur» (ebd.) verwendet. Der Grund ist darin zu sehen, dass der Ausdruck Metafiktion in gewissen
Studien – so auch bei Wolf – nur epischen Texten vorbehalten ist. Wolf verwendet als Hyperonym deshalb den Begriff «Metaliteratur» (ebd.). Im Gegensatz zum Reallexikonartikel dienen ihm die Termini «Metafiktion» (ebd.), «Metadrama» (ebd.) und «Metalyrik» (ebd.) als Hyponyme zu Metaliteratur (gerade nicht zu Metafiktion). Diese Begriffsverwendung soll für die vorliegende Untersuchung übernommen werden, wobei
nicht von Metadrama, sondern von Metatheater die Rede sein soll.
41
62
metafiktionalen (Text-)Gattungen gemeinsam ist» (Hauthal 2007b, 95; vgl. Korthals
2003, 387-426): Diese Kategorien können umschrieben werden als «metafiktionale
[=metaliterarische]Bezugnahmen auf die Erfundenheit/Fingiertheit des Dargestellten»
(Hauthal 2007b, 95.). Nach Hauthals Einschätzung erreicht Korthals auf diese Weise eine «von dramatischen Bauformen entkoppelte Konzeptualisierung von Metaisierungen
im Drama» (ebd., 96). In diesem Sinne lässt sich sein Konzept in dieser Arbeit überall
dort anwenden, wo auf dem Theater eine andere Textgattung dargestellt wird (vgl. ebd.,
95). Für die Beschreibung dieser Phänomene soll bevorzugt auf die Begriffe Metaliteratur
(Wolf 2007, 38) oder auch Potenzierung (Fricke 2003, 144) zurückgegriffen werden.
Kiermeier-Debre wählt anstelle von Spiel im Spiel oder Potenzierung den Begriff
«Autothematismus des Theaters» (Kiermeier-Debre, 1989, 19). Er weist darauf hin, seine
Studie zu diesem Thema «[sei] nicht gleichzusetzen mit den üblichen Arbeiten etwa zum
Spiel im Spiel oder zum Theater auf dem Theater» (ebd.). In seiner Arbeit präsentiere
sich «[d]ie Problemstellung einerseits qualitativ weiter und andererseits quantitativ entschieden enger» (ebd.). Der Reallexikon-Artikel zur Potenzierung konstatiert in Bezug
auf die Forschungssituation: «Die konzeptuelle Konstruktion literarischer Potenzierung
variiert historisch ähnlich stark wie ihre terminologische Benennung» (Fricke 2003, 144).
Die genaue Füllung des Begriffs Potenzierung scheint demnach nicht ganz klar festgelegt
zu sein. Es kann davon ausgegangen werden, dass eine Romanlesung, wenn sie auf dem
Theater vorgetragen wird, das Theater als Teil der Literatur in einer anderen
(Text-)Form metaliterarisch mitthematisiert. Inwieweit dies zutrifft, soll an den Einzelfällen überprüft werden. Oesterle kommt am Ende ihrer Analyse zu folgender Konklusion:
Die metafiktionale Reflexion von Drehbuch und Film beschränkt sich nicht allein auf deren
inhaltliche und strukturelle Thematisierung, sondern zeigt sich als besonders leistungsfähig in
der metaisierenden Gegenüberstellung der Gattungen bzw. Medien.
(Oesterle 2007, 256)
Sie stellt für das von ihr analysierte medienübergreifende Phänomen abschließend fest:
Mit der Integration eines Drehbuchs im Drama werden letztlich mehrere Kunstformen selbstreflexiv thematisiert. Indem Vogel das Drama als kritisch-reflexiven Raum nutzt sowie dessen
Grenzen durch dramenfremde ästhetische Mittel erweitert, verweist sie auf dessen Gattungskonventionen und reflektiert das Drama in seiner Differenz zum Drehbuch bzw. zum Film.
Insofern hat das Metaisierungsverfahren in Vogels Drama eine metadramatische Dimension.
Gleichermaßen werden aber auch Drehbuch und Film kritisch thematisiert, und zwar nicht
ausschließlich durch die intermediale Evokation des fremden Systems, sondern auch metareferentiell, indem die (Teil-)Aktualisierung drehbuchspezifischer und filmischer Darstellungsverfahren dazu führt, dass diese sich in ihrer Differenz zum Drama selbst kommentieren. So
müsste Vogels Drama zugleich als Metadrama, Metadrehbuch und Metafilm bezeichnet werden, hielte man sich an eine Terminologie, die […] die selbstreferentielle Gattung im Namen
führt.
(Oesterle 2007, 257)
63
Einige dieser Überlegungen sind anwendbar auf die vereinzelt auftretenden Fälle in
Goetz’, Guitrys und Cowards Stücken, wo auf dem Theater «generische und mediale
Grenzen überschritten» werden (ebd., 247). Zur Beschreibung dieses Phänomens
scheint auch der Begriff der «Intermedialität» von Nutzen zu sein (ebd., 259, Anm. 25).44
Aber können solche Formen dann noch als eigentliches Theater im Theater (gemäß den
festgelegten Kriterien) gelten? Für den Fall des Drehbuchs auf dem Theater ist dies
nicht so einfach zu beantworten. Dreharbeiten auf dem Theater sollen indessen als
Grenzfall des eigentlichen Theaters im Theater klassifiziert werden, da sie trotz des anderen Mediums die drei festgelegten Kriterien einhalten. Es handelt sich dabei wie beim
Theater um ein (wenn auch etwas anders geartetes) Schauspiel, das auch in seiner Differenz zum Drama metatheatral etwas über Theater aufzeigt.
Der Begriff der Intermedialität oder Metaliteratur scheint sich für die Analyse der
intermedialen oder intergenerischen Phänomene gerade dann anzubieten, wenn sie sich
durch ihre Gattung oder Machart stark unterscheiden. Bei nah verwandten Formen wie
dem Musiktheater im Theater kann auch der Begriff des Spiels im Spiel noch angewendet
werden. Alternativ stehen die Termini der Potenzierung oder der Metaliteratur zur Verfügung.
Abschließend soll der Begriff der Mise en abyme eingeführt, definiert und vor allem von den bisher verwendeten Begriffen abgegrenzt werden; er wird nämlich gleichermaßen als Spiegelung umschrieben. Laut Schöpflin erscheint es dem «Rezipient[en] eines Kunstwerkes als etwas Besonderes, wenn eine Kunstform sich in sich selbst wiederholt» (Schöpflin 1993, 1). Dies geschieht beispielsweise, wenn ein Theaterstück ein
Theater im Theater enthält. Solche Selbstreflexion kommt jedoch nicht nur auf dem Theater, sondern auch in anderen Medien vor, beispielsweise in der Malerei. Eingebürgert hat
sich für diese Darstellungsart der Terminus Mise en abyme, der zuerst in Bezug auf den
Nouveau Roman verwendet wurde. Eine Mise en abyme bewirkt, dass der Leser oder Zuschauer durch Selbstdarstellung des Werks « ‹in den Abgrund […]› » geschickt wird (Fricke 2001, 224). Dem Rezipienten wird also sozusagen, wie es der Name andeutet, der
sichere « ‹Boden unter den Füssen weg[gezogen]› » (ebd.).45 Eine Mise en abyme kann im
Theater bewirken, dass das Publikum nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Theater
oder zwischen Rahmen- und Binnenhandlung unterscheiden kann, weil diese «derartig
Hier wird von Oesterle (2007, 261) verwiesen auf: Irina O. Rajewsky (2002): Intermedialität. Tübingen/Basel, 13.
45 Fricke (2001, 224, Anm. 34) verweist auf: André Gide (1948): Journal 1885 – 1939. Paris, 41.
44
64
ineinander greifen, daß der Dramenzuschauer […] im Hinblick auf das Einschätzen des
ontologischen Status der Bühnengeschehnisse verunsichert wird» (Schöpflin 1993, 422).
Der Begriff der Mise en abyme wird in der Fachliteratur manchmal als «Alternative» zu jenem der Potenzierung diskutiert (vgl. Fricke 2003, 144).
Weit prominenter verlief die internationale Karriere einer frz. Metapher für den Sachverhalt:
die Mise en abyme (weltweit meist unübersetzt gebraucht […]). Vom erzählerischen Kunstgriff,
den Leser durch Potenzierung schwindelerregend ‹in den Abgrund zu schicken›, hatte mit diesem Ausdruck – im Anschluß an alte Verfahren der Heraldik (ein Wappen wird verkleinert
nochmals in den eigenen ‹Hintergrund gesetzt›) – zuerst der Dichter André Gide 1893 gesprochen (Gide, 41). In Gides alter Schreibweise (abyme statt heutigem abîme) in die moderne Literaturwissenschaft eingeführt haben dürfte den Begriff J. Ricardou (1967).46
(Fricke 2003, 145)
In der vorliegenden Arbeit soll Mise en abyme nur in einer ganz reduzierten Form verwendet werden, nämlich ausschließlich in einem streng thematischen Sinne. Auch Forestier erwähnt, dass dieser Begriff in Bezug auf das Theater oft mit der Bezeichnung
«theâtre dans le théâtre» verwechselt werde (Forestier 1981, 13). Zunächst definiert Forestier den Terminus in einem gattungsübergreifenden Kontext: «En fait, la mise en abyme,
qui suppose que l’œuvre se mire dans l’œuvre, est une figure littéraire qui ne ressortit pas
exclusivement au domaine du théâtre» (Forestier 1981, 13).47 Seine Unterscheidung
«stützt sich auf Dällenbachs Definition: «fragment qui entretient avec l’œuvre qui l’inclut
un rapport de similitude» (Dällenbach 1977, 51) 48. Forestier grenzt die theatrale Mise en
abyme wie folgt vom Theater-im-Theater-Begriff ab:
En outre, la mise en abyme proprement théâtrale est loin de correspondre exactement à la notion
de théâtre dans le théâtre. Celle-ci désigne un dédoublement structurel, et la première un dédoublement
thématique.
(Forestier 1981, 13)49
In dieser Arbeit soll der Begriff Mise en abyme auf das Theater bezogen nur in dieser engen Bedeutung verwendet werden, nämlich genau dann, wenn im Sinne einer Spiegelung
eine Art ‹thematische Verdoppelung› zwischen Rahmen- und Binnenebene auszumachen ist
(vgl. ebd.).50
Jean Ricardou (1967): Problèmes du nouveau roman. Paris.
Hervorhebung bei Forestier.
48 Eine Mise en abyme liegt dann vor, wenn ‹eine äußere Form mit einer darin eingeschachtelten Einlage ein
Ähnlichkeitsverhältnis aufweist›.
49 Im Original findet sich nur die kursive Hervorhebung von dédoublement structurel sowie dédoublement thématique.
50 Dällenbach verwendet für das von ihm geprägte Konzept den Begriff der «réduplication» (1977, 51). Dieser Terminus scheint ursprünglich sowohl thematisch (im Sinne von Mise en abyme) als auch strukturell geprägt gewesen zu sein, was für Verwirrung sorgen kann. Forestier nennt den gleichen Begriff «dédoublement» (Forestier 1981, 13; Hervorh. Forestier). Fricke verwendet dafür beispielsweise die Begriffe «Spiegelung» (Fricke 2003, 145), «Ipsoreflexion» (Fricke 2001, 225) oder auch «Iteration» (Fricke 2000, 107f). Eine
Sammlung der manchmal synonym, manchmal auch differenzierend verwendeten Begriffe nennt Fricke
im Reallexikonartikel zur Potenzierung. Es sind dies: «Selbstbezüglichkeit, Autoreferenz, Rekursivität […] Mise en
abyme» (Fricke 2003, 144). Ergänzend können als Auswahl weitere Begriffe angefügt werden: «Autoreflexivität […], Selbstreferenz […], Metafiktion […]» (ebd., 145; Hervorhebungen bei Fricke).
46
47
65
2.4.
Die unendliche Ipsoreflexion als unendliche (Dramen-)Form und
die Metalepse als paradoxe Überschreitung von Dramen-Ebenen
Frickes Begriff der Ipsoreflexion (oder Iteration), der hier vor allem für unendliche und paradoxe metatheatrale Formen verwendet werden soll, stützt sich auf Dällenbachs Terminologie von 1977, die drei Grundformen unterscheidet: Die erste ist die Form der
einfachen Einlage, die Dällenbach (1977, 51) beschreibt als «réduplication simple (fragment
qui entretient avec l’œuvre qui l’inclut un rapport de similitude)» (ebd.).51 Davon unterscheidet er zweitens «La réduplication à l’infini (fragment qui entretient avec l’œuvre qui
l’inclut un rapport de similitude et qui enchâsse lui-même un fragment qui… et ainsi de
suite)» (ebd.) Und drittens kontrastiert er mit den genannten Formen die «réduplication
aporistique (fragment censé inclure l’œuvre qui l’inclut)» (ebd.).
Klimek weist in Bezug auf die Erzähltheorie darauf hin, dass Dällenbach diese
drei Formen inzwischen als «lediglich formale Bezugsphänomene wie das der Binnen- in
einer Rahmenerzählung» betrachte (Klimek 2010, 51, vgl. Dällenbach 1997). Er wende
sein Konzept an, «ohne dabei inhaltliche Bezüge der beiden Narrationen zueinander zu
berücksichtigen» (ebd.) – das heißt also losgekoppelt von der oben angesprochenen Mise
en abyme, die thematischen Verdoppelungen vorbehalten werden soll. Dadurch wird der
bereits von Forestier beschriebene Unterschied zwischen der (thematisch orientierten)
Mise en abyme und dem (formal orientierten) Begriff Theater im Theater akzentuiert (vgl.
Forestier 1981, 13). So können die unten definierten Formen von einer thematischen Spiegelung klar unterschieden werden: Letztere kann als Spezialfall der nachfolgend unter 1)
definierten Form auftreten und soll dann (und nur genau dann) als Mise en abyme beschrieben werden.
In einem rein strukturellen Sinne sollen nachfolgend auch die Begriffe Iteration
und Ipsoreflexion verstanden werden. Darunter versteht man «1) La réduplication simple
[…]» (Dällenbach 1977, 51). Diese erste Form wird bei Fricke analog benannt als «die
einfache Ipsoreflexion» (Fricke 2001, 224. Fricke führt dafür folgende Beispiele an: «die
Schachtel in der Schachtel, der Fernseher im Fernseher, die Binnenerzählung in der
Rahmenerzählung» (ebd.) Als Unterkategorie der ersten Form kann das Theater im
Theater gelten.
Bei der nächsten Form handelt es sich um eine seltener vorkommende, da
unendliche Struktur: Man bezeichnet sie als «2) La réduplication à l’infini» (Dällenbach
51
Alle Hervorhebungen bei Dällenbach.
66
1977, 51) oder auch «unendliche Ipsoreflexion» (Fricke 2001, 225).52 Darunter fallen Beispiele wie «die Puppe in der Puppe in der Puppe […], Tiecks Theater auf dem Theater auf
dem […], Mani Matters Ein-Mann-Chor im Friseurspiegel»53. Die zweite Form kann
sich auf eine Theatereinlage beziehen, dies muss aber nicht notwendigerweise zutreffen.
Die in ihrem Badezimmer aus Spiegelglas unendliche Male gespiegelte Duchesse de
Touzac in Guitrys Stück Quand jouons-nous la comédie? (1935) stellt hierfür ein – in diesem
Fall nur erzähltes – Beispiel einer «reduplication à l’infini» 54 (ebd.) dar. Hier liegt im
wahrsten Sinne das Beispiel einer « ‹unendliche[n] Spiegelung› » und gleichzeitig Mise en
abyme vor (Fricke 2003, 145). Es ist auch eine Darstellung des geschilderten Szenarios
mit Mitteln des Theaters denkbar, wenn man diese Spiegeltechnik auf der Bühne verwendet.55 Dieser zweiten Form können wir im Alltag grundsätzlich begegnen (wie beispielsweise das in Wirklichkeit nachstellbare Spiegelbeispiel anzeigt). Unendliche Strukturen können (auf dem Theater und auch sonst) aus nachvollziehbaren Gründen nur
angedeutet werden kann.
Bei der dritten Form handelt es sich um «Erzähllogische Paradoxien» (Klimek 2010,
42) – das heißt um Phänomene, die unserer Alltagserfahrung notwendigerweise widersprechen. Klimeks Begriff zeigt bereits an, dass das von Genette (1972) übernommene
Konzept ursprünglich aus der Erzählanalyse stammt (worauf später eingegangen wird).
Dällenbach nennt diese Form «3) La réduplication aporistique» (Dällenbach 1977, 51), Fricke analog dazu «aporetische Ipsoreflexion» (Fricke 2001, 224f.). Als Beispiele nennt Fricke
Diese Form lässt sich nach Fricke nochmals unterteilen in zwei Unterformen, erstens die «Unendliche Iteration durch prinzipielle Unabschließbarkeit der gestuften Wiederholung (z.B. in dem international verbreiteten Nonsenslied ‹Oh Henry…› « – dt. Wenn der Topf aber nun ein Loch hat» (Fricke 2000, 107). Diese
erste Definition ist anwendbar auf Werke mit zirkulären Strukturen. Andererseits wird davon unterschieden die «Rekursive Iteration durch technische Rückkoppelung der gestuften Wiederholung (z.B. mit dem
einfachen Prinzip Spiegel im Spiegel» (ebd., 108; im Original Kursivsetzung des gesamten Zitates).
53 Das zuletzt genannte Beispiel bezieht sich auf den in der Deutschschweiz allgemein bekannten Liedtext:
« ‹e Männerchor us mir alei […] es metaphysischs grusle› » (Fricke 2001, 224, Anmerkung 38.). Gemeint
ist: Mani Matter (1969, 251993): Bim Coiffeur. In: Mani Matter: Us emene lääre Gygechaschte – berndeutsche Chansons. Zürich u.a., 54f.
54 «Quand je sortais de ma baignoire, j’avais quarante-deux genoux qui se levaient avec un ensemble que
les girls les mieux disciplinées m’eussent envié !» (Quand jouons-nous…?, 2, 55). Besagte Dame beschloss
angesichts ihres fortgeschrittenen Alters, ihr Badezimmer, welches ganz aus Spiegelglas gefertigt war, umbauen zu lassen (ebd., 54): «Quand j’étais dans mon bain, je me voyais quarante-deux fois de profil, en enfilade. C’était trop. Il y a vingt ans, ça pouvait encore aller, mais maintenant, ce n’est plus possible. Je veux
bien me montrer, mais je ne veux plus me voir» (ebd., 55).
55 Diese Spiegelungstechnik scheint in der Tat auch in Filmen beliebt gewesen zu sein. So berichtet Goetz
in einer Rede zum Film Napoleon ist an allem Schuld (D, 1938), wie sie im Film ein Ballet von 60 Girls mithilfe von 70 Spiegeln ins Unendliche erweitert hätten (Rede nach der Premiere in Berlin, Goetz/von Martens
1963, 180-182). Auf selbstreflexive Art angewendet wird diese Technik auch noch in neueren Filmen, so
beispielsweise in Inception (USA, 2010), Regie: Ch. Nolan. Darin wird das romantische Thema des Traumes aufgegriffen, und in einer die Konstruktion von Traumwelten betreffenden Szene wird ein Spiegel
aufgestellt, in dem sich wiederum ein Spiegel und damit gleichzeitig die vor dem Spiegel stehende Person
im unendlichen Male spiegelt.
52
67
«die einander zeichnenden Hände Eschers, die Romanfigur als Verfasser ihres eigenen
Romans, die gegen ihre Darsteller rebellierenden Bühnenfiguren» (ebd.). Diese dritte
Form kann im Folgenden auch «Metalepse» genannt werden (Klimek 2010, 41). Metalepsen stimmen teilweise mit Dällenbachs dritter Form überein (vgl. Klimeks Ausführungen zur genauen Abgrenzung).
Pirandellos Stück Sei personaggi in cerca d’autore (1921)56, das aus der gleichen Periode wie viele Stücke von Goetz, Guitry und Coward stammt, kann als eine solche paradoxe Form begriffen werden. Die titelgebenden sechs Personen stellen ein prominentes
Beispiel für Dällenbachs dritte Form dar. Es handelt sich dabei um keine Menschen im
eigentlichen Sinne, was auch durch ihre Masken angezeigt wird. Diese sechs (später sieben) Figuren – entflohen aus einem ungeschriebenen Theatermanuskript – können als
im Entstehen begriffene Fiktion umschrieben werden (sie sind im Geist des Autors präsent, dieser hat sie jedoch noch nicht zu Papier gebracht). Als halbfertige Fiktion sind
sie mit der Umsetzung ihrer Geschichte, wie sie auf ihren Wunsch hin auf der Bühne
geschieht, nicht einverstanden, und kritisieren insbesondere die Schauspieler, welche ihre Rolle spielen. 57 Wie im Titel angedeutet, suchen die Figuren eigentlich einen Autor,
der ihre Geschichte niederschreiben soll – diese wird dann sogleich inszeniert, bevor sie
aufgeschrieben wird. Paradoxerweise also ist das Kunstprodukt, welches diese geisterhaft auftretenden Figuren darstellen, bereits vorhanden – wenn auch im halbfertigen
Zustand – und dies, obschon noch kein Autor ihre Geschichte zu Papier gebracht hat,
sie also eigentlich gar nicht existieren könnte. Während der Inszenierung wird die Geschichte der sechs (später sieben) Personen nach und nach aufgeführt und quasi synchron dazu im Manuskript als geschriebenes Theaterstück notiert (die Rolle des Chronisten kommt dem Souffleur im Stück zu). Gleichzeitig ist aber ihre Geschichte, die das
Merkmal der Unveränderlichkeit (also des fertigen Kunstprodukts) trägt, bereits für
immer fixiert, wie das für Texte zutrifft, die gedruckt und nicht im Nachhinein verändert werden. So sagt der Vater im Stück zum Direktor:
DER VATER. Wenn
Ihre Wirklichkeit sich von heute auf morgen ändern kann…
56 Datierung nach: Plocher 1995, Nachwort zu Sechs Personen suchen einen Autor, 107. In Deutschland wurde
das Stück 1930 uraufgeführt (vgl. ebd.).
57 Dies geschieht beispielsweise in folgender Szene, wo die erste Darstellerin die Stieftochter darstellen
sollte: «DIE STIEFTOCHTER. […] Das Fräulein (weist auf die erste Darstellerin) steht ganz ruhig da. Aber ich
kann Ihnen versichern, wenn ich das wäre und man mir auf diese Weise und in diesem Tonfall ‹guten Tag›
gesagt hätte, wäre ich ebenso vor Lachen geplatzt wie eben! DER VATER. […] Ja, richtig, das Auftreten, der
Tonfall …» (Pirandello: Sechs Personen suchen einen Autor, 72). Im Original heißt es: «LA FIGLIASTRA:
La signorina (indicherà la Prima Attrice) se ne sta lì ferma, a posto; ma se dev’esser me, io le posso assicurare
che a sentirmi dire ‘buon giorno’ a quel modo e con quel tono, sarei scoppiata a ridere, proprio così come
ho riso. IL PADRE: […] Ecco già… l’aria, il tono…» (Pirandello: Sei personaggi in cerca d’autore, 85).
68
DER DIREKTOR. Aber das weiß doch jeder, daß sie sich ändern kann! Das ist doch selbstverständlich! Sie wandelt sich fortwährend, wie bei allen.
DER VATER. (schreit heraus). Aber unsere nicht, Herr Direktor! Verstehen Sie? Darin liegt gerade
der Unterschied! Sie ändert sich nicht, sie kann sich nicht ändern, kann keine andere werden,
niemals! Denn sie ist bereits festgelegt – ein für allemal – (wie furchtbar. Herr Direktor!) als
«diese» unwandelbare Wirklichkeit, die Sie erschaudern lassen müßte, wenn Sie in unsere Nähe
kommen!
DER DIREKTOR. (wehrt umgehend mit einer Idee ab, die ihm plötzlich in den Sinn kommt). Ich wüßte
dennoch gern, wann man je eine Figur gesehen, die aus ihrer Rolle herausgetreten wäre und
begonnen hätte, sie so anzupreisen, wie Sie es tun, sie vorzustellen und zu erklären. Können
Sie mir das sagen? Ich habe so etwas noch nie erlebt!
DER VATER. Sie haben das noch nie erlebt, Herr Direktor, weil die Autoren die Mühen ihres
schöpferischen Tuns gewöhnlich verborgen halten. Wenn die Figuren leben, vor dem Autor
lebendig erstehen, tut dieser weiter nichts als ihnen in den Worten und Gesten, die sie ihm
vorschlagen, genau zu folgen […] Stellen Sie sich vor, welches Unglück es für eine Figur bedeutet, wenn sie, wie ich Ihnen gesagt habe, lebendig aus der Phantasie des Autors geboren ist,
der ihr dann das Leben verweigern will.
(Pirandello: Sechs Personen suchen einen Autor, 86; Hervorh. M.H.; vgl. Pirandello: Sei personaggi in cerca d’autore, 9958)
Dieses Beispiel zeigt, dass die paradoxen Formen dazu dienen können, komplexe metatheatrale Dramen genauer zu beschreiben. Die oft beschriebene Wirkung der Mise en
abyme scheint hier direkt im Dramentext von der Figur des Vaters angesprochen zu werden. Wenn er von «Erschaudern» (‹un brivido›) spricht (ebd.), hat man das Gefühl, den
Zuschauern (oder auch dem angesprochenen Direktor) werde der « ‹Boden unter den
Füssen weg[gezogen]› » (Fricke 2001, 224). Gleichzeitig kann dieses Stück als Metalepse
beschrieben werden (vgl. Korthals 2003, 333); Korthals weist darauf hin, dass hier das
«metadiegetische Geschehen des aufzuführenden Stückes überhaupt erst konstruiert
werden muß» (ebd.).
Wie bereits angedeutet, handelt es sich bei beiden Konzepten – einerseits jenem
der «réduplication aporistique» (Dällenbach 1977, 51), andererseits dem der unten zu definierenden Metalepse –59 ursprünglich um Begriffe, die insbesondere auf die Erzählanalyse
Im Original lautet die Passage: «IL PADRE: Se la sua realtà può cangiare dall’oggi al domani… IL CAPOMa si sa che può cangiare, sfido! Cangia continuamente, come quella di tutti! IL PADRE: (Con un
grido) Ma la nostra no, signore! Vede? La differenza è questa! Non cangia, non può cangiare, né esser
altra, mai, perché già fissata – così – ‘questa’ – per sempre – (è terribile, signore!) realtà immutabile,
che dovrebbe dar loro un brivido nell’accostarsi a noi! CAPOCOMICO: (con uno scatto, parandoglisi davanti per
un’idea che gli sorgerà all’improvviso) Io vorrei sapere però, quando mai s’è visto un personaggio che, uscendo
dalla sua parte, si sia messo a perorarla così come fa lei, e a proporla, a spiegarla. Me lo sa dire? Io non
l’ho mai visto! IL PADRE: Non l’ha mai visto, signore, perché gli autori nascondono di solito il travaglio
della loro creazione. Quando i personaggi sono vivi, vivi veramente davanti al loro autore, questo non fa
altro che seguirli nelle parole, ne gesti qu’essi appunto gli propongono; […] Immagini per un personaggio
la disgrazia che le ho detto, d’esser nato vivo della fantasia d’un autore che abbia voluto poi negarli la vita»
(Sei personaggi in cerca d’autore: parte terza, 99-101; Hervorhebung M.H.).
59 Diese Arbeit stützt sich auf Genettes «Ausgangsdefinition des Begriffs narrative Metalepse» im Band Figures III (Klimek 2010, 31; vgl. Genette 1972). Die dort beschriebene Theorie Genettes wurde von Klimek
systematisiert und in ihrer Ursprungsdefinition vor allem auf epische Texte, aber auch auf Dramen übertragen (Klimek 2010, 80-90). Genette selbst wendet seinen Begriff in einer weiter gefassten Definition
ebenfalls auf Dramen an.
58
COMICO:
69
und nicht in erster Linie auf das Drama angewendet wurden. Dies zeigt auch der Titel
von Dällenbachs Werk Le récit spéculaire an (vgl. Dällenbach 1977, 51).
Genette nimmt ebenfalls in Figures III im Zusammenhang mit der Metalepse
kurz Bezug auf dieses Drama, genauer erwähnt er «le pirandellisme de Six personnages en
quête d’auteur» (Genette 1972, 245) und bezeichnet es als «vaste expansion de la métalepse» (ebd.). Wie Korthals ausführt, «läßt [Genette] es jedoch bei diesem kurzen Gedankensprung bewenden und kehrt schnell wieder in narrative Gefilde zurück» (Korthals
2003, 330). Ein Jahr nach Korthals eigener Publikation hat Genette jedoch seinen Begriff Metalepse selbst auf das Drama angewendet und übertragen (vgl. Genette 2004, 4958). Dabei wurde das Konzept jedoch stark ausgeweitet. Im Folgenden wird deshalb der
Definition von Genette (1972) gefolgt.
In dieser Arbeit wird prinzipiell jede Einlage, die als eigentliches Theater im Theater definiert ist, als illusionsstörend betrachtet. Ein zusätzlicher Begriff, der Phänomene
beschreibt, die bereits durch den Terminus Theater im Theater oder verwandte Begriffe erfasst werden können, würde keinen Mehrwert bringen. Diese Arbeit übernimmt deshalb
nicht Genettes (2004) erweiterten Metalepsenbegriff, sondern stützt sich vielmehr auf
Klimeks Systematisierung, welche auf Genettes Ursprungsdefinition (1972) fußt. Dies
soll es erlauben, paradoxe Strukturen in den analysierten Dramen zu beschreiben, die
mit den bisherigen Begriffen nicht präzise erfasst werden können.
Auch Forestier nimmt Bezug auf Genettes Ausgangsdefinition von 1972, wenn
er – und zwar ebenfalls bezogen auf das Theater im Theater – im Drama über ein «changement de niveau» schreibt (Forestier 1981, 12): «Cela correspond à ce que
G. Genette appelle dans le domaine du récit une structure métadiégétique» (ebd., 12 ;
vgl. Genette 1972, 243f. / 244 Anm. 4). Dem Binnenspiel entspricht also Genettes aus der
Erzähltheorie bekannte Ebene der Metadiegese – auch Hypodiegese genannt (so bei Klimek
2010, 41). Der Rahmenhandlung kann die Ebene der Intradiegese zugeteilt werden (vgl.
ebd.). Die Entsprechung der Extradiegese bleibt indessen unklar.60 Bereits Forestier verwendet also Genettes Begriff der auf das Drama angewendeten Metalepse. Er nimmt
dabei Bezug auf das Rollenspiel:
Le théâtre dans le théâtre, c’est un jeu de rôle accompagné d’un changement de niveau dramatique, d’une métalepse dramatique (si l’on veut bien adopter la terminologie désormais largement
répandue, élaborée par G. Genette).
(Forestier 1981, 347; vgl. Genette 1972, 243f., 244, Anm. 4)
Wohl könnte diese Ebene – die in der Regel dem Erzähler vorbehalten ist – beispielsweise von Dichterfiguren besiedelt sein kann, wie sie bei Goetz oft im Vorspiel auftreten.
60
70
Aus Forestiers Aussage geht nicht ganz klar hervor, ob er jedes Auftreten in einer Rolle
bereits als «métalepse dramatique» definieren will (ebd.)61 In dieser Arbeit soll der Begriff
Metalepse nur paradoxen Wechseln von einer Ebene auf die andere vorbehalten sein, entsprechend Klimeks Anwendung von Genettes Ausgangsdefinition von 1972 auf Dramen (vgl. Klimek, 2010, 80-90).
Der Unterschied zwischen der Wirkung eines Theaters im Theater und der Wirkung einer Rahmenerzählung in Bezug auf die verschiedenen Ebenen besteht darin, dass
im zweiten Fall eine Ebenenüberschreitung zwischen Rahmenhandlung und Binnenerzählung (wenn etwa ein Leser in eine Geschichte hineinsteigt) unbestritten eine paradoxe Wirkung entfaltet. Das Gleiche trifft aber nicht für eine Figur zu, die von der Rahmenhandlung (Intradiegese) im Theater auf die Ebene der Binnenhandlung (Hypodiegese) wechselt. Denn dass ein Schauspieler einerseits als Privatperson dargestellt wird und
dieselbe Person später in eine Binnenhandlung steigt, in der sie eine Rolle spielt, ist
nicht paradox, sondern entspricht der Konvention des Theaters (im Theater) und in diesem Sinne auch der Publikumserwartung (vgl. dazu die drei verbindlichen Merkmale
von Theater im Theater oben). Eine solche Theatereinlage wirkt deshalb zwar illusionsstörend, aber nicht paradox. Phänomene der Ebenenüberschreitung, die jedoch nicht paradox wirken, werden deshalb mit dem Begriff Theater im Theater bezeichnet, nicht mit Metalepse. Der neue Terminus Metalepse soll erlauben, punktuell auftretende Phänomene zu
benennen, die mit den herkömmlichen Begriffen nicht präzise beschrieben werden können.
Bevor Klimeks Begründung der Verwendung von Genettes Ursprungsdefinition
zusammenfassend dargelegt wird, soll der Begriff der Metalepse allgemein definiert werden. Genette (1972) versteht als «métalepse narrative» ...
toute intrusion du narrateur ou du narrataire extradiégétique dans l’univers diégétique (ou de
personnages diégétiques dans un univers métadiégétique, etc.) ou inversement […].
(Genette 1972, 244)
Dieses ‹Eindringen› in die Meta- oder Hypodiegese, wie sie hier nachfolgend genannt
werden soll, besteht nach Genette darin, «à franchir au mépris de la vraisemblance […]
[cette] frontière mouvante mais sacrée entre deux mondes: celui où l’on raconte, celui
que l’on raconte» (Genette 1972, 245). Von einer Metalepse kann demnach auch auf das
Drama bezogen nur dann gesprochen werden, wenn zwei Dramenebenen «unlogisch
vermischt» werden (Klimek 2010, 80) – wie dies Genettes Zusatz «au mépris de la vraisemblance» anzeigt. Es handelt sich wahrscheinlich um dasselbe Phänomen, das Pfister
Forestier nimmt an drei Stellen seines Werks explizit Bezug auf Genette (vgl. Forestier 1981, 12, 347,
und 349).
61
71
als «UMSCHLAGEN von Figuren des Spiels im Spiel in Figuren des Spiels» bezeichnet
(Pfister 2001, 301). Zwei Ebenen sind in solchen Fällen also scheinbar gleichzeitig präsent, sodass ein Paradox vorliegt. Das geschieht etwa, wenn sich eine Schauspielerfigur
aus der Binnenhandlung (Hypodiegese) in ihrer Rolle aus dem inneren Spiel in die Rahmenhandlung (Intradiegese) verirrt hat, sich jedoch nicht wie ein verkleideter Schauspieler verhält, sondern davon überzeugt ist, mit seiner Rollenfigur identisch zu sein.
Genettes ursprünglicher Begriff kann des Weiteren folgendermaßen erklärt werden:
Nach Genettes Ausgangsdefinition von 1972 bezeichnet man es als narrative Metalepse, wenn
ein «signifié narratif» («erzähltes Signifikat») – sei es «le narrateur» («der Erzähler»), «le narrataire» (entspricht in etwa dem Konzept des «impliziten Lesers»), «un personnage» («eine fiktive Figur» (vgl. Genette 1972: 244), ein Gegenstand oder auch bestimmtes Figurenwissen (vgl.
Genette 2004: 16), – der ursprünglich auf einer bestimmten diegetischen Ebene des Textes angesiedelt war, auf einer anderen auftaucht. Eine solche Verletzung des «seuil de la représentation» («[…] Grenze der Darstellung») ist «paradox» im Sinne der Logik, insofern sie einen unauflöslichen Widerspruch produziert, und «paradox» im umgangssprachlichen Wortsinne, insofern
sie nicht der analog zur Alltagserfahrung gebildeten Erwartung der Leser an einen realistischen
Erzähltext entspricht.
(Klimek 2010, 71)62
Auch bezogen auf das Drama ist eine Überschreitung zwischen Ebenen denkbar, wenn
etwa eine Bühnenfigur, die «ursprünglich auf einer bestimmten diegetischen Ebene […]
angesiedelt war, auf einer anderen auftaucht» (ebd.). Möglich ist also beispielsweise ein
Wechsel von der intradiegetischen Ebene (einer Rahmenhandlung) zur hypodiegetischen Ebene (einer Binnenhandlung). Zusätzlich muss diese Überschreitung immer
auch paradox sein. Während auf eine Erzählung sozusagen automatisch zutrifft, dass eine jede solche Ebenenüberschreitung paradox ist, lässt sich dies nicht eins zu eins auf
das Drama übertragen. Denn notwendig für das Zustandekommen dieses paradoxen
Phänomens der Metalepse ist nach Genette das Überqueren einer «frontière mouvante
mais sacrée entre deux mondes» (Genette 1972, 245; vgl. Klimek 2010, 71). Aufgrund
dieser Vorgabe soll davon ausgegangen werden, dass es sich, wenn ein Schauspieler im
konventionellen Sinne eine Rolle spielt, nicht um eine Metalepse handelt.
Zusätzlich gilt auch: «In jedem Fall muss die überschrittene Grenze fiktionsintern sein» (Klimek 2010, 71) – das heißt, die Metalepse im hier definierten Sinne lässt
sich nicht anwenden auf Ebenenwechsel «zwischen außertextueller Wirklichkeit und
Fiktion» (ebd.). Aber meistens sind solche Elemente, die aus der Wirklichkeit in die
Binnenhandlung eindringen, ohnehin nur scheinbar real: So ist beispielsweise mit metatheatralem Aus-der-Rolle-fallen gar nicht das wirkliche Vergessen des Theatertextes
durch einen echten Schauspieler gemeint. Oder wenn Curt Goetz im Stück Der Hahn im
Klimek weist nach, dass bereits Pierre Fontanier «1830 jene Erzählweise beschreibt, die Genette dann
1972 als ‹métalepse de l’auteur› » benannt habe (Klimek 2010, 32); vgl. Pierre Fontanier (1977): Les figures
du discours [1830]. Nouvelle édition. Gérard Genette (Ed.). Paris.
62
72
Korb (1920) auf der Bühne «Kurt, ein[en] Schauspieler in Zivil» spielt (Der Hahn im
Korb, 214) – man sich also vorstellen kann, dass er sogar in denjenigen Kleidern auftritt,
die er auch im Alltag trägt – dann heißt es nicht, dass er als Privatmann auf der Bühne
steht. Auch dann spielt er noch eine Rolle mit einem vorgeschriebenen Text (vgl. Klimek 2010, 79).63 Deshalb soll hier Schöpflins folgender Einschätzung widersprochen
werden: «Spielt eine Dramenfigur sich selbst in der Theatereinlage, vollzieht sie streng
genommen keine Impersonation» (Schöpflin 1993, 11).
Zusammenfassend müssen zwei Kriterien erfüllt sein, damit man von einer Metalepse sprechen kann:
1. Es müssen mindestens zwei […] [fiktionale] Ebenen vermischt werden, und zwar
2. auf logikwidrige Art (d.h. bei den beiden betroffenen Ebenen muss es sich um zwei hierarchisch angeordnete Ebenen handeln, die normalerweise typentheoretisch streng voneinander
getrennt sind.)
(Klimek 2010, 72)
Das Konzept ist auf andere Medien übertragbar, wozu Klimek festhält:
Das metaleptische Grundprinzip kann prinzipiell in allen Medien realisiert werden, die zur hierarchischen Einschachtelung unterschiedlicher Darstellungsebenen und deren logikwidriger
Transgressionen fähig sind.
(Klimek 2010, 74)
Klimek hat ihre Typologie der Metalepse im Rahmen eines Exkurses ebenfalls auf das
Drama angewendet (vgl. Klimek 2010, 80-90). Dabei lautet die Voraussetzung für das
Vorliegen einer dramatischen Metalepse analog: Es muss dafür mindestens eine Theateroder eine andere mediale Einlage vorhanden sein und ein Wechsel von der einen zur
anderen Ebene muss auf paradoxe Weise geschehen.
Bei dem Metalepsen gilt es zwei Formen zu unterscheiden, nämlich, «ob eine
Metalepse lediglich durch die Rede […] oder durch eine Handlung vollzogen wird»
(Klimek 2010, 66).64 Ein Beispiel für den ersten Fall ist «das metaleptische Motiv des Figurenwissens um die Fiktivität […] der eigenen Welt» (ebd., 79).
Metalepsen können in verschiedene Richtungen vonstatten gehen: Von einer ‹absteigenden Metalepse› ist zu sprechen, wenn «things or characters from the level of representation introduce themselves on the level of what is represented» (Klimek 2011,
24). Dies trifft etwa ein, wenn sich ein fiktiver Leser in seine Lektüre versenkt und dann
63 Klimek schreibt in Bezug auf den einen vergleichbaren Fall zeigenden Film Last Action Hero: «Der empirische Mensch Schwarzenegger spielt sich selbst in [Last Action Hero] […] Es ist jedoch durchaus nicht der
echte Schwarzenegger, auf den während einer Filmpremiere ein Attentat verübt wird. Schwarzenegger
spielt hier nur die Rolle eines Actionhelden-Darstellers» gleichen Namens (Klimek 2010, 79f.). Dies allein
würde jedoch keine Metalepse darstellen – dazu braucht es innerhalb der Fiktion «logikwidrige Ebenenwechsel» (ebd., 79).
64 Klimek verweist auf Wolf 1993, 359-361, hier vgl. 359, 361.
73
in diese Geschichte hineinsteigt. Ein prominentes Beispiel dafür stellt Bastian Balthasar
Bux dar in Michael Endes Die unendliche Geschichte.
Übertragen auf das Theater mutet die vorgegebene Richtung der Metalepsen etwas sonderbar an, denn beim Evozieren einer Bühne lässt der Wechsel von einer Rahmenhandlung auf eine Binnentheater-Ebene eher an ein Aufsteigen denken als an ein
Absteigen, etwa, wenn eine zweite Bühne auf der Bühne errichtet wäre. Die Richtungsvorgaben von Klimek sollen hier zwar eingeführt werden, in der Arbeit wird jedoch die
Richtung der Metalepse jeweils nicht angegeben – insbesondere wegen der (für das
Drama) verwirrenden Richtungsangaben bei Klimek.65 Anstelle von Metadiegese wird für
die Dramen-Ebenen der alternative, ebenfalls von Klimek verwendete Begriff der Hypodiegese übernommen. Die Anordnung der Ebenen ist so vorgesehen, dass zuoberst die
Ebene der Extradiegese, darunter diejenige der Intradiegese und nochmals darunter die
Ebene der Hypodiegese zu liegen kommt – weitere Ebenen lassen sich als «HypoHypodiegese, Hypo-Hypo-Hypodiegese» benennen (vgl. Klimek 2010, 41). Konkret beschreibt
Klimek für Metalepsen die folgenden Möglichkeiten:
1.
Absteigende Metalepsen bezeichnen das Herabgleiten von einem narrativen Niveau auf ein
tieferes
a)
von der Extradiegese auf die Intra- oder Hypodiegese
b)
von der Intradiegese auf die Hypodiegese
2.
Aufsteigende Metalepsen bezeichnen das Hinaufwechseln von einem narrativen Niveau auf
ein höheres
a)
von der Intra- oder Hypodiegese auf die Extradiegese
b)
von der Intradiegese auf die Hypodiegese
[(]3. Komplexitätsformen der Metalepsen bilden die
a)
Möbiusband-Erzählung (Rekurrentsetzung von aufsteigenden und absteigenden Metalepsen) und die
b)
Unlogische Heterarchie (eine Figur auf einer bestimmten narrativen Ebene übt durch
einen Darstellungsprozess [zum Beispiel durch das Schreiben eines Romans] Macht über Figuren ihrer eigenen diegetischen Ebene aus).[)]
(Klimek 2010, 70)
Der genaue Typus nach Klimek wird nachfolgend nicht bestimmt, die Aufstellung soll
aber einen Überblick über die möglichen Fälle geben. Die Komplexitätsform 3a) wird in
der Arbeit als aporetische Ipsoreflexion benannt, mit der sie übereinstimmt. Um das Schema
zu verdeutlichen, können die erwähnten Metalepsen-Typen an zwei Beispielen genauer
erläutert werden, die auch Genette (2004) anführt (vgl. Hinweis bei Klimek 2010, 77,
81):
[Ein Klassiker ist] Woody Allens The Purple Rose of Cairo (USA 1985). Hier steigt eine Filmfigur
von der Leinwand herab in den diegetischen Kinosaal (Kat. 2b) und kehrt später mit einer rea-
Klimek räumt zwar ein, dass Genettes Metalepsen ursprünglich in die andere Richtung gedacht gewesen
seien (vgl. Klimek 2010, 67). Ihre Anordnung der Ebenen entspricht, so Klimek, indessen «dem in der
angelsächsischen Literaturwissenschaft inzwischen akzeptierten Modell, nach dem die Extradiegese über
der Intradiegese visualisiert wird» (ebd., Hervorh. bei Klimek).
65
74
len Zuschauerin wieder in den Film zurück (Kat. 1b). Dieses Vorgehen ist Teil der wunderbaren Handlung und wirkt insofern nur schwach illusionsstörend.
(Klimek 2010, 77).
Die Vorgaben für eine Metalepse auf dem Theater erfüllt «die Tragödie des französischen Barockdichters Jean de Rotrous Le véritable Saint-Genest (1647)» (ebd., 81). Eine
Rolle vermischt sich darin mit dessen ‹Leben› in der Dramenhandlung.
In diesem Stück wird aus einem Teil des aufgeführten Binnenschauspiels [Dramen-]Realität.
Der Schauspieler spielt seine Rolle als bekennender Christ im antiken Rom nicht mehr bloß, er
geht richtig in ihr auf, so dass auch er mit dem Tod, der eigentlich nur für die von ihm dargestellte
Figur vorgesehen war, bestraft wird. – Übrigens findet sich dasselbe Motiv schon einige Jahrzehnte früher, im dritten Akt von Lope de Vegas Tragödie Lo fingido Verdadero (Druck 1621,
Aufführung vermutlich um 1600), dem von Genette nicht genannten Vorgänger von Rotrous
Stück.
(Klimek 2010, 81; vgl. Schöpflin 285, 298; Hervorh. bei Klimek)
Klimek rechtfertigt ihre Übertragung der Theorie der narrativen Metalepse auf Dramen
wie folgt: «Hier wirkt – innerhalb eines Binnentheaterstücks – die Ebene des Dargestellten auf die Ebene der Darstellung zurück, was der absteigenden Metalepse (Kategorie 2)
strukturell ähnelt» (Klimek 2010, 81). Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie sich die
Ebenen auf dem Theater tatsächlich durchmischen: Denn wenn dieser Schauspieler im
Binnenstück stirbt, gilt sein Tod gleichzeitig auch für die Ebene der Rahmenhandlung.
Sonst nämlich hätten wir es nicht mit einem Paradox zu tun, sondern mit einem konventionellen Theatertod. Um Klimeks Systematisierung der Metalepsentheorie auf das
Theater zu übertragen, muss diesem Umstand Rechnung getragen werden.
Im Unterschied zu einer Erzählung entspricht es beim Theater im Theater dem
Normalfall, erscheint also nicht paradox, dass ein Schauspieler als Privatperson in der
Rahmenhandlung (Intradiegese) auftritt und seine Rolle auf der Bühne (Hypodiegese)
spielt – dies ist nicht vergleichbar mit dem Leser, der sich in sein Buch vertieft und sich
dann auf einmal physisch in der Welt dieser Geschichte befindet, was paradox wirkt.
In diesem Sinne soll in dieser Arbeit ein Aus-der-Rolle-Fallen beispielsweise nur
dann als Metalepse gelten, wenn dabei zwei Dramenebenen «unlogisch vermischt» werden (Klimek 2010, 80). Dies setzt voraus, dass sich beispielsweise eine Dramenperson
so verhält, als befinde sie sich auf zwei Ebenen gleichzeitig – denn das Aus-der-RolleFallen einer Schauspielerfigur auf der Ebene der Binnenhandlung wirkt bestenfalls als
metatheatraler Illusionsbruch, ist jedoch nicht paradox, weil es den Konventionen des
Theaters (im Theater) entspricht. Für die Metalepsen auf dem Theater hält Klimek fest:
Will man solche Theaterphänomene […] mit der Genette’schen Terminologie erfassen, so entspräche das Aus-der-Rolle-Fallen von Schauspielerfiguren einer absteigenden Metalepse (Kat.
75
2), wohingegen Formen des Eingreifens von fiktiven Zuschauern oder Dichtern in die Schauspieleinlage der aufsteigenden Metalepse (Kat. 1) analog wären. 66
(Klimek 2010, 85; Anm. M.H.)
Solche Beispiele finden sich insbesondere bei Tieck, in dessen Gestiefeltem Kater (1797)67
das Tier von einem Schauspieler verkörpert wird. Als dieser aber aus der Rolle fällt, verhält er sich nicht wie ein Mensch, sondern wie eine Katze (vgl. auch Klimek 2010, 81).
Die Beschreibung der entsprechenden Szene in Kreuzers Nachwort zeigt gut auf, wie
sich ein solch metaleptisch-paradoxer Fall des Aus-der-Rolle-Fallens von einem konventionellen unterscheidet:
In der Tumult-Szene, in der alle anderen Schauspieler auf der Bühne ihre Märchenrollen «vergessen» (zu vergessen haben!), vergisst auch er [=der Kater; M.H.] zwar sein fingiertes Jägertum, nicht aber seine fiktive Katerart: Der vom «Publikum» erschreckte «Schauspieler» kletterte
katzenhaft auf eine Säule, was er ‹eigentlich› weder als der Kater noch als der Jäger des Märchens, noch gar als der ‹menschlich› aus der Rolle fallende «Schauspieler» tun dürfte. So erfüllt
er seine Rolle im Gesamtstück, indem er ihre Kater- wie ihre «Schauspieler»-Dimension in ein
und demselben Vorgang sowohl festhält als auch verliert.
(Kreuzer: Nachwort. In: Tieck: Der Gestiefelte Kater, 77f.)
Im Nebentext der entsprechenden Szene steht: «Alles ist umsonst, der Lärm wird immer
größer, alle Schauspieler vergessen ihre Rollen, auf dem Theater eine fürchterliche Pause. – Hinze ist eine Säule hinangeklettert.» (Nebentext: Der gestiefelte Kater: II, 4. Szene,
242). Es handelt sich also insofern um eine Metalepse vom Typ 1, als der Kater seine
Rolle des Jägers (also jene aus der Hypo-Hypodiegese) vergisst. Erwartbar wäre, dass er
sich auf die Intradiegese begibt, sich also wie ein Schauspieler-Mensch verhält. Stattdessen vermischen sich die beiden Ebenen und er verhält sich als vermeintlicher Mensch so
wie die Rolle, die er in der Hypodiegese spielt. Bei Tieck kommt auch das umgekehrte
vor: fiktive Zuschauer treten in die Fiktion der Binnenhandlung (Hypodiegese) ein, indem sie auf die Bühne steigen:
In Die verkehrte Welt […] (1789) kommt gleich zu Beginn ein solcher Ebenenwechsel zustande:
Ein Zuschauer aus dem (fiktiven) Binnenpublikum steigt auf die Bühne (die auf der echten
Bühne ist) hinauf und greift in die Handlung der Schauspieleinlage ein.68
(Klimek 2010, 84)
Bei diesem Beispiel handelt es sich um eine absteigende Metalepse. Klimek weist zurecht darauf hin, dass in einer solchen Zuschauer-Konstellation …
Im Genette’schen Sinne scheinen nun hier die Richtungen der Metalepse auch wieder vertauscht zu
sein.
67 Datierung nach: Schöpflin 1993, 88 (Die zweite Fassung erschien 1811; vgl. ebd., 91). Die Uraufführung fand erst ein halbes Jahrhundert später statt, nämlich 1844 in Berlin auf Veranlassung Friedrich Wilhelms IV. Das Stück musste nach drei Wiederholungen abgesetzt werden (Kreuzer: Nachwort. In: Tieck:
Der Gestiefelte Kater, 86).
68 Klimek verweist darauf, dass bereits «Francis Beaumonts und John Fletchers Stück The Knights of the
Burning Castle (ca. 1607-13) das gleiche Motiv enthält» (Klimek 2010, 84), es findet sich später ähnlich bei
Pirandello.
66
76
– entgegen dem Anschein – die Grenze zwischen Stück und Aufführungssituation […] nicht
überschritten, sondern lediglich verschoben [wird]. Nicht mehr die Rampe bildet den ontologischen
Rahmen des Stücks, vielmehr verläuft diese Grenze quer durch den realen Zuschauerraum.
(Klimek 2010, 88)
Hinsichtlich des Aus-der-Rolle-Fallens muss also genau darauf geachtet werden, wann
es sich tatsächlich um eine Metalepse handelt, welche «nicht der analog zur Alltagserfahrung gebildeten Erwartung […] entspricht.» (Klimek 2010, 71). In Bezug auf Theaterproben präzisiert sie:
Geschieht das Aus-der-Rolle-Fallen während einer ins Stück eingeschachtelten Theaterprobe, etwa wenn Schauspieler [auf der Ebene der Hypodiegese, also der Binnenhandlung, wozu die
Probe gehört] ihren Text vergessen oder während des Probedurchlaufs über die Spielweise der
Szene sprechen, so ist diese Ebenen-Durchbrechung nicht paradox […] und gehört daher
nicht zu den hier thematisierten Parallelphänomenen der narrativen Metalepse im Drama.
(Klimek 2010, 81, Anm. 151)
Jeder konventionelle Fall eines Aus-der-Rolle-Fallens während einer Probe soll nur als
übliche, illusionsstörende metatheatrale Form klassiert werden. Als Metalepse gelten soll
diese Form nur, wenn dabei zwei fiktive Ebenen – ähnlich wie bei Tieck – auf unlogische Weise durchmischt werden. Da diese Begriffe in der Arbeit nicht verwendet worden sind, soll auf die «Komplexitätsformen der Metalepsen» bei Klimek nicht eingegangen werden (ebd., 70). Bei der «Möbiusband-Erzählung» (ebd., 70) handelt es sich nämlich um die gleiche Struktur, die Fricke als aporetische Ipsoreflexion bezeichnet (vgl. Fricke
2001, 224f.).
Abschließend gilt es den Gebrauch des Terminus Metalepse nochmals zu rechtfertigen. Klimek hat in ihrer Arbeit geprüft, inwieweit sich der ihrer Arbeit zugrundeliegende «Terminus der narrativen Metalepse nach Genettes Prägung von 1972 tatsächlich
mit früheren Begriffen deckt» (ebd., 41). Sie geht von folgender Ausgangslage aus:
Falls das nicht oder nur ungefähr der Fall sein sollte, könnte die Neubezeichnung keinesfalls
als überflüssiger neuer Terminus verworfen werden: Denn in diesen Fall könnte sie eine Verfeinerung des begrifflichen Instrumentariums bedeuten […]
(Klimek 2010, 42)
Klimek weist in ihrer Arbeit dann nach, dass der Begriff tatsächlich ein Konzept bezeichnet, welches anderweitig noch nicht besetzt ist (vgl. Klimek 2010, 31-72). Um dies
nachzuweisen, grenzt sie beispielsweise ihren Begriff auch von dem zu Beginn dieses
Kapitels eingeführten Terminus Dällenbachs der «réduplication aporistique» ab (Dällenbach
1977, 51, vgl. unten). Klimek vergleicht den neuen Begriff auch mit anderen Paradoxien
und kommt für Metalepsen in der Epik zum Schluss:
Narrative Metalepsen sind als eine Teilmenge aller möglichen Paradoxien innerhalb von Erzähltexten zu verstehen. Jede Metalepse ist als paradox zu bezeichnen. Aber nicht jede Paradoxie garantiert, dass mit ihr auch eine Metalepse vorliegt [...].
(Klimek 2010, 43)69
Sie fügt hinzu, «Paradoxien der Zeit […], des Raumes […] oder Verstöße gegen die Kohärenz des Erzählten w[ü]rden manchmal dazugezählt» (Klimek 2010, 43).
69
77
Ein Paradoxon gehört in der Literaturwissenschaft zu den «rhetorische[n] Figuren des
Kontrasts» (Fricke/Zymner 1996, 29). Als solche ist diese Figur definiert als «logischer
Widerspruch durch Herstellung eines polaren oder kontradiktorischen Gegensatzes»
(ebd., 31f). Genauer handelt es sich dabei um die Kontradiktion «zweier Aussagen, die
beide gleichzeitig gelten sollen» (Klimek 2010, 42) – genauso, wie eine Metalepse als paradoxe Struktur beispielsweise die scheinbar parallele Präsenz einer Bühnenfigur auf
mehreren Theaterebenen voraussetzt. Klimek stellt zusammenfassend für die Metalepsen fest, dass sie in Bezug auf die aporetischen Ipsoreflexionen einen Oberbegriff darstellen
(die Begriffe Iteration und Ipsoreflexion werden synonym verwendet).
Es gibt […] zwei Mengen: Die Menge der […] drei von Dällenbach eingeführten […] Hauptgruppen der Iteration […] und die Menge der Metalepsen […] Diese beiden Gruppen haben
eine Schnittmenge, deren Elemente Möbiusband-Erzählungen (ein Synonym zu paradoxen Iterationen) sind. […] [Es] können alle paradoxen Iterationen unter dem Begriff der Metalepse subsumiert werden.
(Klimek 2010, 53)
In Bezug auf Genettes Definition der Metalepse von 1972 und in Abgrenzung dieses
Terminus von Dällenbachs Begriffen gilt es festzuhalten:
[Es kann] keine paradoxe […] réflexion aporistique oder […] paradoxe Iteration [...] geben, ohne
dass die Ebene des Erzählers und die des Erzählten auf unlogische Weise durchbrochen werden (was wiederum einer Metalepse entspricht). Andererseits begründet nicht jede Metalepse
auch gleich eine mise en abyme.70
(Klimek 2010, 52)
Die «mise en abyme» (ebd.) wird dabei von Klimek als Synonym zu Dällenbachs Begriff
der «réduplication» (oder eben Iteration) bezeichnet (Dällenbach 1977, 51). In der vorliegenden Arbeit wird diese Gleichsetzung ansonsten aus den genannten Gründen vermieden.
Abschließend kann festgestellt werden, dass sowohl der Begriff der Metalepse wie
auch Dällenbachs und Frickes Termini für unendliche respektive paradoxe Formen für
diese Arbeit ein Hilfsmittel darstellen, um weitere, paradox wirkende Spielarten des
Theaters im Theater zu bestimmen und zu beschreiben, welche mit den bisherigen Begriffen nicht zu erfassen gewesen wären. Ihr Nachweis in Stücken der drei Boulevardkomödien-Autoren ist umso interessanter, als sich die Metalepse heute gerade in Unterhaltungsmedien einiger Beliebtheit erfreut (vgl. Kukkonen/Klimek 2011).
Klimek erklärt das Prinzip noch genauer: «Wenn etwa der Autor als fiktionalisierte Figur mit den Figuren seiner Romane zusammentrifft, so handelt es sich dabei zwar um eine Metalepse, bei der eine Figur
der Extradiegese hinabgestiegen ist auf die Intradiegese, doch liegt dabei keine Spiegelung oder Iteration
vor, weder inhaltlicher noch struktureller Art.» (Klimek 2010, 52) Auf die Ebene des Dramas bezogen wäre als analoger Fall anzunehmen, dass ein Theaterautor aus der Extradiegese (oft treten solche Figuren im
Rahmen eines Vorspiels auf) sich paradoxerweise auf die Ebene der Binnenhandlung (Hypodiegese) begeben würde und den dort dargestellten Figuren vorwerfen würde, dass sie seiner Vorlage des Werks
nicht gerecht werden.
70
78
3.
Metatheatrales Schauspiel vs. Verstellung
3.1.
Verwechslungs-, Beobachtungs- und Verstellungsszenen in Ab-
grenzung zu Theater im Theater
Le comédien : […] avouons que ce n’est gai pour personne, la dernière d’une
pièce… hein ? C’est tout de même une chose qu’on a fait vivre pendant des
semaines… et qui meurt brusquement !
Antoinette : C’est pour ça que tu ne te démaquilles pas ?
Le comédien : Peut-être… Je prolonge un peu la vie de mon personnage ! Tu
n’éprouves pas, toi, en ce moment, une sensation de mélancolie particulière…
en songeant que ce soir nous avons exprimé pour la dernière fois…des sentiments que nous nous étions efforcés de rendre vraisemblables tous les jours à
heure fixe pendant plus de trois mois ?
(Comédien, Akt I, 348)
In den vorangehenden Kapiteln wurde der Versuch unternommen, Theater im Theater
(und Metatheater als Oberbegriff) von anderen dramatischen Techniken abzugrenzen. Es
stellt sich die Frage, inwieweit alle Formen der Verstellung und des Rollenspiels im weitesten Sinne als metatheatral gelten sollen oder welche Formen von der Definition auszuschließen sind. Konkret geht darum, den Status von «Belauschungs- […] [oder auch]
Beobachtungsszenen, Verstellungs- und Intrigenspiel» zu bestimmen (Schöpflin 1993,
16). Diese Formen kann man als «schauspielhafte Elemente im Dramengeschehen»
(ebd.) bezeichnen. Voigt spricht in diesem Zusammenhang vom «Spiel der Verstellung»
(Voigt 1954, 22), das er als «Vorform» des Spiels im Spiel bezeichnet (ebd.). Manchmal
werden diese Szenen, etwas irreführend, als «Rollenspiele von Dramenfiguren» umschrieben (Schöpflin 1993, 16). Beobachtungsszenen (beispielsweise eine Teichoskopie)
gleichen dem Betrachten eines Theaters im Theater, wenn dabei etwa das «Verhalten eines arglosen Intrigenopfers durch eingeweihte Zuschauerfiguren beobachtet und kommentiert wird» (Pfister 2001, 307) – dann ist es fast so, als würden die Beobachter auf
der Bühne einem Schauspiel beiwohnen. Jedoch sollen solche Szenen nicht als Rahmenhandlung zu einer Binnenhandlung betrachtet werden, auch wenn das Verhalten der
Augenzeugen dem von Zuschauern auf den ersten Blick vergleichbar erscheint. Beobachtungs- und Belauschungsszenen dieser Art sollen in der vorliegenden Arbeit vielmehr als fiktionsintern gelten und deshalb aus den unten auszuführenden Gründen nicht
zum Theater im Theater gezählt werden. Nur in ganz charakteristischen Fällen werden
sie als metatheatral klassifiziert.
Auch Schmeling zählt die Verstellung nicht unter die «formes périphériques» (Schmeling 1982, 12),1 seine Sammelbezeichnung für metatheatrale Formen. Kowzan bezeichnet
solche Formen als «éléments de parathéâtre» (Kowzan 2006, 39) und grenzt sie von «théâtre
Hervorhebung im Original. Im Gegensatz zum vorangegangenen Kapitel wird nachfolgend wiederum
auf jede begriffliche Hervorhebung von mir an entsprechender Stelle verwiesen. Dies gilt für alle nachfolgenden Teile der Arbeit.
1
79
dans le théâtre, aus sens stricte du terme» (ebd.) ab.2 Der Grund dafür ist, dass es sich dabei um traditionell im Illusionstheater vorkommende und deshalb nicht um charakteristisch metatheatrale Formen handelt. Gerade Verstellungskomik kommt in vielen herkömmlichen Boulevardkomödien vor. Wenn solche Elemente hier als nicht metatheatral
klassifiziert werden sollen, dann deshalb, weil davon ausgegangen wird, dass im Gegensatz zu eigentlichen metatheatralen Formen keinen vergleichbaren Illusionsbruch erzeugen.
Bei Guitry findet sich im vierten Akt von Le Comédien ein Beispiel für eine Belauschungsszene (vgl. Comédien: IV, 398-400). Dieses wird hier zur Verdeutlichung angeführt, was mit dem Begriff gemeint ist, und soll, wie erwähnt, als fiktionsintern und
nicht als metatheatral gelten. In der erwähnten Szene kann Jacqueline alles mithören,
was der Komödiant in seinem Ankleideraum über sie aussagt, weil dieser nämlich aus
Liebe zu ihr «une communication entre les deux loges» eingerichtet hat (Comédien: III,
386) – also zwischen seinem und ihrem Ankleideraum. Das Publikum ahnt, dass Jacqueline das Gespräch über sie mithören wird. Sie kommentiert die mitgehörte Szene jedoch
nicht.
Ein zweiter Aspekt ist das fingierte Rollenspiel, das ebenfalls vom Theater im Theater
und vom Metatheater als Oberbegriff abgegrenzt werden soll. Pfister spricht in diesem
Zusammenhang von «Arten des Spielens im Spiel» (Pfister 2001, 306).3 Unter diesen Begriff fallen die Verstellung und Verwechslung. Sie kommen die den Boulevardkomödien oft
vor und werden hier von eigentlichem Theater im Theater abgegrenzt. Nur in speziellen
Fällen sollen sie als metatheatral gelten, beispielsweise dann, wenn die Figuren ihre Verstellung zusätzlich metatheatral kommentieren, etwa indem sie Theatermetaphern verwenden, oder wenn durch das Rollenspiel eine zusätzliche dramatische Ebene konstituiert wird.
Obwohl Bühnengestalten bei der Verstellung in eine Art Rolle schlüpfen, bleibt
die «Schauspielerei dieser Dramenfiguren […] etwas Einseitiges, weil ihre Umgebung
nicht über ein Spielbewußtsein verfügt und sich daher von ihnen täuschen läßt»
(Schöpflin 1993, 21). Diese Rollen sind demzufolge – im Gegensatz zu einem eigentlichen Theater im Theater – «nicht fiktional, sondern fingiert» (Pfister 2001, 306). 4 Ein
Kursive Hervorhebung der Begriffe M.H.
Kursive Hervorhebung M.H., bei Pfister in Kapitälchen.
4 Kursive Hervorhebung M.H. Natürlich ist die Ebene der Verstellung genauso Teil einer Fiktion, verstanden als erfundene Welt, aber eben Teil derselben Welt, sie bildet keine zusätzliche Dramenebene, stellt
also keine zweite Fiktion innerhalb einer ersten. Fiktion dar wie ein eigentliches Theater im Theater. Pfister beschreibt den Unterschied so, dass die in seinem Sinne definierte und für das Theater im Theater gül2
3
80
Hauptunterschied besteht darin, dass die Täuschung in der Regel von den anderen Bühnenfiguren im Stück nicht durchschaut wird. Im Gegensatz dazu wird eine Binnentheater-Einlage üblicherweise von mindestens einer Figur des Bühnenpersonals und auch
von den realen Zuschauern, mindestens im Nachhinein, als zusätzliche Dramenebene
erkannt.
Von einem Theater im Theater unterscheiden sich Verstellungsszenen oft auch
dadurch, dass bei ihnen auf der Bühne oft das «zuschauende Gegenüber» fehlt (Schöpflin 1993, 21). Ein Binnenpublikum ist indessen auch keine zwingende Voraussetzung für
das Vorliegen einer Theater-im-Theater-Struktur, man denke beispielsweise an Bühnenproben im Theater. Aber eine Binnen-Bühnenprobe wird in der Regel vom echten Publikum als Fiktion in der Fiktion erkannt, was beim fingierten Rollenspiel nicht notwendigerweise zutreffen muss. Deshalb «ist das Handeln der schauspielernden Intriganten
[…] nicht als fiktiv aus der Dramenhandlung ausgegrenzt» (ebd.) zu betrachten. Es stellt
demzufolge keine Binnenhandlung, sondern einen Teil der Rahmenhandlung dar, welchen die intrigierenden Figuren nach ihrem Willen formen wollen. Es kann in diesem
Zusammenhang ergänzt werden, dass in den untersuchten Boulevardstücken viele
Schauspielerfiguren vorkommen, was auch ihr Talent zur Täuschung motiviert und
rechtfertigt.
Mit erfolgreicher Verstellung, die hier nicht in erster Linie dazu dient, Komik zu
erzeugen, haben wir es im Stück Hokuspokus (1927, Neufassung 1952) von Goetz zu tun
(es wird in den Kap. 10.1.3. und 10.1.6. ausführlicher behandelt). Die Figur des Peer Bille verbirgt ihr wahres Ich während eines größeren Teils der Handlung und führt auf diese Weise die Rechtsbehörde (und auch das Publikum) hinters Licht. Die Unklarheit darüber, ob die jeweiligen Aussagen wahr oder falsch sind, wirkt in diesem juristischen
Kriminalfall als spannungssteigernder Faktor – Billes Bekanntgabe seiner echten Identität stellt denn auch die Lösung des Falles dar. Die im ganzen Stück enthaltene Unsicherheit über Schein und Sein ähnelt zwar dem Theater im Theater und verstärkt auch
die Wirkung des Pirandellismo im Stück, weist jedoch diesbezüglich die erwähnten Unterschiede auf. Insgesamt wird insbesondere die Urfassung des Stücks als metatheatral
klassifiziert, deren Handlung von einem Vor- und Nachspiel eingerahmt wird.
tige «Fiktionalität gerade auf einer Übereinkunft zwischen Spielern und Zuschauern über den besonderen
ontologischen Status des Spiels, seiner Scheinhaftigkeit beruht» (Pfister 2001, 306)
81
Verstellung und Verwechslung sind in den untersuchten Stücken sehr häufig
Quelle der Komik5. Die Begriffe können folgendermaßen definiert werden:
Verwechslungskomik: Erheiternde Wirkung eines vom Publikum durchschauten Irrtums über die
Identität einer Bühnenperson bei anderen Figuren. […]
Verstellungskomik: Erheiternde Wirkung eines vom Publikum durchschauten Täuschungsmanövers einer Bühnenperson über ihre Identität (durch Incognito, Verkleidung, Verwandlung etc.
– meist zugleich unter redekomischem Einsatz von simulatio bzw. dissimulatio,  Ironie).
(Fricke/Salvisberg 1997, 279).
Ein Fall von herkömmlicher Verstellungs- und Verwechslungskomik findet sich bei
Goetz, nämlich wenn im Stück Nichts Neues aus Hollywood (1956) Gwendolins Freund
Cliff den Tod seiner Freundin, einer Filmschauspielerin, mit Hilfe ihrer Mannequinpuppe Pennemätzchen fingiert. Die Verwechslungskomik wird hier mit Hilfe eines Filmrequisits erzielt: Die Leute in Hollywood nehmen an, Gwendolin sei tatsächlich tot. Auch
Cliff benimmt sich so, es kommt also von seiner Seite her Verstellungskomik dazu.
Diese Verstellungskomik wird im Dramentext mit der Theatermetapher «Komödie spielen» umschrieben (Nichts Neues…: III, 924 – vgl. unten, Kap. 10.3.) – erst
durch diesen expliziten Theatervergleich lassen sich solche Aussagen als metatheatral
klassifizieren. Cliffs Verstellung ist als Rache für Gwendolins wiederholte Täuschungsmanöver zu verstehen, die ihres inszenierten Charakters wegen ebenfalls mit einer
«Komödie» verglichen werden (Nichts Neues…: III, 929). Es gilt also festzuhalten, dass
Theatermetaphern in dieser Arbeit – im Gegensatz zur Verstellung – als metatheatrale Formen berücksichtigt werden, weil sie expliziter auf die Theatralität verweisen als herkömmliche Verstellungs-, Verwechslungs- oder Beobachtungsszenen.
Gwendolin ihrerseits, die von ihrem vermeintlichen Tod durch das Radio unterrichtet wird, nimmt fälschlicherweise an, die Schauspielerin Peggy Peterson habe auf
Cliffs Wunsch an Gwendolins Stelle die Tote gespielt. Denn Peggy hat Gwendolyn in
einem früheren Film «als Leiche gedoubelt» (Nichts Neues…: II, 920).6 Cliff bestärkt
Gwendolin willentlich in dieser falschen Annahme. Auch die echten Zuschauer teilen
diesen Wissensvorsprung. Aus dem Gefälle zwischen dem Wissen der Zuschauer und
Cliffs und dem Nicht-Wissen von Gwendolin erwächst Komik für das Publikum.
Gwendolin wird sich ihres Irrtums erst gewahr, als sie «wütend ihr Double, das sie für
eine Person hält, aus ihrem Bett wirft und dann feststellt, dass es sich um ihre Puppe
Vgl. Art. Bühnenkomik, Fricke/Salvisberg 1997, 279-282. Bzgl. Verstellungs- / Verwechslungskomik bei
Goetz, siehe Brünisholz 2001, Lizentiatsarbeit (BCU UM 2001.247), 8-18.
6 Diese zweite Verwechslung zwischen dem echten Double und der Puppe wird gestützt durch die Übereinstimmung der Anfangsbuchstaben der beiden Namen, was im Stück als verwechslungskomisches Element ausgeschöpft wird (siehe Nichts Neues aus Hollywood: III, 936; vgl. Brünisholz 2001, 9).
5
82
[…] handelt» (Brünisholz 2001, 9). Ähnliche verstellungskomische Szenen finden sich
auch bei Guitry und Coward.7
3.2.
Besondere Rollenspiele: Zwei Beispiele für dramatische Metalep-
sen bei Guitry
Nun sollen zwei Beispiele von nicht-konventioneller Verstellung bei Guitry ausführlicher diskutiert werden, da sie stark mit dem Phänomen des Metatheaters verknüpft sind. Die
Verstellung geht nämlich in beiden Fällen mit einer Rollenübernahme einher. Im Gegensatz zu einem Theater im Theater wird jedoch die Theateraufführung des Binnenstücks nicht gezeigt, sondern lediglich angedeutet. Beide Beispiele können zudem als
dramatische Metalepsen interpretiert werden. Sie siedeln sich zwar auf der Ebene der
Rahmenhandlung an, diese dramatische Ebene wird jedoch mit jener der Binnenhandlung, die angedeutet wird, «unlogisch vermischt» (vgl. Klimek 2010, 80). Diese paradoxen Formen finden sich in Les Desseins de la Providence (1932) und Monsieur Prudhomme
a-t-il vécu? (1931) von Guitry.
Kowzan betont den Sonderstatus der Komödie Les Desseins de la Providence (1932)
«qui échappe aux catégories étudiées, bien que le côté théâtre y offre un aspect insolite»
(Kowzan 1991, 243, Anm. 5). In dieser Boulevardkomödie in zwei Akten hat die Dame
des Hauses mit einem Schauspieler ein Rendez-vous vereinbart, während ihr Ehemann
am selben Abend – aus vermeintlich geschäftlichen Gründen – nach Paris aufgebrochen
ist. Die Frau hat jedoch einer Depesche für ihren Mann entnommen, dass der Geschäftstermin verschoben wurde. Deshalb sieht sie sich in ihrem Misstrauen bestätigt,
als ihr Gemahl dennoch abreist: Sie hat nun ihrerseits keine Skrupel mehr, sich mit dem
bekannten Schauspieler Renneval einzulassen.
In diesen Zusammenhang wird im Stück thematisiert, dass Renneval gegenwärtig
im Casino auftritt, das sich genau gegenüber der Villa der Dame befindet. Wie abgemacht, schleicht er sich während des Zwischenakts am selben Abend noch – in seiner
Verkleidung des Stücks – in Thérèses Wohnung. Zufällig hat indessen Ehemann Henri
7 Als Beispiel für Verwechslungskomik bei Guitry kann eine Passage aus dem Binnentheater innerhalb des
Stücks Quand jouons-nous la comédie? (1935) angeführt werden. Das Stück wird insgesamt als Theater im
Theater klassifiziert. Innerhalb einer Dramenebene ist die eifersüchtige Constance vom Gedanken besessen, dass ihr Ehemann ein Bild einer Geliebten im Portemonnaie mit sich trägt – sie hegt den Verdacht,
dass es sich dabei um die Photographie ihrer jüngeren Freundin Marie-Thérèse handelt. Dann jedoch
muss Constance erschreckt feststellen, dass es ihr eigenes Portrait ist: «De moi… oui… il y a dix ans !»
(Quand jouons-nous…?: I, 92.). Diese Verwechslung wirkt nicht ausschließlich komisch, sondern thematisiert vielmehr das Älterwerden. Ein besonderes Beispiel der Verstellungskomik findet sich außerdem
auch bei Coward, nämlich im Stück Present Laughter (1939). Da die Verstellungskomik dort ebenfalls mit
Theatermetaphern beschrieben wird, wird darauf erst unten in Kap. 10.3. eingegangen.
83
seinen Zug verpasst, was zur Folge hat, dass er wider Erwarten erneut zu Hause eintrifft. Dort überrascht er seine Frau mit – wie er entsetzt ausruft – einem «homme en
cheveux blancs… et tout nu… !» (Les Desseins…:II ,21), denn der 38-jährige Schauspieler spielt bevorzugt alte Männer (vgl. ebd., 18).
Die Komik wird im Beispiel noch gesteigert, indem Renneval in seiner Verkleidung aus dem Theaterstück Primerose vor den Ehemann tritt, nämlich als «cardinal de
Mérence» (Nebentext, ebd., 21).8 Die hier nicht direkt gezeigte Binnenhandlung ist keine
Erfindung Guitrys, sondern ein Stück der wirklichen Autoren Robert de Flers und Armand Cavaillet9 – wobei die gesprochenen Passagen des verkleideten Kardinals, bezogen
auf den eigentlichen Theatertext, eine sehr freie Improvisation darstellen. Durch Lügen
und Verstellung gelingt es Renneval, sich aus der Affäre zu ziehen. Ähnlich wie in
Goetz’ Stück Der Lügner und die Nonne (1929), in dem ebenfalls ein Kardinal auftritt, haben wir es hier bei Guitry mit einer Parodie auf die Geistlichkeit zu tun. Dies wird im
Gespräch zwischen Ehemann und Liebhaber offensichtlich:
Renneval : […] En face des desseins de la Providence, nous nous trouvons parfois sans réplique… respectueux mais surpris. Vraiment. Quel intérêt, mon enfant, le Très-Haut pouvait-il
avoir à vous mettre dans une situation pareille ?
Henri : Comment, à me mettre… Eh bien, et vous ?
Renneval : Oh ! Ne parlons pas de moi… je ne suis que l’instrument… et ma part est modeste… mais, vous… voyons… pourquoi ? Est-ce une épreuve, est-ce une punition ?… Qui
nous expliquera ma présence en ces lieux ?
Henri : Mais c’est vous qui allez me l’expliquer.
Renneval : Y parviendrai-je, mon fils ?
Henri : Il va bien falloir que vous y parveniez. Votre conduite est inqualifiable…
Renneval : Eh bien, ne la qualifions pas. Et, en tout cas, ce n’est pas à vous de la juger…
Henri : Comment, ce n’est pas à…
Renneval : Non. Je n’ai de compte à rendre qu’à Dieu seul, mon fils…
(Les Desseins… : II, 22)
Der Titel des Stücks, auf den im Zitat angespielt wird, erinnert an den Spruch Les desseins
de la Providence sont impénétrables (Die Wege des Herrn sind unergründlich).10 Rennevals Ausrede,
mit der er sich aus der Verantwortung zieht, parodiert wiederum die Geistlichkeit.
In der von mir verwendeten Ausgabe weicht die Schreibung des Namens von jener bei Guitry ab: Dort
heißt er «Cardinal de Mérance» (Primerose: I, 16).
9 Dabei handelt es sich um Primerose, eine Kömödie in drei Akten: Vgl. Academie Française. Les immortels. Robert de Flers. Œuvres. [Onlinefassung]. URL: <http://www.academie-francaise.fr/lesimmortels/robert-de-flers> (22.05.2013). Das Stück wurde erst später, nämlich 1934 in Frankreich verfilmt. Vgl. IMDb: Primerose. [Onlinefassung]. URL: <http://www.imdb.com/title/tt0152070/>
(22.05.2013).
10 Die auch auf Deutsch sprichwörtliche Wendung stammt wahrscheinlich aus dem Brief des Paulus an die
Römer (Röm. 11,33-34) «33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! / 34 Denn wer hat des
HERRN Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? (Luther-Bibel, revidierte Fassung 1912, 9065).
Auf Französisch lautet die entsprechende Bibel- Passage: «33 O profondeur de la richesse, de la sagesse et
de la science de Dieu! Que ses jugements sont insondables, et ses voies incompréhensibles! Car / 34 Qui a
connu la pensée du Seigneur, Ou qui a été son conseiller?» (Bible Louis Segond. Romains 11, 33-34).
[Onlinefassungen]. URL:
8
84
Ma présence sous votre toit doit avoir un sens assurément qui nous échappe. Pour moi, j’y vois
le doigt de Dieu. Considérez bien aussi que ce qui vous arrive ne serait jamais arrivé à un athée.
Or, pourquoi le Ciel m’a-t-il choisi ?
(Les Desseins…: II, 25)
Auf jede Frage des Ehemanns weiß der verkleidete Kardinal eine Antwort: Wo sie sich
kennen gelernt hätten? In der Beichte (ebd., 23). Er gibt dem Ehemann zu bedenken:
Remarquez bien que je ne dois pas dévoiler les secrets de la confession… je ne le peux pas…
n’insistez pas, je ne le ferai pas, mais supposez que votre malheureuse épouse, informée de
votre trahison, ait conçu le projet de se venger de vous. Ah ! Tout change alors, et l’aventure
prend un aspect nouveau. Car vous n’ignorez pas que toute faut commise par vengeance est
jugée moins sévèrement par nous. Les lois humaines ont institué le cas de légitime défense : or
certaine bulle de pape Grégoire VII… la connaissez-vous ?
(Les Desseins…: II, 25)
Die Schlusspirouette des Kardinals besteht darin, den Ehemann zu überzeugen, trotzdem mit dem späteren Zug nach Paris zu fahren, und dort in seinem Interesse und dem
der Ehefrau statt nur einen gleich mehrere Tage zu bleiben «pour que vos nerfs à tous
les deux se calment» (ebd., 26). Doppeldeutig kommentiert der unerkannte Liebhaber
dabei seine Rolle mit den Worten: «Laissez-moi conserver jusqu’au bout le rôle actif que
j’ai dû prendre ici» (ebd., 25).
Während sich der Ehemann anschickt, den Ratschlag des ‹Kardinals› zu befolgen, flüstert der Schauspieler – als der Gong im Theater nebenan das Ende des Zwischenakts ankündigt – seiner Geliebten zu: «Je reviendrai après le dernier acte» (ebd.: II,
27). Renneval geht ab, um seine richtige Rolle auf der Bühne zu Ende zu spielen. Wie
bereits erwähnt, wird diese eigentliche Binneneinlage jedoch nicht gezeigt.
Diese Schauspieleinlage kann als dramatische Metalepse klassifiziert werden, und
zwar aus folgenden Gründen: Obwohl die Binneneinlage in diesem Stück nur beispielsweise durch den Gong angedeutet wird (wie es auch in anderen metatheatralen Stücken
Guitrys geschieht), wird in der Szene doch mit zwei dramatischen Ebenen gespielt, nämlich der Ebene des Binnenstücks, in der Renneval den Kardinal spielt, und der Ebene
der Rahmenhandlung, in der er als Geliebter von Thérèse in Erscheinung tritt. Diese
beiden Ebenen werden, indem er seine Rolle in der Rahmenhandlung beibehält, «unlogisch vermischt» (vgl. Klimek 2010, 80). Und zwar geschieht dies ab dem Zeitpunkt, an
<http://www.biblegateway.com/passage/?search=Romains+11%3A33&version=LSG> (22.05.2013),
<http://www.biblegateway.com/passage/?search=Romains%2011:34&version=LSG>
(22.05.2013).
Diese Redewendung kommt auf Französisch auch abgewandelt vor, etwa in der Form: Les voies de la Providence sont impénétrables. Oder: Les voies du Seigneur sont impénétrables. Diese Redewendungen könnten auf die
folgende Bibelpassage verweisen: «Que tes pensées, ô Dieu, me semblent impénétrables! Que le nombre
en est grand! » (Bible Louis Segond. Psaumes 139: 17), [Onlinefassung] URL:
<http://www.biblegateway.com/passage/?search=Psaumes+139:17&version=LSG> (22.05.2013).
Bei Luther indessen findet sich dort nicht das Wort unergründlich, vgl. (Ps 139, 17): «Aber wie köstlich sind
fur mir Gott deine gedancken? Wie ist jr so ein grosse Summa.» (Luther-Bibel, revidierte Fassung 1912,
2259).
85
dem der Kardinal seine Rolle auf der Ebene der Rahmenhandlung weiterspielt, was vom
getäuschten Ehemann nicht durchschaut wird, von den echten Zuschauern indessen
schon. Die beiden Ebenen interagieren auch insofern, als es sich nicht um den echten
Rollentext des Kardinals handelt, sondern um eine improvisierte Anpassung an die Situation der Rahmenhandlung. In seiner Rolle und der Redeweise des Kardinals kommentiert Renneval gegenüber dem Ehemann die logikwidrige Wirkung der Szene – eine
Aussage, die vom realen Publikum insgesamt als metatheatraler Verweis aufgefasst werden kann und geradezu auf die Metalepse verweist: «Bien entendu, mon fils, nous sommes dans une situation paradoxale… Croyez-moi, ne lui cherchez pas un dénouement
logique» (ebd., 26).
Hervorgehoben werden sollen nachfolgend zwei weitere, komische Szenen. In
der ersten droht der Kardinal, aus der Rolle zu fallen und sich zu verraten:
Henri: Et vous? Vous… restez à Vichy?
Renneval: Non, je suis en tournée.
Henri : Hein ?
Renneval : Comment ! Que dites-vous, mon enfant?
Henri : En tournée ?
Renneval : En tournée, oui, de surveillance dans tout le diocèse. Et je repars demain.
(Les Desseins….: II, 26)
Auch hier handelt es sich nicht nur um einen Fall von Verstellungskomik, sondern zusätzlich um metatheatrales Aus-der Rolle-Fallen und wiederum eine Vermischung der
zwei Dramenebenen: Denn in seiner Rolle als Kardinal (eigentlich auf der Ebene der
Hypodiegese) spricht Renneval über sein Schauspielerleben (Intradiegese). Er verwendet
dabei einen typischen Begriff, der sich auf die Schauspielerwirklichkeit der Rahmenhandlung bezieht, nämlich «tournée» (ebd.). Um sich nicht zu verraten, wendet er dasselbe Wort auf seine Rolle in der Binnenhandlung an, was einen komischen Effekt erzielt, da es für Kardinäle unüblich ist, ‹auf Tournee› zu gehen (vgl. ebd.).
Noch in einer zusätzlichen Szene wird Komik auf ähnliche Weise durch eine
Anspielung auf das angedeutete Theater (im Theater) und das Nichtwissen des Ehemannes erzeugt. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, schlägt Henri vor, seine
Frau ins Theater auszuführen:
Henri: Et si je l’emmenais voir le dernier acte de Primerose?
Renneval : Ah ! non… je vous dis non… voilà exactement ce qu’il ne faudra pas faire, je vous le
défends, ce serait trop. […] il ne faut pas que vous l’incitiez à prendre aujourd’hui du plaisir…
Laissez-la à ses remords… et méprisez sa faute. Elle n’en aura pour vous plus d’estime encore.
(Les Desseins…: II, 27).
Dieses Stück zeigt beispielhaft auf, wie Guitry mit dem Metatheater respektive der Figur
des Schauspielers spielt und damit Komik erzeugt. Teilweise handelt es sich ebenfalls
um Verwechslungs- und Verstellungskomik, die komischen Techniken gehen jedoch
86
über die Funktion hinaus, die diese «éléments de parathéâtre» (Kowzan 2006, 39) üblicherweise haben.
Es gibt bei Guitry noch einen zweiten, ähnlich gelagerten Fall von Verstellungskomik, verbunden mit einer (lediglich angedeuteten) zweiten Dramenebene. Das angesprochene Rollenspiel kann ebenfalls als dramatische Metalepse klassifiziert werden: Im
zweiten Akt von Monsieur Prudhomme a-t-il vécu? (1931) tritt der Erfinder der Figur des
Monsieur Joseph Prudhomme in seinem Ankleideraum («loge d’acteur») auf (vgl. Nebentext, M. Prudhomme: II, 440). Auf der Bühne dargestellt wird eine reale Persönlichkeit,
nämlich Henry Monnier (1799 - 1877).11 Monnier ist die Hauptperson der Rahmenhandlung, die zwischen 1830 und 1840 spielt (siehe M. Prudhomme: I, 424). 12 Wie Guitry war
Monnier gleichzeitig Maler, Komödienschreiber und Schauspieler. Die Figur des Prudhomme hat Monnier sowohl gemalt als auch für das Theater geschaffen und selbst als
Schauspieler interpretiert (vgl. Art. Memoires de M. Prudhomme, Redaktion Kindler 200013).
Geschaffen wurde Monsieur Prudhomme a-t-il vécu ? anlässlich der Aufführung von Monniers Stück La Femme du condamné (vgl. Kowzan 1991, 232). Das Publikum sieht Monnier
«maquillé et habillé en Joseph Prudhomme» (Nebentext, M. Prudhomme: II, 440). Es
nimmt ihn also in der Rolle der Figur wahr, die er auf der Bühne des (wahrscheinlich
anschließend oder zuvor) gezeigten Stückes darstellt. Hier wird außerdem an das Vorwissen der Zuschauer angeknüpft, denen die Figur des Prudhomme beispielsweise aus
Monniers Stücken oder dem Roman Mémoires de Monsieur Joseph Prudhomme (1857) bekannt sein dürfte: In den Scènes populaires dessinées à la plume (1830) wechselte Monnier
erstmals «von der satirisch-karikierenden Zeichnung auf den literarischen Bereich über»
(vgl. Art. Memoires de M. Prudhomme, Redaktion Kindler 200014). Das heißt, die Anfänge
der Figur waren im zeichnerischen Bereich. Nach dem erfolgreichen Stück La Famille improvisée (1831), in dem die Figur des Prudhomme vorkommt, schrieb Monnier später zusammen mit Gustave Vaez das 1853 aufgeführte Stück Grandeur et décadénce de M. Prudhomme (vgl. ebd.).
Angabe der Lebensdaten von Henry Monnier nach: Garreta (1999), conservateur général des bibliothèques: Ministère de la culture et de la communication. Célébrations nationales 1999. Henry Monnier.
[Onlinefassung].
URL:
<www.culture.gouv.fr/culture/actualites/celebrations/monnier.htm>
(22.05.2013).
12 Guitry setzt noch in zwei weiteren Stücken authentische Dramenautoren in Szene, nämlich im Einakter
Courteline au travail (1943) und in Beaumarchais (1950).
13 Redaktion Kindlers Literaturlexikon [o.V.]: Mémoires de Monsieur Joseph Prudhomme. In: Kindlers
neues Literatur-Lexikon, 2000 [CD-ROM].
14 Redaktion Kindlers Literaturlexikon [o.V.]: Mémoires de Monsieur Joseph Prudhomme. In: Kindlers
neues Literatur-Lexikon, 2000 [CD-ROM].
11
87
Monnier identifiziert sich auch nach der Aufführung noch mit Prudhomme, der
Bühnenfigur. Er empfängt, noch immer verkleidet, einen Gast, welcher der Vorstellung
nicht beigewohnt hat. Diesem Besucher gegenüber gibt er sich als Prudhomme aus und
täuscht vor, ebenfalls auf Herrn Monnier zu warten – er spielt gleichzeitig seine Rolle
der Binnenhandlung auf der Ebene der Rahmenhandlung weiter und erfährt den Grund
des Besuchs seines Gegenüber: Der Herr soll Monnier Nachrichten seiner Frau überbringen. Diese werde den Sommer am Ende der Tournee in Nevers verbringen statt bei
ihrem Ehemann. Monnier verbirgt seine Traurigkeit über diese Nachricht hinter der
komischen Rolle des Prudhomme, die er weiterspielt, ohne dass sie von seinem Besucher durchschaut wird. Als er wieder alleine ist, beginnt Monnier sich auszukleiden. (Er
wechselt also, auf die Theaterebenen bezogen, von der Hypodiegese zur Intradiegese.)
Monnier entscheidet sich dann jedoch anders und schlüpft zum Erstaunen der Garderobiere erneut in die Verkleidung:
Henry Monnier : […] c’est ainsi que je m’en vais déambuler dans les artères de la grande ville…
et tant pis pour tous ceux qui s’en étonneront… je le préfère à moi, ce gros homme imbécile…
il est mon œuvre, il m’appartient – qu’il soit mon masque et mon refuge… et mon plaisir.
Nous sommes le combien, madame ?
L’habilleuse : Le 25 mai, monsieur.
Henry Monnier : Eh bien, M. Joseph Prudhomme naquit à soixante ans, le 25 mai 1834.
(M. Prudhomme: II, 445)
Prudhomme entscheidet sich also, auf der Ebene der Rahmenhandlung weiterhin seine
Rolle aus der Binnenhandlung zu spielen und diese Rolle zu sein – die er gleichzeitig metatheatral kommentiert, was ein logikwidriges Zusammenfallen der beiden Ebenen nach
sich zieht, also eine Metalepse darstellt (vgl. Klimek 2010, 80). Diese wird hier jedoch
bewusst von der Figur inszeniert. Es ist im Schauspielalltag unwahrscheinlich, dass ein
Schauspieler eine Rolle, die er auf der Bühne dargestellt hat, im Privatleben weiterspielt.
Auf diese Weise überlappt sich sozusagen die Hypodiegese auf unlogische Weise mit der
Intradiegese. Und der Fall ist noch komplexer, denn Monnier beschließt nicht nur, sich
die Bühnenidentität in der Rahmenhandlung anzueignen, nein, er spielt dabei jene Rolle
im wirklichen Leben, die er selbst als Autor geschaffen hat. Und dies wird von seiner
Figur metatheatral angesprochen (vgl. ebd.).
Es fällt auf, dass Monniers Identifikation mit seiner Rolle größer ist und der Beschluss, die Rolle zu leben, ernsthafter erscheint als bei Renneval in Les Desseins de la Providence: Die Übernahme einer fiktionalen Identität hilft Monnier, sich von der schmerzlichen Wirklichkeit zu distanzieren. Guitry setzt das Motiv des Schauspielers, der sich
nach der Vorstellung wieder verkleidet anstatt sich abzuschminken, bereits in einer
früheren Komödie ein, nämlich im 1921 uraufgeführten Theaterstück Le Comédien (vgl.
88
Comédien: I, 338)15. Dort wird die Möglichkeit einer Metalepse nur angedeutet, aber
nicht ausgeführt.
Abbildung 2: Henry Monnier, als Monsieur Prudhomme verkleidet16
In der entsprechenden Szene rechtfertigt sich der Schauspieler gegenüber der Garderobiere mit folgenden Worten:
« Le comédien : Je fais toujours ça le jour des dernières…
L’habilleuse : Ce n’est pas vrai…
Le comédien : Évidemment, quand j’ai joué ‹Mazarin›, je ne suis pas parti en cardinal… (Il se poudre la figure) »
(Comédien: I, 354).
Diese letzte Replik scheint sozusagen auf das Stück Les Desseins de la Providence vorauszuweisen, welches
erst zehn Jahre später entstand und wo der hier angesprochene Fall eintritt.
16 Carjat, Etienne (1828-1906): Fotografie von Henri Monnier (ca. 1875). Domaine public. RMN-Grand
Palais
(musée
d'Orsay)
Hervé
Lewandowski.
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.photo.rmn.fr/cf/htm/CSearchZ.aspx?o=&Total=174&FP=56146617&E=2K1KTSGHT
Z7BC&SID=2K1KTSGHTZ7BC&New=T&Pic=143&SubE=2C6NU0BZ9UAL> (22.05.2013).
15
89
4.
Der Raub der Sabinerinnen – ein frühes Beispiel von
Spiel im Spiel im Unterhaltungstheater, neu bearbeitet von Curt
Goetz
STRIESE: […] Schm? Schmierentheater? […] Sagen Sie, verehrter Herr Doktor,
wissen Sie denn überhaupt, was eine Schmiere ist? ... Eine Schmiere […] ist
ein Platz […] wo auf einem Raume von wenigen Quadratkilometern mehr
H i n g e b u n g verlangt und gegeben wird, als Sie sich in Ihrem bürgerlichen Hochmut überhaupt vorstellen können… um dort bloss mal erst h i n
zukommen verlassen junge Leute ihr Elternhaus und geben eine gesicherte
Zukunft auf […]
(Raub der Sabinerinnen (G): II, 93)
Aber warum lacht der erhabene Mensch (oder criticus)? Weil unvermittelte
Gegensätze manchmal in unsrem Organismus, wie er nun einmal besteht, ein
Lachen erzwingen. Und hier ist gar ein Doppelgegensatz. Nämlich die stolze
Römertragik bildet einen Gegensatz zu der Schmierendürftigkeit. Dies war
Nummer Eins. Das Römische bildet einen zweiten Gegensatz zum Sächsischen.
In solchen Zerstreuungen, in solchen Ablenkungen von der wahren Beschaffenheit unseres Hierseins äußert sich ein vorübergehendes Lustgefühl: will sagen, man fällt unter den Stuhl. Man vergißt.
(Kerr 1954, 215; zu: F. und P. von Schönthan: Raub der Sabinerinnen)
Am Beispiel des Schwanks Der Raub der Sabinerinnen (18841) von Franz und Paul von
Schönthan soll gezeigt werden, inwieweit Metatheatralität und Theater-im-TheaterFormen im deutschen Unterhaltungstheater bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts
präsent sind. Berücksichtigt wird Der Raub der Sabinerinnen nicht zuletzt deswegen, weil
davon eine Neubearbeitung durch Goetz vorliegt. Außerdem wird dieser bekannte
Schwank in Schöpflins umfassendem Werk zum Phänomen des Theaters im Theater in
der Weltliteratur nicht behandelt, genauso wie darin nicht auf die Boulevardtheaterstücke von Goetz, Guitry und Coward eingegangen wird. In diesem Sinne soll das vorliegende Kapitel betreffend der Metatheatralität im Unterhaltungstheater eine Lücke
schließen. Schöpflin hat das Unterhaltungstheater am Rande berücksichtigt, wobei etwa
Molnárs Stück Spiel im Schloss (1926) Erwähnung findet (vgl. Schöpflin 1993, 139-144).
Kiermeier-Debre weist indessen in seiner komparatistisch und intermedial angelegten
Studie auf das Stück Der Raub der Sabinerinnen hin (vgl. Kapitel III. Erster Epilog – Emanuel
Strieses Kunstinstitut, Kiermeier-Debre 1989, 181ff.).
Goetz hat vom Schwank Der Raub der Sabinerinnen schon Jahre vor seiner Bearbeitung Kenntnis und wohnt bereits in seiner Schulzeit Aufführungen bei.2 Außerdem
tritt er darin in frühen Jahren als Schauspieler auf, nämlich 1909 am Stadttheater
Rostock in der Nebenrolle des «Carl Groß», (vgl. Rollenverzeichnis, Knecht 1970,
218/222). Seine Bearbeitung von Der Raub der Sabinerinnen wird 1955 uraufgeführt (vgl.
Hensel 1986, 1389). Man kann dieses Stück demnach in Goetz’ Spätwerk einordnen. In
Datierung der Uraufführung nach: Kiermeier-Debre 1989, 181. Die Datierung der Stücke wird durchgängig mindestens bei ihrer ersten Erwähnung und im Verzeichnis der untersuchten Stücke nachgewiesen
(siehe Kap. 13.).
2 Vgl. dazu seine Vorbemerkungen im Paratext des Stücks: Goetz: Vorwort. ‹Zu meiner Bearbeitung›. Der
Raub der Sabinerinnen (G): S. I f.
1
90
heutiger Zeit wird seine Bearbeitung zuweilen sogar der ursprünglichen SchwankVersion vorgezogen.3
Nachfolgend sollen metatheatrale Formen und eigentliches Theater im Theater
in diesem klassischen Schwank mithilfe einiger der in Kapitel 2 definierten Begriffe
nachgewiesen werden. Rechnung getragen wird dabei insbesondere Goetz’ Abweichungen und neuen Akzentsetzungen in Bezug auf metatheatrale Aspekte der Bearbeitung.
Goetz’ Version4 wird nachfolgend gekennzeichnet als Raub der Sabinerinnen (G), während
sich das Kürzel (Sch) auf die Originalfassung von Franz und Paul von Schönthan bezieht.
Der Raub der Sabinerinnen wird im Untertitel als Schwank in vier Akten bezeichnet.
Diese Traditionslinie sei nicht völlig gleichzusetzen mit jener des Boulevardtheaters, wie
Herzmann ausführt:
[A]uch an städtischen Traditionsbühnen […] hält sich, oft mundartlich eingefärbt und kaum
beeinträchtigt vom Erfolg modern-angelsächsischer Boulevardstücke, das traditionelle
Schwank-Repertoire um Klassiker wie ‹Der Raub der Sabinerinnen› (F. und P. v. Schönthan),
‹Charleys Tante› (B. Thomas), ‹Die spanische Fliege› (Arnold und Bach) oder ‹Pension Schöller› (Laufs
und Jacoby).
(Herzmann 2000, 407; Kursivsetzung M.H.)
Wie Herzmann hervorhebt, ist im Schwank etwa die Verwendung von Mundart üblicher
als im Boulevardstück. 5 So sächselt im Schwank Der Raub der Sabinerinnen Theaterdirektor Striese typischerweise – ein Merkmal, das Goetz (nach Kiermeier-Debres Meinung)
als Clin d’oeil an das Stück der Gebrüder Schönthan in die Urfassung seines Stücks Hokuspokus (1927) hat einfließen lassen, wo es im Vor- und Nachspiel der Theaterautor Dr.
Dummrian ist, der sächselt.6 Eine besondere Form des Schwanks ist etwa der «Bauernschwank» (ebd.), während das Boulevardtheater meist in der Schicht des Bürgertums
spielt, was allerdings auch für das Stück Der Raub der Sabinerinnen zutrifft. «Ab dem Ende
des 19. Jhs. ist die Gattungsbezeichnung Schwank fest eingebürgert» (ebd., 405). Der Be3 So wählte Fritsch für die Aufführung des Schwanks am Thalia Theater Hamburg im November 2011
Goetz’ Bearbeitung (gespielt in einer Fassung von Sabrina Zwach), vgl. Stiekele (2011): Volldampfregisseur – die Leute verrückt machen. In: Hamburger Abendblatt, 18.11.2011. [Onlinefassung]. URL:
<http://www.abendblatt.de/kultur-live/article2097682/Volldampfregisseur-Die-Leute-verruecktmachen.html#> (22.05.2013).
4 Masch. Manuskript. Erschienen bei Felix Bloch Erben.
5 Im Französischen lautet der oft als Synonym zu Schwank verwendete Begriff Vaudeville. Bekannt geworden sind die Vaudevilles insbesondere durch die Autoren Labiche und Feydeau (vgl. Gidel 1986, 5). Die
Bezeichnung ist jedoch historisch etwas anders gewachsen als Schwank. Vaudevilles sind ursprünglich aus
einer Liedform entstanden (vgl. Kap. Le Vaudeville-chanson, Gidel 1986, 7-13). Im deutschen Sprachgebiet
bezeichnete der Begriff Schwank hingegen im «Mittelalter und Barock erzählerische Formen» (Herzmann
2000, 406).
6 Kiermeier-Debre weist darauf hin, Goetz habe das Sächseln als Reminiszenz an Der Raub der Sabinerinnen
eingebaut und «erweis[e] damit Striese die Ehre» (Kiermeier-Debre 1989, 254). Kerrs Notiz belegt, dass
Goetz die Rolle des Dichters in Hokuspokus gespielt hat: «Am willkommensten ist er selbst, wenn er als
mitteldeutscher Autor im Vor- und Nachspiel sächselt» (Kerr 1954, 235, unter der Überschrift: Curt Götz
[sic]. Hokuspokus, VII)
91
griff Boulevardstück bezeichnet eine etwas andere Realität und hat sich erst später durchgesetzt. Als allgemeine Gattungsbezeichnung kann Schwank als Oberbegriff auch das
Boulevardtheater einschließen. «Im Gegensatz zur Posse wird im Theaterschwank das
politisch-sozialkritische Element zurückgedrängt und die Opposition auf den Kampf
der Geschlechter innerhalb des bürgerlichen bis prätendiert ‹weltmännischen› Milieus
reduziert» (ebd., 406). Außerdem zeichnet sich der Schwank – ähnlich wie das Boulevardtheater, jedoch im Gegensatz zur Posse – in der Regel durch eine geschlossene
Form aus (vgl. ebd., 405).
Zu den Autoren von Der Raub der Sabinerinnen äußert sich Georg Hensel im Spielplan (vgl. Hensel 1986, Bd. II, 1380-1406). Er gedenkt ihrer an erster Stelle im Kapitel
«Spielereien: Sittenpossen, Possen, Boulevard» 7 (ebd.), in dem er sich einer Gruppe von Komödienautoren zuwendet, die von der Literaturwissenschaft weitgehend unbeachtet geblieben sind:
Die folgenden Autoren haben nicht viel mit Literatur zu tun, sehr viel dagegen mit der Bühne:
wäre es nicht schnöder Undank, die Erfinder des Theaterdirektors Striese zu unterschlagen, die
französischen Konstrukteure eleganter Reißer8 oder August Kotzebue, der, wie man auch immer zu ihm stehen mag, der international erfolgreichste deutsche Dramatiker gewesen ist?
(Hensel 1986, 1384; Anm. M.H.)
Hensel bedauert die Nichtbeachtung des Schwankes: «Franz und Paul von Schönthan
kommen in neuen Nachschlagewerken nicht mehr vor, obwohl sie eine Rolle geschrieben haben, die zum Begriff geworden ist» (Hensel 1986, 1388), nämlich die des Theaterdirektors Striese.
Über diese Rolle lacht jeder Theaterbesucher irgendwann in seinem Leben, und falls er zu den
seriöseren Leuten gehört, wird er über sein schamloses Gelächter nachträglich ein bißchen erschrecken.
(Hensel 1986, 1388)
Dass diese Rolle zu einem Klassiker geworden ist, rechtfertigt nach Hensel die Berücksichtigung des Stücks in Nachschlagewerken.
Franz von Schönthan (1849-1913)9 und sein Bruder Paul (1853-1905)10 haben
das metatheatrale Stück gemeinsam geschrieben. Das titelgebende Binnentheater soll
von einer realen Begebenheit inspiriert worden sein:
Franz von Schönthan […] weilte im August 1883 in einer Kur in Schandau und wurde dort, da
er Regisseur am Wiener Stadttheater war, von einer vornehmen und reichen Rumänin, die in
Interessant für die vorliegende Untersuchung zum Theater im Theater ist die Einordnung dieser Autoren unter das Oberkapitel 14 mit dem Titel «Der Salon der Spieler oder: Dramatiker, die man Komödianten nennt»,
siehe Hensel 1986, Bd. II, 737 u. 1196-1406, v.a. 1380ff. Goetz wird hier ebenfalls erwähnt, siehe 13981401. Auch Guitry und Coward würden thematisch in dieses Kapitel passen.
8 Es sind dies «EUGÈNE SCRIBE und die Folgen» (Hensel 1986, Bd. II, 1390). Gemeint sind etwa Alexander
Dumas-fils, Sardou, Feydeau und Courteline (vgl. ebd., 1390-1394).
9 Lebensdaten nach Hensel 1986, 1388.
10 Vgl. ebd.
7
92
Dresden lebte, mit einer Römertragödie ‹Der Raub der Sabinerinnen› bedrängt, die das Wiener
Hofburgtheater abgewiesen hatte […].
(Hensel 1986, 1388; kursive Hervorh. M.H.)
Den Titel Der Raub der Sabinerinnen trägt im Schwank der Brüder von Schönthan «die literarische Jugendsünde des Professors Martin Gollwitz» (ebd.) – eines Geschichtslehrers
am Gymnasium, der während seiner Studienzeit ein Drama verfasst hat. Die Rahmenhandlung trägt denselben Titel wie das Werk des Professors als Binnenstück, was eine
Mise-en-abyme-Struktur andeutet.11 Dem ist aber nicht so, denn abgesehen vom gleichlautenden Titel gibt es weitgehend keine thematische Übereinstimmung zwischen Binnenstück und Rahmenhandlung – wobei sich nahezu die ganze Rahmenhandlung um
die bevorstehende Aufführung der Römerkomödie dreht. Gerade zur Rahmenhandlung
scheint der Titel ansonsten wenig zu passen und enttäuscht so die Zuschauererwartung,
lässt er doch einen historischen Tragödienstoff und keinen zeitgenössischen Schwank
erwarten.
Follak weist darauf hin, dass während «der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Römerdramen in Deutschland sehr populär» gewesen seien (Follak 2002, 97). 12 Er nennt
als Beispiel «Brutus und Collatinus von Albert Lindner aus dem Jahr 1866» (ebd.; kursive
Hervorhebung M.H.). Die Römertragödie als Binnenstück steht bei den Brüdern
Schönthan kaum mehr mit dem Rahmenstück respektive der damaligen Zeit in einem
Zusammenhang (außer als Parodie des im 19. Jahrhundert populären Schulstoffes),
während Lindner «sein Drama [noch] mit Problemen seiner eigenen Zeit in Verbindung
bringt» (ebd., 97). Beispielsweise erscheint die Figur Lucretia bei Lindner «als Beispiel
für richtiges weibliches Verhalten» (ebd., 89), entsprechend «der zeitgenössischen Konzeption der bürgerlichen Ehefrau» (ebd.). Mit Gollwitz als Gymnasiallehrer-Figur wird
bei den Brüdern von Schönthan möglicherweise der echte Dichter und Gymnasiallehrer
Lindner parodiert (vgl. ebd., 101).13
Die Definition aus Kapitel 2 wird hier noch einmal angeführt: «[L]a mise en abyme proprement théâtrale
[…] désigne […] un dédoublement thématique» (Forestier 1981, 13). Da der Titel des Gesamtstücks gleich lautet wie jener des Binnenstücks, wird angedeutet, dass die beiden Dramen inhaltliche Übereinstimmungen
aufweisen könnten.
12 Follak verweist hier auf: Volker Riedel (2000): Antikerezeption in der deutschen Literatur vom Renaissance-Humanismus bis zur Gegenwart. Eine Einführung. Stuttgart/ Weimar, 244 – 245.
13 Diesen Standpunkt vertritt Follak, der ihn wie folgt begründet: «Die fiktive Figur des Professor Gollwitz […] hat viele Gemeinsamkeiten mit der Biographie Albert Lindners. Beide schreiben in ihrer Studentenzeit erotisch aufgeladene Römerdramen […] Ihre Stücke lassen jeweils das Bemühen erkennen, Wissen
über die antike Geschichte zu demonstrieren, wenn Lindner und Gollwitz auf viele weitere exempla aus der
römischen Frühzeit anspielen. Und beide versuchen, in die exempla aus der Vergangenheit ihre eigenen
bürgerlichen Menschenbilder zu projizieren. Bei Lindner erscheint die Lucretia als Inbegriff der bürgerlichen Ehefrau, die sich um Haus und Familie kümmert, und Gollwitz porträtiert die Tochter des Königs
Titus Tatius als Frau, die entschlossen für ihre Überzeugungen eintritt. In beiden Fällen werden also die
Werte, für die Lucretia und Virginia einstehen, mit festen Normen verbunden. […]. Sowohl bei Lindner
wie bei Professor Gollwitz erweisen sich die exempla als Gebiet, auf dem sich nur spätpubertierende Stu-
11
93
Erst nach der Erwähnung des Binnenstücks wird die Bedeutung des Titels Der
Raub der Sabinerinnen klar: Gollwitz hat das Manuskript seiner in Versen verfassten «Römertragödie» nach vielen Jahren wiedergefunden (Raub der Sabinerinnen (Sch): I, 10).
Obschon er von vornherein an der Qualität seines Werkes zweifelt, liest er es dem
Dienstmädchen Rosa vor (vgl. ebd., 10). Diese metatheatrale Sequenz wird dem Publikum nicht direkt gezeigt, sondern als Bericht übermittelt. Dadurch bleibt der Inhalt des
Stückes noch offen. Das Publikum erfährt jedoch, dass Rosa von der Lesung so gerührt
ist, dass die alleinige Erinnerung an die Theaterlesung ausreicht, sie erneut in Tränen
ausbrechen zu lassen (ebd.). Dies bezeugt auch ihre Theaterbegeisterung, wobei sie innerhalb der Handlung zu den wenigen Eingeweihten gehört, die um die Aufführung des
Binnenstückes wissen. Gollwitz’ Schwiegersohn kommentiert den Bericht der Lesung
vor der Hausangestellten metatheatral: «Molière hat ja auch seine Stücke der Haushälterin vorgelesen, bevor er sie aufführen ließ» (ebd., 13) – dieser Bezug findet sich nur im
Original der Brüder von Schönthan – in Goetz’ Bearbeitung wurde die entsprechende
Passage gestrichen.
Inhaltlich geht es im Werk des fiktiven Dichters Gollwitz darum, «wie sich
Romulus die Ehefrauen für die vorwiegend männliche Bevölkerung des neugegründeten
Rom verschafft, die ihm die benachbarten Sabiner zuvor verweigert haben.» (Follak
2002, 101).14 In die Geschichte fließen jedoch «mehrere antike exempla» ein (ebd., 103).
Beispielsweise enthält das Stück eine «Szene, in der er eine Tochter des Sabinerkönigs
Titus Tatius auftreten läßt, die dem römischen König Romulus voller Stolz entgegentritt
und mit leidenschaftlichen Worten ihre Keuschheit über den Tod stellt» (ebd., 102).
Theaterdirektor Striese, dessen Truppe in der Stadt weilt, erscheint im Haus des
Professors, um die «hervorragenden Persönlichkeiten der hiesigen Stadt eigenhändig
zum Abonnement einzuladen» (Raub der Sabinerinnen (Sch): I, 17). Die Welt des Theaters dringt also in Person von Striese in das Gollwitzsche Haus ein. Zwar erwidert der
Hausherr, die Familie gehe «eigentlich nie ins Theater» (ebd.), denn insbesondere seine
Frau, zu diesem Zeitpunkt in einem Kuraufenthalt, hat sich gegen Theaterbesuche ausdenten und Lehrer bewegen, wenn sie sich als Freizeitdichter betätigen. Die exempla erscheinen als abgesunkenes Kulturgut, das als Basiswissen in der Schule gelehrt, aber nicht mehr für ernstzunehmende
Dichtung verwendet wird. Stattdessen wird der Stoff nur noch in Römerdramen verarbeitet, die die Gebrüder Schönthan in ihrem Schwank der Lächerlichkeit preisgeben» (Follak 2002, 103 f.)
14 Follak setzt sich unter anderem mit der Bearbeitung des römischen Stoffes durch die Brüder von
Schönthan auseinander, vor allem im Kapitel Franz und Paul von Schönthan: «Der Raub der Sabinerinnen»: Siehe Follak (2002): Lucretia zwischen positiver und negativer Anthropologie. Coluccio Salutatis Declamatio
Lucretie und die Menschenbilder im exemplum der Lucretia von der Antike bis in die Neuzeit, 101-104.
[PDF-Onlinefassung]. URL: <http://kops.ub.uni-konstanz.de/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352opus-9144/follak01-text.pdf?sequence=1> (22.05.2013).
94
gesprochen. Gollwitz gibt jedoch Theaterdirektor Striese gegenüber vor, ein guter Bekannter von ihm habe ein Stück verfasst (ebd., 19) – und Striese fängt sofort Feuer für
die Römertragödie, auf die in der Folge immer wieder Bezug durch metatheatrale Aussagen genommen wird. Erst später wird sich Gollwitz Striese gegenüber als Autor des
Stücks zu erkennen geben.
Der Theaterdirektor zeigt sich vom Stück begeistert. Es soll indessen unter einem Pseudonym aufgeführt werden, denn der Professor möchte unerkannt bleiben, da
sein Ruf auf dem Spiel steht. Durch den Umstand, dass einige Personen in den Plan
eingeweiht sind, wird Verstellungskomik 15 erzeugt, die darauf abzielt, das Binnentheaterstück vor den Nicht-Eingeweihten geheimzuhalten. Dies lässt sich hier als metatheatrale
Komik bezeichnen, weil die Verstellungskomik mit der Theateraufführung zusammenhängt. Insbesondere die früher als erwartet aus der Kur zurückgekehrte Ehefrau des
Professors darf nichts von der Römerkomödie erfahren. Komisch wirkt z.B. der Versprecher des Schauspielers Sterneck gegenüber Gollwitz’ Tochter Marianne, die bislang
nicht in die Theaterpläne eingeweiht ist, als er sagt: «Wenn Sie gestatten, nächste Woche,
gnädige Frau. Diese Woche habe ich noch Proben…» (Raub der Sabinerinnen (Sch): II,
59). Auf Mariannes Frage «Was für Proben?» (ebd.) redet er sich heraus mit den Worten:
«Anproben… ich lasse mir grad ein paar Anzüge bauen…» (ebd.). Das eingeweihte Publikum wird so immer wieder an das Binnentheaterstück erinnert, und Komik wird
dadurch erzeugt, dass das Publikum über Mehrwissen verfügt. Sprachkomisch wirkt die
beabsichtigte Doppeldeutigkeit des Wortes Proben. Im Stück kommen mehrere ähnlich
gelagerte Versprecher und Andeutungen vor, die sich als metatheatrale Running-Gags
durch das ganze Stück ziehen.16
Darunter versteht man, wie im Kap. 3 ausgeführt wurde, die «[e]rheiternde Wirkung eines vom Publikum durchschauten Täuschungsmanövers einer Bühnenperson über ihre Identität […] – meist zugleich
unter redekomischem Einsatz von simulatio bzw. dissimulatio […]» (Fricke/Salvisberg 1997, 279). In Der
Raub der Sabinerinnen hängt diese Verstellungskomik mit dem Theater zusammen: Es geht um das Verschweigen von Gollwitz’ Autorschaft und letztlich um die Geheimhaltung des gesamten Theatergeschehens im Zusammenhang mit den Proben und der Aufführung des Stücks.
16 In einer früheren Szene etwa korrigiert sich Rosa, als sie der Frau des Professors gegenüber die Auskunft erteilt, Gollwitz gehe ins Schützenhaus «Wegen der Büh… wegen dem Biere» (Raub der Sabinerinnen (G): I, 38) – denn im Schützenhaus ist die Bühne aufgebaut. Nachdem Gollwitz’ Frau den Fallfehler
der Hausangestellten korrigiert hat, wundert sie sich darüber, jedoch ohne ernsthaft Verdacht zu schöpfen, weil ihr Mann jetzt schon nachmittags Bier trinke. Auch Gollwitz’ Tochter Paula verrät sich, indem
sie Sterneck mit seinen Rollennamen («Markus») bezeichnet, als sie über ihn spricht (vgl. Raub der Sabinerinnen (Sch): III, 78). Bei Goetz verplappert sich auch Lieschen, ein Kind aus der Striese-Truppe, als es
vergisst, das Pseudonym des Autors zu verwenden und stattdessen vom «Professor» spricht (vgl. Raub der
Sabinerinnen (G) III, 101) – was insbesondere deshalb gefährlich ist, weil auf der Bühne auch Schüler
Gollwitz’ als Statisten anwesend sein werden, die die wahre Identität des Dramenautors nicht erfahren
sollen.
15
95
Mit der Figur des Emil Sterneck tritt im zweiten Akt ein Schauspieler auf – jedoch vorerst nicht auf der Bühne, sondern, indem er in Zivil einen ehemaligen Studienkollegen besucht. Eigentlich heißt Sterneck mit bürgerlichem Namen «Emil Groß» (vgl.
Raub der Sabinerinnen (Sch): II, 38). Wie bei von Gollwitz’ Autorenpseudonym wird
hier ein metatheatrales Thema angesprochen, nämlich das des Künstlernamens (hier: eines Schauspielers). Die Figur sagt über sich selbst aus, «keine Spur Talent» zu haben
(ebd., 40). Das schauspielerische Talent Sternecks, der als vermeintlicher Star der Striese-Truppe gilt, wird also schon in der Version Franz’ und Pauls von Schönthan als sehr
zweifelhaft dargestellt.
Bei Goetz wird Sternecks (alias Emil Groß’) schauspielerische Unfähigkeit durch
eine (meta-)theatrale Einlage richtiggehend vorgeführt, und zwar anlässlich seines Besuchs bei Leopold, seinem ehemaligen Studienkollegen und Gollwitz’ Schwiegersohn.
LEOPOLD: Sprich mal was vor!
STERNECK: Ist das dein Ernst?
(Er wirft sich nach einer kleinen Pause der Sammlung auf die Knie und
brüllt los, sodass man viel Organ hört und nur die unterstrichenen Worte versteht)17
«ich zählte zwanzig Jahre, Königin,
«In strengen Pflichten war ich aufgewachsen
«Im finstern Hass des Papsttums…»
LEOPOLD: Genug!
STERNECK: (unentwegt)
«aufgesäugt,
«Als mich die unbezwingliche Begierde
«Hinaustrieb in das weite Land…»
LEOPOLD: Ich glaube es dir.
(Raub der Sabinerinnen (G): II, 50; vgl. Maria Stuart: I, 6. Auftritt, 564; Kursivsetzung u. Anm.
M.H.18)
Der Regieanweisung ist zu entnehmen, wie die Passage gesprochen werden muss: Sterneck führt ex negativo vor, wie ein guter Schauspieler die Stelle eigentlich nicht vortragen
darf. Hierbei handelt es sich um ein eigentliches Theater im Theater en miniature mit Leopold als Zuschauer, einer Theaterprobe vergleichbar, die jedoch nicht auf einer Bühne,
sondern in einem Privathaushalt stattfindet. Trotz Leopolds Versuch, seinen Freund zu
unterbrechen, spricht dieser unbeirrt weiter. Am Beispiel dieser Szene aus Schillers Tragödie Maria Stuart werden Sternecks schauspielerische Fähigkeiten als äußerst kritikwürdig vorgeführt. Gleichzeitig entbehrt die Szene nicht der Situationskomik. Diese kurze
Theater-im-Theater-Einlage fehlt in der Originalversion von Der Raub der Sabinerinnen
der Gebrüder von Schönthan. Die Szene erinnert an Goetz’ frühes Stück Der Lampen-
17 Satzzeichen im Original. Kursivsetzung der Regieanweisung M.H. (bei Goetz: Unterstreichungen). Diese Änderung in Bezug auf die Kennzeichnung des Nebentextes wird in allen weiteren Auszügen der
Goetz’schen Bearbeitung vorgenommen.
18 Zur Vereinheitlichung wurden ebenfalls die Figurenangaben in Goetz’ Bearbeitung entgegen der maschinengeschriebenen Vorlage in Kapitälchen gesetzt. Zudem wurde auch die Typographie bei der
Schönthan-Version durch Ergänzung von Doppelpunkten angepasst, was durch eckige Klammern gekennzeichnet wurde, siehe unten.
96
schirm (1911), in dem ebenfalls ein Zitat aus Maria Stuart vorkommt und wo desgleichen
ein Mann als Königin angesprochen wird. Das erzeugt eine komische Wirkung, etwa
dann, wenn Sterneck alias Mortimer sich hier an Leopold wendet mit den Worten: «Wie
ward mir, Königin» (Raub der Sabinerinnen (G): II, 51; vgl. Maria Stuart: I, 6. Auftritt,
564). Daneben wird jedoch auch explizit schauspielerisches Unvermögen verlacht und
kritisiert, es werden also durch die Schauspieleinlage auf der Bühne metatheatrale Inhalte thematisiert. Anhand dieser Szene werden große schauspielerische Mängel Sternecks,
etwa betreffend Lautstärke und Akzentuierung des Dramentexts, dem Zuschauer vor
Augen geführt. Selten kommt in Goetz’ Stücken die Kritik an einem Schauspieler so explizit vor wie hier.
