Masern - baselland.ch

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Masern – über Impfung
und Kontaktabklärungen zur Elimination
Seit mehr als 40 Jahren gibt es eine Impfung gegen Masern. Trotzdem ist die ehemalige Kinderkrankheit noch nicht ausgerottet und fordert weiterhin Todesopfer, vor allem in der dritten
Welt. Im ersten Beitrag einer Reihe von drei Artikeln werden die Epidemiologie und die Bekämpfungsmassnahmen auf Bevölkerungsebene gegen die Masern vorgestellt. In den folgenden Ausgaben werden Philip Tarr und Peter Graber, die leitenden Infektiologen der Standorte
Bruderholz und Liestal des Kantonsspitals Baselland, die klinischen Aspekte der Krankheit
darstellen sowie Karin Seibold und Claudia Wandt, Ko-Präsidentinnen der Schulgesundheitskommission Baselland, sie aus kinderärztlicher und schulärztlicher Sicht beschreiben.
›
Praktisch alle heute über 50-Jährigen
haben die Masern mit Fieber und Hautausschlag während ihrer Kindheit durchgemacht.
Seit der Verfügbarkeit der entsprechenden
Impfung ist die hochansteckende Krankheit
erfreulicherweise deutlich seltener geworden,
tritt aber in allen Altersgruppen auf. Medikamente, die nach einer Erkrankung direkt gegen
das verursachende Virus wirken, gibt es noch
heute nicht. Ernsthafte Komplikationen können
auftreten, vor allem Entzündungen von Lunge,
Mittelohr und Gehirn. 23 Prozent der seit 2014
in der Schweiz an Masern Erkrankten mussten
sich in Spitalpflege begeben, noch heute
sterben trotz Behandlung in entwickelten
Ländern bis zu 3 von 10´000 Erkrankten, in
Entwicklungsländern gar bis zu 500, also jeder
20. Masernpatient.
Wirksame und sichere Impfung seit mehr
als 40 Jahren
Seit den 1960er-Jahren gibt es Masernimpfstoffe, seit 1985 wird in der Schweiz eine
kombinierte Impfung gegen Masern, Mumps
und Röteln empfohlen. Der verwendete Masernimpfstoff, der auch einzeln erhältlich ist,
bietet nach zwei Impfdosen einen lebenslang
anhaltenden Impfschutz von etwa 95 Prozent.
Nebenwirkungen der Impfungen werden
streng überwacht. Am häufigsten sind Schwellungen und Schmerzen an der Einstichstelle
und leichtes Fieber. Vorübergehende Hautaus-

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12
183 Juni 2015
schläge treten etwa bei zwei Prozent auf,
ernsthaftere Beschwerden sehr selten. Die
Weltgesundheitsorganisation WHO hält in
ihrer entsprechenden Stellungnahme insbesondere fest, dass auch nach umfangreichen
Untersuchungen keinerlei Zusammenhang mit
neurologischen Dauerschäden, dem GuillainBarré-Syndrom, Autismus oder auch entzündlichen Darmerkrankungen gefunden werden
konnte.
Die WHO bietet auf ihrer Website einen
Überblick über den Anteil der mindestens
einmal Geimpften im Alter von einem Jahr.
30 der 53 Länder in der Region Europa haben
dabei gemäss den Daten für 2013 eine
< 50%
50% –79%
80% – 89%
> 90%
Not applicable
No data
Durchimpfung von 95 Prozent erreicht. Die
Schweiz liegt auf Rang 36 mit 93 Prozent.
Schlusslichter in Europa sind die Ukraine,
Österreich und San Marino mit Werten zwischen 79 Prozent und 74 Prozent, weltweit
der Südsudan mit 30 Prozent und die Zentralafrikanische Republik mit 25 Prozent.
Gemäss den letzten nationalen Zahlen aus
dem Jahr 2012 lag die Durchimpfung mit zwei
Dosen in der Schweiz bei 89 Prozent bei den
2-Jährigen, 92 Prozent bei den 3- bis 8-Jährigen
sowie 89 Prozent bei den 9- bis 16-Jährigen.
Die entsprechenden Baselbieter Daten aus dem
Jahr 2011 waren 86 Prozent, 87 Prozent und 84
Prozent. Auch aus dem Jahr 2014 liegen inzwischen die kantonalen Angaben vor: Sie sind 89
Prozent, 92 Prozent und 91 Prozent.
Masernelimination als Ziel der
nationalen Strategie
Die Weltgesundheitsorganisation WHO ebenso wie unser eigenes Land haben sich die
Ausrottung der Masern zum Ziel gesetzt. Die
wichtigste Massnahme dazu ist sicher die
konsequente Impfung. Da Masernviren nur in
Menschen überleben und durch diese weitergegeben werden können, kann eine kollektive
Immunität oder sogenannte „Herdenimmunität“ erreicht werden, sobald 95 Prozent der
Bevölkerung entweder zwei Impfdosen erhalten oder die Krankheit durchgemacht haben.
Bis dies erreicht ist, können aber Ausbrüche
immer wieder vorkommen.
Im Jahr 2008 wurden deshalb die Massnahmen zur Bekämpfung von Masern und
Masernausbrüchen bei behandelnden Ärztinnen und Ärzten, den Gesundheitsbehörden von
Kantonen und Bund sowie weiteren Partnern
wie den Schulgesundheitsdiensten verstärkt.
Dazu gehört, dass nach Bekanntwerden eines
Masernfalles alle Personen kontaktiert werden, die während der potenziell ansteckenden
Phase mit ihm Kontakt gehabt haben. Ist ein
 Maserndurchimpfung weltweit im
ersten Lebensjahr mit mindestens einer
Impfdosis gemäss Website der Weltgesundheitsorganisation WHO (www.who.
int/topics/measles)
Impfschutz vorhanden, so sind keine weiteren
Massnahmen notwendig. Ist dies nicht der Fall,
so ist bis 72 Stunden nach der mutmasslichen
Ansteckungsgefahr, der sogenannten potenziellen Exposition, noch eine Nachimpfung
möglich. Speziell gefährdeten Personen, also
Älteren, Schwangeren und Immunsupprimierten, wird zudem bis sechs Tage nach der Exposition eine Behandlung mit Immunoglobulinen
angeboten. Falls dies nicht möglich ist, müssen
potenziell Exponierte bis zur maximalen Dauer
Familie, sondern ist auch ein Akt der Solidarität auf lokaler, nationaler und internationaler
Ebene.
der Inkubationszeit, also dem zeitlichen Abstand zwischen Exposition und Auftreten der
Symptome von 21 Tagen, zuhause bleiben, um
eine weitere Verbreitung zu verhindern.
