Skript zur Vorlesung Logik in der Informatik

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Logik in der Informatik
Vorlesung im Wintersemester
Prof. Dr. Nicole Schweikardt
Lehrstuhl Logik in der Informatik
Institut für Informatik
Humboldt-Universität zu Berlin
Große Teile dieses Skripts basieren auf den Unterlagen zu der von
Prof. Dr. Martin Grohe im Wintersemester 2011/12 an der HU Berlin
gehaltenen Vorlesung Logik in der Informatik“
”
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
5
1.1 Von der Bibel bis zu den Simpsons . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2 Logik in der Informatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
2 Aussagenlogik
2.1 Syntax und Semantik . . . . . .
2.2 Aussagenlogische Modellierung .
2.3 Äquivalenz und Adäquatheit . .
2.4 Normalformen . . . . . . . . . .
2.5 Der Endlichkeitssatz . . . . . .
2.6 Resolution . . . . . . . . . . . .
2.7 Erfüllbarkeitsalgorithmen . . . .
2.8 Hornformeln . . . . . . . . . . .
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3 Logik erster Stufe
3.1 Strukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.2 Terme der Logik erster Stufe . . . . . . . . . .
3.3 Syntax der Logik erster Stufe . . . . . . . . .
3.4 Semantik der Logik erster Stufe . . . . . . . .
3.5 Beispiele für Formeln der Logik erster Stufe in
Anwendungsbereichen . . . . . . . . . . . . .
3.6 Logik und Datenbanken . . . . . . . . . . . .
3.7 Äquivalenz von Formeln der Logik erster Stufe
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19
19
44
50
62
71
75
86
93
101
. 101
. 115
. 117
. 121
. . . . . . . .
. . . . . . . .
. . . . . . . .
. . . . . . . .
verschiedenen
. . . . . . . . . 138
. . . . . . . . . 142
. . . . . . . . . 149
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
3.8 Ehrenfeucht-Fraı̈ssé-Spiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
3.9 Erfüllbarkeit, Allgemeingültigkeit und die Folgerungsbeziehung 170
3.10 Normalformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
4 Grundlagen des automatischen Schließens
4.1 Kalküle und Ableitungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.2 Ein Beweiskalkül für die Logik erster Stufe — der Vollständigkeitssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.3 Der Endlichkeitssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.4 Die Grenzen der Berechenbarkeit . . . . . . . . . . . . . . .
4.5 Der Satz von Herbrand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.6 Automatische Theorembeweiser . . . . . . . . . . . . . . . .
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185
203
210
221
232
5 Logik-Programmierung
5.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . .
5.2 Syntax und deklarative Semantik von
5.3 Operationelle Semantik . . . . . . . .
5.4 Logik-Programmierung und Prolog .
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235
235
238
253
271
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. . . . . . . . . . .
Logikprogrammen
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177
. 178
Kapitel 1
Einleitung
1.1
Von der Bibel bis zu den Simpsons
Folie 1
Logik
• altgriechisch logos“: Vernunft
”
• die Lehre des vernünftigen Schlussfolgerns
• Teilgebiet u.a. der Disziplinen Philosophie, Mathematik und
Informatik
• zentrale Frage:
Wie kann man Aussagen miteinander verknüpfen, und auf
welche Weise kann man formal Schlüsse ziehen und
Beweise durchführen?
Folie 2
Das Lügnerparadoxon von Epimenides
Brief des Paulus an Titus 1:12-13:
Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet:
Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche.
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Angenommen, die Aussage des Propheten ist wahr.
Da der Prophet selbst Kreter ist, lügt er also immer (und ist ein böses
Tier und ein fauler Bauch). Dann hat er aber insbesondere in dem
Satz Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche“
”
gelogen. D.h. die Aussage des Propheten ist nicht wahr.
Dies ist ein Widerspruch!
Angenommen, die Aussage des Propheten ist falsch.
Dann gibt es Kreter, die nicht immer Lügner, böse Tiere und faule
Bäuche sind. Dies stellt keinen Widerspruch dar.
Insgesamt wissen wir also, dass der Prophet in seiner obigen Aussage
nicht die Wahrheit gesagt hat.
Folie 3
Protagoras und sein Student Euthalus vor Gericht
Protagoras (490 – 420 v.Chr.)
Quelle: http://www.greatthoughtstreasury.com/author/protagoras
Euthalus studierte die Kunst der Argumentation beim Meister
Protagoras, um Anwalt zu werden.
Er vereinbart mit Protagoras, die Gebühren für den Unterricht
zu bezahlen, sobald er seinen ersten Prozess gewonnen hat.
Aber dann zögert Euthalus seine Anwaltstätigkeit immer weiter
hinaus, und schließlich beschließt Protagoras, seine Gebühren
einzuklagen.
Euthalus verteidigt sich selbst . . .
Folie 4
Protagoras denkt:
Wenn ich den Prozess gewinne, muss Euthalus gemäß
Gerichtsbeschluss zahlen.
Wenn ich den Prozess verliere, muss Euthalus gemäß unserer
Vereinbarung zahlen, da er dann seinen ersten Prozess gewonnen hat.
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Euthalus denkt:
Wenn ich den Prozess gewinne, muss ich gemäß Gerichtsbeschluss
nicht zahlen.
Wenn ich den Prozess verliere, muss ich gemäß unserer Vereinbarung
nicht zahlen.
Folie 5
Achilles und die Schildkröte
Achilles und die Schildkröte laufen ein Wettrennen. Achilles
gewährt der Schildkröte einen Vorsprung. Zenon behauptet, dass
Achilles die Schildkröte niemals einholen kann.
Zenon von Elea (490 – 425 v.Chr.) Quelle: http:
//aefucr.blogspot.de/2008/04/resolucin-de-la-paradoja-de-zenn-de.html
Zenons Begründung: Zu dem Zeitpunkt, an dem Achilles den Startpunkt
der Schildkröte erreicht, ist die Schildkröte schon ein Stück weiter.
Etwas später erreicht Achilles diesen Punkt, aber die Schildkröte ist
schon etwas weiter. Wenn Achilles diesen Punkt erreicht, ist die
Schildkröte wieder etwas weiter. So kann Achilles zwar immer näher
an die Schildkröte herankommen, sie aber niemals einholen.
Folie 6
Auflösung durch die Infinitesimalrechnung:
Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646 – 1716)
und Isaac Newton (1643 – 1727)
Quelle: http://www-history.mcs.st-and.ac.uk/PictDisplay/Leibniz.html
und Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_Newton
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Bemerkung. Aristoteles Auflösung dieses Paradoxons besteht darin, zu
postulieren, dass man Strecken nicht unendlich Teilen kann. Aber auch
ohne diese Annahme kann man das Paradoxon leicht mit Hilfe der
Infinitesimalrechnung auflösen, denn die immer kürzer werdenden Strecken
können insgesamt in beschränkter Zeit zurückgelegt werden.
Leibniz und Newton waren die Begründer der Infinitesimalrechnung.
Folie 7
Der Barbier von Sonnenthal
Im Städtchen Sonnenthal (in dem bekanntlich viele seltsame
Dinge passieren) wohnt ein Barbier, der genau diejenigen
männlichen Einwohner von Sonnenthal rasiert, die sich nicht
selbst rasieren.
Frage: Rasiert der Barbier sich selbst?
Angenommen, der Barbier rasiert sich selbst.
Da er ein männlicher Einwohner von Sonnenthal ist, der sich selbst
rasiert, wird er nicht vom Barbier rasiert. Aber er selbst ist der
Barbier. Dies ist ein Widerspruch!
Angenommen, der Barbier rasiert sich nicht selbst.
Da er in Sonnenthal wohnt und dort alle Einwohner rasiert, die sich
nicht selbst rasieren, muss er sich rasieren. Dies ist ein Widerspruch!
Die Anfänge der formalen Logik
Folie 8
Aristoteles’ Syllogismen
Die folgende Schlussweise ist aus rein formalen Gründen korrekt.
Annahme 1:
Annahme 2:
Folgerung:
Alle Menschen sind sterblich.
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich.
Diese Art von Schluss und eine Reihe verwandter Schlussweisen nennt man
Syllogismen.
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Annahme 1:
Annahme 2:
Folgerung:
Alle A sind B.
C ist ein A.
Also ist C B.
Folie 9
Beispiele
Annahme 1: Alle Borg sind assimiliert worden.
Annahme 2: Seven of Nine ist eine Borg.
Folgerung: Also ist Seven of Nine assimiliert worden.
Annahme 1:
Annahme 2:
Folgerung:
Alle Substitutionschiffren sind
anfällig gegen Brute-Force-Angriffe.
Der Julius-Cäsar-Chiffre ist ein Substitutionschiffre.
Also ist der Julius-Cäsar-Chiffre anfällig
gegen Brute-Force-Angriffe.
Folie 10
Aristoteles (384 - 322 v.Chr.)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles
Folie 11
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Ein komplizierterer formaler Schluss
Annahme 1:
Annahme 2:
Annahme 3:
Folgerung:
Es gibt keine Schweine, die fliegen können.
Alle Schweine sind gefräßige Tiere.
Es gibt Schweine.
Also gibt es gefräßige Tiere, die nicht fliegen können.
Die Form des Schlusses ist:
Annahme 1:
Annahme 2:
Annahme 3:
Folgerung:
Es gibt keine A, die B (sind).
Alle A sind C.
Es gibt A.
Also gibt es C, die nicht B (sind).
Folie 12
Charles Lutwidge Dodgson a.k.a. Lewis Carroll (1838 – 1898)
Quelle: http://en.wikiquote.org/wiki/Lewis_Carroll
“Contrariwise,” continued Tweedledee, “if it was so, it might be;
and if it were so, it would be; but as it isn’t, it ain’t.
That’s logic.”
aus: Alice in Wonderland
Folie 13
Nicht jeder formale Schluss ist korrekt
Annahme 1:
Annahme 2:
Folgerung:
Es gibt Vögel, die fliegen können.
Es gibt keine fliegenden (Tiere),
die Klavier spielen können.
Also gibt es keine Vögel, die Klavier spielen können.
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Kein korrekter Schluss, auch wenn in diesem Fall die Folgerung wahr ist.
Der folgende, offensichtlich falsche, Schluss hat dieselbe Form:
Annahme 1:
Annahme 2:
Folgerung:
Es gibt Menschen, die stumm sind.
Es gibt keine stummen (Lebewesen),
die sprechen können.
Also gibt es keine Menschen, die sprechen können.
Folie 14
Aber wie merkt man es?
Man kann einen falschen Schluss entlarven, indem man einen formal
gleichen Schluss findet, der klar falsch ist.
Annahme 1:
Annahme 2:
Folgerung:
Erbeeren schmecken gut.
Schlagsahne schmeckt gut.
Also schmecken Erdbeeren mit Schlagsahne gut.
Aber:
Annahme 1:
Annahme 2:
Folgerung:
Pizza schmeckt gut.
Schlagsahne schmeckt gut.
Also schmeckt Pizza mit Schlagsahne gut.
Folie 15
Wasons Auswahlaufgabe (Wason’s selection task)1
Uns stehen vier Karten der folgenden Art zur Verfügung:
Auf jeder Karte steht auf der Vorderseite eine Ziffer zwischen 0 und 9. Die
Rückseite jeder Karte ist komplett rot oder komplett blau.
Wir sehen Folgendes:
1
benannt nach Peter Cathcart Wason (1924–2003, Kognitiver Psychologe, London);
in Wasons ursprünglicher Version der Auswahlaufgabe handelt es sich um Karten, deren
Vorderseiten Buchstaben und deren Rückseiten Ziffern enthalten, und die Hypothese ist
Wenn auf der Vorderseite der Karte ein Vokal steht, dann steht auf der Rückseite eine
”
gerade Zahl“
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Jemand hat folgende Hypothese aufgestellt:
Wenn auf der Vorderseite eine gerade Zahl steht,
dann ist die Rückseite rot.
Welche Karte(n) müssen Sie umdrehen, um zu überprüfen, ob die
Hypothese stimmt?
Folie 16
Und was sagen die Simpsons?
Homer:
Quelle:
http:
//en.wikipedia.org/
wiki/Simpson_family
1.2
Not a bear in sight. The Bear Patrol
must be working like a charm.
Lisa:
That’s specious reasoning, Dad.
Homer: Thank you, dear.
Lisa:
By your logic I could claim that
this rock keeps tigers away.
Homer: Oh, how does it work?
Lisa:
It doesn’t work.
Homer: Uh-huh.
Lisa:
It’s just a stupid rock.
Homer: Uh-huh.
Lisa:
But I don’t see any tigers around,
do you?
(Pause)
Homer: Lisa, I want to buy your rock.
[Lisa refuses at first, then takes the exchange]
Logik in der Informatik
Folie 17
Die Rolle der Logik in der Informatik
Halpern, Harper, Immerman, Kolaitis, Vardi, Vianu (2001):
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 12
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Concepts and methods of logic occupy a central place in
computer science, insomuch that logic has been called
“the calculus of computer science”.
aus: On the unusual effectiveness of logic in computer science, Bulletin of
Symbolic Logic 7(2): 213-236 (2001)
Folie 18
Anwendungsbereiche der Logik in der Informatik
• Repräsentation von Wissen (z.B. im Bereich der künstlichen
Intelligenz)
[siehe Kapitel 2 und 3]
• Grundlage für Datenbank-Anfragesprachen
[siehe Kapitel 3]
• Bestandteil von Programmiersprachen
(z.B. um Bedingungen in IF-Anweisungen zu formulieren)
[siehe Kapitel 2]
• automatische Generierung von Beweisen
(so genannte Theorembeweiser )
[siehe Kapitel 4]
• Verifikation von
– Schaltkreisen (Ziel: beweise, dass ein Schaltkreis bzw. Chip
richtig“ funktioniert)
”
– Programmen (Ziel: beweise, dass ein Programm gewisse
wünschenswerte Eigenschaften hat)
– Protokollen (Ziel: beweise, dass die Kommunikation zwischen
zwei Agenten“, die nach einem gewissen Protokoll abläuft,
”
sicher“ ist — etwa gegen Abhören oder Manipulation durch
”
dritte; Anwendungsbeispiel: Internet-Banking)
• Logik-Programmierung
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[siehe folgende Folien und Kapitel 5]
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Einführung in die Logik-Programmierung
Folie 19
Was“ statt Wie“ am Beispiel von Tiramisu
”
”
Tiramisu — Deklarativ
Aus Eigelb, Mascarpone und in Likör und Kaffee getränkten Biskuits hergestellte
cremige Süßspeise
(aus: DUDEN, Fremdwörterbuch, 6. Auflage)
Tiramisu — Imperativ
1/4 l Milch mit 2 EL Kakao und 2 EL Zucker aufkochen. 1/4 l starken Kaffee
und 4 EL Amaretto dazugeben.
5 Eigelb mit 75 g Zucker weißschaumig rühren, dann 500 g Mascarpone
dazumischen.
ca 200 g Löffelbiskuit.
Eine Lage Löffelbiskuit in eine Auflaufform legen, mit der Flüssigkeit tränken
und mit der Creme überziehen. Dann wieder Löffelbiskuit darauflegen, mit der
restlichen Flüssigkeit tränken und mit der restlichen Creme überziehen.
Über Nacht im Kühlschrank durchziehen lassen und vor dem Servieren mit
Kakao bestäuben.
(aus: Gisela Schweikardt, handschriftliche Kochrezepte)
Folie 20
Der große Traum der Informatik
Imperative Vorgehensweise:
Beschreibung, wie das gewünschte Ergebnis erzeugt wird . . . . . . . . . . . . . . . . Wie“
”
Deklarative Vorgehensweise:
Beschreibung der Eigenschaften des gewünschten Ergebnisses . . . . . . . . . . . . Was“
”
Traum der Informatik:
Möglichst wenig wie“, möglichst viel was“
”
”
D.h.: Automatische Generierung eines Ergebnisses aus seiner Spezifikation
Realität:
Datenbanken: Deklarative Anfragesprache ist Industriestandard (SQL)
Software-Entwicklung: Generierungs-Tools
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Programmiersprachen: Logik-Programmierung, insbes. Prolog
ABER: Imperativer Ansatz überwiegt in der Praxis
Folie 21
Logik-Programmierung
• Logik-Programmierung bezeichnet die Idee, Logik direkt als
Programmiersprache zu verwenden.
• Logik-Programmierung (in Sprachen wie Prolog) und die verwandte
funktionale Programmierung (in Sprachen wie LISP, ML, Haskell )
sind deklarativ,
im Gegensatz zur imperativen Programmierung (in Sprachen wie Java,
C, Perl ).
• Die Idee er deklarativen Programmierung besteht darin, dem
Computer lediglich sein Wissen über das Anwendungsszenario und
sein Ziel mitzuteilen und dann die Lösung des Problems dem
Computer zu überlassen.
Bei der imperativen Programmierung hingegen gibt man dem
Computer die einzelnen Schritte zur Lösung des Problems vor.
Folie 22
Prolog
• Prolog
– ist die wichtigste logische Programmiersprache,
– geht zurück auf Kowalski und Colmerauer
(Anfang der 1970er Jahre, Marseilles),
– steht für (franz.) Programmation en logique.
– Mitte/Ende der 1970er Jahre: effiziente Prolog-Implementierung
durch den von Warren (in Edinburgh) entwickelten Prolog-10
Compiler.
• Aus Effizienzgründen werden in Prolog die abstrakten Ideen der
logischen Programmierung nicht in Reinform umgesetzt, Prolog hat
auch nichtlogische“ Elemente.
”
Version vom 1. Dezember 2016
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Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
• Prolog ist eine voll entwickelte und mächtige Programmiersprache, die
vor allem für symbolische Berechnungsprobleme geeignet ist.
Folie 23
Anwendungen
Die wichtigsten Anwendungsgebiete sind die künstliche Intelligenz und die
Computerlinguistik.
Beispiele. Das Interface für natürliche Sprache
• in der International Space Station wurde von der NASA
• beim IBM Watson System, das in 2011 die Jeopardy! Man vs.
Machine Challenge gewonnen hat, wurde
in Prolog implementiert.
Mehr Informationen dazu finden sich z.B. unter
https://sicstus.sics.se/customers.html und
http://www.cs.nmsu.edu/ALP/2011/03/
natural-language-processing-with-prolog-in-the-ibm-watson-system/
Folie 24
Learn Prolog Now!
Im Rahmen der Übungsaufgaben zur Vorlesung werden wir jede Woche eins
der 12 Kapitel des Buchs
Learn Prolog Now!“ von Patrick Blackburn, Johan Bos und
”
Kristina Striegnitz (Kings College Publications, 2006)
. . . auch erhältlich als Online-Kurs unter
http://www.learnprolognow.org
durcharbeiten. Als Unterstützung dazu gibt es jede Woche eine 2-stündige
Prolog-Übung.
Am Ende des Semesters, in Kapitel 5, werden wir von Prolog abstrahieren
und uns die Grundprinzipien der Logik-Programmierung anschauen.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 16
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Auflösung zu Wasons Auswahlaufgabe:
Die Karte mit der 4“ und die blaue Karte müssen umgedreht werden.
”
Begründung:
• Falls die Rückseite der Karte mit der 4“ nicht rot ist, so haben wir
”
ein Gegenbeispiel zur Hypothese gefunden und damit die Hypothese
widerlegt.
• Falls die Vorderseite der blauen Karte eine gerade Zahl enthält, haben
wir ein Gegenbeispiel zur Hypothese gefunden und damit die
Hypothese widerlegt.
• Die Karte mit der 7“ brauchen wir nicht umzudrehen, da die
”
Hypothese keine Aussage über die Rückseite von Karten mit
ungeraden Ziffern macht.
• Die rote Karte brauchen wir nicht umzudrehen, da die Hypothese
keine Aussage über die Vorderseite von Karten mit roter Rückseite
macht.
Version vom 1. Dezember 2016
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Version vom 1. Dezember 2016
Seite 18
Kapitel 2
Aussagenlogik
2.1
Syntax und Semantik
Folie 25
Aussagen
Die Frage Was ist eigentlich ein Wort?“ ist analog der Was ist eine
”
”
Schachfigur?“
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen
• Aussagen (im Sinne der Aussagenlogik) sind sprachliche Gebilde, die
entweder wahr oder falsch sind.
• Aussagen können mit Junktoren wie nicht, und, oder oder wenn . . .
dann zu komplexeren Aussagen verknüpft werden.
• Aussagenlogik beschäftigt sich mit allgemeinen Prinzipien des
korrekten Argumentierens und Schließens mit Aussagen und
Kombinationen von Aussagen.
Folie 26
Version vom 1. Dezember 2016
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Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951)
Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Wittgenstein
Folie 27
Beispiel 2.1 (Geburtstagsfeier).
Fred möchte mit möglichst vielen seiner Freunde Anne, Bernd, Christine,
Dirk und Eva seinen Geburtstag feiern. Er weiß Folgendes:
Wenn Bernd und Anne beide zur Party kommen, dann wird Eva auf keinen
Fall kommen. Und Dirk wird auf keinen Fall kommen, wenn Bernd und Eva
beide zur Feier kommen. Aber Eva kommt allenfalls dann, wenn Christine
und Dirk kommen. Andererseits kommt Christine nur dann, wenn auch
Anne kommt. Anne wiederum wird nur dann kommen, wenn auch Bernd
oder Christine dabei sind.
Frage: Wie viele Freunde (und welche) werden im besten Fall zur Party
kommen?
Folie 28
Das Wissen, das in dem Text wiedergegeben ist, lässt sich in atomare
”
Aussagen“ zerlegen, die mit Junktoren verknüpft werden können.
Die atomaren Aussagen, um die sich der Text dreht, kürzen wir
folgendermaßen ab:
A
B
C
D
E
:
:
:
:
:
Anne kommt zur Feier
Bernd kommt zur Feier
Christine kommt zur Feier
Dirk kommt zur Feier
Eva kommt zur Feier
Das im Text zusammengefasste Wissen lässt sich wie folgt repräsentieren.
Folie 29
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 20
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
(1) Wenn Bernd und Anne beide zur Party kommen, dann wird Eva auf
keinen Fall kommen.
kurz: Wenn (B und A), dann nicht E
kürzer: (B ∧ A) → ¬E
(2) Dirk wird auf keinen Fall kommen, wenn Bernd und Eva beide zur
Feier kommen.
kurz: Wenn (B und E), dann nicht D
kürzer: (B ∧ E) → ¬D
(3) Eva kommt allenfalls dann, wenn Christine und Dirk kommen.
kurz: Wenn E, dann (C und D)
kürzer: E → (C ∧ D)
(4) Christine kommt nur dann, wenn auch Anne kommt.
kurz: Wenn C, dann A
kürzer: C → A
(5) Anne kommt nur dann, wenn auch Bernd oder Christine dabei sind.
kurz: Wenn A, dann (B oder C)
kürzer: A → (B ∨ C)
Folie 30
Syntax und Semantik
Syntax: legt fest, welche Zeichenketten Formeln der Aussagenlogik sind
Semantik: legt fest, welche Bedeutung“ einzelne Formeln haben
”
Dies ist analog zur Syntax und Semantik von Java-Programmen:
Die Syntax legt fest, welche Zeichenketten Java-Programme sind, während
die Semantik bestimmt, was das Programm tut.
Zur Verdeutlichung werden wir im Folgenden syntaktische Objekte oft in
orange darstellen, während wir semantische Aussagen in grün angeben.
Syntax der Aussagenlogik
Folie 31
Definition 2.2. Ein Aussagensymbol (oder eine Aussagenvariable, kurz:
Variable) hat die Form Ai für ein i ∈ N.
Die Menge aller Aussagensymbole bezeichnen wir mit AS, d.h.
AS = {Ai : i ∈ N} = {A0 , A1 , A2 , A3 , . . . }
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Seite 21
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Aussagenlogische Formeln sind Wörter, die über dem folgenden Alphabet
gebildet sind.
Definition 2.3. Das Alphabet der Aussagenlogik besteht aus
• den Aussagesymbolen in AS,
• den Junktoren ¬, ∧, ∨, →,
• den booleschen Konstanten 0, 1,
• den Klammersymbolen (, ).
Wir schreiben AAL , um das Alphabet der Aussagenlogik zu bezeichnen, d.h.
AAL := AS ∪ { ¬, ∧, ∨, →, 0, 1, (, ) }
Bemerkung. Wir haben hier festgelegt, dass es abzählbar unendlich viele
Aussagensymbole gibt.
Zur Erinnerung:
Eine Menge M heißt abzählbar unendlich, wenn sie unendlich ist und ihre
Elemente sich in der Form m0 , m1 , m2 , . . . aufzählen lassen. Formal heißt M
genau dann abzählbar unendlich, wenn es eine bijektive Abbildung von der
Menge N = {0, 1, 2, . . .} der natürlichen Zahlen auf die Menge M gibt. Eine
Menge M heißt abzählbar, wenn sie entweder endlich oder abzählbar
unendlich ist. Eine Menge M heißt überabzählbar, wenn sie nicht abzählbar
ist.
Beispiele.
• Die Menge N ist abzählbar unendlich.
• Ist A eine abzählbare Menge, so ist die Menge A∗ aller endlichen
Wörter über dem Alphabet A abzählbar. Ist etwa A = {a0 , a1 , a2 , . . .},
so können wir eine Aufzählung von A∗ wie folgt beginnen:
ε (das leere Wort)
a0 ,
a1 , a0 a0 , a0 a1 , a1 a0 , a1 a1 ,
a2 , a0 a2 , a2 a0 , a1 a2 , a2 a1 , a2 a2 , a0 a0 a0 , a0 a0 a1 , a0 a0 a2 , . . . , a2 a2 a2
a3 , a0 a3 , . . . , a3 a3 a3 a3 ,
...
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 22
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
• Die Menge R aller reellen Zahlen ist überabzählbar.
• Ist M eine unendliche Menge, so ist die Potenzmenge
2M := {N | N ⊆ M } von M überabzählbar.
Bemerkung. Wir könnten die Aussagenlogik genausogut auf einer
überabzählbaren Menge von Aussagensymbolen aufbauen. Alles würde
genauso funktionieren, nur der Beweis des Kompaktheitssatzes (siehe
Abschnitt 2.5) würde komplizierter werden. Für die Anwendungen in der
Informatik reicht allerdings eine abzählbar unendliche Menge.
Folie 32
Definition 2.4 (Syntax der Aussagenlogik).
Die Menge AL der aussagenlogischen Formeln (kurz: Formeln) ist die
folgendermaßen rekursiv definierte Teilmenge von A∗AL :
Basisregeln: (zum Bilden der so genannten atomaren Formeln)
(B0) 0 ∈ AL
(B1) 1 ∈ AL
(BS) Für jedes Aussagensymbol Ai ∈ AS gilt: Ai ∈ AL
Rekursive Regeln:
(R1) Ist ϕ ∈ AL, so ist auch ¬ϕ ∈ AL (Negation)
(R2) Ist ϕ ∈ AL und ψ ∈ AL, so ist auch
• (ϕ ∧ ψ) ∈ AL (Konjunktion)
• (ϕ ∨ ψ) ∈ AL (Disjunktion)
• (ϕ → ψ) ∈ AL (Implikation)
Folie 33
Beispiele
• (¬A0 ∨ (A0 → A1 ))
∈ AL
• ¬ ((A0 ∧ 0) → ¬A3 )
∈ AL
• A1 ∨ A2 ∧ A3
• (¬A1 )
6∈ AL
6∈ AL
Folie 34
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 23
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Griechische Buchstaben
In der Literatur werden Formeln einer Logik traditionell meistens mit
griechischen Buchstaben bezeichnet.
Hier eine Liste der gebräuchlichsten Buchstaben:
Buchstabe
Aussprache
ϕ
phi
ψ
psi
Buchstabe
Aussprache
σ
sigma
Buchstabe
Aussprache
ε
epsilon
χ
chi
ρ
rho
ι
iota
θ bzw. ϑ
theta
ξ
xi
ζ
zeta
π
pi
λ
lambda
α
alpha
∆
Delta
µ
mü
β
beta
Γ
Gamma
ν
nü
τ
tau
γ
gamma
Σ
Sigma
κ
kappa
δ
delta
Π
Pi
ω
omega
Φ
Phi
Folie 35
Syntaxbäume
Die Struktur einer Formel lässt sich bequem in einem Syntaxbaum (englisch:
parse tree) darstellen.
Beispiel: Syntaxbaum der Formel (((A4 ∧ 1) ∨ ¬A5 ) → (A5 ∧ ¬(A4 ∧ 1)))
Ausführlich:
Kurzform:
→
(((A4 ∧ 1) ∨ ¬A5 ) → (A5 ∧ ¬(A4 ∧ 1)))
((A4 ∧ 1) ∨ ¬A5 )
(A4 ∧ 1)
A4
¬A5
1
∨
(A5 ∧ ¬(A4 ∧ 1))
A5
A5
∧
¬(A4 ∧ 1)
A4
(A4 ∧ 1)
A4
1
∧
¬
¬
A5
∧
1 A5
A4
1
Folie 36
Subformeln und eindeutige Lesbarkeit
• Jede Formel hat genau einen Syntaxbaum. Diese Aussage ist als das
Lemma über die eindeutige Lesbarkeit aussagenlogischer Formeln
bekannt.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 24
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• Die Formeln ψ, die im ausführlichen Syntaxbaum einer Formel ϕ als
Knotenbeschriftung vorkommen, nennen wir Subformeln (bzw.
Teilformeln) von ϕ.
• Eine Subformel ψ von ϕ kann an mehreren Knoten des Syntaxbaums
vorkommen. Wir sprechen dann von verschiedenen Vorkommen von ψ
in ϕ.
Semantik der Aussagenlogik
Folie 37
Vorüberlegung zur Semantik
• Eine aussagenlogische Formel wird erst zur Aussage, wenn wir alle in
ihr vorkommenden Aussagensymbole durch Aussagen ersetzen.
• Wir interessieren uns hier nicht so sehr für die tatsächlichen
Aussagen, sondern nur für ihren Wahrheitswert, also dafür, ob sie
wahr oder falsch sind.
• Um das festzustellen, reicht es, den Aussagensymbolen die
Wahrheitswerte der durch sie repräsentierten Aussagen zuzuordnen.
• Die Bedeutung einer Formel besteht also aus ihren Wahrheitswerten
unter allen möglichen Wahrheitswerten für die in der Formel
vorkommenden Aussagensymbole.
Folie 38
Interpretationen (d.h. Variablenbelegungen)
Wir repräsentieren die Wahrheitswerte wahr und falsch durch 1 und 0.
Definition 2.5. Eine aussagenlogische Interpretation (kurz: Interpretation
oder Belegung) ist eine Abbildung
I : AS → {0, 1}.
D.h.: I belegt“ jedes Aussagensymbol X ∈ AS mit einem der beiden
”
Wahrheitswerte 1 (für wahr“) oder 0 (für falsch“); und I(X) ist der
”
”
Wahrheitswert, mit dem das Aussagensymbol X belegt wird.
Folie 39
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 25
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Semantik der Aussagenlogik
Definition 2.6. Zu jeder Formel ϕ ∈ AL und jeder Interpretation I
definieren wir einen Wahrheitswert JϕKI rekursiv wie folgt:
Rekursionsanfang:
• J0KI := 0.
• J1KI := 1.
• Für alle X ∈ AS gilt: JXKI := I(X).
Rekursionsschritt:
(
1 falls JϕKI = 0,
• Ist ϕ ∈ AL, so ist J¬ϕK :=
0 sonst.
I
Folie 40
• Ist ϕ ∈ AL und ψ ∈ AL,
(
1
I
– J(ϕ ∧ ψ)K :=
0
(
0
– J(ϕ ∨ ψ)KI :=
1
(
0
I
– J(ϕ → ψ)K :=
1
so ist
falls JϕKI = JψKI = 1,
sonst.
falls JϕKI = JψKI = 0,
sonst.
falls JϕKI = 1 und JψKI = 0,
sonst.
Folie 41
Intuitive Bedeutung der Semantik
Boolesche Konstanten: 1 und 0 bedeuten einfach wahr“ und falsch“.
”
”
Aussagensymbole: Die Aussagensymbole stehen für irgendwelche
Aussagen, von denen uns aber nur der Wahrheitswert interessiert.
Dieser wird durch die Interpretation festgelegt.
Negation: ¬ϕ bedeutet nicht ϕ“.
”
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Konjunktion: (ϕ ∧ ψ) bedeutet ϕ und ψ“.
”
Disjunktion: (ϕ ∨ ψ) bedeutet ϕ oder ψ“.
”
Implikation: (ϕ → ψ) bedeutet ϕ impliziert ψ“ (oder wenn ϕ dann ψ“).
”
”
Folie 42
Rekursive Definitionen über Formeln
• Ähnlich wie Funktionen auf den natürlichen Zahlen, wie zum Beispiel
die Fakultätsfunktion oder die Fibonacci Folge, können wir
Funktionen auf den aussagenlogischen Formeln rekursiv definieren.
• Dabei gehen wir von den atomaren Formeln aus und definieren dann
den Funktionswert einer zusammengesetzten Formel aus den
Funktionswerten ihrer Bestandteile.
• Zur Rechtfertigung solcher Definitionen benötigt man die eindeutige
Lesbarkeit aussagenlogischer Formeln, die besagt, dass sich jede
Formel eindeutig in ihre Bestandteile zerlegen lässt.
• Wir haben auf diese Weise die Semantik definiert. Wir haben nämlich
für jede Interpretation I rekursiv eine Funktion J · KI : AL → {0, 1}
definiert.
Folie 43
Schematisch sieht die rekursive Definition einer Funktion f : AL → M
(für eine beliebige Menge M ) folgendermaßen aus:
Rekursionsanfang:
• Definiere f (0) und f (1).
• Definiere f (X) für alle X ∈ AS.
Rekursionsschritt:
• Definiere f (¬ϕ) aus f (ϕ).
• Definiere f ((ϕ ∧ ψ)) aus f (ϕ) und f (ψ).
• Definiere f ((ϕ ∨ ψ)) aus f (ϕ) und f (ψ).
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Seite 27
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• Definiere f ((ϕ → ψ)) aus f (ϕ) und f (ψ).
Folie 44
Beispiel 2.7.
Betrachte die Formel ϕ :=
¬A0 ∨ (A5 → A1 )
und die Interpretation I : AS → {0, 1} mit
I(A0 ) = 1,
I(A1 ) = 1,
I(A5 ) = 0
und I(Y ) = 0 für alle Y ∈ AS \ {A0 , A1 , A5 }.
Der Wahrheitswert JϕKI ist der Wert
(
0, falls J¬A0 KI = 0 und J(A5 → A1 )KI = 0
Def.
2.6
JϕKI
=
1, sonst
(
0, falls JA0 KI = 1 und JA5 KI = 1 und JA1 KI = 0
Def. 2.6
=
1, sonst
(
0, falls I(A0 ) = 1 und I(A5 ) = 1 und I(A1 ) = 0
Def. 2.6
=
1, sonst
=
1 (denn gemäß obiger Wahl von I gilt I(A5 ) = 0).
Folie 45
Alternative Art, den Wert JϕKI zu bestimmen
• Ersetze in ϕ jedes Aussagensymbol X durch seinen gemäß I
festgelegten Wahrheitswert, d.h. durch den Wert I(X), und rechne
dann den Wert des resultierenden booleschen Ausdrucks aus.
• Speziell für die Formel ϕ und die Interpretation I aus Beispiel 2.7
ergibt die Ersetzung der Aussagensymbole durch die gemäß I
festgelegten Wahrheitswerte den booleschen Ausdruck
¬1 ∨ (0 → 1) .
• Ausrechnen von ¬1 ergibt den Wert 0.
Ausrechnen von (0 → 1) ergibt den Wert 1.
• Insgesamt erhalten wir also (0 ∨ 1), was sich zum Wert 1 errechnet.
Somit erhalten wir, dass JϕKI = 1 ist.
Folie 46
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 28
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Die Modellbeziehung
Definition 2.8.
(a) Eine Interpretation I erfüllt eine Formel ϕ ∈ AL (wir schreiben:
I |= ϕ), wenn JϕKI = 1.
Wir schreiben kurz I 6|= ϕ um auszudrücken, dass I die Formel ϕ
nicht erfüllt (d.h., es gilt JϕKI = 0).
(b) Eine Interpretation I erfüllt eine Formelmenge Φ ⊆ AL (wir schreiben:
I |= Φ), wenn I |= ϕ für alle ϕ ∈ Φ.
(c) Ein Modell einer Formel ϕ (bzw. einer Formelmenge Φ) ist eine
Interpretation I mit I |= ϕ (bzw. I |= Φ).
Folie 47
Das Koinzidenzlemma
• Offensichtlich hängt der Wert JϕKI nur von den Werten I(X) der
Aussagensymbole X ∈ AS ab, die auch in ϕ vorkommen.
Diese Aussage ist als das Koinzidenzlemma der Aussagenlogik
bekannt.
• Um JϕKI festzulegen, reicht es also, die Werte I(X) nur für diejenigen
Aussagensymbole X ∈ AS anzugeben, die in ϕ vorkommen.
Folie 48
Vereinbarungen zu Interpretationen
• Statt der vollen Interpretation I : AS → {0, 1} geben wir in der Regel
nur endlich viele Werte I(X1 ), . . . , I(Xn ) an und legen fest, dass
I(Y ) := 0 für alle Y ∈ AS \ {X1 , . . . , Xn }.
• In den Beispielen legen wir eine Interpretation oft durch eine
Wertetabelle fest. Beispielsweise beschreibt die Tabelle
A0 A1 A5
X
I(X) 1 1 0
die Interpretation I mit I(A0 ) = I(A1 ) = 1 und I(A5 ) = 0 und
I(Y ) = 0 für alle Y ∈ AS \ {A0 , A1 , A5 }.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 29
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
• Wir schreiben ϕ(X1 , . . . , Xn ), um anzudeuten, dass in ϕ nur
Aussagensymbole aus der Menge {X1 , . . . , Xn } vorkommen.
Für Wahrheitswerte b1 , . . . , bn ∈ {0, 1} schreiben wir dann
ϕ[b1 , . . . , bn ] anstatt JϕKI für eine (bzw. alle) Interpretationen I mit
I(Xi ) = bi für alle i ∈ [n] := {1, . . . , n}.
Folie 49
Notationen
• Die Menge N der natürlichen Zahlen besteht aus allen nicht-negativen
ganzen Zahlen, d.h.
N := { 0, 1, 2, 3, . . . }.
• Für ein n ∈ N ist
[n] := {1, . . . , n} = { i ∈ N : 1 6 i 6 n }.
Folie 50
Vereinbarungen
• Wir schreiben (ϕ ↔ ψ) als Abkürzung für ((ϕ → ψ) ∧ (ψ → ϕ)).
• Statt mit A0 , A1 , A2 , . . . bezeichnen wir Aussagensymbole auch oft mit
A, B, C, . . . , X, Y, Z, . . . oder mit Varianten wie X 0 , Y1 , . . . .
• Die äußeren Klammern einer Formel lassen wir manchmal weg und
schreiben z.B. (X ∧ Y ) → Z an Stelle des (formal korrekten)
((X ∧ Y ) → Z).
• Bezüglich Klammerung vereinbaren wir, dass ¬ am stärksten bindet,
und dass ∧ und ∨ stärker binden als →.
Wir können also z.B. X ∧ ¬Y → Z ∨ X schreiben und meinen
damit
((X ∧ ¬Y ) → (Z ∨ X)).
Nicht schreiben können wir z.B. X ∧ Y ∨ Z (da wir nichts darüber
vereinbart haben, wie fehlende Klammern hier zu setzen sind).
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 30
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Folie 51
• Wir schreiben
n
^
ϕi bzw. (ϕ1 ∧ . . . ∧ ϕn ) an Stelle von
i=1
(· · · ((ϕ1 ∧ ϕ2 ) ∧ ϕ3 ) ∧ . . . ∧ ϕn )
und nutzen analoge Schreibweisen auch für ∨“ an Stelle von ∧“.
”
”
• Ist M eine endliche Menge aussagenlogischer Formeln, so schreiben
wir
^
ϕ
ϕ∈M
um die Formel (ϕ1 ∧ · · · ∧ ϕn ) zu bezeichnen, wobei n = |M | die
Anzahl der Formeln in M ist und ϕ1 , . . . , ϕn die Auflistung aller
Formeln in M in lexikographischer Reihenfolge ist. Formeln sind
hierbei Worte über dem Alphabet der Aussagenlogik, wobei die
einzelnen Symbole dieses Alphabets folgendermaßen aufsteigend
sortiert sind:
0, 1, ¬, ∧, ∨, →, (, ), A0 , A1 , A2 , A3 , . . . .
Die analoge Schreibweise nutzen wir auch für ∨“ an Stelle von ∧“.
”
”
Folie 52
• Diese Schreibweisen werden wir manchmal auch kombinieren. Sind
zum Beispiel I = {i1 , . . . , im } und J = {j1 , . . . , jn } endliche Mengen
und ist für jedes i ∈ I und j ∈ J eine Formel ϕi,j gegeben, so
schreiben wir
^ _
ϕi,j
i∈I j∈J
um die Formel (ψi1 ∧ · · · ∧ ψim ) zu bezeichnen, wobei für jedes i ∈ I
die Formel ψi durch ψi := ( ϕi,j1 ∨ · · · ∨ ϕi,jn ) definiert ist.
Folie 53
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 31
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Wahrheitstafeln
Für jede Formel ϕ(X1 , . . . , Xn ) kann man die Wahrheitswerte unter allen
möglichen Interpretationen in einer Wahrheitstafel darstellen. Für alle
(b1 , . . . , bn ) ∈ {0, 1}n enthält die Tafel eine Zeile mit den Werten
b1 · · · bn | ϕ[b1 , . . . , bn ].
Um die Wahrheitstafel für ϕ auszufüllen, ist es bequem, auch Spalten für
(alle oder einige) Subformeln von ϕ einzufügen.
Beispiel: Wahrheitstafel für die Formel ϕ(X, Y, Z) := X ∨ Y → X ∧ Z:
X Y
0 0
0 0
0 1
0 1
1 0
1 0
1 1
1 1
Z
0
1
0
1
0
1
0
1
X ∨Y
0
0
1
1
1
1
1
1
X ∧Z
0
0
0
0
0
1
0
1
ϕ
1
1
0
0
0
1
0
1
Die Reihenfolge der Zeilen ist dabei unerheblich. Wir vereinbaren
allerdings, die Zeilen stets so anzuordnen, dass die Werte b1 · · · bn ∈ {0, 1}n ,
aufgefasst als Binärzahlen, in aufsteigender Reihenfolge aufgelistet werden.
Folie 54
Wahrheitstafeln für die Junktoren
Die Bedeutung der Junktoren kann man mittels ihrer Wahrheitstafeln
beschreiben:
X
0
1
¬X
1
0
X Y
0 0
0 1
1 0
1 1
X∧Y
0
0
0
1
X Y
0 0
0 1
1 0
1 1
X∨Y
0
1
1
1
X Y
0 0
0 1
1 0
1 1
X→Y
1
1
0
1
Genauso kann man eine Wahrheitstafel für die Formel X↔Y , die ja eine
Abkürzung für (X → Y ) ∧ (Y → X) ist, bestimmen:
X Y
0 0
0 1
1 0
1 1
Version vom 1. Dezember 2016
X↔Y
1
0
0
1
Seite 32
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
X↔Y bedeutet also X genau dann wenn Y “.
”
Folie 55
Ein Logikrätsel
Beispiel 2.9. Auf der Insel Wafa leben zwei Stämme: Die Was, die immer
die Wahrheit sagen, und die Fas, die immer lügen. Ein Reisender besucht
die Insel und trifft auf drei Einwohner A, B, C, die ihm Folgendes erzählen:
• A sagt:
B und C sagen genau dann die Wahrheit, wenn C die Wahrheit
”
sagt.“
• B sagt:
Wenn A und C die Wahrheit sagen, dann ist es nicht der Fall, dass
”
A die Wahrheit sagt, wenn B und C die Wahrheit sagen.“
• C sagt:
B lügt genau dann, wenn A oder B die Wahrheit sagen.“
”
Frage: Welchen Stämmen gehören A, B und C an?
Folie 56
Aussagenlogische Modellierung
Aussagensymbole:
• WA steht für A sagt die Wahrheit.“
”
• WB steht für B sagt die Wahrheit.“
”
• WC steht für C sagt die Wahrheit.“
”
Aussagen der drei Inselbewohner:
• ϕA := (WB ∧ WC ) ↔ WC
• ϕB := (WA ∧ WC ) → ¬ (WB ∧ WC ) → WA
• ϕC := ¬WB ↔ (WA ∨ WB )
Wir suchen nach einer Interpretation, die die Formel
ψ := (WA ↔ ϕA ) ∧ (WB ↔ ϕB ) ∧ (WC ↔ ϕC )
erfüllt.
Folie 57
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 33
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Lösung mittels Wahrheitstafel
WA WB WC
0
0
0
0
0
1
0
1
0
0
1
1
1
0
0
1
0
1
1
1
0
1
1
1
ϕA ϕB
1
1
0
1
1
1
1
1
1
1
0
0
1
1
1
0
ϕC
0
0
0
0
1
1
0
0
WA ↔ ϕA WB
0
1
0
0
1
0
1
1
↔ ϕB
0
0
1
1
0
1
1
0
WC ↔ ϕC
1
0
1
0
0
1
1
0
ψ
0
0
0
0
0
0
1
0
Die Interpretation I mit I(WA ) = 1, I(WB ) = 1, I(WC ) = 0 in Zeile 7 ist
die einzige, die die Formel ψ erfüllt.
Gemäß dieser Interpretation sind die Aussagen, die durch die Symbole WA
und WB repräsentiert werden, wahr, während die Aussage, die durch WC
repräsentiert wird, falsch ist.
Das heißt, die Personen A und B sagen die Wahrheit und sind somit Was,
und Person C lügt und ist daher ein Fa.
Folie 58
Computerlesbare Darstellung von Formeln
Wir betrachten das Alphabet ASCII aller ASCII-Symbole.
Die Menge ASASCII aller ASCII-Repräsentationen von Aussagensymbolen
besteht aus allen nicht-leeren Worten über dem Alphabet ASCII, deren
erstes Symbol ein Buchstabe ist, und bei dem alle weiteren Symbole
Buchstaben oder Ziffern sind.
Die Menge ALASCII aller ASCII-Repräsentationen von aussagenlogischen
Formeln ist die rekursiv wie folgt definierte Teilmenge von ASCII∗ :
Basisregeln:
• 0 ∈ ALASCII , 1 ∈ ALASCII und w ∈ ALASCII für alle w ∈ ASASCII .
Rekursive Regeln:
• Ist ϕ ∈ ALASCII , so ist auch ~ϕ ∈ ALASCII . (Negation)
• Ist ϕ ∈ ALASCII und ψ ∈ ALASCII , so ist auch
– (ϕ /\ ψ) ∈ ALASCII (Konjunktion)
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 34
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
– (ϕ \/ ψ) ∈ ALASCII (Disjunktion)
– (ϕ -> ψ) ∈ ALASCII (Implikation)
– (ϕ <-> ψ) ∈ ALASCII (Biimplikation).
Folie 59
Abstrakte vs. computerlesbare Syntax
Es ist offensichtlich, wie man Formeln aus AL in ihre entsprechende
ASCII-Repräsentation übersetzt und umgekehrt. Zum Beispiel ist
(A0 ∧ 0) → ¬A13
eine Formel in AL, deren ASCII-Repräsentation die folgende Zeichenkette
aus ALASCII ist:
( (A0 /\ 0) -> ~A13 ).
Wir werden meistens mit der abstrakten Syntax“, d.h. mit der in
”
Definition 2.4 festgelegten Menge AL, arbeiten. Um aber Formeln in
Computer-Programme einzugeben, können wir die ASCII-Repräsentation
verwenden.
Folie 60
Demo: snippets of logic
• ein Formelchecker für die Aussagenlogik
• entwickelt von André Frochaux
• Funktionalitäten u.a.:
– Syntaxcheck für eingegebene Formeln
– Ausgabe eines Syntaxbaums
– Ausgabe einer Wahrheitstafel
• Zugänglich via
http://www.snippets-of-logic.net/index_AL.php?lang=de
Folie 61
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 35
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Zurück zu Beispiel 2.1 ( Geburtstagsfeier“)
”
Das in Beispiel 2.1 aufgelistete Wissen kann durch folgende
aussagenlogische Formel repräsentiert werden:
ϕ :=
(B ∧ A) → ¬E ∧ (B ∧ E) → ¬D ∧
E → (C ∧ D) ∧ (C → A) ∧ A → (B ∨ C)
Die Frage
Wie viele (und welche) Freunde werden im besten Fall zur
”
Party kommen?“
kann nun durch Lösen der folgenden Aufgabe beantwortet werden:
Finde eine Interpretation I für ϕ, so dass gilt:
• I |= ϕ (d.h., I ist ein Modell von ϕ) und
• |{X ∈ {A, B, C, D, E} : I(X) = 1}| ist so groß wie möglich.
Folie 62
Diese Frage können wir lösen, indem wir
(1) die Wahrheitstafel für ϕ ermitteln,
(2) alle Zeilen raussuchen, in denen in der mit ϕ“ beschrifteten Spalte der
”
Wert 1 steht (das liefert uns genau die Modelle von ϕ) und
(3) aus diesen Zeilen all jene raussuchen, bei denen in den mit A, B, C, D,
E beschrifteten Spalten möglichst viele Einsen stehen. Jede dieser
Zeilen repräsentiert dann eine größtmögliche Konstellation von
gleichzeitigen Partybesuchern.
Prinzipiell führt diese Vorgehensweise zum Ziel.
Leider ist das Verfahren aber recht aufwändig, da die Wahrheitstafel, die
man dabei aufstellen muss, sehr groß wird: Sie hat 25 = 32 Zeilen.
Folie 63
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 36
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
A
B
C
D
E
E → (C ∧ D)
C→A
(B ∧ E) → ¬D
A → (B ∨ C)
(B ∧ A) → ¬E
ϕ
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
0
0
0
0
0
0
0
0
1
1
1
1
1
1
1
1
0
0
0
0
0
0
0
0
1
1
1
1
1
1
1
1
0
0
0
0
1
1
1
1
0
0
0
0
1
1
1
1
0
0
0
0
1
1
1
1
0
0
0
0
1
1
1
1
0
0
1
1
0
0
1
1
0
0
1
1
0
0
1
1
0
0
1
1
0
0
1
1
0
0
1
1
0
0
1
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
1
0
1
0
1
0
1
1
1
0
1
0
1
0
1
1
1
0
1
0
1
0
1
1
1
0
1
0
1
0
1
1
1
1
1
1
0
0
0
0
1
1
1
1
0
0
0
0
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
0
1
1
1
0
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
0
1
1
1
0
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
0
0
0
0
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
1
0
0
0
0
0
1
0
1
0
0
0
0
0
0
0
0
0
1
0
1
1
1
0
1
0
1
0
1
0
Folie 64
In der Wahrheitstafel sieht man:
• Es gibt kein Modell für ϕ, bei dem in den mit A bis E beschrifteten
Spalten insgesamt 5 Einsen stehen.
• Es gibt genau zwei Modelle für ϕ, bei denen in den mit A bis E
beschrifteten Spalten insgesamt 4 Einsen stehen, nämlich die beiden
Interpretationen I1 und I2 mit
I1 (A) = I1 (C) = I1 (D) = I1 (E) = 1 und I1 (B) = 0
und
I2 (A) = I2 (B) = I2 (C) = I2 (D) = 1 und I2 (E) = 0.
Die Antwort auf die Frage Wie viele (und welche) Freunde werden
”
bestenfalls zur Party kommen?“ lautet also:
Bestenfalls werden 4 der 5 Freunde kommen, und dafür gibt es zwei
Möglichkeiten, nämlich
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(1) dass alle außer Bernd kommen, und
(2) dass alle außer Eva kommen.
Erfüllbarkeit, Allgemeingültigkeit und die Folgerungsbeziehung
Folie 65
Erfüllbarkeit
Definition 2.10.
Eine Formel ϕ ∈ AL heißt erfüllbar, wenn es eine Interpretation gibt, die ϕ
erfüllt.
Eine Formelmenge Φ heißt erfüllbar, wenn es eine Interpretation I gibt, die
Φ erfüllt (d.h. es gilt I |= ϕ für jedes ϕ ∈ Φ).
Eine Formel oder Formelmenge, die nicht erfüllbar ist, nennen wir
unerfüllbar.
Beobachtung 2.11.
(a) Eine aussagenlogische Formel ist genau dann erfüllbar, wenn in der
letzten Spalte ihrer Wahrheitstafel mindestens eine 1 steht.
(b) Eine endliche Formelmenge
Φ = {ϕ1 , . . . , ϕn } ist genau dann erfüllbar,
Vn
wenn die Formel
i=1 ϕi erfüllbar ist.
Beispiele:
• Die Formel X ist erfüllbar.
• Die Formel (X ∧ ¬X) ist unerfüllbar.
Folie 66
Allgemeingültigkeit
Definition 2.12. Eine Formel ϕ ∈ AL ist allgemeingültig, wenn jede
Interpretation I die Formel ϕ erfüllt.
Bemerkung. Allgemeingültige Formeln nennt man auch Tautologien.
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Man schreibt auch |= ϕ um auszudrücken, dass ϕ allgemeingültig ist.
Beobachtung 2.13.
Eine aussagenlogische Formel ist genau dann allgemeingültig, wenn in der
letzten Spalte ihrer Wahrheitstafel nur 1en stehen.
Beispiel: Die Formel (X ∨ ¬X) ist allgemeingültig.
Folie 67
Beispiel 2.14. Die Formel (X ∨ Y ) ∧ (¬X ∨ Y ) ist
• erfüllbar, da z.B. die Interpretation I mit I(X) = 0 und I(Y ) = 1 die
Formel erfüllt.
• nicht allgemeingültig, da z.B. die Interpretation I 0 mit I 0 (X) = 0 und
I 0 (Y ) = 0 die Formel nicht erfüllt.
Folie 68
Die Folgerungsbeziehung
Definition 2.15. Eine Formel ψ ∈ AL folgt aus einer Formelmenge Φ ⊆ AL
(wir schreiben: Φ |= ψ), wenn für jede Interpretation I gilt: Wenn I die
Formelmenge Φ erfüllt, dann erfüllt I auch die Formel ψ.
Notation. Für zwei Formeln ϕ, ψ ∈ AL schreiben wir kurz ϕ |= ψ an Stelle
von {ϕ} |= ψ und sagen, dass die Formel ψ aus der Formel ϕ folgt.
Folie 69
Beispiel 2.16. Sei ϕ:= (X ∨ Y ) ∧ (¬X ∨ Y ) und
ψ := Y ∨ (¬X ∧ ¬Y ) .
Dann gilt ϕ |= ψ, aber es gilt nicht ψ |= ϕ (kurz: ψ 6|= ϕ), denn:
X
0
0
1
1
Y
0
1
0
1
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(X ∨ Y )
0
1
1
1
(¬X ∨ Y )
1
1
0
1
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ϕ
0
1
0
1
ψ
1
1
0
1
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In jeder Zeile der Wahrheitstafel, in der in der mit ϕ“ beschrifteten Spalte
”
eine 1 steht, steht auch in der mit ψ“ beschrifteten Spalte eine 1. Somit
”
gilt ϕ |= ψ.
Andererseits steht in Zeile 1 in der mit ψ“ beschrifteten Spalte eine 1 und
”
in der mit ϕ“ beschrifteten Spalte eine 0. Für die entsprechende
”
Interpretation I (mit I(X) = 0 und I(Y ) = 0) gilt also JψKI = 1 und
JϕKI = 0. Daher gilt ψ 6|= ϕ.
Folie 70
Beispiel 2.17. Für alle Formeln ϕ, ψ ∈ AL gilt:
{ ϕ, ϕ → ψ } |= ψ.
Dies folgt unmittelbar aus der Definition der Semantik:
Sei I eine Interpretation mit I |= {ϕ, ϕ → ψ}. Dann gilt:
(1) JϕKI = 1 und
(2) Jϕ → ψKI = 1, d.h. es gilt JϕKI = 0 oder JψKI = 1.
Da JϕKI = 1 gemäß (1) gilt, folgt gemäß (2), dass JψKI = 1.
Bemerkung. Man kann die Folgerungsbeziehung {ϕ, ϕ → ψ} |= ψ als
eine formale Schlussregel auffassen (ähnlich den Syllogismen in Kapitel 1):
Wenn ϕ und ϕ → ψ gelten, so muss auch ψ gelten.
Diese Regel, die unter dem Namen Modus Ponens bekannt ist, ist von
grundlegender Bedeutung in der Logik.
Folie 71
Zusammenhänge
Lemma 2.18 (Allgemeingültigkeit, Unerfüllbarkeit und Folgerung).
Für jede Formel ϕ ∈ AL gilt:
(a) ϕ ist allgemeingültig ⇐⇒ ¬ϕ ist unerfüllbar ⇐⇒ 1 |= ϕ.
(b) ϕ ist unerfüllbar ⇐⇒ ϕ |= 0.
Beweis.
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(a) Zur Erinnerung: Wir schreiben kurz |= ϕ“ um auszudrücken, dass die
”
Formel ϕ allgemeingültig ist. Es gilt:
|= ϕ ⇐⇒ für alle Interpretationen I gilt: I |= ϕ
⇐⇒ für alle Interpretationen I gilt: I |6 = ¬ϕ
⇐⇒ ¬ϕ ist unerfüllbar.
Außerdem gilt:
1 |= ϕ ⇐⇒ für alle Interpretationen I mit I |= 1 gilt: I |= ϕ
⇐⇒ für alle Interpretationen I gilt: I |= ϕ
⇐⇒ ϕ ist allgemeingültig.
(b) Es gilt:
ϕ ist unerfüllbar
⇐⇒ für alle Interpretationen I gilt: I 6|= ϕ
⇐⇒ für alle Interpretationen I mit I |= ϕ gilt: I |= 0
⇐⇒ ϕ |= 0.
Folie 72
Lemma 2.19 (Erfüllbarkeit und die Folgerungsbeziehung).
Für alle Formelmengen Φ ⊆ AL und für alle Formeln ψ ∈ AL gilt:
Φ |= ψ
⇐⇒
Φ ∪ {¬ψ} ist unerfüllbar.
Beweis.
”
=⇒“: Es gelte Φ |= ψ. Sei I eine beliebige Interpretation. Unser Ziel ist,
zu zeigen, dass I 6|= Φ ∪ {¬ψ}.
Fall 1: I 6|= Φ.
Dann gilt insbesondere, dass I 6|= Φ ∪ {¬ψ}.
Fall 2: I |= Φ.
Wegen Φ |= ψ gilt dann I |= ψ.
Somit gilt: I 6|= ¬ψ, und daher auch I 6|= Φ ∪ {¬ψ}.
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Damit gilt in jedem Fall, dass I 6|= Φ ∪ ¬ψ. Weil I beliebig gewählt
war, bedeutet dies, dass Φ ∪ {¬ψ} unerfüllbar ist.
”
⇐=“: Sei Φ ∪ {¬ψ} unerfüllbar. Unser Ziel ist, zu zeigen, dass Φ |= ψ.
Dazu sei I eine beliebige Interpretation mit I |= Φ. Wir müssen
zeigen, dass I |= ψ.
Da Φ ∪ {¬ψ} unerfüllbar ist, muss gelten: I 6|= ¬ψ (denn sonst würde
I |= Φ ∪ {¬ψ} gelten). Somit gilt I |= ψ.
Folie 73
Lemma 2.20 (Allgemeingültigkeit und die Folgerungsbeziehung).
(a) Für jede Formel ϕ ∈ AL gilt:
ϕ ist allgemeingültig ⇐⇒ ϕ folgt aus der leeren Menge,
kurz:
|= ϕ
⇐⇒
∅ |= ϕ.
(b) Für jede Formel ψ ∈ AL und jede endliche Formelmenge
Φ = {ϕ1 , . . . , ϕn } ⊆ AL gilt:
Φ |= ψ
⇐⇒
(ϕ1 ∧ · · · ∧ ϕn ) → ψ ist allgemeingültig.
Beweis.
(a) Man beachte, dass für alle Interpretationen I und für alle Formeln
ψ ∈ ∅ gilt: I |= ψ. Daher gilt I |= ∅ für alle Interpretationen I. Somit
erhalten wir:
∅ |= ϕ ⇐⇒ für alle Interpretationen I mit I |= ∅ gilt: I |= ϕ
⇐⇒ für alle Interpretationen I gilt: I |= ϕ
⇐⇒ ϕ ist allgemeingültig, d.h. |= ϕ.
(b)
”
=⇒“: Es gelte Φ |= ψ. Sei I eine beliebige Interpretation. Unser Ziel
ist, zu zeigen, dass gilt: I |= (ϕ1 ∧ · · · ∧ ϕn ) → ψ.
Fall 1: I |= Φ, d.h. I |= (ϕ1 ∧ · · · ∧ ϕn ).
Wegen Φ |= ψ gilt dann auch: I |= ψ.
Somit gilt auch: I |= (ϕ1 ∧ . . . ∧ ϕn ) → ψ.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 42
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Fall 2: I 6|= Φ.
Dann gibt es ein i ∈ [n], so dass I 6|= ϕi .
Insbesondere gilt daher: I 6|= (ϕ1 ∧ · · · ∧ ϕn ).
Also gilt: I |= (ϕ1 ∧ . . . ∧ ϕn ) → ψ.
”
⇐=“: Sei die Formel (ϕ1 ∧ . . . ∧ ϕn ) → ψ allgemeingültig. Wir
wollen zeigen, dass Φ |= ψ gilt.
Dazu sei I eine beliebige Interpretation mit I |= Φ. Ziel ist, zu
zeigen, dass I |= ψ.
