International Visitor Leadership Program

Werbung
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 1
International Visitor Leadership Program
(Internationales Besucherprogramm des US-Außenministeriums)
Politische Bilanz einer Reise zu Integration und Diversity Management (27.7.-8.8.09):
- Washington D.C. , Seattle, New Orleans, Cleveland von Dr. Florian Roth (ehrenamtlicher Stadtrat, GRÜNE, Landeshauptstadt München)
Zwei Wochen lang durfte eine von der US-Botschaft in Deutschland ausgewählte
siebenköpfige Gruppe die USA besuchen und ein intensives Programm zum Thema
„Integration and the Management of Diversity with a Special Focus on Youth Work“
absolvieren. Ein Polizist aus Kiel, eine in alevitischen Organisationen engagierte Frau aus
Duisburg, eine in der Präventionsarbeit aktive Polizeibeamtin aus Berlin, ein grünes Mitglied
des Berliner Abgeordnetenhaus (alle vier aus der Türkei stammend) sowie eine NDRHörfunkjournalistin, ein Münchner Journalist und ich als Münchner Stadtrat mit dem
Schwerpunkt Bildung und Migration bildeten das vielfältig zusammengesetzte Reiseteam, das
von Washington D.C. über Seattle (Washington) nach New Orleans (Louisiana) und schließlich
nach Cleveland (Ohio) quer durch die USA reiste (was – incl. An- und Rückreise – meine
persönliche CO2-Bilanz für dies Jahr extrem belastete; kostete mich bei Atmosfair 168 €).
An dieser Stelle möchte ich meine politischen Eindrücke dieser Reise aus meiner sehr
subjektiven Sicht in Ausschnitten darstellen (die vielen Impressionen von den besuchten
Städten und ihren Menschen kann ich an dieser Stelle nicht wiedergeben). Die Fülle des
Programm kann dieser stichwortartige Bericht jedoch sicher nicht widerspiegeln.
Erste Station: Washington, D.C.
Schon im Flugzeug zeigte sich die USA kulturell und religiös sensibel – es gab nicht nur ein
„Muslim Meal“ zur Auswahl, sondern auch spezielle Kost für Hindus.
An der Einreisekontrolle in Washington D.C. dann die erwartet angespannte
Atmosphäre strenger Sicherheitsvorschriften. Als ich naiver Weise das Schild „Welcome in the
USA“ fotografierte, musste ich das Bild vor den Augen des Beamten von meiner Kamera
löschen. Eine aus unserer Gruppe musste, da sie auf die Frage, ob sie Lebensmittel einführe,
die im Flugzeug erworbene Banane angab, zur Agriculture-Abteilung.
Bei den einführenden Vorträgen stach dann ein Referat über die politische Kultur der
USA hervor (mit großer Begeisterung gehalten von einem mit 17 Jahren aus dem vom
Bürgerkrieg gequälten Libanon in die USA gekommenen Einwanderer) – von dem ich mehr
lernte als in vielen der USA gewidmeten Stunden meines Politologiestudiums. Hier einige
Stichworte:
• Nicht die Familie oder die Gruppe, sondern das Individuum im Mittelpunkt;
• Politik als in Vereinigungen (gibt 6 Mio. NGOs) organisierte Interessenvertretung der
Individuen gegenüber dem Parlament;
• Abgeordnete nicht als mit großem Vertrauen ausgestattete Repräsentanten, sondern als
Ausführende der Interessen und Forderungen der sie unterstützenden Bürger;
• große föderale und kommunale Eigenständigkeit gegenüber der föderalen Ebene:
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 2
• lokale Organisationen der beiden großen Parteien völlig selbstständig – keine überprüfte
Mitgliedschaft, sondern: jeder kann sich als Demokrat oder Republikaner deklarieren und
gar als republikanischer oder demokratischer Kandidat (wenn er in den Vorwahlen genug
Unterstützung bekommt – relativ unabhängig vom Parteiapparat);
• an die 90 % der für innenpolitische Maßnahmen verwendbaren Staatsgelder werden auf
lokaler Ebene verwaltet; Steuern auch z.T. kommunal erhoben; z.B. im Schulsytem „local
board of education“ und kein staatsweit einheitliches Curriculum (all diese Machtfülle der
kommunalen Ebene ist natürlich für mich als Stadtrat eine reizvolle Vorstellung).
• Schließlich: Die große individuelle kulturelle und religiöse Freiheit der Einwanderer und
Minderheiten hat auch mit dem individualistischen Grundkonzept zu tun: Der kulturelle
Ausdruck wird als individuelles Recht verstanden und die gemeinsame Identität der
Amerikaner basiert eben nicht auf der Kultur, sondern auf politischen Werten; der Kampf
für die Rechte von Minoritäten wird nicht im Sinne von Gruppenrechten sondern als
Protest gegen individuelle Diskriminierung und Eintreten für Bürgerrechte verstanden. Der
Einwandernde muss nicht seine kulturelle Identität aufgeben, sondern wird ermutigt sich
selbst zu organisieren – das einzige wirklich Schlimme ist es, wenn sich die MigrantInnen
nicht am politischen Prozess beteiligen.