Seine Rolle kann Sterneck möglicherweise auch deshalb nicht zufriedenstellend
spielen, weil er eine Spannweite von zu vielen Rollen abdecken muss, wie einer metatheatralen Aussage zu entnehmen ist: Er stellt sich vor als «[g]egenwärtig jugendlicher,
schüchterner Liebhaber, Naturbursche, Operettentenor und Regisseur bei der Direktion
Emanuel Striese» (Raub der Sabinerinnen (Sch): II, 38; vgl. (G): II, 52). Dadurch wird –
im Original wie in Goetz’ Bearbeitung – ebenfalls Kritik an einem Amateurtheater geübt, das sich zu vielen Sparten verschrieben hat und in dem ein Laien-Schauspieler beispielsweise gleichzeitig Regie zu führen und als Operettensänger aufzutreten hat – etwas, was sicher nicht auf Goetz’ professionell organisiertes Boulevardtheater übertragen
werden kann. Bei Goetz verschärft das Vorführen von Sternecks schauspielerischer Unzulänglichkeit in der Szene aus Maria Stuart noch diese Kritik.
Gegen Ende des Stückes kommt Sterneck selbst zur Einsicht, in Zukunft nicht
mehr als Schauspieler auftreten zu wollen. Die Liebe zu einer Schauspielerin habe ihn
dazu bewogen, diesen Beruf zu ergreifen – um eine eigentliche Berufung oder ein außergewöhnliches Schauspieltalent handelt es sich keineswegs. Strieses Bedauern über
den Rücktritt seines Starschauspielers erschöpft sich denn auch weitgehend darin, den
Verlust der eleganten Garderobe zu beklagen, welche die Truppe dank Sterneck besitzt.
STRIESE[:]
Das hat mir noch gefehlt. Aber Mensch, wo denken Sie denn eigentlich hin? Wie
kann ich Sie denn entlassen, noch dazu augenblicklich? Ich brauche Sie ja wie einen Bissen
Brot. Von Ihrem Talent will ich noch gar nicht einmal reden; aber Ihre geradezu aristokratische Garderobe, der hellgelbe Ueberzieher [sic], der Frack mit dem Seidenfutter und ihr Pelz
mit dem Biberkragen, das sind ja wahre Prachtstücke. Ich sage Ihnen, ich bin jetzt fünfundzwanzig Jahre Theaterdirektor, aber einen Liebhaber mit zwei weißen Piqué-Anzügen zum
Wechseln, das habe ich noch nicht gehabt. Wie sollen wir denn ein Salonstück geben, wenn Sie
mit Ihrem Chapeau claque abreisen. Und dabei Ihre glückliche Figur.
STERNECK[:] bescheiden ablehnend. Aber ich bitte Sie, lieber Direktor.
STRIESE[:] Nur keine falsche Bescheidenheit. Ich sage Ihnen, Sie haben eine sehr glückliche Figur, denn jedem einzelnen von uns haben Ihre Sachen gepaßt, wie angegossen. Sogar meine
Frau hat neulich als «Pariser Taugenichts» in Ihrem Sammetjackett einen großartigen Erfolg
gehabt.
97
STERNECK[:]
denken.
Seien Sie nur ganz unbesorgt. Meine Theatergarderobe lasse ich Ihnen zum An-
STRIESE[:] Schüttelt
Sterneck gerührt die Hand. Sterneck, das ist ein schöner Zug von Ihnen.
(Raub der Sabinerinnen (Sch): IV, 118f.)
Angesprochen wird hier die Wichtigkeit der Kostüme für das Gelingen einer Aufführung – dieser Aspekt ist gerade im Boulevardtheater nicht zu unterschätzen, spricht
Striese doch die Bedeutung eleganter Kleidung für das «Salonstück» selbst an (ebd.),
auch wenn dies hier natürlich sehr überzeichnet dargestellt wird. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu erfahren, dass Huber (1985) in seiner Untersuchung über das
deutsche Boulevardtheater in den 1980er Jahren, aufgrund der Auswertung von Fragebogen, zu folgendem Schluss kommt: Nach Auskunft der befragten «Kostümbildner,
die auch in anderen theatralen Genres arbeiten» (Huber 1985, 298) werde «im Boulevardtheater das Kostüm als wichtiger und bedeutsamer angesehen […] als in den übrigen Theaterformen» (ebd.).19
Indirekt werden in Der Raub der Sabinerinnen auch die Kosten der Theatergarderobe thematisiert, denn Striese deutet an, dass ihm die Mittel fehlen, um die Garderobe
von Sterneck zu ersetzen. Metatheatral wird Strieses Auffassung von Theater dem Verlachen preisgegeben. Denn er scheint sich mehr um die Kostümierung zu sorgen als um
den Verlust seines Schauspielers, den Striese mit viel weniger Bedauern ziehen lässt,
nachdem dieser der Truppe die Kostüme hinterlassen hat. Auch scheint die Bekleidung
seiner Meinung nach sehr viel zum Erfolg des Stückes beizutragen, wie sich zumindest
das Beispiel seiner Frau verstehen lässt, welche dem «Sammetjackett einen großartigen
Erfolg» zu verdanken hat (vgl. Raub der Sabinnerinnen (Sch): IV, 119). Parodistisch
wirkt in dieser Szene die Tatsache, dass sich der künstlerische Wert des Schauspielers
auf die Bekleidung zu reduzieren scheint. Für zusätzliche Komik sorgt die Gegebenheit,
dass je nach Rollenbesetzung ein anderes Mitglied der Truppe Sternecks Garderobe
trägt, denn es wirkt eher unwahrscheinlich, dass Sternecks Kleider tatsächlich allen so
gut passen, wie Striese dies beteuert.
Gollwitz’ Römertragödie wird von Striese schließlich aufgeführt mit dem Ziel,
«das vornehme Publikum anzulocken» (Hensel 1986, 1389). Sterneck wird in der Römertragödie die Rolle des «Marcus» übernehmen (vgl. Raub der Sabinerinnen (G): II,
52) – bei Goetz lässt seine Schauspieleinlage im privaten Rahmen bereits ein mögliches
Scheitern der Aufführung erahnen. Gleichzeitig scheint Striese alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen, um der Tragödie zum Erfolg zu verhelfen. Hensel schreibt im
Folgenden über die Rolle des Theaterdirektors.
19
Zur Wichtigkeit der Kostüme vgl. Huber 1985, 266-298.
98
In einem Schwank von unverfrorener Albernheit, zwischen dem von Angst und Stolz gebeutelten Professor, seiner tyrannischen Frau […], […] zwischen diesen Possenmarionetten und
mitten in einem Platzregen lauter Späße, steht ein Mensch wie ein Brillant in einer Blechfassung, der Schmierendirektor Striese, entschlossen, das Römerdrama zum Triumph zu führen,
und dies im heimatlichen Tonfall – ein sächselnder Römer, doch ein König des Theaters mit
der Würde eines großen Künstlers noch in dieser Lächerlichkeit, die mehr als rührend, die erbarmungswürdig ist, ja von einer gewissen Hoheit sein kann, wenn ein großer Schauspieler den
Striese spielt – und es gibt, seitdem Albert Bassermann (1867-1952) die Tragikomik dieser Rolle entdeckt hat, kaum einen Komödianten von Rang, der den Striese nicht gespielt hätte oder
doch gern einmal spielen möchte.
(Hensel 1986, 1388)
Striese kann demnach auch als tragische Figur gespielt werden, denn das Theater ist ihm
ein wichtiges Anliegen und an gutem Willen mangelt es ihm nicht. Daneben weist er viele komische Züge auf: Seine Fähigkeiten als Theaterleiter erscheinen von vornherein
zweifelhaft. Striese ist zwar schon seit «fünfundzwanzig Jahre[n] Theaterdirektor» (Raub
der Sabinerinnen (Sch): I, 29). Das Publikum ahnt indessen, wie es um die Schauspielkünste Strieses und seiner Frau bestellt ist, wenn er selbst das Können des Schauspielerpaares, das auch Regie führt, mit folgenden Worten anpreist:
STRIESE:
[…] Da ist gleich unsere Eröffnungsvorführung, «Hasemanns Töchter», die geht wie
geschmiert, wir spielen’s ohne Souffleur.
PROFESSOR: Wahrhaftig?
STRIESE: Wir haben gar keinen. (Er lacht herzlich über seinen eigenen Witz[.]) Das ist eine virtuose
Leistung, besonders von mir und meiner Frau. Uns können Sie mitten in der Nacht aufwecken,
so spielen wir «Hasemanns Töchter». Und was mein übriges Personal anbelangt, so kann ich
mir wohl ohne Übertreibung schmeicheln, es sind Künstler dabei – alle Hochachtung! Mein
erster Liebhaber, zum Beispiel, der ist aus einem vornehmen Haus entsprungen! Wenn Sie den
sehen, glauben Sie, Sie haben einen jungen Prinzen vor sich. […] Das ist überhaupt sozusagen
eine Spezialität von mir, junge Talente ausfindig zu machen. Seien es Schauspieler, oder Autoren!
(Raub der Sabinerinnen (G): I, 20; vgl. Raub der Sabinerinnen (Sch): I, 18).
Dass die Truppe ohne Souffleur auskommen muss, zeigt bereits, wie es um sie bestellt
ist. Das Publikum wird durch diese metatheatrale Aussage über die unzureichenden Bedingungen informiert, unter denen Strieses Laientheater funktioniert. Dennoch betreibt
Striese seine Theaterleidenschaft mit Hingabe. Dabei handelt es sich bei ihm und seiner
Frau nichtsdestoweniger um Laienschauspieler, so sehr er auch das Gegenteil beteuert.
Komisch wirkt auch Strieses Einschätzung des Schauspielerberufs. Er geht von falschen
Annahmen aus, wenn er blufft, dass einer seiner Schauspieler – nämlich Sterneck – «aus
einem vornehmen Haus entsprungen» sei (Raub der Sabinerinnen (G): I, 20) – da seine
Aussage impliziert, die adelige Abstammung des Schauspielers wirke sich positiv auf
dessen Schauspiel aus, bei dem es darum geht, hochrangige Personen darzustellen. Die
Falschheit dieser Aussage beweist Sternecks Schauspiel. Ganz Unrecht scheint Striese
mit seiner als Bluff wirkenden Aussage jedoch nicht zu haben, denn am Ende des
Stücks entpuppt sich Sterneck zumindest als einflussreich und stellt Striese in Aussicht,
ihm eine Stelle als Theaterdirektor «in Neustadt» zu verschaffen (Raub der Sabinerinnen
99
(Sch): IV, 119). Er kündigt an, sein Onkel sei dort «nämlich Bürgermeister» (ebd.). Wie
Sternecks Einlage gezeigt hat, übertreibt Striese, wenn er dessen Schauspiel lobt (vgl.
ebd.: I, 18). Diese Passage folgt in Goetz’ Bearbeitung weitgehend dem Original. Man
kann Striese nicht nur in Bezug auf die Einschätzung der schauspielerischen Fähigkeiten
seiner Truppe kritisieren, wobei er sich selbst als erfolgreichen Talentsucher darstellt
(vgl. ebd.). Auch seine Fähigkeiten als Regisseur scheint er zu überschätzen. Beispielsweise rechnet er viel zu wenig Zeit ein, um sich zu kostümieren: Gollwitz macht Striese,
der halb kostümiert in seinem Hause auftaucht, auf die Zeit aufmerksam: «Ja, aber Striese, es ist schon ein viertel sieben. – Sie kommen im ersten Akt, werden Sie denn noch
mit dem Kostümieren fertig werden?» (Raub der Sabinerinnen (Sch): III, 79). Striese
versucht, den Autor der Römerkomödie zu beruhigen:
Da seien Sie nur ganz außer Sorge. Jetzt stehe ich noch da in meinem Zivilmantel, wie Sie sehen – und in einer halben Stunde können Sie mich schon auf der Bühne erblicken als König
Titus Tatius. Das geht bei mir wie ein Donnerwetter: – rauf mit die Trikots – rein in die Tunika – und der Sabinerkönig ist fertig.
(Raub der Sabinerinnen (Sch): III, 79)
Illusionsstörend klärt Striese das Publikum über den zu vollziehenden Rollenwechsel
auf. Seine metatheatralen Aussagen sorgen nicht nur für Komik, sondern dienen wiederum dazu, dem Publikum die ungenügenden Theaterbedingungen klarzumachen. Es
lässt sich daraus eine Kritik an Striese als Regisseur ableiten – womit ein mögliches
Scheitern der Aufführung angedeutet wird. Als Regisseur und Theaterdirektor erscheint
Striese mehr als Parodie denn als vorbildliche Figur: Die Römertragödie wird in Rekordzeit geprobt und aufgeführt. Und das Stück soll bereits nach acht Probetagen gegeben werden, wie dem metatheatralen Dialog zwischen dem Professor und dem Theaterdirektor zu entnehmen ist (vgl. Raub der Sabinerinnen (Sch): I, 30).
PROFESSOR: Haben Sie denn da noch genug Proben?
STRIESE: Aber ja! Nur nicht überprobieren. Wenn
die Schauspieler zu genau wissen, was
kommt, das teilt sich dem Publikum mit und aus ist es mit der Spannung.
(Raub der Sabinerinnen (G): I, 33.)
GOLLWITZ [:] […] Und können Sie denn die Rollen auch gut besetzen?
STRIESE: [:] das Manuskript unter dem Arm, den Hut in der Hand Na, seien
Sie doch so gut, Herr
Professor, da haben wir schon ganz andere Stücke besetzt! Und das sage ich Ihnen gleich: Den
König Titus Tatius gebe ich selber, schon wegen der künstlerischen Verkörperung des königlichen Anstands. Meine Frau spielt die Virginia; da werden Sie Ihre Freude erleben. Die Rolle ist
ihr sozusagen auf den Leib geschrieben. […] Sehen Sie, da habe ich gerade ein paar Bilder von
ihr. Da ist sie als «Maria Stuart» – da als «jüngster Leutnant» und hier als «schöne Helena». […]
GOLLWITZ[:] Ja; aber was Ihre Frau anbelangt, die «Virginia» ist doch eigentlich eine
t r a g i s c h e Rolle?
STRIESE[:] I das macht gar nichts. Die Frau hat eine staunenswerte Verwandlungsfähigkeit in
sich, die Herren Kritiker vergleichen sie immer mit einem Chamäleon.
(Raub der Sabinerinnen (Sch): I, 31)
Geradezu ein Beispiel einer Anti-Poetik für gelungenes Theater stellt Strieses erste Replik dar, in der er als Regisseur zu einer auf das Minimum reduzierten Probearbeit rät
100
(vgl. Raub der Sabinerinnen (G): I, 33). Wie Sterneck soll angeblich auch Strieses Frau
ein breites Repertoire an Rollen beherrschen, wobei komische und tragische Charaktere
vertreten sind. Auch in den tragischen Rollen scheint sie jedoch komisch zu wirken, was
Gollwitz’ Einwand andeutet. Auch diese Darstellung lässt also Zweifel an den schauspielerischen Fähigkeiten der Truppe aufkommen.
Das Rollenspiel und die Verkleidungen der Schauspieler sorgen aber auch für
metatheatrale Verwechslungskomik: Gollwitz’ Frau und Tochter etwa kehren früher aus
dem Kururlaub zurück, wo die Tochter zu allem Überfluss auch noch ein Bild von Frau
Striese findet, das Herr Striese dem Professor dagelassen hat:
PAULA[:]
[…] Und dabei hat Mama noch nicht einmal das Schlimmste gesehen – ich habe es
dort auf dem Schreibtisch gefunden – das Bild hier. Zeigt Gollwitz die Photographie
GOLLWITZ[:] Ewige Götter! «Die schöne Helena.»
PAULA[:] Mit mißbilligendem Kopfschütteln. Papa! Papa!
(Raub der Sabinerinnen (Sch): I, 36.)
Der Kommentar des Professors wirkt komisch, da er eine Rolle kommentiert – was andererseits auf Paula, die nicht weiß, dass es sich um das Foto von Frau Striese in einer
Opernrolle handelt, wirken mag, als würde ihr Vater die Schönheit einer anderen Frau
anpreisen. Von vornherein besteht eine komische Diskrepanz zwischen dem erhabenen
Stoff der Römertragödie und der inadäquaten Inszenierung dieses Stoffes durch Strieses
Truppe. Dies zeigt sich auch bei seinen metatheatralen Ausführungen zum zweiten Akt,
in denen aufführungstechnische Aspekte zur Sprache kommen:
STRIESE[:] Steht denn hier in der Stadt überhaupt Militär?
PROFESSOR[:] Wieso?
STRIESE[:] leise vertraulich. Weil da zum zweiten Aktschluß
der große Einzug der Priester vorgeschrieben ist. Da brauche ich doch mindestens meine sechs bis acht Mann Soldaten dazu. […]
Es läuft freilich höllisch ins Geld, man muß jedem zwanzig Pfennig geben und ein Galeriebillet
auch noch für den weiblichen Anhang, aber mein lieber Gott […] man darf sich nicht lumpen
lassen.
(Raub der Sabinerinnen (Sch): I, 26f.)
Dadurch wird angedeutet, dass das Römerstück des Professors eine aufwändige Inszenierung bräuchte, um adäquat umgesetzt zu werden, was jedoch die beschränkten Mittel
auf keinen Fall gewährleisten können – auch wenn es Striese selbst nicht an Großzügigkeit fehlt. Metatheatral werden hier die Statistenrollen evoziert, was dem Publikum bewusst macht, dass auch solche Leistungen vergütet werden müssen. Dadurch wird das
Funktionieren und Zustandekommen von Theater metatheatral vorgeführt. In Goetz’
Bearbeitung wird Frau Striese schließlich folgende theaterpraktische Lösung in Bezug
auf das Heer präsentieren: «Da stopfst du noch 2 Dutzend fleischfarbene Strümpfe aus,
steckst sie in Sandalen, wickelst Riemen um die Waden und lässt sie aus den Kulissen
gucken.» (Raub der Sabinerinnen (G): III, 102). Das verhältnismäßig teure Militär wird
bei Goetz durch Schüler von Gollwitz gespielt, welche Statistenrollen übernehmen und
101
die man lediglich «ein bisschen älter machen» muss (ebd., 101). Trotz falscher Bärte und
Schminke (vgl. ebd.) ist jedoch davon auszugehen, dass das Heer die beabsichtigte Wirkung verfehlen könnte, wenn es mit so jungen, unerfahrenen Statisten besetzt wird. Gesteigert wird Strieses minimalistische Inszenierung noch dadurch, dass er mangels
Schauspieler kurz vor der Aufführung die Rolle einer Sklavin «in einem Brief zusammenziehen» will (ebd., 115). Diesen soll «ein stummer Bote dem Marcus auf der Bühne
überreichen» (ebd.).20 Striese übergeht dabei Marcus’ Einwand, dass auch für diese
stumme Rolle kein Schauspieler zur Verfügung stehe (vgl. ebd.).
Die Fähigkeiten der Schauspieler und des Theaterdirektors lassen also zu wünschen übrig. Wie aber ist es um die Qualität des Stücks von Professor Gollwitz bestellt?
Striese gefällt es – was nicht unbedingt als ein Qualitätsmerkmal gelten kann. Denn er
ist nicht ein Garant für gutes Theater, sondern vertritt vielmehr das Laientheater, «die
Schmiere» (siehe z.B. Raub der Sabinerinnen (G): II, 96). Der Theaterdirektor äußert
sich nach dem Lesen des ersten Aktes begeistert: «Das ist ja geradezu ein großartiges
Gemälde menschlicher Leidenschaften, und die Sprache, die Sprache!» (Raub der Sabinerinnen (Sch): I, 24, vgl. ebd. 28). Außerdem findet er, Der Raub der Sabinerinnen sei «ein
ganz kolossaler Titel» (Raub der Sabinerinnen (G): I, 21). Striese möchte das Drama also
unbedingt aufführen. In Goetz’ Bearbeitung willigt Professor Gollwitz nicht zuletzt aus
finanzieller Not in die Aufführung des Stücks ein – wobei es, wie erwähnt, unter einem
Pseudonym aufgeführt werden soll (vgl. ebd.: I, 31). Indem finanzielle Aspekte in
Goetz’ Bearbeitung zur Sprache kommen, wird dem Publikum das Funktionieren von
Strieses Theaterbetrieb transparent gemacht:
STRIESE:
Herr Professor, machen Sie einen armen Theaterdirektor nicht unglücklich. Und Sie
selber! Überlegen Sie nur, was Sie für ein schönes Sümmchen Geld dabei verdienen können.
Wenn es ein Erfolg wird, dann geht es über alle Bühnen und dann schneien Ihnen Hundertmarkscheine nur so zum Fenster rein! Bedenken Sie doch, Herr Professor, von jedem verkauften Billet kriegen Sie zehn Prozent – eventuell!
PROFESSOR: Eventuell?
STRIESE: Na ja, aufpassen müssen Sie schon ein bisschen bei der Abrechnung! Aber dafür is[t]
ja Ihr Verleger da.
PROFESSOR: Der muss doch auch bezahlt werden! Bleibt denn da noch etwas übrig?
(Raub der Sabinerinnen (G): I, 31f.)
Die Versprechungen, den Autor reich zu machen, werden in Goetz’ Bearbeitung durch
Strieses Andeutungen, ihm nicht den gesamten Anteil auszuzahlen, geschmälert. Dies
wirkt realistischer und stellt eine Änderung gegenüber dem Original dar. Von Franz und
20 Dazu liefert Striese auch gleich einen Vorschlag, wie sich die Abwandlung in den Dramentext integrieren lässt (vgl. Raub der Sabinerinnen (G): III, 119). Sterneck in seiner Rolle als Marcus soll den Brief, den
er zufällig auffindet – da wie erwähnt zuwenig Schauspielerpersonal vorhanden ist, um einen Boten zu
schicken – auf der Bühne vortragen. (vgl. ebd.). Die Szene wirkt durch Strieses Abwandlung in hohem
Grade unwahrscheinlich.
102
Paul von Schönthan wird es als wahrscheinlicher dargestellt, dass der Professor durch
sein Stück zu Geld kommen kann. Goetz scheint es – als Erfolgsautor – in seiner Bearbeitung vorgezogen zu haben, die Situation des Stückeschreibers realistischer darzustellen; außerdem wirkt Strieses angedeutete Unehrlichkeit auch komischer.
Gegen den Erfolg von Gollwitz’ Stück spricht in Goetz’ Bearbeitung zusätzlich,
dass sogar der Professor und Verfasser selbst an der Inszenierbarkeit zweifelt: Es «liest
sich vielleicht ganz hübsch, aber wer weiss, wie es auf der Bühne wirkt» (Raub der Sabinerinnen (G): I, 30). Damit wird ein weiterer metatheatraler Aspekt einer Aufführung
thematisiert, nämlich die Umsetzung des Dramentextes auf der Bühne und die damit
zusammenhängenden Inszenierungsprobleme, von denen einige bereits anhand des
Heeres aufgezeigt wurden. Striese zerstreut alle Zweifel des Autors (vgl. ebd., 31); schon
einmal habe er einem unbekannten Autor, einem «Telegraphenarbeiter» (ebd., 21), zu
großem Erfolg verholfen:
STRIESE:
Sechs ausverkaufte Häuser haben wir damit gemacht. Meine kleine Frau hat die
Hauptrolle gespielt. Übel ist den Leuten geworden – so voll war’s! Und jetzt geht das Stück
über alle Bühnen. Der Telegraphenarbeiter hat schon ein heidenmässiges Geld damit verdient.
Er schreibt schon’s nächste.
(Raub der Sabinerinnen (G): I, 21)
Obschon das Stück unter einem Pseudonym erscheinen soll, befürchtet Gollwitz im Falle eines Misserfolgs die Schädigung seines Rufs als Gymnasiallehrer. Er äußert diese
Angst gegenüber seinem Schwiegersohn:
Leopold, stelle dir vor, es würde ein Durchfall! Meine Schüler würden mich nicht mehr grüssen! ... Ich müsste auswandern ... !
(Raub der Sabinerinnen (G): II, 47)
Seine Tochter Paula gibt an anderer Stelle zu bedenken: «Als du das Stück
s c h r i e b s t, hat es dir doch gefallen!» (ebd.: III, 109). Worauf der Professor antwortet: «Wenn das ein Massstab wäre, gäbe es nur Bombenerfolge! ... Mir ist, als hätte ich
Selterwasser in den Knien! ...» (ebd.). Hier wird die Unsicherheit eines Theaterautors,
der nicht wissen kann, wie sein Stück beim Publikum und bei der Kritik ankommt, metatheatral zur Sprache gebracht.
Der Professor wird zudem von Lampenfieber geplagt, da Striese ihn angefragt
hat, «falls es ein Erfolg wird […], ein paar Worte des Dankes auf der Bühne zu sprechen» (ebd., 48). Gollwitz übertreibt, wenn er seinem Schwager Leopold gegenüber, einem Arzt, seinen Zustand schildert:
PROFESSOR:
Was weisst du von diesem Zustand? Dir stirbt vielleicht einmal ein Patient. Ich
hoffe nicht, dass du das im Ernst mit den Aufregungen einer Première vergleichen willst! – Ich
stehe vor einem Schüttelfrost.
(Raub der Sabinerinnen (G): II, 48)
103
Aussagen über das Lampenfieber des Autors vor der Premiere finden sich nicht nur in
Goetz’ Bearbeitung, sondern schon in der Vorlage (vgl. Raub der Sabinerinnen (Sch):
III, 76). Dadurch wird das Mitfiebern des Theaterautors bei der Erstaufführung metatheatral angesprochen damit und paradoxerweise die Einfühlung der Zuschauer gefördert. Obschon der Professor durchaus auch Züge eines Antihelden hat, machen ihn
Szenen dieser Art durchaus zum Sympathieträger des Publikums. Darauf weist auch
Goetz selbst im Vorwort hin: «Wir haben aber den Professor lieb gewonnen, haben mit
ihm die Tortur des Lampenfiebers erlebt, wir möchten, dass sein Stück gefällt, damit er
Geld verdient» (Goetz: Vorwort. ‹Zu meiner Bearbeitung›. Raub der Sabinerinnen (G),
S. II). Goetz hat die Figur des Theaterautors noch erweitert: Der Professor beabsichtigt
in der Bearbeitung nämlich sogar, sich das Leben zu nehmen, als sein Stück ausgepfiffen
wird – so viel liegt Gollwitz an seinem qualitativ eigentlich unzureichenden Werk. Das
Thalia-Theater Hamburg schrieb anlässlich der Aufführung der Goetz’schen Bearbeitung über Gollwitz als tragikomische Figur:
Es gibt drei große verhinderte Selbstmörder in der klassischen Dramenliteratur: Hamlet, Faust
– und den Gymnasialprofessor Gollwitz, der sich auf die Bahngleise legt, weil die Uraufführung seiner heimlich geschriebenen Römertragödie «Der Raub der Sabinerinnen» vom Publikum schon im zweiten Akt gnadenlos ausgebuht wurde. Der prototypische Schwank der Brüder Franz und Paul von Schönthan ist auch eine große Tragödie. Aus heiterem Himmel droht
der plötzliche Untergang einer ganzen Familie samt Papagei. Denn dem unglücklichen Familienvater bleibt angesichts der zu erwartenden Spottlawine und der damit einhergehenden Vernichtung seiner bürgerlichen Existenz nur der Selbstmord. Aber es kommt, das macht die Tragödie komplett, zwei Stunden lang kein Zug.
(Thalia Theater (2011): Der Raub der Sabinerinnen von Franz und Paul von Schönthan/Curt
Goetz. Hamburger Fassung Sabina Zwach. (Premiere: 18.11.2011)21
Damit ist ein Teil der nachfolgenden Handlung in Goetz’ Bearbeitung bereits verraten –
wie angedeutet, gibt es dafür in der Vorlage der Brüder Schönthan keine Entsprechung.
Überhaupt weicht Goetz am stärksten gegen Ende von der Vorlage ab, was er im Vorwort zur Bearbeitung ankündigt:
Die Bearbeitung eines klassischen Schwankes ist eine kitzliche Sache. Es besteht die Gefahr,
dass Vertreter der älteren Generation sich zu erinnern glauben, seinerzeit bei der Originalfassung mehr gelacht zu haben. Höchstwahrscheinlich. Denn im Gegensatz zu einem guten Wein
wird auch der beste Witz mit den Jahren nicht besser und verliert, wenn man ihn zum fünfzigsten Male hört, viel von seiner […] Überraschungskraft. Und mit den Situationen ist es nicht
anders. Auch ich konnte, als ich von einem halben Jahr von Felix Bloch Erben den «Raub der
Sabinerinnen» zwecks einer Bearbeitung zugesandt bekam, bei der Lektüre nicht mehr so lachen, wie ich seinerseits als Pennäler gelacht habe, als ich das Stück zum ersten Mal sah. […]
Aber e i n e s hat schon dem damals noch so dankbaren Pennäler nicht gefallen: Der Schluss!
Ich habe es einfach nicht «gefressen», dass Striese statt der beiden letzten Akte vom «Raub der
Sabinerinnen» die beiden letzten Akte von «Hasemanns Töchter» gibt. Abgesehen davon, dass
auch ein Schwankschluss einen Hauch von Wahrscheinlichkeit haben muss, befriedigt dieser
nicht. Denn mit dieser Gewaltmassnahme hat Striese ja nur den Abend gerettet, aber nicht das
Stück.
(Goetz: Vorwort. ‹Zu meiner Bearbeitung›. Raub der Sabinerinnen (G): S. I f.)
[Onlinefassung].
(22.05.2013).
21
URL:
<http://www.thalia-theater.de/h/repertoire_33_de.php?play=483>
104
Hier spricht Goetz ganz allgemein die Schwierigkeiten an, die sich auch für einen erfolgreichen Komödienautor bei der Bearbeitung eines erfolgreichen Schwankes stellen. Tatsächlich kann der Theaterabend in der Originalversion von Franz und Paul von
Schönthan nur dadurch gerettet werden, dass Striese die Römertragödie abbricht und
durch zwei Aufzüge aus dem Stück Hasemanns Töchter ersetzt. Die Brüder Schönthan
montieren also Akte des Stücks eines realen Autors, nämlich aus Hasemanns Töchter
(1877) von Adolph L’Arronge, neben die fiktive Theater-im-Theater-Einlage, die Gollwitz zugeschrieben wird. Diese Theateraufführung wird den Zuschauern indessen bei
den Brüdern Schönthan nicht direkt gezeigt, sondern nur berichtet. So fällt die mangelnde «Wahrscheinlichkeit» (vgl. ebd.), welche Goetz diesem Stück zum Vorwurf
macht, etwas weniger auf. Es handelt sich dabei auch nicht um eine gespielte Theaterim-Theater-Einlage.
Nun kommt jedoch die Frage auf, ob und auf welche Weise es Goetz gelingt,
Gollwitz’ Römertragödie auf andere Weise zu retten. Goetz selbst formuliert die Probleme, die sich dabei stellen. Immerhin deutet er mit Gollwitz’ Suizidversuch an, wie viel
dieser Figur ihr Stück bedeutet:
Aber wie soll das schlechte Stück des Professors – es hilft nichts, es i s t schlecht – durch die
noch schlechtere Aufführung Striese’s [sic] zu einem Erfolg werden??
Das war die Preisfrage, der sich der Bearbeiter gegenüber sah.
(Goetz: Vorwort. ‹Zu meiner Bearbeitung›. Raub der Sabinerinnen (G): S. II f.)
Goetz’ Plan besteht darin, Strieses Frau eine neue Facette zu verleihen: Während sie im
Stück der Brüder von Schönthan als ähnlich unbegabte, aber leidenschaftliche Laienschauspielerin auftritt wie ihr Gatte, entpuppt sie sich bei Goetz als die eigentliche, fähige
Regisseurin, die dem Stück zum gewünschten Erfolg verhelfen wird. Wie aber bewerkstelligt sie das? Goetz hat die Rolle von Frau Striese für seine eigene Frau und Partnerin
auf der Bühne angepasst:
[Er] schrieb (für seine Frau Valérie von Martens) dem Striese seine Frau Luise dazu, die dem
Publikum mit flinker sächsischer Zunge suggeriert, daß man die Tragödie als Parodie spiele
[…]. (Hensel 1986, 1389)
Dank dieses Kunstgriffs, die Römertragödie als Komödie zu spielen, gelingt es Goetz,
dem Binnenstück Der Raub der Sabinerinnen zu einem Happy Ending und dem Professor
im Rahmenstück zu einem Erfolg als Theaterautor zu verhelfen. Eine – von Sterneck
unbeabsichtigte – Parodie stellt bekanntlich bereits dessen erstes Vorspielen der Szene
aus Schillers Maria Stuart dar.
Dabei wird die eigentliche Aufführung der Römerkomödie auch in Goetz’ Bearbeitung nicht gezeigt. Jedoch kommt zur Sprache, welcher Zwischenfall während der
Aufführung zur Unterbrechung des Stücks geführt hat.
105
STRIESE[:] Aber an dem ganzen Unglück ist niemand andres schuld, als die hinterlistige Kreatur, Ihr Papagei, Herr Doktor. – Es war gerade in der vierten Szene des zweiten Aktes. Das
Publikum war in der allerschönsten Stimmung. […] Ich stand als König Titus Tatius ganz vorn
rechts am Souffleurkasten mit unterschlagenen Armen, den finster drohenden Blick auf das
Römerheer gerichtet. Meine Frau als Virginia war grade beim Schluß ihrer großen Rede angelangt, wo sie dem König Romulus verzweiflungsvoll zuruft: «Beim Zorn der Götter, König,
frag’ ich dich, steh’ Rede mir! Was willst du von mir? Sprich!» Und in diesem selbigen Augenblick schreit der verflixte Papagei ganz laut und deutlich dazwischen: «Gib mir ein Küßchen.»
Na, nun war es natürlich aus. Die Leute sind gleich vor Lachen von den Stühlen heruntergefallen. Die Hofdame in der Loge oben ist eigenhändig vom Fauteuil aufgesprungen und zur Türe
hinausgelaufen. Und im Parterre – ein Geschrei und ein Getobe – es war der reine Hexensabbath. Wer weiß, was sie uns noch alles auf die Bühne geworfen hätten, wenn meine älteste
Tochter nicht die Geistesgegenwart gehabt hätte, den Vorhang herunterzulassen.
(Raub der Sabinerinnen (Sch): III, 108f.)
Nach diesem Eingriff des Papageis in die Handlung gibt es für Frau Striese in Goetz’
Bearbeitung keine Alternative, als das Stück als Parodie weiterspielen zu lassen.
Im Gegensatz zur Vorlage enthält Goetz’ Bearbeitung neben der Szene aus Schillers
Drama Die Räuber noch eine weitere eigentliche Theater-im-Theater-Einlage, nämlich
eine Theaterprobe. Dies gilt es auch insofern hervorzuheben, als längere Theater-imTheater-Einlagen in Goetz’ Gesamtwerk ansonsten eher selten vorkommen. Häufiger
findet sich Metatheatralität beispielsweise in Form eines Vor- und Nachspiels. In der als
Binnentheater gezeigten Probe wird den Zuschauern zusätzlich vorgeführt, warum die
Aufführung zum Scheitern verurteilt ist. Die Probe spielt auf der «Bühne des Schützenhauses» (Raub der Sabinerinnen (G): III, 97).22 Es handelt sich um dieselbe Bühne, auf
der auch die spätere (dem Publikum nicht mehr direkt gezeigte) Premiere stattfinden
wird. Als erstes ermahnt Luise Striese die Schauspieler hinter dem Vorhang mit folgenden Worten zu mehr Ruhe:
Nachdem die Sabiner geschlagen sind, ziehen sie sich zurück, soweit sie nicht tot sind, und haben gar keine Veranlassung, noch so zu brüllen, – damit die Römer sie womöglich noch finden!
(Raub der Sabinerinnen (G): III, 97)
Durch diesen metatheatralen Kommentar werden auch die Zuschauer der Rahmenhandlung (nicht nur die an der Binnenhandlung Beteiligten) auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass ein Theaterstück glaubwürdig wirken muss, wenn es Erfolg haben
soll – ähnlich, wie Goetz dies im Vorwort formuliert hat (siehe oben). Aus Luise Strieses
Bemerkung geht auch hervor, dass die Laienschauspieler der Truppe durch ihr unangemessenes Spiel ganz grundsätzliche Schauspielregeln missachten, wodurch verhindert
wird, dass eine wahrscheinlich wirkende Handlung gezeigt werden kann. Dem äußeren
Publikum wird klar, dass es sich um eine Probe handelt, da die laufende Szene durch
Luise Strieses metatheatrale Bemerkungen durchbrochen wird und auch keine Binnenzuschauer anwesend sind.
22
Entgegen dem Original ohne Hervorhebung; M.H.
106
Einen Inszenierungsfehler verhindert der fiktive Autor Gollwitz, als er auf einen
Anachronismus
aufmerksam
macht:
«Sie
können
doch
in
ei-
ner R ö m e r k o m ö d i e keinen Kanonendonner machen!!» (Raub der Sabinerinnen
(G): II, 82f.). Diese Anregung wird von Striese – respektive seiner Frau, der eigentlichen
Regisseurin des Stücks – aufgenommen: Der beabsichtigte Kanonendonner wird in ein
Gewitter mit Blitz und Donnerschlag umgewandelt. Diese Änderung kommentiert Frau
Striese metatheatral während der Probe (vgl. ebd.). Komik entsteht, wenn sie ihren Sohn
Karlchen, der den Donner erzeugen soll, mit folgenden Worten anleitet: «Dann Näherkommen des Gewitters, wenn Papa den Marcus mit seiner Lanze durchbohrt: Greller
Blitz, flackernder Blitz mit Einschlag, gleichzeitig!» (Raub der Sabinerinnen (G): III, 98).
Auf komische Weise werden die Ebenen von Binnen- und Rahmenhandlung in Frau
Strieses Aussage durchmischt, wenn sie von ihrem Mann als «Papa» spricht (vgl. ebd.)
und seine Funktion für das Kind auf der Ebene der Rahmenhandlung anspricht, Sterneck jedoch mit dessen Rollennamen «Marcus» bezeichnet (ebd.).
Die Probe wird außerdem dadurch gestört, dass eine der Hauptrollen, nämlich
Striese als König, abwesend ist, weil er als Theaterdirektor «zum Bürgermeister» hat gehen müssen (ebd.). Gerade durch Strieses Abwesenheit – da er ausnahmsweise nicht die
Szene dominiert – fällt die Ernsthaftigkeit auf, mit der seine Frau Regie führt: Sie weist
die Schauspieler an, sich korrekt zu positionieren und zu bewegen, beispielsweise Sterneck: «Sie müssen sich abgewöhnen, so schwerfällig zu sein» (ebd., 99). Nicht alle Tipps
Luises sind jedoch als Schauspielanleitungen ernstzunehmen. Dies verdeutlicht das Beispiel einer Anekdote aus einer Faust-Inszenierung der Striese-Truppe:
Erinnern Sie sich, wie Sie im Faust Ihrem Direktor das falsche Stichwort brachten, indem Sie,
statt zu sagen: «Das sieht schon besser aus, man weiss doch wo und wie» – worauf der Mephisto zu antworten hat: «Grau, teurer Freund, ist alle Theorie» – indem Sie sagten: «Das sieht
schon besser aus, man weiss doch wie und wo», und Striese, ohne mit der Wimper zu zucken,
antwortete: «Grau, teurer Freund, ist alle Theoro»… das nennt man Geistesgegenwart.
(Raub der Sabinerinnen (G): III, 97)
Indem Luise Striese den Schauspieler anweist, Fehler auf der Bühne einfach zu überspielen, wird wiederum die Unzulänglichkeit der Truppe klargemacht: Durch solche
Pannen wird eine Tragödie zur Komödie. Und nur als Parodie kann Gollwitz’ Stück
letztlich ein Erfolg werden. Luise Striese erscheint also nicht uneingeschränkt als Garantin von gutem Theater, sie weist auch Züge einer komischen Figur auf.
Frau Striese weist Sterneck an, «Sprechübungen» zu machen (ebd., 105). Seine
schauspielerischen Mängel wurden bei Goetz bekanntlich bereits im Vorspiel im Hause
Gollwitz offenbar. Im Gegensatz zu jener unkommentierten Schauspieleinlage im zweiten Akt wird Sternecks Schauspiel und seine Verkörperung der Römer-Rolle hier von
107
Frau Striese kritisiert, wenn sie ihm etwa zu bedenken gibt: «Nun überlegen Sie sich mal,
ob das richtig ist im Sinne der Rolle, wenn Sie sich gleich auf mich stürzen wie der
Hund auf den Knochen» (Raub der Sabinerinnen (G): III, 102).
Darauf rezitiert sie einen Auszug aus dem Stück, um ihren Standpunkt zu belegen, weist also textnah nach, wie Sternecks Rolle zu spielen ist. Frau Striese wirkt hier
als passionierte Theaterregisseurin, die sich durch Respekt (selbst vor einem qualitativ
minderwertigen Autoren-Text) auszeichnet:
LUISE: Geheimnisvoll […] In erster Linie ist das ein e d l e r R ö m e r ! Der Mann hat seinen
Stolz! Der hat nicht vergessen, dass ihn die Virginia zwei Szenen vorher mächtig hat ablaufen
lassen, als sie sagte:
«Und müsst ich auch im Staube vor dir liegen,
«Du kannst mein Herz wohl brechen, doch nicht biegen!»
[…] Und nun liegt sie wirklich im Staub vor ihm. Da liegt sie. Und da hat er sie. Er braucht sie
nur zu nehmen.
STERNECK: (ungeduldig) Ja eben!
LUISE: Ja eben. Und jetzt nimmt er sie eben n i c h t gleich! Jetzt will er seinen Triumph auskosten! Vor allen Dingen erinnert er sich jetzt an den Bibber in ihrer Stimme – Ich weiss nicht,
Sterneck, ob der Ihnen in meiner Darstellung entgangen ist – der Bibber in meiner grossen
Rede?
«Marcus, edler Krieger,
«Du stehst in deiner Jugend Kraft vor mir,
«Die edle Stirn
«Umlaubt von der Trophäen Siegeszeichen,
«Dein Falkenblick, dein starker Arm…»
Und so weiter und so weiter! Daran erinnert er sich jetzt!
(Raub der Sabinerinnen (G): III, 103)
In dieser Szene wird das Problem offenbar, dass Sterneck durch sein fehlendes Schauspieltalent nicht fähig ist, den Anforderungen einer tragischen Rolle gerecht zu werden.
Um dies zu beheben, versucht Luise Striese, die Rolle allgemeinverständlich zu formulieren, damit der Schauspieler sie sich zu eigen machen kann. Dafür verwendet Sie umgangssprachlichen Wortschatz wie «ablaufen» (ebd.), was wohl im heutigen Sinne von
auflaufen zu verstehen ist. Da die Qualität des Stückes von Gollwitz zweifelhaft ist, kann
aber selbst durch diese Bemühungen der Theaterabend nicht gerettet werden, es sei
denn, man spielt das Stück als Parodie, wie es Luise Striese letztlich auch aufführen
wird.
Das Binnenstück des fiktiven Autors, das in der Bearbeitung als Probe gezeigt
wird, stammt weitgehend aus Goetz’ Feder; die Probeszene nimmt bei ihm die ganze
erste Szene des dritten Aktes ein. Bei den Brüdern von Schönthan wird indessen vor allem über den Inhalt gesprochen. Bei ihnen fehlt jegliche gespielte oder gelesene Passage –
und somit der Theatertext des Binnendramas – bis auf wenige Ausnahmen. Einen Dramenauszug im Original der Brüder Schönthan finden wir nach Strieses metatheatralem
Kommentar über seine Frau als Virginia.
108
Ich sehe sie schon vor mir, wie sie zum zweiten Aktschluß vor dem König Romulus auf die
Knie stürzt, sich die Oberkleider vom Leibe reißt und ausruft:
«In meines Unglücks Nacht blieb mir der feste Glauben.
Du kannst das Leben mir, doch nicht die Ehre rauben.»
(Raub der Sabinerinnen (Sch): I, 31)
Follak verweist auf die «Erotik, mit der Gollwitz die Szene aufgeladen» habe (Follak
2002, 203):
Virginia stellt ihren nackten Körper offen zur Schau, um ihre Opferbereitschaft zu unterstreichen. Dieser freizügige Umgang mit dem Körper widerspricht dem biederen Leben, das Gollwitz unter der Aufsicht seiner sittenstrengen Ehefrau führt.
(Follak 2002, 203)
Nicht zuletzt zeigt diese Szene erneut das parodistische Potential der Römerkomödie.
Dadurch, dass Goetz eine Tragödie als verlachenswert vorführt und in seiner Bearbeitung nur als Parodie gelingen lässt, nimmt er indirekt Stellung gegen die Tragödie und
spricht sich für die Komödie aus.
Eva Biringer schreibt in einer Theaterrezension Folgendes über Herbert Fritsch,
der den Raub der Sabinerinnen im November 2011 am Hamburger Thalia-Theater inszeniert hat:
Kaum vorstellbar, dass sich nach den Sabinerinnen noch eine dramatische Vorlage findet, die so
sehr dem Wesen seiner (=Fritschs; M.H.) Vorstellung von Theater entspricht. Hier lacht er
seinen Kritikern geradewegs ins Gesicht. Und apropos Niveau: Man kann das albern finden
oder schlichtweg platt. Man kann es aber auch sehen wie Fritschs Alter Ego Striese: »S’ war des
roinschde Blech, aber des Theadr war drodzdem bumsdiggevoll.«
(Biringer: Apropos Niveau – Wer hat Angst vor dem Schmierentheater? In: Zeit Online 48
(24.11.2011). Kultur.)23
Daran zeigt sich eine gewisse Zeitlosigkeit des Stoffes, der sich durch eine entsprechende Inszenierung auch heute noch aufführen lässt; Striese kann stellvertretend für ganz
verschiedene Regisseurtypen stehen. Außerdem behandelt der Schwank ein zeitloses
metatheatrales Thema, wodurch er einen eigentlichen Klassiker des Metatheaters darstellt. Denn es geht um das Scheitern einer Aufführung, ein Thema, das sich schon in
Shakespeares Sommernachtstraum findet oder beispielsweise in Tiecks Stück Der Gestiefelte
Kater.
An metatheatralen Formen finden sich im Stück vor allem Kommentare über die
Theatervorführung.24 Das Stück kann durch seine Metatheatralität insgesamt nicht als
Drama der geschlossenen Form gelten und weicht dementsprechend von Herzmanns
allgemeiner Definition ab, wonach der Schwank «zu einer geschlossenen Dramaturgie»
neige (Herzmann 2000, 405).
[Onlinefassung]. URL: <http://www.zeit.de/2011/48/Theater-Sabinerinnen> (22.05.2013).
Andere Formen, etwa Theatermetaphern, fehlen, und es kommt beispielsweise kein Sprechen ad spectatores
vor.
23
24
109
5.
Theater im Theater als Bühnenprobe oder während der
Dreharbeiten zu einem Film
D’abord, tu paraissais improviser mon texte – et tu lui restituais son véritable
sens. Tandis que tu parlais, je me tenais, dos au public, et j’étais émerveillé ! Tu
ne te contentais pas d’être un admirable acteur, tu n’étais pas seulement
l’interprète parfait d’un texte écrit déjà – tu m’inspirais des mots, des phrases,
des pensées, des tirades entières qui manquaient à ma pièce […]
Ce jour-là j’ai compris – et depuis ce jour-là je comprends qu’un grand comédien fait entrevoir aux auteurs dramatiques de son temps des possibilités auxquelles tout d’abord ils n’avaient pas songé.
Alors qu’on ne vienne pas nous dire que l’acteur ne laisse rien après lui !
(Paratext, Comédien: Lettre à mon père, 330f.)
Im Gegensatz zu einem Theater, das als Aufführung auf dem Theater inszeniert ist, fällt
der oft fragmentarische Charakter einer Bühnenprobe auf. Eine Bühnenprobe soll in
dieser Arbeit, genauso wie eine Aufführung oder ein Auszug aus einem Filmdreh, auch
dann als eigentliches Theater im Theater gelten, wenn dabei nur ein Teil des Gesamtstücks geprobt wird: «Nous considérons comme pièce dans la pièce non seulement
une pièce entière, mais aussi un fragment […] d’un ouvrage dramatique» (Kowzan 2006,
12). In Goetz‘ Stück Der Hahn im Korb (1920) wird beispielsweise die Filmaufnahme einer verschwindend kleinen Szene aus Hamlet inszeniert – demjenigen Drama Shakespeares, welches seinerseits eine Theatereinlage enthält. Es gehören auch kurze Drehszenen
oder «eine Probe in mehr oder minder fortgeschrittenem Stadium zu den Theatereinlagen» (Schöpflin 1993, 11). Wiederholungen derselben Szene sind ebenfalls typisch für
Proben. Obwohl bei einer Bühnenprobe (oder bei den Dreharbeiten zu einem Film) oft
keine eigentlichen Zuschauer anwesend sind, klassiert Schöpflin sie als eigentliches Theater im Theater (siehe ebd.). Gemäß ihres Kriterienkatalogs «mag schon ein einziger Bühnenzuschauer genügen» (ebd.) respektive könne man für die Theaterprobe sogar ganz
auf ein Publikum verzichten (vgl. ebd.), denn es seien «bei einer Theaterprobe normalerweise keine Zuschauer anwesend» (ebd.). Forestier hält dagegen in seiner Definition
von théâtre dans le théâtre die Anwesenheit mindestens eines Zuschauers für unabdingbar:
Autrement dit, à partir de quel moment un divertissement cesse-t-il d’être un simple intermède
pour devenir un spectacle intérieur ? La seule constante qui permet de discerner l’apparition du
procédé, c’est l’existence de « spectateurs intérieurs ». Il y a théâtre dans le théâtre à partir du
moment où un au moins des acteurs de la pièce-cadre se transforme en spectateur.
(Forestier 1981, 11)
Diese Arbeit folgt Schöpflins Vorschlag und klassiert jede Bühnenprobe – ob mit oder
ohne Publikum – als Theater im Theater (vgl. Kap. 2.2.1.). Oft sind Zuschauer implizit
vorhanden: Eine Beobachterfunktion übernehmen in solchen Probeszenen, wie von Forestier (1981) beschrieben, oft die anderen Schauspieler, die sich gerade nicht auf der
Bühne befinden. Das gilt auch für Dreharbeiten zu einem Film. Als notwendig für das
Vorliegen eines eigentlichen Theaters im Theater erachtet werden zudem stets folgende
drei Kriterien (vgl. Kap. 2.2.1.): Die «Doppelheit von Darsteller und Rolle» (Schöpflin
110
1988, 15), das Vorhandensein von zwei theatralen Ebenen (zum Beispiel Rahmenhandlung und Binnenhandlung) sowie der fiktionale Charakter des gespielten Geschehens.
Das bereits als metatheatrale Form benannte Aus-der-Rolle-Fallen wird im vorliegenden
Kapitel mitthematisiert, sofern ein Schauspieler im Rahmen der als Binnentheater aufgeführten Probe aus seiner Rolle fällt.
Mit dem Titel dieses Kapitels wird postuliert, Filmdreharbeiten seien Theaterproben vergleichbar. Insbesondere, wenn es sich um die Verfilmung eines Theaterstücks
handelt wie im Stück Der Hahn im Korb (1920) von Goetz, kann dieses als Theater im Theater bezeichnet werden. Berücksichtigt werden muss allerdings, dass es sich gleichzeitig
um die Thematisierung des anderen Mediums Film handelt. Carolyn Oesterle (2007,
251) bezeichnet dies als «intermediale Mediatisierung»:
Die nicht nur inhaltliche, sondern auch formale Reflexion von […] Film [im Theater; M.H.],
die als metafiktionales Verfahren sowohl generische als auch mediale Grenzen überschreitet,
evoziert in der Folge richtungsweisende Fragen: Welche Funktion generiert sich aus der metafiktionalen Dramatisierung eines Drehbuchs [respektive in unserem Fall: eines Filmdrehs;
M.H.] über jene Funktionen hinaus, die bereits in der Spiel-im-Spiel-Struktur angelegt sind?
(Oesterle 2007, 251)
Es wird im Folgenden auch darum gehen, die Funktion dieser «intermedialen Mediatisierung» bei Goetz zu beschreiben (ebd.). Gerade, weil er nicht nur Bühnendichter und
Regisseur, sondern auch Filmemacher war, ist es interessant zu sehen, inwieweit die
Form der Dreharbeiten auf dem Theater im analysierten Stück dazu dient, seine Auffassung vom neuen Medium Film – im Sinne einer inszenierten Poetik dazu – zu erläutern.
Dadurch, dass Filme hier ebenfalls berücksichtigt werden, soll außerdem der Aspekt des
Kinos bei Goetz mindestens am Rande berücksichtigt werden, nämlich im Hinblick auf
die Stücke, die einen Filmdreh zeigen.
5.1.
Dreharbeiten auf dem Theater
Betrachtet man die Geschichte des Kunstmittels, so fällt auf, dass es einige Beispiele
gibt, wo durch das Vorführen einer Probe als Theater-im-Theater-Einlage Kritik geübt
wird am Theater oder seiner Darstellung. Man denke beispielsweise an Shakespeares A
Midsummer Night’s Dream (1595)1 und darin an die «Probe der Handwerker […], die
durch Puck belauscht wird» (Kokott 1968, 30), oder natürlich an Pirandellos Stück Sei
personaggi in cerca d’autore (1921)2 – auf Deutsch: Sechs Personen suchen einen Autor (1924) –
das während einer Probe stattfindet sowie als Drama bis zuletzt sozusagen im ProbeStadium steckenbleibt und insofern «mit dem Motiv des Scheiterns der Aufführung auf
1
2
Datierung nach: Schöpflin 1993, 235 – gilt für alle Erwähnungen des Stücks.
Datierung nach: Plocher 1995, Nachwort zu Sechs Personen suchen einen Autor, 107.
111
der Bühne verbunden[ist]» (ebd., 10). Kokott hält fest: «In Pirandellos Drama zeigt das
Theater auf dem Theater die Unzulänglichkeit der Darstellungselemente und Vermittlungsmöglichkeiten und stellt damit die Wirkungsfähigkeit des Theaters in Frage.»
(ebd.). Dessen Funktion lässt sich wie folgt beschreiben: «Der Theaterzuschauer erkennt
im Anblick dieser Spiegelung der theatralischen Aufführung, an der er selbst teilnimmt,
die Begrenztheit der theatralischen Darbietung gegenüber der Wirklichkeit» (ebd., 9).
Die Filmdreh-Szene bei Goetz ist indessen kaum mit der gescheiterten Aufführung im
Pirandellos Stück Sei personaggi in cerca d’autore vergleichbar, auch von der Aussage her. Es
soll an dieser Stelle dennoch darauf hingewiesen werden, dass die Uraufführung von
Goetz’ Stück (1920) bereits vor Pirandellos Drama (uraufgeführt im Jahre 1921 in Italien) stattfand – Goetz hat also bereits vor dem großen Erfolg von Pirandellos Stücken
in Deutschland das Kunstmittel des Theaters im Theater angewandt.
Bei den Stücken, die als Bühnenprobe oder Filmdreharbeit gezeigt werden, haben wir es einerseits mit Theater-im-Theater-Einlagen echter Dramenautoren zu tun,
andererseits mit fiktionalen Binnenstücken, die erfundenen Dichtern zugeschrieben
werden (bei denen es sich aber eigentlich um Werke des entsprechenden Autors, also
beispielsweise von Goetz, Guitry oder Coward handelt). Um Dreharbeiten zu einem
Shakespeare-Film geht es, wie erwähnt, im zur Serie Menagerie gehörenden Einakter Der
Hahn im Korb (1920), der im Nebentext als «Ulk» bezeichnet wird (Hahn im Korb, 213).
Dieses Stück spielt «in einem Filmatelier» (ebd., 215). «Aufgebaut ist Hamlets erster
Aufzug ‹Helsingör›» (ebd.) – dieser soll auch gedreht werden. Die Darsteller folgender
Rollen sind gegenwärtig: Der König, Horatio, Marcellus, Laertes sowie der Geist von
Hamlets Vater (siehe ebd., 214), wobei die drei erstgenannten Zeitung lesen. Anwesend
sind daneben ein Regisseur, ein Hilfsregisseur (namens Merker), ein Operateur und ein
Pianist (siehe ebd.). Der Dreh kann noch nicht beginnen, denn man wartet auf den
Hahn, den eigentlichen Star dieses Drehtages. Wozu denn der Hahn gebraucht werde,
fragt der Darsteller des Königs den Regisseur, worauf dieser blufft:
DER REGISSEUR:
Wenn der Geist verschwinden soll, wissen Sie? – Bei Shakespeare steht – ich
komme nämlich aus der Literatur – […] : Der Glühwurm zeigt, daß sich die Frühe naht … Na, einen
Glühwurm kann ich im Film nicht zeigen. Da laß ich eben einen Hahn krähen!
DER KÖNIG: Fabelhaft!
DER REGISSEUR: Idee ist von mir!
(Hahn im Korb, 218; Zitat-Hervorh. M.H; vgl. Hamlet: I, 5. Auftritt, 287)
112
Marcellus3 deckt die Angeberei des Regisseurs 4 auf, indem er ironisch anmerkt: «Shakespeare hatte ähnliche Gedanken. In der ersten Szene heißt es vom Geist: Er war am Reden, als der Hahn just krähte … » (Hahn im Korb, 218, vgl. Hamlet: I, 1. Auftritt, 269; dort
leicht abweichend: «Es war […]»). Darauf stellt sich der Regisseur durch seine Antwort
selbst bloß: «Sehn Sie mal! – Das wußte ich gar nicht! Also das freut mich direkt!» (Hahn
im Korb, 218). Der Regisseur wird als Angeber entlarvt, aber auf eine liebevolle Art –
und er scheint auch mit der Kritik umgehen zu können.
Mühevoll hat der Regisseur für den Dreh einen «Artisten aufgetrieben […], der
einen dressierten Hahn besitzt – dreihundert Mark hat der Knabe verlangt für einmal
Krähen seines Hahnes» (ebd., 219). Der Hahn lässt jedoch auf sich warten. Mit dieser
Aussage des Regisseurs wird der finanzielle Aufwand für Filmdreharbeiten thematisiert.
Ob der langen Warterei ist der Darsteller des Geistes von Hamlets Vater in seiner Rüstung eingeschlafen, aus welcher es nun schnarcht. Nachdem die anderen ihn geweckt haben, spricht er kölschen Dialekt (vgl. Nebentext, ebd., 220), was seiner eigentlich
ernsten Rolle eine komische Note verleiht: «Ich bin der Jeist von Hamlets Vater. Ich
lehne seit zehn Uhr hier in der Ecke […] – Mein Name is Schmitz! […] Is denn dat
jottverdammte Hahnendier nu gekommen?» (ebd., 220). Jegliche Ernsthaftigkeit der
Rolle geht so natürlich verloren, da aus der Rüstung Schmitz als Schauspieler spricht.
Durch die Bekanntgabe seines echten Namens und durch den Dialektgebrauch werden
zwei Dramenebenen angesprochen und zugleich komisch vermischt5, nämlich Rahmenhandlung und Binnentheater – Rollen-Ich und Schauspieler-Ich.6 Auch die ‹richtigen›
Vornamen der anderen Schauspieler aus der Szene erfährt man später, als sie der Diva
Lora Mora vorgestellt werden (siehe Hahn im Korb: I, 224). Es handelt sich nicht um
ein konventionelles Aus-der-Rolle-Fallen von Schmitz, denn außer der Verkleidung erinnert wenig daran, dass er den Geist von Hamlets Vater darstellt, und die Szene spielt
auch nicht, während die Kamera läuft. Durch die explizite Thematisierung der Rolle und
Natürlich handelt es sich dabei um den Darsteller der Rolle des Marcellus. Wenn hier der Einfachheit
halber die Rollennamen verwendet werden, dann darum, weil Goetz im Personenverzeichnis dieses
Stücks die richtigen Namen der Schauspieler oft nicht angibt, also bewusst mit den fiktiven Figurennamen
spielt. So steht im Personenverzeichnis neben den Rollennamen vom König, Horatio, Marcellus und Laertes
lediglich «verkleidete Berliner Schauspieler» (Hahn im Korb, 214).
4 Der übrigens von Schmitz, dem Darsteller des Geists von Hamlets Vater, mit «Herr Doktor» angesprochen wird (Hahn im Korb, 221).
5 Es handelt sich indessen um keine logikwidrige Metalepse, sondern eher um ein metatheatrales Aus-derRolle-fallen, da es gerade in einer solchen Probesituation nicht der Theaternorm widerspricht, wenn eine
Figur sich trotz ihrer Verkleidung als Schauspieler zu erkennen gibt.
6 Als weiterer komischer Aspekt des Meta-(Musik-)Theaters wird angesprochen, dass Schmitz in seiner
Vergangenheit als Opernsänger den Fliegenden Holländer gesungen habe (Hahn im Korb, 231). Aus diesem
Grund habe er die Rolle des Geistes bekommen – weil er sicher gut schweben könne, wie der Regisseur
anmerkt (siehe ebd.).
3
113
der Dreharbeiten auf der Bühne werden dem Publikum die Bedingungen von Filmdreharbeiten klargemacht: Angesprochen wird etwa die lange Wartezeit für die Schauspieler:
Der Geist von Hamlets Vater beklagt sich, dass er jetzt schon seit sechs Stunden warte
(vgl. ebd., 221). Das Drehen eines Films ist noch zeitaufwändiger als das Proben für ein
Theaterstück, was an der langen Drehzeit für die extrem kurze Szene exemplarisch aufgezeigt wird. Insgesamt lassen sich für die Darstellung von Dreharbeiten auf dem Theater bei Goetz ähnliche Feststellungen machen, wie sie Oesterle in ihrem Artikel « ‹Drehbuch im Drama› – intergenerische und intermediale Mediatisierung in Paula Vogels
Hot’N’Throbbing› » für das Drehbuch im Theater formuliert (Osterle 2007, 247). Dabei
weist das von Oesterle analysierte Drama Paula Vogels inhaltlich keinerlei Parallelen zu
Goetz’ Stück auf, aber formal lassen sich die Verfahren vergleichen.
[Werden die] Grenzen [des Theaters] durch dramenfremde ästhetische Mittel erweitert, verweist [dies] […] auf dessen Gattungskonventionen und reflektiert das Drama in seiner Differenz […] zum Film. Insofern hat das Metaisierungsverfahren […] eine metadramatische Dimension. Gleichermaßen werden aber auch Drehbuch und Film kritisch thematisiert, und zwar
nicht ausschließlich durch die intermediale Evokation des fremden Systems, sondern auch metareferentiell, indem die (Teil-)Aktualisierung drehbuchspezifischer und filmischer Darstellungsverfahren dazu führt, dass diese sich in ihrer Differenz zum Drama selbst kommentieren.
So müsste Vogels Drama zugleich als Metadrama, Metadrehbuch und Metafilm bezeichnet
werden […].
(Oesterle 2007, 257)
Im Gegensatz zum von Oesterle angesprochenen Beispiel thematisiert Goetz’ Stück das
Drehbuch nur indirekt, etwa wenn auf Shakespeares Theatervorlage und deren Umsetzung eingegangen wird (vgl. oben). Mit dem Hahn wird zudem eine Art Special Effect erzielt, wobei ein dressiertes Tier auch auf dem Theater denkbar wäre. Später im Stück
wird auch die Schwierigkeit beschrieben, eine Szene mit einem Tier zu drehen, wie sein
Besitzer Teichmann andeutet: «Un die vielen Menschen hier drumrum. Das arme Dier is
verschüchtert!» (ebd., 234).
Mehr als durch eigentliche Anspielungen an das Binnentheater Hamlet wird in
Der Hahn im Korb Komik durch die Verkleidung erzeugt, insbesondere die Rüstung des
Geistes und deren Thematisierung: «Dat kann ich Ihnen sagen, meine Herren, wenn
dem alten Hamlet die Schuhe auch so gedrückt haben, dann weiß ich, warum er keine
Ruh gefunden hat im Jrabe!» (ebd., 220f.). Die Schwierigkeit des Umsetzens einer Rolle
wird so direkt auf der Bühne angesprochen, jedoch hier eher in Bezug auf die Kleidung.
Thematisiert werden in derselben Szene auch technische Details: «Nun laßt mal den
Haken herunter!» sagt der König (ebd., 221). Denn der Geist wird mit Hilfe einer speziellen Vorrichtung an einem «Seil» zum Schweben gebracht (vgl. ebd.). Neben der
dadurch erzeugten komischen Wirkung wird auf diese Weise offengelegt, wie solche Special Effects in Filmen zustande kommen. Später in der Szene wird auch die Lichttechnik
114
thematisiert (ebd., 229) – gerade das Licht ist für die Geisterszene von Bedeutung: «Dieses Bild wird grün viragiert. Es ist Nacht» (ebd.), erklärt der Regisseur dem Operateur
(unter Verwendung eines fachsprachlichen Ausdrucks, der «einfärben» bedeutet).
Geister bzw. Gespenster waren in den späten 1920er Jahren auch besonders
beliebt in englischsprachigen Theaterstücken (vgl. Barker 2000, 229). Eine solche Erscheinung enthält beispielsweise Cowards in dieser Arbeit ansonsten nicht berücksichtigtes Stück Bitter Sweet aus dem Jahre 19297 (vgl. ebd.). Die Geisterthematik greift Coward in seinem späteren Bühnenwerk Blithe Spirits (1941) auf (vgl. Kapitel 10.1.4). Bezeichnend ist, dass Goetz’ Stück im Gegensatz zu den erwähnten Stücken bereits 1920
aufgeführt wurde – die Spukgestalt ist jedoch ein direkt aus Hamlet übernommenes
Element. Es handelt sich außerdem um ein beliebtes Motiv der Romantik respektive des
Schauerromans.
In Goetz’ Stück Der Hahn im Korb bahnt sich während der Dreharbeiten neben
der Verspätung des Hahns ein zweites Problem an: Eine Diva mit Starallüren, Lora Mora, sagt für den Drehtag ab (siehe Hahn im Korb, 221). Ihre Rolle wird in folgender
Szene thematisiert:
DER KÖNIG: Was spielt sie denn? Die Ophelia?
DER REGISSEUR: Nee, den Hamlet.
DER KÖNIG: Natürlich, entschuldigen Sie meine
(Hahn im Korb, 221)
dumme Frage!
Dieser metatheatrale Kommentar könnte auf folgenden Stummfilm verweisen, der aus
dem Jahr der Uraufführung von Der Hahn im Korb stammt:
Die deutsche Stummfilm-Adaption des Shakespeare-Klassikers um den Dänenprinzen Hamlet
bietet eine reizvolle Variante unter den zahlreichen Verfilmungen des Stoffes: Der eigenwilligen Interpretation Asta Nielsens nach war Hamlet eine Frau, die aus Gründen der Staatsräson
als Prinz ausgegeben werden musste. Die ödipalen Konflikte Hamlets verlagern sich im Film
auf die Konflikte einer jungen Frau, die ihre Leidenschaften nicht ausleben darf …
(ARTE (2007): Hamlet. Ein Stummfilm von S. Gade und H. Schall (D 1920). (Beschrieb zur
Sendung vom 20.07.2007).8
Es stellt sich im Laufe des Einakters heraus, dass die Diva tatsächlich die Rolle des
Hamlet spielt. Die Dreharbeit auf dem Theater nimmt also möglicherweise direkt Bezug
auf den damals aktuellen Stummfilm (oder zumindest die dem angesprochenen Film zugrundeliegende «Theorie eines amerikanischen Literaturwissenschaftlers, dass Hamlet
eine Frau gewesen sei» (Arte 2007). Der Film wurde von Asta Nielsen produziert, die
darin auch die Rolle des Hamlet übernahm (ebd.). Sie galt als eine der ersten Divas
Deutschlands. Gespielt wurde die Rolle des Hamlet in Theater und Film aber auch
schon früher von einer Frau, nämlich bereits um die Jahrhundertwende von der be7
8
Datierung nach: Barker 2000, 229.
[Onlinefassung]. URL: <http://www.arte.tv/de/1621168,CmC=1621164.html> (22.05.2013).
115
rühmten französischen Schauspielerin Sarah Bernhardt. Neben Goetz thematisiert insbesondere Coward in seinen Stücken weibliche Stars, beispielsweise Judith im Stück Hay
Fever (1925).9 Verwiesen sei auch auf Pirandello, der in seinem seiner Metadramen desgleichen den weiblichen Star «A.M. […] Amelia Moreno» auftreten lässt (Ciascuno a suo
modo, 120) – dieses Stück wurde 1924 in Italien uraufgeführt 10 – also erst nach Goetz’
hier erwähntem Stück, weshalb nicht von einer direkten Bezugnahme ausgegangen
wird.11
In Goetz’ Stück geht es nun also darum, eine solche Diva auf dem Set zu ersetzen. Die Rettung naht in Person einer neuen Bekanntschaft von Kurt (!), einem «Schauspieler in Zivil» (Nebentext, Hahn im Korb, 214). Es handelt sich um eine reizende Dame
mit englischem Akzent. Um nicht von ihr abgewiesen zu werden, hat Kurt ihr versprochen, sie zum Film zu bringen. Und schon taucht sie unverhofft am Drehort auf. Kurts
Bekannte erklärt sich bereit dazu, die Rolle des Hamlet zu übernehmen. Dank der Ankunft des Hahns kann mit sechs Stunden Verspätung endlich das Filmen beginnen. Die
Komik der folgenden Drehszenen ist begründet in der Unmöglichkeit, den ShakespeareStoff adäquat zu verfilmen, denn ein Missgeschick reiht sich an das andere: Der Geist
von Hamlets Vater schwebt nicht, wie er sollte, und sein Darsteller entpuppt sich als dilettantischer Schauspieler. Und der Hahn – kräht nicht, woraufhin der Dreh abgebrochen werden muss.
Partiell gedreht wird im Stück eine Hamlet-Szene aus dem ersten Auftritt im ersten Aufzug – die innere Handlung ist also vom Umfang her einiges kürzer als die äußere
Handlung des Einakters. Der Auftritt des Geists beginnt mit Marcellos Ankündigung:
«Seht! Wie’s da wieder kommt!» (Hahn im Korb, 230; vgl. Hamlet: I, 1. Auftritt, 269).
Diese Szene wird zweimal wiederholt. Der Regisseur wandelt für diese Szene Shakespeares Vorgabe ab und thematisiert die Abweichung explizit: Bei ihm erscheint der
Geist um Mitternacht, nicht um ein Uhr wie bei Shakespeare. Er wählt die konventionellere Variante: «Bei mir schlägt’s zwölfe. Das ist viel effektvoller» (ebd., 229; vgl. Hamlet: I, 1. Auftritt, 266, dort: «Indem die Glocke eins schlug»). Schmitz in der Rolle des
Der Figur Judith diente die Filmschauspielerin Laurette Taylor als Vorbild. Datierung nach: Noël Coward Society [Onlinefassung]. URL: <http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
10 Datierung nach: Plocher 1995, 103.
11 Evtl. wurde der Name der Diva, Lora Mora, welcher jenem bei Pirandello ähnlich ist, auch erst im
Nachhinein von Goetz hinzugefügt. Auf Deutsch trägt Pirandellos Drama den Titel Jeder auf seine Weise, es
handelt sich um das zweite Stück der ‹Trilogie des Theaters auf dem Theater› von Pirandello; vgl. Nachwort zu Sechs Personen suchen einen Autor, Plocher 1995, 103/107. Der Star ist dort nach einer Psychiaterin
«J.L. Moreno» benannt (Vgl. Kommentar zum Personenverzeichnis, Ciascuno a suo modo, 123, Anm. 1). An
Stelle des Namens «Amelia Moreno» findet sich manchmal auch «Delia Morello» – eine Kontamination
von Moreno und Pirandello (Vgl. ebd., Anm. 1).
9
116
Geists weist den Regisseur sogleich auf die Abweichung gegenüber der Vorlage hin (vgl.
Hahn im Korb, ebd.) – die Wichtigkeit der Texttreue wird dadurch betont. Dieser Aspekt war für Goetz als Bühnen- und Drehbuchautor sicherlich bedeutsam. Der Regisseur hingegen orientiert sich an der konventionelleren Version, von der er wohl annimmt, dass sie das Publikum vorzieht.12
Anschließend wird der gleiche Auftritt des Geistes zusammen mit der neuen
Hamlet-Darstellerin gedreht, muss aber wegen mangelnder Zusammenarbeit von Seiten
des Hahns abgebrochen werden. Die Ersatz-Schauspielerin in Goetz’ Drama entpuppt
sich schließlich, ihrem englischen Akzent entsprechend, als die Diva Henny Pola, die
bereits seit zehn Jahren beim Film ist (siehe ebd., 236). Erst dann, als die Dreharbeiten
längst abgebrochen sind, kräht endlich der Hahn. In Großaufnahme wird in dieser Szene das Gesicht der neuen Hamlet-Darstellerin gefilmt:
Also gnädige Frau, jetzt nehmen wir Ihr Gesicht ganz groß, wie sie erstaunt und entsetzt sind,
– dann erfreut – dann hören Sie zu, was der Geist Ihnen sagt – und das erschüttert Sie aufs
tiefste!! – Zum Schluss schwören Sie Rache!
(Hahn im Korb, 235)
Die Großaufnahme der Mimik wirkt pantomimisch, was typisch für die Stummfilmtechnik ist.13 Hier würde der (Stumm-)Film anschließend wohl mit Ton unterlegt –
in diese Richtung weisen die Aufnahme des krähenden Hahns, die zwölf Schläge des
Kirchturms und die erwähnte «Musik» (vgl. ebd., 230). Die Aufführungsbedingungen
des Stummfilms gehen aus der Aussage des Regisseurs hervor, der die sichtbare Handlung auf dem Set synchron dazu kommentiert:14 «Ich drehe: los! – Musik! – Horatio und
Marcellus unterhalten sich. […] Titel: ‹Seht, wie’s da wieder kommt!› » Es handelt sich
hier um die Inszenierung eines eher neuen Mediums für das Publikum. Die Zuschauer
bereiteten Goetz’ Einakter übrigens einen eher kühlen Empfang.15
Auf ähnliche Weise orientiert sich der Regisseur in Pirandellos Stück Sei personaggi in cerca d’autore am Zuschauergeschmack. Diese auch für das Boulevardtheater typische Tendenz trifft für sehr viele DirektorenFiguren zu, die Goetz’, Guitrys und Cowards Stücke bevölkern.
13 Eigentliche Tonfilme kamen erst später auf, nach Lorcey Anfang der 1930er Jahre: «En 1929, le cinéma
parlant fait son apparition» (Lorcey 2007, 29). Dabei ist zu erwähnen, dass Goetz selber Regisseur mehrerer Stummfilme war und auch seinen Schillerfilm aus dem Jahre 1923 noch als Stummfilm drehte (worüber eine Tonspur gelegt wurde). Vgl. Kahle (2005): Ungeduld des jungen Herzens wiederentdeckt. Curt
Goetz’
Schillerfilm.
Der
Tagesspiegel.
Kultur
(29.03.2005).
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.tagesspiegel.de/kultur/ungeduld-des-jungen-herzens-wiederentdeckt-curt-goetzschillerfilm/596256.html> (22.05.2013).
14 Es handelt sich nicht um eine eigentliche Teichoskopie, sondern um einen Kommentar zum Geschehen, da die Szene parallel dazu tatsächlich gezeigt wird.
15 Die damaligen Reaktionen auf den Einakter sind in verschiedener Hinsicht interessant: Während er von
der Kritik gut aufgenommen wurde, hatte er beim Publikum keinen Erfolg. Goetz erklärt in seinen Memoiren, warum dem so war. «Der Grund dafür: daß damals, 1919, noch kein privater Mensch eine Vorstellung von den Vorgängen in einem Filmatelier hatte und folglich deren Parodierung nicht verstehen
konnte, während die Schauspieler sich totlachten. In späteren Jahren erst kam dieser Einakter […] zu seinem Recht» (Goetz/von Martens 1962, 250). Uraufgeführt wurde Der Hahn im Korb nach den Angaben
12
117
Kokott hat für verschiedene metatheatrale Dramen nachgewiesen, dass darin
«das Theater auf dem Theater mit dem Motiv des Scheiterns der Aufführung auf der
Bühne verbunden [ist]» (Kokott 1968, 10). Er hat untersucht «wie [darin] die Darstellungselemente und Vermittlungsmöglichkeiten des Theaters aufgezeigt werden und welcher Grund zum Scheitern des Spiels auf der Bühne führt.» (ebd.). Diese Frage soll zusammenfassend auch für den hier vorgestellten Einakter beantwortet werden. Ex negativo gibt der gezeigte Filmdreh Auskunft über Goetz’ Auffassung einer gelungenen
Aufführung respektive eines guten Filmes durch die Darstellung des Gegenteils: durch
das Vorführen einer misslungenen Probe, Aufnahme oder auch einer Aufführung, hier
in Form des Scheiterns von Dreharbeiten zu einem Film – wobei dies natürlich auch
und vor allem dazu dient, Komik zu erzeugen. Daneben wird jedoch beispielsweise auf
die Wichtigkeit der Texttreue hingewiesen oder auf die manchmal schwierigen Bedingungen der Dreharbeit (wenn es etwa darum geht, mit Tieren zu drehen, oder wenn die
Besetzung geändert werden muss). Da in Goetz’ Stücken (etwa im Gegensatz zu Guitrys
Theater) sehr selten Probeszenen dieser Art vorkommen, in denen die Schauspielerei
explizit vorgeführt und Aspekte davon kritisiert werden, gebührt dem vorliegenden
Stück besondere Aufmerksamkeit. In Hinblick auf Goetz’ Stücke, die vom Film(en)
handeln, ist das vorliegende außerdem eines der komischsten.
Wie aus den bisher vorgestellten Szenen bereits klar wird, ist es im vorliegenden
Stück vor allem Schmitz, der durch sein Auftreten in erster Linie für Komik sorgt. In
zweiter Linie wird er gleichzeitig als (karikiertes) Negativbeispiel eines Schauspielers
vorgeführt, was aus folgender Szene hervorgeht, welche gleich an die oben zitierte anschließt:
DER REGISSEUR:
Marcellus zeigt nach hinten: Herr Schmitz! Schmitz kommt
Langsam! Ganz langsam! Na, los doch! – Nu schlafen Sie nur nich ein, Herr Schmitz! – So, bis
in die Mitte! – Nun heben Sie langsam den Arm! Tut es
Natürlich den verkehrten! – Nicht wie so’n Schutzmann!
SCHMITZ: öffnet das Visier und fragt nach dem Apparat hin: Wat haben Sie jesagt?? Ich kann Sie so
schlecht verstehen? Der Operateur hört auf zu kurbeln.
DER REGISSEUR: außer sich: Was machen Sie denn!! – Haaalt!! – Mensch, sind Sie denn blödsinnig geworden!! – Herr Schmitz!!! Filmen Sie denn zum erstenmal?!? – Sie dürfen doch nicht
hierher sehen, wenn ich ihnen etwas zurufe! Noch weniger dürfen sie sich mit mir unterhalten.
Das ist doch alles drauf auf der Photographie!!
MARCELLUS: Soll ich mit der Hellebarde nach ihm schlagen?
DER REGISSEUR: Tun Sie mir den Gefallen! – Nun müssen wir’s nochmals machen!! – Außerdem habe ich Ihnen gesagt, sie sollen s c h w e b e n !
(Hahn im Korb, 230f.; kursive Hervorh. und Fettdruck des Binnendramentextes; M.H., vgl.
Hamlet I, 1. Auftritt, 269)
von Knecht (entgegen Goetz’ eigener Datierung) wohl erst im Jahre 1920 in Berlin im Deutschen Künstlertheater (vgl. Knecht 1970, 216). – Knechts Datierung ist wahrscheinlicher, wenn von einer direkten
Anspielung auf den erwähnten Stummfilm Asta Nielsens ausgegangen werden kann – letzterer wurde
nämlich erst im Jahre 1920 produziert.
118
Tatsächlich stellt sich heraus, dass Schmitz über keinerlei Filmerfahrung verfügt und nur
aus einem Missverständnis heraus vom Hilfsregisseur engagiert wurde. Auch wenn die
vorliegende Szene das Drehen eines Films zeigt, erscheint sie also durch Goetz’ inszenierte Kritik an der Ausführung der Rolle im weitesten Sinne vergleichbar mit den Klassikern des Theaters im Theater, die unter anderem das Aus-der-Rolle-Fallen thematisieren
– man denke etwa an Shakespeares A Midsummer Night’s Dream (1595), wo sich die Aufführung der Handwerker charakterisiert durch deren «inadäquate Darstellungsweise»
(Kokott 1968, 35). Sorgt dort die Darstellung von Gegenständen durch Menschen für
Komik, ist es hier beispielsweise ein Requisit, die Ritterrüstung, die als komisches Motiv
mehrmals aufgegriffen wird. So wird explizit thematisiert, dass die Rüstung die auditive
Wahrnehmung des Schauspielers behindert (was Goetz wohl aus eigener Erfahrung mit
dieser Rolle kannte16). Schmitz szenische Darstellung ist durch seine Langsamkeit und
seine falschen Bewegungen unangemessen – soweit handelt es sich um theatrale Aspekte. Es wird jedoch auch sein falscher Umgang mit der Kamera vorgeführt, was angesehen werden kann als Kritik, die «mediale Grenzen überschreitet» (Oesterle 2007, 251) –
also im Sinne eines Metafilms auf dem Theater. Zusammenfassend zeigt die Analyse der
Szenen, dass darin ebenfalls deutlich Unterschiede zwischen Film und Theater angesprochen werden: Bereits erwähnt wurden filmtechnische Schwierigkeiten wie die Beleuchtung (Hahn im Korb: I, 229). Ergänzend angefügt werden kann die im Stück geäußerte Sorge, dass das Filmband zu Ende sein könnte (vgl. ebd., 232).
Im Gegensatz zu einer Theater-im-Theater-Aufführung wird bei Filmdreharbeiten oft die Reihenfolge der Szenen umgedreht. Dies kann auch für Proben zutreffen.
Ein großer Unterschied ist die Möglichkeit beim Film, Fehler zu verbessern, indem eine
Szene mehrmals gedreht wird, was auf der Bühne explizit aus der Aussage des Regisseurs hervorgeht: «Nun müssen wir’s nochmals machen!!» (ebd., 231). Dies ist bei einer
Theateraufführung nicht möglich. Der Film verlangt andere technische Mittel als das
Theater (wobei die Bedingungen für einen Stummfilm wie im hier vorgestellten Fall
wiederum nicht dieselben sind wie jene des später weiterentwickelten Tonfilms – beispielsweise ist die Mimik im Stummfilm sehr wichtig und wird oft überzeichnet dargestellt).
Goetz’ Filmdreh auf dem Theater soll abschließend eine Aussage Guitrys über
den Film direkt gegenübergestellt werden, die nicht im Rahmen eines Metatheaters ge-
Denn Curt Goetz war selbst Darsteller des Geists von Hamlets Vater (siehe: Goetz 1960: Memoiren 1.
Teil, 140-158).
16
119
macht wurde. Im Gegensatz zu Goetz hat Guitry das Filmen nicht in vergleichbarer
Weise auf der Bühne inszeniert.
Quand vous avez filmé vos acteurs au travail […], vous avez enregistré leur jeu et vous pouvez
l’oublier, tandis qu’au théâtre vous ne savez jamais ce que votre distribution vous réserve. Un
film est une chose qui a eu lieu. Un événement passé et terminé […] « L’acteur sur l’écran ne
joue pas : il a joué. Il a joué pour vous en pensant à vous – mais en votre absence. […] »
(Harding 1985, 167)17
Inhaltlich fällt auf, dass Guitry für einen abgedrehten Film unvorhergesehene Zwischenfälle ausschließt und demgegenüber für die Theateraufführung betont, dass mit solchen
Eventualitäten immer gerechnet werden müsse. Dass letztere jedoch auch bei Dreharbeiten auftreten können, hat Goetz in seinem Einakter Der Hahn im Korb beispielhaft
aufgezeigt durch die Darstellung der unzähligen Zwischenfälle, die im Zusammenhang
mit der Absage des weiblichen Stars entstehen – oder auch durch die Pannen mit dem
eigenwilligen Tier (dem Hahn im Korb im wörtlichen Sinne, vgl. den Titel des Stückes).
Abwenden kann das Unglück letztlich nur noch die unerkannte Diva, die als einzige
Frau im Stück einen weiblichen Hahn im Korb im übertragenen Sinne darstellt.
Eine Dreheinlage fiktiver Art kommt ebenfalls in Goetz’ Stück Nichts Neues aus
Hollywood (1956)18 vor, das «in Hollywood und in der Nachkriegszeit entstanden» ist
(Von Martens: Nachwort zu Goetz: Sämtliche Bühnenwerke, 1133). Darin thematisiert
Goetz auch seine Erfahrungen mit der Traumfabrik kritisch, letzteres deutet zusätzlich
der Untertitel an: «Ein vergeblicher Versuch zu übertreiben in drei Akten» (Paratext,
Nichts Neues…, 845). Aufgeführt wurde das Stück aber erst nach Goetz’ AmerikaAufenthalt. Dass die Handlung in den USA spielt, merkt man bereits an den Namen der
fiktiven Schauspieler. In die Dreharbeiten zu einem Wildwestfilm geraten hier versehentlich «Cliff Clifford, Schriftsteller, […] Mary Puffington, Schauspielerin [und] Edith
von Putteisen» (Personenverzeichnis, ebd., 846). In Verkennung der Dramenwirklichkeit
meinen sie, dass es sich beim Binnentheater um einen echten Überfall handelt. Im Nebentext wird die Szene so beschrieben:
Während die Puffington ihrem halbnackten Eroberer widerstandslos an die geölte Brust sinkt, verteidigt Putteisen sich heldenhaft. Als der Indianer die auf dem Boden Liegende zu fesseln versucht, springt ihm Clifford auf
den Rücken, wird aber von einem zweiten Indianer mit einem Kolbenschlag erledigt, der ihn […] – schön langsam in Zeitlupe, wie wir das im Film so bewundern […] – nach hinten sinken läßt.
(Nebentext, Nichts Neues: II, 903)
Die Regieanweisung belegt, dass es in dieser Szene darum geht, das Medium Film im
Theater nachzubilden. Mit der Ankunft des Regisseurs Dave Davenport klärt sich das
Missverständnis auf, was – auch für die echten Zuschauer – bewirkt, dass die kurze SzeBei Harding fehlt ein Nachweis der genauen Herkunft des indirekten Zitats. Es ist als Aphorismus von
Sacha Guitry bekannt geworden in der Kurzform «Il ne joue pas, il a joué» (Vgl. Lorcey 2007, 33 – Hervorhebung im Original – dort ebenfalls ohne genauere Angabe der Zitatherkunft.)
18 Datierung der Uraufführung nach: Knecht 1970, 216.
17
120
ne nicht mehr als Teil der Rahmen-, sondern als Teil der Binnenhandlung wahrgenommen wird. Auf die Zuschauer soll die Szene wirken wie ein Wildwestfilm, was aus der
Regieanweisung explizit hervorgeht – sie werden also ebenfalls getäuscht in Bezug auf
die Einschätzung der fiktionalen Ebenen. Wir haben es hier mit einem erneuten Fall
von Film auf dem Theater zu tun, wobei erst im Nachhinein aufgedeckt wird, dass es
sich um Dreharbeiten handelt. Die Einlage bewirkt in erster Linie eine Täuschung von
Puffington, Clifford und Putteisen über den ontologischen Status der Indianerszene.
Daraus resultiert Situationskomik für die Zuschauer. Der Filmdreh hat hier in erster Linie einen Unterhaltungswert. Im Gegensatz zum Stück Der Hahn im Korb dient er aber
nicht dazu, die Rolle eines Filmschauspielers explizit zu thematisieren. Solange es nicht
aufgeklärt wird, kann man dieses paradox erscheinende Phänomen als Metalepse klassifizieren, da hier die Personen des äußeren Dramas (aus der Intradiegese) unerwartet in
die Handlung eines inneren Dramas geraten, also auf die Ebene der Hypodiegese. Es
handelt sich gemäß der Definition der Metalepse um zwei Erzählebenen, welche «unlogisch vermischt» werden (Klimek 2010, 80). 19 Eine solche paradoxe Vermischung der
beiden Erzählebenen kommt auch in anderen metatheatralen Klassikern vor – etwa in
Tiecks Gestiefeltem Kater.
5.2.
Theater im Theater als Bühnenprobe
Im Weiteren werden Szenen beschrieben, in denen Stücke vermeintlich erfundener Autoren geprobt werden. Sehr viele solche Beispiele finden sich bei Guitry. Diese Proben
laufen bei ihm in der Regel auf der Bühne ab. Auch bei Coward wird eine Probe gezeigt,
nämlich in der Bühnenbearbeitung seiner Erzählung Star Quality durch Luscombe
(2001)20 – auf dieses Stück wird in Kapitel 11 genauer eingegangen. Es bleibt indessen
weitgehend unklar, welche Teile dieser Probeszenen Luscombe aus Cowards unveröffentlichtem Bühnenmanuskript übernommen hat – denn die zugrundeliegende Short Sto-
Klimeks Systematisierung der Metalepsen-Theorie stützt sich, wie in Kapitel 2.4. ausgeführt, auf Genettes eigene Arbeiten von 1972, folgt jedoch nicht seiner späteren Erweiterung des Metalepsen-Begriffs (vgl.
Genette 2004). Klimek hat den Metalepsenbegriff vorwiegend auf die Erzählanalyse angewendet, jedoch
(wie vor ihr bereits Genette) ebenfalls auf das Drama übertragen (vgl. Klimek 2010, 80-90). Im Gegensatz
zu einer Erzählung, in der es paradox wirkt, wenn sich eine Figur aus einer Geschichte auf die Ebene des
Lesers begibt (auch wenn das Verfahren in den letzten Jahren große Verbreitung gefunden hat), wird das
Missverständnis im vorliegenden Beispiel ab dem Zeitpunkt aufgeklärt und wirkt plausibel, sobald man
ahnt, dass es sich bei den Indianern nur um eine gespielte Rolle in einem Film handelt. Davor handelt es
sich jedoch um eine Situation, die als Metalepse beschrieben werden kann.
20 Datierung nach: Paratext, Star Quality, Sheridan Morley: Introduction, vii. Luscombe stützt sich bei seiner Theaterbearbeitung auf ein unveröffentlichtes Bühnenmanuskript Cowards (vgl. ebd.), welches mir
nicht vorliegt.
19
121
ry Cowards (1951)21 enthält in Bezug auf das Binnenstück eher vage Angaben. Eine probeähnliche Szene als zweimal wiederholte Theatereinlage im eigentlichen Sinne, die von
Familie Bliss in deren Hause gespielt wird, kommt in Cowards Stück Hay Fever (1925)22
vor. Da diese in engem Zusammenhang mit einer anderen, als metatheatral klassierten,
spielerischen Einlage steht und das Stück in seiner Gesamtheit betrachtet werden soll,
wird an späterer Stelle darauf eingegangen (siehe unten, Kap. 10.1.5.).
In Guitrys frühem Stück in drei Akten, Jean III ou l’irrésistible vocation du fils
Mondoucet (1912), kommt eine kurze Probe vor, die einer späteren Aufführung vorausgeht. Paul, der kurzfristig als Ersatzschauspieler einspringt, obwohl er seine Rolle nicht
kennt, unterschätzt die Schauspielerei, wenn er zu seiner Bühnenpartnerin Léone sagt:
En quoi consiste-t-il, ce rôle, d’ailleurs ?… C’est simple comme bonjour… j’ai trois choses à
faire : raconter une bataille, vous dire que je vous aime et vous tuer !… C’est idiot, mais ce
n’est pas sorcier ! Pour vous tuer, je ferai semblant. Pour raconter la bataille, j’inventerai ! Et
pour vous dire que je vous aime, ma foi, j’ai l’impression que je vous le dirai assez facilement.
(Jean III: II, 142)
Sie antwortet ihm: «Rien n’est facile, vous savez !» (ebd.) und fordert ihn auf zu proben:
«Essayez de me dire : ‹Je vous aime› !» (ebd., 143), woraufhin Paul dies zu spielen versucht:
Paul : Ah ! oui… heu… je… heu…
Léone : Ah ! vous voyez !
Paul : Attendez… heu… je vous aime !
Léone : C’est pas mal, oui… mais on n’entend pas !
Paul : Je ne tiens pas à ce qu’on l’entende. Vous l’avez entendu, vous ?
Léone : Oui, mais, moi, ça ne suffit pas.
(Jean III: II, 142f.)
An dieser kleinen Szene wird exemplarisch die Schwierigkeit aufgezeigt, auf der Bühne
nur schon einen Satz überzeugend zu sprechen. Ebenfalls betont wird die Wichtigkeit,
dass das Gesagte beim Publikum – auch akustisch – ankommt. Hier wird der unerfahrene Schauspieler von einer erfahrenen Kollegin zurechtgewiesen – die Funktion dieser
Szene mag in erster Linie komisch sein, sie enthält aber auch ernstgemeinte Kritik. Pauls
Liebeserklärung entspricht nicht dem genauen Text des fiktionalen Binnenstücks, denn
er hat den Souffleur aus eigener Initiative aus der Probe weggeschickt, wohl, um mit
Léone alleine zurückzubleiben, wodurch es sich um eine Probeszene handelt, die nicht
mehr als eigentliches Theater im Theater erfasst werden könnte, würde man sich streng
an Forestiers Kriterium halten, wonach mindestens ein Zuschauer zugegen sein muss
(vgl. Forestier 1981,11).
Datierung der Publikation nach: Paratext, Star Quality, Sheridan Morley: Introduction, vii.
Datiert nach: The Noël Coward Society (2001): Chronology. [Onlinefassung].
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
21
22
122
URL:
Typischerweise handelt es sich bei Paul um einen Laiendarsteller. Davon gibt es
einige in der Tradition der metatheatralen Stücke, man denke wiederum an die schauspielernden Handwerker in A Midsummer Night’s Dream (1595) von Shakespeare. Ähnlich
wie der Geist von Hamlets Vater in Ritterrüstung bei Goetz tritt Paul in dieser Probeszene ebenfalls als Ritter kostümiert auf:
Léone : Ça va, derrière le paravent?
Paul : Oui, oui…
Léone : Ça entre ?
Paul : Le maillot est un peu juste…
Léone : Non, je parle du texte.
[…] Paul, paraissant, presque entièrement vêtu d’un costume de chevalier du Moyen Age : […] Mais, voyezvous madame, je suis si content de jouer la comédie, ce soir, – et de la jouer avec vous – je suis
si content que je ne veux pas que mon plaisir soit gâché par le souci d’avoir à apprendre mon
rôle !
(Jean III: II, 142)
Dieser Dialog, in dem Paul vor allem mit dem Umziehen beschäftigt ist, spricht das Erlernen einer Rolle an: Pointiert zeigt Léones Wortspiel in dieser Szene auf, wie wichtig
es für Guitrys Komödien ist, dass der Text (ebenso wie das Kostüm) sitzt – was der Autor hier direkt auf der Bühne thematisiert. Paul hingegen sträubt sich dagegen, seinen
Rollentext zu lernen.
Um den Beruf des Schauspielers geht es ebenfalls in Guitrys Drama Le Comédien
(1921)23 – einem Stück, das die Guitrys (also Vater und Sohn) jahrelang begleitete. Es
handelt sich um ein wichtiges und sehr erfolgreiches Bühnenwerk mit unzähligen Probeszenen (aber ohne eine Binnenaufführung), das jedoch einige Passagen enthält, die im
Sinne einer inszenierten Poetik Guitrys gedeutet werden können. Deshalb soll an dieser
Stelle ausführlich darauf eingegangen werden. Das Stück hat Guitry seinem Vater Lucien gewidmet, der darin 1921 die Rolle des «comédien» übernahm (siehe: Personnages,
Comédien, 333). 1938 spielte Sacha Guitry dieselbe Rolle. In seinem Brief, «Lettre à
mon père», der dem Theaterstück in der mir vorliegenden Ausgabe vorangestellt wurde,
heißt es:
Mon adorable père, je te l’avais déjà donnée en l’écrivant – je te l’avais offerte au soir de la
première – et je te la dédie aujourd’hui qu’on l’imprime.
[…] à vrai dire, elle est toi-même, cette pièce.
Nous ne nous en sommes jamais parlé. Tu ne m’as pas dit à la lecture : « Tiens, je vois que tu
as fait mon portrait ! » Tu ne m’as pas dit, en répétant : « Puisque tu as voulu faire un portrait
de moi, ne me fais pas dire tel mot […], car ce sont là des choses que je ne pense pas. » […]
Non, tu ne m’as rien dit, et il n’y a pas un mot qui soit de toi dans cette pièce. Or donc, […]
puisque tu jouais le rôle d’un très grand comédien, du plus grand comédien de son temps, je
suis bien obligé de penser qu’il ne t’a pas déplu de […] t’exprimer sur ton Art et sur ton Métier
selon mes vues.
(Paratext, Comédien: Lettre à mon père, 329)
23
Datierung nach: Paratext, Comédien, 327.
123
Als Widmungsschrift im Nebentext zeigt dieser ‹Brief› auf, wie sehr die Rolle des
«comédien» von Guitrys Vater inspiriert war – und dennoch scheint sie auch dann noch
gepasst zu haben, als Guitry die für seinen Vater geschriebene Rolle später selbst verkörperte. Die Worte, die Sacha Guitry an seinen Vater richtet, beschreiben den Respekt,
den Lucien Guitry dem Werk entgegenbrachte, indem er die Rolle so spielte, wie sie ihm
sein Sohn auf den Leib geschrieben hatte. Auf Parallelen zwischen dem echten Lucien
Guitry und der Rolle des «comédien» einzugehen, ist im Weiteren nicht das Ziel dieser
Arbeit. Der Einfachheit halber soll im nachfolgend in direkter Übersetzung von ‹der
Komödiant› gesprochen werden, wenn über die typenhaft gezeichnete Figur gesprochen
wird, die nur unter ihrem Rollennamen vorkommt und deren ‹echten› Namen wir nie erfahren.
Die Beschreibung der Rahmenbedingungen des Stücks soll im Folgenden dazu
dienen, die darin vorkommenden Probeszenen besser einordnen zu können. An dieser
Stelle wird auch auf Theatermetaphern und Aussagen über das Theater verwiesen. Der
erste Akt der Rahmenhandlung spielt im Ankleideraum des bekannten Schauspielers
und beginnt nach der Dernière eines Stücks im Stück. Die Zuschauer erfahren, dass der
besagte Komödiant soeben in diesem Binnendrama aufgetreten ist. Es ist bereits drei
Monate lang gespielt worden (vgl. Comédien: I, 337). Der Schauspieler äußert seine
Trauer darüber, dass das Stück abgesetzt wird. Auch der Autor zeigt sich enttäuscht.
Kowzan fasst das ‹Milieu› des Stücks und die darin auftretenden Personen so zusammen:
La pièce toute entière se passe dans le milieu théâtral – acteurs et actrices, auteur dramatique
[=Leclerc ; M.H.], directeur du théâtre [=Bloch ; M.H.], régisseur, habilleuse.
(Kowzan 1991, 242)
Ähnlich wie im Vorspiel zu Seifenblasen von Goetz (1963)24 diskutieren diese Personen
über ihre verschiedenen Standpunkte. Das Stück Le comédien enthält unzählige Stellungnahmen zum Theater und zur Schauspielerei.
Im ersten Akt begegnet der etwa fünfzigjährige Komödiant der zwanzigjährigen
Jacqueline, die zunächst vor allem die Rolle, die er auf der Bühne darstellt, beeindruckt.
Der Komödiant verkleidet und pudert sich erneut, um die junge Verehrerin in seinem
Bühnenkostüm zu empfangen, sehr zum Erstaunen der Garderobiere, welche ausruft:
«Mais vous vous remettez votre complet de scène» (Comédien: I, 354). Dieser Szene vorausgegangen ist eine Zusammenkunft des Komödianten mit Maillard, dem Pflegevater
Jacquelines (und Freund des Komödianten) – dieses Treffen ist der Hauptgrund für die
Datierung der Erstveröffentlichung nach: von Martens 1963, Nachwort zu Sämtliche Bühnenwerke,
1133.
24
124
spätere Verkleidung des Komödianten. Maillard versichert in der besagten Szene dem
Schauspieler, er habe sich gegenüber früher überhaupt nicht verändert: «la même coiffure, les mêmes moustaches» (ebd., 348). Darauf zieht der Komödiant die Perücke aus
und entfernt den falschen Schnurrbart, worauf Maillard erstaunt meint:
C’est très troublant. Il y a un instant, tu ressemblais davantage au jeune homme que j’ai connu… mais tu lui ressemblais tellement que c’était invraisemblable. Tu lui ressembles moins
maintenant, mais il semble que je te reconnais mieux.
(Comédien: I, 348f.)
Die Verkleidung bewirkt also, dass Maillard den Schauspieler jünger einschätzt, als er in
Wirklichkeit ist – die Grenze zwischen Täuschung und Rollenspiel scheint hier fließend
zu verlaufen, da es die Maske aus der Binnenhandlung ist, die ihn verjüngt. Das Verkleiden drückt in der Szene mit Jacqueline indessen weniger den Wunsch des Komödianten
aus, seine Rolle nicht ablegen zu wollen (auch wenn dies auf den ersten Blick so erscheinen mag) – vielmehr folgt der Komödiant damit dem Vorschlag Maillards, der ihn
vorher etwas unsanft aufmerksam gemacht hat auf «la différence qu’il y a entre toi à la
scène … et toi à la ville ! … Elle ne t’a jamais vu qu’à la scène … » (ebd., 353). Guitry
spielt nicht nur im Theater mit Verkleidung, Schein und Realität. In der Verfilmung zu
Le Comédien (1947) beispielsweise stellt er sowohl seinen Vater (in der Rolle des Komödianten) als auch sich selbst dar.25
Wie es zur Liebesbeziehung gekommen ist, erklärt der Komödiant später Maillard mit der folgenden Schauspielmetapher:
Le comédien : […] Tu ne t’es pas rendu compte de ce que tu faisais ! Tu m’as mis au défi de jouer
un rôle d’amour tel que je suis à la ville ! …
(Comédien: II, 358)
Der Komödiant spricht auf der Ebene der Rahmenhandlung von einer Rollenübernahme, seine Liebe im Privatleben umschreibt er als «rôle d’amour» (ebd.). Er will Jacqueline als Privatperson beeindrucken, nicht nur als Schauspieler, und hat Angst, ihren Anforderungen im ‹echten› Leben nicht zu genügen. In einer früheren Szene hat der Komödiant nämlich den im ersten Akt geäußerten Gedanken von Maillard überspitzt so
ausformuliert: «[…] tu m’as fait comprendre très clairement que, pour jouer le rôle d’un
homme qui doit dégoûter une jeune fille… je n’avais qu’à me démaquiller !» (ebd.: I,
Le Comédien wurde 1947 von der Union Cinématographique Lyonnaise unter der Regie von Guitry verfilmt. Das eigentliche Stück wird im Film jedoch nur in gekürzter Fassung gezeigt. Insbesondere die Theater-im-Theater-Partien sind darin größtenteils ausgeklammert. Beispielsweise wird nur eine kleine Szene
mit dem Schauspieler gezeigt, der in Le Comédien kurz «acteur» heißt – dort, wo er vergisst, die Türe auf
der Bühne zu schließen. Der Film ist explizit ein Dokument über Lucien Guitry und geht auch auf dessen
Kindheit und weitere seiner Rollen, wie Pasteur, ein. Die Hauptdarstellerin heißt in der Verfilmung Catherine statt Jacqueline (was der Name von Guitrys Ex Frau war) und wird gespielt von Lana Marconi
(Guitrys neuer Partnerin).
25
125
354). Die Rolle, die er «à la ville» (ebd.) zu spielen beschlossen hat, beschreibt der Komödiant mit weiteren Theatermetaphern:
Auteur dramatique occasionnel, tu m’as apporté un scénario dans lequel tu prétendais me faire
jouer un rôle muet et détestable… Puis, choisissant toi-même un public dont l’oreille m’était
déjà acquise…26 tu m’as dit « Commençons ! » Alors, dame, que veux-tu… j’ai essayé de m’en
tirer, je me suis défendu… j’ai improvisé. Je n’ai jamais eu de four, tu sais !
(Comédien: II, 358; Anm. M.H.)
Jacqueline wird als sein ‹Publikum› bezeichnet, ihr Pflegevater Maillard als ‹der Stückeschreiber›,27 der ihm eine ‹stumme, undankbare Rolle› zugeschrieben hat. Diese ist vom
Komödianten aber uminterpretiert worden, da er noch nie einen ‹Flop› gehabt hat.
Im zweiten Akt kehrt das Paar bereits aus gemeinsamen Ferien zurück, diese
werden von Kowzan als «lune de miel» bezeichnet (vgl. Kowzan 1991, 242). Auf eine erfolgte Eheschließung deutet im Dramentext jedoch nichts hin. Der Komödiant beginnt
später mit seiner Partnerin Jacqueline zu proben (siehe ebd.). Die Liebesgeschichte in
der Rahmenhandlung bekommt nämlich eine Entsprechung auf der Bühne, denn unverhofft wird eine Reprise des alten Stückes angekündigt, worin der Komödiant die Rolle spielte, in die sich Jacqueline verliebte. Dieses Stück soll geprobt und dann erneut
aufgeführt werden, weil das laufende, neue Drama ein Misserfolg ist (vgl. Comédien: II,
364).28 Jacqueline bekommt pikanterweise die Möglichkeit, darin die Rolle Antoinettes,
der vorherigen Bühnen- und Lebenspartnerin des Komödianten, zu übernehmen. Diese
gilt es zu ersetzen, weil sie sich nach einem Streit mit dem Komödianten zurückgezogen
hat. Der Komödiant aber weist bereits im Voraus auf Schwierigkeiten bezüglich der beabsichtigten Rollenbesetzung hin:
Leclerc: Le rôle, en somme, n’a que trois scènes…
Bloch : Au un et au deux, elle a peu de chose à faire …
Le comédien : Attention, mes enfants ! Au un et au deux, il y a la situation… mais au trois, il n’y a
plus rien ! ça, je vous l’ai toujours dit … le trois, il faut le sauver.
Leclerc : Vous l’avez sauvé !
Le comédien : Nous l’avons sauvé… car vous savez, on ne joue pas tout seul. Et puis le rôle a
beau ne pas être long. Il faut qu’il soit su…
Jacqueline : Je le sais…
Le comédien : Comment dis-tu ?
Jacqueline : Je dis que je le sais…
Le comédien : Quoi ?
Jacqueline : Le rôle…
(Comédien: II, 372)
Gemeint ist Jacqueline, die zu diesem Zeitpunkt bereits in den Komödianten verliebt ist.
In der Dramen-‹Wirklichkeit› ist Maillard kein Theaterautor; es handelt sich hier lediglich um eine metaphorische Umschreibung seiner Funktion im Stück. Als ‹echter› Autor tritt im Stück die Figur Leclerc
auf.
28 Autor Leclerc sagt darüber: «Vous savez que Bloch ne fait pas un sou avec la pièce qu’il joue et que
nous allons entrer tout de suite en répétition» (Comédien: II, 364). Gemeint sind die Proben für das neue
Stück, welche sogleich beginnen sollen.
26
27
126
Dass der Komödiant fast eine Vaterfigur für die Theaterleute verkörpert, drückt sich in
seiner Anrede an die Schauspieler aus, die er «mes enfants» (ebd.) nennt. Das Problem
scheint sich einerseits unverhofft zu lösen, hat Jacqueline doch aus Schwärmerei für den
Komödianten jeder Aufführung des Stückes beigewohnt hat und weiß die Rolle längst
auswendig. Der Komödiant kennt jedoch andererseits die Schwierigkeiten des Stücks
und ist fähig, sie genau zu benennen. Als Schauspielerin ist Jacqueline gänzlich unerfahren und der Komödiant hat aus diesem Grund Bedenken, sie für die Rolle einzusetzen.
Er befindet sich also in einem Dilemma zwischen seinen Gefühlen und seinen professionellen Ansprüchen. Eine erste kurze Probeszene zwischen den beiden (aus dem ersten
Akt des Binnentheaters) kommt am Ende des zweiten Akts vor (siehe ebd., 373).
Der Komödiant und Jacqueline üben auch am Ende von Akt III eine gemeinsame Szene, anfangs ohne Zuschauer,29 auf der Bühne: Sie wiederholen zuvor geprobte Sequenzen aus dem Binnenstück (vgl. Comédien: III, 382). Diese gleiche Stelle wird hier weitere vier Male wiederholt. Diese Probe des Binnenstücks illustriert erstens die Liebesbeziehung (da es sich um eine Liebesszene handelt – unterstrichen wird dies noch
dadurch, dass sich das Paar anfangs alleine auf der Bühne befindet), zweitens wird
dadurch selbstreflexiv das Schauspiel thematisiert und drittens ist sie (später) auch Quelle von Komik. Die Binnenhandlung, die umso romantischer erscheint, als die beiden
auch in der Rahmenhandlung ein frisch verliebtes Paar sind, wird durch die mehrfache
Wiederholung für das echte Publikum ins Komische verzerrt (auch die tragischste Szene
verliert dadurch ihre entsprechende Wirkung). Ein zweiter Grund für die Komik ist das
Heranrücken der Bühnenarbeiter, die mit dem Bühnenumbau beginnen, während das
Paar noch probt:
Les machinistes se mettent à poser le décor.
Le comédien : Continue : Pauvre ?
Jacqueline : Ruiné !
Le comédien : Déchu ?
Jacqueline : Tombé !
Le comédien : Flétri ?
Jacqueline : Honni !
Le comédien : Souillé ?
Jacqueline : Jacqueline: Taré
Un machiniste : Pardon m’sieur dame.
Le comédien, entraînant Jacqueline à l’autre bout de la scène : Recommençons : Alors, si le malheur arrivait, tu serais la même ?
Jacqueline : Exactement !
Le comédien : Pauvre ? [… etc., Wortfolge wie oben]
Auch diese Szene könnte nicht als eigentliches Theater im Theater klassiert werden, würde man das von
Forestier geforderte Binnenpublikum als notwendiges Kriterium für ein eigentliches Theater im Theater
übernehmen (vgl. Forestier 1981, 11) – außer, wenn davon ausgegangen würde, dass das Paar sich selber
zuschaut. Wie erwähnt wird hier Schöpflin gefolgt, die für Theatereinlagen nicht notwendigerweise ein
Publikum fordert (vgl. Schöpflin 1993, 11).
29
127
Le comédien : Souillé ?
Un machiniste : Attention ! Gare, là-devant !
Le comédien, entraînant Jacqueline au fond : Recommence : Pauvre ?
Jacqueline : Ruiné ! [… etc., Wortfolge wie oben]
Jacqueline : Taré !
Bousculés par les machinistes, ils sortent en finissant la scène.
Le régisseur, au milieu du théâtre : Envoyez l’avant-scène !
ET LE RIDEAU TOMBE
Les machinistes ayant posé le décor.
(Comédien: III, 391f. ; Hervorhebungen im Original)30
Durch das Auftauchen der Bühnenarbeiter werden der Komödiant und seine Partnerin
von einer Ecke in die andere geschoben. Die Bühnenarbeiter unterbrechen die Probe
und stören sie,31 wodurch ein zusätzlicher komischer Kontrast zwischen der Rahmenhandlung und dem Binnenstück entsteht.32 In zweiter Linie werden dem echten Publikum so die Aufführungsbedingungen eines Stücks bewusst gemacht: Die Wichtigkeit
der Wiederholung des Rollentextes wird angesprochen, und die sonst nicht auf der
Bühne sichtbaren Bühnenbauer stehen in dieser Probeszene im Mittelpunkt. Es findet
sich in dieser Szene jedoch keine Anweisung für die Gestaltung des Bühnenbilds im
Sinne einer Poetik des Theaters – Guitry hat dies in anderen Stücken thematisiert, rückt
hier aber die Komik in den Vordergrund. Strukturelle Komik entsteht auch in den
früheren Szenen durch die mehrfache Wiederholung einer Probesequenz: Der Komödiant weist seine Schauspielerkollegen immer wieder an, die Türen hinter sich zu schließen, auch dann, wenn auf der Bühne noch gar keine richtigen Türen vorhanden sind 33 –
auch das ist typisch für eine Probe, denn das richtige Bühnenbild wird erst am Ende von
Akt III aufgestellt.
Das Stück Le Comédien enthält wie erwähnt kein Theater im Theater als Aufführung, das Binnentheater wird jeweils nur als Probe gezeigt. Typisch für die Probeszenen
ist das Herausfallen aus der Rolle, also dass jemand beispielsweise seinen Text vergisst
oder nicht genau weiß, wie seine Rolle zu spielen ist. So enthalten diese Szenen viele
Bemerkungen, die sich auf die Proberealität beziehen, und die Figur des Komödianten
hat bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit, seine große Erfahrung als Schauspieler in
Form von Ratschlägen weiterzugeben. Es sind insbesondere solche Szenen, die in Bezug
Oft werden die Texte des Binnentheaters bei Guitry im Dramentext kursiv gesetzt. Dann wird dies in
der vorliegenden Arbeit meistens übernommen. Dadurch wird zum Beispiel das Aus-der-Rolle-Fallen klarer gekennzeichnet. Eigene Kursivsetzungen werden angegeben.
31 Als stellvertretendes Binnenpublikum können auch sie nicht unbedingt gelten, da sie mit dem Aufbau
der Bühne beschäftigt sind (vgl. das Kriterium von Forestier 1981, 11).
32 Keineswegs handelt es sich dabei jedoch um eine Metalepse im Sinne einer Vermischung der beiden
Dramen-Ebenen, denn keine der auf der Bühne anwesenden Personen hält das Geprobte für ‹wirklich›.
Die beiden Dramenebenen sind vielmehr nebeneinander präsent.
33 Von einer ähnlichen Erfahrung als Schauspieler mit den Türen auf der Bühne berichtet auch Curt
Goetz in seinen Memoiren (Goetz/von Martens 1962, 195).
30
128
auf die Fragestellung dieser Arbeit nach der inszenierten Poetik interessieren. Guitry erzeugt außerdem mit fast allen Probeszenen komische Effekte. Beim vorliegenden Stück
soll auch auf das Verhältnis von Rahmen- und Binnendrama eingegangen werden, zumal das Liebespaar, das in der äußeren Handlung zusammengefunden hat, nun im Binnenstück ebenfalls ein Liebespaar darstellt. Dies führt dazu, dass es als Schauspielerpaar
zusammen probt. Auf die Rollen Jacquelines und des Komödianten in der Rahmenhandlung soll nur am Rande eingegangen werden. Hingewiesen wurde aber bereits darauf, dass der Komödiant sich, um Jacqueline zu erobern, im Privatleben bis zu einem
gewissen Grad verstellt. Im Stück mischt sich beim hier gezeigten Paar Privatleben und
Beruf, wie dies autobiografisch bei Guitry und auch Goetz der Fall war. Zur Schauspieler-Rolle in der Rahmenhandlung kommt die Bühnen-Rolle des Paares dazu, und es ist
die Interaktion und Abgrenzung dieser beiden Bereiche, die in der Folge besonders interessiert bei der Frage nach der Darstellung des Theaters im Theater in Guitrys Stücken.
Im dritten Akt kommt eine eigentliche Probeszene vor, welche der bereits oben
besprochenen im Stückablauf vorausgeht. Der ganze dritte Akt spielt nämlich «sur le
plateau» (Comédien: III, 374) und stellt eine Probe dar. Es handelt sich um «la répétition
de la pièce dont le dialogue (exécrable) occupe la moitié de l’acte» (Kowzan 1991, 242) –
gemeint ist das Theater im Theater, von dem bereits ein geprobter Auszug zitiert wurde.
Das Binnenstück wird insgesamt in mehreren Probesequenzen vermittelt: Die Szenen,
in denen Madeleine34 (also Jacquelines Rolle) vorkommt, werden in der Neubesetzung
eingeübt. Die Rollenbesetzung des Binnenspiels ist die folgende: M lle Simonest spielt die
Rivalin, der Komödiant den Geliebten, der Akteur (ein mangelhafter Schauspieler, siehe
unten) dessen Freund und Jacqueline (anstelle von Antoinette) spielt die Geliebte namens
Madeleine. Geprobt werden der zweite und der letzte Akt der Binnenhandlung. Als Zuschauer des Stücks im Stück sind während der Probe präsent: Mlle Simonest und der
Komödiant (bis zum Zeitpunkt ihres Auftrittes), außerdem der Autor Leclerc sowie der
Regisseur, der während der Probe gleichzeitig als Souffleur agiert. Die Probe wird unterbrochen durch Korrekturen am Schauspiel und das Aus-der-Rolle-Fallen. Eine weitere Unterbrechung bewirkt das Eintreten von Theaterdirektor Bloch (Comédien: III,
378). «Le comédien», der Komödiant par excellence, tritt in den Proben als Garant für
gutes Theater auf. Seine Rolle übersteigt die eines Schauspielers, er fungiert auch als eine
Art zweiter Regisseur.
34
Zum besseren Verständnis werden die Rollen aus der Binnenhandlung von mir kursivgesetzt.
129
Einer der Schauspieler spielt ausgesprochen mangelhaft. Wir wissen seinen Namen nicht, er wird im Nebentext (vgl. unten) nur «l’acteur» genannt (auf Deutsch nachfolgend ‹der Akteur›, wobei die Bezeichnung pejorativ gemeint ist). Er ist das typenhafte
Negativbeispiel eines Schauspielers und wird als eifersüchtiger Zeitgenosse dargestellt,
der dem Komödianten seinen Erfolg missgönnt, über ihn Witze macht und ihn bloßstellt, aus dem Gefühl heraus, dieser versperre ihm seit zwanzig Jahren den Weg zum
Erfolg. In den Probeszenen35 wird der Akteur vom Komödianten für sein Spiel kritisiert:
Le comédien : Lutter pendant vingt ans contre la destinée… à chaque étape de sa vie voir dresser devant soi une
barrière nouvelle… la franchir… faire fortune franc par franc… tout perdre en un seul jour… et tout reconquérir. Surmonter tous les obstacles, rompre toutes les chaînes, aplanir toutes les difficultés, déjouer toutes les
trahisons, démasquer les coupables, punir les lâchetés, venger les innocents, affronter les périls, courir tous les
dangers… ne connaître jamais nulle force supérieure à la sienne… et se sentir soudain le jouet d’une femme !
Pendant toute cette tirade, l’acteur n’a cessé de faire des « Oh ! » des « Ah ! ».
Le comédien : Ça ne vous gêne pas que je parle pendant que vous faites tout ça ? Non ?
L’acteur : Pendant que je fais quoi ?
Le comédien : Tous ces bruits-là… « Ah !… Oh !… Hum !… Rrr ! » Ça n’a pas de sens…
L’acteur : Je vous demande pardon… ça a un sens. Il faut que mon personnage s’intéresse à
tout ce que vous dites.
Le comédien : Oui… mon ami. Mais intéressez-vous en silence, ne faites pas de bruit… ça
m’agace ! Se sentir soudain le jouet d’une femme ! Mais je la tiens !
L’acteur : Mon grand ami !
Le comédien, à Jacqueline : Tes chers yeux qui sont faits pour sourire n’auront plus désormais ce regard apeuré !
… Je te veux claire et gaie… je veux que notre vie soit un enchantement perpétuel !… (A l’acteur.) Qu’estce que vous faites ?
L’acteur : Je pleure !
Le comédien : Pourquoi ?
L’acteur : Parce que je suis ému de ce que vous lui dites !
Le comédien : Mais non… en voilà une idée ! Vous avez toujours fait ça ?
L’acteur : Toujours !
(Comédien: III, 380f)
Guitry führt hier im Sinne einer inszenierten Poetik ex negativo am Beispiel des dilettantischen Akteurs die Fehler vor, die ein Schauspieler vermeiden sollte; insbesondere die
Effekthascherei und die übertriebene Darstellung von Gefühlsausbrüchen wird beanstandet (vgl. auch Kap. 11.2.). Die Probeszenen werden von Guitry ebenso komisch
eingesetzt, denn schließlich haben wir es mit einer Anfängerin in Bezug auf die Schauspielerei und einem dilettantischen Schauspieler zu tun. Zusätzlich trägt zur Komik bei,
dass der Komödiant und der Akteur im Stück Freunde sind (vgl. ebd.: «Mon grand ami»),
während die Zuschauer darüber informiert sind, dass sie sich im Privatleben nicht besonders gerne mögen. Zwar nennt der Komödiant den Akteur auch im äußeren Stück
«mon ami» (ebd., 380). Wahrscheinlich ist dies jedoch ironisch gemeint, immerhin hat er
diesen zuvor als «un effroyable imbécile» bezeichnet (Comédien: I, 350). In der folgenAuch hier ist die ganze Binnenhandlung (sowie der Nebentext) in der Vorlage kursiv gesetzt. Die typographische Darstellung wird weitgehend übernommen, wobei der Nebentext zusätzlich fett gedruckt
wurde. Die nicht kursiv abgedruckten Passagen gehören zur Rahmenhandlung.
35
130
den Szene wird nicht nur der Akteur, sondern auch das Binnenstück als Ganzes kritisiert: Es handelt sich beim inneren Stück nicht um eine Komödie, sondern eher um ein
Melodrama – eine Gattung, die Guitry hier parodiert.
L’acteur : […] (Reprenant.)… celui-là, vous le connaissez, mais l’autre, l’homme de cœur, qui n’hésite jamais
lorsque se trouve en jeu le bonheur de ceux qu’il aime… celui-là, vous ne le connaissez pas… Permettez-moi de
vous le présenter.
Le comédien, de la salle : Mais regardez-là donc, nom d’un chien, en disant ça !
L’acteur : Que je la regarde ?
Le comédien : Mais, évidemment, voyons !… Vous dites : Permettez-moi de vous le présenter !… Ne
vous présentez pas au public !
L’acteur : Vous savez mieux que personne qu’une tirade ne rapporte que si on la termine en
face !
Le comédien : Qu’est-ce qu’elle vous rapporte donc, mon Dieu, cette tirade !
L’acteur : Elle me rapporte l’approbation du public !
Le comédien : Mais ne croyez donc pas ça !… Ce sont des choses qui ne se font plus depuis quarante ans ! … Ce dernier acte n’est déjà pas… enfin… il faut le sauver à tout prix.
(Comédien: III, 374f.)
Das hier vorgeführte Stück wird in der letzten Replik des Komödianten als überholt
dargestellt und seine Qualitäten gelten als zweifelhaft: Guitry distanziert sich hier durch
die entsprechende Thematisierung auf der Bühne explizit von dieser Gattung und hebt
seine eigenen Komödien davon ab. Gerade, um solche Stücke von zweifelhafter Qualität zu retten, sind außergewöhnlich gute Schauspieler vonnöten. Der Akteur gehört
nicht zu letzteren. Sein Schauspiel fällt insofern negativ auf, als er in all seinen schauspielerischen Gesten und Reden übertreibt sowie nach Publikumsbeifall heischt, anstatt
seine Rolle mit der erforderlichen Natürlichkeit zu spielen. Er unterlässt es, seine Partnerin auf der Bühne beim Spielen anzuschauen, weil er sich zu sehr auf das Publikum fixiert (vgl. ebd.). Es handelt sich hier um eine Kritik an der inadäquaten Spielweise, die
sehr ähnlich bei Goetz geäußert wird, nämlich in Bezug auf die Dreharbeiten respektive
das In-die-Kamera-Schauen im Stück Der Hahn im Korb (vgl. Hahn im Korb, 230f; siehe
Kap. 5.1.).
Beim Akteur sind noch weitere Mängel zu beobachten; so vergisst er Teile seines
Rollentextes (vgl. ebd., 374). Ähnliches kritisiert der Komödiant auch an der Newcomerin Jacqueline, seiner Geliebten:
Jacqueline : Je le croyais du moins… car il restait encore à me demander du calme.
Le comédien : N’en fais pas trop… tu parles faux !
L’acteur : Nonnn…
Le comédien : Siii !
Jacqueline : J’ai parlé faux ?
Le comédien : Un peu, oui !… Ne t’affole pas… mais fais-y bien attention… c’est un défaut
abominable !