Wegen I |= Φ gilt: I |= (ϕ1 ∧ . . . ∧ ϕn ). Da die Formel
(ϕ1 ∧ . . . ∧ ϕn ) → ψ allgemeingültig ist, muss daher auch gelten:
I |= ψ.
Folie 74
Bemerkung 2.21.
Aus den beiden vorigen Lemmas erhält man leicht, dass für alle Formeln
ϕ, ψ ∈ AL gilt:
ϕ |= ψ ⇐⇒ (ϕ → ψ) ist allgemeingültig ⇐⇒ (ϕ ∧ ¬ψ) ist unerfüllbar.
Beweis. Es sei Φ := {ϕ}. Gemäß Lemma 2.20 gilt:
Φ |= ψ ⇐⇒ (ϕ → ψ) ist allgemeingültig.
Somit gilt:
ϕ |= ψ ⇐⇒ (ϕ → ψ) ist allgemeingültig.
Außerdem gilt gemäß Lemma 2.19:
Φ |= ψ ⇐⇒ Φ ∪ {¬ψ} ist unerfüllbar.
Somit gilt:
ϕ |= ψ ⇐⇒ (ϕ ∧ ¬ψ) ist unerfüllbar.
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Seite 43
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2.2
Aussagenlogische Modellierung
Beispiel 1: Sudoku
Folie 75
Sudoku
Folie 76
Aussagenlogisches Modell
Koordinaten der Felder:
Feld (i, j) ist das Feld in Zeile i und Spalte j.
Aussagensymbole:
Aussagensymbol Pi,j,k , für i, j, k ∈ [9], steht für die Aussage
Das Feld mit den Koordinaten (i, j) enthält die Zahl k.“
”
Interpretationen beschreiben also Beschriftungen des 9×9-Gitters.
Ziel:
Für jede Anfangsbeschriftung A eine Formelmenge ΦA , so dass für alle
Interpretationen I gilt:
I |= ΦA
⇐⇒
I beschreibt eine korrekte Lösung.
Folie 77
Wir beschreiben zunächst eine Formelmenge Φ = {ϕ1 , . . . , ϕ5 }, die die
Grundregeln des Spiels beschreibt.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 44
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Beschriftungen:
“Auf jedem Feld steht mindestens eine Zahl“:
ϕ1 :=
9
9
^
_
Pi,j,k .
i,j=1 k=1
“Auf jedem Feld steht höchstens eine Zahl“:
ϕ2 :=
9
^
9
^
¬(Pi,j,k ∧ Pi,j,` ).
i,j=1 k,`=1
k6=`
Folie 78
Zeilen:
Jede Zahl kommt in jeder Zeile vor“:
”
9
9 ^
9
_
^
Pi,j,k .
ϕ3 :=
i=1 k=1 j=1
Spalten:
Jede Zahl kommt in jeder Spalte vor“:
”
9
9
9 _
^
^
Pi,j.k .
ϕ4 :=
j=1 k=1 i=1
Blöcke:
Jede Zahl kommt in jedem Block vor“:
”
9
3
2
^
_
^
ϕ5 :=
P3i+i0 ,3j+j 0 ,k .
i,j=0 k=1 i0 ,j 0 =1
Folie 79
Anfangsbeschriftung:
Sei A die Anfangsbeschriftung. Wir setzen
ΦA := Φ ∪ { Pi,j,k : A beschriftet Feld (i, j) mit der Zahl k }.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 45
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Automatische Lösung von Sudokus:
Um ein Sudoku mit Anfangsbeschriftung
A zu lösen, können wir nun
V
einfach die Formel ψA := ϕ∈ΦA ϕ bilden und die Wahrheitstafel zu dieser
Formel aufstellen. Falls die Wahrheitstafel zeigt, dass ψA kein Modell
besitzt, so ist das Sudoku nicht lösbar. Andernfalls können wir ein
beliebiges Modell I von ψA hernehmen und daran die Lösung des Sudokus
ablesen: Für jedes Feld (i, j) gibt es gemäß unserer Konstruktion der Formel
ψA genau eine Zahl k ∈ [9], so dass I(Pi,j,k ) = 1 ist. Diese Zahl k können
wir in Feld (i, j) eintragen und erhalten damit eine Lösung des Sudokus.
Beispiel 2: Automatische Hardwareverifikation
Folie 80
Digitale Schaltkreise
• Digitale Signale werden beschrieben durch 0 ( aus“) und 1 ( ein“).
”
”
• Schaltelemente berechnen ein oder mehrere Ausgangssignale aus
einem oder mehreren Eingangssignalen. Das Ein-/Ausgabeverhalten
eines Schaltelements lässt sich durch Wahrheitstafeln beschreiben.
Beispiel:
E1
0
0
1
1
A2
A1
S
E1
E2
E2
0
1
0
1
A1
1
1
1
0
A2
0
0
0
1
• Schaltkreise sind Kombinationen solcher Schaltelemente.
Beispiel:
A1 A2 A3 A4
S
S
S
E1
0
0
1
1
E2
0
1
0
1
E1 E2
Folie 81
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Seite 46
A1
1
0
1
0
A2
0
1
0
1
A3
0
0
1
0
A4
0
0
0
1
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Formalisierung in der Aussagenlogik
Schaltelement:
• Für jeden Ein- und Ausgang ein Aussagensymbol.
• Für jeden Ausgang eine Formel, die den Wert der Ausgangs in
Abhängigkeit von den Eingängen beschreibt.
Beispiel:
A2
A1
S
E1
E2
E1
0
0
1
1
E2
0
1
0
1
A1
1
1
1
0
A2
0
0
0
1
Aussagensymbole:
P1 , P2 , Q1 , Q2
Formeln:
Q1 ↔ ¬(P1 ∧ P2 )
Q2 ↔ (P1 ∧ P2 )
Folie 82
Schaltkreis:
• Für jeden Ein- und Ausgang ein Aussagensymbol,
sowie für jedes Schaltelement ein Sortiment von Aussagensymbolen.
• Formeln für die Schaltelemente und Formeln für die Verdrahtung“.
”
Version vom 1. Dezember 2016
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Beispiel:
Aussagensymbole:
P1 , P2 , Q1 , Q2 , Q3 , Q4 ,
P1u , P2u , Qu1 , Qu2 ,
m
P1m , P2m , Qm
1 , Q2 ,
P1o , P2o , Qo1 , Qo2 .
Formeln:
A1 A2 A3 A4
S
S
S
E1
0
0
1
1
E2
0
1
0
1
A1
1
0
1
0
A2
0
1
0
1
A3
0
0
1
0
A4
0
0
0
1
E1 E2
Qu1 ↔ ¬(P1u ∧ P2u ),
Qu2 ↔ (P1u ∧ P2u ),
m
m
Qm
1 ↔ ¬(P1 ∧ P2 ),
m
m
Qm
2 ↔ (P1 ∧ P2 ),
Qo1 ↔ ¬(P1o ∧ P2o ),
Qo2 ↔ (P1o ∧ P2o ),
P1u ↔ P1 , P2u ↔ P2 ,
P1m ↔ P1 , P2m ↔ Qu1 ,
P1o ↔ P2 , P2o ↔ Qm
1 ,
Q1 ↔ Qo1 , Q2 ↔ Qo2 ,
u
Q3 ↔ Qm
2 , Q4 ↔ Q2 .
Folie 83
Verifikation
Ziel:
Nachweis, dass der Schaltkreis eine gewisse Korrektheitsbedingung erfüllt.
Methode:
1. Beschreibe den Schaltkreis durch eine Menge Φ von Formeln.
2. Formuliere die Korrektheitsbedingung als Formel ψ.
3. Weise nach, dass ψ aus Φ folgt (bzw., dass Φ ∪ {¬ψ} unerfüllbar ist).
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 48
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Bemerkung. Bei Bedarf kann die Korrektheitsbedingung insbesondere so
gewählt werden, dass sie das gewünschte Ein-/Ausgabeverhalten des
Schaltkreises vollständig spezifiziert.
Folie 84
Beispiele für Korrektheitsbedingungen
Schaltkreis:
A1 A2 A3 A4
S
S
S
E1 E2
Einige Korrektheitsbedingungen:
• Bei jeder Eingabe ist mindestens eine Ausgabe 1:
Q1 ∨ Q2 ∨ Q3 ∨ Q4 .
• Bei keiner Eingabe sind mehr als zwei Ausgaben 1:
_
¬
(Qi ∧ Qj ∧ Qk )
16i<j<k64
Vollständige Spezifikation des Ein-/Ausgabeverhaltens:
∧
∧
∧
¬P1 ∧ ¬P2
¬P1 ∧ P2
P1 ∧ ¬P2
P1 ∧ P2
Version vom 1. Dezember 2016
→
→
→
→
Q1 ∧ ¬Q2 ∧ ¬Q3 ∧ ¬Q4 ¬Q1 ∧ Q2 ∧ ¬Q3 ∧ ¬Q4
Q1 ∧ ¬Q2 ∧ Q3 ∧ ¬Q4 ¬Q1 ∧ Q2 ∧ ¬Q3 ∧ Q4
Seite 49
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2.3
Äquivalenz und Adäquatheit
Folie 85
Äquivalenz
Definition 2.22. Zwei Formeln ϕ, ψ ∈ AL sind äquivalent (wir schreiben
ϕ ≡ ψ), wenn sie von den selben Interpretationen erfüllt werden, d.h., wenn
für alle Interpretationen I gilt: I |= ϕ ⇐⇒ I |= ψ.
Zwei Formelmengen Φ, Ψ ⊆ AL sind äquivalent (wir schreiben Φ ≡ Ψ), wenn
sie von den selben Interpretationen erfüllt werden, d.h., wenn für alle
Interpretationen I gilt: I |= Φ ⇐⇒ I |= Ψ.
Beobachtung 2.23.
(a) Zwei Formeln ϕ, ψ ∈ AL sind genau dann äquivalent, wenn in den
letzten Spalten ihrer Wahrheitstafeln jeweils die gleichen Einträge
stehen.
(b) Für endliche Formelmengen Φ = {ϕ1 , . . . , ϕm }, Ψ = {ψ1 , . . . , ψn } ⊆ AL
gilt
m
n
^
^
Φ≡Ψ
⇐⇒
ϕi ≡
ψj .
i=1
j=1
Beispiel:
Für alle X, Y ∈ AS gilt: ¬(X ∨ Y ) ≡ (¬X ∧ ¬Y ) und X ≡ ¬¬X.
Folie 86
Äquivalenz und Allgemeingültigkeit
Lemma 2.24. (a) Für alle Formeln ϕ, ψ ∈ AL gilt:
ϕ≡ψ
⇐⇒
(ϕ ↔ ψ) ist allgemeingültig.
(b) Für alle ϕ ∈ AL gilt:
ϕ ist allgemeingültig
Beweis.
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Seite 50
⇐⇒
ϕ ≡ 1.
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(a)
ϕ ≡ ψ ⇐⇒ für alle Interpretationen I gilt: I |= ϕ ⇐⇒ I |= ψ
⇐⇒ für alle Interpretationen I gilt: I |= (ϕ ↔ ψ)
⇐⇒ |= (ϕ ↔ ψ).
(b)
|= ϕ ⇐⇒ für alle Interpretationen I gilt: I |= ϕ
⇐⇒ für alle Interpretationen I gilt:
⇐⇒ ϕ ≡ 1.
I |= ϕ ⇐⇒ I |= 1
Folie 87
Fundamentale Äquivalenzen
Satz 2.25. Für alle Formeln ϕ, ψ, χ ∈ AL gelten die folgenden
Äquivalenzen:
(a) Idempotenz:
ϕ∧ϕ ≡ ϕ ,
ϕ ∨ ϕ ≡ ϕ.
(b) Kommutativität:
ϕ∧ψ ≡ ψ∧ϕ ,
ϕ ∨ ψ ≡ ψ ∨ ϕ.
(c) Assoziativität:
(ϕ ∧ ψ) ∧ χ ≡ ϕ ∧ (ψ ∧ χ) ,
(ϕ ∨ ψ) ∨ χ ≡ ϕ ∨ (ψ ∨ χ).
(d) Absorption:
ϕ ∧ (ϕ ∨ ψ) ≡ ϕ ,
ϕ ∨ (ϕ ∧ ψ) ≡ ϕ.
Folie 88
(e) Distributivität:
ϕ ∧ (ψ ∨ χ) ≡ (ϕ ∧ ψ) ∨ (ϕ ∧ χ) ,
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Seite 51
ϕ ∨ (ψ ∧ χ) ≡ (ϕ ∨ ψ) ∧ (ϕ ∨ χ).
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(f) Doppelte Negation:
¬¬ϕ ≡ ϕ.
(g) De Morgansche Regeln:
¬(ϕ ∧ ψ) ≡ ¬ϕ ∨ ¬ψ ,
¬(ϕ ∨ ψ) ≡ ¬ϕ ∧ ¬ψ.
(h) Tertium Non Datur:
ϕ ∧ ¬ϕ ≡ 0 ,
ϕ ∨ ¬ϕ ≡ 1.
ϕ∧1 ≡ ϕ ,
ϕ∧0 ≡ 0 ,
ϕ∨0 ≡ ϕ ,
ϕ ∨ 1 ≡ 1.
Folie 89
(i)
(j)
1 ≡ ¬0 ,
0 ≡ ¬1.
(k) Elimination der Implikation:
ϕ → ψ ≡ ¬ϕ ∨ ψ.
Folie 90
Beweis. Alle hier genannten Äquivalenzen können leicht mit Hilfe der
Wahrheisttafelmethode überprüft werden.
Zum Beispiel die erste de Morgansche Regel:
¬(ϕ ∧ ψ) ≡ ¬ϕ ∨ ¬ψ.
Wir berechnen dazu folgende Wahrheitstafeln:
ϕ
0
0
1
1
ψ ϕ ∧ ψ ¬(ϕ ∧ ψ)
0
0
1
1
0
1
0
0
1
1
1
0
ϕ
0
0
1
1
ψ ¬ϕ ¬ψ ¬ϕ ∨ ¬ψ
0 1
1
1
1 1
0
1
0 0
1
1
1 0
0
0
Die letzten Spalten der beiden Wahrheitstafeln sind gleich, also sind die
Formeln äquivalent.
Rest: Übung.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 52
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Folie 91
Bemerkung. Durch schrittweises Anwenden der in Satz 2.25 aufgelisteten
Äquivalenzen kann man eine gegebene Formel in eine zu ihr äquivalente
Formel umformen.
Folie 92
Das Dualitätsprinzip
Definition 2.26. Sei ϕ ∈ AL eine Formel, in der keine Implikationen
vorkommt.
Die zu ϕ duale Formel ist die Formel ϕ
e ∈ AL, die aus ϕ entsteht, indem
man überall 0 durch 1, 1 durch 0, ∧ durch ∨ und ∨ durch ∧ ersetzt.
Beobachtung 2.27. In Satz 2.25 stehen auf der linken Seite jeweils die
dualen Formeln der Formeln auf der rechten Seite.
Satz 2.28 (Dualitätssatz der Aussagenlogik).
Für alle Formeln ϕ, ψ ∈ AL, in denen keine Implikation vorkommt, gilt:
ϕ ≡ ψ
⇐⇒
e
ϕ
e ≡ ψ.
Wir werden den Dualitätssatz per Induktion über den Aufbau von Formeln
beweisen.
Folie 93
Beweise per Induktion über den Aufbau
• Ähnlich wie wir Aussagen über die natürlichen Zahlen durch
vollständige Induktion beweisen können, können wir Aussagen über
Formeln per Induktion über den Aufbau der Formeln beweisen.
• Im Induktionsanfang beweisen wir die Aussagen für die atomaren
Formeln, und im Induktionschritt schließen wir von den Bestandteilen
einer Formel auf die Formel selbst.
• Dieses Vorgehen ist z.B. dadurch gerechtfertigt, dass es sich auch als
vollständige Induktion über die Höhe des Syntaxbaumes auffassen
lässt.
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Folie 94
Schematisch sieht der Beweis einer Aussage A(ϕ) für alle Formeln ϕ ∈ AL
wie folgt aus:
Induktionsanfang:
• Beweise A(0) und A(1).
• Beweise A(X) für alle X ∈ AS.
Induktionsschritt:
• Beweise A(¬ϕ) unter der Annahme, dass A(ϕ) gilt.
• Beweise A(ϕ ∧ ψ) unter der Annahme, dass A(ϕ) und A(ψ) gelten.
• Beweise A(ϕ ∨ ψ) unter der Annahme, dass A(ϕ) und A(ψ) gelten.
• Beweise A(ϕ → ψ) unter der Annahme, dass A(ϕ) und A(ψ) gelten.
Folie 95
Um den Dualitätssatz zu beweisen benötigen wir zunächst noch eine
Definition. Der Kern des Beweise steckt im darauf folgenden Lemma.
Definition 2.29. Sei I eine Interpretation. Die zu I duale Interpretation Ie
e
ist definiert durch I(X)
:= 1 − I(X) für alle X ∈ AS.
D.h. für alle Aussagensymbole X gilt:
(
0 , falls I(X) = 1
e
I(X)
=
1 , falls I(X) = 0
Lemma 2.30. Für alle Formeln ϕ ∈ AL, in denen keine Implikation
vorkommt, und alle Interpretationen I gilt:
I |= ϕ
e
⇐⇒
Ie 6|= ϕ.
Beweis von Lemma 2.30.
Sei I eine beliebige Interpretation.
Per Induktion über den Aufbau zeigen wir, dass für alle ϕ ∈ AL gilt:
JϕK
eI
= 1 − JϕKI .
e
Beachte: Dann gilt natürlich auch: I |= ϕ
e ⇐⇒ Ie 6|= ϕ.
Induktionsanfang:
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e = 0 und 0
e = 1. Damit gilt:
• Per Definition ist 1
e I = J0KI = 0 = 1 − 1 = 1 − J1KI ,
J1K
e
e I = J1KI = 1 = 1 − 0 = 1 − J0KI .
J0K
e
e = X. Damit gilt:
• Für jedes X ∈ AS ist X
e I
JXK
e
e
= I(X) = 1 − I(X)
= 1 − JXKI .
Induktionsschritt:
• Negation:
Gemäß Induktionsannahme gilt: JϕK
e I = 1 − JϕKI .
e
Wir wollen zeigen, dass auch gilt: J¬ϕK
f I = 1 − J¬ϕKI .
e
Per Definition ist ¬ϕ
f = ¬ϕ.
e Damit gilt:
J¬ϕK
f I = J¬ϕK
e I = 1 − JϕK
e I = 1 − (1 − JϕKI ) = 1 − J¬ϕKI .
e
e
(IA)
• Konjunktion:
Gemäß Induktionsannahme gilt:
e
e I = 1 − JψKIe .
JϕK
e I = 1 − JϕKI und JψK
^
Wir wollen zeigen, dass auch gilt: Jϕ
∧ ψKI = 1 − Jϕ ∧ ψKI .
e
e
^
Per Definition ist ϕ
∧ψ = ϕ
e ∨ ψ.
Folgende Wahrheitstafel, bei der die 4. und 5. Spalte auf der
Induktionsannahme beruht, zeigt, dass
eI
Jϕ
e ∨ ψK
= 1 − Jϕ ∧ ψKI .
e I Jϕ
eI
JϕK
e I JψK
e ∨ ψK
0
0
0
0
1
1
1
0
1
1
1
1
e
JϕKI JψKI Jϕ ∧ ψKI
1
1
1
1
0
0
0
1
0
0
0
0
e
e
e
e I = 1 − Jϕ ∧ ψKIe gilt.
Die 3. und 6. Spalte zeigt, dass Jϕ
e ∨ ψK
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• Disjunktion:
Gemäß Induktionsannahme gilt:
e
e I = 1 − JψKIe .
JϕK
e I = 1 − JϕKI und JψK
^
Wir wollen zeigen, dass auch gilt: Jϕ
∨ ψKI = 1 − Jϕ ∨ ψKI .
e
e Folgende Wahrheitstafel, bei der die
^
Per Definition ist ϕ
∨ψ =ϕ
e ∧ ψ.
4. und 5. Spalte auf der Induktionsannahme beruht, zeigt, dass
e I = 1 − Jϕ ∨ ψKI .
Jϕ
e ∧ ψK
e
e I Jϕ
eI
JϕK
e I JψK
e ∧ ψK
0
0
0
0
1
0
1
0
0
1
1
1
JϕKI JψKI Jϕ ∨ ψKI
1
1
1
1
0
1
0
1
1
0
0
0
e
e
e
e I = 1 − Jϕ ∨ ψKIe gilt.
Die 3. und 6. Spalte zeigt, dass Jϕ
e ∧ ψK
• Implikation:
Hier ist nichts zu zeigen, weil das Lemma nur über Formeln ohne
Implikation spricht.
Folie 96
Beweis von Satz 2.28.
Seien ϕ, ψ ∈ AL Formeln, in denen keine Implikation vorkommt.
e
Wir wollen zeigen, dass gilt: ϕ ≡ ψ ⇐⇒ ϕ
e ≡ ψ.
”
=⇒“: Es gilt:1
ϕ≡ψ
1
=⇒
F.a. Interpretationen I gilt:
Ie |= ϕ ⇐⇒ Ie |= ψ
Lemma 2.30
=⇒
F.a. Interpretationen I gilt:
=⇒
F.a. Interpretationen I gilt:
I 6|= ϕ
e ⇐⇒ I 6|= ψe
I |= ϕ
e ⇐⇒ I |= ψe
=⇒
e
ϕ
e ≡ ψ.
Wir schreiben kurz f.a.“ als Abkürzung für die Worte für alle“
”
”
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”
⇐=“: Es gilt:
ϕ
e ≡ ψe
=⇒
ee
ee ≡ ψ
ϕ
=⇒
ϕ ≡ ψ
(andere Beweisrichtung)
ee
ee = ϕ und ψ
= ψ).
(weil ϕ
Folie 97
Funktionale Vollständigkeit der Aussagenlogik
Im Folgenden bezeichnen wir als Wahrheitstafel eine Tabelle mit n+1
Spalten und 2n Zeilen, die für jedes Tupel (b1 , . . . , bn ) ∈ {0, 1}n genau eine
Zeile enthält, deren erste n Einträge b1 , . . . , bn sind.
Satz 2.31 (Funktionale Vollständigkeit der Aussagenlogik).
Zu jeder Wahrheitstafel gibt es eine Formel ϕ ∈ AL mit dieser
Wahrheitstafel.
Mathematisch präzise lässt sich dieser Satzes wie folgt formulieren:
Für alle n ∈ N gibt es zu jeder Funktion F : {0, 1}n → {0, 1} eine Formel
ϕ(A1 , . . . , An ) ∈ AL, so dass für alle (b1 , . . . , bn ) ∈ {0, 1}n gilt:
F (b1 , . . . , bn ) = 1 ⇐⇒ ϕ[b1 , . . . , bn ] = 1.
Definition 2.32. Funktionen F : {0, 1}n → {0, 1} (mit n ∈ N) nennt man
boolesche Funktionen (der Stelligkeit n).
Bevor wir Satz 2.31 beweisen, betrachten wir zunächst ein Beispiel.
Folie 98
Beispiel 2.33. Betrachte die Wahrheitstafel T :
b1 b2 b3 F (b1 , b2 , b3 )
0 0 0
1
1
0 0 1
0 1 0
0
0 1 1
0
1 0 0
0
1 0 1
1
1 1 0
0
1 1 1
0
Eine Formel ϕ(A1 , A2 , A3 ), so dass T die Wahrheitstafel für ϕ ist, kann man
folgendermaßen erzeugen:
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• Betrachte alle Zeilen von T , bei denen in der letzten Spalte eine 1“
”
steht.
• Für jede solche Zeile konstruiere eine Formel, die genau von der zu
der Zeile gehörenden Belegung von b1 , b2 , b3 erfüllt wird.
• Bilde die Disjunktion (d.h. die Veroder ung“) über all diese Formeln.
”
Dies liefert die gesuchte Formel ϕ.
Folie 99
In unserer Beispiel-Wahrheitstafel T gibt es genau 3 Zeilen, bei denen in
der letzten Spalte eine 1“ steht, nämlich die Zeilen
”
b1 b2 b3 F (b1 , b2 , b3 )
zur jeweiligen Zeile gehörende Formel:
0
0
..
.
0
0
..
.
0
1
..
.
1
1
..
.
( ¬A1 ∧ ¬A2 ∧ ¬A3 )
( ¬A1 ∧ ¬A2 ∧ A3 )
1
..
.
0
..
.
1
..
.
1
..
.
( A1 ∧ ¬A2 ∧ A3 )
Insgesamt erhalten wir dadurch die zur Wahrheitstafel T passende Formel
ϕ = (¬A1 ∧ ¬A2 ∧ ¬A3 ) ∨ (¬A1 ∧ ¬A2 ∧ A3 ) ∨ (A1 ∧ ¬A2 ∧ A3 ).
Beweis von Satz 2.31.
Sei F : {0, 1}n → {0, 1}. Falls F (b̄) = 0 für alle b̄ ∈ {0, 1}n , so setzen wir
ϕ(A1 , . . . , An ) := 0.
Im Folgenden betrachten wir also nur noch den Fall, dass es mindestens ein
b̄ ∈ {0, 1}n mit F (b̄) = 1 gibt.
Für i ∈ [n] und c ∈ {0, 1} sei
(
Ai
falls c = 1,
λi,c :=
¬Ai falls c = 0.
Für b̄ = (b1 , . . . , bn ) ∈ {0, 1}n sei
ψb̄ :=
λ1,b1 ∧ · · · ∧ λn,bn
Beispiel: Für n = 3 und b̄ = (0, 1, 0) ist ψ(0,1,0) = ( ¬A1 ∧ A2 ∧ ¬A3 ).
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Dann gilt für alle c̄ = (c1 , . . . , cn ) ∈ {0, 1}n :
ψb̄ [c̄] = 1 ⇐⇒ b̄ = c̄.
Nun sei
ϕ :=
_
ψb̄ .
b̄∈{0,1}n
mit F (b̄)=1
Dann gilt für alle c̄ ∈ {0, 1}n :
ϕ[c̄] = 1
⇐⇒ Es gibt ein b̄ ∈ {0, 1}n mit F (b̄) = 1 und ψb̄ [c̄] = 1
⇐⇒ Es gibt ein b̄ ∈ {0, 1}n mit F (b̄) = 1 und b̄ = c̄
⇐⇒ F (c̄) = 1.
Folie 100
Adäquatheit
Satz 2.31 besagt, dass die Aussagenlogik AL die größtmögliche
Aussdruckstärke hat. Dafür reichen allerdings schon kleinere“ Logiken, wie
”
wir im Folgenden sehen werden.
Definition 2.34. Sei τ ⊆ {0, 1, ¬, ∧, ∨, →}.
(a) AL(τ ) sei das Fragment der Logik AL, das aus den Formeln besteht, in
denen nur Junktoren und Konstanten aus τ vorkommen.
(b) τ heißt adäquat, wenn jede Formel ϕ ∈ AL äquivalent zu einer Formel in
AL(τ ) ist.
Beispiele 2.35.
(a) {¬, ∧}, {¬, ∨}, {0, →} sind adäquat.
(b) {∧, ∨, →} ist nicht adäquat.
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Beweis.
(a) Die Adäquatheit von {¬, ∧} folgt leicht aus Satz 2.25 (h) (Tertium
Non Datur), (f) (doppelte Negation), (g) (De Morgan) und (k)
(Elimination der Implikation):
• 0 ≡ (X ∧ ¬X) , für jedes X ∈ AS
• 1 ≡ (X ∨ ¬X) , für jedes X ∈ AS
• für alle Formeln ϕ, ψ gilt:
– (ϕ ∨ ψ) ≡ ¬(¬ϕ ∧ ¬ψ)
– (ϕ → ψ) ≡ (¬ϕ ∨ ψ).
Die Adäquatheit von {¬, ∨} folgt aus der Adäquatheit von {¬, ∧}
und der Tatsache, dass für alle Formeln ϕ, ψ gilt:
(ϕ ∧ ψ) ≡ ¬(¬ϕ ∨ ¬ψ).
Die Adäquatheit von {0, →} folgt aus der Adäquatheit von {¬, ∨}
und der Beobachtung, dass für alle Formeln ϕ, ψ gilt:
¬ϕ ≡ (ϕ → 0)
und
(ϕ ∨ ψ) ≡ (¬ϕ → ψ).
Details: Übung.
(b) {∧, ∨, →} ist nicht adäquat, weil für alle Formeln
ϕ(X1 , . . . , Xn ) ∈ AL({∧, ∨, →}) gilt: ϕ[1, . . . , 1] = 1 (dies kann man per
Induktion nach dem Formelaufbau leicht nachweisen; Details: Übung).
Folie 101
Andere Junktoren
• Die Auswahl der Junktoren ¬, ∧, ∨, → (und ↔ als Abkürzung) für
unsere“ aussagenlogische Sprache richtet sich nach dem
”
umgangssprachlichen Gebrauch und den Erfordernissen des formalen
Schließens, ist aber in gewisser Weise willkürlich.
• Durch Festlegung ihrer Wahrheitstafeln können wir auch andere
Junktoren definieren und erhalten daraus andere aussagenlogische
Sprachen.
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• Für jede Menge τ von so definierten Junktoren und den boolschen
Konstanten (die wir als nullstellige“ Junktoren auffassen können) sei
”
AL(τ ) die daraus gebildete aussagenlogische Sprache.
• Satz 2.31 besagt dann, dass jede Formel in AL(τ ) zu einer Formel in
AL äquivalent ist. Gilt die Umkehrung ebenfalls, so bezeichnen wir τ
als adäquat.
Folie 102
Beispiele 1: Exklusives Oder
Der 2-stellige Junktor ⊕ sei definiert durch
ϕ
0
0
1
1
ψ ϕ⊕ψ
0
0
1
1
1
0
1
0
Intuitiv bedeutet ϕ ⊕ ψ entweder ϕ oder ψ“.
”
Man nennt ⊕ auch exklusives Oder.
Folie 103
Der dreistellige Mehrheitsjunktor
Der 3-stellige Junktor M sei definiert durch
ϕ
0
0
0
0
1
1
1
1
ψ
0
0
1
1
0
0
1
1
χ M (ϕ, ψ, χ)
0
0
1
0
0
0
1
1
0
0
1
1
0
1
1
1
Intuitiv ist M (ϕ, ψ, χ) also genau dann wahr, wenn mindestens zwei (also
die Mehrheit) der Formeln ϕ, ψ, χ wahr sind.
Folie 104
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Seite 61
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NAND
Der folgende zweistellige Junktor
oder Sheffer-Strich:
ϕ
0
0
1
1
ist bekannt als NAND-Gatter (not-and)
ψ (ϕ | ψ)
0
1
1
1
0
1
0
1
Satz 2.36. { | } ist adäquat.
Beweis. Man kann sich leicht davon überzeugen, dass für alle Formeln ϕ, ψ
gilt:
¬ϕ ≡ (ϕ | ϕ)
und
(ϕ ∧ ψ) ≡ ¬(ϕ | ψ)
Details: Übung.
2.4
Normalformen
Folie 105
Vereinfachende Annahme
In diesem Abschnitt betrachten wir nur Formeln in AL({¬, ∨, ∧}).
Rechtfertigung
Die Annahme bedeutet keine wesentliche Einschränkung, weil die Menge
{¬, ∨, ∧} adäquat ist.
Folie 106
NNF
Definition 2.37. Eine Formel ist in Negationsnormalform (NNF), wenn sie
zu AL({¬, ∧, ∨}) gehört und Negationszeichen nur unmittelbar vor
Aussagensymbolen auftreten.
Satz 2.38. Jede aussagenlogische Formel ist äquivalent zu einer Formel in
NNF.
Version vom 1. Dezember 2016
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Beweis. Da AL({¬, ∧, ∨}) adäquat ist, genügt es, an Stelle von AL nur
AL({¬, ∧, ∨}) zu betrachten.
Per Induktion über den Aufbau definieren wir zu jedem ϕ ∈ AL({¬, ∧, ∨})
zwei Formeln ϕ0 und ϕ00 in NNF, so dass gilt:
ϕ ≡ ϕ0
und ¬ϕ ≡ ϕ00 .
(?)
Induktionsanfang:
Falls ϕ = X für ein X ∈ AS: Setze ϕ0 := X und ϕ00 := ¬X.
Dann gilt (?) offensichtlicherweise.
Induktionsschritt:
Falls ϕ = ¬ψ für eine Formel ψ: Setze ϕ0 := ψ 00 und ϕ00 := ψ 0 .
Dann folgt (?) unmittelbar aus der Induktionsannahme.
Falls ϕ = (ψ1 ∧ ψ2 ) für Formeln ψ1 , ψ2 :
Setze ϕ0 := (ψ10 ∧ ψ20 ) und ϕ00 := (ψ100 ∨ ψ200 ).
Gemäß Induktionsannahme gilt ψ1 ≡ ψ10 und ψ2 ≡ ψ20 , und daher
gilt auch ϕ ≡ ϕ0 .
Außerdem gilt gemäß Induktionsannahme, dass ¬ψ1 ≡ ψ100 und
¬ψ2 ≡ ψ200 . Daher gilt auch:
¬ϕ ≡ (¬ψ1 ∨ ¬ψ2 )
≡ (ψ100 ∨ ψ200 )
(De Morgan)
(Induktionsannahme)
Also gilt (?).
Falls ϕ = (ψ1 ∨ ψ2 ) für Formeln ψ1 , ψ2 :
Setze ϕ0 := (ψ10 ∨ ψ20 ) und ϕ00 := (ψ100 ∧ ψ200 ).
Ähnlich wie im Fall, dass ϕ = (ψ1 ∧ ψ2 ), lässt sich zeigen, dass
(?) gilt.
Die Formeln ϕ0 und ϕ00 sind in NNF, weil Negationszeichen nur im
Induktionsanfang verwendet werden und dort unmittelbar vor einem
Aussagensymbol stehen.
Folie 107
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Seite 63
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Ein NNF-Algorithmus
Eingabe: Formel ϕ ∈ AL({¬, ∧, ∨}).
Ausgabe: Formel ϕ0 in NNF
Verfahren:
1. Wiederhole folgende Schritte:
2.
Wenn ϕ in NNF ist, dann halte mit
Ausgabe ϕ.
3.
Ersetze eine Subformel von ϕ der Gestalt
¬(ψ1 ∧ ψ2 ) durch (¬ψ1 ∨ ¬ψ2 )
oder eine Subformel der Gestalt
¬(ψ1 ∨ ψ2 ) durch (¬ψ1 ∧ ¬ψ2 )
oder eine Subformel der Gestalt
¬¬ψ durch ψ.
Sei ϕ0 die resultierende Formel.
4.
ϕ := ϕ0 .
Folie 108
Korrektheit des NNF-Algorithmus
Satz 2.39. Für jede Eingabeformel ϕ ∈ AL({¬, ∧, ∨}) gibt der
NNF-Algorithmus nach endlich vielen Schritten eine zu ϕ äquivalente
Formel ϕ0 in NNF aus.
(hier ohne Beweis)
Bemerkung. Unter Verwendung geeigneter Datenstrukturen lässt sich der
NNF-Algorithmus mit linearer Laufzeit implementieren, d.h., Laufzeit O(n)
bei Eingabe einer Formel der Länge n.
Folie 109
Beispiel 2.40.
Das Ziel ist, die Formel
¬A0 ∧ ¬ (A0 ∨ A1 ) → A0 → 0
in NNF zu bringen, d.h. eine zu ihr äquivalente Formel in NNF zu finden.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 64
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Lösung: Wir ersetzen zunächst die Konstanten 0 und 1 sowie alle
Implikationspfeile durch geeignete Formeln aus AL({¬, ∧, ∨}) und wenden
dann den NNF-Algorithmus an. Der Teil einer Formel, der als Nächstes
ersetzt wird, ist im Folgenden jeweils unterstrichen.
≡
≡
≡
≡
≡
≡
¬A0 ∧ ¬ (A0 ∨ A1 ) → A0
→0
¬A0 ∧ ¬ (A0 ∨ A1 ) → A0 → (A0 ∧ ¬A0 )
¬ ¬A0 ∧ ¬ (A0 ∨ A1 ) → A0 ∨ (A0 ∧ ¬A0 )
¬ ¬A0 ∧ ¬ ¬(A0 ∨ A1 ) ∨ A0 ∨ (A0 ∧ ¬A0 )
¬¬A0 ∨ ¬¬ ¬(A0 ∨ A1 ) ∨ A0 ∨ (A0 ∧ ¬A0 )
A0 ∨ ¬(A0 ∨ A1 ) ∨ A0 ∨ (A0 ∧ ¬A0 )
A0 ∨ (¬A0 ∧ ¬A1 ) ∨ A0 ∨ (A0 ∧ ¬A0 ) .
Diese Formel ist offensichtlicherweise in NNF.
Folie 110
Klammern bei Konjunktionen und Disjunktionen
V
Weil ∧ assoziativ ist, können wir Formeln der V
Gestalt ni=1 ϕi etwas
großzügiger interpretieren. Von nun an stehe ni=1 ϕi für ϕ1 ∧ · · · ∧ ϕn
mit irgendeiner Klammerung.
Entsprechend verfahren wir mit Disjunktionen.
Beispiel. Die Formel
V4
i=1
ϕi kann für jede der folgenden Formeln stehen:
(((ϕ1 ∧ ϕ2 ) ∧ ϕ3 ) ∧ ϕ4 ) ,
((ϕ1 ∧ (ϕ2 ∧ ϕ3 )) ∧ ϕ4 ) ,
((ϕ1 ∧ ϕ2 ) ∧ (ϕ3 ∧ ϕ4 )) ,
(ϕ1 ∧ ((ϕ2 ∧ ϕ3 ) ∧ ϕ4 )) ,
(ϕ1 ∧ (ϕ2 ∧ (ϕ3 ∧ ϕ4 ))) .
Folie 111
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Seite 65
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DNF und KNF
Definition 2.41.
(a) Ein Literal ist eine Formel der Gestalt X oder ¬X, wobei X ∈ AS.
Im ersten Fall sprechen wir von einem positiven, im zweiten Fall von
einem negativen Literal.
(b) Eine Formel ist in disjunktiver Normalform (DNF), wenn sie eine
Disjunktion von Konjunktionen von Literalen ist, d.h., wenn sie die
Form
mi
n ^
_
λi,j
i=1
j=1
hat, wobei n, m1 , . . . , mn > 1 sind und die λi,j für alle i ∈ [n] und
j ∈ [mi ] Literale sind.
V i
Die Subformeln κi := m
j=1 λi,j , für i ∈ [n], nennen wir die
(konjunktiven) Klauseln der Formel.
Beispiele:
• (A1 ∧ ¬A2 ∧ A3 ) ∨ (¬A2 ∧ ¬A3 ) ∨ (A2 ∧ A1 ) ist in DNF
• A1 ∨ ¬A2 ∨ A3 ist in DNF (mit n = 3 und m1 = m2 = m3 = 1)
• A1 ∧ ¬A2 ∧ A3 ist in DNF (mit n = 1 und m1 = 3) und
gleichzeitig ist diese Formel eine konjunktive Klausel
Folie 112
(c) Eine Formel ist in konjunktiver Normalform (KNF), wenn sie eine
Konjunktion von Disjunktion von Literalen ist, d.h., wenn sie die Form
mi
n _
^
i=1
λi,j
j=1
hat, wobei n, m1 , . . . , mn > 1 sind und die λi,j für alle i ∈ [n] und
j ∈ [mi ] Literale sind.
W i
Die Subformeln κi := m
j=1 λi,j , für i ∈ [n], nennen wir die
(disjunktiven) Klauseln der Formel.
Beispiele:
• (A1 ∨ ¬A2 ∨ A3 ) ∧ (¬A2 ∨ ¬A3 ) ∧ (A2 ∨ A1 ) ist in KNF
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• A1 ∨ ¬A2 ∨ A3 ist in KNF (mit n = 1 und m1 = 3) und
gleichzeitig ist diese Formel eine disjunktive Klausel
• A1 ∧ ¬A2 ∧ A3 ist in KNF (mit n = 3 und m1 = m2 = m3 = 1)
Folie 113
Normalformen spielen in vielen Anwendungsgebieten eine wichtige Rolle.
Beispielsweise geht man in der Schaltungstechnik (Hardware-Entwurf) oft
von DNF-Formeln aus, während bei der aussagenlogischen Modellbildung
oftmals KNF-Formeln auftreten, da sich eine Sammlung von einfach
strukturierten Aussagen sehr gut durch eine Konjunktion von Klauseln
ausdrücken lässt.
Folie 114
Satz 2.42. Jede aussagenlogische Formel ist äquivalent zu einer Formel in
DNF und zu einer Formel in KNF.
Beweis. Sei ψ eine Formel.
DNF: Falls ψ unerfüllbar ist, so ist ψ ≡ X ∧ ¬X (für jedes X ∈ AS). Die
Formel X ∧ ¬X ist sowohl in KNF als auch in DNF.
Falls ψ erfüllbar ist, so liefert der Beweis von Satz 2.31, angewendet
auf die Wahrheitstafel von ψ (bzw. die von ψ berechnete boolesche
Funktion), eine zu ψ äquivalente Formel in DNF (Details: Übung).
e
KNF: Sei ψe die zu ψ duale Formel. Man beachte, dass ψe = ψ.
Sei ϕ eine zu ψe äquivalente Formel in DNF (dass es eine solche
Formel gibt, haben wir gerade bereits gezeigt), und sei ϕ
e die zu ϕ
duale Formel. Dann ist ϕ
e offensichtlicherweise in KNF. Und da
ψe ≡ ϕ
ist, gilt gemäß dem Dualistätssatz der Aussagenlogik (Satz 2.28),
dass
e
ψe ≡ ϕ.
e
e
Wegen ψe = ψ ist ψ also äquivalent zur KNF-Formel ϕ.
e
Folie 115
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Seite 67
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Bemerkung 2.43. Der Beweis von Satz 2.42 zeigt Folgendes:
Um für eine gegebene Formel ψ eine äquivalente Formel ϕ in
• DNF zu erzeugen, können wir die Wahrheitstafel für ψ aufstellen und
dann wie in Beispiel 2.33 vorgehen (bzw. ϕ := A1 ∧ ¬A1 setzen, falls
ψ unerfüllbar ist).
• KNF zu erzeugen, können wir wie folgt vorgehen:
(1) Stelle die Wahrheitstafel für ψ auf.
(2) Falls in der letzten Spalte nur 1“en stehen, setze ϕ := A1 ∨ ¬A1 .
”
(3) Ansonsten gehe wie folgt vor:
– Betrachte alle Zeilen der Wahrheitstafel, bei denen in der
letzten Spalte eine 0“ steht.
”
– Für jede solche Zeile konstruiere die disjunktive Klausel, die
von allen Interpretationen außer der zur Zeile gehörenden
erfüllt wird.
Beispiel: Wenn die Zeile der Wahrheitstafel die Form
011|0
hat, so gehört dazu die disjunktive Klausel
A1 ∨ ¬A2 ∨ ¬A3 .
– Bilde die Konjunktion all dieser disjunktiven Klauseln.
Dies liefert die gesuchte KNF-Formel ϕ.
Folie 116
Wenn eine Formel sehr viele verschiedene Aussagensymbole enthält, die zur
Formel gehörige Wahrheitstafel also sehr groß ist, ist das gerade
beschriebene Verfahren zur Umformung in DNF oder KNF sehr
zeitaufwändig. In solchen Fällen ist es ratsam, stattdessen zu versuchen, die
gewünschte Normalform durch Äquivalenzumformungen zu erzeugen.
Folie 117
Beispiel 2.44. Sei ϕ :=
¬A0 ∧ (A0 → A1 ) ∨ (A2 → A3 ) .
Transformation von ϕ in NNF :
¬A0 ∧ (¬A0 ∨ A1 ) ∨ (¬A2 ∨ A3 ) .
¬A0 ∧(A0 → A1 ) ∨(A2 → A3 ) ≡
|
{z
}
=: ϕ0
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Transformation in DNF:
Wir betrachten die NNF-Formel
ϕ0 =
¬A0 ∧ (¬A0 ∨ A1 ) ∨ (¬A2 ∨ A3 ) .
und wenden die Distributivitätsregel (Satz 2.25(e)) auf die
unterstrichene Subformel von ϕ0 an. Dies liefert die Formel
ϕ00 :=
(¬A0 ∧ ¬A0 ) ∨ (¬A0 ∧ A1 ) ∨ (¬A2 ∨ A3 ) .
Diese Formel ist in DNF (die einzelnen konjunktiven Klauseln
sind jeweils unterstrichen).
Transformation in KNF:
Wir betrachten die NNF-Formel
0
ϕ = ¬A0 ∧ (¬A0 ∨ A1 ) ∨ (¬A2 ∨ A3 ) .
und wenden die Distributivitätsregel (Satz 2.25(e)) auf den
unterstrichenen Teil der Formel ϕ0 an. Dies liefert die Formel
ϕ00 :=
¬A0 ∨ (¬A2 ∨ A3 ) ∧ ((¬A0 ∨ A1 ) ∨ (¬A2 ∨ A3 )) .
Dies ist eine KNF-Formel (die einzelnen disjunktiven Klauseln
sind jeweils unterstrichen).
Je nach Formel muss man ggf. die Distributivitätsregel mehrmals
anwenden, bis man eine Formel der gewünschten Normalform erhält.
Folie 118
Ein DNF-Algorithmus
Eingabe: Formel ϕ ∈ AL({¬, ∧, ∨}) in NNF.
Ausgabe: Formel ϕ00 in DNF
Verfahren:
1. Wiederhole folgende Schritte:
2.
Wenn ϕ in DNF ist, dann halte mit
Ausgabe ϕ.
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3.
Ersetze eine Subformel von ϕ der Gestalt
(ψ1 ∧ (ψ2 ∨ ψ3 )) durch ((ψ1 ∧ ψ2 ) ∨ (ψ1 ∧ ψ3 ))
oder eine Subformel der Gestalt
((ψ1 ∨ ψ2 ) ∧ ψ3 ) durch ((ψ1 ∧ ψ3 ) ∨ (ψ2 ∧ ψ3 )).
Sei ϕ0 die resultierende Formel.
4.
ϕ := ϕ0 .
Satz 2.45. Für jede Eingabeformel ϕ in NNF gibt der DNF-Algorithmus
nach endlich vielen Schritten eine zu ϕ äquivalente Formel ϕ00 in DNF aus.
(hier ohne Beweis)
Analog kann man auch einen KNF-Algorithmus“ angeben, der bei Eingabe
”
einer NNF-Formel eine äquivalente Formel in KNF erzeugt (Details:
Übung).
Folie 119
Eine kleine Formel mit großer DNF
Die Transformation einer Formel in eine äquivalente DNF- oder
KNF-Formel kann u.U. allerdings sehr lang dauern, da es einige Formeln
gibt, zu denen äquivalente DNF-Formeln zwangsläufig sehr groß sind. Dies
wird durch den folgenden Satz präzisiert.
Satz 2.46. Sei n ∈ N mit n > 1, seien X1 , . . . , Xn und Y1 , . . . , Yn genau 2n
verschiedene Aussagensymbole und sei
ϕn :=
n
^
( Xi ∨ ¬Yi ) .
i=1
Jede zu ϕn äquivalente Formel in DNF hat mindestens 2n konjunktive
Klauseln.
Beweis: Übung
Korollar 2.47. Jeder Algorithmus, der bei Eingabe von beliebigen
aussagenlogischen Formeln dazu äquivalente Formeln in DNF erzeugt, hat
eine Laufzeit, die im worst-case exponentiell ist, d.h., 2Ω(n) bei Eingabe von
Formeln der Länge n.
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2.5
Der Endlichkeitssatz
Folie 120
Der Endlichkeitssatz (auch bekannt als Kompaktheitssatz)
Um nachzuweisen, dass eine gegebene unendliche Formelmenge erfüllbar
ist, ist der folgende Satz sehr nützlich.
Satz 2.48 (Der Endlichkeitssatz der Aussagenlogik).
Für jede Formelmenge Φ ⊆ AL gilt:
Φ ist erfüllbar ⇐⇒ Jede endliche Teilmenge von Φ ist erfüllbar.
Korollar 2.49 (Variante des Endlichkeitssatzes).
Sei Φ ⊆ AL und sei ψ ∈ AL. Dann gilt:
Φ |= ψ
⇐⇒ Es gibt eine endliche Teilmenge Γ von Φ, so dass Γ |= ψ.
Beweis von Korollar 2.49 unter Verwendung von Satz 2.48.
Es gilt
Φ |= ψ ⇐⇒ Φ ∪ {¬ψ} ist unerfüllbar
⇐⇒ es gibt eine endliche Teilmenge
Γ von Φ, so dass
Γ ∪ {¬ψ} unerfüllbar ist
⇐⇒ es gibt eine endliche Teilmenge
Γ von Φ, so dass Γ |= ψ
(Lemma 2.19)
(Endlichkeitssatz)
(Lemma 2.19).
Beweis von Satz 2.48.
Die Richtung =⇒“ ist offensichtlich, denn eine Interpretation, die Φ
”
erfüllt, erfüllt auch jede Teilmenge von Φ.
Für die Richtung ⇐=“ sei jede endliche Teilmenge von Φ erfüllbar.
”
Ziel ist, zu zeigen, dass es eine Interpretation gibt, die alle Formeln in Φ
erfüllt.
Zunächst definieren wir dazu rekursiv für alle i ∈ N eine Menge Ψi . Wir
starten mit Ψ0 := Φ und wählen für alle i ∈ N die Menge Ψi+1 wie folgt
(zur Erinnerung: AS = {A0 , A1 , A2 , . . .}):
• Falls jede endliche Teilmenge von Ψi ∪ {Ai } erfüllbar ist, so setze
Ψi+1 := Ψi ∪ {Ai },
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• ansonsten, falls jede endliche Teilmenge von Ψi ∪ {¬Ai } erfüllbar ist,
setze Ψi+1 := Ψi ∪ {¬Ai },
• ansonsten setze Ψi+1 := Ψi .
Sei weiterhin
Ψ :=
[
Ψi .
i∈N
Offensichtlicherweise gilt
Φ = Ψ0 ⊆ Ψ1 ⊆ Ψ2 ⊆ Ψ3 ⊆ · · · ⊆ Ψ.
Behauptung 1.
Für jedes i ∈ N gilt: Jede endliche Teilmenge von Ψi ist erfüllbar.
Beweis. Per Induktion nach i.
i = 0: Es gilt Ψ0 = Φ, und nach Voraussetzung ist jede endliche
Teilmenge von Φ erfüllbar.
i → i+1: Falls Ψi+1 = Ψi , so ist gemäß Induktionsannahme jede
endliche Teilmenge von Ψi+1 erfüllbar. Ansonsten ist per Definition
von Ψi+1 jede endliche Teilmenge von Ψi+1 erfüllbar.
Beh.1
Behauptung 2.
Jede endliche Teilmenge von Ψ ist erfüllbar.
Beweis. Jede endliche Teilmenge von Ψ ist in einem Ψi (für ein i ∈ N)
enthalten und daher gemäß Behauptung 1 erfüllbar.
Beh.2
Behauptung 3.
Für jedes n ∈ N gilt: An ∈ Ψ oder ¬An ∈ Ψ (aber nicht beides, weil gemäß
Behauptung 2 jede endliche Teilmenge von Ψ erfüllbar ist).
Beweis. Angenommen, die Behauptung ist falsch. Dann gibt es ein n ∈ N,
so dass weder An noch ¬An zur Menge Ψ gehört.
Gemäß der Definition der Mengen Ψ und Ψi für i ∈ N gilt dann: An 6∈ Ψn+1
und ¬An 6∈ Ψn+1 . Daher gibt es gemäß der Definition von Ψn+1 also
endliche Teilmengen Γ+ und Γ− von Ψn , so dass weder Γ+ ∪ {An } noch
Γ− ∪ {¬An } erfüllbar ist.
Weil Γ+ ∪ Γ− eine endliche Teilmenge von Ψn ist, ist Γ+ ∪ Γ− gemäß
Behauptung 1 erfüllbar. Sei also I ein Modell von Γ+ ∪ Γ− . Falls I(An ) = 1,
so gilt I |= Γ+ ∪ {An }. Falls I(An ) = 0, so gilt I |= Γ− ∪ {¬An }. Also ist
doch eine der beiden Mengen erfüllbar. Widerspruch.
Beh.3
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Gemäß Behauptung 3 können wir nun eine Interpretation I : AS → {0, 1}
definieren, indem wir für alle i ∈ N setzen:
(
1 falls Ai ∈ Ψ,
I(Ai ) :=
0 falls ¬Ai ∈ Ψ.
Behauptung 4.
I |= Ψ.
Beweis. Angenommen, die Behauptung ist falsch. Dann gibt es eine Formel
ψ ∈ Ψ, so dass I 6|= ψ. Wähle n ∈ N so, dass in ψ nur Aussagensymbole aus
{A0 , A1 , . . . , An } vorkommen. Für i ∈ {0, 1, . . . , n} sei ϕi := Ai falls Ai ∈ Ψ,
und ϕi := ¬Ai falls ¬Ai ∈ Ψ. Dann ist Γ := {ψ, ϕ0 , ϕ1 , . . . , ϕn } eine
endliche Teilmenge von Ψ und daher gemäß Behauptung 2 erfüllbar. Sei J
also ein Modell von Γ. Für jedes i ∈ {0, 1, . . . , n} gilt J |= ϕi , und daher
J (Ai ) = I(Ai ). Wegen J |= ψ folgt aus dem Koinzidenzlemma, dass
I |= ψ. Widerspruch.
Beh.4
Gemäß Behauptung 4 ist I ein Modell von Ψ und wegen Φ ⊆ Ψ auch ein
Modell von Φ. Daher ist Φ erfüllbar.
Folie 121
Anwendung: Färbbarkeit
Zur Erinnerung:
• Ein Graph G = (V, E) besteht aus einer nicht-leeren Menge
V von
Knoten und einer Menge E ⊆ {x, y} : x, y ∈ V, x 6= y von
(ungerichteten) Kanten.
• Ein Subgraph eines Graphen G = (V, E) ist ein Graph H = (V 0 , E 0 )
mit V 0 ⊆ V und E 0 ⊆ E.
• Ein Graph ist endlich (bzw. unendlich), wenn seine Knotenmenge
endlich (bzw. unendlich) ist.
Definition 2.50. Sei k ∈ N mit k > 1.
Eine k-Färbung eines Graphen G = (V, E) ist eine Abbildung f : V → [k],
so dass für alle Kanten {v, w} ∈ E gilt: f (v) 6= f (w).
G heißt k-färbbar, falls es eine k-Färbung von G gibt.
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Satz 2.51. Sei k ∈ N mit k > 1.
Ein unendlicher Graph G mit Knotenmenge N ist genau dann k-färbbar,
wenn jeder endliche Subgraph von G k-färbbar ist.
Beweis. Sei k ∈ N mit k > 1 und sei G = (V, E) ein unendlicher Graph mit
Knotenmenge V = N.
Zum Beweis des Satzes bilden wir ein aussagenlogisches Modell und wenden
den Endlichkeitssatz an. Wir betrachten dazu
• Aussagensymbole Xv,i für alle v ∈ V und i ∈ [k], die besagen:
Knoten v erhält Farbe i.“
”
• für jeden Knoten v ∈ V eine Formel
ϕv :=
_
Xv,i ∧
¬Xv,j ,
j∈[k]
j6=i
i∈[k]
die besagt:
^
Knoten v erhält genau eine Farbe.“
”
• für jede Kante {v, w} ∈ E eine Formel
ψ{v,w} :=
k
^
¬(Xv,i ∧ Xw,i ),
i=1
die besagt: Benachbarte Knoten erhalten verschiedene Farben.“
”
Für jeden Subgraphen H = (V 0 , E 0 ) von G sei
ΦH := { ϕv : v ∈ V 0 } ∪ { ψ{v,w} : {v, w} ∈ E 0 }.
Man sieht leicht, dass gilt:
ΦH ist erfüllbar ⇐⇒ H ist k-färbbar.
(2.1)
Falls H endlich ist, so ist auch ΦH endlich. Außerdem gibt es für jede
endliche Teilmenge Γ von ΦG einen endlichen Subgraphen H von G, so dass
Γ ⊆ ΦH . Daher gilt:
Für jeden endlichen SubgraJede endliche Teilmenge
⇐⇒
phen H von G ist ΦH erfüllbar.
von ΦG ist erfüllbar.
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(2.2)
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Insgesamt erhalten wir:
⇐⇒
⇐⇒
⇐⇒
⇐⇒
2.6
G ist k-färbar
ΦG ist erfüllbar
jede endliche Teilmenge von ΦG
ist erfüllbar
für jeden endlichen Subgraphen
H von G ist ΦH erfüllbar
jeder endliche Subgraph H von G
ist k-färbbar
(2.1)
(Endlichkeitssatz)
(2.2)
(2.1).
Resolution
Folie 122
Um nachzuweisen, dass eine gegebene KNF-Formel unerfüllbar ist, ist das
im Folgenden vorgestellte Resolutionsverfahren nützlich.
Beispiel 2.52. Wir wollen nachweisen, dass die KNF-Formel
ϕ := (¬P ∨ ¬R) ∧ (P ∨ ¬R) ∧ (¬Q ∨ S) ∧ (Q ∨ R ∨ T ) ∧ ¬T ∧ (¬S ∨ R)
unerfüllbar ist. Dazu können wir wie folgt argumentieren:
Angenommen, eine Interpretation I erfüllt ϕ.
• Dann gilt I |= ¬T .
• Aus I |= Q ∨ R ∨ T und I |= ¬T folgt dann I |= Q ∨ R.
• Aus I |= Q ∨ R und I |= ¬Q ∨ S folgt I |= R ∨ S.
• Aus I |= R ∨ S und I |= ¬S ∨ R folgt I |= R.
• Aus I |= ¬P ∨ ¬R und I |= P ∨ ¬R folgt I |= ¬R.
Das ist ein Widerspruch. Somit ist ϕ nicht erfüllbar.
Folie 123
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Umwandlung in kleine KNF-Formeln
Das Resolutionsverfahren, das wir im Folgenden vorstellen, funktioniert nur
für KNF-Formeln.
Wir wissen bereits:
• Zu jeder Formel ϕ gibt es eine äquivalente Formel in KNF.
• Aber möglicherweise ist die kleinste zu ϕ äquivalente KNF-Formel
exponentiell groß in der Größe von ϕ.
Wenn es uns nur um die Frage geht, ob eine Formel ϕ (un)erfüllbar ist, ist
es aber auch gar nicht nötig, eine zu ϕ äquivalente KNF-Formel zu finden.
Es reicht, eine zu ϕ erfüllbarkeitsäquivalente KNF-Formel zu konstruieren.
Definition 2.53. Zwei Formeln ϕ und ψ heißen erfüllbarkeitsäquivalent,
falls gilt:
ϕ ist erfüllbar ⇐⇒ ψ ist erfüllbar.
Folie 124
Eine beliebige Formel in eine erfüllbarkeitsäquivalente KNF-Formel
umzuwandeln, ist in Linearzeit möglich.
Beispiel 2.54. Um die Formel
ϕ :=
( P → ¬Q ) ∨ ( ¬ ( P ∧ Q ) ∧ R )
in eine erfüllbarkeitsäquivalente KNF-Formel umzuformen, können wir wie
folgt vorgehen.
1. Schritt: Wir listen alle Subformeln von ϕ auf, die keine Literale sind:
ϕ :=
( P → ¬Q ) ∨ ( ¬ ( P ∧ Q ) ∧ R ) .
|
{z
}
| {z }
ψ1
ψ4
| {z }
ψ3
|
{z
}
ψ2
Für jede Subformel ψ von ϕ sei Xψ ein neues Aussagensymbol, das
die Aussage die Subformel ψ ist wahr“ repräsentiert.
”
Wir wählen
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ϕ0 :=
Xϕ
Xϕ ↔ Xψ1 ∨ Xψ2
Xψ1 ↔ P → ¬Q
Xψ2 ↔ Xψ3 ∧ R
Xψ3 ↔ ¬Xψ4
Xψ4 ↔ P ∧ Q
∧
∧
∧
∧
∧
(da ϕ = (ψ1 ∨ ψ2 ))
(da ψ1 = (P → ¬Q))
(da ψ2 = (ψ3 ∧ R))
(da ψ3 = ¬ψ4 )
(da ψ4 = (P ∧ Q))
Man sieht leicht, dass gilt:
ϕ ist erfüllbar ⇐⇒ ϕ0 ist erfüllbar.
2. Schritt: Die im 1. Schritt konstruierte Formel ϕ0 ist eine Konjunktion
von Teilformeln mit jeweils höchstens 3 Aussagensymbolen. Wir
wandeln jetzt jede dieser Teilformeln in eine äquivalente KNF-Formel
um und erhalten damit auch insgesamt eine zu ϕ0 äquivalente
KNF-Formel
ϕK :=
Xϕ
∧
∧
∧
∧
∧
¬Xϕ ∨ Xψ1 ∨ Xψ2 ∧ Xϕ ∨ ¬Xψ1 ∧ Xϕ ∨ ¬Xψ2
¬Xψ1 ∨ ¬P ∨ ¬Q ∧ P ∨ Xψ1 ∧ Q ∨ Xψ1
¬Xψ2 ∨ Xψ3 ∧ ¬Xψ2 ∨ R ∧ ¬Xψ3 ∨ ¬R ∨ Xψ2
¬Xψ3 ∨ ¬Xψ4 ∧ Xψ4 ∨ Xψ3
¬Xψ4 ∨ P ∧ ¬Xψ4 ∨ Q ∧ ¬P ∨ ¬Q ∨ Xψ4 .
Da ϕK äquivalent zu ϕ0 und ϕ0 erfüllbarkeitsäquivalent zu ϕ ist, ist
insgesamt ϕK erfüllbarkeitsäquivalent zu ϕ.