Dieser Grundsatz sollte auch uns in Deutschland, in München inspirieren – und hat mich
auch bestärkt in der Konzentration von uns Grünen in München auf Fragen der
Partizipation von MigrantInnen (ob der Kampf für das kommunale Ausländerwahlrecht,
unsere Vorschläge zur Stärkung der Interessenvertretung durch Reform des
Ausländerbeirats,
die
von
uns
durchgesetzten
Einbürgerungsfeiern
und
Einbürgerungskampagnen; schließlich die Diskussion um Teilhabe von MigrantInnen auf
Stadtteilebene durch neue Formen der Bürgerbeteiligung).
Es stellt sich natürlich auch die Frage, inwiefern die USA ihrem Ideal gerecht wird: Bei
aller staatsbürgerlicher und ideeller Gleichheit sieht man eminente soziale Diskriminierungen –
und wie stark nehmen etwa benachteiligte Afro-Amerikaner am politische Prozess teil (später in
einer anderen Stadt erfuhren wir, dass bei ihnen die Wahlbeteiligung partiell unter 15 % liegt)?
Schon am Vortag hatte eine (unvermeidlich politische) Stadtführung einiges über die
politische Identität der USA angedeutet. Schon der Aufbau der Stadt sollte transparent, offen
sein, auf Vernunft, Logik und Geometrie basieren (dahinter wohl der Vernunftglaube der
Aufklärung). Auch die beiden beherrschenden Gebäude sind in ihrer Geschichte und Gestalt
symbolisch aufgeladen: Das Weiße Haus aus normalen Stein, das Kapitol (der Kongress, das
Parlament) aus Marmor und das höchste Gebäude – denn der im Parlament versinnbildlichte
Wille des Volkes ist ewig und steht höher als die Person des Präsidenten, die menschlich und
sterblich ist. Das Weiße Haus war übrigens ursprünglich grau und wurde nur, als es nach der
Brandschatzung durch die Briten im Krieg angesengt war, nachträglich weiß angestrichen. Auch
wenn die Präsidenten weder Übermenschen noch Götter sein sollten, hat man bei den
gewaltigen, kultisch aufgeladenen Memorials den Eindruck, hier würden in einer Zivilreligion
Personen fast kultisch verehrt – wenn etwa das riesenhafte Lincoln-Memorial als Temple of
Democracy bezeichnet wird. Aber, so könnte man ja interpretieren, vielleicht wird nicht die
Person verehrt, sondern eben die in ihrer Biografie zum Ausdruck kommenden Werte, die
Demokratie und der Wille des Volkes.
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 3
Links: Weißes Haus und Kapitol – Rechts: Lincoln Memorial
Auf ganz andere Weise beeindruckend war das
Vietnam Memorial: Eine riesige Mauer aus
polierten Granit, auf der chronologisch alle
Namen der im Krieg getöteten und vermissten
Amerikaner (ohne Militärgrade) verzeichnet
sind – beginnend in der Mitte, so dass das
erste und das letzte Opfer (1959-1975) sich
nahe sind; was als Symbol für die
Vergeblichkeit gelesen werden kann (man war
am Ende nicht weiter als am Anfang – nur
eine gewaltige Zahl von Opfern musste man in
dieser Zeit verzeichnen; übrigens: dem ca.
60.000
amerikanischen
Opfern
–
Durchschnittsalter knapp 20 – stehen nach
Schätzungen
1,5-5
Mio.
getötete
VietnamesInnen gegenüber).
In der Mauer spiegelt sich der Betrachter und
verschmilzt so (identifikatorisch) mit den
Namen der Soldaten.
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 4
In meiner freien Zeit besuchte ich das Holocaust Memorial Museum. Leider war die
ständige Ausstellung schon ausgebucht, so sah ich mir nur zwei sehr interessante
Sonderausstellungen an: Remember the children – Daniel’s Story, ein fiktives Tagebuch eines
jüdischen Kindes, das Ghetto und KZ überlebt, mit Bildern, Zimmereinrichtugnen etc.
illustriert; didaktisch sehr gut konzipiert gerade für US-Teenager ohne profundes historisches
Hintergrundwissen. Dann die mit einer überwältigenden Vielzahl von Aspekten und
Medienformen ausgestattete Ausstellung zur Nazi-Propaganda (State of Deception. The Power
of Nazi Propaganda; siehe Bild unten); interessant, dass diese Ausstellung mit der Darstellung
von Gräuelpropaganda der Alliierten im Ersten Weltkrieg gegen die als mordende Hunnen
dargestellten Deutschen begann und mit einem Bild von Ahmadinedschad endete.
In Washington D.C. betreten wir dann auch die Zentrale unseres Gastgebers (siehe Bild
nächste Seite) – des United States Department of State (also das von Hillary Rodham Clinton
geführte US-Außenministerium). Dort treffen wir neben Mitarbeitern des Außenministeriums
auch einen Vertreter des Department of Homeland Security (des nach dem 2002 nach dem
Terroranschlägen gegründeten Heimatschutzministeriums).
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 5
Auf den ersten Blick überraschend (und natürlich sehr positiv) erschien es, dass es zu
den Zielen des Außenministeriums zählt, in anderen Ländern für die (auch ökonomischen)
Vorteile von Vielfalt zu werben (im Sinne einer positiven Ressource). Amerikanische Muslime
werden als Referenten in andere Staaten geschickt. Schon Anfang 2000 hatte die damalige USAußeministeriun Albright das jährliche Iftar Dinner (Abendessen zum Fastenbrechen im
Ramadan) mit der muslimischen Community begründet. Beeindruckend war auch die
Persönlichkeit von Farah Pandith (in Kaschmir geboren), seit wenigen Wochen die erste
Sonderbeauftragte des Ministeriums für Muslimische Gemeinschaften (interessant die
Pluralform, welche der Diversität des Islam gerecht wird, aber in gewissem Widerspruch zum
einheitlichen Selbstverständnis – im Sinne der Umma als Gemeinschaft der Muslime – einiger
Muslimführer steht).