 Zeitlicher Verlauf einer Masernerkankung gemäss Richtlinien des Bundesamts für Gesundheit BAG
Masernimpfung im eigenen Interesse und
als Akt der Solidarität
Die beschriebenen Massnahmen haben auch
in der Schweiz zu einer deutlichen Abnahme
der Masernfälle geführt. Seit 1999 sind Masern meldepflichtig, im Jahr 2014 gab es noch
23 Fälle, von Januar bis Mitte März des laufenden Jahres deren acht. Seit Oktober 2013
gab es keine Ausbrüche mit mehr als zwei
Erkrankungen. Bis das Eliminationsziel einer
Durchimpfung von 95 Prozent erreicht ist,
werden aber aufwendige Eindämmungsmassnahmen notwendig bleiben und grosse Ausbrüche wie 2003, 2007 bis 2009 sowie 2011
mit jeweils zwischen 600 und mehr als 2200
Erkrankten jährlich sind ebenso wenig auszuschliessen wie die Verschleppung der Krankheit bis in Länder mit schlechterer Gesundheitsversorgung als der unseren.
Wichtigste Massnahme zur Bekämpfung
der Masern bleibt die Impfung mit zwei Dosen. Diese dient nicht nur dem Schutz der
Gesundheit des Einzelnen und der eigenen
PD Dr. med. Brian Martin,
Kantonsarzt Baselland;
Dr. med. Gabrielle Schmid,
stellvertretende Kantonsärztin
Schwerpunkt Masernstrategie 2015:
Impflücken schliessen
Die Schweiz verfolgt das Ziel einer Elimination der Masern. Im Jahr 2015 ist der
Schwerpunkt der entsprechenden Strategie, Impflücken zu schliessen. Allen
Personen mit Jahrgang 1964 und jünger,
die nicht die Masern durchgemacht
haben und die nicht mit zwei Dosen
geimpft worden sind, wird deshalb
empfohlen, sich nachimpfen zu lassen.
Individuelle Beratung und die entsprechenden Impfungen werden bei allen
Hausärztinnen und Hausärzten angeboten. Die Impfung erfolgt zulasten der
obligatorischen Krankenversicherung,
bis Ende 2015 ist sie auch von der Franchise befreit.
Weitere Informationen zum Thema
Masern sind auf der Website www.stopmasern.ch des Bundesamts für Gesundheit BAG sowie beim kantonsärztlichen
Dienst Baselland erhältlich.
Juni 2015 183
13
Masern – klinische Aspekte
und Komplikationen
In der Schweiz hat die Häufigkeit der Masern durch die in den Sechzigerjahren eingeführte
Impfung stark abgenommen. Die Krankheit ist daher nicht mehr so gut bekannt. Vor allem
jüngere Ärzte haben noch nie einen Fall gesehen. Dieser Artikel beinhaltet die klinischen
Aspekte der Masern sowie die Masernkomplikationen. Der bereits erschienene erste Beitrag
der Serie hat die Epidemiologie und die Bekämpfungsmassnahmen auf Bevölkerungsebene
abgehandelt, der dritte noch erscheinende Artikel wird sich den kinderärztlichen und schulärztlichen Aspekten widmen.
Die Masern sind hochansteckend
Die Masern gehören zu den höchst ansteckenden Viruskrankheiten. Tritt in einer Familie ein
Masernfall auf, so werden etwa 75 bis 90
Prozent der nicht immunen Haushaltsmitglieder erkranken. Man nimmt an, dass in einer
nicht immunen Population jeder Masernkranke
im Durchschnitt 12 bis 18 weitere Individuen
anstecken kann. Die Ansteckung erfolgt über
Atemwegssekretionen, durch kleinste infektiöse Tröpfchen.
Die klinischen Aspekte der
Masernerkrankung
Die klassische Masernerkrankung verläuft in
mehreren Phasen. Acht bis zwölf Tage nach
Ansteckung kommt es zur Prodromalphase
mit hohem Fieber, ausgeprägtem Krankheitsgefühl, Apathie, Lichtscheu und Appetitlosigkeit, gefolgt von Schnupfen, Halsschmerzen,
trockenem Reizhusten sowie einer eindrücklichen Bindehautentzündung der Augen (Abbildung 1). Nach zwei bis vier Tagen treten an
der Wangenschleimhaut die sogenannten
Koplik’schen Flecken auf (Abbildung 2). Es
handelt sich hierbei um ein bis drei Millimeter
grosse, weissliche, stippchenartige Flecken
auf der Schleimhaut, meist den Stockzähnen
gegenüberliegend. Die Suche nach
Koplik’schen Flecken ist sehr wichtig für die
frühe klinische Diagnose, weil sie hochgradig
typisch für die Maserninfektion sind.
 Abbildung 1:
Bindehautentzündung bei Masern.
Die sonst weissen
Skleren sind deutlich gerötet und
können juckend
und schmerzhaft
sein.
Danach folgt das Stadium des Hautausschlags. Auf der Haut zeigen sich drei bis acht
Millimeter grosse, rote, zum Teil erhabene
Flecken, die typischerweise zuerst hinter den
Ohren und im Gesicht auftreten und sich allmählich von oben nach unten über den Hals,
Oberkörper, Stamm und die Arme und Beine
ausbreiten. Der Ausschlag wird von hohem
Fieber, geschwollenen Lymphknoten, Husten,
30
184 Oktober 2015
Masern
Ausschlag
Tag 1
Einzelne Flecken
Tag 3 bis 4
Zusammenfliessende Flecken
Diagnose schwieriger zu stellen sein, denn
Fieber und Ausschlag können auch durch andere
Erreger bedingt sein. Die Sicherung der Diagnose erfolgt mittels Masern-Antikörpernachweis
im Blut oder mittels Nachweis des Masernvirus
aus einem Nasen-Rachen-Abstrich.