Folie 125
Das Tseitin-Verfahren
Auf die gleiche Weise wie in Beispiel 2.54 können wir jede beliebige
aussagenlogische Formel in eine erfüllbarkeitsäquivalente KNF-Formel
umwandeln. Dieses Verfahren wird Tseitin-Verfahren genannt. Eine
Laufzeitanalyse zeigt, dass das Tseitin-Verfahren in Linearzeit durchgeführt
werden kann. Insgesamt erhalten wir so den folgenden Satz.
Satz 2.55. Zu jeder aussagenlogischen Formel ϕ gibt es eine
aussagenlogische Formel ϕK mit folgenden Eigenschaften:
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(a) ϕK ist erfüllbarkeitsäquivalent zu ϕ.
(b) ϕK ist in 3-KNF, d.h., in KNF, wobei jede disjunktive Klausel aus
höchstens 3 Literalen besteht (wir sagen: die Klauseln haben Länge
6 3).
(c) |ϕK | = O(|ϕ|).
Außerdem gibt es einen Algorithmus, der ϕK bei Eingabe von ϕ in
Linearzeit berechnet.
Beweis: Übung.
Notation. |ϕ| bezeichnet die Länge (bzw. Größe) einer aussagenlogischen
Formel ϕ, d.h. die Länge von ϕ aufgefasst als Wort über dem Alphabet AAL .
Folie 126
Repräsentation von KNF-Formeln
Für den Rest diese Abschnitts werden wir nur noch KNF-Formeln
betrachten, und wenn wir von Klauseln sprechen, meinen wir stets
disjunktive Klauseln, also Disjunktionen von Literalen.
Für das Resolutionsverfahren ist die folgende Repräsentation von Klauseln
und KNF-Formeln sehr hilfreich:
• Eine Klausel (λ1 ∨ · · · ∨ λ` ), die aus Literalen λ1 , . . . , λ` besteht,
identifizieren wir mit der Menge {λ1 , . . . , λ` } ihrer Literale.
Beispiel: Wir schreiben z.B. {A1 , ¬A2 , A3 } um die Klausel
(A1 ∨ ¬A2 ∨ A3 ) zu bezeichnen.
D.h.: Ab jetzt sind disjunktive Klauseln für uns dasselbe wie endliche
Mengen von Literalen. Wenn wir von einer Klausel sprechen, meinen
wir eine endliche Menge von Literalen und identifizieren diese mit der
Formel, die aus der Disjunktion all dieser Literale besteht.
Spezialfall: Die leere Menge ∅ entspricht der unerfüllbaren Formel 0
(die wiederum der Formel“ entspricht, die aus der Disjunktion aller
”
Literale aus ∅ besteht).
Folie 127
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• Eine KNF-Formel ϕ =
m
^
γi , die aus (disjunktiven) Klauseln
i=1
γ1 , . . . , γm besteht, identifizieren wir mit der Menge Γ := {γ1 , . . . , γm }
ihrer Klauseln.
Offensichtlicherweise gilt für alle Interpretationen I:
I |= ϕ ⇐⇒ I |= Γ.
Beispiel: Die KNF-Formel ϕ = A1 ∧ (¬A2 ∨ A1 ) ∧ (A3 ∨ ¬A2 ∨ ¬A1 )
repräsentieren wir durch die endliche Klauselmenge
A1 , (¬A2 ∨ A1 ), (A3 ∨ ¬A2 ∨ ¬A1 )
bzw. durch
{A1 }, {¬A2 , A1 }, {A3 , ¬A2 , ¬A1 }
Erfüllbarkeit von KNF-Formeln“ ist damit im Wesentlichen dasselbe
”
Problem wie Erfüllbarkeit von endlichen Mengen von Klauseln“.
”
Folie 128
Resolution
Notation. Für ein Literal λ sei
(
¬X , falls λ von der Form X für ein X ∈ AS ist
λ̄ :=
X , falls λ von der Form ¬X für ein X ∈ AS ist.
Wir nennen λ auch das Negat von λ.
Definition 2.56 (Resolutionsregel).
Seien γ1 , γ2 und δ endliche Mengen von Literalen (d.h. disjunktive
Klauseln). Dann ist δ eine Resolvente von γ1 und γ2 , wenn es ein Literal λ
gibt, so dass gilt:
λ ∈ γ1 ,
λ ∈ γ2
und
δ=
γ1 \ {λ} ∪ γ2 \ {λ } .
Graphische Darstellung:
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γ1
γ2
δ
δ ist eine Resolvente von γ1 und γ2 .“
”
Beispiele.
{P, ¬S, ¬T }
{¬Q, R, S, ¬T }
{P }
{P, ¬T, ¬Q, R}
{¬P }
∅
Folie 129
Das Resolutionslemma
Notation. Ein Klausel ist eine endliche Menge von Literalen (eine solche
Klausel repräsentiert die Disjunktion der in ihr enthaltenen Literale).
Eine Klauselmenge ist eine (endliche oder unendliche) Menge von Klauseln.
Lemma 2.57 (Resolutionslemma). Sei Γ eine Klauselmenge, seien
γ1 , γ2 ∈ Γ und sei δ eine Resolvente von γ1 und γ2 . Dann sind die
Klauselmengen Γ und Γ ∪ {δ} äquivalent.
Beweis. Sei I eine beliebige Interpretation. Wir zeigen:
I |= Γ
”
”
⇐⇒
I |= Γ ∪ {δ}.
⇐=“: Trivial.
=⇒“: Es gelte I |= Γ. Wir müssen zeigen, dass auch gilt: I |= δ.
Da δ eine Resolvente
von γ1 und γ2 ist, gibt es ein Literal λ, so dass
δ = γ1 \ {λ} ∪ γ2 \ {λ} .
Fall 1: I |= λ.
Dann gilt: I 6|= λ. Wegen I |= γ2 , muss es ein Literal
µ ∈ γ2 \ {λ} ⊆ δ geben, so dass I |= µ. Also gilt I |= δ.
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Fall 2: I 6|= λ.
Wegen I |= γ1 , muss es ein Literal µ ∈ γ1 \ {λ} ⊆ δ geben, so
dass I |= µ. Also gilt I |= δ.
In beiden Fällen gilt I |= δ. Insgesamt gilt also I |= Γ ∪ {δ}.
Folie 130
Resolutionsableitungen und -widerlegungen
Definition. Sei Γ eine Klauselmenge.
(a) Eine Resolutionsableitung einer Klausel δ aus Γ ist ein Tupel (δ1 , . . . , δ` )
von Klauseln, so dass gilt: ` > 1, δ` = δ, und für alle i ∈ [`] ist
• δi ∈ Γ, oder
• es gibt j, k ∈ [i−1], so dass δi eine Resolvente von δj und δk ist.
(b) Eine Resolutionswiderlegung von Γ ist eine Resolutionsableitung der
leeren Klausel aus Γ.
Zur Erinnerung:
Eine Klausel δ ist genau dann eine Resolvente zweier Klauseln γ1 und γ2 ,
wenn es ein Literal λ gibt, so dass gilt:
λ ∈ γ2
und
δ=
γ1 \ {λ} ∪ γ2 \ {λ } .
λ ∈ γ1 ,
Folie 131
Notation 2.58.
(a) Wir schreiben kurz Γ `R δ um auszudrücken, dass es eine
Resolutionsableitung von δ aus Γ gibt.
Insbesondere bedeutet Γ `R ∅, dass es eine Resolutionswiderlegung von
Γ gibt.
(b) An Stelle von (δ1 , . . . , δ` ) schreiben wir Resolutionsableitungen der
besseren Lesbarkeit halber oft zeilenweise, also
(1) δ1
(2) δ2
..
.
(`) δ`
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und geben am Ende jeder Zeile eine kurze Begründung an.
Folie 132
Beispiel 2.59. Sei
Γ :=
{¬P, ¬R} , {P, ¬R} , {¬Q, S} , {Q, R, T } , {¬T } , {¬S, R}
Eine Resolutionswiderlegung von Γ ist:
(1) {¬T }
(in Γ)
(2) {Q, R, T }
(in Γ)
(3) {Q, R}
(Resolvente von (1), (2))
(4) {¬Q, S}
(in Γ)
(5) {S, R}
(Resolvente von (3), (4))
(6) {¬S, R}
(in Γ)
(7) {R}
(Resolvente von (5), (6))
(8) {¬P, ¬R}
(in Γ)
(9) {P, ¬R}
(in Γ)
(10) {¬R}
(Resolvente von (8), (9))
(11) ∅
(Resolvente von (7), (10))
Folie 133
Graphische Darstellung der Resolutionswiderlegung
{¬T }
{Q, R, T }
{Q, R}
{¬Q, S}
{S, R}
{¬S, R} {¬P, ¬R} {P, ¬R}
{R}
{¬R}
∅
Folie 134
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Korrektheit und Vollständigkeit der Resolution
Satz 2.60. Für jede Klauselmenge Γ gilt:
Γ `R ∅ ⇐⇒ Γ ist unerfüllbar.
D.h.: Eine Klauselmenge hat genau dann eine Resolutionswiderlegung,
wenn sie unerfüllbar ist.
Beweis. Sei Γ eine Klauselmenge. Wir müssen zeigen:
Γ hat eine Resolutionswiderlegung
⇐⇒
Γ ist unerfüllbar.
=⇒“ ( Korrektheit des Resolutionskalküls“):
”
”
Sei (γ1 , . . . , γ` ) eine Resolutionswiderlegung von Γ. Dann ist γ` = ∅. Sei
Γ0 := Γ und Γi := Γ ∪ {γ1 , . . . , γi } für alle i ∈ [`]. Per Induktion zeigen wir,
dass für alle i ∈ {0, . . . , `} gilt: Γ ≡ Γi . Dann sind wir fertig, denn Γ` ist
unerfüllbar, weil es die leere Klausel ∅ enthält.
i = 0: Trivial.
i → i+1:
Falls γi+1 ∈ Γ, so gilt Γi+1 = Γi , und damit gilt trivialerweise
Γi+1 ≡ Γi .
Andernfalls gibt es j, k ∈ [i], so dass γi+1 eine Resolvente von γj und
γk ist. Wegen Γi+1 = Γi ∪ {γi+1 } folgt aus dem Resolutionslemma,
dass Γi+1 ≡ Γi . Da gemäß Induktionsannahme Γ ≡ Γi ist, folgt
insgesamt, dass Γ ≡ Γi+1 .
⇐=“ ( Vollständigkeit des Resolutionskalküls“):
”
”
Wir zeigen zunächst folgende Behauptung:
Behauptung 1: Sei n ∈ N, und sei Γ eine unerfüllbare Klauselmenge die
nur Aussagensymbole in {Ai : 0 6 i < n} enthält.
Dann besitzt Γ eine Resolutionswiderlegung.
Beweis: Per Induktion nach n.
n = 0: Γ ist eine unerfüllbare Klauselmenge, die kein(e)
Aussagensymbol(e) enthält. Somit ist Γ = {∅}. Insbesondere ist
(∅) ist eine Resolutionswiderlegung von Γ.
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Induktionsschritt: n → n+1.
Sei Γ eine unerfüllbare Klauselmenge mit Aussagensymbolen in
{A0 , . . . , An }.
Seien
Γ+ :=
γ \ {An } : γ ∈ Γ mit ¬An 6∈ γ ,
Γ− :=
γ \ {¬An } : γ ∈ Γ mit An 6∈ γ .
Dann enthalten Γ+ und Γ− nur Aussagensymbole aus
{A0 , . . . , An−1 }.
Behauptung 2: Γ+ ist unerfüllbar.
Beweis: Angenommen, Γ+ ist erfüllbar.
Sei I+ ein Modell von Γ+ , d.h. I+ |= Γ+ .
Sei I die Interpretation mit I(An ) := 0 und I(X) := I+ (X)
für alle X ∈ AS \ {An }.
Gemäß Koinzidenzlemma gilt dann: I |= Γ+ .
Aus der Definition von Γ+ folgt, dass für alle γ ∈ Γ mit
¬An 6∈ γ gilt: I |= γ.
Wegen I(An ) = 0 gilt außerdem für alle γ ∈ Γ mit ¬An ∈ γ,
dass I |= γ.
Somit gilt: I |= Γ. Das ist ein Widerspruch, denn Γ ist laut
Voraussetzung unerfüllbar.
Beh.2
Behauptung 3: Γ− ist unerfüllbar.
Beweis: Analog zum Beweis von Behautung 2.
Beh.3
Behauptung 4: Es gilt: Γ `R ∅ oder Γ `R {An }.
Beweis: Gemäß Behauptung 2 und der Induktionsannahme hat
Γ+ eine Resolutionswiderlegung, etwa (γ1+ , . . . , γ`+ ). Per
Induktion nach i definieren wir für jedes i ∈ [`] eine Klausel
γi wie folgt:
• Falls γi+ ∈ Γ+ ∩ Γ, so wähle γi := γi+ .
Klar: Dann ist γi ∈ Γ.
• Falls γi+ ∈ Γ+ \ Γ, so wähle γi := γi+ ∪ {An }.
Klar: Dann ist γi ∈ Γ.
• Ansonsten ist γi+ = (γj+ \ {λ}) ∪ (γk+ \ {λ̄}) für ein
Literal λ und Zahlen j, k ∈ [i − 1]. Wir wählen dann
γi := (γj \ {λ}) ∪ (γk \ {λ̄}).
Für jedes i ∈ [`] gilt dann entweder γi = γi+ oder
γi = γi+ ∪ {An }. Außerdem ist (γ1 , . . . , γ` ) eine
Resolutionsableitung von γ` aus Γ. Weil γ`+ = ∅ ist, gilt
γ` = ∅ oder γ` = {An }.
Beh.4
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Behauptung 5: Es gilt: Γ `R ∅ oder Γ `R {¬An }.
Beweis: Analog zum Beweis von Behauptung 4 mit Γ− an Stelle
von Γ+ .
Beh.5
Aus den Behauptungen 4 und 5 folgt Γ `R ∅, entweder direkt
oder durch einmaliges Anwenden der Resolutionsregel auf die
Klauseln {An } und {¬An }. Damit ist Behauptung 1
bewiesen.
Beh.1
Sei nun Γ eine beliebige unerfüllbare Klauselmenge. Gemäß
Endlichkeitssatz (Satz 2.48) existiert eine endliche unerfüllbare
Teilmenge Γ0 von Γ. Wähle eine solche Menge Γ0 . Dann gibt es ein
n ∈ N, so dass Γ0 nur Aussagensymbole aus {A0 , . . . , An−1 } enthält.
Dann folgt aus Behauptung 1, dass Γ0 `R ∅, und daher auch
Γ `R ∅.
Folie 135
Vorsicht
Beim Anwenden der Resolutionsregel (Definition 2.56) darf immer nur
ein Literal λ betrachtet werden.
Beispiel:
Betrachte die Klauselmenge Γ := {γ1 , γ2 } mit γ1 := {X, Y } und
γ2 := {¬X, ¬Y } (wobei X und Y zwei verschiedene Ausagensymbole sind).
Offensichtlicherweise wird Γ von jeder Interpretation I mit I(X) = 1 und
I(Y ) = 0 erfüllt. Gemäß Satz 2.60 gibt es also keine
Resolutionswiderlegung von Γ.
Gemäß der Resolutionsregel gibt es für γ1 und γ2 zwei verschiedene
Resolventen: Indem man die Resolutionsregel mit λ := X anwendet, erhält
man {Y, ¬Y } als Resolvente von γ1 und γ2 . Indem man die Resolutionsregel
mit λ := Y anwendet, erhält man {X, ¬X} als Resolvente von γ1 und γ2 .
Beachten Sie, dass die Resolutionsregel es nicht erlaubt, sie in einem
einzigen Schritt für zwei verschiedene Literale λ und λ0 anzuwenden. Und
das ist auch gut so, denn sonst könnte man aus γ1 := {X, Y } und
γ2 := {¬X, ¬Y } für λ := {X} und λ0 := {Y } als Resolvente die Klausel
(γ1 \ {λ, λ0 }) ∪ (γ2 \ {λ, λ0 })
herleiten, d.h. die Klausel
({X, Y } \ {X, Y }) ∪ ({¬X, ¬Y } \ {¬X, ¬Y }),
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also die leere Klausel. Dann hätten wir also eine Resolutionswiderlegung“
”
von Γ, obwohl Γ erfüllbar ist. D.h. Satz 2.60 würde nicht gelten, und
Resolutionsableitungen wären nicht dazu geeignet, Klauselmengen auf
Erfüllbarkeit zu testen.
Folie 136
Der Satz von Haken
Für eine endliche Klauselmenge Γ sei die Größe von Γ die Zahl
X
||Γ|| :=
|γ|,
γ∈Γ
wobei |γ| die Anzahl der Literale in γ bezeichnet.
Der folgende (schwer zu beweisende) Satz zeigt, dass es im Worst-Case
exponentiell lange dauern kann, eine Resolutionswiderlegung zu finden.
Satz 2.61 (Satz von Haken, 1985). Es gibt Konstanten c, d > 0 und
endliche Klauselmengen Γn für n > 1, so dass für alle n ∈ N mit n > 1 gilt:
1. ||Γn || 6 nc ,
2. Γn ist unerfüllbar, und
3. jede Resolutionswiderlegung von Γn hat Länge > 2dn .
(Hier ohne Beweis)
2.7
Erfüllbarkeitsalgorithmen
Folie 137
Das aussagenlogische Erfüllbarkeitsproblem
Wir betrachten im Folgenden Algorithmen für das
Aussagenlogische Erfüllbarkeitsproblem:
Eingabe:
Ausgabe:
eine Formel ϕ ∈ AL
erfüllbar“, falls ϕ erfüllbar ist;
”
unerfüllbar“, sonst.
”
Notation. Im Folgenden bezeichnet n immer die Anzahl der in ϕ
vorkommenden verschiedenen Aussagensymbole, und m := |ϕ| bezeichnet
die Länge von ϕ (aufgefasst als Wort über dem Alphabet der
Aussagenlogik).
Folie 138
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Varianten des Erfüllbarkeitsproblems
Berechnen einer erfüllenden Interpretation:
Zusätzlich soll bei erfüllbaren Formeln noch ein Modell berechnet werden,
d.h., ein Tupel (b1 , . . . , bn ) ∈ {0, 1}n , so dass ϕ[b1 , . . . , bn ] = 1.
Einschränkung auf KNF-Formeln:
Oft beschränkt man sich auf Eingabeformeln in KNF oder sogar 3-KNF.
Das ist keine wesentliche Einschränkung, weil sich mit Hilfe des
Tseitin-Verfahrens jede Formel in Linearzeit in eine
erfüllbarkeitsäquivalente Formel in 3-KNF transformieren lässt (Satz 2.55).
Das Erfüllbarkeitsproblem für Formeln in KNF bzw. 3-KNF bezeichnet
man mit SAT bzw. 3-SAT.
Folie 139
Komplexität des Erfüllbarkeitsproblems
Satz 2.62 (Satz von Cook und Levin, ≈1971).
Das aussagenlogische Erfüllbarkeitsproblem (und sogar die Einschränkung
3-SAT) ist NP-vollständig.
Die Komplexitätsklassen P und NP, der Begriff der NP-Vollständigkeit,
sowie ein Beweis des Satzes von Cook und Levin werden in der Vorlesung
Einführung in die Theoretische Informatik behandelt.
Bemerkung.
• Wenn also P 6= NP ist (was allgemein vermutet wird), gibt es für das
aussagenlogische Erfüllbarkeitsproblem keinen
Polynomialzeitalgorithmus.
• Man vermutet sogar, dass es eine Konstante c > 1 gibt, so dass jeder
Algorithmus für 3-SAT eine worst-case Laufzeit von Ω(cn ) hat.
Diese Vermutung ist unter dem Namen Exponential Time
”
Hypothesis“ (ETH) bekannt.
• Der im Worst-Case beste derzeit bekannte Algorithmus für 3-SAT hat
eine Laufzeit von etwa O(1.4n ).
Folie 140
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Der Wahrheitstafelalgorithmus
Sind eine aussagenlogische Formel und eine Interpretation der in ihr
vorkommenden Aussagensymbole gegeben, so kann man die Formel
bottom-up“ entlang ihres Syntaxbaums auswerten. Dies führt zu
”
folgendem Lemma.
Lemma 2.63. Es gibt einen Linearzeitalgorithmus, der bei Eingabe einer
Formel ϕ(A1 , . . . , An ) ∈ AL und eines Tupels (b1 , . . . , bn ) ∈ {0, 1}n den Wert
ϕ[b1 , . . . , bn ] berechnet.
Beweis: Übung.
Der folgende Algorithmus löst das aussagenlogische Erfüllbarkeitsproblem.
Wahrheitstafelalgorithmus
Eingabe: eine Formel ϕ ∈ AL
1. Berechne die Wahrheitstafel für ϕ.
2. Falls in der letzten Spalte mindestens eine 1 auftaucht, gib erfüllbar“
”
aus, sonst gib unerfüllbar“ aus.
”
Laufzeit: O(m · 2n ) (sogar im Best-Case“)
”
Folie 141
Der Resolutionsalgorithmus
Der Resolutionsalgorithmus probiert einfach alle möglichen
Resolutionsableitungen durch und testet so, ob es eine
Resolutionswiderlegung gibt (d.h. die Klauselmenge unerfüllbar ist).
Resolutionsalgorithmus
Eingabe: eine endliche Klauselmenge Γ (entspricht einer KNF-Formel)
1. Wiederhole, bis keine neuen Klauseln mehr generiert werden:
Füge alle Resolventen aller Klauseln aus Γ zu Γ hinzu.
2. Falls ∅ ∈ Γ, gib unerfüllbar“ aus, sonst gib erfüllbar“ aus.
”
”
Laufzeit:
2O(n) (weil es bei n Aussagensymbolen 4n verschiedene Klauseln gibt).
Folie 142
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Seite 88
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Der Davis-Putnam-Logemann-Loveland Algorithmus
Der DPLL-Algorithmus ist ein in der Praxis sehr erfolgreicher Algorithmus,
der die Wahrheitstafelmethode mit Resolution kombiniert. Ähnlich wie bei
dem Wahrheitstafelalgorithmus durchsucht der DPLL-Algorithmus
systematisch den Raum aller möglichen Interpretationen und testet, ob
diese die gegebene Klauselmenge erfüllen. Resolution wird dabei dazu
verwendet, die Suche geschickt zu steuern und Dinge, die während der
Suche bereits über die Klauselmenge gelernt“ wurden, weiterzuverwenden.
”
Der DPLL-Algorithmus ist die Basis moderner SAT-Solver, die
Klauselmengen, die aus Millionen von Klauseln und Hunderttausenden von
Aussagensymbolen bestehen, auf Erfüllbarkeit testen können.
Folie 143
DPLL-Algorithmus
Eingabe: eine endliche Klauselmenge Γ (entspricht einer KNF-Formel)
1. Vereinfache Γ.
% Details dazu: siehe nächste Folie
2. Falls Γ = ∅, gib erfüllbar“ aus.
”
3. Falls ∅ ∈ Γ, gib unerfüllbar“ aus.
”
4. Wähle ein Literal λ.
5. % probiere aus, ob Γ einModell hat, bei dem das Literal λ erfüllt wird:
Löse rekursiv Γ ∪ {λ} . Falls dies erfüllbar ist, gib erfüllbar“ aus.
”
6. % probiere aus, ob Γ einModell hat, bei dem das Literal λ erfüllt wird:
Löse rekursiv Γ ∪ {λ} . Falls dies erfüllbar ist, gib erfüllbar“ aus.
”
Sonst gib unerfüllbar“ aus.
”
Folie 144
Vereinfachungsheuristiken, die in Schritt 1. angewendet werden:
• Unit Propagation:
Für alle Einerklauseln“ {λ} ∈ Γ (wobei λ ein Literal ist), bilde alle
”
Resolventen von {λ} mit anderen Klauseln und streiche anschließend
alle Klauseln, die λ enthalten. Wiederhole dies, so lange es
Einerklauseln gibt.
Präzise:
Für jede Einerklausel“ {λ} ∈ Γ tue Folgendes:
”
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 89
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
1. Ersetze jede Klausel γ ∈ Γ durch die Klausel γ \ {λ}.
2. Entferne aus Γ jede Klausel, die das Literal λ enthält.
Wiederhole dies, so lange es in Γ Einerklauseln gibt.
• Pure Literal Rule:
Literale λ, deren Negat λ nirgendwo in der Klauselmenge auftaucht,
können auf 1 gesetzt werden. Alle Klauseln, die ein solches Literal
enthalten, sind dann wahr und können gestrichen werden.
• Streiche Klauseln, die Obermengen von anderen Klauseln sind (dies
ist allerdings ineffizient und wird in der Praxis zumeist weggelassen).
Man sieht leicht, dass der DPLL-Algorithmus stets die korrekte Antwort
gibt (d.h., er terminiert immer, und er gibt genau dann erfüllbar“ aus,
”
wenn die eingegebene Klauselmenge Γ erfüllbar ist).
Laufzeit des DPLL-Algorithmus:
O(m · 2n ) im Worst-Case, in der Praxis aber häufig sehr effizient.
Folie 145
Beispiel 2.64. Sei Γ :=
{X1 , ¬X5 , ¬X6 , X7 }, {¬X1 , X2 , ¬X5 }, {¬X1 , ¬X2 , ¬X3 , ¬X5 , ¬X6 },
{X1 , X2 , ¬X4 , X7 }, {¬X4 , ¬X6 , ¬X7 }, {X3 , ¬X5 , X7 },
{X3 , ¬X4 , ¬X5 }, {X5 , ¬X6 }, {X5 , X4 , ¬X8 },
{X1 , X3 , X5 , X6 , X7 }, {¬X7 , X8 }, {¬X6 , ¬X7 , ¬X8 }
Ein Lauf des DPLL-Algorithmus:
(1) Keine Vereinfachung möglich. Γ 6= ∅. ∅ 6∈ Γ.
Wähle das Literal2 λ := X6 und wende den Algorithmus rekursiv auf
Γ ∪ {{X6 }} an.
(2) Unit Propagation mit {X6 } liefert die Klauselmenge
{X1 , ¬X5 , X7 }, {¬X1 , X2 , ¬X5 }, {¬X1 , ¬X2 , ¬X3 , ¬X5 },
{X1 , X2 , ¬X4 , X7 }, {¬X4 , ¬X7 }, {X3 , ¬X5 , X7 },
{X3 , ¬X4 , ¬X5 }, {X5 }, {X5 , X4 , ¬X8 },
(
(((
(
(
(
{X
{X
,
X
,
X
,
X
,
X
},
{¬X
,
X
},
{¬X
,
¬X
},
(
1
3
5
6
7
7
8
7
8
6
}
((
(
2
Welches Literal genau gewählt wird, ist im Algorithmus nicht festgelegt. Wir wählen
ein beliebiges Literal aus, das in Γ vorkommt.
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Seite 90
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(3) Unit Propagation mit {X5 } liefert die Klauselmenge
{X1 , X7 }, {¬X1 , X2 }, {¬X1 , ¬X2 , ¬X3 },
{X1 , X2 , ¬X4 , X7 }, {¬X4 , ¬X7 }, {X3 , X7 },
((
( },
(4(
5
{X3 , ¬X4 }, {X
},
{X
,X
, ¬X
8
(5(
(
{¬X7 , X8 }, {¬X7 , ¬X8 }
(4) Pure Literal Rule mit ¬X4 liefert die Klauselmenge
Γ0 :=
{X1 , X7 }, {¬X1 , X2 }, {¬X1 , ¬X2 , ¬X3 },
(((
((
(((
{X , X (
, ¬X
{¬X
((
4 , X7 }, (
4 , ¬X7 }, {X3 , X7 },
((1((2
(
{X
, ¬X
4 },
3
{¬X7 , X8 }, {¬X7 , ¬X8 }
(5) Keine weitere Vereinfachung von Γ0 möglich. Γ0 6= ∅. ∅ 6∈ Γ0 .
Wähle das Literal3 λ := X7 und wende den Algorithmus rekursiv auf
Γ0 ∪ {{X7 }} an.
(6) Unit Propagation mit {X7 } liefert die Klauselmenge
{X
,X
1
7 }, {¬X1 , X2 }, {¬X1 , ¬X2 , ¬X3 },
{X
,X
3
7 },
7
{X8 }, {¬X8 }, {X
}
(7) Unit Propagation mit {X8 } liefert die Klauselmenge
{¬X1 , X2 }, {¬X1 , ¬X2 , ¬X3 },
8
{X
},
∅
Jetzt ist ∅ in der Klauselmenge enthalten — d.h. die Klauselmenge ist
nicht erfüllbar. Daher:
(8) Backtracking, zurück zu Schritt (5):
Wende den Algorithmus auf Γ0 ∪ {{¬X7 }} an.
(9) Unit Propagation mit {¬X7 } liefert die Klauselmenge
{X1 }, {¬X1 , X2 }, {¬X1 , ¬X2 , ¬X3 },
{X3 },
{¬X
(((( {¬X
{¬X
((
7 , X8 }, (
7 , ¬X8 }, 7} .
3
Welches Literal genau gewählt wird, ist im Algorithmus nicht festgelegt. Wir wählen
ein beliebiges Literal aus, das in der Klauselmenge vorkommt.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 91
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Danach führt Unit Propagation mit {X1 } zu
1 }, {X2 }, {¬X2 , ¬X3 },
{X
{X3 } .
Dann führt Unit Propagation mit {X2 } zu
2 }, {¬X3 }, {X3 } ,
{X
und Unit Propagation mit {¬X3 } führt zu
{¬X
3 }, ∅ .
Jetzt ist ∅ in der Klauselmenge enthalten — d.h. die Klauselmenge ist
nicht erfüllbar. Daher:
(10) Backtracking, zurück zu Schritt (1):
Wende den Algorithmus auf Γ ∪ {{¬X6 }} an.
(11) Unit Propagation mit {¬X6 } liefert die Klauselmenge
(
((((
((((
(
(
(
(
(
¬X3 , ¬X5 , ¬X6 },
{X , ¬X(, ¬X6 , X7 }, {¬X1 , X2 , ¬X5 }, {¬X1 ,(¬X
2 ,(
((
((1(( 5
( (((
(
(
(
((
{¬X
¬X
{X1 , X2 , ¬X4 , X7 }, (
4 ,(
6 , ¬X7 }, {X3 , ¬X5 , X7 },
((
{X
, ¬X6 }, {X5 , X4 , ¬X8 },
{X3 , ¬X4 , ¬X5 }, 5
(
(((
((
{¬X
¬X
{¬X
{X1 , X3 , X5 , X7 }, {¬X7 , X8 }, (
6 ,(
7 , ¬X8 }, 6}
((
Etwas übersichtlicher aufgeschrieben, also die Klauselmenge
{¬X1 , X2 , ¬X5 },
{X1 , X2 , ¬X4 , X7 }, {X3 , ¬X5 , X7 },
{X3 , ¬X4 , ¬X5 }, {X5 , X4 , ¬X8 },
{X1 , X3 , X5 , X7 }, {¬X7 , X8 }
(12) Pure Literal Rule mit X2 und X3 liefert die Klauselmenge
(((
{¬X
X(2 ,(¬X
1 ,(
5 },
((
(
(((
((
(
((
((
{X , X (
, ¬X
{X
, ¬X
4 , X7 }, (
5 , X7 },
(3(
((1((2
((((
((
{X
, ¬X
4 , ¬X5 }, {X5 , X4 , ¬X8 },
(3(
(
(
((
((
(
(
{X
,
X
,
X
,
X
},
{¬X
,
X
}
,
(
1
3
5
7
7
8
((
etwas übersichtlicher aufgeschrieben also die Klauselmenge
{X5 , X4 , ¬X8 }, {¬X7 , X8 } .
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Seite 92
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
(13) Pure Literal Rule mit X5 und ¬X7 liefert die Klauselmenge
(
((},
(4(
Γ00 := (
{X
,X
, ¬X
{¬X
8
7 , X8 } ,
(5(
d.h. Γ00 ist die leere Klauselmenge ∅.
(14) Also wird erfüllbar“ ausgegeben.
”
2.8
Hornformeln
Folie 146
Hornklauseln und Hornformeln
Hornformeln sind spezielle aussagenlogische Formeln, die die Basis der
logischen Programmierung bilden, und für die das Erfüllbarkeitsproblem
effizient gelöst werden kann.
Definition 2.65. Eine Hornklausel ist eine disjunktive Klausel, in der
höchstens ein positives Literal vorkommt.
Eine Hornformel ist eine Konjunktion endlich vieler Hornklauseln.
Beispiele.
• {¬X, ¬Y, ¬Z} (bzw. ¬X ∨ ¬Y ∨ ¬Z) ist eine Hornklausel.
• {¬X, ¬Y, Z} (bzw. ¬X ∨ ¬Y ∨ Z) ist eine Hornklausel.
• {¬X, Y, Z} (bzw. ¬X ∨ Y ∨ Z) ist keine Hornklausel.
• {X} (bzw. X) ist eine Hornklausel.
• ∅ ist eine Hornklausel.
• (X ∨ ¬Y ) ∧ (¬Z ∨ ¬X ∨ ¬Y ) ∧ Y ist eine Hornformel.
Folie 147
Hornklauseln als Implikationen
• Eine Hornklausel der Form {¬X1 , . . . , ¬Xn−1 , Xn } (bzw.
¬X1 ∨ · · · ∨ ¬Xn−1 ∨ Xn ) ist äquivalent zur Formel
(X1 ∧ · · · ∧ Xn−1 ) → Xn .
Solche Klauseln werden auch Regeln“ (oder Prozedurklauseln“)
”
”
genannt.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 93
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• Eine Hornklausel der Form {¬X1 , . . . , ¬Xn−1 } ist äquivalent zur
Formel
(X1 ∧ . . . ∧ Xn−1 ) → 0.
Solche Klauseln werden auch Zielklauseln“ (oder Frageklauseln“)
”
”
genannt.
• Eine Hornklausel der Form {X1 } ist äquivalent zur Formel
1 → X1 .
Solche Klauseln werden auch Tatsachenklausel“ genannt.
”
• Die leere (Horn-)Klausel ∅ ist unerfüllbar und daher äquivalent zur
Formel
1 → 0.
Folie 148
Der Streichungsalgorithmus
Der folgende Algorithmus löst das Erfüllbarkeitsproblem für Hornformeln in
Polynomialzeit.
Wir geben zunächst den Algorithmus an, betrachten dann Beispielläufe
davon, analysieren die Laufzeit und zeigen danach, dass der Algorithmus
korrekt ist, d.h. stets die richtige Antwort gibt.
Folie 149
Streichungsalgorithmus
Eingabe: eine endliche Menge Γ von Hornklauseln
1. Wiederhole:
2.
3.
Falls ∅ ∈ Γ, so halte mit Ausgabe unerfüllbar“.
”
Falls Γ keine Tatsachenklausel (d.h. Klausel {X} mit X ∈ AS)
enthält, so halte mit Ausgabe erfüllbar“.
”
% Γ wird erfüllt, indem jedes Aussagensymbol mit 0 belegt wird
4.
Wähle eine Tatsachenklausel {X} ∈ Γ.
% Idee: Um Γ zu erfüllen, muss X mit dem Wert 1 belegt werden
5.
Streiche ¬X aus allen Klauseln δ ∈ Γ, die das Literal ¬X
enthalten.
% Wenn X den Wert 1 hat, trägt ¬X nichts zum Erfüllen einer Klausel bei
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 94
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6.
Streiche aus Γ alle Klauseln δ ∈ Γ, die das Literal X enthalten
(d.h. entferne aus Γ alle δ ∈ Γ, für die gilt: X ∈ δ).
% Wenn X den Wert 1 hat, sind solche Klauseln erfüllt
Folie 150
Beispiele 2.66. Wir wenden den Streichungsalgorithmus auf die beiden
folgenden Mengen von Hornklauseln an.
(a) Γa :=
S → 0, (P ∧ Q) → R, (S ∧ R) → 0, (U ∧ T ∧ Q) → P,
(U ∧ T ) → Q, 1 → U, 1 → T
(b) Γb :=
(Q ∧ P ) → T, (U ∧ T ∧ Q) → R, (U ∧ T ) → Q,
1 → U, R → 0, 1 → T
(a): Beispiel-Lauf des Streichungsalgorithmus bei Eingabe von Γa :
Beachte, dass Γa der folgenden Klauselmenge entspricht:
Γ =
{¬S}, {¬P, ¬Q, R}, {¬S, ¬R}, {¬U, ¬T, ¬Q, P },
{¬U, ¬T, Q}, {U }, {T }
1. Schleifendurchlauf:
∅ 6∈ Γ. Wähle {U } ∈ Γ, streiche ¬U aus allen Klauseln in Γ, und streiche
alle Klauseln, die U enthalten:
¬T, ¬Q, P },
Γ =
{¬S}, {¬P, ¬Q, R}, {¬S, ¬R}, { ¬U,
¬T, Q}, H
{
¬U,
{U
}, {T } ,
H
H
d.h.
Γ =
{¬S}, {¬P, ¬Q, R}, {¬S, ¬R}, {¬T, ¬Q, P },
{¬T, Q}, {T } .
2. Schleifendurchlauf:
∅ 6∈ Γ. Wähle {T } ∈ Γ, streiche ¬T aus allen Klauseln in Γ, und streiche
alle Klauseln, die T enthalten:
¬Q, P },
Γ =
{¬S}, {¬P, ¬Q, R}, {¬S, ¬R}, { ¬T,
Q}, H
{
¬T,
{T
} ,
H
H
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d.h.
Γ =
{¬S}, {¬P, ¬Q, R}, {¬S, ¬R}, {¬Q, P },
{Q} .
3. Schleifendurchlauf:
∅ 6∈ Γ. Wähle {Q} ∈ Γ, streiche ¬Q aus allen Klauseln in Γ, und streiche
alle Klauseln, die Q enthalten:
R}, {¬S, ¬R}, { ¬Q,
Γ =
{¬S}, {¬P, ¬Q,
P },
H
,
{Q}
H
H
d.h.
Γ =
{¬S}, {¬P, R}, {¬S, ¬R}, {P } .
4. Schleifendurchlauf:
∅ 6∈ Γ. Wähle {P } ∈ Γ, streiche ¬P aus allen Klauseln in Γ, und streiche
alle Klauseln, die P enthalten:
R}, {¬S, ¬R}, H
Γ =
{¬S}, { ¬P,
{P
} ,
H
H
d.h.
Γ =
{¬S}, {R}, {¬S, ¬R} .
5. Schleifendurchlauf:
∅ 6∈ Γ. Wähle {R} ∈ Γ, streiche ¬R
alle Klauseln, die R enthalten:
Γ =
{¬S},
aus allen Klauseln in Γ, und streiche
H
{R},
H
H
}
{¬S, ¬R
d.h.
Γ =
{¬S}, {¬S}
6. Schleifendurchlauf:
∅ 6∈ Γ. Γ enthält keine Tatsachenklausel.
D.h.: Halte mit Ausgabe erfüllbar“.
”
(b) Beispiel-Lauf des Streichungsalgorithmus bei Eingabe von Γb :
Beachte, dass Γb der folgenden Klauselmenge entspricht:
Γ =
{¬Q, ¬P, T }, {¬U, ¬T, ¬Q, R}, {¬U, ¬T, Q},
{U }, {¬R}, {T }
1. Schleifendurchlauf:
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Seite 96
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
∅ 6∈ Γ. Wähle {U } ∈ Γ, streiche ¬U aus allen Klauseln in Γ, und streiche
alle Klauseln, die U enthalten:
Γ =
¬T, ¬Q, R}, { ¬U,
{¬Q, ¬P, T }, { ¬U,
¬T, Q},
H
{¬R}, {T } ,
},
{UH
H
d.h.
Γ =
{¬Q, ¬P, T }, {¬T, ¬Q, R}, {¬T, Q}, {¬R}, {T } .
2. Schleifendurchlauf:
∅ 6∈ Γ. Wähle {T } ∈ Γ, streiche ¬T aus allen Klauseln in Γ, und streiche
alle Klauseln, die T enthalten:
Γ =
hhh
(
((
(h
¬Q, R}, { ¬T,
Q}, {¬R}, H
h
(
h
(
{¬Q,
¬P,
T
},
{
¬T,
{T
}
,
(
H
H
h
(
h
d.h.
Γ =
{¬Q, R}, {Q}, {¬R} .
3. Schleifendurchlauf:
∅ 6∈ Γ. Wähle {Q} ∈ Γ, streiche ¬Q aus allen Klauseln in Γ, und streiche
alle Klauseln, die Q enthalten:
Γ =
R}, H
{
¬Q,
{Q},
HH {¬R} ,
d.h.
Γ =
{R}, {¬R} .
4. Schleifendurchlauf:
∅ 6∈ Γ. Wähle {R} ∈ Γ, streiche ¬R aus allen Klauseln in Γ, und streiche
alle Klauseln, die R enthalten:
Γ =
H } ,
H { {R},
¬R
H
d.h.
Γ =
∅ .
5. Schleifendurchlauf:
∅ ∈ Γ. D.h.: Halte mit Ausgabe unerfüllbar“.
”
Folie 151
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Seite 97
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Laufzeit des Streichungsalgorithmus
Man sieht leicht, dass in jedem Schleifendurchlauf die Anzahl der Klauseln
in Γ kleiner wird. Daher terminiert der Algorithmus nach maximal
m Schleifendurchläufen, wobei m die Anzahl der Klauseln in der
Eingabemenge Γ ist.
In jedem einzelnen Schleifendurchlauf betrachtet der Algorithmus alle
Klauseln der aktuellen Klauselmenge und führt dabei O(n) Schritte durch,
wobei n = ||Γ|| die Größe der Klauselmenge ist.
Insgesamt terminiert der Streichungsalgorithmus also nach O(m·n)
Schritten, d.h. in Zeit polynomiell in der Größe von Γ.
Insgesamt erhalten wir also folgenden Satz:
Satz 2.67. Die Laufzeit des Streichungsalgorithmus ist O(m·n), wobei
m = |Γ| die Anzahl der Hornklauseln in der eingegebenen Menge Γ und
n = ||Γ|| die Größe von Γ ist.
Bemerkung. Eine Variante des Streichungsalgorithmus läuft sogar in
Linearzeit, d.h. in Zeit O(n).
Um nachzuweisen, dass der Streichungsalgorithmus stets die korrekte
Antwort gibt, nutzen wir das folgende Lemma.
Folie 152
Der Streichungsalgorithmus und Resolution
Lemma 2.68. Sei Γ0 eine endliche Menge von Hornklauseln und δ eine
Klausel, die zu irgendeinem Zeitpunkt während des Laufs des
Streichungsalgorithmus bei Eingabe Γ0 in der vom Algorithmus
gespeicherten Menge Γ liegt. Dann gilt: Γ0 `R δ.
Beweis.
Wir betrachten einen Lauf des Streichungsalgorithmus bei Eingabe Γ0 . Sei `
die Anzahl der Durchläufe der Schleife, die der Algorithmus durchführt. Für
jedes i ∈ {1, . . . , `} sei Γi die Menge Γ am Ende des i-ten Durchlaufs der
Schleife. Per Induktion nach i zeigen wir, dass für alle i ∈ {0, . . . , `} gilt:
Für jedes δ ∈ Γi ist Γ0 `R δ.
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Seite 98
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Induktionsanfang: i = 0:
Offensichtlicherweise gilt für alle δ ∈ Γ0 , dass Γ0 `R δ.
Induktionsschritt: i → i+1: Sei δ ∈ Γi+1 .
Falls δ ∈ Γi , so gilt Γ0 `R δ gemäß Induktionsannahme.
Falls δ 6∈ Γi , so wird δ beim i+1-ten Schleifendurchlauf in Zeile 5 neu
erzeugt. Also gibt es ein Aussagensymbol X mit {X} ∈ Γi und eine Klausel
δ 0 ∈ Γi , so dass ¬X ∈ δ 0 und δ = δ 0 \ {¬X}. Dann ist δ eine Resolvente von
δ 0 und {X}. Gemäß Induktionsannahme gilt Γ0 `R δ 0 und Γ0 `R {X}. Also
gilt auch Γ0 `R δ.
Folie 153
Korrektheit des Streichungsalgorithmus
Satz 2.69. Der Streichungsalgorithmus ist korrekt.
Das heißt, bei Eingabe einer endlichen Menge Γ0 von Hornklauseln hält der
Algorithmus mit Ausgabe erfüllbar“, falls Γ0 erfüllbar ist, und mit Ausgabe
”
nicht erfüllbar“, falls Γ0 unerfüllbar ist.
”
Beweis.
Wir betrachten einen Lauf des Streichungsalgorithmus bei Eingabe Γ0 .
Sei ` die Anzahl der Durchläufe der Schleife, die der Algorithmus
durchführt. Für i ∈ {1, . . . , `} sei Γi die Menge Γ am Ende des i-ten
Durchlaufs der Schleife. Für jedes i mit 1 6 i < ` sei Xi das
Aussagensymbol, so dass im i-ten Durchlauf in Zeile 4 die Tatsachenklausel
{Xi } ∈ Γi−1 ausgewählt wird.
Fall 1: Der Algorithmus hält beim `-ten Durchlauf der Schleife in Zeile 2.
Dann gilt ∅ ∈ Γ`−1 und daher gilt nach Lemma 2.68, dass Γ0 `R ∅. Also
besitzt Γ0 eine Resolutionswiderlegung und ist daher gemäß Satz 2.60
unerfüllbar.
Fall 2: Der Algorithmus hält beim `-ten Durchlauf der Schleife in Zeile 3.
Dann enthält jede Klausel von Γ`−1 mindestens ein negatives Literal (denn
Γ0 ist laut Voraussetzung eine Menge von Hornklauseln, und der
Algorithmus geht so vor, dass auch jedes Γi eine Menge von Hornklauseln
ist). Also erfüllt die Nullinterpretation“ I0 mit I0 (Y ) := 0 für alle Y ∈ AS
”
die Klauselmenge Γ`−1 . Wir definieren die Interpretation I durch
I(X1 ) = I(X2 ) = · · · = I(X`−1 ) = 1 ,
und
I(Z) = 0 für alle Z ∈ AS \ {X1 , . . . , X`−1 }.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 99
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Per Induktion nach i zeigen wir, dass für alle i ∈ {`−1, `−2, . . . , 0} gilt:
I |= Γi .
Für i = 0 erhalten wir dann, dass I |= Γ0 ; insbesondere ist Γ0 also erfüllbar.
Induktionsanfang: i = `−1: Wir wissen, dass I0 |= Γ`−1 . Außerdem
kommt gemäß der Konstruktion des Streichungsalgorithmus in Γ`−1
keins der Symbole X1 , . . . , X`−1 vor. Auf allen anderen
Aussagensymbolen stimmen I und I0 überein. Gemäß
Koinzidenzlemma gilt also I |= Γ`−1 .
Induktionsschritt: i → i−1: Gemäß Induktionsannahme gilt I |= Γi .
Ziel ist, zu zeigen, dass auch gilt: I |= Γi−1 . Sei dazu δ eine beliebige
Klausel aus Γi−1 .
Fall 1: δ ∈ Γi .
Dann gilt I |= δ gemäß Induktionsannahme.
Fall 2: δ ∈ Γi−1 \ Γi .
Fall 2.1: δ ist im i-ten Schleifendurchlauf gemäß Zeile 5
modifiziert worden, d.h. δ = δ 0 ∪ {¬Xi } für ein δ 0 ∈ Γi .
Gemäß Induktionsannahme gilt I |= δ 0 , und daher gilt auch
I |= δ.
Fall 2.2: δ ist im i-ten Schleifendurchlauf gemäß Zeile 6 aus der
Klauselmenge entfernt worden, d.h. Xi ∈ δ.
Wegen I(Xi ) = 1 gilt dann I |= δ.
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Seite 100
Kapitel 3
Logik erster Stufe
3.1
Strukturen
Folie 154
Strukturen
Wir führen einen allgemeinen Strukturbegriff ein, der es uns erlaubt:
• mathematische Strukturen wie Gruppen, Körper, Vektorräume,
Graphen, etc.
• und die gängigen Modelle der Informatik wie Transitionssysteme,
endliche Automaten, relationale Datenbanken, Schaltkreise, etc.
zu beschreiben.
Folie 155
Signaturen
Definition 3.1. Eine Signatur (auch Vokabular oder Symbolmenge) ist eine
Menge σ von Relations-, Funktions- und/oder Konstantensymbolen.
Jedes Relationsymbol R ∈ σ und jedes Funktionssymbol f ∈ σ hat eine
Stelligkeit (bzw. Arität, engl. arity)
ar(R) ∈ N \ {0}
bzw.
ar(f ) ∈ N \ {0}.
Folie 156
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 101
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Notation
• In diesem Kapitel bezeichnet der griechische Buchstabe σ (in Worten:
sigma) immer eine Signatur.
• Für Relationssymbole verwenden wir normalerweise Großbuchstaben
wie R, P, Q, E, für Funktionsymbole verwenden wir meistens
Kleinbuchstaben wie f, g, h und für Konstantensymbole
Kleinbuchstaben wie c, d.
• Gelegentlich verwenden wir als Relations- und Funktionssymbole auch
Zeichen wie 6 (2-stelliges Relationssymbol) und +, · (2-stellige
Funktionssymbole), und wir verwenden 0, 1 als Konstantensymbole.
• Die Stelligkeit eines Relations- oder Funktionssymbols deuten wir
häufig an, indem wir sie mit Schrägstrich hinter das Symbol schreiben.
Beispiel. Die Notation R/2 deutet an, dass R ein 2-stelliges
Relationssymbol ist.
Folie 157
Strukturen
Definition 3.2. Eine σ-Struktur A besteht aus folgenden Komponenten:
• einer nicht-leeren Menge A, dem Universum von A (auch: Träger,
engl. universe, domain),
• für jedes Relationssymbol R ∈ σ und für k := ar(R) gibt es eine
k-stellige Relation RA ⊆ Ak ,
• für jedes Funktionssymbol f ∈ σ und für k := ar(f ) gibt es eine
k-stellige Funktion f A : Ak → A, und
• für jedes Konstantensymbol c ∈ σ gibt es ein Element cA ∈ A.
Folie 158
Notation.
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Seite 102
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• Wir beschreiben σ-Strukturen
oft in Tupelschreibweise:
A
A = A, (S )S∈σ .
Falls σ = {S1 , . . . , Sk} endlich ist, schreiben wir auch
A = A, S1A , . . . , SkA .
• Wir bezeichnen σ-Strukturen meistens mit kalligraphischen“
”
Buchstaben wie A, B, C, W, . . . . Das Universum der Strukturen
bezeichnen wir dann durch die entsprechenden lateinischen
Großbuchstaben, also A, B, C, W, . . . .
Folie 159
Mengen
Für die leere Signatur σ := ∅ bestehen σ-Strukturen nur aus ihrem
Universum, sind also einfach (nicht-leere) Mengen.
Folie 160
Graphen
In diesem Kapitel bezeichnet E immer ein zweistelliges Relationssymbol.
• Ein gerichteter Graph (kurz: Digraph) G = (V G , E G ) mit
Knotenmenge V G und Kantenmenge E G ist eine {E}-Struktur. Das
Universum ist die Knotenmenge V G .
• Einen ungerichteten Graphen G = (V G , E G ) mit Knotenmenge V G und
Kantenmenge E G repräsentieren wir durch eine {E}-Struktur
A = (A, E A ) mit Universum A = V G und Relation
E A = {(u, v) : {u, v} ∈ E G }. Insbesondere ist E A symmetrisch.
Folie 161
Eigenschaften zweistelliger Relationen
Definition 3.3. Sei A = (A, RA ), wobei RA eine zweistellige Relation über
der Menge A ist (d.h. (A, RA ) ist ein gerichteter Graph).
(a) RA heißt reflexiv, wenn für alle a ∈ A gilt: (a, a) ∈ RA .
RA heißt irreflexiv, wenn für alle a ∈ A gilt: (a, a) 6∈ RA .
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 103
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(b) RA heißt symmetrisch, wenn für alle a, b ∈ A gilt:
Wenn (a, b) ∈ RA , dann ist auch (b, a) ∈ RA .
RA heißt antisymmetrisch, wenn für alle a, b ∈ A mit a 6= b gilt:
Wenn (a, b) ∈ RA , dann (b, a) 6∈ RA .
(c) RA heißt transitiv, wenn für alle a, b, c ∈ A gilt:
Wenn (a, b) ∈ RA und (b, c) ∈ RA , dann auch (a, c) ∈ RA .
(d) RA heißt konnex, wenn für alle a, b ∈ A gilt:
(a, b) ∈ RA oder (b, a) ∈ RA oder a = b.
Folie 162
Äquivalenzrelationen
Eine Äquivalenzrelation auf eine Menge A ist eine 2-stellige Relation über
A, die reflexiv, transitiv und symmetrisch ist.
Beispiele.
(a) Gleichheit: Für jede Menge M ist
{(m, m) : m ∈ M } eine Äquivalenzrelation auf M .
(b) Gleichmächtigkeit: Für jede endliche Menge M und deren Potenzmenge
P(M ) gilt:
{(A, B) : A, B ⊆ M, |A| = |B|} ist eine Äquivalenzrelation auf P(M ).
(c) Logische Äquivalenz: Die Relation
{ (ϕ, ψ) : ϕ, ψ ∈ AL, ϕ ≡ ψ } ist eine Äquivalenzrelation auf der
Menge AL aller aussagenlogischen Formeln.
Folie 163
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 104
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Ordnungen
In diesem Kapitel bezeichnet 6 sei immer ein zweistelliges Relationssymbol.
Für 6 verwenden wir Infixschreibweise, d.h., wir schreiben x 6A y statt
(x, y) ∈ 6A .
(a) Eine Präordnung ist eine {6}-Struktur A = (A, 6A ), bei der 6A
reflexiv und transitiv ist.
(b) Eine partielle Ordnung (oder Halbordnung) ist eine Präordnung A, bei
der 6A antisymmetrisch ist.
(c) Eine lineare (oder totale) Ordnung ist eine partielle Ordnung A, bei der
6A konnex ist.
Beispiele.
(a) Die kleiner-gleich“ Relation auf N (oder Z oder R) ist eine lineare
”
Ordnung; die größer-gleich“ auch.
”
(b) Für jede Menge M ist die Teilmengenrelation ⊆ eine partielle Ordnung
auf der Potenzmenge P(M ); aber keine lineare Ordnung, sofern M
mindestens zwei Elemente besitzt (denn wenn a, b zwei verschiedene
Elemente in M sind, gilt: {a} 6⊆ {b} und {b} 6⊆ {a} und {a} =
6 {b}, und
daher ist die Teilmengenrelation nicht konnex). Dasselbe gilt für die
Obermengenrelation ⊇.
(c) Die Folgerungsrelation für aussagenlogische Formeln:
{(ϕ, ψ) : ϕ, ψ ∈ AL, ϕ |= ψ} ist eine Präordnung auf der Menge AL,
aber keine partielle Ordnung (denn beispielsweise gilt für ϕ := 1 und
ψ := ¬0, dass ϕ |= ψ und ψ |= ϕ und ϕ 6= ψ, und daher ist die
Folgerungsrelation nicht antisymmetrisch).
Folie 164
Arithmetische Strukturen
+ und · seien immer zweistellige Funktionssymbole, für die wir
Infixschreibweise verwenden. 0 und 1 seien Konstantensymbole.
• Der Körper der reellen Zahlen ist die {+, ·, 0, 1}-Struktur AR , so dass
AR := R, +AR und ·AR sind die normale Addition bzw. Multiplikation
auf R, und 0AR := 0, 1AR := 1.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 105
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
• Der Ring der ganzen Zahlen ist die {+, ·, 0, 1}-Struktur AZ , so dass
AZ := Z, +AZ und ·AZ sind die normale Addition bzw. Multiplikation
auf Z, und 0AZ := 0, 1AZ := 1.
• Das Standardmodell der Arithmetik ist die {+, ·, 6, 0, 1}-Struktur AN ,
so dass AN := N ist; die Funktionen +AN und ·AN und die Relation
6AN sind die normale Addition, Multiplikation bzw. Ordnung auf N,
und 0AN := 0, 1AN := 1.
• Der zweielementige Körper ist die {+, ·, 0, 1}-Struktur F2 mit
Universum F2 := {0, 1}, den Funktionen +F2 und ·F2 der Addition
bzw. Multiplikation modulo 2, und 0F2 := 0, 1F2 := 1.
Folie 165
Wörter als Strukturen
Sei Σ ein endliches, nicht-leeres Alphabet. Für jedes a ∈ Σ sei Pa ein
einstelliges Relationssymbol, und es sei
σΣ := {6} ∪ {Pa : a ∈ Σ}.
Für jedes nicht-leere Wort w := w1 · · · wn ∈ Σ∗ mit w1 , . . . , wn ∈ Σ sei Aw
die σΣ -Struktur
• mit Universum Aw := [n], für die gilt:
• 6Aw ist die natürliche lineare Ordnung auf [n],
d.h., 6Aw = { (i, j) : i, j ∈ N, 1 6 i 6 j 6 n },
• Für jedes a ∈ Σ ist PaAw := {i ∈ [n] : wi = a}.
Beispiel. Sei Σ := {a, b, c}.
Für w := abacaba ist Aw die folgende σΣ -Struktur:
• Aw = {1, 2, 3, 4, 5, 6, 7}
• 6Aw = { (i, j) : i, j ∈ N, 1 6 i 6 j 6 7 }
• PaAw = {1, 3, 5, 7},
PbAw = {2, 6},
Folie 166
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 106
PcAw = {4}.
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Wortstrukturen
Eine Wortstruktur über Σ ist eine σΣ -Struktur A für die gilt:
• das Universum A von A ist endlich,
• (A, 6A ) ist eine lineare Ordnung,
• für jedes i ∈ A gibt es genau ein a ∈ Σ, so dass i ∈ PaA .
Beispiel 3.4. Sei Σ := {a, b, c}. Die σΣ -Struktur B mit
• Universum B = {♦, ♥, ♠, ♣},
• linearer Ordnung 6B , die besagt, dass ♦ < ♥ < ♠ < ♣ ist, d.h.
6B = {(♦, ♦), (♦, ♥), (♦, ♠), (♦, ♣), (♥, ♥), (♥, ♠), (♥, ♣), (♠, ♠), (♠, ♣), (♣, ♣)},
• PaB = {♦, ♣}
• PbB = {♥, ♠},
• PcB = ∅,
ist eine Wortstruktur, die das Wort w = abba repräsentiert.
Folie 167
Transitionssysteme
• Sei σA eine Menge von zweistelligen Relationssymbolen, die wir als
Aktionen bezeichnen und σP eine Menge von einstelligen
Relationssymbolen, die wir als Propositionen oder Eigenschaften
bezeichnen.
• Ein (σA , σP )-Transitionssystem ist eine (σA ∪ σP )-Struktur T .
• Die Elemente des Universums T von T bezeichnen wir als Zustände
des Systems.
• Die Tripel (s, R, t), wobei (s, t) ∈ RT für ein R ∈ σA , bezeichnen wir
als die Übergänge oder Transitionen des Systems.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 107
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
• Sei c ein Konstantensymbol. Ein (σA , σP )-Transitionssystem mit
Anfangszustand ist eine (σA ∪ σP ∪ {c})-Struktur T . Den Zustand cT
bezeichnen wir als den Anfangszustand des Systems.
Folie 168
Beispiel. Ein endlicher Automat (Q, Σ, q0 , δ, F ) lässt sich wie folgt als
Transitionssystem T mit Anfangszustand beschreiben:
• σA := {Ra : a ∈ Σ} und σP := {PF }
• T := Q
• für jedes a ∈ Σ ist RaT := { (q, q 0 ) : q 0 ∈ δ(q, a) }
• PFT := F .
• cT := q0 .
Folie 169
Beispiel. Folgendes Transitionssystem T mit zwei Aktionen namens
druckauftrag und kein auftrag und einer Eigenschaft namens druckt ist
ein stark vereinfachtes Modell des Verhaltens eines Druckers:
• T := { warte, arbeite },
• druckauftragT := { (warte, arbeite), (arbeite, arbeite) },
• kein auftragT := { (warte, warte), (arbeite, warte) },
• drucktT := { arbeite }.
Folie 170
Relationale Datenbanken
• Relationale Datenbanken bestehen aus endlich vielen endlichen
Tabellen.
• Jede solche Tabelle lässt sich als Relation auffassen, die Zeilen der
Tabelle entsprechen dabei den Tupeln in der Relation.
• Eine relationale Datenbank entspricht dann einer endlichen Struktur,
deren Universum aus allen potentiellen Einträgen in einzelnen Zellen
der Tabellen besteht, und die für jede Tabelle in der Datenbank eine
Relation enthält.