Jacqueline : Alors, on peut parler faux comme on chante faux ?
Le comédien : Oui. Et, dès qu’on se met à chanter en parlant, on parle faux !
(Comédien: III, 377f.)
Im Sinne einer inszenierten Poetik kann man diese Sequenz wiederum ex negativo als Anleitung lesen, wie sich ein Schauspieler auf der Bühne verhalten oder was eine Schau131
spielerin vermeiden sollte. Hier wird die Wichtigkeit des ‹richtigen Sprechens› aufgezeigt
– die genaue Bedeutung lässt der Dramentext weitgehend offen. Was damit gemeint ist,
kann aber bei einer Aufführung dieser Szene vom Schauspieler durch sein Sprechen deutlich gemacht werden. Es fällt auf, dass der Komödiant sehr professionell handelt: Seine
Lebenspartnerin wird ebenso für ihr Schauspiel kritisiert wie die anderen Schauspieler.
Der Komödiant scheint – möglicherweise in Übereinstimmung mit den Ansichten des
Autors – die Wahrung der Professionalität des Schauspiels (thematisiert im Binnenstück) über die Rücksichtnahme auf das Privatleben (dargestellt im Rahmenstück) zu
stellen. Auch seine Partnerin im Privatleben muss ihr Schauspiel professionell betreiben.
Betont wird auch die Wichtigkeit, die eigene Rolle und den Text bis ins kleinste Detail
zu durchdenken. Dies wird wiederum am Beispiel des Akteurs thematisiert:
L’acteur : Les crapules n’ont qu’à bien se tenir quand les braves gens s’occupent d’eux !… Ah ! tenez, je vous
invite à dîner ce soir… et nous boirons du champagne à la santé… du prochain ministère !…
Il sort.
Le comédien : Brave cœur, celui-là. Mais il oublie toujours sa porte.
L’acteur : Pardon !
(Comédien: III, 382)
Hier wird vom Komödianten, der das Schauspiel metatheatral kommentiert, wiederum
die Wichtigkeit eines natürlich wirkenden Schauspiels betont, wozu auch gehört, die Türen auf der Bühne hinter sich zu schließen. (Dass Guitry dadurch auch strukturelle Komik erzeugt, wurde bereits angesprochen.)
Auf die Sprache des Binnenstücks trifft diese angestrebte Natürlichkeit jedoch
mitnichten zu. Vor allem durch die Proben erfährt man die Handlung des Binnentheaters, dessen Dialog Kowzan zutreffend als ‹grässlich› bezeichnet (Kowzan 1991, 242).
Die ausführlich zitierten Tiraden geben einen Eindruck von der zweifelhaften Qualität
der Sprache des inneren Dramas: Die Monologe erscheinen oft als gleichsam sinnentleerte Anreihung gleichbedeutender Wendungen (vgl. oben, z.B. Comédien: III, 380).
Tiraden waren beispielsweise bei Guitrys Vorgängern beim Boulevardtheater sehr
beliebt. Er parodiert hier diese Vorliebe und distanziert sich von ihr. Die karikierende
Darstellung wird noch dadurch verstärkt, dass das Binnentheater im unfertigen Zustand
gezeigt wird (nämlich stets nur als Probe) und durch die Schauspieler oft nicht adäquat
umgesetzt wird. Wahrscheinlich zielt die Parodie insbesondere auf das Rührstück (le
mélodrame). Das Binnenstück ist auf jeden Fall in einem Stil verfasst, welcher nicht dem
Guitrys entsprach. Paul Léautaud, der seine Kritiken im Mercure de France unter dem
Pseudonym «Maurice Boissard» publizierte (vgl. Harding, 1985, 83f.) schätzte die Dialoge von Guitry ihrer Natürlichkeit wegen sehr. Harding schreibt über den Kritiker: «Il
trouva dans le style familier de Sacha un plaisant changement, par rapport au langage
132
guindé des autres auteurs du boulevard» (Harding, 1985, 86). Das Binnenstück stellt wie
erwähnt ein Negativbeispiel dar im Gegensatz zur Rahmenhandlung, die in Guitrys eigenem Stil geschrieben ist, und kann als eine Kritik (und Parodie) des Boulevardtheaters
im weitesten Sinne (wozu historisch auch das Melodrama36 gehört) und dessen affektierter Rede aufgefasst werden.
Der Komödiant macht des Weiteren eine metatheatrale Aussage über das (Binnen-)Publikum, die man als direkte inhaltliche Kritik des Binnenstücks lesen kann (während bislang vor allem formale Merkmale angesprochen wurden):
Le comédien : […] Ah ! Si on pouvait les dégoûter de tout ce qui nous dégoûte… du mensonge… du chiqué… de cette sensiblerie à l’eau de rose… bébête et surannée… de la fausse
éloquence et de la fausse pitié et de toutes ces ordures galantes qui sont la honte d’un art
comme le notre !
(Comédien: II, 364)
Bloßgestellt als ‹Schande unserer Kunst› wird etwa die kitschige Rührseligkeit – wie man
«sensiblerie à l’eau de rose» (ebd.) vage umschreiben kann. Das hier thematisierte Publikum jedoch scheint gerade dafür eine Vorliebe zu haben. Die Rührseligkeit wird explizit
als ‹veraltet› bezeichnet («surannée», ebd.), der Komödiant aus dem äußeren Drama (und
mit ihm Guitry als Boulevardautor) distanziert sich in diesem Sinne ausdrücklich von
der Tradition des Melodramas. Die ‹falsche Eloquenz› mag beispielsweise auf die Tiraden zielen, kritisiert werden auch ‹Lüge› und ‹Verstellung›, womit wohl nicht die Verstellungskomik gemeint ist, die bekanntlich auch Guitry gern in seine Stücke einbaut.
Neben der Abgrenzung des Guitry’schen Boulevardtheaters vom Rührstück
enthält das Binnentheater weitere komische Passagen. Für Komik sorgt etwa die Rächerin der Binnenhandlung in folgender Probeszene, die im Original unterbrochen wird
und die ebenfalls jenes ‹falsche Mitleid› heischt, welches im obigen Zitat angeprangert
wird (vgl. ebd.):
Mlle Simonest : Comme je m’étais fait rouler par les autres… et, quoi que tu penses, je n’ai pas su retirer le
plus petit bénéfice de ma vengeance et de mon infamie !… Je n’ai même pas de quoi vivre! Sais-tu pourquoi je
sors en taille !… C’est parce que je n’ai pas de manteau à me mettre… quant à mon collier de perles, tiens…
vois, je ne l’ai plus… et quant à mes bagues… regarde… […] Je les ai vendues !… Mais je ne demande
rien… je veux refaire ma vie… honnêtement… et, dès demain, j’entrerai dans une usine !
Il faut que l’artiste qui joue le rôle de Mlle Simonest porte à cet acte un manteau de
fourrure. Il faut qu’elle ait un collier de perles et plusieurs bagues aux mains.
Le comédien : Ah ! Je voudrais pouvoir te plaindre… mais je ne peux pas. Le dégoût qui me serre à la gorge ne
laisse pas passer les mots de miséricorde !… Va t’en… va t’en… va t’en !… (Elle s’en va, il fait semblant de refermer la porte derrière elle.)
(Comédien: III, 385f.; kursive Herhorhebung im Original, Fettdruck M.H.)
Die Bekleidung der Schauspielerin kontrastiert mit ihrem Schauspieltext, in dem sie vorgibt, alles verloren zu haben. Sie zeigt dem Komödianten ihre Hände: Diese sind (in der
Das Melodrama war vor allem im 19. Jahrhundert sehr beliebt. Vgl. dazu das Kapitel Le Boulevard sérieux
bei: Brunet 2005, 26-46.
36
133
Probesituation!) voller Ringe, was für die realen Zuschauer einen komischen Effekt hat.
Das Binnenstück, das an sich nicht komödienhafter Natur ist, wird durch die Kontrasteffekte zwischen Dramentext und Kostümierung komisch, welche sich durch eine inadäquate Bekleidung der Schauspielerin in der Probesituation ergeben. Die entsprechende Antwort des Komödianten, die im Binnenspiel als Aufführung mit passender
Bekleidung lediglich herzlos wirken würde, sorgt hier insofern doppeldeutig für Komik,
als sie inhaltlich genau auf die Probeszene passt – der Anblick der mit Schmuck behängten Schauspielerin scheint beim Komödianten «dégoût» hervorzurufen – zutreffend auf
das kitschige Binnenstück als Ganzes – vordergründig aber spricht der Komödiant hier
einfach seinen Rollentext.
Auf mehrere Bezüge zwischen Rahmen- und Binnenhandlung in Le Comédien
wurde bereits verwiesen. Hier wird auf eine weitere Parallele eingegangen: Antoinette
Vervier, frühere Geliebte des comédien in der Rahmenhandlung, gibt im ersten Akt der
Rahmenhandlung ihre Eifersucht auf diejenige Schauspielerin zu erkennen, die ihre Rivalin spielt (das heißt auf Margaret Simonest). Antoinette spielt nämlich in der (vermeintlichen) Dernière noch die Rolle, die bei der Wiederaufnahme Jacqueline übernimmt. Die Traurigkeit des Komödianten darüber, dass das Stück abgesetzt wird, sieht
seine ehemalige Geliebte als Beweis dafür an, dass dieser an M lle Simonest interessiert ist,
was Antoinette ihm in der Rahmenhandlung mit folgenden Worten zu verstehen gibt:
«[S]i tu me crois aveugle, tu te trompes ! […] Tu t’imagines peut-être que je n’ai pas vu
ce soir ce que tu lui faisais dans le cou pendant que tu l’étranglais au second acte ?»
(Comédien: I, 337). Hier werden im metatheatralen Gespräch über das Theaterstück
Rahmenhandlung und Binnenhandlung inhaltlich vermischt. Die Vorwürfe finden ihre
Entsprechung zwei Akte später im Binnentheater – demselben, welches nun erneut geprobt wird, um das wenig erfolgreiche Nachfolgerstück zu ersetzen. Diesmal spielt Jacqueline die Rolle von Antoinette. Die Zuschauer merken erst jetzt, auf welche Szene
Antoinette angespielt hat, und erinnern sich an das vorher Gesagte: Aus diesem Mehrwissen erwächst Komik.
Mlle Simonest : Bandit ![…] Quoi ? Vous voulez encore essayer de me tuer ? Attendez au moins que les premières cicatrices que vous m’avez faites soient effacées !… Je porte encore à la nuque la trace de vos
ongles… lion superbe et généreux !… Généreux, hum… pas très… superbe, vous l’étiez ! Et vous l’êtes encore, ma foi, quand la colère crispe vos larges mains d’ancien ouvrier !
(Comédien: III, 383; kursive Hervorh. im Original, Fettdruck M.H.)
134
Die Schauspielerin mit Namen Antoinette hat, wie man durch die Szene merkt, vom Inhalt des Binnendramas falsche Rückschlüsse auf die Rahmenhandlung gezogen.37 Auf
ähnliche Weise täuscht sich Ecaterina in Guitrys Stück Toâ (1949)38 bezüglich der beiden
Dramenebenen.
Inhaltlich geht es im Binnentheater nicht nur um Rührseligkeit, sondern auch
um die Rachethematik39: Der Komödiant nimmt (in seiner Rolle!) Rache an der ehemaligen Geliebten (gespielt von Mlle Simonest), und diese hatte sich davor bereits an ihm
gerächt. In der Rahmenhandlung ist parallel dazu der Abgang von Antoinette ebenfalls
als Racheakt inszeniert:
Antoinette: Oui, assez… et puisque tu veux être seul… eh bien, tu vas l’être complètement !…
oui, même sur l’affiche… ! Tu pourras jouer tout seul si ça te fait plaisir !… Tu pourras, si tu
peux… parce que tu sais, on ne joue pas tout seul. Tiens, essaie avec Simonest, pour voir, et tu
verras ! Oh ! Sur l’affiche, ce n’est pas difficile d’être tout seul… seulement, en scène, c’est
autre chose ! En scène, il faut qu’on vous donne la réplique… Moi, je l’ai assez donnée… A
une autre… Cherche-là… et trouve-là… Bonne chance !
(Comédien: I, 347)
Hier wird die Quasi-Symbiose angesprochen, die zwischen einem Schauspieler-Ehepaar
im Boulevardtheater à la Guitry (oder auch Goetz) nicht nur im Privatleben herrschen
muss, sondern auch auf der Bühne (diese Beziehung wird gespiegelt in der Rahmenund Binnenhandlung). Antoinette verweist auf die Plakate, bei denen es werbetechnisch
von Vorteil ist, als Paar abgebildet zu sein – denn das Interesse des Publikums gilt oft
auch dem Privatleben eines Schauspielers. Als viel wichtiger als Werbung und Plakate
wird von der Figur Antoinette jedoch das Gegenüber auf der Bühne eingeschätzt. Dass
sie damit nicht Unrecht hat, zeigt die nächste Szene. Ein weiterer Bezug zwischen Binnen- und Rahmenhandlung in Le Comédien besteht bekanntlich darin, dass in der Rahmenhandlung neue eine Liebesgeschichte möglich wird. Gerne würde der Komödiant
Es stellt sich die Frage, ob es sich hier zugleich um eine Metalepse, also um eine paradoxe Vermischung
der Ebenen handelt. Diese Klassierung ist meines Erachtens nicht zutreffend: Zwar nimmt Antoinette an,
dass der Komödiant von seiner Rolle profitiert, um sich an Mlle Simonest auf der Bühne zu vergreifen –
sie geht also von einer Analogie zwischen Binnenhandlung und Rahmenhandlung aus. Aber es ist nicht
so, dass sie die Binnenhandlung für die Rahmenhandlung hält, sich in Bezug auf den ontologischen Status
derselben täuscht und beispielsweise denkt, dass der Komödiant seine Rollenfigur ist.
38 Datierung der Uraufführung nach: Paratext, Toâ, 253.
39 Schmeling weist darauf hin, dass das Thema der Rache in metatheatralen Stücken oft vorkommt, so
könne geradezu von einem Topos die Rede sein: «Die Auffassung von Mehl, daß es sich hier [beim Rachemotiv; M.H.] um eine Art Topos handelt […], erscheint zweifellos als richtig, zumal ein funktionaler
Zusammenhang zwischen Rachethematik und potenziertem Spiel im Spiel bis in die heutige Theaterliteratur hinein […] zu verfolgen ist » (Schmeling 1977, 31). Eingeführt wurde das Thema in Kombination mit
der Metatheatralität «im elisabethanischen Theater» (ebd.). Schmeling verweist auf: Dieter Mehl (1961):
Zur Entwicklung des «Play within a Play» im elisabethanischen Drama. Shakespeare-Jahrbuch Bd. 97,
134-152.
37
135
mit Jacqueline den Erfolg auch auf der Bühne teilen und gemeinsam auftreten 40. Die
Vermischung der beiden Ebenen, von Privatleben und Beruf (dargestellt in Rahmenhandlung und Binnenhandlung), birgt aber auch Risiken. In ihrer Rolle im Binnendrama(!) verwendet Jacqueline eine Theatermetapher, die sich diesbezüglich auf die Rahmenhandlung übertragen liesse.
[…] et tu es bien persuadé, n’est-ce pas, mon grand aimé, que, quelle que soit l’issue du drame qui va se jouer,
ma vie est toute à toi ?
(Comédien: III, 382; kursive Hervorh. der Binnenhandlung im Original)
Ironischerweise jedoch geschieht in der Rahmenhandlung genau das Gegenteil von
dem, was durch die rhetorische Frage in der Binnenhandlung angesprochen wird: In der
Aufführung des Binnenstücks – die zwischen dem dritten und vierten Akt von Le
Comédien gedacht werden muss, da sie nämlich auf der Bühne nicht direkt gezeigt wird –
genügt Jacqueline durch ihre Unerfahrenheit den an sie gestellten Erwartungen nicht
und erleidet einen Misserfolg. Der vierte Akt spielt nach besagter Aufführung. Kowzan
fasst ihn so zusammen: «[C]’est la catastrophe sur la scène et la rupture entre le quinquagénaire et sa jeune amie» (Kowzan 1991, 242). Dies, nachdem Jacqueline den Geliebten
vor die Wahl stellt, ihr entweder zu der von ihr gewünschten Rolle zu verhelfen oder
aber ihre Liebe zu verlieren. Der Komödiant will ihr nämlich im neuen Stück von Autor
Leclerc,41 entsprechend ihrer geringen Erfahrung als Schauspielerin (und eben dem erlittenen Misserfolg), nur die Rolle eines Zimmermädchens zuteilen. Der große Schauspieler muss sich zwischen Liebe und Theater entscheiden: «On est loin d’un conflit
cornélien, et pourtant !» (ebd.). Das Dilemma für den Komödianten besteht im Folgenden darin: «Faut il céder devant les exigences de la jeune ambitieuse et la pousser à une
carrière théâtrale, ou bien renoncer à cette liaison passionnelle ? Le comédien choisira le
respect pour son art.»(ebd.). Der erfahrene Schauspieler begründet seine Entscheidung
gegen den Erpressungsversuch der Geliebten mit einem Bekenntnis zur Professionalität
des Schauspielerberufs: «[O]n ne s’improvise pas comédien. C’est un métier qu’il faut
apprendre» (Comédien: IV, 396). Er stellt letztlich seinen Schauspielberuf über sein privates Glück. Im Stück Le Comédien wird die Wichtigkeit, diesen Beruf ernsthaft auszuüben, immer und immer wieder betont. Auf diese Weise verliert der Komödiant seine
junge Geliebte, die abreist. Denn Jacqueline will die kleine Rolle, die er ihr zugedacht
Er träumt von einer gemeinsamen Bühnenkarriere: «Le comédien : […] Quand elle s’est dressée devant
moi, quand elle a dit : ‹ je sais le rôle ›, sais-tu ce que j’ai vu dans ses yeux ?… J’ai vu une salle debout qui
nous acclamait tous les deux… et moi qui ne croyais pas l’aimer, je me suis mis à l’adorer !… Si tu savais
tous les projets que j’ai pu faire pendant deux jours !» (Comédien: IV, 399).
41 Es handelt sich um dessen drittes Drama, das innerhalb von Guitrys Stück Le Comédien metatheatral erwähnt wird – als Probe gezeigt wird jedoch nur eines der Stücke.
40
136
hat, nicht akzeptieren. Wiederum haben wir es, analog zu Antoinettes Abgang und zur
Binnenhandlung, mit einem weiblichen Racheakt zu tun. Der Komödiant, dessen Liebe
zum Theater in zahlreichen Repliken des Stückes zum Ausdruck kommt, bleibt am Ende des Stückes alleine auf der Bühne zurück. Er antwortet auf die Frage der Garderobiere «Vous êtes seul ?» (ebd., 401) mit den Worten: «Oui… mais… j’ai rendez-vous demain soir… avec douze cents personnes !» (ebd.)
Eine heiterere Umsetzung eines inhaltlich ähnlichen Themas enthält der bereits
besprochene Einakter Der Hahn im Korb (1920) von Goetz: Dort ist es ebenfalls eine
Schauspielerin, aber eine erfahrene, nämlich die unerkannte englischsprachige Diva, die
Kurts Liebe durch seine Reaktion auf ihr Agieren vor der Kamera auf die Probe stellt.
Um zu testen, ob ihr schauspielernder Liebhaber ehrlich zu ihr ist und ob er sie kritisiert
oder Bewunderung heuchelt (und damit seinem Beruf nicht gerecht wird), setzt sie ihre
stumme Rolle absichtlich mit inadäquater Mimik um. Als einziger unter den Schauspielern tut Kurt (seinem Namen nach ein Doppelgänger des Autors) seine ehrliche Meinung kund. Henny Pola, die mit englischem Akzent spricht, zieht daraus folgende Bilanz: «Ich sage dazu, daß Baby sein das einzige, was mich liebt. Weil er das einzige ist,
was die Wahrheit gesagt hat. Ich habe wirklich alles mit einem Gesicht gespielt» (Der
Hahn im Korb: I, 236). Bei Goetz gewinnt also ein Schauspieler durch seine Ehrlichkeit
die Liebe einer Frau (die selbst professionelle Schauspielerin ist), nämlich Kurt (von der
Diva (ebd.) «Baby» genannt) – während der Komödiant in Guitrys ernsthafterem Stück
seine Geliebte aus demselben Grund verliert.
Als Kontrast zum geprobten Theater im Theater im Stück Le Comédien, das vom
Komödianten kritisiert wird, kommt wiederholt das neue Stück des Autors Leclerc zur
Sprache, das dem Komödianten viel besser gefällt als das vorherige (siehe Comédien: II,
363). Dies ist insofern bedeutsam, als der Komödiant im ganzen Theaterstück als eine
Art Garant für Qualität auftritt. Obschon das neue Stück von Leclerc nicht als Probe
gezeigt wird wie das andere Binnenstück, soll hier darauf eingegangen werden, da sich
durch die Gegenüberstellung der beiden Stücke ein möglicher Standpunkt Guitrys im
Sinne einer inszenierten Poetik klarer herausarbeiten lässt. Gewisse Anspielungen bezüglich des neuen Stückes lassen an andere Werke von Guitry denken. So könnte etwa
folgender Hinweis des Autors Leclerc auch selbstreflexiv auf das Stück Le Comédien verweisen (respektive auch auf andere Bühnenwerke Guitrys, in denen er die Rollen sich
selber oder auch seinem Vater auf den Leib geschrieben hat).
137
Pour celle-là [=la nouvelle pièce ; M.H.], j’ai un point de départ, qui n’est pas mal, je crois… et
d’ailleurs, je voulais vous en parler avant de faire la pièce… parce que, si l’idée vous convenait… je le développerais du côté de l’homme… et cela ferait un rôle magnifique pour vous…
(Comédien: I, 340)
Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine vollständige Übereinstimmung von
Leclercs neuem Stück mit Le Comédien im Sinne einer Mise en abyme als «dédoublement
thématique» (Forestier 1981. 13), sondern lediglich um eine partielle inhaltliche Übereinstimmung. Die Rollenbesetzung von Leclercs Stück lässt nämlich auf eine klassische
Komödie schließen, denn es kommen beispielsweise ein Diener und ein Zimmermädchen vor (was auf Le Comédien nicht zutrifft). Am Beispiel von Leclercs neuem Stück
werden verschiedene Aspekte einer Aufführung thematisiert: Die Rollenverteilung
(Comédien: II, 369f.), die Bühnenbilder für die verschiedenen Akte (ebd., 370), die Beleuchtung (ebd.) und die Mietkosten (ebd., 371). Inhaltlich wird außer der vagen Rollenverteilung aber nicht viel über das neue Stück ausgesagt. Auch die folgende Aussage gibt
wenig Aufschluss darüber, sie erzeugt Komik, indem sie absichtlich die Zuschauererwartung enttäuscht.
Le comédien : Il faut que la fin du premier acte produise un effet considérable, il faut qu’il y ait
une collaboration parfaite entre la pièce, les acteurs, le décor et l’éclairage. Il faut qu’après la
scène avec Boucher, quand tous les invités sont partis, que toutes les lumières sont éteintes… il
faut que lorsqu’il la retrouve seule au milieu du salon et qu’il lui dit « Eh bien ? » et qu’elle lui
répond : « Oui », il faut que le public soit haletant d’émotion.
(Comédien: II, 370)
Durch vage Andeutungen in Bezug auf ein neues Stück – die auch an Dramen von
Guitry denken lassen – wird die Neugierde des Publikums geweckt. Dies trifft auch auf
das hier in kurzen Repliken nur angedeutete Gespräch aus dem Binnenstück zu, das stilistisch an Guitrys eigene Dialoge erinnert. Formal wird durch Verwendung der Anapher «il faut» (ebd.) dennoch klar, dass es sich um Forderungen für ein Stück handelt,
die als inszenierte Poetik verstanden werden können – etwa die Beabsichtigung einer
emotionalen Wirkung beim Publikum – «[…] il faut que le public soit halétant
d’émotion» (ebd.).
Guitry übt durch seine metatheatralen Einlagen nicht nur Theater-Kritik, indem
er sich etwa gegen das Rührstück wendet, sondern bietet auch Ansätze zu einer Alternative. Dies geschieht beispielsweise, indem er ein Bühnenwerk (das neue von Leclerc) als
Prototyp eines guten Stücks diskutiert, ihm sein eigenes (Rahmen-)Stück an die Seite
stellt und als Kontrast dazu im Binnenstück schlechtes Theater parodiert. Er übt auch
positive und negative Kritik, indem er im Theater auf dem Theater vorbildliche und kritikwürdige Schauspielerfiguren einander gegenüberstellt. Le Comédien kann durch die vielen metatheatralen Aussagen als eine umfassende, in Szene gesetzte Poetik interpretiert
138
werden. Wie gezeigt wurde, hat das Kunstmittel des Spiels im Spiel daneben oft auch eine komische Funktion.
Abschließend soll ein weiteres Stück Guitrys vorgestellt werden, das eine Theaterprobe enthält. On ne joue pas pour s’amuser (1925)42 enthält neben den Proben zwei verschiedene Aufführungs-Szenen, bei denen jeweils ein anderer Akt des Binnendramas gezeigt wird. Eine kurze Liebesszene aus dem zweiten Akt des Stücks kommt nur in Form
einer Probe vor, die zweimal wiederholt wird. Armand übt mit seiner Bühnenpartnerin
Maggy in deren Hause, wie es im Nebentext heißt, in einem «salon très élégant d’une
femme à la mode» (On ne joue pas pour s’amuser: I, 335). Am Ende des ersten Aktes
von Guitrys Stück wird diese Probe wiederholt:
Armand : Je te veux, ton parfum m’enivre… je t’adore.
Maggy : Non ! non ! non ! non ! (A ce moment, paraît l’ami de Maggy. Armand va l’embrasser, elle
s’échappe en criant, mais il la fait revenir dans ses bras et il l’embrasse sur la bouche. L’ami s’élance pour empêcher Armand qui se retourne et le regard étonné.) Mais qu’est-ce qu’il vous prend… Voyons, vous êtes
fou ? Nous sommes en train de répéter…
L’ami : Oh !…
(On ne joue pas pour s’amuser: I, 362)
Dies soll als weiteres Beispiel dafür stehen, wie Guitry mit Probeszenen Komik erzeugt.
Es handelt sich hier um eine Verwechslung in Bezug auf den ontologischen Status des
Geschehens, das als Metalepse klassiert werden kann.43 Maggys Freund hält das Theater
im Theater für die Dramen-‹Wirklichkeit› und ist eifersüchtig – auf ähnliche Weise, wie
die beiden Ebenen in Goetz’ Stück Nichts Neues aus Hollywood unlogisch vermischt werden. Während sich die Figuren dort plötzlich auf die hypodiegetische Ebene des Filmdrehs verirren, ohne es zu merken, und diese als Teil der Rahmenhandlung interpretieren, glaubt hier Maggys Freund ebenso, die von ihm beobachtete Szene sei Teil der äußeren Handlung. Es handelt sich um eine Szene auf der hypodiegetischen Ebene, was
von ihm zunächst paradoxerweise nicht erkannt wird. Insgesamt handelt es sich um einen speziellen Fall von Verwechslungskomik, jedoch nicht nur bezogen auf die Figuren,
Datierung nach: Paratext, On ne joue pas pour s’amuser, 331.
Die Situation gestaltet sich hier zwar sehr ähnlich wie in einer der besprochenen Szenen aus dem Binnendrama von Le Comédien. Anders als Antoinette verwechselt jedoch der Freund von Maggy hier tatsächlich die Binnenhandlung mit der Rahmenhandlung. Was eigentlich ein Rollenspiel ist, hält er für die Dramen-‹Realität›, er merkt nicht, dass die Personen eigentlich eine Rolle spielen. Genette (2004) erwähnt
zwei ähnliche Szenen aus einem späteren Film und aus einem Stummfilm, die er beide daselbst als Metalepse klassifiziert, die allerdings erst nach Guitrys Stück Quand jouons-nous la comédie (1925) entstanden sind:
«Dans Nous irons tous au Paradis d’Yves Robert (1978) Étienne (Jean Rochefort) croit – et le spectateur partage un instant cette erreur– surprendre sa femme Marthe (Danièle Delorme) en flagrant délit d’infidélité,
alors qu’elle ne fait qu’interpréter, dans un baiser fougueux, une version fort ‹dépoussiérée› de Bérénice ;
mais c’est que ce baiser de théâtre entre personnages est aussi un baiser tout court entre camarades de
scène. […][A]vec un effet métaleptique (et sentimental) plus appuyé, dans Show People (Mirages 1928) de
King Vidor, […] les deux héros comédiens doivent échanger sur le plateau, comme personnages d’un
film, un baiser de fiction que, pris par leur passion réelle, ils prolongent bien au-delà du Cut ! final sans
que le réalisateur puisse mettre fin à cette métalepse» (Genette 2004, 68).
42
43
139
sondern auf eine ganze Szene, die falsch eingeschätzt wird. Es scheint indessen auch der
Vorwurf zutreffend, dass Armand die Probeszene ausnutzt, um mit Maggy zu flirten, da
er sich tatsächlich für sie interessiert (vgl. ebd.) – Sein Hinweis auf die Probesituation
stellt in diesem Sinne eine willkommene Ausrede dar.
140
6.
Eine Aufführung als Theater-im-Theater-Einlage
Maggy : Est-ce que je dois prendre des leçons ?
Beauvalet : Je pense bien.
Maggy : Avec qui ?
Beauvalet : Avec tout le monde… et à chaque seconde de la vie… Les leçons,
ça ne se donne pas… ça se prend !
(On ne joue pas pour s’amuser: V, 401)
Nachfolgend werden Theaterstücke besprochen, die eine Theater-im-Theater-Einlage in
Form einer Aufführung enthalten. Voraussetzung für das Vorliegen von Theater im
Theater ist, dass die drei als verbindlich festgelegten Kriterien zutreffen: Der Vollzug eines Rollenwechsels, das Vorhandensein zweier dramatischer Ebenen und die Fiktionalität der Binnenhandlung. Berücksichtigt werden hier auch Stücke, in denen einer Binnenaufführung nur akustisch beigewohnt wird – dies ist der Fall für Quand jouons-nous la
comédie ? (1935)1 von Guitry, Die Barcarole (1963)2 von Goetz sowie die nur akustisch angedeutete Theatereinlage in Guitrys La Prise de Berg-op-Zoom (1912)3. Es soll erneut danach unterschieden werden, ob es sich um ein fiktives Bühnenwerk handelt, von Goetz,
Guitry respektive Coward als Binnentheater erfunden,4 oder um das in eine Rahmenhandlung eingefügte Theaterstück eines anderen, echten Theaterautors.5 Theater-imTheater-Einlagen kommen bei Coward nur im Rahmen eines Musiktheaters vor, nicht
aber als gezeigte Theateraufführung.
6.1.
Theater im Theater als Einlage eines fiktiven Bühnenwerks
6.1.1.
Theater im Theater als akustisch eingespielte Aufführung
La Prise de Berg-op-Zoom (1912) und Jean III ou l’irrésistible vocation du fils Mondoucet (1912)6
von Guitry sind die frühesten aller hier analysierten metatheatralen Stücke (bezogen auf
alle drei Boulevardiers). Beim ersterwähnten Stück haben wir es zwar nicht mit einem
konventionellen Theater im Theater zu tun, denn das Binnendrama wird nicht gezeigt,
sondern nur erwähnt und akustisch angedeutet. Allerdings stellt das Theatergebäude
doch den Rahmen dar, in dem die äußere Handlung abläuft und worin sich das – nicht
Datierung nach: Paratext, Quand jouons-nous… ?, 39.
Datierung der Erstveröffentlichung nach: von Martens 1963, Nachwort zu Goetz: Sämtliche Bühnenwerke, 1133. Dieses Stück wurde erst 1963 veröffentlicht – und anscheinend zu Goetz’ Lebzeiten nicht
aufgeführt.
3 Datierung nach: Paratext, Berg-op-Zoom, 165.
4 In der Regel schreiben sie das Binnentheater explizit oder implizit einem fiktionalen Autor zu oder lassen die Autorschaft offen, obschon es auch möglich wäre, es als ihr eigenes Drama zu bezeichnen. Entsprechend wird explizit darauf hingewiesen, wenn ein Autor das Binnentheaterstück als sein eigenes Werk
bezeichnet.
5 Es kommt auch vor, dass das Werk in parodistischer Absicht fälschlich einem echten Autor zugeschrieben wird.
6 Datierung nach: Paratext, Jean III, 105.
1
2
141
gezeigte – Binnenstück abspielen soll. Deswegen kommt Guitrys La Prise de Berg-op-Zoom
(1912) durch die Darstellung der Theatergänge dem eigentlichen Theater im Theater
näher als etwa Goetz’ Stück Die Rutschbahn (1919) 7, worin lediglich metatheatral über einen Theaterbesuch gesprochen wird.
Kowzan beschreibt den Rahmen sehr genau: «L’acte II de La Prise de Berg-opZoom se passe au Grand Théâtre, on est dans ‹le couloir des loges›, près d’un vestiaire, on
voit le bar-fumoir» (Kowzan 1991, 235; vgl. Berg-op-Zoom: II, 199). Das eigentliche
Theater spielt also auf den Gängen des Theaters während der Vorführung und in den
Zwischenakten: Man hört das Applaudieren des Publikums und sieht die Zuschauer, die
in den Pausen – im ersten und zweiten Zwischenakt – die Logen verlassen. Wir wissen,
dass es sich beim vom Publikum teilweise mitgehörten, aber nicht direkt gezeigten Theaterstück im Stück um «la nouvelle pièce de Grimard» handelt (Berg-op-Zoom: I, 191),
womit der fiktionale Autor auf der Bühne namentlich genannt wird. Es geht in der Binnenhandlung um eine Frau, die einen Liebhaber hat. M. Duroseau stellt darum besorgt
fest, «qu’il y a dans ce premier acte une telle similitude de situation» zu seinem Privatleben (Berg-op-Zoom: II, 199). Er fragt sogar seine Frau beunruhigt, ob sie vielleicht jemandem von ihrem Fauxpas des letzten Jahres erzählt habe. Wir haben es hier durch die
thematische Ähnlichkeit zwischen Rahmen- und Binnenhandlung einerseits mit einer
Art Mise en abyme zu tun, die man nach Forestier definieren kann als «un dédoublement
thématique» (Forestier 1981, 13). 8 Andererseits betont diese Aussage auch, dass das Binnenstück sehr nahe an der Lebenswirklichkeit des (Binnen-)Publikums ist respektive das
Private beleuchtet, was hier auch metatheatral angesprochen wird und auch für Boulevardtheaterstücke im Besonderen gilt, da im Mittelpunkt von Boulevardkomödien in der
Regel das «‹magische› Dreieck […]: Mann, Frau, Geliebter» (Knecht 1970, 13) steht.
Die Hauptpersonen der Rahmenhandlung treffen erst im Zwischenakt im Theatergebäude ein, nachdem der erste, nach Aussage eines Zuschauers nicht besonders gelungene Akt bereits über die Bühne gegangen ist. Die Aussagen zum Stück beinhalten
Kritik an damals aktuellen Stücken:
Vidal : Nous avons raté le premier acte, hein?
Le général : Oui, l’auteur aussi ! C’est ennuyeux en diable !… Les personnages se disent des
choses tellement vraies et tellement intimes qu’on a l’impression d’être indiscret en les écoutant !
Vidal : Eh ! Oui, c’est la nouvelle formule théâtrale !… Le public n’est plus spectateur, on lui
fait jouer un rôle, l’auteur le prend à partie et il le secoue jusqu’à ce qu’il crie !
(Berg-op-Zoom: II, 201)
Datierung nach: Gajek 2008, 76, 88.
Forestier definiert eine Mise en abyme als «une correspondance étroite entre le contenu de la pièce enchâssante et le contenu de la pièce enchâssée» (Forestier 1981, 13).
7
8
142
Wurde oben eine mögliche Parallele zwischen dem Binnentheater-Inhalt und Guitrys eigenen Komödien in Erwägung gezogen, so grenzt Guitrys soeben zitierte metatheatrale
Aussage seine eigenen Stücke explizit von der «nouvelle formule théâtrale» ab (ebd.), zu
der auch das Binnenstück zu gehören scheint. Dies macht er durch die Zuschreibung
des Stückes an einen fiktionalen Autor deutlich und ebenso durch die metaphorische
Aussage, dieser ‹Autor schüttle das Publikum, bis es schreie› (vgl. ebd.) 9 – was auf
Guitrys eigene Stücke nicht zuzutreffen scheint, und genauso wenig würde er sie wohl
als ‹langweilig› bezeichnen (ebd.). Guitry setzt das Kunstmittel des Theaters im Theater
hier ähnlich ein wie Tieck oder bereits Shakespeare: Auch in A Midsummer Night’s Dream
(1595)10 formuliert das fiktive Publikum auf der Bühne «unterschiedliche[ ] Erwartungen» an das Binnenstück (Kokott 1968, 33). In Tiecks Märchenstück Der gestiefelte Kater
(1797)11 kritisieren die Zuschauer die Binnenhandlung ähnlich wie bei Guitry – bei Tieck
wird diese aber während des Rahmenstücks aufgeführt und die Zuschauer sitzen traditionell auf ihren Plätzen. Im Gegensatz dazu verlegt Guitry den Schauplatz der Rahmenhandlung in die Gänge außerhalb des Theatersaals und die Diskussion über das Stück in
die Pause – dadurch wird ein weniger starker Illusionsbruch bewirkt, als wenn die Zuschauer etwa bei Tieck die laufende Binnen-Vorführung direkt kommentieren. Bei
Guitry beurteilt nicht nur das Publikum das Stück, sondern auch eine Platzanweiserin,
nämlich dann, als die Zuschauer Schutz und Hério zu spät zur Aufführung eintreffen:
Schutz : C’est déjà commencé, n’est-ce pas?
L’ouvreuse : Ah ! Oui, monsieur, il y a un acte de joué.
Schutz : Lequel ?
L’ouvreuse : Le premier !
Schutz : Il est amusant ?
L’ouvreuse : Les avis sont partagés… les uns disent que c’est stupide… les autres disent que c’est
idiot !
(Berg-op-Zoom: II, 208)
Das Urteil der ‹Platzanweiserin› – die durch ihren Beruf viele Stücke zu sehen bekommt
– fällt für den ersten Akt vernichtend aus. Sie äußert ihre Kritik in Form einer für die
Zuhörenden überraschenden Pointe12 (vgl. ebd.). In Bezug auf das Publikum fällt auf,
«que certains ne viennent au théâtre que pour les entractes» (Kowzan 1991, 235). Das
Theaterstück ist für manche also zweitrangig. Hério beispielsweise kommt nur ins Theater, um in der Pause die Frau zu treffen, in die er sich verliebt hat – es handelt sich dabei
Diese Aussage lässt auch an den Expressionismus denken.
Datierung nach: Schöpflin 1993, 235.
11 Datierung nach: Schöpflin 1993, 88.
12 Der Zuschauer würde an dieser Stelle eine positive Formulierung erwarten, weil ein Gegensatz zu «stupide» angekündigt wird durch das Ausdruckspaar «les uns … les autres» (Berg-op-Zoom: II, 208). Stattdessen wird die Kritik am Stück mit der Wertung «idiot» noch gesteigert (ebd.). Näher bezeichnet werden
kann diese Pointe, die eine Aussage beinhaltet, welche nicht der Erwartung des Zuhörers entspricht, als
Aprosdoketon (so die griechische Übersetzung von ‹unerwartet›).
9
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143
um eine der Hauptpersonen der Rahmenhandlung, Paulette, die mit Léo verheiratet ist.
Auch über den zweiten Akt des Binnentheaters erfährt man wenig:
Le monsieur : Qu’est-ce que tu penses de ce second acte ?
La grue : Je pense que je suis enchantée de te connaître !
(Berg-op-Zoom : II, 212)
Hier wird die Grice’sche Gesprächsmaxime der Relevanz unterlaufen, was als Pointe
wirkt. Kowzan resümiert seine Analyse des Theaters im Theater im vorliegenden Stück
wie folgt:
Le théâtre est traité ici comme lieu de rencontre, lieu de passage. Aucun rapport entre la pièce
jouée (dont on sait peu de choses) et l’intrigue de la comédie de Sacha Guitry, comédie boulevardière (relations amoureuses entre plusieurs personnages) aux effets parfois farce.
(Kowzan 1991, 235)
Kowzans Negation jeglichen Zusammenhanges zwischen dem Stück im Stück und der
Rahmenhandlung erscheint nicht ganz zutreffend (vgl. ebd.) – immerhin geht es im
nicht gezeigten Binnenstück um eine Frau, die einen Liebhaber hat. Da Paulette und
Hério in der Folge ein Verhältnis haben, kann von einzelnen Entsprechungen zwischen
Rahmenhandlung und aufgeführtem Stück ausgegangen werden, ohne, dass diese deckungsgleich wären. Die Tatsache, dass sich die eigentliche Handlung in den Theatergängen abspielt, stellt gleichzeitig eine klare Absage an das Binnenstück dar, das, wie die
Zuschaueraussagen belegen, von zweifelhafter Qualität sein muss.
6.1.2. Theater im Theater als Aufführung einer Liebesgeschichte oder
eines Beziehungsdramas
Guitrys Komödie Quand jouons-nous la comédie ? (1935) enthält ein ähnlich konzipiertes
Vor- und Nachspiel (auf Französisch prologue und épilogue genannt) wie Goetz’ Seifenblasen
(vgl. Quand jouons-nous… ?, 47ff./109ff.). Quand jouons-nous la comédie ? soll hier in seiner Gesamtheit als Theater im Theater klassiert werden, denn es erfüllt die dafür festgelegten Kriterien. Zwar enthält es ebenfalls ein langes Vorspiel, jedoch auch ein eigentliches
Binnentheater (in Form einer Operneinlage), das mit der Handlung verwoben ist, und
zum anderen, ist das darauf folgende Theaterstück in drei Akten zugleich das zweite
Binnenstück, das in einem Zusammenhang mit dem Vorspiel steht. Im Gegensatz etwa
zum Vor- und Nachspiel in Seifenblasen liegt hier eine Identität des Personals vor. Diesen
Fachbegriff definiert Pfister so, dass «die fiktiven Schauspieler, die das Spiel im Spiel
aufführen, auch als Figuren in den übergeordneten Sequenzen fungieren» (Pfister 2001,
301). (Wie erwähnt verwendet Pfister anstelle des Begriffs Theater im Theater den weiter
gefassten Ausdruck Spiel im Spiel.) Beide Dramenebenen, also die Rahmen- und mehrere
Binnenhandlungen, werden auf der Bühne gezeigt und manche der Figuren vollziehen
einen Rollenwechsel. Das Stück Quand jouons-nous la comédie ? spannt so den Bogen von
144
Dramen mit Vor- und Nachspiel zu jenen mit Theater im Theater, denn sie enthält beides.
Guitrys Rahmenhandlung unterscheidet sich noch aus anderen Gründen von einem typischen Vor- und Nachspiel. Sie ist länger als die drei Akte des nachfolgenden
Binnenstücks (vgl. Kowzan 1991, 237). Eigentlich ist ein Vorspiel oft kürzer als das
nachfolgende Theaterstück (bezüglich der Quantitativen Relationen siehe Pfister 2001,
303). Pfister erwähnt jedoch den hier vorliegenden Fall als Variante dieses Kunstmittels:
Ein Theater im Theater kann auch «eine Einlage von begrenztem Umfang im quantitativ
überwiegenden primären Spiel [sein], das dann den dominanten Fokus trägt» (ebd.).
Ebendies trifft auf das vorliegende Stück zu.
Das Vorspiel spielt zuerst hinter den Kulissen des Théâtre Lyrique13, also im
Opernhaus (erstes Bild), später im Büro des Theaterdirektors (zweites Bild – ähnlich wie
im Vorspiel der Seifenblasen von 1963) und zuletzt in den Ankleideräumen der Sänger
(drittes Bild). Bei den Darstellern handelt es sich nämlich nicht um TheaterSchauspieler, sondern um Opernsänger, welche im Werther von Massenet Erfolge feiern.
Dieses Musiktheater kommt im Vorspiel als Oper im Theater vor (eingegangen wird darauf erst im Kapitel 8.2.). Neben dieser Oper im Theater enthält Quand jouons-nous la
comédie ? noch ein zweites Binnentheaterstück.
Während des Vorspiels, das zugleich als eigentliche Rahmenhandlung im Büro
des Theaterdirektors spielt, kommen geschäftliche Aspekte des Theaters zur Sprache:
Die Bühnenarbeiter drohen, ab Mitternacht in den Streik zu treten, wenn der Direktor
ihrer Forderung nach zwei Francs Lohnerhöhung pro Tag und Mann nicht nachkomme
(siehe Quand jouons-nous… ?: 214, 49). Obwohl sie diese Forderung seit nunmehr sechs
Monaten stellen, lenkt der Theaterdirektor nicht ein.
Über Cleverness und Einfluss verfügend – ähnlich wie Dürrenmatts alte Dame,15
aber ohne deren Grausamkeit – tritt in Guitrys Vorspiel außerdem eine alte, begüterte
Dame in Erscheinung: die «Duchesse de Touzac» (ebd., 52).16 Seit 43 Jahren hat sie ihren Platz «à l’avant-scène de gauche» (ebd.) abonniert und kommt jeden Abend ins The-
Dieser Name bezog sich im 19. Jahrhundert auf verschiedene Opernhäuser.
Kursivgestellte Zahlen bezeichnen nachfolgend die Gliederung eines Dramas in Bilder (anstatt Akte),
was im vorliegenden Stück der Fall ist. Guitrys Stück Beaumarchais enthält demgegenüber sowohl Akte als
auch Bilder.
15 Dürrenmatts alter Dame wiederum mag Goetz’ «Tote Tante» respektive Maria Machado aus Das Haus in
Montevideo Patin gestanden haben. Vgl. dazu den Artikel ‹Timeo Danaos et dona ferentes’ oder die alte Dame
kommt aus Montevideo› (Scholdt 1976, 720-730).
16 Es handelt sich dabei um die Dame mit dem Badezimmer aus Spiegelglas (vgl. Kapitel 2.4.).
13
14
145
ater.17 Nicht nur die Dirigenten treibt sie durch ihr unrhythmisches Häkeln während der
Aufführungen zur Verzweiflung, sondern auch die Sänger (vgl. ebd.). Sie ist jedoch ihrer
Finanzkraft wegen sehr einflussreich und kann nicht vom Theater ferngehalten werden.
Ihre Machtposition scheint sie bei den Opernsängern ebenso auszunutzen wie der Theaterdirektor die seine bei den Opernsängerinnen. Die ältere Dame kauft sich die Gunst
der Opernsänger, wie der Theaterdirektor betont, während er selbst die Opernsängerinnen sozusagen ohne Gegenleistung ausbeutet.18 «Quand un artiste lui plaît, elle lui parle
d’une Renault – elle lui propose une Citroën – elle lui donne une Rosengart.» (ebd., 53)19
– so der Theaterdirektor über die Mäzenin Touzac. Er betont: «[Q]uand on a la veine de
tomber sur une bienfaitrice […] on est bien obligé de supporter parfois ses originalités»
(ebd., 52 f.). Im Jahre 1935 (zum Zeitpunkt der Uraufführung) stellt wohlgemerkt noch
jegliches Auto einen Luxusartikel dar.
Diese alte Dame als unberechenbare Spielleiterin20 erkauft sich durch ihren Reichtum auch die Gunst des Theaterdirektors und beeinflusst seine Entscheidungen: Die
Herzogin überredet ihn nicht nur dazu, die Hauptdarsteller auf drei weitere Jahre für
Werther zu verpflichten, sondern sie gewährt den Bühnenarbeitern am Ende des Stücks
auch die geforderte Gehaltserhöhung. Diese verdoppelt sie sogar, während es zuerst den
Anschein hat, als unterstütze sie den Theaterdirektor, da sie dem Chef der Bühnenarbeiter eine Moralpredigt hält – um sich dann zuletzt doch noch auf die Seite der Arbeiter
zu schlagen (ebd., 56f).
Die finanzielle Situation eines (Musik-)Theaters stellt die notwendige Grundlage
für dessen Existenz dar. Durch sein Vorspiel rückt Guitry die Finanzierungsmechanismen des Theaters (hier verfremdet im Beispiel der Finanzierung einer Binnenoper) ins
Bewusstsein des Publikums: Durch die komische Darstellung der Mäzenin Touzac deckt
Auf diese Weise hat sie ‹Carmen schon 672 Mal gesehen und mehr als 500 Mal Manon› (vgl. Quand
jouons-nous… ?: 2, 52)
18 Unsympathisch und nur auf den eigenen Vorteil bedacht erscheint er etwa, indem er vorgibt, sich im
Namen des Hauses gegenüber den von ihm eingestellten Schauspielerinnen ‹verpflichtet› zu fühlen «de
coucher avec […] la plupart d’entre elles» (Quand jouons-nous… ?: 2, 51): «Je le fais pour ainsi dire par
politesse d’abord […] Et puis, je le fais aussi dans l’intérêt de la maison, pour qu’elles ne me demandent
pas trop cher» (ebd.), berichtet er. Dies ist ein Beispiel dafür, wie Guitry erotisierende Boulevardelemente
mit dem Theater im Theater verknüpft und gleichzeitig einen Theaterdirektor als unsympathischen Typus
darstellt, der seine Machtposition ausnutzt. Insgesamt eher typenhaft und selten als Sympathieträger konzipiert sind auch die Theaterdirektoren in Goetz’ Vor- und Nachspielen.
19 Es ist davon auszugehen, dass diese Fahrzeuge für die damalige Zeit nach absteigender Preisklasse angeordnet sind.
20 Schmeling verwendet dafür den Begriff «meneur de jeu» (vgl. Schmeling 1982, 13). Er kategorisiert das
Vorkommen einer Spielleiter-Figur als metatheatrales Element unter den «formes périphériques» (ebd.) – im Gegensatz zu den Erscheinungsformen des eigentlichen Theaters im Theater, die er als «formes complètes» benennt (ebd., 12). In der vorliegenden Arbeit soll der Begriff Spielleiter nur dazu verwendet werden, fiktionsinterne Funktionen zu beschreiben – das alleinige Auftreten einer solchen Figur würde das Stück noch
nicht als metatheatral kennzeichnen.
17
146
er auf, wie sehr ein Theater von finanzkräftigen (aber manchmal auch fragwürdigen)
Personen oder Institutionen abhängig sein kann. Heute würde man dies Sponsoring nennen, ein Thema, das nach wie vor aktuell ist. In zweiter Linie zeigt Guitry die Gefahr
auf, dass ein solches Abhängigkeitsverhältnis von Sponsoren ausgenutzt werden kann –
wie es der Theaterdirektor in Bezug auf Touzac anspricht (ebd., 53). Am Ende überwiegt jedoch das positive Bild der Mäzenin, das heißt, die Vorteile dieser Art der Finanzierung werden hervorgehoben – was wohl im Sinne des Boulevardtheaters ist. Der
Theaterdirektor als Verwalter der Finanzen bleibt, obschon als eine Art maskulines Gegenstück der Herzogin konzipiert, im Gegensatz zu dieser ein vorwiegend negativ gezeichneter Typ, der hierarchische Strukturen innerhalb des Theaters zu seinem eigenen
Vorteil (und angeblich auch zu dem ‹des Hauses›) ausnützt und dadurch Abhängigkeiten
schafft (vgl. Quand jouons-nous… ?: 2, 51).
Das Binnenstück endet folgendermaßen: Nach zehn erfolgreichen Jahren beschließt das Sängerpaar, welches die Hauptrollen innehat, den Vertrag für drei weitere,
gut bezahlte Jahre an der Oper nicht zu unterzeichnen, sondern seine Sängerkarriere
stattdessen auf dem Höhepunkt des Erfolges zu beenden. Die Bühnenkünstler sind
nicht nur als Sänger bekannt und erfolgreich, sondern stellen auch durch ihre beispielslose Liebe ein «couple exemplaire» dar (Kowzan 1991, 237). Deshalb macht ihnen ein
befreundeter Theaterdichter den Vorschlag, über sie ein Stück zu schreiben, worin sie
und auch der Dichter selber als Schauspieler auftreten können.21 Es ist das Binnentheater, welches auf die (hier als Vorspiel benannte) Rahmenhandlung folgt.
Bei diesem eigentlichen Theater im Theater (nicht zu verwechseln mit den vorher eingespielten fragmentarischen Binnenoper-Passagen aus Werther) handelt es sich
um eine vollständige kleine Boulevardkomödie,22 von Guitry erfunden, «une sorte de
Marivaudage, une bluette à la Musset ou à la Jules Renard» (Kowzan 1991, 237). Ein
Binnenpublikum fehlt; die Zuschauer der Rahmenhandlung stellen also zugleich das
Publikum des Theaters im Theater dar.23
Der frühere Werther-Darsteller spielt im neuen Stück den Ehemann Bernard24,
die vormalige Darstellerin der Charlotte dessen Frau Constance. Als Kontrapunkt zur juHier wird durch die thematische Spiegelung der Rahmen- in der Binnenhandlung eine Mise en abyme
angesprochen.
22 Diese drei Akte wurden unter dem Titel Constance auch als eigenständiges Stück ohne Rahmung publiziert «avec des gravures de Claude Lepape» (vgl. Paratext, Quand jouons-nous … ?, 40).
23 Dies trifft beispielsweise auch auf Pirandellos Stücke zu, vgl. dazu die Ausführungen bei Schmeling
1977, 186/232, Anm. 23.
24 Gelegentlich, jedoch nicht systematisch, werden in dieser Arbeit die Binnenrollen zum besseren Verständnis kursiv hervorgehoben.
21
147
gendlich optimistischen Liebe, welche das Paar im Vorspiel (und in den Werther-Szenen)
verbindet, wird ein älteres, krisengeschütteltes Ehepaar dargestellt, das kurz vor der
Trennung steht, jedoch in seiner Jugend ein idealisiertes Liebespaar verkörperte wie Lotte und Werther (die Rollen, die sie früher gespielt haben).25 Bezüge zwischen Rahmenhandlung und Binnentheater sind vorhanden: Beispielsweise befürchten der Ehemann
wie auch die Ehefrau den Selbstmord des andern, falls er sie oder sie ihn verlassen würde. Vor allem die Frau wird als suizidgefährdet dargestellt. Diese Idee hat im prologue eine
Entsprechung (dort ist von einem diesbezüglichen Gerücht die Rede, das die Schauspieler aber bestreiten). Dies stellt gleichzeitig eine Parallele wie auch einen Kontrast zur
vorgängig eingespielten Binnenoper Werther dar, worin es der Mann ist, der seinem Leben ein Ende bereitet. Der Suizid wird im Binnentheater (im Gegensatz zur Oper) jedoch
nicht ausgeführt. Nach Constances Rückkehr zu ihrem Mann endet das interne Stück
mit einem Versuch des Paares, ihr Leben weiterhin gemeinsam zu verbringen:
Constance : Faisons semblant !… faisons semblant de nous aimer encore. Nous nous sommes
aimés pour nous-mêmes pendant quinze ans… aimons-nous désormais pour les autres.
Bernard : Nous sommes capables de nous laisser prendre à ce jeu.
Constance : Oh ! c’est parfaitement possible.
Bernard : D’ailleurs, quand jouons-nous la comédie ? Le savons nous ? Et qui nous dit que
depuis quinze années, nous ne nous mentons pas sans nous en rendre compte ! Nous avons
peut-être cru que nous nous adorions. Remarque bien, du reste, que nous nous aimons encore
autant que la plupart des autres couples.
(Quand jouons-nous… ?: 3, 107; Hervorh. M.H.)
Durch (Selbst-)Täuschung, aber auch Verstellung, vor allem andern Leuten gegenüber,
was Bernard in Form einer metatheatralen Schauspielmetapher zur Sprache bringt, wollen die Schauspieler versuchen, ihre Liebe zu erneuern. Bernards Frage «Quand jouonsnous la comédie ?» (ebd.), die dem Dramentitel entspricht, drückt das Unvermögen aus,
echte von gespielten Gefühlen zu unterscheiden.26
Hinter den Kulissen des eben gespielten Theaters, dessen BühnenbildRückenseite vom Publikum zu sehen ist, spielt das kurze, auf das Binnentheater folgende Nachspiel (als Fortsetzung der Rahmenhandlung), das Kowzan als «assez banal» bezeichnet (Kowzan 1991, 237).27 Die drei Darsteller beglückwünschen sich darin zum Erfolg des Stückes. Über den Inhalt des Binnentheaterstücks und dessen EntstehungsgeEin im weitesten Sinne vergleichbares Thema behandelt Ephraim Kishons Theaterstück Es war die Lerche (UA 1973, Tel Aviv). Das Stück zeigt den Alltag des einstmaligen Traumpaars Romeo und Julia, das
überlebt hat und «29 Jahre später […] nicht von den alltäglichen Streitereien des Ehealltags verschont
bleibt». Ephraim Kishon: Es war die Lerche. Ein heiteres Trauerspiel mit Musik in zwei Teilen. [Onlinefassung]. URL:<http://www.ephraimkishon.de/theaterstueck_es_war_die_lerche.htm> (22.05.2013).
26 Das Thema der Verstellung kommt auf ähnliche Weise bei Coward zur Sprache (vgl. Kap. 10.3.).
27 Guitry scheint vom Nachspiel selbst nicht ganz überzeugt gewesen zu sein: «[T]rois jours avant la
générale, je sentis chez mes interprètes une inquiétude – parfaitement justifiée. L’épilogue de ma pièce,
cette révélation tardive, soudaine, pouvait en compromettre le succès. // Elle en confirma l’insuccès»
(Nebentext, Quand jouons-nous … ?: Préface, 44).
25
148
schichte sagt der fiktive Autor auf der Bühne ambivalent: «Je me suis servi de tout ce
qu’il m’avait semblé que j’observais le jour de la dernière de Werther…» (Quand jouonsnous… ?: Épilogue, 109). Und der Darsteller von Bernard meint: «M’en fais-tu dire dans
cette pièce des choses que je ne pense pas…» (ebd.) und umarmt seine Partnerin,
wodurch klar wird, dass das Ende der Binnenhandlung nicht eins zu eins mit der ‹Wirklichkeit› der Rahmenhandlung übereinstimmt, sondern beide nur eine Möglichkeit für
den Ausgang des Stückes darstellen.
Kowzan gesteht diesem Werk – abgesehen von den Theater-im-TheaterPassagen – wenig Qualitäten zu: «Le seul intérêt de Quand jouons-nous la comédie ? est
d’ailleurs dans ce cadre de théâtre dans le théâtre et d’opéra dans le théâtre» (Kowzan
1991, 237). Hervorzuheben sind jedoch neben der originellen, doppelten Theater-imTheater-Konstruktion des Stücks auch die vielseitigen Verflechtungen, Parallelen und
Kontraste, die zwischen den zwei Binnenstücken und der Rahmenhandlung bestehen –
die Kowzan diese mit obiger Aussage möglicherweise mitgemeint hat. Es handelt sich
dabei um ein Vorgehen, das Pfister passend als «wechselseitige Verdeutlichung oder Relativierung äquivalenter Sequenzen» umschreibt (Pfister 2001, 293). Es wird oft auch
«Spiegelung»28 genannt (ebd.): Die Werther-Szenen und die schwärmerisch-idealisierte
Partnerschaft der Rahmenhandlung verdeutlichen und verstärken sich wechselseitig.
Diese optimistische Anfangshandlung wird anschließend durch das Binnentheater, also
durch die Geschichte von Constance und Bernard, relativiert: An Stelle eines Happy
Endings, wie es die Komödientradition fordert und wie es auch Hollywood so oft bietet,
steht im Binnenstück nun ein – zwar etwas fadenscheinig wirkender, aber vielleicht realistischerer – Kompromiss: Die Liebenden wollen einander etwas vorspielen und sich
damit selbst täuschen (so lange, bis sie an die gespielten Gefühle glauben). Der oben zitierten Passage soll eine Aussage des Vaters aus Pirandellos Drama Sechs Personen suchen
einen Autor gegenübergestellt werden:
DER VATER.
[…] Ich will Ihnen nur zeigen: falls wir (deutet wieder auf sich und die anderen
«Personen») über die Illusion hinaus keine weitere Wirklichkeit besitzen, dann wäre es gut,
wenn auch Sie Ihrer Wirklichkeit, die heute in Ihnen atmet und lebt, mißtrauen, weil
sie wie jene von gestern dazu bestimmt ist, morgen als Illusion vor Ihnen dazustehen.
(Sechs Personen suchen einen Autor, 86; Hervorh. als Fettdruck M.H.; vgl. Sei personaggi in
cerca d’autore, 9929)
Hervorh. M.H. Der Begriff ist in diesem Zusammenhang problematisch, zumal er manchmal auch als
Synonym von Mise en abyme verwendet wird. Pfister schreibt zum Terminus Spiegelung: «Über die genaue
Füllung dieses Begriffs besteht kein Konsensus, und auch das von uns vorgeschlagene Konzept deckt sich
mit keiner der vorliegenden Begriffsbestimmungen völlig» (Pfister 2001, 412, Anm. 60, vgl. ebd. für weitere Verweise).
29 Im Original lautet die Passage: «[S]e noi, […] oltre la illusione, non abbiamo altra realtà, è bene che
anche lei diffidi della realtà sua, di questa che lei oggi respira e rocca in sé, perché – come quella
28
149
Guitry scheint an Themen anzuknüpfen, die auch Pirandello in seinen Stücken anspricht, denn beide Aussagen drücken die Schwierigkeit aus, zu bestimmen, was wirklich
ist. In Pirandellos zweitem Stück aus seiner Trilogie, Ciascuno a suo modo, sagt Baron Nuti
zum Theaterdirektor: «Lei dice che è lecito questo? Prendere me, vivo, e portarmi sulla
scena? Farmi vedere, là […] a dire parole che non ho mai dette?» (Ciascuno a suo modo:
Secondo intermezzo corale, 202.)30 Diese Aussage stimmt fast wörtlich mit der oben zitierten des Darstellers von Bernard bei Guitry überein, der sich mit ähnlichen Worten
an die Autorenfigur wendet: «M’en fais-tu dire dans cette pièce des choses que je ne
pense pas …» (Quand jouons-nous… ?: Épilogue, 109). Hier kann deshalb bei Guitry
von einer beabsichtigten intertextuellen Anspielung auf Pirandellos Drama Ciascuno a suo
modo ausgegangen werden. Dies zeigt sich auch schon bei der Titelwahl, worin die Metapher des Spiels einfliesst
Guitrys Nachspiel relativiert allerdings die Aussage aus Guitrys Binnentheaterstück (das einem anderen fiktiven Autor zugeschrieben wird) und verhilft der Komödie
– etwa im Gegensatz zu Pirandellos zwei erwähnten Dramen – zu einem Happy End –
dies, indem er etwa die Umarmung des Paars, die in Pirandellos Stück Ciascuno a suo modo
auf der Ebene des Binnenstücks vorkommt, auf der Ebene der Rahmenhandlung übernimmt (vgl. oben). Aber es handelt sich hierbei um ein gefährdetes Happy End, was
durch die Struktur des Stücks aufgezeigt wird. Vielleicht dient der Misserfolg31 von
Guitrys Komödie als Hinweis darauf, dass das Boulevard-Publikum kein konventionelles Komödien-Happy-End mehr akzeptieren wollte, oder aber, dass es von der komplexen, möglicherweise von Pirandello inspirierten Struktur des Stücks überfordert war.
Ein Theaterstück mit ähnlichem Titel, On ne joue pas pour s’amuser (1925), hat
Guitry für seinen Vater Lucien geschrieben, der darin die Rolle eines alten Schauspielers
namens Beauvalet spielt. Es fällt die Häufigkeit auf, mit der Guitry das Thema des
Schauspiels bereits in seinen Titeln anspricht – sei es im eigentlichen Sinne oder im übertragenen Sinne als Metapher für die Verstellung (vgl. oben). On ne joue pas pour s’amuser
enthält zwei theatrale Einlagen, die Aufführungen jeweils anderer Teile des gleichen fik-
di jeri – è destinata a scoprirlesi illusione domani.» (Sei personaggi in cerca d’autore: parte terza, 99;
Hervorh. M.H.).
30 Aus Deutsch lautet die Passage: ‹Halten Sie das für zulässig? Mich lebendig auf der Bühne zu zeigen
und mich Worte aussprechen zu lassen, die ich nie gesagt habe?› (Übers. M.H.).
31 Dem Stück, dessen erste, provisorische Version noch unter einem weiteren Titel, nämlich L’Epée de
Damoclès, bereits 1930 entstand, war auch bei der erneuten Aufführung kein großer Publikumserfolg beschieden: Es wurde bereits nach 18 Aufführungen abgesetzt (vgl. Nebentext, Quand jouons-nous … ?:
Préface, 43-45).
150
tiven Stücks darstellen. Inhaltlich geht es in der Rahmenhandlung darum, dass eine reiche Newcomerin namens Maggy Gérard Theater spielen will, denn
Figure-toi qu’il y a trois semaines, je me suis tout à coup aperçue que je m’embêtais à mourir !
J’ai tout ce qu’on peut avoir dans la vie, car il est convenu, n’est-ce pas, que lorsqu’on a de
l’argent, on a tout ce qu’on peut avoir dans la vie… et pourtant je m’embête ! A tel point que
pour me changer les idées, pour me distraire un peu… j’ai l’intention, moi aussi, de faire du
théâtre, ce qui va peut-être me distraire énormément !
(On ne joue pas pour s’amuser: I, 337)
Maggys Aussage zeugt von wenig professionellen Ambitionen – sie sucht in erster Linie
‹Zerstreuung› (vgl. ebd.). Für ihr Debüt hat sie sich eine (zu) anspruchsvolle Rolle ausgesucht. Mit der Theatertruppe ist bereits eine Tournee geplant, die in Amiens beginnen
und in Bordeaux enden soll.
Das Binnentheater kommt erstmals im ersten Akt vor, und zwar als Probe einer
kurzen Liebesszene aus dem zweiten Akt zwischen Maggy und ihrem Bühnenpartner
Armand (vgl. Kap. 5.2.). Diese Liebesszene, die Maggys Freund eifersüchtig verfolgt,
weist bereits auf die Möglichkeit voraus, dass Armand und Maggy auch außerhalb der
Bühne zu einem Paar werden, wodurch sich die Handlung des Rahmentheaters teilweise
parallel zum Binnentheater entwickeln kann. Außerdem werden im ersten Akt Aussagen
über das innere Spiel gemacht, also Details der Handlung verraten.
Die Theatereinlage trägt den Titel L’enlèvement und es handelt sich um «un drame
pseudo-historique en vers» (Kowzan 1991, 236) mit stark parodistischen Zügen. Der Titel erinnert auch an Mozarts Oper L’Enlèvement du sérail respektive Die Entführung aus dem
Sérail (1782).32 Das Binnenstück scheint in der «Tradition der altspanischen Ehre- und
Rachedramen» zu stehen (Art. Blutrache, Frenzel 1976, 79) – oder es persifliert deren
französische Imitationen.33 Auf die spanische Tradition deutet der Name des Banditen
«Christobal» (sic) hin (On ne joue pas pour s’amuser: II, 367). Als Autor wird «Provost»
genannt.34 Beauvalet erwähnt jedoch auf der Bühne, die wirkliche Autorschaft des
Werks sei umstritten und umgäbe das Theaterstück nicht dieses Geheimnis, so würde
man es wohl schon lange nicht mehr spielen (siehe On ne joue pas pour s’amuser: I,
357). Hier handelt es sich möglicherweise um eine Anspielung Guitrys auf die verschiedenen möglichen Urheber des Librettos von Mozarts Oper Die Entführung aus dem Sérail.
Weiter heißt es selbstironisch über das Theaterstück («la pièce») : «On suppose qu’elle a
Datierung der Uraufführung nach: Opernführer [o.V.] (2011): The virtual opera house. Die Entführung
aus dem Sérail. Komponist. Bühnenwerke [Onlinefassung]. URL: <http://www.operaguide.ch/opera.php?id=246&uilang=de> (22.05.2013).
33 Zur Rachethematik als Topos in metatheatralen Stücken: vgl. Schmeling 1977, 31.
34 Der Abbé Prévost könnte damit gemeint sein. Oder es wird vielleicht auf M. Prévost angespielt, vgl.
Corvin 1989, 10.
32
151
été écrite en une nuit par Victor Hugo, Vacquerie et Lockroy pris de boisson» (ebd.). 35
Diese Aussage lässt an den Qualitäten des Binnenstücks zweifeln. Seine Autorschaft
bleibt dabei ungewiss. Simsolo hält fest: «[Guitry] critique le théâtre de la tradition dans
‹On ne joue pas pour s’amuser›» (Simsolo 1988, 37; kursive Hervorh. M.H.).
Der zweite Akt des eigentlichen Stücks entspricht dem ersten Akt des Theaters
im Theater: Es handelt sich bei der Binnenaufführung um die in Amiens stattfindende
Première. Programme für das Stück werden verkauft, bevor «les trois coups» den Beginn
der Vorstellung ankündigen (On ne joue pas pour s’amuser: II, 363). Die Bühne stellt
«une salle du château ducal» dar (Nebentext, ebd.). Es ist kein Binnenpublikum physisch
anwesend, sodass die echten Zuschauer eine Art Doppelrolle spielen, indem sie auch
den Part des fiktiven Publikums übernehmen. Neben der Newcomerin Maggy als Hermine treten professionelle Schauspieler auf: Maggys Freundin Jasmine Demay in der Rolle der Schwester von Renaud, Armand Raymond als Graf Renaud (Hermines Geliebter) und
schließlich Beauvalet als Bandit Christobal (vgl. ebd., 363 ff.).
Renaud bezahlt Christobal im Binnenstück dafür, dass er Hermine entführt und auf
sein Schloss bringt – das Stück weist also im weitesten Sinne inhaltliche Parallelen zu
Mozarts Entführung aus dem Sérail auf, es ist aber von Anspielungen auf verschiedene Stücke auszugehen. Weiteren intertextuellen Verweisen auf diese Stücke wurde nicht nachgegangen und es wurde hier auch darauf verzichtet, detailliert herauszuarbeiten, welche
Aspekte genau Guitry durch seine Parodie kritisiert. Offensichtlich ist, dass es sich bei
der Binnenhandlung, allein schon durch die Versform in Alexandrinern, aber auch
durch die Handlung, um eine ganz andere Art von Stück handelt als bei der in Guitrys
Stil verfassten Rahmenhandlung. Möglicherweise handelt es sich um die Stilparodie eines romantischen Dramas in Alexandrinern, beispielsweise Hernani von Victor Hugo.
Vertiefter soll auf die Darstellung der Binnenaufführung eingegangen werden:
Im Gegensatz zum Theater im Theater als Bühnenprobe, bei der Korrekturen des Spiels
und Unterbrechungen dazugehören, sind jegliche Fehler, die während einer Aufführung
geschehen, fatal. Als Hermine alias Maggy während der Aufführung ihrem Geliebten auf
der Bühne gegenübersteht, vergisst die Newcomerin vor Lampenfieber ihren Text und
steht wie gelähmt da.
Renaud :
Hermine :
Renaud :
Mais, tout d’abord, dis-moi, pour que je sache bien,
Ce que sont tes parents… oui, dis-moi d’où tu viens ?
Je namanche un diquis…
Tu naquis un dimanche…
Während Hugo und Vacquerie das romantische Drama repräsentieren, handelt es sich bei Lockroy um
einen Librettisten.
35
152
Hermine :
Renaud :
Hermine :
Christobal :
Renaud :
Oui…
Dans cette ville ?…
Oui…
Enchaîne, enchaîne…
Eh bien, le long récit que tu viens de me faire
Avec tant de gaieté me renseigne et m’éclaire !
(On ne joue pas pour s’amuser: II, 371f.)
Maggy alias Hermine antwortet auf Renauds Frage aus dem Stück mit einem Versprecher,
was anzeigt, dass sie aus der Rolle gefallen ist. Da es sich um ein gereimtes Binnenstück
handelt, ist es umso schwieriger für Maggys Bühnenpartner, ihre Versprecher so zu korrigieren, dass wieder ein Reim entsteht. Dies gelingt ihm aber, indem er ihren Fehler berichtigt, wodurch sich ihre voraussehbare Antwort «Oui…» auf den Versprecher
«diquis» reimt, sodass, wenn auch nicht der Alexandriner, doch zumindest der Reim gerettet ist. Nach dieser Szene scheint Maggy aber den Faden ganz verloren zu haben –
dies verdeutlicht Christobals Aussage: «Enchaîne, enchaîne» (ebd.). Die nächste Replik
von Renaud lässt vermuten, dass hier ganze Teile des eigentlichen Binnendramas fehlen
– immerhin ist die Rede von einer ‹langen Erzählung› («long récit», ebd.), während Maggy alias Hermine nur einige wenige Worte gesprochen hat. Daraus ergibt sich ein komisch
wirkender Widerspruch. Im vorliegenden Stück wurde das Binnenstück in der Druckversion nicht typographisch vom restlichen Text abgehoben, wie dies bei anderen Binnenstücken Guitrys der Fall ist. So muss ich als Dramenleserin (wie im Theater das Publikum) entscheiden, wo im Text die Figuren aus der Rolle fallen, wo dem BinnenstückText gefolgt wird und wo dieser scheinbar aus dem Stegreif verändert wird, um die Panne zu überspielen.
Wie in anderen Stücken, die Kokott untersucht hat, wird in dieser Szene bei
Guitry das «Scheitern der Aufführung» vorgeführt (vgl. Kokott 1968, 9). Dabei schöpft
Guitry insbesondere das komische Potential des Versprechers und des Aus-der-RolleFallens aus. Kokott geht bei seiner Analyse ausgewählter Dramen mit Theater im Theater davon aus, dass «das Scheitern der Aufführung im Schauspiel […] bei Shakespeare,
Tieck und Pirandello […] ein wachsendes Mißtrauen des Dramatikers gegenüber den
Darstellungselementen und der Wirkungsfähigkeit des Theaters» offenbare (ebd.). Im
Gegensatz dazu trifft dies so nicht auf die vorliegende Szene bei Guitry zu, der das
Kunstmittel auf traditionellere Weise einsetzt als etwa Pirandello: Bei Guitry kann man
aus dem Scheitern der Aufführung eine Kritik an der Darstellung des Theaters durch einen nicht dazu befähigten Schauspieler herauslesen oder, wie in der vorliegenden Szene,
durch eine unprofessionelle Schauspielerin. Diese Deutung ist nicht überraschend, wird
sie doch bereits durch den Titel des Stücks On ne joue pas pour s’amuser nahegelegt. Ge-
153
zeigt wird dadurch, dass das Theater zum Scheitern verurteilt ist, wenn es nicht mit genügend Ernsthaftigkeit und Professionalität betrieben wird – wie in Maggys Fall – also
wenn beispielsweise eine Schauspielerin aufgrund mangelnder Erfahrung ihre Rolle auf
der Bühne inadäquat umsetzt.
Der nächste Akt spielt in Maggys Ankleideraum während des Zwischenakts des
Theaters im Theater, wo nach der Enttäuschung über die missratene Vorstellung über
das weitere Vorgehen beraten wird: Maggys Rolle wird für die restlichen Akte gekürzt
und ein früherer Vorschlag erneut diskutiert, wonach sie und Jasmine die Rollen tauschen sollen. Sie muss auch von ihrem Bühnenpartner Armand Kritik entgegennehmen.
Am Ende dieses Aktes unterbreitet der erfahrene Schauspieler Beauvalet Maggy das Angebot, mit ihr nach der Vorstellung die Rolle zu üben. Das Zeigen des Scheiterns einer
Aufführung kommt also bei Guitry keineswegs einer Absage an das Theater an sich
gleich. Stattdessen zeigt er theaterpraktische Wege auf, das Problem zu lösen und die
Schauspielerin ihren Fähigkeiten gemäß zu fördern und einzusetzen. Für ihn gilt auch
nach einer gescheiterten Aufführung eher das Motto: The show must go on.
Der vierte Akt von On ne joue pas pour s’amuser spielt während der letzten Aufführung des Stückes in Bordeaux. Diesmal lässt Guitry die echten Zuschauer hinter die Kulissen blicken, wo der fiktive Regisseur Cornet gerade mit einem Bühnenarbeiter spricht,
der zugibt, dass er große Schauspieler nicht möge (vgl. On ne joue pas pour s’amuser:
IV, 384). Der Arbeiter ist wenig erfreut über den Auftritt des bekannten Schauspielers
Beauvalet. Cornet erkundigt sich nach dem Grund. «Ben ! à cause du rideau. Avec des
gens comme ça, il faut faire des cinq et six rappels, c’est éreintant» (ebd., 385), antwortet
der Bühnenarbeiter. Die Pointe, die sich als vermeintliche Kritik an einem Starschauspieler ankündigt, entpuppt sich als Klage des Bühnenarbeiters: Da es sich um die Dernière handelt, erwartet er im Schlussakt des Binnenstückes viele Vorhänge, also einen
anstrengenden Abend. Auf der Bühne lässt Guitry so auch diejenigen zu Wort kommen,
die ihren Beitrag zur Aufführung des Theaters sonst für das Publikum unsichtbar leisten.
Dem Binnenstück im vierten Akt wohnen die Zuschauer nur akustisch hinter
der Bühne bei, wobei die Bühnendialoge oft von Gesprächen der Rahmenhandlung
übertönt werden, da das Theaterstück nur im Hintergrund zu hören ist. Das Publikum
nimmt hier das Stück also aus der Perspektive etwa der Bühnenarbeiter wahr. Auf diese
Weise laufen Rahmenhandlung und Binnenstück vermeintlich parallel ab. Diesmal wird
der letzte Akt des Theaters im Theater aufgeführt: Renaud, «duc de Santocapay» (ebd.,
154
387), schreibt einen Brief an Don Calva. Darin steht, dass Renaud nun doch dessen Tochter Elvire heiraten wolle und Hermine darum verlasse. Der Brief fällt in die Hände von
Hermine, die sich mit Hilfe des Banditen Christobal an Renaud rächen will. Im Duell beiden fällt Renaud durch Christobals Schwert, was Hermine – zu spät – bereut.
Dieser letzte Akt des Binnenstücks überrascht dadurch, dass darin die Rollenbesetzung der Première beibehalten und Maggy nicht ersetzt worden ist: Ihre Stimme erweist sich diesmal als «surprenante de force et laissant supposer une aisance absolue»
(Nebentext, On ne joue pas pour s’amuser, 391). Der Regisseur äußert hinter der Bühne
seine Verwunderung über Maggys Fortschritte (vgl. ebd.). Diese Szene zeugt von
Guitrys Optimismus und Zuversicht bezüglich des Potentials eines Schauspielers oder
einer Schauspielerin. Im Stück wird vorgeführt, dass sich eine Darstellerin auch nach anfänglichen Rückschlägen im Verlaufe einer Tournee noch zu einer guten Schauspielerin
entwickeln kann, wenn man die Person fördert und diese das Schauspiel mit genügend
Ernsthaftigkeit betreibt. Die Voraussetzungen dafür werden auf der Bühne im nächsten
Akt nochmals explizit angesprochen.
Einen besonderen Reiz macht in diesem Akt das Nebeneinander von Binnenstück und Rahmenhandlung aus. Einerseits werden einige Konflikte angedeutet, die auf
der Ebene der Rahmenhandlung bestehen: Maggy und Jasmine scheinen nicht mehr
miteinander zu sprechen. Der Grund – Eifersucht – kann erahnt werden, als sich Maggys Partner («l’ami de Maggy», vgl. ebd., 390) in der Nähe von Jasmine aufhält. Dazu
wird parallel zur Rahmenhandlung auf der Binnenebene Theater gespielt: Schauspielerin
Jasmine verpasst durch das Schwatzen hinter der Bühne beinahe ihren Auftritt (vgl.
ebd., 389).
Der fünfte und letzte Akt der Rahmenhandlung spielt in Maggys Ankleideraum
in Bordeaux vor der Rückreise nach Paris. Als Überraschung hat Weissmann, der Impresario, angekündigt, dass die Truppe das Stück auch in Paris aufführen werde. Maggy
wird für ihre Rolle gelobt, auch von ihrem Bühnenpartner Beauvalet: Seine Proben mit
der jungen Schauspielerin haben Früchte getragen; betont wird vor allem die immerwährende Arbeit, die hinter dem Erfolg stecke – was auch schon durch den Titel des Stücks
deutlich wird: On ne joue pas pour s’amuser. Beauvalet äußert sich wie folgt über die Schauspielstunden, die er Maggy erteilt habe:
Je ne l’ai fait, mon enfant, que parce que la chose était faisable. On ne peut pas semer dans un
champ de cailloux. Il ne faut donc s’exagérer ni ce que j’ai fait, ni le résultat obtenu. Vous pen-
155
sez bien que je ne vous ai pas appris à jouer la comédie… J’ai voulu seulement vous mettre sur
la voie.
(On ne joue pas pour s’amuser: V, 401)36
Er betont jedoch auch, Maggy stehe erst am Anfang der Schauspielerei, er empfiehlt ihr
Schauspielunterricht (vgl. ebd.) und gibt ihr den folgenden Ratschlag:
Si vous avez en vous de quoi faire une actrice – et je le crois – vous n’allez plus cesser d’en
prendre des leçons… Telle femme, assise au seuil de sa maison, qui berce entre ses bras son
bébé qu’elle endort vous donne une expression de visage que vous n’oublierez pas… Votre
femme de chambre en vous annonçant que sa grande mère est morte vous indique la façon
d’altérer votre voix… oui, c’est à chaque seconde une leçon nouvelle que la vie elle-même vous
donne… Un bon peintre ne s’arrête jamais de peindre… et il n’attend pas d’avoir ses pinceaux
à la main pour se mettre au travail. Faites comme lui… et quand vous posséderez toutes les
expressions il faudra faire alors un travail matériel destiné à vous permettre de rendre toutes
ces expressions…
(On ne joue pas pour s’amuser: V, 401f.)
Die Arbeit eines Schauspielers wird hier explizit mit der eines Malers verglichen: Seine
Sujets findet der Darsteller, gemäß der Aussage Beauvalets, im wahren Leben. Angestrebt wird also ein Schauspiel im realistischen oder auch naturalistischen Sinne (wobei
gerade Boulevardstücke im Gegensatz zu naturalistischen Dramen in der Regel nicht die
ganze Bandbreite aller sozialen Schichten zeigen). Das ganze Theaterstück Guitrys, insbesondere aber der letzte Akt, enthält viele Stellungnahmen zum Beruf des Schauspielers und Ratschläge zur Schauspielerei, die aus dem Mund des betagten Lucien Guitry in
der Rolle von Beauvalet ihre Wirkung auf das Publikum nicht verfehlt haben dürften. In
diesem Sinne ähnelt On ne joue pas pour s’amuser (1925) dem früher entstandenen Stück Le
Comédien (1921).
Eine scheinbare Überlappung der Rahmen- und Binnenhandlung kommt in
Guitrys Dreiakter Jean III ou l’irrésistible vocation du fils Mondoucet (1912) vor, dessen Prolog
auf den ersten Blick zugleich zum internen und externen Spiel zu gehören scheint. Angezeigt wird dies durch die Regieanweisung am Anfang des Stückes, wo es heißt: «On
frappe les trois coups. Un temps. On refrappe les trois coups» (Nebentext, Jean III, 109).
Dadurch wird einerseits bereits auf die Ebene der Binnenhandlung verwiesen, 37 andererseits wird jedoch eine Verzögerung angedeutet. Im Prolog, der zugleich an ein unsicht-
36 Nach einer Aussage Guitrys ist die Schauspielerei ein Beruf, den man ohne Talent nicht erlernen kann.
Dies geht aus einer Stellungnahme in Théâtre, je t’adore hervor (es handelt sich dabei nicht um ein Theaterstück, sondern um gesammelte Zitate): «C’est un métier pour lequel il faut être doué. On ne peut pas devenir un bon comédien à force de travail, d’intelligence et de volonté. On peut jouer la comédie sans aucun don, mais on la joue mal. On fait mal semblant. Or, savoir faire semblant, cela ne s’apprend pas»
(Guitry (1974): Le Métier de comédien. In: Théâtre, je t’adore, 204).
37 Die gleiche Technik verwendet Guitry am Anfang der Binnenhandlung von Toâ (1949), wo eine ähnliche Überlappung der Ebenen vorkommt: Dadurch wird die Fortsetzung der Rahmenhandlung nach dem
Zwischenakt angekündigt. Diese besteht darin, dass im Theatersaal, der somit scheinbarer Teil der Rahmenhandlung wird – ähnlich wie bei Pirandello in Ciascuno a suo modo – Programme für die Theatereinlage
Toâ verkauft werden. Das Theater im Theater beginnt, nachdem das Signal ein zweites Mal ertönt (siehe
Toâ: II, 276).
156
bares Binnenpublikum gerichtet ist, kündigt der Regisseur an, Monsieur Dumoulin, der
die Rolle des Ritters spiele, falle an diesem Abend wegen Verletzung aus. Es stehe aber
ein Ersatzschauspieler in Aussicht: Paul Mondoucet, ein junger Bühnenkünstler, solle
angefragt werden, sodass die Vorstellung, Mondoucets Zusage vorausgesetzt, mit etwa
einer Stunde Verspätung stattfinden könne.
Es handelt sich hier um einen fiktionalen Prolog, der sich gleichzeitig an ein
doppeltes Publikum wendet, nämlich das reale, anwesende sowie an das fiktive Publikum des Theaters im Theater, das stellvertretend durch das echte Publikum dargestellt
wird.38 Wir befinden uns also bereits auf der Ebene der Rahmenhandlung. Ein Vertreter
des fiktiven Publikums sitzt jedoch unter den wirklichen Zuschauern, wie es die Regieanweisung vor dem Prolog verlangt: «Un spectateur donne déjà des signes d’impatience»
wegen der Verzögerung (Nebentext, Jean III, 109). Dies bewirkt, dass das reale Publikum
dessen Reaktion möglicherweise für echt und ihn selbst für einen wirklichen Zuschauer
und nicht für einen Schauspieler hält – oder umgekehrt das Gefühl hat, selber Teil des
Binnenpublikums und der Rahmenhandlung zu sein. Klimek beschreibt eine solche Zuschauer-Konstellation:
Hier wird – entgegen dem Anschein – die Grenze zwischen Stück und Aufführungssituation
jedoch nicht überschritten, sondern lediglich verschoben. Nicht mehr die Rampe bildet den ontologischen Rahmen des Stücks, vielmehr verläuft diese Grenze quer durch den realen Zuschauerraum.
(Klimek 2010, 88)
Sie erwähnt als Beispiel für ein solches Spiel mit dem Publikum neben Pirandellos Stück
«Ciascuno a suo modo (1924; auf Deutsch: ‹Jeder nach seiner Art›) […] auch Schnitzlers Zum
großen Wurstel» (ebd., Anm. 166). In Guitrys Stück betrifft das Spiel mit dem Publikum
nicht nur den fiktiven Zuschauer, sondern auch die Figur des Regisseurs – beide werden
möglicherweise zunächst für echt gehalten.
Vorgebracht wird ein Prolog üblicherweise von «spielexternen Figuren» (Pfister
2001, 109). Dies stimmt hier in Bezug auf das Theater im Theater, in dem die Figur des
Regisseurs, der diese Ankündigung vorträgt, nicht vorkommt. Der Regisseur gehört also
nur zum Personal des äußeren Spiels. Wäre der Prolog nicht durch seinen humoristischen Inhalt als fiktional gekennzeichnet,39 könnten ihn auch die echten Zuschauer als
Vgl. dazu (bzgl. des Theaters im Theater bei Pirandello) Schmeling 1977, 186/ 232 Endnote 23.
Der Bühnenkünstler hat sich seine Kopfverletzung zugezogen, indem er mit dem Kopf gegen die Kupferstange des Bettes stieß «en faisant l’amour cet après-midi avec une des plus célèbres artistes du Boulevard» (Jean III, Prologue, 109). Dies würde, selbst wenn es stimmte, bei einer echten Aufführung sicher
nicht als offizieller Grund angegeben. Außerdem verrät der Regisseur beinahe noch den Namen der Geliebten des Bühnenkünstlers.
38
39
157
Realität auffassen. Durch die im Prolog enthaltene Komik wird jedoch klar, dass dem
nicht so ist.
Die anschließende Handlung beginnt mit der Rahmenhandlung, nämlich der
Darstellung des Wohnzimmers und dem Auftreten der Familie Paul Mondoucets vor
der Ankunft des Regisseurs, nicht etwa mit dem Auftritt des jungen Bühnenkünstlers.
Der Prolog leitet also direkt zur Rahmen-, aber noch nicht zur Binnenhandlung über.
Der Regisseur sucht Paul auf, um ihn als Ersatz einzustellen. Vater Mondoucet ist keineswegs damit einverstanden, dass sein theaterbegeisterter Sohn Paul Schauspieler wird
und will ihn deshalb gar verstoßen. Er lässt sich aber schließlich von den Theaterleuten
davon überzeugen, Paul auftreten zu lassen; durch den gewünschten Erfolg seines Sohnes erhofft er sich Mehreinnahmen und Berühmtheit. Paul seinerseits möchte Tragödien
spielen. Es sieht danach aus, dass die Aufführung auf diese Weise gerettet werden kann.
Sowohl der Regisseur als auch der Theaterdirektor wollen vermeiden, dass die Einnahmen des Abends verloren gehen (vgl. Jean III: II, 131f.). Die eigentliche Binnenaufführung kann stattfinden, nachdem sich Paul zur Rollenübernahme bereit erklärt hat.
Es handelt sich bei Jean III ou l’irrésistible vocation du fils Mondoucet um eine «farce»
(vgl. Kowzan 1991, 236). Kowzan weist darauf hin, Guitry parodiere hier möglicherweise Feydeau: «On peut penser que le jeune Guitry a voulu pasticher Feydeau [–] c’était
la période de On purge bébé et Mais n’te [sic] promène donc pas toute nue» (ebd.).
Akt II spielt in einem Ankleideraum des Théâtre Impérial: Da sich herausstellt,
dass der vermeintliche Jungstar wider Erwarten seine Theaterrolle als Ritter nicht kennt,
da er sie noch nie gespielt hat, wohnt man einer kurzen Probe bei (Jean III: II, 143; siehe Kap. 5.2.). Es ist bereits klar, dass Paul einen Großteil seines Sprechtextes nur mit
Hilfe des Souffleurs wird bewältigen können, was später auch geschieht. Paul (und dem
Publikum) wird im äußeren Spiel aber zuerst die eigentliche Handlung des Theaters im
Theater erzählt (ebd., 137-139).
In der Zwischenzeit halten die anderen Schauspieler das Publikum des Theaters
im Theater mit Gesangseinlagen, Monologen und Versrezitationen bei Laune (siehe
Kap. 10.1.3.). Es wird berichtet, dass die Binnenzuschauer zuvor aus Ärger über die
Verspätung bereits ‹mit den Füßen gestampft› hätten (vgl. ebd., 128). Das echte Publikum wohnt diesem Intermezzo nicht direkt bei, sondern erfährt davon nur durch die
Berichte der fiktiven Schauspieler. Stattdessen sehen die Zuschauer als Rahmenhandlung das, was hinter der Bühne passiert.
158
Erst im dritten und letzten Akt wird das eigentliche Theaterstück im Theater
aufgeführt, das ebenfalls den Titel Jean III trägt.40 Dieser Aufführung wohnen Pauls Eltern als fiktive Zuschauer bei, die sich durch Zwischenrufe in die Aufführung einschalten. Es handelt sich beim Stück um «un ridicule drame médiéval en vers» (Kowzan
2001, 236), genauer in paargereimten Alexandrinern. Die Tragik des Theaters im Theater geht unter anderem dadurch verloren, dass Paul, der den Ritter spielt, seine Rolle
vergisst und zweimal zu früh auf der Bühne erscheint. Als dann sein richtiger Einsatz
kommt, tritt er mit Verspätung auf und weiß seinen Rollentext nicht.
Inhaltlich dreht sich das Theater im Theater, welches im Schlosssaal des Königs
Jean III spielt, unter anderem um das Motiv der Rache41 (siehe Jean III: III, 149). Eine
junge Frau soll den viel älteren König heiraten, der schon unzählige Leute hat umbringen lassen. Sie beschließt, sich, stellvertretend für seine Opfer, an ihm zu rächen und ihn
zu töten: «Je vais venger tous ceux qui furent vos victimes, / Et vous allez payer vos
exécrables crimes !» (Jean III: III, 155). Als der Frau der Königsmord nicht gelingt, will
sie sich selber richten (lassen), um sich der Kontrolle des Königs zu entziehen. Diese
Tötung soll der Ritter ausführen, wie Paul in der Probe von seinem Konkurrenten auf
der Bühne erklärt wurde:
Lambrequin : Mais, comme vous sentez que vous allez être le moins fort, vous vous précipitez
sur la princesse… et vous la tuez. […] En disant :
Ah ! tu veux m’arracher des bras de cette femme,
Mais tu ne l’auras pas, vieillard infâme !
Et elle tombe morte !
Paul : C’est idiot !
Léone : Il ne s’agit pas de discuter la pièce.
Lambrequin : Il s’agit de l’apprendre.
(Jean III: II, 139, Hervorh. der Binnenhandlung bei Guitry42)
Aus Pauls Antwort wird klar, dass ihn die Handlung des Stücks nicht überzeugt – aber
natürlich ist das nicht der richtige Augenblick, um darüber zu diskutieren, denn das Publikum wartet auf die Aufführung … Eine ähnliche Szene wie die von Paul kritisierte findet sich beispielsweise in Lessings bürgerlichem Trauerspiel Emilia Galotti (1772),43 worin der Vater seine Tochter tötet, um deren Ehre zu bewahren.
Das Stück Jean III ou l’irrésistible vocation du fils Mondoucet weist neben Unterschieden auch zahlreiche Bezüge zwischen der Rahmenhandlung und dem Theater im TheaDurch die inhaltliche Übereinstimmung des Titels beider Theaterstücke – jener der Gesamthandlung
und der Binnenhandlung – kann man von einer Mise en abyme sprechen. Forestier definiert sie als «un dédoublement thématique», (Forestier 1981, 13), also eine ‹thematische Verdoppelung›, welche die Wichtigkeit
der Ereignisse aus der Rahmenhandlung für die Gesamthandlung anzeigt.
41 Zum Motiv der Rache als Topos in metatheatralen Stücken, vgl. Schmeling 1977, 31.
42 Auf die kursive Hervorhebung der Binnenhandlung im Manuskript dieses Stücks wird nachfolgend
nicht mehr hingewiesen.
43 Die Datierung der Uraufführung folgt: Kienzle/zur Nedden 1996, 179.
40
159
ter auf: Bereits im äußeren Spiel kommt zum Ausdruck, dass sich Paul in den Jungstar
Léone verliebt hat. Diese ist jedoch bereits mit einem anderen Schauspieler namens
Lambrequin liiert. Im Theater im Theater spielt gerade dieser Lambrequin die Rolle des
Königs, der die junge Egzéma – natürlich dargestellt von Léone – zur Heirat zwingen will.
Paul bekommt die Rolle des Ritters zugewiesen.
Dieser junge Ritter macht Egzéma einen Heiratsantrag, den sie gemäß ihres Rollentexts ablehnen soll. Als der König die beiden zusammen überrascht, will er den Ritter
ins Gefängnis werfen lassen. Bevor dies ausgeführt werden kann, soll der Ritter gemäß
Manuskript jedoch die junge Prinzessin töten (vgl. oben). Paul, in der Rolle des Ritters,
gibt dem Stück jedoch während der Aufführung eine unvorhergesehene Wendung, denn
«à la fin, il confond la fiction théâtrale et ses sentiments personnels, il déclare l’amour à
sa partenaire qui est la maîtresse de l’autre comédien en scène» (Kowzan 1991, 236).
Dies geschieht, als der König das junge Paar alleine auf der Bühne zurücklässt. Im Manuskript wird Pauls Aus-der-Rolle-Fallen durch nicht kursiv gesetzte Passagen angezeigt.
Paul kommentiert die Szene: «Seuls ! Seuls ! Il nous laisse seuls ! Il s’approche de Léone […]
et il l’embrasse dans le cou) […] Je vous aime !» (Jean III: III, 161). Léone alias Egzéma reagiert auf dieses Geständnis während der Aufführung geschockt, weil es als Illusionsbruch wirkt und außerdem die Privatsphäre der Schauspieler-Persönlichkeiten auf der
Bühne thematisiert. Sie antwortet ihm:
Léone (Egzéma): Mais vous êtes fou, voyons, on va vous entendre !
Paul (le chevalier) étant allé à la porte du fond : Non, personne !
Léone (Egzéma): Et le public ?
Paul (le chevalier) : Je n’y pensais plus !
Léone (Egzéma): Prenez le manuscrit et lisez votre rôle !
(Jean III: III, 161)
Es handelt sich um einen Fall des Aus-der-Rolle-Fallens, das eine Aufführung zum
Scheitern bringt. Hier geschieht es in erster Linie um der Komik willen: Die ganze Binnenhandlung ist eine Parodie. Paul ist nach dieser Szene nur noch mit Hilfe des Rollentexts fähig, in seine vorgegebene Bühnenrolle zurückzufinden. Er scheint in diesem
Moment die Aufführungssituation gänzlich vergessen zu haben und ist sich auch nicht
der Präsenz eines (Binnen-)Publikums bewusst, da er seine Rolle für die ‹Wirklichkeit›
hält. Es entspricht der Konvention des Theaters, dass eine Schauspieler-Figur um die
Fiktionalität der von ihr gespielten Rolle weiß. Im umgekehrten Fall haben wir es mit
einem paradoxen Phänomen zu tun – hier in Form einer Metalepse.44
44 Der vorliegende Fall zeigt, dass Schöpflins Beobachtung tatsächlich zutrifft, wonach «[nicht] immer
[…] bei allen Mitspielern oder Zuschauern eines internen Theaterstücks […] ein Spielbewußtsein gegeben
[sein muss]. Gerade daraus kann der Dramatiker einen besonderen Effekt gewinnen» (Schöpflin 1993,
12). Tatsächlich verfügt Paul in dieser Szene des vorliegenden Stückes über kein Fiktionalitätsbewusstsein
160
Während Paul in seinem Rollentext weiterfährt, erlaubt er sich – für alle offensichtlich – einige Manuskriptseiten zu überspringen. Dem Publikum mag es erscheinen,
als wäre Paul erneut aus der Rolle gefallen, als sein Name unerwartet auch im Binnendrama fällt:
Le chevalier (Paul), lisant : […]
Je suis Britannicus et vous êtes Junie.
Si je devenais Paul…
Léone (Egzéma): Je serais Virginie !
(Jean III: III, 162f.)
Durch die direkt anschließende Replik Léones handelt es sich jedoch nicht um ein übliches Aus-der-Rolle-Fallen, auch wenn sich das Publikum fragen mag, ob es sich beim
Text nun um den eigentlichen Dramentext oder einen spontanen Einwurf auf Seiten
Léones handelt, um das Stück zu retten (indem sie Pauls Tirade unterbricht). 45 Der
nächste Moment des (hier: absichtlichen) Aus-der-Rolle-Fallens lässt jedoch nicht lange
auf sich warten:
Le chevalier (Paul), lisant :
[…] Vous êtes Juliette et je suis Roméo !
Vous êtes Cléotas et je suis Rhadamante !
Vous êtes Béatrix et je suis, moi, le Dante !
Je peux me transformer, amour, avec plus d’art,
Vous êtes Héloïse et je suis Ab…
Ah non, ça, je refuse. (Il jette le manuscrit.) Je suis grisé par toutes les bêtises que je viens de
lire… et vous êtes grisée aussi… c’est ce qui est beau en amour, voyez-vous !… La qualité des
paroles importe peu ! Il faut seulement qu’une certaine quantité de choses aient été
dites. Et c’est à ce dosage qu’on reconnaît les véritables amants.
(Jean III: III, 162f. Fettdruck M.H.)
In der aufgeführten Meta-Tragödie werden also bekannte Liebespaare der Weltliteratur
erwähnt – nicht nur aus Theaterstücken (wie beispielsweise Shakespeares Romeo and Juliet), sondern auch aus Romanen (etwa aus dem gleichnamigen Roman Paul et Virginie
von Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre) oder aus der Lyrik, wobei es sich hier um
echte Personen handelt, die lyrisch überhöht dargestellt werden – Dante und seine Muse
Beatrice, Petrarca und Laura (vgl. ebd.). Auch Liebesverhältnisse historischer Persönlichkeiten werden erwähnt: «Et si j’étais Musset, vous seriez George Sand !» (ebd.). Die
dem Manuskript des ursprünglichen Binnendramas widersprechende Aposiopese Pauls
kann so gedeutet werden, dass er nicht mit Abélard verglichen werden will. Durch das
‹Hinwerfen des Manuskripts› (vgl. ebd., 161) wie auch durch seine folgenden Kommen-
bezüglich seiner Rolle. Trotzdem erfüllt das Theater im Theater das Kriterium der Fiktionalität, denn auch
wenn Paul dies einen Moment lang paradoxerweise verkennt, bleibt das hier gezeigte Binnenstück für alle
anderen Schauspielfiguren fiktional und wird auch von den anderen Schauspielern als solches erkannt.
45 Erkennt das Publikum, dass sich die Darsteller hier möglicherweise vom eigentlichen Dramentext lösen, dann hat dies einen komischen Effekt. Typographisch wird der Sprechtext durch die Kursivsetzung
als Teil des Binnentheaters angezeigt – ob dieser von Paul verändert wurde, wird so auch den DramenLesern nicht verraten.
161
tare distanziert sich Paul von allen hier erwähnten Liebespaaren und der LiebesLiteratur einerseits und von der Tragödien-Tradition andererseits. Paul äußert auf diese
Weise während der Aufführung seinen Unmut über den Tragödientext, den er auf der
Bühne sprechen muss. Es stellt sich die Frage, inwieweit solche metatheatralen Aussagen als inszenierte Poetik des Autors interpretiert werden können vor dem Hintergrund,
dass es sich bei Paul im Stück um eine wenig ernstzunehmende Figur handelt. Aber es
fällt auf, dass Guitry gerade die oben im Zitat angesprochene ‹Dosierung› («ce dosage»,
ebd.) des Dramentextes beherrscht, die sich als eine natürlich wirkende Gestaltung des
Dialogs in Liebesszenen umschreiben lässt. Von daher kann beispielsweise die zitierte
Aussage Pauls durchaus im Sinne einer inszenierten Poetik ausgelegt und auf Guitrys eigene Stücke bezogen werden, die sich durch die wohldosierte Wortwahl in Liebesszenen
von anderen Liebesdramen und auch -tragödien unterscheiden.
Am Ende des Stücks löst sich Paul, wie erwähnt, vollständig von seinem ursprünglichen Dramentext – und dies während der laufenden Aufführung. Er distanziert
sich von seiner Rolle und bringt die Binnenaufführung dadurch willentlich zum Scheitern – sozusagen mit dem stillen Einverständnis Guitrys als dem eigentlichen Autor der
Binnenkomödie. Paul führt hier seine Unzufriedenheit über den tragischen Text noch
weiter aus. Lieber als Tragödien möchte er eine Komödie spielen:
Tu es faite pour vivre avec moi… Ah ! Et puis, tu es comme moi, nous ne sommes faits ni l’un
ni l’autre pour jouer de pareilles pièces… [=tragiques] nous sommes faits pour jouer des pièces
gaies, parce qu’il n’y a que ça de vrai! Parce que (désignant le public) ces gens-là sont venus ici
pour s’amuser… et ils ont bien raison !… Tout à l’heure, ils ont rigolé quand je suis resté en
panne dans mon rôle, n’est-ce pas ? Eh bien, ç’a été une révélation pour moi !… Je croyais à
ma vocation de tragédien … d’ailleurs, je l’avais dit à papa … N’est-ce pas, papa ?
(Jean III: III, 163)
Worauf Vater Mondoucet aus dem Publikum heraus antwortet: «Oui …» (ebd.).46 Zu einer Komödie ist die Aufführung inzwischen auch geworden. Das Stück endet in einem
Handgemenge. Bemerkenswert ist Pauls Begründung, warum er künftig Komödien spielen wolle: Durch ebendiese Aufführung sei ihm das klargeworden (vgl. ebd.). Er meint
aber nicht das Binnendrama, das dem Manuskript entspricht, sondern das neue Theaterstück, dessen Verlauf er durch sein Aus-der-Rolle-Fallen und seine Eingriffe in den
Dramentext verändert hat. Denn diese Variante ist es, welche das Publikum zum La-
Vergleichbare Eingriffe in die Dramenhandlung von Seiten des (Binnen-)Publikums finden sich bereits
im Stück The Knight oft he Burning Pestle (ca. 1607-1613) von Beaumont, in dem die Hauptrolle des Binnenstücks vom „Lehrjungen Rafe“ übernommen wird (Schöpflin 1993, 65; siehe ebd. 65-70).
46
162
chen gebracht hat. Und diese Erfahrung möchte er erneuern. Eine Tragödie hat er so
zur Komödie gemacht.47
Paul fällt im Stück nicht nur (teilweise unabsichtlich, teilweise absichtlich) aus
der Rolle, sondern schlüpft in eine neue Rolle (siehe Schmeling 1977, 161). Durch seine
eigenwillige Neuinterpretation derselben, bei der er vom Dramentext abweicht, beeinflusst er den Verlauf des Binnenstücks. Die Handlung des Theaters im Theater ändert er
folgendermaßen ab: Er besticht die Wächter des Palastes, wirft sich in die Arme der
Prinzessin, anstatt sie zu töten, und schleudert dem König alias Lambrequin ins Gesicht:
«Tu es cocu !… » (Jean III, 163). Auf weitere Abweichungen vom Manuskript wurde bereits hingewiesen. Komische Momente entstehen zudem, wenn Paul aus der Rolle fällt,
weil er das (Binnen-)Theater mit der (Dramen-)Wirklichkeit verwechselt.
Nach Klimeks Systematisierung der Terminologie Genettes (1972)48 entspricht
Pauls Aus-der-Rolle-Fallen während der Aufführung «einer absteigenden Metalepse
(Kat. 2)» (vgl. Klimek 2010, 85). 49 Von einer Metalepse kann in diesem Zusammenhang
nur gesprochen werden, wenn die Dramenebenen «unlogisch vermischt» werden (ebd.,
80). Ein Beispiel dafür stellt, wie erwähnt, die oben zitierte Szene (vgl. Jean III: III, 163)
dar: Denn der Schauspieler spricht in seiner Rolle als Ritter während der Aufführung
darüber, dass er lieber komische als solche tragischen Stücke spielen würde. Umgekehrt
kann Pauls vorher beschriebenes «Eingreifen […] in die Schauspieleinlage [als] der aufsteigenden Metalepse (Kat. 1) analog» angesehen werden (Klimek 2010, 85). Dies trifft
hier zu, da die Überschreitung von eigentlich getrennten Theater-Ebenen während einer
Theateraufführung auf paradoxe,50 also «logikwidrige Art» geschieht (Klimek 2010, 72).
47 Einen ähnlichen Kunstgriff setzt Goetz ein, wenn er in seiner Bearbeitung von Der Raub der Sabinerinnen
(1955) – entgegen der ursprünglichen Vorlage – das Binnenstück durch Luise Striese als Parodie aufführen lässt (vgl. unten, Kapitel 4).
48 Vgl. Genette 1972, 67-282.
49 Klimek verweist hier auf die Terminologie von Landfester (1997), die sich auf Genette stütze und der
sie folge: Vgl. Landfester, Ulrike (1997): «…die Zeit selbst ist thöricht geworden …» Ludwig Tiecks Komödie ‹Der gestiefelte Kater› (1797) in der Tradition des Spiel im Spiel-Dramas. In: Ludwig Tieck. Literaturprogramm und Lebensinszenierung im Kontext seiner Zeit. Hg. v. W. Schmitz. Tübingen, 101-133.
50 Ein Paradoxon ist in der Literaturwissenschaft eine «rhetorische Figur[ ] des Kontrasts». Als solche ist
sie definiert als «logischer Widerspruch durch Herstellung eines polaren oder kontradiktorischen Gegensatzes» (Fricke/Zymner 1996, 31f). Es handelt sich um die Kontradiktion «zweier Aussagen, die beide
gleichzeitig gelten sollen» (Klimek 2010, 42; vgl. Fricke/Zymner 208). Die oben erwähnte «aufsteigende
Metalepse» kann desgleichen mit der Aussage beschrieben werden: Paul spielt Rolle X. Jedoch trifft auf diese Szene auch die Aussage Paul spielt Rolle X nicht zu, als «kontradiktorisches Gegenteil» zur ersten Aussage
(Fricke/Zymner 1993, 208; vgl. Klimek 2010, 42, Anm. 42) – denn er fällt aus der Rolle und sein Privatleben färbt auf seine Rolleninterpretation ab. Dieses Aus-der-Rolle-Fallen ist gleichzeitig Teil der Aufführung – also des Binnentheaters, das sich so auf unlogische Weise mit der Rahmenhandlung vermischt.
Nicht nur die Aussage Paul spielt diese Rolle trifft auf den oben erwähnten Typ zu (vgl. Klimek 2010, 85) zu.
Auch die gegenteilige Aussage gilt hier als «Polares Gegenteil» (Fricke/Zymner 1993, 209). Das «kontradiktorische[ ] Gegenteil […] [b]eschränkt sich (wie z.B. schwarz / nicht schwarz) ausschließlich auf die
Negation des Ausgangssatzes.» (Fricke/Zymner 1993, 209). Dieses lässt sich für den konkreten Fall der
163
Wie erwähnt, wirft sich Paul etwa in die Arme der Prinzessin, anstatt sie zu töten. Er
nimmt die Binnenhandlung demnach ebenso ernst wie sein Privatleben (die Rahmenhandlung) und ändert dadurch den Verlauf des Stücks ab. Er schafft sich gewissermaßen
eine neue Rolle. Daraus resultiert eine abgewandelte Version des Binnendramas. Für eine Aufführung auf dem Theater soll also gelten: «Wo zwei getrennte diegetische Ebenen
[…] miteinander vermischt werden, da wird die Darstellungslogik durchbrochen» (Klimek 2010, 42).51 Dadurch ist das vorliegende Stück im weitesten Sinne beispielsweise
mit Tiecks Theater-im-Theater-Dramen verwandt.
Schmeling ordnet ähnliche Stücke in eine Strömung ein, die er «courant néoromantique» nennt (Schmeling 1982, 48) und von anderen Dramen abgrenzt.
Klassischer Formwille einerseits und streng realistische oder naturalistische Tendenzen andererseits rufen […] eine neuromantische Gegenströmung auf den Plan, von der auch das Spiel
im Spiel profitiert.
(Schmeling 1977, 174)
Als Vertreter erwähnt er «Alexander Ostrowskijs ‹Der Wald› (1870), Anton Tschechovs
‹Die Möwe› (1895) oder Arthur Schnitzlers ‹Der grüne Kakadu› (1898)» (ebd., 175).52 Lässt
sich auch Guitry, beispielsweise mit Jean III ou l’irrésistible vocation du fils Mondoucet (1912)
in diese Traditionslinie stellen? Inhaltlich scheinen einige von Guitrys hier analysierten
Stücken das Thema der «Künstlerproblematik» mit den Gruppenvertretern zu teilen
(ebd.). Und auch Guitry wendet sich hier ab von einer klassischen Bauart, an denen sich
die meisten Vaudevilles und Salonstücke orientieren. Folgende Kriterien erwähnt Schmeling als typisch für die beschriebene «neuromantische Gegenströmung» (ebd., 174):
Die Protagonisten, Spieler auf der Bühne und Spieler im Leben, sind nicht nur mehr oder weniger realistisch gesehene Repräsentanten einer Gruppe, die bestimmten sozialen, moralischen
oder ästhetischen Problemen ausgesetzt sind, sondern sie symbolisieren letztlich den Konflikt
von Persönlichkeit und Rolle, Ich und Nicht-Ich oder wahrer und scheinbarer Existenz.
(Schmeling 1977, 175)
Diese Aussagen scheinen teilweise auf Guitrys Stücke zuzutreffen. Indessen ist ein weiteres Kriterium nur selten darauf anwendbar, das besagt, dass dieser «Konflikt» (ebd.)
«in den ‹Komödien› oft auf tragische Weise endet» (ebd.) – Am ehesten scheint dies
noch auf Quand jouons-nous la comédie ? (1935) zuzutreffen, wo jedoch das im Nachspiel
angefügte Happy End dieser Tendenz des tragischen Endes widerspricht.
Metalepse beispielsweise wie folgt ausformulieren: Paul spielt nicht nur seine Rolle X nicht (mehr), sondern
Paul spielt vielmehr eine neue Rolle Y. Das «Polare[ ] Gegenteil [s]chließt (wie z.B. schwarz/weiß) die Negation des Ausgangssatzes p ein, geht aber darüber hinaus durch die Behauptung der extremen Alternative»
(ebd.).
51 Vgl. Klimek 2010, Kap. 5.2.3, 330ff.
52 Gegenüber der Vorlage geänderte Hervorhebung von mir; M.H. – im Original Kursivsetzung der Autoren.
164
Auch für Goetz konstatiert Knecht einen Einfluss der Romantik. Dass sich dessen Stücke gerade in Bezug auf den Umgang mit dem Kunstmittel des Metatheaters mit
Guitry vergleichen lassen, hat die bisherige Analyse gezeigt.
Viel deutlicher aber als der Einfluß des Expressionismus […]53 schien sich der Einfluß der
Romantik in den Werken von Curt Goetz zu offenbaren. […] Die Welt wurde als Spiel verstanden […]. Tieck […] nahm den […] «Verfremdungseffekt» vorweg, indem er diese beiden
Elemente, nämlich romantische Poesie und realistische Zeitsatire, ineinander übergreifen, verfließen läßt. Dadurch entsteht eine bewusste Dissonanz: Durch Illusionierung und unmittelbar
darauffolgende Desillusionierung.
(Knecht 1970, 168; Anm. M.H.)
Gerade Guitry setzt das Kunstmittel des Theaters im Theater ähnlich wie Tieck ein.
Obschon Knecht von Tiecks Einfluss auf Goetz ausgeht, verwendet sie in ihrer Dissertation zur Beschreibung von Goetz’ Theaterstücken keinen der in der damaligen Literaturwissenschaft wohl noch wenig etablierten Begriffe wie Theater im Theater, Metatheater
oder Spiel im Spiel. Sie erkennt aber, «wieviele Stilelemente der Romantik Curt Goetz in
sein dramatisches Werk übernommen […] hat» (ebd., 169), und zieht auch eine Parallele
zu Brechts epischem Theater (siehe oben, vgl. ebd., 168). Außerdem weist sie in ihrer
Arbeit auf Goetz’ «Satiren auf Theater und Film» hin, die die beiden Medien reflektieren
(ebd., 110; vgl. 110-124).
Guitry in die erwähnte neo-romantische Strömung einzuordnen, erscheint insofern plausibel, als Schmeling konstatiert: «D’une façon générale on peut dire que
l’utilisation des formes réfléchies du théâtre moderne est liée au développement de la
tragicomédie» (Schmeling 1982, 48). Auch Jean III weist Komödien- und Tragödienelemente auf, wobei hier die komischen überwiegen, denn Tragödie wird vor den Augen
des Publikums in eine Komödie umgewandelt.
Es gilt jedoch in Bezug auf seine Stücke relativierend zu erwähnen, dass Guitry
metatheatrale Formen und Metalepsen vielseitig, aber dennoch in weniger radikaler Absicht einsetzt als etwa Tieck oder später Pirandello. Dies wird klar, wenn man Guitrys
Stücke mit folgender Aussage Schmelings zu Tiecks Komödien konfrontiert:
L’échec du jeu de Tieck, par contre, met en question la comédie comme moyen de communication artistique en général. Au moment même de la naissance, ce théâtre semble se suicider.
L’autoréflexion et l’autodestruction sont un seul et même procès.
(Schmeling 1981, 45)
Da Guitry vom Erfolg seiner – von ihm geschriebenen, gespielten oder auch inszenierten – Boulevardkomödien lebt, erstaunt es nicht, dass er von solch radikalen Aussagen
(auf der Bühne) absieht und die Selbstreflexivität des Boulevards in erster Linie für komische Zwecke einsetzt mit dem Ziel, die Gunst zahlreicher Zuschauer zu gewinnen. In
Expressionistisch an Goetz’ Werk erscheint Knecht, dass seine Komödien der Forderung nach «Bühnen- und nicht Lesedramen» entsprechen (Knecht 1970, 167).
53
165
zweiter Linie thematisiert er auf der Bühne dadurch auch seine Auffassung von Theater.
Werden in Guitrys Stücken Konflikte angesprochen, so haben sie meistens einen Zusammenhang mit dem Theater oder mit dem Privatleben einer Person. Es kann dabei
auch bei Guitry um einen «Konflikt von Persönlichkeit und Rolle» gehen, wie ihn
Schmeling erwähnt (Schmeling 1977, 175). Boulevard-typisch kommen bei Guitry häufig Beziehungskonflikte vor. Auch bei Coward gibt es Stücke, die einen «Konflikt von
Persönlichkeit und Rolle» thematisieren (Schmeling 1977, 175). Als romantisches Motiv
setzt Coward (wie Goetz) insbesondere das Geistermotiv ein.
6.1.3. Puppentheater im Theater
Son père et lui (1934)54 ist ein Stück über Laurent Mourguet (1769 -1844)55 als «créateur du
personnage de Guignol lyonnais et de son compère Gnafron» (Kowzan 1991, 233). In
vier Bildern wird das Leben des Schöpfers dieser ‹Kasperle›-Figur aus Lyon dargestellt.
Musikalisch wird das Stück durch die von André Messager für Deburau komponierte
Partitur untermalt (vgl. Paratext, Son père et lui: 49). Dadurch werden die beiden Stücke
Deburau und Son père et lui musikalisch miteinander in Verbindung gebracht. Von einem
ausschliesslich gesungenen Stück ist jedoch wahrscheinlich nicht auszugehen, vermutlich
weist es gesprochene und gesungene Passagen auf.56 Auch Fahrende passen in den
Rahmen (im zweiten Bild erwähnt Mourguet die Weissagung einer «bohémienne», (Son
père et lui: 257, 70). Das Stück siedelt sich im Milieu der Straßenkünstler an, aber nicht in
jenem der Boulevards von Paris, sondern es spielt in Lyon im Jahre 1782.
Son père et lui enthält eine Puppentheater-im-Theater-Einlage. Die Rahmenhandlung zeigt Laurent Mourguet im ersten Bild auf einem ‹öffentlichen Platz in Lyon› als
«saltimbanque, bonimenteur et dentiste occasionnel» (Nebentext, Son père et lui: 1, 51).
Während der Gaukler als Marktschreier auftritt, preist er gleichzeitig seine Fähigkeiten
als Zahnarzt: Wer ein Elixier gegen Zahnschmerzen kaufe, bekomme umsonst einen
Zahn gezogen (siehe ebd., 54).58 Die Dialoge des ersten Bildes sind in Alexandrinern
verfasst, was die Rahmenhandlung wie ein Binnentheaterstück erscheinen lässt bzw. auf
gesungene Passagen hindeuten könnte. Inhaltlich wird aber in die Rahmenhandlung ein54 Datierung nach: Paratext, Son père et lui, 49. Die Uraufführung fand im « Grand Théâtre de l’Opéra de
Lyon » statt (ebd.), und zwar anlässlich des 100. Todestages von Jacquard (dem Weiterentwickler des
Webstuhls), vgl. ebd.).
55 Lebensdaten nach der Encyclopédie Mondiale des arts de la marionnette: Jurkowsky et al. 2009, 476.
56 Die Partitur des Stückes liegt mir nicht vor.
57 Kursivgestellte Zahlen bezeichnen in den Stücken mit musikalischen Passagen jeweils die Bilder.
58 Auch der echte Laurent Mourguet war als «colporteur» und «arracheur de dents» auf Märkten und ‹Messen› («Foires») tätig (Jurkowsky et al. 2009, 476). Vgl. Truchet (2011): Les Amis de Lyon et de Guignol.
Guignol.
Historique.
Laurent
MOURGUET.
[Onlinefassung].
URL:
<http://amisdeguignol.free.fr/texte/guignol.htm#LMourguet> (22.05.2013).
166
geführt. Zusammen mit Mourguet tritt Guignol höchstpersönlich als Lyoner Seidenarbeiter (canut) auf, der seine Lazzi aufführt. (Tatsächlich wurde die Figur Guignol geschaffen als eine Art Abbild «du petit canut lyonnais de condition très modeste» (Jurkowsky et al. 2009, 476).
Genauso wie die Späße seines Begleiters wiederholt sich die Rede Mourguets,
sobald die vorherigen Zuschauer weitergegangen oder neue Zuschauer dazu getreten
sind. Um einen eigentlichen Auftritt als Theater-im-Theater-Einlage handelt es sich im
ersten Bild nicht, eher um Gaukler-Einlagen innerhalb der Rahmenhandlung. Der Seidenarbeiter sagt: «ça va devenir guignolant !» (Son père et lui: 1, 58). Darauf erkundigt
sich Mourguet nach der Herkunft dieser Redensart erkundigt (ebd.) – der Junge wird
von Mourguet später aufgrund seines häufigen Gebrauchs dieses Wortes auf den Namen «Guignol» getauft (Son père et lui: 1, 69). Es handelt sich dabei um einen Ausdruck
aus dem «argot des tisseurs» (‹Weber-Jargon›) (Jurkowsky et al. 2009, 327); die Wendung
bedeutet übersetzt «C’est drôle» (ebd.)
Im Anschluss an die zuvor beschriebene Szene wird klar, dass sich Mourguet
und Guignol, die als eingespieltes Team erscheinen, gerade erst kennengelernt haben.
Mourguet beklagt sich bei Guignol, dieser habe sein Publikum vertrieben, als er sich
über ihn lustig gemacht habe. Er gibt seinem Gegenüber in einem eigentümlichen, in
Alexandrinern gefassten Figuralstil59 zu verstehen, dass er seiner Tätigkeit nicht nur zum
Spaß nachgehe:
C’n’est pas pour mon plaisir
Que j’vends de l’élixir
Et qu’j’arrache des dents…
C’est pour gagner ma vie
Que j’fais ça, tu comprends ?
(Son père et lui: 1, 59)
(Auf «vie» reimt sich die spätere Antwort Guignols: «Mais j’avais pas compris!» ebd.).
Guignol beklagt sich über seine beschwerliche Arbeit und Mourguet berichtet, dass er
früher selbst Seidenarbeiter gewesen sei. 60
Als nächstes tritt Guignols Freund Gnafron61 auf, dessen Aufgabe es ist, vorzutäuschen, es sei ein angenehmes Gefühl, wenn einem die Zähne gezogen werden – die
Darunter wird die «charakteristische Redeweise einer fiktiven Gestalt in direkter bzw. auf Innensicht
beruhender Redewiedergabe» verstanden (Fricke/Zymner 1996, 156).
60 Auch dies trifft auf den echten Mourguet zu: Er war Seidenarbeiter, bevor ihn die ‹Seiden-Krise› («la
crise de soie») dazu bewog, sich eine neue Arbeit zu suchen (Vgl. Jurkowsky et al. 2009, 476).
61 Zuerst begann Laurent Mourguet mit der Figur «Polichinelle» (‹Pulcinella›) zu spielen (Jurkowsky et al.
2009, 476). Da diese Figur einen Dialogpartner brauchte, schloss sich Mourguet mit «Père Thomas, violoniste et amuseur public» zusammen (ebd.). Von jenem erzählt man sich, er sei ein ‹grosser Liebhaber von
Beaujolais› gewesen (vgl. ebd.). Das Duo trennte sich schließlich und die Eigenschaften von Mourguets
Partner flossen in die Trinker-Figur Gnafron ein (vgl. ebd.).