Ein anderer interessanter Aspekt ist die Frage der Einbürgerung. Schon lange gibt es
hier – in verschiedenen, oft lokalen Formen – Einbürgerungsfeiern. Alle Länder der
Einwandernden werden genannt, die Neubürger wie bei einer Zeugnisverleihung individuell
aufgerufen, es gibt eine Videobotschaft vom Präsidenten, Musik u.a.; oft gibt es spezielle
Zeremonien mit besonderen Rednern, etwa Abgeordnete mit Migrationshintergrund. Der
Einbürgerungstest umfasst sprachliche sowie staatsbürgerliche Anteile; er wurde jetzt
überarbeitet (die 100 möglichen Fragen werden veröffentlicht; früher wurde etwa nach der Zahl
der Streifen in der Flagge gefragt, jetzt nach dem Grund dieser Zahl – nämlich die 13
Gründstaaten); der Test soll eine höhere Erfolgsrate als in Deutschland aufwiesen..
Voraussetzung für die Einbürgerung sind daneben u.a. fünfjähriger Aufenthalt und keine
gravierenden Straftaten. Wichtig erscheint es hier, für das Englischlernen und für einen
staatsbürgerlichen Konsens zu werben, innerhalb dessen jeder seine individuelle Sphäre mit
einer selbst definierten Kultur hat unter dem Dach gemeinsamer demokratischer Werte. (civic
integration). Man gewinnt das Gefühl, dass wir in Deutschland noch von Amerika lernen
können, was eine Kultur des Willkommenheißens für Neubürger betrifft.
Überraschend war es für mich aber, dass in anderen Bereichen der Integration auch die
USA – nach Aussagen einiger Gesprächspartner – von Europa und insbesondere Deutschland
lernen kann. Zwar war Amerika seit den Zeiten von Kolumbus ein Einwanderungsland und
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 6
Diskussionen über diesen Begriff, wie sie bei uns lange heftig geführt wurden, sind fast
unbekannt; aber die Notwendigkeit einer durch Bundesmittel und staatliche Programme
unterstützen sprachlichen und sozialen Integrationspolitik ist erst in letzter Zeit insbesondere
durch die Latino-Einwanderung langsam klar geworden.
Die Herausforderungen der Integration zeigte sich auch bei unserem Gespräch mit dem
Integrationsbeauftragten des US-Städtetags (National League of Cities), der insbesondere
Bürgermeister berät. Die soziale Benachteiligung ist noch groß: Mehr als 60 % der
Einwandernden beenden beispielsweise die High School nicht. Verbrechen gegen Immigranten,
sogar Tötungsdelikte sind häufiger geworden. Vor ein paar Jahren hätte man noch von
Assimilation gesprochen (nach dem Motto: Vergesse dein Erbe, du bist jetzt Amerikaner), jetzt
werde mehr Wert auf den Respekt für die Werte und die Religion der Neuankömmlinge gelegt.
Ziele seien mehr Diversität in der Polizei, die Installierung von Advisory Groups (eine Art
Beirat) oder von speziellen Beamten für Integration beim Bürgermeister. Es geht auch um
Aufklärung, da z.B. viele Afro-Amerikaner denken, die neu Einwandernden würden ihnen Jobs
wegnehmen, was laut wissenschaftlicher Studien nicht der Fall ist. Was aber in den USA kaum
ein Problem wäre, sei der Bau von Moscheen.
Diese Frage der Glaubensfreiheit für Muslime beschäftigte uns an verschiedenen Stellen.
Immer wieder hörten wir von Angehörigen der muslimischen Community, dass man nirgends
auf der Welt seine Religionsfreiheit so ausleben könnte wie in den USA (da in offiziell
muslimischen Ländern ja nur eine bestimmte Form des Islam Freiheit genieße und es in einigen
europäischen Ländern Einschränkungen z.B. bez. des Kopftuchtragen gebe). In Washington
D.C: unterhielten wir uns hierzu mit einer Gruppe von muslimischen Kongressmitarbeitern.
Manchen von uns wunderte es, dass – gerade nach dem 11. September – die in
Deutschland (siehe die Debatte um den Moscheebau im Münchner Stadtteil Sendling, aber
auch in Köln) oft geäußerte Furcht vor einer Islamisierung hier anscheinend im Verhältnis
zwischen Mehrheitsbevölkerung und Muslimen kein großes Thema wäre und der Bau von
Moscheen keine emotionalen Diskussionen auslöse. Aus meiner Sicht kann das, neben dem
hohen Stellenwert der Religionsfreiheit, dem Wert der individuellen kulturellen Entfaltung und
dem Selbstbewusstsein der amerikanischen demokratischen Kultur als Ursachen, auch mit
einigen Unterschieden bez. der muslimischen Bevölkerung zu tun haben: Sie bildet (auch in
größeren Städten) prozentual keine so großen Gruppe wie in Teilen Deutschlands; außerdem
gibt es nicht die Verbindung zwischen religiöser und sozialer Frage – denn die eingewanderten
Muslime (neben den afro-amerikanischen Black Muslims) entstammen höheren
Bildungsschichten und besitzen deshalb im Durchschnitt einen recht hohen sozialen Status (die
Gruppe der muslimischen Frauen soll gar die am höchsten gebildete Schicht überhaupt
darstellen). Außerdem: die einzige Moschee die wir besuchten (in Cleveland) war zwar durchaus
repräsentativ, aber am Stadtrand gelegen.
