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Mohammed Khallouk
Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas
Mohammed Khallouk
Islamischer
Fundamentalismus
vor den Toren Europas
Marokko zwischen Rückfall
ins Mittelalter und westlicher
Modernität
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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.
1. Auflage 2008
Alle Rechte vorbehalten
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2008
Lektorat: Katrin Emmerich
Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media.
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Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg
Satz: Anke Vogel, Ober-Olm
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in the Netherlands
ISBN 978-3-531-15949-2
1.1 Untersuchungsgegenstand
Für meine Tochter Sarah
5
Inhaltsverzeichnis
7
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung.................................................................................................... 11
1.1 Untersuchungsgegenstand ................................................................. 11
1.2 Zielsetzung ........................................................................................ 12
1.3 Forschungsinteresse........................................................................... 14
1.4 Schwierigkeiten bei der Materialerhebung........................................ 15
1.5 Untersuchungsmethode ..................................................................... 16
1.6 Wohlwollende Unterstützungsleistungen.......................................... 17
2
Islamischer Fundamentalismus heute – eine vielschichtige
Erscheinung................................................................................................ 19
2.1 Bestimmung eines schwierigen Begriffs........................................... 19
2.2 Zur Geschichte des islamischen Fundamentalismus ......................... 38
2.3 Der islamische Fundamentalismus der Gegenwart –
Ursachen und Motive ........................................................................ 55
2.3.1 Psychische Aspekte fundamentalistischer Haltungen ....................... 55
2.3.2 Zur sozialen Basis des islamischen Fundamentalismus.................... 66
2.3.3 Konflikte als Betätigungsfeld für islamische Fundamentalisten....... 75
2.4 Verhältnis islamischer Fundamentalisten zur politischen
Staatsmacht........................................................................................ 84
2.5 Reaktion der politischen Staatsmacht auf islamische
Fundamentalisten............................................................................... 90
3
Entwicklung des Staates Marokko........................................................... 99
3.1 Überblick über die Geschichte Marokkos seit seiner Arabisierung.. 99
3.1.1 Verschiedene Dynastien in Marokko ................................................ 99
3.1.2 Der Weg in die Unabhängigkeit ...................................................... 112
3.1.3 Ära Hassan II................................................................................... 119
3.1.4 Machtübergabe an Mohammed VI.................................................. 129
3.2 Die politische Entwicklung seit der Unabhängigkeit ...................... 136
3.2.1 Die Verfassungsentwicklung seit 1962 ........................................... 136
8
Inhaltsverzeichnis
3.2.2
3.2.3
3.2.4
3.3
Herausbildung politischer Parteien ................................................. 145
Die Entwicklung des parlamentarischen Systems........................... 153
Republik oder Monarchie? .............................................................. 159
Einfluß der Religion auf die gesellschaftliche Entwicklung
Marokkos ......................................................................................... 168
3.3.1 Bedeutung der Religion bei der politischen Entwicklung............... 168
3.3.2 Bedeutung der Religion bei der wirtschaftlichen Entwicklung ...... 177
3.3.3 Bedeutung der Religion im Bildungssektor .................................... 187
4
Al-Adl Wal-Ihsan – die größte islamistische Bewegung Marokkos.... 197
4.1 Historische Entstehung.................................................................... 197
4.2 Organisatorischer Aufbau................................................................ 202
4.2.1 Interne Struktur................................................................................ 202
4.2.2 Finanzquellen .................................................................................. 206
4.2.3 Methoden der Mitgliedergewinnung ............................................... 208
4.3 Ideologische Grundlagen................................................................. 213
4.4 Programmatik .................................................................................. 223
5
Al-Aadala Wattanmiya ........................................................................... 235
5.1 Historische Entstehung.................................................................... 235
5.2 Ideologische Grundlagen................................................................. 240
5.2.1 Khatibs Brief an Hassan II. ............................................................. 240
5.2.2 Attawhid Wal-Islah ......................................................................... 249
a)
Prinzipien und Einstellungen........................................................... 251
b)
Zielsetzungen................................................................................... 253
c)
Grundfunktionen.............................................................................. 254
d)
struktureller Aufbau......................................................................... 255
5.3 Programmatik .................................................................................. 256
6
Problematik der Durchsetzung der Scharia und der Errichtung
des islamischen Staates............................................................................ 267
6.1 Zum Begriff Scharia ........................................................................ 267
6.2 Der Ruf zur Durchsetzung der Scharia............................................ 276
6.3 Wie kann die Durchsetzung der Scharia erfolgen? ......................... 282
6.4 Der islamische Staat ........................................................................ 288