Es gibt keine gezielte Behandlung gegen
das Masernvirus
Eine gezielte, gegen das Masernvirus gerichtete
Therapie existiert nicht. Die Behandlung der
Masern ist unterstützend, d.h. sie besteht vorwiegend in der Linderung der Symptome sowie
der Behandlung allfälliger Komplikationen.
Halsschmerzen und einer Bindehautentzündung
der Augen begleitet. Die einzelnen Flecken des
Ausschlags können nach einigen Tagen zusammenfliessen und werden dann fälschlicherweise als diffuse Rötung der Haut wahrgenommen
– die aufmerksame Ärztin wird aber an Armen
oder Beinen immer noch maserntypische, einzelne rote Flecken finden (Abbildung 3).
Die Masern-Komplikationen: gefürchtet
und gar nicht so selten
Masern sind keine so harmlose Kinderkrankheit, wie oft vermutet wird. Tabelle 1 zeigt
eine Übersicht über die häufigsten Komplikationen. In der Schweiz stirbt zirka eine pro 3000
an Masern erkrankte Personen. Ungefähr acht
Prozent aller Masernfälle müssen hospitali-
Etwa 48 bis 72 Stunden nach Ausbruch
des Ausschlags kommt es allmählich zur
Abheilung mit Abblassen des Hautausschlags und Nachlassen des Fiebers sowie der
Atemwegssymptome. Häufig kommt es zu
einer Schuppung der Haut.
siert werden oder die Notfallstation aufsuchen. Bei den über 16-Jährigen sind es bereits
28 Prozent, die im Spital behandelt werden
müssen. Komplikationen treten also bei Erwachsenen gehäuft auf.
Diagnosestellung
Während einer Masernepidemie und entsprechendem Kontakt mit einem Masernkranken gibt
es kaum Schwierigkeiten, die Masern zu diagnostizieren. Ausserhalb einer Epidemie kann die
Einzelne Flecken
Masernkomplikationen und ihre Häufigkeit
Komplikationen der Masern-Mumps-Rötelnimpfung
KomplikationHäufigkeit
•Anaphylaxie (schwere allergische Reaktion): 1-10 pro Mio. Geimpfte
•Spitalbedürftigkeit alle Altersklassen
•Spitalbedürftigkeit > 16 jährige
•Sterblichkeit an Masern
•Lungenentzündung
•Masernenzephalitis (Hirnentzündung)
•Fieberkrämpfe: ca. 1 pro 1500 Geimpfte
Die Maserninfektion führt zu einer vorübergehenden Immunschwäche von etwa sechs
8%
28%
1:3000
1:200
1:1000
•Konvulsionen: 3 bis 385 pro Mio. Geimpfte verglichen mit 5000 bis
7000 pro Mio. Masernerkrankte
•Abfall der Blutplättchen: 25 bis 40 pro Mio. Geimpfte vs. 330 pro Mio.
Masernerkrankte
Wochen Dauer, was die Empfänglichkeit für
zusätzliche bakterielle Infektionen begünstigt
(z.B. Mittelohrentzündung, vor allem bei Kleinkindern, welche zu bleibendem Hörverlust
führen kann). Durchfall tritt bei bis zu 30 Prozent der hospitalisierten Patienten auf, ebenso
Leber- und Blinddarmentzündung. Die Masern
können auch die Lungen anstecken, mit einer
Häufigkeit von 1:200. Die Masern-Lungenentzündung kann schwer verlaufen und ist eine
der häufigsten masernbedingten Todesursachen bei Kleinkindern.
Sehr gefürchtet ist die sogenannte Masernenzephalitis, die Entzündung des Hirns (Häufigkeit 1:1000). Innerhalb von wenigen Tagen
nach Auftreten des Hautausschlags kommt es
dabei zu starken Kopfschmerzen, Lichtscheu
und Verwirrung. Es können Krampfanfälle
auftreten bis hin zu Koma und Tod. 25 Prozent
der Kinder leiden nach einer durchgemachten
Masernenzephalitis an einer bleibenden Behinderung. Eine sehr seltene Komplikation (vier
bis elf Fälle / 100‘000 Masernerkrankte) ist die
sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Dabei handelt es sich um eine
chronische Gehirnentzündung, deren Symptome
sieben bis zehn Jahre nach einer Maserninfektion auftreten und die fast immer tödlich endet.
Die SSPE tritt nur nach einer Maserninfektion
auf und nicht nach einer Masernimpfung.
Die Gefahren einer Maserninfektion können
durch die Masernimpfung wirksam und sicher
vermieden werden. Nach zwei Impfdosen wird
ein lebenslang anhaltender Impfschutz von
etwa 95 Prozent erreicht. Die Masernimpfung
ist eine sehr sichere Impfung und Impfkomplikationen sind sehr selten (Tabelle 2). Leichte
Symptome wie Schwellung und Schmerzen an
der Einstichstelle und leichtes Fieber können
auftreten. Die Impfung enthält ein stark abgeschwächtes, aber lebendiges (vermehrungsfähiges) Virus – daher dürfen immungeschwächte
Personen nicht geimpft werden.
 Abbildung 3:
Masern Ausschlag.
 Abbildung 2:
Koplik’sche Flecken.
Die aufmerksame
Ärztin wird bei
Masernverdacht
immer einen Blick
auf die Wangenschleimhaut werfen. Denn die
Koplik’schen Flecken kommen fast
ausschliesslich bei
Masern vor.
Illustrationen
abgebildet mit
freundlicher Genehmigung von
Bettina Rigoli,
Basel
Weitere Informationen sind auf der Website www.stop-masern.ch erhältlich.