Folie 171
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 108
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Beispiel: Eine Kinodatenbank
Kino
Name
Babylon
Casablanca
Filmtheater am Friedrichshain
Kino International
Moviemento
Urania
Film
Name
Alien
Blade Runner
Blade Runner
Brazil
Brazil
Casablanca
Casablanca
Gravity
Gravity
Monuments Men
Monuments Men
Resident Evil
Terminator
Terminator
Terminator
···
Adresse
Dresdner Str. 126
Friedenstr. 12-13
Bötzowstr. 1-5
Karl-Marx-Allee 33
Kotbusser Damm 22
An der Urania 17
Regisseur
Ridley Scott
Ridley Scott
Ridley Scott
Terry Gilliam
Terry Gilliam
Michael Curtiz
Michael Curtiz
Alfonso Cuaron
Alfonso Cuaron
George Clooney
George Clooney
Paul Anderson
James Cameron
James Cameron
James Cameron
···
Stadtteil
Kreuzberg
Adlershof
Prenzlauer Berg
Mitte
Kreuzberg
Schöneberg
Telefonnummer
030 61 60 96 93
030 67 75 75 2
030 42 84 51 88
030 24 75 60 11
030 692 47 85
030 21 89 09 1
Schauspieler
Sigourney Weaver
Harrison Ford
Sean Young
Jonathan Pryce
Kim Greist
Humphrey Bogart
Ingrid Bergmann
Sandra Bullock
George Clooney
George Clooney
Matt Damon
Milla Jovovich
Arnold Schwarzenegger
Linda Hamilton
Michael Biehn
···
Folie 172
Programm
Kino
Babylon
Babylon
Casablanca
Casablanca
Casablanca
Casablanca
Filmtheater am Friedrichshain
Filmtheater am Friedrichshain
Filmtheater am Friedrichshain
Kino International
Kino International
Kino International
Moviemento
Moviemento
Moviemento
Urania
Urania
Film
Casablanca
Gravity
Blade Runner
Alien
Blade Runner
Resident Evil
Resident Evil
Resident Evil
Resident Evil
Casablanca
Brazil
Brazil
Gravity
Gravity
Alien
Monuments Men
Monuments Men
Zeit
17:30
20:15
15:30
18:15
20:30
20:30
20:00
21:30
23:00
18:00
20:00
22:00
17:00
19:30
22:00
17:00
20:00
Folie 173
Die Kinodatenbank als Struktur
Signatur:
σKINO := { RKino /4, RFilm /3, RProg /3 } ∪ { ‘c’ : c ∈ ASCII∗ }
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 109
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Die Kinodatenbank wird dargestellt als σKINO -Struktur D.
Universum:
D := ASCII∗ ⊇ { Babylon, Dresdner Str. 126, Kreuzberg, 030 61 60 96 93,
Casablanca, . . . , 20:00}.
Relationen:
D
RKino
:=
(Babylon, Dresdner Str. 126, Kreuzberg, 030 61 60 96 93),
(Casablanca, Friedenstr. 12-13, Adlershof, 030 67 75 75 2),
(Filmtheater am Friedrichshain, Bötzowstr. 1-5, Prenzlauer Berg, 030 42 84 51 88),
(Kino International, Karl-Marx-Allee 33, Mitte, 030 24 75 60 11),
(Moviemento, Kotbusser Damm 22, Kreuzberg, 030 692 47 85),
(Urania, An der Urania 17, Schöneberg, 030 21 89 09 1)
D
RFilm
:=
(Alien, Ridley Scott, Sigourney Weaver),
(Blade Runner, Ridley Scott, Harrison Ford),
D
RProg
:=
...
(Babylon, Casablanca, 17:30),
(Babylon, Gravity, 20:15),
...
.
‘c’D := c, für jedes c ∈ ASCII∗ .
D.h.: jedes Konstantensymbol wird durch den zwischen den Hochkommas
stehenden Text interpretiert.
Konstanten:
Folie 174
Restriktionen und Expansionen
Definition 3.5. Seien σ und τ Signaturen mit σ ⊆ τ .
(a) Die σ-Restriktion einer τ -Struktur B ist die σ-Struktur B|σ mit
B|σ := B und S B|σ := S B für jedes S ∈ σ.
D.h.: Ist B = B, (S B )S∈τ , so ist B|σ = B, (S B )S∈σ .
(b) Eine τ -Struktur B ist eine τ -Expansion einer σ-Struktur A, wenn
A = B|σ .
Beispiel. Die {+, 0}-Restriktion des Standardmodells der Arithmetik ist
die Struktur
AN |{+,0} = (N, +AN , 0AN ),
wobei +AN die natürliche Addition auf N und 0AN die natürliche Zahl 0 ist.
Man bezeichnet diese Struktur als das Standardmodell der Presburger
Arithmetik.
Folie 175
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 110
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Prinzipielle Gleichheit von Strukturen
Frage: Wann sind zwei σ-Strukturen A und B prinzipiell gleich“?
”
Antwort: Wenn B aus A entsteht, indem man die Elemente des Universums
von A umbenennt.
Dies wird in der folgenden Definition präzisiert.
Folie 176
Isomorphismen
Definition 3.6. Seien A und B σ-Strukturen. Ein Isomorphismus von A
nach B ist eine Abbildung π : A → B mit folgenden Eigenschaften:
1. π ist bijektiv.
2. Für alle k ∈ N \ {0}, alle k-stelligen Relationssymbole R ∈ σ und alle
k-Tupel (a1 , . . . , ak ) ∈ Ak gilt:
(a1 , . . . , ak ) ∈ RA ⇐⇒ π(a1 ), . . . , π(ak ) ∈ RB .
3. Für alle Konstantensymbole c ∈ σ gilt:
π cA = cB .
4. Für alle k ∈ N \ {0}, alle k-stelligen Funktionssymbole f ∈ σ und alle
k-Tupel (a1 , . . . , ak ) ∈ Ak gilt:
π f A (a1 , . . . , ak ) = f B π(a1 ), . . . , π(ak ) .
Folie 177
Isomorphie
Notation. Seien A und B σ-Strukturen. Wir schreiben π : A ∼
= B, um
anzudeuten, dass π ein Isomorphismus von A nach B ist.
Definition 3.7. Zwei σ-Strukturen A und B heißen isomorph (wir
schreiben: A ∼
= B), wenn es einen Isomorphismus von A nach B gibt.
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Folie 178
Beispiele 3.8.
(a) Seien A, B nicht-leere Mengen. Dann sind die ∅-Strukturen A := (A)
und B := (B) genau dann isomorph, wenn A und B gleichmächtig sind
(d.h. es gibt eine Bijektion von A nach B).
Folie 179
(b) Seien A = (A, E A ) und B = (B, E B ) die beiden folgenden Digraphen:
Dann ist π : A → B mit
i
π(i)
1 2 3 4 5 6 7 8
a b c d h g f e
ein Isomorphismus von A nach B.
Folie 180
(c) Sei A = (A, 6A ) mit A = {1, 2, 3, 4} und
6A = { (i, j) : i, j ∈ N, 1 6 i 6 j 6 4 },
und sei B = (B, 6A ) mit B = {♦, ♥, ♠, ♣}, wobei 6B wie in
Beispiel 3.4 definiert ist. Skizze:
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Dann ist π : A → B mit
i
π(i)
1 2 3 4
♦ ♥ ♠ ♣
ein Isomorphismus von A nach B.
Allgemein gilt: Sind A und B endliche Mengen mit |A| = |B|, und sind
6A und 6B lineare Ordnungen auf A und B, so ist die Abbildung
π : A → B, die das (bzgl. 6A ) kleinste Element in A auf das (bzgl. 6B )
kleinste Element in B abbildet, und allgemein für jedes i ∈ {1, . . . , |A|}
das (bzgl. 6A ) i-kleinste Element in A auf das (bzgl. 6B ) i-kleinste
Element in B abbildet, ein Isomorphismus von A := (A, 6A ) nach
B := (B, 6B ).
Folie 181
(d) Sind 6N und 6Z die natürlichen linearen Ordnungen auf N und Z, so
sind die {6}-Strukturen N := (N, 6N ) und Z := (Z, 6Z )
nicht isomorph (kurz: N 6∼
= Z).
Beweis: Angenommen, π : N → Z ist ein Isomorphismus von N nach
Z. Sei z := π(0). In Z gibt es ein Element z 0 ∈ Z mit z 0 < z (z.B.
z 0 = z − 1). Da π surjektiv ist, muss es ein n0 ∈ N geben, so dass
π(n0 ) = z 0 . Wegen z 0 6= z muss n0 6= 0 gelten (da π injektiv ist). Somit
gilt:
0 6N n0
aber
z 66Z z 0 .
Also ist π kein Isomorphismus von N nach Z. Widerspruch!
Folie 182
(e) Sei σ := {f, c}, wobei f ein 2-stelliges Funktionssymbol und c ein
Konstantensymbol ist. Sei A := (A, f A , cA ), wobei gilt:
• A := N ist die Menge aller natürlichen Zahlen,
• f A := +AN ist die natürliche Addition auf N,
• cA := 0 ist die natürliche Zahl 0
und sei B := (B, f B , cB ), wobei
• B := {2n : n ∈ N} ist die Menge aller Zweierpotenzen,
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• f B : B × B → B ist die Funktion mit
f B (b1 , b2 ) := b1 · b2 ,
für alle b1 , b2 ∈ B
• cB := 1 = 20 ∈ B.
Dann gilt: A ∼
= B, und die Abbildung π : A → B mit π(n) := 2n für
alle n ∈ N ist ein Isomorphismus von A nach B, denn:
1. π ist eine bijektive Abbildung von A nach B.
2. Für das Konstantensymbol c ∈ σ gilt:
π(cA ) = π(0) = 20 = cB .
3. Für das Funktionssymbol f ∈ σ und für alle (a1 , a2 ) ∈ A2
gilt:
π(f A (a1 , a2 )) = π(a1 + a2 ) = 2a1 +a2
und
f B (π(a1 ), π(a2 )) = f B (2a1 , 2a2 ) = 2a1 · 2a2 = 2a1 +a2 ,
also π(f A (a1 , a2 )) = f B (π(a1 ), π(a2 )).
Somit ist π ein Isomorphismus von A nach B.
Folie 183
Isomorphie ist eine Äquivalenzrelation
Lemma 3.9. Isomorphie ist eine Äquivalenzrelation auf der Klasse aller
σ-Strukturen. D.h.: Für alle σ-Strukturen A, B, C gilt:
1. A ∼
=A
(Reflexivität),
2. A ∼
= B =⇒ B ∼
=A
(Symmetrie),
3. A ∼
= B und B ∼
= C =⇒ A ∼
=C
(Transitivität).
Beweis: Übung.
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3.2
Terme der Logik erster Stufe
Folie 184
Individuenvariablen
Definition 3.10. Eine Individuenvariable (auch: Variable erster Stufe;
kurz: Variable) hat die Form vi für ein i ∈ N.
Die Menge aller Variablen bezeichnen wir mit VAR, d.h.
VAR = {v0 , v1 , v2 , v3 , . . . } = {vi : i ∈ N}.
Folie 185
Terme der Logik erster Stufe
Definition 3.11.
(a) Für eine Signatur σ sei Aσ-Terme das Alphabet, das aus allen Elementen
in VAR, allen Konstanten- und Funktionssymbolen in σ, den Klammern
(, ) und dem Komma , besteht.
(b) Die Menge Tσ aller σ-Terme ist die wie folgt rekursiv definierte
Teilmenge von Aσ-Terme ∗ :
Basisregeln:
• Für jedes Konstantensymbol c ∈ σ ist c ∈ Tσ .
• Für jede Variable x ∈ VAR ist x ∈ Tσ .
Rekursive Regel:
• Für jedes Funktionssymbol f ∈ σ und für k := ar(f ) gilt:
Sind t1 ∈ Tσ , . . . , tk ∈ Tσ , so ist auch f (t1 , . . . , tk ) ∈ Tσ .
(c) Die Menge aller Terme der Logik der ersten Stufe ist T :=
[
Tσ .
σ Signatur
Folie 186
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Beispiele
Sei σ := { f /2, c }.
Folgende Worte sind σ-Terme:
c,
v4 ,
f (c, c),
f (c, f (c, v0 )) .
Folgende Worte sind keine σ-Terme:
0,
f (0, c),
f (v0 , c, v1 ),
f A (2, 3) .
Folie 187
Belegungen und Interpretationen
Definition 3.12. Sei σ eine Signatur.
(a) Eine Belegung in einer σ-Struktur A ist eine Abbildung β : VAR → A.
D.h.: β ordnet jeder Variablen x ∈ VAR ein Element β(x) aus dem
Universum von A zu.
(b) Eine σ-Interpretation ist ein Paar
I = (A, β) ,
bestehend aus einer σ-Struktur A und einer Belegung β in A.
Folie 188
Die Auswertung von Termen in Interpretationen
Wir wollen Terme nun in Interpretationen auswerten“.
”
Die Auswertung von Term t in einer Interpretation I = (A, β) soll
dasjenige Element aus A liefern, das man erhält, wenn man
• die in t vorkommenden Variablen gemäß der Belegung β interpretiert,
• die in t vorkommenden Konstantensymbole c gemäß ihrer
Interpretation cA in A belegt,
• die in t vorkommenden Funktionssymbole f gemäß ihrer
Interpretation f A in A belegt
und dann nach und nach den resultierenden Term ausrechnet.
Dies wird in der folgenden Definition präzisiert.
Folie 189
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Semantik von σ-Termen
Definition 3.13. Sei σ eine Signatur.
Rekursiv über den Aufbau von Tσ definieren wir eine Funktion J·K· , die
jedem σ-Term t und jeder σ-Interpretation I = (A, β) einen Wert JtKI ∈ A
zuordnet:
• Für alle x ∈ VAR ist JxKI := β(x).
• Für alle Konstantensymbole c ∈ σ ist JcKI := cA .
• Für alle Funktionssymbole f ∈ σ, für k := ar(f ), und
für alle σ-Terme t1 , . . . , tk ∈ Tσ gilt:
J f (t1 , . . . , tk ) KI
:=
f A Jt1 KI , . . . , Jtk KI .
Folie 190
Beispiel
Sei σ = { f /2, c }, und sei A = (A, f A , cA ) die σ-Struktur mit A = N,
f A = +AN (die Addition auf den natürlichen Zahlen) und cA = 0 (die
natürliche Zahl 0).
Sei β : VAR → A eine Belegung mit β(v1 ) = 1 und β(v2 ) = 7,
und sei I := (A, β).
Sei t der σ-Term f (v2 , f (v1 , c)). Dann gilt:
JtKI = f A β(v2 ), f A β(v1 ), cA
= f A 7, f A 1, 0
=
7+ 1+0
= 8.
3.3
Syntax der Logik erster Stufe
Folie 191
Vergleich zwischen Aussagenlogik und Logik erster Stufe
Die Logik erster Stufe übernimmt, verändert und erweitert die Syntax der
Aussagenlogik.
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• Was gleich bleibt:
– Die Junktoren ¬, ∧, ∨, → werden übernommen.
• Was sich verändert:
– Variablen stehen nicht mehr für wahre“ oder falsche“ Ausagen,
”
”
sondern für Elemente im Universum einer σ-Struktur.
– Variablen sind keine atomaren Formeln mehr.
• Was neu hinzukommt:
– Es gibt Quantoren ∃ und ∀ (für es existiert“ und für alle“).
”
”
– Es gibt Symbole für Elemente aus der Signatur σ.
– Es können σ-Terme benutzt werden, um Elemente im Universum
einer σ-Struktur zu bezeichnen.
Folie 192
Das Alphabet der Logik erster Stufe
Definition 3.14. Sei σ eine Signatur.
Das Alphabet AFO[σ] der Logik erster Stufe über σ besteht aus
• allen Symbolen in Aσ-Terme ,
• allen Symbolen in σ,
• den Quantoren ∃ (Existenzquantor) und ∀ (Allquantor),
• dem Gleichheitssymbol =,
• den Junktoren ¬, ∧, ∨, →.
D.h.:
AFO[σ]
= VAR ∪ σ ∪ {∃, ∀} ∪ {=} ∪ {¬, ∧, ∨, →} ∪ {(, )} ∪ {,}.
Folie 193
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Syntax der Logik erster Stufe
Definition 3.15. Sei σ eine Signatur.
Die Menge FO[σ] aller Formeln der Logik erster Stufe über der Signatur σ
(kurz: FO[σ]-Formeln; FO“ steht für die englische Bezeichnung der Logik
”
erster Stufe: first-order logic) ist die folgendermaßen rekursiv definierte
Teilmenge von A∗FO[σ] :
Basisregeln:
• Für alle σ-Terme t1 und t2 in Tσ gilt:
t1 = t2 ∈ FO[σ].
• Für jedes Relationssymbol R ∈ σ, für k := ar(R) und für alle σ-Terme
t1 , . . . , tk in Tσ gilt:
R(t1 , . . . , tk ) ∈ FO[σ].
FO[σ]-Formeln der Form t1 = t2 oder R(t1 , . . . , tk ) heißen
atomare σ-Formeln.
Folie 194
Rekursive Regeln:
• Ist ϕ ∈ FO[σ], so ist auch ¬ϕ ∈ FO[σ].
• Ist ϕ ∈ FO[σ] und ψ ∈ FO[σ], so ist auch
– (ϕ ∧ ψ) ∈ FO[σ],
– (ϕ ∨ ψ) ∈ FO[σ],
– (ϕ → ψ) ∈ FO[σ].
• Ist ϕ ∈ FO[σ] und x ∈ VAR, so ist auch
– ∃x ϕ ∈ FO[σ],
– ∀x ϕ ∈ FO[σ].
Folie 195
Beispiel 3.16. Sei σ = { f /2, c }.
Folgende Worte aus A∗FO[σ] sind FO[σ]-Formeln:
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• f (v0 , v1 ) = c
(atomare σ-Formel)
• ∀v2 f (v2 , c) = v2
• ¬∃v3 f (v3 , v3 ) = v3 ∧ ¬ v3 =c
Folgende Worte sind keine FO[σ]-Formeln:
• f (v0 , v1 ) = c
• ∃v2 f (v2 , c) = v2
• f (f (c, c), v1 )
(ist ein σ-Term, aber keine FO[σ]-Formel)
• ∃c f (v0 , c) = v0
Folie 196
Beispiel 3.17. Sei σ = {E/2}.
Folgendes ist eine FO[σ]-Formel:
∀v0 ∀v1 E(v0 , v1 ) ∧ E(v1 , v0 ) → v0 = v1
Intuition zur Semantik:
In einem gerichteten Graphen A = (A, E A ) sagt diese Formel Folgendes aus:
Für alle Knoten a0 ∈ A und
”
für alle Knoten a1 ∈ A gilt:
falls (a0 , a1 ) ∈ E A und (a1 , a0 ) ∈ E A , so ist a0 = a1 .“
Die Formel sagt in einem Digraph A = (A, E A ) also aus, dass die
Kantenrelation E A antisymmetrisch ist.
Folie 197
Notation
• Statt mit v0 , v1 , v2 , . . . bezeichnen wir Variablen oft auch mit
x, y, z, . . . oder mit Varianten wie x0 , y1 , y2 , . . . .
• Ähnlich wie bei der Aussagenlogik schreiben wir (ϕ ↔ ψ) als
Abkürzung für die Formel (ϕ → ψ) ∧ (ψ → ϕ) .
• Die Menge aller Formeln der Logik der ersten Stufe ist
[
FO :=
FO[σ].
σ Signatur
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3.4
Semantik der Logik erster Stufe
Folie 198
Bevor wir die Semantik der Logik erster Stufe formal definieren, betrachten
wir zunächst einige Beispiele, um ein intuitives Verständnis der Semantik
der Logik erster Stufe zu erlangen.
Beispiele zur Semantik der Logik erster Stufe
Folie 199
Gerichtete Graphen
Beispiel 3.18. Sei σ = {E/2}.
(a) Die FO[σ]-Formel
ϕ :=
∀x∀y E(x, y) → E(y, x)
besagt:
Für alle Knoten x und für alle Knoten y gilt: Falls es eine
”
Kante von x nach y gibt, so gibt es auch eine Kante von y
nach x.“
Für jeden Digraphen A = (A, E A ) gilt daher:
A erfüllt ϕ
⇐⇒
E A ist symmetrisch.
Umgangssprachlich sagen wir auch: Die Formel ϕ sagt in einem
”
Digraphen A aus, dass dessen Kantenrelation symmetrisch ist.“
Folie 200
(b) Die folgende FO[σ]-Formel drückt aus, dass es von Knoten x zu Knoten
y einen Weg der Länge 3 gibt:
ϕ(x, y) := ∃z1 ∃z2 E(x, z1 ) ∧ E(z1 , z2 ) ∧ E(z2 , y) .
(c) Die FO[σ]-Formel
∀x ∀y ∃z1 ∃z2
E(x, z1 ) ∧ E(z1 , z2 ) ∧ E(z2 , y)
sagt in einem Digraph A aus, dass es zwischen je 2 Knoten einen Weg
der Länge 3 gibt.
Folie 201
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Verwandtschaftsbeziehungen
Um Verwandtschaftsbeziehungen zu modellieren, können wir eine Signatur
σ nutzen, die aus den folgenden Symbolen besteht:
• 1-stellige Funktionssymbole Vater, Mutter
(Bedeutung: x=Mutter(y) besagt: x ist die Mutter von y“.)
”
• 2-stellige Relationssymbole Geschwister, Vorfahr
(Bedeutung: Geschwister(x, y) besagt, dass x und y Geschwister sind;
Vorfahr(x, y) besagt, dass x ein Vorfahr von y ist.)
Generelles Wissen über Verwandtschaftsbeziehungen lässt sich durch
Formeln der Logik erster Stufe repräsentieren, z.B.:
• Personen mit gleichem Vater und gleicher Mutter sind Geschwister“:
”
∀x∀y
Vater(x)=Vater(y) ∧ Mutter(x)=Mutter(y) ∧ ¬ x=y
→ Geschwister(x, y)
Folie 202
• Eltern sind gerade die unmittelbaren Vorfahren“:
”
∀x∀y x=Vater(y) ∨ x=Mutter(y)
↔
Vorfahr(x, y) ∧ ¬ ∃z Vorfahr(x, z) ∧ Vorfahr(z, y)
• Die Relation Vorfahr ist transitiv“:
”
∀x∀y∀z Vorfahr(x, y) ∧ Vorfahr(y, z) → Vorfahr(x, z)
• Die folgende Formel ϕ(x, y) besagt x ist Tante oder Onkel von y“:
”
ϕ(x, y) := ∃z Geschwister(x, z) ∧ z=Mutter(y) ∨ z=Vater(y)
Folie 203
• Die folgende Formel ψ(x) besagt x ist Vater von genau 2 Kindern“:
”
ψ(x) := ∃y1 ∃y2
x=Vater(y1 ) ∧ x=Vater(y2 ) ∧ ¬ y1 =y2
∧ ∀z x=Vater(z) →
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z=y1 ∨ z=y2
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Formale Definition der Semantik der Logik erster Stufe
Folie 204
Um die formale Definition der Semantik der Logik erster Stufe angeben zu
können, benötigen wir noch folgende Begriffe:
Folie 205
Notation
• Ist β eine Belegung in einer σ-Struktur A, ist x ∈ VAR und ist a ∈ A,
so sei
β xa
die Belegung mit β xa (x) = a und β xa (y) = β(y) für alle
y ∈ VAR \ {x}.
• Ist I = (A, β) eine σ-Interpretation, ist x ∈ VAR und ist a ∈ A, so sei
I xa := (A, β xa ).
Folie 206
Semantik der Logik erster Stufe
Definition 3.19. Sei σ eine Signatur.
Rekursiv über den Aufbau von FO[σ] definieren wir eine Funktion J·K· , die
jeder FO[σ]-Formel ϕ und jeder σ-Interpretation I = (A, β) einen
Wahrheitswert (kurz: Wert) JϕKI ∈ {0, 1} zuordnet:
Rekursionsanfang:
• Für alle σ-Terme t1 und t2 in Tσ gilt:
(
1, falls Jt1 KI = Jt2 KI
I
Jt1 =t2 K :=
0, sonst.
• Für jedes Relationssymbol R ∈ σ, für k := ar(R) und für alle σ-Terme
t1 , . . . , tk ∈ Tσ gilt:
(
1, falls Jt1 KI , . . . , Jtk KI ∈ RA
I
JR(t1 , . . . , tk )K :=
0, sonst.
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Folie 207
Rekursionsschritt:
• Ist ϕ ∈ FO[σ] und ist x ∈ VAR, so ist
I
J∃x ϕK
I
J∀x ϕK
1, falls es (mind.) ein a ∈ A gibt, so dass JϕKI x = 1
0, sonst
(
1, falls für jedes a ∈ A gilt: JϕKI x = 1
0, sonst
:=
:=
a
(
a
Folie 208
• Die Semantik der Junktoren ¬, ∧, ∨, → ist wie in der Aussagenlogik
definiert, d.h. für alle ϕ ∈ FO[σ] und ψ ∈ FO[σ] gilt:
I
J¬ϕK
I
J(ϕ ∧ ψ)K
I
J(ϕ ∨ ψ)K
I
J(ϕ → ψ)K
(
1, falls JϕKI = 0
0, sonst
(
1, falls JϕKI = 1 und JψKI = 1
0, sonst
(
0, falls JϕKI = 0 und JψKI = 0
1, sonst
(
0, falls JϕKI = 1 und JψKI = 0
1, sonst
:=
:=
:=
:=
Folie 209
Beispiel 3.20. Sei σ = {E/2}. Betrachte die FO[σ]-Formel
ϕ := ∀x∀y E(x, y) → E(y, x)
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Seite 124
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Für jede σ-Interpretation I = (A, β) gilt:
JϕKI = 1
a
⇐⇒ für alle a ∈ A gilt: J∀y(E(x, y) → E(y, x))KI x = 1
⇐⇒ für alle a ∈ A gilt: für alle b ∈ A gilt:
a b
J(E(x, y) → E(y, x))KI x y = 1
⇐⇒ für alle a ∈ A und alle b ∈ A gilt:
a b
a b
Falls JE(x, y)KI x y = 1, so JE(y, x)KI x y = 1
⇐⇒ für alle a ∈ A und alle b ∈ B gilt:
Falls (a, b) ∈ E A , so (b, a) ∈ E A
⇐⇒ E A ist symmetrisch
Folie 210
Die Modellbeziehung
Definition 3.21. Sei σ eine Signatur.
(a) Eine σ-Interpretation I erfüllt eine Formel ϕ ∈ FO[σ] (wir schreiben:
I |= ϕ), wenn JϕKI = 1.
(b) Eine σ-Interpretation I erfüllt eine Formelmenge Φ ⊆ FO[σ] (wir
schreiben: I |= Φ), wenn I |= ϕ für alle ϕ ∈ Φ gilt.
(c) Ein Modell einer Formel ϕ (bzw. einer Formelmenge Φ) ist eine
Interpretation I mit I |= ϕ (bzw. I |= Φ).
Folie 211
Konventionen
• Terme bezeichnen wir mit t, s und Varianten s0 , t1 , t2 , . . . .
• Formeln bezeichnen wir mit ϕ, ψ, χ und Varianten ψ 0 , ϕ1 , ϕ2 , . . . .
• Formelmengen bezeichnen wir mit Φ, Ψ und Varianten Ψ0 , Φ1 , Φ2 , . . . .
Folie 212
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Seite 125
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Subformeln, Subterme und Syntaxbäume
• Eine Formel ψ ist Subformel einer Formel ϕ, wenn ψ als Teilwort in ϕ
vorkommt (insbes. ist jede Formel eine Subformel von sich selbst).
Beispiel: ψ := E(v0 , v1 ) ist Subformel der Formel ∃v0 ∀v1 E(v0 , v1 )
• Ein Term s ist Subterm eines Terms t, wenn s als Teilwort in t
vorkommt (insbes. ist jeder Term ein Subterm von sich selbst).
Beispiel: f (c, c) ist Subterm des Terms f (v0 , f (c, c)).
• Sei ξ ∈ T ∪ FO, d.h. ξ ist ein Term oder eine Formel der Logik erster
Stufe.
– Ähnlich wie bei aussagenlogischen Formeln können wir einen
Syntaxbaum für ξ definieren.
– Das Lemma über die eindeutige Lesbarkeit von Termen und
Formeln besagt, dass jeder Term und jede Formel genau einen
Syntaxbaum hat.
– Die Subterme von ξ (falls ξ ∈ T) bzw. Subformeln von ξ (falls
ξ ∈ FO) sind dann alle Terme bzw. Formeln, die im Syntaxbaum
vorkommen.
Beispiel:
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Das Isomorphielemma
Folie 213
Das Isomorphielemma besagt, dass isomorphe Objekte (Strukturen bzw.
Interpretationen) dieselben Formeln der Logik erster Stufe erfüllen.
Um diese Aussage präzise formulieren zu können, benötigen wir die
folgende Notation.
Folie 214
Isomorphismen, Belegungen und Interpretationen
Definition 3.22. Sei σ eine Signatur, seien A, B isomorphe σ-Strukturen
und sei π ein Isomorphismus von A nach B (kurz: π : A ∼
= B).
(a) Für jede Belegung β in A sei πβ die Belegung in B, so dass für alle
x ∈ VAR gilt:
πβ (x) = π β(x) .
(b) Für eine Interpretation I = (A, β) schreiben wir πI für die
Interpretation
πI := (B, πβ).
Aus dieser Definition folgt direkt:
Lemma 3.23. Sei σ eine Signatur, seien A, B isomorphe σ-Strukturen, sei
π:A∼
= B, sei β eine Belegung in A und sei I := (A, β).
Für jedes x ∈ VAR, für jedes a ∈ A, für I 0 := I xa und für b := π(a) gilt:
πI 0
= (πI) xb .
Beweis. Sei β 0 := β xa . Somit ist I 0 = (A, β 0 ) und daher πI 0 = (B, πβ 0 ).
Andererseits ist (πI) xb = (B, (πβ) xb ). Wir müssen also zeigen, dass
πβ 0 = (πβ) xb . D.h., wir müssen für jede Variable z ∈ VAR zeigen, dass gilt:
(πβ 0 )(z) = (πβ) xb (z).
Wir betrachten zunächst die Variable z := x. Es gilt:
• (πβ) xb (x) = b.
• (πβ 0 )(x) = π β 0 (x) = π β xa (x) = π(a) = b.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 127
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Somit ist (πβ 0 )(x) =
(πβ) xb (x).
Betrachte nun eine beliebige Variable z 6= x. Es gilt:
• (πβ) xb (z) = (πβ)(z) = π β(z) .
• (πβ 0 )(z) = π β 0 (z) = π β xa (z) = π β(z) .
Somit ist (πβ 0 )(z) = (πβ) xb (z) für alle z ∈ VAR \ {x}.
Folie 215
Das Isomorphielemma
Satz 3.24 (Das Isomorphielemma der Logik erster Stufe).
Sei σ eine Signatur, seien A, B isomorphe σ-Strukturen und sei π : A ∼
= B.
Für jede Belegung β in A und die σ-Interpretation I := (A, β) gilt:
(a) Für jeden σ-Term t ∈ Tσ ist JtKπI = π JtKI .
(b) Für jede FO[σ]-Formel ϕ gilt:
πI |= ϕ ⇐⇒ I |= ϕ.
Wir werden das Isomorphielemma per Induktion über den Aufbau von
Termen und Formeln beweisen. Hierzu zunächst ein kurzer Überblick
darüber, wie solche Induktionsbeweise prinzipiell aufgebaut sind.
Folie 216
Beweise per Induktion über den Aufbau von Termen und Formeln
• Ähnlich wie Aussagen über die aussagenlogischen Formeln können wir
Aussagen über Terme und Formeln der Logik der erster Stufe per
Induktion über den Aufbau von Tσ bzw. FO[σ] beweisen.
• Im Induktionsanfang beweisen wir die Aussagen für die gemäß
Basisregeln definierten Terme bzw. Formeln. Im Induktionschritt
schließen wir von den Subtermen bzw. Subformeln auf den Term bzw.
die Formel selbst.
• Wie bei der Aussagenlogik ist dieses Vorgehen gerechtfertigt, weil es
sich auch als vollständige Induktion über die Höhe des Syntaxbaums
auffassen lässt.
Folie 217
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Beweise per Induktion über den Aufbau von Termen
Schematisch sieht der Beweis einer Aussage A(t) für alle Terme t ∈ Tσ wie
folgt aus:
Induktionsanfang:
• Beweise, dass für alle Konstantensymbole c ∈ σ die Aussage A(c) gilt.
• Beweise, dass für alle Variablen x ∈ VAR die Aussage A(x) gilt.
Induktionsschritt:
• Betrachte jedes Funktionssymbol f ∈ σ, sei k := ar(f ), und
seien
t1 , . . . , tk beliebige σ-Terme. Beweise, dass A f (t1 , . . . , tk ) gilt, und
verwende dazu die Induktionsannahme, dass A(ti ) für jedes i ∈ [k] gilt.
Mit dieser Vorgehensweise beweisen wir nun Teil (a) des Isomorphielemmas.
Beweis von Teil (a) von Satz 3.24 (Isomorphielemma).
Per Induktion über den Aufbau von Termen. Die Aussage A(t), die wir für
alle Terme t ∈ Tσ beweisen wollen, besagt: JtKπI = π JtKI .
Induktionsanfang:
• Sei c ∈ σ ein Konstantensymbol. Behauptung: JcKπI = π JcKI .
Beweis: Es gilt JcKπI = cB = π(cA ) = π JcKI .
• Sei x ∈ VAR. Behauptung: JxKπI = π JxKI .
Beweis: Es gilt JxKπI = (πβ)(x) = π β(x) = π JxKI .
Induktionsschritt:
• Sei f ∈ σ ein Funktionssymbol, sei k := ar(f ), seien t1 , . . . , tk
beliebige σ-Terme.
Induktionsannahme: Für jedes i ∈ [k] gilt: π Jti KI = Jti KπI .
Behauptung: Es gilt: Jf (t1 , . . . , tk )KπI = π Jf (t1 , . . . , tk )KI .
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Beweis: Es gilt
Jf (t1 , . . . , tk )KπI
Semantik
=
Ind.ann.
=
π:A∼
=B
=
Semantik
=
f B Jt1 KπI , . . . , Jtk KπI
f B π(Jt1 KI ), . . . ,π(Jtk KI )
π f A (Jt1 KI , . . . , Jtk KI )
π Jf (t1 , . . . , tk )KI .
Dies beendet den Beweis von Teil (a) von Satz 3.24.
Folie 218
Teil (b) des Isomorphielemmas beweisen wir per Induktion über den Aufbau
von Formeln. Prinzipiell sind solche Induktionsbeweise wie folgt aufgebaut.
Folie 219
Beweise per Induktion über den Aufbau von Formeln
Schematisch sieht der Beweis einer Aussage A(ϕ) für alle FO[σ]-Formeln ϕ
wie folgt aus:
Induktionsanfang:
• Beweise, dass für alle σ-Terme t1 , t2 ∈ Tσ die Aussage A(t1 =t2 ) gilt.
• Beweise, dass für alle Relationssymbole R ∈ σ, für k := ar(R) und für
alle σ-Terme t1 , . . . , tk ∈ Tσ die Aussage A R(t1 , . . . , tk ) gilt
Folie 220
Induktionsschritt:
Seien ϕ und ψ beliebige FO[σ]-Formeln. Die Induktionsannahme besagt,
dass die Aussagen A(ϕ) und A(ψ) gelten.
Im Induktionsschritt muss dann gezeigt werden, dass
• für jede Variable x ∈ VAR die Aussage A(∃x ϕ) gilt,
• für jede Variable x ∈ VAR die Aussage A(∀x ϕ) gilt,
• die Aussage A(¬ϕ) gilt,
• die Aussage A (ϕ ∧ ψ) gilt,
• die Aussage A (ϕ ∨ ψ) gilt,
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• die Aussage A (ϕ → ψ) gilt.
Mit dieser Vorgehensweise beweisen wir nun Teil (b) des
Isomorphielemmas.
Beweis von Teil (b) von Satz 3.24 (Isomorphielemma).
Per Induktion über den Aufbau von Formeln. Die Aussage A(ϕ), die wir für
alle FO[σ]-Formeln ϕ beweisen wollen, besagt Folgendes:
Für jede Belegung β in A und für I := (A, β) gilt:
πI |= ϕ ⇐⇒ I |= ϕ.
Induktionsanfang:
• Seien t1 , t2 ∈ Tσ zwei σ-Terme.
Behauptung: Für jede Belegung β in A und für I := (A, β) gilt:
πI |= t1 =t2 ⇐⇒ I |= t1 =t2 .
Beweis: Sei β eine beliebige Belegung in A und sei I := (A, β).
Gemäß Teil (a) des Isomorphielemmas gilt für jedes i ∈ {1, 2}, dass
Jti KπI = π Jti KI . Somit gilt:
πI |= t1 =t2
Semantik
⇐⇒
(a)
⇐⇒
π bijektiv
⇐⇒
Semantik
⇐⇒
Jt1 KπI = Jt2 KπI
π Jt1 KI = π Jt2 KI
Jt1 KI = Jt2 KI
I |= t1 =t2 .
• Sei R ∈ σ ein Relationssymbol, sei k = ar(R) und seien
t1 , . . . , tk ∈ Tσ .
Behauptung: Für jede Belegung β in A und für I := (A, β) gilt:
πI |= R(t1 , . . . , tk ) ⇐⇒ I |= R(t1 , . . . , tk ).
Beweis: Sei β eine beliebige Belegung in A und sei I := (A, β).
Gemäß Teil (a) des Isomorphielemmas gilt für jedes i ∈ [k], dass
Jti KπI = π Jti KI . Somit gilt:
Semantik
πI |= R(t1 , . . . , tk )
⇐⇒
Jt1 KπI , . . . , Jtk KπI ∈ RB
(a)
I
I
⇐⇒
π Jt1 K , . . . , π Jtk K
∈ RB
π:A∼
=B
⇐⇒
Jt1 KI , . . . , Jtk KI ∈ RA
Semantik
⇐⇒
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I |= R(t1 , . . . , tk ).
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Induktionsschritt:
Seien ϕ und ψ beliebige FO[σ]-Formeln.
Induktionsannahme: Für jede Belegung β 0 in A, für I 0 := (A, β 0 ) und
für jede Formel χ ∈ {ϕ, ψ} gilt: πI 0 |= χ ⇐⇒ I 0 |= χ.
• Behauptung 1: Für jede Variable x ∈ VAR, für jede Belegung β in
A und für I := (A, β) gilt: πI |= ∃x ϕ ⇐⇒ I |= ∃x ϕ.
Beweis: Sei x ∈ VAR eine beliebige Variable, und sei β eine beliebige
Belegung in A.
Wir nutzen, dass gemäß Lemma 3.23 für jedes a ∈ A, die Belegung
β 0 := β xa , die Interpretation I 0 = I xa = (A, β 0 ) und den Wert b := π(a)
gilt: πI 0 = (πI) xb .
Gemäß Induktionsannahme gilt: πI 0 |= ϕ ⇐⇒ I 0 |= ϕ.
Somit gilt für alle a ∈ A und für b := π(a), dass
(πI) xb |= ϕ
⇐⇒
I xa |= ϕ.
(3.1)
Es folgt:
I |= ∃x ϕ
Semantik
⇐⇒
(3.1) mit b=π(a)
⇐⇒
es gibt (mind.) ein a ∈ A, so dass I xa |= ϕ
es gibt (mind.) ein a ∈ A, so dass (πI) π(a)
|= ϕ
x
π bijektiv
es gibt (mind.) ein b ∈ B, so dass (πI) xb |= ϕ
Semantik
πI |= ∃x ϕ.
⇐⇒
⇐⇒
• Behauptung 2: Für jede Variable x ∈ VAR, für jede Belegung β in
A und für I := (A, β) gilt: πI |= ∀x ϕ ⇐⇒ I |= ∀x ϕ.
Beweis: Der Beweis folgt analog zum Beweis der Behauptung 1:
Sei x ∈ VAR eine beliebige Variable, und sei β eine beliebige Belegung
in A. Dann gilt:
I |= ∀x ϕ
Semantik
für jedes a ∈ A gilt: I xa |= ϕ
⇐⇒
(3.1) mit b=π(a)
⇐⇒
für jedes a ∈ A gilt: (πI) π(a)
|= ϕ
x
π bijektiv
für jedes b ∈ B gilt: (πI) xb |= ϕ
Semantik
πI |= ∀x ϕ.
⇐⇒
⇐⇒
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• Behauptung 3: Für jede Belegung β in A und für I := (A, β) gilt:
πI |= ¬ϕ ⇐⇒ I |= ¬ϕ.
Beweis: Die Behauptung folgt direkt aus der Induktionsannahme und
der Definition der Semantik von ¬“.
”
• Behauptung 4: Für jede Belegung β in A, für I := (A, β) und für
jedes ∗ ∈ {∧, ∨, →} gilt: πI |= (ϕ ∗ ψ) ⇐⇒ I |= (ϕ ∗ ψ).
Beweis: Die Behauptung folgt direkt aus der Induktionsannahme und
der Definition der Semantik von ∧“, ∨“ und →“.
”
”
”
Dies beendet den Beweis von Teil (b) von Satz 3.24.
Das Koinzidenzlemma
Folie 221
Ähnlich wie für die Aussagenlogik gilt auch für die Logik erster Stufe ein
Koinzidenzlemma, das besagt, dass der Wert JtKI eines Terms t bzw. der
Wert JϕKI einer Formel ϕ nur abhängt von
• denjenigen Bestandteilen von A, die explizit in t bzw. ϕ vorkommen,
und
• den Belegungen β(x) derjenigen Variablen x, die in t vorkommen bzw.
die in ϕ vorkommen und nicht im Wirkungsbereich eines Quantors
stehen.
Um diese Aussage präzise zu formulieren, sind folgende Begriffe nützlich.
Folie 222
Definition 3.25.
(a) Ist ξ ein Term oder eine Formel der Logik erster Stufe, so schreiben wir
• σ(ξ), um die Menge aller Relations-, Funktions- und
Konstantensymbole zu bezeichnen, die in ξ vorkommen,
• var(ξ), um die Menge aller in ξ vorkommenden Variablen zu
bezeichnen.
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(b) Ist ϕ eine Formel und x eine Variable, so heißt jedes Vorkommen von x
in einer Subformel von ϕ, die von der Form ∃xψ oder ∀xψ ist,
gebunden. Jedes andere Vorkommen von x in ϕ heißt frei.
Beispiel:
f (v0 , c)=v3 ∧ ∃v0 f (v0 , v1 )=c
ϕ :=
Das erste Vorkommen von v0 in ϕ ist frei, das zweite und dritte
Vorkommen von v0 in ϕ ist gebunden. Die Vorkommen von v1 und v3 in
ϕ sind frei.
Folie 223
Freie Variablen
Definition 3.26. Die Menge frei(ϕ) aller freien Variablen einer Formel ϕ
besteht aus allen Variablen, die mindestens ein freies Vorkommen in ϕ
haben.
Die Menge frei(ϕ) lässt sich rekursiv über den Aufbau von Formeln wie
folgt definieren:
frei(R(t1 , . . . , tk ))
frei(t1 =t2 )
frei(¬ϕ)
frei((ϕ ∗ ψ))
frei(∃x ϕ)
:=
:=
:=
:=
:=
var(t1 ) ∪ · · · ∪ var(tk )
var(t1 ) ∪ var(t2 )
frei(ϕ)
frei(ϕ) ∪ frei(ψ) für alle ∗ ∈ {∧, ∨, →}
frei(∀x ϕ) := frei(ϕ) \ {x}.
Beispiele:
• frei(f (v0 , c)=v3 ) = {v0 , v3 }
• frei(∃v0 f (v0 , v1 )=c) = {v1 }
• frei( f (v0 , c)=v3 ∧ ∃v0 f (v0 , v1 )=c ) = {v0 , v3 , v1 }
Folie 224
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Das Koinzidenzlemma
Satz 3.27 (Koinzidenzlemma für Terme).
Sei I1 = (A1 , β1 ) eine σ1 -Interpretation und sei I2 = (A2 , β2 ) eine
σ2 -Interpretation, wobei σ1 und σ2 Signaturen seien.
Sei t ∈ T ein Term mit σ(t) ⊆ σ1 ∩ σ2 , so dass gilt:
1.
A1 |σ(t) = A2 |σ(t)
(d.h., die σ(t)-Redukte von A1 und A2 sind identisch), und
2.
β1 (x) = β2 (x), für alle x ∈ var(t).
Dann gilt:
JtKI1 = JtKI2 .
Beweis: Per Induktion über den Aufbau von Termen. Details: Übung.
Satz 3.28 (Koinzidenzlemma für FO-Formeln).
Sei I1 = (A1 , β1 ) eine σ1 -Interpretation und sei I2 = (A2 , β2 ) eine
σ2 -Interpretation, wobei σ1 und σ2 Signaturen seien.
Sei ϕ ∈ FO eine Formel der Logik erster Stufe mit σ(ϕ) ⊆ σ1 ∩ σ2 , so dass
gilt:
1.
A1 |σ(ϕ) = A2 |σ(ϕ) , und
2.
β1 (x) = β2 (x), für alle x ∈ frei(ϕ).
Dann gilt:
I1 |= ϕ ⇐⇒ I2 |= ϕ.
Beweis: Per Induktion über den Aufbau von Formeln. Details: Übung.
Folie 225
Notation für Terme
• Für einen Term t ∈ Tσ schreiben wir t(x1 , . . . , xn ), um anzudeuten,
dass var(t) ⊆ {x1 , . . . , xn }.
• Sei A eine σ-Struktur und seien a1 , . . . , an ∈ A Elemente des
Universums von A.
Auf Grund des Koinzidenzlemmas gilt
0
JtK(A,β) = JtK(A,β )
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Seite 135
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für alle Belegungen β, β 0 : VAR → A, so dass β(xi ) = ai = β 0 (xi ) für
alle i ∈ [n] gilt. Wir schreiben oft
tA [a1 , . . . , an ],
um das Element JtK(A,β) zu bezeichnen.
• Für Terme t ∈ Tσ , in denen keine Variable vorkommt, d.h. var(t) = ∅
(so genannte Grundterme), schreiben wir einfach tA .
Folie 226
Notation für Formeln
• Für eine FO[σ]-Formel ϕ schreiben wir ϕ(x1 , . . . , xn ), um anzudeuten,
dass frei(ϕ) ⊆ {x1 , . . . , xn }.
• Ist A eine σ-Struktur und sind a1 , . . . , an ∈ A, so schreiben wir
A |= ϕ[a1 , . . . , an ]
wenn (A, β) |= ϕ für eine Belegung β : VAR → A mit β(xi ) = ai für
alle i ∈ [n] gilt. Auf Grund des Koinzidenzlemmas gilt dann auch für
alle Belegungen β 0 : VAR → A mit β 0 (xi ) = ai für alle i ∈ [n], dass
(A, β 0 ) |= ϕ.
Sätze der Logik erster Stufe
Folie 227
Definition 3.29. Sei σ eine Signatur.
(a) Ein FO[σ]-Satz (kurz: Satz) ist eine FO[σ]-Formel ϕ mit frei(ϕ) = ∅.
(b) Wir schreiben Sσ , um die Menge aller FO[σ]-Sätze zu bezeichnen und
setzen
[
S :=
Sσ .
σ Signatur
(c) Für einen FO[σ]-Satz ϕ und eine σ-Struktur A schreiben wir A |= ϕ,
um auszudrücken, dass (A, β) |= ϕ für eine (und gemäß
Koinzidenzlemma daher für jede) Belegung β in A gilt.
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(d) Für eine Menge Φ ⊆ Sσ von FO[σ]-Sätzen schreiben wir A |= Φ, falls
A |= ϕ für jedes ϕ ∈ Φ gilt.
Als direkte Folgerung aus dem Isomorphielemma erhalten wir, dass für
isomorphe σ-Strukturen A und B und für alle FO[σ]-Sätze ϕ gilt:
A |= ϕ
⇐⇒
B |= ϕ.
Folie 228
Modellklassen und Definierbarkeit
Definition 3.30. Sei σ eine Signatur und sei Φ ⊆ Sσ (d.h. Φ ist eine
Menge von FO[σ]-Sätzen).
(a) Die Modellklasse von Φ ist die Klasse MODσ (Φ) aller σ-Strukturen A
für die gilt: A |= Φ.
(b) Für eine Klasse C von σ-Strukturen sagen wir
Φ definiert (oder axiomatisiert) C,
falls C = MODσ (Φ).
(c) Für einen FO[σ]-Satz ϕ setzen wir MODσ (ϕ) := MODσ ({ϕ}) und
sagen, dass ϕ die Klasse C := MODσ (ϕ) definiert (bzw. axiomatisiert).
Als direkte Folgerung aus dem Isomorphielemma erhalten wir:
Korollar 3.31. Für jede Signatur σ und jedes Φ ⊆ Sσ ist MODσ (Φ) unter
Isomorphie abgeschlossen. D.h. für isomorphe σ-Strukturen A und B gilt:
A ∈ MODσ (Φ)
⇐⇒
Beweis: klar.
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B ∈ MODσ (Φ).
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3.5
Beispiele für Formeln der Logik erster Stufe in
verschiedenen Anwendungsbereichen
Folie 229
Notation
• Ab jetzt verwenden wir für die Logik erster Stufe ähnliche
Klammerkonventionen wie bei der Aussagenlogik.
• Für gewisse zweistellige Funktionssymbole wie +, · und zweistellige
Relationssymbole wie 6 verwenden wir Infix- statt Präfixnotation.
Dabei setzen wir auf natürliche Weise Klammern, um die eindeutige
Lesbarkeit zu gewährleisten.
• Wir schreiben x <
y als Abkürzung für die Formel
x 6 y ∧ ¬ x=y .
Folie 230
Ordnungen
Beispiel 3.32. Wir betrachten Strukturen und Formeln über der Signatur
σ := {6}.
Zur Erinnerung: Eine σ-Struktur A = (A, 6A ) ist eine lineare Ordnung,
falls gilt:
(1) 6A ist reflexiv,
• d.h. für alle a ∈ A gilt: a 6A a
• d.h. A |= ϕrefl , wobei
ϕrefl :=
∀x x 6 x
(2) 6A ist transitiv,
• d.h. für alle a, b, c ∈ A gilt: Wenn a 6A b und b 6A c, dann auch
a 6A c
• d.h. A |= ϕtrans , wobei
ϕtrans :=
∀x∀y∀z
x6y ∧ y6z
Folie 231
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Seite 138
→ x6z
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(3) 6A ist antisymmetrisch,
• d.h. für alle a, b ∈ A mit a 6= b gilt: Wenn a 6A b, dann b 66A a
• d.h. A |= ϕantisym , wobei
ϕantisym := ∀x∀y ¬ x = y → x 6 y → ¬ y 6 x
(4) 6A ist konnex,
• d.h. für alle a, b ∈ A gilt: a 6A b oder b 6A a oder a = b
• d.h. A |= ϕkonnex , wobei
ϕkonnex :=
∀x∀y x 6 y ∨ y 6 x ∨ x = y
Insgesamt gilt für jede {6}-Struktur A = (A, 6A ):
A = (A, 6A ) ist eine lineare Ordnung ⇐⇒ A |= ϕlin.Ord , wobei
ϕlin.Ord :=
ϕrefl ∧ ϕantisym ∧ ϕtrans ∧ ϕkonnex
Der FO[σ]-Satz ϕlin.Ord definiert (bzw. axiomatisiert) also die Klasse aller
linearen Ordnungen.
Folie 232
Arithmetik
Beispiel 3.33. Wir betrachten Formeln über der Signatur
σ := {+, ·, 6, 0, 1} und ihre Bedeutung im Standardmodell AN der
Arithmetik.
• Gesucht: Eine FO[σ]-Formel ϕ− (x, y, z), die besagt x − y = z“.
”
Präzise: Für alle a, b, c ∈ N soll gelten:
AN |= ϕ− [a, b, c]
⇐⇒
a − b = c.
Lösung:
ϕ− (x, y, z) :=
x=z+y
• Gesucht: Eine FO[σ]-Formel ϕ | (x, y, z), die besagt x teilt y“.
”
Präzise: Für alle a, b, c ∈ N soll gelten:
AN |= ϕ | [a, b]
⇐⇒
es gibt ein c ∈ N, so dass a · c = b.
Lösung:
ϕ | (x, y) :=
Version vom 1. Dezember 2016
∃z x · z = y
Seite 139
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Folie 233
• Gesucht: Eine FO[σ]-Formel ϕ≡ (x, y, z), die besagt x ≡ y (mod z)“.
”
Präzise: Für alle a, b, c ∈ N soll gelten:
AN |= ϕ≡ [a, b, c] ⇐⇒ a ≡ b (mod c) d.h. c |a − b|
Lösung:
∃w
ϕ≡ (x, y, z) :=
ϕ− (x, y, w) ∨ ϕ− (y, x, w) ∧ ϕ | (z, w)
| {z }
{z
}
|
”
w = |x − y|“
”
z | w“
Folie 234
• Gesucht: Eine FO[σ]-Formel ϕprim (x), die besagt x ist eine
”
Primzahl“.
Präzise: Für alle a ∈ N soll gelten:
AN |= ϕprim [a]
⇐⇒
a ist eine Primzahl
d.h. a > 2 und a ist nur durch sich selbst und
durch 1 teilbar.
Lösung:
ϕprim (x) :=
1 + 1 6 x ∧ ∀z
| {z }
”
x > 2“
ϕ | (z, x) →
| {z }
”
z=x ∨ z=1
z | x“
• Gesucht: Ein FO[σ]-Satz ϕ∞ , der in AN besagt
Es gibt unendlich viele Primzahlen“.
”
Lösung:
ϕ∞ :=
∀y ∃x y 6 x ∧ ϕprim (x)
In AN besagt dieser Satz, dass es für jede natürliche Zahl b eine
natürliche Zahl a > b gibt, die eine Primzahl ist.
Folie 235
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 140
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Worte
Beispiel 3.34. Wir betrachten das Alphabet Σ := {a, b} und die Signatur
σΣ = {6, Pa , Pb }.
Zur Erinnerung: Wir repräsentieren ein nicht-leeres Wort w ∈ Σ∗ durch die
σΣ -Struktur Aw , deren Universum aus der Menge {1, . . . , |w|} aller
Positionen in w besteht, und bei der PaAw (bzw. PbAw ) aus allen Positionen
besteht, an denen der Buchstabe a (bzw. b) steht.
Gesucht: Ein FO[σΣ ]-Satz ϕ, so dass für jedes nicht-leere Wort w ∈ Σ∗ gilt:
Aw |= ϕ
⇐⇒
w ist von der Form a∗ b∗ .
Lösung: Wir konstruieren eine Formel ϕ, die besagt, dass es eine Position
x gibt, so dass alle Positionen links von x den Buchstaben a tragen und alle
Positionen rechts von x den Buchstaben b tragen. Dies wird durch
folgenden FO[σΣ ]-Satz realisiert:
ϕ := ∃x ∀y y < x → Pa (y) ∧ x < y → Pb (y)
Wie bereits vereinbart, schreiben wir hier x < y“ als Abkürzung für die
”
Formel (x 6 y ∧ ¬ x = y).
Folie 236
Transitionssysteme
Beispiel 3.35. Sei σA eine Menge von Aktionen und σP eine Menge von
Propositionen. Wir betrachten Formeln über der Signatur σ := σA ∪ σP .
Zur Erinnerung: Ein (σA , σP )-Transitionssystem ist eine
(σA ∪ σP )-Struktur T .
• Sei
ϕ :=
∀x
P (x) → ∃y R(x, y)
wobei P ∈ σP und R ∈ σA ist.
Dann gilt für alle (σA , σP )-Transitionssysteme T :
T |= ϕ
⇐⇒
In allen Zuständen von T , in denen P
gilt, ist die Aktion R möglich.
Folie 237
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 141
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• Sei n > 2, seien R1 , . . . , Rn ∈ σA und sei PF ∈ σP .
Gesucht: Eine FO[σ]-Formel ψn (x), so dass für jedes
(σA , σP )-Transitionssystem T und jeden Zustand t ∈ T gilt:
T |= ψ[t]
⇐⇒
Vom Zustand t aus lässt sich mittels
der Folge (R1 , . . . , Rn ) von Aktionen
ein Zustand erreichen, in dem PF gilt.
Lösung: Für n = 3 können wir beispielsweise folgende Formel wählen:
ψ3 (x) := ∃y1 ∃y2 ∃y3 R1 (x, y1 ) ∧ R2 (y1 , y2 ) ∧ R3 (y2 , y3 ) ∧ PF (y3 )
Allgemein ist für n > 2 die Formel ψn (x) von der folgenden Form:
∃y1 ∃y2 · · · ∃yn R1 (x, y1 ) ∧ R2 (y1 , y2 ) ∧ · · · ∧ Rn (yn−1 , yn ) ∧ PF (yn )
3.6
Logik und Datenbanken
Folie 238
Datenbanken
Zur Erinnerung: Wir repräsentieren eine Kinodatenbank, die
Informationen über Kinos, Filme und das aktuelle Programm enthält,
durch eine Struktur über der Signatur σKINO :=
{ RKino /4, RFilm /3, RProg /3 } ∪ { ‘c’ : c ∈ ASCII∗ }
und können so z.B. die folgende Kinodatenbank als σKINO -Struktur D
auffassen, deren Universum D aus der Menge aller Worte über dem
ASCII-Alphabet besteht.
Folie 239
Beispiel: Eine Kinodatenbank
Kino
Name
Babylon
Casablanca
Filmtheater am Friedrichshain
Kino International
Moviemento
Urania
Adresse
Dresdner Str. 126
Friedenstr. 12-13
Bötzowstr. 1-5
Karl-Marx-Allee 33
Kotbusser Damm 22
An der Urania 17
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 142
Stadtteil
Kreuzberg
Adlershof
Prenzlauer Berg
Mitte
Kreuzberg
Schöneberg
Telefonnummer
030 61 60 96 93
030 67 75 75 2
030 42 84 51 88
030 24 75 60 11
030 692 47 85
030 21 89 09 1
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Film
Name
Alien
Blade Runner
Blade Runner
Brazil
Brazil
Casablanca
Casablanca
Gravity
Gravity
Monuments Men
Monuments Men
Resident Evil
Terminator
Terminator
Terminator
···
Regisseur
Ridley Scott
Ridley Scott
Ridley Scott
Terry Gilliam
Terry Gilliam
Michael Curtiz
Michael Curtiz
Alfonso Cuaron
Alfonso Cuaron
George Clooney
George Clooney
Paul Anderson
James Cameron
James Cameron
James Cameron
···
Schauspieler
Sigourney Weaver
Harrison Ford
Sean Young
Jonathan Pryce
Kim Greist
Humphrey Bogart
Ingrid Bergmann
Sandra Bullock
George Clooney
George Clooney
Matt Damon
Milla Jovovich
Arnold Schwarzenegger
Linda Hamilton
Michael Biehn
···
Folie 240
Programm
Kino
Babylon
Babylon
Casablanca
Casablanca
Casablanca
Casablanca
Filmtheater am Friedrichshain
Filmtheater am Friedrichshain
Filmtheater am Friedrichshain
Kino International
Kino International
Kino International
Moviemento
Moviemento
Moviemento
Urania
Urania
Film
Casablanca
Gravity
Blade Runner
Alien
Blade Runner
Resident Evil
Resident Evil
Resident Evil
Resident Evil
Casablanca
Brazil
Brazil
Gravity
Gravity
Alien
Monuments Men
Monuments Men
Zeit
17:30
20:15
15:30
18:15
20:30
20:30
20:00
21:30
23:00
18:00
20:00
22:00
17:00
19:30
22:00
17:00
20:00
Folie 241
Die Kinodatenbank als Struktur
Signatur:
σKINO := { RKino /4, RFilm /3, RProg /3 } ∪ { ‘c’ : c ∈ ASCII∗ }
Die Kinodatenbank wird dargestellt als σKINO -Struktur D.
Universum:
D := ASCII∗ ⊇ { Babylon, Dresdner Str. 126, Kreuzberg, 030 61 60 96 93,
Casablanca, . . . , 20:00}.
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Seite 143
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Relationen:
D
RKino
:=
(Babylon, Dresdner Str. 126, Kreuzberg, 030 61 60 96 93),
(Casablanca, Friedenstr. 12-13, Adlershof, 030 67 75 75 2),
(Filmtheater am Friedrichshain, Bötzowstr. 1-5, Prenzlauer Berg, 030 42 84 51 88),
(Kino International, Karl-Marx-Allee 33, Mitte, 030 24 75 60 11),
(Moviemento, Kotbusser Damm 22, Kreuzberg, 030 692 47 85),
(Urania, An der Urania 17, Schöneberg, 030 21 89 09 1)
D
RFilm
:=
(Alien, Ridley Scott, Sigourney Weaver),
(Blade Runner, Ridley Scott, Harrison Ford),
D
RProg
:=
...
(Babylon, Casablanca, 17:30),
(Babylon, Gravity, 20:15),
...
.
‘c’D := c, für jedes c ∈ ASCII∗ .
D.h.: jedes Konstantensymbol wird durch den zwischen den Hochkommas
stehenden Text interpretiert.
Konstanten:
Folie 242
Beispiel 3.36. (a) Die Anfrage
Gib die Titel aller Filme aus, die um 22:00 Uhr beginnen.“
”
lässt sich durch folgende FO[σKINO ]-Formel ϕ1 (xT ) beschreiben:
ϕ1 (xT ) :=
∃xK RProg (xK , xT , ‘22:00’)
(b) Die Anfrage
Gib die Titel aller Filme aus, in denen George Clooney
”
mitspielt oder Regie führt“
lässt sich durch folgende FO[σKINO ]-Formel beschreiben:
ϕ2 (xT ) :=
∃xR RFilm (xT , xR , ‘George Clooney’) ∨ ∃xS RFilm (xT , ‘George Clooney’, xS )
Folie 243
(c) Die Anfrage
Gib Name und Stadtteil aller Kinos aus, in denen ein Film
”
läuft, in dem George Clooney mitspielt oder Regie führt“
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lässt sich durch folgende FO[σKINO ]-Formel beschreiben:
ϕ3 (xK , xSt ) :=
∃xA ∃xTel RKino (xK , xA , xSt , xTel )
∃xT ∃xZ RProg (xK , xT , xZ ) ∧
∧
∃xR RFilm (xT , xR , ‘George Clooney’) ∨ ∃xS RFilm (xT , ‘George Clooney’, xS )
Die erste Zeile der Formel stellt sicher, dass xK ein Kino und xS dessen
Stadtteil ist; die Zeilen 2 und 3 stellen sicher, dass im Kino xK ein Film
läuft, in dem George Clooney mitspielt oder Regie führt.