6.4.1 Der Begriff islamische Regierung................................................... 288
6.4.2 Rechtsmacht im Koran .................................................................... 293
Inhaltsverzeichnis
9
7
Islamismus in Marokko – eine Herausforderung für die Zukunft ..... 301
7.1 Stellt Islamismus eine Gefahr für die marokkanische
Gesellschaft dar? ............................................................................. 301
7.2 Bedroht der Islamismus in Marokko die europäische
Zivilisation und ihre Wertegemeinschaft? ...................................... 309
7.3 Wie weit tragen die Eliten in Marokko und Europa zum
Islamismus bei? ............................................................................... 317
8
Fazit........................................................................................................... 329
9
Glossar ...................................................................................................... 331
10 Literaturverzeichnis ................................................................................ 337
10.1 Primärliteratur.................................................................................. 337
a)
arabische .......................................................................................... 337
b)
sonstige ............................................................................................ 340
10.2 Sekundärliteratur ............................................................................. 342
1.1 Untersuchungsgegenstand
11
1 Einleitung
1.1 Untersuchungsgegenstand
Die westlichen Medien stellen islamischen Fundamentalismus in den mannigfaltigsten Zusammenhängen ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Die hierunter
gefassten Phänomene divergieren so sehr, weshalb sie für eine politologische
Einschätzung einer aktuellen, in Marokko verbreiteten Gesellschaftsströmung
nach Konvergenz und wissenschaftlicher Relevanz einzuordnen sind. Negative
Assoziationen wie „Islamismus“ mit „Terrorismus“, die islamischem Fundamentalismus bevorzugt zugeschrieben werden, erzeugen ein bedrohliches Bild von
der islamischen Zivilisation, das sich in Teilen der westlichen Gesellschaft mittlerweile verfestigt hat. Der gesamte islamisch geprägte Orient sieht sich einer
St+igmatisierung als „rückständige, gegen den aufklärerischen Freiheitsbegriff
gerichtete Kulturgemeinschaft“ ausgesetzt. Die Entwicklung in Staaten und Regionen der unmittelbaren europäischen Nachbarschaft erfährt eine besonders
kritische westliche Aufmerksamkeit, da man vor allem von dort ein Übergreifen
auf die eigene Wertegemeinschaft befürchtet. Seit den Anschlägen von Casablanca am 16. Mai 2003 geraten islamisch fundamentalistische Tendenzen innerhalb des Königreichs Marokko verstärkt in den Blickpunkt, weil sie der Jahrhunderte langen Erfahrung einer toleranten, multikulturellen, dem Abendland
gegenüber aufgeschlossenen marokkanischen Gesellschaft augenscheinlich widersprechen. Vor diesem Hintergrund erscheint es erforderlich, sich mit „islamischem Fundamentalismus in Marokko“ intensiver auseinanderzusetzen, um herauszufinden, welche Geisteshaltung sich im Konkreten dahinter verbirgt und
wie sich dieser angemessen begegnen läßt. Die Verwirrung angesichts der Interpretationsvielfalt des islamischen Fundamentalismus verlangt nach einer zutreffenden Definition für Fundamentalismus allgemein und islamischen Fundamentalismus als eigenständiger Variante. Die Charakteristika gilt es zu veranschaulichen, sowie islamische Fundamentalisten in ihrer Authentizität und Reaktionsweise in Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Umfeld hervorzuheben.
Die gesellschaftspolitische Bedeutung von Islamismus und islamischem
Fundamentalismus in wie für Marokko erfordert einen tieferen Einblick in die
spezifischen kulturhistorischen Voraussetzungen. Insbesondere die Stellung des
Islam innerhalb der marokkanischen Geschichte und Gegenwart wird für die
verschiedensten Gesellschaftsbereiche besonders aber die staatspolitische Ordnung beleuchtet. Es gilt aufzuzeigen, in welcher Weise eine politische Instru-
12
1 Einleitung
mentalisierung des Islam die marokkanische Civil Society bestimmt und ihre
gegenwärtige wie zukünftige Entwicklung beeinflusst. Das Augenmerk richtet
sich sowohl auf Bedingungen, die der Religion eine progressive, modernisierungsbeschleunigende Wirkung verleihen, als auch auf ein konstitutionelles
Gefüge, indem der religiöse Einfluß zivilisatorischem Fortschritt entgegensteht.
Die islamistischen Bewegungen des Landes werden dahingehend analysiert, ob
sie sich in einem Kontext herausbilden, der in der Religion einen Antrieb für
gesellschaftliche Veränderungen zum Wohle des Gemeinwesens erkennt; oder
ob sie als Indikatoren einer verbreiteten Abwehrmentalität gegenüber mit dem
Westen assoziierter Liberalisierung interpretiert werden müssen. Die gesellschaftlichen Grundeinstellungen einzelner islamistischer Strömungen sind ebenso gegenüberzustellen, wie das Staatsverständnis dem Islamismus zugeordneter
Bewegungen und der sich ebenfalls auf eine religiöse Legitimationsgrundlage
berufenden politischen Verantwortungsträger.
Die Expertise zielt darauf ab, herauszufinden, in wie weit eine Separierung
von Staat und Religion als zwei unabhängig voneinander agierende Ebenen, die
sich im postaufklärerischen Europa herausgebildet hat, im islamisch geprägten
Marokko realisierbar und erstrebenswert wäre. Differenziert nach radikalen und
gemäßigten Islamisten ist ihr Islamverständnis auf die Akzeptanz des dem Westen nachempfundenen Gesellschaftsmodells zu überprüfen, in dem staatliche
Verantwortungsübertragung nach rationalen Kriterien erfolgt. In einer Gegenüberstellung staatlicher Reaktionsweisen auf Islamismus erfordert es nachzuvollziehen, in wie fern die politische Obrigkeit Radikalisierung und Widerstand
gegen vom Westen ausgehende Tendenzen erweckt. Ein politisches Modernisierungskonzept ist vorzustellen, in dem sich der Religion erwachsene Fortschrittsskepsis für die konstruktive Teilnahme an einem gesellschaftlichen Prozess gewinnen läßt. Westlichen Autoritäten verlangt es eine Perspektive aufzuzeigen,
wie die sie der marokkanischen Gesellschaft gegenübertreten können, ohne eine
Opposition gegen ihre Zivilisation entstehen zu lassen, sowie eine durch „islamischen Fundamentalismus“ tatsächlich oder vermeintlich ausgehende Gefahr zu
minimieren.