Peter Graber, Philip Tarr,
leitende Ärzte, Infektiologie und Spitalhygiene,
Kantonsspital Baselland
Oktober 2015 184
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Masern – klinische Aspekte
und Komplikationen
In der Schweiz hat die Häufigkeit der Masern durch die in den Sechzigerjahren eingeführte
Impfung stark abgenommen. Die Krankheit ist daher nicht mehr so gut bekannt. Vor allem
jüngere Ärzte haben noch nie einen Fall gesehen. Dieser Artikel beinhaltet die klinischen
Aspekte der Masern sowie die Masernkomplikationen. Der bereits erschienene erste Beitrag
der Serie hat die Epidemiologie und die Bekämpfungsmassnahmen auf Bevölkerungsebene
abgehandelt, der dritte noch erscheinende Artikel wird sich den kinderärztlichen und schulärztlichen Aspekten widmen.
Die Masern sind hochansteckend
Die Masern gehören zu den höchst ansteckenden Viruskrankheiten. Tritt in einer Familie ein
Masernfall auf, so werden etwa 75 bis 90
Prozent der nicht immunen Haushaltsmitglieder erkranken. Man nimmt an, dass in einer
nicht immunen Population jeder Masernkranke
im Durchschnitt 12 bis 18 weitere Individuen
anstecken kann. Die Ansteckung erfolgt über
Atemwegssekretionen, durch kleinste infektiöse Tröpfchen.
Die klinischen Aspekte der
Masernerkrankung
Die klassische Masernerkrankung verläuft in
mehreren Phasen. Acht bis zwölf Tage nach
Ansteckung kommt es zur Prodromalphase
mit hohem Fieber, ausgeprägtem Krankheitsgefühl, Apathie, Lichtscheu und Appetitlosigkeit, gefolgt von Schnupfen, Halsschmerzen,
trockenem Reizhusten sowie einer eindrücklichen Bindehautentzündung der Augen (Abbildung 1). Nach zwei bis vier Tagen treten an
der Wangenschleimhaut die sogenannten
Koplik’schen Flecken auf (Abbildung 2). Es
handelt sich hierbei um ein bis drei Millimeter
grosse, weissliche, stippchenartige Flecken
auf der Schleimhaut, meist den Stockzähnen
gegenüberliegend. Die Suche nach
Koplik’schen Flecken ist sehr wichtig für die
frühe klinische Diagnose, weil sie hochgradig
typisch für die Maserninfektion sind.
 Abbildung 1:
Bindehautentzündung bei Masern.
Die sonst weissen
Skleren sind deutlich gerötet und
können juckend
und schmerzhaft
sein.
Danach folgt das Stadium des Hautausschlags. Auf der Haut zeigen sich drei bis acht
Millimeter grosse, rote, zum Teil erhabene
Flecken, die typischerweise zuerst hinter den
Ohren und im Gesicht auftreten und sich allmählich von oben nach unten über den Hals,
Oberkörper, Stamm und die Arme und Beine
ausbreiten. Der Ausschlag wird von hohem
Fieber, geschwollenen Lymphknoten, Husten,
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184 Oktober 2015
Masern
Ausschlag
Tag 1
Einzelne Flecken
Tag 3 bis 4
Zusammenfliessende Flecken
Diagnose schwieriger zu stellen sein, denn
Fieber und Ausschlag können auch durch andere
Erreger bedingt sein. Die Sicherung der Diagnose erfolgt mittels Masern-Antikörpernachweis
im Blut oder mittels Nachweis des Masernvirus
aus einem Nasen-Rachen-Abstrich.
Es gibt keine gezielte Behandlung gegen
das Masernvirus
Eine gezielte, gegen das Masernvirus gerichtete
Therapie existiert nicht. Die Behandlung der
Masern ist unterstützend, d.h. sie besteht vorwiegend in der Linderung der Symptome sowie
der Behandlung allfälliger Komplikationen.
Halsschmerzen und einer Bindehautentzündung
der Augen begleitet. Die einzelnen Flecken des
Ausschlags können nach einigen Tagen zusammenfliessen und werden dann fälschlicherweise als diffuse Rötung der Haut wahrgenommen
– die aufmerksame Ärztin wird aber an Armen
oder Beinen immer noch maserntypische, einzelne rote Flecken finden (Abbildung 3).
Die Masern-Komplikationen: gefürchtet
und gar nicht so selten
Masern sind keine so harmlose Kinderkrankheit, wie oft vermutet wird. Tabelle 1 zeigt
eine Übersicht über die häufigsten Komplikationen. In der Schweiz stirbt zirka eine pro 3000
an Masern erkrankte Personen. Ungefähr acht
Prozent aller Masernfälle müssen hospitali-
Etwa 48 bis 72 Stunden nach Ausbruch
des Ausschlags kommt es allmählich zur
Abheilung mit Abblassen des Hautausschlags und Nachlassen des Fiebers sowie der
Atemwegssymptome. Häufig kommt es zu
einer Schuppung der Haut.
siert werden oder die Notfallstation aufsuchen. Bei den über 16-Jährigen sind es bereits
28 Prozent, die im Spital behandelt werden
müssen. Komplikationen treten also bei Erwachsenen gehäuft auf.
Diagnosestellung
Während einer Masernepidemie und entsprechendem Kontakt mit einem Masernkranken gibt
es kaum Schwierigkeiten, die Masern zu diagnostizieren. Ausserhalb einer Epidemie kann die
Einzelne Flecken
Masernkomplikationen und ihre Häufigkeit
Komplikationen der Masern-Mumps-Rötelnimpfung
KomplikationHäufigkeit
•Anaphylaxie (schwere allergische Reaktion): 1-10 pro Mio. Geimpfte
•Spitalbedürftigkeit alle Altersklassen
•Spitalbedürftigkeit > 16 jährige
•Sterblichkeit an Masern
•Lungenentzündung
•Masernenzephalitis (Hirnentzündung)
•Fieberkrämpfe: ca. 1 pro 1500 Geimpfte
Die Maserninfektion führt zu einer vorübergehenden Immunschwäche von etwa sechs
8%
28%
1:3000
1:200
1:1000
•Konvulsionen: 3 bis 385 pro Mio. Geimpfte verglichen mit 5000 bis
7000 pro Mio. Masernerkrankte
•Abfall der Blutplättchen: 25 bis 40 pro Mio. Geimpfte vs. 330 pro Mio.
