Rechts oder Links – das ist die Frage: Chiralität in der Chemie

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Rechts oder Links – das ist die Frage:
Chiralität in der Chemie
Studium Generale
Wintersemester 2012/13
Prof. Dr. Wolfgang Weigand
Institut für Anorganische und Analytische Chemie der Friedrich-Schiller-Universität Jena,
Humboldtstraße 8, D-07743 Jena, Germany
lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum
(Ernst Jandl, 1925-2000)
Beispiele aus Kunst, Natur etc.
selten
häufig
Historische Entwicklung
„Was kann wohl meiner Hand
oder meinem Ohr ähnlicher, und in allen
Stücken gleicher sein, als ihr Bild im
Spiegel? Und dennoch kann ich eine
solche Hand, als im Spiegel gesehen
wird, nicht an die Stelle ihres Urbildes
setzen …“
I. Kant, Prolegomena zu einer jeden
künftigen Metaphysik die als Wissenschaft
wird auftreten können, bey Johann
Friedrich Hartknoch, Riga, 1783
Was heißt Chiralität?
Chiralität (griechisch:  Hand): Der Begriff Chiralität wurde
vor über hundert Jahren von Lord Kelvin geprägt.
Danach ist jede geometrische Figur chiral, wenn Bild und
Spiegelbild nicht zur Deckung gebracht werden können.
Chirale Objekte enthalten keine Elemente der Reflexion wie
Spiegelebene (s, S1), Inversionszentrum (i, S2) oder
Drehspiegelachse (Sn). Deshalb bilden chirale Objekte, wie die
Hand, stets zwei inkongruente Spiegelbildformen, die als
Enantiomere bezeichnet werden. Nach Lord Kelvin sind zwei
rechte (oder zwei linke) Hände homochiral, während rechte und
linke Hand heterochiral sind.
Symmetrieachsen Cn (Drehachse; n =2,3,4 u.s.w)
Symmetrieebenen σ (Spiegelebene)
Symmetriezentren i (Inversionspunkt)
Drehspiegelachsen Sn
William Thomson, Lord Kelvin
* 26. Juni 1824 in Belfast, Nordirland; † 17. Dezember 1907 in Netherhall bei
Largs, Schottland
1846 bis 1899 Professor für theoretische
Physik in Glasgow
Forschungsgebiete: Elektrizitätslehre
undThermodynamik (Carnotschen
Wärmetheorie, Einheit „Kelvin“)
1852 Gemeinsam mit James Prescott Joule
entdeckte er den Joule-Thomson-Effekt
1857 den magnetischen AMR-Effekt.
1867 entwickelte Thomson das harmonische
Verfahren zur Berechnung der Gezeiten und
konstruierte 1872 die erste Gezeitenrechenmaschine.
Ein chemisches Beispiel aus dem
täglichen Leben
Auffällig unauffällig steht auf unserem Joghurt
zu lesen: „Mit rechtsdrehende Milchsäure L(+)“.
Dexter
Laevus
Chiralität und Molekülgestalt
Dexter
Laevus
Dexter
Laevus
Was heißt (+) und (-)?
Substanzen, welche die Schwingungsebene des linear
polarisierten Lichtes drehen, nennt man optisch aktiv.
Erfolgt die Drehung der Schwingungsebene und somit
auch die Drehung des Analysators nach rechts, um wieder
größtmögliche Lichtundurchlässigkeit zu erhalten, so
nennt man die Verbindung rechtsdrehend (+), muß man
den Analysator in Linksrichtung nachstellen, wird die
Verbindung als linksdrehend (-) bezeichnet.
© 2007 Pearson Studium / Abbildung aus: Bruice: Organische Chemie, 5. Aufl. / ISBN: 978-3-8273-7190-4
Historische Entwicklung
Im Jahre 1874 gaben gleichzeitig und völlig unabhängig voneinander der
holländische Physikochemiker J. H. van't Hoff und sein früherer
Kommilitone J. A. LeBel die schlüssige Erklärung für die optische
Aktivität mancher und die Inaktivität anderer Kohlenstoffverbindungen:
Sie postulierten, dass chirale Verbindungen (L oder D) z. B. bestehend
aus einem Kohlenstoffatom mit vier verschiedenen Gruppen a,b,c und
d optisch aktiv sind.
L. Pasteur hat als Erster einen Zusammenhang zwischen der optischen
Aktivität und der Dissymmetrie auf molekularer Ebene nachgewiesen,
aber er konnte nicht genau sagen, wie ein Molekül rechts- oder
linksdrehend sein konnte.
Dexter
Laevus
P. Cintas, Angew. Chem. 2007, 119,4090 – 4099
Louis Pasteur
* 27. Dezember 1822 in Dole, Département Jura;
† 28. September 1895 in Villeneuve-l’Étang bei Paris
Aus spiegelbildlichen Kristallformen eines Salzes der Traubensäure
sowie ihrer optischen Aktivität schloss er auf ihre zugrunde liegende
molekulare Asymmetrie (1874). Damit wurde er zum Begründer der
Stereochemie.
Joseph-Achille Le Bel
* 21. Januar 1847 in Pechelbronn, Elsass; † 6. August 1930 in
Paris) war ein französischer Chemiker.
Optische Aktivität organischer Verbindungen durch die Annahme
von tetraedrischen, „asymmetrischen“ Kohlenstoffatomen (1874)
Jacobus Henricus van ’t Hoff
* 30. August 1852 in Rotterdam; † 1. März 1911 in Steglitz b. Berlin
Vor Abschluss seiner Doktorarbeit überraschte van 't Hoff die
Fachwelt mit einem kurzen Artikel zum optischen Drehvermögen
und zur Stereochemie von Kohlenstoffbindungen.