Folie 244
Eine andere Sichtweise auf die Semantik
• Anstatt Wahrheitswerte in Interpretationen definieren Formeln der
Logik der ersten Stufe auch Relationen in Strukturen.
• Junktoren und Quantoren entsprechen dann algebraischen Operatoren
auf Relationen.
• Diese Sichtweise ist insbesondere in der Datenbanktheorie wichtig und
bildet die Grundlage effizienter Algorithmen zur Auswertung von
Datenbankanfragen.
Folie 245
Definition 3.37. Sei σ eine Signatur, sei ϕ(x1 , . . . , xn ) eine FO[σ]-Formel
und sei A eine σ-Struktur.
Die von ϕ(x1 , . . . , xn ) in A definierte n-stellige Relation ist
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA :=
{ (a1 , . . . , an ) ∈ An : A |= ϕ[a1 , . . . , an ] }.
Vorsicht: Die Relation Jϕ(x1 , . . . , xn )KA hängt nicht nur von der Formel ϕ
ab, sondern auch von dem Tupel (x1 , . . . , xn ) ∈ VARn .
Beispiel 3.38. Die FO[σKINO ]-Formeln ϕ2 (xT ) und ϕ3 (xK , xSt ) aus
Beispiel 3.36 definieren in unserer Beispiel-Datenbank D die Relationen
Jϕ2 (xT )KD =
( Gravity ) ,
( Monuments Men )
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und
Jϕ3 (xK , xSt )KD =
( Babylon, Kreuzberg ) ,
( Moviemento, Kreuzberg ) , ( Urania, Schöneberg )
Folie 246
Ändern der Variablen
Lemma 3.39. Sei σ eine Signatur, sei A eine σ-Struktur und sei
ϕ(x1 , . . . , xn ) ∈ FO[σ].
(a) Für jede Permutation1 π von [n] ist
q
yA
ϕ(xπ(1) , . . . , xπ(n) )
=
(aπ(1) , . . . , aπ(n) ) :
(a1 , . . . , an ) ∈ Jϕ(x1 , . . . , xn )KA
.
(b) Für jede Variable y ∈ VAR \ {x1 , . . . , xn } ist
Jϕ(x1 , . . . , xn , y)KA
=
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA × A.
(c) Falls xn 6∈ frei(ϕ), so ist
Jϕ(x1 , . . . , xn−1 )KA
=
(a1 , . . . , an−1 ) :
es gibt (mind.) ein a ∈ A so dass (a1 , . . . , an−1 , a) ∈ Jϕ(x1 , . . . , xn )KA .
Beweis. (a) ist trivial. (b), (c) folgen direkt aus dem Koinzidenzlemma.
Folie 247
Rekursive Beschreibung von Jϕ(x1 , . . . , xn )KA
Beobachtung 3.40. Ist σ eine Signatur und A eine σ-Struktur, so können
wir für FO[σ]-Formeln ϕ und Variablentupel (x1 , . . . , xn ) mit
frei(ϕ) ⊆ {x1 , . . . , xn } die Relation Jϕ(x1 , . . . , xn )KA ⊆ An rekursiv wie folgt
beschreiben:
1
Eine Permutation einer Menge M ist eine bijektive Abbildung von M nach M .
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• Falls ϕ von der Form t1 = t2 für σ-Terme t1 , t2 ist, so ist
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA =
(a1 , . . . , an ) ∈ An :
A
tA
1 [a1 , . . . , an ] = t2 [a1 , . . . , an ]
Zur Erinnerung: Für einen σ-Term t(x1 , . . . , xn ) schreiben wir
tA [a1 , . . . , an ] um das Element JtK(A,β) ∈ A zu bezeichnen, wobei β
eine Belegung mit β(xi ) = ai , für alle i ∈ [n], ist.
• Falls ϕ von der Form R(t1 , . . . , tk ) für ein R ∈ σ, für k := ar(R) und
für σ-Terme t1 , . . . , tk ist, so ist
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA =
(a1 , . . . , an ) ∈ An :
A
A
tA
1 [a1 , . . . , an ], . . . , tk [a1 , . . . , an ] ∈ R
Folie 248
• Falls ϕ von der Form ¬ψ ist, so ist
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA = An \ Jψ(x1 , . . . , xn )KA
• Falls ϕ von der Form (ψ1 ∧ ψ2 ) ist, so ist
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA = Jψ1 (x1 , . . . , xn )KA ∩ Jψ2 (x1 , . . . , xn )KA
• Falls ϕ von der Form (ψ1 ∨ ψ2 ) ist, so ist
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA = Jψ1 (x1 , . . . , xn )KA ∪ Jψ2 (x1 , . . . , xn )KA
• Falls ϕ von der Form (ψ1 → ψ2 ) ist, so ist
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA = J¬ψ1 (x1 , . . . , xn )KA ∪ Jψ2 (x1 , . . . , xn )KA
Folie 249
• Falls ϕ von der Form ∃y ψ ist, so ist
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA =
(a1 , . . . , an ) ∈ An : es gibt (mind.) ein
b ∈ A mit (a1 , . . . , an , b) ∈ Jψ(x1 , . . . , xn , y)KA
Somit ist Jϕ(x1 , . . . , xn )KA die Projektion von Jψ(x1 , . . . , xn , y)KA auf
die ersten n Stellen.
• Falls ϕ von der Form ∀y ψ ist, so ist
Jϕ(x1 , . . . , xn )KA =
(a1 , . . . , an ) ∈ An :
für jedes b ∈ A ist (a1 , . . . , an , b) ∈ Jψ(x1 , . . . , xn , y)KA
Folie 250
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Seite 147
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Das Auswertungsproblem für FO
Eingabe: Eine endliche Signatur σ,
eine σ-Struktur A, deren Universum A endlich ist,
eine FO[σ]-Formel ϕ,
eine Zahl n ∈ N und
ein Variablentupel (x1 , . . . , xn ) ∈ VARn , so dass frei(ϕ) ⊆
{x1 , . . . , xn } ist.
Aufgabe: Berechne Jϕ(x1 , . . . , xn )KA .
Beobachtung 3.40 führt unmittelbar zu einem rekursiven Algorithmus, der
das Auswertungsproblem für FO löst.
Eine Laufzeitanalyse zeigt, dass Folgendes gilt:
Folie 251
Satz 3.41. Es gibt einen Algorithmus, der das Auswertungsproblem für FO
bei Eingabe einer Signatur σ, eine σ-Struktur A, einer FO[σ]-Formel ϕ,
einer Zahl n und eines Variablentupels (x1 , . . . , xn ) mit
frei(ϕ) ⊆ {x1 , . . . , xn } in Zeit
O ( ||ϕ|| + ||A|| + ||ϕ||·w·||A||w )
löst, wobei gilt:
• ||ϕ|| ist die Länge von ϕ, aufgefasst als Wort über dem Alphabet AFO[σ]
• w ist die maximale Anzahl freier Variablen in Subformeln von ϕ —
die so genannte Breite (engl.: width) von ϕ
• ||A|| ist ein Maß für die Größe einer geeigneten Repräsentation von A
als Eingabe für einen Algorithmus; präzise:
||A|| :=
|σ| +
X
|RA |·ar(R) +
f ∈σ
R∈σ
(Hier ohne Beweis)
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X
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|A|ar(f ) ·(ar(f )+1)
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3.7
Äquivalenz von Formeln der Logik erster Stufe
Folie 252
Äquivalenz
Definition 3.42. Sei σ eine Signatur.
(a) Zwei FO[σ]-Formeln ϕ und ψ heißen äquivalent (kurz: ϕ ≡ ψ), wenn für
jede σ-Interpretation I gilt:
I |= ϕ ⇐⇒ I |= ψ.
(b) Zwei Formelmengen Φ, Ψ ⊆ FO[σ] heißen äquivalent (kurz: Φ ≡ Ψ),
wenn für jede σ-Interpretation I gilt:2
I |= Φ ⇐⇒ I |= Ψ.
Folie 253
Beispiel 3.43.
Welche der folgenden Formeln sind äquivalent, welche nicht?
• ϕ1 := ∃y E(x, y)
• ϕ2 := ∃z E(x, z)
• ϕ3 := ∃z E(y, z)
Anwort:
(1) ϕ1 ≡ ϕ2 , denn für jede {E}-Struktur A und jede Belegung
β : VAR → A gilt für I := (A, β) Folgendes: I |= ϕ1 ⇐⇒ es gibt ein
Element a ∈ A, so dass es in E A eine Kante von β(x) zu a gibt (d.h.
β(x), a ∈ E A ) ⇐⇒ I |= ϕ2 .
(2) ϕ2 6≡ ϕ3 , denn betrachte die {E}-Interpretation I = (A, β) mit
A = {1, 2}, E A = {(1, 2)}, β(x) = 1, β(y) = 2 und β(v) = 1 für alle
v ∈ VAR \ {x, y}.
Für dieses I gilt: I |= ϕ2 , denn es gibt in A einen Knoten, zu dem von
β(x) = 1 aus eine Kante führt — nämlich den Knoten 2. Andererseits
gilt: I 6|= ϕ3 , denn es gibt in A keinen Knoten, zu dem von β(y) = 2
aus eine Kante führt.
(3) Aus (1) und (2) und der Transitivität der Relation ≡“ folgt, dass
”
ϕ1 6≡ ϕ3 .
Folie 254
2
Zur Erinnerung: I |= Φ bedeutet, dass I |= ϕ für jede Formel ϕ ∈ Φ gilt.
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Seite 149
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Aussagenlogische Äquivalenzen
Lemma 3.44. Ersetzt man in äquivalenten aussagenlogischen Formeln alle
Aussagenymbole durch FO[σ]-Formeln, so erhält man äquivalente
FO[σ]-Formeln.
Beispiel. Aus der aussagenlogische Äquivalenz (X → Y ) ≡ ¬X ∨ Y folgt,
dass
(ϕ → ψ) ≡ ¬ϕ ∨ ψ
für alle FO[σ]-Formeln ϕ und ψ gilt.
Beweis von Lemma 3.44:
Seien α, α0 ∈ AL zwei aussagenlogische Formeln.
Seien X1 , . . . , Xn die Aussagensymbole, die in α oder α0 vorkommen.
Seien ϕ1 , . . . , ϕn ∈ FO[σ].
Seien α(ϕ1 , . . . , ϕn ) bzw. α0 (ϕ1 , . . . , ϕn ) die FO[σ]-Formeln, die aus α bzw.
α0 entstehen, indem man jedes Vorkommen einer aussagenlogischen
Variablen Xi (für i ∈ [n]) durch die FO[σ]-Formel ϕi ersetzt.
Sei I eine beliebige σ-Interpretation. Wir müssen zeigen, dass gilt:
I |= α(ϕ1 , . . . , ϕn )
I |= α0 (ϕ1 , . . . , ϕn ).
⇐⇒
Sei Ĩ eine aussagenlogische Interpretation mit Ĩ(Xi ) = Jϕi KI jedes i ∈ [n].
Per Induktion nach dem Aufbau von α lässt sich leicht zeigen (Details:
Übung), dass Folgendes gilt:
I |= α(ϕ1 , . . . , ϕn )
⇐⇒
Ĩ |= α.
⇐⇒
Ĩ |= α0 .
Analog erhält man auch, dass gilt:
I |= α0 (ϕ1 , . . . , ϕn )
Laut Voraussetzung sind α und α0 äquivalente aussagenlogische Formeln.
Daher gilt:
Ĩ |= α
⇐⇒
Ĩ |= α0 .
Somit gilt auch:
I |= α(ϕ1 , . . . , ϕn )
⇐⇒
I |= α0 (ϕ1 , . . . , ϕn ).
Insgesamt erhalten wir, dass α(ϕ1 , . . . , ϕn ) und α0 (ϕ1 , . . . , ϕn ) äquivalente
FO[σ]-Formeln sind.
Folie 255
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Seite 150
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Quantoren und Negation
Man sieht leicht, dass Folgendes gilt:
Lemma 3.45. Für alle FO[σ]-Formeln ϕ und alle Variablen x ∈ VAR gilt:
¬ ∃x ϕ ≡ ∀x ¬ϕ
und
¬ ∀x ϕ ≡ ∃x ¬ϕ.
Beweis: Folgt direkt aus der Definition der Semantik (Details: Übung).
Folie 256
Das Ersetzungslemma
Lemma 3.46. Sei σ eine beliebige Signatur und sei ϕ eine FO[σ]-Formel.
Ist ϕ0 eine FO[σ]-Formel, die aus ϕ entsteht, indem man eine Subformel ψ
von ϕ durch eine zu ψ äquivalente FO[σ]-Formel ψ 0 ersetzt, so ist ϕ ≡ ϕ0 .
Beweis: Übung.
Satz 3.47. Jede FO[σ]-Formel ist äquivalent zu einer FO[σ]-Formel, in der
(a) keiner der Junktoren {∧, →} vorkommt
(d.h., es kommen nur die Junktoren ¬, ∨ und die Quantoren ∃, ∀ vor).
(b) nur Existenzquantoren und die Junktoren ¬, ∨ vorkommen.
(c) nur Existenzquantoren und die Junktoren ¬, ∧ vorkommen.
(d) nur Allquantoren und die Junktoren ¬, ∨ vorkommen.
(e) nur Allquantoren und die Junktoren ¬, ∧ vorkommen.
Daher genügt es, bei Beweisen per Induktion über den Aufbau von Formeln
von nun an im Induktionsschritt i.d.R. nur noch die Fälle für ∃, ¬, ∨ zu
betrachten.
Beweis von Satz 3.47:
Aus Lemma 3.44 folgt, dass ∧“ und →“ mit Hilfe von ∨“ und ¬“
”
”
”
”
ausgedrückt werden können. Somit gilt (a).
Aus Lemma 3.45 folgt, dass ∀“ mit Hilfe von ∃“ und ¬“ ausgedrückt
”
”
”
werden. Daher gilt (b).
Da ∨“ mit Hilfe von ∧“ und ¬“ ausgedrückt werden kann, gilt auch (c).
”
”
”
Außerdem folgt aus Lemma 3.45, dass ∃“ mit Hilfe von ∀“ und ¬“
”
”
”
ausgedrückt werden kann. Aus (b) und (c) folgt daher (d) und (e).
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Seite 151
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3.8
Ehrenfeucht-Fraı̈ssé-Spiele
Folie 257
In diesem Abschnitt werden Ehrenfeucht-Fraı̈ssé-Spiele (kurz: EF-Spiele)
eingeführt. Diese liefern ein Werkzeug, mit dessen Hilfe man zeigen kann,
dass bestimmte Anfragen oder Klassen von Strukturen nicht in Logik erster
Stufe definiert werden können.
Der Einfachheit halber betrachten wir hier nur Signaturen, die keine
Funktionssymbole und keine Konstantensymbole enthalten. Solche
Signaturen werden im Folgenden relationale Signaturen genannt.
Außerdem werden wir im Folgenden bei zwei gegebenen Strukturen A und
B immer o.B.d.A. annehmen, dass ihre Universen disjunkt sind, d.h.
A ∩ B = ∅.
Folie 258
Das m-Runden EF-Spiel
Sei σ eine relationale Signatur und seien A, B zwei σ-Strukturen.
Für k ∈ N seien a := a1 , . . . , ak ∈ A und b := b1 , . . . , bk ∈ B Folgen der
Länge k von Elementen aus A bzw. B.
Sei m ∈ N.
Das m-Runden EF-Spiel auf (A, a) und (B, b) (bzw. auf A und B, falls
k = 0 ist) wird gemäß folgender Spielregeln gespielt:
Folie 259
Spielregeln des m-Runden EF-Spiels auf (A, a) und (B, b)
• Es gibt 2 Spieler, genannt Spoiler (kurz: Sp) und Duplicator (kurz:
Dupl).
• Das Spielbrett besteht aus (A, a) und (B, b).
• Eine Partie des Spiels besteht aus m Runden.
In jeder Runde i ∈ {1, . . . , m} geschieht Folgendes:
1. Zunächst wählt Spoiler entweder ein Element in A, das im
Folgenden mit ak+i bezeichnet wird, oder er wählt ein Element
in B, das im Folgenden mit bk+i bezeichnet wird.
Beachte: Insbes. kann Spoiler in jeder Runde neu entscheiden, in welcher
der beiden Strukturen er ein Element wählen möchte.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 152
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2. Danach antwortet Duplicator mit einem Element aus dem
Universum der anderen Struktur, d.h. er wählt ein bk+i ∈ B, falls
Spoiler ein ak+i ∈ A gewählt hat, bzw. ein Element ak+i ∈ A,
falls Spoiler ein bk+i ∈ B gewählt hat.
Nach Runde m ist die Partie beendet und der Gewinner wird wie
folgt ermittelt:
Folie 260
Gewinnbedingung
Duplicator hat gewonnen, falls die beiden folgenden Bedingungen erfüllt
sind.
(1) Für alle j, j 0 ∈ {1, . . . , k+m} gilt:
aj = aj 0 ⇐⇒ bj = bj 0 .
(2) Die Abbildung π : {a1 , . . . , ak+m } → {b1 , . . . , bk+m } mit
π(aj ) := bj ,
für jedes j ∈ {1, . . . , k+m}
ist ein partieller Isomorphismus von A nach B (siehe Definition 3.48).
Spoiler hat gewonnen, falls mindestens eine der beiden obigen Bedingungen
verletzt ist.
Definition 3.48 (partieller Isomorphismus).
Sei σ eine relationale Signatur, seien A, B zwei σ-Strukturenund sei X ⊆ A.
Eine Abbildung π : X → B heißt partieller Isomorphismus von A nach B,
falls gilt:
(1) π ist injektiv und
(2) für jedes R ∈ σ, für r := ar(R) und für alle (x1 , . . . , xr ) ∈ X r gilt:
x1 , . . . , x r ∈ R A
⇐⇒
π(x1 ), . . . , π(xr ) ∈ RB .
Folie 261
Beispiel 3.49. Sei σ := { E/2 } und sei k := 0.
In den folgenden Darstellungen von Graphen repräsentiert jede ungerichtete
Kante zwischen Knoten x und y die beiden gerichteten Kanten (x, y) und
(y, x).
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Seite 153
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(a) Betrachte die folgenden beiden Graphen A, B.
A:
B:
Spoiler gewinnt das 2-Runden EF-Spiel auf A und B, indem er
folgendermaßen spielt:
• Runde 1: Wähle denjenigen Knoten a1 in A, der mit allen anderen
Knoten durch eine Kante verbunden ist.
• Runde 2: Wähle einen Knoten b2 in B, der nicht zum Knoten b1
benachbart ist.
Folie 262
(b) Betrachte die beiden folgenden Graphen A, B.
A:
B:
Duplicator gewinnt das 2-Runden EF-Spiel auf A und B, denn in
beiden Graphen gibt es zu jedem Knoten sowohl einen Nachbarn, als
auch einen Nicht-Nachbarn.
(c) Spoiler gewinnt das 3-Runden EF-Spiel auf den Graphen A und B aus
(b), indem er in den ersten 3 Runden 3 verschiedene nicht benachbarte
Knoten in A wählt.
Folie 263
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 154
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Die Ziele von Spoiler und Duplicator
Die Gewinnbedingung im EF-Spiel ist so gewählt, dass die Ziele von Spoiler
und Duplicator anschaulich folgendermaßen beschrieben werden können:
• Spoilers Ziel ist es, zu zeigen, dass die beiden Strukturen (A, a) und
(B, b) verschieden sind.
• Duplicators Ziel ist es, einen etwaigen Unterschied zwischen den
beiden Strukturen zu vertuschen.
Folie 264
Gewinnstrategien
Eine Strategie für einen der beiden Spieler im m-Runden EF-Spiel auf
(A, a) und (B, b) ist eine Vorschrift, die ihm sagt, welchen Zug er als
Nächstes machen soll. Formal:
• Eine Strategie für Spoiler ist eine Abbildung
fSp :
m−1
[
(A × B)i −→ A ∪ B.
i=0
Sind ak+1 , . . . , ak+i ∈ A und bk+1 , . . . , bk+i ∈ B die in den ersten i
Runden gewählten Elemente, so gibt
fSp (ak+1 , bk+1 , . . . , ak+i , bk+i )
an, welches Element Spoiler in der (i+1)-ten Runde wählen soll.
Folie 265
• Eine Strategie für Duplicator ist eine Abbildung
fDupl :
m−1
[
(A × B)i × (A ∪ B) −→ B ∪ A,
i=0
so dass für alle i ∈ {0, . . . , m−1}, alle ak+1 , . . . , ak+i ∈ A, alle
bk+1 , . . . , bk+i ∈ B und alle ck+i+1 ∈ A ∪ B gilt:
ck+i+1 ∈ A
⇐⇒
Version vom 1. Dezember 2016
fDupl (ak+1 , bk+1 , . . . , ak+i , bk+i , ck+i+1 ) ∈ B.
Seite 155
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Sind ak+1 , . . . , ak+i ∈ A und bk+1 , . . . , bk+i ∈ B die in den ersten
i Runden und ist ck+i+1 ∈ A ∪ B das von Spoiler in Runde i+1
gewählte Element, so gibt
fDupl (ak+1 , bk+1 , . . . , ak+i , bk+i , ck+i+1 )
an, welches Element Duplicator in der (i+1)-ten Runde wählen soll.
• Eine Gewinnstrategie ist eine Strategie für einen der beiden Spieler,
mit der er jede Partie des m-Runden EF-Spiels auf (A, a) und (B, b)
gewinnt.
Folie 266
Der Satz von Ehrenfeucht
Sei σ eine relationale Signatur, seien A, B zwei σ-Strukturen, sei m ∈ N, sei
k ∈ N, sei a = a1 , . . . , ak ∈ A und b = b1 , . . . , bk ∈ B.
Der Satz von Ehrenfeucht besagt, dass die beiden folgenden Aussagen
äquivalent sind:
(1) Duplicator hat eine Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf (A, a)
und (B, b).
(2) Für jede FO[σ]-Formel ϕ(x1 , . . . , xk ) der Quantorentiefe 6 m gilt:
A |= ϕ[a1 , . . . , ak ]
⇐⇒
B |= ϕ[b1 , . . . , bk ].
Anschaulich bedeutet dies, dass (A, a) und (B, b) aus Perspektive von
FO[σ]-Formeln der Quantorentiefe 6 m gleich“ aussehen, d.h. dass
”
(A, a) und (B, b) von solchen Formeln nicht unterschieden werden
können.
Die Quantorentiefe einer Formel ϕ ist dabei die maximale Anzahl von
ineinander geschachtelten Quantoren, die in ϕ vorkommen:
Folie 267
Definition 3.50. Die Quantorentiefe (bzw. der Quantorenrang, engl.:
quantifier rank) qr(ϕ) einer FO[σ]-Formel ϕ ist rekursiv wie folgt definiert:
• Ist ϕ atomar, so ist qr(ϕ) := 0.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 156
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• Ist ϕ von der Form ¬ψ, so ist qr(ϕ) := qr(ψ).
• Ist ϕ von der Form (ψ1 ∗ ψ2 ) mit ∗ ∈ {∧, ∨, →}, so ist
qr(ϕ) := max{qr(ψ1 ), qr(ψ2 )}.
• Ist ϕ von der Form ∃x ψ oder ∀x ψ, so ist qr(ϕ) := qr(ψ) + 1.
Beispiele:
• qr ∃x∀y x=y ∨ E(x, y)
= 2.
• qr ∃x E(x, x) ∨ ∀y ¬E(x, y)
= 2.
• qr
∃x E(x, x) ∨ ∀y ¬E(x, y)
= 1.
Bemerkung 3.51. Gemäß Satz 3.47 ist jede FO[σ]-Formel ϕ äquivalent zu
einer FO[σ]-Formel ϕ0 , in der nur Existenzquantoren und die Junktoren
¬, ∨ vorkommen (d.h.: in ϕ0 kommt keins der Symbole ∀, ∧, → vor).
Man sieht leicht, dass ϕ0 sogar so gewählt werden kann, dass gilt:
qr(ϕ0 ) = qr(ϕ) und frei(ϕ0 ) = frei(ϕ).
Folie 268
Wir beweisen hier nur die Richtung (1) =⇒ (2)“ des Satzes von
”
Ehrenfeucht, deren Kontraposition in folgendem Satz formuliert wird.
Satz 3.52 (Satz von Ehrenfeucht, einfache Version).
Sei σ eine relationale Signatur und seien A, B zwei σ-Strukturen, sei
m ∈ N, sei k ∈ N, sei a = a1 , . . . , ak ∈ A und sei b = b1 , . . . , bk ∈ B.
Falls es eine FO[σ]-Formel ϕ(x1 , . . . , xk ) mit frei(ϕ) ⊆ {x1 , . . . , xk } und
qr(ϕ) 6 m gibt, so dass
A |= ϕ[a1 , . . . , ak ]
und
B 6|= ϕ[b1 , . . . , bk ] ,
so hat Spoiler eine Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf (A, a) und
(B, b).
Folie 269
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Beweisidee
Zunächst illustrieren wir die Beweisidee an einem Beispiel. Betrachte dazu
die Formel
ϕ := ∃x1 ∀x2 x1 =x2 ∨ E(x1 , x2 )
und die beiden Graphen A, B aus Beispiel 3.49(a).
A:
B:
Es gilt: A |= ϕ und B 6|= ϕ, d.h. B |= ¬ϕ.
Klar:
¬ϕ
≡
¬ x1 =x2 ∧ ¬ E(x1 , x2 ) .
∀x1 ∃x2
Also gilt:
A |=
∃x1 ∀x2
x1 =x2 ∨ E(x1 , x2 )
(3.2)
und
B |=
∀x1 ∃x2
¬ x1 =x2 ∧ ¬ E(x1 , x2 )
(3.3)
Eine Gewinnstrategie für Spoiler im 2-Runden EF-Spiel auf A und B lässt
sich daran direkt ablesen — Spoiler gewinnt, indem er wie folgt die Formel
”
ϕ ausspielt“:
Wegen (3.2) kann Spoiler in Runde 1 ein a1 ∈ A wählen, so dass gilt:
A |=
∀x2 x1 =x2 ∨ E(x1 , x2 )
[a1 ]
(3.4)
Dieses a1 ist gerade der Knoten in der Mitte“ des Graphen A, d.h. der
”
Knoten, der Kanten zu allen anderen Knoten von A besitzt.
Wegen (3.3) gilt dann für jedes Element b1 ∈ B, mit dem Duplicator in
Runde 1 antworten könnte, dass
B |=
∃x2 ¬ x1 =x2 ∧ ¬ E(x1 , x2 )
[b1 ]
(3.5)
In Runde 2 kann Spoiler daher ein Element b2 ∈ B auswählen, für das gilt:
B |=
¬ x1 =x2 ∧ ¬ E(x1 , x2 ) [b1 , b2 ]
(3.6)
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Wegen (3.4) gilt für jedes Element a2 ∈ A, mit dem Duplicator in Runde 2
antworten könnte, dass
A |=
x1 =x2 ∨ E(x1 , x2 ) [a1 , a2 ]
(3.7)
Am Ende der Partie wissen wir gemäß (3.7) und (3.6) also, dass Folgendes
gilt:
a1 = a2 oder (a1 , a2 ) ∈ E A
und
b1 6= b2 und (b1 , b2 ) 6∈ E B
Falls a1 = a2 ist, so ist Teil (1) der Gewinnbedingung für Duplicator
verletzt; falls (a1 , a2 ) ∈ E A ist, so ist Teil (2) der Gewinnbedingung für
Duplicator verletzt. Also gewinnt Spoiler jede Partie des 2-Runden
EF-Spiels auf A und B.
Somit hat Spoiler eine Gewinnstrategie im 2-Runden EF-Spiel auf A und B.
Folie 270
Beweis von Satz 3.52:
Wir führen den Beweis per Induktion über den Aufbau von Formeln.
Es seien eine relationale Signatur σ und zwei σ-Strukturen A und B
gegeben. Die Aussage A(ϕ), die wir für alle FO[σ]-Formeln ϕ beweisen
wollen, besagt Folgendes:
Für alle m, k ∈ N, alle a = a1 , . . . , ak ∈ A und alle
b = b1 , . . . , bk ∈ B gilt:
Falls qr(ϕ) 6 m und | frei(ϕ)| 6 k und
A |= ϕ[a1 , . . . , ak ]
⇐⇒
B 6|= ϕ[b1 , . . . , bk ] ,
so hat Spoiler eine Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf
(A, a) und (B, b).
Um A(ϕ) für eine gegebene Formel ϕ zu beweisen, seien im Folgenden
m, k ∈ N, a = a1 , . . . , ak ∈ A und b = b1 , . . . , bk ∈ B beliebig gewählt.
Es genügt, den Fall zu betrachten, in dem gilt:
(∗):
m > qr(ϕ),
k > | frei(ϕ)|
und
A |= ϕ[a] ⇐⇒ B 6|= ϕ[b] ,
denn andernfalls muss gemäß der Formulierung von A(ϕ) nichts gezeigt
werden.
Version vom 1. Dezember 2016
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Ziel ist, zu zeigen, dass Spoiler eine Gewinnstrategie im m-Runden
EF-Spiel auf (A, a) und (B, b) hat.
Induktionsanfang: Sei ϕ atomar. Da σ eine relationale Signatur ist, sind
Variablen die einzigen σ-Terme, d.h.: Tσ = VAR. Somit ist jede atomare
σ-Formel von einer der beiden im Folgenden betrachteten Formen.
• ϕ ist von der Form xi1 = xi2 , mit i1 , i2 ∈ {1, . . . , k}
Wegen (∗) gilt dann insbesondere:
⇐⇒
ai 1 = ai 2
bi1 6= bi2 .
Somit ist Duplicators Gewinnbedingung (1) verletzt, und Spoiler
gewinnt jede Partie des m-Runden EF-Spiels auf (A, a) und (B, b).
• ϕ ist von der Form R(xi1 , . . . , xir ), wobei R ∈ σ, r := ar(R) und
i1 , . . . , ir ∈ {1, . . . , k}.
Wegen (∗) gilt dann insbesondere:
(ai1 , . . . , air ) ∈ RA
⇐⇒
(bi1 , . . . , bir ) 6∈ RB .
Somit ist Duplicators Gewinnbedingung (2) verletzt, und Spoiler
gewinnt jede Partie des m-Runden EF-Spiels auf (A, a) und (B, b).
Induktionsschritt: Sei ϕ eine beliebige nicht-atomare FO[σ]-Formel. Gemäß
Bemerkung 3.51 genügt es, im Folgenden die Fälle zu betrachten, in denen
ϕ von einer der folgenden Formen ist: ∃y ψ, ¬ψ, (ψ1 ∨ ψ2 ).
• Fall 1: ϕ ist von der Form ∃y ψ.
Gemäß Induktionsannahme gilt A(ψ).
Unser Ziel ist, zu zeigen, dass Spoiler eine Gewinnstrategie im
m-Runden EF-Spiel auf (A, a) und (B, b) hat.
Gemäß (∗) gilt: m > qr(ϕ), k > | frei(ϕ)|, A |= ϕ[a] ⇐⇒ B 6|= ϕ[b].
Fall 1.1:
A |= ϕ[a] und B 6|= ϕ[b].
Da ϕ von der Form ∃x ψ ist, gilt also:
A |= ∃x ψ [a]
und
B |= ∀x ¬ψ [b]
Somit gibt es ein ak+1 ∈ A, so dass gilt: A |= ψ[a, ak+1 ].
Und für jedes bk+1 ∈ B gilt: B |= ¬ψ[b, bk+1 ].
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Seite 160
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Spoiler kann daher in Runde 1 ein ak+1 ∈ A mit A |= ψ[a, ak+1 ]
wählen. Für jedes bk+1 ∈ B, mit dem Duplicator in Runde 1 antworten
kann, gilt: B |= ¬ψ[b, bk+1 ].
Es gilt:
– qr(ψ) = qr(ϕ) − 1 6 m−1 =: m0 ,
– | frei(ψ)| 6 | frei(ϕ)| + 1 6 k+1 =: k 0 , und
0
– für a0 := a1 , . . . , ak , ak+1 und b := b1 , . . . , bk , bk+1 gilt:
A |= ψ[a0 ]
und
0
B 6|= ψ[b ].
Da A(ψ) gemäß Induktionsannahme gilt, hat Spoiler daher eine
0
Gewinnstrategie im m0 -Runden EF-Spiel auf (A, a0 ) und (B, b ).
Für das m-Runden EF-Spiel auf (A, a) und (B, b) erhält Spoiler daher
eine Gewinnstrategie, indem er in Runde 1 ein ak+1 ∈ A wählt, so dass
gilt: A |= ψ[a, ak+1 ].
Für jedes bk+1 ∈ B, mit dem Duplicator in Runde 1 antworten kann,
spielt Spoiler die restlichen m0 = m−1 Runden dann gemäß seiner
Gewinnstrategie im (m−1)-Runden EF-Spiel auf (A, a, ak+1 ) und
(B, b, bk+1 ).
Fall 1.2:
B |= ϕ[b] und A 6|= ϕ[a].
Da ϕ von der Form ∃x ψ ist, gilt also:
B |= ∃x ψ [b]
und
A |= ∀x ¬ψ [a]
Somit gibt es ein bk+1 ∈ B, so dass gilt: B |= ψ[b, bk+1 ].
Und für jedes ak+1 ∈ A gilt: A |= ¬ψ[a, ak+1 ].
Spoiler kann daher in Runde 1 ein bk+1 ∈ B mit B |= ψ[b, bk+1 ]
wählen. Für jedes ak+1 ∈ A, mit dem Duplicator in Runde 1 antworten
kann, gilt: A |= ¬ψ[a, ak+1 ].
Genau wie in Fall 1.1 hat Spoiler gemäß Induktionsannahme eine
Gewinnstrategie im (m−1)-Runden EF-Spiel auf (A, a, ak+1 ) und
(B, b, bk+1 ).
Insgesamt liefert dies eine Gewinnstrategie für Spoiler im m-Runden
EF-Spiel auf (A, a) und (B, b).
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• Fall 2: ϕ ist von der Form ¬ψ.
Gemäß Induktionsannahme gilt A(ψ).
Gemäß (∗) gilt: m > qr(ϕ), k > | frei(ϕ)|, A |= ϕ[a] ⇐⇒ B 6|= ϕ[b].
Da ϕ von der Form ¬ψ ist, gilt:
qr(ψ) = qr(ϕ), frei(ψ) = frei(ϕ), A 6|= ψ[a] ⇐⇒ B |= ψ[b].
Da A(ψ) gemäß Induktionsannahme gilt, hat Spoiler also eine
Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf (A, a) und (B, b).
• Fall 3: ϕ ist von der Form (ψ1 ∨ ψ2 ).
Gemäß Induktionsannahme gilt A(ψ1 ) und A(ψ2 ).
Gemäß (∗) gilt: m > qr(ϕ), k > | frei(ϕ)|, A |= ϕ[a] ⇐⇒ B 6|= ϕ[b].
Da ϕ von der Form (ψ1 ∨ ψ2 ) ist, sieht man leicht, dass es ein i ∈ {1, 2}
geben muss, so dass gilt:
A |= ψi [a]
⇐⇒
B 6|= ψi [b]
Außerdem gilt: qr(ψi ) 6 qr(ϕ) 6 m, und | frei(ψi )| 6 | frei(ϕ)| 6 k.
Da A(ψi ) gemäß Induktionsannahme gilt, hat Spoiler also eine
Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf (A, a) und (B, b).
Dies beendet den Beweis von Satz 3.52.
Folie 271
Folgerung aus dem Satz von Ehrenfeucht
Notation 3.53. Eine Klasse C von σ-Strukturen heißt FO-definierbar, falls
es einen FO[σ]-Satz ϕ gibt, der C definiert.
Zur Erinnerung:
Für einen FO[σ]-Satz ϕ und eine Klasse C von σ-Strukturen sagen wir ϕ
”
definiert C“, falls für jede σ-Struktur A gilt: A ∈ C ⇐⇒ A |= ϕ.
Um für eine gegebene Klasse C von σ-Strukturen zu zeigen, dass sie nicht
FO-definierbar ist, können wir das folgende Korollar nutzen, das wir als eine
einfache Folgerung aus Satz 3.52 erhalten.
Korollar 3.54.
Sei σ eine relationale Signatur und sei C eine Klasse von σ-Strukturen.
Falls es für jedes m > 1 zwei σ-Strukturen Am und Bm gibt, so dass gilt:
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1. Am ∈ C und
2. Bm 6∈ C und
3. Duplicator hat eine Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf Am
und Bm ,
dann ist C nicht FO-definierbar.
Beweis.
Für jedes m > 1 seien Am und Bm zwei σ-Strukturen, so dass 1.–3. gilt.
Wir führen einen Beweis durch Widerspruch und nehmen an, dass C doch
FO-definierbar ist. D.h. es gibt einen FO[σ]-Satz ϕ, der C definiert. Somit
gilt für jede σ-Struktur C:
C |= ϕ
⇐⇒
C ∈ C.
(3.8)
Betrachte die Strukturen Am und Bm für ein m mit m > qr(ϕ).
Laut Voraussetzung wissen wir, dass 1.–3. gilt.
Wegen Am ∈ C und Bm 6∈ C gilt gemäß (3.8), dass
Am |= ϕ
und
Bm 6|= ϕ.
Gemäß Satz 3.52 (Satz von Ehrenfeucht, einfache Version) hat Spoiler also
eine Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf Am und Bm .
Dies ist ein Widerspruch zu 3., da gemäß 3. Duplicator eine
Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf Am und Bm hat.
Folie 272
Lineare Ordnungen gerader Kardinalität
Wir werden nun Korollar 3.54 anwenden, um folgenden Satz zu zeigen.
Satz 3.55. Die Klasse EVEN6 , die aus allen linearen Ordnungen
A = (A, 6A ) gerader Kardinalität besteht (d.h., A ist endlich und |A| ist
durch 2 teilbar), ist nicht FO-definierbar.
Um diesen Satz zu beweisen, genügt es gemäß Korollar 3.54, für jede
Rundenzahl m > 1 eine lineare Ordnung Am gerader Kardinalität und eine
lineare Ordnung Bm ungerader Kardinalität anzugeben, für die wir zeigen
können, dass Duplicator eine Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf
Am und Bm hat.
Folie 273
Als Vorbereitung dazu betrachten wir zunächst ein Beispiel.
Version vom 1. Dezember 2016
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Beispiel 3.56.
Betrachte die linearen Ordnungen A = (A, 6A ) und B = (B, 6B ) mit
A = {1, . . . , 8} und B = {1, . . . , 9}, wobei 6A und 6B die natürlichen
linearen Ordnungen auf A und B sind.
Seien außerdem k := 2 und a := a1 , a2 und b := b1 , b2 mit a1 = b1 = 1 und
a2 = 8 und b2 = 9 vorgegeben.
Frage: Was ist die größte Zahl m, so dass Duplicator eine Gewinnstrategie
im m-Runden EF-Spiel auf (A, a) und (B, b) hat?
Antwort: Duplicator hat eine Gewinnstrategie im 2-Runden EF-Spiel auf
(A, a) und (B, b); Spoiler hat eine Gewinnstrategie im 3-Runden EF-Spiel
auf (A, a) und (B, b).
Folie 274
Die Gewinnstrategie für Duplicator lässt sich zu folgendem Resultat
verallgemeinern.
Lemma 3.57. Seien A und B endliche3 lineare Ordnungen, sei k := 2, und
sei a := a1 , a2 und b := b1 , b2 , wobei a1 , b1 die kleinsten und a2 , b2 die
größten Elemente in A und B bezüglich 6A und 6B sind.
Für jedes m > 1 gilt: Falls |A|, |B| > 2m oder |A| = |B|, so hat Duplicator
eine Gewinnstrategie im m-Runden EF-Spiel auf (A, a) und (B, b).
Beweis.
Falls |A| = |B|, so sind A und B isomorph (beachte dazu: laut
Voraussetzung sind A und B endlich). Sei π : A ∼
= B ein Isomorphismus von
A nach B. Duplicator gewinnt das m-Runden EF-Spiel auf (A, a) und
Spoilers Zug
(B, b), indem er in jeder Runde i ∈ {1, . . . , m} einfach
kopiert“, d.h. er wählt π(ak+i ) bzw. π −1 (bk+i ) , wenn Spoiler in Runde i
”
ein Element ak+i ∈ A (bzw. bk+i ∈ B) wählt.
Im Folgenden betrachten wir den Fall, dass |A| > 2m und |B| > 2m .
Für jedes C ∈ {A, B} betrachte die Distanzfunktion Dist : C × C → N mit
Dist(c, c0 ) := {d ∈ C : c <C d 6C c0 oder c0 <C d 6C c}
für alle c, c0 ∈ C.
Folie 275
Wir zeigen nun, dass Duplicator so spielen kann, dass für jedes
i ∈ {0, 1, . . . , m} die folgende Invariante (∗)i erfüllt ist:
3
d.h., die Universen von A und B sind endlich
Version vom 1. Dezember 2016
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(∗)i : Sind a2+1 , . . . , a2+i und b2+1 , . . . , b2+i die in den Runden 1, . . . , i
gewählten Elemente in A und B, so gilt für alle j, j 0 ∈ {1, . . . , 2+i}:
1. aj 6A aj 0 ⇐⇒ bj 6B bj 0
und
2. Dist(aj , aj 0 ) = Dist(bj , bj 0 ) oder Dist(aj , aj 0 ), Dist(bj , bj 0 ) > 2m−i .
Der Beweis folgt per Induktion nach i.
Induktionsanfang: i=0
Die Bedingung (∗)0 ist erfüllt, denn laut Voraussetzung gilt:
Dist(a1 , a2 ) = |A|−1 > 2m
und
Dist(b1 , b2 ) = |B|−1 > 2m .
Induktionsschritt: i → i+1
Gemäß Induktionsannahme sind bereits i Runden gespielt und die
Bedingung (∗)i ist nach der i-ten Runde erfüllt.
Fall 1: Spoiler wählt in der (i+1)-ten Runde ein Element a2+i+1 in A.
Falls a2+i+1 = aj für ein j ∈ {1, . . . , 2+i}, so antwortet Duplicator mit
b2+i+1 := bj und bewirkt damit, dass die Bedingung (∗)i+1 erfüllt ist.
Ansonsten gibt es Indizes j, j 0 ∈ {1, . . . , 2+i}, so dass gilt:
• aj <A a2+i+1 <A aj 0
und
• für alle j 00 ∈ {1, . . . , 2+i} gilt: aj 00 6A aj oder aj 0 6A aj 00 .
Da (∗)i gemäß Induktionsannahme erfüllt ist, gilt:
(1.)
Dist(aj , aj 0 ) = Dist(bj , bj 0 ) oder
(2.)
Dist(aj , aj 0 ), Dist(bj , bj 0 ) > 2m−i .
Im Fall (1.) gibt es ein Element b2+i+1 in B, so dass bj <B b2+i+1 <B bj 0 und
Dist(bj , b2+i+1 ) = Dist(aj , a2+i+1 ) und Dist(b2+i+1 , bj 0 ) = Dist(a2+i+1 , aj 0 ).
Man kann sich leicht davon überzeugen, dass die Bedingung (∗)i+1 erfüllt
ist, wenn Duplicator in der (i+1)-ten Runde dieses b2+i+1 wählt.
Im Fall (2.) muss es mindestens ein Element c ∈ B geben, so dass
m−i
bj <B c <B bj 0 und Dist(bj , c) > 2 2 = 2m−(i+1) und
m−i
Dist(c, bj 0 ) > 2 2 = 2m−(i+1) .
• Falls Dist(aj , a2+i+1 ) > 2m−(i+1) und Dist(a2+i+1 , aj 0 ) > 2m−(i+1) , so
wählt Duplicator in der (i+1)-ten Runde b2+i+1 := c.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 165
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• Falls Dist(aj , a2+i+1 ) < 2m−(i+1) , so wählt Duplicator das b2+i+1 >B bj
mit Dist(bj , b2+i+1 ) = Dist(aj , a2+i+1 ).
• Falls Dist(a2+i+1 , aj 0 ) < 2m−(i+1) , so wählt Duplicator das
b2+i+1 <B bj 0 mit Dist(b2+i+1 , bj 0 ) = Dist(a2+i+1 , aj 0 ).
Man kann leicht nachprüfen, dass in jedem der 3 Fälle die Bedingung (∗)i+1
erfüllt ist.
Fall 2: Spoiler wählt in der (i+1)-ten Runde ein Element b2+i+1 in B.
Duplicators Antwort a2+i+1 in A wird analog zu Fall 1 ermittelt.
Damit sind wir fertig mit dem Induktionsschritt.
Wir haben also bewiesen, dass Duplicator, so spielen kann, dass für jedes
i ∈ {0, 1, . . . , m} die Bedingung (∗)i erfüllt ist.
Insbesondere ist nach Runde m die Bedingung (∗)m erfüllt und Duplicator
hat daher die Partie gewonnen.
Folie 276
Satz 3.55 folgt nun direkt aus Korollar 3.54 und Lemma 3.57.
Beweis von Satz 3.55.
Um nachzuweisen, dass die Klasse EVEN6 nicht FO-definierbar ist, genügt
es laut Korollar 3.54, für jede Zahl m > 1 eine endliche lineare Ordnung Am
gerader Kardinalität und eine endliche lineare Ordnung Bm ungerader
Kardinalität zu finden, so dass Duplicator eine Gewinnstrategie im
m-Runden EF-Spiel auf Am und Bm besitzt.
Wir wählen für Am die natürliche lineare Ordnung mit Universum
Am := {1, . . . , 2m +2}, und für Bm die natürliche lineare Ordnung mit
Universum Bm := {1, . . . , 2m +1}.
Gemäß Lemma 3.57 hat Duplicator eine Gewinnstrategie im m-Runden
EF-Spiel auf (Am , a) und (Bm , b), wobei a = a1 , a2 und b = b1 , b2 jeweils aus
dem kleinsten und dem größten Element der beiden linearen Ordnungen
bestehen.
Offensichtlicherweise ist diese Gewinnstrategie auch eine Gewinnstrategie
für Duplicator im m-Runden EF-Spiel auf Am und Bm .
Folie 277
Bemerkung 3.58.
Der obige Beweis zeigt nicht nur, dass die Klasse EVEN 6
nicht FO-definierbar ist, sondern sogar die etwas stärkere Aussage:
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Es gibt keinen FO[{6}]-Satz ψ, so dass für jede endliche
lineare Ordnung B gilt: B |= ψ ⇐⇒ |B| ist gerade.
Folie 278
Graph-Zusammenhang und Erreichbarkeit sind
nicht FO-definierbar
Wir können die Aussage von Bemerkung 3.58 nutzen, um Folgendes zu
zeigen.
Satz 3.59. Sei σ := {E/2}.
(a)
Graph-Zusammenhang ist nicht FO-definierbar.“
”
D.h.: Es gibt keinen FO[σ]-Satz ϕConn , so dass für jeden endlichen
ungerichteten Graphen G = (V G , E G ) und die zugehörige4 σ-Struktur
A = (A, E A ) gilt: A |= ϕConn ⇐⇒ G ist zusammenhängend.
(b)
Erreichbarkeit ist nicht FO-definierbar.“
”
D.h.: Es gibt keine FO[σ]-Formel ϕReach (x, y), so dass für alle endlichen
gerichteten Graphen A = (A, E A ) und alle Knoten a, b ∈ A gilt:
A |= ϕReach [a, b] ⇐⇒ es gibt in A einen Weg von Knoten a zu
Knoten b.
Beweis.
(a): Wir führen einen Beweis durch Widerspruch und nutzen
Bemerkung 3.58.
Angenommen, ϕConn ist ein FO[σ]-Satz, so dass für jeden endlichen
ungerichteten Graphen G und die zugehörige σ-Struktur A gilt:
A |= ϕConn
⇐⇒
G ist zusammenhängend.
(3.9)
Idee: Nutze den Satz ϕConn , um einen FO[{6}]-Satz ψ zu konstruieren, so
dass für jede endliche lineare Ordnung B = (B, 6B ) gilt:
B |= ψ
⇐⇒
|B| ist gerade.
Von Bemerkung 3.58 wissen wir, dass es einen solchen Satz ψ nicht geben
kann.
4
d.h. A = V G und E A = {(u, v) : {u, v} ∈ E G }
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 167
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Um den Satz ψ zu konstruieren, ordnen wir jeder endlichen linearen
Ordnung B = (B, 6B ) mit B = {b1 , . . . , bn } und b1 <B b2 <B · · · <B bn
(für n := |B|) den Graphen GB mit Knotenmenge B zu, dessen
Kantenmenge aus genau den Kanten zwischen bi und bi+2 , für alle i 6 n−2,
und einer zusätzlichen Kante zwischen b1 und bn besteht.
Man sieht leicht, dass Folgendes gilt:
GB ist zusammenhängend
⇐⇒
|B| ist gerade.
(3.10)
Sei nun ξE (x, y) eine FO[{6}]-Formel, die besagt:
• y = x+2“ oder x = y+2“ oder
”
”
• x ist das kleinste und y ist das größte Element bzgl. 6“ oder
”
• x ist das größte und y ist das kleinste Element bzgl. 6“.
”
Klar: Eine solche FO[{6}]-Formel ξE (x, y) lässt sich leicht formulieren
(Details: Übung).
Ausgewertet in einer linearen Ordnung B simuliert“ die Formel ξE (x, y)
”
gewissermaßen die Kantenrelation des Graphen GB .
Sei nun ψ der FO[{6}]-Satz, der aus dem FO[{E}]-Satz ϕConn entsteht,
indem jedes Atom der Form E(z1 , z2 ) durch die FO[{6}]-Formel ξE (z1 , z2 )
ersetzt wird.
Der Satz ψ ist also gerade so konstruiert, dass beim Auswerten von ψ in B
die Auswertung von ϕConn in der zu GB gehörenden σ-Struktur A simuliert
wird. Es gilt also für jede endliche lineare Ordnung B, den ungerichteten
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 168
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endlichen Graphen GB und die zugehörige σ-Struktur A:
B |= ψ
⇐⇒
(3.9)
⇐⇒
(3.10)
⇐⇒
A |= ϕConn
GB ist zusammenhängend
|B| ist gerade.
Aber dies ist ein Widerspruch zu Bemerkung 3.58.
Somit muss unsere Annahme, dass der Satz ϕConn existiert, falsch gewesen
sein. Dies beendet den Beweis von (a).
Folie 279
(b) folgt direkt aus (a), denn:
Angenommen ϕReach (x, y) wäre eine FO[σ]-Formel, so dass für alle
gerichteten Graphen A = (A, E A ) und alle Knoten a, b ∈ A gilt:
A |= ϕReach [a, b] ⇐⇒ es gibt in A einen Weg von Knoten a zu Knoten b.
Dann ist
ϕConn := ∀x ∀y ϕReach (x, y)
ein FO[σ]-Satz, der in einem gerichteten Graphen A genau dann erfüllt ist,
wenn A stark zusammenhängend ist.
Insbesondere gilt dann für jeden ungerichteten Graphen G und die zu G
gehörende σ-Struktur A: A |= ϕConn ⇐⇒ G ist zusammenhängend.
Dies ist ein Widerspruch zu (a).
Folie 280
Logische Reduktionen
Bemerkung 3.60.
Die im Beweis von Satz 3.59 benutzte Vorgehensweise ist unter dem Begriff
logische Reduktion (oder Transduktionen) bekannt.
Im Beweis von Teil (b) wurde gezeigt: Falls es eine FO[{E}]-Formel gibt,
die ausdrückt, dass Knoten y von Knoten x aus erreichbar ist, dann gibt es
auch eine FO[{E}]-Formel, die Graph-Zusammenhang definiert.
Somit wurde das Problem, einen FO[{E}]-Satz zu finden, der
Graph-Zusammenhang definiert, auf das Problem reduziert, eine
FO[{E}]-Formel zu finden, die ausdrückt, dass Knoten y von Knoten x aus
erreichbar ist.
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Folie 281
Im Beweis von Teil (a) wurde das Problem, einen FO[{6}]-Satz zu finden,
der ausdrückt, dass eine endliche lineare Ordnung eine gerade Kardinalität
besitzt, auf das Problem reduziert, einen FO[{E}]-Satz zu finden, der
Graph-Zusammenhang definiert.
D.h. es wurde gezeigt: Falls Graph-Zusammenhang FO-definierbar ist, so
ist auch die Aussage eine endliche lineare Ordnung besitzt eine gerade
”
Kardinalität“ FO-definierbar.
Dies wurde dadurch erreicht, dass man innerhalb einer linearen Ordnung
einen geeigneten Graphen simuliert“ (bzw. “interpretiert“), indem man die
”
Kantenrelation des Graphen durch eine FO[{6}]-Formel beschreibt.
Generell ist diese Methode der logischen Reduktionen oft nützlich, um
bereits bekannte Nicht-Definierbarkeits-Resultate auf neue
Nicht-Definierbarkeits-Resultate zu übertragen.
3.9
Erfüllbarkeit, Allgemeingültigkeit und die
Folgerungsbeziehung
Folie 282
Die im Folgenden eingeführten Begriffe der Erfüllbarkeit,
Allgemeingültigkeit und der Folgerungsbeziehung sind für die Logik erster
Stufe ähnlich definiert wie für die Aussagenlogik.
Im Folgenden sei σ stets eine beliebige Signatur.
Folie 283
Erfüllbarkeit und Allgemeingültigkeit
Definition 3.61. Eine FO[σ]-Formel ϕ (bzw. eine Formelmenge Φ ⊆ FO[σ])
heißt erfüllbar, wenn es eine σ-Interpretation gibt, die ϕ (bzw. Φ) erfüllt.
Eine Formel oder Formelmenge, die nicht erfüllbar ist, nennen wir
unerfüllbar.
Definition 3.62. Eine FO[σ]-Formel ϕ heißt allgemeingültig, wenn jede
σ-Interpretation die Formel ϕ erfüllt.
Wir schreiben kurz |= ϕ um auszudrücken, dass ϕ allgemeingültig ist.
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Offensichtlicherweise gilt für alle FO[σ]-Formeln ϕ:
ϕ ist allgemeingültig
⇐⇒
¬ϕ ist unerfüllbar.
Folie 284
Verum (>) und Falsum (⊥)
Beispiele:
• Die FO[σ]-Formel ∀v0 v0 =v0 ist allgemeingültig.
• Die FO[σ]-Formel ∃v0 ¬ v0 =v0 ist unerfüllbar.
Notation 3.63.
Wir schreiben > (in Worten: Verum), um die allgemeingültige FO-Formel
∀v0 v0 =v0 zu bezeichnen.
Wir schreiben ⊥ (in Worten: Falsum), um die unerfüllbare FO-Formel
∃v0 ¬ v0 =v0 zu bezeichnen.
Folie 285
Die Folgerungsbeziehung
Definition 3.64. Eine FO[σ]-Formel ψ folgt aus einer Formelmenge
Φ ⊆ FO[σ] (wir schreiben: Φ |= ψ), wenn für jede σ-Interpretation I gilt:
Falls I |= Φ, so gilt auch I |= ψ.
Notation. Für zwei FO[σ]-Formeln ϕ, ψ schreiben wir kurz ϕ |= ψ an
Stelle von {ϕ} |= ψ und sagen, dass die Formel ψ aus der Formel ϕ folgt.
Folie 286
Zusammenhänge
Es bestehen ähnliche Zusammenhänge wie bei der Aussagenlogik:
Lemma 3.65 (Allgemeingültigkeit, Unerfüllbarkeit und Folgerung).
Für jede FO[σ]-Formel ϕ gilt:
(a) ϕ ist allgemeingültig ⇐⇒ ϕ ≡ > ⇐⇒ > |= ϕ.
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(b) ϕ ist unerfüllbar ⇐⇒ ϕ ≡ ⊥ ⇐⇒ ϕ |= ⊥.
(c) |= ϕ
D.h.:
⇐⇒
∅ |= ϕ.
ϕ ist allgemeingültig ⇐⇒ ϕ folgt aus der leeren Menge.
Lemma 3.66 (Erfüllbarkeit und die Folgerungsbeziehung).
(a) Für alle Formelmengen Φ ⊆ FO[σ] und alle FO[σ]-Formeln ψ gilt:
Φ |= ψ
⇐⇒
Φ ∪ {¬ψ} ist unerfüllbar.
(b) Für alle FO[σ]-Formeln ϕ, ψ gilt:
ϕ≡ψ
⇐⇒
|= (ϕ ↔ ψ).
Beweis der beiden Lemmas: Analog zu den Beweisen der entsprechenden
Resultate in der Aussagenlogik. Details: Übung.
3.10
Normalformen
Folie 287
Negationsnormalform
Die Negationsnormalform für Formeln der Logik erster Stufe ist ähnlich
definiert wie die Negationsnormalform der Aussagenlogik.
Definition 3.67. Sei σ eine beliebige Signatur.
Eine FO[σ]-Formel ϕ ist in Negationsnormalform (kurz: NNF), wenn
Negationszeichen in ϕ nur unmittelbar vor atomaren Subformeln auftreten
und ϕ den Junktor →“ nicht enthält.
”
Satz 3.68. Jede FO[σ]-Formel ϕ ist äquivalent zu einer Formel in NNF.
Beweis. Gemäß Satz 3.47 können wir o.B.d.A. annehmen, dass ϕ den
Junktor →“ nicht enthält.
”
Ähnlich wie für die Aussagenlogik definieren wir per Induktion über den
Aufbau zu jeder FO[σ]-Formel ϕ zwei FO[σ]-Formeln ϕ0 und ϕ00 in NNF, so
dass gilt: ϕ ≡ ϕ0 und ¬ϕ ≡ ϕ00 .
Details: Übung.
Folie 288
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Pränexe Normalform
Definition 3.69. Sei σ eine beliebige Signatur.
(a) Eine FO[σ]-Formel heißt quantorenfrei, falls in ihr keins der Symbole
∃, ∀ vorkommt.
Die Menge aller quantorenfreien FO[σ]-Formeln bezeichnen wir mit
QFσ .
(b) Eine FO[σ]-Formel ϕ ist in pränexer Normalform (bzw.
Pränex-Normalform, kurz: PNF), wenn sie von der Form
Q1 x1 · · · Qn xn χ
ist, wobei n > 0, Q1 , . . . , Qn ∈ {∃, ∀}, x1 , . . . , xn ∈ VAR und
χ ∈ QFσ .
Q1 x1 · · · Qn xn wird Quantoren-Präfix von ϕ genannt;
χ heißt Kern (bzw. Matrix ) von ϕ.
Satz 3.70. Jede FO[σ]-Formel ϕ ist äquivalent zu einer FO[σ]-Formel ϕ0 in
pränexer Normalform mit frei(ϕ0 ) = frei(ϕ).
Folie 289
Bevor wir Satz 3.70 beweisen, betrachten wir zunächst ein Beispiel.
Beispiel 3.71. Sei
ϕ(y) :=
∀x ¬ ∃y E(x, y) → ∃x E(x, y) .
Umformung in eine äquvivalente Formel in Pränex-Normalform:
ϕ ≡ ∀x ¬ ¬∃y E(x, y) ∨ ∃x E(x, y)
Elimination von “ → ”
≡ ∀x ¬ ∀y ¬E(x, y) ∨ ∃x E(x, y)
¬∃y ψ ≡ ∀y ¬ψ
≡ ∀x ¬ ∀z1 ¬E(x, z1 ) ∨ ∃z2 E(z2 , y)
≡ ∀x ¬ ∀z1 ∃z2 ¬E(x, z1 ) ∨ E(z2 , y)
Umbenennung von
gebundenen Variablen
Zusammenlegung der Disjunktion
≡ ∀x ∃z1 ∀z2 ¬ ¬E(x, z1 ) ∨ E(z2 , y)
Negation
Diese Formel ist in PNF.
Folie 290
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Beweis von Satz 3.70:
Wir zeigen zunächst drei Lemmas und schließen danach den Beweis ab.
Lemma 3.72.
Sei ψ := Q1 x1 · · · Qn xn χ, wobei n > 0, Q1 , . . . , Qn ∈ {∃, ∀} und
χ ∈ FO[σ]. Für jedes Q ∈ {∃, ∀} sei
(
∀ falls Q = ∃ ,
e :=
Q
∃ falls Q = ∀ .
Dann gilt:
¬ψ
≡
e 1 x1 · · · Q
en xn ¬χ.
Q
Beweis. Einfaches Nachrechnen per Induktion nach n unter Verwendung
der Tatsache, dass ¬ ∃x ϕ ≡ ∀x ¬ϕ und ¬ ∀x ϕ ≡ ∃x ¬ϕ
(Lemma 3.45). Details: Übung.
Folie 291
Lemma 3.73. Für alle FO[σ]-Formeln ϕ und ψ und für alle Variablen
x ∈ VAR \ frei(ϕ) gilt:
ϕ ∧ ∃x ψ ≡ ∃x ϕ ∧ ψ
,
ϕ ∧ ∀x ψ ≡ ∀x ϕ ∧ ψ ,
ϕ ∨ ∃x ψ ≡ ∃x ϕ ∨ ψ
,
ϕ ∨ ∀x ψ ≡ ∀x ϕ ∨ ψ .
Beweis. Die Beweise aller vier Äquivalenzen sind ähnlich. Wir beweisen
hier nur die erste:
ϕ ∧ ∃x ψ
”
≡
∃x ϕ ∧ ψ .
(3.11)
=⇒“: Sei I = (A, β) eine beliebige σ-Interpretation mit I |= ϕ ∧ ∃x ψ .
Dann gilt: I |= ϕ und I |= ∃x ψ. Insbesondere gibt es ein a ∈ A, so
dass I xa |= ψ.
Wegen I |= ϕ und x 6∈ frei(ϕ) folgt aus dem Koinzidenzlemma, dass
auch I xa |= ϕ.
Somit gilt: I xa |= ϕ ∧ ψ , und daher gilt: I |= ∃x ϕ ∧ ψ .