Masernerkrankte
Wochen Dauer, was die Empfänglichkeit für
zusätzliche bakterielle Infektionen begünstigt
(z.B. Mittelohrentzündung, vor allem bei Kleinkindern, welche zu bleibendem Hörverlust
führen kann). Durchfall tritt bei bis zu 30 Prozent der hospitalisierten Patienten auf, ebenso
Leber- und Blinddarmentzündung. Die Masern
können auch die Lungen anstecken, mit einer
Häufigkeit von 1:200. Die Masern-Lungenentzündung kann schwer verlaufen und ist eine
der häufigsten masernbedingten Todesursachen bei Kleinkindern.
Sehr gefürchtet ist die sogenannte Masernenzephalitis, die Entzündung des Hirns (Häufigkeit 1:1000). Innerhalb von wenigen Tagen
nach Auftreten des Hautausschlags kommt es
dabei zu starken Kopfschmerzen, Lichtscheu
und Verwirrung. Es können Krampfanfälle
auftreten bis hin zu Koma und Tod. 25 Prozent
der Kinder leiden nach einer durchgemachten
Masernenzephalitis an einer bleibenden Behinderung. Eine sehr seltene Komplikation (vier
bis elf Fälle / 100‘000 Masernerkrankte) ist die
sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Dabei handelt es sich um eine
chronische Gehirnentzündung, deren Symptome
sieben bis zehn Jahre nach einer Maserninfektion auftreten und die fast immer tödlich endet.
Die SSPE tritt nur nach einer Maserninfektion
auf und nicht nach einer Masernimpfung.
Die Gefahren einer Maserninfektion können
durch die Masernimpfung wirksam und sicher
vermieden werden. Nach zwei Impfdosen wird
ein lebenslang anhaltender Impfschutz von
etwa 95 Prozent erreicht. Die Masernimpfung
ist eine sehr sichere Impfung und Impfkomplikationen sind sehr selten (Tabelle 2). Leichte
Symptome wie Schwellung und Schmerzen an
der Einstichstelle und leichtes Fieber können
auftreten. Die Impfung enthält ein stark abgeschwächtes, aber lebendiges (vermehrungsfähiges) Virus – daher dürfen immungeschwächte
Personen nicht geimpft werden.
 Abbildung 3:
Masern Ausschlag.
 Abbildung 2:
Koplik’sche Flecken.
Die aufmerksame
Ärztin wird bei
Masernverdacht
immer einen Blick
auf die Wangenschleimhaut werfen. Denn die
Koplik’schen Flecken kommen fast
ausschliesslich bei
Masern vor.
Illustrationen
abgebildet mit
freundlicher Genehmigung von
Bettina Rigoli,
Basel
Weitere Informationen sind auf der Website www.stop-masern.ch erhältlich.
Peter Graber, Philip Tarr,
leitende Ärzte, Infektiologie und Spitalhygiene,
Kantonsspital Baselland
Oktober 2015 184
31
Masern aus kinder- und schulärztlicher Sicht
Masern sind in Mitteleuropa seit der Einführung der Masernschutzimpfung selten geworden. In Afrika, Asien
sowie in der Region östliches Mittelmeer gehören die Masern zu den häufigen Infektionskrankheiten. Aufgrund
der grossen Flüchtlingsströme aus diesen Regionen erhöht sich die Gefahr neuer Masernausbrüche auch in Mitteleuropa. Nur durch die vollständige Impfung der gesamten Bevölkerung können Masernepidemien verhindert
werden. Der dritte Artikel dieser Serie befasst sich mit der Masernerkrankung aus kinder- und schulärztlicher Sicht.
›
Zur täglichen Routine gehört in der Kinderarztpraxis die Durchführung der Schutzimpfung gegen Masern. Für einen vollständigen
Impfschutz sind zwei Impfungen erforderlich.
Die erste Impfung wird in der Regel im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen im Alter von
zwölf Monaten und die zweite Impfung mit
15 – 24 Monaten mit einem kombinierten
Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff (MMRImpfstoff) durchgeführt.
Für Säuglinge mit einem erhöhten Risiko
einer frühen MMR-Infektion, d.h. Frühgeborene
und Kinder in Tagesbetreuung, wird die erste
Impfung bereits im Alter von 9–11 Monaten
empfohlen.
Erfreulicherweise sind seit der Einführung
der Masernschutzimpfung Kinder mit einer
akuten Masernerkrankung in der täglichen
Sprechstunde zu einer Rarität geworden.
Umso wichtiger ist es bei potenziell erkrankten Kindern mit verdächtigen Symptomen, die
Verdachtsdiagnose Masern rasch in Betracht
zu ziehen. Am günstigsten ist es, wenn bereits
bei telefonischer Anmeldung der Masernverdacht erkannt wird, um das möglicherweise
masernkranke Kind von Anfang an konsequent
zu isolieren, bis die Diagnose gesichert oder
ausgeschlossen werden kann.
Da die Masernsymptome zu Beginn einer
Erkältung ähnlich sein können, müssen ungeimpfte Kinder beim geringsten Verdacht ärztlich untersucht werden. Nur frühzeitige Identifikation und Isolation von Masernkranken
verhindern die weitere Ausbreitung.
Typischer Krankheitsverlauf
Sieben bis 18 Tage nach der Infektion mit dem
Masernvirus beginnt das sogenannte Prodromalstadium (Dauer 3 – 4 Tage). Es treten unspezifische Erkältungssymptome wie Schnupfen, Fieber, Halsschmerzen, Husten und gelegentlich auch Magen-Darmprobleme auf. In
dieser frühen Phase der Erkrankung zeigen
20
sich auch die maserntypischen Koplikflecken
an der Wangenschleimhaut. Es handelt sich
um leicht zu übersehende, kleine kalkspritzerartige Nekrosen an der Wangenschleimhaut,
zumeist den Backenzähnen gegenüberliegend.