Übrigens sind jene als islamophob gedeuteten jüngsten Vorfälle aus Deutschland
durchaus bei den US-Muslimen angekommen: Wir wurden sowohl auf die im Gerichtssaal
erstochene schwangere Ägypterin als auch auf die Diskussion über das Vereinslied des
Fußballklubs Schalke 04 (mit der Zeile „Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen
nichts versteht.“) angesprochen.
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 7
Zweite Station: Seattle, Washington
Quer durch die Vereinigten Staaten von der Stadt Washington D.C. nach Seattle im
Bundesstaat Washington ging unsere Reise weiter.
Ein Schwerpunkt war hier Jugendkriminalität und das Verhältnis von ethnischen
Minderheiten gegenüber Polizei und Strafvollzug. Wir konnten hier Persönlichkeiten mit
großem sozialem Engagement und Enthusiasmus kennen lernen.
Im Strafvollzug sind jene jungen Leute, die in der USA people (oder in diesem Fall:
youth) of color genannt werden (also Schwarze, Asiaten, Hispanics und Indianer), weit
überrepräsentiert. Im betroffenen Bezirk (King County) stellen diese Jugendlichen 34 % der
Bevölkerung, aber 6 5% der Personen im Strafvollzug; bei Schwarzen ist das Verhältnis mit 9 %
zu 44 % noch krasser. Dieser Disproportionalität entgegenzuwirken, ist erklärtes Ziel. Im
betroffenen Gebiet ist die Zahl der jugendlichen Straftäter stärker als im Bundesdurchschnitt
gesunken, doch hat sich in der gleichen Zeit (1998-2008) die Lage bei Schwarzen und Hispanics
sogar verschlechtert.
Spezifisch ist hier ein sog. „Menu“, gleichsam eine Speisekarte von verschiedenen
angebotenen Maßnahmen, aus denen individuell und passgenau eine Art Paket für den
jeweiligen Jugendlichen maßgeschneidert wird. Dafür gibt der Staat jährlich 4 Millionen Dollar
aus. Dazu gehören Untersuchungen der physischen und geistigen Gesundheit, Anti-AgressionsTraining, Familientherapie, Ausbildungs- und Beschäftigungsprogramme etc.. Für
Drogenstraftäter gibt es ein kontrolliertes Entzugsprogramm, das bei Erfolg dazu führen kann,
dass das Delikt ganz aus den Akten gelöscht wird.
Gerade für Minderheiten-Communities werden etwa Mentorenprogramme in
Kooperation mit (schwarzen) Kirchen gestartet. Familien können auch deshalb gut erreicht
werden, weil die Mitarbeiter oft aus der gleichen Ethnie kommen (und ggf. Muttersprache
sprechen; übrigens gibt es bei Gericht 110 Übersetzerdienste; außerdem arbeiten bei Gericht
50% people of color). Die Familien haben häufig großes Interesse an diesen Programmen, weil
sie die Kids zurück zur Familie und ihrer Kultur führen (von so etwa wie der Teilnahme am
gemeinsamem Familienessen angefangen).
Beim Vergleich des Rechtsordnung mit Deutschland erfühlte das flexible
Jugendstrafrecht bei uns (das bei 14-18-Jährigen obligatorisch und bei 18-20-Jährigen je nach
Reife angewendet wird; in der USA gilt es nur bei 14-17-Jährigen und hier je nach Fall) die USPraktiker fast mit Neid.
Einig waren sich auch unsere Gesprächspartner aus Jugendstrafvollzug und Polizei
darin, dass der leichte Zugang der Jugendlichen zu Feuerwaffen (neben den immer härteren
Drogen) ein Hauptproblem sei. Auch hier würde der Vergleich mit dem deutschen Waffenrecht
zuungunsten der amerikanischen Rechtslage ausfallen.
Auch bei der Polizei von Seattle war ich beeindruckt von ihren Anstrengungen, mit den
Communities in Kontakt zu treten. Ein Polizeibeamter, der früher Sozialarbeiter war, Women
Studies studiert hatte und wegen der Behandlung „seiner Jungs“ zur Polizei ging, ist sicher
nicht ein typisches Beispiel, jedoch ein ermutigendes. Schlaglichter aus der Arbeit sind:
Ehemalige (sozusagen geläuterte) Gang-Mitglieder arbeiten mit gefährdeten Kids; man sucht
nach Beschäftigungsmöglichkeiten für sie als Alternative zu einer kriminellen Karriere; nach
Einbruchsproblemen in einem Viertel wird in einem Gemeinschaftstreffen vor Ort über
Maßnahmen nachgedacht; es gibt (präventive) Hausbesuche; an Schulen arbeiten
Präventionsbeamte, gerade als Mentoren für Afro-Amerikaner; bei der Polizei gibt es Komitees
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 8
und Experten für die verschiedenen ethnischen Gruppen (die häufig die Besorgnis äußern, dass
ihre Leute von der Polizei schlechter behandelt werden) sowie Beiräte zu den verschiedenen
Kulturgruppen, damit die Polizeibeamten mehr über diese wissen und sich besser in die
Perspektive der Gruppenangehörigen versetzen können. Im Gedächtnis geblieben sind mir
besonders einige Grundsätze: Es wäre dumm, wenn man als Polizeibeamter denken würde, die
Probleme alleine zu lösen – dazu braucht man eben die Leute im Stadtteil. Und außerdem:
Früher dachten viele, es wäre am fairsten „farbenblind“ zu sein, der beste Weg jedoch ist, sich
der unterschiedlichen Lagen bewusst zu sein. Schließlich das typisch amerikanische
optimistische Prinzip: There is no problem that cannot be solved (Es gibt kein Problem, dass
nicht gelöst werden kann).