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⇐=“: Sei I = (A, β) eine beliebige σ-Interpretation mit I |= ∃x ϕ ∧ ψ .
”
Somit gibt es ein a ∈ A, so dass I xa |= ϕ ∧ ψ .
Insbesondere gilt: I xa |= ϕ. Wegen x 6∈ frei(ϕ) folgt gemäß
Koinzidenzlemma, dass I |= ϕ.
Außerdem gilt wegen I xa |= ψ, dass I |= ∃x ψ.
Insgesamt gilt also: I |= ϕ ∧ ∃x ψ .
Dies beendet den Beweis von (3.11). Die anderen drei im Lemma genannten
Äquivalenzen können auf analoge Art bewiesen werden. Details: Übung.
Folie 292
Lemma 3.74. Seien
ψ1 := Q1 x1 · · · Q` x` χ1
und
ψ2 := Q01 y1 · · · Q0m ym χ2 ,
wobei `, m > 0, Q1 , . . . , Q` , Q01 , . . . , Q0m ∈ {∃, ∀},
x1 , . . . , x` , y1 , . . . , ym ∈ VAR, χ1 , χ2 ∈ FO[σ].
Es gelte: {x1 , . . . , x` } ∩ frei(ψ2 ) = ∅ und {y1 , . . . , ym } ∩ frei(χ1 ) = ∅.
Dann gilt für ∗ ∈ {∧, ∨}, dass
ψ1 ∗ ψ2
≡ Q1 x1 · · · Q` x` Q01 y1 · · · Q0m ym χ1 ∗ χ2 .
Beweis. Zwei Induktionen über ` bzw. m unter Verwendung von
Lemma 3.73:
Per Induktion nach ` folgt unter Verwendung von Lemma 3.73, dass
ψ2 ∗ Q1 x1 · · · Q` x` χ1
≡
Q1 x1 · · · Q` x` ψ2 ∗ χ1 .
Die Kommutativität von ∗ ∈ {∧, ∨} liefert daher:
ψ1 ∗ ψ2
≡
Q1 x1 · · · Q` x` χ1 ∗ ψ2 .
(3.12)
Andererseits folgt per Induktion nach m unter Verwendung von
Lemma 3.73, dass
χ1 ∗ Q01 y1 · · · Q0m ym χ2
≡
Q01 y1 · · · Q0m ym χ1 ∗ χ2 .
(3.13)
Die Kombination von (3.12) und (3.13) liefert also:
ψ1 ∗ ψ2
≡
Q1 x1 · · · Q` x` Q01 y1 · · · Q0m ym χ1 ∗ χ2 .
Folie 293
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Abschluss des Beweises von Satz 3.70:
Sei ϕ eine FO[σ]-Formel. Gemäß Satz 3.47 können wir o.B.d.A. annehmen,
dass ϕ den Junktor →“ nicht enthält.
”
Per Induktion über den Aufbau von ϕ zeigen wir, dass es eine zu ϕ
äquivalente Formel ϕ0 in PNF gibt mit frei(ϕ0 ) = frei(ϕ).
Induktionsanfang: Atomare Formeln sind quantorenfrei und daher
insbesondere in PNF.
Induktionsschritt:
Fall 1: ϕ ist von der Form Qx ψ mit Q ∈ {∃, ∀}, x ∈ VAR, ψ ∈ FO[σ]:
Gemäß Induktionsannahme gibt es eine zu ψ äquivalente Formel ψ 0 in PNF
mit frei(ψ 0 ) = frei(ψ).
Offensichtlich ist ϕ0 := Qx ψ 0 die gesuchte PNF-Formel mit ϕ0 ≡ ϕ.
Es gilt: frei(ϕ0 ) = frei(ϕ).
Fall 2: ϕ ist von der Form ¬ψ mit ψ ∈ FO[σ].
Gemäß Induktionsannahme gibt es eine zu ψ äquivalente Formel ψ 0 in PNF
mit frei(ψ 0 ) = frei(ψ).
Klar: ϕ ≡ ¬ψ 0 .
Wir nutzen Lemma 3.72 und erhalten die zu ¬ψ 0 äquivalente Formel ϕ0 in
PNF. Es gilt: frei(ϕ0 ) = frei(ϕ).
Fall 3: ϕ ist von der Form ψ1 ∗ ψ2 mit ∗ ∈ {∧, ∨} und ψ1 , ψ2 ∈ FO[σ].
Gemäß Induktionsannahme gibt es Formeln ψ10 , ψ20 in PNF, so dass für jedes
i ∈ {1, 2} gilt: ψi0 ≡ ψi und frei(ψi0 ) = frei(ψi ).
Klar: ϕ ≡ ψ10 ∗ ψ20 .
Sei Q1 x1 · · · Q` x` χ1 die Form von ψ10 (mit χ1 quantorenfrei) und sei
Q01 y1 · · · Q0m ym χ2 die Form von ψ20 (mit χ2 quantorenfrei).
Wir können o.B.d.A. annehmen, dass {x1 , . . . , x` } ∩ frei(ψ2 ) = ∅ und
{y1 , . . . , ym } ∩ frei(χ1 ) = ∅ (dies können wir durch konsistentes
Umbenennen der in ψ10 bzw. ψ20 gebundenen Variablen x1 , . . . , x` , y1 , . . . , ym
erreichen).
Lemma 3.74 liefert uns dann die gesuchte zu ψ10 ∗ ψ20 äquivalente Formel
ϕ0 in PNF. Es gilt: frei(ϕ0 ) = frei(ϕ).
Dies beendet den Beweis von Satz 3.70.
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Seite 176
Kapitel 4
Grundlagen des automatischen
Schließens
Folie 294
Ziel: Automatisches Schließen
• In typischen Anwendungen der Logik beschreibt man mit Hilfe einer
Formelmenge das Wissen über ein Anwendungsszenario und will aus
diesem Wissen dann, möglichst automatisch, Folgerungen ziehen.
• In diesem Kapitel werden wir untersuchen, inwieweit sich für die
Logik erster Stufe das Folgern automatiseren lässt.
• Wir werden einen syntaktischen Beweisbegriff einführen, der genau
dem semantischen Folgerungsbegriff entspricht (Vollständigkeitssatz).
• Dadurch werden wir einen Algorithmus erhalten, der nach und nach
alle allgemeingültigen Sätze der Logik erster Stufe aufzählt.
• Andererseits werden wir zeigen, dass es keinen Algorithmus gibt, der
bei Eingabe eines beliebigen Satzes der Logik erster Stufe entscheidet,
ob der Satz allgemeingültig ist.
• Als Folgerung aus dem Vollständigkeitssatz werden wir auch den
Endlichkeitssatz für die Logik erster Stufe erhalten.
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Seite 177
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4.1
Kalküle und Ableitungen
Folie 295
Ableitungsregeln und Kalküle
Definition 4.1. Sei M eine beliebige Menge.
(a) Eine Ableitungsregel über M (kurz: Regel) hat die Form
a1 · · · an
b
wobei n > 0 und a1 , . . . , an , b ∈ M .
Wir bezeichnen a1 , . . . , an als die Voraussetzungen der Regel und b als
die Konsequenz.
Ableitungsregeln ohne Voraussetzungen (also mit n = 0) bezeichnen wir
als Axiome.
(b) Ein Kalkül über M ist eine Menge von Ableitungsregeln über M .
Folie 296
Ableitungen
Definition 4.2.
Sei K ein Kalkül über einer Menge M , sei V ⊆ M und sei a ∈ M .
(a) Eine Ableitung von a aus V in K ist eine endliche Folge
(a1 , . . . , a` ) ∈ M ` , so dass ` > 1, a` = a und für alle i ∈ {1, . . . , `}
gilt:1
• ai ∈ V oder
•
ai
ist ein Axiom in K oder
• es gibt in K eine Ableitungsregel
b1 · · · bn
ai
so dass b1 , . . . , bn ∈ {a1 , . . . , ai−1 }.
1
Die Menge V kann hierbei als Menge von Voraussetzungen“ betrachtet werden, und
”
der Kalkül legt fest, welche Axiome gelten und welche Schlussweisen zulässig sind.
Version vom 1. Dezember 2016
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Der besseren Lesbarkeit halber schreiben wir in konkreten Beispielen
Ableitungen der Form (a1 , . . . , a` ) oft zeilenweise, also
(1) a1
(2) a2
..
.
(`) a`
und geben am Ende jeder Zeile eine kurze Begründung an.
Folie 297
(b) Ein Element a ∈ M ist aus V in K ableitbar, wenn es eine Ableitung
von a aus V in K gibt.
(c) Wir schreiben ablK (V ), um die Menge aller aus V in K ableitbaren
Elemente zu bezeichnen.
(d) Für V = ∅ nutzen wir folgende Notationen:
Eine Ableitung von a in K ist eine Ableitung von a aus ∅ in K.
Ein Element a ∈ M heißt ableitbar aus K, falls es eine Ableitung von a
in K gibt.
Die Menge aller in K ableitbaren Elemente bezeichnen wir mit ablK ,
d.h.: ablK := ablK (∅).
Folie 298
Wir werden Kalküle nutzen, um auf elegante Art rekursive Definitionen
bestimmter Mengen anzugeben:
Um eine bestimmte Teilmenge A einer Menge M rekursiv zu definieren,
genügt es, einen Kalkül K über M anzugeben, für den gilt: ablK = A.
Folie 299
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Beispiel: Mengen natürlicher Zahlen
Beispiel 4.3.
Sei K der Kalkül über M := N mit folgenden Ableitungsregeln:
• Axiom:
1
• Weitere Regeln:
n
,
2n
für jedes n ∈ N.
Fragen:
• Was ist ablK ?
• Was ist ablK (V ) für V := {3} ?
Antworten:
• ablK ist die Menge aller Zweierpotenzen, d.h. ablK = {2i : i ∈ N}.
• ablK ({3}) = {2i : i ∈ N} ∪ {2i · 3 : i ∈ N}
Folie 300
Beispiel: Aussagenlogik
Beispiel 4.4.
Sei Σ := AAL das Alphabet der Aussagenlogik, d.h.
Σ = AS ∪ { ¬, ∧, ∨, →, 0, 1, (, ) } ,
wobei AS = {Ai : i ∈ N} die Menge aller Aussagensymbole ist.
Gesucht: Ein Kalkül K über M := Σ∗ , aus dem genau die syntaktisch
korrekten aussagenlogischen Formeln ableitbar sind, d.h. ablK = AL.
Lösung: K besteht aus folgenden Ableitungsregeln:
• Axiome:
0
,
,
1
X
, für jedes Aussagensymbol X ∈ AS.
• Weitere Regeln: Für jedes ϕ ∈ Σ∗ und jedes ψ ∈ Σ∗ die Regeln
ϕ
¬ϕ
,
ϕ ψ
(ϕ ∧ ψ)
,
Dann gilt: ablK = AL.
Folie 301
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Seite 180
ϕ ψ
(ϕ ∨ ψ)
,
ϕ ψ
(ϕ → ψ)
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Beispiel: Resolution
Die Kalkül-Schreibweise lässt sich auch dazu nutzen, eine elegante
Darstellung der in Kapitel 2.6 eingeführten Resolutionswiderlegungen zu
anzugeben.
Zur Erinnerung:
• Eine Klausel ist eine endliche Menge von Literalen.
Ein Literal ist eine aussagenlogische Formel der Form X oder ¬X,
wobei X ∈ AS.
• Wir haben in Satz 2.60 gezeigt, dass für jede Menge Γ von Klauseln
gilt:
Γ ist unerfüllbar
⇐⇒
Γ `R ∅.
Hierbei ist ∅ die leere Klausel.
Γ ` ∅“ bedeutet, dass es eine Resolutionswiderlegung von Γ gibt.
” R
Zur Erinnerung hier die Definition des Begriffs der
Resolutionswiderlegungen:
Folie 302
Resolutionsableitungen und -widerlegungen
Definition. Sei Γ eine Klauselmenge.
(a) Eine Resolutionsableitung einer Klausel δ aus Γ ist ein Tupel (δ1 , . . . , δ` )
von Klauseln, so dass gilt: ` > 1, δ` = δ, und für alle i ∈ [`] ist
• δi ∈ Γ, oder
• es gibt j, k ∈ [i−1], so dass δi eine Resolvente von δj und δk ist.
(b) Eine Resolutionswiderlegung von Γ ist eine Resolutionsableitung der
leeren Klausel aus Γ.
Zur Erinnerung:
Eine Klausel δ ist genau dann eine Resolvente zweier Klauseln γ1 und γ2 ,
wenn es ein Literal λ gibt, so dass gilt:
λ ∈ γ2
und
δ=
γ1 \ {λ} ∪ γ2 \ {λ } .
λ ∈ γ1 ,
Folie 303
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Seite 181
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Der Resolutionskalkül der Aussagenlogik
Gesucht: Ein Kalkül KR über der Menge aller Klauseln, so dass für jede
Klauselmenge Γ und jede Klausel δ gilt:
δ ∈ ablKR (Γ)
⇐⇒
Γ `R δ
d.h.: δ ist genau dann aus Γ in KR ableitbar, wenn es eine
Resolutionsableitung von δ aus Γ gibt.
Lösung: KR besteht aus folgenden Ableitungsregeln:
Für alle Klauseln γ1 und γ2 , für jedes Literal λ, so dass λ ∈ γ1 und
λ ∈ γ2 , und für die Klausel δ := (γ1 \ {λ}) ∪ (γ2 \ {λ}) enthält KR
die Ableitungsregel
γ1 γ2
δ
Dann entsprechen Ableitungen in KR aus einer Klauselmenge Γ gerade den
Resolutionsableitungen aus Γ, und somit gilt: ablK (Γ) = {δ : Γ `R δ}.
Insbesondere gibt es genau dann eine Resolutionswiderlegung von Γ, wenn
ablR (Γ) die leere Klausel enthält.
Folie 304
Der Kalkül KR wird Resolutionskalkül der Aussagenlogik genannt.
Folie 305
Kalküle und abgeschlossene Mengen
Definition 4.5. Sei K ein Kalkül über einer Menge M .
Eine Menge A ⊆ M heißt abgeschlossen unter K, wenn für jede
Ableitungsregel
a1 · · · an
b
in K gilt: Falls a1 , . . . , an ∈ A, so ist auch b ∈ A.
Satz 4.6. Sei K ein Kalkül über einer Menge M und sei V ⊆ M .
Dann ist ablK (V ) die bzgl. ⊆“ kleinste unter K abgeschlossene Menge, die
”
V enthält. D.h. es gilt:
(a) V ⊆ ablK (V ).
(b) ablK (V ) ist abgeschlossen unter K.
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(c) Für jede Menge A mit V ⊆ A ⊆ M gilt:
Falls A abgeschlossen ist unter K, so ist ablK (V ) ⊆ A.
\
(d) ablK (V ) =
A.
V ⊆A⊆M,
A abgeschlossen unter K
Beweis.
(a) Für jedes v ∈ V ist (v) eine Ableitung von v aus V in K. Somit ist
V ⊆ ablK (V ).
(b) Sei
a1 · · · an
b
eine Ableitungsregel in K, so dass a1 , . . . , an ∈ ablK (V ). Wir müssen
zeigen, dass dann gilt: b ∈ ablK (V ). D.h. wir müssen eine Ableitung
von b aus V in K finden.
Laut Voraussetzung gilt für jedes i ∈ [n]:
ai ∈ ablK (V ), d.h. es gibt eine Ableitung
ai1 , . . . , ai`i
von ai aus V in K. Insbesondere gilt: ai = ai`i .
Dann ist
a11 , . . . , a1`1 , a21 , . . . , a2`2 , . . . , an1 , . . . , an`n , b
eine Ableitung von b aus V in K. Somit gilt: b ∈ ablK (V ).
(c) Sei A eine Menge mit V ⊆ A ⊆ M , die abgeschlossen ist unter K. Wir
müssen zeigen, dass gilt: ablK (V ) ⊆ A.
Sei dazu a ein beliebiges Element in ablK (V ), und sei (a1 , . . . , a` ) eine
Ableitung von a aus V in K. Wir wollen zeigen, dass gilt: a ∈ A.
Wir zeigen per Induktion nach i, dass für jedes i ∈ [n] gilt: ai ∈ A.
Wegen a = a` gilt dann insbesondere, dass a ∈ A.
Induktionsanfang i = 1:
Da (a1 , . . . , a` ) eine Ableitung von a aus V in K ist, gilt insbesondere:
a1 ∈ V oder a1 ist ein Axiom in K.
Im ersten Fall ist a1 ∈ A wegen a1 ∈ V ⊆ A.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 183
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Im zweiten Fall ist a1 ∈ A, da A laut Voraussetzung unter K
abgeschlossen ist.
Induktionsschritt i−1 → i:
Die Induktionsannahme besagt, dass für jedes j 6 i−1 gilt: aj ∈ A.
Wir müssen im Induktionsschritt zeigen, dass auch gilt: ai ∈ A.
Da (a1 , . . . , a` ) eine Ableitung von a aus V in K ist, gilt insbesondere:
ai ∈ V oder ai ist ein Axiom in K oder es gibt in K eine
bn
Ableitungsregel b1 ···
so dass b1 , . . . , bn ∈ {a1 , . . . , ai−1 } ist.
ai
In den ersten beiden Fällen folgt ai ∈ A“ genauso wie im
”
Induktionsanfang a1 ∈ A“ folgt.
”
Im dritten Fall liefert die Induktionsannahme, dass gilt: b1 , . . . , bn ∈ A.
Da außerdem A laut Voraussetzung unter K abgeschlossen ist, folgt:
ai ∈ A.
(d) ⊆“ folgt direkt aus (c).
”
⊇“ folgt direkt aus (a) und (b), da für die Menge A := ablK (V ) gemäß
”
(a) und (b) gilt: V ⊆ A ⊆ M und A ist abgeschlossen unter K.
Somit ist ablK (V ) eine der Mengen A, aus denen der Durchschnitt
gebildet wird. Daher gilt:
\
A
⊆ ablK (V ) .
V ⊆A⊆M,
A abgeschlossen unter K
Folie 306
Induktionsprinzip für die ableitbaren Elemente eines Kalküls
Sei K ein Kalkül über einer Menge M und sei V ⊆ M . Um zu zeigen, dass
eine bestimmte Aussage A(a) für alle aus V in K ableitbaren Elemente a
gilt, können wir das Induktionsprinzip nutzen und einfach Folgendes zeigen:
(1) Die Aussage A(a) gilt für jedes a ∈ V , und
(2) für jede Ableitungsregel
a1 · · · an
b
in K gilt: Falls A(ai ) für jedes i ∈ [n] gilt, so gilt auch A(b).
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Seite 184
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Daraus folgt laut dem nächsten Lemma dann, dass A(a) für jedes
a ∈ ablK (V ) gilt.
Lemma 4.7. Sei K ein Kalkül über einer Menge M und sei V ⊆ M . Falls
(1) eine Aussage A(a) für jedes a ∈ V gilt und
(2) für jede Ableitungsregel
a1 · · · an
b
in K gilt: falls A(ai ) für jedes i ∈ [n] gilt, so gilt auch A(b),
dann gilt die Aussage A(a) für jedes a ∈ ablK (V ).
Folie 307
Beweis. Es seien (1) und (2) erfüllt.
Betrachte die Menge
A := { a ∈ M : die Aussage A(a) gilt } .
Wegen (1) ist V ⊆ A.
Wegen (2) ist A abgeschlossen unter K.
Aus Satz 4.6 folgt daher: ablK (V ) ⊆ A.
Somit gilt die Aussage A(a) für jedes a ∈ ablK (V ).
4.2
Ein Beweiskalkül für die Logik erster Stufe — der
Vollständigkeitssatz
Folie 308
Notation
• In diesem Kapitel sei σ eine beliebige fest gewählte Signatur.
• Der Einfachheit halber werden wir o.B.d.A. in diesem Kapitel nur
FO[σ]-Formeln betrachten, in denen das Symbol →“ nicht
”
vorkommt.
• t, u, t1 , t2 , t0 , u0 , u00 , . . . bezeichnen immer σ-Terme.
• ϕ, ψ, χ, . . . bezeichnen immer FO[σ]-Formeln.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 185
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• Φ, Ψ, Φ1 , Φ2 , Ψ0 , . . . bezeichnen immer Mengen von FO[σ]-Formeln.
• Γ, ∆, Γ0 , ∆1 , ∆2 , . . . bezeichnen immer endliche Mengen von
FO[σ]-Formeln.
[
• Für Φ ⊆ FO[σ] ist frei(Φ) :=
frei(ϕ).
ϕ∈Φ
Manchmal schreiben wir auch frei(Φ, ϕ) an Stelle von frei(Φ ∪ {ϕ}).
• Ist M eine Menge, so schreiben wir L ⊆e M , um auszudrücken, dass
L eine endliche Teilmenge von M ist.
Folie 309
Sequenzen
Definition 4.8.
(a) Eine Sequenz ist ein Ausdruck der Form
Γ`ψ
wobei ψ ∈ FO[σ] und Γ ⊆e FO[σ] (d.h., Γ ist eine endliche Menge von
FO[σ]-Formeln).
Wir bezeichnen Γ als das Antezedens und ψ als das Sukzedens der
Sequenz Γ ` ψ.
(b) Wir schreiben MS um die Menge aller Sequenzen zu bezeichnen, d.h.:
MS := { Γ ` ψ : Γ ⊆e FO[σ], ψ ∈ FO[σ] }.
Folie 310
Korrektheit einer Sequenz
Definition 4.9. Eine Sequenz Γ ` ψ heißt korrekt, falls gilt: Γ |= ψ.
Zur Erinnerung: Γ |= ψ bedeutet:
Für jede σ-Interpretation I gilt: Falls I |= Γ, so auch I |= ψ.
Beispiel:
Welche der folgenden Sequenzen sind korrekt für alle ϕ, ψ ∈ FO[σ] und alle
x, y ∈ VAR; welche sind nicht korrekt?
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(1) { (¬ϕ ∨ ψ) , ϕ } ` ψ
(2) ∅ ` (ϕ ∨ ¬ϕ)
(3) { ∃x ∀y ϕ } ` ∀y ∃x ϕ
(4) { ∀y ∃x x=y } ` ∃x ∀y x=y
Antwort:
Die ersten drei Sequenzen sind korrekt; die vierte ist nicht korrekt.
Folie 311
Ziel
Wir wollen im Folgenden einen Kalkül K über MS angeben, so dass gilt:
(1) K ist korrekt, d.h. jede in K ableitbare Sequenz ist korrekt.
(2) K ist vollständig, d.h. jede korrekte Sequenz ist in K ableitbar.
(3) K ist effektiv, d.h. es gibt einen Algorithmus, der nach und nach genau
die aus K ableitbaren Sequenzen aufzählt.
Dies liefert dann insbesondere einen Algorithmus, der nach und nach alle
allgemeingültigen FO[σ]-Formeln aufzählt: Dazu lasse den gemäß (3)
existierenden Algorithmus laufen, und immer wenn dieser eine Sequenz der
Form Γ ` ψ mit Γ = ∅ ausgeben will, gib ψ aus.
Wegen (1) ist die Sequenz dann korrekt, d.h. es gilt ∅ |= ψ, und daher ist ψ
allgemeingültig.
Wegen (2) werden tatsächlich alle allgemeingültigen FO[σ]-Formeln
aufgezählt.
Bemerkung. Einen Kalkül K über MS zu finden, der die Bedingungen (1)
und (2) erfüllt, ist nicht schwer. Wir könnten dafür z.B. einfach den Kalkül
nehmen, der aus allen Axiomen der Form
Γ`ψ
besteht, für die gilt: Γ ⊆e FO[σ], ψ ∈ FO[σ] und Γ |= ψ.
Dieser Kalkül ist offensichtlicherweise korrekt und vollständig, d.h. er erfüllt
die Bedingungen (1) und (2).
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Die Bedingung (3) ist hier allerdings problematisch. Wir müssten dazu
einen Algorithmus haben, der bei Eingabe einer beliebigen endlichen Menge
Γ ⊆e FO[σ] und einer beliebigen FO[σ]-Formel ψ entscheidet, ob die
Sequenz Γ ` ψ korrekt ist, d.h. ob gilt: Γ |= ψ.
Tatsächlich ist dieses Problem unentscheidbar, da (wie wir am Ende des
Kapitels sehen werden) sogar bereits das
Allgemeingültigültigkeitsproblem
Eingabe: eine beliebige Formel ϕ der Logik erster Stufe
Frage: Ist ϕ allgemeingültig?
unentscheidbar ist.
Folie 312
Notationen für Sequenzen
Wir schreiben kurz
• Γ, ϕ ` ψ , um die Sequenz Γ ∪ {ϕ} ` ψ zu bezeichnen.
• ϕ1 , . . . , ϕn ` ψ , um die Sequenz {ϕ1 , . . . , ϕn } ` ψ zu bezeichnen.
• ` ψ , um die Sequenz ∅ ` ψ zu bezeichnen.
Folie 313
Sequenzenregeln
Eine Sequenzenregel ist eine Ableitungsregel über MS .
Sequenzenregeln der Form
a1 · · · an
b
schreiben wir meistens zeilenweise, als
a1
..
.
an
b
wobei jedes ai eine Sequenz der Form Γi ` ψi ist,
und b eine Sequenz der Form ∆ ` ϕ ist.
Folie 314
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Definition 4.10. Eine Sequenzenregel
Γ1 ` ψ1
..
.
Γn ` ψn
∆`ϕ
heißt korrekt, wenn Folgendes gilt: Sind die Sequenzen Γi ` ψi für alle
i ∈ {1, . . . , n} korrekt, so ist auch die Sequenz ∆ ` ϕ korrekt.
Aus dem Induktionsprinzip für Kalküle (Lemma 4.7) folgt direkt:
Lemma 4.11.
Ein Kalkül K über MS ist korrekt, falls jede Sequenzenregel in K korrekt ist.
Wir werden nun eine Reihe von korrekten Sequenzenregeln
zusammentragen, die alle zusammen dann den von uns gesuchten korrekten,
vollständigen und effektiven Kalkül über MS bilden werden.
Folie 315
Grundregeln:
Für alle Γ, Γ0 ⊆e FO[σ] und alle ϕ ∈ FO[σ] betrachten wir die folgenden
Sequenzenregeln:
• Voraussetzungsregel (V):
Γ, ϕ ` ϕ
• Erweiterungsregel (E):
Γ `ϕ
Γ0 ` ϕ
falls Γ ⊆ Γ0
Lemma 4.12. Jede der Grundregeln (V) bzw. (E) ist korrekt.
Version vom 1. Dezember 2016
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Beweis. Die Voraussetzungsregel
(V):
Γ, ϕ ` ϕ
ist korrekt, denn offensichtlicherweise gilt: Γ ∪ {ϕ} |= ϕ.
Die Erweiterungsregel
(E):
Γ `ϕ
Γ0 ` ϕ
falls Γ ⊆ Γ0
ist korrekt, denn:
Sei Γ ` ϕ korrekt. Dann gilt: Γ |= ϕ. Für Γ0 ⊇ Γ gilt dann
offensichtlicherweise auch: Γ0 |= ϕ.
Folie 316
Ausagenlogische Regeln:
Für alle Γ ⊆e FO[σ] und alle ϕ, ψ, χ ∈ FO[σ] betrachten wir die folgenden
Sequenzenregeln:
• Fallunterscheidungsregel (FU):
Γ, ψ ` ϕ
Γ, ¬ψ ` ϕ
Γ
`ϕ
• Widerspruchsregel (W):
Γ` ψ
Γ ` ¬ψ
Γ` ϕ
(für alle ϕ ∈ FO[σ])
Folie 317
• ∧-Einführung im Antezedens (∧A1 ), (∧A2 ):
Γ, ϕ
`χ
Γ, (ϕ ∧ ψ) ` χ
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Γ, ψ
`χ
Γ, (ϕ ∧ ψ) ` χ
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• ∧-Einführung im Sukzedens (∧S):
Γ`
ϕ
Γ`
ψ
Γ ` (ϕ ∧ ψ)
• ∨-Einführung im Antezedens (∨A):
Γ, ϕ
`χ
Γ, ψ
`χ
Γ, (ϕ ∨ ψ) ` χ
• ∨-Einführung im Sukzedens (∨S1 ), (∨S2 ):
Γ`
ϕ
Γ ` (ϕ ∨ ψ)
Γ`
ψ
Γ ` (ϕ ∨ ψ)
Folie 318
Lemma 4.13. Jede der aussagenlogischen Regeln (FU), (W), (∧A1 ),
(∧A2 ), (∧S), (∨A), (∨S1 ), (∨S2 ) ist korrekt.
Beweis.
• Die Fallunterscheidungsregel
(FU):
Γ, ψ ` ϕ
Γ, ¬ψ ` ϕ
Γ
`ϕ
ist korrekt, denn: Seien die beiden Sequenzen Γ, ψ ` ϕ und
Γ, ¬ψ ` ϕ korrekt. Dann gilt für jede σ-Interpretation I mit
I |= Γ ∪ {ψ} oder I |= Γ ∪ {¬ψ}, dass I |= ϕ.
Wir müssen zeigen, dass die Sequenz Γ ` ϕ korrekt ist.
Sei dazu I eine beliebige σ-Interpretation mit I |= Γ.
Klar: Entweder gilt I |= ψ, oder es gilt I |= ¬ψ.
Im ersten Fall gilt: I |= Γ ∪ {ψ}, und daher folgt aus der Korrektheit
der Sequenz Γ, ψ ` ϕ, dass I |= ϕ.
Im zweiten Fall gilt: I |= Γ ∪ {¬ψ}, und daher folgt aus der
Korrektheit der Sequenz Γ, ¬ψ ` ϕ, dass I |= ϕ.
Somit gilt in jedem Fall, dass I |= ϕ.
Also gilt: Γ |= ϕ, und daher ist die Sequenz Γ ` ϕ korrekt.
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• Die Widerspruchsregel
Γ` ψ
Γ ` ¬ψ
Γ` ϕ
(W):
(für alle ϕ ∈ FO[σ])
ist korrekt, denn: Seien die beiden Sequenzen Γ ` ψ und Γ ` ¬ψ
korrekt. Dann gilt für jede σ-Interpretation I mit I |= Γ, dass
I |= ψ und I |= ¬ψ, d.h.: I |= (ψ ∧ ¬ψ). Ein solches I gibt es
nicht. Somit ist Γ unerfüllbar. Daher gilt für jede FO[σ]-Formel ϕ,
dass Γ |= ϕ, und daher ist die Sequenz Γ ` ϕ korrekt.
• Die Regel zur ∧-Einführung im Antezendens
(∧A1 ):
Γ, ϕ
`χ
Γ, (ϕ ∧ ψ) ` χ
ist korrekt, denn: Sei die Sequenz Γ, ϕ ` χ korrekt.
Wir müssen zeigen, dass auch die Sequenz Γ, (ϕ ∧ ψ) ` χ korrekt ist.
Sei dazu I eine beliebige σ-Interpretation mit I |= Γ ∪ {(ϕ ∧ ψ)}.
Insbesondere gilt dann: I |= Γ und I |= ϕ, d.h. es gilt:
I |= Γ ∪ {ϕ}. Aus der Korrektheit der Sequenz Γ, ϕ ` χ folgt, dass
I |= χ.
Somit gilt: Γ ∪ {(ϕ ∧ ψ)} |= χ, und daher ist die Sequenz
Γ, (ϕ ∧ ψ) ` χ korrekt.
• Die Korrektheit der restlichen Regeln (∧A2 ), (∧S), (∨A), (∨S1 ),
(∨S2 ) kann auf ähnliche Art gezeigt werden. Details: Übung.
Folie 319
Substitutionen
Um weitere wichtige Sequenzenregeln einführen zu können, benötigen wir
eine Möglichkeit, für eine Variable x ∈ VAR und einen σ-Term t ∈ Tσ eine
FO[σ]-Formel ϕ so zu einer FO[σ]-Formel ϕ xt abzuändern, dass gilt:
Die Formel ϕ xt sagt über den Term t dasselbe aus, wie
die Formel ϕ über die Variable x.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 192
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Präzise: Es soll für jede σ-Interpretation I gelten:
I |= ϕ xt
⇐⇒
I xt |= ϕ.
(4.1)
Dabei ist die σ-Interpretation I xt für I = (A, β) wie folgt definiert:
I xt := (A, β xa ), für a := JtKI .
Folie 320
Um zu gewährleisten, dass (4.1) gilt, wählen wir zu gegebenem ϕ, t und x
die Formel ϕ xt wie folgt:
• Sei y1 , . . . , y` eine Liste aller Variablen aus var(t) ∪ {x}, die
gebundene Vorkommen in ϕ besitzen.
• Sei z1 , . . . , z` eine Liste von Variablen 6= x, die nicht in ϕ oder t
vorkommen.
• Sei ϕ0 die Formel, die aus ϕ entsteht, indem für jedes i ∈ {1, . . . , `}
jedes gebundene Vorkommen der Variablen yi ersetzt wird durch die
Variable zi .
• Sei ϕ xt die Formel, die aus ϕ0 entsteht, indem jedes Vorkommen der
Variablen x durch den Term t ersetzt wird.
Man kann zeigen:
Lemma 4.14 (Substitutionslemma). Für jede FO[σ]-Formel ϕ, jeden
σ-Term t, jede Variable x ∈ VAR und jede σ-Interpretation I gilt:
I |= ϕ xt
⇐⇒
I xt |= ϕ.
Beweis. Übung.
Wir können nun weitere wichtige Sequenzenregeln formulieren:
Folie 321
Quantorenregeln:
Für alle Γ ⊆e FO[σ], alle ϕ, ψ ∈ FO[σ], alle x, y ∈ VAR und alle t ∈ Tσ
betrachten wir die folgenden Sequenzenregeln:
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 193
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• ∀-Einführung im Antezedens (∀A):
Γ, ϕ xt ` ψ
Γ, ∀xϕ ` ψ
• ∀-Einführung im Sukzedens (∀S):
Γ ` ϕ xy
Γ ` ∀xϕ
falls y 6∈ frei(Γ, ∀xϕ)
• ∃-Einführung im Antezedens (∃A):
Γ, ϕ xy ` ψ
Γ, ∃xϕ ` ψ
falls y 6∈ frei(Γ, ∃xϕ, ψ)
• ∃-Einführung im Sukzedens (∃S):
Γ ` ϕ xt
Γ ` ∃xϕ
Folie 322
Lemma 4.15.
Jede der Quantorenregeln (∀A), (∀S), (∃A), (∃S)
Beweis.
ist korrekt.
• Die Regel zur ∀-Einführung im Antezedens
Γ, ϕ xt ` ψ
Γ, ∀xϕ ` ψ
(∀A):
ist korrekt, denn: Sei die Sequenz Γ, ϕ xt ` ψ korrekt.
Wir müssen zeigen, dass die Sequenz Γ, ∀xϕ ` ψ korrekt ist.
Sei dazu I eine beliebige σ-Interpretation mit I |= Γ ∪ {∀xϕ}.
Insbesondere gilt dann: I |= Γ, und I xa |= ϕ für a := JtKI .
Somit gilt: I xt |= ϕ.
Das Substitutionslemma (Lemma 4.14) liefert: I |= ϕ xt .
Also gilt: I |= Γ und I |= ϕ xt .
Die Korrektheit der Sequenz Γ, ϕ xt ` ψ liefert: I |= ψ.
Somit ist die Sequenz Γ, ∀xϕ ` ψ korrekt.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 194
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• Die Regel zur ∀-Einführung im Sukzedens
(∀S):
Γ ` ϕ xy
Γ ` ∀xϕ
falls y 6∈ frei(Γ, ∀xϕ)
ist korrekt, denn:
Sei y 6∈ frei(Γ, ∀xϕ), und sei die Sequenz Γ ` ϕ xy korrekt.
Wir müssen zeigen, dass die Sequenz Γ ` ∀xϕ korrekt ist.
Sei dazu I = (A, β) eine beliebige σ-Interpretation mit I |= Γ.
Wegen y 6∈ frei(Γ) gilt laut Koinzidenzlemma für alle a ∈ A, dass
I ay |= Γ. Die Korrektheit der Sequenz Γ ` ϕ xy liefert, dass I ay |= ϕ xy .
Dies gilt für alle a ∈ A. Somit gilt: I |= ∀y ϕ xy .
Wegen y 6∈ frei(∀xϕ) gilt für jede σ-Interpretation J :
J |= ∀y ϕ xy
⇐⇒
J |= ∀x ϕ.
Aus I |= ∀y ϕ xy folgt also: I |= ∀x ϕ.
Somit ist die Sequenz Γ ` ∀xϕ korrekt.
• Die Korrektheit der restlichen Regeln (∃A) und (∃S) kann auf
ähnliche Art gezeigt werden. Details: Übung.
Folie 323
Gleichheitsregeln:
Für alle Γ ⊆e FO[σ], alle ϕ ∈ FO[σ], alle x ∈ VAR und alle t, u ∈ Tσ
betrachten wir die folgenden Sequenzenregeln:
• Reflexivität der Gleichheit (G):
Γ ` t=t
• Substitutionsregel (S):
Γ
` ϕ xt
Γ, t=u ` ϕ ux
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Seite 195
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Lemma 4.16. Jede der Gleichheitsregeln (G) bzw. (S) ist korrekt.
Beweis.
• Die Regel zur Reflexivität der Gleichheitsregel
(G):
Γ ` t=t
ist korrekt, denn: Die Formel t=t ist offensichtlicherweise
allgemeingültig. Daher gilt für alle Formelmengen Γ, dass Γ |= t=t.
Somit ist die Sequenz Γ ` t=t korrekt.
• Die Substitutionsregel
(S):
Γ
` ϕ xt
Γ, t=u ` ϕ ux
ist korrekt, denn: Sei die Sequenz Γ ` ϕ xt korrekt.
Wir müssen zeigen, dass die Sequenz Γ, t=u ` ϕ ux korrekt ist.
Sei dazu I eine beliebige σ-Interpretation mit I |= Γ ∪ {t=u}.
D.h. es gilt: I |= Γ und JtKI = JuKI .
Wegen I |= Γ folgt aus der Korrektheit der Sequenz Γ ` ϕ xt , dass
I |= ϕ xt .
Das Substitutionslemma liefert für a := JtKI , dass I xa |= ϕ.
Wegen a = JtKI = JuKI gilt auch: I ux |= ϕ.
Das Substitutionslemma liefert: I |= ϕ ux .
Somit ist die Sequenz Γ, t=u ` ϕ ux korrekt.
Folie 324
Der Sequenzenkalkül KS für die Logik erster Stufe
Definition 4.17.
Der Sequenzenkalkül KS ist der Kalkül über der Menge MS aller Sequenzen,
der für alle Γ, Γ0 ⊆e FO[σ], alle ϕ, ψ, χ ∈ FO[σ], alle t, u ∈ Tσ und alle
x, y ∈ VAR aus
• den Grundregeln (V), (E),
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 196
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• den aussagenlogischen Regeln
(FU), (W), (∧A1 ), (∧A2 ), (∧S), (∨A), (∨S1 ), (∨S2 ),
• den Quantorenregeln (∀A), (∀S), (∃A), (∃S)
• und den Gleichheitsregeln (G), (S)
besteht.
Aus der Korrektheit der Regeln des Sequenzenkalküls (Lemmas 4.12, 4.13,
4.15, 4.16) folgt mit Lemma 4.11:
Satz 4.18. Der Sequenzenkalkül KS ist korrekt,
d.h. jede in KS ableitbare Sequenz ist korrekt.
Folie 325
Außerdem sieht man anhand der Definition der einzelnen Regeln leicht, dass
es einen Algorithmus gibt, der bei Eingabe einer Zahl ` > 1 und einer Folge
(a1 , . . . , a` ) ∈ MS` entscheidet, ob (a1 , . . . , a` ) eine Ableitung in KS ist.
Für abzählbare Signaturen σ kann man außerdem einen Algorithmus
angeben, der nach und nach alle Folgen in {(a1 , . . . , a` ) ∈ MS` : ` > 1}
ausgibt.
Beides zusammen liefert für abzählbare Signaturen σ, dass der
Sequenzenkalkül KS effektiv ist.
Details: Übung.
Unser nächstes Ziel ist, zu zeigen, dass der Sequenzenkalkül KS auch
vollständig ist, d.h. dass es für jede korrekte Sequenz eine Ableitung in KS
gibt.
Dazu betrachten wir zunächst einige Beispiele für Ableitungen im
Sequenzenkalkül KS .
Folie 326
Darstellung von Ableitungen
Am Anfang des Kapitels haben wir bereits vereinbart, dass wir ähnlich wie
bei Resolutionsableitungen auch allgemein für einen Kalkül K über einer
Menge M Ableitungen (a1 , . . . , a` ) der besseren Lesbarkeit halber oft
zeilenweise schreiben, also
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(1) a1
(2) a2
..
.
(`) a`
und am Ende jeder Zeile eine kurze Begründung angeben.
Im Folgenden betrachten wir einige Beispiele für Ableitungen im
Sequenzenkalkül KS .
Folie 327
Beispiele 4.19.
(a) Für jedes Γ ⊆e FO[σ] und jedes ϕ ∈ FO[σ] ist die Sequenz
Γ ` (ϕ ∨ ¬ϕ) ableitbar in KS :
(1)
(2)
(3)
(4)
(5)
Γ, ϕ
Γ, ϕ
Γ, ¬ϕ
Γ, ¬ϕ
Γ
`
`
`
`
`
ϕ
(ϕ ∨ ¬ϕ)
¬ϕ
(ϕ ∨ ¬ϕ)
(ϕ ∨ ¬ϕ)
(V)
(∨S1 ) auf (1) angewendet
(V)
(∨S2 ) auf (3) angewendet
(FU) auf (2), (4) angewendet.
(b) Die Sequenz R f (x) , ∀x x=f (x) ` R f f (x)
ist ableitbar in KS :
(1)
R f (x)
` R f (x)
(V)
(2)
R f (x) , x=f (x)
` R f f (x)
(S) auf (1) mit
t:=x, u:=f (x)
(3)
R f (x) , ∀x x=f (x) ` R f f (x)
(∀A) auf (2) mit
t:=x.
(c) Für alle Terme t, u ∈ Tσ ist die Sequenz t=u ` u=t ableitbar in KS :
(1)
(2)
` t=t
t=u ` u=t
Version vom 1. Dezember 2016
(G)
(S) auf (1) mit ϕ := x=t
Seite 198
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(d) Für jedes ϕ ∈ FO[σ] ist die Sequenz ∃z∀v ϕ ` ∀v∃z ϕ ableitbar in KS :
(1)
(2)
(3)
(4)
(5)
ϕ
ϕ
∀v ϕ
∀v ϕ
∃z∀v ϕ
`
`
`
`
`
ϕ
∃z ϕ
∃z ϕ
∀v∃z ϕ
∀v∃z ϕ
(V)
(∃S) auf (1) mit t := z
(∀A) auf (2) mit t := v
(∀S) auf (3) mit x := v
(∃A) auf (4) mit y := z
Folie 328
Beweisbarkeit: Φ `KS ϕ
Definition 4.20. Sei Φ ⊆ FO[σ] und sei ϕ ∈ FO[σ].
Die Formel ϕ heißt beweisbar aus Φ (kurz: Φ `KS ϕ), wenn es ein Γ ⊆e Φ
gibt, so dass die Sequenz Γ ` ϕ in KS ableitbar ist.
Ein Beweis von ϕ aus Φ ist eine Ableitung einer Sequenz Γ ` ϕ in KS ,
wobei Γ ⊆e Φ ist.
Notation. An Stelle von ∅ `KS ϕ schreiben wir auch kurz: `KS ϕ.
Aus der Korrektheit des Sequenzenkalküls KS (Satz 4.18) folgt:
Korollar 4.21.
Für jede FO[σ]-Formel ϕ und für jede Formelmenge Φ ⊆ FO[σ] gilt:
Φ `KS ϕ
=⇒
Φ |= ϕ.
Beweis.
Es gelte Φ `KS ϕ. Somit gibt es ein Γ ⊆e Φ, so dass die Sequenz Γ ` ϕ in
KS ableitbar ist.
Gemäß Satz 4.18 ist die Sequenz Γ ` ϕ korrekt, d.h. es gilt: Γ |= ϕ.
Wegen Γ ⊆ Φ gilt daher auch: Φ |= ϕ.
Folie 329
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 199
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Widerspruchsfreiheit
In der Mathematik nennen wir eine Menge von Aussagen widerspruchsvoll,
falls sich daraus ein Widerspruch (d.h. eine bestimmte Aussage und deren
Negat) herleiten lässt.
Wenn wir unter herleiten“ einen Beweis im Sequenzenkalkül KS verstehen,
”
ergibt sich folgender Begriff:
Definition 4.22. Sei Φ ⊆ FO[σ].
(a) Φ heißt widerspruchsvoll, falls es eine FO[σ]-Formel ϕ gibt, so dass
Φ `KS ϕ und Φ `KS ¬ϕ.
(b) Φ heißt widerspruchsfrei, falls Φ nicht widerspruchsvoll ist.
Aus der Korrektheit des Sequenzenkalküls folgt, dass erfüllbare
Formelmengen widerspruchsfrei sind:
Korollar 4.23. Für alle Φ ⊆ FO[σ] gilt:
Φ erfüllbar
=⇒
Φ widerspruchsfrei.
Beweis.
Sei Φ erfüllbar. Dann gibt es eine σ-Interpretation I mit I |= Φ.
Angenommen, Φ ist nicht widerspruchsfrei. Somit ist Φ widerspruchsvoll,
d.h. es gibt eine FO[σ]-Formel ϕ, so dass
Φ `K S ϕ
und
Φ `KS ¬ϕ.
Φ |= ϕ
und
Φ |= ¬ϕ.
und
I |= ¬ϕ.
Korollar 4.21 liefert:
Wegen I |= Φ gilt also:
I |= ϕ
Dies ist ein Widerspruch!
Folie 330
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Seite 200
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Eigenschaften widerspruchsvoller Mengen
Lemma 4.24.
Für jede Formelmenge Φ ⊆ FO[σ] sind folgende Aussagen äquivalent:
(a) Φ ist widerspruchsvoll.
Φ `KS ψ.
(b) Für jede FO[σ]-Formel ψ gilt:
Beweis von Lemma 4.24.
(b) =⇒ (a)“: Trivial.
”
(a) =⇒ (b)“:
”
Gemäß Voraussetzung ist Φ widerspruchsvoll.
D.h. es gibt ein ϕ ∈ FO[σ], so dass Φ `KS ϕ und Φ `KS ¬ϕ.
Somit gibt es Γ1 , Γ2 ⊆e Φ, so dass die Sequenzen Γ1 ` ϕ und Γ2 ` ¬ϕ in
KS ableitbar sind.
Dann ist für jede beliebige FO[σ]-Formel ψ auch Folgendes in KS ableitbar:
(1)
(2)
(3)
(4)
(5)
Γ1
Γ2
Γ1 ∪ Γ2
Γ1 ∪ Γ2
Γ1 ∪ Γ2
`
`
`
`
`
ϕ
¬ϕ
ϕ
¬ϕ
ψ
Erweiterungsregel (E) auf (1)
Erweiterungsregel (E) auf (2)
Widerspruchsregel (W) auf (3), (4)
Somit gilt Φ `KS ψ für jedes beliebige ψ ∈ FO[σ].
Folie 331
Der Vollständigkeitssatz
Satz 4.25. Für alle Signaturen σ, alle Formelmengen Φ ⊆ FO[σ] und alle
Formeln ϕ ∈ FO[σ] gilt:
(1)
Φ `K S ϕ
⇐⇒
Φ |= ϕ.
(2)
Φ ist widerspruchsfrei
⇐⇒
Φ ist erfüllbar.
Die Richtung =⇒“ von (1) und die Richung ⇐=“ von (2) haben wir
”
”
bereits in Korollar 4.21 und Korollar 4.23 bewiesen.
Die Richtung =⇒“ von (2) wird von dem folgenden, schwer zu
”
beweisenden Erfüllbarkeitslemma bereitgestellt:
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 201
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Lemma 4.26 (Erfüllbarkeitslemma).
Jede widerspruchsfreie Menge Φ ⊆ FO[σ] ist erfüllbar.
Folie 332
Beweis des Vollständigkeitssatzes unter Verwendung des
Erfüllbarkeitslemmas:
Unter Verwendung des Erfüllbarkeitslemmas (Lemma 4.26) erhalten wir
zusammen mit Korollar 4.23, dass Teil (2) des Vollständigkeitssatzes
korrekt ist. D.h. für jede Formelmenge Φ ⊆ FO[σ] gilt:
(2)
Φ ist widerspruchsfrei
⇐⇒
Φ ist erfüllbar.
Die Richtung =⇒“ von (1) haben wir bereits in Korollar 4.21 gezeigt.
”
Die Richtung ⇐=“ von Teil (1) des Vollständigkeitssatzes lässt sich wie
”
folgt beweisen:
Es seien Φ ⊆ FO[σ] und ϕ ∈ FO[σ], so dass gilt: Φ |= ϕ.
Wir wollen zeigen, dass gilt: Φ `KS ϕ.
Fall 1: Φ ∪ {¬ϕ} ist widerspruchsfrei.
Gemäß Erüllbarkeitslemma ist Φ ∪ {¬ϕ} erfüllbar. D.h. es gibt eine
σ-Interpretation I, so dass I |= Φ ∪ {¬ϕ}.
Somit gilt: I |= Φ und I 6|= ϕ.
Aber gemäß Voraussetzung gilt: Φ |= ϕ. Dies ist ein Widerspruch!
Somit kann der Fall, dass Φ ∪ {¬ϕ} widerspruchsfrei ist, nicht eintreten.
Fall 2: Φ ∪ {¬ϕ} ist nicht widerspruchsfrei.
Somit ist Φ ∪ {¬ϕ} widerspruchsvoll.
Gemäß Lemma 4.24 gilt dann für jede FO[σ]-Formel ψ, dass
Φ ∪ {¬ϕ} `KS ψ.
Insbesondere gilt also für die Formel ψ := ϕ, dass
Φ ∪ {¬ϕ} `KS ϕ.
Andererseits erhält man aus der Voraussetzungsregel (V), dass
Φ ∪ {ϕ} `KS ϕ.
Die Fallunterscheidungsregel (FU) liefert:
Φ `KS ϕ.
Dies beendet den Beweis des Vollständigkeitssatzes.
Folie 333
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Seite 202
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Zum Beweis des Erfüllbarkeitslemmas:
Zur Erinnerung: Das Erfüllbarkeitslemma besagt:
Jede widerspruchsfreie Formelmenge Φ ⊆ FO[σ] ist erfüllbar.
Beweisidee:
Konstruiere eine σ-Interpretation IΦ = (A, β), so dass gilt:
• Das Universum A von A ist die Menge Tσ aller σ-Terme.
• Für jeden σ-Term t gilt: JtKI = t.
• Für jedes Relationssymbol R ∈ σ, für k := ar(R), und für alle
σ-Terme t1 , . . . , tk gilt:
(t1 , . . . , tk ) ∈ RA
⇐⇒
Φ `KS R(t1 , . . . , tk )
Diese Interpretation IΦ wird Terminterpretation von Φ genannt.
Gemäß Definition erfüllt IΦ alle atomaren Formeln der Form R(t1 , . . . , tk )
in Φ.
Im Allgemeinen gilt jedoch noch nicht IΦ |= Φ (betrachte dazu
beispielsweise die Formelmenge Φ := {v0 =v1 }, die offensichtlicherweise
erfüllbar ist, für die aber gilt: IΦ 6|= Φ).
Aber nach einigen anspruchsvollen Modifikationen von IΦ erhält man eine
Interpretation IΦ0 mit IΦ0 |= Φ.
Details finden sich im Buch Einführung in die mathematische Logik“ von
”
Ebbinghaus, Flum und Thomas.
4.3
Der Endlichkeitssatz
Folie 334
Zur Erinnerung:
Wir haben bereits den Endlichkeitssatz der Aussagenlogik kennen gelernt,
der besagt, dass Folgendes für jede Menge Φ ⊆ AL und jede Formel ψ ∈ AL
gilt:
(1) Φ ist erfüllbar ⇐⇒
Jede endliche Teilmenge von Φ ist erfüllbar.
(2) Φ |= ψ ⇐⇒ Es gibt eine endliche Teilmenge Γ von Φ, so dass Γ |= ψ.
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Seite 203
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Der Endlichkeitssatz gilt auch für die Logik erster Stufe, d.h. die Aussagen
(1) und (2) gelten auch für alle Mengen Φ ⊆ FO[σ] und alle ψ ∈ FO[σ].
Zum Beweis der Endlichkeitssatzes der Logik erster Stufe nutzen wir den
Vollständigkeitssatz sowie das folgende Lemma.
Folie 335
Das syntaktische Endlichkeitslemma
Lemma 4.27. Für jede Signatur σ und jede Formelmenge Φ ⊆ FO[σ] gilt:
Φ ist widerspruchsfrei ⇐⇒ Jede endliche Teilmenge von Φ ist
widerspruchsfrei.
Beweis.
Sei σ eine Signatur und sei Φ ⊆ FO[σ]. Um das Lemma zu beweisen, genügt
es offensichtlicherweise, zu zeigen, dass Folgendes gilt:
Φ ist widerspruchsvoll ⇐⇒ Es gibt eine endliche Teilmenge
von Φ, die widerspruchsvoll ist.
Diese Aussage folgt direkt aus der Definition des Begriffs
widerspruchsvoll“, denn:
”
Φ ist widerspruchsvoll
Definition 4.22
⇐⇒
es gibt ein ϕ ∈ FO[σ], so dass Φ `KS ϕ und Φ `KS ¬ϕ
Definition 4.20
es gibt ein ϕ ∈ FO[σ] und Mengen Γ1 , Γ2 ⊆e Φ, so
dass die Sequenzen Γ1 ` ϕ und Γ2 ` ¬ϕ in KS
ableitbar sind
⇐⇒
Erw.regel (E)
⇐⇒
es gibt ein ϕ ∈ FO[σ] und ein Γ ⊆e Φ, so dass die
Sequenzen Γ ` ϕ und Γ ` ¬ϕ in KS ableitbar sind
⇐⇒
es gibt ein ϕ ∈ FO[σ] und ein Γ ⊆e Φ, so dass
Γ `KS ϕ und Γ `KS ¬ϕ
⇐⇒
es gibt ein Γ ⊆e Φ, das widerspruchsvoll ist.
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Seite 204
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Alternativ lässt sich Lemma 4.27 auch durch Widerspruch beweisen:
=⇒“: Gemäß Voraussetzung sei Φ widerspruchsfrei.
”
Sei Γ eine beliebige endliche Teilmenge von Φ.
Angenommen, Γ ist widerspruchsvoll. Dann gibt es eine FO[σ]-Formel ϕ, so
dass gilt: Γ `KS ϕ und Γ `KS ¬ϕ.
Wegen Γ ⊆ Φ gilt dann auch: Φ `KS ϕ und Φ `KS ¬ϕ. Somit ist Φ
widerspruchsvoll. Widerspruch!
⇐=“: Gemäß Voraussetzung sei jede endliche Teilmenge von Φ
”
widerspruchsfrei. Angenommen, Φ ist widerspruchsvoll.
Dann gibt es eine FO[σ]-Formel ϕ, so dass gilt: Φ `KS ϕ und Φ `KS ¬ϕ.
Gemäß Definition 4.20 gibt es dann endliche Teilmengen Γ1 und Γ2 von Φ,
so dass die Sequenzen Γ1 ` ϕ und Γ2 ` ¬ϕ im Sequenzenkalkül KS
ableitbar sind.
Gemäß der Erweiterungsregel (E) sind dann für Γ := Γ1 ∪ Γ2 auch die
Sequenzen Γ ` ϕ und Γ ` ¬ϕ in KS ableitbar.
Somit gilt: Γ `KS ϕ und Γ `KS ¬ϕ. Aber dies bedeutet, dass die Menge
Γ, die ja eine endliche Teilmenge von Φ ist, widerspruchsvoll ist.
Widerspruch!
Folie 336
Der Endlichkeitssatz (auch bekannt als Kompaktheitssatz)
Satz 4.28. Für jede Signatur σ, jede Formelmenge Φ ⊆ FO[σ] und jede
Formel ψ ∈ FO[σ] gilt:
(1) Φ ist erfüllbar ⇐⇒ Jede endliche Teilmenge von Φ ist erfüllbar.
(2) Φ |= ψ ⇐⇒ Es gibt eine endliche Teilmenge Γ von Φ, so dass Γ |= ψ.
Beachte: Die Aussage des Endlichkeitssatzes ist nur für unendliche
Formelmengen Φ interessant (für endliche Mengen Φ ist sie trivial).
Beweis. Zu (1): Es gilt:
Φ ist erfüllbar
Vollständigkeitssatz
⇐⇒
Lemma 4.27
⇐⇒
jede endliche Teilmenge Γ von Φ ist
widerspruchsfrei
Vollständigkeitssatz
⇐⇒
Φ ist widerspruchsfrei
jede endliche Teilmenge Γ von Φ ist
erfüllbar.
Zu (2): Es gilt:
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Φ |= ψ
Vollständigkeitssatz
⇐⇒
Definition 4.20
⇐⇒
Vollständigkeitssatz
⇐⇒
Φ `K S ψ
es gibt eine endliche Teilmenge Γ
von Φ, so dass Γ `KS ψ
es gibt eine endliche Teilmenge Γ
von Φ, so dass Γ |= ψ.
Folie 337
Erststufige Axiomatisierbarkeit
Definition 4.29.
Eine Klasse C von σ-Strukturen heißt erststufig axiomatisierbar, falls es eine
Menge Φ von FO[σ]-Sätzen gibt, so dass gilt: C = MODσ (Φ).
Zur Erinnerung:
MODσ (Φ) ist die Klasse aller σ-Strukturen A, für die gilt: A |= Φ.
Definition 4.30. Die Mächtigkeit einer σ-Struktur ist die Mächtigkeit ihres
Universums.
Eine σ-Struktur heißt endlich, unendlich, abzählbar2 , bzw. überabzählbar,
wenn ihr Universum die entsprechende Mächtigkeit besitzt.
Beispiel 4.31.
Die Klasse aller unendlichen σ-Strukturen ist erststufig axiomatisierbar.
Beweis. Für jedes n ∈ N mit n > 1 betrachte die FO[σ]-Formel
^
ϕn := ∃x1 · · · ∃xn
¬ xi =xj .
16i<j6n
Offensichtlicherweise gilt für jedes n > 1 und für jede σ-Struktur A:
A |= ϕn
⇐⇒
|A| > n.
Somit gilt für Φ := {ϕn : n ∈ N, n > 1} und für jede σ-Struktur A:
A |= Φ
⇐⇒
|A| = ∞.
Also wird die Klasse aller unendlichen Strukturen durch die Formelmenge Φ
erststufig axiomatisiert.
2
Wir bezeichnen eine Menge M als abzählbar, wenn sie entweder endlich ist oder dieselbe
Mächtigkeit wie N besitzt. Somit ist M genau dann abzählbar, wenn es eine injektve
Abbildung von M nach N gibt.
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Wir können den Endlichkeitssatz anwenden, um zu zeigen, dass bestimmte
Klassen von Strukturen nicht erststufig axiomatisierbar sind.
Im Folgenden betrachten wir dazu zwei Beispiele: die
Nicht-Axiomatierbarkeit der Endlichkeit“ von Strukturen und die
”
Nicht-Axiomatisierbarkeit von Graph-Zusammenhang“.
”
Folie 338
Nicht-Axiomatisierbarkeit der Endlichkeit“ von Strukturen
”
Lemma 4.32. Sei Φ eine Menge von FO[σ]-Sätzen. Falls Φ beliebig große
endliche Modelle besitzt (d.h. für jedes n ∈ N gibt es eine endliche
σ-Struktur A mit |A| > n und A |= Φ), so besitzt Φ ein unendliches Modell.
Beweis. Für n > 1 sei ϕn die Formel aus dem Beweis von Beispiel 4.31, die
besagt, dass das Universum mindestens n verschiedene Elemente enthält.
Sei
Φ0 := Φ ∪ {ϕn : n > 1}.
Dann ist jede endliche Teilmenge von Φ0 erfüllbar, da gemäß Voraussetzung
Φ beliebig große endliche Modelle besitzt. Gemäß Endlichkeitssatz ist auch
Φ0 erfüllbar. D.h. es gibt eine σ-Struktur A mit A |= Φ0 .
Somit gilt: A |= Φ und A |= ϕn für jedes n > 1. Insbesondere ist also
|A| > n für jedes n ∈ N. Somit ist A ein unendliches Modell von Φ.
Satz 4.33.
Die Klasse aller endlichen σ-Strukturen ist nicht erststufig axiomatisierbar.
Beweis. Durch Widerspruch:
Angenommen, Φ ist eine Menge von FO[σ]-Sätzen, die die Klasse aller
endlichen σ-Strukturen erststufig axiomatisiert. Dann hat Φ beliebig große
endliche Modelle. Gemäß Lemma 4.32 besitzt Φ dann auch ein unendliches
Modell. Widerspruch!
Korollar 4.34. Es gibt keine endliche Menge von FO[σ]-Sätzen, die die
Klasse aller unendlichen σ-Strukturen erststufig axiomatisiert.
Beweis. Durch Widerspruch:
Angenommen, Φ = {ψ1 , . . . , ψm } ist eine endliche Menge von
FO[σ]-Sätzen, die die Klasse aller unendlichen σ-Strukturen erststufig
axiomatisiert.
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Seite 207
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Dann gilt für die FO[σ]-Formel
ϕ := ¬ ψ1 ∧ · · · ∧ ψm
und für jede σ-Struktur A:
A |= ϕ
⇐⇒
A ist endlich.
Somit ist {ϕ} eine Menge von FO[σ]-Sätzen, die die Klasse aller endlichen
σ-Strukturen erststufig axiomatisiert. Widerspruch zu Satz 4.33.