59
167
kleine Werbeaktion zeigt Wirkung und Mourguet findet neue Kundschaft. Als Gegenleistung dafür, dass anstelle von Gnafron künftig Guignol auf diese Weise die Kundschaft anlocken soll, verspricht Mourget letzterem: «Je te garde avec moi» (Son père et
lui: 1, 66). Der Junge hatte ihn nämlich um Adoption gebeten. Mourguet ernennt ihn
zum Marktschreier. Auf diese Weise muss Guignol künftig nicht mehr in der Seidenindustrie arbeiten.
Das einleitende Straßentheater aus der Rahmenhandlung (insbesondere die
Marktschreierei) weist einzelne Ähnlichkeiten zu Goethes Fragment Das Jahrmarktsfest zu
Plundersweilern (1773/1776)62 auf (siehe Schöpflin 1993, 82f.). Dieses spielt auf einem
Rummelplatz und liegt in zwei Fassungen vor. Bei Goethe kommt als «Auftakt des
Dramas […] eine Unterredung zwischen dem Marktschreier, der auf dem Jahrmarkt ein
Theater betreibt, und dem Doktor» vor (ebd., 82.). Der Doktor hat «einen Erlaubnisschein für den Marktschreier, der nebenbei auch Medikamente verkauft, ausgestellt»
(ebd.). Auch Goethes Stück enthält zudem eine Theatereinlage als Aufführung, «das
Esther-Schauspiel» (Schöpflin 1993, 82), das in der längeren Fassung von 1776 in Alexandrinerreimen verfasst und «auf die französische Klassik, besonders auf Racine und
dessen dreiaktiges Esther-Drama gemünzt» ist (ebd.).63
Man erfährt bei Guitry im zweiten Bild, dass Mourguet ein Marionetten-Theater
besitzt, Während der Marktschreier bei Goethe ein Theater betreibt.
Zu Beginn der zweiten Fassung beklagt sich der Marktschreier [in Goethes Drama; M.H.] über
den herrschenden dramatischen Geschmack, die materielle Not seines Gewerbes und die Vorurteile, die man gegen Schauspieler hegte: Man identifizierte die Darsteller mit ihren Rollen
und meinte, sie nähmen auf die Dauer den Charakter an, den sie auf der Bühne verkörperten.
(Schöpflin 1993, 82)
Wie der Marktschreier bei Goethe thematisiert Morguet also seine materielle Situation.
Schöpflin beurteilt den Rahmen des Jahrmarkts bei Goethe als ein für das damalige
Theater im Theater neues Element (vgl. ebd., 83). 64 Das Schauspiel im Freien bewirke,
Datierung nach: Schöpflin 1993, 80.
Die teilweise Übereinstimmung der – bei Guitry als komisch wirkenden Kontrast teilweise in Alexandrinern verfassten Rede Mourguets in der Rahmenhandlung (während sich das Binnenpuppentheater
Guitrys an der Sonettform orientiert) – mit Goethes Werk mag Zufall sein, zumal es der historischen
Wirklichkeit entspricht, dass Morguet auf Jahrmärkten aufgetreten ist, nicht gänzlich auszuschließen ist
aber, dass Guitry Goethes Stück kannte und sich, beispielsweise durch die Verwendung der Alexandriner,
möglicherweise bewusst darauf bezog (bzw. möglicherweise auf eine französische Fassung davon). Bei
Goethe ist die Rahmenhandlung ebenfalls gereimt, jedoch von der Binnenhandlung abweichend in
«Kurzversen» (vgl. Schöpflin 1993, 82).
64 Aufführungen auf öffentlichen Plätzen kommen indessen schon bei Molière vor. Darauf weist Gautiers
Artikel aus der Revue de Paris vom 4. September 1842 hin, der die historische Wirklichkeit beschreibt: «Le
théâtre représente une rue, une place publique, absolument comme dans une pièce de Molière» (Gautier
1883, 57; vgl. Nebentext, Deburau: I, 201). Diesen Artikel zitiert Guitry im ersten Akt von Deburau zur Beschreibung des dort gezeigten Pantomimen-Binnentheaters.) Ein Puppenspieler ist nach Schöpflin zudem
bereits «in Jonsons Bartholomew Fair [1614] zu finden und ebenso in Fieldings The Author’s Farce [1729]
62
63
168
dass die «Aufführung volkstümlicher [sei] als in einem geschlossenen Theatergebäude»
(ebd., 83). Diese Beobachtung gilt auch für Guitrys Stück, das auf einem öffentlichen
Platz spielt und außerdem eine historische Theater-Wirklichkeit nachzeichnet:65
Im 17. Jahrhundert bilden sich in Deutschland das Berufsschauspielertum und die Betriebsform der Wanderbühnen mit Ensemble und Repertoire nach dem Vorbild der ‹Englischen
Komödianten› aus. Bis etwa in die Mitte des 18. J[ahrhunderts] werden Schauspiel und Puppenspiel (meist mit Marionetten) von den Akteuren oft parallel ausgeübt. […]
An der Schwelle zum 19. Jahrhundert bildet sich [für das Theater und Puppentheater; M.H.]
eine neue Trägerschaft heraus. Die Komödiantendynastien werden abgelöst von arbeitslosen
Handwerkern, die zunächst vornehmlich aus Textilberufen stammen. […] Regionale Puppenspieltraditionen bilden sich aus […]
(Lepschi 2003, 199)
Mourguet befindet sich wie Goethes Marktschreier in einer materiellen Notlage, was bei
Guitry im zweiten Bild thematisiert wird, das in einer ärmlichen Behausung spielt (vgl.
Son père et lui, 2, 74). Morguet ist inzwischen in seinem fünfzigsten Lebensjahr (vgl.
ebd., 70). Wir erfahren, dass er gegenwärtig als Puppenspieler auftritt – dies ist bereits
sein fünfter Beruf (siehe ebd., 74). Seine Frau macht ihm leise Vorwürfe:
Oui, oh ! je connais ton merveilleux caractère, mon homme chéri, et je m’en voudrais de te décourager… Mais je m’étonne qu’un être aussi intelligent que toi puisse penser qu’il va nourrir
sa femme et ses cinq enfants en montrant des poupées sur les places publiques !
(Son père et lui: 2, 71)
Das Publikum wird alsbald über die Namen seiner Puppen informiert: «Polichinelle»
(ebd., 72) «Arlequin, Cassandre» (ebd.). Das Stück verweist durch die Erwähnung von
Pulcinella ebenfalls auf die Tradition der Commedia dell’arte.66 Über seine Stücke sagt die
Figur des Mourguet auf der Bühne: «[…] les pièces, mon Dieu, si on peut appeler ça des
pièces… ce sont de petites pantalonnades que j’improvise et qui n’ont pas d’autres vertus que de faire rire les grands enfants et les petits» (ebd., 74). Mit seinem Puppentheater
und Tiecks Prinz Zerbino [1799]» (Schöpflin 1993, 484, zur Datierung vgl. ebd., 197, 201, 39; andere Hervorhebung bei Schöpflin, Kursivsetzung M.H.)
65 Erfunden wurde die Figur des Guignol im Jahre 1808 in Lyon (siehe Jurkowsky et al. 2009, 327). Guitry
hält sich in der mir vorliegenden Fassung nicht ganz an die historischen Vorgaben, denn danach wäre
Mourguet im ersten Akt (1782) erst dreizehn Jahre alt. Im Stück tritt er aber als Erwachsener auf. Im
Theaterstück wird Mourguet gefragt: «Vous n’avez pas cent ans, grand-père ?» (Son père et lui: 3, 85). Er
antwortet darauf: «Franchement, j’n’en sais rien …» (ebd.) und «je me suis amusé / pendant toute ma vie
/ A cacher ma dat’ de naissance» (ebd.). Dies deutet Guitrys spielerischen Umgang mit den Jahreszahlen
an. Das erste Bild spielt 1782. Im zweiten Bild ist Mourguet ‹50 Jahre alt› (vgl. ebd. 3, 70). Das vierte Bild,
in dem Mourguet als Greis gezeigt wird, spielt am 30. Dezember 1844. Es handelt sich um seinem Todestag, vgl. Truchet (2011): Les Amis de Lyon et de Guignol. Laurent MOURGUET. [Onlinefassung]. URL:
<http://amisdeguignol.free.fr/texte/guignol.htm#LMourguet> (22.05.2013).
66 Der historische Mourguet spielte zuerst mit einer «Polichinelle»-Puppe (vgl. Jurkowsky et al. 2009, 476).
Erst später erschuf er den «Guignol» (ebd.) als typische Figur aus Lyon und danach noch den «Gnafron»
(ebd.). «Polichinelle» war die traditionelle Figur des Pariser Marionettentheaters (ebd.): Der erste bekannte
Marionettenspieler war «Jean Brioché» (ebd., 286). Er lebte im siebzehnten Jahrhundert in Paris, inspirierte sich beispielsweise an der Pulcinella-Figur aus den Theaterstücken der Commedia dell’arte und schuf daraus eine Marionette, die er an die französische Wirklichkeit anpasste (vgl. ebd.), das heißt, «dont il francisa
l’allure, le costume et le comportement» (ebd.). Da Polichinelle hier nur die französische Ausprägung der
Puppe bezeichnen soll, wird der Begriff in diesem Kapitel nicht in der im deutschen Sprachraum geläufigeren italienischen Form Pulcinella verwendet.
169
verfolgt Mourguet ein ähnliches Ziel wie das Boulevard-Theater, nämlich das Publikum
zu unterhalten und damit auch Geld zu verdienen.
Das dritte Bild zeigt ein Puppentheater im Theater67 und zeichnet beispielhaft
folgende Entwicklung des 19. Jahrhunderts nach: «Künstler unterschiedlicher Herkunft
setzen sich mit dem Puppenspiel auseinander und lokalisieren es» (Lepschi 2003, 199).
Auf diese Weise ist im Falle von Mourguet die von ihm geschaffene Kasperlefigur Guignol aus Lyon entstanden, die benannt ist nach dem jungen Seidenarbeiter, von dem im
zweiten Bild berichtet wird, er sei bereits zehn Jahre zuvor verstorben (Son père et lui: 2,
75). Als Binnenpublikum sind Kinder anwesend. Die Erschaffung von Guignol im Rahmen eines Puppentheaters wird am Ende des zweiten Bildes gezeigt, dort, wo das Puppenspiel im Spiel beginnt: Symbolisch fällt in dieser Szene Polichinelle aus dem Puppentheater – was Mourguet mit den Worten kommentiert: «Eh bien, c’ui là, je crois qu’il est
mort» (Son père et lui: 2, 77). Tatsächlich hat Guignol sich in Frankreich durchgesetzt
und die Figur des Polichinelle verdrängt (vgl. Jurkowsky et al. 2009, 327).68 Hier setzt das
Puppentheater des dritten Bildes ein: Polichinelle, der aus dem Puppentheater auf den
Boden gefallen ist, sagt zu Guignol:
Je te cède la place et je m’en vais. Bonsoir.
[…]
Tu es régional, moi je suis le contraire,
Un jour ici, un autre là.
En Italie, je suis M. Pulcinella,
Et je suis Punch en Angleterre.
Ici, je suis Polichinelle.
Mon nom se transforme à ma guise,
Mais puisque je suis immortel,
Il m’est indifférent qu’on me naturalise.
(Son père et lui : 3, 78)
Aus diesen Versen wird deutlich, dass sich je nach Land und Region verschiedene Puppentypen durchgesetzt haben: in Lyon der Guignol, in Paris Polichinelle (vgl. ebd.) – als ursprünglich internationale Figur, die später vom einheimischen Guignol verdrängt wurde.
In England ist Punch (vgl. ebd.) ebenfalls eine Abwandlung von Pulcinella (siehe Jurkowsky et al. 2009, 282). Die regionale lustige Figur thematisiert und verteidigt in
In den Memoiren weist Valérie von Martens darauf hin, dass auch Goetz’ Laufbahn als Regisseur mit
einem Puppentheater begann, das er als kleiner Junge besass. Er soll so «die Grundbegriffe für den reibungslosen Ablauf einer Theatervorstellung gelernt haben» (Memoiren 3. Teil, 21f.). Eine PuppentheaterEinlage kommt allerdings in den untersuchten Stücken von Goetz nicht vor.
68 Auch für Erwachsene ist der Name Guignol heute dank der bekannten französischen Fernseh-Satire Les
Guignols de l’Info ein Begriff, in der das Element des Marionetten-Theaters noch vorhanden ist und die Aktualität kommentiert wird (bekannte Politiker treten als Puppen auf) – damit knüpft die Sendung direkt an
die historischen Marionetten-Theater von Guignol an (allerdings handelt es sich auch um die Imitation einer englischsprachigen Sendung anderen Namens). Für die Marionetten-Theater Guignols galt Ähnliches
wie für die Guignols de l’Info: «Les représentations se faisaient dans les cafés; divertissant un public populaire, Guignol y tenait le rôle de gazette en commentant les événements quotidiens de la ville ou dans le
quartier.» (Jurkowsky et al. 2009, 327.)
67
170
Guitrys Binnen-Puppentheater selbstreflexiv ihre Existenz, ähnlich wie dies der Harlekin in manchen Theatereinlagen des 18. Jahrhunderts tut, weil man ihn von der Bühne
verbannt hat, so etwa bei Möser in dessen Stück «‹Tugend auf der Schaubühne oder Harlekins
Heirat› (1763)» (Schmeling 1977, 89, Kursivsetzung M.H.).
Formal liegt dem Binnen-Puppentheater eine abgewandelte Sonett-Form zugrunde.69 Dass Guitry das Binnen-Theater in Reimen schreibt und Mourguet sich in
Alexandrinern ausdrücken lässt, kann als Hinweis darauf gedeutet werden, dass er das
Puppen-Theater nobilitieren will, um die Wichtigkeit von Mourguets Schaffen für das
Unterhaltungstheater hervorzuheben – das Puppentheater ist historisch ein Vorläufer
des Unterhaltungstheaters und seine Funktion für die Komödie ist daher mit jener vergleichbar, die die klassischen (in Alexandrinern verfassten) Tragödien für die Theatertradition insgesamt haben.
Im vierten Bild wird Mourguet, inzwischen mehrfacher Großvater, in hohem Alter gezeigt. Die Handlung spielt 1844. Mourget, der zum letzten Mal öffentlich Puppentheater gespielt hat, denkt nun ans Sterben, was er als Theatermetapher ausdrückt –
«faut bien qu’un jour/ La comédie finisse !» (Son père et lui: 3, 83). Das Leben wird von
ihm als Theaterspiel begriffen. Er eröffnet den Enkelkindern seinen letzten Willen:
«Vous aut’, écoutez bien. Voici mon testament : «J’ai lègu’ Guignol à mes enfants !»
(ebd., 84). An seine Kinder richtet er den folgenden Ratschlag:
Promenez-le de ville en ville
Qu’il aill’ partout,
Oui, mais surtout,
Qu’on n’le chang’ pas…
Il est lyonnais, j’veux qu’il le reste
Avec ses qualités comme avec ses défauts,
De mêm’ que je n’veux pas qu’on lui r’tire son chapeau
Ni sa p’tite veste.
[…]
Qu’il garde bien son caractère
Un peu frondeur,
Un peu moqueur,
Son esprit vif
Et sa p’tit âme populaire…
(Son père et lui : 3, 86)
Zusammenfassend werden hier, erneut in einer sich (nicht streng) am Sonett orientierenden Versform, nochmals Guignols Merkmale genannt. Sein Erbe soll von Generation
zu Generation weitergegeben werden, damit es nicht verloren geht.
69 Es ist in Blockreime und Kreuzreime gefasst, das vollständige Binnen-Puppentheater folgt dem Schema
abba cddc effe gfg hiih jkjk llj kkj. Die zitierten Verse entsprechen e […] hiih jkjk. Die Form des Binnenpuppentheaters orientiert sich am Sonett, wobei die Aufteilung in Quartette und Terzette in Guitrys Text typographisch nicht gekennzeichnet ist. Auffallend ist, dass der Übergang zu den für das ShakespeareSonett typischen Kreuzreimen jkjk geschieht, nachdem von England die Rede war. Das ganze SonettBinnentheater enthält 29 Verse. (Zur Sonettform vgl. Fricke/Zymner 1996, 113f.).
171
6.2.
Theater im Theater als Einlage des aufgeführten Bühnenwerks ei-
nes anderen Autors
Quand on met au théâtre un grand personnage du passé, il ne faut pas hésiter
à lui donner la figure … qu’on se figure…
(Guitry, nach Ferdinand Choisel: Sacha Guitry intime70)
Von der Technik, Werke echter Theaterdichter in seine Stücke zu montieren, hat vor allem Guitry häufig Gebrauch gemacht.71 Dieses Kunstmittel findet sich jedoch auch bei
Goetz – auf die Dreharbeiten zu Hamlet in Der Hahn im Korb (1920) wurde diesbezüglich
bereits eingegangen.
Guitry nimmt auf die Stücke historisch verbürgter Dichter insbesondere dann
Bezug, wenn er ebendiese Schauspielerpersönlichkeiten oder Autoren als Bühnenfiguren
auftreten lässt. Dies trifft auf die Dramen Deburau (1918) 72, Histoires de France (1929)73, Le
Bien-Aimé (1940)74 und Beaumarchais (1950) 75 zu. Um einen ähnlichen Fall, jedoch mit einem fiktiven (selbstreflexiven) Puppentheater im Theater, das Mourguets eigene Puppen-Stücke imitiert, handelt es sich beim zuvor besprochenen Stück Son père et lui (1934).
Dramendichter und ihr Schaffen stehen neben Beaumarchais in zwei weiteren metatheatralen Stücken Guitrys im Zentrum: Monsieur Prudhomme a-t-il vécu? (1931) behandelt Henry Monnier (vgl. Kap. 3.2.) und bei Courteline au travail (1943)76 geht es um den Schöpfer
von Boubouroche. Da diese Stücke kein eigentliches Theater im Theater enthalten, wird
dieses Kapitel jedoch nicht auf sie eingehen.
6.2.1. Eine Pantomime als Theatereinlage
Deburau77 (1918) ist eine «comédie en vers libres en quatre actes et un prologue» (Paratext, Deburau, 193). Es handelt sich um ein «Werk, das zwischen freien Versen und
Prosa alterniert» (Laußmann 1990, 62). Die Bühnenmusik dazu schrieb der bekannte
«Dirigent und Operettenkomponist André Messager» (ebd.). In diesem Stück erweckt
Zitiert nach Simsolo 1988, 39, aus: Ferdinand Choisel: Sacha Guitry intime. Souvenirs présentés par J.
Salez. Paris 1957. Es handelt sich um eine Aussage Guitrys anlässlich des Entstehens von Son père et lui.
Dabei handelt es sich um Guitrys Antwort auf den Einwand seines Sekretärs, warum er denn zwischen
zwei historisch verbürgten Persönlichkeiten – Jacquard und Mourguet – auf der Bühne ein Treffen arrangiert habe, obwohl diese sich vielleicht in Wirklichkeit nie getroffen hätten. (Auf vergleichbare Weise hat
sich schon Schiller eine solche dichterische Freiheit für das Treffen der beiden Königinnen, Maria und
Elisabeth, im Stück Maria Stuart herausgenommen.)
71 Dieses Vorgehen soll nicht verwechselt werden mit demjenigen, ein Binnenstück einem echten Autor in
parodistischer Absicht fälschlich zuzuschreiben, wie es bei Guitry auch vorkommt.
72 Datierung nach: Laußmann 1990, 62.
73 Datierung nach: Paratext, Histoires de France, 187.
74 Datierung nach Paratext, Le Bien-Aimé, 421.
75 Datierung des Stücks nach seinem Entstehungsjahr gemäß: Paratext, Beaumarchais, 85.
76 Datierung nach: Paratext, Courteline, 165.
77 Hier wird für den Namen des Mimen Guitrys Schreibung übernommen. Alternativ findet sich die
Schreibung Debureau, beispielsweise bei Frajerová (2009, 8).
70
172
Guitry den Pantomimen Jean-Gaspard Deburau auf der Bühne zum Leben. In diesem
Sinne gehört das Stück «zu den ‹biografischen› Komödien» von Guitry (ebd.).78 Über die
Entstehungsgeschichte des Stücks schreibt Laußmann, Guitry habe «die Witwe von Deburaus Sohn» kennengelernt (ebd.) und deshalb den Entschluss gefasst, über den Mimen ein Stück zu schreiben.
Passend zur Hauptperson des Stückes kommt als Theater-Einlage eine Pantomime vor. Schmeling weist darauf hin, Schwab (1896) 79 fasse Pantomimen nicht als
Theater im Theater80 auf, weil sie keine Dialoge enthielten (vgl. Schmeling 1977, 28).
Schmeling bestreitet Schwabs Klassifizierung:
Fragwürdig erscheint die These von der ‹Unabhängigkeit› solcher Einlagen besonders dann,
wenn sie durch ein spezifisches Motiv, zum Beispiel durch das der Rache, mit der Rahmenhandlung verbunden sind.
(Schmeling 1977, 29)
Schmeling ist der Meinung, diese Einlagen seien in Fällen wie der «Aufführung der
‹dumb show› und des ‹Murder of Gonzago›-Spiels im ‹Hamlet› kaum aus dem Gesamtkonzept herauszulösen» (ebd.)81 Auch in Bezug auf das Theaterstück Deburau bestehen
zwischen der Pantomime und der Rahmenhandlung verschiedenste Bezüge, weshalb die
Pantomime hier als eigentliche Theater-im-Theater-Einlage behandelt werden soll.
Denn der Mime tritt in der Rahmen- sowie in der Binnenhandlung auf und vollzieht einen Rollenwechsel, die festgelegten Kriterien für ein Theater im Theater werden also
eingehalten – auch wenn es sich um eine weitgehend stumme Einlage handelt, ist sie
dennoch fiktional. Bemerkenswert ist, wie Laußmann betont, der «Umstand, daß Deburau in einer Phase entstand, in der Guitry nicht nur auf auf dem Höhepunkt seines
Erfolgs stand, sondern auch begann, sich für die Filmkunst zu interessieren» (Laußmann
1990, 62). Als Besonderheit der Pantomimen-Einlage bei Guitry erwähnt sie, dabei werde «auch die Technik der Zwischentitel der Stummfilmzeit in dramatisierter Form auf
die Bühne gebracht» (ebd.). Dies erinnert an Goetz’ Vorgehen im Einakter Der Hahn im
Korb (vgl. Kap. 5.1.).
Der erste Teil der Handlung spielt 1839, der zweite sieben Jahre später, also im
Todesjahr von Gaspard Deburau. Wir begegnen einerseits dem bekannten Pantomimen
«Jean Baptiste Gaspard Deburau (1796-1846)» (Kowzan 1991, 240), andererseits seinem
Sohn «Charles (1829-1873)» (ebd.) Diese Rollen wurden von Sacha Guitry und seiner
78 Ebenfalls in diese Kategorie gehören neben den bereits erwähnten die Theaterstücke «Pasteur, Mozart,
Jean de la Fontaine und Béranger» (vgl. Laußmann 1990, 62).
79 Hans Schwab (1964)[1896]: Das Schauspiel im Schauspiel zur Zeit Shakespeares. Wiener Beiträge zur
englischen Phil. Bd. 5. Nachdr. London.
80 Wobei Schmeling systematisch den (nicht ganz gleich abgegrenzten) Ausdruck Spiel im Spiel verwendet.
81 Kursive Hervorhebung M.H.
173
damaligen Partnerin und zukünftigen Gattin Yvonne Printemps übernommen (vgl. Rollenverzeichnis, Deburau, 195). Gaspard Deburau spielte und prägte die Figur des Pierrots:
Aus einer uralten Komödiantenfamilie Böhmens stammend, erfand der historische Deburau
[…] die Gestalt des ‹Pierrot›, eine Harlekinsfigur, in der sich Elemente der Commedia dell’arte
und die Inspiration durch Watteaus Gemälde Gilles vereinigen.
(Laußmann 1990, 62; Anm. M.H.)82
Gemeint ist Watteaus «um 1718 entstandene[s] Gemälde» (Bertschik 2005, 157). Guitry
stellt sich mit der Auswahl dieses Stoffes in eine ganze Traditionslinie von Künstlern,
die sich mit der Figur des Pierrots befassten (vgl. ebd., 155ff.). 83 Eigentlich handelt es
sich bei Pierrot um «eine französische Version der Commedia dell’arte Figur des Pedrolino, charakteristisch [ist] für [ihn] seine unglückliche Liebe zu Colombina» (ebd., 155).
Bertschik weist darauf hin, diese Commedia-dell’arte-Figur sei bei Deburau zum «melancholischen Pierrot» geworden (ebd.). Sie erwähnt verschiedene literarische Texte dieser Zeit, welche die Figur aufgreifen. 84 Der Pierrot der Jahrhundertwende wurde laut
Bertschik «gerade durch die paradoxe Mischung aus Komödiant und Melancholiker,
Heiliger und Satan, Männlichkeit und Weiblichkeit zur dandystischen Künstlerinkarnation des Fin de siècle» (Bertschik 2005, 157).
Die Figur des Pierrot griff später beispielsweise Marcel Carné im bekannten
französischen Film Les enfants du paradis (1945)85 – ‹Kinder des Olymp› auf – dort steht
ebenfalls Deburau im Mittelpunkt. Das Drehbuch schrieb Jacques Prévert (vgl. die fiche
technique zum Film).86 Guitry selbst hat den Stoff seines Theaterstücks unter dem Titel
Deburau im Jahre 1950 verfilmt (vgl. Kapitel 11.7.).
Es handelt sich in Guitrys Stück nicht um Komödianten im heutigen Sinne, sondern vielmehr um eine
Gauklerfamilie, wodurch in Bezug auf die Entstehung des Unterhaltungstheaters auf die historische Nähe
dieser beiden Berufsgruppen hingewiesen wird.
83 In ihrer Publikation «Mode und Moderne» widmet Bertschik dieser Figur ein Kapitel unter der Überschrift «Exkurs: Pierrot-Dandy» (Bertschik 2005, 154-167.)
84 So verweist sie beispielsweise auf «Alfred Girauds lyrische Szenenfolge Pierrot lunaire aus dem Jahre
1884» (Bertschik 2005, 158, siehe ebd. 159-161), auf «Arnold Schönbergs Vertonung von 1912» (ebd.,
159), auf «Robert Walsers Kurzprosatext Pierot [sic] von 1914» (ebd., 156) und auch auf Schnitzlers Stück
«Verwandlungen des Pierrot 1908» (ebd., 164), das im «Vergnügungspark des ‹Wurstelpraters›» spielt (ebd.) –
Bertschik merkt an, Schnitzler stütze sich bei seinem Drama wiederum auf eine Vorlage, nämlich auf
«Richard Beer Hoffmanns bereits 1892 entstandene, allerdings weder aufgeführte noch gedruckte Pantomime Pierrot Hypnotiseur» (ebd., 164) – von letzterer habe Schnitzler wohl Kenntnis genommen im Rahmen eines Lese-Vortrags «im Freundeskreis» (ebd.).
85
Datierung nach: IMDb [Onlinefassung] URL: <http://www.imdb.com/title/tt0037674/>
(22.05.2013).
86 Lesaffre [o.J.]: Fiche technique. [Onlinefassung]. URL: <http://www.marcel-carne.com/les-films-demarcel-carne/1945-les-enfants-du-paradis/fiche-technique-synopsis-revue-de-presse/> (22.05.2013). Vgl.
Les Enfants de lumière. Dokumentarfilm. Regie: Jacques Perrin. Frankreich: Galatée Films 1995. (DVD
Ed. Montparnasse 1997).
82
174
Mit Deburaus Persönlichkeit beschäftigte sich auch der bekannte «Theaterkritiker Jules Janin, dessen Buch über Debureau [sic]87 ziemlich viele Legenden enthielt»
(Frajerová 2009, 8;88 Anm. M.H.). Sein Werk von 183289 war sicherlich eine von Guitrys
Vorlagen. Jules Janin wird namentlich im Stück erwähnt und auch zitiert (vgl. Deburau:
I, 230). Kowzan (2006) erwähnt außerdem einen Bühnenautor, der sich bereits vor
Guitry mit dem Deburau-Stoff befasst habe und dessen Drama metatheatrale Formen
aufweise: «Jules Claretie, administrateur de la Comédie Française et écrivain, […] a
donné une pièce en un acte Deburau (1907)» (Kowzan 2006, 294). Ähnlich wie in Son père
et lui (1934) nimmt Guitry auch hier insofern thematisch Bezug auf die Commedia dell’arte,
als er die ursprünglich komische Figur des Gilles respektive Pierrot diesmal nicht als spaßige Kasperlefigur wie im erstgenannten Stück, sondern in Deburaus typischer Abwandlung als traurigen Pierrot thematisiert. Ebenfalls aufgegriffen wird die Figur des traurigen Pierrot übrigens von Coward mit dem Lied Parisian Pierrot in seiner Revue London
Calling! (1923).90
Bei Guitry wird der Mime Deburau in der Rahmenhandlung von einem Journalisten interviewt und erzählt seine Lebensgeschichte:
Je naquis près de Varsovie.
Mon père était danseur de corde,
Directeur d’un cirque ambulant.
On l’appelait « l’homme volant ».
(Deburau: I, 231)
Die Aussage zum Geburtsort trifft auf den historischen Deburau nicht genau zu. Er
wurde laut Frajérova nämlich in der heutigen Tschechischen Republik, genauer am
«31.07.1796 [in] Kolin» geboren (Frajerová 2009, 8). Tatsächlich war der Vater des historischen Deburau, «Philippe Germain Debureau [sic], ein französischer Abenteurer,
Soldat, Friseur und Straßenakrobat» (ebd., 8). Dieser wanderte nach Frankreich aus,
nachdem er keine «Erlaubnis bekommen hatte, in Kolin ein mechanisches Theater zu
betreiben» (ebd.). Sein Sohn Deburau kam ebenfalls nach Frankreich und spielte dort
«die Rolle des Narren, eines stummen Komödianten» (ebd.).
Deburau wird im Stück also – getreu der historischen Vorlage – als Sohn eines
Zirkusdirektors vorgestellt. (Dasselbe gilt für die Figur Peer Bille in Goetz’ Stück HoEs handelt sich um das Werk Janins (1881): Histoire du théâtre à quatre sous. (Der Eintritt für Deburaus
Pantomime kostet im Stück «cinq sous», vgl. Deburau: I, 198.)
88 Frajerová: Der unglückliche Pierrot. In: Im Herzen Europas. Zeitschrift der Tschechischen Republik, Jg.
16, Nr. 6 (2009), 8 – 11.
Vgl.
[PDF-Onlinefassung].
URL:<http://www.theo.cz/de/pdf/2009/Theo_2009_06_DE.pdf>
(22.05.2013).
89 Datierung des Werks nach Frajerová 2009, 8 und Lausmann 1990, 62.
90
Datiert nach: The Noël Coward Society (2001): Chronology. [Onlinefassung]. URL:
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
87
175
kuspokus; vgl. unten, Kap. 10.1.6.) Deburaus ganze Familie trat im Wanderzirkus auf und
tourte durch Europa (vgl. Deburau: I, 232), sein Bruder Etienne vollbrachte auf dem
Seil «le grand saut périlleux» (ebd., 231),91 sein anderer Bruder mit Namen
«Newmansec»92 (ebd.) war «‹le roi du tapis›» (ebd.), lief auf den Händen und hätte es bis
zum Schlangenmenschen bringen können, meint Deburau (siehe ebd.). Von seinen beiden Schwestern war die jüngere ebenfalls Seiltänzerin (siehe Deburau I, 232). Über seine
Vergangenheit sagt der inzwischen erfolgreiche Mime: «Moi, j’étais chétif, indolent, / Et
je n’avais aucun talent / Acrobatique» (ebd.). Er habe damals nur Ohrfeigen und Schläge geerntet: «J’étais la honte de la troupe» (ebd.). Die Anfänge von Deburaus Karriere
kontrastieren mit dem, was später über ihn geschrieben wurde, nämlich:
Monsieur Debureau sei in seiner einmaligen Kunst einfach vollkommen. Er sei natürlich ein
[…] Schauspieler, der königlich hohe Gagen, eine schöne Kutsche und viele Zeitungsberichte
verdiene […], schreibt der Bibliotheksdirektor Charles Nodier am 19. Juli 1829 in der französischen Revue La Pandore. Die Lobesworte hätten den damals 33jährigen Schauspieler tschechisch-französischer Abstammung (einen gebürtigen Böhmen-Koliner) Jan Kašpar Debureau
[sic] […] sicherlich gefreut, wenn er sie jemals gelesen hätte. Der künftig größte Pierrot hat nie
richtig Französisch gelernt.
(Frajerová 2009, 8)
Die beiden Stücke Son père et lui und Deburau spielen in einem ähnlichen Rahmen,
dem der Gaukler und Artisten zur Zeit der Anfänge des Boulevardtheaters. In Paris
entwickelte sich nämlich ab 1670 entlang der Boulevards eine Art Unterhaltungstheater.
Dieses bot den Zuschauern in erster Linie das, was man heute als Jahrmarktsattraktionen und Zirkusnummern bezeichnen würde, zum Beispiel den Seiltanz von Madame
Saqui (Vgl. Art. Les Boulevards, Pierron 2003, 76.). «Madame Saqui» wird auch im Stück
Deburau erwähnt (vgl. Deburau: I, 199). Entlang der Boulevards wurde aber auch Theater gespielt. Corvin schreibt über die Zuschauer, welche in der Umgebung der heutigen
Place de la République diesem Schauspiel bewohnten (vgl. Corvin 1989, 7): «[Ils] appréciaient indifféremment vaudevilles et mélodrames, acrobaties, pantomimes et marionnettes» (ebd.). Später spaltete sich das erwähnte Boulevard-Publikum in zwei Gruppen
auf, wovon sich die einen, «un public plus populaire» (Corvin 1989, 7), den «mélodrames» zuwandten (dieses Publikum siedelte sich geographisch «du côté de la Bastille» an,
ebd.) während das Interesse eines eher bürgerlichen Publikums dem «[V]audeville»
(‹Schwank‘, vgl. ebd.) im «Quartier de l’Opéra» galt (ebd.). In das oben erwähnte Gaukler-Milieu passen Deburau und Mourguet (wobei letzterer in Lyon auftritt). Gewissermaßen deren moderne Nachfolger sind als Vertreter einer Zirkuswelt auch Guitrys IlluFrajerová berichtet über diesen Bruder Folgendes: «Der Bruder Štěpan, ein Akrobat, wird zum Direktor
eines Reiterzirkusses in Amsterdam, wohin er auch eine seiner Schwestern mitnimmt» (Frajerová 2009, 9).
92 Frajerová schreibt über ihn: Deburaus «Stiefbruder František Němeček, ein begabter Tänzer, geht mit
seiner Frau auf Tournee durch Frankreich» (Frajerová 2009, 9).
91
176
sionist (im Stück L’Illusionniste, 1917) und Goetz’ Figur Peer Bille, ein Zirkuskind (Hokuspokus, 1927/1952).
Im Stück kündigt der Ausrufer des «théâtre des Funambules» das Binnentheater,
in dem Deburau als Pierrot auftritt, mit folgenden Worten an:93
Tandis qu’ici, messieurs, vous avez Deburau !
Le plus illustre des Pierrots,
Et le meilleur !
Que dis-je, le meilleur? Il en est l’inventeur
Divin !
Avant qu’il vînt
On disait Gilles.
Et c’était un pantin
Très agile
Et fragile…
(Deburau: Prologue, 199)
Der Ausrufer weist metatheatral darauf hin, was an Pierrot – im Vergleich zum Hanswurst – anders sei: «Un être famélique / Étrange et flegmatique/ […] Qui jamais n’a dit
un seul mot / Puisqu’il peut tout dire par gestes» (ebd.). «Zuschauer und Kritiker verglichen Deburau seiner eigentümlichen Melancholie wegen enthusiastisch mit E. Rostands
Cyrano de Bergerac», erklärt Laußmann (1990, 62). Pierrots besondere Merkmale sind sein
weißes Gesicht und seine lange, weiße Weste mit den überlangen Ärmeln. Bertschik beschreibt den typischen Pierrot so:
Kostüm und Schminke des Pierrot bestehen aus dem charakteristischen Kontrast der Nichtfarben Weiß und Schwarz, der allein durch das Rot der geschminkten Lippen ergänzt werden
kann.94 Dabei dominiert in der Regel die weiße Fläche des großzügig geschnittenen Kittels mit
Halskrause und weit ausgestellten Hosen […], während die schwarzen Akzente auf den Bereich der Accessoires wie Kappe oder Knopfpompons beschränkt sind. Damit symbolisiert der
Pierrot zugleich, wie schon Mallarmé bemerkte, das weiße Blatt Papier, noch unbeschrieben,
oder aber mit den ersten Spuren schwarzer Schrift versehen95: Aus der traditionellen Kunstfigur wird so eine Figuration der Dichtkunst. Ihre Modernität dokumentiert sich in der Bedeutungsverweigerung des Pierrots durch die doppelte Abwesenheit von Farbigkeit und Sprache.
Denn gerade die blutrot betonten Lippen verweisen paradoxerweise auf einen zumeist stummen Mund […].
(Bertschik 2005, 158)
Hier wird nochmals die Besonderheit der Pierrot-Figur, dargestellt durch Deburau,
deutlich, die sich auch in der Kleidung ausdrückt. Die Bühne bei Guitry stellt das «théâtre des Funambules», also das ‹Theater der Seiltänzer› dar (Nebentext, Deburau, 197). Der
Name passt zu Deburaus Familie, die auch aus Seiltänzern besteht. Das «théâtre des
Funambules», das tatsächlich unter diesem Namen existiert hat, ist vollbesetzt mit Publikum. Unter dem Binnenpublikum befinden sich ebenfalls fiktive Zuschauer, die histo93 Es handelt sich um den «Prologue», also das Vorspiel zum eigentlichen Stück, das den zitierten Prolog
zum Binnenstück einschließt (Deburau: Prologue, 197).
94 Bertschik (2005, 158, Anm. 271) verweist hier auf: Jean de Palacio (1990): Pierrot fin-de-siècle ou les
métamorphoses d’un masque. Paris, 18-20/157-188.
95 Bertschik verweist an dieser Stelle auf: Stéphane Mallarmé (1897): Mimique. In: Ders.: Divagation. Paris, 186 f.
177
rische Persönlichkeiten darstellen: «Dans les avant-scènes et les loges, il y a des femmes
et des hommes élégants. Dans une baignoire, au fond, Victoire Hugo bavarde avec
George Sand et Musset. La plupart des autres spectateurs sont des gens du peuple»
(Nebentext, Deburau: I, 201). Die Bewunderung George Sands und Victor Hugos für den
Mimen Deburau ist historisch belegt (vgl. Laußmann 1990, 62). Daneben rühmten auch
Nodier, Baudelaire und Gautier das Talent des Darstellers von Pierrot, der «zu einer
Kultgestalt des Fin de Siècle werden sollte» (ebd.). Partouche schreibt über Deburau:
[Er] erhob die bislang verachtete Pantomime nicht nur aus der Gosse und nobilitierte sie, er
verschaffte ihr sogar zuletzt den Zutritt ins Théâtre-Français! Ausgerechnet im unübertroffenen Debureau, für alle anderen Literaten seiner Zeit Symbol und Blüte der französischen Mimenkunst, wird Gautier eine Gefährdung der Pantomime sehen. Um diesen Widerwillen zu
begreifen, muß man sich die Pantomime Debureaus vergegenwärtigen: Seinen italienischen
Ahnen zum Trotz gilt der französische, mondsüchtige Pierrot als Schöpfung des berühmten
Mimen. In Masques et Bouffons96 läßt Maurice Sand, der Sohn der berühmten Schriftstellerin,
seine [=Pierrots; M.H.] Vorfahren vergeblich Revue passieren: Von Bertoldo über Paglaccio,
Pedrolino, Peppe Nappa bis hin zu seinen französischen Nachfahren Gros-Guillaume und
Gilles. Obwohl er ein wenig von jedem geerbt habe und bereits in Molières Don Juan ou le festin
de Pierre einen ersten Auftritt unter dem Namen «Pierrot» in Frankreich feierte, kommt der
Verfasser [=Maurice Sand; M.H.] zu dem Schluß, der Mondsüchtige sei eine Kreation Debureaus. Debureau hat in der Tat die Figur nicht nur vollkommen umgewandelt, er hat sie erweitert, aus einem Typus hat er einen Charakter gemacht. Der alte Pierrot zeichnete sich durch
sein derbes Wesen aus: er war triebhaft, gefräßig, verschlagen und feige. Debureau adelte ihn,
verlieh ihm Flügel.
(Partouche 2005, 37f.97; Anm. M.H. Die Schreibung «Debureau» folgt der Vorlage.)
Laut Partouche kritisierte Gautier an Deburau, dass jener «sich durch seine große
Kunstfertigkeit so in die Dominanz gespielt [habe], daß er die anderen Figuren von der
Bühne verdrängt [habe]» (ebd., 40). Dies, obschon auch Gautier den Mimen bewundert
und «als vollkommensten Schauspieler aller Zeiten» bezeichnet habe (Laußmann 1990,
62; vgl. Partouche 2005, 40).
Einen Artikel Gautiers, der in der Revue de Paris am 4. September 1842 erschien,
zitiert Guitry in Auszügen als Vorlage respektive Anleitung zur Aufführung des Binnentheaters (abgedruckt in Gautier 1883, 55-67).98 Darin beschreibt Gautier die Handlung
und die historische Atmosphäre einer Aufführung des besagten Stücks, was von Guitry
kommentiert wird (siehe Nebentext, Deburau: I, 201-204). Dem Binnenstück legt Guitry
also gleichsam ein historisches Dokument zugrunde und versucht, die damalige TheaterAtmosphäre nachzubilden. Das echte Publikum soll sich in die Zeit des Fin de Siècle zurückversetzt fühlen.
Maurice Sand (1860): Masques et Bouffons. 2 vol. Paris.
Partouche, Rebecca (2005): Die Karikatur zwischen Realismus und dem Beginn der Moderne. (Théophile Gautier, Champfleury, Charles Baudelaire). Diss. Berlin. [PDF-Onlinefassung]. URL:
<http://opus.kobv.de/tuberlin/volltexte/2005/303/pdf/partouche_rebecca.pdf> (22.05.2013).
98 Es handelt sich um Gautiers Artikel Shakspeare [sic] aux Funambules, welcher 1883 in Gautiers Werk Souvenirs de théâtre, d’art et de critique erschienen ist; er wird nachfolgend zitiert als: Gautier 1883.
96
97
178
Das Publikum wohnt im ersten Akt dem Binnentheater bei, das den Titel Marrrchand d’habits [sic] trägt und von Cot d’Ordan geschrieben wurde. Bei diesem Theater im
Theater handelt es sich, wie bereits erwähnt, um eine Pantomime, die auf einem Platz im
Freien gespielt wird. Darin treten neben Pierrot auf: Sein alter Meister Cassandre,99 ein
Händler, die Herzogin, die Soubrette und Colombine. Gespielt werden sie von den Schauspielern der Rahmenhandlung. In Guitrys Stück Deburau wird nur ein Teil der von Gautier beschriebenen Handlung von Marrrchand d’habits als Binnenhandlung gezeigt.
Die auf die Pantomime folgende Rahmenhandlung zeigt Deburau und die
Schauspieler des Binnenstücks als Privatpersonen nach der Vorstellung. Die Kassiererin
zählt die Einnahmen, der Theaterdirektor Bertrand rühmt den erfolgreichen Theaterabend und der Ausrufer kommentiert die Anwesenheit von Victor Hugo im Publikum –
er bezeichnet ihn als «poète […] [p]lutôt connu» (Deburau: I, 206) und nennt ihn vorerst fälschlich «Victor Hugon» (ebd.), was einen komischen Effekt erzielt.
In einer späteren Szene wird als epische Einlage auf dem Theater eine zeitgenössische Theaterkritik von Jules Janin zum Auftritt des historischen Deburau vorgelesen.
Die Kritik war in «Le journal des Débats» erschienen (siehe Deburau: I, 219). Diese
Hommage Guitrys an Janin, den echten «[c]ritique littéraire, critique dramatique, romancier» sowie Historiker (Vandérem 1918, 406), wurde schon vom damaligen Publikum
nicht mehr als solche erkannt. Dies bedauert Vandérem in seinem Artikel anlässlich einer Aufführung von Deburau im Jahre 1918: «[A]u nom de Jules Janin, silence sur toute
la ligne, une salle de marbre. Évidemment, les trois quarts des spectateurs doivent le
prendre pour un des personnages de la pièce» (Vandérem 1918, 407).
In der Rahmenhandlung tritt eine weitere historisch verbürgte Figur auf: Marie
Duplessis, «(1842-1847, de son vrai nom Alphonsine Plessis), modèle de la Dame aux
camélias» (Kowzan 1991, 240). Ihr Schicksal wird im Roman und Theaterstück von Alexandre Dumas fils erzählt. Guitry lässt sie in seinem Stück unter ihrem fiktiven Namen auftreten, wodurch es sich um eine Art metaleptische Konstruktion handelt – die Figur scheint aus dem gleichnamigen Roman respektive aus dem Theaterstück
gesprungen zu sein.100 Gleichzeitig ist Dumas’ Roman autobiographisch inspiriert (vgl.
Brunet 2005, 41) – Realität und Fiktion werden also bereits in der Vorlage verwoben
und Guitry treibt dieses Spiel noch weiter.
99 Die Figur Cassandre entspricht Pantalone, sie ist hier in der «französischen Form» benannt (Bertschik
2005, 158).
100 Dumas fils publizierte La Dame aux camélias 1848 als Roman und 1852 als Drama in fünf Akten (vgl.
Kienzle/zur Nedden 1996, 346).
179
Deburau ist es, der Marie Duplessis in Guitrys Stück den Kosenamen «Dame
aux camélias» verleiht, denn er verliebt sich in die schwindsüchtige Schönheit (siehe Deburau: II, 245). Jene «Liebesgeschichte ist freilich eine Erfindung Guitrys», so Laußmann (1990, 62) – auch wenn der historische Deburau tatsächlich eine Frau namens
Marie geheiratet hat.101 Guitry äussert sich zur dichterischen Freiheit, welche er sich immer wieder für seine Stücke herausnimmt, so:
Pour nous autres, auteurs, les personnages historiques ont un très grand intérêt : on aime à les
faire revivre, à les reconstituer… généralement dans le sens opposé à leur légende. C’est ce que
j’ai fait plusieurs fois.
(Dubeux 1966, 578).
Einer der Handlungsstränge der Rahmenhandlung bei Guitry stellt Deburaus Liebe zu
Marie dar. Diese sieht jedoch «in der Begegnung mit Deburau nur eine von vielen flüchtigen Beziehungen» (Laußmann 1990, 62). Ein weiterer Kunstgriff Guitrys in Bezug auf
die Personenkonstellation besteht darin, dass er noch eine weitere, diesmal auf den ersten Blick rein fiktive Figur einführt:102 «un jeune homme» (Deburau: II, 258), «Armand
Duval, sorti du roman et du drame d’Alexandre Dumas fils» (Kowzan 1991, 241) – eine
gattungsübergreifende, Metalepsen-ähnliche Erscheinung.103 Kowzan betont, dass
dadurch «le côté fiction littéraire» (ebd.) des Gesamtstücks bewusst gemacht werde.
Gleichzeitig hat Dumas gerade dieser Figur autobiographische Züge verliehen (vgl.
Brunet 2005, 41). Durch die intertextuelle Anspielung auf Dumas fils lässt Guitry auch
Züge des französischen bürgerlichen Trauerspiels beziehungsweise der «comédie sérieuse» in sein Drama einfließen (vgl. ebd., 40). Brunet betont außerdem die romantischen
und melodramatischen Akzente von La Dame aux Camélias (ebd., 46). Deburau verzweifelt daran, dass sich seine Geliebte Marie von ihm abwendet und ihm Duval vorzieht.
Im dritten Akt, der 1846 spielt, wartet der inzwischen kranke Mime immer noch auf die
einstmalige Geliebte, und zwar «in einer ärmlichen Mansardenwohnung» (Laußmann
1990, 62). Marie taucht tatsächlich auf, aber nicht aus Liebe, sondern nur, um den Mimen durch ihren Arzt untersuchen zu lassen.
Der zweite Handlungsstrang der Komödien-Rahmenhandlung handelt von der
Vater-Sohn-Beziehung und der Schauspielerthematik.
«Eine gewisse Geborgenheit findet Jean-Gaspard in den Armen der blutjungen Marie Trioullier, die er
1835 heiratet» (Frajerová 2009, 10).
102 Auf ähnliche Weise lässt Goetz zwei fiktive, aus einem anderen literarischen Werk entnommene Figuren, Holmes und Watson, in seinem Stück Dr. med. Hiob Prätorius (Urfassung 1932) auftreten.
103 Guitrys Stück schließt indessen keine eigentliche Inszenierung des Stücks von Dumas fils ein, das
heisst, die Ebene des Binnenstückes, aus der die Figuren entsprungen sind, wird nicht als Binnentheater
aufgeführt, sondern muss sozusagen dazugedacht werden – es handelt sich deshalb lediglich um eine Art
personifizierte, intertextuelle Anspielung, um das Auftreten zweier Figuren aus einem Theaterstück im
Rahmen eines neuen Stückes.
101
180
Als sein Sohn Charles ihn aufsucht, um ihn um eine Einweihung in die Schauspielkunst zu bitten, jagt ihn der eifersüchtige Mime, der einen eventuellen Erfolg seines Sohnes fürchtet, fort,
nicht ohne ihm zu verbieten, jemals unter dem Namen Deburau aufzutreten.
(Laußmann 1990, 62)
Dabei spielt wohl auch Deburaus Angst um den Verlust seines Renommees mit: Er hat
sich einen Namen gemacht, den er wegen seines Sohnes nicht aufs Spiel setzen will.104
Im vierten Akt jedoch, wo Deburau am Ende seiner Kräfte erfolglos einen letzten Auftritt versucht, sieht er ein, dass seine Schauspielkunst nur erhalten werden kann, wenn er
sein Wissen an seinen Sohn weitergibt, wodurch die Tradition lebendig bleibt. Kowzan
hebt die Qualität der Werke Deburau (1918) und Le Comédien (1921) hervor und betont,
beide Theaterstücke enthielten bemerkenswerte Unterweisungsszenen:
Deux ouvrages se détachent de l’ensemble de la production dramatique de Sacha Guitry, y
compris la vingtaine de ses pièces métathéâtrales, par le sérieux avec lequel est traitée la question du métier de l’acteur, par les qualités littéraires du texte ainsi que par la pertinence des
énoncés sur l’art théâtral.
(Kowzan 1991, 240)
Ähnliche Szenen der Unterweisung finden sich in On ne joue pas pour s’amuser (1925) und
Son père et lui (1934). Mit der erwähnten Passage105 stellt sich Guitry in die Tradition des
Metatheaters: «La scène de ‹la classe› rappelle celle d’Hamlet avec ses comédiens ou de
Diese Szene weist Parallelen zu Guitrys eigener Biographie auf: Im ersten Stück, in dem Sacha Guitry
in einer kleinen Rolle auftrat, musste er gemäß dem Wunsch seines Vaters unter einem Pseudonym auftreten, «car Lucien ne voulait prendre aucun risque avec sa propre réputation» (Harding 1985, 61). Das
Pseudonym war Lorcey und die Vorsichtsmaßnahme schien gerechtfertigt: Tatsächlich verspätetete sich
Monsieur Lorcey einmal, vergaß beim anschließenden Auftritt seine Perücke und erschien mit einem überdimensionalen Helm, der seine Mitspieler zum Lachen brachte. Deswegen sollte er seinem Vater ein Bußgeld bezahlen, was er aber nicht akzeptierte. Infolgedessen begann eine Auseinandersetzung Sachas mit
seinem Vater, deretwegen sie sich dreizehn Jahre lang nicht mehr sehen sollten (siehe ebd.). Später, als
sich Sacha Guitry selber einen Vornamen gemacht hatte – wie er zu sagen pflegte – versöhnten sie sich
wieder und Lucien wirkte als Darsteller in Sachas Stücken mit. (Siehe auch Nebentext, Comédien: Préface,
Lettre à mon père, 329-331.)
105 Zur Verdeutlichung soll hier ein Auszug aus dem entsprechenden Dialog des Films (!) Deburau (F,
1950) zitiert werden, wo dieses metatheatrale Element gegenüber der Theaterfassung noch erweitert wurde: «[…] Adore ton métier, c’est le plus beau du monde ! […] Il apporte l’oubli des chagrins et des maux.
/ Et ça, vois-tu, c’est encore mieux – / C’est mieux que tout, c’est magnifique et tu verras, / Tu verras ce
que c’est qu’une salle qui rit, / Tu l’entendras. / Ça, c’est unique, mon chéri. […] Imagine un très grand
silence : / On vient de lever le rideau. / Un silence absolu, complet… […] Soudain, tu viens de faire une
chose qui plaît, / Un geste inattendu, comique… et ça commence / Tout à coup ! / Car ça commence
d’un seul coup. / Et voilà / Le silence rompu qui vole en mille éclats ! / Le public s’abandonne à
l’immense rafale / Qui gronde et le secoue – / Et le rire au galop qui traverse la salle / Emporte tout, /
Les chagrins, les soucis / Et les peines. / Et comprends bien ceci, / Comprends que c’est pour ça qu’ils
viennent. / A ceux qui font sourire on ne dit pas merci – / Je sais, oui, ça ne fait rien, / Sois ignoré. / Va
donc laisser la gloire à ceux qui font pleurer. Je sais bien qu’on dit d’eux qu’ils sont « les grands artistes » /
[…] – On n’honore jamais que les gens qui sont tristes. / Sois un paillasse, un pitre, un pantin – que
t’importe ! / Fais rire le public, dissipe son ennui, / Et, s’il te méprise et t’oublie / Sitôt qu’il a passé la
porte, / Va, laisse-le, ça ne fait rien, / On se souvient / Toujours si mal de ceux qui vous ont fait du bien !
/ Mais, peut-être qu’un jour alors tu connaîtras / Ce bonheur ignoré de la gloire éphémère, / Ce bonheur
qu’on n’achète pas – […]» (Roberto Savia: Extraits des dialogues du film Debureau [sic]. Le dernier acte.
Les conseils de Debureau [sic] (Sacha Guitry) à son fils. [Onlinefassung]. URL:
<http://robysavia.chez.com/frdebus.html> (22.05.2013)).
104
181
Molière avec sa troupe, dans L’Impromptu de Versailles» (Kowzan 1991, 241, vgl. Hamlet:
III, 2. Auftritt, 59).
Vandérem skizziert die Gesamtheit der Rahmenhandlung des Stücks wie folgt:
Es handle sich um vier holzschnittartige Auszüge aus Deburaus Leben: «Deburau lancé,
Deburau amoureux, Deburau déchu, Deburau sifflé» (Vandérem 1918, 407). Zum ersten
‹Holzschnitt› passt auch das Binnentheater, das Deburaus Erfolg illustriert. Die Pantomime als Binnenhandlung hat darüber hinaus einen Zusammenhang mit der Rahmenhandlung: Obschon sie nicht so viele Parallelen zum äußeren Spiel aufweist wie beispielsweise die dumb show in Hamlet zum Murder of Gonzago-Spiel, fallen dennoch einige
Ähnlichkeiten auf. (Dabei gilt es zu bedenken, dass die hier beschriebene Handlung in
der aufgeführten Pantomime nur durch wortlose Gesten ausgedrückt wird.) In der Binnenhandlung ist Pierrot ebenfalls verliebt, «non pas […] de Colombine, mais d’une
grande dame, d’une très grande dame […] d’une duchesse» (Gautier 1883, 57; vgl. Nebentext, Deburau: I, 202). Die Liebe zu Marie stellt sich für Deburau als ähnlich unerreichbar heraus wie für Pierrot. Auch Pierrots finanzielle Situation ähnelt der des Mimen in
der Rahmenhandlung (insbesondere im dritten Akt). Gautier schreibt über Pierrot: «Son
cœur est vide et sa bourse ressemble à son cœur» (Gautier 1883, 57; vgl. Nebentext, Deburau: I, 201). Die Fortsetzung der Pantomime weist auf den ersten Blick scheinbar keine weiteren Parallelen zur Rahmenhandlung auf: Pierrot tötet den Kleiderverkäufer,
nach dem das Stück betitelt ist, mehr aus der Situation heraus als aus bösem Willen.
Liest man Deburaus Biografie, wie sie bei Frajerová beschrieben ist, lässt sich diese Binnen-Szene (die nicht von Guitry erfunden ist, sondern eine historische PantomimenAufführung nachspielt) auch auf folgendes Ereignis aus Deburaus Leben beziehen:
Beim Familienspaziergang im Park ger[ie]t er [=Deburau] in Konflikt mit dem Lehrjungen
Nicolas Vielin. Der Mime erduldete Beleidigungen und Spott anfangs mit Reserve. Doch als
der erhitzte Gegner ihm ins Gesicht spuckte, schlug Jean-Gaspard mit seinem Spazierstock
derart auf ihn los, daß der Junge [starb].
(Frajerová 2009, 8)
Es ist denkbar, dass Guitry aufgrund dessen die entsprechende Szene für seine Pantomime auf dem Theater ausgewählt haben könnte (da er mit der Witwe von Deburau in
Kontakt stand, wird er die Lebensgeschichte des Mimen gut gekannt haben). Die Fortsetzung der Pantomimenhandlung ist indessen wieder eher heiter. Mit Hilfe der Kleidung des Getöteten bietet sich Pierrot nun die Möglichkeit, verkleidet als feiner Herr die
Dame seines Herzens zu erobern. Diese Szene thematisiert gleichsam im Binnentheater
auch das (äußere) Schauspiel als Verkleidungs- und Verstellungskunst. Am geschilderten
Eroberungsplan wird Pierrot gehindert durch das Erscheinen des (gemäß der Beschrei-
182
bung wohl als Schattenspiel dargestellten) Geists des Ermordeten, welcher drohend sein
«Marrrchand d’habits» ausspricht, übrigens die einzigen im Stück gesprochenen Worte.
Hier handelt es sich im Ansatz um ein Rachemotiv, das an den Geist von Hamlets Vater
erinnert, worauf Gautier selber verweist (siehe ebd.). Das Binnentheater endet bei
Guitry in einem Kampf mit dem Geist, dem Pierrot mit einem massiven Holzscheit in
einer Art Duell entgegentritt. Nach einem Schlag auf den Kopf fällt der Geist ins Kellergewölbe zurück. Auch diese Szene scheint das biographische Erlebnis Deburaus noch
einmal zu spiegeln – Guitry hat das Ende gegenüber der Vorlage abgewandelt (vgl.
Guitrys Kommentar zu Gautiers Artikel: Nebentext, Deburau: I, 203). Die Pantomime
geht bei Guitry so aus, dass der Pierrot spöttisch und siegesgewiss (als einziger
Sprechtext der Pantomime) die Worte des Phantoms imitiert, wobei er sich über das
Loch beugt, das ins Kellergewölbe führt.106 Gautiers folgende Bemerkung zur Pantomime findet sich ebenfalls im Nebentext des Stücks (sie bezieht sich also eigentlich nicht
auf das von Guitry gekürzte Ende): «Ne voilà-t-il pas un étrange drame, mêlé de rire et
de terreur?» (Gautier 1883, 64). Aber hat Guitry nicht, indem er Pierrot triumphieren
lässt, diese Mischung noch verstärkt?
In das Stück Deburau sind vielfältige Bezüge eingeflossen, seien sie biographischer, theatergeschichtlicher, intertextueller oder metatheatraler Art. Bemerkenswert ist
insbesondere, wie Guitry mit seinem Stück die Anfänge des Boulevardtheaters beleuchtet und dem Mimen Deburau als Wegbereiter auch seiner eigenen Komödien ein
Denkmal setzt. Nachdem Carné in den Kriegsjahren 1943 bis 1945 über Deburau den
Film Les enfants du paradis dreht, der Filmgeschichte geschrieben hat, entscheidet sich
Guity 1951, sein erfolgreiches Theaterstück aus dem Jahre 1918 zu verfilmen und greift
so den Stoff wieder auf (vgl. Laußmann 1990, 62f.).
Im eigentlichen Stück (also der Vorlage, die länger ist als das Binnentheater bei Guitry) triumphiert am
Ende hingegen der Kleiderverkäufer (vgl. Gautier 1883, 55-67).
106
183
6.2.2. Theater im Theater als Aufführung des Binnendramas eines realen
Autors bei Guitry und Goetz
Der Autor von Le Barbier de Séville und Le Mariage de Figaro steht im Mittelpunkt von
Guitrys Theaterstück mit dem Titel Beaumarchais (1950).107 In der zweiaktigen Komödie
kommen zwei kurze Theatereinlagen aus Le Barbier de Séville (1775)108 vor. Guitry veröffentlichte sein Stück 1950 im Druck, ohne dass es je gespielt worden war (vgl. Nebentext,
Beaumarchais: Préface, 87; vgl. Kowzan 1991, 233). Er geht darauf im Vorwort ein:
Et si je la publie, avant qu’elle ait été jouée, c’est bien pour la raison qu’il serait difficile de
monter à l’heure actuelle un spectacle comportant un si grand nombre de décors et une telle
quantité de personnages.
(Paratext, Beaumarchais: Préface, 87)
Es scheint sich um eine ähnlich aufwändige Inszenierung zu handeln wie bei Cowards
Musical Cavalcade (1930), das ebenfalls sehr viele Schauspieler, eine Vielzahl an Kostümen sowie ein komplexes Bühnenbild erfordert.
Als Grund dafür, ein Stück über den bekannten Theaterdichter zu schreiben,
gibt Guitry an, dass Beaumarchais trotz allem, was ihm widerfahren sei, sein Lächeln nie
abgelegt habe, wofür man ihn bis zu seinem Todestag verwünscht, aber auch geliebt habe (vgl. ebd.). Guitry führt weitere Gründe an und stellt die rhetorische Frage:
[…] n’était-ce pas assez pour devenir le personnage central d’une comédie qui ressemblerait à
un roman d’aventures si notre héros n’était pas l’intelligence même ?
Or cette comédie, je l’ai faite tandis que je composais un film intitulé : «Franklin et Beaumarchais
– la France et l’Amérique».
(Paratext, Beaumarchais: Préface, 87)109
Wie Histoires de France (1929) ist Beaumarchais «une pièce historique» (Kowzan 1991, 232),
hier in neunzehn Bildern und zwei Akten.110 In erster Linie geht es um PierreAugustin Caron de Beaumarchais als Staatsmann und Privatperson. Doch neben ihm
lässt Guitry andere historische Persönlichkeiten auftreten, so Louis XV, Louis XVI und
Benjamin Franklin. Er arrangiert auch eine Begegnung zwischen Franklin und Beaumarchais. Erst in zweiter Linie kommen Le Barbier de Seville und Le Mariage de Figaro zur
Sprache.111 Im dreizehnten Bild werden «les dernières répliques» aus dem Barbier de Séville
im Théâtre Français als Binnentheater gezeigt (Nebentext, Beaumarchais: 13, 145). Es handelt sich um die Erstaufführung vom 23. Februar 1775. Das echte Publikum sieht das
Bühnenbild von hinten mit Blick auf Beaumarchais, der hinter der Bühne seinem eigeDatum der Publikation (nicht der Uraufführung).
Datierung nach: Kienzle/zur Nedden 1996, 161.
109 Schließlich wurde weder der Film gedreht noch das Stück aufgeführt (siehe Simsolo 1988, 124.)
110 Bei Zitaten wird (ohne Aktangaben) jeweils durch kursiv gesetzte arabischen Zahlen auf das entsprechende Bild verwiesen. Beaumarchais ist eines der wenigen Stücke Guitry, welches sowohl in Akte als auch
in Bilder aufgeteilt ist, wobei hier nur auf die Bilder verwiesen wird.
111 Nicht erwähnt wird von Guitry hingegen der dritte Teil der Trilogie von Beaumarchais, L’autre Tartuffe
ou La mère coupable.
107
108
184
nen Stück zuschaut. Die Reaktion der fiktiven (das historische Publikum darstellenden)
Zuschauer ist hinter der Bühne vernehmbar: «[…] des applaudissements couverts par
des sifflets» (Beaumarchais, 13, 145). Weiter werden zwei Kritiker gezeigt, deren Kommentar lautet: «[C]’est une farce dégoûtante qui méritait d’être sifflée» (ebd., 146). Hierbei werden die historische Rezeption des Stückes und die Rolle der Kritiker ins Bewusstsein des Publikums gerückt.
Im vierzehnten Bild wird nochmals das gleiche Stück vor demselben Bühnenbild
gespielt, jedoch in veränderter Fassung: die zweite Binnentheatereinlage beinhaltet nur
«les derniers mots de la tirade de Basile» (Beaumarchais: 14, 147). Es handelt sich um die
Worte: «La calomnie, monsieur… » (ebd. sowie Le Barbier de Séville: II, scène 8, 75). 112
Mit dieser Tirade zielt Beaumarchais auf seine Feinde und Verleumder: «Pardi, je savais
bien ce qui manquait à ma pièce», sagt er (Beaumarchais: 14, 147). Beaumarchais hatte
der Komödie Le Barbier de Séville mehrere Anspielungen auf seine Konflikte mit der Justiz angefügt (vgl. Dauvin 1981, 5). Basile wird darin als typischer Intrigant dargestellt.
Diesmal erntet das Stück nur Applaus und wird nicht ausgepfiffen.
Für diese beiden Drameneinlagen gilt, was Pfister allgemein für kurze Theaterim-Theater-Sequenzen feststellt: Handelt es sich um eine «knappe Einlage […], ist es
[=das Binnentheater; M.H.] meist handlungsbezogen mit der Ebene des primären Spiels
verknüpft» (Pfister 2001, 304). Im Fall von Beaumarchais dienen die kurzen Theaterauszüge zur Illustration eines Lebens als Staatsmann und Privatperson, das in der Rahmenhandlung mehr Gewicht bekommt als Beaumarchais’ Erfolge als Dramendichter, die
durch die Binnenhandlung nur kurz angedeutet werden: Die Rezeption des Werkes bekommt dabei mehr Gewicht als der Inhalt, zumal davon ausgegangen werden kann, dass
dem Dramenpublikum die Handlung des Theaterstücks Le Barbier de Séville bekannt ist,
so dass eine kleine Anspielung ausreicht.
Das nächste Bild spielt acht Jahre später am Hof von Louis XVI. Dort wird das
Manuskript von Le Mariage de Figaro laut vorgelesen und empört zur Kenntnis genommen, worauf der König Beaumarchais ins Gefängnis Saint-Lazare werfen lässt
(Beaumarchais: 15, 148f.). Dieses Theaterstück kommt nur als Lesung vor (siehe unten,
Kap. 9.). Neben den erwähnten Theatereinlagen begegnen uns im Gesamtdrama auch
metatheatrale Kommentare über und Bezüge auf das damalige Theater (siehe auch Kap.
11.1.1. und 11.3.).
In der mir vorliegenden Ausgabe des Stücks beginnt die Tirade mit den Worten «La calomnie, Monsieur !».
112
185
Zwar wird Beaumarchais bei Guitry in erster Linie als historische Persönlichkeit
gezeigt, es lassen sich jedoch auch Parallelen zu Guitrys Leben ziehen, beispielsweise in
Bezug auf dessen Konflikte mit den Theaterkritikern oder mit der Justiz – Guitry wurde
der Kollaboration mit der deutschen Besatzung angeklagt, danach aber freigesprochen.
Abschließend soll auf die wichtige Rolle hingewiesen werden, die Beaumarchais für das
Boulevardtheater hatte und welche auch zu Guitrys Bewunderung für diesen Autor beigetragen haben mag. Nach Brunets Ansicht haben die Boulevardautoren Beaumarchais
als Meister der «comédie d’intrigue» viel zu verdanken (vgl. Brunet 2005, 58) – sie betont die formalen Ähnlichkeiten zwischen der typischen «‹pièce bien faite›» von Scribe und
Beaumarchais’ Komödien (vgl. ebd.). Nicht nur die typenhaften Figuren, etwa in
Beaumarchais’ Mariage du Figaro, erinnern laut Brunet an eine Boulevardkomödie, auch
bei den vielen Intrigen und Verwicklungen sowie den kalkulierten Zufällen Beaumarchais’ handelt es sich ihrer Meinung nach um typische Strukturen, die sich auf ähnliche Weise später bei Autoren wie Scribe, Labiche und Feydeau finden (vgl. ebd., 58f.).
Als ein weiteres Merkmal seiner Komödien erwähnt Brunet die temporeiche Rhythmisierung der Stücke Beaumarchais’ – kurze Repliken kämen darin bevorzugt zum Einsatz,
während lange Monologe vermieden würden. Besonders dieser letzte Aspekt trifft auch
auf Guitrys Komödien zu. Schließlich beschreibt Brunet eine weitere Gemeinsamkeit
Beaumarchais’ mit den Boulevardautoren: «Beaumarchais revendique clairement le rire
comme unique objectif» (ebd., 59). Dies stellen zusätzliche Gründe dar, warum Guitry
gerade Beaumarchais zur Hauptperson seines Stücks erkoren haben mag.
In zwei Bühnenwerken von Guitry wird als Binnentheater ein Stück von Molière
gezeigt: Die Rede ist von Histoires de France (1929) und Le Bien-Aimé (1940). In beiden
Fällen handelt es sich bei den Rahmenhandlungen um sogenannte historische Stücke,
wobei Guitry sich jeweils dichterische Freiheiten erlaubt.113 Er spielt mit der Geschichte,
flicht in seine Theaterstücke jedoch ebenso echte Zitate bekannter Persönlichkeiten ein,
die im Dramentext (wie die Sequenzen des Binnentheaters) oft durch Kursivschrift gekennzeichnet sind,114 so beispielsweise, wenn er Goethe im Gespräch mit Napoleon auftreten lässt (Histoires de France: 10, 271/272). Der Dialog dazu ist einem Werk von
Emil Ludwig über «Napoléon Ier» entnommen (siehe Nebentext, ebd., Préface, 193).
Dies zeigt Harding beispielhaft am Stück Mozart (1925) auf (siehe Harding 1985, 146f.).
Im Dramentext zu Beaumarchais hat Guitry bewusst auf diese Kennzeichnung verzichtet, was er ironisch kommentiert: «Je n’ai pas cru devoir souligner les répliques – par ci, par-là – qui sont effectivement
de ceux qui les énoncent. // Ce sont, là, surprises que je réserve à ceux qui commettraient l’imprudence
de me les attribuer lors de la représentation – inespérée – de cet ouvrage» (Nebentext, Beaumarchais: Préface, 87).
113
114
186
Guitry stützt sich hier also erneut auf Zeitzeugnisse, wie er es bereits für Gautiers Bericht im Bühnenwerk Deburau (1918) getan hat.
Bei Histoires de France (1929) handelt es sich um eine von den Galliern bis zu
Clemenceau reichende «‹revue› dramatique» in vierzehn Bildern (Kowzan 1991, 234).
Dadurch, dass dieses Musiktheater einen Querschnitt durch die französische Geschichte
bietet, ist es Cowards ein Jahr später entstandenem Musical Cavalcade (1930) vergleichbar
(siehe Kap. 8.4.). Cowards Stück ist allerdings stärker um eine Familiengeschichte herum
konstruiert, während die Bilder bei Guitry eher als lose Aneinanderreihung von Episoden erscheinen.
Im siebten Bild von Histoires de France mit dem Titel Louis XIV wird die Erstaufführung von George Dandin durch Molières Theatertruppe im Schlosspark von Versailles
am 18.7.1668 gezeigt.115 Ähnlich wie Beaumarchais wird hier Molière in Szene gesetzt,
jedoch vor allem als Schauspieler und Regisseur. Als Publikum sind der König und sein
Hofstaat anwesend. Es handelt sich in diesem Bild um die Nachstellung eines historischen Ereignisses.116 Dieser Rahmen erinnert ebenfalls an Molières «L’Impromptu de Versailles (1663)» (Schöpflin 1993, 318; Hervorh. M.H.). Darin lässt Molière als «comédie
des comédiens» (ebd.) sich selber und seine Truppe auftreten, ein Theater (im Theater)
aufführend (siehe ebd., 318-325).
Die Zuschauer des Binnentheaters sitzen im siebten Bild von Histoires de France
dem Publikum der Rahmenhandlung gegenüber, das heißt, das Stück wird, ähnlich wie
die Oper in Mariette (siehe Kap. 8.2.), mit dem Rücken zum echten Publikum gespielt.
«[J]ouant de dos, Molière et sa troupe achèvent le deuxième acte de George Dandin»
(Nebentext, Histoires de France: 7, 247). Es handelt sich, genau gesagt, um die achte Szene aus Molières Stück, wo Dandin (gespielt von Molière) von Angélique (dargestellt von
Armande Béjard) verprügelt wird. Gezeigt wird das Theater im Theater ab Claudines
Rede: «Fort, madame, frappez comme il faut» (Histoires de France: 7, 248) bis zum Aktende. Daraufhin schließt sich der Vorhang des Binnentheaters «qui se trouve au second
plan» (Nebentext, ebd., 249) und der König applaudiert (vgl. ebd.). In der Pause zwischen
den Akten spricht Molière zu seiner Theatertruppe und gibt ihr Ratschläge bezüglich der
Ein weiteres Theater im Theater kommt im zehnten Bild desselben Stücks vor, betitelt mit L’Empire:
Vor Napoleon, dem Zaren und anderem königlichen Publikum tritt dort der historische Schauspieler
Talma in der Rolle als Philoctète im Stück Œdipe von La Fontaine auf. Vom Stück werden die rund 30
ersten Verse als Binnentheater gezeigt.
116 «[V]oulant célébrer la conquête de la Franche-Comté et l’heureuse conclusion de la guerre qu’apportait
le traité d’Aix-la-Chapelle, le roi ordonna qu’on organisât à Versailles des fêtes dignes de sa puissance.
Molière fut convié à prêter le concours de sa troupe et celui de son talent de poète» (Kommentarteil, George
Dandin: Notice, 321).
115
187
Schauspielerei. Es kommt auch ein Bezug zwischen Binnentheater und Rahmenhandlung zur Sprache: Molière (der übrigens von Guitry gespielt wurde) sagt zu Armande
Béjard (dargestellt von Ehefrau Yvonne Printemps):
[…] je ne jouerai pas souvent ce rôle avec vous, tenez ! […] Parce que vous ressemblez trop à
Angélique et que je ressemble trop à George Dandin. […] Et je ne pensais pas qu’on en ferait à
ce point la remarque. […] Convaincus que j’ai fait cette pièce sur nous, sur vous et moi, ils y
pensent sans cesse en nous écoutant. J’espérais ma disgrâce un peu moins répandue.
(Histoires de France: 7, 250f.)
Damit thematisiert die Molière-Figur die Annahme naiver Zuschauer, die Komödien als
wirklichkeitsgetreues Abbild des Privatlebens des Autors aufzufassen, ein Punkt, den
Guitry auch in Toâ parodistisch zur Sprache bringt.117 Nach Guitrys Darstellung hat sich
das Publikum nicht erst zu dessen eigenen, sondern bereits zu Zeiten Molières für das
Privatleben eines Schauspielers interessiert. Bei Armande Béjart, ebenfalls Schauspielerin, handelt es sich in um Molières Ehefrau. Zu der Zeit, in die die Aufführung von
Georges Dandin bei Guitry fällt, nämlich 1668, hat das Paar bereits eine größere Ehekrise
hinter sich.
Anschließend wird Molière in der Rahmenhandlung seinem ‹Erzfeind› Racine
vorgestellt (vgl. Histoires de France: 7, 252). Es entspinnt sich ein literarisches Gespräch
zwischen den Autoren Molière, La Fontaine, und dem Literaturkritiker Boileau. Boileau
kritisiert Molières Stil im Stück:
Boileau : Quelle jolie comédie, La Fontaine ?
Jean de La Fontaine : Admirable.
Boileau : Avec toujours encore quelques négligences de style que je vous signalerai.
Molière : Non, je vous en supplie, ne prenez pas la peine de me les signaler. Je les connais ces
négligences, mon ami, car elles sont voulues. Trop de perfection dans le langage nuirait au naturel dans ce genre de pièce.
Boileau : Je ne suis pas de votre avis.
Molière: Je le sais bien.
Boileau : […] Vous cherchez trop à faire rire. Or, vous valez mieux que cela.
Molière : Mieux ?… Mais vous savez qu’on peut tout dire en faisant rire.
(Histoires de France: 7, 252)
Guitry überlässt auf diese Weise der historischen Kritik (Boileau) das Wort und lässt
Molière seinen Stil verteidigen – wobei die Natürlichkeit des Stils auch ein Anliegen des
Autors Guitry darstellt. Boileau ermahnt Molière, an diese Szene anschließend, die Gattungen nicht zu mischen und die Regeln einzuhalten. Darauf antwortet ihm Molière:
Dort ist es Ecaterina als Zuschauerin des Binnentheaters, die diesen Eindruck hat. Im Falle von Molière und Armande Béjard erweist sich die Annahme der Zuschauer nicht als falsch. Sowohl Guitry als auch
Goetz zeigen eine ausgeprägte Vorliebe für das Spiel mit der Fiktion und der Wirklichkeit. Bei Goetz
kommt dies unter anderem auch in seinen auf unkonventionelle Art geschriebenen Memoiren zum Ausdruck, wo man nie mit Sicherheit bestimmen kann, was der Wahrheit entspricht und wann es sich um eine
Fiktion handelt. Cowards Texte zeichnen sich oft durch Ironie aus, davon zeugt beispielsweise seine Erzählung Star Quality (1951). Die möglichen Intentionen des Autors Coward bleiben für den Leser versteckt, weil die Figuren teilweise ambivalent geschildert werden.
117
188
«Vous me semblez plaisant avec vos règles dont vous embarassez les ignorants et nous étourdissez
tous les jours. Je voudrais bien savoir si la grande règle de toutes les règles n’est pas de plaire» (ebd.).118
Ein weiteres Theaterstück Guitrys, Le Bien-Aimé (1940), spielt ebenfalls in Versailles, diesmal am Hof von Louis XV. Gezeigt werden «Louis XV et Madame de Pompadour, avec Voltaire vieillissant et le jeune Fragonard» (Kowzan 1991, 234). Im fünften
Akt wird dem König der Vorschlag unterbreitet, Molières Tartuffe hundert Jahre nach
der Erstaufführung wieder zu spielen (also 1764,119 am 12. Mai, siehe Le Bien-Aimé : V,
468) – und zwar wie damals nur die drei ersten Akte (vgl. ebd., 467). Das Stück soll
aufgeführt werden «à l’endroit même où il fut représenté pour la première fois» (Le
Bien-Aimé: V, 467). Im sechsten und letzten Akt des Stückes wird der ganze dritte Akt
von Tartuffe als Binnentheater in folgender Rollenverteilung aufgeführt: «L’imposteur,
interprété par Louis XV, courtise Elmire, jouée par Madame de Pompadour» (Kowzan
1991, 234; vgl. Le Bien-Aimé: VI, 470). Ist diese Rollenzuteilung aufzufassen als
«[d]ouble référence ? Mise en abyme à rebours ?» fragt sich Kowzan (1991, 234). Die
Mise en abyme fasst er wohl als ‹verkehrt› auf, da hier die Darstellung der Rollen, die
Guitry die Bekanntheiten im Theaterstück spielen lässt, möglicherweise Rückschlüsse
zulässt von der Binnenhandlung auf das Privatleben dieser historischen Persönlichkeiten. Das Binnenstück eröffnet somit eine Deutungsmöglichkeit in Umkehrung des üblicheren Schemas, wonach sich die Rahmenhandlung im Binnentheater widerspiegelt.
Kowzan schlussfolgert: «De toute façon, l’allusion est audacieuse» (ebd.). Im Anschluss
tritt Voltaire auf und verteidigt Molières Werk, er spricht an, dass der Tag der Uraufführung von Tartuffe einer wahren Revolution gleichgekommen sei (vgl. ebd., 471).
Bei Guitry bilden die erwähnten Binnentheaterstücke bekannter Schriftsteller die
historische Atmosphäre und Entstehungsgeschichte der echten Stücke nach. Guitry
bringt den Zuschauern des Boulevardtheaters so nicht nur Stücke anderer Autoren näher, sondern vermittelt auch historische Ereignisse, insbesondere ein Stück Theatergeschichte. Beispielsweise informiert er über die damaligen Schauspieler, Kritiker, Aufführungsbedingungen oder auch Kostüme. Corvin schreibt in diesem Sinne über Guitry:
«[S]e cache en lui une tendance pédagogique certaine à se faire l’historien de la littérature
et à fournir le répertoire des références culturelles de base: il veut partager sa passion du
patrimoine français» (Corvin 1989, 17). Dies bewirkt Guitry oft mit Hilfe des Theaters
im Theater.
Bei der auch im Original von Guitry kursiv hervorgehobenen Stelle handelt es sich um ein Originalzitat
Molières.
119 Datierung der Erstaufführung vor dem König am Hof zu Versailles nach: Kommentarteil, Tartuffe, 347.
118
189
Bei Coward findet sich besonders ein mit Histoires de France vergleichbares historisches Stück: Das Musical Cavalcade (1930)120. Im Gegensatz zu den hier vorgestellten
Dramen wird dort das Binnentheater jedoch einem fiktionalen Autor zugeschrieben und
es handelt sich zugleich um ein Musiktheater (vgl. Kap. 8.4.). Bei Goetz fehlen vergleichbare Theaterstücke historischen Inhalts, wobei erwähnenswert ist, dass er, wie
Guitry, einen Napoleon-Film gedreht hat.121 Goetz hat indessen den Film auf der Bühne
thematisiert, und zwar zu einem Zeitpunkt, als dieser noch in den Kinderschuhen steckte (vgl. etwa Der Hahn im Korb, entstanden 1920, siehe Kap. 5.1.). Im Film hat er sich
außerdem einem historischen Dichter zugewandt, nämlich mit seiner Verfilmung Friedrich Schiller – ein Dichterleben (D, 1923).
Auch bei Goetz finden wir mehrmals das Stück eines realen Theaterdichters als
Binnentheater: Zweimal verweist er auf Shakespeares Drama Hamlet, das selbst schon
ein Theater im Theater und eine Pantomime enthält. Der frühe Einakter, Der Hahn im
Korb, spielt während der Dreharbeiten zu einem Hamlet-Film und enthält eine sehr kurze Binnentheatereinlage aus Hamlet.
Hamlet kommt als Binnenstück ebenfalls in einem der Einakter aus Goetz‘ Seifenblasen (1963) vor: Die Barcarole. Die Handlung spielt im «Konversationszimmer eines
deutschen Theaters» (Nebentext, Barcarole, 991). Parallel dazu läuft die «Aufführung von
‹Hamlet›» ab (Nebentext, ebd.).122 «Schauspieler und Schauspielerinnen sitzen in ihren
Kostümen in Klubsesseln, rauchen oder lesen Zeitung» (Nebentext, ebd.). Die Figuren
werden mit ihren Rollennnamen bezeichnet. Manche spielen Poker, Polonius und Laertes Schach, der Erste Totengräber schaut ihnen zu, Ophelia beschäftigt sich mit einer
Häkelarbeit (vgl. ebd.). Die Szene spielt kurz vor Schluss des zweiten Aktes und in der
darauf folgenden Pause. Ähnlich wie in Guitrys Stück La Prise de Berg-op-Zoom (1912)
(welches zu einem großen Teil in den Theatergängen spielt) wird den Zuschauern bei
Goetz die Theatereinlage nicht direkt gezeigt: Die echten Zuschauer sehen vielmehr die
Datierung der Uraufführung nach: The Noël Coward Society (2001): Chronology. [Onlinefassung].
URL: <http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
121 Besagter Film von Goetz trägt den Titel Napoleon ist an allem schuld (D, 1938). Vgl. das publizierte
Drehbuch: Curt Goetz (1968): Napoleon ist an allem schuld. Eine Filmkomödie nach einer Idee von P.
Gillmann. Drehbuch: C. Goetz. Stuttgart. Goetz war in diesem erfolgreichen und auch kritischen Film
«Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person» (Memoiren 3. Teil, 179). Über den Erfolg von
Goetz’ Film, aber wenig über dessen Inhalt, berichtet Valérie von Martens in Wir wandern, wir wandern …
(Memoiren 3. Teil, 175-182). Guitrys Film heißt Napoléon (F., 1954) Drehbuch und Regie: S. Guitry. Produktion: Duhour (vgl. Simsolo 1988, 173). Informationen zu Napoléon finden sich bei Simsolo 1988, 155158. Das Publikum sei vom Film begeistert gewesen, nicht jedoch die Kritik, die Guitry vorgeworfen habe
«de montrer un héros national sans véritable grandeur ni panache, de le rendre même antipathique» (ebd.,
158). François Truffaut jedoch sprach mehrfach seine Bewunderung gegenüber Guitrys Filmen aus (siehe
ebd.).
122 Kursive Hervorhebung M.H.
120
190
verkleideten Schauspieler hinter der Bühne sowie alle Vorgänge, die sich dort abspielen.
Dem Hamlet wohnen sie nur während einer kurzen, aber wichtigen metatheatralen Passage bei, die über den Bühnenlautsprecher akustisch eingespielt wird: Es handelt sich
um die Ankündigung der Mouse-Trap-Szene.123 «Man hört aus dem Lautsprecher, der
durch einen Wandschalter angedreht wurde, gedämpft Hamlets Stimme» (Nebentext,
Barcarole, 991):
STIMME HAMLETS:
Denn Mord, hat er schon keine Zunge, spricht
Mit wundervoller Stimme: Sie sollen was
Wie die Ermordung meines Vaters spielen
Vor meinem Oheim: ich will seine Blicke
Beachten, will ihn bis ins Leben prüfen:
Stutzt er, so weiß ich meinen Weg! – […]
Das Schauspiel sei die Schlinge,
In die den König sein Gewissen bringe!
(Barcarole, 992,124; vgl. Hamlet: II, 2. Auftritt, 312f.)
Im Anschluss daran hört man «das Rauschen des fallenden Vorhanges» ebenso wie den
Applaus der fiktiven Zuschauer (Nebentext, Barcarole, 992), und der Lautsprecher wird
wieder ausgeschaltet.
Weitere Bezüge zum Stück Hamlet finden sich neben den entsprechenden Verkleidungen in wörtlichen Anspielungen. Eigentliche Parallelen zwischen Binnen- und
Rahmenhandlung beziehen sich vor allem auf das Thema der Untreue in der Rahmenhandlung (der Königin respektive der Ophelia-Darstellerin). In der äußeren Handlung geht
es insbesondere um die Rivalität von Conny und Manfred, die in Shakespeares Stück
Hamlet respektive den König darstellen (vgl. Barcarole, 993). Man kann jedoch im Gegensatz zum akustisch eingespielten Binnendrama zwar von einem Konkurrenzkampf, aber
nicht von einer eigentlichen Feindschaft zwischen Manfred und Conny sprechen. Weitere Parallelen zu Shakespeares Drama weisen auch die Stegreiftheater-Einlagen auf, die in
die Rahmenhandlung eingebettet sind. (Vgl. unten, Kap. 7.).
Meist sprechen sich die Schauspieler in der Rahmenhandlung (!) dennoch mit ihren Rollennamen an. So sagt der König (Manfred) zu Hamlet (Conny) «mein Vetter Hamlet und mein Sohn» (Barcarole, 995) – was komisch wirkt, da dieses familiäre Verhältnis
auf die Rahmenhandlung nicht zutrifft. In solchen Repliken werden die Rollen klargemacht, aber die Ebenen von Rahmen- und Binnenhandlung(en) oft auch inhaltlich vermischt, was häufig, aber nicht immer, einen komischen Effekt erzeugt. Das Publikum
erfährt oft nur die Rollennamen der Schauspieler, was den Eindruck des Vermischens
123 Einer ähnlichen Art einer nur akustisch eingespielten Aufführung wohnen wir in Guitrys Stück Quand
jouons-nous la comédie? (1935) im Büro des Theaterdirektors bei (siehe Kap. 8.3.).
124 Bei […] (von mir kursiv gekennzeichnet) hat Goetz gegenüber der Schlegel-Übersetzung gekürzt,
Hinweis M.H.
191
dieser Ebenen noch verstärkt. Güldenstern bezeichnet den Darsteller des Ersten Totengräbers metatheatral als «alberne Nebenperson» (ebd., 922) – obschon er selbst auch nur eine kleine Rolle spielt. Dadurch wird dem Publikum die Aufführungssituation ins Bewusstsein gerufen.
Ophelia vergleicht die Binnen- und Rahmenhandlung explizit, indem sie Hamlets Rede in Bezug auf Connys Befinden in der Rahmenhandlung zitiert: «Ist euch nicht
aufgefallen, daß Conny sich jetzt darin gefällt, auch im Leben den Hamlet zu spielen? Er
läuft herum, als habe er ‹alle seine Munterkeit eingebüßt›!» (Barcarole, 993; zum Zitat
vgl. Hamlet: II, 2. Auftritt, 305, dort als Selbsthematisierung Hamlets: «Ich habe alle
meine Munterkeit eingebüßt», ebd.). Laertes zieht als mögliche Erklärung für Connys
Bedrücktheit in Betracht, dass die Ophelia-Darstellerin daran schuld sein könnte. Auch
er zitiert an dieser Stelle Shakespeare, um diesen Verdacht anzudeuten: «Doch wer, o
Schmach, die schlotterichte Königin gesehn …» (Barcarole, 993; Vgl. Hamlet: II, 2. Auftritt, 310). Es handelt sich hierbei um eine pathetische Einlage in Shakespeares Drama,
nämlich um eine Passage aus der Rede des ersten Schauspielers, der «des Äneas Erzählung an Dido» vorträgt (Hamlet: II, 2. Auftritt, 309) – deklamiert wird bei Shakespeare
die Textstelle, «wo er von der Ermordung Priams spricht» (Haupttext, ebd.). Bei Goetz
wirkt das oben angeführte Zitat vor allem komisch, und zwar insofern, als dem Publikum nicht ganz klar wird, wie sich das lautmalerisch-archaische Adjektiv «schlotterichte»
(ebd., 310) aus der Schlegel-Übersetzung auf die Ophelia-Darstellerin, die wohl ebenfalls
die Königin spielt, beziehen lässt. Die Rede des ersten Schauspielers aus Shakespeares
Stück, hier vorgetragen vom Laertes-Darsteller in der Rahmenhandlung, kann (auch in
Shakespeares Rahmenhandlung) als Bezugnahme auf die Königin verstanden werden. In
diese Richtung deutet die Antwort des Polonius-Darstellers in Goetz’ Rahmenhandlung:
«Schlotterichte Königin ist gut» (Barcarole, 993; vgl. Hamlet: II, 2. Auftritt, 310).125 Es
handelt sich dabei um die Original-Replik von Polonius aus dem Hamlet-Drama, der
dort auf dieselbe Weise die rezitierte Rede kommentiert. (Bei Goetz ist mit der Königin
die Ophelia-Darstellerin mitgemeint, die wohl eine Doppelrolle im Binnendrama spielt
und um deren Gunst sowohl der Darsteller des Königs als auch der Hamlet-Darsteller
werben)
Goetz macht diese Art zu sprechen, indem die Wendung «ist gut» angehängt wird, zum Figuralstil seines Polonius-Darstellers, den er bereits in einer vorhergehenden Replik sagen lässt: «‹Irgendeines› ist gut»
(Barcarole, 993, vgl. Zitat unten). Diese Wendung ist tatsächlich bereits bei Schlegel belegt, obwohl man
denken könnte, sie sei der Umgangssprache entnommen – Goetz spielt bewusst mit diesem Element.
125
192
Weiter zitiert Laertes aus Shakespeares Drama: «Noch eh die Schuh’ verbraucht
… » (Barcarole, 993; vgl. Hamlet: I, 2. Auftritt, 275). Diesmal bedient er sich jedoch
Hamlets eigener Worte. Inhaltlich wird bei Shakespeare der Königin die Vermählung
mit dem König kurz nach dem Tode von Hamlets Vater vorgeworfen.126 Bei Goetz deuten beide Zitate an, dass sich eine Parallele ziehen lässt zwischen dem Verhalten der
Ophelia-Darstellerin Manfred gegenüber einerseits und andererseits dem Handeln der
Königin in Shakespeares Stück ihren Geliebten gegenüber, dessen Ehefrau sie kurz nach
dem Tod von Hamlets Vater geworden ist, was Hamlet ihr in der besagten Szene vorwirft. Es wird bei Goetz in der Rahmenhandlung und im anzitierten Binnenstück Untreue angedeutet. Die Anspielung lässt in der Rahmenhandlung ein Liebesverhältnis der
Ophelia-Darstellerin mit Manfred vermuten. Nach Polonius’ Aussage «kokettiert [sie]
mit ihm, um Conny eifersüchtig zu machen» (Barcarole, 994). Dieses Liebesverhältnis
birgt insofern Komikpotential, als es sich nicht konform zu den Rollen im HamletSchauspiel verhält respektive durch die Doppelrolle der Ophelia-Darstellerin für Verwirrung sorgt: Wohl liebt Hamlet dort Ophelia, diese hat aber keine Liebesbeziehung mit
dem König. Durch den Verdacht auf Untreue wird eine Analogie hergestellt zwischen
der Rolle der Ophelia-Darstellerin in der Rahmenhandlung (also in ihrem Privatleben)
und der Rolle der Königin in Shakespeares Stück. Eine weitere Parallele kann man zwischen Connys Rolle und jener des Geists von Hamlets Vater ziehen. Die Darstellerin
der Ophelia hält ihre Schauspielerkollegen dazu an, Conny den «blöden Verdacht
aus[zu]reden» (Barcarole, 993) – gemeint ist die Vermutung, sie könnte eine Affäre mit
Manfred haben. Conny seinerseits zitiert in der Folge die Rolle des Geistes von Hamlets
Vater, identifiziert sich also bezüglich seines Privatlebens mit ihm. Conny deutet an, ihm
sei wie Hamlets Vater Untreue widerfahren. Er fühle sich dadurch «[e]rniedert zu einem
Sünder, / Von Natur durchaus armselig gegen mich!» (Barcarole, 995; vgl. Hamlet: I, 5.
Auftritt, 288). Eine weitere Aussage des Geists von Hamlets Vater über seinen Bruder,
den (neuen) König und Ehemann von Hamlets Mutter, rezitiert Conny anschließend:
«O schaudervoll, höchst schaudervoll!» (Barcarole, 995; vgl. Hamlet: I, 5. Auftritt, 288).
Sowohl in den zitierten Shakespeare-Szenen als auch in der Rahmenhandlung des Einakters geht es um Untreue und Rivalität; der Geist von Hamlets Vater fühlt sich bei
Shakespeare hintergangen. Dasselbe gilt für Conny, der sich in der Rahmenhandlung
von Manfred übervorteilt fühlt. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich für die
«Schwachheit, dein Nam’ ist Weib […] O schnöde Hast, so rasch / In ein blutschänderisches Bett zu
stürzen!» (Hamlet: I, 2. Auftritt, 274f.).
126
193
Szenen hinter der Bühne Mischcharaktere ergeben, für Conny zwischen den Rollen von
Hamlet beziehungsweise dem Geist von Hamlets Vater, für die Ophelia-Darstellerin zwischen der Rolle von Ophelia einerseits und jener der Königin (Hamlets Mutter) andererseits.
Es ist wahrscheinlich, dass die Schauspielerin der Ophelia in der Binnenhandlung tatsächlich eine Doppelrolle spielt und auch als Königin auftritt. Das Gleiche kann jedoch
eher nicht auf den Hamlet-Darsteller zutreffen, da der Geist und Hamlet in derselben
Szene auftreten, weshalb die Rollen nicht von einer Person gespielt werden können (vgl.
Hamlet: I, 5. Auftritt, 285-288). Auch in der folgenden Szene erscheinen die verschiedenen Rollen und Ebenen geschickt ineinandermontiert.
HAMLET zu Ophelia: Du bist blaß?
OPHELIA leise: Dein Verdacht ist unbegründet!
HAMLET ebenso: Geh in ein Kloster, Ophelia …
OPHELIA: Nur mit dir!
(Barcarole, 1003; Hervorh. des Zitats M.H.; vgl. Hamlet: III, 1. Auftritt, 314 und 317)
Einerseits bezieht sich die erste Aussage Ophelias auf die Ebene der Rahmenhandlung,
wenn sie zu Conny sagt: «Dein Verdacht ist unbegründet» (Barcarole, 1003). Hier wird
aber auch auf die Figuren aus dem Binnendrama, Ophelia und Hamlet, und auf die Ebene
der Hypodiegese eingegangen, indem ein bekanntes wörtliches Zitat angeführt wird aus
dem (auf der fiktiven Bühne zu diesem Zeitpunkt noch nicht gespielten) dritten Akt von
Shakespeares Stück und indem Teile der Binnenhandlung hinter der Bühne nachgespielt
werden. Ophelias Blässe scheint auf den Tod der Figur in der Binnenhandlung vorauszudeuten.
Auch an anderen Stellen weichen die Darsteller hinter der Bühne von ihren eigentlichen Rollen ab und verwenden ausgewählte Zitate aus dem Binnenstück für die
Rahmenhandlung – was meistens eine komische Wirkung hat: Güldenstern beschwichtigt Conny alias Hamlet mit den Worten von Hamlets Mutter: «Wirf, guter Hamlet ab, die
nächt’ge Farbe, / Und laß dein Aug’ als Freund auf Dänmark ruhn!» (Barcarole, 1003;
vgl. Hamlet: I, 2. Auftritt, 272). Im Weiteren zitieren Rosenkranz und Güldenstern alternierend den Sprechtexts des Königs. Sie möchten damit Conny überreden, Stegreif zu
spielen: «Zeig’ einen Willen, der dem Himmel trotzt […]» usw. (Barcarole, 1003; vgl.
Hamlet: I, 2. Auftritt, 273 – dort: «zeigt» statt «zeig’»). Conny alias Hamlet antwortet Rosenkranz mit Hamlets eigener Replik: «Ich will Euch gern gehorchen, gute Mutter!»
(Barcarole, 1003; vgl. Hamlet: I, 2. Auftritt, 273) 127 – was komisch wirkt durch die weibliche Auslegung von Güldensterns Männerrolle. Im Binnenstück fassen nämlich die
Darsteller von Rosenkranz und Güldenstern ihre «Rollen […] homosexuell auf» (NebenIn der mir vorliegenden Ausgabe steht «gnäd’ge Frau» an Stelle von «gute Mutter» (vgl. Hamlet: I, 2.
Auftritt, 273). Goetz’ Variante wirkt jedoch komischer.
127
194
text, Barcarole, 992). Sie spielen sie hinter der Bühne in diesem Sinne weiter (ebd., 992f).
So sind auch ihre bewundernden Worte für den Hamlet-Darsteller zu deuten, den sie als
etwas effeminiert beschreiben:
ROSENKRANZ: Herrlich finden wir ihn!
GÜLDENSTERN: So männlich!
ROSENKRANZ: Und doch so zärtlich!
GÜLDENSTERN: Fast weiblich!
[…]
GÜLDENSTERN: Und wenn er «Stegreif» spielt! … Da finde ich ihn noch besser, als wenn er die
Verse irgendeines Shakespeare aufzusagen hat!
POLONIUS: «Irgendeines» ist gut!
(Barcarole, 993)
Es stellt sich heraus, dass sich Conny und Manfred hinter der Bühne damit amüsieren,
gegeneinander Stegreiftheater zu spielen: Kürzlich hat Conny (als Hamlet) dabei Manfred (als König) «16:5» geschlagen (ebd., 995). Dafür steht nun eine «Revanche» an
(ebd.). Obwohl sich Conny zuerst ziert, folgt die Improvisation sogleich: Die Stegreifbinnentheater in Die Barcarole stehen in engerem Zusammenhang mit der HamletThematik und der Binnenaufführung und werden deshalb im Anschluss besprochen
(siehe unten, Kap. 7.2.).
195
7.
Besondere Theatereinlagen: Eine Binnenhandlung als
Stegreiftheater
7.1.
Improvisierte Theatereinlagen
La rampe ! Mur de lumière dont nous avons la nostalgie… qui constitue le
quatrième côté du décor… qui nous aveugle et nous éclaire.
(Toâ: I, 274)
Als Spezialfall eines Theaters im Theater sollen in diesem Kapitel improvisierte Theatereinlagen behandelt werden. Die Stegreiftheatereinlagen aus dem Einakter Die Barcarole
von Goetz weisen beispielsweise solche als Improvisationen zu bezeichnende Passagen
auf. An dieser Stelle wird ebenfalls auf die Seifenblasen-Serie (1963) in ihrer Gesamtheit
genauer eingegangen und beispielsweise die vielschichtige Konstruktion dieser Trilogie
beleuchtet, zu welcher der Einakter Barcarole gehört. Auch dem Binnentheater von
Guitrys Toâ (1949) 1 verleiht die scheinbar unvorhergesehene Einmischung von Ecaterina in den Theaterablauf insgesamt einen improvisierten Charakter. Dieses experimentelle Stück, welches als Mise en abyme ebenfalls den Titel Toâ trägt, wird hier außerdem als
Spezialfall von Theater im Theater besprochen, weil darin auf besondere Weise mit den
verschiedenen Theaterebenen gespielt wird. Da es eine Theateraufführung beinhaltet,
hätte es thematisch auch in das Kapitel 6 gepasst, manche der in Kapitel 6.1.2. besprochenen Fälle Guitrys weisen bekanntlich zugleich einige Merkmale eines improvisierten
Theaters auf, etwa die Komödie Jean III oder auch On ne joue pas pour s’amuser. Als weitere
Stücke mit Stegreif-Charakter werden im vorliegenden Kapitel Der Lampenschirm (1911)2
von Goetz sowie You’re telling me (1939) 3 von Guitry besprochen, die eine paradoxe dramatische Form aufweisen. Diese beiden Komödien können genauer mit dem Begriff der
aporetischen Ipsoreflexion erfasst werden.
Als Improvisation bezeichnet man «eine spontane Darbietung, die nicht auf exakter vorheriger Fixierung, etwa einer schriftlich festgelegten Notation oder einem ausformulierten Text, basiert» (Eilert 2000, 140). Sie «wird meist mündlich und vor Publikum realisiert: Textproduktion und -rezeption erfolgen überwiegend in einer simultanen
Face-to-face-Kommunikationssituation […]» (Schulz 2003, 503). Auch wenn ein BinDatierung nach: Paratext, Toâ, 253. Es handelt sich bei dieser Komödie um die Neubearbeitung einer
1939 unter dem Titel Florence aufgeführten Komödie (uraufgeführt im théâtre de la Madeleine, Paris), vgl.
ebd., 257.
2 Das Stück wird datiert nach der Angabe der Entstehungszeit gemäß Paratext, Lampenschirm, 14. Bei
Knecht (1970, 216) fehlt die Datierung. Die Uraufführung fand erst 1925 statt, vgl. Verband Deutscher
Bühnen- und Medienverlage (2011): Curt Goetz. Der Lampenschirm. Kein Stück in drei Akten. [Onlinefassung]. URL: <http://www.theatertexte.de/data/s._fischer_verlag/1790201997/show> (22.05.2013).
3 Datierung nach: Paratext, You’re telling me, 23. Eine weitere Variante des gleichen Stücks (ebd., 23ff.)
wurde nicht in die Analyse miteinbezogen.
1
196
nenpublikum teilweise fehlt, spielen die hier vorgestellten Stegreifproduktionen alle vor
Zuschauern, nämlich vor dem echten Publikum.
7.2.
Eine improvisierte Binnenhandlung als intertextuelle Vermi-
schung von Dramenebenen
Die Merkmale einer Improvisation treffen auf die Stegreifeinlagen zu, die im Stück Die
Barcarole von Goetz vorkommen. Die erwähnten Voraussetzungen für ein Improvisationsstück erfüllte beispielsweise auch die Commedia dell’arte, bei der das Theaterstück einigen allgemeinen Vorgaben folgte, jedoch die «Details der Handlung wie der Figurenreden teilweise frei erfunden, zumindest aber abgewandelt oder neu kombiniert wurden»
(Eilert 2000, 140). Dies ist auch für die Stegreifeinlagen in Die Barcarole von Goetz der
Fall, die sich an den Vorgaben der Handlung bei Shakespeare orientieren, diese dann
aber scheinbar frei improvisieren und Hamlet-Zitate in die Stegreifdarbietungen einbauen. Diejenigen Schauspielerkollegen aus der Rahmenhandlung der Barcarole, welche
selber nicht Stegreif spielen, fungieren dabei als eine Art Binnenpublikum, während eigentliche Binnenzuschauer fehlen, da sich die Stegreifhandlung bekanntlich hinter der
Bühne abspielt. Jedoch ist eine Präzisierung in Hinblick auf die Definition einer Stegreiftheatereinlage notwendig: Es geht in den vorliegenden Stücken darum, diese Binnentheatereinlagen als spontane Improvisation unter Schauspielern erscheinen zu lassen – im
Gegensatz zu einer tatsächlichen Improvisation ist aber der Wortlaut der Steigreifdarbietungen in den besprochenen Stücken vom Autor als Teil des Dramentexts von vornherein festgelegt. Dies gilt auch für andere als improvisiert erscheinende Dramen, etwa für
Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor oder auch sein «Bühnenstück von 1930, Heute
abend wird aus dem Stegreif gespielt (‹Questa sera si recita a soggeto›)» (ebd., 141). Bereits
Tiecks Dramen weisen Beispiele einer solchen «fixierte[n] Improvisation» auf (ebd.).
Darunter fallen auch vermeintlich «‹spontane› Zuschauer-Aktionen[,] [die] bereits in den
Textfassungen vorgesehen» sind (ebd.). Im Kapitel 6.1.2. wurde bereits auf einige solche
Fälle hingewiesen, denn das Aus-der-Rolle-Fallen von Figuren während einer Aufführung verleiht dem entsprechenden Stück in der Regel einen improvisierten Charakter.
Stegreifeinlagen sind aber, genauso wie andere Theatereinlagen, als fiktionale Einlagen
zu betrachten, da sie sich auf eine erfundene Welt beziehen – wenn jemand aus der Rolle fällt, wird diese erfundene Welt scheinbar ‹spontan› und entgegen dem Bühnenmanuskript verändert. Genauso fiktional ist die (dabei dem Publikum oft als ‹echt› erscheinende) Rahmenhandlung.
197
Der Auftakt zum ersten Stegreiftheater bei Goetz erscheint verhältnismäßig banal. Die
spielerische Form ist hier ebenso wichtig wie der Inhalt. Für die Zuschauer dienen die
Anspielungen dazu, die Handlung von Hamlet als eines der Binnenstücke in der Barcarole
einerseits zu vergegenwärtigen, andererseits zu parodieren:
HAMLET:
Mein königlicher Ohm und Vater,
Laßt Euch die Warnung in die Ohren träufeln –
Wiewohl von «Ohrenträufeln» an diesem Hofe
In Eurer Gegenwart und Gedanken an den toten König
Noch nicht einmal g e f l ü s t e r t werden sollte! –4
Laßt, sage ich, es Euch zur Warnung dienen:
Man z w i n g t nicht Hamlet, Prinz von Dänemark,
Etwas zu tun, was grad zu tun er just nicht aufgelegt!
STIMMEN:
Oh ja …
Tu’s uns zulieb! …
So seid doch still! …
So seid doch still! …
Sie sind schon mitten drin! …
KÖNIG: Die Frage steht: es k n e i f t mein königlicher Sohn?
HAMLET mit einer Verbeugung:
Wenn es Euch so beliebt, mein Vater!
STIMMEN:
Nein, nein …!
Protest! …
Sei doch kein Spielverderber …
(Barcarole, 995f.; vgl. Hamlet: Hervorh. und Anm. zur intertextuellen Anspielung M.H.)
In der Szene geht es vor allem darum, dass Conny die Lust auf ein Stegreifduell zu fehlen scheint. Indem er genau diese Idee jedoch als Improvisation thematisiert und dabei
seine Bühnenrolle des Hamlet abwandelt, kommt paradoxerweise dennoch Stegreifdichtung zustande, also das, wofür er eigentlich «just nicht aufgelegt» ist (ebd.). Und genau
auf diesen Widerspruch weisen die Stimmen, wiederum in paargereimten Versen, hin
(vgl. ebd.). Als Conny (Hamlet) den Reim nicht mehr einhält, bezeichnen sie ihn als
«Spielverderber» (vgl. ebd.) – aber genau durch diesen unreinen Reim wird die PaarreimStruktur (knapp) wieder eingehalten. Der Ausdruck «Spiel» deutet außerdem auf den
Improvisations- und Spiel-Charakter des Stücks hin und macht gleichzeitig deutlich,
dass es sich hier um ein improvisiertes Theater im Theater handelt – mit teilweise aufälligem Bezug zur Rahmenhandlung.
In der kursiv gesetzten Passage des Stegreif-Theaters wird angespielt auf den Tod des alten Königs in
Shakespeares Hamlet, der seinem Sohn später als Geist erscheint. Der alte König ist dadurch gestorben,
dass ihm sein Bruder (der aktuelle Herrscher bzw. König) Gift in die Ohren geträufelt hat (vgl. die Rede des
Geists von Hamlets Vater, wo es heißt: «Und träufelt’ in den Eingang meines Ohrs/ Das schwärende Getränk; wovon die Wirkung/ So mit des Menschen Blut in Feindschaft steht» (Hamlet: I, 5. Auftritt, 287).
Durch die Tötung kommt Hamlets Oheim an die Macht und heiratet die Mutter Hamlets. Dieser will den
Mord mithilfe des Binnentheaters Die Ermordung Gonzagos aufdecken: Der König soll sich durch sein Verhalten verraten, wenn er das Theaterstück sieht, welches ein Verbrechen enthält, das mit seinem eigenen
identisch ist.
4
198
An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Goetz im Stück Barcarole das Publikum
die scheinbar hinter der Bühne ablaufenden Ereignisse sehen lässt – wozu die metatheatralen Stegreiftheatereinlagen der Schauspieler während der Pause gehören – während die
realen Zuschauer jedoch der scheinbar parallel zu diesem Ereignissen hinter der Bühne
ablaufenden eigentlichen Vorführung von Shakespeares Hamlet, auf die in der Stegreifdichtung thematisch Bezug genommen wird, nur ganz punktuell akustisch beiwohnen.
Die Pause findet nach dem Ende des 2. Aktes von Shakespeares Hamlet statt (vgl. ebd.,
991). Und die gezeigten Binnen-Stegreiftheaterdarbietungen hinter der Bühne knüpfen
thematisch an das Binnenstück aus Hamlet an, welches auf der Bühne (die der Zuschauer
nicht sieht) noch vor der Pause angekündigt und über Lautsprecher hinter der Bühne
mitgehört wird.
Das Stegreiftheater der Schauspieler hinter der Bühne wird von den Stimmen
weitergeführt mit dem unreinen Reimpaar still/drin5 (vgl. ebd.). Es enthält in der Folge
Paarreime, genauso wie das mouse-trap-Binnenstück aus Hamlet, in dem es um die Ermordung Gonzagos geht (vgl. Hamlet III: 2. Auftritt, 325ff.). In der ersten Improvisation der Barcarole-Schauspieler gilt es als eine Art Spielregel vor allem den Paarreim einzuhalten und damit außerdem möglichst gelungene Pointen und Effekte zu erzielen.
Die Rollen aus dem teilweise parallel zu den Ereignissen auf der Bühne ablaufenden Hamlet-Drama, welches zu diesem Zeitpunkt aber durch die Pause unterbrochen
ist, werden hinter der Bühne im ersten, eigentlichen Stegreif-Binnentheater von den
Schauspielern beibehalten. Der König und sein Sohn Hamlet treten in ihrer Rollenverkleidung auf und gleichzeitig treten Manfred und Conny, wie die Schauspieler-Figuren privat heißen, im Stegreifreimen gegeneinander an. In Die Ermordung Gonzagos – dem sogleich im Anschluss an die Pause auf der Bühne aufzuführenden Binnenstück aus
Shakespeares Hamlet – agieren ebenfalls zwei Personen, der König und die Königin (vgl.
Hamlet III: 2. Auftritt, 324ff.).
Inhaltlich geht es in Goetz’ Einakter darum, dass der König alias Manfred «Revanche [fordert] [f]ür die letzte Stegreifschlacht» (Barcarole, 995). Als er in einer Replik keinen Vers findet, unterbricht ihn Hamlet und liefert den passenden Reim, worüber sich
der König, stets noch im Rahmen des Stegreiftheaters, ärgert:
KÖNIG: wütend
Hier stehen die Getreuen meines Reichs:
Ich rufe euch zu Zeugen, wert und warme Brüder:
Dich Rosenkranz und lieber Güldenstern,
Was deren Unfähigkeit zu Reimen unterstreicht. Durch die verschärfte Unreinheit (ill/in) trifft ebenfalls
der Unterbegriff «Halbreim» zu, vgl. Fricke/Zymner 1996, 98 (Halbreim) sowie ebd., 101 (unreiner Reim).
5
199
Dich Güldenstern und lieber Rosenkranz,
Und dich, du alter Affenschwanz,
Der, glaube ich, Polonius heißt,
Und der in allerjüngster Zeit
Aus blöder Überheblichkeit
So gern auf seinen König sch…impft,
Ich rufe, sag’ ich, euch zu Zeugen,
Daß dieser Wicht mich unterbrach,
als ich noch fließend weitersprach!
(Barcarole, 996f.)
Hier verwendet der König auch derbes Vokabular, beispielsweise im komisch wirkenden
Fehlrein heißt/sch…impft (ebd.) Dies verdeutlicht einerseits seine Wut und lässt die Stegreiftheatereinlage insgesamt farcenhaft wirken. Der sprachliche Tabubruch kontrastiert
dabei mit der erhabenen Sprache des Hamlet-Dramas. Conny alias Hamlet kontert, indem
er gerade auf diesen Aspekt eingeht und die Redeweise seines Kontrahenten und allgemein die Sprache hinter der Bühne metatheatral kritisiert:
HAMLET:
War das die Sprache eines K ö n i g s?
Mein Stief- und Vater denket dran …
– Mehr Stiefel denn als Vater dann! –
Was neulich wurde kundgetan
Gezeichnet vom Herrn Intendant:
Es sei der Ton in den Kulissen
Betrüblich weit herabgeschlissen
(Barcarole, 997)
Die Aufmerksamkeit des Publikums wird explizit auf die Abweichung der Darbietung des
vermeintlichen Königs von der Sprache Shakespeares gelenkt. Dieser inadäquate Sprachgebrauch wirkt parodieren und rückt insbesondere Manfred alias den König in ein
schlechtes Licht. Conny beispielsweise verwendet einen weniger derben Wortschatz.
Andererseits wird auf diese Weise auch an die gattungstypische Sprache einer Farce angeknüpft, die traditionell derben Wortschatz aufweist.
Goetz macht für alle diese Stegreiftheatereinlagen (und die ganze Handlung hinter der Bühne) in der Regieanweisung folgende strikt einzuhaltende Vorgabe: «Dieses
Spiel unter Schauspielern kann und darf nur von Klassiker-Spielern klassisch geschauspielert werden, sonst geht’s ‹ins Ooge›» (Nebentext, ebd., 991). Nur dann, wenn es
Schauspieler sind, die beide Stilregister beherrschen, das klassisch-erhabene der Tragödie ebenso wie jenes des farcenhaften Stegreiftheaters, kann die von Goetz gewünschte
Wirkung gelingen.
Wovor Goetz hier im Nebentext gewarnt haben mag, wird am ehesten deutlich,
wenn man Die Barcarole mit den Hamlet-Dreharbeiten in Der Hahn im Korb (1920) vergleicht: Im zweitgenannten Stück handelt es sich gemäß Untertitel um einen Ulk, worin
die Komik vor allem darin besteht, dass die Figuren (insbesondere der Geist von Hamlets Vater) lächerlich und dilettantisch erscheinen, weil sie von den Schauspielern inadä200
quat dargestellt werden Genau dieser Eindruck darf in Die Barcarole nicht entstehen. Die
Gefahr, dass die Szene in eine Blödelei abdriftet, ist jedoch gerade auch wegen der Verwendung derben Wortschatzes vorhanden. Die Zuschauer sollen indessen den Eindruck
bekommen, dass es sich tatsächlich um professionelle Schauspieler handelt, die soeben
auf der Bühne noch überzeugend die Hamlet-Tragödie gespielt haben. Und die Komik
muss gerade durch den Kontrast der parodistischen Improvisationseinlagen mit dem eigentlichen Hamlet-Stück entstehen und in den Abweichungen der Rollen zu jenen in
Hamlet begründet sein.
Die Barcarole enthält noch eine zweite Stegreiftheatereinlage – diese wird ermöglicht, da sich die Pause nach dem zweiten Akt von Hamlet wegen einer TheatervorhangPanne unerwartet um etwa zehn Minuten verlängert (siehe Nebentext, Barcarole, 1002).
Diesmal soll mit eindeutigerem Bezug auf die Rahmenhandlung (das heißt, auf das Privatleben der Schauspielerfiguren) als Stegreifdarbietung «eine Ehetragödie» gespielt
werden, was im Haupttext, genauso wie die Rollenverteilung, metatheatral thematisiert
wird (Barcarole, 1004). Manfred alias der König übernimmt die Rolle des «Liebhaber[s]»
(ebd.), Conny alias Hamlet spielt den «Ehemann» (ebd.) und Ophelia erklärt sich dazu bereit, die «ungetreue Ehefrau» zu verkörpern (ebd.). Obwohl die Figuren darin zum Teil
ihre Rollennamen aus Hamlet behalten, weist dieses neue Stegreiftheater vorerst kaum
Parallelen zur Handlung von Hamlet auf. Es spiegelt vielmehr verfremdet die Gegebenheiten der Rahmenhandlung wider, die dem Publikum aber nur auf diese Weise vermittelt werden. Deshalb kann man bei diesen Einlagen von einer der Aufführungsnorm widersprechenden Vermischung der Dramenebenen im Sinne einer Metalepse ausgehen
(vgl. Klimek 2010, 80), zumal darin Rahmenhandlung und Improvisationstheater nicht
klar auseinanderzuhalten sind. Gleichzeitig wirkt diese Vermischung durch den Stegreifcharakter aber auch sehr stark als von den Schauspielern inszeniert – gerade durch das
Zeigen des Spiels hinter der Bühne – und dadurch insgesamt dennoch weniger paradox,
als wenn ein Schauspieler sich ganz mit einer Rolle in einer nicht improvisierten Binnenhandlung identifizieren würde. Die Stegreiftheatereinlage wird wiederum (wie Die
Ermordung Gonzagos) «in Versen» gespielt (Barcarole, 1004), was dem Publikum durch die
entsprechende metatheatrale Aussage auf der Bühne bewusst gemacht wird. Außerdem
soll die Improvisation «Gesang und Tanz» beinhalten (ebd.), was ebenfalls im Haupttext
thematisiert wird. Manfred (der König respektive Ehemann) spielt hier gleichzeitig einen
«Dichter» (ebd.), welcher das zweite Stegreifstück durch einen «Monolog» eröffnet
201
(ebd.).6 Durch diese Konstellation wird an das Vorspiel zu den Seifenblasen erinnert, in
dem auch eine Autorenfigur auftritt. Im Stegreiftheater handelt es sich hierbei indessen
um einen Poeten. Dass die Darbietung ein Stegreifstück darstellt, wird an dieser Stelle
auf (respektive hinter) der Bühne explizit angesprochen: «Der weitere Fortgang ist der
Improvisation der Akteure überlassen», gibt Polonius bekannt (ebd.).
Der Erste Totengräber (bzw. dessen Darsteller) kennzeichnet als «Märker» (ebd.)
im zweiten Stegreiftheater «schlechte oder anstößigeReim[e]», indem er in Ermangelung
einer Schreibtafel mit Laertes Schwert auf seine Schaufel einritzt. Dieses Kratzgeräusch
sorgt als Running Gag für Komik. Mit dieser Figur wird außerdem auf den «Merker» in
Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg angespielt (vgl. Meistersinger von Nürnberg:
II, 406 ff.). Der Reimwettstreit zwischen den Schauspielern bei Goetz entspricht gleichsam dem Wettsingen in Wagners Oper, außerdem weist dort die Gesangseinlage des
Merkers (David) freie Knittelverse auf, und als solche können auch die Verse des Königs im ersten Stegreiftheater bei Goetz verstanden werden (vgl. Zitat oben, Barcarole,
996). Dies kann zudem als Bezugnahme des Autors auf die Anfänge der Komödie7 gedeutet werden: Goetz erinnert mit dieser Anspielung an das Nürnberger Fastnachtsspiel,
welches dem Publikum durch Wagners Oper möglicherweise ein Begriff ist (wobei der
Einakter Barcarole zu Goetz’ Lebzeiten nicht aufgeführt wurde und deshalb vor allem ein
Lesepublikum erreicht haben mag).
Das zweite Stegreif-Binnentheater beginnt mit einem Faust-Zitat des Königs, welches ihm der Märker als Plagiat anlastet:
KÖNIG:
[…]
Da steh ich nun, ich armer Tor …
MÄRKER erzeugt mit Dolch und Schaufel ein misstönendes Geräusch: Ritsch!
KÖNIG: […]
Doch nein, das kam schon einmal vor! Er setzt sich.
Da sitz ich nun, ich armer Narr,
Und bin so klug, als wie ich war!
Und grüble hin und grüble her,
Und sinne kreuz und sinne quer,
Und hab ich’s zu Papier gebracht,
Seh ich: es war schon mal gedacht!
(Barcarole, 1005; vgl. Faust I: Nacht, 20)
Im Gegensatz zu einem intertextuellen Bezug wird das geflügelte Wort hier offensichtlich zitiert und damit zusammenhängend metatheatral die Schwierigkeit für einen
Ähnliche Prologe kommen bei Guitry vor, so beispielsweise in Toâ (1949) oder in Sa dernière volonté ou
l’optique du théâtre (1939), wo (an Stelle des Regisseurs) der echte Autor Guitry, der gleichzeitig den Schriftsteller in der Rahmenhandlung spielt, am Ende des ersten Aktes in einem Monolog das folgende Binnentheater ankündigt, dem zweiten Stück als Prolog dienend. Diese Technik wird ebenfalls in der Oper Hoffmanns Erzählungen angewandt.
7 Auf ähnliche Weise tut dies Guitry im Stück Deburau, siehe Kap. 6.2.1.
6
202
Schriftsteller angesprochen, der Forderung nach Originalität nachzukommen – ein Anspruch, der auch an das Unterhaltungstheater immer wieder gestellt wird. Als postmoderne Position kann die Feststellung des Königs alias Dichters verstanden werden, alles
sei «schon mal gedacht» worden (Barcarole 1005.).
Die weiteren Verse parodieren die Dichtkunst, die auch in Wagners zuvor erwähnter Oper ein Thema ist, was bei Goetz jedoch wiederum verwoben wird mit der
Liebesthematik der Rahmenhandlung. Die Geliebte des Poeten wird bei Goetz (nach
Dante) «Beatrice» genannt (ebd.).8 Passend evoziert Goetz im Stegreiftheater die SonettForm. Wenn er Hamlet sagen lässt: «Ich fürcht, ich stört euch grad beim Dichten» (ebd.,
1007), so verweist er damit intertextuell auf Mörikes Gedicht Zwei dichterischen Schwestern9,
bei dem die Sonett-Reime vom Leser zu ergänzen sind – wobei diese spielerische Form
an das hier gespielte Stegreifspiel erinnert. In Mörikes Gedicht kommt außerdem Petrarca anstelle des (bei Goetz im Stegreiftheater auftretenden und vom König gespielten)
Dante vor. Kurz darauf kommt Conny alias Hamlet wiederum mehrdeutig auf «die süßen
Nichten» (ebd.) aus dem Sonett von Mörike zu sprechen, mit denen er gedenke «in aller
Frühe rumzudichten» (ebd.), was der sächselnde Märker alias erste Totengräber als
«[u]nanschdänch» taxiert (ebd.).