Ausserdem leiden die betroffenen Kinder
unter einer Bindehautentzündung mit deutlicher Rötung der Augen, begleitet von ausgeprägter Lichtscheu. Die Kinder fühlen sich
daher in abgedunkelten Räumen besser. Diese
für die Masernerkrankung typische Lichtscheu
Was können Tageseinrichtungen,
Kindergärten und Schulen
zur Masernelimination beitragen?
1. Die Eltern werden bereits bei der Anmeldung über die Wichtigkeit der
Masernimpfung (2 Impfdosen) informiert.
2.Alle Mitarbeiter (Lehrpersonen, Verwaltung, Technik und Reinigung) der
Schule werden aufgefordert, ihren
Impfschutz zu prüfen und bei Bedarf
zu vervollständigen.
3.Information aller Schüler/innen und
Mitarbeitenden, die keine Masernerkrankung durchgemacht haben und
die Durchführung der Impfung verweigern, dass sie bei Kontakt mit einem
Masernpatienten oder Masernverdachtfalles 3 Wochen nicht in die Schule kommen dürfen (Schulausschluss).
4.Bei Masernverdacht müssen die Gesundheitsdienste sofort informiert
werden, damit die notwendigen Massnahmen zur Eindämmung der weiteren Ausbreitung der Masern möglichst
rasch eingeleitet werden können.
(in Anlehnung an die Empfehlungen für
Schulen des BAG/EDI)
185 Dezember 2015
roposophie. Steiners These geht davon
aus, dass jede durchgemachte Kinderkrankheit einen Entwicklungsschub
bewirke. Steiner lehnte Impfungen
jedoch nicht grundsätzlich ab. Damals
gab es keine Impfungen gegen Kinderkrankheiten. Dank der Impfungen
überleben heute viel mehr Kinder die
ersten Lebensjahre.
muss bei ungeimpften Kindern stets den
Verdacht auf das Vorliegen einer Maserninfektion lenken.
3–7 Tage nach Auftreten der ersten Symptome kommt es zum charakteristischen Masernexanthem, das hinter den Ohren beginnt
und sich dann im Gesicht zeigt, die weitere
Ausbreitung erfolgt innerhalb von 2 Tagen
über den Rumpf auf Arme und Beine. Dieses
Exanthem besteht zunächst aus einzelnen 3 – 8
mm grossen hochroten Flecken, die im weiteren Verlauf zusammenfliessen. Masern sind
keine harmlose Kinderkrankheit, bei ca. 10 %
der Patienten kommt es zu Komplikationen.
Gefürchtete schwere Komplikationen sind die
Lungenentzündung, die ca. 5 % der Erkrankten
entwickeln, und die Masernencephalitis (1 Fall
pro 1000 Erkrankte). Beide schwerwiegenden
Erkrankungen können zu nachhaltigen Folgeschäden und im schlimmsten Fall sogar zum
Tod des Patienten führen.
Masernerkrankte in den letzten Jahren
In der Schweiz traten in den letzten Jahren
erfreulicherweise weniger Masernfälle auf.
Kommt es zu einer akuten Masernerkrankung,
muss der Schularzt rasch die erforderlichen
Massnahmen zur Einschränkung der weiteren
Verbreitung der Masernerkrankung einleiten.
Masernfälle in der Schweiz
2012
2013
2014
2015 (Jan-Sept.)
66Masernerkrankte
176Masernerkrankte
23Masernerkrankte
35 Masernerkrankte
Um die Anzahl der Masernfälle weiter zu
reduzieren und die Masern langfristig zu
eliminieren, sollte jeder Schularzt sich für eine
vollständige Durchimpfung aller Schüler/innen
und Mitarbeitenden einsetzen.
Dr. med. Karin Seibold-Weiger
 Typisches Masernexanthem
4.Wie kann man die Masern behandeln?
Eine spezifische Therapie gegen Masern gibt es nicht. Die Symptome
lassen sich durch eine schmerz- und
fiebersenkende Therapie lindern.
Auch bei sofortiger medizinischer
Behandlung kann es im Verlauf der
Erkrankung zu schwerwiegenden
Folgeerkrankungen kommen.
Masern – häufige Fragen
1. Sind Masern nicht eine harmlose Kinderkrankheit, die früher jeder durchgemacht hat?
Nein, Masern sind nicht harmlos,
Komplikationen wie Mittelohrentzündung, Fieberkrämpfe, schwere Lungenentzündung (5 %) und Gehirnentzündungen mit schweren dauerhaften Schädigungen (0,1 %) und Tod sind
möglich.
2.Ist das Durchmachen von Erkrankungen nicht wichtig für das Immunsystem des Kindes?
Nein, eine durchgemachte Masernerkrankung stärkt das Immunsystem
des Kindes nicht.
Im Gegenteil, nach einer durchgemachten Maserninfektion ist das
Immunsystem über lange Zeit geschwächt, dies macht den Körper
anfällig für andere Infektionen.
3.Ist das Durchmachen von Infektionskrankheiten nicht wichtig für die normale Entwicklung des Kindes?
Nein. – Ein Kind hat dank einer durchgemachten Infektionskrankheit keine
Vorteile für die weitere Entwicklung.
Diese Idee hat ihren Ursprung in der
von Rudolf Steiner begründeten Anth-
5.Wie kann man sich vor Masern schützen?
Zuverlässig schützen kann man sich
nur durch die 2 x Masernimpfung.
Masern sind hochansteckend. Die
Infektion erfolgt durch das Einatmen
infektiöser Tröpfchen beim Sprechen,
Niesen, Husten und durch Kontakt
mit infektiösen Sekreten aus Nase
und Rachen. Bereits bei kurzem Kontakt stecken sich nahezu alle nicht
geimpften Personen an. Da die Erkrankung bereits vor dem Auftreten
des typischen Masernexanthems sehr
ansteckend ist, sind die Erkrankten
noch nicht isoliert und eine Infektion
durch Kontakt in der Öffentlichkeit
(Tram, Bus, Geschäfte, Kindergarten)
ist möglich.
6.Wie lange hält bei Säuglingen der
Nestschutz an?