Beispiele für chirale Moleküle
Verbindungen mit asymmetrisch substituiertem C-Atom (C1-Achse)
Ein asymmetrisch substituiertes Atom (z.B. *C-Atom mit vier
unterschiedlichen Gruppen) ist ein stereogenes Zentrum.
*
Weitere Beispiele für
chirale Moleküle
Man sieht also, dass es offenbar hinreichend, aber nicht notwendig ist, bei
chiralen Molekülen von der Existenz eines Chiralitätszentrums auszugehen.
Es gibt vielmehr auch chirale Moleküle ohne Chiralitätszentrum
Einige Definitionen
Enantiomere: Stereoisomere, die sich wie Bild und Spiegelbild
zueinander verhalten
Stereoisomere: Verbindungen gleicher Konstitution und
verschiedener Konfiguration
Diastereomere: Stereoisomere, die nicht enantiomer
zueinander sind
Chiralitätszentrum: stereogenes Zentrum = asymmetrisch
substituiertes C-Atom; C-Atom mit vier verschiedenen
Gruppen/Substituenten („asymmetrisches C-Atom“ ist eine
übliche, aber unglückliche Bezeichnung).
Was bedeutet D/L und R/S?
D/L-Nomenklatur: Hauptsächlich bei Zuckern und Aminosäuren verwendet.
Sie gehen auf Emil Fischer zurück, der dem rechtsdrehenden (+)Glycerinaldehyd willkürlich folgende Projektionsformel zuordnete. In ihr
steht die OH-Gruppe rechts, diese Form des Glycerinaldehyds wird als DForm bezeichnet (D von dexter = rechts).
R,S-Nomenklatur (Cahn-Ingold-Prelog-System):
1.Die direkt an das stereogene *C-Atom gebundenen Atome werden
nach fallender Ordnungszahl angeordnet, d.h. das Atom mit der
höheren Ordnungszahl hat die höhere Priorität.
2.Man betrachtet nun ein Molekül in der Weise, dass der Substituent
niedrigster Priorität (meist H) nach hinten zeigt.
(-)-(R)-Milchsäure
≅
D(-)-Milchsäure
(Bio)chemie und Chiralität
*
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*
Pfefferminz
Kümmel
*
citrusartig terpentinartig
*
*
bitter
süss
Die Contergan-Katastrophe
Wirkstoff Thalidomid
1956 Markteinführung durch die Firma
Grünenthal, Aachen (Forschungsleiter Dr.
Heinrich Mückter)
Einschätzung: sicher und harmlos, sogar für
Kinder geeignet. Anwendung als mildes
Beruhigungsmittel.
Anwendung gegen Morgenübelkeit, vor allem
in den ersten Wochen der Schwangerschaft
Fälle von Robbengliedrigkeit bei
Neugeborenen treten Anfang der 60iger Jahre auf
1961-1962 wird Contergan aus dem Handel
genommen
© 2007 Pearson Studium / Abbildung aus: Bruice:
Organische Chemie, 5. Aufl. / ISBN: 978-3-8273-7190-4
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a730/l0/l0/F.html#featuredEntry
Die Contergan-Katastrophe
Contergan
Teratogene Wirkung von (S)-Contergan
resultierte in Mißbildungen in Form von
verkümmerten Extremitäten bei mehr als
10000 Neugeborenen, in 40 Ländern der Welt, vor allem in
Deutschland, Großbritannien, Australien
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Enzym und chirale Moleküle
Schematisches Diagramm, das zeigt, warum nur ein Enantiomer von einem
Enzym gebunden wird. Ein Enantiomer passt in die Bindungsstelle, das
andere nicht.
© 2007 Pearson Studium / Abbildung aus: Bruice: Organische Chemie, 5. Aufl. / ISBN: 978-3-8273-7190-4
Chiralität und optische Aktivität
Chiralität ist die Erscheinung,
dass eine geometrische Figur
oder eine Anordung von Punkten
mit ihrem Spiegelbild nicht
übereinstimmen (nach Lord
Kelvin, 1893)
Chemische Verbindungen, deren
Moleküle chiral sind, kommen als
Enantiomere vor.
Racemate sind Gemische, die von
beiden Enantiomeren gleich viele
Moleküle enthalten.
Optische Aktivität ist die
Erscheinung,
dass die Schwingungsebene von linear
polarisiertem Licht beim Durchgang
durch ein Enantiomer um einen
bestimmten Winkel α gedreht wird.
Der spezifische Drehwinkel α (c = 1
g/ml; d = 1 dm) ist eine Stoffkonstante.
Beide Enantiomere besitzen den
gleichen spez. Drehwinkel, aber mit
entgegengesetzter Drehrichtung (+)/(-)
Chemische Evolution: Entstehung von
Homochiralität
A. G. Griesbeck, U. J. Meierhenrich, Angew. Chem. Int. Ed. 2002, 41, 3147-3154
U. J. Meierhenrich, Chem. Soc. Rev. 2012, 41, 5447–5458
U. J. Meierhenrich et al, Physics od Life Reviews, 2011, 8, 307
Autokatalytische Reaktion nach Soai
Beispiel einer enantioselektiven Organoautokatalyse:
Spontane enantioselektive Verstärkung
lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum
(Ernst Jandl, 1925-2000)
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