Als Beatrice tritt im Stegreiftheater die Darstellerin von Ophelia auf (ebd., 1006),
über die einmal ausgesagt wird, ihr Name sei «nicht Leonore»10 (ebd., 1008). Die eigentliche Dreiecksbeziehung wird anschließend thematisiert (ebd., 1008-1010). Der eifersüchtige Ehemann (Hamlet) zieht einen Revolver, er macht dem Dichter alias König dessen Verhältnis zu Ophelia zum Vorwurf. Dieser verrät sich (sozusagen in Bezug auf die
Binnen- und Rahmenhandlungen) und gibt sein Verhältnis zu. Er wird darum im inter-
Die Bezugnahme auf das Paar Dante und Beatrice findet sich auch in Guitrys Stück Jean III, vgl. unten
Kap.6.1.2.
9 Mörike: Zwei dichterischen Schwestern von ihrem Oheim (entstanden 1827, Ausgabe 1867).
10 Dies kann als intertextuelle Anspielung auf die Figur der Leonore gelesen werden, die auch in der Oper
Hoffmanns Erzählungen explizit erwähnt wird und auf welche Goetz’ Einakter Bezug nimmt (siehe Kap.
8.5.). Es werden in Offenbachs Oper verschiedene Liebespaare erwähnt, nämlich Wilhelm und Leonore,
Herrmann und Gretchen sowie Nathanael und Fausta (vgl. Hoffmanns Erzählungen: Vorspiel, 11.) Die
Erwähnung des Namens Leonore kann aber auch als Anspielung auf die Figur Leonora bei Pirandello gelesen werden, die im Stück Questa sera si recita a soggetto (‹Heute abend wird aus dem Stegreif gespielt›) vorkommt,
uraufgeführt im Jahre 1929 – Pirandellos Stück weist, genauso wie Die Barcarole Opernbezüge auf. Beispielsweise spielt es auf Il Trovatore von Verdi an, worin die Figur der Leonora vorkommt. Bei Pirandello
tritt genauer eine Figur des Rahmenstückes, «Totina als Leonora», auf (vgl. Schöpflin 1993, 565). Es ist
denkbar, dass Goetz mit seiner Einakter-Seifenblasen-Trilogie Bezug auf Pirandellos Trilogie des Theaters
im Theater nimmt, wie er bereits in seiner Erstfassung von Hokuspokus auf Pirandello verweist. In diesem
Zusammenhang fällt auch auf, dass Goetz in den Einakter mehrere Andeutungen einbaut, die in einem
Zusammenhang mit Italien stehen, etwa Venedig (Die Barcarole), Elemente aus Hoffmanns Erzählungen) oder
auch Dante und Beatrice. Explizit wird Pirandello hier als Vorbild jedoch nicht genannt, anders, als es
Goetz in Hokuspokus getan hat.
8
203
nen Spiel von Hamlet erschossen. Hamlet zieht sich daraufhin die Kleider des Dichters
an11 und erwartet so die Ehefrau.
Anschließend geht das Stegreiftheater in wilden Gesang und Tanz über (Barcarole, 1011). Laertes spielt auf dem Flügel eine Melodie – es handelt sich in diesem dritten Teil um den «musikalischen Teil der Improvisation» (Nebentext, ebd., 1010). Erwähnt
wird im Binnenstück mehrmals Hänsel und Gretel (ebd., 1010f.). 12 Musikalisch zitiert und
gesungen wird «Brüderchen, komm tanz mit mir» (ebd., 1011; Hervorh. M.H.) – dieses heute
allgemein bekannte Kinderlied stammt ursprünglich aus einem Musical – eben aus
Humperdincks Musik-Märchentheater Hänsel und Gretel, auf das hier angespielt wird (vgl.
Hänsel und Gretel: 1, 18).
Auf komische Weise wird in Ophelias Stegreifauftritt – durch die Worte: «Ach,
das war ein schlimmes Ding,/ Wie es Hans und Gretel ging» (ebd., 1011) – der Stoff
von Hänsel und Gretel mit Max und Moritz vermischt. Das gleiche gilt für Ophelias Aussage: «Ich wehe, wehe, wehe, wehe» (ebd.) – gefolgt von Hamlets Replik «Wenn ich an das
Ende sehe» (ebd.), was wiederum ein – inhaltlich verfremdetes – intertextuelles Zitat aus
Wilhelm Buschs Kinderbuch Max und Moritz darstellt.
Nach der musikalischen Improvisation wird das Stegreif-Liebesdrama fortgesetzt: Als Ophelia den verkleideten Hamlet (Conny) küsst, den sie in der Rolle als Ehefrau für ihren Geliebten hält, drückt er «ihr die Kehle zu» (Nebentext, Barcarole, 1012).
Anschließend schlägt er «sie mit dem Hinterkopf auf die Bretter» (ebd.). Hamlet, der sich
hier wie ein Irrer verhält, bezeichnet Ophelia außerdem als «blasse Puppe» (ebd.). Dies
lässt wiederum auch an die Oper Hoffmanns Erzählungen denken, insbesondere an die Figur des Hoffmann (oder an den verrückt gewordenen Nathanael in der ihr zugrundeliegenden Erzählung).13 Laertes hält einen Epilog, der das Ende des Stegreifstücks anzeigt,
und worin er ankündigt: «Es fällt der Vorhang, wie es Brauch» (ebd.). Nachdem die fiktionale Einlage hinter der Bühne explizit als solche thematisiert worden ist, beklatscht
das aus den Schauspielern bestehende Binnenpublikum das Stegreifspiel (ebd., 1013) –
wobei der Vorhang im Stegreifspiel gerade nicht fällt respektive immer noch eine Panne
hat.
Die im Binnendrama erwürgte Ophelia – welche mit richtigem Namen Betty
heißt, wie wir nun erfahren – liegt immer noch auf dem Boden. Dies beunruhigt die anAuf ähnliche Weise verkleidet sich Leporello in Mozarts Oper als Don Giovanni
Solche Märchenbezüge erinnern auch an Tiecks metatheatrale Märchenkomödie Der gestiefelte Kater. Auf
Goetz’ Beeinflussung durch Tieck verweist auch Knecht (1970, 168).
13 In der Rahmenhandlung vertritt Manfred (der König) im Gegensatz zu Conny (Hamlet) eine rationalere
Position (vgl. Barcarole, 998, siehe unten, Kap. 8.5.).
11
12
204
deren Schauspieler. Auch das echte Publikum wird dadurch bezüglich des «ontologischen Status der Bühnengeschehnisse verunsichert» (Schöpflin 1993, 422): Durch die
Parallelen zwischen Rahmen- und Binnenhandlung ist ein Mord ebenfalls auf der Ebene
der Rahmenhandlung denkbar geworden. Diese Annahme wird gestützt durch Hamlets
Worte: «Ich sagte euch doch, ich sei nicht in der Laune heute! … […] … Wußtet ihr
nicht, daß sie meine Geliebte war?» (Barcarole, 1013). Im Stegreifspiel hatte er hingegen
die Rolle des Ehemannes gespielt, dort war Manfred der Geliebte (vgl. ebd., 1004).
Durch die vorhergehenden Verweise auf unheimliche Vorkommnisse im Zusammenhang mit der Oper Hoffmanns Erzählungen und durch das Spielen der unheilbringenden Barcarole-Melodie ist das Publikum darauf vorbereitet, dass etwas geschehen
könnte. Hamlet verweist explizit auf die Gondelmelodie: «Die Barcarole mußtet ihr spielen!» (ebd., 1013).
Anschließend werden die Schauspieler zum Weiterspielen in der Hamlet-Tragödie
auf der Bühne aufgerufen, denn die Panne mit dem Vorhang, ein «Kurzschluß», ist behoben (Nebentext, ebd.). Die Morde hinter der Bühne erweisen sich als von Conny inszeniert, denn Betty und Manfred stehen wieder auf, als die anderen bereits abgegangen
sind.14 Wäre es ein ‹echter› Mord gewesen wäre, also einer mit tatsächlichen Auswirkungen auf die Rahmenhandlung, hätten wir es mit einer Metalepse zu tun gehabt, da die
Tötung im Rahmen eines Binnendramas geschehen wäre. Hier wird die Metalepse jedoch nicht vollzogen, was für Goetz’ Tendenz spricht, Ungereimtheiten im Theaterstück zuerst anzudeuten, aber am Ende aufzulösen (dies im Gegensatz zu beispielsweise
Pirandello in Sechs Personen suchen einen Autor).
Die beiden Schauspieler sprechen, als eine Art Epilog, in Reimen weiter, ihre
Aussagen können also zumindest formal immer noch als Stegreiftheater kategorisiert
werden (vgl. Barcarole, 1014): Betty alias Ophelia äußert folgende Worte: «Das ist der
Fluch vom Reimespiel: / Man reimt, wenn man schon nicht mehr will» (ebd.). – Mit
dem «Fluch» wird das Unheimliche nochmals angesprochen (ebd.).
Die Stegreiftheaterdarbietungen illustrieren Connys und Manfreds Rivalität:
Conny (alias Hamlet) rächt sich dadurch an seinem Gegenspieler, der ebenfalls um Betty
(Ophelia) wirbt. Außerdem bezweckt insbesondere das zweite Stegreiftheater, die Treue
der Geliebten zu prüfen. Dies stellt eine Parallele zu Hamlet dar, wo die Binnentheatereinlage ebenfalls der «Prüfung» dient (vgl. Art. Blutrache, Frenzel 1976, 73). Bei Shake-
Dieser inszenierte Mord hat eine Entsprechung im Nachspiel zu den Seifenblasen, wo er sich als genauso
gestellt erweist wie im internen Spiel der Barcarole.
14
205
speare geht es indessen um das Beweisen der Schuld des Königs am Tod von Hamlets
Vater. Das Erschießen des Königs (respektive Manfreds als Dichter) in Goetz’ Binnenspiel stellt ebenfalls eine Parallele zur Hamlet-Tragödie dar. Goetz variiert jedoch die
Todesarten: Bei Shakespeare ersticht Hamlet den König anstatt ihn zu erschießen wie
bei (Nebentext, Barcarole, 1010; vgl. Hamlet: V, 2. Auftritt, 384). Ophelia wählt bei
Shakespeare den Freitod und die Königin stirbt vergiftet (vgl. Hamlet: V, 1. Auftritt,
372).15 Betty, welche die Rolle der Ophelia verkörpert, aber (durch ihre angedeutete
Doppelrolle) auch mit der Königin verglichen wird, wird bei Goetz von Hamlet erwürgt
und niedergeschlagen (vgl. ebd., 1012).
Zusätzlich verläuft die Rivalität von Manfred und Conny analog zu Hoffmanns
und Schlemihls Nebenbuhlerschaft um Giulietta im zweiten Akt der Oper Hoffmanns
Erzählungen. Während bei Goetz der Dichter (dargestellt von Manfred) erschossen wird,
siegt in der Oper jedoch Hoffmann (die Autorenfigur) mit dem Degen des Dappertutto
und Schlemihl wird im Duell getötet. (vgl. Zentner 1978, 301).
Das Stegreifduell endet bei Goetz, nach Aussage des Märkers, auf der Ebene der
Binnenhandlung mit einem «Unentschieden» (Barcarole, 1013). In der Rahmenhandlung
entscheidet sich Betty alias Ophelia allerdings für Conny alias Hamlet, wie aus dem
Schluss der Barcarole hervorgeht (vgl. ebd., 1014). Dass es sich zuvor um eine regelrechte
Prügelei gehandelt haben muss, wird klar, da Betty und Manfred am Ende «humpelnd
ab[gehen]» (Nebentext, ebd.) – die Folgen des Stegreiftheaters sind also auch in der Dramenwirklichkeit spürbar – aber dies scheint hier nicht paradox, da dies im Falle eines
echten Theaterstücks auch geschehen kann. Das Spiel mit den verschiedenen Gattungen
in Die Barcarole geht noch weiter – Um Opernbezüge im Stück geht es im Kapitel, das
dem Musiktheater im Theater gewidmet ist (siehe Kap. 8.5.).
Das Thema des Todes wird auch angesprochen in Stoppards Stück «‹Rosencrantz and Guildenstern Are
Dead› (1966)» (Schöpflin 1993, 500; kursive Hervorh. M.M.). Darin setzt sich Stoppard, ähnlich wie Goetz
in Die Barcarole, im Rahmen eines Theaters im Theater mit dem Hamlet-Stoff auseinander, jedoch mit anderen Akzentsetzungen (siehe Schöpflin 1993, 500-510; zur Diskussion des Sterbens und der Todesarten
auf der Bühne siehe ebd., 509f.). Bei Stoppard herrscht bezüglich der Todesszene ein weniger humoristischer Ton vor und die Diskrepanz zwischen Spiel und Leben wird akzentuiert (vgl. Schöpflin 1993, 509).
15
206
Bei Toâ (1949) von Guitry handelt es sich um die Neubearbeitung eines Stücks mit dem
Titel Florence (1939). Für die vorliegende Untersuchung wird nur diejenige neue Fassung
berücksichtigt, die länger und vielschichtiger ist, wie Kowzan betont: «L’intrigue en est
plus complexe et le côté métathéâtral plus développé» (Kowzan 1991, 240).
Inhaltlich handelt es sich bei Toâ einerseits um eine typische Boulevardkomödie.
Diese Gattungsmerkmale sind hier jedoch kombiniert mit vielseitigen Techniken des
Theaters im Theater. Kowzan weist auf den Bezug zum Pirandellismo hin: «Sacha Guitry ne se contente pas d’y exploiter à fond le procédé de théâtre dans le théâtre, il y met
une légère touche de pirandellisme» (Kowzan 1991, 239). Obwohl die beiden Stücke inhaltlich nur wenige Parallelen aufweisen, ist Toâ dennoch in gewissen Zügen Goetz’ Hokuspokus ähnlich. Von Letzterem heißt es ebenso, Goetz sei mit diesem Stück «einen
Schritt weiter auf Pirandello und den Surrealismus zu[gegangen]» (Ruppel 1996, 588).
(Zu Hokuspokus, vgl. unten, Kap. 10.1.6. und 10.2.)
Im ersten Akt der Rahmenhandlung beginnt ein Schauspieler und zugleich Komödienautor namens Michel Desnoyers ein neues Stück zu schreiben. Dieses soll von
der Trennungsgeschichte mit seiner Exfreundin Ecaterina inspiriert sein. Letztere hat
ihn gerade verlassen in der Annahme, er habe eine neue Geliebte. Dadurch, dass hier die
Entstehungsgeschichte des Stücks in Szene gesetzt wird, ähnelt dieser erste Akt einem
Vorspiel. Da es sich bei Michel jedoch um einen Auteur-acteur handelt, tritt er später
auch in der Binnenhandlung auf. Den Inhalt des neuen Stücks fasst der Autor wie folgt
zusammen: «Au premier acte : la rencontre… telle qu’elle s’est produite, ici même, il y a
six mois… […] Son entrée… et sa déclaration d’amour immédiatement» (Toâ: I, 272).
Über die nächsten Akte berichtet der fiktive Schriftsteller: «Au deux: le drame – le
drame, enfin: la comédie – et au trois: son départ, après vingt-quatre heures d’une colère
dont elle ne dira pas la cause» (ebd., 273).
Die Binnenhandlung ist zu diesem Zeitpunkt erst im Entstehen begriffen und
noch nicht definitiv festgelegt. So erwähnt Michel noch eine weitere Möglichkeit für den
zweiten Akt: «Ou bien alors, au deux: le drame de son départ… et au trois: son retour»
(ebd., 274). Das Bühnenbild wünscht er sich wie folgt: «La reproduction fidèle de mon
cabinet de travail. Chaque chose étant exactement reproduite: les tableaux, les livres, la
boiserie, les objets d’art… » (ebd.). Diese Idee kommentiert Michel anschließend mit
den Worten «Rien n’est trop beau pour le théâtre» (ebd.). Dieser Aussage des fiktiven
Autors hätte Guitry sicherlich zugestimmt. Der «Bühnenraum im Boulevardtheater sollte […] weder karg noch ärmlich ausgestattet sein, sondern als ein Beispiel für gelungene
207
Innenarchitektur erscheinen», wie Huber betont (1985, 252). Er hebt auch die Wichtigkeit von «Detailgenauigkeit und Komplettheit der Ausstattung» hervor (ebd.). Bei Guitry
kommt noch das persönliche Interesse für Kunst hinzu, welches er mit Vorliebe auch
auf der Bühne offenbart.
Im zweiten Akt wird das eigentliche Binnentheater in aufgeführter Form gezeigt.
Dabei handelt es sich offensichtlich um das Stück, welches der Autor im ersten Akt
entworfen hat. Das Binnenstück, geschrieben von Michel Desnoyers, wird im NouveauThéâtre aufgeführt, also in demselben Theatergebäude, in dem damals Guitrys Komödie
Toâ gespielt wurde (vgl. Kowzan 1991, 240). Die Zuschauer der Rahmenhandlung fungieren zugleich als Publikum des Theaters im Theater, dessen Rolle sie übernehmen.16
Vor der Aufführung der Theatereinlage werden im Saal Programme für das Stück Toâ,
«la comédie nouvelle en trois actes de Michel Desnoyers» verkauft (Toâ: II, 276).
Dadurch wird die Mise-en-abyme-Konstellation verstärkt wahrnehmbar. Wahrscheinlich
hat Pirandellos Stück Ciascuno a suo modo (1924) Guitry besonders in dieser ersten Szene
inspiriert, wobei bei Pirandello anstelle eines Programms zum Stück «ein Extrablatt verteilt» wird (Schöpflin 1993, 536).
Die Binnenhandlung beginnt mit einer «annonce» durch Michel (Toâ: II, 276),
also mit einem Prolog, von dem man vorerst nicht weiß, ob er Teil der Rahmen- oder
der Binnenhandlung ist. Er habe vor zehn Minuten in einem Brief, der ihm überbracht
worden sei, eine Morddrohung erhalten, verkündet der Schauspieler: Eine Zuschauerin
wolle ihn im Verlauf der Aufführung töten.17 Michel bittet die Drohende, sie solle dieses
Vorhaben in den ersten Szenen ausführen, in denen er allein auf der Bühne sei. 18 Mit eiVgl. Schmeling 1977, 232, Anm. 23 (zu 186).
Auf ähnliche Weise, wenn auch nicht wie hier im Rahmen eines eigentlichen Theaters im Theater, bekommt der Staatsanwalt in Goetz’ Stück Hokuspokus eine Morddrohung. Möglicherweise ist auch diese bei
Goetz von Pirandello inspiriert, da er im Vorspiel zu Hokuspokus explizit auf Pirandello Bezug nimmt.
18 Bei Pirandello geht es in Ciascuno a suo modo um den «Selbstmord eines renommierten ortsansässigen
Künstlers» (Plocher 1995, 101) – dieses Stück hat wahrscheinlich Guitrys Toâ teilweise inspiriert. Laut
Plocher ist der Selbstmörder in Pirandellos Stück «mit einer berühmten Schauspielerin verlobt» gewesen
(ebd.). Nachdem der Geliebte letztere «mit einem anderen Mann» ertappt habe (ebd.), habe er «die Waffe
gegen sich selbst gerichtet und sich umgebracht …» (ebd.), fasst Plocher zusammen. Dies wird nun aber
dem Theaterbesucher gegenüber vor der Aufführung als vermeintliche Wirklichkeit ausgegeben – eine
entsprechende Schlagzeile kann der Theaterbesucher der Zeitung entnehmen, die im Saal verkauft wird
(vgl. ebd.). Hier merkt man bereits, dass die Handlung bei Guitry einige Parallelen aufweist. Das Publikum
erfährt, aus aktuellem Anlass werde an besagtem Abend die Geschichte rund um den Selbstmord des
Prominenten «als Melodram auf die Bühne» gebracht (ebd.). Zur weiteren Verwirrung des Theaterbesuchers, der Pirandellos Stück beiwohnt, ist auch die berühmte Bühnenkünstlerin, die in den Selbstmord involviert gewesen ist, im Theatersaal präsent, und zwar hat sie sich unter das Publikum gemischt: Sie befindet sich «in einer Ecke des Foyers, umringt von einem Schwarm junger Herren […], blaß, aufgelöst,
den Tränen nahe, doch offensichtlich wild entschlossen, der Aufführung beizuwohnen.» (ebd.) Sie verspricht auch, keinen Skandal zu provozieren. Dann nimmt das Publikum wahr, wie auch ihr Geliebter,
«der Baron […] durch die Schwingtüren hereineilt» (ebd., 102), auch er mischt sich unter das Publikum
(vgl. ebd.). (Bei der Zusammenfassung handelt es sich teilweise um die wörtliche Übersetzung des italieni16
17
208
nem Blick auf das Publikum fragt er «Vous n’êtes pas dans la salle, madame, n’est-ce
pas?» (Toâ: II, 277). Das Sprechen ad spectatores erzielt den Effekt, dass die echten Zuschauer sich als Teil der Rahmenhandlung fühlen, also das Gefühl haben, auf der gleichen dramatischen Ebene zu sein wie Michel, der Schauspieler – die Ebenen der Fiktion
und der Zuschauer-Wirklichkeit sind nicht mehr klar unterscheidbar, da sich «diese
Grenze quer durch den realen Zuschauerraum» zieht (Klimek 2010, 88).
Auf Michels Anrede hin macht sich im Zuschauerraum eine Dame bemerkbar:
Es handelt sich um Ecaterina, welche im Publikum sitzt, und zwar in der ‹3. Reihe Parkett in der Mitte› (Nebentext, Toâ: II, 277).19 Weil diese Figur jedoch in der Rahmenhandlung nicht aufgetreten ist, kann das echte Publikum einen Moment glauben, dass es sich
um eine echte Zuschauerin handelt. Tatsächlich an die Echtheit der Morddrohung glauben, wird das Publikum jedoch nicht, da Guitry von Anfang an nicht als Privatperson,
sondern in seiner Rolle auftritt – im Stück heißt er bekanntlich Michel Desnoyers. Es
handelt sich dennoch um den Fall einer Mise en abyme, bei dem den Zuschauern scheinbar der sichere Boden unter den Füßen weggezogen wird. Michel fragt die Dame, ob es
ihr mit der Morddrohung ernst sei (Toâ: II, 277) – «Eh bien, alors, faites-le, madame…
et finissons-en», meint er (ebd.). Die Tatsache, dass er die Dame siezt, wirkt auf das
Publikum irreführend: Es scheint sich bei der Mörderin um eine für ihn Unbekannte zu
handeln. Diese entgegnet Michel, ihn ebenfalls siezend:
Non… je le ferai quand j’en aurai envie… tout à l’heure… je verrai. En tout cas je vous préviens que puisque vous m’avez adressé la parole, je ne le ferai certainement pas avant de vous
avoir dit tout haut ce que je pense de vous.
(Toâ: II, 278)
Nach und nach entpuppt sich Ecaterina durch ihre Aussagen für das Publikum erkennbar als Michels ehemalige Geliebte und dem äußeren Spiel zugehörig. Einen Hinweis,
dass Ecaterina nicht zur Schauspieltruppe (also zum Binnenstück) gehören kann, gibt
die Rahmenhandlung, in der es heißt, sie sei nicht mit Michel auf der Bühne aufgetreten
(siehe Toâ: I, 273). Und vor dem Publikum behauptet Ecaterina, Michel immer noch
siezend: «[J]e crois savoir que cette pièce que nous allons entendre a été faite avec notre
schen Dramentextes durch Plocher.) Im Original lautet die Passage im Nebentext: «Gli spettatori che entreranno nel teatro […] vedranno l’attrice di cui il giornale ha dato le iniziali A.M., cioè Amelia Moreno là
in persona, fra tre signori in smoking, che invano cercheranno di persuaderla a rinunziare al proposito di
entrare nel teatro ad assistere allo spettacolo; vorrebbero portarla via; la pregano d’esser buona e togliersi
almeno dalla vista di tanti che potrebbero riconoscerla […] vuol fare uno scandalo? Ma lei, pallida, convulsa, fa segno di no, di no; vuol restare, vedere la commedia» (Nebentext, Ciascuno a suo modo: premessa,
120f.). Ihr Geliebter, der Baron, sagt, als er sich unter das Publikum mischt: «Sono infine un spettatore
come gli altri.» (ebd., 121).
19 Dasselbe Motiv des vermeintlichen Mörders, welcher seine Absicht bekannt macht und sich selber zu
erkennen gibt, kommt in Hokuspokus vor. In beiden Stücken wird die angekündigte Tat nicht ausgeführt.
209
aventure… » (Toâ : II, 278). Sie wirft Michel vor: «[V]ous ne pouvez rien garder pour
vous de ce qui vous arrive» (ebd., 280). Ecaterina greift ein Vorurteil auf, das auch Guitry gegenüber bestanden hat, als sie dem fiktiven Autor vorwirft «[E]t comme le public
de son côté n’ignore pas que les auteurs dramatiques racontent leur vie privée dans leurs
pièces… » (ebd., 278).
Der Stücktitel spielt nicht zuletzt auch damit, dass Ecaterina, die anfangs gesiezt
wird, Toâ (=toi) auf sich selbst bezieht. Der Titel wird von Michel auf der Bühne
scherzhaft so erklärt: «Toâ est le nom d’un petit village qui se trouve situé à cinquantetrois kilomètres de Nagasaki, au Japon… et c’est là que nous nous trouvons au dernier
acte de ma pièce» (Toâ: III, 304) – die Erklärung ist ähnlich absurd und ausgefallen wie
jene zur Titelwahl von «Das Kleisterälchen» im Vorspiel zu Hokuspokus (1927), siehe
Kap. 10.2.).20
Durch Ecaterinas Intervention verzögert sich der Beginn der eigentlichen Binnenhandlung. Auch diese wird mehrmals von Ecaterina unterbrochen, welche sich
durch den Text anvisiert glaubt. Sie charakterisiert sich durch ihre Unfähigkeit, zwischen
dem Stück und der Wirklichkeit unterscheiden zu können. Indem sie Michel, der Jean
spielt, wiederholt mit seinem wirklichen Namen anspricht, durchbricht sie die theatrale
Illusion des Binnenstücks. Die Dame siezt Michel indessen weiterhin und er sie auch,
wodurch der Zweifel bezüglich ihrer Identität beim Publikum vorerst bestehen bleibt.
Das Bühnenbild des Theaters im Theater ist (gemäß dem Wunsch des Autors Michel)
identisch mit jenem im ersten Akt der Rahmenhandlung.
Indem er Ecaterina als Zuschauerin die Binnenkomödie kommentieren lässt,
hinterfragt und parodiert Guitry sein eigenes Theater beziehungsweise nimmt mögliche
Kritikpunkte vorweg. Ecaterina unterbricht die Bühnenhandlung und deckt etwa
Guitrys respektive Michels typische Theatertechniken auf, beispielsweise seine Verwendung des Telefons:
Ecaterina : Ah ! Le téléphone !… Il y avait longtemps !!! Voilà le principal personnage des comédies de Monsieur ! Il l’adore, son téléphone… d’abord, il peut parler tout seul interminablement… et, en plus, ça lui économise un acteur ! Non, mais sérieusement, je me demande
comment on faisait les pièces autrefois, quand il n’y avait pas le téléphone.
(Toâ : II, 282)
20 Dass Ecaterina nicht an diese Erklärung glaubt, wird durch ihre Aussage «assieds-toâ» in der folgenden
Replik angezeigt (Toâ: III, 304). Eine analoge Schreibweise findet sich in einem Stück von Achard mit
dem Titel «Voulez-vous jouer avec moâ? (1923)» (Corvin 1989, 66; Hervorh. M.H.). Guitry selber wurde wegen seinem Hang zur Selbstdarstellung der eher böswillige Übername «Monsieur MOA» verliehen (Simsolo 1988, 10).
210
Das Telefon ist im Film und auf der Bühne ein beliebtes Requisit von Guitry, worauf
Simsolo mehrmals hinweist (vgl. Simsolo 1988, 112/122).21 Am Telefon kündigt Jean
(gespielt von Michel) seinem Freund Gaston an, seine Geliebte habe ihn vor mehreren
Monaten verlassen. Er erwähnt eine neue Bekanntschaft:
Michel : On se console de tout, mon vieux… heureusement d’ailleurs.
Ecaterina : Et avec qui t’en es-tu consolé ? Dis-le ?
Michel : Avec un être délicat, sensible, attentionné…
Ecaterina : Oh !!! J’aimerais bien la voir, celle-là !
Michel : J’aurais tant de plaisir moi-même à te la montrer.
Ecaterina : C’est toujours agréable d’entendre ça !
Michel : Mais, madame, ce n’est pas à vous que je parle !
Ecaterina : Non … mais c’est moi qui te réponds !
Michel : C’est justement ce qui est intolérable, laissez-nous parler ce monsieur et moi.
Ecaterina : Quel monsieur ?
Michel : Celui qui est à l’appareil.
Ecaterina : Alors, c’est un vrai téléphone ?
Michel : Mais non, madame… je dis ça pour essayer de reprendre la pièce… mais je
vous avoue franchement que je ne sais plus où j’en suis !
Ecaterina : Ah ! Tu l’avoues, Michel ! Oui, elle se confond trop, ta pièce avec la réalité…
et tu dois commencer à t’en rendre compte.
(Toâ : II, 284; Hervorh. der Rahmenhandlung; M.H.)
Das Telefonat wird durch Ecaterinas Interventionen unterbrochen, was den Verlauf der
Binnenhandlung stört und im Sinne einer Stegreifhandlung verändert. Ecaterinas Intervention ist als Metalepse zu klassieren, da sie sich auf der Ebene der Rahmenhandlung
befindet und verbal in die Binnenhandlung eingreift. Ecaterina verhält sich so, als rede
Michel mit ihr, dabei spricht er mit dem fiktiven Zuhörer am anderen Ende der Leitung
– dieser Effekt kommt dadurch zustande, dass am Telefon nur einer der Sprecher hörbar ist und sich Ecaterina in den Sprechpausen einschaltet. Auf diese Weise vermischen
sich die Rahmen- und die Binnenhandlung unlogisch, wobei letztere für die Zuschauer
als Fiktion erkennbar gemacht wird, zumal Michel wegen Ecaterina mehrmals aus der
Rolle fällt (vgl. ebd.). Ecaterina beginnt Michel alias Jean zu duzen und stellt dadurch die
Existenz der fiktionalen Figur, die er verkörpert, in Frage. Sie setzt Jean mit der Privatperson (Michel) gleich, als die er in der Rahmenhandlung wirkt. Dass Ecaterina Wirklichkeit und Fiktion nicht auseinanderhalten kann, zeigt auch der Moment, in dem nach
der Echtheit des Telefons fragt. – hier handelt es sich um eine Metalepse, die zeigt, dass
für Ecaterina beide Ebenen gleich ‹real› bzw. ununterscheidbar geworden sind. Komisch
wirkt die zitierte Passage außerdem dadurch, dass Michels Antworten zu den eingeworfenen Fragen von Ecaterina passen – wobei sich die Frage stellt, inwiefern der Schau-
Guitry thematisiert, ebenfalls in Toâ, den Unterschied zwischen dem Telefon im echten Leben und dem
Telefon auf der Bühne. Im Bezug auf das echte Leben sagt Michel: «Ça va moins vite qu’en scène, ici. Làbas j’ai qui je veux, quand je veux… et je ne suis appelé que si je le désire» (Toâ: IV, 311). Die Komik besteht darin, dass Michel diese Aussage auf der Bühne macht und die Zuschauer wissen, dass auch seine
Bühnen-‹Wirklichkeit› fiktional ist.
21
211
spieler dem ‹ursprünglichen› Binnendramentext folgt respektive ab wann er diesen aufgrund der Störung verändert.
Als darauf Michels echte Kammerzofe Maria im Rahmen des Binnenstücks in
der Rolle der Dienerin auftritt, spricht Ecaterina diese ebenfalls an. Dadurch vergisst
auch Maria als Darstellerin ihre Rolle, was sich in ihrer Syntax niederschlägt: «C’est que
j’aimais bien Madame, monsieur, moi. Madame était si bonne, si gentille.» (Toâ: II, 285).
Von Simsolo stammt die folgende, treffende Rollenbeschreibung von Ecaterina:
La perturbatrice sert de révélateur. Elle dénonce les systèmes et les tricheries qui président aux
spectacles de Sacha. […] Elle s’adresse à la bonne qui joue son propre rôle et désigne toutes les
ficelles dont il use : le téléphone, le monologue, la suffisance, les soupirs, les masques, les pirouettes de langage et les effets de séduction. Par cette accumulation d’accusations, elle permet
à Guitry de se mettre en dérision autant que le double que la presse lui a inventé.
(Simsolo 1988, 122)
Entnervt ruft Michel alias Jean schließlich in den Saal, ob denn keine Polizisten anwesend seien, um die störende Person zu entfernen. Tatsächlich führen daraufhin zwei im
Publikum sitzende Wachmänner Ecaterina ab.22 Auch hier werden die Zuschauer wieder
in Bezug auf den «ontologischen Status der Bühnengeschehnisse verunsichert» (Schöpflin 1993, 422). Sie fühlen sich in die Rahmenhandlung hineinversetzt, zu der sie genauso
zu gehören scheinen wie die beiden Wachmänner, die verkleidet im Publikum gesessen
sind.
Michel ist nach diesem Zwischenfall so verwirrt, dass er nur schwer wieder in
seine Rolle zurückfindet und nun seinerseits die Rahmenhandlung (sein Leben) mit dem
Binnentheater verwechselt:
Une voix de femme, venue on ne sait d’où : Mon amour adoré (Michel ne cache pas son inquiétude, et il
plonge son regard dans la salle obscure. La même voix :) Mon amour adoré ! Michel s’inquiète de plus en
plus et il cherche maintenant tout autour de lui. […]
Françoise lui fait alors remarquer que c’est la souffleuse qui lui souffle son texte. Michel ne peut pas s’empêcher
de rire, puis il « enchaîne ».
(Toâ : II, 287)
Nachdem die Binnenhandlung eine Weile ungestört verlaufen ist, tritt Ecaterina begleitet von Maria gegen Ende des Aktes nochmals in Aktion: Diesmal erscheint sie wie eine
Figur des Binnentheaters direkt auf der Bühne. Sie kündigt sich an, indem sie an die Türe klopft (siehe Toâ: II, 289 ff.). Eingetreten sei sie durch «l’entrée des artistes», erzählt
sie (ebd., 289). Die Polizisten scheinen sie freigelassen zu haben.23
22 Hier besteht wiederum eine Art Parallele zum ersten Akt von Goetz’ Stück Hokuspokus, wo Peer Bille,
der darauf hinweist, das Leben des Staatsanwalts sei in Gefahr, bald darauf von einem Polizisten gefesselt
wird (Hokuspokus (U): I, 411; vgl. Hokuspokus (N): I, 480).
23 Ecaterinas Wiederauftauchen überrascht auf ähnliche Weise, wie es die Zuschauer in Goetz’ Stück Hokuspokus erstaunt, wenn sich Peer Bille am Ende des ersten Aktes, als er festgenommen und gefesselt
wird, mühelos befreit und an seiner Stelle den Polizist in Fesseln legt (vgl. Kapitel 10.1.3.).
212
Auf der Bühne, die sie nun aus der Nähe kritisch unter die Lupe nimmt, empört
sich Ecaterina darüber, dass in demselben Bilderrahmen, der im Arbeitszimmer normalerweise ihre Fotografie einrahmt, sich nun diejenige von Françoise befindet – diese
spielt in der Binnenhandlung die Rolle der Christiane, der Geliebten von Jean (Michel).24
Mit all ihren im Spielverlauf des Binnentheaters nicht vorgesehenen Aktionen verändert
Ecaterina die Handlung des eigentlichen Binnentheaters und verleiht ihm einen Stegreifcharakter. Weiter prüft sie, ob es sich bei den Möbeln und Requisiten im Arbeitszimmer
tatsächlich nur um Reproduktionen und Kopien handelt: Sie bestätigt die Künstlichkeit
der Blumen und deckt auf, dass es sich bei den Büchern im Gestell nur um Attrappen
handelt (siehe Toâ: II, 289). Dadurch hebt sie den Unterschied zwischen Theater und
Wirklichkeit, zwischen dem nachgebildeten Arbeitszimmer als Bühnenbild und dem echten Arbeitszimmer hervor: Die Figur macht also während des Stücks eine Entwicklung
durch. Was für sie als fiktive Zuschauerin in Bezug auf das Binnentheater gilt, gilt für
das echte Publikum im Hinblick auf die Rahmenhandlung. Ecaterinas ‹Wirklichkeit› ist
für die echten Zuschauer ein Theater. Es weiss darum, dass das vermeintlich reale Arbeitszimmer als Bühnenbild des ersten Aktes der Rahmenhandlung genauso wenig echt ist
wie jenes der Binnenhandlung. Das Auftreten einer Rahmentheater-Figur auf dem
Theater im Theater hat hier in Bezug auf die Binnenhandlung eine «desillusionierende
Funktion […], indem das Spiel ersten Grades das Spiel zweiten Grades […] seines
Spielcharakters ausdrücklich bezichtigt» (Schmeling 1977, 13). Wobei in der Regel gilt,
dass die Rahmenhandlung dadurch umso realer wahrgenommen wird: «Der Illusionsverlust des inneren Spiels schlägt sich in der Rezeption des äußeren Spiels als Gewinn zu
Buche» (ebd., 14). Andererseits impliziert das Hinterfragen der Binnenhandlung für den
echten Zuschauer ebenfalls eine Reflexion über den Bezug von Wirklichkeit und Theater (also auch bezüglich der Rahmenhandlung). Dies gilt hier umso mehr, als sich das
innere und äußere Spiel sehr ähnlich sind. Es birgt beispielsweise Komik, wenn Ecaterina später in der Rahmenhandlung die Echtheit der Orchideen bestätigt: «Elles sont
vraies, celles-là» (Toâ: III, 301), obwohl diese, als Teil des Theaterdekors der Rahmenhandlung, genauso falsch sind wie die des Binnentheaters. Die beiden Polizisten führen
Im ‹wirklichen› Arbeitszimmer, in dem sich die Rahmenhandlung abspielt, nimmt indessen auch nach
der Trennung von Michel und Ecaterina nach wie vor Ecaterinas Fotografie diesen Platz ein, wie sie später feststellt (siehe Toâ: III, 306).
24
213
Ecaterina am Ende des Aktes, vor der Pause, wiederum ab, ohne dass sie diesmal Widerstand leistet.25
Das Bühnenbild des dritten Aktes ist mit dem des vorherigen Aktes identisch.
Ein neuer Diener namens Henri tritt auf (vgl. Toâ: III, 291). Die Szene entpuppt sich
aber trotz des identischen Bühnenbildes als Teil der Rahmenhandlung, obwohl am Anfang Zweifel darüber bestehen können, ob sie nicht, wie der Akt zuvor, zum Binnentheater gehört. Zu dieser Verunsicherung trägt die Präsenz des neuen Dieners bei und, wie
erwähnt, das übereinstimmende Bühnenbild. Es stellt sich heraus, dass Henri in der
Rahmenhandlung als Diener Maria ersetzt, weil diese als Schauspielerin ihren Pflichten
als Hausangestellte nicht mehr hat nachkommen können. Für die Zugehörigkeit zur
Rahmenhandlung spricht auch die Tatsache, dass Ecaterinas Intervention auf dieser
Ebene als Zwischenfall des Theaterabends diskutiert wird. Als Michel und Françoise mit
ihren Namen der Rahmenhandlung angeredet werden (siehe Toâ: III, 292f.), zerstreuen
sich die Zweifel bezüglich der Zugehörigkeit zur Rahmen- oder Binnenhandlung (denn
Françoise würde auf der Ebene der Binnenhandlung als Christiane angesprochen). Es
wird darüber diskutiert, dass Ecaterina nach dem ersten Akt die Aufführung nicht mehr
gestört habe (Toâ: III, 292). Beraten wird auch über das Motiv für die Morddrohung:
Ecaterina habe sich so aufgeführt, führt Michel aus, «[p]our se venger d’un crime qu’elle
m’accuse d’avoir commis. […] Or le crime – vous le pensez bien – c’est de l’avoir trompée» (ebd., 293).26 Dieses ‹Verbrechen› komme zwar in seinem Stück vor, betont er, es
entspreche jedoch nicht der Realität (ebd.). Damit wird wiederum das Verhältnis von
Dramenrealität und Fiktion thematisiert. Um eine Racheaktion hat es sich auch bei Ecaterinas ihrem Einwirken auf die Rahmenhandlung gehandelt.
Inzwischen gibt sie vor zu bereuen, was sie getan hat, sucht deshalb Michel auf
und behauptet nun: «Je n’avais pas de pistolet dans mon sac» (Toâ: III, 303). Dies liefert
eine rationale Erklärung dafür, warum sie bereits wieder auf freiem Fuß ist, wobei man
bei ihr nie sicher sein kann, ob sie die Wahrheit spricht.
Darin besteht ein Unterschied zu der mit Ecaterina in gewissen Zügen vergleichbaren Figur Peer Bille
in Goetz’ Stück Hokuspokus: Bille entfesselt sich und geht am Aktende nach Hause, anstatt sich festnehmen zu lassen. Zum Prozess, wo er der Mittäterschaft zum Mord verdächtigt wird, erscheint er am nächsten Morgen jedoch freiwillig. Ecaterina ihrerseits taucht bereits im folgenden Akt von Toâ wieder auf,
diesmal aber auf der Ebene der Rahmenhandlung, am selben Abend noch nach der Binnentheateraufführung – sie ist also erstaunlicherweise schon wieder auf freiem Fuß. Dafür wird auch eine rationale Erklärung gegeben: Sie habe gar keine echte Pistole auf sich gehabt (vgl. unten). Peer Bille und Ecaterina charakterisieren sich durch eine gewisse Unkontrollierbarkeit und Unberechenbarkeit: Sie scheinen aufzutauchen und zu verschwinden, wann, wo und wie es ihnen beliebt. Peer Bille erweist sich als noch
ausgeprägtere Taschenspielernatur, er manipuliert und täuscht gekonnt seine Umgebung (vgl. unten Kap.
10.1.3., 10.1.6 und 10.3.).
26 Zum verbreiteten Motiv der Rache in metatheatralen Stücken, vgl. Schmeling 1977, 31.
25
214
Da Ecaterina den Schluss des Binnentheaters nicht gesehen hat, wird er ihr (und
dem Publikum) auf der Ebene der Binnenhandlung kurz geschildert: Michel berichtet,
dass Ecaterinas Person im zweiten Akt wieder auftauche, das heißt, nicht sie selber,
sondern die Figur, welche von Ecaterinas Persönlichkeit inspiriert sei (und folglich von
einer anderen Schauspielerin gespielt wird) – gemeint ist Christiane. Der Autor des Binnenstücks berichtet, die Komödie in der Komödie ende mit der Heirat zwischen Jean
(gespielt von ihm, Michel) und dieser Figur (vgl. Toâ: III, 305). In der Folge verflechten
sich Rahmenhandlung und Binnenstück weiter: «Maria, avez-vous touché au télégramme
qui se trouvait dans ce tiroir […] ?» (Toâ, III, 307) will Michel von der inzwischen ebenfalls in der Rahmenhandlung präsenten Maria wissen. «Monsieur répète en ce moment ?» (ebd.), erkundigt sich Maria. Der Autor und Schauspieler hat nämlich in der
Rahmenhandlung genau diejenigen Worte gebraucht, die im zweiten Akt des Binnenstücks vorkommen. Aber das Telegramm bleibt auch auf der Ebene der ‹Wirklichkeit›
verschwunden. «[C]’est encore comme dans la pièce !», ruft Françoise (alias Christiane)
aus (Toâ, III, 308) – denn am Ende des zweiten Aktes des Binnenstücks wird anscheinend das Telegramm gestohlen. Genau dies wiederholt sich also in der Rahmenhandlung am Ende des dritten Aktes von Toâ. Bei dieser auffälligen inhaltlichen Übereinstimmung von Rahmen- und Binnenhandlung handelt es sich um eine typische Mise en
abyme als «dédoublement thématique» im Sinne Forestiers (1981, 13). Nach Dällenbach handelt es sich dabei um ein «fragment qui entretient avec l’œuvre qui l’inclut un rapport de
similitude» (Dällenbach 1977, 51). Auf das Publikum wirkt sich das so aus, dass es einen
Moment daran zweifelt, ob es sich nun auf der Ebene der Rahmen- oder Binnenhandlung befindet. Dass es sich um das äußere Spiel handelt, zeigt Michels Empörung darüber, dass die Fiktion auf die Wirklichkeit abzufärben scheine: «[L]e vol du télégramme,
il est de mon invention !» (Toâ, III, 308). Es wird über die Gründe für diese Identität
der Handlung gemutmaßt: Ecaterina könnte sich eine frühere Aufführung von Michels
Stück ganz angeschaut haben – also beeinflusst diesmal der Verlauf der Binnenhandlung
die Rahmenhandlung.
Ähnlich wie Goetz in Die Barcarole verunsichert Guitry hier zwar wiederholt das
Publikum, aber er liefert auch immer wieder rationale Erklärungen, durch die sich die
Zuschauer in Sicherheit wiegen. Beide Boulevardautoren heben trotz des Einsatzes von
Techniken der Verunsicherung beim Publikum aufgekommene Zweifel später oft wieder auf – anders, als dies beispielsweise Pirandello im Stück Sechs Personen suchen einen Autor tut, einem Stück, das die Zuschauer mit vielen Fragen zurücklässt und bei dem eine
215
Verunsicherung bestehen bleibt. Bei Goetz scheint die Bemühung, erzeugte Unsicherheiten wieder aufzulösen, noch ausgeprägter vorhanden als bei Guitry. Die Barcarole stellt
in Goetz’ Gesamtwerk diesbezüglich eher eine Ausnahme dar.
Im letzten Akt der Rahmenhandlung wird die Reaktion der Presse auf den durch
Ecaterina provozierten Zwischenfall im Theater gezeigt: Ihr Auftritt hat sich als sehr
werbewirksam erwiesen. Deshalb bittet der Theaterdirektor den Autor, die Szene, so wie
sie sich im Saal abgespielt hat, fortan ins Theaterstück einzubauen (Toâ: IV, 311) – auf
diese Weise wird der zweite Akt zum Binnentheater für die künftigen Zuschauer. Während Michel noch zögert, hat Ecaterina bereits im Namen von beiden zugesagt und ist
auch bereit, im Stück ihre Rolle zu spielen (Toâ: IV, 319). Gemäß Michels Grundsatz «je
ne fais pas mes pièces avec ma vie privée […], mais […] je vois ma vie privée se conformer à mes pièces» (Toâ, III, 308) enden sowohl die Rahmenhandlung als auch die
(Binnen-)Komödie mit der Ankündigung der Heirat von Ecaterina und Michel, nachdem sich ihr Verdacht, Michel habe eine Geliebte – was nur auf das Binnentheater zutrifft – in der Rahmenhandlung als falsch herausgestellt hat.
Zusammenfassend kann für das Stück Folgendes festgehalten werden: Toâ thematisiert das Schreiben von Theaterstücken und die Schauspielerei, indem darin ein Autor auftritt, der auch Theater spielt – Michel alias Jean verkörpert damit exemplarisch die
für das Theater im Theater konstitutive «Doppelheit von Darsteller und Rolle» (Schöpflin 1988, 15), er tritt also auf beiden Ebenen auf und ist gleichzeitig der Erfinder des gezeigten Stückes. Seine Wünsche (etwa in Bezug auf das Bühnenbild) werden außerdem
für die Inszenierung berücksichtigt. Der Bezug zwischen Realität und Theater wird anhand einer Binnentheater-Aufführung diskutiert, deren Verlauf durch den Eingriff einer
Figur aus der Rahmenhandlung gestört wird, wodurch der Binnentheater-Text vermeintlich abgeändert wird, was dem Theater im Theater einen Stegreifcharakter verleiht. Dass
Ecaterina als Figur von der Ebene der Rahmenhandlung (in ihrer Rolle des äußeren
Spiels) auf die Ebene der Binnenhandlung wechselt und als ebensolche Figur das Theater im Theater kommentiert, kann als Metalepse bezeichnet werden – und hierin liegt
auch der Unterschied zu einer konventionellen Rollenübernahme (wie jene von Michel),
die ebenfalls beide Ebenen betrifft, jedoch nicht paradox ist wie im Falle von Ecaterina.
Ebenfalls zur Sprache kommen im Stück die Theaterrequisiten (zum Beispiel das Telefon), das Bühnenbild und die Rezeption der Komödie (durch die verschiedenen Reaktionen auf das Binnenstück, die beschrieben werden). Zum Theater im Theater in Toâ
stellt Kowzan Folgendes fest.
216
Au point de vue de la technique du théâtre dans le théâtre, il y a, dans Toâ, un double ou même
triple emboîtement. La pièce intérieure, calquée sur la situation des protagonistes de la pièce
extérieure, a un prolongement dans la vie de ceux-ci, prolongement qui inspire une nouvelle
version de la pièce intérieure. Mais il y a aussi un enchevêtrement très poussé dans l’axe réalitéfiction.
(Kowzan 1991, 240)
Obwohl er sich dabei in erster Linie auf den gleichnamigen Film stützt (der im selben
Jahr erschienen ist), trifft die Aussage ebenso auf das Theaterstück Toâ zu. Simsolo stellt
zutreffend fest, es handle sich bei Toâ um ein «document sur le théâtre et surtout sur le
théâtre de Guitry» (Simsolo 1988, 122). Denn das auf der Bühne Gezeigte lässt auch
Rückschlüsse zu auf Guitry als Theatermann und sein Privatleben.
7.3.
Stegreiftheater als aporetische Ipsoreflexion
Bei Guitry und Goetz finden sich paradoxe Stegreiftheaterformen, die (gemäss Frickes
Übernahme und Übersetzung von Dällenbachs Terminus) mit dem Begriff «aporetische
Ipsoreflexion» umschrieben werden können (vgl. Fricke 2001, 224, Hervorh. M.H.). Bei
Dällenbach heisst sie «réduplication aporistique» (Dällenbach 1977, 51; vgl. Kap. 2.4.). Er
definiert sie als «fragment censé inclure l’œuvre qui l’inclut» (ebd.). Fricke erwähnt als
Beispiel für die aporetische Ipsoreflexion «die einander zeichnenden Hände Eschers»
(Fricke 2001, 224). Was damit gemeint ist, soll aus den Beispielen klarer hervorgehen.
Um eine Sonderform des Stegreiftheaters handelt es sich im Einakter You’re telling me (1939), in dem Guitry und Seymour Hicks unter ihren eigenen Namen auftreten,
also eine Figur verkörpern, die heißt wie sie.27 Dass diese Figur vom Publikum mit der
Privatperson in Verbindung gebracht wird, ist sicher beabsichtigt. Guitry (respektive
Hicks) tritt demnach in diesem Einakter als «Schauspieler seiner selbst» auf (Schmeling,
1977, 71). Dieser Kunstgriff findet sich bereits bei Molière, wenn in dessen Stück
L’Impromptu de Versailles (1663)28 er und seine Truppe sich selber auf der Bühne darstellen. Hierbei handelt es sich jedoch noch nicht um eine paradoxale Form, sondern um
eine Referenz auf die extrafiktionale Welt. Kowzan spricht von «autoréflexion ou jeu de
miroirs» (Kowzan 1991, 231). Es handelt sich hierbei um eine Spiegelung der Wirklichkeit auf der Bühne.
Die Handlung zeigt, wie Guitry als ‹Privatperson› bei Seymour Hicks in London
eintrifft, also sich selbst spielt. Die beiden verständigen sich nur mit Mühe, da der eine
kaum Französisch, der andere kaum Englisch spricht, was den Großteil der Komik
ausmacht. Sprachlich zwischen den beiden zu vermitteln versucht indessen die «sténoSeymour Hicks verfilmte 1930 Sacha Guitrys Stück Faisons un rêve unter dem Titel «Sleeping Partners»
(Simsolo 1988, 45; kursive Hervorh. M.H.).
28 Datierung nach: Schöpflin 1993, 318.
27
217
dactylo», also ‹Stenodaktylografin›29 (Personenverzeichnis, You’re telling me, 225). Sie fragt
Guitry auf Französisch, ob er bereit zum Auftritt «ce soir avec Mr. Hicks à l’India Office
devant Leurs Majestés le roi et la reine d’Angleterre et M. le président Lebrun» (You’re
telling me: I, 232). Guitry stimmt zu. Er soll mit Hicks für den besagten Auftritt am selben Abend einen Sketch von zwölf Minuten aufführen. Hicks und Guitry beschließen,
für die ersten acht Minuten genau das Gespräch nachzuspielen, das sie soeben geführt
haben.
Dieses Gespräch erscheint dem Publikum zunächst als der Rahmenhandlung
zugehörig. Die Abendaufführung wird dann jedoch als eine Spiegelung dieses Gesprächs geplant, welches aus dem Stegreif gespielt worden ist. Dies führt bei den echten
Zuschauern zur Frage, ob sie nun der Probe auf der Ebene der Rahmenhandlung beigewohnt haben oder der Binnenhandlung. Da das gezeigte Stück tatsächlich die angesprochene Aufführung darstellt, decken sich die beiden Ebenen, jene der Rahmenhandlung oder aber Stegreif-Probe (weil scheinbar ad hoc ein Dialog entsteht) und jene der
Aufführung. Als «pièce de circonstance» geschaffen (Kowzan 1991, 231), wurde der
Sketch tatsächlich vor den oben genannten Personen aufgeführt.30
Für die restlichen vier Minuten des am Abend aufzuführenden Spiels, eben des
gezeigten, erfinden Guitry und Hicks – wiederum scheinbar aus dem Stegreif – einen
Sketch im Sketch, der durch den Rollenwechsel zugleich ein eigentliches Theater im
Theater darstellt. Guitry spielt darin Professor Paintbrush und Hicks einen Kunden, welcher
bei diesem berühmten Porträtisten ein Bild seiner Frau bestellt hat. Auch dieser Sketch,
der auf der Bühne erfunden zu werden scheint, ist alternierend als englischfranzösischer Dialog abgefasst und zeigt die Probesituation, die sich paradoxerweise mit
der Aufführungssituation deckt. So meint das Publikum am Anfang der Rahmenhandlung beizuwohnen, die außerdem der außerfiktionalen Wirklichkeit gleicht. Im Laufe des
Spiels merken die Zuschauer, dass sich Probe- und Aufführungssituation nicht auseinanderhalten lassen.31 Das in der Rahmenhandlung gezeigte ‹Privatleben› wird also zur
Diese wurde von Geneviève de Séréville, spätere Guitry, der vierten Ehefrau des Autors gespielt. Guitry
gab ihr in dieser Rolle die Möglichkeit, ihre ausgezeichneten englischen Sprachkenntnisse zu vorzuführen.
30 Es war dies am 23. März 1939 «à l’India Office […] en présence de LL.MM: le roi George VI, la reine
Elizabeth et la cour royale d’Angleterre à l’occasion de la visite de M. Albert Lebrun, président de la République française. Cet acte fut ensuite joué au ‹Coliseum› de Londres du […] 27 mars au 8 avril 1939 par
les interprètes de la création» (Paratext, You’re telling me, 223). Der Sketch liegt noch in einer anderen Variante vor, auf die hier jedoch nicht eingegangen wird.
31 Févry liefert ein anderes Beispiel für eine aporetische Ipsoreflexion, diesmal aus Guitrys Film Le Roman d’un
tricheur von 1936. Der Film zeige, wie Guitry die Geschichte als Ich-Erzählung aufschreibe: «Roman d’un
tricheur. Je suis né à» (Févry 2000, 76). Févry kommentiert: «Le film met en scène sa propre énonciation»
(ebd., 77) – was er als aporistische Ipsoreflexion auffasst. Auf ähnliche Weise zeigt der oben erwähnte
Einakter Guitrys die Umstände seiner Entstehung, nämlich die Stegreifprobe, die gleichzeitig die Auffüh-
29
218
Binnenhandlung. Bei Guitry stellt sich für das Publikum erst im Nachhinein heraus, dass
die Aufführung mit der Probe identisch ist. Diese Probe weist dazu eine große Ähnlichkeit zur extrafiktionalen Wirklichkeit auf.32
Warum es sich insbesondere im ersten Teil der Probe um eine aporetische Ipsoreflexion handelt, soll zusammenfassend noch einmal begründet werden: Schmidt weist auf
folgenden Sachverhalt hin: Das «Gesetz der Subordination […] wird […] in der
‹réfléxion aporistique› gebrochen. Damit erst […] wird das Aporetische fassbar.
(Schmidt 2007, 239; vgl. Dällenbach 1977, 51). In unseren Fall bedeutet dies (vgl. ebd.),
dass eine Aufführung der Probe in der Regel untergeordnet ist, denn die Probe stellt die
Voraussetzung für die Aufführung dar. Das Deklarieren der Probesituation als eigentliche Aufführung bewirkt «eine Konfusion oder Interferenz von Ebenen verschiedener
Ordnung» (Schmidt 2007, 239). Das Spätere wird dabei als Früheres inszeniert, wobei
sich «der […] freilich gewollte und inszenierte paradoxe ‹Effekt› unmittelbar aus dem
regelwidrigen Übergriff auf eine dafür nicht ‹richtig› positionierte Ebene» ergibt (ebd.).
Schmidt verdeutlich diese Überlegung, auf Dällenbach (1997, 12) verweisend, mit dem
«nach dem Mathematiker August Ferdinand Möbius benannten Band, dass die uns vertrauten Dimensionen von ‹oben›, ‹unten› bzw. von ‹innen› und ‹außen› nicht länger zu
unterscheiden erlaubt» (ebd.). Dieses Bild vermag meines Erachtens das vorliegende
Beispiel gut zu verdeutlichen, weil hier gerade die innere und die äußere Ebene, die eigentlich getrennt sein müssten, nicht mehr auseinanderzuhalten sind beziehungsweise
zusammenfallen. Solche Beispiele betrachtet Klimek als Spezialfall der Metalepsen (vgl.
Klimek 2010, 70). Sie greift ebenfalls auf Dällenbachs Bild zurück und definiert diese
Form der «Rekurrentsetzung von aufsteigenden und absteigenden Metalepsen» (ebd.)
für die Epik als «Möbiusband-Erzählung» (ebd.).
Als weiterer Vertreter der aporetischen Ipsoreflexion kann Goetz’ allererstes Stück
gelten:33 Es trägt den Titel Der Lampenschirm, kein Stück in 3 Akten (1911). Über die
Handlung der Komödie schreibt Knecht:
Der Inhalt dieses Stückes, dessen Titel völlig aus der Luft gegriffen ist, und dessen Untertitel
«kein Stück …» bereits auf die den Zuschauer oder Leser erwartende Absurdität hinweist, ist
rung als Endprodukt darstellt, was paradox ist, da die Probe eigentlich der Aufführung vorausgegangen ist
und weil in der Aufführung eigentlich nicht darüber gesprochen werden sollte, wie die Aufführung geplant wurde, genauso wie der Schreibprozess eigentlich vor dem Film stattgefunden haben muss.
32 Schöpflins Worte zum Stück Spiel im Schloß (1926) von Molnár lassen sich umgekehrt auf Guitrys Stück
anwenden: «Das in der Aufführung als fiktiv hingestellte Geschehen entpuppt sich […] nachträglich […]
als Wirklichkeit» (Schöpflin 1993, 141; zur Datierung, vgl. ebd., 139).
33 Nur, sofern die Angabe der Entstehungszeit zutreffend ist, ist dies der Fall. Datiert wurde das Stück
gemäß Paratext, Lampenschirm, 14.
219
sehr verzweigt und verwirrend und eigentlich nur eine heitere Aneinanderreihung köstlichkomischer Szenen und Begebenheiten.
(Knecht 1970, 110)
Die Komödie mit dem Titel Der Lampenschirm soll an dieser Stelle nicht nur in Bezug auf
die aporetische Ipsoreflexion, sondern allgemein besprochen werden, da sie – wiederum als
Stegreiftheater – einen Grenzfall von Theater im Theater darstellt und insgesamt weit
weniger banal ist, als dies auf den ersten Blick scheinen mag. Das Binnenstück stellt eine
besondere Theatereinlage dar. Bezeichnet wird es im Untertitel als kein Stück, weil es laut
den fiktiven Theaterautoren Erfurt und Hans Karl, die beide gleichzeitig als Schauspieler vorgestellt werden, ohne Idee und ohne Handlung auskommen soll.
ERFURT: […] Wir wollten doch ein Stück schreiben!
HANS KARL: Hast du eine Idee?
ERFURT: Nein.
HANS KARL: Da werden wir uns prachtvoll ergänzen. Ich habe auch keine.
ERFURT: So.
HANS KARL: Das heißt, ich habe eine.
ERFURT: Nämlich?
HANS KARL: Daß es kein Kunststück ist, ein Stück zu schreiben, wenn man
wenn man keine Idee hat, dann ’n Stück zu schreiben – das wär ’ne Idee!
ERFURT: Das wär 'ne Idee!
HANS KARL: Ein Stück ohne Idee – das wär ’n Stück!
ERFURT: Das wär sogar ’n starkes Stück!
(Lampenschirm: I, 23)
eine Idee hat. Aber
Im Dialog wird bereits thematisiert, dass dieses Drama, welches absurderweise als kein
Stück bezeichnet wird, dennoch als eine Art Binnentheater betrachtet werden kann – die
Negation kann zum Beispiel partiell gemeint sein insofern, als dieses Stück, das keines
ist, einfach nicht alle Gattungsmerkmale eines Dramas aufweisen könnte. An seiner Fiktionalität ändert sich dadurch aber nichts. Das Drama, das als unausgereifte Idee anfangs
nur in den Köpfen der beiden Schriftsteller existiert, wollen die beiden Autoren sozusagen live entstehen lassen:
HANS KARL: Überlegen
wir mal, was zu einem richtigen Stück gehört. Zu einem richtigen Stück
gehört vor allen Dingen eine Idee – wie gesagt – und dann Handlung. So leicht wollen wir es
uns aber nicht machen. Wir wollen ein Stück schreiben, das keins ist. Die Vorbedingungen
sind da: keine Idee haben wir schon, jetzt müssen wir uns bloß vorsehen, daß uns keine Handlung unterläuft.
ERFURT: Halt – ! Eine Idee haben wir ja doch!
HANS KARL: Nein!
ERFURT: Doch, die Idee ohne Idee!
(Lampenschirm: I, 23)
Ein Stück ohne Idee, in dem es die Handlung zu verhindern gilt, ist kein leichtes Unterfangen. Die Komödie Der Lampenschirm besteht vorerst aus einer alltäglich erscheinenden Rahmenhandlung, die jedoch nach und nach in eine Art Theater im Theater übergeht respektive als solches definiert wird, wobei die Figuren in den wenigsten Fällen explizit ihre Rollen wechseln – für einige der Eingeweihten trifft dies jedoch zu, wodurch
220
ein Fiktionalitätsbewusstsein besteht. Der Auslöser für das Theater im Theater ist eine
Wette.
HANS KARL:
ben.
[…] Eine Handlung braucht man nicht zu erfinden, die braucht man nur zu erle-
ERFURT: Nur?
HANS KARL: Es
gibt keine Leute, die nichts erleben. Es gibt nur Leute, die nichts davon merken. Ich mache zum Beispiel mit dir eine Wette, daß sich aus dem, was sich zwischen heute
und morgen innerhalb dieser vier Wände abspielt – nur um ein Beispiel zu nehmen – daß sich
daraus mühelos und gottesfürchtig ein Trau … Schau –
ERFURT: Wem –
HANS KARL: Ein Trauer-, Schau- oder Lustspiel fabrizieren läßt. Nein, um die Handlung ist mir
gar nicht bange!
ERFURT: Wir wollen aber doch keine Handlung!
(Lampenschirm: I, 24)
Eine Parallele zu Guitrys Einakter You’re telling me besteht in der teilweisen Übereinstimmung und Ähnlichkeit von Rahmen- und Binnenhandlung. Daraufhin lässt sich
auch Hans Karls Aussage deuten, man brauche das Theaterstück nur zu «erleben» (ebd.)
– dadurch wird der Binnenhandlung der fiktionale Charakter scheinbar abgesprochen,
wodurch das Binnenstück eine der drei Vorgaben von Theaters im Theater nicht mehr
erfüllen würde. Die Binnenhandlung soll zwei Tage darstellen und mitspielen sollen darin alle Bewohner «innerhalb dieser vier Wände» (ebd.) – also innerhalb der Rahmenhandlung. Nach Hans Karls Vorgabe wird das «[E]rleben» (ebd.) hier mit dem
««[E]rfinden» (ebd.) gleichgesetzt. Dies erscheint unlogisch, weil ersteres sonst eigentlich
die ‹Wirklichkeit› (dargestellt in der Rahmenhandlung) und letzteres eine Binnenhandlung charakterisiert. Aus dem zitierten Dialog wird deutlich, warum keine eigentlichen
Theaterrollen vergeben werden: Gerade weil es kein Stück werden soll, werden die Rollen aus der Rahmenhandlung in der Binnenhandlung scheinbar beibehalten, aber zumindest von den Autorenfiguren als fiktional umdefiniert. Es habe den Schauspielern
des Stücks immer «so viel Spaß [ge]macht, sich selber zu spielen», schreibt Valérie von
Martens rückblickend (Goetz/von Martens 1963, 517) – dies deutet darauf hin, dass die
Schauspieler Persönliches aus der extrafiktionalen Wirklichkeit in die Bühnenhandlung
haben einfließen lassen, vergleichbar mit Guitrys Selbstdarstellung in You’re telling me,
was aber nicht heißt, dass die Rahmenhandlung dabei mit dem Privatleben identisch
gewesen ist.
Die beiden Theaterautoren in Goetz’ Stück gehen von der Annahme aus, je alltäglicher ein Stück sei, desto weniger Handlung enthalte es. Diese Hypothese entpuppt
sich aber als falsch, und Hans Karls Wette deutet gerade darauf hin, dass er eigentlich
glaubt, der Alltag biete genügend Situationen, die einer Komödie würdig seien. Diese
Feststellung lässt auch an Goetz’ eigene Salonstücke denken, die oft in einem alltäglichen Rahmen spielen. Es stellt sich die Frage nach dem Zeitpunkt, an dem der eigentli221
che Theaterbeginn des Stegreif-Spiels im Spiel angesetzt werden kann. Dazu liefert Hans
Karl einen vagen Hinweis.
HANS KARL: […] Also zum Beispiel die Unterhaltung mit dir! Das wäre schon eine Szene für
den ersten Akt. Bißchen langweilig zwar, aber man darf seine Perlen nicht zu früh verschießen.
ERFURT: Sein Pulver nicht vor die Säue werfen, meinst du.
(Lampenschirm: I, 24).
Die Dialogszenen werden auf diese Weise im Nachhinein als Teil des Binnenstücks uminterpretiert (vgl. Lampenschirm 23ff.). Dies führt zu einer explizit angesprochenen
Überlappung der beiden Ebenen von Binnenhandlung und Rahmenhandlung. Im Gegensatz zu einem eigentlichen Theater im Theater verfügt Hans Karl während der erwähnten Anfangsszene jedoch noch nicht über ein Fiktionalitätsbewusstsein. Die Figur
ist sich während des Gesprächs keines Rollenwechsels bewusst. Vergleichbar mit einem
Prolog leitet der Dialog also das später als solches definierte Theater im Theater ein.
Noch ohne Rollenwechsel, wie es für einen Prolog üblich ist, kündigt der Dialog das
Binnenstück erst metatheatral an, gehört also eher zur Rahmenhandlung. Als nächstes
wird ein Titel für das Stück gesucht: Zur Auswahl stehen zwei Vorschläge: «Der Lampenschirm […] Oder: Die Teemaschine» (Lampenschirm: I, 26). Erfurts Einwand:
«Aber daraus wird ja kein Mensch klug?» (ebd.) deutet die Absurdität der Titel an. Darauf erwidert Hans Karl nur: «Man soll nie jemanden klug machen wollen» (ebd.). Durch
die Wahl von Der Lampenschirm trüge die Rahmenhandlung ganz im Sinne einer Mise en
abyme den gleichen Titel wie die Binnenhandlung.
Obschon die wenigsten Bühnenfiguren aus der Rahmenhandlung merklich in eine neue Rolle schlüpfen, verändert sich doch das Fiktionalitätsbewusstsein einiger der
Figuren: Sie empfinden sich plötzlich als Teil eines Theaters, während sie zuvor in ihrer
‹Realität›, der Rahmenhandlung, verwurzelt waren. Das Alltags-Binnentheater der beiden
Autoren wird durch die Bewohner des Appartements gestaltet. Wir haben es also mit
einer Situation zu tun, die jener einer «Romanfigur als Verfasser ihres eigenen Romans»
vergleichbar ist (Fricke 2001, 224f.). Letzteres stellt nach Fricke ein typisches Beispiel
für eine aporetische Ipsoreflexion dar (und eine ähnliche Situation findet sich, wie erwähnt,
beispielsweise bei Pirandello im Stück Sechs Personen suchen einen Autor). Die Protagonisten
führen bei Goetz ihr eigenes Theater auf, denn sie bestimmen dessen Verlauf mit, ohne
dass Erfurt und Hans Karl als Autorenfiguren besonderen Einfluss auf das Stück nehmen können. Erfurt oder auch Hans Karl wirkt im Stück indessen als «Schauspieler seiner selbst» mit (Schmeling, 1977, 71) – diese Autorenfiguren sind also auf beiden (sich
überlappenden) Ebenen präsent und treten neben den anderen Figuren des Stücks auf.
Sie wollen explizit auf Eingriffe in den Spielverlauf verzichten, um keine Handlung zu
222
erzeugen. Als sie dies später dennoch tun, hat die Intervention nicht die gewünschte
Wirkung auf den Spielverlauf: Den Autoren entgleitet die Kontrolle.
Die theater-im-theater-ähnliche Situation wird den Mitspielern (und dem Publikum) vor allem durch Hans Karl und Erfurt bewusstgemacht, indem ersterer beispielsweise Evchen gegenüber folgende metatheatrale Andeutung macht: «Das ist der erste
Aktschluss, mein liebes Kind!» (Lampenschirm: I, 34). Unter dem Vorwand, eine Handlung in seinem Stück vermeiden zu wollen, lehnt Hans Karl zweimal den Antrag des
Hoftheaters ab, welches ihm ein Schauspielengagement in Aussicht stellt. (Lampenschirm: I, 31 sowie II, 54). Aus diesem metatheatralen Verweis, der wiederum anzeigt,
dass Hans Karl das Geschehen als Binnenhandlung interpretiert, wird dessen Gegenüber, beide Male Exzellenz von Tatenat, verständlicherweise nicht klug. Dies zeigt beispielhaft, wie Goetz hier mit den beiden paradoxerweise gleichzeitig präsenten Ebenen
– der Rahmenhandlung und dem Theater im Theater – spielt. Anhand solcher Szenen wird
aber ebenfalls deutlich, dass nicht alle der auftretenden Figuren des Stücks über ein Fiktionalitätsbewusstsein verfügen – Exzellenz von Tatenat empfindet sich nämlich nicht
als Teil eines Binnenstücks. Die paradoxe Wirkung kommt ja gerade durch diese unklare
Zugehörigkeit zur einen oder anderen Dramenebene zustande. Der Vorwand, Handlung
vermeiden zu wollen, sowie die Wortkomik rund um die Bezeichnung des Stücks als
kein Stück, werden im Verlauf des Stücks zu einem Running Gag:
HANS KARL: Ja, Exzellenz, wir schreiben ein Stück.
TATENAT: Ein Stück? Das müssen Sie mich doch lesen lassen!
HANS KARL: Das geht leider nicht, Exzellenz, denn sonst wird
nicht.
es ein Stück, und das wollen wir
TATENAT: Ach richtig! Ja! Sonst wird es ein Stück! Er schüttelt den Kopf: Ich verstehe! … Ich verstehe die heutige Zeit nicht mehr …
(Lampenschirm: III, 57)
Der fehlende Rollenwechsel von Seiten Tatenats lässt einerseits daran zweifeln, ob es
sich beim hier erfundenen Stück um ein tatsächliches Stegreiftheater im Theater handelt.
Erklärbar ist dies durch die Überlappung und gleichzeitige Präsenz von Rahmenhandlung und Binnenhandlung, die größtenteils eine identische Handlung aufweisen, wobei
letztere später einsetzt. Tatenat kann dabei als Vertreter der Rahmenhandlung betrachtet
werden, den es auf die Ebene des Binnentheaters verschlägt. Auch wenn im Binnenstück nicht für alle Figuren ein Rollenwechsel respektive ein Fiktionalitätsbewusstsein
nachweisbar ist, kann die Komödie Der Lampenschirm meines Erachtens dennoch als (paradoxe) Form von Theater im Theater mit Stegreifcharakter gelten. Zwar treffen die drei
als verbindlich festgelegten Kriterien für das Vorliegen von Theater im Theater nicht für
alle Bühnenfiguren zu, für manche der Figuren jedoch schon: Gemeint ist das Kriterium
223
des Rollenwechsels, außerdem das Auftreten einiger der Figuren gleichzeitig in einer Rahmenhandlung und in einer Binnenhandlung (welche im vorliegenden Stück zu einem
großen Teil zusammenfallen) und drittens das Vorliegen einer fiktionalen Binnenhandlung: Letztere wird durch metatheatrale Aussagen als fiktional deklariert, aber paradoxerweise auch mit dem «[E]rleben» verglichen (Lampenschirm, 21). Wichtig ist insbesondere auch, dass das echte Publikum das Binnenstück als Fiktion (in der Fiktion) empfindet, was ebenfalls durch die metatheatralen Aussagen beabsichtigt wird. Schöpflin
schreibt dazu:
Gelegentlich mag […] der fiktive Charakter dessen, was eine Theatereinlage zeigt, eingeschränkt erscheinen, nämlich dann, wenn das interne Theaterspiel Dinge vorführt, die der Realität des Dramas [das heißt: der Rahmenhandlung; M.H.] entnommen sind, wenn also der Realitätsbezug des Theaters besonders groß ist. Dennoch wahren auch diese Theateraufführungen
ihre Fiktivität. […] Schließlich genügt es auch hier, wenn die Aufführung […] als Theater bezeichnet und beim Bühnenpublikum ein entsprechendes Spielbewußtsein errichtet wird.
(Schöpflin 1993, 12)
Das angesprochene Fiktionalitätsbewusstsein ist im vorliegenden Binnenstück zwar
nicht bei einem Binnenpublikum vorhanden, da letzteres fehlt, wohl aber beispielsweise
bei den Autorenfiguren (die durch ihre Beobachterrolle eine Art Publikum darstellen)
und auch bei den echten Zuschauern.34 Auf die Fiktionalität deuten vor allem die metatheatralen Verweise hin. Während die Gattungszugehörigkeit des Stücks am Anfang
noch nicht klar festgelegt war, wird es später explizit als Komödie, nämlich im letzten
Akt als «modernes Lustspiel» bezeichnet (Lampenschirm: III, 67, vgl. unten). Darüber
hinaus enthält dieses Binnentheater eine weitere, diesmal eigentliche Theatereinlage: Am
Ende des zweiten Aktes muss der Komödiant Erfurt der Exzellenz von Tatenat vom
Hoftheater einen Ausschnitt aus dem dritten Akt von Schillers Maria Stuart vorsprechen. Es handelt sich dabei um eine dreifache Potenzierung: um eine DramenRezitation innerhalb des Stegreiftheaters im Theater (vgl. unten, Kap. 9.).
Zumindest Erfurt, Hans Karl und – insbesondere gegen Ende des Stücks – auch
Evchen verfügen als Figuren über das Bewusstsein, dass sie zu einem Stück gehören,
welches gerade entsteht und dessen Lauf sie als Figuren desselben beeinflussen können.
Dies geht vor allem aus dem Komödienschluss hervor. Auch der Kontrollverlust der
selbsternannten Autoren über ihr Stück, das kein Stück hätte werden dürfen, wird am
Ende nochmals deutlich: Als Schauspieler können sie das Stück zwar mitgestalten, aber
dessen Verlauf nicht alleine festlegen. Ist es jetzt in Stück oder kein Stück? – das KoSchöpflin erachtet Spielbewusstsein beim Publikum außerdem in der Folge nur als hinreichende, aber
nicht notwendige Bedingung, um von einem Spiel im Spiel zu sprechen (siehe Schöpflin 1993, 12). Auch
in Guitrys Stück You’re telling me liegt dieses beim Publikum nicht von Anfang an vor, denn es schätzt den
Sketch anfangs als Teil der Rahmenhandlung ein. Dass er gleichzeitig eine fiktionale Binnenhandlung darstellt, wird erst später klar.
34
224
mödien-Ende greift diese Thematik metatheatral nochmals auf und deutet auch Alternativen des Stückverlaufs an.
ERFURT: Aber wir bekommen eine Handlung, du Idiot.
HANS KARL: […] Was ich gegen eine Handlung tun konnte,
habe ich getan. Ich kann nichts dafür, wenn soviel Stoff in der Luft liegt. Hast du wenigstens den Wasserhahn an der Badewanne
zugedreht?
ERFURT: Was meinst du damit, um Gottes willen?
HANS KARL: Es sollte mich nicht wundern, wenn man inzwischen deine Wohnung erbrochen
hätte, weil das ganze Haus unter Wasser steht. Beruhige dich. Es wird schon nicht so sein. Ich
wollte dir nur andeuten, welche Möglichkeiten noch vorhanden sind. Möglichkeiten, die natürlich für unser modernes Lustspiel nicht in Frage kommen.
EVCHEN erscheint in der Tür: Hanning!
HANS KARL: Evchen!
EVCHEN: Ist jetzt dritter Akt?
HANS KARL: Beinah schon aus.
EVCHEN: Ich hab’ mir’s überlegt: ich nehm dich.
ERFURT: Nun wird’s ja doch ein Trauerspiel! […]
FRAU LUNOW: Frau Kompowska is draußen.
HANS KARL: zu Erfurt, der einer Ohnmacht nahe ist: Deine Braut. Zu Frau Lunow: Sagen Sie ihr,
Frau Lunow, Sie seien eine anständige Person, Damenbesuche seien hier nicht gestattet, und
sie käme erst im neuen Stück vor. – Einmal müssen wir doch aufhören …
VORHANG
(Lampenschirm: III, 67f.)
Letztlich haben wir es also dennoch mit einem Stück zu tun, welches wider Erfurts und
Hans Karls Willen eine Handlung bekommen hat; mit einem Theater, aus dem Alltagsrahmen heraus gewachsen, dessen Handlung sich verselbständigt – fast ohne aktives
Eingreifen vonseiten der beiden Autoren.35 Diese schauen zu, wie aus dem Treiben der
Darsteller um sie herum die Rahmenhandlung in ein explizit als (k)ein Stück bezeichnetes
Binnentheater übergeht, dessen Handlung die Figuren bestimmen. Durch diesen Kunstgriff von Goetz mag den realen Zuschauern auch ihr eigenes Leben einer Komödie ähnlich erscheinen, denn die handlungsarme Handlung weist gewisse Ähnlichkeiten zu ihrer
eigenen Lebenswirklichkeit auf. Es wird auf diese Weise angedeutet, dass viele kleine
Alltagserlebnisse potentielle Komik enthalten und somit Teil einer Komödie werden
könnten (vgl. Lampenschirm: I, 24). Zufälle und unerwartete Wendungen treten allerdings gegen Ende des Stücks so gehäuft auf, dass man sie nicht mehr als alltäglich bezeichnen kann – was dann auch für die Fiktionalität im Sinne von Erfundenheit der Binnenhandlung spricht. Das Stück hat eine Handlung bekommen, die den Regeln der
Wahrscheinlichkeit zum Teil widerspricht. Das Drama ist verwickelter und farcenhafter,
Valérie von Martens erwähnt eine gelungene Inszenierung dieses Stückes, welche den Improvisationscharakter von Der Lampenschirm sicher gut hervorzuheben vermochte: «Direktor Schweikart inszenierte die
Münchner Aufführung, wobei er einen Regieeinfall hatte, um den mein Mann ihn aus tiefster Seele beneidete. Immer wenn ein Schauspieler einen Abgangsapplaus hatte – und es war daraufhin inszeniert –, kam
er wieder auf die Bühne zurück, verneigte sich artig, und die Szene wurde noch einmal gespielt. Ein Dakapo! Mein Mann jubelte, als er das aus den Kritiken las» (Memoiren 3. Teil, 517). Die Wiederholbarkeit
der Szenen unterstreicht dabei den fiktionalen Charakter des Binnenstücks im Gegensatz zur Rahmenhandlung.
35
225
als es die wenigen hier erwähnten Ereignisse vermuten lassen, wovon Knechts nachfolgende Inhaltsangabe einen Eindruck gibt.
Ein junger Schauspieler, der sich durch witzige Originalität und verrückte Ideen auszeichnet
[=Hans Karl; M.H.], gibt auf Grund einer Wette eine Zeitungsannonce auf: «Junger Künstler
sucht 20 000 Mark …»[Lampenschirm: I, 15] – Am Ende des Stückes bekommt er statt 20 000
Mark 40 000 Mark und eine Braut… [vgl. ebd., 66]. Dazwischen passierte: [«]Eine Heirat, die
keine wurde, eine Verlobung, die auseinanderging[»][ebd., 67]; es trat auf: [«]ein Intendant, der
einmal einer war und dann wieder keiner war[»] [ebd.], [«]ein Bettler, der nicht betteln, und ein
Komiker, der nicht lachen konnte.[»] [ebd.] [«]Dazu […] ein Engagement, das nicht zustande
kommen sollte und doch zustande kam, rückgängig gemacht wurde und dennoch besteht […],
weil der letzte Intendant, der es zurückgenommen hat, der falsche war [»] [ebd.]… Zwischendurch gibt es umwerfend komische Telefonate, nackte Herren auf dem Flur, einen Geldbriefträger, der für einen boshaften Kollegen gehalten wird, usw. usw.
(Knecht 1970, 111; Hervorh. u. Nachw. der Zitate M.H)
Hans Karl ist an den geschilderten Ereignissen, also am Entstehen des eigentlichen
Theaters im Theater, insofern nicht unschuldig ist, als er die Handlung nicht konsequent
zu verhindern sucht: Ist er es doch, der Evchen einen Heiratsantrag macht und sie bittet, die Antwort erst später zu geben, was spannungssteigernd wirkt (vgl. Lampenschirm: II, 51). Als Grund gibt er an: «[W]ir brauchen noch etwas für den dritten Akt»
(ebd.). Desgleichen sorgt Erfurt für Handlung, wenn er sich in betrunkenem Zustand
mit der alten Kompowska verlobt (Lampenschirm: III, 58). Während die beiden als Autoren die Handlung zu verhindern suchen, sorgen sie als Figuren – paradoxerweise gegen ihren eigenen Autorenwillen – wie die anderen Darsteller für ebendiese.
Goetz’ erste Komödie Der Lampenschirm stellt einen Fall von aporetischer Ipsoreflexion und als Ganzes eine schwindelerregende Komposition dar, die ein dreifach potenziertes Theater enthält. Schwindlig ob seines Stücks scheint es im dritten Akt auch
Hans Karl zu werden:
HANS KARL:
[…] Dazu eine Heirat, die keine wurde, eine Verlobung, die auseinanderging […]
ein Bettler, der nicht betteln, und ein Komiker, der nicht lachen kann … wie ich daraus kein
Stück machen soll, ist mir schleierhaft!
ERFURT: Dazu ein Engagement, das nicht zustande kommen sollte und doch zustande kam,
rückgängig gemacht wurde und dennoch besteht –
HANS KARL: Mir schwindelt.
ERFURT: – weil der letzte Intendant, der es zurückgenommen hat, der falsche war. Du kannst
machen, was du willst: du bist und bleibst ans Hoftheater engagiert mit dreißigtausend Mark
Gehalt.
(Lampenschirm: III, 67)
Erfurt muss am Ende des Stücks zutreffend feststellen: «Aber wir bekommen eine
Handlung» (ebd.). Wie für You’re telling me von Guitry gilt für das vorliegende Stück, dass
das Deklarieren der Probesituation als eigentliche Aufführung «eine Konfusion oder Interferenz von Ebenen verschiedener Ordnung» bewirkt (Schmidt 2007, 239). Auch in
diesem Fall lässt sich dies vergleichen mit dem «nach dem Mathematiker August Ferdinand Möbius benannten Band, dass die uns vertrauten Dimensionen von ‹oben›, ‹unten›
226
bzw. von ‹innen› und ‹außen› nicht länger zu unterscheiden erlaubt» (ebd.). Die Binnenund Rahmenhandlung scheint im Stück gleichzeitig präsent zu sein.
Einer aporetischen Ipsoreflexion kommt auch die zuvor besprochene Komödie
Toâ (1949) von Guitry teilweise gleich, denn auch hier werden Teile der Rahmenhandlung (z.B. Michels Prolog) später als Binnenhandlung umdefiniert. Der Begriff der Metalepse schien zur Beschreibung indessen geeigneter, denn jede aporetische Ipsoreflexion beruht per Definitionem auf einer Metalepse, aber nicht jede Metalepse stellt eine paradoxe Ipsoreflexion dar. Toâ kommt zudem der unendlichen Ipsoreflexion nahe, ohne
tatsächlich eine solche darzustellen – Die Komödie handelt bekanntlich davon, dass Michel, ein «auteur-acteur» (Kowzan 1991, 239), seine Liebes- und Trennungsgeschichte zu
einem Theaterstück verarbeitet. Dieses wird dann ebenfalls unter dem Titel Toâ als Theater im Theater aufgeführt, wobei der Hauptdarsteller dort nicht Michel heißt, sondern
Jean. Das Binnenstück ist indessen sehr ähnlich ist wie das Rahmensstück: Auf diese
Weise wäre die Ausgangslage für eine unendliche Ipsoreflexion gegeben, wenn auch in der
Theatereinlage Toâ der dortige Hauptdarsteller Jean wiederum ein Theaterstück namens
Toâ verfasste, welches dann als Theater im Theater im Theater aufgeführt würde und so
weiter. Dällenbachs Definition wäre erfüllt, wonach ein «fragment entretient avec
l’œuvre qui l’inclut un rapport de similitude et qui enchâsse lui-même un fragment
qui…, et ainsi de suite» (Dällenbach 1977, 51). Nur dann läge tatsächlich ein Fall von unendlicher Ipsoreflexion vor – was aber nicht der Fall ist. Trotz der auffallenden Ähnlichkeit
von Rahmen- und Binnenhandlung fehlt die unendliche Weiterführung derselben. Die
Ununterscheidbarkeit von Rahmen- und Binnenhandlung wird jedoch teilweise angedeutet. Über die eigentliche Handlung des Binnenstücks Toâ erfahren wir indessen, abgesehen vom Beginn, recht wenig, außer dass auf mehrere auffallende Parallelen zwischen Michel und seiner Rolle Jean hingewiesen wird.
Bei Coward findet sich im Hinblick auf die analysierten Stücke keine direkt mit
den Beispielen bei Goetz und Guitry vergleichbare aporetische Ipsoreflexion. Eine unabgeschlossene zirkuläre Form weist aber sein Stück Hay Fever (1925) auf. Dort ist es jedoch nicht ein Theater im Theater, das diese Struktur aufweist, sondern eine Romanlesung im Stück, die sich scheinbar unendlich zu wiederholen scheint (vgl. Kap. 11.1.3.).
Diese Form lässt sich als «unendliche Ipsoreflexion» (Fricke 2001, 225; Hervorh. M.H.), genauer noch als «unendliche Iteration» beschreiben (Fricke 2000, 107; Hervorh. M.H.). Letztere charakterisiert sich «durch prinzipielle Unabschließbarkeit der gestuften Wiederholung (z.B. in
dem international verbreiteten Nonsenslied ‹Oh Henry …› – dt. Wenn der Topf aber nun ein Loch
227
hat)» (Fricke 2000, 107; Hervorhebung im Original). Wie in dem Nonsenslied beginnt
der Romanschriftsteller David in Hay Fever mit seiner Lesung immer wieder von vorne,
wodurch eine unendliche Struktur angedeutet wird36 (auch wenn dies im Stück nur
durch zweimalige Lesung derselben Passage geschieht, bevor das Drama – scheinbar? –
abbricht). Wie das Beispiel zeigt, muss sich dabei die «unendliche Iteration» (ebd.) als intergenerische Form nicht notwendigerweise auf eine gespielte, dramatische Einlage stützen.
Es versteht sich von selbst, dass sich eine derartige unendliche Struktur ohnehin nicht aufführen ließe,
außer auf der Ebene des Bühnenbildes mithilfe von Spiegeln.
36
228
8.
Musiktheater im Theater
8.1.
Musiktheatereinlagen – eine Einführung
Dats’n Mißverständnis. Den Holländer hann ich nich jesungen! […] Ich hann
immer dat Köfferchen jetragen von dat Jeisterschiff!!
(Hahn im Korb: I, 231)
Nachfolgend soll als medienübergreifender Spezialfall des Kunstmittels Spiel im Spiel das
Musiktheater im Theater anhand ausgewählter Stücke untersucht werden.1 Intermedial
können innerhalb des Spiels im Spiel zusätzlich Aussagen über das Theater oder auch
das Musiktheater gemacht werden. Neben Bezügen zu Operetten und Musicals finden
sich auch Opern-Einlagen oder Anspielungen auf das Musiktheater in den analysierten
Stücken. Gerade das Musical erfreute sich in der Wirkungszeit aller drei Autoren großer
Popularität. Sowohl Guitry als auch Goetz und Coward schrieben unter anderem Musiktheater respektive Operetten. Da letztere auch gesprochene Passagen als rein theatrale Elemente enthalten, wurden einige Musicals in die Analyse miteinbezogen, die ein
Musical als Binnentheater enthalten und metatheatral sind. Dabei kann das Rahmenstück Merkmale eines Theaters oder auch eines Musiktheaters aufweisen. Von der Analyse ausgeschlossen wurden die Partituren – also alle rein musikalischen Teile – und einzelne insgesamt als Operetten einzuordnende Werke, die nicht als eigentliche Boulevardkomödien gelten können (was dagegen auf die analysierten Musicals teilweise noch
zutrifft). Exemplarisch für den Umgang mit der Oper auf dem Musiktheater wurde
Guitrys Mariette ou Comment on écrit l’histoire (1928)2 analysiert, ein Musiktheater, das über
eine reine Opernparodie hinausgeht. Eine detailliertere und vollständige Analyse des
Musiktheaters im Theater würde auch den Miteinbezug aller musikalischen Teile voraussetzen, was jedoch nicht Ziel dieser Arbeit war.
Guitry konzipierte neben dem Stück Mariette weitere Werke als Musical, beispielsweise Histoires de France (1929)3 und auch Mozart (1925) 4. L’Amour Masqué (1923)5
kann man als Operette klassifizieren. Goetz schrieb ebenfalls eine Operette mit dem Titel Zirkus Aimée, welche am 5. März 1932 im Stadttheater Basel unter der Regie von
1 Zum Thema der Oper in der Oper und der Mise en abyme im Musiktheater, siehe Fricke 2000, Kap. 4.3,
106-117) sowie Fricke (2001) und Fricke (2011, 252-267).
2 Datierung nach: Paratext, Mariette, 121.
3 Datierung nach: Paratext, Histoires de France, 187.
4 Datiert nach Sacha Guitry: Mozart. Comédie en trois actes. Musique de Reynaldo Hahn. In: Sacha Guitry: Théâtre complet de S. G. Tome 5. Paris 1973, 425.
5 Datiert nach Sacha Guitry (1973): L’Amour masqué. Comédie en trois actes. In: Sacha Guitry: Théâtre
complet de S. G. Tome 5. Paris, 121. Im Paratext wird das Stück als «comédie» benannt, Guitry stellt dem
Drama aber den Hinweis voran: «Cette comédie versifiée s’accompagne à la scène d’une musique incomparable et d’ailleurs nécessaire de André Messager» (ebd., 122).
229
Wälterlin uraufgeführt wurde.6 Coward textete und komponierte im Jahre 1923 in Zusammenarbeit mit Cochran die Revue London Calling!, woraus das Lied Parisian Pierrot
stammt (vgl. Kiernan 1986, 139), das zum Stoff von Guitrys Stück Deburau passt (vgl.
Kapitel 6.2.1.). Mit dem Erfolg von London Calling! begann Cowards Karriere als Librettist, weitere Revuetheater folgten.7 Nach dem ersten Weltkrieg waren in Großbritannien
musikalische Revues sehr beliebt. Coward schrieb danach mehrere Operetten, beispielsweise Bitter Sweet (1929)8, Conversation Piece (1934)9 und Operette (1938),10 außerdem
das Musical Cavalcade (1931)11, welches ein Musiktheater einschließt. Durch die zahlreichen Theaterverweise und seine musikalischen Einlagen kann auch Waiting in the Wings
(1960) als ein metatheatrales Musiktheater gelten (vgl. Kap. 11.2.3.).
Viele der Stücke der drei Boulevardautoren weisen musikalische Einlagen auf,
beispielsweise Lieder, und können deshalb im weitesten Sinne als Musicals gelten. Allerdings enthalten nur wenige Opernbezüge oder ein eigentliches Musiktheater als Binnenstück. Auf letztere soll im Folgenden ebenfalls eingegangen werden, und zwar nicht nur
dann, wenn sie beispielsweise ein Musiktheater-Fragment einschließen, sondern auch,
wenn darin metatheatrale Verweise auf eine Oper oder ein Musiktheater vorkommen,
also etwas in Bezug auf die Gattung ausgesagt wird. Es handelt sich um Stücke aller drei
Autoren, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind: Insbesondere um Guitrys Mariette ou Comment on écrit l’histoire (1928) und Quand jouons-nous la comédie ? (1935), aber ebenDatierung gemäß Knecht 1970, 216; vgl. Goetz/von Martens 1963, 67-70. Zu beachten ist auch: Hennenberg (2008): Ralph Benatzky. Œuvre. Bühnenwerke bis 1932. Die Primadonna (1921/22). Operette in
drei Akten nach einer Novelle von S. Trebitsch. Musik von Ralph Benatzky. Unvollendet, nach dem 2.
Akt abgebrochen. Teilweise Wiederaufnahme in: Circus Aimée. URL: <http://www.ralphbenatzky.com/main.php?cat=3&sub_cat=7&task=3&art_id=000121> (22.05.2013).
Das Libretto dieser Operette liegt mir nicht vor. Über eine Kopie des unverkäuflichen Bühnenmanuskripts von Circus Aimé (Berlin: Drei Masken 1932) verfügt die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig
(Signatur: 1934 A 631). Es deutet wenig auf das Vorkommen metatheatraler Elemente in dieser Operette
hin, obschon es sich gemäß nachfolgender Quelle um eine Operettenparodie handeln soll: Vgl. Marschall
(2005): Curt Goetz. In: Kotte (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz. Bd. 1. Zürich, 729-731. [Onlinefassung].
URL: <http://tls.theaterwissenschaft.ch/wiki/Curt_Goetz> (22.05.2013).
7 Vgl. Kiernan 1986, 139-155. Weitere erfolgreiche Revuen waren This Year of Grace! (1928) sowie Words
and Music (1932), wobei Kiernan erstere als «the finest of Coward’s revues» bezeichnet (ebd., 140).
8 Datierung nach: [Onlinefassung]. URL: <http://www.noelcoward.net/html/chronology.html>
(22.05.2013).
9 Datierung nach: [Onlinefassung]. URL: <http://www.noelcoward.net/html/chronology.html>
(22.05.2013).
10 Als bereits durch seinen Titel eindeutig der Gattung Operette zugehörig wird dieses Stück in der vorliegenden Arbeit nicht analysiert, obschon es laut der Beschreibung eine Oper in der Oper einschließt. Vgl.
[Onlinefassung]. URL: <http://www.noelcowardmusic.com/musicals/operette.html> (22.05.2013).
11
Datiert
wird
das
Stück
nach:
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
Zu erwähnen sind außerdem folgende Operetten (und daneben eine Reihe musikalischer Revues): Pacific
1860 (1946), Ace of Clubs (1950), After The Ball (1954), Sail Away (1961), The Girl Who Came to Supper (1963).
Als Musicals werden neben Conversation Piece (1934) und Waiting in the Wings (1960) auch Red Peppers (1934)
aus
Tonight
at
8:30
(1935)
genannt.
Vgl.
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.noelcowardmusic.com/html/musicals.html> (22.05.2013).
6
230
so um Goetz’ Barcarole, dem bereits in Teilen besprochenen Stück aus der späten Einakterserie Seifenblasen (1963), und um Cowards Werk Cavalcade (1931).
Ein komischer Verweis auf Wagners Oper Der fliegende Holländer findet sich in
Goetz’ frühem Theaterstück Der Hahn im Korb (1920) aus der Reihe Menagerie, das als
Binnenhandlung eine Einlage aus Hamlet enthält, wie der spätere Einakter Die Barcarole.
Wird bei Goetz im angesprochenen Stück die Oper angesprochen, geschieht dies
durchgehend um der Wortkomik willen. Schmitz wird als eine Karikatur eines Filmschauspielers dargestellt (darüber hinaus sollte er als Geist über die Bühne schweben).
Der zuständige Regisseur ist unzufrieden mit der Rollenbesetzung durch Hilfsregisseur
Merker:
DER REGISSEUR:
Ich denke, Sie sind Schauspieler? Herr Merker, was haben Sie mir denn da
engagiert?
MERKER: Herr Schmitz ist Opernsänger!
DER REGISSEUR: Na, wenn er auch Opernsänger ist, deshalb muß er doch über die Bühne gehen können!
MERKER: Der Mann hat den Fliegenden Holländer gesungen!
DER REGISSEUR: Na also! Da schwebt er doch den ganzen Abend!
(Hahn im Korb, 231)
Die beiden Regisseure irren sich in Bezug auf die Rolle des Fliegenden Holländers in der
Oper und wirken dadurch ungebildet; sie erscheinen wie auch an anderen Stellen von
Goetz’ Einakter als Typen (vgl. Kapitel 5.1.). Schmitz berichtigt darüber hinaus den Regisseur: «Dats’n Missverständnis. Den Holländer hann ich nich jesungen! […] Ich hann
immer dat Köfferchen jetragen von dat Jeisterschiff!!» (ebd.) – gemeint ist wohl ein
Schatzköfferchen mit «Juwelen, unschätzbare[n] Perlen» (Wagner: Der fliegende Holländer: I, 188). Schmitz hat in der Oper also wohl nur eine unbedeutende Nebenrolle
gespielt – von einem eigentlichen Opernbezug oder etwa einer eingelegten Oper kann
hier indessen nicht die Rede sein. Trotzdem sollte auf das thematisch passende metatheatrale Element hier kurz verwiesen werden. Die nachfolgend analysierten Werke enthalten ein eigentliches (Musik-)Theater im Theater.
231
8.2.
Oper im Musical bei Guitry
Mariette ou Comment on écrit l’histoire (1928) ist eine «comédie musicale», was auf Deutsch
der Bezeichnung Musical entspricht (Mariette, 121).12 Eingefügt in das Stück mit insgesamt vier Akten ist im ersten eine gesungene Theatereinlage, die genauer umschrieben
werden kann als Oper im Musical. Bereits dieses Werk kann nicht mehr nur als Boulevardkomödie im engsten Sinne gesehen werden, enthält aber dennoch genügend komische Passagen, um als Komödie zu gelten. Über die Operneinlage innerhalb des Musicals Mariette vermittelt Guitry folgende Informationen:
[Il s’agit du] premier acte d’un opéra imaginé par l’auteur et dont l’action se déroule en Italie, vers la fin du
XVe siècle. […] C’est une parodie d’opéra qui doit être interprétée avec conviction […].
(Nebentext, Mariette: I, 124)
Guitry weist also bereits im Nebentext auf den parodistischen Charakter dieser Operneinlage hin und verdeutlicht ebenfalls, dass es sich dabei um ein fiktionales Werk handelt, dessen Autor er selber ist (zumindest, was den Text betrifft). Die Musik zu diesem
Musical inklusive Binnenoper wurde von Oscar Straus komponiert.
Die Hauptfiguren und zugleich die Rollenbesetzung der Binnenoper im Theater
gehen aus dem Nebentext hervor: «Ces personnages sont donc joués par des artistes qui
jouent des rôles de chanteurs de province. Le prince [Francesqui] est représenté par
Amédée, la princesse [Yanetta] par Clémentine, Giovanni par Mariette» (Nebentext, Mariette: I, 124). Die Figur Giovanni lässt an Mozarts Oper Don Giovanni (1787) 13 denken.
Tatsächlich handelt es sich auch in dieser Opernparodie um einen jungen Verführer.
Gespielt wurde Mariette alias Giovanni von der bekannten Sängerin Yvonne Printemps,
Guitrys damaliger Partnerin und späterer Ehefrau.14
Ungewöhnlich an dieser Musiktheater-im-Theater-Einlage ist, dass die Oper im
ersten Akt zunächst seitenverkehrt, also mit dem Rücken zum Publikum gespielt wird,
denn die fiktiven Opernbesucher befinden sich auf der anderen Seite, dem echten Publikum direkt gegenüber, so dass sich das reale und das Binnenpublikum anblicken. Die
echten Zuschauer sehen der Oper von der Bühnenseite her zu, sie haben das Orchester
vor sich. «Le trou du souffleur, le rideau ainsi que la salle imaginaire se trouvent au fond
12 Davon gab es auch eine deutschsprachige Fassung unter dem Titel Marietta von Sacha Guitry und Alfred Grünwald (1929, Berlin). Dieser Hinweis findet sich auf: Operone. Bühnenwerke mit Musik. Straus,
Oscar Nathan; [Onlinefassung]. URL: <http://www.operone.de/komponist/straus.html> (22.05.2013).
Dabei handelt es sich um keinen Einzelfall, denn viele von Guitrys Boulevardkomödien wurden auch in
Deutschland gezeigt – das gleiche gilt für Cowards Werke in Deutschland. Indessen kann davon ausgegangen werden, dass Goetz’ Stücke in England und Frankreich kaum gespielt wurden.
13 Datierung nach: Fricke 2011, 258.
14 Dieselbe Yvonne Printemps feierte später, nach ihrer Scheidung von Guitry, weitere Erfolge in Noël
Cowards
Operette
Conversation
Piece
(1934).
Vgl.
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.noelcowardmusic.com/musicals/conversation.html> (22.05.2013). Dieses Stück wurde im
Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht untersucht.
232
de la scène» (Kowzan 1991, 237). Von den Binnenzuschauern sind indessen nur wenige
zu sehen, aber «l’avant-scène du rez-de-chaussée est assez en vue. Elle est occupée par le
prince Louis-Napoléon et son secrétaire» (ebd., 237). Guitry betont in der Regieanweisung: «[L]e véritable sujet de cet acte, c’est l’attitude du prince Louis-Napoléon qui
n’applaudit que Mariette – et qui le fait un peu trop chaque fois» (Mariette: I, 135). Der
Kontrast zur Rahmenhandlung und die daraus entstehende Komik erwachsen auch daraus, dass Mariette, welche in der Rahmenhandlung eine Sängerin ist, in der Oper eine
Männerrolle (also eine sogenannte Hosenrolle) spielt, nämlich jene des Liebhabers
Giovanni. Guitry warnt im Nebentext explizit davor, diese Parodie übertrieben komisch
spielen zu wollen (vgl. Nebentext, Mariette: I,135). Eine ähnliche Hosenrolle stellt beispielsweise jene des Cherubino in Le Nozze di Figaro dar.
Die Handlung der Binnenoper findet in der Rahmenhandlung eine Entsprechung: Hier wacht Prinz Alberto eifersüchtig über seine Ehefrau, Prinzessin Yanetta, wobei
Giovanni ihr dennoch den Hof macht, was Alberto herausfindet. Dort äußert Amédée
(Darsteller des Prinzen und im Privatleben Clémentines Geliebter) eifersüchtig den falschen Verdacht, dass ein Herr aus dem Publikum (Louis-Napoléon, der nicht erkannt
wird) wegen Clémentine (in der Rolle der Prinzessin) bereits zum dritten Mal der Aufführung der Oper beiwohne. Amédée stellt auf diese Weise eine falsche Parallele zwischen Binnen- und Rahmenhandlung her, indem er denkt, Clémentine sei das Objekt
der Begierde, da sie dies der Binnenhandlung auf sie zutrifft (vgl. Mariette: II, 136 ff.).15
Es stellt sich aber heraus, dass nicht Clémentine, sondern Mariette (die auf der
Bühne, wie erwähnt, eine Männerrolle spielt) der wirkliche Grund ist für LouisNapoléons Anwesenheit: Der Part von Louis-Napoléon wurde von Guitry gespielt. Die
Rahmenhandlung erzählt hauptsächlich die Liebesgeschichte zwischen der einfachen
Sängerin Mariette und dem Prinzen. Dieser sucht die Sängerin im Zwischenakt der
Oper auf und beabsichtigt, sie zum Diner einzuladen.
Der zweite Akt der Rahmenhandlung spielt sich hinter der Bühne ab, im «foyer
des artistes du théâtre» nach dem ersten Akt der Oper (Mariette: I, 136). Dem Rest der
Binnenoper wohnt das Publikum nur noch akustisch bei (wie in den Stücken Quand
jouons-nous la comédie ? und in Curt Goetz’ Barcarole).
Im zweiten Akt der Binnenoper hat Mariette eine Auftrittspause, was aus dem
Verweis aufs Theater von Louis-Napoléon hervorgeht: «Je commence à connaître la
Auf fälschliche Weise schließt auch Ecaterina in Guitrys Stück Toâ vom Binnenstück auf die Rahmenhandlung.
15
233
pièce par cœur. Et ce deuxième acte, dont vous n’êtes pour ainsi dire pas, peut me plaire
infiniment ce soir si vous voulez bien me permettre de le passer en votre compagnie.
Est-ce trop vous demander ?» (Mariette: II,145). Die Absicht dieser metatheatralen Aussage ist – ganz boulevardgemäß – auch das Flirten mit der Sängerin.
In einer späteren Szene ist die Funktion der Binnenoper, dass sich LouisNapoléon von Worten, die Mariette in der Oper singt, zu einer offiziellen Stellungnahme inspirieren lässt, die man von ihm verlangt hat:
La voix de Mariette :
Le moment est venu de partir.
Allons défendre notre cause !
Les devoirs que Dieu nous impose,
Nous saurons, nous saurons les remplir ! […]
Le prince : Ce qu’elle vient de chanter me semble justement parfait. « Si Dieu m’impose des devoirs, je saurai les remplir. »
(Mariette: II, 149f.)
Diese aus der gesungenen Fiktion übernommene Passage ändert der Prinz später wie
folgt: «Si le peuple m’impose des devoirs, je saurai les remplir» (ebd.). Die übrige Rahmenhandlung verläuft inhaltlich weitgehend unabhängig von der Handlung der Binnenoper, welche jedoch musikalisch noch zweimal zitiert wird.
Die Liebesgeschichte der Rahmenhandlung beginnt im Jahre 1848 im Grand
Théâtre von Amiens. Der dritte Akt spielt drei Jahre später in Saint-Cloud, wo Mariette
auf den Geliebten wartet und sich von ihm mit der Abschiedsmelodie aus dem letzten
Akt der Binnenoper verabschiedet. Die Oper wird hier musikalisch zitiert (siehe Mariette: I, 125 und III, 155-167).
Im vierten Akt erfahren wir, dass Mariette anschließend wieder als Opernsängerin aufgetreten sei und Karriere gemacht habe. Dieser vierte und letzte Akt spielt im
Jahre 1928, also im Jahr der Uraufführung von Mariette ou Comment on écrit l’histoire. Die
inzwischen Hundertjährige wird vorgestellt als eine liebenswürdige alte Dame, die von
ihren Enkelkindern Colette und René umringt wird. Im Vergleich zu ihrer früheren
Schönheit ist sie jetzt laut Nebentext nur noch ein ‹kleines, altes Hutzelweibchen› («une
pauvre petite chose ratatinée», Nebentext, Mariette: IV, 177).
Mariette wird im vierten Akt von einem Journalisten interviewt, dem die Nachricht zu Ohren gekommen ist, «que l’empereur Napoléon III avait passé dans cette maison la nuit du coup d’État» (Mariette; IV, 181). In ihrem hohen Alter sind Mariettes Erinnerungen an die Liebesgeschichte aber nicht mehr so zuverlässig: 16 Sie irrt sich nicht
Dabei hatte sie ihrem Geliebten damals versichert: «Je ne suis pas de celles qui oublient […] et dussé-je
vivre cent ans, ma mémoire fidèle gardera le souvenir des minutes passées dans vos bras … et, quant à
16
234
nur im Hinblick auf die Zeit, sondern auch bezüglich Namen und Ortschaften.17 Es
handelt sich also um das Vorführen falscher Geschichtsschreibung oder unzuverlässigen
Erzählens18 (respektive um eine unzuverlässige Erzählerin) – ein Phänomen, das uns in
der Epik auf ähnliche Weise begegnet, beispielsweise in postmodernen Romanen, welche Förster in eine Strömung der Wiederkehr des Erzählens einordnet19. Damit wird auch
der Untertitel «comment on écrit l’histoire» metatheatral auf der Bühne erklärt (vgl. Paratext, Mariette, 121). Diese Szene hält insofern komische Momente für die Zuschauer
bereit, als sie durch die vorherigen Akte (insbesondere der Rahmenhandlung) darüber
informiert worden sind, wie sich das Geschehen ‹wirklich› (also: in der Dramenrealität)
zugetragen hat.
Am Ende des Stückes wird nochmals direkt auf die Aufführung der Binnenoper
angespielt: Irrtümlicherweise singt Mariette nämlich ihr «air des ‹Adieux›», die Worte des
Abschieds, zu einer Walzermelodie aus der Oper (Mariette: IV, 186). Dies tut sie zum
Erstaunen des Journalisten, welcher nachfragt: «Comment, madame… c’était une valse?
Vous êtes sûre?» (ebd.). Es handelt sich dabei um den Walzer, «qu’elle a fredonnée au
prince Louis-Napoléon la première fois qu’ils se sont vus dans le foyer du théâtre
d’Amiens» (Nebentext, Mariette: IV, 186; vgl. Mariette: II, 153f.). Mariettes Irrtum erklärt
sich durch folgende Begebenheit: Im zweiten Akt des Theaterstücks hat LouisNapoléon bedauert, dass er die gesungene Abschiedsszene der Binnenoper nicht werde
hören können, und Mariette gebeten, «de […] chanter […] tout de suite l’Air des ‹Adieux›, du dernier acte» (Mariette: II, 153f). Dem Wunsch, ihm diese Darbietung parallel
zur laufenden Aufführung zu bieten, ist Mariette im zweiten Akt nur halb nachgekommen. Den Walzer ohne Worte zuerst nur summend und nur am Ende singend, hat sie
des Prinzen Einladung zum Essen zur soeben auf der Bühne gespielten Walzer-Melodie
abgelehnt mit den Worten «Non, non, non, non, non» (ebd., 154), um sie zuletzt dennoch anzunehmen mit einem «Oui» (ebd.).
l’heure que je viens de vivre, elle est gravée en moi d’une manière ineffaçable.» (Mariette: III, 167) – zum
Vergnügen des Publikums wird sich diese Vorausdeutung nicht ganz erfüllen.
17 Beispielsweise berichtet sie, Louis-Napoléon in Paris – statt in Amiens – getroffen zu haben (vgl. Mariette: IV, 182). Auch ist sie davon überzeugt, den Geliebten gegen 23 Uhr abends getroffen zu haben (vgl.
ebd.) statt um 1 Uhr morgens (vgl. Mariette: III, 156). Anstelle von «Jérôme Bonaparte» (vgl. ebd., 160)
sei – so verdreht sie die historischen Tatsachen – der König von Sachsen («le roi de Saxe») anwesend gewesen (vgl. Mariette: IV, 184). Etwas später sagt sie stattdessen‚ es habe sich um den König von Bayern
gehandelt (vgl. ebd., 185).
18 Dieser narratologische Terminus lässt sich hier auf Guitrys Stück übertragen. Umschreiben ließe sich
dies auch mit Försters Begriff «Geschichte als Gedankenspiel» (vgl. Förster 1999, 13).
19 Vgl. Förster 1999, z.B. 14ff.: Förster schreibt etwa, Das Parfum von Süskind werde « – als Gedankenspiel – in die offizielle Geschichtsschreibung eingeschrieben» (ebd., hier 14).
235
Es handelt sich hierbei um ein wörtliches Zitat aus dem Libretto da Pontes zu
Mozarts Oper Le nozze di Figaro (1786).20 In besagter Oper findet sich diese Häufung
von Nein-Ausrufen ebenfalls fünfmal, gesungen vom Grafen im letzten Akt: «No, no,
no, no, no» (Le nozze di Figaro: IV, scena XV, 98).21 Guitry macht hier dasselbe, was
vor ihm bereits Mozart an anderer Stelle in seiner Oper Don Giovanni getan hat: Er zitiert
Le nozze di Figaro!22 Guitry spielt an dieser Stelle wahrscheinlich auch an Charles
Gounods Oper Roméo et Juliette (1867)23 an, zumal dieses Stück eine ähnliche Häufung
von (dort vier) Nein-Ausdrücken aufweist, natürlich die bekannte Liebesgeschichte behandelt und Mariettes Name jenem der Juliette formal auffallend ähnlich ist. Sehr bekannt ist zudem eine Szene im ersten Akt, in der Gounods Juliette ebenfalls einen Walzer singt mit dem Titel Je veux vivre (siehe Roméo et Juliette: I, no 3, Ariette, 32). Auch
hier handelt es sich, wie bei Guitry, nicht um die Szene mit den Nein-Ausrufen.24 Ein
Anachronismus entsteht im Falle einer Anspielung insofern, als Gounods Oper zur Zeit,
in der der zweite Akt von Guitrys Oper im Musical spielt (nämlich 1848), eigentlich
noch gar nicht erfunden ist, womit wir es mit einer postmodernen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zu tun hätten.
20 Datierung nach: Opernführer [o.V.] (2011): The virtual opera house. Le nozze di Figaro. Oper. [Onlinefassung]. URL: <http://www.opera-guide.ch/opera.php?id=250&uilang=de> (22.05.2013). Die besagte
Oper wird am Anfang des zweiten Aktes von Mariette als expliziter Opernverweis von einem der fiktiven
Darsteller erwähnt, nämlich von Gabriel, der erzählt, dass er bei einer Aufführung 1827 von Les noces de
Figaro in Saint-Nazaire dabei gewesen sei, was er als persönlichen Triumph ansehe, obschon die Oper damals vom Publikum ohne große Begeisterung aufgenommen worden sei (siehe Mariette: II, 137). Das sei
vor 21 Jahren gewesen (der zweite Akt der Rahmenhandlung spielt nämlich im Jahre 1848).
21 Das Theaterstück Beaumarchais von Guitry beinhaltet eine Lesung aus dem Werk Le mariage de Figaro, das
die Grundlage für Mozarts Oper bildete. Guitry hat sich sowohl mit Mozarts als auch Beaumarchais’ Leben und Werk intensiv auseinandergesetzt. Über beide Künstler hat er je ein Theaterstück geschrieben,
das als Titel deren Namen trägt, Mozart und Beaumarchais. Bei Mozart handelt es sich um ein Musical.
22 Da (wie oben erwähnt) die mehrfache Verneinung zur Walzermelodie gesungen wird, wird die Oper Mozarts musikalisch – nach der Tonversion zu urteilen – nicht anzitiert (die Partitur zum Musical wurde indessen nicht analysiert). Es handelt sich also um ein reines Operntext-Zitat. Die Oper Don Giovanni (als
Guitrys Vorlage) enthält ihrerseits mehrere direkte, auch musikalische Opern-Zitate, wie Fricke (2000)
ausführt – wobei hier insbesondere auf jenes aus Le nozze di Figaro verwiesen werden soll: «Am geistreichsten […] pointiert […] Mozart einen […] Selbstbezug. Im Finale des ‹Don Giovanni› spielen die Tafelmusiker zunächst zwei Stücke, deren fremde Herkunft der offenkundige Opernkenner Leporello sogleich ausdrücklich benennt: Erst ‹Bravi! Cosa rara!› (aus Vicente Martín y Solers ‹Una cosa rara ossia Bellezza ed onestà›
[…]); dann ‹Evvivano i Litiganti› (aus Giuseppe Sartis Oper ‹Fra i due litiganti il terzo gode› von 1782 […]).
Als drittes aber ertönt eine Melodie, die Leporello selbst gleich singend übernimmt und doch nur indirekt
kommentiert: ‹Questa poi la conosco pur troppo…› (‹die Musik kommt mir äußerst bekannt vor›, lautet
Levis populäre Übersetzung). […] Woher er sie kennt? Es ist der stadt- und weltbekannte Gassenhauer
desselben Prager Bassbuffos Felice Ponziani: Figaros satirisches Marschlied ‹Non più andrai› (‹Nun vergiß
/ Leises Flehn›) aus Mozart-da Pontes ‹Nozze di Figaro› von der vorigen Spielzeit 1786/87» (Fricke 2000,
112; kursive Hervorh. der Operntitel, M.H.)
23 Datierung nach: Paratext. Jules Barbier/Michel Carré: Roméo et Juliette, 23.
24 Bei Gounod singen Capulet und der Chor im Finale des dritten Aktes «La paix? non! non! non! non!
jamais!» (Roméo et Juliette: III, no 13 – Final, 52). Zur Stellung dieser Szene innerhalb der Gesamtoper
von Gounod entnimmt man dem Kommentarteil: «‹La paix! … non! jamais› tels étaient, clamés fortissimo, les derniers mots du finale de l’acte précédent, culmination sonore centrale de l’opéra.» (Kommentarteil,
Roméo et Juliette, 53).
236
Die Funktion des oben erwähnten Opernzitates aus Le nozze di Figaro respektive
dieser verschiedenen Opernzitate ist es, einen Wiedererkennungseffekt zu bewirken,
zumindest beim opernkundigen Teil des Publikums, welches ganz im Sinne von Leporellos Ausruf im Finale der Oper Don Giovanni denken mag: ‹Das kenn ich doch irgendwoher …!› – «Questa poi la conosco pur troppo …» (Don Giovanni2: II, scena XII25; zitiert bei Fricke 2000, 112). Es handelt sich hier um bei einem Boulevardautor eher unerwartetes Beispiel der «Oper und ihrer ureigenen Potenzierung, […] der Spiegelung ihrer
Integration von Wort und Ton» (Fricke 2000, 112; Hervorh. im Original).
Durch die Nein-Ausrufe kann außerdem eine inhaltliche Parallele gezogen werden zwischen Mozarts Oper Le nozze di Figaro und seinem Don Giovanni – bereits der
Name des Verführers lässt bei Guitry ebenfalls an Don Giovanni denken, außerdem gibt
es inhaltliche Ähnlichkeiten zwischen den beiden Opern:
Der Quasi-Nobilitierung Susannas korrespondiert die Selbsterniedrigung des Grafen in der
Scena ultima: als er hier die Gräfin als Treuebrecherin entlarven will, Susanna ihn aber in deren
Verkleidung, kniefällig sekundiert vom ganzen Ensemble, um Vergebung bittet, verweigert er
diese mit dem brüsk wiederholten «No! No, no, no, no, no!»26 Es gemahnt auffallend an das
«No!» Don Giovannis, mit dem dieser die Aufforderung des Komturs zur Reue wiederholt zurückweist. Hier wie da bedeutet das «No» die Weigerung des Außenseiters, sich in die Gemeinde […] einzufügen.
(Borchmeyer 2006;27 Anm. M. H.)
Borchmeyer meint wohl Don Giovannis Replik dem Komtur («Commendatore») gegenüber in der vorletzten Szene der Oper: «Nò nò, ch’io non mi pento / Vanne lontan
da me», in der deutschen Übersetzung wiedergegeben mit: «Nicht kenn’ ich Buß’ und
Reue, / Hebe dich weg von hier!» (Don Giovanni: II, Scena 15, 81; respektive Don
Giovanni (Übers.): 74). Insbesondere interessant ist die daran anschließende Folgeserie
von «sì! – no!»-Repliken zwischen dem Komtur und Don Giovanni (vgl. ebd.: II, Scena
15, 81). Diese kommen bei Guitry ähnlich in der über den Walzer gesprochenen Szene
vor: Louis-Napoléon stellt Mariette einige Fragen, die sie manchmal bejaht und meistens
verneint (vgl. Mariette: II, 151-154). Sein Ziel ist, dass sie seine Einladung zum Abendessen annimmt, was er, nachdem sie ihm zum dritten Mal Nein gesagt hat, mit folgenVgl. folgende Fassung des italienischen Librettos zu Don Giovanni. Opernführer [o.V.] (2011): The virtual opera house. Don Giovanni. Libretto. Italienisch. [Onlinefassung]. URL: <http://www.operaguide.ch/opera.php?id=251&uilang=de> (22.05.2013). Dieses metatheatrale Element fehlt im anderen,
mir vorliegenden Libretto.
26 Diese leichte textliche Abweichung bezüglich der Schlussszene findet sich nur im von der Opéra de Lyon
herausgegebenen Libretto: Le nozze di Figaro2: IV, scena ultima, 268; [PDF-Onlinefassung].
URL:<http://www.operalyoncom/fileadmin/user_upload/Documents/opera_06_07/Les_Noces_figaro/Les_Noces_de_Figaro.pdf>
(22.05.2013).
27 Borchmeyer (2006): Mozart – Zeitgenosse der französischen Revolution. In: Europa Revue (2006). Revue D’actualité politique, littéraire et artistique. [Onlinefassung]. URL: <http://www.sinecausa.com/er/arte/musique/mozart/mozart_d.htm> (22.05.2013).
25
237
den Worten zum Ausdruck bringt: «Vous ne pouvez cependant pas tout me refuser ce
soir !» (Mariette: II, 152). Auch bezüglich der Einladung gibt es eine inhaltliche Parallele
zum Don Giovanni, nämlich zu der oben anzitierten Verneinungs-Szene, in welcher der
furchterregende Komtur immer wieder betont, dass Don Giovanni ihn doch eingeladen
habe. So fragt der steinerne Gast in der Oper mehrmals um eine Einladung (wie LouisNapoléon seine Marietta bittet, die in der Oper einen Giovanni spielt): «Rispondimi, verrai / Tu a cenar meco?»; in deutscher Übersetzung: «Gib Antwort mir, / Wirst mein
Mahl auch du nun teilen?» (Don Giovanni: II, Scena 15, 80; Übers. 74). In Guitrys Stück
fragt Louis-Napoléon seine Geliebte desgleichen: «Vous venez souper avec moi, n’est-ce
pas ?» (Mariette: II, 155).
Trotz einzelner inhaltlicher Übereinstimmungen handelt es sich sonst um zwei
ganz andersartige Szenen, was gerade auch die Komik der Anspielungen ausmacht: Bei
Guitry geht es um eine romantische Liebesszene, in der Mariette als eine weibliche
(Don-)Giovanni-Darstellerin, in komischer Verkehrung der Oper, das Nein als Zurückweisung der Einladung zum Essen ausspricht. Im Don Giovanni kommt die Einladung in
der Szene des Komturs vor, welcher als Steinerner Gast von Don Giovanni vergebens
verlangt, dass er seine Taten bereut. Durch seine Uneinsichtigkeit wird Don Giovanni
direkt in die Hölle überführt. Das Opernthema wird bei Guitry thematisch einem Boulevardstück angepasst. Da auch die Folge von Ja-Nein-Repliken aus Don Giovanni von
Guitry teilweise übernommen wird, kann von einer doppelten Anspielung auf Mozarts
Opern gesprochen werden, nämlich bezogen auf Le Nozze di Figaro und Don Giovanni.
Ergänzend erwähnt wurde auch die möglicherweise mitgedachte intertextuelle und musikalische (Walzer-)Anspielung an Gounods Roméo et Juliette. Als weitere Parallele zu
Guitrys Giovanni-Figur in der Binnenoper (die von Mariette gesungen wird) weist, wie
bereits erwähnt, auch Le Nozze di Figaro eine Hosenrolle auf, nämlich jene des Cherubino. Wie diese Figur ist auch Guitrys Giovanni-Figur in der Binnenoper (genauso wie
sein Vorbild bei Mozart) ein Schürzenjäger.