Folie 339
Nicht-Axiomatisierbarkeit von Graph-Zusammenhang“
”
Satz 4.35. Die Klasse aller zusammenhängenden Graphen ist nicht
erststufig axiomatisierbar.
Beweis. Sei σ := {E/2} die Signatur für Graphen.
Für jede Zahl n ∈ N sei ψn (x, y) eine FO[σ]-Formel, die besagt, dass es
keinen Weg der Länge n von Knoten x zu Knoten y gibt. D.h. es sei
ψ0 (x, y) := ¬ x=y
und, für n ∈ N mit n > 1, sei
ψn (x, y) := ¬ ∃z0 ∃z1 · · · ∃zn z0 =x ∧ zn =y ∧
n
^
E(zi−1 , zi ) .
i=1
Offensichtlicherweise gilt für alle gerichteten Graphen A und alle Knoten
a, b ∈ A:
A |= ψn [a, b]
⇐⇒
es gibt in A keinen Weg der Länge n von a nach b.
Sei
Ψ := { ψn (x, y) : n ∈ N mit n > 1}.
Dann gilt für jeden gerichteten Graphen A, für jede Belegung β : VAR → A
und für die Knoten a := β(x) und b := β(y):
(A, β) |= Ψ
⇐⇒
Version vom 1. Dezember 2016
es gibt in A keinen Weg von a nach b.
Seite 208
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Angenommen, Φ ist eine Menge von FO[σ]-Sätzen die die Klasse aller
zusammenhängenden Graphen erststufig axiomatisiert. D.h. für jeden
ungerichteten Graphen G und den zu G gehörenden3 gerichteten Graphen A
gilt:
G ist zusammenhängend
⇐⇒
A |= Φ.
Gemäß Definition ist ein ungerichteter Graph G genau dann
zusammenhängend, wenn es für jedes Paar (a, b) von Knoten von G eine
Zahl n ∈ N gibt, so dass es in G einen Weg der Länge n von Knoten a zu
Knoten b gibt. Daher ist
Φ0 := Φ ∪ Ψ
eine unerfüllbare Menge von FO[σ]-Formeln.
Im Folgenden zeigen wir, dass jede endliche Teilmenge Γ von Φ0 erfüllbar
ist. Laut Endlichkeitssatz muss daher auch Φ0 erfüllbar sein. Widerspruch!
Sei also Γ eine beliebige endliche Teilmenge von Φ0 . Unser Ziel ist, zu
zeigen, dass Γ erfüllbar ist.
Sei dazu m := max{n ∈ N : ψn ∈ Γ}. Sei G ein Graph, der aus einer
ungerichteten Kette von m+2 Knoten besteht.
Skizze:
G:
0
1
2
m
m+1
D.h.:
G ist der Graph mit
Knotenmenge {0, . . . , m+1} und Kantenmenge
{i−1, i} : 1 6 i 6 m+1 .
Dann gilt für die zu G gehörende σ-Struktur A:
1. A |= Φ, da G zusammenhängend ist, und
2. für die Endknoten a := 0 und b := m+1 der Kette gilt:
Es gibt in A keinen Weg der Länge 6 m von Knoten a zu Knoten b.
Somit gilt für jedes n 6 m, dass A |= ψn [a, b].
Gemäß der Wahl von m gilt daher für die Belegung β mit β(x) := a und
β(y) := b, dass (A, β) |= Γ. Somit ist Γ erfüllbar.
Folie 340
d.h. für G = (V G , E G ) ist A die σ-Struktur mit Universum A := V G
Kantenmenge E A := {(u, v) : {u, v} ∈ E G }
3
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 209
und mit
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Der Satz von Löwenheim und Skolem
Unter Verwendung von Teilergebnissen, die beim (in dieser Vorlesung nicht
im Detail behandelten) Beweis des Erfüllbarkeitslemmas anfallen, erhält
man das folgende Resultat.
Satz 4.36 (Der Satz von Löwenheim und Skolem).
Sei σ eine abzählbare Signatur. Dann hat jede erfüllbare Formelmenge
Φ ⊆ FO[σ] ein höchstens abzählbares Modell.
(Hier ohne Beweis)
Als direkte Folgerung aus dem Satz von Löwenheim und Skolem erhalten
wir:
Korollar 4.37. Sei σ eine abzählbare Signatur.
Dann ist die Klasse aller überabzählbaren σ-Strukturen nicht erststufig
axiomatisierbar.
Beweis. Angenommen, Φ ist eine Menge von FO[σ]-Sätzen, die die Klasse
aller überabzählbaren σ-Strukturen erststufig axiomatisiert.
Gemäß Satz von Löwenheim und Skolem besitzt Φ ein höchstens
abzählbares Modell. Widerspruch!
4.4
Die Grenzen der Berechenbarkeit
Folie 341
Zur Erinnerung:
Einige Begriffe zum Thema (Un)Entscheidbarkeit
Entscheidungsprobleme sind Probleme, die mit ja“ oder nein“
”
”
beantwortet werden können. Genauer:
• Sei M eine abzählbar unendliche Menge, zum Beispiel
– die Menge Σ∗ aller Worte über einem endlichen Alphabet Σ,
oder
– die Menge aller Graphen, deren Knotenmenge eine endliche
Teilmenge der natürlichen Zahlen ist.
• Das Entscheidungsproblem für eine Menge L ⊆ M ist das folgende
Berechnungsproblem:
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 210
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Das Entscheidungsproblem für L ⊆ M
Eingabe: Ein Element m ∈ M .
Frage: Ist m ∈ L ?
Folie 342
Beispiele für Entscheidungsprobleme
• Graphzusammenhang ist das Entscheidungsproblem für L ⊆ M , wobei
M die Menge aller ungerichteten Graphen ist, deren Knotenmenge
eine endliche Teilmenge von N ist und
L die Menge aller zusammenhängenden Graphen aus M ist.
• Das Halteproblem ist das Entscheidungsproblem für L ⊆ M , wobei
M die Menge aller Worte w#x mit w, x ∈ {0, 1}∗ ist und
L die Menge aller Worte w#x ist, so dass w eine deterministische
Turingmaschine beschreibt, die bei Eingabe x nach endlich vielen
Schritten anhält.
Folie 343
Entscheidungsprobleme für die Logik erster Stufe
Allgemeingültigkeitsproblem für FO[σ]
Eingabe: Eine FO[σ]-Formel ϕ
Frage: Ist ϕ allgemeingültig?
Formal:
M ist die Menge aller Worte über dem Alphabet AFO[σ] und
L ist die Menge {ϕ ∈ FO[σ] : ϕ ist allgemeingültig}
Erfüllbarkeitsproblem für FO[σ]
Eingabe: FO[σ]-Formel ϕ
Unerfüllbarkeitsproblem für FO[σ]
Eingabe: FO[σ]-Formel ϕ
Frage: Ist ϕ erfüllbar?
Version vom 1. Dezember 2016
Frage: Ist ϕ unerfüllbar?
Seite 211
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Folgerungsproblem für FO[σ]
Eingabe: Zwei FO[σ]-Formeln ϕ, ψ
Frage: Gilt ϕ |= ψ ?
Folie 344
Entscheidbarkeit und Semi-Entscheidbarkeit
Definition 4.38. Sei M eine abzählbar unendliche Menge.
(a) Eine Menge L ⊆ M heißt entscheidbar, falls es einen Algorithmus gibt,
der bei Eingabe eines m ∈ M nach endlich vielen Schritten anhält und
• ja“
ausgibt, falls m ∈ L
”
• nein“ ausgibt, falls m 6∈ L.
”
(b) L ⊆ M heißt semi-entscheidbar, falls es einen Algorithmus gibt, der bei
Eingabe eines m ∈ M
• nach endlich vielen Schritten anhält und ja“ ausgibt, falls m ∈ L
”
• nie anhält, falls m 6∈ L.
Beispiele:
• Graphzusammenhang ist entscheidbar (z.B. durch Tiefen- oder
Breitensuche).
• Das Halteproblem ist semi-entscheidbar (bei Eingabe von w#x
konstruiere die von w repräsentierte deterministische Turingmaschine
und lasse diese mit Eingabe x laufen).
Ist es auch entscheidbar? Nein! — Das Halteproblem ist das
Paradebeispiel eines nicht entscheidbaren Problems.
Folie 345
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 212
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Einfache Beobachtungen
• Jede entscheidbare Menge L ⊆ M ist auch semi-entscheidbar (anstatt
nein“ auszugeben und anzuhalten, gehen wir einfach in eine
”
Endlosschleife)
• Für jede entscheidbare Menge L ⊆ M ist auch die Menge
L := (M \ L) ⊆ M entscheidbar (vertausche einfach die Antworten
ja“ und nein“)
”
”
• Wenn sowohl L ⊆ M als auch L := (M \ L) ⊆ M semi-entscheidbar
sind, dann ist L ⊆ M sogar entscheidbar.
Beweis: Wir nutzen Algorithmen A und B, die L ⊆ M bzw. L ⊆ M
semi-entscheiden und bauen daraus einen Algorithmus C, der L ⊆ M
entscheidet. Bei Eingabe von m ∈ M geht C wie folgt vor:
Für i = 1, 2, 3, . . . tue Folgendes:
Führe den i-ten Berechnungsschritt von A bei Eingabe m aus.
Falls A in diesem Schritt anhält, so gib ja“ aus und halte an.
”
Führe den i-ten Berechnungsschritt von B bei Eingabe m aus.
Falls B in diesem Schritt anhält, so gib nein“ aus und halte an.
”
Man sieht leicht, dass C nach endlich vielen Schritten anhält und ja“
”
(bzw. nein“) ausgibt, falls m ∈ L (bzw. m 6∈ L) ist.
”
Folie 346
Semi-Entscheidbarkeit einiger Logik-Probleme
Satz 4.39. Sei σ eine höchstens abzählbare Signatur.
Jedes der folgenden Probleme ist semi-enscheidbar:
(a) das Allgemeingültigkeitsproblem für FO[σ],
(b) das Unerfüllbarkeitsproblem für FO[σ],
(c) das Folgerungsproblem für FO[σ].
Beweis.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 213
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(a) Für jede FO[σ]-Formel ϕ gilt gemäß dem Vollständigkeitssatz:
ϕ ist allgemeingültig
⇐⇒ ∅ |= ϕ
⇐⇒ die Sequenz ∅ ` ϕ ist korrekt
⇐⇒ die Sequenz ∅ ` ϕ ist im Sequenzenkalkül KS ableitbar.
Da der Sequenzenkalkül KS effektiv ist, gibt es einen Algorithmus S,
der nach und nach alle aus KS ableitbaren Sequenzen ausgibt.
Wir nutzen diesen Algorithmus, um einen
Semi-Entscheidungs-Algorithmus für das Allgemeingültigkeitsproblem
für FO[σ] zu erhalten: Bei Eingabe einer FO[σ]-Formel ϕ starten wir S.
Jedesmal, wenn S eine Sequenz ausgibt, überprüft A, ob dies die
Sequenz ∅ ` ϕ ist. Falls ja, hält A an und gibt ja“ aus.
”
Offensichtlicherweise gilt für jede FO[σ]-Formel ϕ:
Falls ϕ allgemeingültig ist, so wird A bei Eingabe ϕ nach endlich vielen
Schritten mit Ausgabe ja“ anhalten (da S nach endlich vielen
”
Schritten die (korrekte) Sequenz ∅ ` ϕ“ ausgeben wird).
”
Falls ϕ nicht allgemeingültig ist, wird A bei Eingabe ϕ nie anhalten (da
die Sequenz ∅ ` ϕ“ nicht korrekt ist und daher nie von S ausgegeben
”
wird).
(b) Für jede FO[σ]-Formel ψ gilt:
ϕ ist unerfüllbar
⇐⇒
¬ϕ ist allgemeingültig.
Wir können daher den Semi-Entscheidungs-Algorithmus A aus (a)
nutzen, um einen Semi-Entscheidungs-Algorithmus U für das
Unerfüllbarkeitsproblem für FO[σ] zu erhalten: Bei Eingabe einer
FO[σ]-Formel ϕ setzen ψ := ¬ϕ und starten Algorithmus A mit
Eingabe ψ. Falls A anhält und ja“ ausgibt, hält auch U an und gibt
”
ja“ aus.
”
Man sieht leicht, dass für jede Formel ϕ gilt: Bei Eingabe ϕ wird U
• nach endlich vielen Schritten anhalten und ja“ ausgeben, falls die
”
Formel ¬ϕ allgemeingültig, und somit ϕ unerfüllbar ist,
• nie anhalten, falls die Formel ¬ϕ nicht allgemeingültig, und somit
ϕ erfüllbar ist.
(c) Für alle FO[σ]-Formeln ϕ und ψ gilt:
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 214
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ϕ |= ψ
⇐⇒
die Formel (¬ϕ ∨ ψ) ist allgemeingültig.
Wir können daher den Semi-Entscheidungs-Algorithmus A aus (a)
nutzen, um einen Semi-Entscheidungs-Algorithmus F für das
Folgerungsproblem zu erhalten: Bei Eingabe zweier FO[σ]-Formeln ϕ
und ψ konstruiert F die Formel χ := (¬ϕ ∨ ψ), startet dann
Algorithmus A mit Eingabe χ und hält mit Ausgabe ja“ an, falls A
”
mit Ausgabe ja“ anhält.
”
Man sieht leicht, dass für alle Formeln ϕ, ψ gilt:
Bei Eingabe von ϕ und ψ wird F
• nach endlich vielen Schritten anhalten und ja“ ausgeben, falls die
”
Formel (¬ϕ ∨ ψ) allgemeingültig ist, und somit ϕ |= ψ“ gilt
”
• nie anhalten, falls die Formel (¬ϕ ∨ ψ) nicht allgemeingültig ist,
und somit ϕ |= ψ“ nicht gilt.
”
Folie 347
Unentscheidbarkeit einiger Logik-Probleme
Unser nächstes Ziel ist, zu zeigen, dass für bestimmte Signaturen σ gilt:
• Das Allgemeingültigkeitsproblem für FO[σ],
• das Unerfüllbarkeitsproblem für FO[σ],
• das Erfüllbarkeitsproblem für FO[σ] und
• das Folgerungsproblem für FO[σ]
ist nicht entscheidbar.
Wir werden dazu wie folgt vorgehen:
1. Wir nutzen das bekannte Resultat, das besagt, dass das Postsche
Korrespondenzproblem unentscheidbar ist.
2. Wir zeigen, wie das Postsche Korrespondenzproblem unter
Zuhilfenahme eines Entscheidungs-Algorithmus für das
Allgemeingültigkeitsproblem für FO[σ] (für eine geeignete Signatur σ)
gelöst werden könnte.
Dadurch erhalten wir, dass das Allgemeingültigkeitsproblem für FO[σ]
unentscheidbar ist.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 215
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3. Die Unentscheidbarkeit des Unerfüllbarkeitsproblems, des
Erfüllbarkeitsproblems und des Folgerungsproblems für FO[σ] folgen
dann leicht aus der Unentscheidbarkeit des
Allgemeingültigkeitsproblems für FO[σ].
Folie 348
Das Postsche Korrespondenzproblem
Das Postsche Korrespondenzproblem (PKP)
Eingabe: Eine Zahl k > 1 und k Paare (x1 , y1 ), (x2 , y2 ), . . . , (xk , yk )
mit x1 , y1 , . . . , xk , yk ∈ {0, 1}∗ .
Frage: Gibt es ein n > 1 und Indizes i1 , . . . , in ∈ {1, . . . , k}, so
dass gilt: xi1 xi2 · · · xin = yi1 yi2 · · · yin ?
Beispiel:
Das PKP mit Eingabe k = 3 und
(x1 , y1 ) = ( 1, 111 ),
(x2 , y2 ) = ( 10111, 10 ),
(x3 , y3 ) = ( 10, 0 ).
hat eine Lösung mit n = 4 und i1 = 2, i2 = 1, i3 = 1, i4 = 3, denn:
x2 x1 x1 x3
y2 y1 y1 y3
=
=
10111 1 1 10
10 111 111 0.
Bekannt:
• Das PKP ist semi-entscheidbar.
(Dies sieht man leicht.)
• Das PKP ist nicht entscheidbar.
(Dies wurde in der Veranstaltung Einführung in die Theoretische
”
Informatik“ bewiesen.)
Folie 349
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 216
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Die Unentscheidbarkeit der Logik erster Stufe
Satz 4.40. Sei σ := {R, f0 , f1 , c}, wobei c ein Konstantensymbol, R ein
2-stelliges Relationssymbol und f0 , f1 zwei 1-stellige Funktionssymbole sind.
Das Allgemeingültigkeitsproblem für FO[σ] ist nicht entscheidbar.
Beweis: Auf Grund der Unentscheidbarkeit des PKP reicht es, eine
Reduktion vom PKP zum Allgemeingültigkeitsproblem für FO[σ]
anzugeben. D.h. wir zeigen, dass
bei Eingabe eines Tupels
I = k, (x1 , y1 ), . . . , (xk , yk ) , das eine Eingabe für’s PKP repräsentiert,
eine FO[σ]-Formel ϕI konstruiert werden kann, die genau dann
allgemeingültig ist, wenn I eine ja“-Instanz für’s PKP ist (d.h. es gibt
”
n > 1 und i1 , . . . , in ∈ [k], so dass xi1 · · · xin = yi1 · · · yin ).
Wenn das Allgemeingültigkeitsproblem für FO[σ] entscheidbar wäre, wäre
daher auch das PKP entscheidbar.
Zur Konstruktion der Formel ϕI gehen wir in mehreren Schritten vor.
Folie 350
Schritt 1: Für jede Eingabe I = k, (x1 , y1 ), . . . , (xk , yk )
definiere eine σ-Struktur AI , so dass gilt:
AI |= ∃z R(z, z)
⇐⇒
für das PKP
I ist eine ja“-Instanz für’s PKP, d.h.
”
es gibt n > 1 und i1 , . . . , in ∈ [k], so
dass xi1 · · · xin = yi1 · · · yin .
Dazu wählen wir AI wie folgt:
• Universum AI := {0, 1}∗
• cAI := ε (leeres Wort)
• für jedes w ∈ {0, 1}∗ gilt: f0AI (w) := w0 und f1AI (w) := w1
• RAI := ( xi1 · · · xin , yi1 · · · yin ) : n > 1, i1 , . . . , in ∈ [k] }
Offensichtlicherweise gilt:
AI |= ∃z R(z, z)
⇐⇒
I ist eine ja“-Instanz für’s PKP.
”
Folie 351
Schritt 2: Konstruiere FO[σ]-Formeln ψIStart und ψISchritt , die AI hinreichend
genau beschreiben.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 217
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Die Formel ψIStart soll besagen, dass die Relation RAI die Tupel (xj , yj ) für
alle j ∈ [k] enthält.
Die Formel ψISchritt soll besagen, dass die Relation RAI abgeschlossen ist
unter Konkatenation mit (xj , yj ); d.h.: Ist (u, v) ∈ RAI und j ∈ [k], so ist
auch (uxj , vyj ) ∈ RAI .
Um dies durch FO[σ]-Formeln zu formulieren, nutzen wir folgende
Schreibweisen:
Für ein Wort w = w1 · · · w` ∈ {0, 1}` und einen σ-Term t schreiben wir
fw (t) ,
um den σ-Term
fw` · · · fw2 fw1 (t)
zu bezeichnen. Analog bezeichnen wir für eine σ-Struktur B mit fwB die
Funktion von B nach B, so dass für jedes b ∈ B gilt:
fwB (b) = fwB` · · · fwB2 fwB1 (b) .
Beachte, dass dies gerade so definiert ist, dass für die Struktur AI und für
alle Worte u ∈ {0, 1}∗ und alle nicht-leeren w ∈ {0, 1}∗ gilt:
fwAI (u)
=
uw.
Unter Nutzung dieser Notationen setzen wir
ψIStart :=
k
^
R fxj (c), fyj (c)
j=1
ψISchritt
:=
∀u ∀v
R(u, v) →
k
^
R fxj (u), fyj (v)
j=1
Folie 352
Beachte: AI |= ψIStart ∧ ψISchritt , da die Relation RAI alle Tupel (xj , yj )
für j ∈ [k] enthält und da für alle Tupel (u, v) ∈ RAI gilt, dass auch
(uxj , vyj ) ∈ RAI ist, für jedes j ∈ [k].
Schritt 3: Setze ϕI :=
ψIStart ∧ ψISchritt → ∃z R(z, z)
Klar: Es gibt einen Algorithmus, der bei Eingabe von I die Formel ϕI
konstruiert.
Behauptung 1:
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 218
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ϕI ist allgemeingültig
⇐⇒
I ist eine ja“-Instanz für’s PKP.
”
Beweis:
=⇒“: Sei ϕI allgemeingültig. Dann gilt insbesondere AI |= ϕI . Gemäß
”
Schritt 2 und Schritt 1 ist I dann eine ja“-Instanz für’s PKP.
”
⇐=“: Sei I eine ja“-Instanz für’s PKP. Dann gibt es ein Wort
”
”
û ∈ {0, 1}∗ , so dass (û, û) ∈ RAI .
Wir müssen zeigen, dass ϕI allgemeingültig ist. Sei dazu B eine beliebige
σ-Struktur. Zu zeigen: B |= ϕI .
Fall 1: B 6|= ψIStart ∧ ψISchritt .
Dann gilt gemäß Konstruktion von ϕI , dass B |= ϕI .
Fall 2: B |= ψIStart ∧ ψISchritt .
Wir müssen zeigen, dass dann auch gilt: B |= ∃z R(z, z). D.h. wir müssen
ein b̂ ∈ B finden, so dass gilt: (b̂, b̂) ∈ RB .
Ein solches b̂ ∈ B finden wir, indem wir b̂ := h(û) setzen, wobei
h : {0, 1}∗ → B wie folgt definiert ist:
h(ε) := cB ,
und für alle u ∈ {0, 1}∗ gilt:
h(u0) := f0B h(u) ,
h(u1) := f1B h(u) .
Per Induktion nach der Länge von w sieht man leicht, dass für alle
u ∈ {0, 1}∗ und alle nicht-leeren w ∈ {0, 1}∗ gilt:
h(uw) = fwB h(u)
und
h(w) = fwB h(ε) = fwB cB .
Wegen (û, û) ∈ RAI folgt daher aus der nächsten Behauptung, dass
(b̂, b̂) ∈ RB , und damit ist der Beweis dann beendet.
Behauptung 2: Für alle (u, v) ∈ RAI gilt:
h(u), h(v) ∈ RB .
Beweis: Per Induktion nach n zeigen wir, dass für
alleB n > 1 und alle
i1 , . . . , in ∈ [k] gilt: h(xi1 · · · xin ), h(yi1 · · · yin ) ∈ R .
Induktionsanfang n = 1: Wegen B |= ψIStart gilt insbes. für j := i1 , dass
B |= R fxi1 (c), fyi1 (c) .
Somit gilt:
h(xi1 ), h(yi1 )
=
fxBi1 (cB ), fyBi1 (cB )
Dies beendet den Induktionsanfang.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 219
∈
RB .
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Induktionsschritt n → n+1: Gemäß Induktionsannahme
für
gilt
B
u := xi1 · · · xin und v := yi1 · · · yin , dass h(u), h(v) ∈ R .
Für j := in+1 müssen wir zeigen, dass
auch
gilt:
h(ux
),
h(vy
)
∈ RB .
j
j
Wegen B |= ψISchritt und h(u), h(v) ∈ RB gilt gemäß der Konstrukton
von ψISchritt , dass
h(uxj ), h(vxj )
=
fxBj h(u) , fyBj h(v)
∈ RB .
Dies beendet den Induktionsschritt und daher auch den Beweis von
Behauptung 2, den Beweis von Behauptung 1 und insgesamt den Beweis
von Satz 4.40.
Folie 353
Aus Satz 4.39, Satz 4.40 und den bekannten Zusammenhängen zwischen
semi-entscheidbaren und entscheidbaren Problemen, sowie den
Korrespondenzen zwischen Allgemeingültigkeit, (Un)Erfüllbarkeit und
logischer Folgerung, erhält man leicht:
Korollar 4.41. Sei σ die Signatur aus Satz 4.40. Dann gilt:
(a) Das Allgemeingültigkeitsproblem für FO[σ] ist semi-entscheidbar aber
nicht entscheidbar.
(b) Das Folgerungsproblem für FO[σ] ist semi-entscheidbar
aber nicht entscheidbar.
(c) Das Unerfüllbarkeitsproblem für FO[σ] ist
semi-entscheidbar aber nicht entscheidbar.
(d) Das Erfüllbarkeitsproblem für FO[σ] ist
nicht semi-entscheidbar.
Beweis: Übung.
Folie 354
Bemerkung 4.42. Man kann zeigen, dass
(1) Korollar 4.41 für jede Signatur σ gilt, die mindestens ein
Relationssymbol der Stelligkeit > 2 enthält
(2) für Signaturen σ, die ausschließlich aus Konstantensymbolen und
Relationssymbolen der Stelligkeit 1 bestehen, jedes der in Korollar 4.41
betrachteten Probleme entscheidbar ist.
(Hier ohne Beweis)
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 220
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4.5
Der Satz von Herbrand
Folie 355
• Im letzten Abschnitt haben wir gesehen, dass es keinen Algorithmus
gibt, der das Erfüllbarkeitsproblem und das
Allgemeingültigkeitsproblem der Logik erster Stufe löst und stets
terminiert.
• Trotzdem möchte man für verschiedene Anwendungsbereiche
Verfahren haben, die das Erfüllbarkeits- oder das
Allgemeingültigkeitsproblem der Logik erster Stufe so gut wie
”
möglich“ lösen.
• Einen Ansatz für die Entwicklung solcher, in der Praxis nutzbarer,
Verfahren liefert die Herbrand-Theorie, die nach dem französischen
Logiker Jacques Herbrand (1908–1931) benannt ist.
• Ziel dieses Abschnitts ist, den Satz von Herbrand vorzustellen, der das
Allgemeingültigkeits- bzw. das Erfüllbarkeitsproblem der Logik erster
Stufe auf das entsprechende Problem der Aussagenlogik zurückführt.
Folie 356
Notationen
• In diesem Abschnitt bezeichnet σ stets eine endliche oder abzählbare
Signatur, die mindestens ein Konstantensymbol enthält.
• Die Menge aller quantorenfreien FO[σ]-Formeln bezeichnen wir mit
QFσ .
• Ein Grundterm über σ ist ein variablenfreier σ-Term, d.h., ein
σ-Term, der keine Variable enthält.
Die Menge aller Grundterme über σ bezeichnen wir mit GTσ .
Beispiele:
(a) Sei σ := { c, f /1, g/2, R/2 }.
Grundterme über σ sind dann z.B.
c, f (c), g(c, c), f (f (c)), f (g(c, c)), g(c, f (c)), g(f (c), c), . . .
Version vom 1. Dezember 2016
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(b) Sei σ := { c, R/2 }.
Dann ist c der einzige Grundterm über σ. D.h.
GTσ = { c }.
Folie 357
Herbrandstrukturen
Definition 4.43. Sei σ eine Signatur, die mindestens ein
Konstantensymbol enthält.
Eine σ-Herbrandstruktur ist eine σ-Struktur A mit folgenden Eigenschaften:
• Das Universum A von A ist genau die Menge GTσ aller Grundterme
über σ (d.h. aller variablenfreien σ-Terme).
• Für jedes Konstantensymbol c ∈ σ ist cA = c.
• Für jedes Funktionssymbol f ∈ σ, für k := ar(f ), und für alle
variablenfreien σ-Terme t1 , . . . , tk ∈ A ist
f A (t1 , . . . , tk )
=
f (t1 , . . . , tk ).
Beachte: Alle σ-Herbrandstrukturen haben dasselbe Universum und
dieselbe Interpretation der Konstanten- und Funktionssymbole.
Lediglich die Interpretation der Relationssymbole kann in
σ-Herbrandstrukturen frei gewählt werden.
Zur Angabe einer konkreten σ-Herbrandstruktur A genügt es also, die
Interpretation der Relationssymbole anzugeben, d.h. für jedes
Relationssymbol R ∈ σ die Relation RA anzugeben.
Folie 358
Beispiel
Sei σ := { c, R/2 }.
Frage: Wie sehen σ-Herbrandstrukturen aus?
Antwort: Für jede σ-Herbrandstruktur A gilt:
• Universum: A = { c }
• cA = c
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 222
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• RA ⊆ {c}2 , d.h.
RA = ∅
RA = { (c, c) }.
oder
Somit gibt es genau 2 verschiedene σ-Herbrandstrukturen.
Folie 359
Bemerkung 4.44. Sei A eine σ-Herbrandstruktur.
Man sieht leicht, dass Folgendes gilt:
• Für jeden variablenfreien σ-Term t (d.h. für jedes t ∈ GTσ = A) gilt:
JtKA
=
t.
• Für jede quantorenfreie FO[σ]-Formel ψ gilt:
Ist var(ψ) ⊆ {x1 , . . . , xn } und sind t1 , . . . , tn ∈ GTσ , so gilt:
A |= ψ[t1 , . . . , tn ]
⇐⇒
,...,tn
A |= ψ xt11 ,...,x
n
,...,tn
Dabei ist ψ xt11 ,...,x
die Formel, die aus ψ entsteht, indem für jedes
n
i ∈ [n] jedes Vorkommen von xi ersetzt wird durch den Grundterm ti .
Folie 360
Herbrand-Modelle und gleichheitsfreie Formeln in Skolemform
Definition 4.45.
(a) Ein Herbrand-Modell eines FO[σ]-Satzes ϕ ist eine σ-Herbrandstruktur,
die ϕ erfüllt.
(b) Eine FO[σ]-Formel ϕ heißt gleichheitsfrei, falls das Symbol =“ nicht in
”
ϕ vorkommt.
(c) Eine FO[σ]-Formel ist in Skolemform (auch: Skolem-Normalform), falls
sie von der Form
∀x1 · · · ∀xn ψ
ist, wobei gilt: n > 0, x1 , . . . , xn sind paarweise verschiedene
Variablen, und ψ ist eine quantorenfreie FO[σ]-Formel.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 223
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Satz 4.46.
Sei σ eine Signatur, die mindestens ein Konstantensymbol besitzt.
Für jeden gleichheitsfreien FO[σ]-Satz ϕ in Skolemform gilt:
ϕ ist erfüllbar
⇐⇒
ϕ besitzt ein Herbrand-Modell.
Beweis.
Die Richtung ⇐=“ ist offensichtlich.
”
Für den Beweis der Richtung =⇒“ sei B eine σ-Struktur mit B |= ϕ. Wir
”
definieren im Folgenden eine σ-Herbrandstruktur A und zeigen dann, dass
gilt: A |= ϕ.
Wir definieren die σ-Herbrandstruktur A wie folgt: Für jedes
Relationssymbol R ∈ σ, für k := ar(R) und für alle t1 , . . . , tk ∈ GTσ = A
setze
(t1 , . . . , tk ) ∈ RA
⇐⇒
B |= R(t1 , . . . , tk ) .
Per Induktion über den Aufbau von Formeln erhält man leicht (Details:
Übung), dass für alle n ∈ N, für alle gleichheitsfreien quantorenfreien
FO[σ]-Formeln ψ mit var(ψ) ⊆ {x1 , . . . , xn } und für alle t1 , . . . , tn ∈ GTσ
gilt:
n
n
⇐⇒
B |= ψ xt11 ,...,t
(4.2)
A |= ψ xt11 ,...,t
,...,xn
,...,xn
Laut Voraussetzung gilt B |= ϕ, und ϕ ist von der Form ∀x1 · · · ∀xn ψ,
wobei ψ eine gleichheitsfreie, quantorenfreie FO[σ]-Formel ist.
Wegen B |= ∀x1 · · · ∀xn ψ gilt insbes. für alle Grundterme t1 , . . . , tn ∈ GTσ ,
dass
B |= ψ Jt1 KB , . . . , Jtn KB ,
und somit gilt auch:
B |= ψ
t1 ,...,tn
x1 ,...,xn
A |= ψ
t1 ,...,tn
x1 ,...,xn
für alle t1 , . . . , tn ∈ GTσ .
Aus (4.2) folgt, dass
für alle t1 , . . . , tn ∈ GTσ = A gilt.
Somit gilt: A |= ∀x1 · · · ∀xn ψ. Also ist A ein Herbrand-Modell von ϕ.
Folie 361
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 224
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Die Herbrand-Expansion eines Satzes in Skolemform
Definition 4.47. Sei ϕ ein gleichheitsfreier FO[σ]-Satz in Skolemform, d.h.
ϕ ist von der Form ∀x1 · · · ∀xn ψ, wobei ψ quantorenfrei und
gleichheitsfrei ist.
Die Herbrand-Expansion von ϕ ist die Formelmenge
o
n
n
:
t
,
.
.
.
,
t
∈
GT
HE(ϕ) :=
ψ xt11 ,...,t
1
n
σ
,...,xn
D.h.: Jede Formel in HE(ϕ) entsteht, indem in der quantorenfreien Formel
ψ jede Variable xi ersetzt wird durch einen Grundterm ti .
Beispiel 4.48. Sei σ = { c, f /1, g/2, R/3 } und sei
ϕ :=
∀x ∀y ∀z R x, f (y), g(z, x)
Dann gehören z.B. die folgenden Formeln zur Herbrand-Expansion HE(ϕ):
• R(c, f (c), g(c, c))
(dies erhält man, indem jede der Variablen x, y, z durch den
Grundterm c ersetzt wird)
• R(f (c), f (c), g(c, f (c)))
(dies erhält man, indem x durch den Grundterm f (c) und jede der
Variablen y, z durch den Grundterm c ersetzt wird)
• R(g(c, c), f (f (c)), g(c, g(c, c)))
(dies erhält man, indem Variable x durch den Grundterm g(c, c),
Variable y durch den Grundterm f (c) und Variable z durch den
Grundterm c ersetzt wird)
Folie 362
Die aussagenlogische Version der Herbrand-Expansion
Für jeden gleichheitsfreien FO[σ]-Satz ϕ in Skolemform gilt:
Jede Formel ξ ∈ HE(ϕ) ist quantorenfrei, gleichheitsfrei und variablenfrei,
und jede atomare Subformel von ξ ist von der Form R(t1 , . . . , tk ), wobei
R ∈ σ, k = ar(R) und t1 , . . . , tk ∈ GTσ .
Für jede solche atomare Formel stellen wir ein Aussagensymbol
XR(t1 ,...,tk ) ∈ AS bereit.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 225
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Für jedes ξ ∈ HE(ϕ) sei al(ξ) die aussagenlogische Formel, die aus ξ
entsteht, indem jede atomare Subformel der Form R(t1 , . . . , tk ) ersetzt wird
durch das Aussagensymbol XR(t1 ,...,tk ) .
Die aussagenlogische Version der Herbrand-Expansion von ϕ ist die Menge
AHE(ϕ) :=
al(ξ) : ξ ∈ HE(ϕ) .
Folie 363
Der Satz von Herbrand
Satz 4.49 (Satz von Gödel-Herbrand-Skolem).
Sei σ eine Signatur, die mindestens ein Konstantensymbol enthält.
Für jeden gleichheitsfreien FO[σ]-Satz ϕ in Skolemform gilt: ϕ ist erfüllbar
⇐⇒ die aussagenlogische Formelmenge AHE(ϕ) ist erfüllbar.
Beweis. Sei ϕ von der Form ∀x1 · · · ∀xn ψ, wobei ψ quantorenfrei und
gleichheitsfrei ist. Es gilt:
⇐⇒
ϕ ist erfüllbar
ϕ besitzt ein Herbrand-Modell
⇐⇒
es gibt eine σ-Herbrandstruktur A mit A |= ∀x1 · · · ∀xn ψ
Satz 4.46
Für jede σ-Herbrandstruktur A gilt:
A=GTσ
⇐⇒
Def. HE(ϕ)
A |= ∀x1 · · · ∀xn ψ
n
für alle t1 , . . . , tn ∈ GTσ gilt: A |= ψ xt11 ,...,t
,...,xn
⇐⇒
A |= HE(ϕ)
⇐⇒
JA |= AHE(ϕ),
wobei JA die aussagenlogische Interpretation ist, so dass für jedes R ∈ σ,
für k := ar(R), für alle Grundterme t1 , . . . , tk ∈ GTσ und für das
zugehörige Aussagensymol XR(t1 ,...,tk ) gilt:
(
1 falls A |= R(t1 , . . . , tk )
JA XR(t1 ,...,tk ) :=
0 sonst
Insbesondere folgt, dass gilt:
ϕ erfüllbar
Version vom 1. Dezember 2016
=⇒
AHE(ϕ) erfüllbar.
Seite 226
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Umgekehrt sei für jede aussagenlogische Interpretation J die zu J
gehörende σ-Herbrandstruktur AJ definiert via
n
o
RAJ :=
(t1 , . . . , tk ) : t1 , . . . , tk ∈ GTσ und J XR(t1 ,...,tk ) = 1 ,
für jedes R ∈ σ und für k = ar(R).
Man sieht leicht, dass für jede aussagenlogische Interpretation J und jedes
ξ ∈ HE(ϕ) gilt:
J |= al(ξ)
⇐⇒
AJ |= ξ.
Somit gilt auch:
J |= AHE(ϕ)
⇐⇒
AJ |= HE(ϕ)
⇐⇒
AJ |= ϕ.
Insbesondere gilt also:
AHE(ϕ) erfüllbar
=⇒
ϕ erfüllbar.
Dies beendet den Beweis von Satz 4.49.
In Verbindung mit dem Endlichkeitssatz der Aussagenlogik erhalten wir:
Satz 4.50 (Satz von Herbrand).
Sei σ eine Signatur, die mindestens ein Konstantensymbol enthält. Sei ψ
eine gleichheitsfreie und quantorenfreie FO[σ]-Formel und sei
{x1 , . . . , xn } = frei(ψ).
Dann gilt für die FO[σ]-Sätze ϕ := ∀x1 · · · ∀xn ψ und ϕ0 := ∃x1 · · · ∃xn ψ :
(a) ϕ ist erfüllbar ⇐⇒ jede endliche Teilmenge von AHE(ϕ) ist
erfüllbar.
(b) ϕ ist unerfüllbar ⇐⇒ es gibt eine endliche Teilmenge von AHE(ϕ),
die unerfüllbar ist.
(c) ϕ0 ist allgemeingültig ⇐⇒ es gibt eine Zahl m ∈ N und Grundterme
ti,1 , . . . , ti,n für alle i ∈ [m], so dass die folgende Formel allgemeingültig
ist:
m
_
t ,...,ti,n
ψ i,1
x1 ,...,xn
i=1
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 227
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Beweis.
Aussage (a) folgt direkt aus dem Satz von Gödel-Herbrand-Skolem und
dem Endlichkeitssatz der Aussagenlogik.
Aussage (b) folgt direkt aus (a).
Aussage (c) lässt sich aus (b) wie folgt herleiten:
Offensichtlichwerweise gilt:
ϕ0 ist allgemeingültig
⇐⇒
¬ϕ0 ist unerfüllbar.
Außerdem ist
¬ϕ0
=
¬ ∃x1 · · · ∃xn ψ
≡
∀x1 · · · ∀xn ¬ψ.
Gemäß (b) ist ¬ϕ0 genau dann unerfüllbar, wenn es eine endliche
Teilmenge Γ von AHE(∀x1 · · · ∀xn ¬ψ) gibt, die unerfüllbar ist.
Gemäß der Definition der Herbrand-Expansion einer Formel ist jede
endliche Teilmenge Γ von AHE(∀x1 · · · ∀xn ¬ψ) von der Form
o
n
t ,...,ti,n :
i
∈
{1,
.
.
.
,
m}
,
al ¬ψ i,1
x1 ,...,xn
wobei m ∈ N und ti,1 , . . . , ti,n ∈ GTσ für jedes i ∈ [m] ist.
Eine solche Formelmenge ist genau dann unerfüllbar, wenn die
aussagenlogische Formel
m
^
al ¬ψ
ti,1 ,...,ti,n
x1 ,...,xn
i=1
unerfüllbar ist.
Dies wiederum ist genau dann der Fall, wenn der quantorenfreie und
gleichheitsfreie FO[σ]-Satz
m
^
¬ψ
ti,1 ,...,ti,n
x1 ,...,xn
i=1
unerfüllbar ist.
Und dies gilt genau dann, wenn der FO[σ]-Satz
m
_
ψ
ti,1 ,...,ti,n
x1 ,...,xn
i=1
allgemeingültig ist.
Dies beendet den Beweis von (c).
Folie 364
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 228
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Anwendung des Satzes von Herbrand
Um nachzuweisen, dass ein gleichheitsfreier FO[σ]-Satz ϕ in Skolemform
unerfüllbar ist, kann man auf Grund des Satzes von Herbrand wie folgt
vorgehen:
Für i = 1, 2, 3, . . . tue Folgendes:
(1) Sei ξi die i-te Formel in AHE(ϕ)
(2) Teste, ob die aussagenlogische Formel (ξ1 ∧ · · · ∧ ξi )
unerfüllbar ist.
(3) Falls ja, halte an mit Ausgabe ϕ ist unerfüllbar“
”
Man sieht leicht, dass dies ein Semi-Entscheidungsverfahren ist, das eine
gegebene Formel ϕ auf Unerfüllbarkeit testet.
Durch die Einschränkung auf gleichheitsfreie FO[σ]-Sätze in Skolemform
scheint dieses Verfahren auf den ersten Blick nur sehr eingeschränkt
anwendbar zu sein.
Im Folgenden zeigen wir jedoch, dass jede FO[σ]-Formel in eine zu ihr
erfüllbarkeitsäquivalente Formel der richtigen Form transformiert werden
kann.
Folie 365
Definition 4.51. Seien σ1 , σ2 Signaturen und ϕi eine FO[σi ]-Formel, für
jedes i ∈ {1, 2}.
Die Formel ϕ2 heißt erfüllbarkeitsäquivalent zu ϕ1 , falls gilt:
ϕ2 ist erfüllbar
⇐⇒
ϕ1 ist erfüllbar.
Satz 4.52 (Skolemisierung). Zu jeder Signatur σ gibt es eine Signatur σ̂,
so dass jede FO[σ]-Formel ϕ in einen zu ϕ erfüllbarkeitsäquivalenten
gleichheitsfreien FO[σ̂]-Satz ϕ̂ in Skolemform transformiert werden kann.
Bevor wir den Satz beweisen, betrachten wir zunächst ein Beispiel.
Beispiel 4.53. Die Formel ∀x ∃y ∀z ∃u R(x, y, z, u) ist
erfüllbarkeitsäquivalent zum folgenden gleichheitsfreien Satz in Skolemform:
∀x ∀z R x, f (x), z, g(x, z)
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 229
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Beweis von Satz 4.52:
Wir gehen in mehreren Schritten vor.
Schritt 1: Elimination von freien Variablen
Sei {x1 , . . . , xn } = frei(ϕ), seien c1 , . . . , cn paarweise verschiedene
Konstantensymbole, die nicht in σ liegen.
Sei σ1 := σ ∪ {c1 , . . . , cn }, und sei ϕ1 der FO[σ1 ]-Satz, der aus ϕ entsteht,
indem jedes freie Vorkommen der Variable xi (für i ∈ [n]) ersetzt wird
durch die Konstante ci . Offensichtlicherweise gilt:
ϕ1 ist erfüllbar
⇐⇒
ϕ ist erfüllbar.
Schritt 2: Elimination des Gleichheitszeichens
Sei σ2 := σ1 ∪ {G}, wobei G ein 2-stelliges Relationssymbol ist, das nicht
in σ1 vorkommt.
Falls ϕ1 kein Gleichheitszeichen enthält, so setze ϕ2 := ϕ1 und beende
Schritt 2. Ansonsten gehe wie folgt vor.
Sei ϕG die Formel, die aus ϕ1 entsteht, indem jede atomare Subformel der
Form t1 =t2 (für σ-Terme t1 , t2 ) ersetzt wird durch die Formel G(t1 , t2 ).
Sei χÄq ein FO[{G}]-Satz, der besagt, dass G eine Äquivalenzrelation ist,
d.h.:
χÄq :=
∀x G(x, x) ∧
∀x ∀y G(x, y) → G(y, x) ∧
∀x ∀y ∀z G(x, y) ∧ G(y, z) → G(x, z) .
Für jedes Funktionssymbol f ∈ σ und für k := ar(f ) sei χf der folgende
FO[{f, G}]-Satz, der besagt, dass G verträglich“ ist mit f .
”
m
^
χf := ∀x1 · · · ∀xk ∀y1 · · · ∀yk
G(xi , yi ) →
i=1
G f (x1 , . . . , xn ), f (y1 , . . . , yn )
.
Für jedes Relationssymbol R ∈ σ und für k := ar(R) sei χR der folgende
FO[{R, G}]-Satz, der besagt, dass G verträglich“ ist mit R.
”
χR := ∀x1 · · · ∀xk ∀y1 · · · ∀yk
m
^
G(xi , yi ) ∧ R(x1 , . . . , xk )
i=1
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 230
→ R(y1 , . . . , yk )
.
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Sei nun
ϕ2 :=
ϕG ∧ χÄq ∧
^
^
χf ∧
f ∈σ(ϕ1 )
χR .
R∈σ(ϕ1 )
Offensichtlicherweise ist ϕ2 ein gleichheitsfreier FO[σ2 ]-Satz.
Behauptung: ϕ2 ist genau dann erfüllbar, wenn ϕ1 erfüllbar ist.
Beweisidee:
Die Richtung ⇐=“ ist trivial.
”
Für den Beweis der Richtung =⇒“ sei A ein Modell von ϕ2 . Wir bauen
”
daraus wie folgt ein Modell B für ϕ1 :
Die Elemente des Universums von B sind genau die Äquivalenzklassen von
Elementen des Universums von A bezüglich der Äquivalenzrelation GA .
Wir schreiben [a], um die Äquivalenzklasse von a ∈ A bzgl. GA zu
bezeichnen, d.h.
[a]
:=
{ a0 ∈ A : (a, a0 ) ∈ GA }.
B
:=
Wir setzen
{ [a] : a ∈ A }.
Für jedes Funktionssymbol f ∈ σ, für k := ar(f ) und für alle a1 , . . . , ak ∈ A
setzen wir
f B [a1 ], . . . , [ak ]
:= [ f A (a1 , . . . , ak ) ].
Wegen A |= χf ist dies wohldefiniert.
Für jedes Relationssymbol R ∈ σ und für k := ar(f ) setzen wir
RB := { [a1 ], . . . , [ak ]
: (a1 , . . . , ak ) ∈ RA }.
Wegen A |= χR gilt dann für alle a01 , . . . a0k ∈ A:
[a01 ], . . . , [a0k ] ∈ RB
⇐⇒
a01 , . . . , a0k ∈ RA .
Aus A |= ϕG kann man nun folgern (Details: Übung), dass gilt: B |= ϕ2 .
Dies beendet den Beweis der Behauptung.
Schritt 3: Erzeugen der Formel in Skolemform
Wir bringen nun den gleichheitsfreien FO[σ2 ]-Satz ϕ2 in
Pränex-Normalform und erhalten dadurch einen zu ϕ2 äquivalenten
gleichheitsfreien FO[σ2 ]-Satz der Form
Q1 x1 · · · Qn xn ψ ,
wobei gilt: ψ ist quantorenfrei und gleichheitsfrei, n > 0,
Q1 , . . . , Qn ∈ {∃, ∀}, und o.B.d.A. sind die Variablen x1 , . . . , xn paarweise
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Seite 231
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verschieden und es gilt Q1 = ∀ (falls letzteres nicht der Fall ist, ersetzen
wir ϕ02 durch die Formel ∀z ϕ02 , wobei z ∈ VAR \ {x1 , . . . , xn }).
Falls Q1 = · · · = Qn = ∀ ist, so sind wir fertig. Andernfalls sei i > 1
minimal, so dass Qi+1 = ∃. Dann ist ϕ02 von der Form
∀x1 · · · ∀xi ∃xi+1 ξ
für ξ := Qi+2 xi+2 · · · Qn xn ψ.
Sei f ein i-stelliges Funktionssymbol, das nicht zu σ2 gehört. Sei ξ 0 die
Formel, die aus ξ entsteht, indem jedes Vorkommen der Variablen xi+1
ersetzt wird durch den Term f (x1 , . . . , xi ), sei σ3,1 := σ2 ∪ {f } und sei
ϕ3,1 :=
∀x1 · · · ∀xi ξ 0
Behauptung: ϕ3,1 ist genau dann erfüllbar, wenn ϕ2 erüllbar ist.
Beweis: Übung.
Falls ϕ3,1 keinen Existenzquantor enthält, sind wir fertig und setzen
σ̂ := σ3,1 und ϕ̂ := ϕ3,1 .
Ansonsten verfahren wir mit ϕ3,1 genauso wie mit ϕ02 , um den ersten in ϕ3,1
vorkommenden Existenzquantor zu eliminieren. Nach weniger als n
Iterationen erhalten wir einen zu ϕ02 erfüllbarkeitsäquivalenten,
gleichheitsfreien Satz in Skolemform. Dies beendet den Beweis von
Satz 4.52.
4.6
Automatische Theorembeweiser
Folie 366
Einfaches Verfahren (ohne Unifikation)
Seien ϕ und ψ zwei FO[σ]-Formeln.
Ziel: Automatischer Beweis, dass ϕ |= ψ gilt.
Dazu reicht es, zu zeigen, dass die Formel (ϕ ∧ ¬ψ) unerfüllbar ist.
Verfahren:
1. Erzeuge einen zu (ϕ ∧ ¬ψ) erfüllbarkeitsäquivalenten gleichheitsfreien
FO[σ̂]-Satz χ in Skolemform (über der erweiterten Signatur σ̂).
Nutze dazu das im Beweis von Satz 4.52 vorgestellte Verfahren.
2. Verwende das auf Seite 229 beschriebene
Semi-Entscheidungsverfahren, um zu herauszufinden, ob χ unerfüllbar
ist.
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Folie 367
Beispiel 4.54.
Sei σ := {R/1, c, f /1},
ϕ := R(c) ∧ ∀x ∃y ( R(x) → R(f (f (y))) ) ∨ R(f (x))
ψ := ∃x R(f (f (x))).
Dann ist (ϕ ∧ ¬ψ) =
R(c) ∧ ∀x ∃y ( R(x) → R(f (f (y))) ) ∨ R(f (x))
∧ ¬∃x R(f (f (x)))
ein gleichheitsfreier Satz. Eine Umformung in Pränex-Normalform liefert
den dazu äquivalenten Satz
∀x ∃y R(c) ∧
¬R(x) ∨ R(f (f (y))) ∨ R(f (x))
∧ ¬R(f (f (x))) .
Wir erweitern die Signatur um ein 1-stelliges Funktionssymbol g und
erhalten den dazu erfüllbarkeitsäquivalenten gleichheitsfreien Satz in
Skolemform χ =
∀x R(c) ∧
¬R(x) ∨ R(f (f (g(x)))) ∨ R(f (x))
∧ ¬R(f (f (x)))
über der Signatur σ̂ = {R, c, f, g}.
Folie 368
Für jeden Grundterm t ∈ GTσ̂ enthält die aussagenlogische Variante
AHE(χ) der Herbrand-Expansion von χ die aussagenlogische Formel
ξt := XR(c) ∧ ¬XR(t) ∨ XR(f (f (g(t)))) ∨ XR(f (t))
∧ ¬ XR(f (f (t))) .
Wir zählen die Grundterme in GTσ̂ in der folgenden Reihenfolge auf
t1 = c,
t2 = f (c),
t3 = g(c),
t4 = f (f (c)),
t5 = g(f (c)),
...
und zählen die Formeln in AHE(χ) in derselben Reihenfolge auf, also
ξ1 = ξt1 ,
ξ2 = ξt2 ,
ξ3 = ξt3 ,
...
Bei dem auf Seite 229 beschriebenen Verfahren wird dann beispielsweise im
Schleifendurchlauf für i = 5 getestet, ob die aussagenlogische Formel
ξ1 ∧ ξ2 ∧ ξ3 ∧ ξ4 ∧ ξ5
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Seite 233
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unerfüllbar ist. Dazu können wir beispielsweise das in Kapitel 2.6
behandelte Resolutionsverfahren oder den in Kapitel 2.7 behandelten
DPLL-Algorithmus anwenden.
Folie 369
In unserem Beispiel entspricht die Formel
ξ1 ∧ · · · ∧ ξ5 ) der Klauselmenge
Γ :=
{ XR(c) } ,
{ ¬XR(c) , XR(f (f (g(c)))) , XR(f (c)) } , { ¬XR(f (f (c))) } ,
{ ¬XR(f (c)) , XR(f (f (g(f (c))))) , XR(f (f (c))) } , { ¬XR(f (f (f (c)))) } ,
{ ¬XR(g(c)) , XR(f (f (g(g(c))))) , XR(f (g(c))) } , { ¬XR(f (f (g(c)))) }
{ ¬XR(f (f (c))) , XR(f (f (g(f (f (c)))))) , XR(f (f (f (c)))) } , { ¬XR(f (f (f (f (c))))) }
{ ¬XR(g(f (c))) , XR(f (f (g(g(f (c)))))) , XR(f (g(f (c)))) } , { ¬XR(f (f (g(f (c))))) }
Wir konstruieren eine Resolutionswiderlegung für Γ:
(1)
XR(c)
(2)
¬XR(c) , XR(f (f (g(c)))) , XR(f (c))
(3)
XR(f (f (g(c)))) , XR(f (c))
(4)
¬XR(f (f (g(c))))
(5)
XR(f (c))
(6)
¬XR(f (c)) , XR(f (f (g(f (c))))) , XR(f (f (c)))
(7)
XR(f (f (g(f (c))))) , XR(f (f (c)))
(8)
¬XR(f (f (c)))
(9)
XR(f (f (g(f (c)))))
(10)
¬XR(f (f (g(f (c)))))
(11) ∅
in Γ
in Γ
Resolvente aus 1,2
in Γ
Resolvente aus 3,4
in Γ
Resolvente aus 5,6
in Γ
Resolvente aus 7,8
in Γ
Resolvente aus 9,10
Folie 370
Somit ist Γ unerfüllbar (gemäß Satz 2.60). Das auf Seite 229 angegebene
Verfahren hält daher (spätestens) im Schleifendurchlauf für i = 5 mit der
Ausgabe χ ist unerfüllbar“ an. Da χ erfüllbarkeitsäquivalent zur Formel
”
(ϕ ∧ ¬ψ) ist, wissen wir also, dass ϕ |= ψ gilt.
Dies beendet Beispiel 4.54.
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Seite 234
o
Kapitel 5
Logik-Programmierung
5.1
Einführung
Folie 371
Logik-Programmierung
Logik-Programmierung bezeichnet die Idee, Logik direkt als
Programmiersprache zu verwenden.
Logik-Programmierung (in Sprachen wie Prolog) und die verwandte
funktionale Programmierung (in Sprachen wie LISP, ML, Haskell ) sind
deklarativ,
im Gegensatz zur imperativen Programmierung (in Sprachen wie Java, C,
Perl ).
Die Idee er deklarativen Programmierung besteht darin, dem Computer
lediglich sein Wissen über das Anwendungsszenario und sein Ziel
mitzuteilen und dann die Lösung des Problems dem Computer zu
überlassen.
Bei der imperativen Programmierung hingegen gibt man dem Computer die
einzelnen Schritte zur Lösung des Problems vor.
Folie 372
Prolog
• ist die wichtigste logische Programmiersprache,
• geht zurück auf Kowalski und Colmerauer
(Anfang der 1970er Jahre, Marseilles),
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• steht für (franz.) Programmation en logique.
• Mitte/Ende der 1970er Jahre: effiziente Prolog-Implementierung durch
den von Warren (in Edinburgh) entwickelten Prolog-10 Compiler.
Prolog ist eine voll entwickelte und mächtige Programmiersprache, die vor
allem für symbolische Berechnungsprobleme geeignet ist.
Aus Effizienzgründen werden in Prolog die abstrakten Ideen der logischen
Programmierung nicht in Reinform umgesetzt, Prolog hat auch
nichtlogische“ Elemente.
”
Folie 373
Dieses Kapitel
• setzt voraus, dass Sie bereits Grundkenntnisse der
Programmiersprache Prolog besitzen, die beispielsweise im Buch
Learn Prolog Now!“ von P. Blackburn, J. Bos und K. Striegnitz
”
vermittelt werden, und die während des Semesters bereits im
Übungsbetrieb behandelt wurden.
• gibt eine Einführung in die Grundlagen der Logik-Programmierung —
keine Einführung in die Programmiersprache Prolog!
Auf einige der Hauptunterschiede zwischen allgemeiner
Logik-Programmierung und Prolog werden wir im Laufe dieses Kapitels
eingehen.
Alle in diesem Kapitel enthaltenen Beispiele von Logikprogrammen sind
voll lauffähige Prologprogramme, aber in einigen Fällen unterscheidet sich
die Semantik des Programms im Sinne der Logik-Programmierung von der
Semantik des Programms im Sinne von Prolog.
Folie 374
Zunächst zwei Beispiele für Logikprogramme
Beispiel 5.1. Ein Logikprogramm zur Repräsentation natürlicher Zahlen in
Unärdarstellung und der zugehörigen Arithmetik und der Kleiner-Relation.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 236
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Programm: unat.pl
unat(null).
unat(s(X)) :- unat(X).
plus(null, Y, Y).
plus(s(X), Y, s(Z)) :- plus(X, Y, Z).
minus(X, Y, Z) :- plus(Y, Z, X).
mal(null, Y, null).
mal(s(X), Y, Z) :- mal(X, Y, Z1), plus(Z1, Y, Z).
less(null, s(_)).
less(s(X), s(Y)) :- less(X, Y).
Folie 375
Beispiel 5.2. Ein Programm, das Daten über Familienstammbäume des
Buchs Vom Winde verweht“ von Margaret Mitchell (1936) enthält.
”
Programm: vomWindeVerweht.pl
mutter(solange, ellen).
mutter(katie, gerald).
mutter(ellen, scarlett). mutter(ellen, suellen). mutter(ellen, carreen).
mutter(scarlett, wade). mutter(scarlett, ella). mutter(scarlett, bonnie).
mutter(melanie, beau).
vater(pierre, ellen).
vater(gerald, scarlett). vater(gerald, suellen). vater(gerald, carreen).
vater(charles, wade).
vater(frank, ella).
vater(rhett, bonnie).
vater(john, ashley).
vater(john, india).
vater(ashley, beau).
weiblich(solange).
weiblich(scarlett).
weiblich(ella).
weiblich(india).
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weiblich(ellen).
weiblich(suellen).
weiblich(bonnie).
Seite 237
weiblich(katie).
weiblich(carreen).
weiblich(melanie).
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maennlich(gerald).
maennlich(pierre).
maennlich(rhett).
maennlich(wade).
maennlich(charles).
maennlich(john).
maennlich(beau).
maennlich(frank).
maennlich(ashley).
elternteil(X,Y) :- vater(X,Y).
elternteil(X,Y) :- mutter(X,Y).
grossmutter(X,Z) :- mutter(X,Y), elternteil(Y,Z).
grossvater(X,Z) :- vater(X,Y), elternteil(Y,Z).
schwester(X,Y) :elternteil(Z,X), elternteil(Z,Y), weiblich(X), X \== Y.
bruder(X,Y) :elternteil(Z,X), elternteil(Z,Y), maennlich(X), X \== Y.
tante(X,Y) :- elternteil(Z,Y), schwester(X,Z).
onkel(X,Y) :- elternteil(Z,Y), bruder(X,Z).
vorfahre(X,Y) :- elternteil(X,Y).
vorfahre(X,Y) :- elternteil(X,Z), vorfahre(Z,Y).
nachkomme(X,Y) :- vorfahre(Y,X).
5.2
Syntax und deklarative Semantik von
Logikprogrammen
Folie 376
Logikprogramme
Logikprogramme sind Wissensbasen“, bestehend aus einer endlichen Menge
”
von Fakten und Regeln.
Eine Berechnung eines Logikprogramms besteht aus der Ableitung der
Konsequenzen, die aus den Fakten und den Regeln des Programms
hergeleitet werden können.
Man führt ein Programm aus, indem man Anfragen an die Wissensbasis
stellt.
Fakten beschreiben Relationen zwischen Objekten.
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Seite 238
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Beispiele: vater(gerald,scarlett), maennlich(rhett),
plus(s(null),s(s(null)),s(s(s(null)))).
party,
Relationen haben eine Stelligkeit k > 0.
Nullstellige Relationen sind einfach Aussagen (z.B. besagt party“, dass
”
die Party stattfindet).
Eine Anfrage ist eine durch Kommas getrennte Liste von Fakten; gefragt
wird, ob diese Fakten in der Wissenbasis gelten, d.h., ob sie aus der
Wissensbasis ableitbar sind.
Beispiele: Die Anfrage ?- schwester(scarlett, suellen) fragt, ob
Scarlett eine Schwester von Suellen ist.
Die Anfrage ?- mutter(scarlett, X), vater(ashley, X) fragt, ob
Scarlett und Ashley ein gemeinsames Kind haben.
Folie 377
Die Rolle der Terme
Terme sind in Logikprogrammen die universelle Datenstruktur.
Je nach Kontext spielen sie die Rolle von Fakten
oder von Objekten, über die die Fakten sprechen.
Die einfachste Art von Termen in Logikprogrammen sind die im Folgenden
definierten Konstanten und Variablen.
Folie 378
Atome, Zahlen, Konstanten und Variablen der
Logik-Programmierung
Definition 5.3.
(a) Atome sind die Grundbausteine von Logikprogrammen. Sie werden
bezeichnet durch Zeichenketten, die keins der Symbole (“ und )“
”
”
enthalten und die mit einem Kleinbuchstaben beginnen oder in
einfachen Hochkommata stehen. Atome repräsentieren Individuen.