Die
Flyer
der
Beiräte
für
Philippinos,
Latinos,
Muslims/Sikhs/Araber
und
LGBTQ
(lesbian/gay/bisexual/transgender/queer) beim Seattle Police Department – siehe: www.seattle.gpv/police/programs/advisory
Natürlich wissen wir, dass es auch andere Polizeibeamte gibt – und auf unserer Reise
wurde auch offen geäußert, dass nicht alle sensibel und ohne ethnische Vorurteile mit
Jugendlichen umgehen (das wurde bei dem – übrigens auch ethnisch sehr divers
zusammengesetzten – Jugendrat des Bürgermeisters von Seattle – Mayor’s Youth Council,
www.seattle.gov/mayor/myc/ – auch klar gesagt). Damit man Beamte auch wirklich im
Einzelfall zur Verantwortung ziehen kann, werden Polizeieinsätze aufgezeichnet. Ein Problem
stellt außerdem noch die Rekrutierung von people of color dar, da die traditionell über die
Familientraditionen irisch geprägte Polizei nicht immer ein gute Atmosphäre für Polizisten aus
Minderheitengruppen biete.
Nicht nur bei unseren Gespräche, sondern auch beim Fernsehen im Hotelzimmer und
in den US-Zeitungen konnten man die aktuellen Debatten über ethnische Gleichstellung
verfolgen: Während unseres Aufenthalts gab es die Anhörungen und dann die Ernennung von
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 9
Sonia Sotomayor zum ersten Mitglied mit Hispanic-Hintergrund beim Obersten Gerichtshof
(Superme Court) der Vereinigten Staaten. Und als ich in Seattle durch das Programm zappte,
waren überall Berichte, Kommentare und Glossen zu sehen über den sog. „Bier-Gipfel“
zwischen Präsident Obama, seinem Vize Biden sowie dem Polizeibeamten Crowley und dem
schwarzen Professor Gates. Crowley hatte Gates beim „Einbruch“ in Gates’ eigenes Haus
verhaftet, was Obama als „stupid“ bezeichnete, worauf er sich entschuldigen musste. Ein
satirischer TV-Beitrag wurde mit einem alten Löwenbräu-Werbespot illustriert, in dem drei
Anzugträger, einer davon Afro-Amerikaner, zuerst zusammen Basketball spielen und dann
genüsslich das Münchner Bier schlürfen (http://www.youtube.com/watch?v=iG3og36HaXU).
Dritte Station: New Orleans, Louisiana
Wieder ging es durch die halbe USA vom Nordwesten in den tiefen Süden – nach New
Orleans, Louisiana. Eine Stadt, deren Namen schon die französische Geschichte verrät (und
zeitweise war sie auch spanisch). Vielleicht am meisten von der multiethnischen Historie erfährt
man, wenn man sich einen der großen Friedhöfen mit den alten Gruften ansieht – was ich tat.
Das Hauptthema sind aber natürlich, fast genau vier Jahre nach dem Hurrikan Katrina,
die furchtbaren Folgen der Überschwemmung. Früher hatte die Stadt über 400.000 Einwohner,
jetzt aber nur 200.000-300.000, da die meisten der Flüchtlinge (noch) nicht zurückgekehrt sind.
Wenn man sich das Zentrum incl. des malerischen Französischen Viertels (mit der französischspanischen Architektur und den Bars und Cafes mit Live-Musik) ansieht – alles von den
Sturmfolgen so gut wie nicht betroffen –, dann kann man sich kaum vorstellen, wie verwüstet
noch Teile der niedrig gelegenen Armenviertel in der zu zwei Dritteln von Afro-Amerikanern
bewohnten Stadt sind.
Eine Botschaft, die unsere Gesprächspartner uns mitgaben, war: ‚Wir aus New Orleans
sind widerstandsfähige Leute. Aber: Im Fernsehen sieht man, was alles wiederaufgebaut ist, hier
vor Ort kann man sich aber auch einen Eindruck verschaffen, wie viel noch zu tun ist’:
• Wie viele noch nicht zurückgekehrt sind;
• wie viele leere Grundstücke – nur mit ein paar Treppenabsätzen als Reste der einstigen
Häuser – man sehen kann;
• wie viele Wohnwagen als Notbehausungen man antrifft;
• dass im Lower 9th Ward (dem am stärksten betroffenen Viertel) von fünf ehemaligen
Schulen nur eine wieder aufgemacht hat;
• dass die kommerzielle Infrastruktur wie z.B. McDonalds noch nicht zurückgekehrt ist (da
man erst auf die Rückkehr der potentiellen Kunden wartet – vielleicht ein Teufelskreis)
– all das zeigt, was alles noch an Wiederaufbauarbeit bleibt (siehe auch die beiden Bilder auf der
nächsten Seite).