1.2 Zielsetzung
Fundamentalismus allgemein und islamischer Fundamentalismus in besonderem
Maße wird gewöhnlich mit „Rückständigkeit“ oder „Vergangenheitsorientiertheit“ assoziiert. Ausgehend von einer existierenden oder in besonderem Maße
wahrgenommenen Tendenz islamischer Gesellschaften zu Fundamentalismus
entsteht im westlichen Zivilisationsraum immer wieder die fehlgeleitete Schlussfolgerung, der Islam verleite in besonderem Maße zu „fundamentalistischem
1.2 Zielsetzung
13
Denken“ und sei von seinem Wesen her eine „rückwärtsgewandte fortschrittsfeindliche Religion“. Ein Hauptanliegen richtet sich auf die Widerlegung dieses
aus Unkenntnis und oberflächlicher Information erwachsenen islamfeindlichen
Ressentiments. Islamischer Fundamentalismus und seine politische Instrumentalisierung im Islamismus gilt es in einer Weise darzustellen, dass sie als Reaktionen auf aktuelle, für ungerecht befundene gesellschaftliche Gegebenheiten realisiert werden. Dahinter steht der Anspruch, staatlichen Verantwortungsträgern in
und außerhalb Marokkos Perspektiven aufzuzeigen, über ihre Politik fundamentalistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Ein Konzept zu präsentieren, das dem
Königreich Marokko ohne Verleugnung seines zivilisatorischen Fundaments im
Islam für gesellschaftlichen Fortschritt nach westlichen Vorbildern die Basis
bereitet, erscheint geboten. Eine Strategie erweist sich als erforderlich, die Religion für aus rationaler Notwendigkeit erwachsene institutionelle Reformen einzusetzen, ohne für den Erhalt von autoritären undemokratischen Strukturen zu
missbrauchen. Dem Westen gilt es eine nüchterne Sensibilität für die kulturspezifischen Voraussetzungen außerwestlicher Zivilisationen zu vermitteln, über die
angemessen auf eine aktuelle Geistesströmung in Marokko reagiert werden kann.
Der von Teilen der prowestlichen Elite ausgehenden Definition von Modernität als Übertragung okzidentaler Gesellschaftskonzepte auf Nationen mit divergentem kulturhistorischem Hintergrund erfordert ein eindeutiges Entgegentreten. Anhand von Exempeln aus der marokkanischen Geschichte und Gegenwart
ist die in europäischen Diskursen vielfach geäußerte Ansicht zu widerlegen,
gesellschaftlicher Fortschritt einhergehend mit politischer Freiheit und Pluralität
bedinge die Abwendung von Religion. Eine im neuzeitlichen Westen ungewohnte Beziehung des staatlichen Kollektivs zur Religion gilt es in einer Weise zu
präsentieren, dass darin zugleich traditionelle Wertegebundenheit und moderner
Gemeinsinn erkannt werden kann. Gleichzeitig verlangt es eine politische Instrumentalisierung des Islam für absolutistische Herrschaft zu entlarven, sowie
ihre Unvereinbarkeit mit einem modernen Islamverständnis herauszustellen.
Hierzu müssen universelle, der europäischen Aufklärung entstammende politische Wertbegriffe wie Demokratie und Menschenrechte als konform mit dem
islamischen Gerechtigkeitsbegriff hervorgehoben werden. Der Islam, zeitgemäß
ausgelegt, sollte als Grundlage einer politischen Reformagenda präsentiert werden, die in der Lage ist, eine marokkanische Entwicklung voranzutreiben, von
der alle Bevölkerungsschichten profitieren. Islamischer Fundamentalismus in
Marokko darf in keiner Weise als Beleg einer grundsätzlichen Rivalität zwischen
westlicher und islamischer Zivilisation erscheinen. Die dahinter stehende These
eines bevorstehenden Kampfes der Kulturen mit der gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Islam und Westen als Höhepunkt gilt es vielmehr als realitätsfern zu charakterisieren. Wesentliches Anliegen besteht in der Animierung zu
14
1 Einleitung
einem Kulturdialog auf der Basis des mit dem Islam konform gehenden Humanismus, der zugleich als Wesensmerkmal der westlichen Aufklärung zu kennzeichnen ist. Zwar besteht nicht die Absicht, der Religion erwachsene zivilisatorische Divergenzen zu negieren. Gegeneinander gerichteten Extrempositionen ist
über eine aufrichtige Wertschätzung des Gegenübers das Fundament zu entziehen.