Beispiele: scarlett, ’Scarlett’, logikInDerInformatik
(b) Zahlen in Logikprogrammen sind entweder ganze Zahlen oder reelle
Zahlen in Gleitkommadarstellung.
Beispiele: 42, 1.2e-3
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Seite 239
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(c) Konstanten der Logik-Programmierung sind Atome oder Zahlen.
Folie 379
Definition 5.4. Variablen der Logik-Programmierung werden durch
Zeichenketten bezeichnet, die mit einem Großbuchstaben oder einem
Unterstrich beginnen und keins der Symbole (“ und )“ enthalten.
”
”
Eine Variable repräsentiert in einem Logikprogramm (ähnlich wie in der
Logik erster Stufe) ein nicht-spezifiziertes Individuum.
Man beachte den Gegensatz zur imperativen Programmierung, bei der eine
Variable für eine Speicherzelle“ steht, in der Werte gespeichert und
”
verändert werden können.
Beispiele: X, Mutter,
mutter, RUD26
Folie 380
Terme der Logik-Programmierung
Definition 5.5.
(a) Ein einfacher Term der Logik-Programmierung ist eine Konstante oder
eine Variable (d.h., ein Atom, eine Zahl oder eine Variable der
Logik-Programmierung).
(b) Die Menge TLP der Terme der Logik-Programmierung ist rekursiv wie
folgt definiert:
(1) Jeder einfache Term ist ein Term.
(2) Ist f ein Atom, ist k ∈ N mit k > 1 und sind t1 , . . . , tk ∈ TLP
Terme, so ist
f(t1 ,...,tk )
ein Term in TLP .
(c) Terme in TLP , die keine einfachen Terme sind, heißen zusammengesetzte
Terme der Logik-Programmierung.
In einem zusammengesetzten Term der Form f(t1 ,...,tk ) spielt das Atom
f die Rolle eines k-stelligen Funktors, den wir mit f/k bezeichnen.
Spezialfall k = 0: Jedes Atom g wird als ein 0-stelliger Funktor betrachtet,
der mit g/0 bezeichnet wird, und der ein (einfacher) Term ist.
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Seite 240
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Folie 381
Beispiele: party, vater(gerald,scarlett), s(s(s(null))),
vorlesung(name(logikInDerInformatik),
zeit(Mi,9,11),
ort(gebaeude(RUD26),raum(0110))).
Folie 382
Gleichheit von Termen
Zwei Terme t und t0 der Logik-Programmierung werden nur dann als gleich
bezeichnet, wenn sie syntaktisch, d.h. als Zeichenketten betrachtet,
identisch sind.
Beispiel:
Die beiden Terme plus(null,X,X) und plus(null,Y,Y) sind nicht
gleich.
Folie 383
Substitutionen
Notation. Für eine partielle Funktion f schreiben wir Def(f ) und Bild(f )
um den Definitionsbereich und den Bildbereich von f zu bezeichnen.
D.h. Def(f ) ist die Menge aller Objekte x, für die der Wert f (x) definiert
ist, und Bild(f ) = {f (x) : x ∈ Def(f )}.
Definition 5.6.
Eine Substitution ist eine partielle Abbildung von der Menge der Variablen
auf die Menge der Terme.
Eine Substitution für eine Menge V von Variablen der
Logik-Programmierung ist eine Substitution S mit Def(S) ⊆ V .
Beispiel:
S :=
X 7→ c, Y 7→ f(X,g(c)), Z 7→ Y
bezeichnet die Substitution mit Definitionsbereich Def(S) = {X, Y, Z}, für
die gilt: S(X) = c, S(Y) = f(X,g(c)), S(Z) = Y.
Folie 384
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 241
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Anwendung von Substitutionen
Durch Anwenden einer Substitution S auf einen Term t ∈ TLP erhalten wir
den Term tS ∈ TLP , der aus t durch simultanes Ersetzen jeder Variablen
X ∈ Def(S) durch den Term S(X) entsteht.
Beispiel: Sei
t
:=
h(f(X,X), Y, f(Y,g(Z)))
und
S :=
X 7→ c, Y 7→ f(X,g(c)), Z 7→ Y .
Dann ist
tS
=
h(f(c,c), f(X,g(c)), f(f(X,g(c)), g(Y))).
Definition 5.7.
Ein Term t0 ist eine Instanz eines Terms t, wenn es eine Substitution S gibt,
so dass t0 = tS.
Folie 385
Grundterme
Definition 5.8.
Ein Grundterm der Logik-Programmierung ist ein Term, der keine
Variable(n) enthält.
Eine Grundinstanz eines Terms t ∈ TLP ist eine Instanz von t, die ein
Grundterm ist.
Eine Grundinstanz eines Terms t entsteht also, indem jede in t
vorkommende Variable durch einen Grundterm ersetzt wird.
Beispiele: h(c,c,f(c)) und h(f(f(c,c),g(d)),d,f(g(g(c)))) sind
Grundinstanzen des Terms h(X,Y,f(Z)).
Bemerkung. Grundterme sind wichtig, weil sie in dem Modell, das dem
Logikprogramm zu Grunde liegt, eine unmittelbare Bedeutung haben.
Variablen hingegen haben keine direkte Bedeutung, sondern sind nur
Platzhalter für Objekte.
Folie 386
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 242
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Fakten der Logik-Programmierung
Definition 5.9.
Ein Faktum der Logik-Programmierung ist ein Atom oder ein
zusammengesetzter Term der Logik-Programmierung.
Fakten beschreiben Tatsachen bzw. Relationen zwischen Objekten.
Beispiele: Das Faktum party beschreibt, dass eine Party stattfindet.
Das Faktum unat(s(s(null))) beschreibt, dass der Term s(s(null)) die
Unärdarstellung einer natürlichen Zahl ist.
Das Faktum mutter(scarlett, bonnie) beschreibt, dass Scarlett die
Mutter von Bonnie ist.
Fakten dürfen auch Variablen enthalten. Eine Variable in einem Faktum
bedeutet, dass die entsprechende Aussage für alle Objekte, durch die die
Variable ersetzt werden kann, gilt.
Beispiel: plus(null,Y,Y)
Folie 387
Regeln
Definition 5.10.
Eine Regel der Logik-Programmierung besteht aus
• einem Faktum (dem so genannten Kopf der Regel),
• gefolgt von :(in der Literatur wird an Stelle von :-“ oft auch ←“ geschrieben)
”
”
und
• einer durch Kommas getrennten Liste von Fakten (dem so genannten
Rumpf der Regel).
Wir interpretieren die Regel als Implikation:
Wenn alle Fakten im Rumpf gelten, dann gilt auch das Faktum im Kopf.
Beispiele:
minus(X,Y,Z) :- plus(Y,Z,X)
grossmutter(X,Z) :- mutter(X,Y), elternteil(Y,Z)
Folie 388
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 243
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Logikprogramme
Definition 5.11.
Ein Logikprogramm ist eine endliche Menge von Fakten und Regeln der
Logik-Programmierung.
Es ist oft bequem, Fakten als spezielle Regeln mit leerem Rumpf
aufzufassen. Dann besteht ein Logikprogramm nur aus Regeln.
In konkreten Beispielen stellen wir Logikprogramme meistens als Liste der
in ihnen enthaltenen Fakten und Regeln dar, wobei das Ende jedes Eintrags
dieser Liste durch einen Punkt markiert wird.
Beispiele: Das Programm unat.pl aus Beispiel 5.1 ist ein Logikprogramm
im Sinne von Definition 5.11. Das Programm vomWindeVerweht.pl aus
Beispiel 5.2 nicht, da dort Ungleichheitsprädikate der Form X \== Y
vorkommen, die gemäß Definition 5.10 nicht im Rumpf von Regeln
vorkommen können, da sie keine Fakten gemäß Definition 5.9 sind.
Folie 389
Ableitungen aus Logikprogrammen
Definition 5.12.
Eine Ableitung aus einem Logikprogramm Π ist ein Tupel (t1 , . . . , t` ) von
Termen, so dass ` ∈ N mit ` > 1 ist und für jedes i ∈ [`] (mindestens) eine
der beiden folgenden Aussagen zutrifft:
• ti ist eine Instanz eines Faktums in Π.
• Es gibt eine Regel
ϕ :- ψ1 , . . . , ψm
in Π, eine Substitution S und Indizes i1 , . . . , im ∈ {1, . . . , i−1}, so
dass gilt: ti = ϕS und tij = ψj S für jedes j ∈ [m].
Eine Ableitung eines Terms t aus Π ist eine Ableitung (t1 , . . . , t` ) aus Π mit
t` = t.
Ein Term t ist ableitbar aus Π, wenn es eine Ableitung von t aus Π gibt.
Folie 390
Die im Kapitel über Automatisches Schließen eingeführte
Kalkül-Schreibweise lässt sich dazu nutzen, eine elegante Darstellung des
des Begriffs der Ableitungen aus Logikprogrammen anzugeben.
Folie 391
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 244
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Verwendung der Kalkül-Schreibweise für Ableitungen in
Logikprogrammen
Sei Π ein Logikprogramm.
Gesucht: Ein Kalkül KΠ über der Menge TLP , so dass ablKΠ genau die
Menge aller aus Π ableitbaren Terme ist.
Lösung: KΠ besteht aus folgenden Ableitungsregeln:
• Axiome: Für jedes Faktum ϕ in Π (d.h., jede Regel in Π, die keinen
Rumpf besitzt) und jede Substitution S ist
ϕS
ein Axiom in KΠ .
• Weitere Regeln: Für jede Regel ϕ :- ψ1 , . . . , ψm in Π und für jede
Substitution S ist
ψ1 S · · · ψm S
ϕS
eine Ableitungsregel in KΠ .
Dann ist ablKΠ genau die Menge aller aus Π ableitbaren Terme.
Folie 392
Darstellung von Ableitungen
• An Stelle von (t1 , . . . , t` ) schreiben wir Ableitungen der besseren
Lesbarkeit halber oft zeilenweise, also
(1) t1
(2) t2
..
.
(`) t`
und geben am Ende jeder Zeile eine kurze Begründung an.
• Ableitungen werden oft auch als Bäume dargestellt; man bezeichnet
diese als Beweisbäume.
Folie 393
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 245
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Beispiel
Betrachte das Programm vomWindeVerweht1.pl
Programm: vomWindeVerweht1.pl
mutter(solange, ellen).
mutter(katie, gerald).
mutter(ellen, scarlett). mutter(ellen, suellen). mutter(ellen, carreen).
mutter(scarlett, wade). mutter(scarlett, ella). mutter(scarlett, bonnie).
mutter(melanie, beau).
vater(pierre, ellen).
vater(gerald, scarlett). vater(gerald, suellen). vater(gerald, carreen).
vater(charles, wade).
vater(frank, ella).
vater(rhett, bonnie).
vater(john, ashley).
vater(john, india).
vater(ashley, beau).
weiblich(solange).
weiblich(scarlett).
weiblich(ella).
weiblich(india).
weiblich(ellen).
weiblich(suellen).
weiblich(bonnie).
weiblich(katie).
weiblich(carreen).
weiblich(melanie).
maennlich(gerald).
maennlich(pierre).
maennlich(rhett).
maennlich(wade).
maennlich(charles).
maennlich(john).
maennlich(beau).
maennlich(frank).
maennlich(ashley).
elternteil(X,Y) :- vater(X,Y).
elternteil(X,Y) :- mutter(X,Y).
schwester(X,Y) :elternteil(Z,X), elternteil(Z,Y), weiblich(X), ungleich(X,Y).
tante(X,Y) :- elternteil(Z,Y), schwester(X,Z).
ungleich(suellen, scarlett).
ungleich(carreen, scarlett).
ungleich(suellen, carreen).
ungleich(scarlett, suellen).
ungleich(scarlett, carreen).
ungleich(carreen, suellen).
Folie 394
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 246
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Beispiel 5.13. Ableitung von tante(suellen,bonnie) aus dem
Programm vomWindeVerweht1.pl:
(1)
(2)
(3)
(4)
(5)
(6)
(7)
(8)
(9)
(10)
mutter(ellen,scarlett)
elternteil(ellen,scarlett)
mutter(ellen,suellen)
elternteil(ellen,suellen)
ungleich(suellen,scarlett)
weiblich(suellen)
schwester(suellen,scarlett)
mutter(scarlett,bonnie)
elternteil(scarlett,bonnie)
tante(suellen,bonnie)
Faktum in Zeile 3
Regel in Zeile 25 und (1)
Faktum in Zeile 3
Regel in Zeile 25 und (3)
Regel in Zeile 32
Faktum in Zeile 16
Regel in Zeile 27 und (4),(2),(6),(5)
Faktum in Zeile 4
Regel in Zeile 25 und (8)
Regel in Zeile 27 und (9),(7)
Zugehöriger Beweisbaum:
tante(suellen,bonnie)
elternteil(scarlett,bonnie)
schwester(suellen,scarlett)
mutter(scarlett,bonnie)
elternteil(ellen,suellen)
weiblich(suellen)
elternteil(ellen,scarlett)
ungleich(suellen,scarlett)
mutter(ellen,suellen)
mutter(ellen,scarlett)
Folie 395
Beweisbäume
Definition 5.14. Sei Π ein Logikprogramm und sei t ein Term.
Ein Beweisbaum für t aus Π ist ein endlicher Baum, dessen Knoten mit
Termen beschriftet sind, so dass gilt:
• die Wurzel ist mit dem Ziel“ t beschriftet,
”
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 247
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• jedes Blatt ist mit einer Instanz eines Faktums in Π beschriftet, und
• für jeden inneren Knoten u und dessen Kinder v1 , . . . , vm gilt:
Es gibt eine Regel
ϕ :- ψ1 , . . . , ψm
in Π und eine Substitution S, so dass für die Beschriftung tu von u
und die Beschriftungen tv1 , . . . , tvm der Knoten v1 , . . . , vm gilt:
tu = ϕS,
tv1 = ψ1 S,
tv2 = ψ2 S,
...,
tvm = ψm S.
Man sieht leicht, dass es genau dann einen Beweisbaum für t aus Π gibt,
wenn t aus Π ableitbar ist (Details: Übung).
Folie 396
Deklarative Semantik von Logikprogrammen
Definition 5.15. Sei Π ein Logikprogramm.
Die Bedeutung von Π ist die Menge B(Π) aller Grundterme, die aus Π
ableitbar sind.
Beispiel 5.16. Sei Π das folgende Logikprogramm unat1.pl.
Programm: unat1.pl
unat(null).
unat(s(X)) :- unat(X).
less(null, s(X)) :- unat(X).
less(s(X), s(Y)) :- less(X, Y).
Die Bedeutung von Π ist die Menge B(Π), und diese enthält u.a. die Terme
unat(null),
unat(s(null)),
unat(s(s(null))),
unat(s(s(s(null)))), . . .
und die Terme
less(null,
less(null,
less(null,
less(null,
Version vom 1. Dezember 2016
s(null),
s(s(null)),
s(s(s(null))),
s(s(s(s(null)))), . . .
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und die Terme
less(s(null),
less(s(null),
less(s(null),
less(s(null),
s(s(null))),
s(s(s(null)))),
s(s(s(s(null))))),
s(s(s(s(s(null)))))), . . .
Insgesamt ist
B(Π) = { unat(si (null)) : i ∈ N } ∪
{ less(si (null), sj (null)) : i, j ∈ N mit i < j },
wobei wir s0 (null) schreiben, um den Term null zu bezeichnen, und für
jedes i ∈ N>1 bezeichnet si (null) den Term s(si−1 (null)).
Folie 397
Beispiel: Wege in Digraphen (d.h., gerichteten Graphen)
Wir repräsentieren einen gerichteten Graphen G durch die Auflistung
node(v) für alle Knoten v von G und edge(v,w) für alle Kanten (v,w) von
G.
Ziel: path(X,Y) soll besagen, dass es in G einen Weg von Knoten X zu
Knoten Y gibt.
Lösung:
path(X,X).
path(X,Y) :- edge(X,Z), path(Z,Y).
Im folgenden Programm digraph.pl ist dies zusammen mit einem
Beispiel-Graphen gegeben.
Programm: digraph.pl
node(a).
node(e).
node(i).
node(b).
node(f).
node(j).
node(c).
node(g).
edge(a,j).
edge(c,e).
edge(d,e).
edge(e,f).
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node(d).
node(h).
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edge(f,g).
edge(g,h).
edge(h,g).
edge(i,a).
edge(j,b).
edge(g,j).
edge(h,i).
edge(i,b).
edge(j,c).
edge(i,j).
edge(j,d).
edge(j,f).
path(X,X).
path(X,Y) :- edge(X,Z), path(Z,Y).
Folie 398
Der in digraph.pl angegebene Graph sieht wie folgt aus:
Ein Beweisbaum für path(a,g) aus digraph.pl:
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Folie 399
Ein Beweisbaum für path(h,a) aus digraph.pl:
Folie 400
Und was tut Prolog bei Eingabe von
?- consult(digraph).
?- path(a,g).
und bei Eingabe von
?- path(h,a).
?
Auf die Frage, ob path(a,g) gilt, antwortet Prolog mit true“.
”
Auf die Frage, ob path(h,a) gilt, antwortet Prolog mit ERROR: Out of
”
local stack“.
Folie 401
Was passiert hier?
Die Details zur Berechnung, die Prolog hier durchführt, können wir mit uns
mit
?- trace.
?- path(h,a).
anschauen.
Dies zeigt, dass die Prolog-Suche nach einem Beweisbaum im Kreis
Version vom 1. Dezember 2016
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stecken bleibt.
Folie 402
Unterschied zwischen Theorie und Praxis
In der Theorie funktioniert die Pfadsuche aus digraph.pl für alle endlichen
gerichteten Graphen.
In der Praxis funktioniert sie aber nur für azyklische Graphen.
Die operationelle Semantik von Prolog entspricht also nicht genau der
deklarativen Semantik von Logikprogrammen!
Folie 403
Anfragen an Logikprogramme
Definition 5.17.
Eine Anfrage der Logik-Progammierung besteht aus den Symbolen ?gefolgt von einem Faktum oder aus einer durch Kommas getrennten Liste
von Fakten der Logik-Programmierung.
Die Antwort auf eine Anfrage α der Form
?- α1 , . . . , αn
an ein Logikprogramm Π ist definiert als die Menge JαKΠ aller
Substitutionen S für die in α vorkommenden Variablen, so dass gilt:
α1 S, . . . , αn S sind Grundterme, die aus Π ableitbar sind.
Hier repräsentiert die leere Menge ∅ die Antwort falsch“.
”
Folie 404
Beachte: Eine Variable X in einer Anfrage fragt also nach einem bzw. allen
Objekten, die die Anfrage erfüllen.
Beispiel 5.18. Betrachte die Anfrage
?- vater(gerald,X), mutter(ellen,X)
Version vom 1. Dezember 2016
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angewendet auf das Logikprogramm vomWindeVerweht1.pl.
Die Antwort auf diese Anfrage besteht aus den drei Substitutionen
S1 := { X →
7
scarlett },
S2 := { X →
7
suellen },
S3 := { X →
7
carreen }.
Beispiele von Anfragen an das Logikprogramm unat.pl:
?- plus(s(null),s(s(null)),X).
?- plus(X,Y,s(s(s(null)))).
5.3
Operationelle Semantik
Folie 405
Deklarative vs. Operationelle Semantik
• Die in Definition 5.15 festgelegte deklarative Semantik von
Logikprogrammen beruht auf einer logischen Interpretation von
Programmen (Regeln als Implikationen) und logischer Deduktion.
• Jetzt werden wir dieser deklarativen Semantik eine operationelle
Semantik gegenüberstellen, indem wir einen Algorithmus angeben, der
Programme ausführt (auf einem abstrakten, nichtdeterministischen
Maschinenmodell).
Dadurch legen wir ebenfalls die Antworten auf die Anfragen fest und
weisen somit Programmen eine Bedeutung zu.
• Wir werden sehen, dass die deklarative Bedeutung von
Logikprogrammen mit der operationellen übereinstimmt.
Folie 406
Semantik von Programmiersprachen im Allgemeinen
Generell unterscheidet man zwischen zwei Wegen, die Semantik von
Programmiersprachen zu definieren:
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• Die deklarative oder denotationelle Semantik ordnet Programmen
Objekte in abstrakten mathematischen Räumen zu, in der Regel
partielle Funktionen, oder im Fall von Logikprogrammen Mengen von
Grundtermen.
Zur Erinnerung: Die Bedeutung B(Π) eines Logikprogramms Π ist
gemäß Definition 5.15 die die Menge aller Grundterme, die aus Π
ableitbar sind.
• Die operationelle Semantik legt fest, wie Programme auf abstrakten
Maschinenmodellen ausgeführt werden.
Folie 407
Notation
• LP := die Menge aller Logikprogramme
• ALP
VLP
KLP
TLP
FLP
RLP
:=
:=
:=
:=
:=
:=
die Menge aller Atome der Logik-Programmierung
die Menge aller Variablen der Logik-Programmierung
die Menge aller Konstanten der Logik-Programmierung
die Menge aller Terme der Logik-Programmierung
die Menge aller Anfragen der Logik-Programmierung
die Menge aller Regeln der Logik-Programmierung
• Für jedes ξ aus TLP ∪ FLP ∪ RLP ∪ LP bezeichnet Var(ξ) die Menge
aller Variablen, die in ξ vorkommen.
Beispiel: Ist ρ die Regel path(X,Y) :- edge(X,Z), path(Z,Y),
dann ist Var(ρ) = {X, Y, Z}.
• Ist S eine Substitution und α ∈ FLP eine Anfrage der Form
?- α1 , . . . , αm ist, so bezeichnet αS die Anfrage ?- α1 S, . . . , αm S.
Entsprechend definieren wir für jede Regel ρ ∈ RLP die Regel ρS.
Folie 408
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Seite 254
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Mehr über Substitutionen
• Zur Erinnerung: Eine Substitution ist eine partielle Abbildung S von
VLP nach TLP . Den Definitionsbereich von S bezeichnen wir mit
Def(S), den Bildbereich mit Bild(S).
• Die Verkettung zweier Substitutionen S und T ist die Substitution ST
mit Def(ST ) = Def(S) ∪ Def(T ) und X(ST ) := (XS)T für alle
X ∈ Def(ST ).
• Die Einschränkung einer Substitution S auf eine Menge V von
Variablen ist die Substitution S|V mit Def(S|V ) = Def(S) ∩ V und
XS|V := XS für alle X ∈ Def(S) ∩ V .
• Die leere Substitution bezeichnen wir mit I. Es gilt:
– tI = t für alle Terme t ∈ TLP , und
– IS = SI = S für alle Substitutionen S.
Folie 409
Beispiel 5.19. Für die Substitutionen
S := { X 7→ good(c,Y), Y 7→ rainy(d) },
T := { Y →
7 sunny(d), Z →
7 humid(e) }.
gilt:
ST = { X 7→ good(c,sunny(d)), Y 7→ rainy(d), Z 7→ humid(e) }
TS = { X →
7 good(c,Y), Y 7→ sunny(d), Z 7→ humid(e) }.
Folie 410
Umbennungen
• Eine Umbenennung ist eine injektive partielle Abbildung von VLP
nach VLP .
Wegen VLP ⊆ TLP , sind Umbenennungen spezielle Substitutionen.
• Eine Umbenennung für eine Menge V von Variablen ist eine
Umbennung U mit Def(U ) = V .
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Seite 255
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• Ist U eine Umbennung, so bezeichnet U −1 ihre Umkehrung.
Beispiel: U := {X 7→ Y, Y 7→ Z} ist eine Umbenennung für {X, Y}.
U −1 = {Y 7→ X, Z 7→ Y} ist die Umkehrung von U .
Folie 411
Ein einfacher Interpreter für Logikprogramme
Algorithmus Antwort(Π, α)
% Eingabe: Programm Π ∈ LP, Anfrage ?- α ∈ FLP mit α = α1 , . . . , αm
% Ausgabe: eine Substitution S für Var(α) oder das Wort gescheitert“.
”
1. Wähle ein i ∈ [m]
% αi ist das nächste Ziel“
”
2. Wähle eine Regel ρ aus Π. Sei ϕ :- ψ1 , . . . , ψn die Form von ρ.
% Fakten fassen wir als Regeln ohne Rumpf auf
3. Sei U eine Umbennung für Var(ρ), so dass Var(ρU ) ∩ Var(α) = ∅.
4. Wähle eine Substitution T , so dass αi T = ϕU T . Wenn dies nicht
möglich ist, gib gescheitert“ aus und halte an.
”
5. Wenn m = 1 und n = 0, gib T |Var(α) aus und halte an.
6. Setze α0 := α1 T, . . . , αi−1 T, ψ1 U T, . . . , ψn U T, αi+1 T, . . . , αm T .
7. Setze T 0 := Antwort(Π, α0 )
8. Wenn T 0 eine Substitution ist, gib (T T 0 )|Var(α) aus und halte an.
9. Gib gescheitert“ aus und halte an.
”
Folie 412
Zum Nichtdeterminismus des Interpreters
• Das Programm Antwort ist nichtdeterministisch. Wir sprechen von
verschiedenen Läufen des Programms, die durch die Auswahlen in den
Zeilen 1–4 bestimmt sind.
• Ein Lauf heißt akzeptierend, wenn die Ausgabe eine Substitution ist.
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 256
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• Von den nichtdeterministischen Auswahlschritten in den Zeilen 1–4 ist
die Wahl der Substitution in Zeile 4 am problematischsten, weil hier
ein Element einer unendlichen Menge ausgewählt wird, und weil nicht
klar ist, wie man so ein Element überhaupt finden kann.
• Die Wahl der Umbennung in Zeile 3 hingegen ist unwesentlich. Jede
Umbennung U , für die Var(ρU ) ∩ Var(α) = ∅ gilt, führt zum gleichen
Ergebnis, und es ist leicht, eine solche Umbennung zu finden.
Folie 413
Korrektheit und Vollständigkeit des Interpreters
Satz 5.20. Seien Π ∈ LP ein Logikprogramm, sei ?- α ∈ FLP eine Anfrage
mit α = α1 , . . . , αm , und sei S eine Substitution für Var(α). Dann sind
folgende Aussagen äquivalent:
(a) Die Terme α1 S, . . . , αm S sind aus Π ableitbar.
(b) Es gibt einen Lauf von Antwort(Π, α), der S ausgibt.
Die Richtung (b) =⇒ (a)“ wird Korrektheit des Interpreters genannt; die
”
Richtung (a) =⇒ (b)“ Vollständigkeit.
”
Für den Spezialfall, dass m = 1 und α ein Grundterm ist, erhalten wir das
folgende Korollar.
Korollar 5.21.
Sei Π ∈ LP ein Programm und sei α ein Grundterm. Dann gilt:
α ∈ B(Π) ⇐⇒ es gibt einen akzeptierenden Lauf von Antwort(Π, α).
Beweis von Satz 5.20.
(a) =⇒ (b): Wir nutzen folgende Sprechweise:
Eine Ableitung der Länge ` von αS aus Π ist eine Ableitung
(t1 , . . . , t` ) aus Π, so dass es für jedes i ∈ [m] ein j ∈ [`] mit
tj = αi S gibt.
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Wir führen den Beweis, indem wir per Induktion nach ` beweisen, dass für
jedes ` ∈ N mit ` > 1, für jedes α ∈ FLP und jede Substitution S für α gilt:
Falls es eine Ableitung (t1 , . . . , t` ) von αS aus Π gibt, dann gibt es einen
Lauf von Antwort(Π, α), der S ausgibt.
Induktionsanfang ` = 1:
Sei (t1 ) eine Ableitung von αS aus Π. Daher ist t1 = α1 S, und es gilt
αj S = α1 S für alle j ∈ [m]. Da (t1 ) = (α1 S) eine Ableitung von α1 S
aus Π ist, muss α1 S eine Instanz eines Faktums aus Π sein. Sei ϕ
solch ein Faktum und sei S 0 eine Substitution mit Def(S 0 ) = Var(ϕ),
so dass ϕS 0 = α1 S.
Sei U eine Umbennung für Var(ϕ), so dass
Var(ϕU ) ∩
Var(α1 ) ∪ Var(α1 S)
| {z }
= ∅,
(5.1)
= Def(S)
und sei S 00 die Substitution mit Def(S 00 ) = Var(ϕU ) und
XS 00 = XU −1 S 0 für alle X ∈ Var(ϕU ).
Insbesondere gilt:
ϕU S 00 = ϕS 0 = α1 S.
(5.2)
T := SS 00 .
(5.3)
Setze nun
Dann gilt ϕU T = α1 S, denn:
• ϕU S = ϕU , da wegen (5.1) gilt: Var(ϕU ) ∩ Def(S) = ∅.
(5.2)
• ϕU T = ϕU SS 00 = ϕU S 00 = α1 S.
Außerdem gilt: T |Var(α1 ) = S (und daher insbes. α1 T = α1 S), denn:
• T = SS 00 . Somit gilt für alle X ∈ Var(α1 ) = Def(S), dass
XT = XSS 00 , wobei XS ∈ Var(α1 S).
• Gemäß (5.1) sind Var(α1 S) und Var(ϕU ) = Def(S 00 ) disjunkt.
Daher ist XT = XS für alle X ∈ Def(S).
Insgesamt folgt also: Der Lauf von Antwort(Π, α), in dem
• in Zeile 1 die Zahl 1 ∈ [m],
• in Zeile 2 das Faktum ϕ,
• in Zeile 3 die Umbennung U und
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• in Zeile 4 die Substitution T
gewählt wird,
• hält in Zeile 5 mit Ausgabe S an.
Dies beendet den Induktionsanfang.
Induktionsschritt ` → `+1:
Sei (t1 , . . . , t`+1 ) eine Ableitung von αS aus Π. Falls t`+1 6= αi für alle
i ∈ [m], so ist auch (t1 , . . . , t` ) eine Ableitung von αS aus Π, und
gemäß Induktionsannahme gibt es einen Lauf von Antwort(Π, α),
der S ausgibt.
Wir müssen im Folgenden also nur noch den Fall betrachten, dass
t`+1 = αi S für ein i ∈ [m] ist. Seien
• ρ := ϕ :- ψ1 , . . . , ψn eine Regel von Π,
• S 0 eine Substitution für ϕ so dass ϕS 0 = αi S, und
• j1 , . . . , jn ∈ [`], so dass für jedes k ∈ [n] gilt: ψk S 0 = tjk .
Sei U eine Umbennung für Var(ρ), so dass
Var(ρU ) ∩
Var(α) ∪ Var(αS)
| {z }
= ∅,
(5.4)
= Def(S)
und sei S 00 die Substitution mit Def(S 00 ) = Var(ρU ) und
XS 00 = XU −1 S 0 für alle X ∈ Var(ρU ). Insbesondere gilt:
ϕU S 00 = ϕS 0 = αi S,
(5.5)
und für alle k ∈ [n] gilt:
ψk U S 00 = ψk S 0 = tjk .
Setze nun
T := SS 00 .
Dann gilt ϕU T = αi S, denn:
• ϕU S = ϕU , da wegen (5.4) gilt: Var(ϕU ) ∩ Def(S) = ∅.
(5.5)
• ϕU T = ϕU SS 00 = ϕU S 00 = αi S.
Analog erhalten wir, dass ψk U T = tjk für alle k ∈ [n], denn
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Seite 259
(5.6)
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• ψk U S = ψk U , da wegen (5.4) gilt: Var(ψk U ) ∩ Def(S) = ∅.
(5.6)
• ψk U T = ψk U SS 00 = ψk U S 00 = tjk .
Außerdem gilt: T |Var(α) = S (und daher insbes. αj T = αj S für alle
j ∈ [m]), denn:
• T = SS 00 . Somit gilt für alle X ∈ Var(α) = Def(S), dass
XT = XSS 00 , wobei XS ∈ Var(αS).
• Gemäß (5.4) sind Var(αS) und Var(ϕU ) = Def(S 00 ) disjunkt.
Daher ist XT = XS für alle X ∈ Def(S).
Betrachten wir den Lauf von Antwort(Π, α), in dem in Zeile 1 die
Zahl i ∈ [m], in Zeile 2 die Regel ρ, in Zeile 3 die Umbennung U und
in Zeile 4 die Substitution T gewählt wird. Dann ist in Zeile 6
α0 = α1 T, . . . , αi−1 T, ψ1 U T, . . . , ψn U T, αi+1 T, . . . , αm T
= α1 S, . . . , αi−1 S, tj1 , . . . , tjn , αi+1 S, . . . , αm S.
Also ist (t1 , . . . , t` ) eine Ableitung von α0 aus Π. Gemäß
Induktionsannahme (für α0 und I an Stelle von α und S) existiert ein
Lauf von Antwort(Π, α0 ) mit Ausgabe T 0 := I (zur Erinnerung: I
bezeichnet die Substitution mit XI = X für alle Variablen X). Somit
gibt es einen Lauf von Antwort(Π, α) mit Ausgabe
(T T 0 )|Var(α) = (T I)|Var(α) = T |Var(α) = S.
(b) =⇒ (a): Wir führen den Beweis per Induktion nach der Rekursionstiefe
t des Laufs von Antwort(Π, α) mit Ausgabe S.
Induktionsanfang t = 0:
Wir betrachten einen Lauf von Antwort(Π, α) mit Ausgabe S der
Rekursionstiefe 0, also ohne rekursiven Aufruf von Antwort. Dieser
Lauf muss in Zeile 5 anhalten. Es gilt also m = 1, und es gibt ein
Faktum ϕ in Π, eine Substitution T , und eine Umbennung U für
Var(ϕ) mit Var(ϕU ) ∩ Var(α1 ) = ∅, so dass α1 T = ϕU T und
T |Var(α1 ) = S. Dann ist α1 S = α1 T = ϕU T eine Substitutionsinstanz
von ϕ. Somit ist (α1 S) eine Ableitung von α1 S aus Π.
Induktionsschritt t → t+1:
Wir betrachten einen Lauf von Antwort(Π, α) mit Ausgabe S der
Rekursionstiefe t+1. Seien
(1) i ∈ [m],
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 260
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(2) ρ = ϕ :- ψ1 , . . . , ψn ,
(3) U ,
(4) T
die Auswahlen in den Zeilen 1–4. Dann gilt αi T = ϕU T . Weil t+1 > 0
ist, hält der Lauf nicht in Zeile 5, sondern in Zeile 8.
Sei α0 wie in Zeile 6 definiert, d.h.
α0 = α1 T, . . . , αi−1 T, ψ1 U T, . . . , ψn U T, αi+1 T, . . . , αm T.
0
Seien m0 := m−1+n und α10 , . . . , αm
0 ∈ TLP , so dass
0
0
0
α = α1 , . . . , αm0 .
Sei T 0 die Substitution, die der rekursive Aufruf von Antwort(Π, α0 )
in Zeile 7 ausgibt. Dann gilt S = (T T 0 )|Var(α) .
Nach Induktionsannahme existiert für jedes j ∈ [m0 ] eine Ableitung
von αj0 T 0 aus Π. Sei (tj1 , . . . , tj`j ) eine solche Ableitung. Dann gilt:
• Für jedes j ∈ {1, . . . , i−1} ist (tj1 , . . . , tj`j ) eine Ableitung von
αj0 T 0 = αj T T 0 = αj S aus Π.
) eine Ableitung
• Für jedes j ∈ {i+1, . . . , m} ist (t1n+j , . . . , t`n+j
n+j
0
0
0
von αn+j T = αj T T = αj S aus Π.
• Für jedes k ∈ [n] ist (ti−1+k
, . . . , ti−1+k
1
`i−1+k ) eine Ableitung von
0
0
0
αi−1+k T = ψk U T T aus Π. Somit ist
i−1+k
0
ti−1+k
,
.
.
.
,
t
,
ϕU
T
T
1
`i−1+k k=1,..,n
eine Ableitung von ϕU T T 0 = αi T T 0 = αi S aus Π.
Also sind α1 S, . . . , αm S ableitbar aus Π.
Folie 414
Nächstes Ziel: Auflösen des Nichtdeterminismus in Zeile 4
Als ein Hauptproblem des nichtdeterministischen Interpreters Antwort
haben wir die Wahl der Substitution T in Zeile 4 identifiziert.
Mit Hilfe der im Folgenden vorgestellten Unifikatoren können die richtigen
Substitutionen auf deterministische Art gefunden werden.
Folie 415
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 261
Nicole Schweikardt · HU Berlin · Vorlesung Logik in der Informatik
Unifikation
Definition 5.22. Seien t, s ∈ TLP Terme der Logik-Programmierung.
(a) Ein Unifikator für t und s ist eine Substitution S, so dass tS = sS.
(b) t und s sind unifizierbar, wenn es einen Unifikator für t und s gibt.
Beispiel 5.23.
t := mal(s(X), Y, s(Z)) und s := mal(s(s(null)), Y, Y) sind
unifizierbar.
Ein Unifikator ist
S :=
X 7→ s(null), Y 7→ s(Z) .
Die entstehende gemeinsame Instanz ist
tS = mal(s(s(null)), s(Z), s(Z)) = sS.
Ein weiterer Unifikator für t und s ist
S 0 :=
X 7→ s(null), Y 7→ s(null), Z 7→ null .
Die entstehende gemeinsame Instanz ist
tS 0 = mal(s(s(null)), s(null), s(null)) = sS 0 .
Beispiele.
(a) t := f(X,g(Y,Z)) und s := f(h(Z),W) sind unifizierbar.
Ein Unifikator ist beispielsweise
S1 :=
X 7→ h(Z), W 7→ g(Y,Z) }.
Die entstehende gemeinsame Instanz ist
tS1 = f(h(Z),g(Y,Z)) = sS1 .
Ein Beispiel für einen weiteren Unifikator für t und s ist
S2 :=
X 7→ h(f(c,d)), Y 7→ c, Z 7→ f(c,d), W 7→ g(c,f(c,d)) }.
Die entstehende gemeinsame Instanz ist
tS2 = f(h(f(c,d)),g(c,f(c,d))) = sS2 .
Version vom 1. Dezember 2016
Seite 262
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(b) t := f(X,Y) und s := g(X,Y) sind nicht unifizierbar.
(c) t := f(X,Y) und s := f(X) sind nicht unifizierbar.
(d) t := f(c,X) und s := f(d,X) sind nicht unifizierbar.
(e) t := X und s := f(X,X) sind nicht unifizierbar.
(f) t := X und s := f(Y,Y) sind unifizierbar.
Ein Unifikator ist z.B. { X 7→ f(Y,Y) }.
Ein weiterer Unifikator ist { X 7→ f(g(c,c),g(c,c)), Y 7→ g(c,c) }.
Folie 416
Eine Ordnung auf den Substitutionen
Definition 5.24.
Zwei Substitutionen S und T sind äquivalent (kurz: S ≡ T ), wenn für alle
Variablen X ∈ VLP gilt: XS = XT .
Beobachtung:
S und T sind genau dann äquivalent, wenn XS = XT für alle
X ∈ Def(S) ∩ Def(T ) und XS = X für alle X ∈ Def(S) \ Def(T ) und XT = X
für alle X ∈ Def(T ) \ Def(S).
Definition 5.25.
Seien S und T Substitutionen. S ist allgemeiner als T (wir schreiben
S 5 T ), wenn es eine Substitution S 0 gibt, so dass SS 0 ≡ T .
Beobachtung:
I ist eine allgemeinste Substitution, d.h. für jede Substitution T gilt
I 5 T.
Folie 417
Allgemeinste Unifikatoren
(kurz: mgu, für most general unifier“)
”
Definition 5.26.
Seien t, s ∈ TLP . Ein allgemeinster Unifikator für t und s ist ein Unifikator
S für t und s, so dass gilt: S 5 T für alle Unifikatoren T für t und s.
Das folgende Lemma besagt, dass allgemeinste Unifikatoren bis auf
Umbenennung von Variablen eindeutig sind.
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Lemma 5.27.
Seien t, s ∈ TLP , und seien S, T allgemeinste Unifikatoren für t und s.
Dann gibt es eine Umbennenung U , so dass SU ≡ T .
Beweis. Es gilt S 5 T und T 5 S. Daher gibt es Substitutionen S 0 , T 0 , so
dass SS 0 ≡ T und T T 0 ≡ S. Es gilt:
S(S 0 T 0 ) ≡ (SS 0 )T 0 ≡ T T 0 ≡ S.
(5.7)
Für alle X ∈ VLP \ Def(S) gilt XS = X; und wegen S(S 0 T 0 ) ≡ S gilt
XS 0 T 0 = XS = X. Daher muss insbesondere XS 0 ∈ VLP sein.
Außerdem gilt für alle X ∈ Def(S), dass XSS 0 T 0 = XS, und daher muss für
alle Variablen Y ∈ Var(XS) gelten: YS 0 T 0 = Y. Daher muss insbesondere
YS 0 ∈ VLP sein.
Insgesamt gilt also für alle Variablen Z ∈ VLP \ Def(S) ∪ B, für
[
B :=
Var(XS),
X∈Def(S)
dass ZS 0 ∈ VLP und ZS 0 T 0 = Z. Somit ist
U := S 0 |D
mit
D :=
VLP \ Def(S) ∪ B
eine Umbenennung (d.h. eine injektive partielle Abbildung von VLP nach
VLP ).
Wegen SS 0 ≡ T gilt außerdem für alle X ∈ VLP :
XT
= X(SS 0 ) = (XS)S 0 = (XS)U
= X(SU ).
Somit ist T ≡ SU .
Folie 418
Ein Unifikationsalgorithmus
Algorithmus MGU(t, s)
% Eingabe: zwei Terme t, s ∈ TLP .
% Ausgabe: eine Substitution S oder die Worte nicht unifizierbar“
”
1. Wenn t = s, dann gib I aus und halte an.
2. Wenn t = X ∈ VLP
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3.
4.
Wenn X ∈ Var(s), dann gib nicht unifizierbar“ aus und halte an.
”
Gib {X 7→ s} aus und halte an.
5. Wenn s = X ∈ VLP
6.
7.
Wenn X ∈ Var(t) dann gib nicht unifizierbar“ aus und halte an.
”
Gib {X 7→ t} aus und halte an.
8. Wenn t = f(t1 , . . . , tk ) und s = f(s1 , . . . , sk )
für ein Atom f ∈ ALP und eine Stelligkeit k ∈ N mit k > 1
9.
10.
Setze S1 := I.
Für i = 1, . . . , k tue Folgendes:
11.
Setze Ti := MGU(ti Si , si Si ).
12.
Wenn Ti = nicht unifizierbar“ dann gib nicht unifizierbar“
”
”
aus und halte an.
13.
Setze Si+1 := Si Ti .
14.
Gib Sk+1 aus und halte an.
15. Gib nicht unifizierbar“ aus und halte an.
”
Folie 419
Korrektheit des Unifikationsalgorithmus
Satz 5.28. Für alle Terme t, s ∈ TLP gilt:
(a) Sind t und s unifizierbar, so gibt MGU(t, s) einen allgemeinsten
Unifikator für t und s aus.
(b) Sind t und s nicht unifizierbar, so gibt MGU(t, s) die Worte nicht
”
unifizierbar“ aus.
(Hier ohne Beweis)
Korollar 5.29. Sind zwei Terme unifizierbar, so gibt es für diese Terme
einen allgemeinsten Unifikator.
Folie 420
Beispiele 5.30.
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(a) Ein allgemeinster Unifikator für
t := g(f(X,Y),f(V,W))
und
s := g(V,f(Z,g(X,Y)))
ist
S := { V 7→ f(X,Y), Z 7→ f(X,Y), W 7→ g(X,Y) }
= { V 7→ f(X,Y) } { Z 7→ f(X,Y) } { W 7→ g(X,Y) },
und es gilt tS = sS = g(f(X,Y),f(f(X,Y),g(X,Y))).
(b) g(f(X,Y),Y) und g(c,Y) sind nicht unifizierbar.
(c) Seien n > 1 und seien X0 , . . . , Xn ∈ VLP paarweise verschieden. Sei
tn := f(X1 ,X2 ...,Xn )
sn := f(g(X0 ,X0 ),g(X1 ,X1 ),...,g(Xn−1 ,Xn−1 )) .
Dann sind tn und sn unifizierbar durch einen allgemeinsten Unifikator
S, für den gilt:
S(X1 ) = g(X0 ,X0 )
S(X2 ) = g(S(X1 ),S(X1 ))
= g(g(X0 ,X0 ),g(X0 ,X0 ))
S(X3 ) = g(S(X2 ),S(X2 ))
= g(g(g(X0 ,X0 ),g(X0 ,X0 )),g(g(X0 ,X0 ),g(X0 ,X0 )))
usw.
Es gilt: Für jeden Unifikator T für tn und sn ist der Term T (Xn )
exponentiell groß in n, und jede gemeinsame Instanz von tn und sn ist
exponentiell lang in n.
Folie 421
Auflösen des Nichtdeterminismus in Zeile 4
Wir können nun den Nichtdeterminismus in Zeile 4 unseres einfachen
Interpreters für Logikprogramme, Antwort(Π, α), auflösen, indem wir als
Substitution T einen allgemeinsten Unifikator von αi und ϕU wählen, und
zwar den allgemeinsten Unifikator, der vom Algorithmus MGU(αi , ϕU )
ausgegeben wird.
Dadurch erhalten wir den folgenden Algorithmus UAntwort(Π, α).
Folie 422
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Interpreter für Logikprogramme mit allgemeinsten Unifikatoren
Algorithmus UAntwort(Π, α)
% Eingabe: Programm Π ∈ LP, Anfrage ?- α ∈ FLP mit α = α1 , . . . , αm
% Ausgabe: eine Substitution S̃ für Var(α) oder das Wort gescheitert“.
”
1. Wähle ein i ∈ [m]
% αi ist das nächste Ziel“
”
2. Wähle eine Regel ρ aus Π. Sei ϕ :- ψ1 , . . . , ψn die Form von ρ.
% Fakten fassen wir als Regeln ohne Rumpf auf
3. Sei U eine Umbennung für Var(ρ), so dass Var(ρU ) ∩ Var(α) = ∅.
4. Setze T̃ := MGU(αi , ϕU )
% T̃ soll ein allgemeinster Unifikator von αi und ϕU sein
5. Wenn T̃ = nicht unifizierbar“, gib gescheitert“ aus und halte an.
”
”
6. Wenn m = 1 und n = 0, gib T̃ |Var(α) aus und halte an.
7. Setze α̃0 := α1 T̃ , . . . , αi−1 T̃ , ψ1 U T̃ , . . . , ψn U T̃ , αi+1 T̃ , . . . , αm T̃ .
8. Setze T̃ 0 := UAntwort(Π, α̃0 )
9. Wenn T̃ 0 eine Substitution ist, gib (T̃ T̃ 0 )|Var(α) aus und halte an.
10. Gib gescheitert“ aus und halte an.
”
Folie 423
Korrektheit und Vollständigkeit des Interpreters
Satz 5.31. Sei Π ∈ LP ein Logikprogramm, sei ?- α ∈ FLP eine Anfrage
mit α = α1 , . . . , αm , und sei S eine Substitution für Var(α). Dann sind
folgende Aussagen äquivalent:
(a) Die Terme α1 S, . . . , αm S sind aus Π ableitbar.
(b) Es gibt einen Lauf von UAntwort(Π, α), der eine Substitution S̃ für
Var(α) mit S̃ 5 S ausgibt.
Korollar 5.32.
Sei Π ∈ LP ein Logikprogramm und sei α ein Grundterm. Dann gilt:
α ∈ B(Π) ⇐⇒ es gibt einen akzeptierenden Lauf von UAntwort(Π, α).
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Für den Beweis der Richtung (a) =⇒ (b)“ von Satz 5.31 verwenden wir:
”
Lemma 5.33. Sei Π ∈ LP und sei ?- α ∈ FLP mit α = α1 , . . . , αm ∈ FLP ,
und sei S 0 eine Substitution für α. Dann gibt es zu jedem Lauf von
Antwort(Π, αS 0 ), der eine Substitution S ausgibt, einen Lauf von
UAntwort(Π, α), der eine Substitution S̃ mit S̃ 5 S 0 S ausgibt.
Beweis von Satz 5.31 unter Verwendung von Lemma 5.33.
(a) =⇒ (b):
Seien α1 S, . . . , αm S aus Π ableitbar. Dann gibt es gemäß Satz 5.20 einen
Lauf L von Antwort(Π, α), der S ausgibt. Gemäß Lemma 5.33 (für
S 0 := I) gibt es dann auch einen Lauf L̃ von UAntwort(Π, α), der eine
Substitution S̃ 5 S ausgibt.
(b) =⇒ (a):
Sei L̃ ein Lauf von UAntwort(Π, α), der eine Substitution S̃ für α mit
S̃ 5 S ausgibt. Gemäß der Konstruktion der Algorithmen UAntwort und
Antwort gibt es dann auch einen Lauf von Antwort(Π, α), der S̃
ausgibt. Aus Satz 5.20 folgt, dass die Terme α1 S̃, . . . , αm S̃ aus Π ableitbar
sind.
Für jedes i ∈ [m] sei (ti1 , . . . , ti`i ) eine Ableitung von αi S̃ aus Π.
Wegen S̃ 5 S gibt es eine Substitution S 0 , so dass S̃S 0 ≡ S. Dann ist
(ti1 S 0 , . . . , ti`i S 0 ) eine Ableitung von αi S̃S 0 = αi S aus Π.
Beweis von Lemma 5.33.
Sei L ein Lauf von Antwort(Π, αS 0 ), der S ausgibt. Wir zeigen per
Induktion nach der Rekursionstiefe t von L, dass es einen Lauf L̃ von
UAntwort(Π, α) gibt, der eine Substitution S̃ mit S̃ 5 S 0 S ausgibt.
Induktionsanfang t = 0:
Der Lauf L muss in Zeile 5 akzeptieren. Es gilt also m = 1, und es
gibt ein Faktum ϕ in Π, eine Substitution T , und eine Umbennung U
für Var(ϕ) mit Var(ϕU ) ∩ Var(α1 S 0 ) = ∅, so dass α1 S 0 T = ϕU T und
T |Var(α1 S 0 ) = S. O.B.d.A. können wir zusätzlich annehmen, dass
Var(ϕU ) ∩ Def(S 0 ) = ∅ (sonst verwenden wir eine andere
Umbenennung und modifizieren T entsprechend). Dann gilt
ϕU S 0 = ϕU , und somit ist S 0 T ein Unifikator von α1 und ϕU .
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Sei T̃ der von MGU(α1 , ϕU ) berechnete allgemeinste Unifikator für
α1 und ϕU . Dann gilt T̃ 5 S 0 T . Also gilt auch
T̃ |Var(α) 5 (S 0 T )|Var(α) = S 0 S.
Sei nun L̃ der Lauf von UAntwort(Π, α), der in Zeile 1 die Zahl 1,
in Zeile 2 das Faktum ϕ und in Zeile 3 die Umbennenung U wählt.
Dann wird in Zeile 4 der allgemeinste Unifikator T̃ berechnet und in
Zeile 6 die Substitution S̃ := T̃ |Var(α) ausgegeben. Wir wissen bereits,
dass S̃ 5 S 0 S ist.
Induktionsschritt t → t+1:
Der Lauf L muss in Zeile 8 akzeptieren. Seien i, ρ, U, T die in L in den
Zeilen 1–4 getroffenen Auswahlen. O.B.d.A. nehmen wir wieder an,
dass Var(ρU ) ∩ Def(S 0 ) = ∅. Dann gilt ρU = ρU S 0 und
αi S 0 T = ϕU T = ϕU S 0 T . Somit ist S 0 T ein Unifikator für αi und ϕU .
Sei T̃ der von MGU(αi , ϕU ) berechnete allgemeinste Unifikator für αi
und ϕU . Dann gilt T̃ 5 S 0 T . Seien
α0 := α1 S 0 T, . . . , αi−1 S 0 T, ψ1 U T, . . . , ψn U T, αi+1 S 0 T, . . . , αm S 0 T,
α̃0 := α1 T̃ , . . . , αi−1 T̃ , ψ1 U T̃ , . . . , ψn U T̃ , αi+1 T̃ , . . . , αm T̃ .
Wegen T̃ 5 S 0 T gibt es eine Substitution S1 , so dass
T̃ S1 ≡ S 0 T.
(5.8)
Dann gilt α0 = α̃0 S1 .
Weil der Lauf L in Zeile 8 akzeptiert, gibt es einen akzeptierenden
Lauf L0 von Antwort(Π, α0 ) der Rekursionstiefe t, der eine
Substitution T 0 ausgibt. Der Lauf L gibt in Zeile 8 die Substitution
S = (T T 0 )|Var(αS 0 )
(5.9)
aus.
Gemäß Induktionsannahme (für α̃0 , S1 , T 0 an Stelle von α, S 0 , S und
wegen α0 = α̃0 S1 ) gibt es einen Lauf L̃0 von UAntwort(Π, α̃0 ), der
eine Substitution T̃ 0 mit T̃ 0 5 S1 T 0 ausgibt. Sei S2 eine Substitution
mit
T̃ 0 S2 ≡ S1 T 0 .
(5.10)
Sei L̃ der Lauf von UAntwort(Π, α), der in den Zeilen 1–3 die Zahl
i ∈ [m], die Regel ρ und die Umbennung U wählt. Dann wird in den
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Zeilen 4 und 7 der allgemeinste Unifikator T̃ und die Anfrage α̃0
berechnet. Durchführen des Laufs L̃0 liefert dann in Zeile 8 die
Substitution T̃ 0 . In Zeile 9 wird dann die Substitution
S̃ := (T̃ T̃ 0 )|Var(α)
(5.11)
ausgegeben.
Es bleibt noch zu zeigen, dass S̃ 5 S 0 S ist.
Eingeschränkt auf Var(αS 0 ) bzw. Var(α) wissen wir, dass gilt:
S 0S
(5.9)
≡
(5.8)
≡
(5.10)
≡
S 0 (T T 0 ) = (S 0 T )T 0
(T̃ S1 )T 0 = T̃ (S1 T 0 )
T̃ (T̃ 0 S2 ) = (T̃ T̃ 0 )S2
(5.11)
≡
S̃S2 .
Somit ist S̃ 5 S 0 S.
Folie 424
Bemerkungen
• Indem wir das nichtdeterministische Auswählen einer Substitution im
Algorithmus Antwort im Algorithmus UAntwort durch das
deterministische Berechnen eines allgemeinsten Unifikators ersetzt
haben, sind wir einen entscheidenden Schritt in Richtung praktische
”
Ausführbarkeit“ gegangen.
• Es bleiben aber immer noch die nichtdeterministischen
Auswahlschritte eines Ziels in Zeile 1 und einer Regel in Zeile 2. Diese
müssen bei einer praktischen Implementierung durch eine
systematische Suche durch alle Möglichkeiten ersetzt werden.
(Die Wahl der Umbennenung in Zeile 3 unproblematisch.)
• Verschiedene logische Programmiersprachen unterscheiden sich in den
verwendeten Suchstrategien.
• Prolog verwendet Tiefensuche.
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5.4
Logik-Programmierung und Prolog
Folie 425
Reines Prolog
Reines Prolog ist das Fragment der Programmiersprache Prolog, dessen
Programme gerade die Logikprogramme in LP sind.
Insbesondere enthält reines Prolog keine speziellen Prolog-Operatoren wie
Cut !“, arithmetische Prädikate oder Ein-/Ausgabe-Prädikate (d.h.
”
Prädikate mit Seiteneffekten).
Die Semantik von reinem Prolog stimmt nicht mit der deklarativen
Semantik der Logik-Programmierung überein.
Die erste vom Prolog-Interpreter ausgegebene Antwort wird gemäß dem
folgenden Interpreter PErsteAntwort ermittelt.
Folie 426
Ein Prolog-Interpreter
Algorithmus PErsteAntwort(Π, α)
% Eingabe: Programm Π ∈ LP, Anfrage ?- α ∈ FLP mit α = α1 , . . . , αm
% Ausgabe: eine Substitution S für Var(α) oder das Wort false“
”
1. Betrachte alle Regeln ρ in Π in der Reihenfolge ihres Vorkommens in
Π und tue Folgendes: % Fakten fassen wir als Regeln ohne Rumpf auf
2.
Sei ϕ :- ψ1 , . . . , ψn die Form von ρ
3.
Sei U eine Umbennung für Var(ρ), so dass Var(ρU ) ∩ Var(α) = ∅
4.
Setze T := MGU(α1 , ϕU )
5.
Wenn T eine Substitution ist
6.
Wenn m = 1 und n = 0, gib T |Var(α) aus und halte an
7.
Setze α0 := ψ1 U T, . . . , ψn U T, α2 T, . . . , αm T
8.
Setze T 0 := PErsteAntwort(Π, α0 )
9.
Wenn T 0 eine Substitution ist, gib (T T 0 )|Var(α) aus und halte an
10. Gib false“ aus und halte an
”
Folie 427
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Vergleich zur deklarativen Semantik
PErsteAntwort(Π, α) gibt höchstens eine Substitution aus, kann u.U.
aber auch in eine Endlosschleife gelangen und nicht terminieren.
Der folgende Satz besagt, dass im Falle der Terminierung die ausgegebene
Antwort korrekt ist.
Satz 5.34. Sei Π ∈ LP ein Logikprogramm und sei ?- α ∈ FLP mit
α = α1 , . . . , αm eine Anfrage. Dann gilt:
(a) Wenn PErsteAntwort(Π, α) eine Substitution S ausgibt, dann sind
die Terme α1 S, . . . , αm S aus Π ableitbar.
(b) Wenn PErsteAntwort(Π, α) das Wort false“ ausgibt, dann gibt es
”
keine Substitution S, so dass die Terme α1 S, . . . , αm S aus Π ableitbar
sind.
(Hier ohne Beweis)
Folie 428
Terminierung
Intuitiv besagt Satz 5.34, dass im Falle der Terminierung die vom
Prolog-Interpreter bei Eingabe eines Logikprogramms Π und einer Anfrage
?- α gegebene erste Antwort korrekt ist.
Möglicherweise hält der Prolog-Interpreter aber gar nicht an, obwohl es laut
Definition der deklarativen Semantik korrekte Antworten gibt.
Es ist Aufgabe des Programmierers, dies zu verhindern!
Typische Probleme dabei sind Dummheit und linksrekursive Regeln.
Beispiel:
vorfahre(X,Y)
:-
vorfahre(X,Z), elternteil(Z,Y)
Folie 429
Unterschied zwischen Theorie und Praxis
Beispiel 5.35.
Die folgenden Logikprogramme myplus1.pl, myplus2.pl, myplus3.pl
haben die gleiche Bedeutung hinsichtlich der deklarativen Semantik im
folgenden Sinne:
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Aus allen drei Programmen können genau dieselben Grundterme der Form
myplus(...) abgeleitet werden.
Alle drei Programme erzeugen jedoch unterschiedliche Ausgaben in Prolog.
Folie 430
Programm: myplus1.pl
myplus(X,Y,Z) :- myplus(Y,X,Z).
myplus(0,X,X).
myplus(1,1,2). myplus(1,2,3).
myplus(2,2,4).
myplus(1,3,4).
myplus(2,3,5).
myplus(3,3,6).
Programm: myplus2.pl
myplus(0,X,X).
myplus(1,1,2).
myplus(1,2,3).
myplus(2,2,4).
myplus(1,3,4).
myplus(2,3,5).
myplus(3,3,6).
myplus(X,Y,Z) :- myplus(Y,X,Z).
Programm: myplus3.pl
myplusH(0,X,X).
myplusH(1,1,2).
myplusH(1,2,3).
myplusH(2,2,4).
myplusH(1,3,4).
myplusH(2,3,5).
myplusH(3,3,6).
myplus(X,Y,Z) :- myplusH(X,Y,Z).
myplus(X,Y,Z) :- myplusH(Y,X,Z).
Folie 431
Aus Sicht des Prolog-Interpreters (und des Interpreters PErsteAntwort)
ist das Programm myplus1.pl idiotisch und liefert auf keine Anfrage der
Form myplus(...)“ eine Antwort, da die Auswertung des Programms
”
stets mit der ersten Regel in eine Endlosschleife gerät.
Das Programm myplus2.pl ist besser, hält aber auch bei falschen“
”
Anfragen wie z.B. myplus(1,1,3)“ nicht an, da die Auswertung des
”
Programms dann mit der letzten Regel in eine Endlosschleife gerät.
Das Programm myplus3.pl leistet das, was es soll.
Folie 432
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Beweisbäume vs. Suchbäume
Beweisbäume
sind in Definition 5.14 definiert. Ein Beweisbaum ist eine graphische
Darstellung einer Ableitung eines Terms t ∈ TLP aus einem Logikprogramm
Π ∈ LP.
Somit stellt ein Beweisbaum eine einzelne Ableitung dar. Diese entspricht
einem erfolgreichen Lauf unseres nichtdeterministischen Interpreters
Antwort.
Suchbäume
stellen die vollständige Suche des Prolog-Interpreters bei Eingabe eines
Logikprogramms Π und einer Anfrage ?- α dar. Insbesondere enthält der
Suchbaum Informationen über alle erfolgreichen Läufe des
nichtdeterministischen Interpreters Antwort.
Folie 433
Unifikation in Prolog
In Prolog testet der Ausdruck t = s testet nicht, ob die Terme t und s
gleich sind, sondern ob sie unifizierbar sind.
Der in den meisten Prologimplementierungen verwendete
Unifikationsalgorithmus testet aus Effizienzgründen bei der Unifikation
einer Variablen X mit einem Term t nicht, ob X in t vorkommt.
Diesen Test bezeichnet man als Occurs-Check, er findet in den Zeilen 3 und
6 unseres Unifikationsalgorithmus MGU statt.
In Prolog ist es eine Aufgabe des Programmierers, sicherzustellen, dass
niemals eine Variable mit einem Term unifiziert wird, der diese Variable
enthält.
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