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 10
Kritik an den Bundesbehörden und ihrer Bürokratie war überall zu hören (z.T auch
Enttäuschung bezüglich des Bürgermeisters Ray Nagin). Man war zwar der Armee dankbar,
doch sie kam erst viele Tage nach der Katastrophe. Die Bundesregierung versprach zwar bis zu
150.000 $ pro zerstörtem Haus, doch durch die Bürokratie, ein Verfahren mit z.T. ortsfremden
Inspektoren, die den Wert des zerstörten Hauses schätzen sollten, ist nur wenig Geld
angekommen (das war im Nachbarstatt Mississippi anders – der war aber auch zur Zeiten der
Katastrophe von der Partei des damaligen Präsidenten regiert, was bessere Beziehungen zur
Bundesebene bedeutete). Vieles wurde durch bürgerschaftliches Engagement, karitative und
besonders kirchliche Organisationen geleistet. Spektakulär war die Initiative „Make it right“
(http://www.makeitrightnola.org/) des Schauspielers Brad Pitt, der einfach zu einem Stadtrat
ging und sagte, er würde helfen und die finanziellen Lücken schließen. Dadurch wurden einige
ökologisch vorbildliche „Green Houses“ gebaut (vielleicht die ökologischsten in der ganzen
USA) – mit 5 Mio. $ sollen bis nächstes Jahr 150 Häuser so gebaut werden. Erst vor Kurzem
habe der neue Präsident Obama einen großen Scheck für die Stadt unterschrieben.
Unsere Frage war immer wieder, inwieweit dies ein „Rassenproblem“ sei. In den armen,
am meisten betroffenen Viertel war natürlich die Mehrheit schwarz, aber auch Weiße hätten
gelitten und im Nachbarstaat, wo die Hilfe besser ankam, seien auch vorwiegend Schwarze
betroffen, so hieß es.
Allgemein, so eine pessimistische Expertenstimme, könne man – hier und allgemein in
den USA – trotz Obama bezüglich der Gleichstellung der Afro-Amerikaner weniger
hoffnungsvoll sein als vor 40 Jahren am Anfang der Bürgerrechtsbewegung. Zwar hätten einige
Schwarze ökonomisch sozial zurückgefallene Weiße überholt, was Neid auslöse, aber für die
große Mehrheit der Schwarzen habe sich wenig geändert. Affirmative Action – also z.B.
Quoten für benachteiligte Minderheiten etwa beim Hochschulzugang – sei umstritten, ist aber
für Afro-Amerikaner weiter ein wichtiges Instrument. Es könne sinnvoll sein, solche
Fördermaßnahmen nicht an die Hautfarbe, sondern an den sozialen Status zu knüpfen. Schon
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 11
Martin Luther King habe gesagt, dass sich die Afro-Amerikaner und die armen Schichten aller
Hautfarben verbünden sollten.
Was man in New Orleans immer wieder hört und spürt: Die Hilfe, die kirchliche
Organisationen geben, und die Kraft, die der Glaube vielen vermittelt. Der Besuch eines
Gospel-Gottesdienstes in einer fast ausschließlich von Afro-Amerikanern besuchten Kirche
gab uns einen (ehrlich gesagt für mich zwiespältigen) Eindruck davon: Die
Begeisterungsfähigkeit und das Gemeinschaftsgefühl, aber auch ein beängstigt wirkende, den
Verstand fast betäubende Euphorie, etwa als eine ältere Frau von der Pfarrerin mit Öl gesalbt
wurde und fast in Trance fiel.
Auch von einer kirchlichen Organisation getragen war ein Trainingsprogramm für
Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen im sog. Cafe Reconcile (siehe Bild unten) – auf seine
Art cool und stylish dieser bunte, mit Kunstwerken der Kids ausgestattete Ort.
Eine weitere Trainingsmaßnahme für eine jüngere Zielgruppe ist das von einer Stiftung
der
Justiz
und
der
Polizei
getragene
Programm
Cops
for
Kids
(http://www.nopjf.org/programs/copsforkids.asp). Ein Slogan lautet: Character counts
(Charakter zählt). 150 Kinder zwischen 7 und 14 Jahren besuchen im Sommer acht Wochen
lang von Montag bis Freitag ein Camp, in dem sie lernen, Sport treiben und ihre Freizeit
gemeinsam verbringen – mit Lehrkräften, Trainern, besonders aber mit Polizisten, die sie nicht
nach Straftaten ausfragen sondern ihnen als Mentoren helfen (und nebenbei zeigen, ‚dass Cops
auch Menschen sind’). Normalerweise fallen gerade die afro-amerikanischen Schülern in den
Ferien zurück, weil sie in ihren Familien wenig Unterstützung erhalten können – hier hingegen
konnten sich viele verbessern. Die Warteliste ist lang und es ist immer wieder mühsam, Geld
und andere Unterstützung zu sammeln – Kirchen und Geschäfte aus der Gegend helfen.
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 12
Faszinierend sind die Persönlichkeiten, die solche Initiativen tragen (siehe z.B. Foto
rechts unten). Aber: Diese ermutigenden Programme leiden immer an Geldmangel und
erfahren von der öffentlichen Hand viel zu wenig Unterstützung. Die Stadt habe, so eine
Aussage aus dem Rathaus, bis vor dem Hurrikan Katrina kaum Programme für Jugendliche
angeboten, jetzt wird langsam über berufliche Schulen für Drop-Outs nachgedacht.