1.3 Forschungsinteresse
In Marokko hat der Islam seit historischer Zeit bis in die Gegenwart hinein eine
identitätsstiftende Wirkung gehabt, sowie in besonderem Maße zur zivilisatorischen Weiterentwicklung beigetragen. Unter diesem Aspekt erscheint ein islamischer Fundamentalismus, der im Ergebnis eine „Rückwärtsgewandtheit“ sowohl
in gesellschaftlicher Hinsicht als auch im Religionsverständnis in sich birgt,
kaum vorstellbar. Der Blickpunkt richtet sich auf dennoch vorhandene, lange
Zeit unbeobachtete oder nicht als solche wahrgenommene Tendenzen zu Fundamentalismus in der marokkanischen Gesellschaft. Befindet sich das Land unter
dem Einfluß einer generellen, zu Fundamentalismen neigenden Entwicklung
oder bestehen aktuell besonders günstige Voraussetzungen, hervorgerufen durch
spezifische Rahmenbedingungen? Für die politologische Diskussion wäre von
Relevanz, inwieweit die marokkanische Variante des „Islamismus“ von unter der
gleichen Kategorie gefassten Bewegungen in anderem geohistorischen Kontext
sich abhebt. Das marokkanische Beispiel erscheint besonders geeignet, um darzustellen, wie das Staatsverständnis einer Herrschaftselite, mehr noch aber ihre
Religionsauffassung sich auf die kollektive Hinwendung zu Islamismus auswirkt, da anders als in westlichen, aber auch einigen islamischen Ländern der
Islam als verfassungsmäßig vorgegebene Staatsreligion verankert ist. Der über
Jahrhunderte bestehende ökonomische wie kulturelle Austausch mit dem Westen, auf den andere Regionen der islamischen Zivilisation nicht in gleichem Maße zurückblicken können, bietet die Grundlage, herauszufinden, welchen Einfluß
der Okzident auf die Herausbildung neuzeitlicher fundamentalistischer Gesinnung sowie für die Attraktivität fundamentalistischer Bewegungen ausgeübt hat
und weiterhin ausübt.
Trotz einer in Europa bestehenden Befürchtung, von Marokko ausgehend
sich auf bedrohlich empfundene Entwicklungen wie u.a. den islamischen Fundamentalismus vorbereiten zu müssen, lässt sich feststellen, wie gering die
Kenntnisse vor allem im deutschsprachigen Raum über ein Land sind, das hervorgerufen durch die Investitionstätigkeit der Gebrüder Mannesmann bereits seit
der wilhelminischen Ära für Politik und Wirtschaft in Deutschland zum vorrangigen Interessensgebiet zählte. Eine tiefgründige Beschäftigung mit der marokkanischen Gesellschaft kann dem bestehenden ökonomischen Austausch eine
1.4 Schwierigkeiten bei der Materialerhebung
15
kulturelle und wissenschaftliche Begegnung folgen lassen, wovon nicht nur eine
kleine Elite, sondern die gesamte marokkanische wie deutsche Civil Society zu
profitieren in der Lage ist. Vor allem im Zusammenhang mit islamischem Fundamentalismus sind über Marokko noch kaum repräsentative Untersuchungen
erfolgt, da die Medienöffentlichkeit jenes Phänomen lange Zeit hinweg fast ausschließlich mit dem Nahen und Mittleren Osten, allenfalls noch mit Algerien
verband. Erst die Anschläge von Casablanca und verstärkt die Beteiligung von
Marokkanern an politisch motivierten Gewaltaktionen in Europa wie beispielsweise der Ermordung des niederländischen Schriftstellers Theo Van Gogh haben
deutlich vor Augen geführt, dass die islamische Zivilisation jenseits der Strasse
von Gibraltar anfängt, womit ein spezifisch „islamischer“ Fundamentalismus
bereits ab dort sich als gesellschaftsprägende Erscheinungsform herauskristallisieren könnte. Es gilt, eine wissenschaftliche Lücke zu schließen, damit die marokkanischen Ausdruckweisen bei künftigen Klassifizierungen von Islamismus
oder islamischem Fundamentalismus nicht mehr unberücksichtigt bleiben und
bei der Entwicklung von politischen Konzeptionen wie in geisteswissenschaftlichen Erörterungen ihre berechtigte Aufmerksamkeit finden.
1.4 Schwierigkeiten bei der Materialerhebung
Bei den Vorarbeiten für den Einstieg in die eigentlichen wissenschaftlichen Forschungen zeigten sich Bedingungen, die den Zugang zu geeigneter Textgrundlage
behinderten. Das bestehende literarische Fundament über islamistische Tendenzen
in Marokko schien für eine vielschichtige Beleuchtung als nicht ausreichend.
Hieraus erwuchs die Absicht, in selbst durchgeführten Interviews mit bekennenden marokkanischen Islamisten und ihren bedeutendsten Kritikern zu authentischen Zuschreibungen zu gelangen. Bei der Auswertung der ersten, bereits durchgeführten Interviews stellte sich allerdings heraus, dass die Aussagen der Interviewpartner von mangelhafter wissenschaftlicher Relevanz waren und im Wesentlichen bekannte Positionen wiederholt wurden. Die Überzeugung, dass eine
ausführliche Präsentation der Interviews den ursprünglich vorgegebenen Umfang
in unzulässiger Weise übersteigen würde, führte schließlich zur Beschränkung auf
literarische Quellen. Hierzu gehörte neben der Primärliteratur der marokkanischen
Islamisten Sekundärliteratur über islamischen Fundamentalismus. Die geringe
Quantität literarischer Werke zu den spezifischen marokkanischen Islamismusvarianten erforderte einen Rückgriff auf allgemeine Literatur. Die Mannigfaltigkeit
der unter islamischem Fundamentalismus gefassten Weltanschauungen bedingt
eine so große Anzahl an Autoren, dass es kaum möglich erscheint, zum Verständnis des in Marokko existierenden Islamismus geeignete Feststellungen herauszuziehen. In anderem geohistorischen Zusammenhang zutreffende Kategorien dür-
16
1 Einleitung
fen nicht unbegründet auf Marokko übertragen werden und können allenfalls als
Orientierung für eigens vorzunehmende Spezifizierungen und Klassifizierungen
dienen. Die auf Marokko bezogenen Neukategorisierungen waren in einer Weise
festzulegen, dass sie eine logische Verbindung zu allgemeinen, zum wissenschaftlichen Konsens erhobenen Definitionen erkennen lassen.