Guitrys Umgang mit dem Kunstmittel der Oper im Theater zeigt, wie vielseitig er
die Binnenoper und die Opernverweise einsetzt, sowohl für parodistische Zwecke und
zum Erzeugen von Komik, aber auch, indem er auf bekannte Opernwerke anspielt,
während ihm die Oper zugleich als Rahmen für eine Liebesgeschichte zwischen einer
einfachen Sängerin und einer historischen Persönlichkeit dient (das Paar lernt sich bekanntlich im Kontext einer Aufführung kennen). Nicht zuletzt kann die Anspielung auf
diese beiden Opern von Mozart ebenso als selbstreflexiver Fingerzeig auf Guitrys eigenes
238
Musical Mozart (1925) beabsichtigt worden sein, das er in Zusammenarbeit mit dem
Komponisten Reynaldo Hahn konzipierte – zumal die Mariette-Darstellerin Yvonne
Printemps auch darin eine Hosenrolle spielte, nämlich Mozart selbst.
Durch die Verdrehung der historischen Tatsachen von Seiten der inzwischen
hundertjährigen Sängerin (einer unzuverlässigen Erzählerin) im letzten Akt wird nicht
nur die Geschichtsschreibung parodiert – die Einwände des Journalisten weisen auf die
Gedächtnislücken der Sängerin hin –, sondern es wird im metaliterarischen28 Sinne auch
das Schreiben von fiktionalen Texten (einschließlich Theaterstücken respektive Musiktheatern) thematisiert, nämlich die Wichtigkeit betont, dass eine Geschichte genügend
durchdacht ist und alle Passagen darin genügend motiviert sind.
8.3.
Oper im Theater bei Guitry
Im Vorspiel von Quand jouons-nous la comédie ? (1935) wohnt das echte Theaterpublikum
nur akustisch Jules Massenets Oper Werther (1892)29 bei, also dem Bühnenwerk eines
anderen realen Autors. Das entsprechende Original-Libretto stammt von Édouard Blau,
Georges Hartmann und Paul Milliet. Die Darsteller von Werther figurieren ebenfalls als
Hauptpersonen der Rahmenhandlung. Die Szene der als Vorspiel benannten Rahmenhandlung zeigt Ereignisse hinter der Bühne.
Auf ähnliche Weise wie das Hamlet-Drama im Stück Die Barcarole von Goetz
(1963) wird uns die Binnenoper Werther in den ersten beiden Bildern vermittelt, nämlich
rein auditiv (siehe oben, Kap. 6.2.2.). Hinter der Bühne ist die Oper hörbar. Im Büro
des Direktors steht außerdem ein Lautsprecher, über den die Oper live übertragen wird.
Dieser Lautsprecher wird nur zeitweise eingeschaltet. Während Binnenoper und Rahmenhandlung vorerst ohne Berührungspunkte parallel ablaufen, beginnen sie plötzlich,
aufeinander Bezug zu nehmen. Dies geschieht zuerst zufällig, als der Chef der Bühnenarbeiter mit dem Theaterdirektor über die versprochene Gehaltserhöhung verhandelt:
Le chef machiniste : Vous avez dit : « à Noël… »
Le directeur : Je vous ai dit : « Jamais ! »
Le directeur rouvre le haut-parleur brusquement et l’on entend :
Voix de Charlotte :
Tu m’as dit : A Noël… et j’ai crié : Jamais !
(Quand jouons-nous… ?: 2, 49)
Es handelt sich um die gesungenen Worte aus der Oper, die Lotte im Brief liest, den sie
von Werther erhalten hat (vgl. Werther: III, 32). Diese Szene erzielt einen komischen
28 Wolf (2007, 38) verwendet in seinem Artikel Metaisierung als transgenerisches und transmediales Phänomen «Metaliteratur» als Oberbegriff für potenzierte Literatur (ebd., Hervorh. M.H.).
29 Datierung nach der Uraufführung nach: Opernführer [o.V.] (2011): The virtual opera house. Werther.
Komponist.
Massenet:
Bühnenwerke.
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.operaguide.ch/opera.php?id=209&uilang=de> (22.05.2013).
239
Überraschungseffekt durch die Übereinstimmung des Wortlauts von Rahmenhandlung
und Binnenoper – die Binnenoper wird dadurch ins Lächerliche gezogen, aus ihrem eigentlichen Kontext herausgelöst und in einen neuen Kontext gestellt.
Später, als sich in der Rahmenhandlung die Duchesse de Touzac im Büro des
Theaterdirektors aufhält und nachdem den Hauptdarstellern der Vorschlag eines Dreijahresvertrags unterbreitet wurde, ertönt aus dem Lautsprecher wiederum die Oper:30
Voix de Charlotte, chantant:
Réponds ! Réponds !
Voix de Werther, parlant très bas : C’est à toi de répondre d’abord. Qu’est-ce que tu en penses de
cet engagement ? C’est long, trois ans, hein ? Tu ne trouves pas ?
Voix de Charlotte, chantant :
Ah ! C’est horrible !
La duchesse : Mais ce sont eux qui parlent ?
Le directeur : Évidemment. Entre leurs répliques…
La duchesse : Mais de la salle, on doit les entendre ?
Le directeur : Non, non, sûrement pas… pas plus que le souffleur …
Voix de Werther, chantant :
Qui parle ?
La duchesse : Chut !
(Quand jouons-nous… ?, 2, 61 ; vgl. Werther: IV, 45 31)
Die Hauptdarsteller haben den Ratschlag der Herzogin «Vous allez y penser en chantant» (Quand jouons-nous… ?, 2, 60) wörtlich genommen und denken während der
Aufführung, zwischen den gesungenen Passagen, leise miteinander sprechend darüber
nach. Es handelt sich um das zweite Bild im vierten Akt der Binnenoper Werther von
Massenet – auch im äußeren Drama befinden wir uns im zweiten Bild. Diese Szene zeigt
beispielhaft das Zusammenspiel von Rahmenhandlung und Binnentheater auf, denn das
Gespräch und die gesungenen Passagen passen auch hier inhaltlich zusammen und ergeben –aus dem Opernkontext herausgerissen – einen neuen Sinn.
Eine Quelle der Komik liegt darin, dass der Direktor und die Herzogin auf diese
Weise ein Gespräch mithören, das nicht für sie bestimmt ist – dies hängt zwar nicht direkt mit der Binnenoper, wohl aber mit deren Übertragung ins Direktorenbüro zusammen: Das Gespräch wird nur deshalb gehört, weil es sich auf der Bühne während der
Aufführung abspielt. Die Herzogin von Touzac deutet außerdem die gesungene Passage
aus der Oper, «Qui parle?» (Quand jouons-nous… ? : II, 61), irrtümlicherweise als Dramenwirklichkeit. Sie fühlt sich davon angesprochen, als würde ihre eigene Stimme von
Die gesungenen Passagen der Binnenoper werden wie in der Vorlage durch Kursivsetzung gekennzeichnet.
31 Der genaue Wortlaut der Opernszene, in der Charlotte den im Sterben liegenden Werther entdeckt, lautet:
CHARLOTTE : […] Réponds ! réponds ! – Ah ! c’est horrible !
WERTHER, ouvrant les yeux, reconnaissant Charlotte.
Qui parle ?… Charlotte, ah ! c’est toi, […]
(Werther: IV, 45)
30
240
den Schauspielern auch gehört – in diesem Sinne ist wohl ihr Ausruf «chut» (auf
Deutsch etwa ‹still›) zu verstehen (vgl. Zitat oben). Die Einblendung des Gesprächs
während der Oper führt also zu einer Art Verwechslungskomik. 32
Tatsächlich spricht der Werther-Darsteller in der nächsten Replik, aus seiner
Rolle tretend, über die Herzogin von Touzac – damit ist wiederum in erster Linie ein
komischer Effekt verbunden, weil die Herzogin die Szene ohne das Wissen der Schauspieler mithört:
Voix de Werther, parlant : Je vois bien leur intérêt à eux, et cette vieille folle n’est pas bête, pardi !
Mais ne pensons qu’à nous. Ce qui compte… (Chantant.)
Charlotte, ah ! C’est toi ! […]
Voix de Werther, parlant : Et est-ce que tu ne crois pas qu’on ferait justement bien mieux de quitter le théâtre en pleine gloire ?
Voix de Charlotte, parlant : Oh ! Si, sûrement.
Voix de Werther, parlant : Et de vivre enfin pour nous. Je veux profiter de toi, de toi que j’aime.
Quand je pense que, depuis dix ans, jamais… (Chantant)
Tu n’as rien fait que de justice et de bon !
Mon âme
Te bénit pour cette mort
Qui te garde innocente
Et m’épargne un remords ! […]
Voix de Werther, parlant : […] Et puis, entre nous, franchement, je n’aime pas ce grand théâtre…
(Chantant.)
Ah ! non, il ne faut pas qu’on vienne
Encore ici
Nous séparer.[…]
Voix de Charlotte, parlant : Tu as raison. Ne faisons pas comme les autres… et n’attendons pas
qu’on nous chasse.
(Quand jouons-nous… ?, 2, 61f.)33
Am Ende des Gesprächs beziehungsweise der Oper ist es beschlossene Sache, dass das
Schauspielerpaar den unterbreiteten Vertrag aus den oben dargelegten Gründen nicht
unterschreiben wird. Die Originalität dieser Szenen erwächst aus der Verwebung eines
nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Gesprächs über das Theater unter Schauspielern
mit der fortlaufenden Binnenhandlung des vierten Aktes der Werther-Oper. Obschon
zwischen Rahmenhandlung und Binnenoper auf den ersten Blick kaum Übereinstimmungen bestehen (außer dem, dass es in beiden Fällen um ein Liebespaar geht), werden
die gesungenen und gesprochenen Repliken von Guitry so ineinandergeflochten, dass
32 Darunter versteht man die «[e]rheiternde Wirkung eines vom Publikum durchschauten Irrtums über die
Identität einer Bühnenperson bei anderen Figuren […]» (Fricke/Salvisberg 1997, 279-282) – wobei es sich
hier genauer um eine Verwechslung in Bezug auf den Adressaten und eine falsche Einschätzung des ontologischen Status’ der Passage handelt – denn die Baronin fühlt sich direkt vom Sänger auf der Bühne angesprochen, hält sich also für die Adressantin der gesungenen Passage, die eigentlich zur Oper gehört –
also fiktional ist.
33 Die Szene folgt genau dem Wortlaut der Oper:
WERTHER, qui s’est soulevé un peu. Non! / Tu n’as rien fait que de juste et de bon!/ Mon âme reconnaissante / Te bénit pour cette mort / Qui te garde innocente / Et m’épargne un remords!
[…] Il tombe assis, puis, le front sur la main de Charlotte, et d’une voix très douce, presque câline.
Et puis, il ne faut pas qu’on vienne / Encore ici / Nous séparer…
(Werther: IV, 45; Hervorh. der Übernahmen Guitrys, M.H.)
241
sie inhaltlich sowohl zur Rahmen- als auch zur Binnenhandlung passen. Auf eine originelle Weise wird so nicht zuletzt auch die finanzielle und allgemeine Situation eines
(Opern-)Schauspielers metatheatral angesprochen und thematisiert. Technisch gilt es
außerdem, Musik und Sprechtext von Binnen- und Rahmenhandlung aufeinander abzustimmen und mit den gesprochenen und auf der Bühne gezeigten Passagen im Direktorenbüro zu koordinieren – es konnte dafür mit einer Opern-Aufzeichnung gearbeitet
werden, das Stück verlangte also im Gegensatz zu Mariette ou Comment on écrit l’histoire
(1928) nicht notwendigerweise die Inszenierung einer Binnenoper.
Noch eine weitere originelle, wenn auch etwas unglaubwürdig wirkende Überraschung ist im Stück Quand jouons-nous la comédie ? mit der eingespielten Oper im Musiktheater verbunden: Die Hauptdarsteller und auch der Theaterdirektor haben offensichtlich vergessen, dass die Binnenoper gerade an besagtem Abend live am Radio ausgestrahlt wird. Dadurch haben nicht nur der Theaterdirektor und die Herzogin, sondern
ganz Paris – ausgenommen die Leute im Theatersaal – das geflüsterte Gespräch mitgehört und sind informiert über den Rücktritt der Schauspieler und über die Zustände, die
am Theater herrschen. Die Rücktrittsentscheidung kann und soll nun nicht mehr rückgängig gemacht werden. Als die Darstellerin der Charlotte sagt: «Et si nous étions des
comédiens au lieu d’être des chanteurs, nous jouerions pendant vingt ans encore !»
(Quand jouons-nous… ?, 3, 70), nimmt der in der Rahmenhandlung auftretende Autor
sie beim Wort: Die Laufbahn als Sänger von ihr und ihrem Gemahl findet ihre Fortsetzung in einer Schauspielerkarriere.
8.4.
Musical im Musical bei Coward
Cowards Musiktheater Cavalcade (1931) ist wie Guitrys Drama Histoires de France (1929)34
ein historisches und teilweise auch patriotisches Theaterstück. 35 Bei beiden Stücken
handelt es sich außerdem um Musicals. 36 Histoires de France enthält jedoch als Binnenstück kein Musical, sondern ein Drama, nämlich Georges Dandin von Molière (vgl. oben,
Kap.6.2.2). Die als Bilder benannten Sequenzen werden bei Guitry loser zusammengehalten und umfassen eine größere Zeitspanne als bei Coward. Cavalcade reiht darin in
aufwändiger Inszenierung bedeutende Ereignisse aus dreißig Jahren englischer GeDatierung der Uraufführung nach: Paratext, Histoires de France, 187.
Coward hat später zusammen mit David Lean In Which We Serve (1942) als patriotischen Propagandafilm
gedreht;
vgl.
Noël
Coward
Society.
Chronology.
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
36 Als ein solches patriotisches Theaterstück kann Cavalcade (mit seiner Mischung aus gesprochenen und
gesungenen
Passagen)
klassifiziert
werden,
vgl.
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.noelcowardmusic.com/html/musicals.html> (22.05.2013).
34
35
242
schichte aneinander, ähnlich wie Guitry dies in seinem Stück für die französische Geschichte getan hat. Bei Coward werden die Szenen insbesondere zusammengehalten
durch die Familie von Sir Marryot. Es wird beschrieben, wie die Familie historische
Vorkommnisse wie den Burenkrieg, den Tod von Queen Victoria im Jahre 1901 oder
den Beginn des Ersten Weltkriegs wahrnimmt.
Das heute fast vergessene Stück verhalf Coward in den 30er Jahren zum Durchbruch als Schriftsteller (vgl. Kiernan 1986, 94). Coward sei stärker um die theatralen Effekte seiner Stücke besorgt gewesen als um intellektuelle Provokation, schreibt Kiernan
(ebd.), der das Stück wegen seiner Theatralität erwähnenswert findet (ebd., 119): Das
Stück beinhaltet 22 Szenen und sehr viele Bühnenbilder und Ortswechsel, neben 40
großen Rollen sind hunderte von Nebendarstellern und unzählige Kostüme vorgesehen
– Coward hat, so Kiernan, mit 3700 gerechnet (siehe ebd., 115). Für die Aufführung
wird also ein immenser Theaterapparat benötigt. Kiernan betont, Cavalcade zeuge von
Cowards dramaturgischem Können und seinem tiefen Verständnis für die «stagecraft
and production values» (ebd.). Er beschreibt diese aufwändige Inszenierung als einen
Versuch Cowards, das Kino mit den Mitteln des Theaters zu konkurrenzieren. Das
Stück sei «The Master’s answer to a fashionable view that the stage had to defer the cinema in terms of spectacle» (ebd.). Das Stück stuft Kiernan, neben anderen wie beispielsweise Waiting in the Wings, als «melodramatic» ein (ebd., 94). Er betont, dass es auch
ernsthaftere Themen behandle; so würden darin verschiedene soziale Klassen angesprochen oder auch «the human cost of war» (vgl. ebd., 93) – die Opfer des Krieges. Hahn
stellt dagegen Kiernans «uneingeschränkte Zuordnung von Cavalcade zu den Melodramen» in Frage, ohne dies genauer auszuführen (Hahn 2002, 11). Sie kritisiert allgemein
Kiernans Einteilung von Cowards Stücken «nach teilweise überraschenden Untergattungen» (ebd.). Werden Brunets inhaltliche Merkmale eines Melodramas zu Hilfe gezogen,
zu denen inhaltlich etwa das Vorkommen von «mariages forcés, séquestrations, vols,
assassinats» gehört (Brunet 2005, 34), so kann Hahn zugestimmt werden, dass es sich
bei Cavalcade nicht um ein typisches Melodrama handelt, denn solche thematischen
Elemente fehlen. Insofern, als das Stück jedoch traditionelle Werte betont, beispielsweise «la loyauté, le service rendu à la patrie, […] le courage» (ebd., 35), weist es trotzdem
vereinzelte Merkmale eines Melodramas auf. Es fällt außerdem das Vorherrschen eines
ernsten und auch patriotischen Tons auf, vor allem in der Rahmenhandlung, weshalb
man dieses Stück Cowards zum «Boulevard sérieux» zählen kann (zum Begriff, vgl.
Brunet 2005, 26).
243
In der Rahmenhandlung von Cavalcade geht es um zwei Paare aus verschiedenen
sozialen Klassen, einerseits das wohlhabende Ehepaar Jane und Robert Marryot mit den
Kindern Edward und Joe, andererseits das Dienstbotenpaar Alfred und Ellen Bridges
mit der Tochter Fanny. Man kann durch die Verdoppelung des Paares von einer Art
Spiegelung sprechen, wobei es sich aber weniger um ein metatheatrales Element handelt
als vielmehr, durch die Einteilung in Herr und Diener, um eine typische Komödienkonstellation. Der Anfang des Musicals Cavalcade ist auf den Neujahrsabend 1899 datiert.
Sowohl Robert als auch Alfred werden die Heimat bald verlassen, um am Burenkrieg in
Südafrika teilzunehmen. In der dritten Szene, die vier Monate später spielt – Robert ist
inzwischen in den Krieg gezogen –, lässt sich Jane von ihrer Freundin Margaret Harris
nur mit Mühe dazu überreden, einer Theateraufführung beizuwohnen, um sich von den
Sorgen abzulenken (siehe Cavalcade: I, 142). Margaret sagt zu Jane «it’s senseless sitting
at home all by yourself fretting and worrying» (ebd., 140).
Bei dieser Aufführung (als eigentlichem Musiktheater im Theater), welche vom
Umfang her nur einen kleinen Teil des Stücks Cavalcade ausmacht, handelt es sich um ein
‹typisches Musical der Zeit um 1900› (vgl. Cavalcade: I, 142): Es ist ein Spiel im Spiel im
Kleinformat, aber inklusive Ouvertüre und Finale (vgl. ebd., 142-149). Der Titel des gespielten Musicals im Musical heißt, ebenso wie die Hauptperson, «Mirabelle» (ebd., 140).
In C.I.V.–Uniformen gekleidete Mädchen singen ein Lied mit dem Titel The Girls of the
C.I.V (vgl. ebd.,142) Bei den C.I.V. handelt es sich um die City Imperial Volunteers, ein
Armeeregiment im Burenkrieg. Die Kriegsthematik und der historische Bezug sind also
nicht nur in der Rahmenhandlung, sondern auch in der Binnenhandlung präsent. Die
Nummer The Girls of the C.I.V. ist im ersten Teil mit einer musikalischen Revue vergleichbar. Gesungen wird in einem munteren Sechsachtel-Takt. Die «Girls of the C.I.V.»
feiern ihre Teilnahme am Burenkrieg (vgl. ebd.). Dabei kann diese Einlage hinsichtlich
des Themas und der Musik als Musical-Parodie betrachtet werden.37
Es folgt ein Dialog zwischen der Hauptfigur Mirabelle, einer als Bäuerin verkleideten Prinzessin, und einem jungen Leutnant namens Edgar Tyrell. Im Anschluss daran
wird ein weiterer musikalischer Teil des Binnenmusicals Mirabelle mit dem Titel Lover of
my dreams ins Stück Cavalcade eingebaut, bei dem es sich auch um einen typischen zeitge-
Es handelt sich genauer um «a pastiche of a song ‹from a typical musical comedy of the period› (around
1900)» Vlasto/Farley: The Noël Coward Music Index. G&H-Titles. The Girls of the C.I.V. [Onlinefassung]. URL: http://www.noelcowardmusic.com/ncmi/g_h.html (22.05.2013).
37
244
nössischen Walzer handelt, der von Mirabelle vorgetragen wird. 38 Inhaltlich haben wir es
in diesem zweiten Teil mit einer typischen Liebesgeschichte zu tun. Sie weist insofern
Parallelen zur Rahmenhandlung auf, als die Zuschauer später im Stück Zeugen der Liebesgeschichte von Edith und Edgar werden – die Verdoppelung des Namens Edgar
mag darauf verweisen, es gibt jedoch abgesehen von der Liebesgeschichte wenig sonstige inhaltliche Parallelen.
Edith und Edgar in der Rahmenhandlung – es handelt sich um dieselben jungen
Leute, die bereits als Kinder zusammen mit Zinnsoldaten gespielt haben (vgl. Kap.
10.1.5.) – vermählen sich im Jahre 1912. Der tragische Ausgang der Hochzeitsreise wird
im Stück angedeutet, als Edith, die sich mit ihrem Ehemann auf einem Kreuzfahrtsschiff befindet, den Wunsch äußert, dieser Moment möge ewig dauern, dann auf Deck
ihren Mantel entfernt, wodurch auf einem Rettungsring der Name «S.S. Titanic» sichtbar
wird (Cavalcade: II, 178). Dazu spielt das Orchester «Nearer my God to Thee» (ebd.).
Inhaltlich unterscheiden sich die beiden Liebesgeschichten also, die Rahmenhandlung wirkt realitätsnah und lädt das echte Publikum zur Identifikation ein, während
die Binnenhandlung als komische Parodie erscheint: Das Musical-Paar Mirabelle und
Edgar findet im Gegensatz zu Edith und Edgar nicht zusammen, weil die Prinzessin
merkt, dass es Edgar nur auf ihr Geld abgesehen hat. Auch in der Binnenhandlung gibt
es, wie in der Rahmenhandlung, eine Verdoppelung der Paare: Dem Paar Edward und
Mirabelle wird nämlich auch hier ein Dienerpaar an die Seite gestellt: Tom, «a sailor»
(Nebentext, Cavalcade: I, 145) und als Soubrette das vermeintliche Milchmädchen Ada, in
Wirklichkeit «Lady’s Maid to the princess Mirabelle», wie Ada sich selber vorstellt (vgl.
ebd., 147).
Das Lied des Binnen-Finales wird schließlich durch eine Meldung des stage managers gestört, welcher die Befreiung von Mafeking bekanntgibt. Diese Meldung aus der
‹Wirklichkeit› unterbricht das Stück, sie löst bei den Schauspielern auf der Bühne Freude
aus und lässt auch Jane im Binnenpublikum erleichtert jubeln. Das Publikum singt daraufhin «Auld Lang Syne» und hält sich bei den Händen (vgl. Nebentext, Cavalcade, I,
149). Damit nehmen die Ereignisse der Rahmenhandlung endgültig die Überhand über
die auf der Bühne nicht weitergeführte Binnenhandlung, in welcher sich Mirabelle, wieAuf die Verwendung eines Walzers in Guitrys Mariette (oder auch in Gounods Roméo et Juliette) wurde
bereits hingewiesen. Es fallen bei Coward folgende Ähnlichkeiten zu anderen Melodien auf: «The melody
is very reminiscent of Strachey’s ‹These Foolish Things›, but then so are several other compositions of the
period (a similar pattern can be found in the verse of Johnny Green’s ‹Body and Soul›)»; vgl.
Vlasto/Farley: The Noël Coward Music Index. L-Titles. Lover of my dreams. Also known as Mirabelle
Waltz.
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.noelcowardmusic.com/ncmi/l.html#lovedreams>
(22.05.2013).
38
245
derum einen Walzer singend, darüber beklagt hat, sie sei betrogen worden. Die interne
Fiktion stellt also auch hier einen Kontrapunkt zur Rahmenhandlung dar. Mirabelle
kommt nämlich im Binnenstück zum Schluss: «All my life I have been dreaming, / Now
my dreams must die» (ebd.).
Das Musical im Musical dient vor allem der Unterhaltung, was von den Figuren
des Stücks vor dem Binnentheaterbesuch auch explizit angesprochen wird. Mit dieser
weitgehend heiteren Einlage hat Coward einen Kontrast zwischen Rahmen- und Binnenhandlung geschaffen: Die Musicaleinlage ist in erster Linie als Aufheiterung gedacht
und auf die Desillusionierung der weiblichen Hauptfigur in der Binnenhandlung folgt
dann, wiederum als Kontrast, die frohe Neuigkeit auf der Ebene der Rahmenhandlung.
Dabei müssen heutige Leser (oder Zuschauer) des Dramas im Auge behalten, dass das
Stück vor dem Hintergrund einer Krise, der Great Depression, entstand. Oft wurde das
Stück in erster Linie als patriotischer Appell interpretiert. Kiernan weist auf die komplexe Orchestrierung der Emotionen hin, welche Coward insbesondere in Bezug auf den
Krieg eingesetzt habe (siehe Kiernan 1986, 117). Dazu gehörten klar sentimentale Momente, wozu Kiernan die Musical-Aufführung zählt – gemeint ist aber wohl mehr die
Rahmenhandlung nach dem Musical als die eigentliche Binnenhandlung (siehe ebd.,
118). Coward zeigt auch Gegensätze, etwa, wenn in der ersten Szene einerseits die Menge den Truppen zujubelt und andererseits Frauen, darunter Jane und Ellen, um ihre in
den Krieg ziehenden Ehemänner weinen (vgl. ebd., 117f.). So verweist er auf die Diskrepanz zwischen optimistischer patriotischer Rhetorik und der Kriegsrealität (vgl.
ebd.). Diese orchestrierte Mischung hat verschiedene zeitgenössische Interpretationen
des Stücks zugelassen, wobei die patriotische laut Kiernan dominiert hat (vgl. ebd., 119).
8.5.
Meta-Oper im Theater bei Goetz
Wie erwähnt spielt Goetz’ Einakter Die Barcarole aus der Trilogie Seifenblasen (1963) hinter den Kulissen «während einer Aufführung von ‹Hamlet›», und zwar im Konversationszimmer, genauer im zweiten Akt kurz vor der Pause des Dramas (Barcarole, 991). Es
wird in diesem Stück wiederholt auf Shakespeares Drama Bezug genommen, das als parallel zur Rahmenhandlung ablaufend dargestellt wird (siehe Kap. 6.2.2. und Kap 7.2.).
Außerdem wird auf Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen respektive Les Contes
d’Hoffmann (beide 1881) 39 inhaltlich und auch musikalisch auf mannigfaltige Weise ange-
Datiert nach der Uraufführung in Paris (Théâtre de l’Opéra-Comique) am 10. Februar 1881 (vgl. Paratext,
Les Contes d’Hoffmann2, 4). Die deutsche Uraufführung am Wiener Ringtheater fand am 7. Dezember
1881 statt (vgl. ebd., 5).
39
246
spielt, ohne dass hierbei im ganz strengen Sinn von einer Binnenoper gesprochen werden könnte – zutreffend ist indessen der Begriff Metaoper, in Analogie zu Metatheater. Die
angesprochene Oper wird nicht, auch nicht auszugsweise, als Theater im Theater aufgeführt, was nur für den Hamlet gilt. Als sehr fragmentarischer Auszug aus einer anderen
Oper kommt zudem ein Lied aus Humperdincks Hänsel und Gretel vor (vgl. Kap. 7.1).
Auf Hoffmanns Erzählungen wird auch im weitesten Sinne metatheatral Bezug genommen
(insofern, als das Sprechen über die Oper auch theatrale Aspekte verdeutlicht); thematisch
taucht die Oper Offenbachs außerdem in einer Binnenerzählung auf – was zeigt, dass es
sich hierbei insgesamt um «intergenerische […] Metaisierungsverfahren» handelt (Oesterle 2007, 260). Es geht also um metaliterarische Strategien im Sinne einer gattungsübergreifenden «Potenzierung» (vgl. Fricke 2007, 144).40
Auf die folgende auffallende Übereinstimmung in Bezug auf die Rahmenhandlung der Barcarole und Hoffmanns Erzählungen gilt es hinzuweisen, nämlich, dass das Vorspiel von Hoffmanns Erzählungen ebenfalls während einer anderen Aufführung spielt, was
dem Einakter ohne Zweifel als Modell gedient hat. So wie bei Goetz die Rahmenhandlung der Barcarole parallel zu einer Inszenierung von Hamlet abläuft, «lässt Offenbach
seine ‹Contes d’Hoffmann› […] parallel zu einer Aufführung von Mozarts ‹Don Giovanni›
spielen» (Fricke 2000, 114; kursive Hervorh. M.H.). Abgesehen davon gibt es in Les Contes d’Hoffmann eine wörtliche und musikalische Anspielung auf Don Giovanni41, wodurch
auch E.T.A. Hoffmanns Begeisterung für Mozart Rechnung getragen wird, der sich ihm
zu Ehren «den 3. Vornamen Amadeus hinzugewählt […] hat!» (Fricke 2000, 114).
Strukturell ist eine weitere Ähnlichkeit auszumachen zwischen der Oper Hoffmanns Erzählungen und Goetz’ Seifenblasen: Bei Offenbachs Werk handelt es sich um eine
fantastische Oper «in drei Akten neben einem Vor- und einem Nachspiel» (vgl. Paratext,
Hoffmanns Erzählungen, 1).42 Die drei Akte stützen sich dabei, wie im Operntitel angedeutet, auf drei verschiedene Erzählungen Hoffmanns: Es handelt sich im ersten Akt
um die Erzählung Der Sandmann (1815), im zweiten Akt um Die Geschichte vom verlornen
Folgende Formen können beispielsweise im Einakter unterschieden werden: eine Erzählung über eine
Oper auf dem Theater (als Meta-Musiktheater), Hamlet als eigentliches Theater im Theater und Stegreiftheatereinlagen im Theater.
41 Fricke weist darauf hin, dass Niklaus in Les Contes d’Hoffmann «im Vorspiel […] Leporellos Eingangsverse «Notte e giorno faticar» zitiere, und zwar «natürlich in Mozarts Melodie und Orchestrierung – wie dessen
Leporello es schon mit der […] Figaro-Arie» getan habe (Fricke 2000, 114). In der französischen Ausgabe
singt Niklaus: «Notte a giorno mal dormire… » (vgl. Les Contes d’Hoffmann: prologue, scène 5, 9).
42 Oft wird die Oper in fünf Akte eingeteilt. Diese Einteilung soll hier nicht übernommen werden, da sich
die Übereinstimmungen zu Goetz’ Seifenblasen durch die Struktur von Vor- und Nachspiel besser aufzeigen lassen. Wenn also von Akt I die Rede ist, soll damit der erste Akt nach dem Vorspiel gemeint sein,
und so weiter.
40
247
Spiegelbilde (1814) und im dritten Akt um Rat Crespel (1816).43 Auch in Goetz’ Seifenblasen
rahmen ein Vor- und Nachspiel drei Einakter, als Ebenbild zu den Erzählungen ein:
Ausbruch des Weltfriedens, eine Anregung, wird gefolgt vom vorliegenden Stück Die Barcarole,
eine Aufregung. Abgeschlossen wird die Trilogie durch Die Bärengeschichte, eine Auf- und Abregung. Ausbruch des Weltfriedens weist im Gegensatz zu den beiden anderen Einaktern keine metatheatralen Elemente auf, weshalb das Stück nicht in die Analyse miteinbezogen
wurde.
Als Opernzitat wird in Goetz’ Einakter Die Barcarole die titelgebende Melodie
gedämpft auf dem Flügel gespielt, bei der es sich, um das Gondellied aus dem dritten
Akt der Oper Hoffmanns Erzählungen handelt.44 Zweimal wird darauf hingewiesen, dass
diese Melodie «Unglück bringt» (ebd., 992) – nämlich durch den Ersten Totengräber (der
sächsisch spricht) und durch den Hamlet-Darsteller (vgl. ebd., 997). Berichtet wird davon, dass das Wiener Ringtheater während einer Aufführung dieser Oper abgebrannt sei
(vgl. ebd., 997f.), was historisch zutreffend ist.45 Manfred (der König) liefert dafür eine rationale Erklärung: Es liege an der «Anforderung an technische Tricks und Beleuchtungseffekte» von Hoffmanns Erzählungen (ebd., 998), wodurch die Oper «prädestiniert
[sei] für kleinere oder größere Unglücksfälle» (ebd.). Conny (Hamlet) hingegen glaubt,
«daß sooft diese Oper über die Bretter geht, sich irgendein kleineres oder größeres Malheur ereignet» (ebd.) – was «nichts mit der Aufführung als solcher zu tun haben
brauch[e]» (ebd.).
Auf weitere Quellen für Hoffmanns Erzählungen verweist Martinoty: «Beim aufmerksamen Lesen lassen
sich jedoch auch Quellen in anderen Erzählungen – wie ‹Der goldne Topf› (1814), ‹Klein-Zaches genannt Zinnober› (1818) oder ‹Prinzessin Brambilla› (1820) – finden, ja sogar Anleihen bei anderen Dichtern, z. B. bei
Chamisso […]» (gemeint ist Peter Schlemihl; kursive Hervorh. der Titel M.H.). Martinoty (1986): «Hoffmanns französisches Spiegelbild». In: Programmheft der Salzburger Festspiele 1980. Abgedr. im Programmheft zu Hoffmanns Erzählungen, Niedersächs. Staatsoper Hannover (10. Dezember 1986), 5. Homepage von Terzakis (1986). [PDF-Onlinefassung]. URL: <http://www.terzakis.com/data/1986/hanhoffmann/han-hoffmann.pdf> (22.05.2013). Zur Datierung der Werke, vgl. ebd.
44 Diese Melodie stammte ursprünglich aus einer anderen Oper Offenbachs mit dem Titel Die Rheinnixen.
Möglicherweise spielt Goetz mit der Titelwahl auch auf einen deutschen Film gleichen Namens an, der
ebenfalls explizit Bezug auf den Stoff von Hoffmanns Erzählungen nahm. Es handelt sich um: Barcarolle [sic]
(D, 1934/35). Berlin: Universum Film AG Berlin. Drehbuch: G. Menzel, Regie: G. Lamprecht. Vgl.
Szebedits, Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung (2013): [Onlinefassung]. URL: <http://www.murnaustiftung.de/movie/17931>(22.05.2013).
45 Während der zweiten deutschsprachigen Aufführung am 8. Dezember 1881 brannte das Wiener
Ringtheater nieder, was den Tod fast aller Zuschauer zur Folge hatte. Zwanzig Jahre lang spielte danach
aus Aberglauben kein anderes Theater diese Oper. Trotzdem hat sich das Stück seinen festen Platz auf
den Bühnen zurückerobert und bis heute bewahrt. Vgl. Programmhinweis auf: ARD (2012): Opernführer
– Hoffmanns Erzählungen von Offenbach. Sendung ausgestrahlt anlässlich des hundertsten Geburtstags
von
Marcel
Prawy
auf
3SAT
[sic]
(26.12.2012)
[Onlinefassung].
URL:
<http://programm.ard.de/Themenschwerpunkte/Musik-und-Kultur/Klassik-Oper--Tanz/opernfuehrer--hoffmanns-erzaehlungen-von-jacquesoffenbach/eid_280077189350737?list=themenschwerpunkt>(22.05.2013).
43
248
Die beiden gegensätzlichen Betrachtungsweisen – die rationale von Manfred und
die irrationale von Conny – sind mit der Weltanschauung der Figuren in E.T.A. Hoffmanns Sandmann (einer der Vorlagen zu Offenbachs Oper) vergleichbar. Auf der einen
Seite haben wir bei Hoffmann die rationale Clara, auf der anderen Seite den irrationalen
Nathanael. In der Oper tritt außerdem Hoffmann als Autorenfigur auf. Ähnlich wie Clara, welche in der Oper fehlt, vertritt dort Freund Niklaus(welcher in der Erzählung der
Figur Siegmund entspricht) eine rationale Haltung. 46 Auf die der Oper zugrundeliegende
Erzählung (und auch auf die Oper an sich) wird auf diese Weise inhaltlich Bezug genommen: Wie Manfred gibt Niklaus in der Oper (respektive geben die Figuren Clara
sowie Siegmund in der Erzählung) vernunftgemäße Erklärungen ab, während das Weltbild von Nathanael sowie Hoffmann alias Conny/Hamlet irrational ist. Den Darstellern
ist so in der Rahmenhandlung ein ähnlicher Charakter verliehen worden wie den Figuren aus der literarischen Vorlage zur Oper, auf die angespielt wird (wobei Clara in der
Oper gar nicht auftritt47).
An Connys Erzählung vom Fluch anknüpfend berichten Polonius, der Zweite Totengräber und Hamlet über je ein unheimliches, als wahr geschildertes Ereignis im Zusammenhang mit der Oper.48 Diese Geschichten haben Einlagencharakter, sind aber
Zum Beispiel erwähnt er in der Oper die Künstlichkeit von Spalanzanis Puppen (siehe Les Contes
d’Hoffmann: I, scène 4, 25; vgl. Hoffmanns Erzählungen: I, 14). Oder er weist auf Olympias nichtmenschliche Züge hin mit den Worten: «Sie soupiert also nicht? […] Wie poetisch, idealistisch» (Hoffmanns Erzählungen: I, 18; vgl. Les Contes d’Hoffmann: I, scène VIII, 38, wo es heißt: «Elle ne soupe
pas?» und Spalanzanis Verneinung beiseite kommentiert wird mit «âme poétique», ebd.).
47 Dennoch nimmt Goetz möglicherweise auch auf diese Figur Bezug, denn im Gegensatz zu Clara, die in
Der Sandmann strickt, ist die Ophelia-Darstellerin im Stück mit «einer Häkelei» beschäftigt (vgl. Barcarole,
991).
48 Die insgesamt drei Erzählungen sind mit fast gleichem Wortlaut in Goetz’ Memoiren abgedruckt, wo es
seine Schauspielerkollegen sind, die sich die Geschichten in einem Weinkeller vor dem Opernbesuch von
Les Contes d’Hoffmann erzählt haben sollen: Die erste Geschichte (Polonius’ Erzählung) berichtet Arthur
Armand, die zweite (der Bericht des Zweiten Totengräbers) wird als persönliches Erlebnis geschildert von
Doktor Gampl (dessen Name an Doktor Mirakel denken lässt). Die dritte Geschichte (Hamlets Erzählung)
wird von Goetz als eigenes Erlebnis ausgegeben, welches sich an besagtem Abend ereignet haben soll:
Die anschließende Oper sei wegen eines Mordes ausgefallen (vgl. Kap. Mord in der Kleinstadt Memoiren, 1.
Teil, 192-201). Hier ist darauf hinzuweisen, dass man bei Goetz’ Memoiren von einer untypischen Autobiographie sprechen muss. Fiktionale und faktuale Elemente werden darin gemischt, wie das hier angeführte Beispiel zeigt, so dass nie ganz klar wird, welche Aspekte der Wirklichkeit entsprechen. Seifener
weist darauf hin, dass Goetz etwa seine Erlebnisse im ersten Teil der Memoiren «konsequent in der 3.
Person Singular» schildere (Seifener 2005, 59). «Goetz gibt dem ‹Helden›» seines Textes den Namen ‹Peterhans von Binningen› und schaltet zwischen den Autor und den Helden zusätzlich noch eine Erzählerfigur, den ‹Chronisten›, dividiert also die für die Gattung der Autobiografie kennzeichnende Einheit von
Subjekt und Objekt der Darstellung auseinander.», so Seifert (ebd.). Seifener bezeichnet dies als «Spiel mit
dem Leser» (ebd.): «Goetz führt die Bauform der Gattung vor, indem er sie ironisch unterläuft», wie Seifert betont (ebd.). Diese Ausführungen zeigen, dass Goetz nicht nur mit der Gattung des Theaters spielerisch umgeht. Es handelt sich auch deshalb um eine untypische Biographie, weil es Valérie von Martens
ist, die «die Autobiografie ihres Mannes» nach dessen Tod weiterschreibt (Seifener 2005, 58). Man könne
jedoch «ihren Anteil am Text durch die spezielle Autorenposition durchaus auch als ihre eigene autobiografische Leistung ansehen», konstatiert Seifener (ebd., 59).
46
249
nicht theatraler Natur und deshalb nicht als eigentliches Theater im Theater einzuordnen.
Auch handelt es sich hierbei um keine vorgelesenen Passagen. Sie werden jedoch wegen
der opernspezifischen Thematik als intermediale Einlagen dennoch im vorliegenden Kapitel behandelt, denn das Stück enthält bekanntlich auch ein eigentliches Theater im Theater
(nämlich Hamlet). In der Oper werden, analog zur Rahmung der Seifenblasen, die drei Erzählungen (eben als Hoffmanns Erzählungen) gleichermaßen nach dem Vorspiel eingebettet.
In Hoffmanns Erzählungen geht der Erzählanfang dann in eine Aufführung über, wie der
folgende Opernausschnitt zeigt:
HOFFMANN.
Meine Geliebte, meine Geliebte!
Meine Geliebte? O nein! Sag lieber drei!
Drei Frauen sind's von Reiz und Anmut,
Die mich mit Liebeslust erfüllten!
Soll ich euch diese tollen Geschichten erzählen?
[…]
HOFFMANN.
Ich beginne!
NIKLAUS.
Silentium!
Hoffmann beginnt, den Freunden die Geschichte seiner Liebe zu erzählen:
Drei Frauen sind’s. ...
CHOR.
Silentium!
HOFFMANN.
Der Name meiner ersten
War Olympia!
Da Hoffmann zu erzählen beginnt, verwandelt sich die Szene.
(Hoffmanns Erzählungen: Vorspiel, 11; vgl. Les Contes d’Hoffmann: prologue, scène V, 20)49
Die in der Regieanweisung angedeutete Form des Übergangs einer Erzählung in eine eigentliche Theaterinszenierung übernimmt Goetz für die dem vorliegenden Einakter übergeordnete Struktur, das Vorspiel zum Stück Seifenblasen: In dessen Vorspiel tritt Carpenter
als Autorenfigur auf und liest aus seinem Manuskript Theaterstücke vor, worunter eben
der Einakter Barcarole ist – auf ähnliche Weise, wie das die Autorenfigur Hoffmann in der
Oper tut. Erzählt werden in der Barcarole keine Liebesgeschichten wie in der OpernVorlage, sondern es handelt sich um metatheatrale Erzählungen über Schauspieler und
Schauspielerinnen:
Der Polonius-Darsteller erzählt in der ersten Geschichte über den ersten
Opernbesuch mit seinem Vater. Während der Vorführung von Hoffmanns Erzählungen sei
der Darsteller von Doktor Mirakel (der nach dem Vorspiel im zweiten Akt der Oper
vorkommt) im Anschluss an einen Szenenapplaus mitten im Akt einem Herzschlag erleIn der französischen Vorlage weist Lindorf darauf hin, dass die Vorführung von Don Giovanni in etwa
einer Stunde beendet sei. Danach lauten die entsprechenden, hier gekürzt wiedergegebenen Passagen von
Hoffmann: «Ma maîtresse ? … Non pas ! Dites mieux, trois maîtresses, / Trio charmant d’enchanteresses
/ Qui se partagèrent mes jours ! / Voulez-vous le récit de ces folles amours ? […] Je commence. […] Le
nom de la première était Olympia !» (Les Contes d’Hoffmann: prologue, scène V, 19-20).
49
250
gen. Und auf unerklärliche Weise sei der «diensttuende Theaterarzt» (ebd., 998), den
man dann aufgerufen habe, ebenfalls tot in seiner Loge aufgefunden worden. Man habe
dem Opernsänger nicht mehr helfen können. Die Suche nach dem Theaterarzt ist somit
in der Erzählung im Theater ebenso aussichtslos wie die vermeintliche Hilfe des AntiArztes Dr. Mirakel in der Oper, der aktiv zu Sängerin Antonias Ableben beigetragen hat
und am Ende ihren Tod bestätigt – denn ausgerechnet er kommt an, als Hoffmann im
dritten Akt der Oper nach einem Arzt ruft (siehe Hoffmanns Erzählungen: III, 39; vgl.
Les Contes d’Hoffmann: III, scène XII, 88). In Polonius‘ Erzählung bei Goetz ist der
Darsteller des Doktor Mirakel hingegen durchaus als Sympathieträger konzipiert, dessen
Tod bedauert wird. Den Doktor beschreibt der Polonius-Darsteller als «wohl das Unheimlichste, was [er] je auf einer Bühne gesehen habe» (Barcarole, 998). Der Schauspieler erzählt also von einem unheimlichen Theatererlebnis aus seiner Kindheit, wobei es
sich dabei nicht um ein ebenso traumatisches handelt wie jenes von Nathanael mit Coppelius in der Erzählung, auf die sich die Oper im ersten Akt stützt.50 Auch wenn diese
Begegnung mit Coppelius im Libretto der Oper nicht explizit thematisiert wird, ist es
wahrscheinlich, dass Goetz mit der Erzählung auch auf diesen allgemein bekannten
Stoff anspielt.
Dr. Mirakel wird bei Goetz aber auch als großartiger Schauspieler gewürdigt und
nicht in erster Linie als beunruhigende Figur gefürchtet. Das Unheimliche des Theatererlebnisses ist für das Kind weniger von der Figur ausgegangen als von den zwei geheimnisvollen Todesfällen im Zusammenhang mit der Oper – und von der auf die offizielle Nachricht vom Tod folgende «Totenstille» (Barcarole, 998). 51 Mit der ersten Erzählung der Rahmenhandlung wird also einerseits auf den ersten Akt der Oper
Hoffmanns Erzählungen angespielt, nämlich auf den Sandmann-Stoff, aber auch auf den
zweiten, wo der erwähnte Dr. Mirakel auftritt (die Vorlage für den zweiten Akt der
Oper bildet nicht mehr Hoffmanns Sandmann, sondern seine Erzählung Rat Crespel. (Der
dritte Akt der Oper stützt sich dann auf die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, wobei mit
Hoffmanns Konkurrenten Schlemihl auch eine Figur aus Chamissos Erzählung Peter
Schlemihl integriert wurde).
Bekanntlich hat Sigmund Freud den Begriff des Unheimlichen am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann entwickelt. Vgl. Sigmund Freud (1999): Essay «Das Unheimliche» (1919). In: Sigmund
Freud: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Hrsg. v. Anna Freud u.a. Bd. XII. Frankfurt am
Main, 227-278.
51 Auch hier kann man möglicherweise eine zusätzliche inhaltliche Parallele sehen zum geheimnisvollen
Tod des Vaters in Hoffmanns Sandmann: Es handelt sich beide Male um ein unheimliches Kindheitserlebnis im Zusammenhang mit einer furchterregenden Figur und die Ereignisse gehen mit einem unerklärlichen Todesfall einher (vgl. Sandmann, 18) – wobei es in der Erzählung von Polonius sogar zwei unerklärliche Todesfälle sind.
50
251
In der zweiten Erzählung berichtet der Zweite Totengräber (sinnigerweise derjenige,
welcher zuvor die Barcarole-Melodie spielte), dass er früher als Tenor in der Oper die
Rolle des Hoffmann gesungen habe (vgl. Barcarole, 999): Ein Skelett, nämlich «das Gerippe aus Fausts Studierzimmer» (ebd., 1000), war eines Nachts zum Scherz in den
Soufflierkasten gesetzt worden. Der Darsteller des Zweiten Totengräbers erschrak, denn
«im Soufflierkasten … saß der Tod … und soufflierte» (ebd.). Und er «stieß einen Schrei
aus, von dem sich seine Stimme nie mehr erholte» (ebd.).52 Deswegen konnte er danach
nicht mehr als Sänger auftreten. Der Stellvertreter, der für ihn eingesprungen sei, habe
zwar gesungen «wie ein Gott» (ebd.), dieser habe jedoch nach dem Auftritt seinen Verstand verloren und sei danach in «eine geschlossene Anstalt» (ebd., 1001) überführt
worden. In diesem Zusammenhang stimmt der Zweite Totengräber als Opernzitat das
Lied an: «Meine erste Liebe hieß Olympia!!!!!!» (ebd. 1001), welches der Verrückte heute
noch singe. (Dieses Opernzitat verweist direkt auf das Vorspiel aus Hoffmanns Erzählungen bzw. auf die Sandmann-Erzählung, vgl. oben, Hoffmanns Erzählungen: Vorspiel, 11)
In dieser zweiten Erzählung bei Goetz wird mit dem komischen Kontrast gespielt, dass die als Zweiter Totengräber auftretende Person Angst vor dem Tod hat – was
ihrer Theaterrolle widerspricht. Möglicherweise stellt Goetz mit der Wahl der zwei Totengräber aus Hamlet als Darsteller auch bewusst eine Parallele zur Rolle von Dr. Mirakel
her, denn dieser wird im dritten Akt der Oper wie folgt beschrieben: «Ein Totengräber
ist’s. / Ein frecher Mörder» (Hoffmanns Erzählungen: III, 33). 53 Als Parallele zur ersten
Erzählung im Einakter haben wir es auch hier mit zwei unheimlichen Ereignissen zu
tun: einerseits dem Verlust der Stimme, für einen Opernsänger sicher eines der
schlimmsten vorstellbaren Szenarien,54 andererseits damit, dass ein Opernsänger verrückt wird. Die Verrücktheit kann wiederum auch als direkte Anspielung auf die Erzählung Der Sandmann gesehen werden, in der Nathanael wahnsinnig wird – zwar behauptet
Wie die Lotte- und Werther-Darsteller in Quand jouons-nous la comédie ? war er also Opernsänger, bevor er
Schauspieler wurde.
53 Im französischen Original lautet die entsprechende Passage: «Lui ! Médecin ? Non, sur mon âme, / Un
fossoyeur, un assassin !» (Les Contes d’Hoffmann: III, scène VIII, 74).
54 Durch den Verlust der Stimme kann ein Sänger seinem Beruf und damit seiner Berufung nicht mehr
nachgehen. Das Singen auf der Bühne sowie der Verzicht darauf werden ebenfalls in der Oper thematisiert: Doktor Mirakel führt Antonia in Versuchung zu singen, indem er ihr die schönen Seiten des Künstlerlebens aufzeigt, dieses dem Alltagsleben gegenüberstellt und Antonia außerdem ihre verstorbene Mutter als Geist erscheinen lässt. Dr. Mirakel sagt zu ihr: «Du wirst nicht mehr singen? Hast du wohl bedacht,
/ Was das heißt, bei deiner Jugend ein solches Opfer bringen? / Wie dich Natur hat mit Schönheit und
Talent reich bedacht, / Was der Himmel dir einst in Fülle hat verliehen? / Mußt du es in den Staub gemeiner Wirtschaft ziehen? / Hast du noch nie im stolzen Traum empfunden das Glück, / Das unnennbare Glück, den rauschenden Beifall zu hören / Einer hocherregten Menge, die deinen Namen / Auf den
Lippen trägt und bezaubert dir folgt mit dem Blick. / Ja, das ist wahre Freude, auch ein großes, ewiges
Glück. / Und all das willst du opfern im ersten Jugendreiz / Für jenes Alltagsleben, für bürgerliche Enge
(Hoffmanns Erzählungen: III, 36; vgl. Les Contes d’Hoffmann: III, scène XI, 83).
52
252
dies auch die Figur Hoffmann im Opernepilog von sich, wenn sie sagt: «Ah ! Je suis
fou !» (Les Contes d’Hoffmann: Epilogue, 90) – die Verrücktheit scheint sich dort aber
in einem metaphorischen Sinne eher auf die Trunkenheit zu beziehen.
In der zweiten Erzählung wird also, auf sehr ähnliche Weise wie in der ersten,
wieder eine rationale Erklärung für das Ereignis gegeben: Zu spät hatte der Tenor festgestellt, dass es sich nur «um das Gerippe […] aus Fausts Studierzimmer» gehandelt
[hatte – ] Es war ein Scherz der Kollegen» (Barcarole, 1000).
Eine weitere inhaltliche Parallele besteht auch hier wieder zur Oper, auf die angespielt wird: Verliert in der Erzählung ein Opernsänger seine Stimme (während ein anderer verrückt wird, weil er singt), so handelt in der Oper Hoffmanns Erzählungen analog
dazu der dritte Akt von davon, dass die Sängerin Antonia verstirbt, weil sie das Singen
nicht aufgeben will, obschon sie ihrem Vater und dem Geliebten Hoffmann das Versprechen gegeben hat, es zu unterlassen, da sie von ihrer früh verstorbenen Mutter nicht
nur das Gesangstalent, sondern auch eine schwere Krankheit geerbt hat, die infolge des
Singens ausbrechen kann. Zusammenfassend ist also darauf hinzuweisen, dass die erste
Erzählung bei Goetz inhaltlich insbesondere mit dem ersten und zweiten Akt der Oper
Hoffmanns Erzählungen verknüpft ist, während die zweite Erzählung auf den dritten Akt
der Oper anspielt.
Im Gegensatz dazu nimmt die dritte Erzähleinlage bei Goetz vor allem auf das
Vor- und Nachspiel der Oper Bezug. Der Hamlet-Darsteller (Conny) kommt diesmal zu
Wort: Er berichtet, wie er mit Schauspielkollegen im Weinkeller zusammengesessen habe, bevor sie gemeinsam Offenbachs Oper hätten anschauen wollen. Alle seien in die
Darstellerin der Hauptrolle verliebt gewesen, die in einem Raum oberhalb des Gasthofs
geprobt habe – diese Aussage weist eine Parallele auf zum Vorspiel von Hoffmanns Erzählungen, wo thematisiert wird, dass Hoffmann seine ehemalige Geliebte Stella, eine
umschwärmte Opernsängerin, wieder getroffen hat. Auch sein Konkurrent Lindorf interessiert sich in der Oper für sie.55
Der Rahmen des bei Goetz in der Erzähleinlage beschriebenen Weinkellers
deckt sich mit dem von Hoffmanns Erzählungen: Die Hoffmann befindet sich im Vorspiel
der Oper ebenfalls in einer Gaststube und beginnt zu erzählen. 56 Auch der Hamlet-
Die dritte Erzähleinlage kann zudem auch mit dem zweiten Akt von Hoffmanns Erzählungen in Verbindung gebracht werden, in dem Giulietta von vielen Verehrern umgeben ist und worin sich Hoffmann und
Schlemihl wegen ihr ein Duell liefern.
56 Der hier erwähnte Erzählrahmen wird, wie bereits erwähnt, im Vorspiel zu den Seifenblasen noch einmal
gespiegelt, wo es ebenfalls ein Autor, nämlich Carpenter ist, der die Einakter erzählt (respektive aus dem
55
253
Darsteller bei Goetz berichtet: «wir erzählten uns Geschichten» (Barcarole, 1001) – gemeint sind unheimliche Geschichten im Zusammenhang mit der Oper. Wie in der Oper
sitzen der Erzähler (Conny) und seine Freunde in Goetz’ Erzählung auch «vor dem Beginn einer Oper» im Weinkeller (ebd.), und zwar handelt es sich dabei um Hoffmanns Erzählungen. (Während in dieser Oper parallel dazu Don Giovanni gespielt wird). Durch die
Ähnlichkeit des intertextuell auf dem Theater evozierten Opern-Vorspiels und der Binnenerzählung im Theater handelt es sich hier um eine Mise en abyme in Forestiers Sinne,
nämlich verstanden als «dédoublement thématique» (Forestier 1981, 13).
Hamlet berichtet in seiner dritten Erzählung vom plötzlichen Auftreten einer
Frau, die scheinbar aus Hoffmanns Erzählungen herausgesprungen 57 (vgl. Barcarole, 1001)
und plötzlich im Lokal gestanden sei. Handelt es sich hier um eine Parallelfigur zur Stella in Hoffmanns Erzählungen, die im Nachspiel der Oper ebenfalls präsent (und soeben in
der Oper Don Giovanni aufgetreten ist)? Fricke schreibt zur Rolle der Stella in Les Contes
d’Hoffmann:
An dieser [Oper = Don Giovanni; M.H.] wirkt der Opernstern Stella, die Geliebte des […]
glücklosen Liebhabers Hoffmann mit, ob als Zerlina alias Olympia, als Anna alias Antonia oder
als Elvira alias Giulietta – das bleibt in diesem Spiel mit variiert wiederholten Identitäten nicht
zufällig offen.»
(Fricke 2000, 114. Hervorhebung im Original.)
Die kursiv gedruckten Namen beziehen sich auf Rollen aus den verschiedenen Akten
von Les Contes d’Hoffmann, die anderen auf jene aus der Oper Don Giovanni. Thematisiert
wird diese dreifache Rolle auch in der Oper explizit, wenn Niklaus sagt: «Ah! je comprends! trois drames dans un drame / Olympia ... Antonia ... Giulietta ... / Ne sont
qu'une même femme: / La Stella!» (Les Contes d’Hoffmann: Epilogue, 90; vgl. Hoffmanns Erzählungen2, kompilierte Fassung, Epilog, 195). Mehrere Rollen spielt auch die
Geliebte aus dem äußeren Stück, die Schauspielerin Betty, welche im Binnenstück die
Ophelia spielt und mit der Operndiva implizit verglichen wird: die Doppelrolle von Königin und Ophelia (vgl. Kap. 6.2.2. und 7.2.). Im Stegreiftheater spielt sie außerdem auch die
Beatrice.
Manuskript vorliest), welche dann (wie die auf das Vorspiel folgenden drei Akte in der Oper) als Theaterstück gezeigt werden.
57 Es wird eine Ähnlichkeit der Dame mit der Rolle aus Hoffmanns Erzählungen erwähnt. Würde es sich bei
der Frau ‹tatsächlich› um eine aus der Oper Hoffmanns Erzählungen entsprungene Figur handeln, die in ihrer
fiktionalen Rolle aus der Oper auf die Ebene einer Erzählung gewechselt hat, könnte man von einer
«métalepse narrative» (innerhalb einer Erzähleinlage auf der Bühne) ausgehen (Genette 1972, 244). Da die
Ähnlichkeit jedoch nur angedeutet wird, bleibt unklar, ob es sich tatsächlich um eine Überschreitung handelt der «frontière mouvante mais sacrée entre deux mondes: celui où l’on raconte, celui que l’on raconte»
(ebd., 245). Mit der fiktionalen Welt «que l’on raconte» wäre hier die Fiktion der Oper gemeint, insgesamt
würde es sich also um eine gattungsübergreifende Metalepse handeln.
254
Der Hamlet-Darsteller berichtet, dass er und seine Schauspielerkollegen, als die
Vorstellung der Oper daraufhin abgesagt worden sei, erfahren hätten, dass der Grund
dafür ein Mord an ihrer geliebten Primadonna gewesen sei (also ein Mord an der Parallelfigur zu Stella). Die Beschreibung der Mörderin habe genau auf die Erscheinung aus
dem Gasthof gepasst. Diese habe die Primadonna, bevor sie diese erschossen habe, «gebeten, von dem […] Vater ihres werdenden Kindes […] abzulassen» (Barcarole, 1002).
Auch dieses Ehebruchsszenario ist insofern bedeutsam, als es einerseits in einen Zusammenhang mit der Rahmenhandlung (Connys Verdacht) gebracht werden kann, andererseits ebenso mit der Hamlet-Tragödie. Die Erzähleinlagen bei Goetz verweisen alle
auf die phantastische Literatur, insbesondere auf jene E.T.A Hoffmanns, und erzeugen
eine unheimliche Stimmung. Die Angst (um Antonia) ist auch explizit Thema der Oper,
in der Hoffmann singt: «Ein Schauder erfaßt mich» (Hoffmanns Erzählungen: III, 33),
wobei gleich im Anschluss Antonias Vater Crespel dieselben Worte wiederholt (vgl.
ebd.).58
Im Anschluss an diese Geschichten ereignet sich im Stück tatsächlich etwas Unvorhergesehenes und Unheimliches: Aus dem Lautsprecher ertönt die Durchsage: «Der
Eiserne [Vorhang] weigert sich, sich zu heben. Man sucht den Kurzschluss. Die Störung
dürfte in zehn Minuten behoben sein!» (ebd., 1002). Diese zehn Minuten geben Hamlet
und dem König Zeit und Gelegenheit für ein weiteres Stegreifduell (vgl. oben, 7.2.).
Durch seinen spielerischen Umgang mit dem Vorhang nimmt Goetz möglicherweise
auch auf Pirandellos Stück Sechs Personen suchen einen Autor Bezug – zumal eine der hier
angeführten drei Erzählungen bei Goetz auch von Pirandellos Trilogie des Theaters im
Theater inspiriert sein könnte (vgl. unten). Pirandellos Stück zeichnet sich ebenso durch
einen spielerischen Umgang mit den Vorhang aus.59
Dieser Passage kann noch eine ähnliche aus dem dritten Akt gegenübergestellt werden: «Crespel et Hoffmann: L’effroi me pénètre. […] D’épouvante et d’horreur / Tout mon être se glace. / Une étrange terreur
/ M’enchaîne à cette place / J’ai peur.» (Les Contes d’Hoffmann: III, scène IX, 76; vgl. Hoffmanns Erzählungen2: III, 121). Der zweitletzte Satz der französischen Vorlage lässt an den toten Theaterarzt aus
der ersten Erzählung in der Barcarole denken, welcher ‹wie angekettet an seinen Platz› in der Loge sitzenbleibt (diese Nuance fehlt in der mir vorliegenden deutschen Übersetzung).
59 Es würde sich dann um eine Umdrehung der Situation im Vergleich zu Pirandello handeln, denn während der Vorhang in Goetz Barcarole unten bleibt, fällt er in Pirandellos Stück am Anfang nicht (dies ist
von Pirandello bewusst so angelegt, weil es sich um eine Probe-Szene handelt). Gleichermaßen fehlt der
Vorhang bei Goetz ganz, während Stegreiftheater gespielt wird (vgl. Kap. 7.2.), und zwar auch dann, als
Hamlet im gesprochenen Dramentext ankündigt: «Es fällt der Vorhang, wie es Brauch» (Barcarole, 1012).
Bei Pirandello handelt es sich jedoch im Gegensatz zur beschriebenen Szene von Goetz nicht um einen
Defekt des Vorhangs. Am Anfang wird die Probesituation konsequent von Pirandello angedeutet. So ist
in Sei personaggi in cerca d’autore eine Pause von «etwa 20 Minuten» vorgesehen (Nebentext, Sechs Personen suchen einen Autor, 55). Die Regienweisung lautet: «Der Vorhang bleibt oben» (ebd.). Wie Kokott ausführt,
geht jedoch bei Pirandello «nach dem Ende der ersten Szene des Dramas der Gestalten […] der Vorhang
herunter. Der Bühnenmeister hat den Regisseur falsch verstanden und dessen Ausruf ‹Vorhang, Vorhang›
58
255
Der Inhalt der in der Barcarole vorgetragenen Erzählungen hängt, wie erwähnt, in
erster Linie mit der Oper Hoffmanns Erzählungen zusammen. Diese Erzähleinlagen beeinflussen aber auch das Stegreiftheater im hier vorliegenden Stück (siehe Kap. 7.2.). Es geht
beim Geschichten-Erzählen im Stück, ähnlich wie beim bereits erwähnten StegreiftheaterSpielen, um den Versuch, sich gegenseitig zu übertrumpfen – wobei Manfred (alias der König) beim erneuten Wettstreit nicht mitmacht. Die Ophelia-Darstellerin als Objekt der Begierde ist als Zuhörerin anwesend – es geht nicht zuletzt darum, sie durch die Erzählungen zu beeindrucken.
Das Stegreifduell, welches auf der Ebene der Rahmenhandlung die Rivalität zwischen Conny und Manfred ausdrückt (beide kämpfen um dieselbe Frau, die OpheliaDarstellerin, die auch die Königin spielt), findet eine Entsprechung in der HamletTragödie. Im Stegreiftheater beziehen Hamlet (gespielt von Conny) und der Geist von
Hamlets Vater Position gegen den König (gespielt von Manfred). Das Stegreifduell beziehungsweise der angesprochene Konflikt weist jedoch ebenso Parallelen zur Oper Hoffmanns Erzählungen auf, genauer zum zweiten Akt nach dem Vorspiel. Dieser enthält ein
eigentliches Duell und darin kommt auch das Gondellied vor, welches Goetz’ Stück den
Titel verlieh. Schon im Vorspiel der Oper wird zudem auf die Rivalität von Hoffmann
mit Stadtrat Lindorf hingewiesen: Beide kämpfen um die Sängerin Stella, die Geliebte,
der Hoffmann nachtrauert. Im Nachspiel der Oper verlässt Stella das Lokal mit Lindorf
– Hoffmann hat das Nachsehen.
Inhaltlich lassen sich bei Goetz schließlich ebenfalls Ähnlichkeiten zu Pirandellos Stück Jeder auf seine Weise finden (‹Ciascuno a suo modo›, 192460) aus dessen Theater-imTheater-Trilogie (vgl. Nachwort zu Sechs Personen suchen einen Autor, Plocher 1995, 102).
Goetz hat bereits durch sein Stück Hokuspokus explizit Bezug genommen auf Pirandello.
Bei Pirandello geht es auch um eine bekannte Schauspielerin und um einen Mord (jedoch wird bei ihm nicht die Darstellerin ermordet). In Pirandellos Drama und ebenso in
Goetz’ viel später entstandenem Einakter Barcarole «spielt man ein Stück um eine schöne
Frau, wegen der sich zwei gute Freunde entzweien.» (Nachwort zu Sechs Personen suchen
auf die laufende Probe bezogen» (Kokott 1968, 67f.; vgl. Sechs Personen suchen einen Autor, 80). Durch
dieses Missverständnis ist das erste Fallen des Vorhangs motiviert. Dabei ging es dem Bühnenmeister darum, mit seiner metatheatralen Aussage darauf hinzuweisen, dass der Vorhang bei der Aufführung am Ende
des Aktes fallen müsse – und nicht sogleich – da sich die Bühnenprobe vermeintlich ohne echte Zuschauer abspielt. Kokott weist jedoch in Bezug auf das gesamte Stück darauf hin, «daß Pirandello dieses Bühnenelement absichtlich uneinheitlich angewandt hat» (Kokott 1968, 68). Denn «am Ende des Stückes fällt
der Vorhang noch einmal» in Pirandellos Drama (ebd.). An das Fallen des Vorhangs schließt sich bei Pirandello das unheimlich-groteske Finale an: «Die seltsame Schlussszene […], in der der Direktor durch
den Zuschauerraum flieht und die Stieftochter lachend davonstürzt» (ebd.).
60 Datierung nach: Schöpflin 1993, 536.
256
einen Autor, Plocher 1995, 102). Anstatt das Heraustreten einer Figur aus der Opernhandlung in die ‹Wirklichkeit› wie bei Goetz findet man bei Pirandello eher das Umgekehrte, nämlich das Inszenieren der ‹Wirklichkeit› als Fiktion.61
Bekanntlich kämpfen im zweiten Akt der Oper die zwei Rivalen, Hoffmann und
Schlemihl, um die Gunst einer Frau, Giulietta. Nun entspricht dem Konkurrenten
Schlemihl – in der Hoffmanns Oper zugrundeliegenden Erzählung (!) Die Geschichte vom
verlorenen Spiegelbilde – ein Italiener, welcher Giulietta ebenfalls den Hof macht. In der
Erzählung wird das Duell wie folgt beschrieben:
[V]on Eifersucht getrieben, stieß er allerlei spitze beleidigende Reden gegen Teutsche und insbesondere gegen Spikher aus. Der konnte es endlich nicht länger ertragen; rasch schritt er auf
den Italiener los. »Haltet ein«, sprach er, »mit Euern nichtswürdigen Sticheleien auf Teutsche und
auf mich, sonst werfe ich Euch in jenen Teich, und Ihr könnt Euch im Schwimmen versuchen.« In dem Augenblick blitzte ein Dolch in des Italieners Hand, da packte Erasmus ihn wütend bei der Kehle und warf ihn nieder, ein kräftiger Fußtritt ins Genick, und der Italiener gab
röchelnd seinen Geist auf.
(Geschichte vom verlornen Spiegelbilde, 398; kursive Hervorh. M.H.)
Nicht nur das Duell aus der Erzählung, welches auch in der Oper vorkommt, findet seine Entsprechung bei Goetz. Ebenso Sticheleien, die den Konkurrenzkampf unter den
Schauspielern verdeutlichen, finden sich in der Barcarole – möglicherweise von ebendieser Erzählung inspiriert, auf die sich die Oper stützt, weshalb die entsprechende Textstelle zitiert wurde. In der Oper geht es darum, dass Giulietta (im Auftrag von Dappertutto) ihrem Liebhaber Schlemihl bereits den Schatten und damit die Seele gestohlen
hat. Nun hat sie es auf das Spiegelbild von Hoffmann abgesehen.
Goetz könnte mit dem Bezug auf einen weiblichen Star in der dritten Erzähleinlage auf Pirandello anspielen: Bei Pirandello handelt es sich indessen nicht um den Mord an der Primadonna, sondern um den
«Selbstmord eines renommierten ortsansässigen Künstlers» (Nachwort zu Sechs Personen suchen einen Autor,
Plocher 1995, 101). Der Selbstmörder war auch «mit einer berühmten Schauspielerin verlobt» gewesen
(ebd.) – bei der es sich um eine Art Doppelgängerinnen-Figur zu Stella alias der Operndiva in der Erzählung bei Goetz handeln könnte. Nachdem der Geliebte letztere «mit einem anderen Mann» in flagranti ertappt hat (ebd.), hat er «die Waffe gegen sich selbst gerichtet und sich umgebracht …» (ebd.). Dies wird
nun aber dem Theaterbesucher gegenüber am Anfang der Aufführung als vermeintliche Wirklichkeit ausgegeben – eine entsprechende Schlagzeile kann der Theaterbesucher der Zeitung entnehmen, die im Saal
verkauft wird (vgl. ebd.). Das Publikum erfährt, aus aktuellem Anlass werde an besagtem Abend die Geschichte rund um den Selbstmord des Prominenten «als Melodram auf die Bühne» gebracht (ebd.). Zur
weiteren Verwirrung des Theaterbesuchers, der Pirandellos Stück beiwohnt, ist auch die berühmte Bühnenkünstlerin im Theatersaal gegenwärtig, die in den vermeintlich realen Selbstmord verwickelt war, und
zwar hat sie sich unter das Publikum gemischt: Sie befindet sich «in einer Ecke des Foyers, umringt von
einem Schwarm junger Herren […], blaß, aufgelöst, den Tränen nahe, doch offensichtlich wild entschlossen, der Aufführung beizuwohnen.» (ebd.) Sie verspricht auch, keinen Skandal zu provozieren. Dann
nimmt das Publikum wahr, wie auch ihr Geliebter, «durch die Schwingtüren hereineilt» (ebd., 102). (Bei
der Zusammenfassung handelt es sich teilweise um die wörtliche Übersetzung der Regieanweisung Pirandellos von Plocher ins Deutsche.) Bei Pirandello steht geschrieben: «Gli spettatori che entreranno nel teatro […] vedranno l’attrice di cui il giornale ha dato le iniziali A.M., cioè Amelia Moreno là in persona, fra
tre signori in smoking, che invano cercheranno di persuaderla a rinunziare al proposito di entrare nel teatro
ad assistere allo spettacolo; vorrebbero portarla via; la pregano d’esser buona e togliersi almeno dalla vista
di tanti che potrebbero riconoscerla […] vuol fare uno scandalo? Ma lei, pallida, convulsa, fa segno di no,
di no; vuol restare, vedere la commedia.» (Ciascuno a suo modo: premessa, 120f.).
61
257
Die Figur des Peter Schlemihl stammt aus Chamissos gleichnamigem Werk und
wird auch in der Erzählvorlage zur Oper, der Geschichte vom verlorenen Spiegelbilde, am Ende
der Erzählung erwähnt (vgl. ebd., 408). In der Oper wird Chamissos Erzählung also mit
jener von E.T.A. Hoffmann verwoben. Dort ist es Dappertutto, der Hoffmann den Degen für das Duell mit Schlemihl leiht, das Hofmann mit dem Degen des Teufels notwendigerweise gewinnen muss. Schlemihl erliegt seinen tödlichen Verletzungen. Die Toten in den Erzählungen des Einakters bei Goetz haben also ebenfalls eine Entsprechung
in der Oper.62
Das vorliegende Kapitel zeigt auf, wie die drei Boulevardautoren die Grenzen
zwischen Musiktheater und Theater, zwischen Musical und Boulevardkomödie auf vielseitige Weise überschreiten und dies auch auf der Bühne thematisieren. Insbesondere an
der Analyse von Mariette als Opernparodie auf dem Theater wurde – stellvertretend für
die musikalischen Werke im Boulevardtheater – klargemacht, wie sehr darin Anspielungen auf das Boulevardtheater sowie intergenerische Anspielungen auf die Oper oder das
Musiktheater ineinandergreifen. Zusätzlich verwiesen wurde auf komische Effekte, die
durch das Kunstmittel des Theaters im Theater entstehen.
Wurde am Anfang des Kapitels darauf hingewiesen, dass die meisten rein musikalischen Werke von der Analyse ausgeschlossen wurden, weil sie nicht als eigentliche
Boulevardkomödien gelten können, so soll dadurch nicht der falsche Eindruck entstehen, es handle sich beim Boulevardtheater und Musiktheater um zwei voneinander unabhängige Gattungen. Einerseits wurden intergenerische Bezüge bereits durch die Analyse der Stücke aufgezeigt. Es gibt zudem Studien, die sich mit Wechselwirkungen zwischen Boulevard- und Musiktheater auseinandergesetzt haben.63 Der Einbezug solcher
Werke könnte eine weiter vertiefte Analyse auch der musikalischen Teile ermöglichen.
Für die vorliegende Arbeit wurde bewusst zwischen Boulevardkomödie und Musiktheater (beispielsweise Operette) unterschieden. Guitry stellt sich jedoch gerade mit Mariette
auch in die Tradition des Musiktheaters im (Musik-)Theater, dasselbe gilt für Coward,
u.a. mit Cavalcade (1931), und für Goetz in Bezug auf die Reihe Seifenblasen (1963) – wobei es sich bei letzteren, wie erwähnt, nicht um eigentliches Musiktheater handelt. GeraEs waren dies: Der Tod des Opernsängers und Darstellers von Dr. Mirakel sowie jener des Theaterarztes in der ersten Erzählung, dazu die Ermordung der Operndiva durch eine Frau in der dritten Erzählung. Ihnen entsprechen Schlemihls und Antonias Tode in der Oper; ergänzt werden kann der ‹Tod› von
Olympia (die als Puppe in im ersten Opern-Akt zerstört wird).
63 Vgl. beispielsweise die Dissertation von Werr mit dem Titel Musikalisches Drama und Boulevard. Französische Einflüsse auf die italienische Oper im 19. Jahrhundert, die diese Wechselwirkungen (für das 19. Jahrhundert)
untersucht. Werr hat auch einen Band zu den Bezügen zwischen Scribes Boulevardkomödien und dem
europäischen Musiktheater publiziert: Sebastian Werr (Hg.) (2007): Eugène Scribe und das europäische
Musiktheater. Berlin.
62
258
de bei Guitry ist das Anknüpfen an die Tradition des Musiktheaters insofern interessant,
als das Boulevardtheater, genauer das mélodrame bzw. der «Boulevard sérieux» (Brunet
2005, 26), seinerseits im 19. Jahrhundert das Musiktheater beeinflusste. 64 Neben anderen
scheinen Guitry, Goetz und Coward diese beiden Gattungen im 20. Jahrhundert wieder
näher aneinander herangeführt zu haben. Gerade die Opernparodien kann man als gezielten Rückgriff der Boulevardiers auf die Komödientradition im weitesten Sinne werten. Was Brunet für die Operetten feststellt, die sie in Ihrem Werk zum «boulevard comique» zählt, passt zur Beschreibung einiger der hier analysierten Musiktheatereinlagen:
«Avide d’effets faciles et de complicité avec le public, l’operette parodie […] les grands
textes de notre littérature et les œuvres de l’opéra seria» (ebd.).65 Letzteres trifft insbesondere auf Guitrys Oper Mariette zu. Dass es sich auch bei Goetz um eine Opernparodie
handelt, hat die Analyse von Die Barcarole gezeigt, wobei Les Contes d’Hoffmann nicht als
Opera seria einzuordnen sind, sondern mit deren fantastischem Stoff auch zum komischen Boulevard, eben zur Operettentradition gezählt werden können (vgl. ebd., 48).
Die Operettentradition blühte in der Zeit des Second Empire «dans l’atmosphère insouciante de ‹fête impériale› tant décriée par Zola» (ebd., 48). Aus der Operette entwickelte
sich während den Goldenen Zwanzigern, den «Années Folles» (ebd., 49) und unter Einfluss
der Rhythmen aus dem amerikanischen Kontinent das Musical (vgl. ebd.). Diese Entwicklung ist bei Guitry nachzuverfolgen (der für seine Musicalproduktionen etwa mit
André Messager zusammenarbeitet) – aber auch bei Coward (z.B. Cavalcade) und Goetz
(z.B. Zirkus Aimé).
Siehe z.B. Werr 2002, 33. Vgl. oben.
Brunet erwähnt die strengen Beschränkungen, denen die Operette im Jahre 1855 unterworfen war:
«[L]es auteurs sont limités à des pièces en un acte avec un maximum de quatre personnages» (ebd., 48).
Zwar hält sich Goetz nicht an die Vorgaben in Bezug auf die Schauspieler, aber bei Die Barcarole handelt
es sich tatsächlich um einen Einakter. 1858 wurde die Reglementierung über die Anzahl der Darsteller gelockert, sie betraf Les Contes d’Hoffmann also nicht mehr (vgl. ebd., 49).
64
65
259
9.
Theater im Theater als Lesung
HANS KARL:
Also los! Holt den Schillerband und gibt ihn Tatenat. Vielleicht den
großen Auftritt im dritten Akt. Erfurt soufflierend: Ich hörte alles!
ERFURT: Was? Ich hörte nichts!
HANS KARL: soufflierend: Ich hörte alles!
ERFURT: Ich hörte alles! Mit großer Geste auf Tatenat zu:
Du hast gesiegt! Du tratst sie in den Staub!
Du warst die Königin, sie der Verbrecher!
Ich bin entzückt von deinem Mut, ich bete
Dich an, wie eine Göttin, groß und herrlich
Erscheinst du mir in diesem Augenblick!
TATENAT mit Buch in der Hand lesend:
Ihr spracht mit Lestern, überbrachtet ihm
Mein Schreiben, mein Geschenk? – O redet Sir!
ERFURT: Wie dich der edle königliche Zorn
Umglänzte, deine Reize mir verklärte!
Du bist das schönste Weib auf dieser Erde!
(Lampenschirm, 391f.)
In Theaterstücken von Goetz, Guitry und Coward kommen als Lesung sowohl Auszüge
aus Stücken von realen Dramenautoren als auch fingierte Passagen vor, die manchmal
als Werke erfundener Autoren ausgegeben werden. Im ersten Fall handelt es sich bei
den im vorliegenden Kapitel vorgestellten Stücken um tatsächliche Werke dieser Dichter, also nicht etwa um solche, die ihnen angedichtet werden.
Eine Theater-Lesung auf dem Theater bewirkt, wie die Kunstform des Theaters
im Theater und alle metatheatralen Formen, einen Illusionsbruch1 und weist dadurch
auf die Gemachtheit des (inneren) Dramas hin. Gebrochen wird für den Zuschauer die
Konvention von «Es-besser-Wissen und Trotzdem-dran-Glauben» (Hensel 1986, 1198)
– gerade das «Trotzdem-dran-Glauben» (ebd.) wird infolge der metatheatralen Einlage
in Frage gestellt. Dafür kann demgegenüber die Rahmenhandlung umso mehr als ‹real›
empfunden werden. Es geht bei Lesungen im Theater um metaliterarische «Bezugnahmen auf die […] Fingiertheit des Dargestellten» (Hauthal 2007b, 95). Hauthal stützt diese Einschätzung auf Korthals Kategorien2, hier bezogen auf metaliterarische «(Text-)
Gattungen» (ebd.). Korthals verwendet den Begriff der Metafiktionalität, er liesse sich in
dieser Arbeit überall dort anwenden, wo auf dem Theater eine andere Textgattung dargestellt wird (vgl. Korthals 2003, 412) – da in manchen Studien jedoch der Begriff Metafiktion nur epischen Texten vorbehalten ist (vgl. Wolf 2007, 37, Anm. 9),3 wird in dieser Arbeit, um Missverständnisse auszuschließen, bevorzugt der Terminus «‹Metatliteratur›» verwendet (vgl. ebd.)4.
Wobei Illusion stets im Sinne von Inlusion (Illusion (3)) verstanden wird (vgl. Kap. 1.1).
Korthals 2003, 387-426. (Vgl. den Verweis bei Hauthals 2007b, 95).
3 Wolf verweist diesbezüglich insbesondere auf die abweichende Begriffsverwendung in folgenden zwei
Werken: Ansgar Nünning (2001): Metanarration als Lakune der Erzähltheorie. Definition und Grundriß
einer Funktionsgeschichte metanarrativer Erzähläußerungen. In: Arbeiten aus Anglistik und Amerikanistik
26 (2001), 125-164. Ansgar Nünning (2004): On Metanarrative. Towards a Definition, a Typologie and an
Outline of the Functions of Metanarrative Commentary. In: John Pier (Hg.): The Dynamics of Narrative
Form. Studies in Anglo-American Narratology Berlin/New York, 11-57.
4 Kursivsetzung des Begriffs M.H.
1
2
260
Lesungen auf dem Theater sollen in dieser Arbeit nicht in jedem Fall zugleich als
Theater im Theater gelten, sondern nur, wenn es sich um Lesungen von Dramentexten
handelt. Sie sollen in Übereinstimmung mit Schöpflins Kriterien aber auch dann als eigentliches Theater im Theater klassiert werden, wenn beispielsweise (wie bei einer Bühnenprobe) ein Binnenpublikum fehlt. Es stellt sich indessen die Frage, inwieweit das
vorgängig festgelegte Kriterium des Rollenwechsels (siehe Kap. 2.2.1.) bei einer TheaterLesung tatsächlich eingehalten wird. Es kann meines Erachtens davon ausgegangen
werden, dass eine Theater-Rezitation, insbesondere mit verteilten Rollen, einem eigentlichen Theater nahekommt, weil dadurch auf der Bühne eine Binnenebene geschaffen
oder zumindest evoziert wird. Wenn ein Schauspieler nur den Sprechtext einer Figur
(und nicht mehrerer) vorliest, kann von einer «Doppelheit von Darsteller und Rolle»
(Schöpflin 1988, 15) ausgegangen werden. In diesem Fall soll die Lesung als «Theater im
Theater» klassifiziert werden.
Diese Vorgabe ist aber nicht in allen Lesungen im Theater, die in Stücken von
Goetz, Guitry und Coward vorkommen, erfüllt. Deshalb wird ein anderer Teil der Lesungen nur als metatheatral bezeichnet. Wird in Goetz’ Einakterserie Seifenblasen (1963)
beispielsweise dem Publikum die Lesung eines Theatermanuskripts in Form einer Aufführung gezeigt, so tritt der Autor dort als Erzählerfigur auf, es kann aber nicht von einem Theater im Theater im eigentlichen Sinne ausgegangen werden (vgl. unten, Kap.
10.). Im angesprochenen Fall handelt es sich nämlich um ein klassisches Vor- und
Nachspiel mit selbständigem Personal (vgl. Pfister 2001, 300). Das Theater als Endprodukt wird für das Publikum im Vorspiel indessen eingeführt als vermeintliche Lesung,
die mit einer tatsächlichen Lesung (des Nebentexts!) beginnt, welche dann – als eine Art
Überblendung – in eine Theateraufführung übergeht (vgl. Seifenblasen: Vorspiel, 957). 5
Eine solche Lesung ist also unbestritten metatheatral, aber im Unterschied zu eigentlichen Lesungen als Theater im Theater ist das Personal in einem derartigen Vorspiel selbständig und nicht identisch. Selbständig heisst, dass «die fiktiven Schauspieler, die die Figuren des Spiels im Spiel verkörpern, in den übergeordneten Sequenzen nicht auftreten
oder nur sehr peripher eingeführt werden» (Pfister 2001, 300). Die Figuren treten demnach zum Beispiel nur im Vorspiel auf, nicht aber im eigentlichen Theaterstück, dessen
Text sie im hier vorlesen, das sie aber nicht spielen. Bei einer traditionellen Lesung mit
5 Als solche Erzählerfiguren auf dem Theater treten jeweils in einer Rahmenerzählung die folgenden Figuren bei Goetz auf: Die Serviertochter in Der Lügner und die Nonne, Shunderson in Dr. med. Hiob Prätorius,
Curt Tischler in Seifenblasen (der vermeintlich seine drei Einakter vorliest) sowie, bei Guitry (in einem Einakter), Courteline in Courteline au travail, der die Lesung des ersten Akts der Komödie des ‹echten› Autors
Courteline mit dem Titel Boubouroche ankündigt.
261
Rollenübernahme indessen sind die vorlesenden Figuren Teil der (oft fragmentarisch
wiedergegebenen) Handlung eines Theaterstücks.
Im Folgenden werden gelesene Dramenpassagen im Theater von Goetz, Guitry
und Coward vorgestellt. Als Lesung sollen nur größere Auszüge aus demselben Theaterstück gelten. Wenn in Goetz’ Nachtbeleuchtung (1918)6 ein «Fremder» (Nebentext, Nachtbeleuchtung: I, 83) den «Dichter» (ebd.) mit geflügelten Worten aus verschiedenen Stücken
anspricht,7 haben wir es dabei zwar mit kurzen Theaterzitaten, durch ihren extremen
Fragmentcharakter nicht aber mit eigentlichen Theatereinlagen zu tun.
Guitrys Theaterstück Beaumarchais (1950) schließt die Lesung eines echten Stücks
des gleichnamigen dramatischen Autors ein. Auf dieses Stück wurde bereits in Kapitel
6.2.2. eingegangen. Madame Campan trägt am Hof von Louis XVI vor dem König, Marie-Antoinette und anderen, nicht klar definierten Zuhörern einen Ausschnitt aus Le
Mariage de Figaro vor – es ist also wie bei einer eigentlichen Theateraufführung im Theater ein (hier adeliges) Publikum anwesend. Verfremdend mag wirken, dass die Männerrolle durch eine Frau vorgelesen wird. Bei der Lesung handelt es sich um einen Ausschnitt aus Figaros langem Monolog des fünften Aktes, in dem der Geburtsadel kritisiert
wird: «Parce que vous êtes un grand seigneur, vous vous croyez un grand génie! […]
Qu’avez-vous fait pour tant de biens? Vous vous êtes donné la peine de naître, rien de
plus» (Beaumarchais: 15, 148 ; vgl. Le Mariage de Figaro: V, scène III, 208). Die Lesung
wirkt auf die Adeligen als Provokation und hat die Funktion, die damalige Gesellschaft
und ihre Strukturen für das zeitgenössische Publikum abzubilden und zu kritisieren.
Ebenfalls vorgelesen wird im selben Stück eine Stelle aus dem Monolog Figaros,
die auf die Bastille anspielt (vgl. Viegnes 1991, 46): «J’écris sur la valeur de l’argent…
sitôt, je vois, du fond d’un fiacre, baisser pour moi le pont d’un château fort» (Beaumarchais: 15, 148; vgl. Le Mariage de Figaro: V, scène III, 209). Madame Campan merkt
diesbezüglich auch im Stück an, dass die Bastille im Manuskript wörtlich erwähnt gewesen sei, aber jemand Beaumarchais veranlasst habe, sie durchzustreichen (siehe
Beaumarchais: 15, 149). Es handelt sich um eine Anspielung auf Beaumarchais’ Gefangenschaft in einem staatlichen Gefängnis.8 Der Comte d’Artois verweist auf weitere «al-
Datierung der Uraufführung nach: Knecht 1970, 217.
Zuerst zitiert der Fremde, von dem es heißt, er sei eigentlich bereits tot, den Geist von Hamlets Vater:
«Du nahst in so fragwürdiger Gestalt» (Nachtbeleuchtung: I, 83; vgl. Hamlet: I, 4. Auftritt, 283, etwas später Othello: «Hast du schon zu Nacht gebetet, Desdemona?» (Nachtbeleuchtung: I, 84).
8 Man konnte unter dem Ancien Régime grundlos eingesperrt werden: Nur eine so genannte «lettre de cachet» war dazu notwendig, ein Dokument mit königlichem Siegel. Meist gab es keinen offiziellen Grund
für die Festnahme (siehe Viegnes 1991, 46). Diese Praxis hatte Beaumarchais kritisiert, der selber ein Op6
7
262
lusions […] insupportables», die das Stück enthalte (Beaumarchais: 15, 149). Empört
lässt Louis XVI Beaumarchais in der Rahmenhandlung ins Gefängnis werfen und kündigt an, dass das Stück nie gespielt werden dürfe (vgl. ebd.) – worauf der Comte d’Artois
erwidert, dass es leider bereits gespielt werde und «que le succès en a été considérable»
(ebd.). Durch diese Lesung wird vor allem auf die historische Situation zu Beaumarchais’ Zeiten aufmerksam gemacht, auf die damals allgegenwärtige Zensur angespielt und
auf die schwierigen Bedingungen der Schriftsteller hingewiesen: Man konnte ohne
Grund eingesperrt werden, und wer die Obrigkeit kritisierte, riskierte, allein dafür ins
Gefängnis geworfen zu werden. Gleichzeitig setzt Guitry auf diese Weise dem von ihm
bewunderten Autor Beaumarchais ein Denkmal. Das Stück hat durchaus auch eine didaktische Funktion, da es dem Boulevardpublikum den Autor Beaumarchais und gleichzeitig eine historische Epoche näherbringt. Auf ähnliche Weise geschieht dies im Stück
Histoires de France (1929). Nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, dass Guitry dabei die
historische Situation sehr genau nachstellt: Wie einem Artikel von Eugène Lintilhag in
der Revue des deux mondes aus dem Jahr 1893 unter der Überschrift Beaumarchais inédit zu
entnehmen ist, hat die Lesung tatsächlich unter sehr ähnlichen Bedingungen stattgefunden, die Vorleserin heißt Madame Campan und die Reaktionen von Louis XVI ähneln
sehr jenen aus Guitrys Stück (vgl. Lintilhag 1893, 154-171; hier 156f.) 9
Auch Goetz hat eine Lesung aus dem Drama eines echten Autors als Theatereinlage eingebaut: Im ersten Akt des Stücks Lampenschirm (1911) kommt eine Rezitation
aus dem dritten Akt von Schillers Maria Stuart Stücks als Einlage dritter Ordnung vor,
das heißt: als Rezitation innerhalb des Binnendramas. (Zur paradoxen Konstruktion von
Der Lampenschirm, siehe unten Kap. 7.3.). Bei Rezitationen ist davon auszugehen, dass
der oder die Vorlesende dabei die Rolle nicht nur liest, sondern auch (zumindest in Ansätzen) spielt. In dieser Hinsicht stellt die Binnenlesung aus Beaumarchais einen Extremfall dar, denn es ist davon auszugehen, dass Madame Campan bei ihrer Lesung von Figaros Monolog eine Distanz zur Rolle bewahrt – sozusagen in Brechs Sinne. In Goetz’
Beispiel handelt es sich hingegen um ein eigentliches Vorspielen: Der Schauspieler Erfurt soll eine tragische Rolle verkörpern und Exzellenz von Tatenat vom Hoftheater
«etwas vorsprechen» (Lampenschirm: I, 32). Obschon Erfurt beteuert, «ich bin doch
Komiker» (ebd.), übernimmt er die Rolle des Mortimer im dritten Akt, 6. Auftritt von
fer davon wurde, was auch in Guitrys Stück Beaumarchais thematisiert wird (im zweiten bis vierten Bild
Stückes befindet sich Beaumarchais im Gefängnis: Beaumarchais: 2/3/4, 103-107.)
9
In: Revue
des deux mondes (mars/avril 1893).
[PDF-Onlinefassung].
URL:
<http://www.revuedesdeuxmondes.fr/user/details.php?code=66684> (22.05.2013).
263
Schillers Stück, während Tatenat die Maria liest und Hans Karl für Erfurt souffliert. Die
Rollenverteilung und die Lesung sorgen nicht nur deshalb für komische Momente, weil
hier Exzellenz von Tatenat als Mann eine Frauenrolle spielt, sondern auch, weil Erfurt
als Komiker das tragische Register gemäß eigener Aussage nicht beherrscht. (Es ist davon auszugehen, dass Goetz’ durch die männliche Besetzung der Frauenrolle stärker
Komik beabsichtigt als Guitry, welcher in seiner Lesung im Stück Beaumarchais eine historische Situation nachstellt.
Mehr als einmal ist Tatenats Antwort eine wörtliche Replik Marias aus dem
Stück, die zugleich selbstironisch auf die komische Theater-Situation des Binnenstücks
verweist. Zum Beispiel, wenn Tatenat alias Maria zu Erfurt alias Mortimer sagt: «Gott!
Welche Sprache, Sir und – welche Blicke! – Sie schrecken, sie verscheuchen mich»
(Lampenschirm: I, 33; vgl. Maria Stuart: III, 6. Auftritt, 96). Einerseits ist dies ein wörtliches Zitat aus Schillers Stück, mit dem Maria angstvoll auf Mortimers Avancen reagiert,
es weist aber andererseits auch auf die fürs Hoftheater unangemessene Spielweise von
Erfurt hin. Denn Erfurt geht es in dieser Szene genau darum, Tatenat zu ‹verscheuchen›,
da er auf keinen Fall ans Hoftheater engagiert werden will (vgl. Lampenschirm: I, 33).
Er sagt dazu an anderer Stelle: «[U]m ans Hoftheater zu gehen – bin ich noch zu lebenslustig! […] Ich meine, um mich begraben zu lassen […], dazu bin ich noch zu lebendig!»(ebd: I, 30). Die Lesung geht anschließend, zumindest von Seiten Erfurts, in ein
komisches Theater im Theater über. So heißt es: Er «umfängt Tatenat, wobei Tatenat
auf die Chaiselongue zu sitzen kommt» (Nebentext, Lampenschirm: I, 33). Durch Erfurts
komisch wirkende Spielweise und Tatenats Übernahme der Frauenrolle wird das Trauerspiel in der Tat zur Komödie. Vergleichbare Fälle, in denen dies geschieht, finden sich
bei Guitry (z.B. im Binnenstück von Le Comédien oder auch im Binnentheater von Jean
III).
Das Vorsprechen wird bei diesem Beispiel insgesamt als Lesung statt als Spiel
klassifiziert und soll dennoch als eine Variante von Theater im Theater gelten. Der
Grund dafür liegt darin, dass nur der Schauspieler Erfurt seine Rolle (mit Hilfe des
Souffleurs) spielt, während Tatenat, der kein Schauspieler ist, die seinige vom Manuskript abliest. Auch handelt es sich bei dieser kleinen Theaterszene weder um eine Aufführung noch um eine Probe, also nicht um ein Schauspiel im traditionellen Sinne. Es
sind außer dem Souffleur (Hans Karl) auch keine weiteren Zuschauer anwesend.
264
In Petite Hollande (1908), einer von Guitrys ersten Komödien, rezitiert eine Schülerin des Konservatoriums gegen Ende des zweiten Aktes aus dem fiktiven Werk, «La
Mort du Burgrave» (Petite Hollande: II, 332f.).
Jane Brasier : […]
Et le peuple jadis pour lui plein de ferveur
Réclamait son cadavre et voulait dans la haine,
Le jeter en pâture aux tigres de l’arène.
[…] (Jane Brasier donne toute sa voix.)
Le vieux Burgrave est mort et vous voulez vraiment
Jeter son pauvre corps aux fauves ? C’est infame !
Il y a cependant là, parmi vous, des femmes…
[…]
… Des mères, des enfants, vous avez tous des cœurs,
Souvenez-vous que le Burgrave fut vainqueur,
Qu’il a sauvé dix fois l’empereur et je veux croire
Que vous le laisserez dormir dans la nuit noire.
Ô peuple, mon bon peuple, ayez pitié de nous…
Guiday : Elle a une vigueur insoupçonnée !
Saint-Romain : Et comique avec ça !
Jane Brasier, se donnant complètement :
Vous vouyez, je me traîne à genoux, à genoux…
(Petite Hollande: II, 332f.; Hervorh. im Original)
Der Titel des im Rahmen eines «spectacle de société» (Kowzan 1991, 234) vorgetragenen Gedichts – als solches wird der Vortrag angekündigt (vgl. ebd.) – scheint einerseits
beispielsweise auf Victor Hugos Ode La chasse du burgrave (Ballade onzième)10 anzuspielen. Der gemäß Nebentext durchaus theatral umgesetzte Vortrag Jane Brasiers lässt indessen genauso etwA an Hugos erfolgloses Theaterstück in Versen, Les Burgraves
(1843)11 denken, das sich durch lange gesprochene Passagen und einen melodramatischpathetischen Tonfall auszeichnet wie die Rezitation in Petite Hollande.12 Da kein direktes
Zitat vorkommt, bleibt die Zuordnung der gleichfalls sehr episch wirkenden Passagen
unklar. Die Rezitation erfüllt jedoch, trotz ihrer expliziten Bezeichnung als «poésie» (Petite Hollande: II, 332), auch die Kriterien eines eigentlichen Theaters im Theater als Lesung, da man darin die Parodie eines Theaterstücks, beispielsweise von Victor Hugo sehen kann und auf diese Weise eine Art Dramentext vorgespielt wird. Die Rezitation parodistischen Charakters wird von den Zuhörern nicht ernst genommen und mehrfach
durch komische Einlagen und Lacher unterbrochen.13 Die Vortragende wiederholt auch
mehrmals die Anfangspassage (Petite Hollande: II, 332), was illusionsstörend wirkt und
Vgl. Hugo: La chasse du Burgrave, 257-262.
Datierung nach: Cornuz: Avant-propos. In: Paratext, Les Burgraves, 12.
12 Das Reimschema in der vorliegenden Rezitation stimmt mit Hugos Theaterstück eher überein als mit
dem erwähnten Gedicht und ähnelt, auch in Bezug auf die evozierten sprachlichen Bilder, beispielsweise
der folgenden Passage aus dem echten Stück: «Il l’avait poignardée, elle, et jeté son corps/ Au torrent qui
rugit comme un tigre dehors» (Les Burgraves: Première Partie. Scène IV, 79).
13 Beispielsweise imitiert ein Zuhörer namens Saint-Romain an entsprechender Stelle im Gedicht den Ruf
der Eule, und auch andere Zuhörer setzen die Szene schauspielerisch um mit dem Ziel, komische Effekte zu
erzielen (Petite Hollande: II, 332).
10
11
265
dem Vortrag einen Probecharakter verleiht. Bereits die Ankündigung der «poésie inédite» unter dem erwähnten Titel (Petite Hollande: II, 331) wird von einem Zuhörer mit
den Ausruf «Oh ! nom de Dieu» kommentiert. (ebd.), was die Interpretation als Parodie
plausibel erscheinen lässt. Durch seine uneindeutige Gattungszuordnung ist diese Rezitation als Grenzfall eines Theaters im Theater als Lesung zu klassifizieren.
Das vorliegende Kapitel zeigt, dass eine Theaterlesung mit Rollenübernahme bei
den Boulevardautoren ganz unterschiedliche Funktionen haben kann: Ging es Guitry im
ersten Beispiel vor allem um die Vermittlung einer historischen Wirklichkeit, die mit
echten Textstellen aus Beaumarchais’ Werk unterlegt wird und eine historische Lesung
nachzeichnet, so hat die Lesung aus Maria Stuart bei Goetz insbesondere eine komische
Funktion: Sie verkommt durch die unpassende Rollenbesetzung zu einer Komödie –
ähnlich, wie dies bei Guitry im zuletzt vorgestellten Beispiel geschieht. Während sich
Goetz durch die die Parodie von der deutschen Tragödientradition abgrenzt, distanziert
sich Guitry möglicherweise vom romantischen Versdrama. Auch dieses wird bei Guitry
zur Komödie, was auf der Bühne explizit angesprochen wird, indem eine Figur namens
Guiday der Vortragenden die Frage stellt: «Vous êtes dans la tragédie ou dans la
comédie?» (Petite Hollande: II, 332), worauf sich Jane Brasiers Vortrag (nach dem Auftritt) als eher der Komödie zugehörig offenbart (vgl. ebd.).
266
10.
Metatheatrale Formen
10.1.
Überblick über die metatheatralen Formen
FREMDER:[…] Zum Dichter: Hast du schon zur Nacht gebetet, Desdemona?
DIREKTOR, der sich langsam dem Tisch wieder nähert: Warum reden Sie denn immer
in Zitaten?
FREMDER: Ich weiß doch, was ich einem Theaterdirektor schuldig bin. Zum
Dichter: Aber daß ich ihretwegen in schlechten Versen rede, können Sie nicht
verlangen.
(Nachtbeleuchtung, 84)
Wurden bislang Stücke mit eigentlichen Theater-Einlagen analysiert, so wenden wir uns
im vorliegenden Kapitel den so genannten metatheatralen Formen zu. Diese sollen in
Abgrenzung zu einem eigentlichen Theater im Theater als metatheatral benannt werden,
da daraus implizite oder explizite Aussagen über das Theater abgeleitet werden können.
Voigt bezeichnet einige dieser Formen als «Vor- und Nebenformen des Spiels im Spiel»
(vgl. Voigt 1954, 11). Er verwendet diesen (etwas anders abgegrenzten) Terminus anstelle des in dieser Arbeit bevorzugt gebrauchten Begriffes Theater im Theater. Voigt geht in
seiner Untersuchung davon aus, dass «die Form des Spiels im Spiel […] im Prolog, Chor
und anderen Formmitteln eine umfangreiche Verwandtschaft hat» (ebd., 6). In seiner
Arbeit hat er diese Formen ebenfalls untersucht, «um die Randgebiete des Themas zu
erfassen» (ebd.). Schöpflin bezeichnet sie, Voigts Terminologie folgend, als «Spiel im
Spiel im weitesten Sinne» (Schöpflin 1993, 16). Diese Bezeichnung kann jedoch verwirren, da der Begriff Spiel im Spiel in der vorliegenden Arbeit als Synonym zu Theater im
Theater verwendet wird. (Zur Begriffsdefinition, siehe unten, Kap. 2., v.a. 2.2.).
Die hier als metatheatrale Formen bezeichneten Techniken sind also keineswegs
gleichzusetzen mit eigentlichem Theater im Theater. Manche sind mit «Theater im Theater deshalb verwechselbar, weil sie einen Teil der Voraussetzungen erfüllen, die zur Definition des Theaters im Theater gehören» (Schöpflin 1993, 16). Für den Begriff Theater
im Theater wurden folgende drei Bedingungen als notwendig festgelegt: Von eigentlichem Theater im Theater soll erstens dann die Rede sein, wenn erstens eine Figur einen
Rollenwechsel vollzieht und zweitens in einer Rahmenhandlung und in einer Binnenhandlung auftritt. Drittens muss es sich bei dieser Binneneinlage notwendigerweise um
eine fiktionale Einlage handeln, genau gesagt um eine zweite fiktionale Ebene, die innerhalb der ersten fiktionalen Ebene gebildet wird.
Auf den Illusionsbruch, den metatheatrale Formen in der Regel erzeugen, wurde
bereits hingedeutet. Voigt weist darauf hin, sie dienten «der Enthüllung des Spiels als
Spiel, indem expressis verbis auf die Spielhaftigkeit der Bühnenwelt hingewiesen [werde]» (Voigt 1954, 5). Auch Petzoldt ist dabei der Ansicht, dass ein eigentliches Theater
267
im Theater «deutlich zu trennen [sei] von Zwischenspielen und Einlagen, die den Ablauf
des eigentlichen Dramas unterbrechen» würden (Petzoldt 2000, 85) 1.
Zu den metatheatralen Formen gehören beispielsweise «Prolog, […] Sprechen ad
spectatores, Vorspiel und verwandte Mittel» (Voigt 1954, 5). Zu ergänzen sind «Rahmungen durch kommentierende Gestalten ebenso wie das Aus-der-Rolle-Fallen von Dramenfiguren» (Schöpflin 1993, 16).2 Eingegangen werden soll des Weiteren auf folgende
metatheatrale Formen:
Gespräche über oder Verweise auf das Theater, die in ironischer Weise den theatralischen Charakter des Stückes herausstellen können. Neben anderen dramenimmanenten Funktionen kann
Theatermetaphorik auch diese Aufgabe erfüllen. Daneben gibt es Passagen in Dramen, die
man als aus der Dramenrealität ausgegrenzt empfindet. Sie haben mit dem Theater im Theater
den Einlagencharakter gemein, müssen aber keineswegs theatralischer Natur sein.
(Schöpflin 1993, 16)
Metatheatrale Formen können auch eine eigentliche Theatereinlage begleiten – in einem
solchen Fall wurde teilweise bereits in den bisherigen Kapiteln auf sie eingegangen, um
eine thematische Kontinuität zu gewährleisten. Das Vorkommen metatheatraler Techniken und Aussagen in Stücken von Goetz, Guitry und Coward kann Rückschlüsse zulassen auf die Ansichten der drei Autoren zum (Boulevard-)Theater insgesamt. Gerade
Aussagen über das Theater können dabei eine explizitere Stellungnahme darstellen als eine Theatereinlage, die im Sinne einer Poetik nicht immer klar ausgelegt werden kann.
Deshalb sind die metatheatralen Formen für die vorliegende Arbeit von ebenso großem
Interesse wie die eigentlichen Theatereinlagen. Als metatheatral sollen Einlagen oder eigenständige Strukturen gelten, bei denen es sich entweder nicht im eigentlichen Sinne
um theatrale Passagen handelt oder die sich von einem Theater im Theater beispielsweise dadurch unterscheiden, dass darin kein Rollenwechsel einer Schauspieler-Figur vorkommt. Hiernach werden die folgenden Formen unterschieden (zusammengestellt nach
Schöpflin 1993, 16): nicht-theatrale Einlagen (Kap. 10.1.1.), gelesene Einlagen (Kap. 10.1.2.),
Showeinlagen (Kap. 10.1.3.), eine Geistererscheinung als Spukeinlage (Kap. 10.1.4.), spielerische
Einlagen (Kap. 10.1.5.), öffentliche, nicht-theatrale Auftritte (Kap. 10.1.6.), Prologe und Epiloge,
Vorspiele und Nachspiele (Kap. 10.2.), Theaterverweise, -metaphern und Sprechen ad spectatores
(Kap. 10.3. und Kap. 11.).
1 Petzoldt stützt sich insbesondere auf Richard Hornbys Definition von Play within the Play. (Vgl. Hornby
1986, 31-48). Darunter solle «[eine] abgrenzbare Aufführung eines Dramas innerhalb der Komödie selbst
verstanden werden» (Petzoldt 2000, 85). Sie verweist auch auf die «nochmals weiter ausdifferenziert[e]»
Definition bei Karin Schöpflin (siehe ebd., vgl. Schöpflin 1993, 36f.).
2 Hervorhebung im Original.
268
10.1.1. Nicht-theatrale Einlagen
Sowohl in Guitrys als auch in Goetz’ und Cowards Stücken kommen Passagen mit Einlagen-Charakter vor, «die man als aus der Dramenrealität ausgegrenzt empfindet»
(Schöpflin 1993, 16). Diese Auftritte, die man auch als Zwischenspiele bezeichnen
könnte, sind nicht als eigentliches Theater im Theater zu verstehen, denn es findet darin
kein Rollenwechsel im eigentlichen Sinne statt. Sie können insofern zu den metatheatralen Formen gezählt werden, als sie die Illusion stören, indem sie «den Ablauf des eigentlichen Dramas unterbrechen» (Petzoldt 2000, 85). Mit Liedeinlagen, wie sie etwa in
Brechts epischem Theater vorkommen, sind sie teilweise vergleichbar. Es besteht jedoch der Unterschied, dass mit diesen leichten Illusionsstörungen im Boulevardtheater
üblicherweise kein vergleichbarer Verfremdungseffekt angestrebt wird – denn die Möglichkeit der Zuschauer zur Identifikation, gerade mit den Figuren aus der Rahmenhandlung, kann in vermindertem Maße doch noch gegeben sein. Metatheatrale Einlagen «haben mit dem Theater im Theater den Einlagencharakter gemein, müssen aber keineswegs theatralischer Natur sein» (Schöpflin 1993, 16). Es kann sich dabei entweder um
von Goetz, Guitry und Coward erfundene nicht-theatrale Einlagen oder zum Beispiel
um (nachgespielte) Auftritte bekannter realer Künstler (oder das Vortragen deren Lieder
oder Gedichte) handeln. Im zweiten Fall wird der Inhalt der Darbietung, also beispielsweise der Text oder auch die Melodie eines Liedes, nicht Goetz, Guitry oder Coward
zugeschrieben. Oft sind solche Zwischenspiele in ihrer Funktion einem kürzeren Binnentheater ähnlich, weshalb sie als metatheatral klassifiziert werden können.
10.1.2. Gelesene Einlagen
Lesungen im Theater werden in dieser Arbeit dann als Binnentheater klassifiziert, wenn
sie im weitesten Sinne eine Rollenübernahme einschließen und wenn die Rolle nur von
einer Figur gelesen wird. Die Stücke von Goetz, Guitry und Coward weisen jedoch weitere Leseeinlagen auf, bei denen keine eigentliche Rollenübernahme geschieht. Außerdem handelt es sich hierbei teilweise um metatheatrale Einlagen, die meistens gleichzeitig intermedial respektive metaliterarisch sind, weil sie nicht nur Aussagen über das Theater, sondern auch über ein anderes Medium oder über die Literatur allgemein machen.
Auf sie wird nachfolgend eingegangen.
Eine lediglich angedeutete, stille Lesung findet sich in Die Rutschbahn (1919),3 einem Schwank in drei Akten von Heinz Gordon und Kurt Götz, dem hier noch mit bürDatierung nach: Fischerverlage (2013): Theater und Medien. Curt Goetz: Die Rutschbahn. [Onlinefassung].
3
269
gerlichen Namen genannten Autor.4 Agathe, Ottos Ehefrau, liest einen Auszug oder eine Zusammenfassung aus dem fiktiven Werk «Die finsteren Mächte». (Rutschbahn: I, 20)5.
Als Autor wird «Frank Harold» genannt (ebd.), erschienen ist die Publikation gemäß den
Aussagen auf der Bühne in der Zeitschrift «Die Morgenröte» (vgl. ebd., 17).6 Im Stück Die
Rutschbahn gibt sich Otto Hildebrandt als Schriftsteller aus, da sich Agathe einen Dichter
zum Mann wünscht. Sie ist noch immer beeindruckt von den Liebesbriefen, die Otto ihr
in der Jugendzeit geschrieben hat, die dieser aber, wie das Publikum erfährt, lediglich
abgeschrieben hat von einem «Liebesbriefsteller» (ebd.,16). Auf Anraten seines Freundes
Richard gibt Otto seiner Frau gegenüber vor, er verberge sich hinter dem Pseudonym
Frank Harold, das einem zu diesem Zeitpunkt berühmten Schriftsteller gehört, dessen
wahre Identität im Stück aber unklar ist. In diesem Zusammenhang ist auch die Lesung
zu sehen: Otto reicht seiner Frau die Zeitschrift, um sie zu beeindrucken und ihr zu beweisen, dass er «sogar schon gedruckt» sei (ebd., 20), was sie mit Entzücken zur Kenntnis nimmt.
Nachdem sie den Artikel still zu lesen begonnen hat (eine laute Lesung findet also nicht statt, es handelt sich im Gegenteil um eine stumme Einlage), nimmt ihre Reaktion Bezug auf den Inhalt des Gelesenen: «Sehr hübsch Otto! Wirklich reizend! […]
Und so ganz deine persönliche Note! In jedem Satz, in jedem Gedanken erkenne ich
dich wieder. Mir ist, als h ö r t e ich dich all diese Worte sprechen.» (Rutschbahn: I,
21).7 Sie geht also nach jeder vermeintlich gelesenen Passage auf den Inhalt ein und
kommentiert ihn, wodurch – wie auch durch die Pause, die durch das Lesen vermutlich
entsteht – der Einlagecharakter bewusst gemacht wird. Später sagt Agathe «plötzlich laut
auflachend» (Nebentext, ebd.): «Otto, du hast ja Humor!» (Rutschbahn: I, 21) – was impliziert, dass er sonst keinen habe. Später kommentiert Agathe wiederum das Gelesene
mit den Worten: «Ganz allerliebst, was du das kleine Mädelchen da plappern lässt!»
(ebd.), wobei aus Ottos Reaktion klar wird, dass er selber den Artikel nicht einmal gelesen, also keine Ahnung hat, wovon seine Frau spricht. Als Agathe über die bereits im
Titel des Werks evozierten düsteren Passagen spricht, vergeht ihr das Lachen: «Ach, die
URL:<www.fischertheater.de/sixcms/detail.php?template=tt_default_wrapper&_content_template=tt_t
heaterstueck_detail&_navi_area=tt_vert1&_navi_item=03.01.00.00&id=1425726&_letter=G>
(22.05.2013). Das Stück wurde wahrscheinlich auch unter dem Titel Mitternachtsdichter aufgeführt (vgl. Weniger 2011, 197).
4 Dieser Schwank wurde 1919 uraufgeführt und ist im Verlag Felix Bloch Erben erschienen. Die verwendete Ausgabe des Skripts enthält zwei voneinander abweichende Seitennummerierungen, wobei ich mich
an diejenige oben an der Seite halte.
5 Masch. Bühnenmanuskript. Kursivsetzung M.H.
6 Kursivsetzung M.H.
7 Kursivsetzung M.H.
270
arme Frau!» (ebd.). Und nach beendeter Lektüre sagt sie zu ihrem Mann: «Otto, deine
Skizze ist sehr schön, aber die arme Frau hättest Du doch am Leben lassen sollen!»
(ebd.).8 Otto druckst auf Richards energisches Kopfschütteln hin herum, um sich auf
der Affäre zu ziehen: «Nein […], das ging leider nicht. Sieh mal, einmal hätte sie doch
sterben müssen und da sagte ich mir, lieber heute als morgen. Wozu erst die lange Quälerei» (ebd.).
Die stille, kommentierte Lektüre als nicht-theatrale Einlage hat hier vor allem eine komische Funktion. Verstärkt wird sie durch die Verstellungskomik vonseiten des
vermeintlichen Schriftstellers. Die Verstellungskomik setzt einen Wissensvorsprung des
Publikums voraus, das ja weiß, dass Otto in Wirklichkeit nicht Frank Harold ist und dass
er dessen Werk weder geschrieben hat noch sich im Gebiet der Schriftstellerei auskennt.
Es bleibt auch offen, ob es sich bei dem «Skizze» genannten Dokument (ebd., 21) um
eine Erzählung, eine Romanzusammenfassung oder ein Theaterstück handelt. Es könnte sich sogar um Poesie handeln, denn Otto kündigt es mit den Worten an: «Ich habe
was gedichtet!» (ebd., 20). Durch den Hinweis auf gesprochene Passagen wäre auch ein
Theaterstück denkbar. Dass es sich um ein in einer Zeitschrift gedrucktes Werk handelt,
deutet aber eher auf eine Erzählung, ein Romanfragment oder eine Werkzusammenfassung hin.
Dass er nicht der wirkliche Autor des Werkes ist (was das Publikum zu diesem
Zeitpunkt ohnehin weiß) verrät einmal mehr Ottos komischer Titel-Versprecher «Die
finsteren Nächte» (statt Mächte)(ebd., 209). Er stellt möglicherweise zugleich eine Vorausdeutung dar: Damit er dem Wunsch seiner Ehefrau nachzukommt, wird sie Otto nämlich künftig um zwei Uhr in der Frühe wecken, damit er dann seiner literarischen Tätigkeit nachgehen kann, da er tagsüber als Bonbonfabrikant arbeitet. Neben der komischen
Funktion bestehen also gewisse Bezüge zwischen der Rahmenhandlung und den metaliterarischen Aussagen. Später im Stück wird eine weitere Publikation Harolds als die
«neueste Sensation des deutschen Büchermarktes» erwähnt (Rutschbahn: III, 48), was an
einen Roman denken lässt. Es handelt sich dabei um «Sarkasmen […] von Frank Harold»
(ebd.).10 Daraus wird jedoch keine Passage vorgelesen respektive es wird einmal mehr
eine stille Lesung angedeutet: Inzwischen wird klar, dass Agathe keinen Gefallen mehr
an der literarischen Tätigkeit ihres Mannes findet, sie wirft das Buch demonstrativ zu
Boden (siehe ebd.). Ein Theaterstück von Frank Harold, das denselben Titel trägt wie
Kursivsetzung M.H.
Kursivsetzung M.H.
10 Kursivsetzung M.H.
8
9
271
das externe Spiel, also Die Rutschbahn, wird zudem ebenfalls im Stück erwähnt (Rutschbahn: II, 44). Wir haben es dabei mit einer angedeuteten Mise en abyme zu tun, wobei es
sich offenkundig nicht um dasselbe Stück handelt, denn es geht im evozierten Binnenstück um «eine unglückliche Frau, die des Todes stirbt» [sic](ebd., 43), während in
Goetz’ Stück gleichen Titels kein Todesfall vorkommt. Die zitierte Aussage deutet an,
dass es beim Gelesenen wohl nicht um eine Ankündigung oder Zusammenfassung des
Theaterstücks ging (vgl. Rutschbahn: I, 21).
Nicht im strengen Sinne als metatheatral, aber als metaliterarisch11 kann eine Lesung aus einem epischen Werk bei Coward gelten. Ein solches Beispiel findet sich in der
Komödie Hay Fever (1925), in der, ähnlich wie in Goetz’ Stück Die Rutschbahn über das
Werk und die Arbeit des berühmten Autors gesprochen wird (siehe unten, Kap. 11.1.3.).
Sowohl in Goetz’ (und Gordons) Komödie Die Rutschbahn als auch in Cowards
Stück Hay Fever wird die Arbeit eines Schriftstellers angesprochen, einerseits in den gelesenen Passagen, anderseits aber auch in den Kommentaren der Figuren zum Gelesenen.
In Die Rutschbahn wird die Schriftstellerei in erster Linie um der Komik Willen thematisiert. Gerade die stille, nur angedeutete Lesung trägt zu dieser Wirkung bei, weil sich die
Zuschauer vorstellen müssen, was der Autor geschrieben haben könnte: Wir haben es mit
einem unredlichen Schriftsteller zu tun, der sich mit fremden Federn schmückt, ein
fremdes Pseudonym als sein eigenes ausgibt und dadurch zu einer SchriftstellerKarikatur wird. Durch sein Unwissen in Bezug auf das angeblich selbstverfasste Werk
und seinen offensichtlichen Bluff entsteht Komik.
Ähnlich wie bei Goetz wird also in Cowards Stück das Produkt eines Schriftstellers näher beschrieben und seine Arbeitsweise kritisiert. Es handelt sich bei der Figur
David um eine Art Karikatur des typischen (Frauen-)Romanschriftstellers. Die Lesung
und die Verweise auf den Roman im Theaterstück dienen auch dazu, die Neugier der
Zuschauer auf den unbekannten Roman und den (während des Stücks wenig präsenten)
angeblichen Erfolgsautor zu wecken. Steht bei der Autorenfigur in Goetz’ und Gordons
Schwank Die Rutschbahn schon von Anfang an fest, dass es sich um einen Angeber handelt, so wird bei Coward die mangelnde Qualität des Werks von David Bliss erst im Verlauf des Stücks Hay Fever ersichtlich. Dies zeigt sich gerade durch die laute Lesung und
die darauf folgenden Kommentare, die ihn des ungenauen Arbeitens überführen. Da
Damit wird, wie erwähnt, ein Begriff aus Werner Wolfs Artikel Metaisierung als transgenerisches und transmediales Phänomen übernommen. In diesem Aufsatz verwendet er Metaliteratur als Oberbegriff für «‹medienspezifische Metagattungen›» (Wolf 2007, 37). Als Unterbegriff von Metaliteratur nennt er «Metafiktion» (Epik über
die Epik), «Metadrama» (Theater über das Theater) und «Metalyrik» (Poesie über die Poesie) (vgl. ebd., 38).
11
272
sich metatheatrale Aussagen über die Arbeit als Schriftsteller und die Lesung an sich inhaltlich schwerlich voneinander trennen lassen, wird auf das Werk als Ganzes erst später
eingegangen (siehe unten, Kap. 11.1.3.).
10.1.3. Showeinlagen
Nachfolgend wird auf Passagen eingegangen, bei denen es sich um Showeinlagen, beispielsweise Gesangseinlagen handelt. Auch Erzähleinlagen werden dazugerechnet. Beispiele finden sich bei allen drei Autoren. So erscheint im zweiten Akt des Stückes Petite
Hollande (1908) von Guitry der Chansonnier Aristide Bruant (1851-1925) auf der Bühne12, dargestellt von einem Schauspieler, «avec son foulard rouge légendaire et ses petites
bottes» (Nebentext, Petite Hollande: II, 335). Er trägt als Gesangseinlage Bruants Kabarettlied «Les Mich’tons» vor (ebd.; Hervorhebung im Original) – es handelt sich also nicht
um eine von Guitry erfundene Einlage. Die gesungene Passage (und die gelesene Einlage, auf die zuvor eingegangen wurde, vgl. oben, Kap. 9), übernehmen die Funktion einer
«Auflockerung im Drama» (Schöpflin 1993, 44). Im Dramentext werden beide Darbietungen als «spectacle» angekündigt (Petite Hollande: II, 331, 334). Sie stellen einen «zusätzlichen Reiz für den Dramenzuschauer» dar (ebd.), wobei die Liedeinlage in Bezug
auf eine Poetik des Boulvardtheaters weniger bedeutungsvoll scheint als die erste, parodistische Einlage.
Cowards Komödie Hay Fever (1925) enthält neben der Romanlesung auch eine
gesungene Einlage: Die ehemalige Schauspielerin Judith Bliss, die ein Comeback plant,
hat sich ihre Talente bewahrt und setzt sie gezielt ein, hier etwa in Form eines Gesangsvortrags, um den Liebhaber ihrer Tochter, die Sorel heisst, zu beeindrucken. Dabei ist
nicht nur der Liedvortrag an sich, sondern auch das Gespräch rund um die Liedeinlage
zu betrachten:
JUDITH: Have you heard her [=Sorel; M.H.] sing?
RICHARD: No, not yet.
JUDITH: She sings beautifully. Are you susceptible to music?
RICHARD: I’m afraid I don’t know very much about it.
JUDITH: You probably are, then. I’ll sing you something.
RICHARD: Please do.
12 Es ist eher unwahrscheinlich, dass der echte Aristide Bruant in Guitrys Stück aufgetreten ist, obschon
dies aufgrund der Lebensdaten möglich wäre. Die Angabe von Geburts- und Sterbedatum erfolgt gemäß:
Dubé/Marchioro (2013): Du temps des cerises aux feuilles mortes. Un site consacré à la chanson française de la fin du Second Empire à la fin de la Seconde Grande Guerre. Aristide Bruant. [Onlinefassung].
URL:
<http://www.dutempsdescerisesauxfeuillesmortes.net/fiches_bio/bruant_aristide/bruant_aristide.htm>
(22.05.2013).
273
JUDITH: (rises and crosses the piano […])
It’s awfully sad for a woman of my temperament to have a grown-up daughter, you know. I
have to put my pride in my pocket and develop in her all the charming little feminine tricks
which will eventually cut me out altogether.
RICHARD: That wouldn’t be possible.
JUDITH: I hope you meant that, because it was a sweet remark. […]
RICHARD (crosses the piano): Of course I meant it.