Schließlich erfahren wir, dass der Bedarf an Arbeitskräften für die Wiederaufbau zur
Einwanderung vieler Hispanics geführt hat (besonders aus Zentralamerika und Mexiko); eine
eigene Handelskammer für diese Gruppe bietet kostenlose Englischkurse und andere
Integrationshilfen an – unterstützt durch ein Bundesprogramm.
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 13
Vierte und letzte Station: Cleveland (Ohio)
Die letzte Station unser bewegten Reise war Cleveland am Eriesee, der eher wie ein Meer wirkt.
Eine Stadt, in der (wie im ganzen Bundesstaat Ohio) die relativ größte Gruppe deutsche
Vorfahren hat (kaum jemand spricht jedoch Deutsch).
Zufällig fand gerade ein Treffen jener Vereinigungen statt, die vor Ort
Besucherprogramme wie das unsere organisieren. Da nur wir als Besuchergruppe gerade da
waren, fühlte man sich ein bisschen wie die einzigen wilden Tiere bei einem Zoologenkongress.
Schnell kam man ins Gespräch. Zufällig zeigte sich, wie ähnlich die Diskurse über die
Ländergrenzen waren. Ich unterhielt mich mit einer Frau, die sich damit beschäftigte, wie die
Diversity Management-Programme (Gestaltung von Vielfalt – bez. aller Dimensionen: Gender,
Ethnie, sexuelle Orientierung, Alter, Behinderung etc), die es bisher eher auf der
Unternehmensebene gab, auch auf öffentliche Verwaltungen übertragen werden könnten – und
dazu wollte sie Deutschland besuchen (wir tauschten Visitenkarten aus).
Die Veranstaltung ging weiter mit Vorträgen und einem Film in einem riesigen IMAXKino innerhalb des beeindruckenden Great Lakes Science Center (http://www.glsc.org/). Und
hier wusste man als Grüner wieder einmal, warum man in der richtigen Partei war. Vor dem
Zentrum standen Sonnenkollektoren und ein großes Windrad, im Vortrag wurden die Vorteile
der Erneuerbaren Energien gepriesen und im Film sah man beeindruckende Bilder von der
Wiederaufzucht der durch Umweltverschmutzung fast ausgerottete riesige Störart in den
Großen Seen (außerdem ein Adlerjunges, das durch seine eigene Mutter vergiftet wurde, weil
sie ihm schwermetallverseuchte Fische in den Horst brachte) – siehe:
http://www.glsc.usgs.gov/main.php?content=research_sturgeon&title=Fish%20at%20Risk0&
menu=research_risk_fish.
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 14
Auch in Cleveland beschäftigte uns das Thema der Benachteiligung armer Jugendliche
gerade aus bestimmten Ethnien. Nur 32 % der Jugendlichen verlassen die Schule (High School)
ausreichend vorbereitet für das College, bei den Hispanics liegt der Anteil sogar nur bei 17 %
und bei den Afro-Amerikanern gar bei nicht mehr als 12 %. Gerade Jugendliche aus armen
Gegenden haben oft nicht die zureichende Unterstützung. Viele lassen sich hängen – wie etwa
ein Jugendlicher, der auf die Frage sagte, was er denn mit 21 Jahren tun werde: Tot oder im
Gefängnis. Genau dieser junge Mann habe es aber mit einem Förderprogramm
(www.ecitycleveland.com) geschafft, ein Stipendium zu bekommen und ist jetzt selber für das
Programm tätig. Junge Leute aus armen Familien werden im Alter von 14 bis 18 Jahren in
diesen Kurs aufgenommen und bekommen ein vielseitiges Training von Hausaufgabenhilfe
über Lebenskompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit und Zeitmanagement bis zur
Aufstellung eines Businessplanes. Fest angestellte Career Coaches begleiten die Jugendlichen als
Betreuer – Voraussetzung für diesen Job ist ein abgeschlossenes Studium, nicht unbedingt
jedoch im Bereich der Pädagogik (vielleicht ist solch eine Professionalisierung im Vergleich zu
den in Deutschland meist ehrenamtlich tätigen Mentoren eine überlegenswerte Alternative oder
Ergänzung). Finanziert wird die Curriculum zu 60 % von der Regierung, der Rest über
Stiftungen und Spenden. Die Gruppe, die sich uns vorstellt, alles schwarze adrette Männer oft
mit Krawatte (siehe Bild), wirkt musterschülerhaft. Eine Vertreterin des Projekts deutet an, dass
Jugendliche, die früher die Schule hassten und das Gegenteil von zielstrebig waren, diese
‚dunkle’ Vergangenheit heute ungern erwähnen würden. Das Programm ist durchaus den
Bedürfnissen der Teenager angepasst – z.B. was die Zeiten betrifft, die Möglichkeit
auszusteigen und wieder zu beginnen, aber auch etwa musikalische Aktivitäten.
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 15
Was in Cleveland auffällt, sind die vielen leeren Geschäftslokale in der Innenstadt. Die
Stadt versucht, etwas zur Förderung von Banken, Handel und Kleingewerbe zu tun.