Eine weitere, von der verwandten Textgrundlage ausgehende Problematik
lag darin, die Aussagen der verschiedenen Autoren in geeigneter Weise in den
eigenen Text einfließen zu lassen. Weder die Primär- noch die Sekundärliteratur
ist vollständig in deutscher Sprache erhältlich. Der Zugriff auf fremdsprachiges
Textmaterial erweist sich folglich als unvermeidbar. Mag die Sekundärliteratur
noch weitgehend in Englisch oder Französisch verfasst worden sein und eine
Zitierung in der Originalsprache sinnvoll erscheinen lassen, existiert Primärliteratur der Islamisten, die zudem nur in Marokko anzutreffen war, ausschließlich
in Arabisch. In dem Bewusstsein, dass ein interessierter Leserkreis in Deutschland der arabischen Sprache gemeinhin nicht mächtig ist, erforderte es, Übersetzungen vorzunehmen. Abgesehen vom Zeitaufwand, den diese Übersetzungen in
Anspruch genommen haben, verlangte es einer permanenten Vergewisserung,
daß die Wiedergabe auf Deutsch den eigentlichen Kern der Aussage trifft, sowie
die Absicht des Autors nicht durch eigene subjektive Interpretationen verändert.
Diese von den literarischen Quellen ausgehenden methodischen Einschränkungen erwiesen sich letztlich als überwindbare Hürde, zu einem befriedigenden
Abschluß zu gelangen.
1.5 Untersuchungsmethode
Die Arbeit stützt sich im Wesentlichen auf die deduktive Methode der Erkenntnisgewinnung. Vorgegebene Hypothesen werden anhand arabischer Primärliteratur ebenso wie geeigneter deutscher, englischer oder französischer Sekundärliteratur zu belegen versucht. Die Untersuchung baut vor allem auf der Interpretation mehrdeutiger Aussagen, die es galt, in einen sinnvollen Kontext einzuordnen,
sowie in eine geeignete Beziehung zur Abschlussthese zu bringen. Die Aufgabe
bestand darin, die in der Primärliteratur vertretenen islamistischen Gesellschaftsauffassungen mit den Interpretationen der Sekundärliteratur zu vergleichen,
sowie zu erörtern, inwieweit es den verschiedenen Autoren gelungen ist, ein
wirklichkeitsgetreues Bild des marokkanischen Islamismus wiederzugeben. Im
Vergleich entgegengesetzt positionierter Autoren verlangte es, herauszufinden,
wo von einer realistischen Wiedergabe eines vorgefundenen Sachverhalts auszugehen ist und worin sich die subjektive Darstellungsweise herauskristallisiert.
Die Entwicklung der These beinhaltete die Bezugnahme auf wissenschaftliche
Positionierungen, die die eigene Ansicht stützen oder die es basierend auf fun-
1.6 Wohlwollende Unterstützungsleistungen
17
dierter Primärliteratur zu widerlegen galt. Über die Erwerbung literarischer Vorkenntnisse gelang eine fundierte Stellungnahme zu den bedeutendsten gesellschaftlichen Aussagen von Islamisten wie Säkularisten, die schließlich in die
Grundbewertung der dahinter stehenden Konzepte hineinmündete. In einem
Schlussplädoyer wurde die Zusammenfassung der verschiedenen, in der Arbeit
präsentierten Einschätzungen zu einer Gesamtthese erreicht. Alle Leitaussagen
sind darin einbezogen, aber auch eine anhand der Literatur entwickelte Erklärung
des islamischen Fundamentalismus in Marokko, sowie zur Funktion des Islam
im marokkanischen Staatswesen. Die Anfangshypothesen mussten erneut hervorgehoben und entweder aufgrund der Untersuchungsergebnisse bestätigt oder
falsifiziert werden.
1.6 Wohlwollende Unterstützungsleistungen
Für die erfolgreiche Vollendung dieser Dissertation erwies sich die permanente
Unterstützungsbereitschaft und Begleitung durch meinen Vertrauensdozenten,
sowie von Freunden und Bekannten als unersetzbar. Die Betreuung durch Prof.
Dr. Hans Karl Rupp stand mir jederzeit zur Verfügung und soll in besonderer
Weise lobend herausgenommen werden. Vor allem bei der Strukturierung und
Auswahl der geeigneten Untersuchungsmethode präsentierte sich Prof. Rupp
jederzeit als Ansprechpartner, der immer wieder weiterführende Ideen und Anregungen parat hatte. Für die Zusammenstellung und Ordnung der Literatur, sowie
das Layout zur öffentlichen Weitergabe der Arbeit haben langjährige Freunde
und wissenschaftliche Begleiter sich wertvolle Verdienste und Respekt erworben. In diesem Zusammenang möchte ich besonders meine Frau Nisrin Awwad
und meinen Freund Joachim Münch erwähnen. Nicht zuletzt gilt es die finanzielle Unterstützungsleistung seitens der Friedrich – Ebert – Stiftung hervorzuheben,
ohne die der Rahmen für ungehindertes zielführendes wissenschaftliches Arbeiten wohl kaum erreichbar gewesen wäre. Den genannten Personen und Einrichtungen, sowie allen weiteren Mitwirkenden erfordert es unermesslichen Dank
auszusprechen und ihren Anteil am letztendlich Erreichten bei jeder sich bietenden Gelegenheit herauszustellen.