JUDITH: Will you lean on the piano in an attentive attitude? It’s such a help.
RICHARD (leaning on piano): You’re an extraordinary person.
JUDITH (beginning to play): In what way extraordinary?
RICHARD: When I first met Sorel, I guessed what you’d be like.
JUDITH: Did you, now? And am I?
RICHARD (smiling): Exactly.
JUDITH: Oh, well… (she plays and sings a little French song.)
(There is a slight pause when it is finished.)
RICHARD (with feeling): Thank you.
(Hay Fever: I, 54f.)
Die Worte des französischen Liedes werden im Dramentext ausgelassen, sie scheinen
ebenso wie die Melodie für die vorliegende Szene der Fantasie des Regisseurs überlassen
zu sein. Bedeutungsvoll ist die ansonsten konventionelle Liebesszene insofern, als sie die
Rivalität zwischen Mutter und Tochter verdeutlicht. Es handelt sich innerhalb von Cowards Komödie um eine strukturelle Wiederholung, denn im ersten Akt hat sich bereits
die Tochter angeschickt, Richard etwas vorzusingen, dann aber darauf verzichtet mit
den Worten: «I don’t want to really a bit – only I’m trying to entertain you» (Hay Fever:
I, 39). Dadurch ist bereits die fast zwanghafte Neigung zum Entertainment angesprochen worden, wozu bei Familie Bliss auch das Vortäuschen von Gefühlen als Selbstinszenierung gezählt werden kann. Ihre Mutter tritt durch die Gesangseinlage, die sie deren Geliebten Richard vorträgt, in einen Konkurrenzkampf mit ihrer Tochter (vgl. Hay
Fever: I, 54f.). Auch wenn diese Gesangsleinlage kein eigentliches Theater im Theater
darstellt, verdeutlicht sie, wie Judith Bliss auch ihr ‹wirkliches› Leben als Schauspiel inszeniert und orchestriert – was aus anderen Szenen im Stück noch klarer hervorgeht.
Dem Zuhörer Richard gibt Judith in einer im Haupttext ausgesprochenen Regieanweisung vor, wie er sich als Zuhörer des Vortrages zu verhalten und seine Rolle als Zuhörer
zu spielen hat: «Will you lean on the piano in an attentive attitude? It’s such a help» (vgl.
ebd., 55).
In Guitrys Stück Jean III ou l’irrésistible vocation du fils Mondoucet (1912) halten die
Schauspieler die Binnenzuschauer mit Gesangseinlagen und Versrezitationen sowie vorgetragenen Monologen bei Laune, weil die Aufführung wegen Ausfalls eines Schauspielers mit Verspätung beginnt. Diesen (teilweise nicht-theatralen, teilweise theatralen) Einlagen wohnt das Publikum der Rahmenhandlung jedoch direkt nicht bei, sondern erfährt davon nur durch die Berichte der anderen Schauspieler – es handelt sich hierbei
also um epische Einlagen, in denen über Showeinlagen berichtet wird (siehe Jean III: II,
274
128-141).13 Eine ähnliche Funktion des Zeitvertreibs, jedoch als gesungene Einlage auf
der Bühne, erfüllt in Der Hahn im Korb (1920) eine von Goetz erfundene «lyrische Ballade» (Hahn im Korb, 214). Es handelt sich um eine humoristische Gesangseinlage, die
ein Schauspieler trällert, eine «schwermütige Wüstenmelodie» (ebd.), welche die Wartezeit auf den Beginn der Dreharbeiten für die anwesenden Schauspieler (als eine Art Binnenpublikum) verkürzen soll. Zwischen den Solopassagen schaltet sich auch ein «Chor»
ein (vgl. Nebentext, Hahn im Korb, 214f.) – seine Funktion besteht jedoch vorwiegend
im refrainartigen Nachsingen einzelner Wörter aus den Solopartien. Der Chor übernimmt hier also keineswegs seine traditionelle Rolle aus der antiken Tragödie, nämlich
das Hervorheben des «caractère fictif, imaginaire de ce qui se passe sur scène» (Kowzan
2006, 192).
Im Rahmen einer Show treten in Guitrys Theaterstück L’Illusionniste (1917) eine
‹Sängerin›, eine ‹Gedankenleserin› und zwei «cyclistes comiques» auf (Illusionniste: Prologue, 134), bevor der Zauberer Teddy Brooks seine Darbietung zeigt. Die folgende
Zauberaufführung bei Guitry ähnelt – entgegen dem hier erwähnten Vorprogramm –
stärker einem Theater im Theater, kann jedoch durch den fehlenden Rollenwechsel
nicht als solches klassifziert werden (siehe unten, Kap. 10.1.6.).
Im Gegensatz zu manchen hier besprochenen nicht-theatralen und oft rein unterhaltenden Einlagen sind die bereits erwähnten Erzählungen, die der Einakter Die Barcarole (1963) umschließt, in Bezug auf die Rahmenhandlung bedeutungsvoller. Es geht
dabei um einen Wettstreit der im Hamlet auftretenden Schauspieler im Erzählen von
Schauererlebnissen. Die Geschichten, die hinter der Bühne von Polonius, dem Zweiten
Totengräber und Hamlet erzählt werden, sind erwähnenswert, da es dabei – wie im vorausgehenden und nachfolgenden Stegreifspiel – darum geht, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Alle Geschichten stehen zudem im Zusammenhang mit der Oper Hoffmanns
Erzählungen von Offenbach, auf die inhaltlich und auch strukturell Bezug genommen
wird. Aus diesen Gründen sind sie hinsichtlich der Opernthematik im entsprechenden
Eine neuere Variation dieses Themas – bekanntlich fällt bei Guitry ein Schauspieler aus und muss ersetzt werden – findet sich in Rainer Lewandowskis Theatermonolog mit dem Titel Heute wieder Hamlet.
Der Inhalt des Stücks lässt sich wie folgt zusammenfassen: Eine «Vorstellung von ‹Hamlet› musste kurzfristig wegen Beinbruchs des Hauptdarstellers ausfallen. Sassmann war früher selber ein gefeierter Schauspieler, aber fristet nach vielen Schicksalsschlägen nun das Leben eines Vorhangziehers. Auch nach der
geplatzten Hamlet-Aufführung soll Sassmann eigentlich nur die Requisiten wieder von der Bühne räumen,
aber weil das Publikum immer noch im Raum sitzt, beginnt er zu erzählen, von dem Leben auf und hinter
der Bühne, von den tausend Arten einen Vorhang aufzuziehen, über merkwürdige Attitüden seiner Kollegen und über Hamlet, das Stück, das seine Karriere und sein Privatleben auf so tragische Weise beeinflusste.» Sturm (2009): «Heute wieder Hamlet» im Theater 99. Aachener Zeitung vom 26.08.2009 [Onlinefassung]. URL: <http://www.aachener-zeitung.de/artikel/1025689> (22.05.2013).
13
275
Kapitel ausführlich behandelt worden (siehe Kap. 8.5.). Im Zusammenhang mit Hoffmanns Erzählungen kommt nicht nur ein musikalisches Zitat aus der Oper vor (das für
Goetz’ Einakter titelgebende Stücke Die Barcarole), auch zusätzlich wird in und durch
diese mündlich vorgetragenenen Geschichten auf Hoffmanns Erzählungen Bezug genommen, indem in den Erzählungen Ereignisse im Zusammenhang mit der Oper berichtet
werden. Gerade als Bezugspunkt zum Operntitel hat Goetz diese als epische Einlagen ins
Theaterstück Die Barcarole eingebaut. Die Funktion dieser Geschichten besteht auch darin, auf der Bühne eine Schauerstimmung zu erzeugen – im Untertitel heißt das Stück
bekanntlich Eine Aufregung. Daneben weisen die Erzähleinlagen humoristische Züge auf
– etwa, wenn derjenige, der als Darsteller des Zweiten Totengräbers im Stück Hamlet
fungiert, über seine frühere Angst vor einem Skelett berichtet (vgl. Barcarole, 1000).
In Bezug auf den Handlungsverlauf der Komödie bedeutsam sind auch die Zaubertricks von Peer Bille, die in beiden Fassungen von Goetz’ Theaterstück Hokuspokus
(1927 / 1952)14 vorkommen: Wie Guitrys Illusionist – aus der nach ihm benannten
Komödie L’Illusionniste (1917) – zeichnet sich Peer Bille bereits durch seine Kleidung als
Zauberer aus, denn er trägt einen «Frack […] von Erly and Blith» (Hokuspokus (U): I,
402). Noch stärker akzentuiert wird die äußere Ähnlichkeit mit einem Magier in der
Neufassung, wo es heißt: «Er ist in Frack und Zylinder» (Nebentext, Hokuspokus (N): I,
471).
Es handelt sich hier jedoch nicht um die Übernahme einer Rolle im traditionellen Sinne, sondern vielmehr um eine absichtliche Täuschung des Publikums und um
Verstellung: Mithilfe seiner Taschenspielertricks bringt Peer Bille den Gerichtspräsidenten im Stück dazu, ihm zu glauben, sein Freund Lindboe (in der Neufassung Graham)
wolle ihn töten (siehe Hokuspokus (U): I, 405-407 bzw. Hokuspokus (N): I, 475-477).
Bille möchte den Präsidenten durch diesen Trick von Agda Kjerulfs Unschuld überzeugen.
Nur Indizien sprechen gegen diese arme Frau. Und ich habe Ihnen jetzt mit drei ganz primitiven Kunststückchen, die jeder billige Zauberkünstler aus den Ärmeln schüttelt, einen lückenlosen Indizienbeweis geliefert, daß Ihr bester Freund Ihr Mörder ist.
(Hokuspokus (N): I, 477)
Peer Billes Tricks bestehen darin, einen Revolver hervorzuzaubern respektive ihn dem
Freund des Präsidenten scheinbar abzunehmen (siehe ebd., 475). «Er zieht Graham [außerdem] ein Ticket aus der Brusttasche» (Nebentext, ebd.). Das «Flugbillet» (ebd.) soll
Grahams Mordabsicht beweisen, da es vor dem Zeitpunkt gekauft worden ist, zu dem
Datierung der Uraufführung nach: Knecht 1970, 216. Datierung der Neufassung nach: Ehlers 1997,
148, Anm. 67.
14
276
der Präsident seinen Freund um einen Besuch gebeten hat. Zuletzt nimmt Bille ein in
der Handschrift des Präsidenten verfasstes Testament «aus Grahams anderer Brusttasche» (Nebentext, ebd., 476). Das Dokument besagt, die «letzten Verfügungen [lägen] bei
[s]einem Advokaten Arthur Graham» (ebd.). Daraus zieht Bille, dies gegenüber Graham
thematisierend, den Schluss: «Dieser Zettel sollte bei Ihrer Leiche gefunden werden, um
Selbstmord vorzutäuschen» (ebd.) – gemeint ist der Tod des Präsidenten. Graham habe
den Mord an seinem Freund als einen Suizid erscheinen lassen wollen. Außerdem behauptet Bille, im Getränk des Präsidenten sei Gift (siehe ebd., 475).
All diese Zaubereinlagen sollen nicht als eigentliches Theater im Theater eingestuft werden, da die Taschenspielertricks im privaten Rahmen ohne fiktive Zuschauer
gezeigt werden und zudem eine Täuschung des echten Publikums bezwecken, die in der
Folge von Peer Bille selbst aufgedeckt wird. Obwohl Bille seine Täuschungsmanöver als
«kleine Komödie» beschreibt (vgl. Hokuspokus (N): II, 482), handelt es sich von seiner
Seite um Verstellung und nicht eine Rollenübernahme. Denn die eigentliche Übernahme
einer neuen Rolle fehlt. Eine weitere, zirkusreife Nummer bietet Peer Bille als Entfesslungskünstler am Ende des ersten Aktes, als er von einem Polizisten festgenommen
wird, sich jedoch selber befreit und seine Fesseln stattdessen dem Beamten umlegt (Hokuspokus (U): I, 409f.; vgl. Hokuspokus (N): I, 480). Einige der hier erwähnten Einlagen
werden von Fridolin Tschudi in einer Kritik mit Zirkusdarbietungen verglichen:
Curt Goetz ist ein Zirkuskind. […] Die Betonung liegt auf Zirkus, und die metaphorische Wortverbindung will lediglich eine Standortangabe sein, um festzustellen, in welche Kategorie man
den Dramatiker, dem literaturgeschichtlich sonst nicht beizukommen wäre, einzureihen hat.
[…] [E]s sind veritable Nummern, die da produziert werden. Das Drum und Dran – halb
Bühne, halb Manege – ist nur von beiläufiger Wichtigkeit.
In der Mitte steht der Dompteur. […] Er bändigt sowohl die Handlung als auch den Dialog
und vor allem das Pathos, dieses gefährlichste aller Bühnenraubtiere.
(Kritik von Fridolin Tschudi zu Hokuspokus. In: Goetz/von Martens 1963, 471)
Die Zauberei wird im Stück auch als Metapher gebraucht, um den Gerichtsfall insgesamt als «Hokuspokus» zu beschreiben (Hokuspokus (U): II, 438): Im Laufe des Prozesses beschreibt Bille so die «Rede des Herrn Staatsanwaltes als eine Gipfelleistung forensischer Zauberkunst» (Hokuspokus (N): III, 518; vgl. Hokuspokus (U): II, 434).
277
10.1.4. Eine Geistererscheinung als Spukeinlage
Cowards Erfolgsstück Blithe Spirit (1941),15 das Goetz unter dem Titel Fröhliche Geister
(1949)16 ins Deutsche übersetzt hat, nachdem es 1945 auch verfilmt worden ist, enthält
kein Binnentheater im eigentlichen Sinne. Die übersinnliche Geister-Erscheinung ist allerdings in mehrfacher Hinsicht mit einem Theater im Theater vergleichbar. Charles
kommentiert beispielsweise das (vermeintliche) Ende des Spuks im Stück mit den metatheatralen Worten «[T]he entertainment’s over» (Blithe Spirit: I, 33), er bezeichnet die
spirituelle Sitzung demnach als ‹Unterhaltung›, ähnlich wie die Showeinlagen in Guitrys
Petite Hollande «spectacle» genannt werden (vgl. Petite Hollande: II, 331, 334). Der Untertitel von Cowards Komödie lautet: «An improbable Farce in Three Acts» (Blithe Spirit, 1).
Als metaliterarisches Element wird in Blithe Spirit darüber hinaus die Arbeit eines Romanciers thematisiert, denn mit Charles Condomine setzt Coward einen fiktiven Autor
in Szene.
Der Titel Blithe Spirit (‹Fröhliche Geister›) stellt einen intertextuellen Bezug her,
denn entnommen ist er dem Gedicht To a Skylark (‹An eine Feldlerche›)17 (1820) des romantischen Dichters Percy Bysshe Shelley, des Ehemanns der Erfinderin von Frankenstein, Mary Shelley. Coward ordnet sich durch diese Titelwahl und die Geister-Thematik
explizit in die romantische Tradition der Phantastischen Literatur ein. 18 Geistergeschichten erfreuten sich in Großbritannien zwischen 1918 und 1939 großer Beliebtheit, wie
Datiert nach: The Noël Coward Society (2001): Chronology. [Onlinefassung]. URL:
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
16 Goetz’ Bearbeitung wurde erstmals 1949 unter der Regie von H. Buckwitz an den Münchner Kammerspielen aufgeführt. Das Stück wurde unter dem Titel «Geisterkomödie» gespielt (während das mir vorliegende Bühnenmanuskript den Titel Fröhliche Geister trägt). Siehe dazu: Seemann-Eggebert: Unterhaltliche Gespenster.
In:
DIE
ZEIT
50
(15.12.1949),
5.
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.zeit.de/1949/50/unterhaltliche-gespenster/komplettansicht> (22.05.2013).
1945 fand bereits eine andere deutschsprachige Uraufführung von Cowards Stücks in Zürich statt – hier
handelte es sich nicht um die Bearbeitung von Goetz. Siehe Kedveš: Traurige Geister. Noel Cowards
«Blithe Spirit» am Schauspielhaus Zürich. NZZ (vom 21.12.2002). [Onlinefassung]. URL:
<http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article8L9QF-1.448222> (22.05.2013).
17 Das Gedicht bringt den Vogel, dessen Gesang aus dem Himmel stammt, mit dem Übernatürlichen in
Verbindung. Es beginnt mit den Zeilen: «Hail to thee, blithe Spirit! / Bird thou never wert, / That from
Heaven, or near it, / Pourest thy full heart / In profuse strains of unpremeditated art.» (Shelley: To a
Skylark, 602).
18 Im Vorspann zum gleichnamigen Film (1945) wird die Handlung mit einem Märchen verglichen. Die
folgenden Worte werden nur in geschriebener Form gezeigt (Schreibung gemäß Vorspann): «[words on a
Victorian sampler] «When we are young/ We read and believe/ The most Fantastic Things / When we
grow older and wiser / we learn with perhaps a little regret / That these things can never be.» Es folgt
Cowards Stimme als Erzähler aus dem Off. Er beurteilt diese Einschätzung sogleich als falsch mit den
Worten: «We are quite, quite wrong». (Coward: Blithe Spirit (1945). Regie: D. Lean. UK: Two Cities Film.
Vgl. [Onlinefassung]. URL: <http://www.imdb.com/title/tt0038363/quotes> (22.05.2013). Im Film
führt der Erzähler anschließend in die Geschichte ein (während im Bühnenstück keine Erzählerfigur auftritt). Cowards Vorspann ähnelt dem Versuch des Dichters im Epilog von Tiecks Märchendrama Der Gestiefelte Kater, «alle in die entfernten Empfindungen [i]hrer Kinderjahre zurückzuversetzen» (Der gestiefelte
Kater, Epilog, 267; siehe Kokott 1968, 50).
15
278
Barker in seinem Artikel The ghosts of war: stage ghosts and time slips as a response to war nachweist – Cowards Stück muss auch in diesem Kontext gesehen werden (vgl. Barker 2000,
215-243).
Ghosts walk the stage throughout the 1920s and 1930s. They come back in search for the answers to questions that will not let them rest in their graves; sometimes they offer hope and the
illusion of a world at peace. They bring hope that there is another world beyond this world
which makes death meaningless in the context of a wider spiritual vision. Sometimes they seem
to be a manipulative tool which the dramatist uses to create suspense, or a sense of romance,
in which love can exist somehow out of time and space. There have been ghosts in other ages
of the theatre but rarely, since the seventeenth century, have they existed in such profusion.
(Barker 2000, 215)
Coward greift den beliebten übersinnlichen Stoff auf, bearbeitet ihn jedoch auf ungewohnte Weise, indem er ihn als Konkurrenzkampf zweier Frauen ausgestaltet, von denen die eine als Geist zu ihrem Witwer zurückkehrt. Seit Stück ist ein großer Erfolg.
1945 wird Blithe Spirit von Coward in Zusammenarbeit mit David Lean unter demselben
Titel verfilmt. Es existiert ebenfalls eine deutsche Filmproduktion unter dem Titel Geisterkomödie (BRD, 1962), wobei als Drehbuchautor der deutschen Produktion Goetz genannt wird.19 Das Theaterstück Blithe Spirit wird von Coward später zu einem Musical
umgearbeitet und unter dem Titel High Spirits (1964) aufgeführt.20
Inhaltlich geht es im Stück darum, dass eine gewisse Madame Arcati vom Ehepaar Condomine für eine spirituelle Sitzung eingeladen wird. Die Séance halten alle zuerst für einen Jux, sie wird eigentlich nur von Madame Arcati selbst, dem absonderlichen Medium, ernst genommen. Als metaliterarisch ist das Stück einzustufen, da es dem
Romancier Charles Condomine in erster Linie darum geht, Material für sein neues Buch
zu sammeln – in diesen Sinne sagt Frau Bradmann im ersten Akt nach der ereignisreichen Séance: «I do hope Mr. Condomine got all the atmosphere he wanted for his
book» (Blithe Spirit: I, 38).21 Bereits am Aktanfang wird auf Condomines’ Romanprojekt
hingewiesen:
CHARLES(raising his glass to her): To ‘The Unseen’!
RUTH: I must say that’s a wonderful title.
CHARLES: If this evening’s a success I shall start on the first draft to-morrow.
(Blithe Spirit: I, 6)22
Siehe: IMDb. Geisterkomödie (1962). Director: Otto Tausig. Writers: Noël Coward (play), Curt Goetz
(adaptation). [Onlinefassung]. URL: <http://www.imdb.de/title/tt0345322/> (22.05.2013).
20
Vgl. The
Noël Coward Society
(2001): Chronology. [Onlinefassung]. URL:
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
21 «Jedenfalls hoffe ich, dass unser Dichter genug Atmosphäre für sein Buch bekommen hat» (Fröhliche
Geister: I, 48). Bei Coward-Stücken, von denen eine Goetz-Übersetzung vorliegt, wird diese jeweils in
Fußnoten angegeben. (Es fällt hier auf, wie nahe Goetz bei der Übersetzung am Wortlaut des Originals
bleibt.)
22
CHARLES (ihr zutrinkend): Es lebe das Unsichtbare!
RUTH : Ein wundervoller Titel
CHARLES: Wenn dieser Abend ein Erfolg wird, fange ich morgen an zu schreiben!
(Fröhliche Geister: I, 9. Übers.: Goetz)
19
279
Der Bezug zum Geisterstück zeigt sich auch in Cowards (Condomines) Titelgebung des
fiktiven Romans, was ebenfalls auf Goetz’ Übersetzung «Das Unsichtbare» zutrifft
(Fröhliche Geister: I, 9). Der Titel Geisterkomödie, unter dem Goetz’ Übersetzung von
Cowards Stück gespielt wurde, ist diesbezüglich noch als metatheatraler einzustufen als
Fröhliche Geister. Die Analyse verschiedener Vor- und Nachspiele bei Goetz und Guitry
zeigt, dass sich das metatheatrale Motiv der Stoffsuche bei ihnen auf ähnliche Weise wie
im vorliegenden Stück von Coward findet (vgl. Kap. 10.2.). Die spirituelle Sitzung dient
dem Romancier als Stoff für sein geplantes Buch, was als metaliterarische oder auch metatheatrale Aussage gewertet werden kann – offen bleibt auch, ob daraus ein Theaterstück wie das vorliegende werden könnte. Der Titel von Condomines Werk lautet zwar
nicht Blithe Spirit. Es wird jedoch suggeriert, dass die Ereignisse rund um die Geistererscheinung in dieser oder ähnlicher Form in das als Roman geplante Werk einfließen. Es
könnte sich dabei auch gleich einer Mise en abyme um das eigentliche Theaterstück Blithe Spirit handeln, was angedeutet, jedoch nicht explizit thematisiert wird. Hinsichtlich
der Séance von Madame Arcati formuliert der Autor folgende Erwartung:
I suspect the worst. A real professional charlatan. That’s what I am hoping for anyhow – the
character I am planning for my book must be a complete impostor, that’s one of the most important factors of the whole story.
(Blithe Spirit: I, 13) 23
Später gesteht Ruth, Charles’ Frau, dem Medium gegenüber die wahren Motive des
Schriftstellers:
RUTH: He had no intention of trying to get in touch with anyone – the whole thing was
planned in order for him to get material for the mystery story he is writing about a homicidal
medium.
ARCATI (drawing herself up): Am I to understand that I was only invited in a spirit of mockery?
(Blithe Spirit: II, 76)24
Damit hätte das Ehepaar Condomine nahezu die Gunst des Mediums verspielt, dessen
Hilfe sie noch nötig haben werden, denn die spirituelle Sitzung hat zu ihrer Überraschung gezeigt, dass Madame Arcati tatsächlich über Kontakte zum Jenseits verfügt.
Auf diese Weise ist Elvira, Charles Condomines Exfrau, ins Diesseits zurückgerufen
worden, wo sie als Eindringling in der Theaterhandlung ihr Unwesen treibt und einen
offenen Konkurrenzkampf mit Condomines aktueller Frau Ruth austrägt. Der Effekt
dieser Geistererscheinung ist eine Art Zeitüberlappung: Cowards Kunstgriff inszeniert
einen Anachronismus, er ermöglicht durch die Präsenz zweier Ehegattinnen aus zwei
«Ich bin auf eine berufliche Schwindlerin gefasst. Oder vielmehr, ich hoffe es. Die Hauptfigur meines
neuen Romans muss ein bewusster Scharlatan sein. Das ist wichtig für die Idee.»
(Fröhliche Geister: I, 18; masch. Bühnenmanuskript)
24 «RUTH: Er wollte Material haben für eine Detektivgeschichte, die er über ein Mördermedium schreibt.
ARCATI (sich aufrichtend): Soll das heissen, dass ich nur eingeladen war, um sich über mich lustig zu machen?» (Fröhliche Geister: II, 92; masch. Bühnenmanuskript)
23
280
verschiedenen Zeiträumen die postmoderne «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen» (vgl.
z.B. Förster 1999, 91).25 Diese Passage zeigt auch, dass sich der ursprünglich geplante
Romaninhalt von der Handlung des gezeigtenTheaterstücks unterscheidet, was gegen
das Vorliegen einer Mise en abyme spricht.
Inwieweit die erwähnte Geistererscheinung metatheatrale Züge aufweist sowie
als Einlage Ähnlichkeiten zu einem Theater im Theater hat, gilt es nachfolgend darzulegen. Dabei wird davon ausgegangen, dass es sich bei der Geistererscheinung um ein
Phänomen handelt, das einer Traumvision vergleichbar ist. In einigen der einschlägigen
Werke zum Spiel im Spiel-Begriff wird auch auf «Traumeinlage» (so benannt bei Pfister
2001, 299) eingegangen: Auf «die Verwandschaft des Traumdramas mit dem Spiel im
Spiel» geht schon Voigt in seiner Studie ein (Voigt 1954, 36). Er versteht dieses als «Nebenform des Spiels im Spiel» (ebd.).
Desgleichen soll diese Einlage in der vorliegenden Arbeit als metatheatral, nicht
aber als eigentliches Theater im Theater betrachtet werden – zumal Elvira, wie der Geist
heißt, keine Theaterrolle spielt. Es stellt sich die Frage, ob das Auftauchen eines Geistes
wie ein Traum als «subjektive Erfahrung» gelten kann (Schöpflin 1993, 48): Dies scheint
bezüglich Charles Condomine auf den ersten Blick zuzutreffen, denn Elvira ist als Erscheinung nicht für alle sichtbar und hörbar, sondern vorerst nur für ihren Witwer
Charles (jedoch auch für das Publikum). Darum ist im Stück am Anfang von einer möglichen «Halluzination» die Rede (Fröhliche Geister: II, 66; vgl. Blithe Spirit: II, 45, 53).
Dadurch scheint das Kriterium der «Fiktionalität und Imaginiertheit» (Pfister, 2001, 297)
erfüllt zu sein. Auch Madame Arcati stellt im Stück die Theorie auf, dass Charles Condomine den Geist unbewusst selbst gerufen haben müsse, was erkläre, warum er allein
Elvira sehen könne. Von einem Traum unterscheidet sich die Geistererscheinung trotzdem dadurch, dass alle anderen Figuren auf der Bühne Elviras Wirken ebenfalls wahrnehmen können, aber nur dann, wenn sie beispielsweise Gegenstände durch die Luft
trägt oder Lärm verursacht. Außerdem kann neben Charles die Angestellte der Familie,
den Geist sehen, wie sich gegen Ende des Stücks herausstellt (vgl. Blithe Spirit: III, 125).
Dass die Vision für mehr als eine Person sichtbar ist, unterscheidet sie von einem
Traum oder einer reinen Einbildung und macht sie einer Theatereinlage vergleichbar.
Die echten Zuschauer sehen und hören darüber hinaus Elvira wie eine normale Bühnenfigur und nehmen infolgedessen mehr wahr als Ruth, Condomines Ehefrau.
Diese Konstruktion erinnert auch an Sartres als Filmdrehbuch konzipiertes Stück Les jeux sont faits, das
später als Cowards Stück datiert ist.
25
281
Nach Schöpflins Einschätzung kann eine Traumvision nicht als eigentliches
Theater im Theater gelten. Den Unterschied zwischen einem Spiel im Spiel und einer
Traumvision oder auch Zauberei beschreibt sie im Kapitel Ontologisch unterschiedene Passagen wie folgt:
Bei der Definition des Theaters war es ein entscheidender Aspekt, daß sich das Theater von
der Wirklichkeit seinsmäßig unterscheidet, weil es fiktiv ist. Neben der Fiktion gibt es aber
noch weitere Phänomene, die sich von der […] Realität unterscheiden. Hierher gehören namentlich […] der Traum und die Zauberei. Der Traum ist eine subjektive Erfahrung, die sich
auf geistiger, immaterieller Ebene vollzieht, dem Träumenden aber als erlebte Wirklichkeit erscheint. Die Zauberei bedient sich übernatürlicher Mächte, um innerhalb der Wirklichkeit etwas zu erreichen, was nach dem alltäglichen Wissensstand der Menschen unmöglich und naturwissenschaftlich nicht zu erklären ist.
(Schöpflin 1993, 47f.)
Aus dem Zitat geht nicht so klar hervor, dass in einem Theater im Theater immer auch
eine oder mehrere weitere fiktionale Ebene innerhalb einer bereits bestehenden auftreten, wobei die Rahmenhandlung dabei als die ‹realste› Ebene empfunden wird, ohne tatsächlich wirklich zu sein. Eine überzeugende Einteilung solcher Phänomene liefert Pfister, der der Traumebene die Fiktionalität nicht abspricht und sich unter anderen explizit
auf Voigt (1954) stützt (vgl. Pfister 2001, 411, 299, Anm. 70). Bei Pfister charakterisiert
sich der Traum als «untergeordnete Sequenz» (ebd., 299) durch «Fiktionalität und Imaginiertheit» (ebd., 297; vgl. auch 295-299), während sich das Spiel im Spiel bei ihm durch
«Fiktionalität + Fiktionalität» auszeichnet (ebd., 299;). Schöpflin scheint den Traum indessen eher als fiktionsintern, also als Teil der Rahmenhandlung aufzufassen. Wie dies
auch für die vorliegende Arbeit teilweise gilt, interessieren Pfister «vorrangig […] die
formalen Strukturen der Einbettung untergeordneter Sequenzen» (ebd., 296). So sind
Träume, Visionen, Erscheinungen und eigentliches Theater im Theater oft strukturell
vergleichbar, da sie ähnlich inszeniert werden können. Pfister weist beispielsweise «bei
[…] Texten von Grillparzer und Schnitzler […] eine deutlich markierte Grenze zwischen einer primären Spielebene […] und der untergeordneten Spielebene der Traumeinlage mit der Merkmalkomplexion von Fiktionalität und Imaginiertheit» nach (ebd.,
297).26 Angezeigt werde diese Grenze beispielsweise durch «akustische Effekte […] und
durch optische» (ebd., 278). Ähnliches ist auch in Bezug auf die Geistereinlage bei Coward festzustellen: Elvira hat als Geist Ähnlichkeiten mit einer fiktionalen Theaterfigur,
die als Metalepse aus einem anderen Theaterstück heraustritt. Dies kommt auch daher,
dass sie sich etwa in der Verfilmung durch ihre auffällige Geschminktheit von der Dramenrealität abhebt und einer fiktionalen (künstlichen) Figur dadurch im weitesten Sinne
Er stützt sich auf Grillparzers Der Traum ein Leben und Schnitzlers Stück Die Frau mit dem Dolche (vgl.
Pfister 2001, 295).
26
282
vergleichbar ist, was den Einlagecharakter unterstreicht. Herbeigerufen wird sie vordergründig durch die Musik und die spirituelle Sitzung (vgl. Blithe Spirit: I, 29). Trotz mancher Analogien stellt Elvira als phantastische Erscheinung aber nicht eine aus einer anderen Fiktion heraustretende Figur und in diesem Sinne auch kein klar als Metalepse zu
klassifizierendes Phänomen dar, wenn man davon ausgeht, dass sie aus einer Welt des
Jenseits kommt und nicht aus einem fiktionalen Paralleluniversum. Obwohl Genette
(2004, 116) in seiner Erweiterung des Metalepsenbegriffs auch Traumerscheinungen
dieser Art als Metalepsen einordnet,27 wie übrigens genauso sämtliche Wirklichkeitsbezüge in fiktionalen Texten (vgl. ebd., 131), soll dieser Ausweitung der Begriffsverwendung aus den dargelegten Gründen nicht gefolgt werden (zur Begriffsbestimmung, vgl.
Kap. 2.). Dennoch ist die Präsenz des Geistes als etwas Phantastisches, Unerklärliches,
der Logik widersprechendes zu begreifen.
Die spirituelle Sitzung, die das Auftauchen eines Geistes zur Folge hat, ist der
Zauberei ähnlich, deren Funktion Schöpflin wie folgt umschreibt:
Je nach Auffassung kann die Zauberei entweder die Illusion wecken, dass sich tatsächlich etwas
ereignet, was in Wahrheit nur Trug ist, oder sie kann in der Tat durch übernatürliche Phänomene wirken, die zur Wirklichkeit gehören und diese beeinflussen können, obwohl sie konkret
normalerweise nicht greifbar sind und deshalb als scheinhaft begriffen werden. Traum und
Zauberei haben mit dem Theater den Scheincharakter gemein, der aber jeweils unterschiedlicher Natur ist.
(Schöpflin 1993, 48)
Auf die Geistererscheinung in Blithe Spirit trifft die zweite Definition Schöpflins zu, da
Elvira zu den «übernatürliche[n] Phänomen[en]» gehört (vgl. ebd.). Elvira kann als
Spukgestalt bis zu einem gewissen Grad die Dramen-«Wirklichkeit […] beeinflussen»
(ebd.) – im Stück bringt sie die Handlung in der Tat ziemlich durcheinander. Die Geistererscheinung stellt aber kein Theater im Theater in reiner Form dar, denn sie vermittelt lediglich den «Eindruck einer Einlage im Drama» (ebd.), weshalb sie als metatheatral
klassifiziert werden soll. Geisterphänomene gehören laut Schöpflin «trotz ihrer ontologischen Differenzierung in die Dramenrealität hinein als […] übersinnliche Erscheinung» (ebd.), sie sind also streng genommen als Teil der Rahmenhandlung und nicht eines Binnendramas zu betrachten, zumal Elvira zumindest in den ersten Akten auch die
einzige physisch auftretende Figur aus dem Jenseits ist.
Abschließend soll gezeigt werden, dass die Dialoge – durch die für Condomines
zweite Ehefrau unsichtbare und unhörbare Bühnenpräsenz Elviras – auf ähnliche Weise
So führt Genette aus: «Tout se passe, non sans quelques raisons, comme si le monde onirique […]
constituait une parenthèse fictionnelle à l’intérieur de ce que Proust appelle ‹Le monde des vivants› […],
puisqu’une fiction est toujours métadiégétique par rapport, soit à la réalité, soit à une autre fiction qu’elle
parasite» (Genette 2004, 116; vgl. Marcel Proust : A la recherche du temps perdu. Vol. III. Paris, 159;
Hinweis bei Genette).
27
283
Komik erzeugen, wie dies in Guitrys Stück Quand jouons-nous la comédie (1935) mithilfe der
eingeblendeten Binnenoper Werther von Massenet geschieht (vgl. oben, Kap. 8.2.). Die
Metatheatralität kommt auch in Cowards Stück durch die Montage verschiedener Ebenen zustande, die mit einem Theater im Theater vergleichbar sind:
RUTH: Now look here, Elvira…
CHARLES: She’s over by the window now.
RUTH: Why the hell can’t she stay in the same place?
ELVIRA Temper again – my poor Charles, what a terrible life you must lead.
CHARLES: Do shut up darling, you’ll make everything worse.
RUTH: Who was that ‘darling’ addressed to – her or me?
CHARLES: Both of you.
(Blithe Spirit: II, 80; Hervorhebung; M.H.)28
In dieser Szene entsteht die Dialogkomik dadurch, dass Ruth Aussagen, die eigentlich an
Elvira gerichtet sind (aber für Ruth nicht wahrnehmbar sind), auf sich selber bezieht. Sie
kann (wie die meisten der Bühnenfiguren) im Gegensatz zum Publikum den Geist weder sehen noch hören, was Elvira ausnutzt, indem sie die Szene kommentiert und sich
dabei amüsiert, ihren Standort zu wechseln. Charles weist Elvira mit scharfen Worten
zurecht, die Ruth sofort auf sich bezieht, zumal Charles Elvira unvorsichtigerweise auch
«darling» (ebd.) nennt, als würde Ruth seine Worte genauso wenig hören wie jene von
Elvira. Durch die Montagetechnik der Dialoge ist diese Geistereinlage strukturell mit
dem Einblenden der Binnenoper bei Guitry vergleichbar, da die Komik gerade durch
diese Montage entsteht. Im Stück Quand jouons-nous la comédie hören – im Gegensatz zum
Binnenpublikum – die Personen im Büro des Direktors alle Dialogteile (die gesprochenen und gesungenen) mit, hier sind es Charles und das Publikum. Auch wegen der darin
enthaltenen Aussagen über die Schriftstellerei ist das Stück Blithe Spirit – im Übrigen eines der bekanntesten Cowards – als metaliterarisch und zugleich metatheatral einzustufen.
28
RUTH (noch in Richtung des Kamins sprechend): Hören Sie mich an, Elvira …
CHARLES: Sie steht jetzt drüben, am Fenster …
RUTH: Warum zum Teufel, kann sie nicht am selben Fleck bleiben?
ELVIRA: Schon wieder jähzornig! Armer Charles, was für ein Leben musst du haben!
CHARLES (die Geduld verlierend): Halt jetzt die Klappe!
RUTH: Wer soll die Klappe halten, sie oder ich?
CHARLES (wütend): Beide!
(Fröhliche Geister: II, 97. Die Regieanweisungen fehlen bei Coward. Binnentext-Hervorhebung M. H.)
284
10.1.5. Spielerische Einlagen
Eine besondere Einlage enthält die dritte Szene des ersten Aktes von Cowards Musical
Cavalcade (1931): Es handelt sich hier im wörtlichen Sinne um ein Spiel im Spiel, jedoch
nicht in der eigentlichen Bedeutung von Schauspiel. Joe und Edward, die acht und zehn
Jahre alten Jungen des Ehepaars Robert und Jane, richten Spielzeugkanonen aufeinander
und spielen mit ihren Soldatenfiguren. Ebenfalls am Spiel beteiligt ist die etwa gleichaltrige Edith, Tochter von Margareth.
JOE: (shooting off a cannon) Bang — bang, bang, bang.
[…]
EDWARD: How many?
EDITH: Seven.
[…]
JOE: I am going to shoot again.
EDITH: I do wish you wouldn’t. I’ve only got fourteen left
(Cavalcade: I, 136)
Edith, Joe und Edward spielen dabei (wie im Kinderspiel üblich) mit Spielzeugsoldaten,
indem sie deren Rolle sprechen, die Soldaten jedoch nicht selbst verkörpern. Nach einer
Weile fallen die Kinder sozusagen aus ihren Rollen, ein Streit wegen der Rollenverteilung bricht aus. Edith beklagt sich am Ende des Soldatenspiels: «I am sick of being the
Boers» (ebd., S. 137), sie habe ‹genug davon, immer die Buren spielen zu müssen› (vgl.
ebd.).
Bei der Festlegung seines Begriffs Spiel im Spiel geht beispielsweise Voigt anfänglich von der sehr umfassenden Spiel-Definition Huitzingas aus (vgl. Voigt 1954, 1, Anm.
3), die auch das hier vorliegende Beispiel umfasst. Unter einen weiten Spielbegriff fallen
nach Herzmann, der sich ebenfalls an Huizingas Spielbegriff orientiert (vgl. Herzmann
2006, 15), «so unterschiedliche Tätigkeiten wie Kinderspiele, sportliche und geistige
Wettkämpfe, Wortspiele, Glücksspiele und Rollenspiele» (ebd.). Ein übereinstimmendes
Merkmal für alle hier definierten Spiele zu finden erweist sich als
ausgesprochen
schwierig. 29 Herzmann nennt als mögliche gemeinsame Eigenschaft: «Für den am Spiel
Teilhabenden gilt, dass er sich, solange das Spiel währt, von den Zwängen der Wirklichkeit befreit fühlt» (ebd., 95). Dies trifft auch auf das hier vorgestellte Spiel zu – dieses
kann zudem als ein kindliches Verarbeiten des echten Kriegsgeschehens verstanden
werden oder auch als spielerische Kriegsverherrlichung. Von einem eigentlichen Theater
im Theater unterscheidet sich das Kinderspiel durch seinen Improvisationscharakter (es
handelt sich um eine Art Stegreiftheater) und dadurch, dass es sich um ein kindliches
Wittgenstein wies (und dies gerade in Bezug auf die Spiele) darauf hin, dass sich einige Begriffe durch
«Familienähnlichkeiten» auszeichnen, nicht aber durch ein gemeinsames Merkmal. (Wittgenstein 1971, §66
und §67, 56 f.; siehe auch Förster 1992, 142).
29
285
Spiel im eigentlichen Wortsinne handelt, also nicht um eine eigentliche theatrale Einlage,
bei der ein Schauspieler eine Rolle verkörpert. Die Kinder spielen mit ihren Soldaten, sie
sprechen für sie, daneben aber kommentieren sie ihr Spiel auch auf einer Metaebene.
Trotz seiner Unterschiede zu einer Theatereinlage stellt dieses Kinderspiel meines Erachtens eine Mise en abyme als thematische Spiegelung dar, da es eine Entsprechung in der ‹realen› Welt der Rahmenhandlung hat: Der Vater der Kinder ist im Krieg
und die Kinder imitieren sein Handeln im Spiel. Für eine von Coward beabsichtigte
Spiegelung der Dramenrealität spricht auch die Reaktion der Mutter Jane auf das Verhalten der Kinder: Sie fasst das Spiel der Kinder als Kriegsverherrlichung auf und erträgt
es nicht, da es sie an die (Dramen-)Wirklichkeit erinnert.
JANE: I can’t bear it. […] Can’t you play any other game but soldiers, soldiers — soldiers hurting each other — killing each other? Go away from me — go away — go away ——
(Cavalcade: I, 138)
Die Reaktion der Mutter lässt sich als Kritik am Krieg vonseiten Cowards deuten. Kiernan spricht in Bezug auf Janes Aussage «go away» (ebd.) von «dramatic irony» (‹dramatischer Ironie› vgl. Kiernan 1986, 118), schließlich werde Joe später tatsächlich von der
Mutter weggehen und in einen größeren Krieg als den Burenkrieg ziehen (ebd.). Ebenso
ungehalten reagiert Jane auf die nachfolgend auf der Strasse gespielte Kriegsmusik «Soldiers of the Queen» (Nebentext, Cavalcade: I, 138).30 Später bringt sie ihre Befürchtung zum
Ausdruck, ihr Mann könnte nicht mehr aus dem Krieg zurückkommen. Am Szenenende
kickt Jane aggressiv die Spielzeugsoldaten der Kinder durch den Raum. Vorher hat sie
vom Balkon aus, fast schon hysterisch, den Musikanten zugerufen: «Go on, then — play
louder! Soldiers of the Queen — wounded and dying and suffering for the Queen!»
(ebd., 141). Nach einem Ausbruch in ein hysterisches Lachen liegt sie am Ende der Szene tränenüberströmt auf dem Sofa. Durch die Spiegelung der Kriegswirklichkeit handelt
es sich bei der Spieleinlage der Kinder um weit mehr als ein rein unterhaltendes Element
im Sinne einer «Auflockerung im Drama» (Schöpflin 1993, 44), wie es auf viele nichttheatrale Einlagen zutrifft.
Auch Cowards Stück Hay Fever (1925)31 enthält eine spielhafte Einlage. Es handelt sich hier nochmals um eine andere Art des Spiels als im vorherigen Beispiel, nämlich um ein Gesellschaftsspiel. Die beiden Einlagen verbindet, dass es bei den zunächst
vorgestellten Fällen nicht um ein traditionelles Theater im Theater handelt. Im zweiten
Akt von Hay Fever stellt die Familie Bliss (ohne Vater David) im Rahmen einer Art von
Hervorhebung M.H.
Datiert nach: The Noël Coward Society (2001): Chronology.
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
30
31
286
[Onlinefassung].
URL:
Scharade ihre schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis, es geht also im weitesten
Sinne um ein Rollenspiel. Die Familienmitglieder spielen mit ihren Gästen. Gemäß den
Spielregeln dieser Scharade-Art wird ein Adverb ausgewählt, das von einer Person vorgespielt werden muss. Eine andere Person, die die Lösung nicht kennt, soll das Adverb
erraten. Da beim Vorspielen oft nicht gesprochen wird, kann man die Einlage (jedoch
nur teilweise) mit Pantomimen vergleichen. Ein explizites Sprechverbot für die Spielenden gibt es jedoch nicht und einzelne setzen den Begriff gerade durch einen improvisierten Sprechtext in Szene. Wer an der Reihe ist, hat die Aufgabe, «to do something in the
manner of the word» (Hay Fever: II, 44). Die schauspielunerfahrenen Gäste sind bereits
mit dieser Aufgabenstellung überfordert: «What sort of thing is one expected to do?»
fragt Richard (ebd.). «Quite usual things, like reciting If or playing the piano»32, antwortet
Judith (ebd., 44f.) ‹Üblich› sind für die Familie Bliss und für die Gäste nicht die gleichen
Dinge: Während Judith als Schauspielerin wie selbstverständlich davon ausgeht, dass jede Person fähig ist zu rezitieren oder zu musizieren, wirft Richard (der Freund ihrer
Tochter) besorgt ein, dass er gar nicht Klavier spielen könne, worauf Judith antwortet,
es reiche, wenn er das Spiel pantomimisch andeute (vgl. ebd., 45). Ebenso ruft Jackie,
Vater Davids junge Geliebte, bereits am Anfang verzweifelt aus: «I wish I knew what we
had to do […]» (ebd., 46).
Für das Spiel wird als erstes Wort «winsomely» (in etwa: ‹Sympathie-gewinnend›)
ausgewählt (ebd.). Sorel muss das Wort erraten. Judith soll Richard als ersten Auftrag im
Sinne des Wortes Blumen überreichen. Sie erfüllt ihren Schauspieleinsatz gekonnt. Myra, Simons Freundin, soll sich im Sinne des Wortes der Reihe nach von allen verabschieden.
MYRA (rises and starts with DAVID): Good-bye. It really has been most delightful ——
JUDITH: No, no, no!
MYRA […]: Why? — What do you mean?
JUDITH: You haven’t got the right intonation a bit.
(Hay Fever: II, 48)
Aus Judiths Reaktion wird klar, dass sie hohe Ansprüche an das Schauspiel einer Person
stellt, selbst dann, wenn es (wie hier) eigentlich nur im Rahmen eines Gesellschaftsspiels
vorgeführt wird. Sie kritisiert Myra für deren ungenügende Vorstellung. Nicht nur in
dieser Szene fällt auf die Ernsthaftigkeit auf, mit der Judith die Schauspielerei betreibt.
Kursive Hervorhebung M.H. (Original in Anführungszeichen). Bei If handelt es sich wohl um das Gedicht dieses Titels von Rudyard Kippling aus dem Jahre 1910.
32
287
Myra weist zurecht auf den Vorteil hin, den Judith insbesondere den Gästen gegenüber
hat:
MYRA: (acidly): Remember what an advantage you have over we poor amateurs, Judith, having
been a professional for so long. (Returns to her seat)
JUDITH: I don’t like ‘so long’ very much.
(Hay Fever: II, 48.)
Die Antwort wirkt (typen-)komisch, zumal sie die Zuschauer an Judiths Jugendlichkeitswahn erinnert. Außerdem nimmt Myras Aussage metatheatral auf Judiths Beruf als
Schauspielerin Bezug. Als nächster ist Richard an der Reihe, der auch zu den Gästen gehört. Ihm gibt Sorel den Auftrag, eine Zigarette im Sinne des Wortes «winsomely» anzuzünden (ebd., 46). Richard nimmt eine Zigarette zur Hand, hat aber inzwischen das zu
spielende Adverb vergessen und fällt deswegen sozusagen aus der Rolle, was Judith ihr
Gesicht zu einer Grimasse verziehen lässt. Als sich Richard endlich daran erinnert, kann
das Spiel weitergehen:
RICHARD: Oh yes.
He […] proceeds to light a cigarette with great abandon, winking his eye and chucking SOREL under the chin,
then looks round panic-stricken
JUDITH: Oh, no, no, no!
MYRA: I can’t think what that’s meant to be.
RICHARD (offended): I was doing my best.
JUDITH: It’s so frightfully easy, and nobody can do it right.
(Hay Fever: II, 49)
Nachdem Judith zuerst Myras Sprechweise bemängelt hat, wird diesmal Richards unpassendes pantomimisches Schauspiel kritisiert und sein mangelndes Erinnerungsvermögen. Es stellt sich nämlich heraus, dass er nicht nur mangelhaft gespielt hat, sondern dies
darauf zurückzuführen war, dass er das falsche Adverb im Kopf hatte. Judith stört sich
daran, dass die Gäste das «Spiel» nicht ernst genug nehmen, und bringt ihr Missfallen
darüber zum Ausdruck – sind doch das Erinnerungsvermögen, das Schauspiel an sich
und die Sprechweise in ihrem Beruf sehr wichtig.
Als letzte ist Jackie an der Reihe, die junge Geliebte des Vaters: Sorel gibt ihr den
Auftrag, in der Art des Wortes zu tanzen, worauf Jackie verlegen zu kichern beginnt und
ausweichend sagt: «I can’t» (Hay Fever: II, 49). – «Nonsense! Of course you can» (ebd.),
wird sie von Judith ermuntert. Jackie wiederholt, dass sie die Aufgabe nicht erfüllen
könne, und bittet die Gesellschaft darum, sie auszulassen – sehr zum Ärger von Judith,
die entnervt ausruft: «Really, the ridiculous fuss every one makes » (ebd.). Jackie beteuert, wie schlecht sie in solchen Dingen sei, worauf Sorel erwidert, es sei doch nur ein
Spiel. Aber Jackie lässt sich keineswegs zum Tanzen überreden und verärgert damit auch
Sorel.
SOREL: What’s the use of playing at all, if people won’t do it properly!
JUDITH: It’s so simple.
288
SANDY: It’s awfully difficult if you haven’t done it before. […]
SOREL (firmly): Unless every one’s in we won’t play at all.
(Hay Fever: II, 50)
Die Hauptfunktion dieser Spiel-Passagen besteht darin, die Besonderheit von Judith
Bliss und ihren Kindern hervorzuheben. Aus den Aussagen zum Spiel wird klar, wie
sehr sich das Leben, die Ansichten und Talente der Künstlerfamilie Bliss (besonders der
professionellen Schauspielerin Judith) von denen der Gäste unterscheiden: Während das
Gesellschaftsspiel für die Gäste nichts weiter als ein Spiel, einen Zeitvertreib darstellt, ist
die Familie Bliss gewohnt, die Schauspielerei auch im Spiel als etwas Ernsthaftes zu betrachten und zu betreiben. Vor Auftritten kennen die mitspielenden Familienmitglieder
keine Scheu. Die Gäste sind dagegen gehemmt und machen auch deshalb nicht ernsthaft mit. Sorel, die das Wort letztlich hätte herausfinden sollen, bringt ihren Ärger auch
über die Gäste zum Ausdruck, Judith steht dem Ganzen verständnislos gegenüber, und
alles artet in einen eigentlichen Streit aus, als Jackie zu verstehen gibt, sie habe genug
von diesem Spiel.
JACKIE (with spirit): It’s a hateful game, anyhow, and I don’t want to play it again ever.
SOREL: You haven’t played it at all yet.
[…]
SIMON (patting her hand in a fatherly fashion): Don’t worry, Jackie; you needn’t do anything you
don’t want to do.
JUDITH: I think, for the future, we’d better confine our efforts to social conversation and not
attempt anything in the least intelligent.
(Hay Fever: II, 50f.)
Aus Judiths letzter, spöttischer Replik wird klar, dass für sie als Schauspielerin dieses
Spiel bedeutungsvoller ist als der Small Talk mit den Gästen, während es für die Gäste
gerade umgekehrt sein dürfte. Die Andersartigkeit der zwei Fronten wird dadurch betont, die Blisses und ihre Gäste leben gewissermaßen in zwei verschiedenen Welten, jener der Künstler und jener der ‹Normalos›. Insgesamt fällt die Diskrepanz zwischen den
Gästen und der Familie auf, die Ernsthaftigkeit, mit der allen voran die Schauspielerin
Judith dieses Spiel spielt, aber auch ihre Kinder. Konterkariert wird das ernst genommene Spielen der Familie Bliss durch die Unfähigkeit der gehemmten Gäste, das Spiel zu
spielen.
Jackie beteuert abschließend: «It’s all my fault — I know I’m awfully silly, but it
embarrasses me so terribly doing anything in front of people.» (Hay Fever: II, 51). Darauf errät Sorel – als Schlusspointe – das Wort aus dem diesmal unbeabsichtigten Schauspiel von Jackie: «I should think the word was ‘winsomely’» (ebd.). Über die Familie sagt
Sorel: «We’re a beastly family, and I hate us» (Hay Fever: II, 52), wodurch noch einmal
die Andersartigkeit der Familie unterstrichen wird, die auch das eigentliche Thema des
Stücks darstellt.
289
Während diese Gesellschaftsspieleinlage kein eigentliches Theater im Theater
darstellt, umfasst das Stück Hay Fever zusätzlich ein eigentliches Binnentheaterstück, auf
das an dieser Stelle eingegangen werden soll, um den thematischen Zusammenhang hinsichtlich der Handlung von Hay Fever zu gewährleisten. Eine Szene des Stücks wird in
zwei Durchgängen vorgeführt. Formal ließen sich die Theatereinlagen am ehesten als
eine Art Bühnenprobe oder als Stegreiftheater klassifizieren (wobei es sich wohl um den
Originaltext des fiktiven Dramas handelt). Einleitend soll ein inhaltlicher Überblick über
die gesamte Komödie gegeben werden.
Das Stück Hay Fever steht in der Tradition der englischen comedy of manners. Coward soll es in nur drei Tagen geschrieben haben (vgl. Hoare 1998, 148). Im Zentrum
des Stücks steht die, wie erwähnt, die exzentrische Künstlerfamilie Bliss, bestehend aus
dem Vater David, einem Romanautor, seiner Frau Judith, einer Schauspielerin im Ruhestand, der Tochter Sorel und dem Sohn Simon. Dass die Familie ungewöhnlich ist, erwähnt Sorel im Gespräch mit ihrem Bruder:
SOREL: We’re so awfully bad-mannered. […]
SIMON: What do you mean, exactly, by bad manners? Lack of social tricks and small-talk?
SOREL: We never attempt to look after people when they come here.
SIMON: Why should we? It’s loathsome being looked after.
SOREL: Yes, but people like little attentions. We’ve never once asked anybody if they’ve slept
well. […] Abnormal, Simon – that’s what we are. Abnormal. People stare in astonishment
when we say what we consider perfectly ordinary things»
(Hay Fever: I, 8)
Man kann die Bliss-Familie durch diese Selbstcharakterisierung der Kinder als außerhalb
der ‹normalen› Gesellschaft stehend ansehen, was sich auch in der Gesellschaftsspieleinlage gezeigt hat. Als «a very Bohemian family» werden sie von Richard bezeichnet
(Hay Fever: I, 36). Sorel beschreibt den Charakter der Geschwister als: «devastating,
entirely lacking in restraint […]. (Hay Fever: I, 38) Die Schuld dafür wird, wohl nicht
ohne Ironie, den Eltern gegeben: «It’s Father’s and Mother’s fault, really; you see, […]
They’ve spent their lives cultivating their Arts and not devoting any time to ordinary
conversations and manners and things.» (ebd.). Aus der Aussage geht hervor, dass es
sich bei den Eltern um typische Künstler handelt, die auch sehr klischeehaft dargestellt
sind – und zwar sowohl die Schauspielerin Judith als auch der Romanautor David. 33 Die
Schrankenlosigkeit der Kinder – die einerseits komisch, aber auch als eine Art Gegenentwurf zur ‹normalen› Gesellschaft wirkt – kann im Kontext dieses Künstlerumfelds
gesehen werden. Beispielsweise charakterisiert sich die Familie durch ihre direkte Art
Als Inspirationsquelle für das Theaterstück und als mögliche Vorlage für die Bliss-Familie habe Coward
ein bei der Schauspielerin Laurette Taylor verbrachtes Wochenende gedient (vgl. Hoare 1998, 99f.). Taylor soll die indirekte Darstellung im Stück verletzt haben (vgl. ebd., 100).
33
290
und Offenheit auch hinsichtlich ihrer Einstellung zu Beziehungen: So haben beide Eltern eine außereheliche Affäre, und auch die Kinder laden ihre Geliebten nach Hause
ein, ohne um Erlaubnis zu fragen. Diese Freiheit kann als typisch für die «Tanz- und
Amüsierkultur» der 1920er-Jahre gesehen werden, in der sich die Jugend mehr Freiheiten herausgenommen hat (vgl. Hahn 2004, 140). 34
Am Anfang des Stücks haben alle Familienmitglieder ihre aktuellen Partner nach
Hause eingeladen, ohne die anderen darüber zu informieren, woraus ein hoffnungslos
überfülltes Haus und Probleme resultieren. Beispielsweise werden die jeweiligen Partner
von den anderen Familienmitgliedern nicht sehr zuvorkommend behandelt. Es handelt
sich beim Stück also einerseits um ein farcenhaftes Unterhaltungstheater, das klar in der
Boulevardtradition steht. Andererseits weist die Handlung metatheatrale Aspekte auf,
was Hahn betont:
Cowards Weltsicht war eine theaterzentrierte, wie sich am deutlichsten in den Stücken zeigt,
die explizit von Schauspielern oder Schauspielerinnen handeln, zum Beispiel Hay Fever, Present
Laughter oder Waiting in the Wings […]. Sie entfaltet sich aber im gesamten Spektrum des Spiels
im Spiel, zum Beispiel wiederum in Hay Fever oder Cavalcade […] und letztendlich im ständig (in
allen Stücken) präsenten und vielfach direkt thematisierten Rollenspiel der Figuren.
(Hahn 2004, 41)
Im Folgenden gilt es, die verschiedenen metatheatralen Formen, die in Hay Fever vorkommen, zu beschreiben und zu benennen. Dabei sollen auch einige zum Verständnis
relevanten metatheatralen Aussagen zum Theaterstück erwähnt werden, die eng mit der
Künstlerthematik zusammenhängen. Außerdem soll genauer auf die Familie Bliss eingegangen werden. Wie erwähnt, ist bereits das Personal des Stücks insofern theatral, als
Mutter Judith eine ehemalige Schauspielerin ist und Vater David ein Autor – weil er
aber Romanautor und nicht Theaterautor ist, kann man ihn nur im weitesten Sinne zum
Theaterbereich zählen. Da in Bezug auf seine Figur metaliterarische Bezüge, genauer die
Arbeit als Romanautor und das Schreiben thematisiert werden, wird später detaillierter
auf ihn eingegangen (siehe unten, Kap.11.1.3).
Hahns Aussage, Hay Fever «[handle] von […] Schauspielern und Schauspielerinnen», trifft genaugenommen nur auf die Mutter der Familie zu, obschon sich auch die
Kinder durch Schauspieltalent auszeichnen. Judith Bliss ist eine bekannte Schauspielerin,
wie sich auch in der Theatereinlage zeigt.35 Sie hat die besten Jahre hinter sich, kann
34 Mehr über die 1920er-Jahre und die Verarbeitung des Themas in den Stücken von Coward ist nachzulesen im Kapitel Youth – der 20th century Blues bei Hahn 2004, 123-164.
35 Loewith weist auf mögliche literarische Modelle für die Schauspielerin Judith aus der englischen Literatur hin. Der Artikel zeigt, wie sich Cowards Darstellung des Stars inhaltlich von jenen vergleichbarer zeitgenössischer Schriftsteller unterscheidet, und beurteilt die Schauspielerin als eher positiv gezeichnet: «Coward’s satire brims with praise and joy for Judith and her nutty family. Instead of turning a star in the twilight of her career into a victim, Hay Fever celebrates Judith’s strength, wit and charm. Think of characters
291
immer noch einige Verehrer um sich scharen. Zu diesen gehört Sandy Tyrell als Fan,
von dem sich im ersten Akt herausstellt, dass er eigentlich kaum etwas über Judiths Privatleben weiß (obschon Ehemann David im Stück eigentlich als Erfolgsromanautor angepriesen wird):
SANDY: Who’s David?
JUDITH: My husband.
SANDY (surprised): Oh!
JUDITH: Why do you say “Oh” like that? Didn’t you know I had a husband?
SANDY: I thought he was dead.
JUDITH: No, he’s not dead; he’s upstairs. (Pointing to stairs.)
(Hay Fever: I, 24f.)
Auch diese Szene dient neben der Pointe als Hinweis auf die Freiheiten, welche die Eheleute einander einräumen. Sandy Tyrell ist nicht in erster Linie Liebhaber, sondern vor
allem großer Bewunderer der Schauspielerin Judith, wie sich beispielsweise in folgender
metatheatraler Szene zeigt, die etwas über den Fan aussagt, darüber, wie er Judith wahrnimmt, und die zugleich ein Stück erwähnt, in dem die Schauspielerin aufgetreten ist:
JUDITH (slight pause): Have you ever seen me on the stage?
SANDY: Rather!
JUDITH: Oh, what in?
SANDY: That thing when you pretended to cheat at cards to save your husband’s good name.
JUDITH: Oh, “The Bold Deceiver”: That play was never quite right.
SANDY: You were absolutely wonderful. That was when I first fell in love with you.
JUDITH: (delighted) Was it, really?
SANDY: Yes; you were so frightfully pathetic and brave.
JUDITH: (basking): Was I?
SANDY: Rather!
(Hay Fever: I, 25f.)36
Das Gespräch über das Theaterstück zeigt in erster Linie Sandys Bewunderung für Judith, während sein Inhalt eher nebensächlich scheint, zumal in der angedeuteten Binnenhandlung wenig direkte Parallelen zur Rahmenhandlung auffallen. Mit dem Titel The
Bold Deceiver wird möglicherweise auf Judiths Ehemann abgezielt, der zuerst als vermeintlicher Erfolgsschriftsteller erscheint, sich später aber, auch hinsichtlich seiner Arbeit, eher als Versager entpuppt (vgl. Kap. 11.1.3.). In diesem Sinne könnte (als Myse en
abyme) auch auf Judith in der Dramenrealität zutreffen, was Sandy für ihre Rollenfigur
like Arkadina in The Sea Gull (1896), Desiree Armfeldt in Sondheim’s A Little Night Music (1975), or Esme
Allen in David Hare’s Amy’s View (1997). Each is simultaneously venerated for her glamour and criticized
for it, because she selfishly places fame and the stage above family and love. […] Not so with Judith Bliss.
Noel Coward (himself an actor) breaks the convention by creating a tiny universe in which the assumption of roles is a necessity, and Judith’s talent ensures her supremacy. […] Hay Fever disproves the idea
that actors can’t live in the “real” world by turning it upside down: in Coward’s world, “real” people don’t
perform properly in the world because they’re not actors. The inversion turns tragedy to comedy.» (Loewith [o.J.]: The Glamourous Life. In: Study Guide to Hay Fever, 8; Hervorhebung M.H. [PDFOnlinefassung].
URL:
<http://www.courttheatre.org/pdf/guides/StudyGuide_HayFever.pdf>
(22.05.2013).
36 Kursive Hervorhebung des Titels M.H.
292
feststellt, nämlich dass sie versucht habe, den guten Namen ihres Mannes zu retten (vgl.
ebd.) – immerhin wird Judith als ehemals erfolgreiche Schauspielerin eingeführt.
Auf den Vorwurf ihrer Tochter, die ihr den jüngeren Liebhaber (nämlich Sandy)
vorhält, kontert Judith mit Theatermetaphern: «If you mean that because you happen to
be a vigorous ingénue of nineteen you have the complete monopoly of any amorous adventure there may be about, I feel it my firm duty to disillusion you» (Hay Fever: I, 11).
Die Tochter wird von der Mutter mit der Rolle der ingénue verglichen, wodurch im Theater darauf verwiesen wird, dass es sich um ein Schauspiel handelt. Bei Judith zeigt sich
insgesamt die Tendenz, ihr Leben als Theater zu beschreiben, wie dies beispielsweise
auch die Schauspielerin Sarita in Waiting in the Wings tut (vgl. Kap. 11.2.3.).37 Judith Bliss
bringt so trotz ihres fortgeschrittenen Alters ihren Anspruch zum Ausdruck, einen jugendlichen Liebhaber zu unterhalten. Als eine Art weiblicher Pantalone verhält sie sich
im Privatleben wie die junge Liebhaberin auf der Bühne, mit der sie ihre Tochter vergleicht – durch die Berühmtheit scheint es ihr auch nicht an Bewunderern zu fehlen.
Diese Rolle ist aber weder auf der Bühne noch im Privatleben ihrem jetzigen Alter angemessen, was Judith dem Anschein nach nicht wahrhaben möchte. Dies lässt auch an
den bis zum heutigen Tag aktuellen Jugendwahn im Schauspielermilieu denken.
Judith ist eigentlich eine Schauspielerin im Ruhestand, hat aber ihr Comeback
bereits geplant (siehe Hay Fever: I, 19): Als Stückwahl gibt sie an, dass sie gerne wieder
in einem ihrer alten Klassiker auftreten würde, «Love’s Whirlwind»(ebd., 20)38, auf
Deutsch etwa ‹Wirbelsturm der Liebe› (vgl. ebd.). Mit Simon und Sorel spricht Judith zuerst über den Inhalt dieses fiktiven Erfolgsstücks:
SIMON: It’s such a fearful play.
JUDITH: It’s a marvellous part.
SOREL opens her mouth to speak
JUDITH: You mustn’t say too much against it, Sorel. I’m willing to laugh at it a little myself, but,
after all, it was one of my greatest successes.
(Hay Fever: I, 21)
Judith hat Distanz zur damaligen Rolle gewonnen und steht ihr nun kritischer gegenüber, hofft aber dennoch, mit der Wahl des einst erfolgreichen Stücks für ihr Comeback
an die alten Erfolge anknüpfen zu können. Es könnte jedoch auch ein selbstkritischer
Unterton der Autors mitklingen in Judiths Kommentar «I’m willing to laugh at it a little
myself» (ebd.): Er könnte andeuten, dass besonders erfolgreiche Stücke (von denen Coward viele hatte) nicht notwendigerweise diejenigen sind, die die Darsteller (oder der
37 Wobei diese Tendenz auf Sarita aufgrund ihres Alters und einer Art Demenzkrankheit in viel ausgeprägterem Ausmaß zutrifft als auf Judith: Handelt es sich bei Judith eher um ein Stilmittel, so kann man
bei Sarita, die in ihren Theatererinnerungen lebt, von einem eigentlichen Realitätsverlust sprechen.
38 Hervorhebung M.H.
293
Autor selbst) für die besten halten – oder auch, dass man aus der zeitlichen Distanz anders über ein früher gespieltes (oder geschriebenes) Stück urteilt.
Mutter und Kinder der Bliss-Familie spielen im ersten Akt des Weiteren unvorbereitet eine Szene aus dem Stück. Es handelt sich um die einzige eigentliche Theaterim-Theater-Einlage in Hay Fever und sie kommt in zweimaliger Durchführung vor (da
sie am Ende des zweiten Aktes wiederholt respektive weitergespielt wird, vgl. unten).
Der Ausschnitt ließe sich, auch wegen der Unterbrechungen, am ehesten mit einer Theaterprobe vergleichen; anzumerken ist jedoch, dass eine zusätzliche Bühne im Stück, ein
Regisseur im traditionellen Sinne und ein Binnenpublikum fehlen. Eine Art Regisseurin
stellt dabei Judith dar, die ihrer Tochter Sorel Anweisungen erteilt, wo sie mit ihrem
Sprechtext einsetzen muss. Da das Theaterstück im Theater thematisch in einem Zusammenhang mit der zuvor erwähnten spielerischen Einlage steht, wird es im vorliegenden Kapitel behandelt,
SIMON: Oh, it’s appalling — but I love it. It makes me laugh. [=Love’s Whirlwind]
SOREL: The public love it too, and it doesn’t make them laugh — much.
([…] very dramatically she recites.) You are a fool, a blind pitiable fool. You think because you
have bought my body you have bought my soul! (Turning to SIMON) You must say that’s
dramatic! — I’ve dreamed of love like this, but I never realized, I never knew how beautiful it could be in reality! (Wipes away imaginary tears)
That line always brought a tear to my eye.
SIMON: The second act is the best, there’s no doubt about that.
JUDITH (turning to SOREL): From the moment Victor comes in it’s strong — tremendously
strong … Be Victor a minute, Sorel —
SOREL (rising): Do you mean when he comes in at the end of the act?
JUDITH: Yes, you know — Is this a game?
SOREL (going to JUDITH and speaking in a very dramatic voice): Is this a game?
JUDITH: Yes — and a game that must be played to the finish.
SIMON (rising and moving to JUDITH, and speaking in deep dramatic voice):
Zara, what does this mean?
JUDITH: So many illusions shattered — so many dreams trodden in the dust!
SOREL (runs behind JUDITH and in front of SIMON): I’m George now — I don’t understand! You
and Victor — My God! (strikes dramatic pose)
JUDITH: […] Sssh! Isn’t that little Pam crying?
SIMON (savagely): She’ll cry more, poor mite, when she realizes her mother is a —
The front-door bell rings.
(Hay Fever: I, 21f .)39
Simon ist mit seinem Urteil über Love’s Whirlwind zunächst schonungslos, wenn er feststellt, es sei ‹entsetzlich› («appalling», ebd., 21). Auch Sorel parodiert und kritisiert das
Stück indirekt durch ihre übertriebene Vorführung. Aufgrund der metatheatralen
Kommentare, die den Theatertext unterbrechen und die Illusion stören, wird direkt Kritik geübt oder es werden Probeanweisungen gegeben. Sorel erwähnt die Zuschauerreaktionen, darunter die Rührung des Publikums, deutet aber auch an, dass das (melodrama-
Hervorhebung des Theaters im Theater als Kursiv- und Fettdruck M.H. – anstelle von Anführungszeichen
wie im Original.
39
294
tische) Stück beim Publikum zu (von der Regie unbeabsichtigten) Lachern geführt haben mag. Simon beurteilt den zweiten Akt als gelungensten Teil des Binnendramas.
Die Funktion des Theaters im Theater, das durch die Kommentare über das
Stück unterbrochen wird, ist vor allem eine parodistische – darauf deuten die pathetisch
übertriebenen Passagen, die klischeehafte Handlung und der kitschig wirkende Dramentitel hin, aber auch die wiederholten Hinweise auf die unfreiwillige Komik, die das Stück
hervorrufen kann. Dass Tochter Sorel auf Wunsch der Mutter in einer Sequenz die
Männerrolle von Victor übernimmt (wobei sie sonst auch jene von George spielt), trägt
zweifellos zur komischen Wirkung dieser Szene bei, wodurch der Improvisationscharakter der Szene verstärkt wird. Sie wird abrupt unterbrochen durch das Ertönen der Türklingel.
Der Inhalt des Binnenstücks erscheint als zufällige Wahl – im Gegensatz zu einer Bühnenprobe, bei der es um das Erarbeiten einer Szene geht. Wichtig ist jedoch in
Bezug auf das gesamte Stück der Verweis auf das Spiel, speziell die Frage im Binnenstück: «Is this a game?» (ebd., 21) mit der Antwort: »Yes — and a game that must be
played to the finish.» (ebd.) Diese Aussage passt einerseits zu Judiths Wunsch, wieder
ins Showbusiness einzusteigen, also eben das Spiel bis zum Ende zu spielen. Andererseits kann sie auch selbstreflexiv auf das Theaterstück (und die spielerische Einlage) bezogen werden. Der ungläubige Ausruf im Binnenspiel «You and Victor» von Seiten Sorels kann als Kritik am Verhältnis der Mutter mit Sandy (und später an ihrem Flirt mit
Richard, Sorels Freund) in der Rahmenhandlung gesehen werden, die jedoch auf der
Ebene des Binnendramas geäußert wird. Einer Expositionsszene gleich stellt das Binnentheater die Familienmitglieder außer David vor (der erst im zweiten Durchgang der
Theatereinlage mitspielt), denn der spielerische Charakter ist typisch für die Familie
Bliss.
Am Ende des zweiten Aktes, nachdem das Gesellschaftsspiel in ein allgemeines
Tohuwabohu übergegangen ist und mehrere Personen sich gleichzeitig anschreien, tritt
Richard, einer der Gäste, aus dem Garten ins Haus und stellt die Frage: «What’s happened? Is this a game?» (Hay Fever: II, 74), worauf Judith ihm mit der Antwort aus dem
Binnendrama antwortet: «Yes, and a game that must be played to the finish!» (ebd.).
Dieses Stichwort löst eine weitere Binnentheaterrunde aus: Wieder spielt Judith mit ihren Kindern, Sorel erneut in der Rolle als George, Judith in ihrer eigenen Theaterrolle
von damals. Simons genaue Rolle bleibt auch diesmal unklar, vermutlich spielt er den
Ehemann. Erneut ist es der gleiche Ablauf der Repliken (mit minimalen Änderungen),
295
nur wird das Spiel diesmal durch einen Ausruf Davids unterbrochen, der jetzt auch mitspielt – jedoch eher auf der Ebene der Rahmenhandlung anzusiedeln ist – und erst
durch das Binnenspiel möglicherweise zu ahnen beginnt, dass Judith ihr Comeback
plant (was man ihm bislang verschwiegen hatte – seine Replik gehört wohl nicht zum
Theaterstück, sondern bringt vielmehr sein Entsetzen zum Ausdruck).40
SIMON (grasping the situation): Zara! What does this mean? Advancing to her.
JUDITH (in bell-like tones): So many illusions shattered — so many dreams trodden in the dust—
—
DAVID (collapsing on to the form in hysterics): Love’s Whirlwind! Dear old Love’s Whirlwind!
SOREL ([…] pushes MYRA up stage and poses): I don’t understand! You and Victor — My God!
JUDITH: […] Hush! Isn’t that little Pam crying —— ?
SIMON (savagely): She’ll cry more, poor mite, when she realizes her mother is a — a ——
JUDITH (shrieking and turning to SIMON): Don’t say it! Don’t say it!
SOREL: Spare her that.
JUDITH: I’ve given you all that makes life worth living — my youth, my womanhood, and now
my child. Would you tear the very heart out of me? I tell you, it’s infamous that men like you
should be allowed to pollute Society. You have ruined my life. I have nothing left — nothing!
God in heaven, where I am to turn for help? …
SOREL (through clenched teeth — swings SIMON round):
Is this true? Answer me — is this true?
JUDITH (wailing): Yes, yes!
SOREL (as if to strike SIMON): You cur!!!
JUDITH: Don’t strike, he is your father!!!!
She totters and falls in a dead faint.
MYRA, JACKIE, RICHARD and SANDY look on, dazed and aghast
(Hay Fever: II, 75)
Nicht nur bei Davids Replik wird nicht auf Anhieb klar, ob sie zur Rahmenhandlung
gehört – auch sonst fließen Rahmenhandlung und Binnenhandlung, Sprechtext und improvisierte Passagen als Stegreifspiel ineinander.41 Es ist anzunehmen (dies lässt sich
aber nicht mit Sicherheit bestimmen), dass Judiths Replik «Don’t say it! Don’t say it!»
(ebd.) und auch Sorels Antwort, man solle ihr dies ersparen (siehe ebd.), eher Kommentare, also Teil der Rahmenhandlung sind – zumal sie im ersten Durchgang der Szene
nicht vorkommen. Dagegen kann «Don’t strike, he is your father!!!!» als Teil des Binnentheaters angesehen werden – was durch die Rollenverteilung für Komik sorgt, da Judith
dies zur männlichen Figur sagt, die ihre Tochter Sorel spielt, als sie Simon (in seiner
Rolle) schlagen will. Simon wird (von der Warte der Rahmenhandlung aus betrachtet)
demnach von der eigenen Mutter als Vater seiner Schwester bezeichnet. Möglicherweise
kann Judiths Aussage aus dem Binnentheater «I’ve given you all» auch als impliziter
Vorwurf an die Kinder gedeutet werden, denen sie an anderen Stellen in der Rahmenhandlung Undankbarkeit vorwirft, da Judith ihnen teilweise ihre Karriere geopfert hat
und da die Kinder das Image der Schauspielerin verändert haben. ImprovisiertSimon deutet bereits früher an, dass David nicht begeistert auf Judiths Comeback reagieren werde:
«Father will be furious» (Hay Fever: I, 20).
41 Eine klare Markierung des Binnentheater-Textes als solchen fehlt hier auch im Original-Dramentext, im
Gegensatz zum ersten Binnentheater – was den Stegreifcharakter der zweiten Theatereinlage betont.
40
296
spielerisch wirkt auch Judiths Theaterschluss (der möglicherweise nicht das echte Ende
des Binnenstücks darstellt): Sie fällt am Ende vermeintlich tot um, was die Gäste, die
sich auf das für sie unverständliche Verhalten der Familie Bliss keinen Reim machen
können, entgeistert zur Kenntnis nehmen. Komisch wirkt zudem die Auslassung in Simons Replik, die wiederum nicht als eigentlicher Text aus dem Binnendrama erscheint,
sondern eher als Rücksichtnahme auf die Mutter (beim ersten Spiel des Binnendramas
war das Verstummen bekanntlich durch die Klingel motiviert). Das echte Publikum, das
die Frage aus dem ersten Spiel bereits kennt, ist gespannt darauf, ob das fehlende Wort
aus der Antwort diesmal ergänzt wird. Die Aposiopese aber bleibt bestehen.42 Die Komik entsteht dadurch, dass Simon in seiner Rolle im Binnendrama über die Mutter der
kleinen Pam spricht, sich die Replik aber auch auf Judith, seine Mutter in der Rahmenhandlung, übertragen lässt – würde er das Wort aussprechen, käme dies einer Beleidigung gleich. Das Theater im Theater dient hier also einerseits der Komik und andererseits der Parodie des melodramatischen Stoffes, wie es auch aus dem pathetischüberzeichnet wirkenden zweiten Stegreifspiel hervorgeht.
Die Analyse der eigentlichen Theatereinlagen im Stück Hay Fever (wobei es sich
zweimal um ungefähr die gleiche Szene handelt) zeigt, dass das Binnendramenfragment
von eher geringem Umfang ist und in erster Linie eine komische Funktion hat. Durch
seinen Improvisationscharakter kann man beide Einlagen als eine Art Bühnenprobe
charakterisieren und die zweite noch stärker als Stegreiftheatereinlage, obschon sie in
weiten Teilen dem Dramentext folgt. Die Bedeutung der Theatereinlagen ist insbesondere darin zu sehen, dass sie – genauso wie das Scharade-Spiel – die besondere Wesensart der Künstlerfamilie Bliss veranschaulichen. Richards Ausruf «Is this a game?» (Hay
Fever: II, 74), ein unbeabsichtigtes Zitat aus der Binnenhandlung, lässt sich auf das ganze Stück und auch auf die Gesellschaftsspieleinlage übertragen: Die Künstlerfamilie
scheint einerseits ihr Leben als (Schau-)Spiel zu betrachten, andererseits gerade dieses
Schauspiel sehr ernsthaft zu betreiben. Myra macht den Familienmitgliedern das Schauspielern im Privatleben, das Vortäuschen von Emotionen zum Vorwurf. In diesem Zusammenhang ihr schonungsloser Vorwurf an die ganze Familie zu sehen, die sie als «the
most infuriating hypocrites I’ve ever seen» bezeichnet (Hay Fever: II, 73).43 Myra als ge-
Unter einer Aposiopese wird ein «Abbruch der Rede vor der entscheidenden Aussage» verstanden (Fricke/Zymner 1996, 61). Unklar bleibt durch das Stegreifspiel indessen – wie bereits erwähnt– ob im fiktiven Dramentext des Binnentheaters eine Antwort vorgesehen war.
43 Sorel selbst sagt einmal lächelnd zu ihrer Mutter: «You’re such a lovely hypocrite!» (Hay Fever: I, 19). In
diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass das Ursprungswort von «hypocrite» (ebd.) im
Griechischen ursprünglich auch einen Schauspieler bezeichnete.
42
297
ladener Gast führt aus: «This house is a complete feather-bed of false emotions – You’re
posing, self-centred egoists, and I am sick to death of you» (ebd.). Das Verhalten der
Familie (wobei David wohl nicht mitgemeint ist) beschreibt sie mit einer Dramenmetapher als «theatrical effects» (ebd.). Zusammenfassend schildert sie die Blisses so:
You haven’t got one sincere or genuine feeling among the lot of you – you’re artificial to the
point of lunacy. It’s a great pity you ever left the stage, Judith – it’s your rightful home. You
can rant and roar there as much as you ever like ––
(Hay Fever: II 73 f.).
Judith ist über diese Bezeichnung alles andere als erfreut. (siehe ebd.). Hahn (2004) ist
abschließend zuzustimmen, wenn sie darauf hinweist, dass Coward im Stück Hay Fever
seine «theaterzentrierte [Weltsicht] […] im gesamten Spektrum des Spiels im Spiel» entwickle (Hahn 2004, 41) – dies trifft gerade auch dann zu, wenn man Spiel im Spiel weiter
auffasst, nämlich im Sinne von Metatheatralität, obwohl es sich bei den hier analysierten
theatralen und nicht-theatralen Einlagen weder um sehr umfangreiche noch um sehr
komplexe Formen handelt. Jedoch sind, wie beschrieben, die Themen Theatralität,
Künstlichkeit und Schauspiel im ganzen Stück sehr präsent, wobei auch die Einlagen
dies, neben ihrer komischen Funktion, verdeutlichen. Ergänzend werden metaliterarische Aspekte auch im Zusammenhang mit der schriftstellerischen Tätigkeit der Autorenfigur David angesprochen. Dies sind jedoch nicht die einzigen Themen des Stückes,
geht es doch darin – ganz komödientypisch – auch um amouröse Verwicklungen. Abschließend lässt sich das Stück mit Loewiths Worten so zusammenfassen:
In Hay Fever, Noel Coward created the character of Judith Bliss, an aging celebrity […]. Her
notoriety as an actress infects her family […]. When each of the family members separately invites a friend from this “real” world to the country for a weekend, merry madness ensues.
Coward sets up a conflict between the two worlds, and the theatrical world happily wins.
(Loewith [o.J.], 8)44
Schauspielerin Judith wird bei Coward nicht als lächerliche Figur gezeichnet, obschon
das Stück auch kritische Aussagen über sie aufweist. Tatsächlich siegt am Ende Judiths
Begeisterung für das Schauspiel und die Theaterwelt der Familie Bliss. Als Cowards
Verdienst kann das Hervorheben der Künstlichkeit von Schauspielerpersönlichkeiten
angesehen werden, was ihm nicht nur in diesem, sondern auch in anderen Stücken gelingt, und zwar auf radikalere Weise als Goetz und Guitry.
10.1.6. Öffentliche, nicht-theatrale Auftritte
An der Schwelle zum eigentlichen Theater im Theater stehen die Gerichtsprozesse in
Hokuspokus von Goetz (Urfassung 1927), da sie ähnlich wie ein Binnendrama inszeniert
werden. Während in der Urfassung lediglich der zweite Akt im «Schwurgerichtsaal»
[PDF-Onlinefassung]. URL: <http://www.courttheatre.org/pdf/guides/StudyGuide_HayFever.pdf>
(22.05.2013).
44
298
stattfindet (vgl. Nebentext, Hokuspokus (U): II, 411), wird dieses Element in der Neufassung von 1952 erweitert, sodass dort alle Akte außer dem ersten Aufzug im Gericht
spielen. Es handelt sich bei den Gerichtsszenen um nicht-theatrale Einlagen, da die Figuren nicht im eigentlichen Sinne ihre Rolle wechseln, sondern nur ihre Funktion – etwa
so, wie beispielsweise zu einer Führungsposition auch ein Rollenbewusststein gehört,
ohne dass dies mit Schauspielerei gleichzusetzen wäre. Jedoch sind die Szenen bei Goetz
insbesondere in der Neufassung daraufhin inszeniert, einer Theatereinlage ähnlich zu erscheinen. So heißt es in der Regieanweisung zum vierten Akt: «Schon vor Aufgehen des
Vorhanges hörte man eine elektrische Klingel, die wahrscheinlich die Prozeßbeteiligten
[…] von den Korridoren in den Verhandlungssaal gerufen hat» (Nebentext, Hokuspokus
(N): IV, 524). Dieses Klingelgeräusch ähnelt dem Gong im Theater nach der Pause. Einem Theater im Theater gleichen die Gerichtsverhandlungen auch dadurch, dass sich
das Geschehen vor Zuschauern abspielt, wie dies auch bei echten Schauprozessen der
Fall sein kann: Ein fiktives Publikum hat auf diese Weise – analog zum Theater im Theater – die Möglichkeit, sich in die Handlung einzuschalten. Dies geschieht, wenn es in
der Regieanweisung heißt: «In der ersten Reihe des Zuschauerraums hebt Frau
Engstrand den Finger» (Nebentext, Hokuspokus (N): II, 492). Im selben Akt wird erklärt:
«Die Geschworenen und Zuschauer werden im Zuschauerraum des Theaters angenommen» (Nebentext, Hokuspokus (N): II, 481) – dies wiederum betont, das die Trennung zwischen dem echten und dem fiktiven Zuschauerraum und dem Gericht kaum
wahrnehmbar ist (ähnlich, wie dies beispielsweise auch in Pirandellos Stück Ciascuno a
suo modo der Fall ist).
Die Gerichtsverhandlungen charakterisieren sich durch lange Reden: Goetz gibt
dadurch der Tirade, die im Boulevardtheater ein beliebtes Element ist,45 eine neue Berechtigung. Die eigentliche Handlung wird so durch detaillierte Erzählungen ersetzt,
welche die Ereignisse rekonstruieren. Asmuth schreibt über Analytische Dramen (denn
als ein solches kann Hokuspokus betrachtet werden), sie seien «[g]ewissermaßen eine einzige Anagnorisis» (Asmuth 1997, 132). Diese Beschreibung passt zu Hokuspokus, da im
Stück eine Verstellung aufgedeckt und ein Gerichtsfall (scheinbar) gelöst wird.46
Siehe Corvin 1989, 11. Ein typisches Beispiel einer Tirade stellt etwa der Striese-Monolog im Raub der
Sabinerinnen dar.
46 Wobei Ehlers gerade auf das Ausbleiben einer eigentlichen Lösung hinweist (vgl. Ehlers 1997, 154f.).
«Aus juristischer Perspektive ist der Mord nicht geklärt, zumindest bleibt der Tatbestand des Meineids übrig, und die Einkünfte der beiden Spieler aus den Bildern Kjerulfs stammen aus einem Betrug» (ebd., 155)
– demjenigen, dass sich diese Bilder viel besser verkauften, da Kjerulf sich für tot erklären ließ – gemalt
hat sie Kjerulf jedoch nach wie vor selbst. Und da er lebendig ist, braucht der Mordfall gar nicht mehr
aufgeklärt zu werden, da der Mord nicht stattgefunden hat.
45
299
Das Eingreifen des Verteidigers – in der Neufassung ist dies Peer Bille – wird
tadelnd mit dem eines Souffleurs verglichen, was eine Theatermetapher darstellt: «Sie
sind hier, die Angeklagte zu verteidigen. Nicht, ihr zu soufflieren» (Hokuspokus (N): II,
486). In seiner Rolle als «Versteller» (Hokuspokus (U): III, 447) ähnelt Bille einem
Schauspieler, jedoch gilt es, fiktionsinterne Verstellung von Schauspielerei zu unterscheiden
(siehe unten, Kap. 3.). Eine Art Theaterstück im Gericht führt er zudem in der Neufassung auf, wo er, als «Geist des Malers Kjerulf» verkleidet, sein früheres Ich spielt (Nebentext, Hokuspokus (N): III, 525). Dies kommt einer Rollenübernahme sehr nahe. Ein
Geist als Motiv aus der Schauerliteratur kommt nicht nur im hier besprochenen Stück
vor, sondern auch in Dr. med. Hiob Prätorius (Urfassung, 1932 und Neufassung, 1946)
47
sowie in Cowards Blithe Spirit (1941).
Das Stück enthält metatheatrale Vergleiche des Gerichts mit einem Drama und
weitere Theatermetaphern. Lindboe vergleicht den Verteidiger mit einem Schriftsteller:
«Ein Verteidiger sieht die Menschen besser, als sie sind. Er ist unter Umständen ein
Dichter!» (Hokuspokus (U): III, 440). Außerdem sagt er in der Urfassung zum Staatsanwalt: «Und noch etwas geht euch ab, was zum Verteidiger gehört: H e r z ! !» (ebd.,
441), worauf sein Gegenpart ergänzt: «Und Komödiantentum» (ebd.) – der Verteidigung
werden also schauspielerische Fähigkeiten zugewiesen. Die Darstellung des Verteidigers
passt zu Goetz als Dramatiker, der oft eine versöhnliche Haltung in seinen Stücken vertritt und selten scharfe Gesellschaftskritik übt. Die Angeklagte Agda wird als «eine großartige Schauspielerin» beschrieben (Hokuspokus (N): IV, 531): Im Gerichtssaal spielt sie
erfolgreich die Aussage einer Zeugin nach, die bereits aus Langeweile «[n]ach Hause gegangen» ist (vgl. Nebentext, Hokuspokus (N): IV 532) – was ein eigentliches, improvisiertes Stegreiftheater darstellt. Es handelt sich bei dieser Zeugin um die als Zuschauerin
eingeführte Frau Engstrand (die unter den echten Zuschauern gesessen hat).
Ruppel konstatiert für Hokuspokus eine gewisse Nähe zu «Pirandello und de[m]
Surrealismus». Diese Annäherung zeigte sich bei Goetz darin,
[dass] er z. B. in Hokuspokus (1925) die vorgetäuschte Realität der Bühne noch einmal durchbrach, das Theater als Gerichtssaal wieder Theater werden ließ und die Figuren – es geht um
die Befreiung einer reizenden jungen Dame von einem auf ihr lastenden Mordverdacht – virtuos durch mehrere Individualitäten hindurchjonglierte.
(Ruppel 1996, 588).
Knecht, die auch auf zeitgenössische Kritiken eingeht, nennt als Aufführungsdatum der Neufassung
(Stadttheater, Zürich) den 31.10.1946 (vgl. Knecht 1970, 106). Vgl. Marschall (2005): Curt Goetz. In: Kotte
(Hg.): Theaterlexikon der Schweiz. Bd. 1. Zürich, 729-731. [Onlinefassung]. URL:
<http://tls.theaterwissenschaft.ch/wiki/Curt_Goetz> (22.05.2013). In Österreich (Volkstheater, Wien)
fand die Aufführung der Neufassung 1957 statt (vgl. ebd., 199). Diese war weniger erfolgreich als jene in
Zürich (vgl. ebd.).
47
300
Auch Guitry verglich in seinem ersten Dokumentarfilm Ceux de chez nous (1914 /
1915)48 die Kunst eines Rechtsanwalts mit einem Theater. In diesem Film werden einige
der größten französischen Künstler vorgestellt (vgl. Harding 1985, 94, 97). 49 Darunter ist
auch ein bekannter Rechtsanwalt, «Maître Henri Robert» (ebd., 97). Harding führt aus :
«La réflexion montrera que l’art de l’avocat est peu différent de l’art du comédien»
(ebd.).50
Harding berichtet folgende Anekdote : «Le bruit s’était répandu que Sacha […]
s’était glissé dans la salle d’audience d’un tribunal de province et avait filmé M e Robert
pendant qu’il plaidait pour une femme accusée de crimes horribles» (Harding 1985, 97).
Dieses Gerücht (welches wohl der Handlung des Films entspricht) stimme nicht, denn
die Szene sei bei Henri Robert zuhause gedreht worden – der Inhalt ist demnach fiktional. «Pendant que la caméra le filmait, Me Robert improvisait une de ses meilleures plaidoiries» (ebd.). Bei diesem ersten Werk Guitrys handelte es sich um einen Stummfilm, er
verwendete jedoch die Methode der «post-synchronisation» (ebd.), wodurch man ihn
gewissermaßen als «inventeur du film sonore» bezeichnen kann (ebd.).51
Mindestens so ausgeprägt wie im Stück Hokuspokus von Goetz ist die Ähnlichkeit von Guitrys Drama L’Illusionniste (1917) mit einem Theater im Theater. Zur Beschreibung der Vorführung wird deshalb teilweise auch auf den Begriff der Binnenhandlung oder auf ähnliche Termini wie innere Handlung zurückgegriffen, obschon hier wiederum der Rollenwechsel der problematische Punkt ist: Da das Spielen der Rolle eines
Magiers nicht vollständig gleichzusetzen ist mit dem Spielen einer Rolle in einem Theaterstück, wird L’Illusionniste nicht als eigentliches Theater im Theater, sondern als theater-ähnliche Einlage klassifiziert. Denn zwischen der Showeinlage eines Magiers und einem eigentlichen Binnentheater gibt es durchaus Unterschiede, zumal eine Zaubershow
keine fiktionale Geschichte erzählt wie ein Theaterstück, ihr also auch kein Dramentext
zugrunde liegt. Eine Zaubershow lebt auch mehr von den gezeigten Passagen als vom
Datierung nach: Simsolo 1988, 169.
Guitry antwortete mit diesem Film patriotischer Art, in dem er Rodin, Monet, Sarah Bernard, Lucien
Guitry usw. filmte, auf ein «Manifeste des Intellectuels allemands» (Simsolo 1988, 29), das zu Beginn des
Ersten Weltkrieges publiziert worden war (vgl. Harding 1985, 94).
50 Diese Analogie, auf die Goetz und Guitry hier verweisen, findet sich bereits in der Rhetoriktradition,
etwa bei Quintilian, wo auf das Verhältnis von Redner und Schauspieler eingegangen wird (vgl. MayerKalkus 2008, 682f.). Mir liegen keine Hinweise darüber vor, ob Goetz, der selber einen Stummfilm über
Schiller drehte, Guitrys Filme kannte.
51 Synchronisiert wurde jedoch nicht der ganze Film, sondern dies betraf nur die Sequenzen, in denen
Guitry und Charlotte Lysès im Auto von einem Künstler zum nächsten fuhren (vgl. Simsolo 1988, 29;
dieser verweist auf: Alex Madis (1950): Sacha. Paris; siehe auch: Bernard/Paucard 2002, 230.) Bernard/Paucard weisen außerdem auf eine Vertonung des Films im Jahre 1939 hin (Bernard/Paucard 2002,
191). Simsolo bedauert das Fehlen dieser Bilder in der aktuellen Filmversion (Simsolo 1988, 29).
48
49
301
gesprochenen Text, der gerade in einem Boulevardstück wichtig ist. Im Stück kommt
eine Zaubervorführung von Teddy Brooks vor, die im Prolog gezeigt wird. Als Privatperson heißt er Paul Dufresne.52 Die Handlung spielt «à l’Alhambra de Paris» (Nebentext,
Illusionniste, 135). Im Publikum sitzen Albert und Jacqueline, die Protagonisten der
Rahmenhandlung. Kowzan versteht L’Illusionniste als «spectacle dans le spectacle»
(Kowzan 1991, 236), was auf den Showcharaker hinzuweisen scheint, und begründet
dies damit, dass die Handlung auf ‹einer professionellen Bühne› spiele (siehe ebd.). In
dieser Arbeit wird das Stück als nicht-theatrale Einlage, aber als metatheatral klassifiziert. Corvin bezeichnet das Stück hingegen als eigentliches «théâtre dans le théâtre et
sur le théâtre» (Corvin 1989, 16). Da die Show des Magiers eine Art Rollenwechsel verlangt und ebenso eine Illusion bietet, kann sie (im Sinne einer Familienverwandschaft)53
mit einer Theater-im-Theater-Vorführung verglichen werden.
Im zweiten Akt des Stückes wird der Künstler in seinem Ankleideraum gezeigt,
so wie viele der Schauspieler in Guitrys Komödien: Dadurch wird der Eindruck einer
Rollenübernahme verstärkt. Wie bei einer Zauberaufführung geht es auch beim Theaterspielen um Verstellung und das Erzeugen einer Illusion (so wie dies ebenfalls im
Stück Hokuspokus thematisiert wird). Insofern passt die Zaubermetapher, um auf die
Theatralität des Stücks zu verweisen. Den Beruf des Schauspielers hat Guitry an anderer
Stelle so beschrieben: «Vous faire partager, à vous public, des sentiments que lui,
l’acteur, n’éprouve pas» (Acteurs, in: Théâtre, je t’adore, 196). Harding vergleicht den
Autor Guitry explizit mit einem Illusionisten: «personne plus que Sacha avait le don de
créer l’illusion à la scène ou de jongler avec la fantaisie» (Harding 1985, 106).
Schöpflin zählt die Zauberszenen nicht zu den eigentlichen Theater-im-TheaterEinlagen. Als Zaubereinlage erwähnt sie beispielsweise Corneilles Illusion Comique «(1635
/ 63)» (Schöpflin 1993, 50). Dieses Drama unterscheidet sich aber von L’Illusionniste insofern, als dort eine Zauberer-Figur als phantastische Figur mit übersinnlichen Fähigkeiten auftritt, deren Zauberei eine Auswirkung auf das Stück hat. (So kann Alcandre in
L’Illusion Comique dank seiner magischen Kräfte in die Zukunft und Vergangenheit
schauen, siehe ebd.) Das Publikum in Guitrys Stück durchschaut hingegen, dass der Illusionist nur Zaubertricks vorführt, wie der Zuschauer im Theater weiß, dass der Darsteller nur eine Rolle spielt – was (nach Voigt 1954, 10) als «Spielbewusstsein». einge-
52 Der Künstler, der vorgibt, englischer Muttersprache zu sein, «s’exprime en français – mais avec un fort
accent anglais» (Illusionniste: Prologue, 135).
53 Womit ein Begriff Wittgensteins aus dessen Philosophischen Untersuchungen I aufgegriffen wird, wobei er
den Terminus «Familienähnlichkeiten» verwendet (vgl. Wittgenstein 1971, §67, 57).
302
stuft werden kann. Und dennoch erliegen die Besucher einer Aufführung einen Moment
lang der Illusion. Der Magier vergleicht sich in Guitrys Theaterstück explizit mit einem
Schauspieler, verwendet also eine Schauspielmetapher, worin sich eine Parallele zu
Goetz’ später entstandener Komödie Hokuspokus offenbart:
Il n’y a ni différence ni classe parmi ceux qui montent sur les planches […] Un comédien
cherche à faire croire qu’il est marquis, avocat, médecin ou cocu… moi, je leur fais croire que
je suis illusionniste… c’est la même chose.
(Illusionniste : I, 147)54
Die Übergänge zwischen Täuschung sowie Verstellung und Metatheatralität sind in diesen Fällen oft fließend, da gerade die Verstellung als Theater beschrieben wird. Wie in
Hokuspokus bestehen auch in L’Illusionniste Bezüge zwischen der Zauber-Aufführung
und der eigentlichen Theaterhandlung, weshalb man beide eher einem Theater im Theater vergleichen kann als beispielsweise Judith Bliss’ Gesangseinlage in Cowards Hay Fever
(1925). Die Rahmenhandlung zeigt in L’Illusioniste ein romantisches Treffen des Illusionisten mit einer verheirateten Frau, die sich sowohl von seinen Zaubertricks als auch
von seiner Wortzauberei täuschen lässt. Paul macht der Frau Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft: «Il brosse un ensorcelant portrait des voyages qui l’attendent» (Harding 1985, 106). Es ist jedoch nur der gemeinsame Traum eines Moments, denn das
Stück endet, passend zum Thema der Zauberei, mit einer Desillusion und einem Abschied. Der Illusionist drückt dies vor seiner Abreise als Zaubermetapher aus:
Comprenez donc qu’un mur sépare nos deux existences! […] Moi, je suis heureux parce que,
voyez-vous, j’ai l’impression d’avoir réussi, cette nuit, ce tour charmant qui s’appelle « passez,
muscade » … Oui, je vous ai fait simplement apparaître et disparaître dans ma vie, et cela sera
pour moi un souvenir impérissable !
(Illusionniste: III, 189)
Er benennt die Ereignisse des Abends als «passez, muscade» (ebd.), bezeichnet sie also
mit einer Zauberformel, die man verwendet, wenn etwas weggezaubert wird (zu
Deutsch etwa ‹Hokuspokus, weg ist’s›). Wie in Goetz’ Hokuspokus wird auch hier bei
Guitry die Zauberei mit der Liebe in Beziehung gesetzt. Es stellt sich auch die Frage,
inwieweit Goetz’ Hokuspokus, ebenso wie auf Pirandello, auch auf Guitrys Stück Bezug
nehmen könnte. Direkte intertextuelle Verweise auf Guitry scheint Goetz’ Stück jedoch
nicht zu enthalten.
Guitrys Illusionist und Goetz’ Peer Bille sind moderne Vertreter einer Gauklerwelt, die auf die Anfänge des Boulevardtheaters verweisen, die Guitry insbesondere im
Stück Deburau (1918) darstellt. Bei Guitry verwischen sich die Unterschiede zwischen IlHier werden einige Berufe angesprochen, die sich auch in Goetz’ Stücken finden: Dr. Hiob Prätorius ist
Arzt und als Rechtsanwalt tritt Peer Bille in der Neufassung zu Hokuspokus auf, wobei er zugleich Illusionist ist.
54
303
lusionisten und Schauspielern (vgl. oben, Illusionniste: I, 147), sie können in die gleiche
Traditionslinie, jener der Unterhaltung, eingeordnet werden. Goetz hegt in seinem Stück
Hokuspokus ähnliche Sympathien für den Zirkus – und dabei ist nicht zu vergessen, dass
auch der bekannte Mime Deburau, die Hauptperson von Guitrys gleichnamigem Theaterstück, einer Zirkusfamilie entstammt. Peer Bille, «Sohn des Zirkusdirektors Noldus
Bille» (Hokuspokus (U): II, 423), ist nicht nur Zauberkünstler, sondern auch «Reiter,
Fechter, […] Schnellmaler und Entfesselungskünstler» (Hokuspokus (N): II, 484; vgl.
Hokuspokus (U): II, 424). Nachdem er sich erfolglos als Schnellmaler versucht hat, beschließt Bille die Rückkehr zum Zirkus seines Vaters. Über diesen Zirkus heißt es, er
«stehe vor dem Ruin» (Hokuspokus (N): IV, 529) – dies stellt eine Parallele zur Situation
des Theaters dar, wie sie im Vorspiel zur Urfassung des Stücks beschrieben wird (siehe
oben, Kap. 10.1.6.). Im letzten Akt der Neufassung zieht Peer Bille im Gerichtssaal
«Zirkusbilletts aus der Tasche und verteilt sie» (Nebentext, Hokuspokus (N): IV, 534). Er
tut dies mit den Worten: «Herr Präsident, ich möchte mir […] erlauben, das hohe Gericht zu einer kleinen Sitzung, diesmal in m e i n e m Zirkus, ergebenst einzuladen …»
(ebd.), wodurch der Gerichtsprozess nochmals explizit mit einer Zirkusnummer verglichen wird. Das vorliegende Kapitel hat gezeigt, auf welche Weise Goetz und Guitry die
Ähnlichkeiten zwischen Zaubervorführungen oder (Schau-)Prozessen und einem Drama durch eine entsprechende Inszenierung und den Gebrauch von Theatermetaphern
herausstellen.
304
10.2.
Prologe und Epiloge, Vorspiele und Nachspiele
DIREKTOR:
[…] Ich habe Sie hierhergebeten, meine Herren – Sie, Herr Knorr,
als Repräsentanten der Presse und ersten Kritiker unserer Stadt, Sie, Herr Elfzenthal, als meinen ersten Schauspieler – machen Sie kein so dummes Gesicht
– Sie Herr, Justizrat, diesmal nicht in Ihrer Eigenschaft als Vertreter meiner
Interessen […] sondern in Ihrer Privateigenschaft als eifriger Theaterbesucher,
der hier die Stimme des Publikums vertreten soll, Sie, Fräulein Zwirschina, als
meine Kassiererin – wofür bekommen Sie Ihre Gage, frage ich mich? – und
endlich Sie, Herr Doktor Dummrian – ich kann nichts dafür, daß Sie so heißen – als meinen Dramaturgen und Hausdichter, […] bei dessen Anblick mir
die Galle herausgeht – habe Sie alle hergebeten, meine Herren, um Ihnen eine
Mitteilung zu machen, die Sie kaum überraschen, Ihnen aber hoffentlich doch
ein wenig zu Herzen gehen wird, um im Anschluß an diese Mitteilung mit
Ihnen die Gründe durchzuberaten, die zu der betrüblichen Tatsache geführt
haben, die ich im Begriffe bin Ihnen mitzuteilen: i c h b i n p l e i t e !
SCHAUSPIELER: Der Satz ist zu lang.
DIREKTOR: Sie brauchen ihn nicht zu lernen, Elfzenthal! Sie werden bald
überhaupt nichts mehr zu lernen brauchen! Sie haben es übrigens nie getan!
(Hokuspokus (U): Vorspiel, 391f.)
Bei Prologen und Epilogen respektive Vor- und Nachspielen handelt es sich um «spielenthüllende dramatische Techniken» (Schöpflin 1993, 26). Ein Vorspiel bezeichnet
Schöpflin auch als «Induktion» (ebd.) – da dieser Wortgebrauch aber in der deutschsprachigen Tradition wenig verbreitet scheint, wird er in der vorliegenden Arbeit nicht
übernommen.55 «Ein Prolog ist ein vom Drama selbst losgelöster, von einer Sprecherfigur direkt an das Publikum gerichteter Vorspruch» (ebd.). Er kann über den Inhalt des
Stückes informieren oder als Exposition dienen. Daneben kommen anstatt Ansprachen
auch eigentliche, gespielte Szenen vor, diese werden als Vor- und Nachspiele bezeichnet.
Für diese Formen gilt, dass sie das Stück eröffnen und abschließen.
Der Rahmen erfüllt […] die Funktion eines episch vermittelnden Kommunikationssystems,
das zwischen das Spiel im Spiel und das reale Publikum eingeschoben ist […]
(Pfister 2001, 304; siehe auch ebd. 109-121).
Mit dem Begriff Spiel im Spiel meint Pfister hier das auf den Prolog respektive auf das
Vorspiel folgende Theaterstück. Es kann mit einer Einlage verglichen werden. Prologe
und Epiloge respektive Vor- und Nachspiele erfüllen allerdings aus Gründen des fehlenden Rollenwechsels nicht die in dieser Arbeit festgelegte Definition eines eigentlichen
Theaters im Theater. Schöpflin beschreibt nachfolgend weitere Funktionen eines Prologs:
Durch den Prologsprecher verweist der Dramatiker stets auf den theatralischen Charakter seines Werkes: Der Prolog rechnet offensichtlich mit der Anwesenheit des Dramenpublikums,
das er direkt anredet, das er um Verständnis und Nachsicht für das folgende Werk bittet oder
auch zum Still-Sein auffordert.
(Schöpflin 1993, 26)
Auf diese Weise werde dem Publikum der Gegensatz zwischen «Darstellern und Zuschauern bewußt» gemacht (ebd.) und das Bühnengeschehen als «theatralische Fiktion»
gekennzeichnet (ebd.). Schöpflins Zitat deutet an, dass Pro- und Epiloge sowie Vor-
Der Begriff Induktion findet sich in seiner eingedeutschten Form auch bei Voigt (vgl. 1954, 32). Er
scheint vor allem in der englischen Terminologie gebräuchlich zu sein und bezeichnet ein Vorspiel ohne
Nachspiel. Beispiele dieses Typus werden unter der Bezeichnung Vorspiel auch in dieser Arbeit analysiert.
55
305
und Nachspiele oft verschiedene metatheatrale Aspekte vereinen: Die rahmende Form
ist oft gekoppelt mit Kommentaren zur Handlung, die (gerade bei Pro- und Epilogen)
ad spectatores gerichtet sein können und auch metatheatrale Aussagen im eigentlichen
Sinne enthalten können.56
Prolog und Epilog sind […] Sonderformen des parallelen Spiels, die […] durch die rahmende
Position als Einführung, Kommentar, Kritik etc. dienen und als solche berücksichtigt werden
müssen, da sie dem Rezipienten durch die prominente Stellung entsprechende meta- und intertextuelle Signale geben.
(Petzoldt 2000, 86)
Prologe, Epiloge sowie Vor- und Nachspiele sollen angesichts ihres rahmenden Charakters jedoch nicht mit der Rahmenhandlung gleichgesetzt werden (vgl. Asmuth 2003, 216).
Ein Vor- oder Nachspiel wird in der Regel – im Unterschied zum Theater im Theater –
«durch spielexterne Figuren» (Pfister 2001, 109) aufgeführt, also üblicherweise Personen,
die im eigentlichen Theaterstück nicht mehr vorkommen, die also nur «im vermittelnden
Kommunikationssystem fungieren» (ebd.). Dasselbe Kriterium gilt meistens für Prologe
und Epiloge. Dadurch unterscheiden sie sich vom Sprechen ad spectatores, das oft eine Figur der Binnenhandlung betrifft. Es wird bei der Analyse von Prologen und Epilogen
sowie Vor- und Nachspielen in dieser Arbeit jeweils darauf hingewiesen, ob darin tatsächlich nur «spielexterne Figuren» auftreten (Pfister 2001, 109).
Die Spieler eines eigentlichen Theaters im Theater treten jedoch im Regelfall in
der Rahmenhandlung wie auch in der Binnenhandlung auf. Pfister bezeichnet dies als
«Identität des Personals» (ebd., 301; Hervorh. M.H.). Darunter versteht er, dass «die fiktiven Schauspieler, die das Spiel im Spiel aufführen, auch als Figuren in den übergeordneten Sequenzen fungieren» (ebd.). Auf die hier behandelten metatheatralen Formen trifft
dies demgegenüber nicht zu.
Die nachfolgend zitierte Prolog-Persiflage aus Toâ (1949) – in Form einer Ankündigung des Binnentheaters – kritisiert das von ihr gerade nicht eingehaltene Kriterium
für das Vortragen eines Prologs. Dieser wird in der Regel durch eine fiktive Gestalt vorgebracht, welche «außerhalb des inneren Kommunikationssystems» steht (ebd., 109).
Hier ist es aber ausnahmsweise gerade eine Figur aus der Binnenhandlung, also aus der
«Spielebene des inneren Kommunikationssystems» (vgl. Pfister 2001, 109), die im Prolog auftritt und sich als Privatperson an die Zuschauer wendet. (Michel ist nämlich zugleich ein Schauspieler und spielt in der Binnenhandlung eine andere Rolle).
Michel : Mesdames, messieurs… en vous priant de bien vouloir m’en excuser… je viens faire ici
la chose qui m’est la plus désagréable au monde, c’est-à-dire une annonce. Mais, malheureuseVieweg-Marks bezeichnet die Rahmung (als formales Element) und das Sprechen ad spectatores als «episierendes Metadrama» (Vieweg-Marks 1989, 25; Hervorh. M.H.). Hingegen bezeichnet sie Aussagen über das
Theater als «diskursives Metadrama» bezeichnet (ebd., 29f.; Hervorh. M.H.).
56
306
ment, je me trouve dans une situation qui m’oblige à me présenter moi-même devant vous.
D’ordinaire, c’est un régisseur, ganté de blanc qu’on charge de ce soin. Or, quand vous connaîtrez la raison qui m’amène, vous admettrez pour une fois cette dérogation aux usages. En effet,
au moment même où nous allions commencer le spectacle… il y a de cela trois minutes… on
m’a remis une lettre qu’une dame venait de déposer chez le concierge du théâtre. Cette dame
m’informe qu’elle est dans la salle ce soir et qu’elle a l’intention de me tuer […] au cours de la
représentation.
(Toâ: II, 276)
Michel erklärt dem Publikum die Abweichung von der Theater-Konvention: In der Regel sei es ein Regieassistent mit weißen Handschuhen, der diese Rolle übernehme. Das
Verfahren ist originell, aber nicht neu: So enthält bereits das Drama A Midsummer Night’s
Dream (1595) 57 von Shakespeare einen Prolog, der «in Widerspruch zu den Konventionen des traditionellen Prologs» steht (Petzoldt 2000, 193).
Das Mittel des Prologs wird in der Tradition des Metatheaters manchmal eingesetzt, um zu parodieren, wie das Beispiel des Prologs «von Schreiner Quince» bei Shakespeare zeigt (ebd., 192).58 Eine Parodie ist definiert als «in unterschiedlichen Medien vorkommendes Verfahren distanzierender Imitation von Merkmalen eines Einzelwerkes,
einer Werkgruppe oder ihres Stils» (Verweyen/Witting 2003, 23). Das Imitieren eines Stils
zur Belustigung wird in der französischen Terminologie Pastiche genannt.59 In Komödien
sind Parodien, wie gezeigt, häufig im Zusammenhang mit dem Theater im Theater zu beobachten. Dabei wird oder werden die «jeweils gewählte(n) Vorlage(n) durch Komisierungs-Strategien wie Untererfüllung und/oder Übererfüllung herab[gesetzt]» (ebd., 23f.).60
Oft zeigt eine eigentliche Binnenhandlung parodistische Züge, indem sie «implizierte Bezüge zu einem Prätext» aufweist (vgl. Vieweg-Marks 1989, 39). Dies trifft jedoch ebenso
auf einige der hier behandelten, metatheatralen Prologe und Vorspiele bzw. Epiloge und
Nachspiele zu. Eine Travestie karikiert ebenfalls, verzichtet jedoch im Gegensatz zur Parodie auf die «Adaptation spezifischer stilistischer Merkmale» (ebd., 24). Als Sammelbegriff
für Parodie wie auch Travestie dient oft «ein aus der Theaterwelt stammender Ausdruck
für das ‹Verhöhnen› (frz. siffler ‹auszischen›, so seit 1735 in Umlauf)» (ebd.), nämlich Persiflage. Dieser Terminus ist beispielsweise passend für Goetz’ satirische Darstellung des
Filmbusiness (vgl. Knecht 1970, 118).
Im Prolog, den er seinen gesammelten Werken in der Druckfassung voranstellt,
nimmt Goetz Bezug auf die Zueignung aus Goethes Faust I, die er als Vorlage im weitesten Sinne parodiert. Der Prolog wird gemäß der Konvention einer «spielexternen» PerDatierung nach: Schöpflin 1993, 235.
Vgl. auch das Stück Absurda Comica oder Peter Squenz von Gryphius, dem derselbe Stoff zugrunde liegt.
(Siehe dazu Petzoldt 2000, 192.)
59 Vgl. die Verwendung des Begriffs bei Kowzan 1991, 236, 238.
60 Hier folgt im Reallexikonartikel ein Verweis auf: Gunther Witting, Theodor Verweyen (1979): Die Parodie in der neueren deutschen Literatur. Darmstadt.
57
58
307
son zugeschrieben (Pfister 2001, 109), hier nämlich einem Erzähler, der Ideen des Autors vertritt. Diesen Prolog schrieb Goetz 1938, «als wir seine Gesammelten Werke das
erstemal herausbrachten», so Valérie von Martens, Goetz’ Ehefrau (von Martens 1962,
373). Während es sich bei Goethe um eine Art Widmung an die Gestalten seiner Jugendzeit handelt, äußert sich Goetz respektive die Erzählerfigur in seinem Prolog über
die von ihm erfundenen Bühnenfiguren. Später wird dort die Komödie gegenüber der
Tragödie gerechtfertigt (Sämtliche Bühnenwerke: Prolog, 6, Verse 10-16). Im Unterschied zu den anderen hier besprochenen Prologen ist es unwahrscheinlich, jedoch nicht
ausgeschlossen, dass dieser jemals im Rahmen einer Aufführung vorgetragen wurde. Er
richtet sich vielmehr an die Dramenleserschaft der (im meiner Ausgabe 1963) publizierten Sämtlichen Bühnenwerke. Im Prolog wird nämlich explizit erwähnt, dass die Figuren
und ihre Bühnenerlebnisse nun noch «in einem Sammelbuche» erscheinen (Goetz:
Sämtliche Bühnenwerke, Prolog, 5). Obwohl er nur zur Publikation vorgesehen ist, soll
auf diesen Prolog kurz eingegangen werden, da sich diese Arbeit ohnehin vorwiegend
mit den Dramentexten befasst. Der Beginn des erwähnten Prologs ist insofern metatheatral ist, als der Autor darin über seine Theaterfiguren spricht, und zwar in einer Art und
Weise, die auch an Pirandello61 erinnert:
Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten,
Die ich mit Tinte festzuhalten,
Mit Schminke einst zu formen suchte,
Und, wars geschehen, schon verfluchte,
Weil Ihr entgegen meinem Wollen
Im Gehn und Stehn
Und Hörn und Sehn
Und überhaupt ganz anders wart
Als wie Ihr hättet werden sollen.
(Goetz: Sämtliche Bühnenwerke, Prolog, 5; Hervorh. M.H.; vgl. Faust I, 9f.)
Hier wird auf humorvolle Weise angedeutet, dass sich die Figuren nicht nach dem Willen des Autors formen ließen und sich ihm widersetzten bzw. sich gegenüber dem Willen des Autors verselbständigten, was sich im Reim durch eine Waise ausdrückt (cddxc,
siehe obiges Zitat).62 Eigentlich verfügt ein Dramenautor entgegen der hier geäußerten
Idee über die Möglichkeit, fiktionale Figuren nach seinem Wunsch zu formen, da sie
In Pirandellos Stück Sei personaggi in cerca d’autore (1921) wird ein ähnliches Thema auf der Bühne thematisiert. Die sechs (später sieben) Figuren des Stücks sind mit der Umsetzung ihrer Lebensgeschichte auf
der Bühne nicht einverstanden. Sie kritisieren insbesondere die Schauspieler, die ihre Rollen spielen sollen.
62 In den Memoiren formuliert Valérie von Martens bezüglich des Schreibens ihres Mannes einen ähnlichen Gedanken, der hier wahrscheinlich mitgemeint ist: «Wenn er eine Figur erdacht hatte, füllte sie sich
so mit Leben, daß sie ganz von selber weiterspazierte, weiterlief, weiterrannte und ihn dann nur mehr
nachzog. Sie hatte ihr eigenes Sein, ihr vorgeschriebenes Schicksal bekommen. Er konnte sie oft nur mit
viel Anstrengung in der Bahn halten, in der er sie für sein Stück brauchte. Es blieb dem Autor gar nichts
zu erfinden, zu erdichten. Er hätte den Lebensroman dieses erdachten Wesens aufzeichnen können […].
Aber das durfte er als ‹Stückeschreiber› nicht tun. Er hatte sich nur die Essenz herauszuholen, die imstande war, sein Publikum in jeder Sekunde zu fesseln.» (von Martens 1962, 353)
61
308
kein Eigenleben besitzen, wie es im Prolog suggeriert wird. Deshalb kann die paradoxe
Aussage als aporetische Ipsoreflexion bezeichnet werden (siehe Kap. 2.4.). Formal unterscheidet sich dieser gereimte Prolog von Goethes Zueignung, die in Stanzen abgefasst
ist (ab ab ab cc). Bei Goetz handelt es sich hingegen um Paarreime und umarmende
Reime, für die erste Strophe nach dem Reimschema aa bb cddxc, das in der Folge variiert wird.63 Die Persiflage entsteht, indem Goethes erhabener Sprachstil zu Beginn zitiert
und teilweise imitiert wird. Um eine eigentliche Stilparodie handelt es sich indessen
nicht. In der Folge zeigt sich die parodistische Absicht auch darin, dass Goetz seine
Reime mit (teilweise nur angedeuteten) umgangssprachlichen bis derben Wörtern
durchsetzt, wie «Stusse» (Goetz: Sämtliche Bühnenwerke, Prolog, 6, Vers 10) oder
«Sch…oten frißt» (ebd., Vers 18; vgl. ebd., Vers 24). Bei Goetz’ Prolog handelt es sich
insgesamt um eine Kontrafaktur, da sich sein Prolog nicht «in der Komisierung der Vorlage erschöpft» (Verweyen/Witting 2003, 24). Vielmehr ist es so, dass er zugleich «eine
eigene Botschaft formuliert» (ebd.).
Im Folgenden wenden wir uns eigentlichen Vor- und Nachspielen zu. Wie erwähnt handelt es sich dabei um gespielte Rahmungen. Von einem Vorspiel ist dann die
Rede, wenn «ein Prolog ausführlicher und als Dialog zwischen zwei oder mehr Figuren
gestaltet [wird]» (Schöpflin 1993, 26). Goetz’ Vor- und Nachspiel zu den drei Einaktern
der Seifenblasen-Serie (1963) wird hier ausführlich behandelt. Denn insbesondere der
zweite Einakter, Die Barcarole, den es einrahmt, nimmt in der Folge darauf Bezug. Ein
Vorspiel ist im Gegensatz zum episierenden Prolog eine «kleine dramatische Szene, die
eine eigene, vom Drama unabhängige Fiktion schafft» (ebd.). Von einem Theater im
Theater unterscheidet sich ein typisches Vorspiel durch das Kriterium des selbständigen
Personals (vgl. Pfister 2001, 300). Um selbständiges Personal handelt es sich dann, «wenn die
fiktiven Schauspieler, die die Figuren des Spiels im Spiel verkörpern, in den übergeordneten Sequenzen nicht auftreten oder nur sehr peripher eingeführt werden» (ebd.).64
Pfister bezeichnet hier das Theaterstück, welches auf das Vorspiel folgt; als Spiel im Spiel,
diese Verwendung des Begriffs deckt sich also nicht mit der in der vorliegenden Arbeit
verwendeten Definition von Theater im Theater.65
Die zweite Strophe folgt dem Reimschema ee ff ghhhg – anstelle einer Waise finden sich hier drei identische Reime: Die Reim-Wiederholung (hhh) verdeutlicht dabei auch den Inhalt. Immer noch spricht
Goetz über die Figuren seiner Bühnenwerke: «Erst konzipiert, / Dann aufgeführt, / Dann tausend Male
repetiert» (Goetz: Sämtliche Bühnenwerke, Prolog, 5).
64 Pfister stützt sich bezüglich der personalen Verknüpfung der beiden Spielebenen auf Voigts Typologie
(vgl. Voigt 1954, 51ff.).
65 Pfisters Begriff Spiel im Spiel stützt sich weitgehend auf Voigts Begriffsverwendung. Er ist weiter gefasst
als der in dieser Arbeit verwendete Begriff Theater im Theater und lässt sich insofern auf die metatheatralen
63
309
Ein bekannter Vertreter dieser metatheatralen Form stellt wie schon angedeutet
Goethes «Vorspiel auf dem Theater» aus seinem Drama Faust I (1808) dar.66 Dort treten
die dargestellten Figuren (Pfisters Kriterien gemäß) nur im Vorspiel auf, nicht aber in
«den übergeordneten Sequenzen» (ebd.), also nicht in der eigentlichen Tragödie. Inhaltlich geht es auch dort um metatheatrale Aspekte:67
[In Faust I] stellen ein Theaterdirektor, ein Theaterdichter und eine «Lustige Person» im Gespräch ihre Forderungen an das Theater vor. Der Theaterdirektor denkt an den kommerziellen
Erfolg und möchte deshalb die Publikumserwartungen befriedigen; der Dichter will künstlerischen Ansprüchen genügen ohne Rücksicht auf den Zuschauergeschmack; die Lustige Person
wünscht sich Spaß und eine Orientierung des Theaters am Leben. Der Direktor macht der
Diskussion schließlich ein Ende, damit endlich etwas geschieht und die Aufführung beginnt.
So stellt Goethe im Vorspiel zunächst drei Erwartungen an das Theater vor, die sein Stück später alle erfüllen wird.
(Schöpflin 1993, 27).
Genauer ist der fiktive Autor bei Goethe ein «Repräsentant der klassizistischen Poetik[.]