Bemerkenswert ist, wie positiv über Einwanderung gesprochen wird. Natürlich sind Experten
aus dem Ausland gern gesehen, aber auch weniger Gebildete könnten ihre Talente zum Nutzen
der Stadt einbringen; denn wenn man eine Politik der offenen Tür propagiert, müsse diese für
alle gelten. Wissenschaftliche Studien würden zeigen, dass Neuankömmlinge den
Ortsansässigen keine Jobs wegnehmen, sondern vielmehr eine eigene Ökonomie aufbauen und
damit neue Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen. Cleveland müsse noch mehr tun, um
Zuwanderung anzuziehen – weiter sei Chicago mit seinem Konzept „Global Chicago“
(http://www.globalchicago.org). In diesem Zusammenhang fällt der mir sehr sympathische
Begriff eines „International Welcome Center“, das etwa Investoren und Talente anlocken und
Einwandernden bei der Suche nach Sprachkursen, bei der Unternehmensgründung, aber auch
bei der Einschulung ihrer Kinder helfen könnte (letzteres ist ja meine berufliche Tätigkeit im
„Internationalen Beratungszentrum“ in München). Einzelheiten dazu las ich nach meiner
Rückkehr im Internet bei jener Zeitung, die wir in Cleveland besucht hatten (und bei der mir
auffiel, dass sie über ein eigenes Ressort für ethnische Gruppen verfügt):
http://www.cleveland.com/news/plaindealer/robert_smith/index.ssf?/base/opinion/1250152
426216270.xml&coll=2.
Sehr freundlich war der Empfang einer Initiative für den interreligiösen Dialog (InterAct
Cleveland - InterReligious Partners in Action of Greater Cleveland http://www.interactcleveland.org), die wir in einer Episkopalenkirche trafen. Verschiedene
christliche Konfessionen, Juden, Hindus, Muslime und Buddhisten versammelten sich hier
gemeinsam mit uns in einem Kreis (siehe Bild unten). Doch so viele Kilometer von Zuhause
wirkte auf mich die Situation doch so ähnlich: Der interreligiöse Dialog unter den
Wohlmeinenden, Toleranten, Gebildeten funktionierte, doch jene Schichten, bei denen sich oft
Ressentiments finden und die der Aufklärung bedürfen, werden eher selten erreicht. Cleveland
sei letztlich eine religiös sehr segregierte Stadt, hieß es. An meine Heimatstadt wurde ich hier
übrigens erinnert, als der hoch gebildete muslimische Vertreter den FC Bayern München als
besten Verein der Welt bezeichnete (worauf ich ihm natürlich versprach, bei einem etwaigen
Münchenbesuch Karten für die Allianz-Arena zu besorgen).
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 16
Das erste Mal in den USA besuchten wir in Cleveland eine Moschee – schön und
repräsentativ, aber – nicht unähnlich dem Freimanner Zentrum in München – recht weit
außerhalb gelegen. Wie fast überall hörten wir ein Lob der großen religiösen Freiheit in den
USA. Ältere Muslime nannten als einziges Problem in ihren Biografien, dass man nicht immer
vom Arbeitgeber für das Freitagsgebet frei bekommen hätte. Und auch nach dem 11.
September hätte es nur kurzzeitig Anfeindungen gegeben. Heute merke man nur bei den
Grenzkontrollen noch eine besondere Behandlung.
Unsere letzte Station war ein türkischer Verein – der natürlich auch die Freiheit der
Religionsausübung sehr schätzte. Weniger politisches Engagement (hier wollte man tunlichst
neutral bleiben) als vielmehr kulturelle Gemeinschaftsaktivitäten bilden den Zweck dieses
Zusammenschlusses. Interessant waren die Antworten diese akademischen Zirkels auf die
Frage, warum diese türkischen Experten eher in die Vereinigten Staaten als nach Deutschland,
wo es ja eine weit größere türkische Community gibt, ausgewandert seien. Zu viele starre
Regeln gebe es in Deutschland, die Sprache sei schwer und die Technologie nicht ganz so
fortgeschritten wie in den Vereinigten Staaten – und so willkommen fühle man sich in
Deutschland auch nicht. Und außerdem: Mit der doppelten Staatsbürgerschaft habe in der USA
auch niemand ein großes Problem. Aus der Ferne erschienen mir unsere sehr verkrampften
Debatten darüber – mit Verlaub – ein bisschen provinziell.
International Visitor Leadership Program – 27.7.-8.8.09
Politische Bilanz einer Reise von Dr. phil. Florian Roth, Stadtrat München für DIE GRÜNEN, http://www.florian-roth.com, 17
Danksagungen
Mir bleibt nur, mich für diese Reise, in der ich so viele neue Eindrücke gewonnen habe (und
hier habe ich ja nur jene des offiziellen Programms aufgezählt), herzlich zu bedanken – für die
einmalige Chance, für die Mühen der Organisation und natürlich für die Finanzierung. Mein
Dank gilt deshalb:
• Zuerst dem amerikanischen Steuerzahler für die zur Verfügung gestellten Finanzmittel.
• Dann dem State Department – stellvertretend Rachel F. Russel (ganz links im
Gruppenbild unten) – und den vielen Organisatoren vor Ort für die Fülle des
Programms.
• Besonders unseren beiden „Interpreters“ (die nicht nur wunderbare Dolmetscherinnen
waren, sondern Begleiterinnen und Helferinnen in fast allen Lebenslagen) für ihre Mühe
und Geduld: Irmgard Smadi und Pauline Wimmer.
• Der US-Botschaft in Deutschland und dem Generalkonsulat in München dafür, mich
für dies Programm nominiert zu haben.
• Last but not least: Frau Dr. Nina Gartz von US-Generalkonsulat in München, die mir
bei der sehr kurzfristigen Organisation meines Trips unermüdlich half.
Herunterladen