2.1 Bestimmung eines schwierigen Begriffs
19
2 Islamischer Fundamentalismus heute –
eine vielschichtige Erscheinung
2
Islamischer Fundamentalismus heute – eine vielschichtige Erscheinung
2.1 Bestimmung eines schwierigen Begriffs
Eine angemessene Darstellung der Vielschichtigkeit des Phänomens „Islamischer Fundamentalismus“, wie er in der Gegenwart auftritt, sowie seine wissenschaftstheoretische Einordnung verlangt die Suche nach einer umfassenden und
präzisen Definition der Bezeichnung „Fundamentalismus“ im Allgemeinen und
„Islamischer Fundamentalismus“ als spezieller Ausprägungsform. Die Definition
sollte auftauchenden Mißverständnissen ebenso vorbeugen, wie einer politischideologischen Instrumentalisierung des Begriffes. Hierzu muß sie alle mit islamischem Fundamentalismus verbundenen Eigenschaften einbeziehen, ohne den
Kontext, in dem er auftritt, aus dem Auge zu verlieren. Die historische Entstehung des Terminus im Zusammenhang mit einer Denkrichtung innerhalb des
westlichen Christentums und seine Übertragung auf andere religiöse und säkulare Bewegungen, wie auf Erscheinungen der Welt des Islam wird nachgezeichnet
und hinterfragt. Zur Diskussion gestellt wird die allgemeine Gültigkeit dem Fundamentalismus zugeschriebener Merkmale, sowie die von der Mehrheit der Autoren vertretene Sichtweise, daß Fundamentalismus jeglicher Form für die Gesellschaft der Zukunft eine Beeinträchtigung sei.
Die Übertragung einer in der westlichen Zivilisation entstandenen Denkrichtung auf Strömungen innerhalb des islamischen Kulturraums gilt es grundsätzlich auf ihre Berechtigung zu reflektieren. Fundamentalismus, insbesondere
islamischer Fundamentalismus wird im Bewußtsein der westlichen Gesellschaft
immer wieder mit einer Politisierung einer Religion und gewalttätigen antiwestlichen Gesinnung gleichgesetzt, ein Determinismus, der angesichts der mangelnden Kenntnis des Islam begünstigt wird. Die Einbeziehung der spezifisch islamischen Erklärungen für Fundamentalismus, einschließlich jener von sich selbst als
„Fundamentalisten“ bezeichnenden Muslimen erzeugt ein differenzierteres Bild
über die islamische Denkweise. Hiervon ausgehend gelangt es zum kulturspezifischen Verständnis des islamischen Fundamentalismus, welches eine Bedrohung für den Islam wie für die moderne, plurale, multireligiöse Gesellschaft
realistisch einzuschätzen erlaubt. In der kritischen Gegenüberstellung zu Fundamentalismusbeschreibungen der westlichen Literatur gelingt die Entwicklung
einer eigenen Definition für islamischen Fundamentalismus, die einem Gesell-
20
2 Islamischer Fundamentalismus heute – eine vielschichtige Erscheinung
schaftsphänomen angemessen Rechnung trägt, sowie für die politologische Auseinandersetzung die Grundlage bietet.
Obwohl in den letzten Jahrzehnten immer wieder vom Fundamentalismus
als einer weltweiten Tendenz gegen eine auf Ökonomie und Technik fixierte
Modernisierung die Rede ist, wird seine historische Wurzel gewöhnlich exakt
auf eine in bestimmten Kontext auftretende Geistesströmung mit einer territorial
begrenzten Anhängerschaft beschränkt. Genauer gesagt handelt es sich um
christlich protestantische Kreise, die seit dem Neunzehnten und frühen Zwanzigsten Jahrhundert im angloamerikanischen Raum politischen und kulturhistorischen Einfluß besitzen. Als wesentliches Charakteristikum gilt der Anspruch, die
Geschehnisse der Welt, einschließlich ihrer Entstehung ausschließlich auf religiös biblischer Grundlage zu deuten. Hierbei kristallisiert sich eine Reaktion auf
die ebenfalls von der westlichen Zivilisation ausgehende Aufklärung heraus, die
rationale Erklärungsmuster basierend auf naturwissenschaftlicher Erkenntnis
zum Maßstab erhoben hatte. Eine geistige Verbindung jenes christlich evangelikal begründeten Fundamentalismus zu antimodern erscheinenden Bewegungen
jenseits des westlichen Abendlandes wurde erst später durch Zuschreibungen
von außen hergestellt. Caplan (1987) erinnert an diesen nordamerikanischen
Ursprung des Fundamentalismus und sieht die Entstehung wie die Existenz jener
protestantischen Bewegung in besonderer Beziehung zur amerikanischen Kultur:
Fundamentalismus is unquestionably an evocative image in our time, but it is important to counter what seems to be a popular assumption that it is uniquely of our time.
Recent historans of Protestantism in the USA, anxious to dispel an earlier idea that
American fundamentalism was entirely a product of the 1920s (which witnessed the
controversy over evolution, leading to the infamous Scopes ´monkey` trial) have
shown how it existed as a religious movement before, during and after the events of
that decade. Marsden has traced its roots back to the Holiness and Pre-Millenial
movements of the nineteenth century, and argued that fundamentalism in this century has 'emphasized doctrinal tendencies already strong in American culture and religious traditions`.1
Der ursprüngliche Begriff “Fundamentalismus” bezog sich folglich ausschließlich auf religiösen, speziell christlichen Fundamentalismus, der sich der modernen, auf Experiment und Irrtum beruhenden Naturwissenschaft entgegenstellte.