[U]nd die lustige Person, eine domestizierte Hanswurstfigur, vertritt den Anspruch auf effektvolles unterhaltsames Spiel» (Pauli 2013, 29). Pauli hält fest: «Goethe ist in allen drei
Figuren gegenwärtig» (ebd.). In Goetz’ Seifenblasen sind Vor- und Nachspiel in einem
ähnlichen Rahmen angesiedelt wie bei Faust I, nämlich «im Theaterbureau» (Seifenblasen: Vorspiel, 947). Direktor Barnowsky, für den – wie in Faust I – der kommerzielle Erfolg wichtig ist, liest dem Kritiker Toni Friedrich die Leviten: Letzterer hat dem Stück
eine so schlechte Besprechung geschrieben, dass Barnowsky es nun absetzen muss (siehe ebd., 947). Zunächst zielt die Parodie also auf die Krtiker.
BARNOWSKY: Lausig schlecht [ist das Stück]!
FRIEDRICH: Na also! Trotzdem hast du es …
BARNOWSKY wütend: Weil d u es empfahlst
… Himmelherrgott …! Denkst du, ich würde
sonst ein Stück aufführen von einem unbekannten Idioten, der noch dazu unter einem Pseudonym schreibt? Nicht, daß ich ihm das übelnehme, wenn alle seine Stücke so stinken!
FRIEDRICH: Woher weißt du, daß es ein Pseudonym ist? Und weißt du, wer sich hinter diesem
versteckt?
BARNOWSKY: Nein. Weißt du es?
FRIEDRICH: Ja.
BARNOWSKY: Wer denn?
FRIEDRICH: Ich.
BARNOWSKY: starrt ihn sprachlos an. […]: Du hast dein e i g e n e s Stück verrissen?
FRIEDRICH: Ja. – Als ich es schrieb, fand ich es wundervoll. Als ich es gestern sah, fand ich es
schauderhaft.
BARNOWSKY: Ahhhhhhhhhh! Der Kritiker, der sein eigenes Stück verreißt! Rührendes Beispiel
unbestechlicher Berufsehre! Bist wohl sehr stolz auf diese Geste? Wie? Und daß du sie dir
auf m e i n e Kosten leistest, stört dich nicht!
Formen wie Vor- und Nachspiele anwenden, die hier von einem eigentlichen Theater im Theater unterschieden werden sollen.
66 Datierung gemäß Schöpflin 1993, 27.
67 Wie Petzoldt verdeutlicht, weist Faust I mehrere Prolog-Strukturen dieser Art auf «mit dem dreifach gestaffelten Vorspiel, der lyrischen ‹Zueignung›, dem ‹Vorspiel auf dem Theater›, in dem Direktor, Theaterdichter und ‹Lustige Person› Poetologie, Intention und Möglichkeiten des Dramas diskutieren, gefolgt von
dem nochmals den illudierenden Rahmen betonenden ‹Prolog im Himmel› (Petzoldt 2000, 166).
310
FRIEDRICH:
Nein. Hättest du mir ehrlich gesagt, daß du von dem Stück nichts hieltest, hätte
ich dir nicht zur Aufführung geraten. Aber du stelltest dich begeistert, weil du dir, da ich es
empfohlen hatte, eine gute Kritik erhofftest.
(Seifenblasen: Vorspiel, 949f.)
Indem sich der Kritiker in Goetz’ Vorspiel als Autor des Stücks entpuppt, liegt eine
ähnliche Personenkonstellation vor wie in Goethes «Vorspiel auf dem Theater» (vgl.
Faust I, 10): Es treten sowohl ein Theaterautor als auch ein Theaterdirektor auf. Aufgezeigt werden die Interdependenzen zwischen Autor, Kritiker und Theaterdirektor: Der
Direktor ist bei der Stückauswahl von der Kritik beeinflusst. Die Selbst-Kritik Friedrichs
erinnert an Schillers Selbstrezension zu Die Räuber.68 Der Gesinnungswandel einer Bühnenfigur, hier einer Schauspielerin, die ein Stück aus der zeitlichen Distanz kritisch(er)
beurteilt, wird auch von Coward angesprochen, und zwar in Hay Fever (1925), wo die Figur Judith verhaltene Kritik übt an ihrem früheren Erfolgsstück Love’s Whirlwind.
Thematisch geht es im Vor- und Nachspiel aus den Seifenblasen darum aufzuzeigen,
wie schwierig es zu erreichen ist, dass ein Stück auf einem deutschen Theater aufgeführt
wird (vgl. Seifenblasen: Nachspiel, 1062). Dargestellt werden die Absichten des Autors
und Kritikers einerseits, jene des Theaterdirektors sowie ihr Ineinandergreifen andererseits. Die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Figuren werden auf diese Weise
für das Publikum offengelegt.
BARNOWSKY:
Muß ich fürchten, dich aus deinem seelischen Gleichgewicht zu bringen, wenn
ich dir eröffne, daß ich nunmehr pleite bin …?
FRIEDRICH: Es gibt noch mehr Stücke.
BARNOWSKY: entsetzt: Hast du n o c h eins geschrieben?
FRIEDRICH: In deinem Schrank da liegen hunderte, die du nicht einmal gelesen hast! Er öffnet
den Schrank, der voll von Manuskripten steckt, von denen jeder Stoß mit einem Buchstaben bezeichnet ist.
BARNOWSKY: Wer kann es heutzutage riskieren, einen unbekannten Autor aufzuführen?
FRIEDRICH: Shakespeare war auch einmal unbekannt.
BARNOWSKY: Aber wenigstens Ausländer! Und dann war er tot!
FRIEDRICH: Aber das war er nicht immer. Wenigstens l e s e n müßtest du die Stücke, die man
dir einreicht! […]
BARNOWSKY: Ich könnte dir stundenlang zuhören! Mach es doch besser!
FRIEDRICH: Ich bin ja kein Theaterdirektor.
BARNOWSKY: Dann schreib ein besseres Stück!
FRIEDRICH: Das kann ich nicht.
BARNOWSKY: Aber k r i t i s i e r e n , das kannst du!
FRIEDRICH: Natürlich. Ich kann doch beurteilen, ob ein Ei gut oder schlecht ist, auch wenn ich
selber keines legen kann.
BARNOWSKY: Erzähl das einer Henne, während du ihr die Kehle zudrückst! Ich glaube kaum,
daß sie dann bessere Eier legt! Er stürmt wütend im Zimmer auf und ab … […] Was mache ich nur!
… Ein Stück! Ein Stück! Ein Königreich für’n Stück!
(Seifenblasen: Vorspiel, 950f.)
Im Rahmen dieses Vorspiels werden Aussagen über das Theater, die Autoren, die Kritik, das Publikum und den Theaterdirektor gemacht (vgl. auch Kap.11.). Dadurch theGemeint ist Schillers Selbstrezension seines Stücks Die Räuber, die «im 1. Stück des ‹Wirtembergischen
Repertoriums›, Ostern 1782» anonym publiziert wurde (Grawe 1982, hier 155; vgl. ebd., 156-175). Schiller
kündigte seinen Plan in einem Brief an Dalberg an. Er schrieb, er sei «als Verfaßer des Stüks [sic]
ohnstreitig ein […] vielleicht allzustrenger Richter» (zitiert ebd., 155).
68
311
matisiert sich das Theater selbstreflexiv und dem Publikum werden die Aufführungsbedingungen bewusst gemacht. Bei Goetz stellt das Vor- und Nachspiel oft die Entstehungsgeschichte eines Stücks dar und kann deshalb mit einer eigenen diegetischen Ebene verglichen werden, nämlich jener des extradiegetischen Erzählers in epischen Texten.
Da die Aufführung eines Theaterstücks eben nicht nur vom Autor respektive vom
Dramentext abhängt, werden im Vorspiel mehrere Figuren und ihre Standpunkte vorgeführt. Auch Shakespeare69 wird im Dialog angesprochen – womit bereits auf das von
Hamlet inspirierte Stegreiftheater im Theater vorausgedeutet wird, das innerhalb des auf
das Vorspiel folgenden zweiten Einakters Barcarole vorkommt (siehe Kap. 7.2.).
Im Vorspiel zu den Seifenblasen scheint die Rettung für Barnowsky in Gestalt von
Mrs. und Mr. Carpenter zu nahen. Ihr (von Goetz möglicherweise nicht zufällig gewählter) Name erinnert an den eines anderen ‹Zimmermannes› («Carpenter»), nämlich den
des Prologsprechers Quince aus dem ersten Akt von Shakespeares A Midsummer Night’s
Dream70 (siehe auch Petzoldt 2000, 192f.). Mister Carpenter stellt sich bei Goetz als amerikanischer Theaterschriftsteller vor, er und seine Gattin sprechen beide «Anglogermanisch» (Seifenblasen: Vorspiel, 955). Barnowsky ruft begeistert aus: «Mit einem Seitenblick
auf Friedrich: Wenn unsere Autoren dieses Germanoenglisch beherrschten, wären unsere
Theater voll» (ebd.).71 Der Direktor selbst ist des Englischen weniger mächtig, wie sich
beispielweise in der Szene herausstellt, wo er den Namen des Autorenpaars abliest: «Mr.
Bei dem geflügelten Wort «ein Königreich für ein Stück» (ebd.) handelt es sich zugleich um ein Shakespeare-Zitat aus Richard III: «A horse, a horse! my kingdom for a horse!» - ‹Ein Pferd! ein Pferd! mein Königreich für ein Pferd!› (Richard III: V, scene 4, 753). Bei Richard III handelt es sich zudem um ein metatheatrales Stück, das eine Traumeinlage enthält (vgl. Schöpflin 1993, 48). Bereits Tieck hat in Der gestiefelte Kater neben der Oper Die Zauberflöte auch Zitate aus Richard III eingebaut (vgl. ebd., 93).
70 Dort präsentiert ein Handwerker, «Quince the carpenter», den Prolog als Parodie (Nebentext, A Midsummer Night’s Dream: I, scene 2, 225; vgl. Dramatis personae, ebd., 222.). In der Schlegel-Übersetzung
heißt es analog «Squenz, der Zimmermann» (vgl. Personenverzeichnis, Ein Sommernachtstraum, 310).
71 Die Diskussion über den «Einfluss des Englischen auf die Deutsche Sprache» (Elfe 1976, 392, Anm.
14) ist laut Elfe ein Hinweis dafür, «daß einige Teile des Werkes [=Seifenblasen; Ergänzung M.H.] vermutlich erst nach dem Krieg», genauer nach Goetz’ Rückkehr aus Amerika, entstanden sind – entgegen «brieflicher Auskunft Valérie von Martens» (ebd.) an den Verfasser, welche angab, die Seifenblasen seien «noch in
Amerika entstanden» (ebd.). Ein anderes Indiz für das spätere Entstehen sieht Elfe im «Einakter ‹Ausbruch des Weltfriedens›» (ebd.). Er geht davon aus, dass dort «etwas von dem Ost-West-Konflikt» spürbar
sei (ebd.). Im nicht übertragenen Sinne spielt der Eiserne Vorhang auch in Die Barcarole eine Rolle. Auch
Guitry thematisiert mit Ironie die Vorliebe für die englische Sprache, wobei er dies bereits in einer relativ
frühen Komödie tut – zumindest in Frankreich ist dieser Einfluss auf metatheatraler Ebene also bereits
früher auszumachen: Vergeblich versuchen in L’Illusionniste (1917) Teddy Brooks (mit wirklichem Namen
«Paul Dufresne», vgl. Illusionniste: I, 144) und Miss Hopkins (mit wirklichem Namen «Gabrielle Virtaud»,
vgl. ebd.), eine Sängerin englischer Lieder, sich in gebrochenem Englisch zu unterhalten, bis sich – sehr
ähnlich wie in der oben zitierten Szene – herausstellt, dass sie beide in Wirklichkeit französischer Staatsbürgerschaft sind. Miss Hopkins sagt über ihre englischen Lieder aus: «[T]ous les soirs, je chante deux
chansons sans comprendre un mot de ce que je dis… Il n’y a que les Anglais qui s’en aperçoivent… et ça
les fait rigoler quelquefois… On m’a peut-être fait des blagues en me les apprenant…» (Illusionniste: I,
142). Genauso künstlich ist der englische Akzent des Illusionisten Teddy Brooks im gleichen Stück.
69
312
und Mrs. Zar-pen-t e r aus … wie liest man das, Fräulein Braun?» (ebd., 952), worauf
sie antwortet «Njutaun. Das ist englisch» (ebd.).
Zum Vergnügen des Theaterpublikums und zum Missfallen des Direktors entpuppen sich Mr. und Mrs. Carpenter «aus Newtown» (ebd.) schließlich als «Herr und
Frau Tischler, vom kleinen Stadttheater in Neustadt an der Knatter» (ebd., 956). Daraufhin ruft der Theaterdirektor aus: «Das ist die Höhe! Sie sind keine Ausländer? Und
Sie sind Schauspieler, ganz gewöhnliche Schauspieler aus Neustadt?» (ebd.) Bevor
Barnowsky das Ehepaar Tischler jedoch wieder vor die Tür stellen kann, zückt Curt
Tischler, der fiktive Komödienautor gleichen Vornamens wie der Boulevardautor, eine
Pistole und zwingt Barnowsky, der Lesung der Stücke beizuwohnen, die der Direktor
jahrelang ignoriert hat. Die Einakter-Trilogie Seifenblasen wird im Anschluss als eigentliche Aufführung dieser scheinbaren Lesung gezeigt. Nur der Anfang wird tatsächlich aus
dem Manuskript vorgetragen. Es handelt sich um die gelesene Regieanweisung zum
Bühnenbild des ersten Einakters Ausbruch des Weltfriedens: «Die Szene stellt einen Salon
im Landhaus des englischen Premierministers […] dar. Es ist drei Uhr morgens …»
(Nebentext, Seifenblasen: Vorspiel, 957). Den Zuschauern wird auf diese Weise auf der
Bühne eine Passage des Nebentexts übermittelt, den sie im Normalfall nur inszeniert zu
sehen bekommen. Zugleich wird ihnen vorgeführt, wie dieser Dramennebentext als Kulisse umgesetzt wird, denn während Carpenter «die Szene beschreibt, wie es zu Beginn
des folgenden Aktes angegeben ist, verwandelt sich die Bühne seinen Worten entsprechend» (Nebentext, ebd.). Diese Verwandlung ist der filmischen Technik der Überblendung vergleichbar. Sie ist analog zum Übergang von Hoffmanns erster Erzählung zur
eigentlichen Oper im Vorspiel von Les Contes d’Hoffmann (1881) konstruiert. Auf die
Oper nimmt Goetz im zweiten der folgenden Einakter, Barcarole, explizit Bezug. Als Unterschied ist das Personal in der Opernvorlage teilweise identisch – denn Hoffmann erlebt als Figur auf der Ebene der Intradiegese die Geschichten, die er erzählt. Aber er spielt
diese Geschichten nicht als Schauspielerfigur, deshalb handelt es sich auch nicht um ein
Theater im Theater.
Das Nachspiel wird bei Goetz erst nach den drei Einaktern gezeigt wird (analog
zu den drei Akten von Hoffmanns Erzählungen), es schließt thematisch aber direkt an
das Vorspiel an: Barnowsky zeigt sich von der Lesung des Manuskripts begeistert – was
möglicherweise auch auf die noch immer auf ihn gerichtete Pistole zurückzuführen ist
(Seifenblasen: Nachspiel, 1059). Er scheint tatsächlich bereit, die drei Einakter aufzufüh-
313
ren, und lässt Toni Friedrich sogleich eine Kritik dazu abgeben, welche die Sekretärin
Fräulein Braun mitprotokolliert:
BARNOWSKY zu Friedrich: Los, Toni!
FRIEDRICH: Also, erstens hasse ich Einakter
meine?
und zweitens liebe ich sie, wenn du weißt, was ich
BARNOWSKY: Kein Mensch weiß je, was du meinst! Weiter!
FRIEDRICH: Worauf es ankommt, ist …
BARNOWSKY: Quatsch nicht! Haben sie dir gefallen oder nicht?
FRIEDRICH: Sehr haben sie mir gefallen. Ich habe gelacht, ich war
gepackt, manchmal auch ein
bißchen gerührt – […]
FRIEDRICH: Die Gedanken, besonders in dem ersten Stück, sind gar nicht so blödsinnig, wie es
scheint! Würde der Autor keinen Humor haben, sondern sich ernst nehmen, würde man ihn
teils anbeten als Genie, teils verlachen als Idioten. So aber macht er sich selber über sich lustig
und nimmt uns damit die Möglichkeit, uns über ihn lustig zu machen, weshalb wir ihn ernst
nehmen müssen.
BARNOWSKY: Wer kann das wieder verstehen! Ich bestimmt nicht!
(Seifenblasen: Nachspiel, 1060)
Durch das Auftreten von Toni Friedrich nimmt Goetz mögliche Kritiken der Einakter
vorweg und reflektiert seine eigenen Stücke. Die Inhalte dieser Stücke sind so unterschiedlich, dass es schwierig ist, sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Gleichzeitig handelt es sich um die karikierende Darstellung eines Kritikers, der sich teilweise
in offensichtlichen Widersprüchen verstrickt, wie im folgenden Paradoxon: «[E]rstens
hasse ich Einakter und zweitens liebe ich sie» (ebd.). Durch die Kommentare des Theaterdirektors wird ferner ein Vorurteil gegenüber Kritikern zur Sprache gebracht, nämlich
ihre umständliche, schwer zugängliche Ausdrucksweise. Die Fachsprache der Kritiker
wird thematisiert und von Toni Friedrich parodiert – hier handelt es sich teilweise auch
um eine Travestie durch Imitation des Kritikerstils – wobei sich die Frage stellt, auf wessen Stil hier möglicherweise referiert wird. Anschließend werden die Zuschauer aufgefordert, ihr eigenes ästhetisches Empfinden zu reflektieren:
FRIEDRICH: Es [=das Stück; M.H.] ist ja auch nicht für Theaterdirektoren, sondern fürs Publikum bestimmt! Also, neben dem Takt, der darin besteht, daß er nicht nur andere, sondern
auch sich selbst durch den Kakao zieht, zeigt der Autor Herz und Geist. Oft nachdem er den
Pelion auf den Olymp und den Ossa auf den Pelion getürmt hat, präsentiert er uns eine Seifenblase.
BARNOWSKY: Ist das gut oder schlecht?
FRIEDRICH sich in Feuer redend: Das ist g u t ! Eine Seifenblase, leuchtend in allen Farben des
Regenbogens, die er im selben Moment, wo er sie gezaubert hat, auch schon zerplatzen läßt!
Es wäre ihm ein leichtes gewesen, ernst und hochtrabend zu werden. Zu Mr. Carpenter, der sich
gerade mit seiner Frau unterhielt: Aber haben Sie das getan?
MR. CARPENTER: Habe ich das getan?
FRIEDRICH ihn auf die Schultern klopfend: Nein, das haben Sie nicht getan!
MR. CARPENTER von seinem Rhythmus angesteckt: Nein, das habe ich n i c h t getan!
FRIEDRICH: Und das ist großartig! Und deshalb sage ich …
BARNOWSKY: Du hast genug gesagt! Gefällt es dir oder nicht?
FRIEDRICH: Es g e f ä l l t mir! Ob es dem Publikum gefallen wird …?
BARNOWSKY: Es gefällt ihm!
(Seifenblasen: Nachspiel, 1060f.)
314
Dem Publikum wird also viel zugetraut, denn ihm bleibt das endgültige Urteil über die
Einakter überlassen72 – wird doch der Theaterdirektor in überzeichneter Weise als ziemlich begriffsstutzig dargestellt, und auch an den Fähigkeiten des Kritikers kann gezweifelt werden. Gleichzeitig ist im Vor-und Nachspiel ironischerweise nur gerade
Barnowsky als einziger Vertreter des Publikums präsent, und er ist natürlich derjenige,
der als Theaterdirektor den Zuschauergeschmack mitprägen kann. Neben einigen auf
Goetz’ Stücke zutreffenden Punkten, zum Beispiel dem Hinweis auf den Autor, der sich
nicht allzu ernst nimmt, sowie einer einleuchtenden Erklärung des Titels Seifenblasen
(siehe obiges Zitat), weist Friedrichs Kritikersprache auch selbst-parodistische Züge auf.
Dies gilt etwa für die Vermischung verschiedener Sprachebenen. Einerseits versucht er
sich der Sprache eines Literaturkritikers anzunähern (beispielsweise durch den Verweis
auf die Mythologie), andererseits enthält seine Ausdrucksweise viele eindeutig der Umgangssprache entnommene Formulierungen, etwa «durch den Kakao ziehen» (ebd.) oder
«gar nicht so blödsinnig» (ebd.), ebenso die Wendung «verlachen als Idioten» (ebd.), die
in einer echten Kritik nicht zulässig wären. Mit der Erwähnung der mythologischen
Berge spielt Goetz möglicherweise auf Kleists Tragödie Penthesilea an:73
MEROE: Du willst auf diesem Platze noch –?
PENTHESILEA: Nichts, nichts, gar nichts, was
Den Ida will ich auf den Ossa wälzen,
Und auf die Spitze ruhig bloß mich stellen.
DIE OBERPRIESTERIN: Den Ida wälzen –?
MEROE: Wälzen auf den Ossa –?
(Penthesilea: 9. Auftritt, 55)
sie erzürnen sollte. –
Die Verwechslung der Reihenfolge der mythologischen Berge bei Goetz wirkt als selbstironische Parodie des Kritikers. Am Ende des Nachspiels wird nochmals die übertriebene Geschäftstüchtigkeit des Theaterdirektors aufgezeigt, der durch diese übersteigerten
Züge als Typ erscheint: Herr Tischler, überwältigt davon, dass sein Stück auf positives
Echo gestoßen ist, hat soeben einen Schwächeanfall erlitten:
MRS. CARPENTER: Er kann es nicht fassen! Ich glaube, er ist ohnmächtig!
BARNOWSKY […]: So? Schade, daß er nicht tot ist.
MRS. CARPENTER: Wie meinen Sie?
BARNOWSKY […]: Ein toter Schriftsteller ist mehr wert als zwei lebende!
MR. CARPENTER: Wie war das?
BARNOWSKY: Tote Autoren ziehen mehr!
MR. CARPENTER: Das ließe sich doch einrichten!
Sie streichelt seinen Kopf.
Dieser Respekt vor dem Publikum kommt ebenfalls in Guitrys Stücken zur Sprache, während Coward
dieses Thema weniger auf der Bühne, aber zum Beispiel in seiner Autobiographie angesprochen hat (siehe
Kap. 11.5.).
73 Kritiker Friedrich nimmt hier (wie vor ihm Kleist) Bezug auf die griechische Mythologie, wobei er die
Reihenfolge bezüglich der Stapelung der Berge durcheinanderbringt. Eigentlich ist der Pelion der oberste
der drei Berge. (vgl. Tripp 1991, 399 und 415). Der Stoff wird in Homers Odyssee thematisiert: «Als Otos
und Ephialtes planten, den Himmel zu stürmen, türmten sie zwei weitere Berge auf die Spitze des Olymp»
(Tripp 1991, 390).
72
315
BARNOWSKY: Wie meinen Sie das?
MR. CARPENTER: Ich könnte mich erschießen.
BARNOWSKY begeistert: D a s wäre natürlich …
FRIEDRICH: erstaunt: Das würden Sie …?
MR. CARPENTER: Klar! Wenn Sie dafür meine
ten …?
g r o ß a r t i g!
Einakter ansetzen und es für zuträglich hal-
FRIEDRICH: Aber nein!
BARNOWSKY: Aber ja, Toni! Für diese blödsinnigen Einakter wäre es unbedingt besser.
MR. CARPENTER: Wieso blödsinnig auf einmal? Ich denke, sie haben Ihnen gefallen!
(Seifenblasen: Nachspiel, 1061)
Der Theaterdirektor geht also für den Erfolg eines Theaterstücks buchstäblich über Leichen. (Auf dieses Motiv hat übrigens Kreisler auf ähnliche Weise in seiner satirischen
Oper Der Aufstand der Schmetterlinge (2000)74 zurückgegriffen.75) Näher wird auf diese und
andere Direktorenfiguren an anderer Stelle eingegangen (siehe Kap. 11.4.).
Tischler setzt die Forderung des Direktors in die Tat um, als ihm seine Frau ein
Papiermesser reicht: «Er stößt sich das Messer in die Brusttasche und fällt […] um.»
(Nebentext, Seifenblasen: Nachspiel, 1062). Barnowsky reagiert darauf enthusiastisch:
BARNOWSKY voll ehrlicher Begeisterung: Worauf warten wir noch? Fräulein Braun, trommeln Sie
mir alle Reporter zusammen, die Sie erreichen können! … Mein Gott, das gibt eine Reklame!
… Die Konkurrenz wird kochen, sieden, platzen! … Toni, das müssen wir feiern! Laß uns einen heben! Fräulein Braun! A propos «einen heben»! Heben Sie ihn auf und schaffen Sie ihn
raus. Mrs. Carpenter übermütig auf die Schulter klopfend: O.K. … ach so! Sie sind ja nur Deutsche!
… Mein herzlichstes … Das gibt ein Geschäft! Toni, wo bist du denn? Erwischt ihn am Arm und
zieht ihn hinaus. Das nenne ich Zusammenarbeit! Da könnte sich mancher Autor ein Beispiel
nehmen!
(Seifenblasen: Nachspiel, 1062)
Tischlers Tod erweist sich jedoch als inszeniert.76 Es handelt sich dabei um die Wiederaufnahme eines bereits dagewesenen Elements, also um strukturelle Komik 77 – vgl. dazu
das zweite Stegreiftheater im zweiten der Einakter (Barcarole: I, 1013). Der Autor Tischler wendet sich am Ende des Stücks in einer Art Epilog direkt ans Publikum.
Datierung
nach:
Fink
(2013):
Georg
Kreisler
[Onlinefassung].
URL:
<http://www.kabarettarchiv.at/Bio/Kreisler.htm> (22.05.2013).
75 In Kreislers Oper geht es darum, dass zwei der Hauptpersonen, Daniel und Erik, an einer Oper schreiben. Wie die Theaterstücke in Goetz’ Vorspiel wird diese Oper, obschon beendet, während dreißig Jahren
nie aufgeführt. Die Autoren haben lediglich Absagen erhalten, kein Opernhaus hat das Stück inszenieren
wollen. Noch klarer geht ein möglicher Bezug auf Goetz’ Stück aus der Beschreibung der folgenden Szene (aus dem dritten Akt) hervor: «Plötzlich entdeckt Erik in Daniels Tasche einen Brief von der Metropolitan Opera New York. Man sei begeistert von der Oper ‹Der Aufstand der Schmetterlinge› und wolle sie aufführen. Späte Genugtuung bei den Künstlern macht sich breit, bis Daniel ein Postscriptum im Brief findet. Gemäß der Tradition der Metropolitan Opera könne man das Werk allerdings nur spielen, falls der
Komponist bereits tot sei. In Aufopferung für sein Werk schluckt Daniel eine Zyankalikapsel» (Kursive
Hervorh. M.H.). KIP Media im Internet (2004): Programme von Georg Kreisler. Der Aufstand der
Schmetterlinge. Satirische Oper in drei Akten. [Onlinefassung]. URL: <http://www.kipmedia.de/progs/krprogs/krprog641.htm> (22.05.2013).
76 Auch dieses Element hat eine mögliche Entsprechung in Kreislers viel später entstandener Oper, wo
Barbara vermeintlich stirbt, was sich dann aber als Täuschung herausstellt. Vgl. KIP Media im Internet
(2004): Programme von Georg Kreisler. Der Aufstand der Schmetterlinge. Satirische Oper in drei Akten.
[Onlinefassung]. URL: <http://www.kip-media.de/progs/krprogs/krprog641.htm> (22.05.2013).
77 Strukturelle Komik wird im Reallexikon definiert als die «mehrmalige Wiederkehr identischer, spiegelverkehrter oder überraschend abgewandelter Handlungseinheiten» (Fricke/Salvisberg 1997, 279f.).
74
316
MRS. CARPENTER
bei Mr. Carpenter kniend: Du darfst aufstehen, Liebling, und noch ein paar
Schlußworte sagen.
MR. CARPENTER steht auf: Ich bin sprachlos! Und angenehm überrascht … Er klopft sich den
Staub von den Knien und kommt dabei an den Souffleurkasten und spricht nunmehr direkt ins Publikum …
wie kinderleicht es ist … er wischt sich unauffällig den Schweiß von der Stirn … ein Stück an einem
deutschen Theater anzubringen! I t h a n k y o u !
VORHANG
(Seifenblasen: Nachspiel, 1062)
Wie eine Seifenblase zerplatzt die Illusion des Autors, der nach der Begeisterung des Direktors einen Moment lang vergeblich geglaubt hatte, die Aufführung seines Theaterstücks sei leicht zu erreichen (vgl. ebd.). Indessen spricht grundsätzlich nichts gegen eine
solche, selbst wenn sein Autor am Leben bleibt. Der Tod würde – in der Logik des Direkors – lediglich das Interesse der Besucher für die Stücke vergrößern.
Ähnlich wie Goetz in seinem Vor- und Nachspiel zu den Seifenblasen setzt Dürrenmatt in Der Meteor (Uraufführung 1966, Wiener Fassung 1978) 78 das wiederholte
Auf(er)stehen eines Toten als Element struktureller Komik ein79. Dürrenmatt dient dies
indessen nicht nur als komischer Theatereffekt, sondern er treibt diesen mit letzter
Konsequenz auf die Spitze: Schwitter, der Nobelpreisträger (also ebenfalls eine Autorenfigur, aber eine erfolgreiche) wird im Meteor mehrfach für tot gehalten, erwacht aber
jedes Mal wieder zum Leben.80 Seine letzten Manuskripte hat der Autor im Ofen verbrannt. Indessen wird in der Presse bereits die Nachricht seines (baldigen) Todes verbreitet wird, ähnlich wie Barnowsky dies für Tischlers Ableben plant (Dürrenmatt: Der
Meteor: I, 13; vgl. Seifenblasen: Nachspiel, 1062). Auch bei Dürrenmatt tritt zudem ein
Kritiker auf, nämlich «Starkritiker Friedrich Georgen» (vgl. Nebentext, Dürrenmatt: Der
Meteor: II, 54),81 dessen Totenrede auf den Nobelpreisträger (ähnlich wie jene von Toni
Friedrich) auf der Bühne angehört und kommentiert wird (ebd., 54f). Das Interesse
Datierung nach: Paratext, Der Meteor, 10. Entstanden ist die Komödie 1964. Mir liegt die Wiener Fassung von 1978 vor.
79 Im Stück kommen mehrere Tote vor. Schwitters Aussage im ersten Akt: «Schafft die Leiche weg» (Der
Meteor: I, 30) – und später jene von Glauser: «Auf Ihre Verantwortung. Schaffen wir den Pfarrer in den
Korridor» (ebd., 31) erinnern an Barnowskys Äußerung bei Goetz: «Heben Sie ihn auf und schaffen Sie
ihn raus.» (Seifenblasen: Nachspiel, 1062). Später sollen auf Schwitters Wunsch die «Kränze vor die Türe»
geschafft werden (ebd.: II, 65, 68). Falls sich Dürrenmatt von Goetz inspirieren liess, was durch die mehrfachen Hinweise wahrscheinlich ist, so wäre es nicht das erste Mal, Scholdt hat dies bereits für Der Besuch
der alten Dame nachgewiesen (Scholdt 1976, 720-730).
80 Schwitter kommentiert seine Auferstehung mit den Worten: «Das Theater beginnt wieder von vorne»
(Der Meteor: I, 40, siehe auch ebd., 78 f.).
81 Der Nobelpreisträger Schwitter sagt im Stück über den Kritiker Friedrich Georgen, als dessen Nachruf
im Radio ausgestrahlt wird: «Vierzig Jahre verriß mich dieser ästhetische Oberplauderer. Sein Recht, aber
seinen Nekrolog über mich höre ich mir nicht an» (Der Meteor: I, 13). Durch die Ähnlichkeit des Kritikernamens stellt sich die Frage, ob die beiden Autoren möglicherweise auf die gleiche Person referieren.
Der Stil der beiden Parodien weicht indessen ziemlich voneinander ab und bei Goetz ähnelt er der Kritik
im Vor- und Nachspiel zu Hokuspokus. Wegen der Namensgebung kommt (insbesondere bei Dürrenmatt)
vor allem der «Berliner Kritiker Friedrich Luft» in Frage. Diese Vermutung äußert auch Zolke (2005, 66,
Anm.15). Sicherlich zielte Dürrenmatt mit der Kritikerfigur – genauso wie Goetz – auf die zeitgenössische
Kritik. Friedrich Luft schrieb auch Kritiken zu Goetz’ Stücken.
78
317
Barnowskys am Tod des Dichters bei Goetz kann in Dürrenmatts Komödie mit jenem
des Arztes Professor Schlatter verglichen werden, der den Tod seines prominenten Patienten gegenüber offiziellen Kreisen vorausgesagt hatte und nun darauf hofft.82
Obwohl es sich beim hier besprochenen Theaterstück von Goetz um ein Vorund Nachspiel mit eigenständigem Personal handelt (vgl. Pfister 2001, 300), weist es
Ähnlichkeiten mit einer Theater-im-Theater-Struktur auf (vgl. Tabelle 1). Seine autonome Handlung zeigt die Rache eines Komödienautors. Ein schematischer Überblick soll
nochmals den Aufbau der Seifenblasen-Serie (1963) verdeutlichen, nämlich deren virtuose
Verschachtelung und die Bezüge zwischen den verschiedenen Ebenen. Das erste Schema zeigt den Aufbau der Seifenblasen-Trilogie, deren zweites Stück Die Barcarole ist (siehe
unten, 316). Als einziges der Stücke enthält Die Barcarole Binnendramen.
«Verehrtester, Sie waren so liederlich, nicht zu sterben, seien Sie nun wenigstens so anständig, sich in
meine Haut zu versetzen! Wenn ich Ihnen in der Klinik eine Spritze gegeben hätte, wären Sie längst begraben, gebe ich sie Ihnen jetzt, läßt der Staatsanwalt m ic h begraben. Begreifen Sie denn meine
Zwanglage nicht? Tobt. Es ist schauerlich. Die denkende Welt ist von meiner Lächerlichkeit überzeugt und
die glaubende von Ihrer Auferstehung […] Für die einen bin ich verblödet und für die anderen von Gott
veräppelt, so oder so bin ich blamiert. Setzt sich an den Tisch. Daß mir ausgerechnet ein Nobelpreisträger
auferstehen muß» (Der Meteor: II, 80).
82
318
Seifenblasen
1. Stück
2. Stück der Trilogie
3. Stück
Seifenblasen
Vorspiel
Ausbruch
des
Weltfriedens
Die Barcarole
Bärengeschichte
Dieser Einakter
enthält Aussagen
zum Film und
zu Hollywood,
es handelt sich
um eine Wiederaufnahme
der
USA-Thematik,
die im Vorspiel
durch das Auftreten von Herrn
und Frau Carpenter
angesprochen wird.
Nachspiel
Das Vor- und Nachspiel ist dem Rahmen
zu
Les
Contes
d’Hoffmann vergleichbar. Bei Goetz tritt
ein fiktiver Autor mit
seiner Gattin auf,
nämlich die ‹falschen›
Amerikaner, Mr. und
Mrs. Carpenter. Die
Bühnenwerke des Autors werden dem
Theaterdirektoren unter Anwendung von
Gewalt ‹vorgelesen›.
Sie werden dem Publikum jedoch als Aufführung gezeigt.
Dieses Stück enthält
mehrere Drameneinlagen: Einerseits Hamlet als (nicht gezeigte)
Aufführung des Binnendramas, andererseits mehrere Stegreiftheatereinlagen, die
zum Teil Variationen
zum Hamlet-Stoff beinhalten, aber auch
musikalische und freie
Improvisationen sowie
Bezüge zu verschiedenen Opern aufweisen.
(ein nicht
metatheatrales
Stück,
abgesehen vom
Vorlesen
des Nebentextes
im Vorspiel)
Der Theaterdirektor
will die ‹vorgelesenen›
Theaterstücke zwar
aufführen, fände es
aber werbewirksamer,
wenn sich der Autor
das Leben nähme.
Der
vorgetäuschte
Selbstmord des fiktiven Autors im Nachspiel stellt eine Parallele zum fingierten
Mord im zweiten
Stegreiftheater
der
Barcarole dar.
Tabelle 1: Aufbau der Seifenblasen
Theatereinlage im Theater: die (nicht
gezeigte) Aufführung
1.
Stegreiftheatereinlage
im Theater
Nichttheatrale Erzähleinlagen
Hamlet
von
Shakespeare
wird gespielt.
Einen Teil der
Aufführung
verfolgen die
Schauspieler
hinter der Bühne
akustisch
mit. Der Zwischenakt von
Hamlet wird angekündigt.
Während der Pause parodieren die
Schauspieler
in
der ersten Stegreiftheaterdarbietung
den Hamlet-Stoff.
Die Repliken sind
meist gereimt, die
Hamlet-Rollen
werden teilweise
beibehalten, die
Zitate aus dem
Stück werden zum
Teil anderen Figuren in den Mund
gelegt. Angedeutet
wird die Nebenbuhlerschaft zweiter Schauspieler
um eine Frau.
Die drei epischen Einlagen
bei Goetz verweisen auf die
drei Akte der
Oper Hoffmanns
Erzählungen und
auf
E.T.A.
Hoffmanns
Werke. Es werden Geschichten
um
die Oper
erzählt.
Intermediale und
intergenerische
Verweise: Musikalische Opernzitate
und
sprachliche
Verweise
auf
Opern
Die Barcarole: Das
Gondellied
aus
Hoffmanns Erzählungen, auf das der Titel
des Stücks verweist,
wird als musikalisches Zitat angespielt. Aus Hoffmanns Erzählungen
entnommen
ist
ebenfalls das Lied
«Meine erste Liebe
hieß Olympia» (Barcarole: 1001). Daneben kommen weitere
Musikeinlagen aus
Opern (aus Humperndincks Hänsel
und Gretel) und Märchenbezüge vor.
Tabelle 2: Aufbau des Einakters Die Barcarole
319
2. Stegreiftheatereinlage im Theater
Im 2. Stegreiftheater
tritt eine Dichterfigur
auf – wie in der Oper
Hoffmanns Erzählungen.
Es geht wiederum um
die Rivalität zweier
Konkurrenten, die um
die gleiche Frau werben. Gespielt wird nun
eine Liebestragödie in
Versen mit Musik und
Tanz. Der Wettstreit
weist Parallelen zu
Wagners Oper Die
Meistersinger aus Nürnberg
auf. Diesmal
schlüpfen die Schauspieler nochmals in
neue Rollen. Es finden
sich erneut vielfältige
Bezüge zwischen Binnenhandlung
und
Rahmenhandlung.
Zusätzliche Informationen zu Goetz’ Einakter Die Barcarole und der Seifenblasen-Serie
sind den anderen Kapiteln zu entnehmen (siehe vor allem Kap. 7.1., 7.2. und Kap. 8.5.).
Meines Erachtens kann man die Seifenblasen-Trilogie insgesamt als ein metatheatrales
Schlüsselwerk Goetz’ betrachten – darunter besonders das Vor- und Nachspiel sowie
der zweite Einakter, Die Barcarole). In keinem anderen Werk hat Goetz das intertextuelle
Spiel mit dem Theater im Theater und die Verweise auf andere Kunstformen und Medien so weit getrieben. Eigentliches Theater im Theater findet sich indessen nur im zweiten Stück dieser Serie. Die drei Einaktereinlagen scheinen geradezu drei unterschiedliche, aber typische Goetz’sche Stücke zu verkörpern: Das nicht metatheatrale Salonstück
und Konversationsstück im ersten Einakter, die metatheatrale, intertextuelle Parodie im
zweiten Einakter sowie das hollywood-kritische Stück im dritten Einakter, welches intermedial das (amerikanische) Filmbusiness parodiert, daneben daneben viele farcenhafte situationskomische Effekte aufweist, was sich auch in der vereinzelt grob wirkenden
Sprache zeigt.83
Unterhaltungen, die wie hier bei Goetz das Thema des Theaters zum Inhalt haben, fehlen bei Guitry im Rahmen eines Vor- und Nachspiels weitgehend. Eine Ausnahme stellt
Quand jouons-nous la comédie? (1935) dar, da darin metatheatrale Aussagen vorkommen.
Nun ist der Rahmen des Stücks zwar als Prologue und Epilogue benannt (also mit den
französischen Begriffen, die hier ein Vor- und Nachspiel bezeichnen), insbesondere der
Epilogue weist jedoch identisches Personal auf und soll deshalb nicht als Nachspiel, sondern
als eigentliche Rahmenhandlung klassifiziert werden. In Quand jouons-nous la comédie? sind
eigentliche Aufführungen im Theater enthalten, zunächst eine Oper im Theater und
später ein Theaterstück im Theater (siehe Kap. 8.3.). Die Schauspieler vollziehen in diesem vermeintlichen Vor- und Nachspiel also einen Rollenwechsel. Abgeschlossen wird
die Komödie, wie erwähnt, durch ein Nachspiel, das allerdings nicht die direkte Fortsetzung des Vorspiels darstellt wie in den Beispielen bei Goetz – Die beiden Teile sind
weitgehend autonom. Das Nachspiel weist sich dennoch als Teil einer Rahmenhandlung
aus, denn es zeigt die Schauspieler als Privatpersonen. Der Prologue hat trotz der darin
eingefügten Oper im Theater durchaus Ähnlichkeiten mit typischen Vorspielen bei
Goetz: Er spielt im Büro des Theaterdirektors. In der Regel wird bei Guitrys anderen
Obschon dieser letzte Einakter meines Erachtens der am wenigsten gelungene der Seifenblasen-Serie ist,
scheint mir auch dieser repräsentativ für Goetz’ Werk und seine (Anti-)Hollywood-Stücke.
83
320
Stücken insbesondere in eigentlichen Rahmenhandlungen über das Theater (im Theater)
gesprochen.
Eine ähnliche Prolog-Technik wie in Shakespeares A Midsummer Night’s Dream
beschreibt Simsolo für Guitrys Film Le Trésor de Cantenac (F, 1950).84
[N]ous découvrons Guitry jouant Guitry derrière sa table de travail, quand son valet de
chambre entre lui annoncer l’arrivée de visiteurs. Il les désigne sous leur véritable nom d’acteur,
mais dans la fonction qu’ils vont assumer dans la fiction (par exemple : Roger Legris, Idiot du
village).
(Simsolo 1988, 125)
Guitry verändert also den Filmvorspann in ungewohnter Weise zum Metafilm. Bereits
bei Shakespeare kündigt Quince im Prolog auf ähnliche, parodistische Weise die Rollenverteilung an: «You, Nick Bottom, are set down for Pyramus.» (A Midsummer Night’s
Dream: II, scene 2, 225). Guitry wird im Film außerdem als Regisseur gezeigt, wie er telefonisch eine Filmequipe organisiert (siehe Simsolo 1988, 125). Diese Sequenz ähnelt den
Theaterbüro-Szenen bei Goetz insofern, als beide Male das Funktionieren des Theaterrespektive Filmbetriebs aufgezeigt wird. Das metaliterarische Element wird bei Guitry
noch weiter getrieben, indem er die Schauspieler gleichzeitig unter ihrem richtigen und
ihrem fiktiven Namen nennt.85 Ein Spiel mit der Fiktion (und der Wirklichkeit) – wie
Guitry, der im erwähnten Film Guitry spielt – treibt jedoch auch Goetz, indem er dem
Theaterdirektor im Vorspiel zu den Seifenblasen den Namen Barnowsky verleiht. Denn
Victor Barnowsky war der echte Name seines ehemaligen Theaterdirektors (Seifenblasen: Vorspiel, 952, vgl. Knecht 1970, 21, 32). Bei Coward fehlen in den analysierten Stücken vergleichbare Szenen.
Die Technik einer vorbereitenden Rahmenerzählung, die anschließend, wie in
den Seifenblasen, als Aufführung inszeniert wird, wendet Goetz in verschiedenen weiteren
Stücken an: Hokuspokus (Urfassung 1927) 86, Der Lügner und die Nonne (1929) 87 sowie Dr.
med. Hiob Prätorius (Urfassung 193288, Neufassung 194689). In der Urfassung von Hokuspokus kommt, wie erwähnt, ebenfalls eine Manuskript-Lesung vor, die sich mit der ei-
Datierung nach: Lorcey 2007, 337.
Ähnlich geht Goetz innerhalb der Barcarole vor, jedoch in umgekehrter Reihenfolge: Dort treten die
Schauspieler zuerst als Figuren aus Hamlet auf, und erst später, mehr durch Zufall, erfährt das Publikum
die Namen, welche sie in der Rahmenhandlung tragen.
86 Datierung der Uraufführung nach: Knecht 1970, 216.
87 Datierung der Uraufführung nach: Knecht 1970, 216.
88 Datierung der Uraufführung nach: Knecht 1970, 216.
89 Knecht nennt als Aufführungsdatum der Neufassung (Stadttheater, Zürich) das Datum vom 31.10.1946
(vgl. Knecht 1970, 106). Dasselbe Datum erwähnt der Eintrag im Theaterlexikon der Schweiz: Marschall
(2005): Curt Goetz. In: Kotte (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz. Bd. 1. Zürich, 729-731. [Onlinefassung].
URL: <http://tls.theaterwissenschaft.ch/wiki/Curt_Goetz> (22.05.2013). In Österreich (Volkstheater,
Wien) fand 1957 eine Aufführung der Neufassung statt (vgl. Knecht 1970, 199). Der Film erschien 1950
(vgl. Knecht 1970, 217).
84
85
321
gentlichen Aufführung deckt. Dasselbe Prinzip wendet Guitry in seinem Einakter Courteline au travail (1934) an (siehe unten). In den restlichen hier angesprochenen Stücken
bilden jedoch mündliche Erzählungen (die also scheinbar nicht auf einer schriftlichen
Textvorlage beruhen) den Übergang zum nachfolgend aufgeführten Schauspiel. 90
Auch das Vor- und Nachspiel zur Urfassung von Hokuspokus spielt (wie die später entstandenen Seifenblasen) im «Theaterbüro» (siehe Hokuspokus (U): 391) – in der
Neufassung entfallen jedoch Vor- und Nachspiel. Der Direktor eröffnet den Anwesenden im Vorspiel: «Ich bin pleite» (ebd.). Gegenwärtig sind außer ihm ein «Dichter (zugleich Dramaturg)» (ebd., 390), eine «Kassiererin» (ebd.), ein «Kritiker» (ebd.) namens
«Knorr» (ebd., 391) und «Elfzenthal» (Hokuspokus (U): 391) als Darsteller (vgl. ebd.) –
Er heißt gleich wie bereits der Schauspieler aus dem früheren Stück Nachtbeleuchtung.91
Dem Autor verleiht Goetz selbstironisch den Namen «Doktor Dummrian» (ebd.). In
seiner Rolle als Zuschauer ist zudem der «Herr Justizrat» anwesend – bereits Tieck ließ
im Prolog zu seinem Stück Der gestiefelte Kater (1797)92 Publikumsvertreter zu Wort
kommen, die sich das Binnenstück anschauen und darüber sprechen (vgl. Tieck: Der gestiefelte Kater: Prolog, 207ff.). Auf ähnliche Weise äußern sich bei Goetz – nach einer
längeren Tirade des Direktors – verschiedene Interessenvertreter.
Alle Anwesenden geben in Goetz’ Stück ihre «Meinung über den Niedergang
des Theaters» bekannt (Hokuspokus (U): Vorspiel, 393). Gemäß der Kassiererin liegt es
an den zu günstigen Eintrittspreisen (vgl. ebd., 393) und an den «Abonnenten» (ebd.,
392). Der Kritiker konstatiert: «Viele sind unberufen, wenig auserkoren, möcht mer
sprechen» (ebd., 393), was heißen mag, dass es an fähigen Dichtern, guten Darstellern
und Zuschauern ebenso zu mangeln scheine wie an engagierten Theaterdirektoren und
talentierten Kritikern – wobei er sich selbst wohl davon ausnimmt (vgl. ebd.). Der Theaterdirektor seinerseits schiebt jede Mitschuld am Misserfolg von sich (ebd.). Er verlangt
vom Dichter, er solle für die Darsteller «Rollen zum Spielen und nicht Kreuzworträtsel
zum Aufsagen» erfinden (ebd., 394) – dessen Stücke scheinen also aufführungstechnisch
Probleme
zu
bereiten.
Dem
Schauspieler
wirft
der
Theaterdirektor
vor:
« S i e schmeißen auch die beste Rolle» (ebd.). Auch der Justizrat als Zuschauer darf
seine Wünsche ans Theater kundgeben (vgl. unten, Kap 11.5.). Der Kritiker schlägt
90 Die Funktion, die ein Vor- und Nachspiels haben kann, beschreibt Goetz’ Ehefrau Valérie von Martens
so: « ‹Hokuspokus› ist das erste Stück meines Mannes, das er mit einem Vor- und Nachspiel versah, eine
Gepflogenheit, die er später beibehielt, weil sie ihm die Möglichkeit gab, Mißstände der Zeit zu geißeln»
(Goetz/von Martens 1962, 391). Gemeint sind vor allem Missstände auf dem Theater. Dies trifft insbesondere auf das Vor- und Nachspiel zu Seifenblasen und Hokuspokus zu.
91 Vgl. auch Ehlers 1997, 152, Anm. 74.
92 Datierung nach: Schöpflin 1993, 88.
322
schließlich vor, «Miramteller» zu spielen (vgl. ebd., 395), und der Direktor zeigt sich davon ähnlich begeistert, wie es Barnowsky in den Seifenblasen anfänglich von Carpenter
war:
DIREKTOR: sehnsüchtig: Lugemal Miramteller! Sehr richtig! […] Das ist natürlich der einzige Autor, den man heute spielen kann! Erstens ist er Ausländer und zweitens kann der Mann etwas.
Er hat die ganze Welt geblufft! Das soll ihm einer nachmachen!
(Hokuspokus (U): Vorspiel, 395f.)
Nun schaltet sich der Dichter Dummrian in die Diskussion ein: «Ich hätte nämlich e
Stick – […] von Miramdeller» (ebd., 396). Der Direktor ist begeistert und fordert Elfzenthal auf, das Stück vorzulesen. Über die Gattungszugehörigkeit des Bühnenwerks
herrscht vorerst Unklarheit: «Um Gottes Willen, das wird doch kein Trauerspiel sein?!»
(ebd., 398), fragt der Direktor. Der Name Lugemal Miramdeller spielt auf Pirandello an,
der in seinen Stücken mit den verschiedenen Seinsebenen spielt: Trotz der sächselnden
Verfremdung gleicht der Name Lugemal Miramdeller dem Namen Luigi Pirandello durch
seine Vokalfolge und konsonantischen Ähnlichkeiten wie die Verdoppelung des L. 93
Ausgehend von den positiven Worten des Direktors über Pirandello kann dabei nicht
zwingend darauf geschlossen werden, dass auch Goetz ein Pirandello-Fan war. Der
Doppeltitel von Goetz’ Stück lautet «Sollen wir’s spielen, oder sollen wir’s nicht spielen!» (ebd.,
397)94 oder auch «Die Mücke und der Elefant!» (ebd.). Im ersten Teil des Titels kann man
wohl einen Bezug zu Pirandello sehen kann, weil darin das Verb spielen vorkommt.95 Inhaltlich passt «Sollen wir’s spielen, oder sollen wir’s nicht spielen!» (ebd.) außerdem zu Pirandellos Sei personaggi in cerca d’autore (1921), da dort die Aufführung des Stücks gewissermaßen
scheitert. Der zweite Teil des Doppeltitels erinnert an das Sprichwort aus einer Mücke einen Elefanten machen.96 Als weiterer Untertitel für das Stück wird «Das Kleisterälchen» (Hokuspokus (U): Vorspiel, 398.) genannt. Der Schauspieldirektor hält den Titel Sollen wir es
Dass sich Goetz auf Pirandello bezieht, wurde ebenso von Kiermeier-Debre und Ehlers erkannt (vgl.
Kiermeier-Debre 1989, 254; Ehlers 1997, 150) – inwieweit sich dieser Bezug zum Pirandellismo auch im
Theaterstück zeigt, darauf wird später eingegangen.
94 Kursive Hervorhebung aller hier erwähnter Untertitel; M.H. Bei Goetz in Anführungszeichen.
95 In Sei personnaggi in cerca d’autore wird der zweite Akt von Il giuoco delle parti («des ‹Rollenspiels›» geprobt
(Sechs Personen suchen einen Autor: 23.; Hervorh. M.H.) – Pate stand ein echtes Stück gleichen Titels
von Pirandello. Das Spiel wird auch in diesem Titel evoziert. Guitrys Stück On ne joue pas pour s’amuser
wurde bereits 1925 uraufgeführt, also vor Hokuspokus, und nimmt wahrscheinlich auf Pirandello Bezug.
(Guitrys zweites Stück mit ähnlichem Titel, Quand jouons-nous la comédie? entstand erst 1935 und weist ebenfalls Züge des Pirandellismo auf). Möglich ist auch ein Bezug zu Achards Boulevardstück «Voulez-vous jouer
avec moâ? (1923)» (vgl. Corvin 1989, 66).
96 Für diese Deutung spricht die Tatsache, dass der Kritiker im Nachspiel den Titel aufgreift und, in Umkehrung der Redensart, über den Autor und sein Stück sagt: «Aus einem Elefanten macht er eine Mücke»
(Hokuspokus: Nachspiel, 455). Damit könnte möglicherweise (in Goetz’ eigenen Worten) gemeint sein:
«Man kann auch Ernstes heiter sagen» (Goetz: Gesammelte Bühnenwerke: Prolog, 6, V. 16.). Ehlers erkennt in diesem Titel eine intertextuelle, «zugegebenermaßen versteckte Anspielung auf Ludwig Tiecks
Die verkehrte Welt […]» (vgl. Ehlers 1997, 152, Anm. 74). Sie führt als Beleg ein Zitat Tiecks aus Die verkehrte Welt (Szene 5, Ende des dritten Aktes) an, das sie in Bezug auf Goetz’ Stück überzeugend deutet. Darin
spielt auch Tieck mit den Worten Mücke und Elefant (vgl. ebd., Anm. 74).
93
323
spielen oder sollen wir es nicht spielen für «doppelmystisch» (ebd., 397). «Platterdings faszinierend» (ebd., 398) findet er auch den letztgenannten Titel, wobei sich das Publikum mit
ihm fragt: «Das Kleisterälchen! Was ist das eigentlich?» (ebd.). Mit einer solchen
(scheinbar!) aberwitzigen Titelgebung, scheint Goetz gewissermaßen auf die Titelwahl
des späteren absurden Theaters vorauszuweisen. Er lässt etwa an den unverständlichen
Doppeltitel von Ionescos Stück L’Impromptu de l’Alma ou le caméleon du berger (1956) denken97 (mit deutschem Titel ‹Impromptu oder der Hirt und sein Chamäleon› (1957) 98). Andererseits kann die Begriffserklärung des Dichters bei Goetz – die nicht so wahnwitzig ist,
wie sie scheint – teilweise durchaus auf den Inhalt des Stücks bezogen werden, was der
Dichter auch selbst im Nachspiel tut. 99 Die Erklärung der Autorenfigur erscheint gleichzeitig als eine Parodie der Literaturkritik, die sich der Suche nach einer tieferen Bedeutung solcher Titel verschrieben hat. Das Spiel mit der witzig wirkenden Titelgebung
wird wiederaufgenommen und erzeugt so strukturelle Komik (vgl. z.B. ebd. 455f.).100
Im Nachspiel gibt die anwesende Theaterbelegschaft ihre Meinung über das
Stück bekannt, dass vermeintlich gerade vorgelesen, für das Publikum aber aufgeführt
dargestellt worden ist: Der Justizrat als Vertreter des Publikums urteilt, er «finde es
großartig» (Hokuspokus (U): 453), Elfenthals Meinung hängt von der Rolle ab, die er
darin übernehmen soll (ebd.) und die Kassiererin denkt nur ans Geld:
Was, Herr Direktor, wenn wir die Preise erhehen mechten in demselben Maße, wie wir die
schauspielerischen Gagenbezige herunterdricken, weil ich nämlich glaube: Das Stick wirrd
Kasse machen! [sic]
(Hokuspokus (U): Nachspiel, 453f.)101
Datierung gemäß Paratext, Ionesco: L’Impromptu de l’Alma, 9. Auch dort kommt eine komisch wirkende, vermeintliche Erklärung des Titels vor (vgl. ebd., 14).
98 Deutscher Titel und Datierung der deutschen Uraufführung nach: Pauli 2013, 209.
99 Die absurd wirkende Erklärung des Dichters zur Titelgebung lautet: «Ein Kleisterälchen? Dat is en klainer Aal, nich wahr? So ne Art Älchen. Eigentlich mähr ne Made. Die läbt im Klaister und stirbt. Und
wenn mer nach zähn oder siebzähn oder zwanzch Jahren – ganz wurscht – Wasser uff den Klaister kippt,
läbt das Klaisterälchen wieder uf. Und weil doch der Herr Kjerulf in den Stick och erscht im Wasser lag
… nee, wie war das?» (Hokuspokus (U): Nachspiel, 456). Die Beschreibung von Meyers Großem Konversations-Lexikon zu zeigt, dass der Dichter mit seiner Erklärung gar nicht so danebenliegt, denn das Kleisterälchen gehört zu den Aaltierchen «Das Essigälchen (Kleisterälchen, Anguillula aceti, A. glutinis Ehrenb.), 1–2 mm
lang, lebt in verdorbenem Kleister und der auf trübem Essig sich bildenden Haut.» In: Meyers Großes
Konversationslexikon [o.V.] (1905): Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich
neubearbeitete
und
vermehrte
Auflage.
Bd.
1.
Leipzig
und
Wien,
7.
URL:<http://www.woerterbuchnetz.de/Meyers?lemma=aaltierchen> (22.05.2013). Vgl. URL: Faksimile.<http://www.zeno.org/Meyers-1905/K/meyers-1905-001-0007> (22.05.2013). Im gleichen Lexikonartikel wird über die Aaltierchen – teilweise passend zum Inhalt des Theaterstücks – geschrieben: «manche
vertragen das Austrocknen lange Zeit und erwachen bei Befeuchtung wieder aus dem Scheintode.» (ebd.).
Der scheinbar im Wasser ertrunkene Ehemann erwacht auch im Stück wieder zum Leben, wie vom Dichter in komischer Verdrehung der Tatsachen angedeutet wird.
100 Einen ähnlich absurd wirkenden Titel trägt das Stück Der Lampenschirm. Eine parodistische Erklärung
für den Komödientitel liefert außerdem auch Guitry zu seinem Stück Toâ (siehe Kap. 7.2.).
101 Dialektale Färbungen in den Dialogen folgen, auch orthographisch, dem Originaltext und werden nicht
speziell als Abweichung gekennzeichnet.
97
324
Knorr schreibt dem Stück eine Kritik, welche parodistischen Charakter hat und im
Wortlaut teilweise jener von Toni Friedrich im Nachspiel zu den Seifenblasen (1963) ähnelt. So heißt es im (früher entstandenen) Stück Hokuspokus – genauso auf Kleists
Penthesilea anspielend wie in der fast wörtlich mit dem Nachspiel zu den Seifenblasen übereinstimmenden Passage (vgl. oben): «Nachdem er den Ossa auf den Pelion getürmt hat,
kredenzt er uns eine Seifenblase» (Hokuspokus (U): 455; vgl. Seifenblasen: Nachspiel,
1060). Im Untertitel Das Kleisterälchen versteckt Goetz auch den Bezug zu Kleist, aus dessen Penthesilea die intertextuelle Anspielung des Kritikers bezüglich der Stapelung der
Berge entnommen ist. (vgl. oben). Dieser Hinweis fehlt in den Seifenblasen. Es stellt sich
also die Frage, ob in beiden Stücken der gleiche Kritiker gemeint ist oder ob sich Goetz
im Vorspiel zu den später entstandenen Seifenblasen amüsiert, die letztlich von ihm geschriebene Kritik aus dem Nachspiel von Hokuspokus als Selbstzitat in einzubauen (vgl.
unten, Kap. 11.3.).
Überraschend verkündet der sächselnde Dichter102 im Vorspiel zu Hokuspokus,
indem er seine Verstellung aufdeckt wie Carpenter in den Seifenblasen: «Jetzt gann ich’s ja
sagen! Jetz wo’s so gut gefallen had! […] Das Stick is garnich von Miramdeller – das
Stick is von mir!» (Hokuspokus (U): Nachspiel, 456). Daraufhin wird er vom Theaterdirektor geohrfeigt (vgl. Nebentext, ebd.). Dieser wendet sich mit folgenden Worten an den
Dichter:
DIREKTOR:
[…] Und Sie glauben, daß Sie uns einen solchen Schmarren vorsetzen dürfen? Einen solchen Reißer? Was? Daß sie den Iris auf den Osiris türmen dürfen?103 […] Sie Kleisteraal! Nun können wir’s natürlich nicht spielen! Verzweifelt. Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe? Wenn Sie wenigstens Ausländer wären!!
DICHTER nachdenklich: Oder gestorben?
DIREKTOR: Wie meinen Sie?
DICHTER: Wenn ich’s nu so machte wie dr Held in mein Stick? Dem seine Bilder gefielen och
erscht, nachdäm er dod war! Was tut man nicht alles für sei Stick! Wenn ich mersch Läbn
nähme?
(Hokuspokus (U): Nachspiel, 456; Fußnote M.H.)
Zunächst argumentiert der Direktor unter falscher Verwendung der vom Kritiker geäußerten Begriffe in ausgesprochener Ignoranz – ähnlich wie Barnowsky im Vor- und
Nachspiel zur später entstandenen Einakterserie Seifenblasen. Wollte man das Drama als
Schlüsseldrama lesen, ließe sich vielleicht der echte Barnowsky hinter beiden Direktorenfiguren vermuten. Wie in den Seifenblasen (dort unter dem massiven Druck des Direktors) äußert auch hier der Dichter den Vorschlag der Selbsttötung. Dummrian scheint
im Nachspiel zu Hokuspokus bereit, diese Idee in die Tat umzusetzen, und der Direktor
Im Raub der Sabinerinnen ist es Striese, der Theaterdirektor, der sächselt.
Anstelle der Namen der Berge, Ossa und Pelion, die der Kritiker verwendet hatte (vgl. oben) nennt der
Theaterdirektor die Namen des Gottkönigs Osiris und seiner Gattin Isis, die dem Publikum aus Mozarts
Oper Die Zauberflöte bekannt sein dürften. Isis verändert er dabei zu Iris.
102
103
325
reagiert auf diesen Vorschlag begeistert (vgl. ebd.). Der zitierte Dialog und die Kritikerrede zeigen auf, wie stark das Vor- und Nachspiel zu den Seifenblasen bereits in Hokuspokus angelegt ist. In beiden Werken enthalten die Aussagen aus Vor- und Nachspiel Bezüge zum anschließenden Stück. In Hokuspokus besteht eine Parallele zwischen der im
Nachspiel geäußerten Idee der Tötung und dem Inhalt der vorangegangenen Komödie
– denn die Bilder von Maler Kjerulf verkaufen sich im Stück Hokuspokus erst erfolgreich, nachdem er verstorben ist. Sein Tod stellt sich aber als bloße Täuschung heraus.
Demgegenüber ist im Nachspiel durch den Wunsch des Theaterdirektors «das versöhnliche Dramenende» in Gefahr (vgl. Ehlers 1997, 155).
Goetz Komödie Hokuspokus stellt – insbesondere in ihrer Urfassung mit Vorund Nachspiel – auch ein Zeitzeugnis. Sie erinnert an die Pirandello-Begeisterung in
Deutschland, an die Goetz mit seinem Stück anknüpft, indem er diese Mode darin explizit zum Thema macht. Das Stück Sechs Personen suchen einen Autor wurde auf Deutsch
erstmals im Dezember 1924 in «Max Reinhardts Inszenierung» gespielt (Ehlers 1997,
146). In Paris fand die französische Uraufführung 1923 (als Inszenierung von Georges
Pitoëff) statt (vgl. ebd.). In Berlin folgte 1924 die Aufführung des Stückes durch Pirandello und seine eigene Truppe (vgl. ebd.). Und die englische Uraufführung in den USA
fand sogar bereits 1922, 104 nur ein Jahr nach der italienischen, statt. Unter Pirandellismo
als Modeerscheinung versteht man vor allem «die Beweglichkeit der Kategorien Sein
und Schein, Wirklichkeit und Spiel, Wahrheit und Lüge, Kunst und Leben etc., damit
aber auch das spielerische Selbstbewußtsein des Theaters» (ebd., 147). Diese Themen
sind nicht nur bei Goetz zu finden, der sich metatheatral am explizitesten auf Pirandello
bezieht, indem er ihn namentlich nennt, sondern auch bei Guitry und Coward, wie die
bisherigen Analysen gezeigt haben. Eine solche Zusammenstellung metatheatraler Topoi wird jedoch der ganzen Komplexität der Stücke Pirandellos nicht gerecht. Ehlers
stellt die Vorliebe der Pirandello-Fans für das Effektvolle heraus (vgl. ebd.). Sie sieht
den Erfolg von Goetz’ Stück gerade auch in der Pirandellomode begründet (vgl. ebd.).
Dies ist nicht ganz von der Hand zu weisen, es gilt jedoch zu betonen, dass Goetz bereits früher metatheatrale Stücke geschrieben hat (etwa Der Hahn im Korb im Jahre 1920)
und dass sein Hokuspokus letztlich nur vereinzelte Ähnlichkeiten mit Pirandellos Stücken
Vgl. International Broadway Database, The Broadway Ligue [o.V.] (2013): Six Characters in Search of
an Author. [Onlinefassung]. URL: <http://ibdb.com/production.php?id=9143> (22.05.2013).
104
326
aufweist (vgl. Knecht 1970, 115).105 Tatsächlich aber ist Hokuspokus Goetz’ erstes Stück
mit Vor- und Nachspiel – wobei diese metatheatrale Form nicht notwendigerweise auf
den Einfluss Pirandellos zurückzuführen ist, zumal dessen Stück Sechs Personen suchen einen Autor gar kein Vor- und Nachspiel aufweist. Ehlers hält punkto Theatralität bei
Goetz fest: Sein Stück «Hokuspokus, Fortschreibung der ‹pirandellismo›-Themen für das
Unterhaltungstheater, ist […] alles andere als experimentell» (ebd., 148) – und meint
damit wohl auch, dass das eigentliche Stück kein Theater im Theater darstellt und somit
formal – abgesehen vom Vorspiel – als weitgehend geschlossenes Drama erscheint.
«Das Ineinander von Spiel und Wirklichkeit wird als erfolgreiches, ausgesprochen theaterwirksames und komödiantisches Thema aufgegriffen» (ebd.), konstatiert sie. Aber
trotzdem sei bei Goetz «die Auflösung der dramatischen Fiktion als Möglichkeit» teilweise präsent (ebd.). So spricht sie hinsichtlich seines Stücks Hokuspokus von «Verweigerung der Ernsthaftigkeit im Spiel» (ebd., 150) und stellt zusammenfassend fest:
Der Pirandellismo wird Teil dieses Unterhaltungstheaters, das damit ein Moment der Theatermoderne reflektiert und gewissermaßen das eigene Genre modernisiert, ohne dadurch seinerseits Teil der Bemühungen um eine Revolutionierung des Theaters zu werden.
(Ehlers 1997, 151)
Auch diese letzte Feststellung mag für Hokuspokus teilweise zutreffen. Sie wird aber
sämtlichen metatheatralen Stücken Goetz’, auf die Ehlers kaum eingeht, zu wenig gerecht, zumal Ehlers schreibt, dass bei Goetz «das Illusionstheater […] letztlich nicht in
Frage gestellt» werde (ebd., 152). Denn auch wenn auf der Bühne für das Illusionstheater
Stellung genommen wird, etwa wie in Nachtbeleuchtung (1918), stellt dies trotzdem einen
Illusionsbruch dar. Ehlers konstatiert jedoch zum Schluss: Obwohl Goetz’ «Stück an
den bei Schnitzler oder Pirandello inszenierten Umbruch nicht heranreicht, so geht seine Bedeutung doch weit über die Botschaft der Menschlichkeit hinaus, die der
Goetz’schen Dramatik allgemein zugesprochen wird» (ebd., 156). Sie verweist hier beispielsweise auf Geissler (1984, 121). Zutreffend ist auch die folgende Feststellung für
das eingerahmte innere Spiel: Es durchbricht, so Ehlers, den «komödiantischen Rahmen
nicht; seine Auflösung ist dem Stück lediglich als Drohung eingeschrieben.» (Ehlers
1997, 151). In den rahmenden Teilen, also dem Vor-und Nachspiel, ist indessen das
Happy End ernsthaft bedroht: «Nimmt man den Tod des Dichters als das Ende von
Hokuspokus an, so wäre damit die Grenze der Komödie überschritten. Der Tod des
Dichters wäre im doppelten Sinne gleichbedeutend mit dem Ende der Komödie», konstatiert Ehlers (ebd., 155). Und gerade, weil das Ende offenbleibt, «[berührt das] Spiel
Knecht sieht dies als Hinweis, dass sich die Parodie letztlich nicht gegen Pirandello als Autor richtet,
sondern vielmehr gegen den «deutschen Theaterdirektor, der nicht imstande ist, seine eigenen Pirandellos
zu entdecken» (Knecht 1970, 115).
105
327
mit der Wirklichkeit, das Goetz’ Stück inszeniert, […] die Grenze dessen, was das Boulevardtheater zulassen kann» (ebd., 156). Ehlers stellt abschließend fest, Goetz Komödie
situiere sich «gewissermaßen zwischen traditionellen und den neuen erweiterten Formen» der Avantgarde (ebd., 156).
Im Theaterstück Der Lügner und die Nonne (1929) von Goetz tritt ein Dichter auf, der auf
Stoffsuche ist. Dies trifft beispielsweise auch auf den Schriftsteller in Cowards Stück
Blithe Spirit (1941)106 zu, das aber im Gegensatz zum genannten Stück von Goetz weder
Vor- noch Nachspiel enthält. Durch die Thematisierung der Stoffsuche wird metatheatral auf die Fiktionalität des Stücks verwiesen und so getan, als würde sich die Komödie
auf reale Ereignisse stützen – ähnlich, wie dies Coward auch in Blithe Spirit andeutet. Ein
Hellseher sagt einem Dichter «ein Unterhaltungsstück» voraus (Lügner und Nonne:
Vorspiel, 542). Es geht in diesem Stück, das zu verfassen ist, offenbar «um eine wahre
Begebenheit […], die sich in einem Kloster abgespielt hat, das hier ganz in der Nähe liegen muß», kündigt der Hellseher an (ebd., 543). «Wahre Begebenheit glaubt kein
Mensch», wendet der fiktive Autor zwar im Verlaufe der Diskussion ein (vgl. Lügner
und Nonne: Vorspiel, 543). Als Erzählerin des eigentlichen Stücks tritt daraufhin die
«Saaltochter» auf (ebd., 539). Sie zeichnet sich durch die Attribute «jung, hübsch, sauber,
wie aus dem Ei gepellt und strohdumm» aus (Nebentext, Lügner und Nonne: Vorspiel,
539). Es handelt sich um diejenige, die dem Dichter durch ihre mündliche Erzählung
den Stoff zum Schauspiel vermittelt – sie wird zwar als eine naive, möglicherweise unzuverlässige Erzählerin eingeführt, das Motiv des fehlerhaften Erzählens wird bei Goetz
aber nicht so konsequent lächerlich gemacht wie bei Coward (in Hay Fever) oder auch
bei Guitry (in Mariette). Ihre Schilderung wird nicht inszeniert, sondern direkt danach als
Theaterstück aufgeführt. Im Gegensatz zum Vor- und Nachspiel der Seifenblasen ist das
hier angesprochene Vorspiel in erster Linie einleitenden Charakters, es ist auch vom
Umfang her viel kürzer als das nachfolgende Drama in drei Akten. Sie spielen in der
Schweizer Bergwelt (vgl. Lügner und Nonne: Vorspiel, 542). Dies zeigt sich auch darin,
dass die Saaltochter im Vorspiel gelegentlich eine Art Schweizerdeutsch spricht.107 Abgesehen von der kurzen Beschreibung der Komödie bestehen kaum inhaltliche Bezüge
zwischen Vorspiel und nachfolgendem Theaterstück – ein Nachspiel fehlt hier, also
Datiert nach: The Noël Coward Society (2001): Chronology. [Onlinefassung]. URL:
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
107 Wenn Sie etwa sagt: «I ha vom ä Härr ä Karte übercho, hendr sie nüt gfunde» (Lügner und Nonne,
539), so ist das zwar kein lupenreiner Dialekt, ähnelt aber dem Schweizerdeutschen.
106
328
handelt sich also nicht um eine eigentliche Rahmung. Schöpflin spricht in einem solchen
Fall von Induktion (siehe Schöpflin 1993, 26)
Dr. med. Hiob Prätorius, ein Theaterstück in sechs (Urfassung 1932) respektive sieben Bildern (Neufassung 1946), enthält in beiden Versionen ein Vor- und Nachspiel. Goetz
bezeichnet dieses Vorspiel im Nebentext jeweils nicht als solches, sondern als «Erstes
Bild» (Prätorius (U): 1, 693 bzw. Prätorius (N): 1, 763).108 Es bestehen in Bezug auf das
Vorspiel wenige Unterschiede zwischen den beiden Versionen, weshalb vor allem auf
die Urfassung eingegangen wird. Darin tritt als Schriftstellerfigur «Doktor Watson» auf
(Prätorius (U): 1, 693), begleitet von «Sherlock Holmes» höchstpersönlich (ebd.). Goetz
lässt also bekannte Figuren aus der Unterhaltungsliteratur auf der Bühne erscheinen.109
Während Sherlock Holmes gemäß Goetz’ Beschreibung «unverändert zeitlos jung» geblieben ist (Nebentext, Prätorius (U): 1, 693), ist «Doktor Watson stark gealtert» (ebd.).
Damit wird der fiktive Status von Holmes unterstrichen, dessen Beschreibung fast irreal
wirkt. Watson hingegen, der Chronist, erscheint als die realistischere Figur von beiden,
obwohl er genauso fiktiv ist. Er tritt bekanntlich in den Holmes-Abenteuern von Conan
Doyle als derjenige auf, der die Abenteuer niederschreibt. Die Holmes-Geschichten
wurden bereits vor Goetz für die Bühne adaptiert. Conan Doyle selbst verfasste drei
Bühnenwerke über Sherlock Holmes und Watson.110 Ihnen folgten viele Imitationen
und Parodien – als solche kann auch Goetz’ Vor- und Nachspiel betrachtet werden, das
neben der Übernahme der Figuren explizite Anspielungen auf die Abenteuer enthält.
Holmes’ Geschichten wurden später ebenfalls verfilmt.111
Kursivgedruckte Zahlen verweisen stets auf als Bild bezeichnete Szenen.
Auf ähnliche Weise erscheint bei Guitry die fiktive Figur Armand Duval aus dem Roman und der
gleichnamigen Komödie La Dame aux Camélias von Alexandre Dumas fils auf der Bühne (vgl. Deburau
(1918), siehe Kap. 6.2.1).
110 Ein Drama in fünf Akten und sechs Bildern entstand unter dem Titel Sherlock Holmes im Jahre 1898
(siehe Nordon 1994, 109), ein zweites im Jahre 1910, nämlich The Adventure of the Speckled Band (vgl. ebd.)
Außerdem wurde ein Einakter, The Crown Diamond, im Jahre 1921 uraufgeführt (siehe ebd., 110f.). Das
erstgenannte Stück wurde anschließend adaptiert und übersetzt «à l’intention des spectateurs allemands,
espagnols et français» (ebd., 109).
111 Nordon schreibt: «Dans les années vingt la popularité de Sherlock Holmes est surtout due à sa présence sur la scène, puis à l’écran» (Nordon 1994, 110). Auch wenn Nordon nicht explizit auf Deutschland
eingeht, kann vermutet werden, dass die Zuschauer von Goetz’ Urfassung (1932) zumindest einige der
Theaterstücke kannten, denn neben Doyles drei Stücken erwähnt Nordon neun weitere Theaterstücke
über Sherlock Holmes, die zwischen 1893 und 1910 erschienen (vgl. Nordon 1994, 83). 1921 wurde Sherlock Holmes mit The Crown Diamond das erste Mal verfilmt. In der Folge kam er in rund hundert Stummfilmen vor (siehe ebd.). Nordon verweist auch auf die Parallelen zu Sherlock Holmes in Bernard Shaws Pygmalion, das Goetz als Bewunderer Shaws sicherlich kannte. Shaws Komödie «met en scène deux personnages qui sont la transposition évidente de Holmes et Watson» (Nordon 1994, 115), also Higgins und
Oberst Pickering als Pendant zu Holmes und Watson. (vgl. ebd.). Als Goetz’ Neufassung 1957 aufgeführt
wurde, waren die Abenteuer von Sherlock Holmes bereits von Hollywood verfilmt worden: Nordon verweist auf 13 Tonfilme, die durch «Twentieth Century Fox, et ensuite par Universal Studios» (ebd.) zwi108
109
329
Beim Kriminalfall, der bei Goetz im Vorspiel erzählt wird, handelt es sich um
die Aufklärung eines tragischen Ereignisses: Dr. med. Hiob Prätorius ist mit seiner Frau
kürzlich bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Watson liest einen entsprechenden
Zeitungsausschnitt112 vor (siehe Prätorius (U): 1, 701). Darin wird selbstreflexiv auch berichtet, dass es der Arzt Dr. Watson gewesen sei (also der Vorleser des Artikels), welcher den Tod festgestellt habe (ebd.). Goetz spielt im Vorspiel mit dem Element, dass es
sich bei der Figur Watson wie bei Prätorius um einen Arzt handelt. Darin besteht eine
Parallele zwischen Vorspiel und eigentlichem Stück – wobei Holmes durchblicken lässt,
dass er Watson als eher unfähigen Arzt betrachte (siehe z.B. Prätorius (U): 1, 712f.),
während Prätorius als vorbildlicher Mediziner präsentiert wird. Watson besitzt eine eigene «Praxis» (ebd., 710) und bezeichnet Prätorius, die inzwischen verstorbene Hauptperson des eigentlichen Theaterstücks, als Berufskollegen. Prätorius’ Leben sei «von einem Geheimnis umwittert gewesen» (ebd., 699). Den Grund dafür stellt «ein Faktotum»
(ebd.) dar, eine rätselhafte Dienerfigur, die Prätorius immer «um sich duldete» (ebd.).
Diese Dienerfigur namens Shunderson tritt anschließend als Erzähler der Handlung im Vorspiel auf (siehe unten). Shundersons Auftauchen ist insofern interessant, als
sich herausstellt, dass er mit den zwei Verunglückten im Auto saß – Sherlock Holmes
hatte bereits richtig vorausgesagt, dass noch ein Dritter im Wagen gesessen haben müsse. (Gehrke weist in ihrer Dissertation auf ein «Gothic Element» in Form eines «Selbstmordversuchs» in Conan Doyles Erzählung Stockbroker’s Clerk hin, siehe Gehrke 2004,
97113 – als ähnliches «Schauerelement» (ebd.) kann im vorliegenden Theaterstück das
Auftreten eines Faktotums angesehen werden.)
Bevor Shunderson jedoch die Handlung erzählt beziehungsweise bevor sie als
Aufführung gezeigt wird, führen Holmes und Watson eines ihrer berühmten Detektivgespräche zur Aufklärung des Falles, in dem Holmes durch seine schnelle Auffassungsschen 1939 und 1946 produziert wurden (mit Basil Rathbone in der Hauptrolle). Den Imitationen folgten
Parodien der Sherlock-Holmes-Thematik, Maurice Leblanc verdanken wir «le premier grand pastiche,
avec Arsène Lupin dans Sherlock Holmes arrive trop tard (1906) et surtout Arsène Lupin contre Herlock Sholmes
(1908)» (ebd., 114). Zu den «Sherlock-Holmes-Stories», vgl. auch die Dissertation von Constanze Gehrke,
2004. Über Arsène Lupin gibt es eine neuere Verfilmung, die im Titel den Namen des Helden trägt, unter
der Regie von Jean-Paul Salomé (ES/GB/IT/FR, 2004). Vgl. IMDb: Arsène Lupin [Onlinefassung].
URL: <http://www.imdb.com/title/tt0373690/> (22.05.2013). 2009 erschien zudem eine HollywoodVerfilmung über Sherlock Holmes – dies spricht für die Zeitlosigkeit des Stoffes.
112 Auf die Verwendung eines Zeitungsberichts als Gestaltungsmittel von Conan Doyle selbst, dort am
Ende einer Erzählung, weist Gehrke (2004) hin: «Nur selten findet der Fall völlige Aufklärung durch einen Zeitungsbericht am Ende der Erzählung (wie in [The Memoirs of Sherlock Holmes:] ‹Stockbroker’s Clerk›
[…]) oder aber durch eine kurze Schilderung von Watson, der die Ereignisse zusammenfasst […] – wie
z.B. in ‹Engineer’s Thumb›»[…] (Gehrke 2004, 236; zu Stockbrocker’s Clerk, vgl. ebd., 94-97; kursive Hervorh.
M.H.).
113 Das Motiv finde sich auch in Resident Patient (Gehre 2004, 97). Auch in der Neufassung zu Hokuspokus
lässt Goetz einen Geist auftreten, wobei sich die Szene als inszeniert herausstellt.
330
und Kombinationsgabe auffällt, während sich Watson laut Holmes durch «das etwas
schwerfällige Abrollen [s]einer Gedanken» (Prätorius (U): 1, 695) charakterisiert. Genauso typisch für den Arzt sind die «dünnen Resultate [s]einer mühseligen Kombinationen»
(ebd.), über die Holmes aussagt, er benötige sie «wie der Schauspieler den Applaus»
(ebd.), was hier auch als metatheatraler Vergleich zu werten ist. 114 Ebenfalls im Vorspiel
tritt ein Kind namens Jacky als ehemalige Patientin von Prätorius auf. Obwohl sie neben
dem Vorspiel auch im dritten Bild des eigentlichen Theaters vorkommt, kann sie als
Randfigur bezeichnet werden. Damit würde das Kriterium des selbständigen Personals,
welches typisch ist für ein Vor- oder auch Nachspiel, noch eingehalten.115
Bei Shunderson, der im Vorspiel die (Erzähler-)Figur darstellt, die den Fall aufklärt, kann jedoch nicht mehr von einer reinen Nebenfigur die Rede sein, denn der Diener erscheint im nachfolgenden Stück in mehreren Szenen zusammen mit Prätorius auf
der Bühne. Das Personal des Vorspiels und des eigentlichen Theaters ist also teilweise
identisch (was für ein Vorspiel eher untypisch, aber nicht ausgeschlossen ist). Die anderen Figuren des Vorspiels kommen im eigentlichen Stück jedoch nicht mehr vor, obwohl sie als Bekannte von Prätorius und seiner Frau vorgestellt werden. Da im Vorspiel
indessen kein Rollenwechsel vorkommt, handelt es sich keinesfalls um ein eigentliches
Theater im Theater (Jacky heißt auch im Vorspiel Jacky, sie spielt im Stück keine neue
Rolle). Als überlebender Zeuge erzählt Shunderson in einer Rückblende den Inhalt des
eigentlichen, in der Folge inszenierten Stückes.
Das Nachspiel («sechstes» bzw. «siebtes Bild» genannt) spielt im gleichen Rahmen wie das Vorspiel. Aber «[d]ie Kerzen sind heruntergebrannt. Das Zimmer ist durch
Tabakqualm vernebelt. Watson hält einen Notizblock auf den Knien» (Nebentext, Prätorius (U): 6, 756, vgl. Prätorius (N): 7, 839). Hier wird das Ende des Stücks kommentiert
und darauf hingewiesen, Prätorius und seine Frau würden in Watsons «Werken weiterleben» (Prätorius (U): 6, 760). Abschließend kommentiert Holmes gegenüber dem
Chronisten diesen tröstenden Gedanken von der Unsterblichkeit eines literarischen
Es handelt sich um ein eigentliches Krimi-Vorspiel, was nicht verwundert angesichts der Tatsache,
dass Goetz unter verschiedenen Pseudonymen Detektiv-Drehbücher für Filme von Joe May schrieb (vgl.
Goetz/von Martens 1962, 204). Diesem detektivischen Gespräch ähneln teilweise die Gerichtsreden aus
Hokuspokus (1927/1952), die ebenfalls der Aufklärung eines Verbrechens dienen, jedoch als Tiraden einen stärker auf Manipulation abzielenden Charakter aufweisen als der Dialog zwischen Holmes und
Watson.
115 Um selbständiges Personal handelt es sich bekanntlich dann, «wenn die fiktiven Schauspieler, die die Figuren des Spiels im Spiel verkörpern, in den übergeordneten Sequenzen nicht auftreten oder nur sehr peripher eingeführt werden» (Pfister 2001, 300). Pfister weist darauf hin, «die Verbindung zwischen den überund untergeordneten Sequenzen [sei in diesem Fall] am lockersten» (ebd.).
114
331
Werkes ironisch: «Und daß sie d a s nicht mehr zu erleben brauchen, ist wiederum der
Gedanke, der uns mit ihrem Schicksal fast versöhnen möchte» (ebd.).
Im Nachspiel zur Neufassung wird der Schluss des Stückes dagegen variiert. Er
bleibt im Gegensatz zur Urfassung offen. Dadurch wird die Machart des Stückes expliziter thematisiert: «Da denkt man, man hat einen Stoff, und dann hat man wieder keinen» (Prätorius (N): 7, 839), ärgert sich Watson. Denn ohne Auflösung scheint für
Watson kein «Roman […] oder gar ein Theaterstück» möglich (ebd.) – er vergleich sich
in dieser Haltung explizit mit den Zuschauern (vgl. ebd.). Shunderson fordert ihn auf,
selbst über den Fall nachzudenken (siehe ebd.). Holmes ist der Lösung auf der Spur – es
geht um die Frage, warum sich Prätorius buchstäblich «totgelacht» habe (Prätorius (U):
6, 759) – wird jedoch von Watson in seinen Gedankengängen gestört (vgl. Prätorius (N):
7, 839). Erst in einem metatheatralen Epilog ad spectatores gibt schließlich Shunderson,
der vor den geschlossenen Vorhang tritt – unter Ausschluss von Holmes und Watson –
dem Publikum die Lösung dieses analytischen Dramas bekannt. In der Urfassung hingegen bleibt offen(er), wie genau Prätorius und seine Frau gestorben sind (ebd., 840; vgl.
Prätorius (U) 759.116 Metatheatral ist das direkte Ansprechen der Zuschauer in der Neufassung insofern, als eine fiktionale Figur sich der Präsenz eines Publikums in der Regel
nicht bewusst ist, auch wenn Watson weiß, dass er für ein Publikum schreibt. Die Figur
scheint sich bewusst zu sein, dass sie Teil eines Theaterstücks ist, sie hat ein Fiktionalitätsbewusstsein. Deshalb bewirkt die direkte Zuschaueransprache nach dem Fallen des
Vorhangs einen Illusionsbruch. Diese Konvention wird im Epilog indessen traditionell
nicht eingehalten. Sie wirkt während eines Stücks überraschender.
Auch bei Guitrys Einakter Courteline au travail (1943) 117 handelt es sich um kein eigentliches Theater im Theater. Guitry lässt hier einen Schauspieler in der Rolle des Boulevardautors Courteline (1858-1929)118 zusammen mit Boubouroche, der fiktiven Hauptfigur des Stückes, und anderen Gästen eines Cafés auftreten. Das Stück wurde als «lever
Shunderson berichtet über die genauen Umstände, die zum Unfall durch «Lachen» geführt haben (Prätorius (N): 7, 838). Goetz verwendet hier eine Technik auf der Bühne, die auch Arthur Conan Doyle in
seinen epischen Werken anwendet, nämlich «eine kurze Schilderung von Watson, der die Ereignisse zusammenfasst (wie z.B. in ‹Engineer’s Thumb›, […])», (Gehrke 2004, 236; kursive Hervorhebung M.H.).
Goetz adaptiert die Lösung für das Theater: Shunderson wendet sich nach dem Fallen des Vorhangs explizit an das Theaterpublikum, um den Fall aufzuklären: «Sie wollen natürlich wissen, was die kleine Frau
gewispert hat» (Prätorius (N): 7, 840). In der Neufassung scheint sich Goetz’ (für das Filmpublikum seiner
Neufassung?) stärker um eine eigentliche Auflösung des Falles zu bemühen, obschon die Option, dass das
Ende offenbleiben könnte, ebenfalls metatheatral angesprochen wird.
117 Datierung der Uraufführung nach: Paratext, Courteline, 165.
118 Lebensdaten nach Corvin 1989, 31.
116
332
de rideau à la reprise de Boubouroche à la Comédie Française» geschaffen (Kowzan 1991,
232). Also übernahm es damals die Funktion einer Art Vorspiel, das die gleich darauf
folgende Aufführung von Courtelines zweiaktiger Komödie Boubouroche ankündigte.119
Entsprechend soll dieser Einakter hier als Vorspiel klassifiziert werden, wobei ein Nachspiel fehlt. Zwar ist das Kriterium des selbständigen Personals nicht gewährleistet, es
handelt sich nämlich um teilweise identisches Personal, gleichzeitig findet auch kein Rollenwechsel statt wie in einem Theater im Theater. Sowohl Boubouroche als auch der
«Garçon de Café» erscheinen im darauf folgenden Stück Boubouroche in der gleichen Rolle wie im Vorspiel (siehe Nebentext, Courteline: 167; vgl. Nebentext, Boubouroche
(Comédie): 40120). Boubouroche, der in Guitrys Einakter nur eine stumme Statistenrolle
übernimmt, wird von Courteline für das eigentliche Bühnenwerk, das er schreibt, zur
Theaterfigur transformiert, denn in dessen Komödie spielt diese Figur die Hauptrolle
(siehe unten). Wir haben es dementsprechend zwischen Vorspiel und nachfolgendem
Stück mit einer Art Rollentransformation zu tun (wobei im Vorspiel nicht das eigentliche Schauspiel, sondern die Stoff-Suche und -Verarbeitung thematisiert wird). Im Unterschied zu einem eigentlichen Theater im Theater treten im Einakter weder Boubouroche noch der Kellner als Schauspieler auf. Courteline hat sich für die Darstellung seiner Bühnenfiguren lediglich an den ‹echten› Personen aus dem Einakter respektive
Vorspiel inspiriert. In diesem Einakter-Vorspiel wird also ein Teil der Entstehungsgeschichte der Komödie Boubouroche aufgedeckt und so ein Bezug zwischen Fiktion und
Realität hergestellt. Es handelt sich dabei aber nicht um das Zeigen der Aufführungsbedingungen.121 Vorgeführt wird vielmehr die Stoffsuche, ähnlich wie in Der Lügner und die
Nonne oder auch teilweise Dr. med. Hiob Prätorius bei Goetz. Stärker als Goetz geht
Guitry auch auf die Bearbeitung des Stoffes ein.
Das Bühnenbild von Courteline au travail ist bei Guitry mit dem des ersten Aktes
der Komödie von Courteline identisch, nämlich ein kleines Café (man kann hier also
von einer Mise en abyme sprechen). In diesem Café spricht die Autorenfigur Courteline
über die Komödie, an der sie gerade arbeitet:
Je commence le premier acte. Il se passe dans un café pareil à celui-ci. Quatre personnages sont
en scène au lever du rideau et ils vous ressemblent étrangement, je tiens à vous le dire, messieurs. Et quant à vous, monsieur Boubouroche… je ne vous en dis pas davantage, mais
comme il me faut transposer un peu les choses… afin de respecter l’optique du théâtre… je
Boubouroche erschien 1892 als Novelle und 1893 als Komödie. Zur Komödie vgl. Corvin 1989, 31.
Hierbei handelt es sich um das Originalwerk von Courteline.
121 Man denke diesbezüglich bei Goetz an das Vor- und Nachspiel zu Hokuspokus oder zur SeifenblasenSerie.
119
120
333
me propose de vous faire une petite surprise… Donnez-moi dix minutes… et je vous en lis la
première scène avant que nous ne nous attaquions à notre chère petite manille quotidienne.
(Courteline, 173)
Die versprochene Lektüre bleibt im Stück aus beziehungsweise deckt sich mit der Aufführung von Boubouroche.122 Courteline schildert in diesem Einakter das Ereignis, das ihn
auf die Idee gebracht hat, die Komödie zu schreiben. Dadurch werden die Hintergründe
der Entstehung des Stücks auf der Bühne von einer Autorenfigur thematisiert, die aussagt, sie ‹möge es, Abenteuer zu erzählen› «comme si elles m’étaient réellement avenues»
(Courteline, 171). Die der Komödie zugrundeliegende Geschichte hat Guitry nicht erfunden, sondern zitiert sie nahezu wörtlich aus einem Artikel aus den Petites Nouvelles
von 1884, in dem Courteline Auskunft über die Idee zum Stück gibt (siehe Paratext,
Boubouroche (Nouvelle & comédie): 4, 6-10).123 Zwar hat Guitry ein paar sprachliche
Anpassungen, Auslassungen sowie Kürzungen vorgenommen, der Sinn der Aussagen
wird jedoch nicht verändert. In der Geschichte, die die Autorenfigur bei Guitry auf der
Bühne, also im Café erzählt, geht es darum, dass Courteline vor Jahren gleich gegenüber
der Wohnung von Jacotte, der Geliebten seines Freundes Catulle Mendès, ein Zimmer
bezogen hat. Durch die dünnen Wände habe er, nachdem sein Freund deren Wohnung
verlassen hatte, in Jacottes Appartement jedes Mal die Stimme eines zweiten Mannes
vernommen, «jailli de quelque armoire où il s’était tenu silencieux et caché, en attendant
que le départ du principal intéressé lui permît de passer à d’autres exercices» (Courteline,
172). Aus diesem Grund gab Courteline seinem Freund Catulle Mendès nie seine richtige Adresse bekannt. Erst zwanzig Jahre später lüftete er das Geheimnis. Sein Freund
erwiderte, er sei ihm nicht böse, fügte aber hinzu: «Courteline, il est une chose que je ne
vous pardonnerais jamais, ce serait de laisser perdre un sujet pareil ! Roman ? Comédie ?
je ne sais pas. C’est à vous de voir cela…» (Courteline, 173). In Courtelines Novelle
(1892) und nachfolgenden Komödie Boubouroche (1893) findet diese Geschichte ihre epische respektive komödiantische Umsetzung. Nur ist im Stück alles der Optik des Theaters angepasst und die Hauptperson im Stück heißt nicht etwa Catulle, sondern Boubouroche und seine Geliebte Adèle.
Um die Optik des Theaters geht es auch im Stück Sa dernière volonté ou l’optique du théâtre
(Neufassung, 1939).124 Dieses weicht, ähnlich wie Courteline au travail, von den bisher beEs handelt sich hierbei um eine Technik analog zu jener, die auch Goetz verschiedentlich anwendet,
beispielsweise im Vorspiel zu den Seifenblasen (siehe oben).
123 Der Artikel ist in der mir vorliegenden Ausgabe von Courtelines Boubouroche der Novelle vorangestellt
unter dem Titel Petit Historique de Boubouroche, siehe Paratext, Boubouroche: (Nouvelle & Comédie), 4, 6-10.
124 Datierung nach: Kowzan 1991, 238, Anm. 3.
122
334
sprochenen Vorspielen und Prologen ab. Dennoch soll es als eine Art Vorspiel klassiert
werden, da ein eigentlicher Rollenwechsel fehlt, es also die Kriterien von eigentlichem
Theater im Theater nicht erfüllt. Kowzan beschreibt das Konstruktionsprinzip des
Stückes als «la forme la plus singulière de métathéâtre dans l’œuvre de Sacha Guitry, et
peut-être la plus rare au cours de la longue histoire de ce phénomène» (Kowzan 1991,
238). Es handelt sich in diesem Zweiakter um zwei bildlich gesprochen einander an die
Seite gestellte (das heißt, nacheinander gespielte) Boulevard-Komödien, die Kowzan mit
einem Diptychon vergleicht (siehe ebd.), da es sich um ein fast identisches Thema in
zweifacher Umsetzung handelt. Es kommt darin sozusagen ein doppelt durchkomponiertes Motiv vor.125 Dabei handelt es sich insbesondere im ersten Akt um eine Art
Mischform zwischen Vorspiel und nachfolgendem Stück.
Im ersten Akt des ersten Stücks kommt ein einfacher Postangestellter vor, der
im Sterben liegt und als letzten Willen den Wunsch äußert, dass seine Frau, falls sie sich
nach seinem Tod neu vermähle, nicht seinen besten Freund heiraten solle. Daraus ist zu
schließen, dass diese ein Verhältnis mit seinem besten Freund hat. Dieser Freund nun ist
ein Komödienautor auf der Suche nach einer Idee für ein Stück, 126 der beschließt, die
eben erlebte Szene für die Bühne zu arrangieren, «en la transposant bien entendu, un
peu, afin de respecter toujours l’optique du théâtre» (Sa dernière volonté: I, 247). Über
das zu schreibende Werk sagt er aus: «La chose imaginée n’a jamais le relief, le mordant
de la chose vécue… dont on a été le témoin» (ebd.). Aus der Aussage geht heraus, dass
das zweite Stück nicht beabsichtigt, die Wirklichkeit (im Sinne des Naturalismus) abzubilden. Es ist anzunehmen, dass Guitry gerade mit seiner extremen Optik im zweiten
Stück die Theater-Tradition parodiert, während das erste Stück näher an der Wirklichkeit ist.
Diese Aussage lässt sich etwa treffen, wenn man das Theaterstück mit einem musikalischen Werk vergleicht. Sie lässt an Franz Schuberts «Unvollendete» denken, die eine ähnliche Struktur aufweist und mit
einer zweiteiligen Erzählung in Verbindung gebracht wird, die eine Handlung wie in der Symphonie auf
ähnliche Weise wie bei Guitry zweimal durchspielt, einmal im Diesseits, das zweite Mal im Jenseits (und
deshalb vielleicht gar nicht ‹unvollendet›, sondern genau so konzipiert ist). Entdeckt wurde dies von Schering im Jahre 1939, dem Entstehungsjahr von Guitrys Neufassung (siehe Schering 2012). Schering fiel
durch sein nationalsozialistisches Engagement ansonsten vor allem negativ auf. Eine Bezugnahme Guitrys
auf seine Entdeckung liegt deshalb nicht auf der Hand, sie kann aufgrund von Guitrys Text nicht belegt
werden, ist aber wegen aus den dargelegten Analogien auch nicht ausgeschlossen. In einem Konzertprogrammheft wird über Schering geschrieben: «In durchaus überzeugender Weise verglich er die Struktur
der Sinfonie mit einer aus dem gleichen Jahr 1822 stammenden allegorischen Erzählung Schuberts (‹Mein
Traum›)». Heile (2010): Ein Werk – viele Mythen. Franz Schuberts Sinfonie Nr. 7 h-moll «Unvollendete».
In: NDR – Das Orchester der Elbphilharmonie. Programmheft. 09.10.2010, 11. [PDF-Onlinefassung].
URL:
<http://www.ndr.de/orchester_chor/sinfonieorchester/konzerte/programmheft253.pdf>
(22.05.2013).
126 Auf der Suche nach einem Theaterstoff sind auch Charles Condomine in Cowards Stück Blithe Spirit
(1941), ebenso Erfurt und Hans Karl in Goetz’ Lampenschirm (1911) oder der Autor im Vorspiel von
Goetz’ Der Lügner und die Nonne (1929).
125
335
Der zweite Akt stellt als Einakter ebendieses Werk dar: Das Bühnenbild, das
soeben sehr einfach war, ist nun transformiert und zeigt «le grand salon très élégant d’un
hôtel particulier à Paris» (Sa dernière volonté: II, 251). Aus dem Postangestellten des
ersten Einakters ist im zweiten ein Marquis geworden, aus seinem Freund ein Graf 127 –
das Stück wurde sozusagen im Sinne einer Ständeklausel erhöht, was etwa für das englische Boulevardtheater teilweise zutrifft. Die Schlusspointe des Stücks beschreibt
Kowzan wie folgt: «[L]e malade […] ne mourra pas, donc sa dernière volonté sera sans
objet: la marquise et l’ami de la maison pourront continuer leur liaison» (Kowzan 1991,
238). Vergleicht man die beiden Versionen, so fällt auf, dass die eine «dans un style
plutôt réaliste» verfasst ist (ebd.), während die andere eine überhöhte Darstellung der
Rahmenhandlung liefert. Beide Varianten setzen sich mit dem Boulevardtheater auseinander, indem sie es metatheatral reflektieren:
L’élément Boulevard y est appliqué […] ‹entre guillemets›, il se trouve pastiché. Ce qui fait la
vraie originalité de cette pièce, c’est que le pastiche s’y manifeste à deux niveaux […]
(Kowzan 1991, 238)
Es handelt sich also um eine doppelte Parodie – das Publikum weiß, dass auch die erste
Fassung fiktional ist, also eben nicht der Realität entspricht, und zugleich orientiert sich
diese erste Version viel stärker an der Wirklichkeit. Kozwan stellt dennoch für die zweite Fassung des Geschehens noch eine Steigerung der Komik gegenüber der ersten
Handlung fest: «Si le langage est déjà comique à l’acte I, il est d’une préciosité ridicule à
l’acte II» (ebd.). Das ganze Stück beinhaltet, wie oben angesprochen, eine Reflexion
«dans un ton léger mais non dépourvu de sérieux, sur la spécificité de l’art du dramaturge amené à transposer pour la scène les réalités de la vie» (ebd.). Die Optik des Theaters wird erstens durch die Präsenz einer Autorenfigur bewusst gemacht, die im ersten
Akt das im Entstehen begriffene Stück metatheatral kommentiert, und zweitens durch
die Darstellung der angekündigten Transformation des Stückes im zweiten Akt.
Dieses Werk könnte man als Theater neben dem Theater bezeichnen. Es handelt
sich um ein Metatheater, aber nicht um ein eigentliches Theater im Theater, da dieses
Stück nicht alle drei als verbindlich festgelegten Kriterien erfüllt: Das Kriterium, wonach
es sich um eine als solche erkennbare fiktionale Geschichte handeln muss, trifft auf beide
einander an die Seite gestellten Stücke zu, wobei die künstlerische Transformation im
zweiten der Stücke mehr zum Tragen kommt. Die Vorgabe des Rollenwechsels wird jeWie in Toâ wäre in diesem zweiten Stück die Voraussetzung für eine unendliche Ipsoreflexion nur
dann gegeben, wenn der Freund auch dort wiederum als Komödienschriftsteller aufträte und wieder eine
Komödie schriebe. Dies ist jedoch auch in diesem Stück nicht der Fall, das (durch die Ähnlichkeit der
beiden Handlungen) eine komisch-überhöhte Spiegelung der ersten Handlung, also eine Mise en abyme (als
thematische Verdoppelung) aufweist.
127
336
doch nicht eingehalten – es fehlt eine Rahmenhandlung, der die Schauspieler zugehören,
die danach explizit eine Rolle in der Binnenhandlung spielen. Theoretisch wäre es zwar
auch denkbar, dass der erste und der zweite Akt von anderen Schauspielern gespielt
würden. Dies würde jedoch die Aussage des Stückes verändern – die veränderte Optik
in der zweiten Komödie würde dem Publikum dadurch weniger klar. Es handelt sich bei
diesem Diptychon eher um zwei Binnen-Einlagen als um ein Binnen- und eine Rahmenhandlung. Durch das Auftreten des Theaterautors in der ersten Komödie ähnelt
diese zugleich einem Vorspiel. Die beiden Stücke weisen keine eigentliche Spiel-imSpiel-Struktur auf, da die «Doppelheit von Darsteller und Rolle» fehlt (Schöpflin 1988,
15). Es handelt sich um eine doppelte Inszenierung desselben Ausgangsstoffes.
337
10.3.
Theaterverweise, -metaphern und Sprechen ad spectatores
Chaque acte de la vie est comme un petit drame
Et le tout à la fin n’est qu’une comédie […]
(Deburau: III, 283)
In diesem Kapitel werden Gespräche über und Verweise auf das Theater behandelt.
Schöpflin erklärt die paradox anmutende Doppelfunktion von Theaterverweisen und
-metaphern so:
Diese beiden Techniken haben wie das Theater im Theater eine doppelte Wirkung auf den
Dramenzuschauer: Wenn man im Drama über das Drama spricht oder Theatermetaphern
verwendet, bewirkt dies einerseits, daß das Drama [=die Rahmenhandlung; M.H.] sich von
dem Theater [=Binnenhandlung; M.H.], auf das es konkret oder metaphorisch hinweist, als
Nicht-Theater abgrenzt. Das Drama erscheint als Wirklichkeit. Der Hinweis auf das Theater
vermag also die Illusion zu verstärken, daß der Zuschauer mit einer Realität konfrontiert ist.
Gleichzeitig wird der fiktive Charakter des Dramas auch entlarvt, weil das Reden über das
Theater dem Publikum bewußt macht, daß das Stück, das es ansieht, ebenso Theater ist wie
dasjenige, worüber die Dramenfiguren sprechen oder das sie metaphorisch in ihre Sprache
einbeziehen.
(Schöpflin, 1993, 36)
Vielleicht ist dieses Kunstmittel gerade deshalb bei Goetz, Guitry und Coward so
beliebt, weil es den Komödienzuschauern einerseits die Illusion bewusst machen, sie
aber andererseits auch verstärken kann. Mit der Illusion der Zuschauer sowie der Grenze zwischen Schein und Sein spielen Goetz und Guitry insbesondere in Hokuspokus respektive Toâ.
Was aber ist unter einer Theatermetapher oder einem Theaterverweis genau zu
verstehen? Vieweg-Marks ordnet diese metatheatralen Formen dem Begriff
«[d]iskursives Metadrama» unter (Vieweg-Marks 1989, 30). Sie versteht darunter «auf
Sprache basierende Selbstreflexivität» (ebd.) und weist darauf hin, dass durch diese
Formen «keine über einen längeren Zeitraum hin aufrechterhaltene […] Metaebene»
konstituiert werde (ebd.).
Eine besondere Untergruppe metatheatraler oder allgemein metaliterarischer
Formen kann gleichzeitig als Metalepsen kategorisiert werden, da es sich dabei um paradoxe Formen handelt. Bei dem Metalepsen gilt es zwei Formen zu differenzieren, nämlich, «ob eine Metalepse lediglich durch die Rede […] oder durch eine Handlung vollzogen wird» (Klimek 2010, 66). 128 Klimek unterscheidet also zwischen einem metaphorischen Reden über eine andere Ebene und einer tatsächlichen Überschreitung von (in
unserem Fall dramatischen) Ebenen (vgl. ebd.). Im zweiten Fall – sozusagen jenem der
klassischen Metalepse– verschiebt sich eine Figur tatsächlich physisch von einer Theaterebene auf die andere. Im ersten Fall geht es nur um «das metaleptische Motiv des Figurenwissens um die Fiktivität […] der eigenen Welt» (ebd., 79). Dass eine Figur weiß,
128
Klimek verweist auf Wolf 1993, 359-361.
338
dass sie erfunden ist, und darüber spricht, dass sie Teil eines Theaters ist, ist aber nicht
nur als metatheatral, sondern auch als paradoxal (und deshalb als metaleptisch) zu werten. Zwar verfügt der Schauspieler in der Rahmenhandlung über das Wissen, dass er in
der Binnenhandlung nur eine Rolle verkörpert. Es wirkt jedoch paradox, wenn eine
Bühnenfigur auf der Ebene der Binnenhandlung darüber spricht.
Beide Fassungen von Hokuspokus (1927 / 1952) verweisen auf die Verwandtschaft
von Verstellung und Schauspiel (zur Abgrenzung der Begriffe siehe Kap. 3.). Peer Bille,
der sich durch Originalität im Erfinden von Kosenamen auszeichnet, nennt Agda in der
Urfassung eine «Komödie» (Hokuspokus (U): III, 447) und deutet damit ein metaleptisches Fiktionalitätsbewusstsein an. Sie erwidert darauf: «Ich bin eine Komödie? Du bist
eine Komödie! Was bist du für ein Versteller! Was hast du für Theater gemacht!» (ebd.).129
Am Ende des Stücks verkündet Peer Bille, er habe «genug von dieser ganzen dummen
Komödie» (ebd., 452). In der Neufassung heißt es: «Wir tun ein gutes Werk, wenn wir die
uns aufgezwungene Komödie zu Ende spielen» (Hokuspokus (N): IIII, 531). Cowards
Stück Present Laughter (1942)130 verweist ebenfalls selbstreflexiv auf das (Melo-)Drama,
wenn Joanna auf Liz’ Vorwurf, Garrys Geliebte gewesen zu sein, ausruft: «Mistress indeed. Melodramatic nonsense»131 (Present Laughter: II, 203) – diese letzte Aussage zeigt,
dass im Einzelfall nicht immer klar erkennbar ist, ob eine solche, als metatheatral eingestufte Aussage, gleichzeitig eine Metalepse darstellt, da man dafür nachweisen müsste,
ob die Figuren im Stück um ihren fiktiven Status wissen.
Ein Fall von Selbstreflexion kommt im Stück Une Folie (1951) von Guitry vor,
als die Assistentin zu Beginn des vierten und letzten Aktes die Frage stellt: «Comment
tout ça va t-il finir ? […] Est-ce que Monsieur ne croit pas que ce monsieur et cette
dame se jouent un peu la comédie?» (Une Folie: IV, 70). Auch hier beschreibt diese metatheatrale Aussage zunächst das Verhalten der Figuren als Komödie. Darauf erwidert
Doktor Flache: «Oui, tout cela, bien sûr, n’est qu’une comédie… et nous en arrivons,
d’ailleurs, au dernier acte» (ebd.).132 Die Antwort stellt einen klaren Verweis auf die FikAuf ähnliche Weise lässt Goetz’ in seiner Übersetzung von Cowards Blithe Spirit Charles zu seiner Ehefrau sagen: «Du warst es, Ruth. Du spielst Komödie» (Fröhliche Geister: I, 41). In Cowards Vorlage wird bezüglich Ruths Antwort eine Schauspiel- und eine Zaubermetapher eingesetzt: «It’s you who are playing the
tricks, Charles, you’re acting to frighten us …» (Hay Fever: I, 33).
130 Datierung nach: The Noël Coward Society (2001): Chronology. [Onlinefassung]. URL:
<http://www.noelcoward.net/html/chronology.html> (22.05.2013).
131 «Geliebte! Melodramatischer Unsinn!» (Übers. Goetz: Nach Afrika (UA Wien 1949): I, 66.)
132 Kowzan weist darauf hin, dass diese Selbstreflexivität in ganz ähnlicher Weise bereits in der ersten Version des Stücks von 1938 vorkomme, die den Titel Un Monde fou trägt: Dort sind es «deux autres protagonistes, mari et femme, qui, toujours au début du quatrième acte, échangent les paroles: ‹est-ce que cette
comédie va finir?› […] ‹Oui, elle va finir… et voilà justement le dernier acte qui commence!›» (Kowzan
1991, vgl. Un Monde fou: III, 210). Spielerisch geht Guitry im Programm zur Neufassung von Une Folie
129
339
tionalität dar, ist also (auf der Ebene der Rede) metaleptisch. Einen identischen Fall haben wir, wenn Evchen in Goetz’ Komödie Der Lampenschirm fragt: «Ist jetzt dritter Akt?»
(Lampenschirm: III, 68) und ihr Gegenüber antwortet: «Beinah schon aus» (ebd.).
Ein Beispiel für einen Theaterverweis in Form einer direkten Publikumsanrede
stellt Daniels Sprechen ad spectatores in Guitrys Stück N’écoutez pas, mesdames (1942) dar.
Nach Vieweg-Marks (1994) gilt es, das Sprechen ad spectatores «[i]m Überschneidungsgebrauch von episierenden und diskursiven metadramatischen Techniken […] anzusiedeln, da es rein sprachlich zwischen Bühne und Publikum vermittelt, ohne jedoch, wie
Prolog, Epilog […] langfristig die Struktur des Dramas zu beeinflussen» (Vieweg 1994,
30). Das Sprechen ad spectatores wirkt demnach inhaltlich und formal als metatheatral.
Die Publikumsansprache hat zudem die von Schöpflin angesprochene Doppelwirkung
auf die Zuschauer (vgl. oben), wenn Daniel diese am Anfang der Komödie direkt mit
den Worten anspricht: «Ne vous mariez pas!… N’écoutez-pas, mesdames, car c’est aux
hommes que je m’adresse» (N’écoutez-pas…: I, 99). Als Illusionsbruch wirkt die Tatsache, dass auch hier die fiktive Figur auf der Bühne über ein Fiktionalitätsbewusstsein
verfügt und weiß, dass Zuschauer da sind – was als metaleptisch zu klassieren ist. Illusionsverstärkend wirkt hingegen der Hinweis auf die Nähe des Dargestellten zur Wirklichkeit:
[…] ma foi, si le triste spectacle de ma vie privée pouvait vous préserver du malheur qui
m’arrive, je m’estimerais le plus heureux des hommes… et si mon expérience personnelle pouvait vous être profitable, ô mes frères, j’irais jusqu’à bénir le destin qui me joue un si mauvais
tour. (On entend alors le bruit d’une sonnette au rez-de-chaussée.) Mais on vient : la comédie va commencer… et je vous en fais juges.
(N’écoutez-pas…: I, 102)
Es handelt sich hier gleichzeitig um eine Art Prolog (sowie am Ende des Stücks in ähnlicher Weise um einen Epilog), die Rede ad spectatores wird jedoch im Dramentext nicht
explizit als Prolog bezeichnet. Man kann bei diesem konkreten Beispiel also strukturell
von einer Rahmung sprechen. Jedoch ist das Kriterium des selbständigen Personals
nicht erfüllt, da Daniel keine «spielexterne» Person ist (vgl. Pfister 2001, 109), wie es ein
Prolog üblicherweise verlangt. Daniel tritt außerdem in seiner Rolle auf, nicht etwa als
Schauspieler wie in einer Rahmenhandlung. In seiner Zuschaueranrede verweist er explizit auf die Fiktionalität des Gezeigten, indem er den Komödienbeginn ankündigt (vgl.
N’écoutez pas…: I, 102).Während des eigentlichen Stücks werden Theatermetaphern
gebraucht. Sie haben mit Verstellung zu tun, wenn etwa Madeleine sagt: «[T]u pouvais
nicht nur mit der Anzahl Akte, sondern auch mit dem Gegensatz von Fiktion und Wirklichkeit um, wenn
er schreibt: «Lana Marconi est-elle ma femme dans la pièce? / Non, mais j’ai l’impression qu’elle deviendra ma maîtresse au 5e acte. / Il y a cinq actes ? / Non, quatre» (Programme, Une Folie, 10).
340
me mentir moi-même… tu pouvais me jouer la comédie» (ebd.,107). An anderer Stelle
bedeutet ihr Daniel, dass er ihre Lügen der Wahrheit vorziehe:
133
«[T]u aurais pu être
une admirable actrice» (ebd., 109). Diese Beispiele sind metatheatral, stellen aber keine
Metalepsen dar, da Madeleine nicht über ein Fiktionalitätsbewusstsein zu verfügen
scheint. Am Ende von N’écoutez pas, mesdames jedoch wendet dieselbe Figur, nämlich
Daniels Frau Madeleine, sich ans Publikum, was nicht nur erneut einen überraschenden
Effekt erzielt, sondern auch die Fiktionalität des Theaterstücks ins Bewusstsein des Publikums zurückruft:
Daniel: […] Écoute-moi bien, espèce de petite canaille : à dater d’aujourd’hui, je prends la décision formelle de ne plus attacher la moindre importance à ce que font les femmes… à ce
qu’elles disent, à ce qu’elles pensent…
Madeleine : Oh…
Daniel : Veux tu m’écouter quand je te parle !… Convaincu qu’il n’y en [a] pas deux sur dix qui
méritent qu’on les prenne au sérieux !
Madeleine, au public : Oh ! Vous l’entendez…
Daniel : Je te défends de parler au public.
Madeleine : Henriette m’a dit que tu l’avais fait, ce matin…
Daniel : Ce n’est pas une raison pour que tu le fasses ce soir.
Madeleine : Laisse-moi seulement leur dire…
Daniel : Non, tu ne parleras pas au public, ou je fais tomber le rideau…
Madeleine : Je voudrais pourtant…
Daniel : Je te défends de leur parler.
Madeleine : Mais pourquoi ?
Daniel : Parce que – à moi tu peux me mentir, à eux, je te le défends !
Madeleine : Mais je…
Daniel : Rideau ! (Au public.) N’écoutez-pas, mesdames.
(N’écoutez pas… : III, 164)
Von den Figuren im Stück verfügen also sowohl Daniel als auch auch Madeleine und,
wie wir soeben erfahren haben, ebenfalls die Hausangestellte Henriette über ein Fiktionalitätsbewusstsein. Dieses Wissen kann als metaleptisch eingestuft werden. Aus der
Schlussszene wird zudem die Einseitigkeit der Schilderung der Vorkommnisse klar, bei
der Daniels Blickwinkel dominiert. Den Zuschauerinnen bleibt es überlassen, Madeleines Sichtweise zu ergänzen.
Ebenfalls ein Epilog ad spectatores kommt in Goetz’ Einakter Minna Magdalena
(1918) vor, einem Stück, das sich ansonsten nicht durch metatheatrale Elemente auszeichnet. Der Professor wendet sich mit diesen Worten an die Zuschauer:
Hochverehrtes Publikum, werter Herr Sack, liebe Minna, und auch du, Mathilde! Der vorliegende Fall hat uns wieder einmal so recht gezeigt, wie gern wir Menschen im allgemeinen […]
bereit sind, von unseren Mitmenschen gleich das Schlechteste zu denken. Meine gute Minna!
[…] Verzeihe uns, gutes Mädchen! Und verzeihen auch Sie uns, werter Herr Sack […] und
verzeihe auch du uns, hochverehrtes Publikum!
(Minna Magdalena: I, 140)
Der Epilog von Minna Magdalena fasst die Moral des Stücks zusammen. Er ist insbesondere strukturbezogen als metatheatral zu klassifizieren, es wird jedoch darin keine Thea133
Er sagt : «[…] je suis pervers et je te préfère maquillée» (N’écoutez-pas…: I, 109)
341
termetapher, jedoch ein Verweis aufs Theater verwendet, nämlich: «Der vorliegende
Fall» (ebd.). Auch hier stellt sich die Frage, ob durch diese Ansprache, die über das
Stück Aussagen macht, von einem Fiktionalitätsbewusstsein der Figur ausgegangen
werden kann. Ein Epilog ad spectatores kommt auch in Nichts Neues aus Hollywood
(1956)134 vor (siehe unten). Dieser endet lapidar mit den implizit auf das Komödienende
hinweisenden Worten «That’s all, folks! Auf Wiedersehen» (Nichts Neues…: III, 944).
Dass hierbei das Publikum gemeint ist, kann aufgrund des Nebentextes erschlossen
werden, da diese letzten Worte «mit einer Verbeugung» gesprochen werden (ebd., 943).
In Nichts Neues aus Hollywood (1956) kombiniert Goetz die Hollywood-Thematik
in Ansätzen mit dem Hamlet-Stoff, wodurch gewissermaßen eine Mischform zwischen
den (zu Goetz’ Lebzeiten nicht aufgeführten) Stücken Die Barcarole und Die Bärengeschichte
aus der Seifenblasen-Trilogie entsteht – wobei der Stegreif-Charakter aus der Barcarole hier
weitgehend nicht gegeben ist. Im Stück werden nicht nur Theaterverweise oder
-metaphern, sondern auch intertextuelle Zitate verwendet. Da davon ausgegangen wird,
dass diese Hamlet-Zitate hier als solche erkennbar sind, soll ihre Funktion mit der eines
Verweises auf die Theatralität gleichgesetzt werden. Dies trifft aber nur dann zu, wenn
das Zitat nicht als Teil des vom Autor erfundenen Dramentexts wahrgenommen wird.
Der Stilbruch hilft, das intertextuelle Zitat zu erkennen, und dies wiederum wirkt in den
vorliegenden Beispielen illusionsstörend auf die Zuschauer. Die Regieanweisung sieht
zudem vor, dass Clifford, wenn er Shakespeare zitiert, als «den Hamlet spielend» dargestellt werden soll (Nebentext, Nichts Neues: I, 885) – dies kann auch illusionsverstärkend
wirken, falls die Rolle nicht als Parodie gespielt wird, wovon hier (im Gegensatz zur Barcarole) auszugehen ist.
Als Cliffords Freundin Gwendolyn einmal mehr spurlos verschwindet, verfällt
Cliff darüber in Schwermut und zitiert (wie in der Barcarole) die Rede Hamlets über den
Geist von Hamlets Vater: «[D]u nahtest in so fragwürdiger Gestalt …» (Nichts Neues: I,
884; vgl. Hamlet: I, 4. Auftritt, 284). Darauf fragt ihn Robert: «Du wirst doch nicht etwa
verrückt werden, Cliff?» (ebd.). Clifford verdächtigt seine Freundin, ihn mit Robert zu
betrügen.135 Diese Befürchtung drückt Cliff auch durch das folgende bekannte HamletZitat aus (bei Shakespeare handelt es sich um Marcellus’ Aussage): «Etwas ist faul im
Staate Dänemark» (Nichts Neues: I, 884; vgl. Hamlet I, 4. Auftritt, 285). Später folgt der
Ausruf: «O schaudervoll – höchst schaudervoll» (Nichts Neues: I, 885; vgl. Hamlet I, 5.
Datierung der Uraufführung nach: Knecht 1970, 216.
Darin kann eine Parallele zur Figur namens Conny in der Barcarole gesehen werden. Auf leichte Veränderungen der Originalzitate wird nicht verwiesen.
134
135
342
Auftritt, 288).136 Ein weiteres Hamlet-Zitat Cliffs, das im Dramentext auch typographisch (durch Einrücken der Verse) abgehoben wird, lautet: «Doch seht: der Morgen
angetan mit Purpur, / Betritt den Tau des hohen Hügels dort …» (Nichts Neues: I, 885;
vgl. Horatius’ Aussage in Hamlet: I, 1. Auftritt, 270). Gleich anschließend spricht Cliff
den Hamlet zitierend zu Louella, die ihm den Hof macht: «Geh in ein Kloster, Ophelia …» (Nichts Neues: I, 885; vgl. Hamlet: III, 1. Auftritt, 317).137 Robert macht später
folgende Aussage über Clifford, die einem intertextuellen Theaterverweis gleichkommt:
«Er sprach Verse aus ‹Hamlet›. Und er sah in der Tat aus, als habe er ‹alle seine Munterkeit eingebüßt›» (Nichts Neues: II, 909; vgl. Hamlet: II, 2. Auftritt, 304).138
Über Gwendolyn sagt Clifford, «sie würde auch noch als Geist Komödie spielen …» (Nichts Neues: II, 896). Diese Theatermetapher unterstreicht ihre «Theaterbesessenheit» (Nebentext, ebd.). Auch diese Aussage lässt sich noch mit dem Geist von
Hamlets Vater in Verbindung bringen. Gwendolyn ist diejenige, die im dritten Akt tatsächlich als Geist erscheint, während Clifford, um sie anzulocken, die «Mondscheinsonate […] ihr Lieblingsstück» spielt (Nichts Neues: III, 930.). Hierbei handelt es sich um
eine direkte Anspielung auf Cowards Komödie Blithe Spirit (die bekanntlich von Goetz
übersetzt wurde), da auch dort Elviras Geist (jedoch unabsichtlich) durch Musik angelockt wird (vgl. Blithe Spirit: I, 29).
Die Geisterszene bei Goetz wird im Gegensatz zu jener in Cowards
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