Jede Mutter, die Masern durchgemacht hat oder geimpft ist, gibt während der Schwangerschaft Antikörper
an ihr Baby weiter. Diese Antikörper
schützen den Säugling in den ersten
Lebensmonaten vor einer Maserninfektion. Dieser Nestschutz ist bei jedem Baby unterschiedlich lange wirksam (einige Wochen bis Monate).
Schwerpunkt Masernstrategie 2015:
Impflücken schliessen
Die Schweiz verfolgt das Ziel einer Elimination der Masern. Im Jahr 2015 ist der
Schwerpunkt der entsprechenden Strategie, Impflücken zu schliessen. Allen Personen mit Jahrgang 1964 und jünger, die
nicht die Masern durchgemacht haben
und die nicht mit zwei Dosen geimpft
worden sind, wird deshalb empfohlen,
sich nachimpfen zu lassen. Individuelle
Beratung und die entsprechenden Impfungen werden bei allen Hausärztinnen
und Hausärzten und Kinderärztinnen
und Kinderärzten angeboten. Die Impfung erfolgt zu Lasten der obligatorischen Krankenversicherung, bis Ende
2015 ist sie auch von der Franchise befreit.
Weitere Informationen zum Thema
Masern sind auf der Website www.stopmasern.ch des Bundesamts für Gesundheit BAG sowie beim kantonsärztlichen
Dienst Baselland erhältlich.
Das Thema Masern wurde in einer dreiteiligen Serie vorgestellt: «Epidemiologie
und Eliminationsstrategie» im Infoheft
183, «Das klinische Bild der Masern» in der
Nummer 184.
Dezember 2015 185
21
Masern aus kinder- und schulärztlicher Sicht
Masern sind in Mitteleuropa seit der Einführung der Masernschutzimpfung selten geworden. In Afrika, Asien
sowie in der Region östliches Mittelmeer gehören die Masern zu den häufigen Infektionskrankheiten. Aufgrund
der grossen Flüchtlingsströme aus diesen Regionen erhöht sich die Gefahr neuer Masernausbrüche auch in Mitteleuropa. Nur durch die vollständige Impfung der gesamten Bevölkerung können Masernepidemien verhindert
werden. Der dritte Artikel dieser Serie befasst sich mit der Masernerkrankung aus kinder- und schulärztlicher Sicht.
›
Zur täglichen Routine gehört in der Kinderarztpraxis die Durchführung der Schutzimpfung gegen Masern. Für einen vollständigen
Impfschutz sind zwei Impfungen erforderlich.
Die erste Impfung wird in der Regel im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen im Alter von
zwölf Monaten und die zweite Impfung mit
15 – 24 Monaten mit einem kombinierten
Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff (MMRImpfstoff) durchgeführt.
Für Säuglinge mit einem erhöhten Risiko
einer frühen MMR-Infektion, d.h. Frühgeborene
und Kinder in Tagesbetreuung, wird die erste
Impfung bereits im Alter von 9–11 Monaten
empfohlen.
Erfreulicherweise sind seit der Einführung
der Masernschutzimpfung Kinder mit einer
akuten Masernerkrankung in der täglichen
Sprechstunde zu einer Rarität geworden.
Umso wichtiger ist es bei potenziell erkrankten Kindern mit verdächtigen Symptomen, die
Verdachtsdiagnose Masern rasch in Betracht
zu ziehen. Am günstigsten ist es, wenn bereits
bei telefonischer Anmeldung der Masernverdacht erkannt wird, um das möglicherweise
masernkranke Kind von Anfang an konsequent
zu isolieren, bis die Diagnose gesichert oder
ausgeschlossen werden kann.
Da die Masernsymptome zu Beginn einer
Erkältung ähnlich sein können, müssen ungeimpfte Kinder beim geringsten Verdacht ärztlich untersucht werden. Nur frühzeitige Identifikation und Isolation von Masernkranken
verhindern die weitere Ausbreitung.
Typischer Krankheitsverlauf
Sieben bis 18 Tage nach der Infektion mit dem
Masernvirus beginnt das sogenannte Prodromalstadium (Dauer 3 – 4 Tage). Es treten unspezifische Erkältungssymptome wie Schnupfen, Fieber, Halsschmerzen, Husten und gelegentlich auch Magen-Darmprobleme auf. In
dieser frühen Phase der Erkrankung zeigen
20
sich auch die maserntypischen Koplikflecken
an der Wangenschleimhaut. Es handelt sich
um leicht zu übersehende, kleine kalkspritzerartige Nekrosen an der Wangenschleimhaut,
zumeist den Backenzähnen gegenüberliegend.
Ausserdem leiden die betroffenen Kinder
unter einer Bindehautentzündung mit deutlicher Rötung der Augen, begleitet von ausgeprägter Lichtscheu. Die Kinder fühlen sich
daher in abgedunkelten Räumen besser. Diese
für die Masernerkrankung typische Lichtscheu
Was können Tageseinrichtungen,
Kindergärten und Schulen
zur Masernelimination beitragen?
1. Die Eltern werden bereits bei der Anmeldung über die Wichtigkeit der
Masernimpfung (2 Impfdosen) informiert.
2.Alle Mitarbeiter (Lehrpersonen, Verwaltung, Technik und Reinigung) der
Schule werden aufgefordert, ihren
Impfschutz zu prüfen und bei Bedarf
zu vervollständigen.
3.Information aller Schüler/innen und
Mitarbeitenden, die keine Masernerkrankung durchgemacht haben und
die Durchführung der Impfung verweigern, dass sie bei Kontakt mit einem
Masernpatienten oder Masernverdachtfalles 3 Wochen nicht in die Schule kommen dürfen (Schulausschluss).
4.Bei Masernverdacht müssen die Gesundheitsdienste sofort informiert
werden, damit die notwendigen Massnahmen zur Eindämmung der weiteren Ausbreitung der Masern möglichst
rasch eingeleitet werden können.