Einen Anstoß für fundamentalistische Propaganda gab die Darvinssche Evolutionstheorie, die bei evangelikalen Kreisen in den USA auf Zurückweisung stieß.
Als Theorie bezog sie die eigene wissenschaftliche Infragestellung bewußt mit
ein. Das dahinter stehende Prinzip stand der fundamentalistischen Sichtweise
entgegen, die den biblischen Bericht als einzige, von Gott inspirierte unhinter1
Caplan, Lionel: Studies in Religious Fundamentalism, p. 2
2.1 Bestimmung eines schwierigen Begriffs
21
gehbare Wahrheit definiert. Wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung hatte sich
nach evangelikaler Überzeugung auf die wortgetreue Auslegung der Heiligen
Schrift zu beschränken. Die evangelikale Bewegung, die bis zur Gegenwart in
den USA kulturellen wie politischen Einfluß besitzt, wird bis ins 18. Jahrhundert
zurückverfolgt. Obwohl sich die Bezeichnung Fundamentalismus ursprünglich
lediglich auf die Einstellung zu moderner säkularer Wissenschaft bezog, assoziieren immer mehr Autoren den Begriff mit einem traditionalistisch patriarchalischen Gesellschaftsmodell, welches von der Mehrheit der Evangelikalen favorisiert wird. Man gelangt zu der Erkenntnis, dass jene archaische, antiliberale
Weltanschauung in den verschiedensten Kulturen und Religionen strukturelle
Parallelen findet. Sie kennzeichnet sich durch die Verbindung einer extremen
Frömmigkeit mit der Fixierung auf eine geistige Autorität aus, deren Vorgaben
und gesellschaftspolitische Ansichten unreflektiert übernommen werden. Rawlyk
(1990) beschreibt den evangelikalen „fundamentalistischen“ Lebensstil auf folgende Weise:
The North American evangelical tradition since the eighteenth century, [...] is distinctive for its heavy emphasis on the “intense conversion experience, fervid piety,
ecstatic worship forms, Biblical literalism, the pure church ideal, and charismatic
leadership.2
Mögen die Wissenschafts- und Technologiefeindlichkeit auf der einen und eine
traditionalistisch autoritäre Grundeinstellung auf der anderen Seite zwei unabhängig voneinander auftretende Eigenschaften seien, beide spiegeln eine mangelnde Bereitschaft sich auf gesellschaftliche Veränderungen einzulassen wieder.
Fundamentalismus wird daher nicht selten mit reaktionärer Gesellschaftsauffassung gleichgesetzt. Sie werde überall sichtbar, wo eine Gesellschaft sich insgesamt zivilisatorisch weiterentwickele und bestimmte Strömungen sich dieser
Entwicklung entgegenstellten. Indem die gesellschaftliche Modernisierung bedingt durch ein weltweites Verkehrs- und Nachrichtennetz den gesamten Globus
erfasse, nehme die antimoderne Reaktion gleichermaßen globale Züge an. Der
geohistorische Beginn von Fundamentalismus im angloamerikanischen Kulturraum wird weniger mit einer generellen reaktionären Tendenz jener Zivilisation
erklärt als mehr mit einer recht früh einsetzenden Modernisierung. Je später eine
Gesellschaft mit der modernen Entwicklung konfrontiert werde, desto später
werde der Fundamentalismus als Reaktion zum Vorschein treten. Da mittlerweile alle Zivilisationen von der technologisch wissenschaftlichen Entwicklung
betroffen sind, können für jeden weiteren Entwicklungsschritt globale Auswirkungen angenommen werden. Die fundamentalistische Gegenreaktion äußert
2
Rawlyk, George A.: Champions of the Truth, p. 4
22
2 Islamischer Fundamentalismus heute – eine vielschichtige Erscheinung
sich ebenfalls in globaler Form, obwohl eine unmittelbare Verbindung der einzelnen
Strömungen angesichts der divergenten kulturellen Voraussetzungen nicht besteht.
Zu differenzieren ist zwischen einer Skepsis gegenüber moderner Wissenschaft und einer vehementen Gegnerschaft zum der Aufklärung erwachsenen
liberalen Gesellschaftsverständnis. Letzteres resultiert aus der mangelhaften Bereitschaft, ein geändertes Rollenverständnis und moderne politisch-ökonomische
Machtstrukturen zu akzeptieren. Die Verfemung moderner Rationalität, die beide
Eigenschaften des Fundamentalismus zur Folge hat, wurzelt in der Befürchtung,
mit der wissenschaftlichen ebenso die moralisch-gesellschaftliche Deutungshoheit, sowie hiervon ausgehend gesellschaftspolitische Autorität zu verlieren.
Kuhlmann (1989) gliedert den Fundamentalismus in intellektuellen und politischen Fundamentalismus auf, sowie verbindet ihn mit Abwehrreflexen gegenüber
einer auf Freiheit und Selbstbestimmung basierenden Gesellschaft. Wende sich
„intellektueller Fundamentalismus“ lediglich gegen eine auf Kritik und Zweifel
beruhende Wissenschaftlichkeit, schließe „politischer Fundamentalismus“ die
Sehnsucht nach traditionellen, autoritären Machtstrukturen notwendigerweise mit
ein. Er kritisiert die fehlende Bereitschaft der Fundamentalisten, Eigeninitiative zu
entwickeln, weshalb sie einem Gesellschaftsmodell anhingen, in dem eine geistige Autorität bereits gültige Normen vorgegeben habe:
Fundamentalismus ist der selbstverschuldete Rückfall aus den Zumutungen des Selberdenkens, der Eigenverantwortung, der Begründungspflicht und der Offenheit aller Geltungsansprüche, Herrschaftslegitimationen und Lebensformen in die Sicherheit selbstfabrizierter Fundamente. […] Intellektueller Fundamentalismus ist die
Flucht aus dem unabschließbaren Diskurs in die unbegründbaren und grundlosen
Geheimnisse seiner vermeintlichen Fundamente. Politischer Fundamentalismus ist
Metapolitik, die aus einer absoluten Wahrheit von oben oder von innen her das
Recht beansprucht, den Regeln der Demokratie, des politischen Relativismus, der
Unantastbarkeit der Menschenrechte, den Gesetzen der Toleranz, des Pluralismus
und der Irrtumsfähigkeit enthoben zu sein.3
Aus der Tatsache, daß Religionen von einer ganzheitlichen, alle Lebensbereiche
umfassenden, göttlichen Ordnung ausgehen, gelten sie als besonders geeignet,
ein der Moderne entgegenstehendes Obrigkeitsmodell einzufordern. Religiöse
Wahrheiten sind zeitungebunden und legen ein konservatives Festhalten nahe.
Gott ist die Autorität schlechthin, womit seine Vorgaben über aus der Vernunft
entwickelten Leitideen und vom Zeitgeist abhängigen Regelungen stehen. Die
Fixierung auf traditionelle Autoritätsbeziehungen, die dem politischen Fundamentalismus gemeinhin zugeschrieben wird, kann aus einem religiösen Bewusst3
Kuhlmann, Wolfgang: Ist die Transzendentalpragmatik eine philosophische Form des Fundamentalismus? S. 33
2.1 Bestimmung eines schwierigen Begriffs
23
sein heraus erwachsen, sofern es den damit verbundenen Strukturen gelingt, sich
eine sakrale Rechtfertigung zuzumessen. Der Relativierung bestehender Autoritäten, die sich in einer pluralistischen Gesellschaft ergibt, haftet das Stigma der
Auflehnung gegen die „göttliche Ordnung“ an. Ihre ideologische Verwurzelung
in einem religiös begründeten Wahrheitsbegriff verleiht fundamentalistischer
Einstellung die Voraussetzung, der durchaus vorhandenen Attraktivität durch die
Moderne sich ergebender neuer Varianten die Legitimationsgrundlage zu entziehen. Da die Religion im Gegensatz zu säkularen Weltanschauungen besonders
günstige Voraussetzungen für kollektiv akzeptierte archaische Normen bietet,
sowie in der Tat Gewissheiten enthält, die sich rational nicht widerlegen lassen,
wird der „religiöse Fundamentalismus“ als eigenständige Ausprägungsform von
anderen Fundamentalismusspielarten unterschieden. Die drei abrahamitischen
Buchreligionen gelten aufgrund ihres Absolutheitsanspruchs verbunden mit dem
schriftlich fixierten Hintergrund als prädestiniert, fundamentalistische Gesinnung
hervorzurufen. Bezogen auf moderne, zweifelsgebundene Wissenschaft und
einen normenfreien Lebensstil mag der Widerstand aus christlichen, jüdischen
und islamischen Kreisen aus den Schriften seine Rechtfertigungsgrundlage ziehen, autoritären Herrschaftsstrukturen lässt sich hierauf beziehend leichter begegnen. Fundamentalismus als unkritisches Befolgen einer für sakral befundenen
Autorität findet in fernöstlichen Religionen wie dem Hinduismus oder der Lehre
Konfuzius gleichermaßen seine ideologische Grundlage. Der geistigen Tradition
der meisten Autoren in der westlichen Aufklärung, die sich im Widerstand gegen
die Dominanz der christlichen Theologie entwickelt hat, ist es zu verdanken,
dass religiöser Fundamentalismus wie bei Schluchter (2003) all zu oft mit einer
buchstabengetreuen Auslegung religiösen Schrifttums gleichgesetzt wird. Schluchter begreift ihn als
den Versuch, das in den religiösen Quellen Geforderte im Wortsinn mit Hilfe eines
jakobinischen Verständnisses von moderner Politik zu realisieren. Religiöse Fundamentalisten verneinen also sowohl die Interpretationsbedürftigkeit religiöser Quellen
als auch die Unhintergehbarkeit der Säkularisierung.4
Religiöser Fundamentalismus drückt sich gewöhnlich in einer Verklärung einer
bestimmten Epoche in der eigenen Religionsgeschichte aus, sowie in der Ausrichtung auf eine Zukunft, in der der eigene Glaube wieder bestimmend sein soll.
Da man der eigenen Frömmigkeitsform Einzigartigkeit voraussetzt, ist jedes
davon abweichende Verhalten gleichbedeutend mit Sündhaftigkeit und Unglaube. Diese Einstellung birgt den Anspruch in sich, das eigene Religionsverständnis zur Nachahmung aufzudrängen und darüber hinaus die eigene Praktizierungs4
Schluchter, Wolfgang (Hrsg.): Fundamentalismus, Terrorismus, Krieg, S. 16
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