(in Anlehnung an die Empfehlungen für
Schulen des BAG/EDI)
185 Dezember 2015
roposophie. Steiners These geht davon
aus, dass jede durchgemachte Kinderkrankheit einen Entwicklungsschub
bewirke. Steiner lehnte Impfungen
jedoch nicht grundsätzlich ab. Damals
gab es keine Impfungen gegen Kinderkrankheiten. Dank der Impfungen
überleben heute viel mehr Kinder die
ersten Lebensjahre.
muss bei ungeimpften Kindern stets den
Verdacht auf das Vorliegen einer Maserninfektion lenken.
3–7 Tage nach Auftreten der ersten Symptome kommt es zum charakteristischen Masernexanthem, das hinter den Ohren beginnt
und sich dann im Gesicht zeigt, die weitere
Ausbreitung erfolgt innerhalb von 2 Tagen
über den Rumpf auf Arme und Beine. Dieses
Exanthem besteht zunächst aus einzelnen 3 – 8
mm grossen hochroten Flecken, die im weiteren Verlauf zusammenfliessen. Masern sind
keine harmlose Kinderkrankheit, bei ca. 10 %
der Patienten kommt es zu Komplikationen.
Gefürchtete schwere Komplikationen sind die
Lungenentzündung, die ca. 5 % der Erkrankten
entwickeln, und die Masernencephalitis (1 Fall
pro 1000 Erkrankte). Beide schwerwiegenden
Erkrankungen können zu nachhaltigen Folgeschäden und im schlimmsten Fall sogar zum
Tod des Patienten führen.
Masernerkrankte in den letzten Jahren
In der Schweiz traten in den letzten Jahren
erfreulicherweise weniger Masernfälle auf.
Kommt es zu einer akuten Masernerkrankung,
muss der Schularzt rasch die erforderlichen
Massnahmen zur Einschränkung der weiteren
Verbreitung der Masernerkrankung einleiten.
Masernfälle in der Schweiz
2012
2013
2014
2015 (Jan-Sept.)
66Masernerkrankte
176Masernerkrankte
23Masernerkrankte
35 Masernerkrankte
Um die Anzahl der Masernfälle weiter zu
reduzieren und die Masern langfristig zu
eliminieren, sollte jeder Schularzt sich für eine
vollständige Durchimpfung aller Schüler/innen
und Mitarbeitenden einsetzen.
Dr. med. Karin Seibold-Weiger
 Typisches Masernexanthem
4.Wie kann man die Masern behandeln?
Eine spezifische Therapie gegen Masern gibt es nicht. Die Symptome
lassen sich durch eine schmerz- und
fiebersenkende Therapie lindern.
Auch bei sofortiger medizinischer
Behandlung kann es im Verlauf der
Erkrankung zu schwerwiegenden
Folgeerkrankungen kommen.
Masern – häufige Fragen
1. Sind Masern nicht eine harmlose Kinderkrankheit, die früher jeder durchgemacht hat?
Nein, Masern sind nicht harmlos,
Komplikationen wie Mittelohrentzündung, Fieberkrämpfe, schwere Lungenentzündung (5 %) und Gehirnentzündungen mit schweren dauerhaften Schädigungen (0,1 %) und Tod sind
möglich.
2.Ist das Durchmachen von Erkrankungen nicht wichtig für das Immunsystem des Kindes?
Nein, eine durchgemachte Masernerkrankung stärkt das Immunsystem
des Kindes nicht.
Im Gegenteil, nach einer durchgemachten Maserninfektion ist das
Immunsystem über lange Zeit geschwächt, dies macht den Körper
anfällig für andere Infektionen.
3.Ist das Durchmachen von Infektionskrankheiten nicht wichtig für die normale Entwicklung des Kindes?
Nein. – Ein Kind hat dank einer durchgemachten Infektionskrankheit keine
Vorteile für die weitere Entwicklung.
Diese Idee hat ihren Ursprung in der
von Rudolf Steiner begründeten Anth-
5.Wie kann man sich vor Masern schützen?
Zuverlässig schützen kann man sich
nur durch die 2 x Masernimpfung.
Masern sind hochansteckend. Die
Infektion erfolgt durch das Einatmen
infektiöser Tröpfchen beim Sprechen,
Niesen, Husten und durch Kontakt
mit infektiösen Sekreten aus Nase
und Rachen. Bereits bei kurzem Kontakt stecken sich nahezu alle nicht
geimpften Personen an. Da die Erkrankung bereits vor dem Auftreten
des typischen Masernexanthems sehr
ansteckend ist, sind die Erkrankten
noch nicht isoliert und eine Infektion
durch Kontakt in der Öffentlichkeit
(Tram, Bus, Geschäfte, Kindergarten)
ist möglich.
6.Wie lange hält bei Säuglingen der
Nestschutz an?
Jede Mutter, die Masern durchgemacht hat oder geimpft ist, gibt während der Schwangerschaft Antikörper
an ihr Baby weiter. Diese Antikörper
schützen den Säugling in den ersten
Lebensmonaten vor einer Maserninfektion. Dieser Nestschutz ist bei jedem Baby unterschiedlich lange wirksam (einige Wochen bis Monate).
Schwerpunkt Masernstrategie 2015:
Impflücken schliessen
Die Schweiz verfolgt das Ziel einer Elimination der Masern. Im Jahr 2015 ist der
Schwerpunkt der entsprechenden Strategie, Impflücken zu schliessen. Allen Personen mit Jahrgang 1964 und jünger, die
nicht die Masern durchgemacht haben
und die nicht mit zwei Dosen geimpft
worden sind, wird deshalb empfohlen,
sich nachimpfen zu lassen. Individuelle
Beratung und die entsprechenden Impfungen werden bei allen Hausärztinnen
und Hausärzten und Kinderärztinnen
und Kinderärzten angeboten. Die Impfung erfolgt zu Lasten der obligatorischen Krankenversicherung, bis Ende
2015 ist sie auch von der Franchise befreit.
Weitere Informationen zum Thema
Masern sind auf der Website www.stopmasern.ch des Bundesamts für Gesundheit BAG sowie beim kantonsärztlichen
Dienst Baselland erhältlich.
Das Thema Masern wurde in einer dreiteiligen Serie vorgestellt: «Epidemiologie
und Eliminationsstrategie» im Infoheft
183, «Das klinische Bild der Masern» in der
Nummer 184.
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