Kindergerechte Baustruktur

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OBJEKTE
Kindergerechte Baustruktur
Auf die Länge konnte weder den Kindern noch ihren Betreuerinnen der marode
Bauzustand des Kindergartens auf dem Schulareal «Sunnerain» der Gemeinde
Nürensdorf-Birchwil zugemutet werden. Die ersehnte Abhilfe kam in Form eines
projektierten Ersatzneubaus in Holzbauweise.
Der neu gebaute Doppel-Kindergarten «Sunnerain» bietet mit seiner Grundfläche (500 m²) und der bedürfnisgerecht
konzipierten Gebäudestruktur optimale Bedingungen für die Lern- und Entwicklungsprozesse der Kinder.
Foto: W. Bogusch
Im Jahre 2011 hat der Gemeinderat von Nürensdorf auf Antrag der Liegenschaftskommission eine Studie über den künftigen Bedarf an Schulräumen und die Optimierung
der Flächenbewirtschaftung in Auftrag
gegeben. Von besonderem Interesse bei
den Abklärungen war die Frage, ob – aufgrund der Anzahl der aktuell schulpflichtigen Kinder – die zur Verfügung stehenden
Schulräumlichkeiten – verglichen mit den
kantonalen Schulbauempfehlungen – Defizite oder Überschüsse aufweisen. Die
Studie kam unter anderem zum Schluss,
dass die beiden Kindergärten von Birchwil
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und Brütten weder den kantonalen Empfehlungen noch den heutigen Vorstellungen eines zeitgemässen Vorschulbetriebs
entsprechen. Sowohl der Doppelkindergarten «Sunnerain» (Birchwil) als auch
der Kindergarten «Breite» (Brütten) befanden sich aufgrund der festgestellten
baulichen und energetischen Mängel in
einem stark sanierungsbedürftigen Zustand. Während der Kindergarten Breite an
sehr kalten Wintertagen seinen Betrieb der
tiefen Raumtemperaturen wegen einstellen musste, hat das im Jahr 1974 erstellte
Kindergartengebäude Sunnerain unter
anderem durch viel zu hohe Feuchtigkeit
Bauschäden erlitten. Zudem zeigte sich,
dass das Raumangebot der beiden Kindergärten nicht mehr den Anforderungen
eines zeitgemässen Kindergartenunterrichts genügt. Die benötigten Gruppenräume sind grundsätzlich so anzuordnen,
dass sie einerseits dem Hauptraum direkt
angegliedert sind und andererseits auch
direkt von der Erschliessungsfläche (Korridor) zugänglich sind. Für eine derartige
Anordnung im bestehenden Gebäude des
Doppel-Kindergartengebäudes Sunnerain
wären massive Eingriffe in die bestehende
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Bausubstanz erforderlich gewesen, was
angesichts des schadhaften baulichen Zustandes wenig Sinn gemacht hätte. Eine
noch schlechtere Faktenlage ergab sich
beim Kindergarten Breite, weshalb ein längerfristiger Kindergartenbetrieb in diesem
Gebäude als nicht mehr realistisch eingestuft wurde.
Zielsetzung: Eine
zeitgemässe Infrastruktur
Weil sich die bauliche Sanierung des heutigen Doppel-Kindergartens Sunnerain als
sehr kostenintensiv erwiesen hätte, lag die
Option Abbruch und Wiederaufbau sehr
nahe, um mit einem Neubau die Anforderungen für einen zeitgemässen Kindergartenunterricht optimal erfüllen zu können.
Nach entsprechender Zustimmung des
Gemeinderates von Nürensdorf war das
bestehende Kindergartengebäude Sunnerain bis auf das Untergeschoss vollständig
abgebrochen worden. Der Neuaufbau erfolgte auf kinderfreundliche und helle Art in
Holzrahmenbauweise.
Das Raumprogramm des Neubauprojektes mit behindertengerechter Ausgestaltung umfasst
„ zwei Kindergartenklassen sowie je einen Gruppenraum pro Kindergarten für
den individualisierenden Unterricht und
Förderangebote (gemäss den Schulbauempfehlungen des Kantons für die
Grundausstattung),
„ einen gemeinsamen Psychomotorikraum, der auch durch Schüler/-innen
der Primarschule genutzt werden kann,
„ Räumlichkeiten für Material sowie Toilettenanlagen.
Die untenstehende Darstellung zeigt die Bauteile Aussenwand, Fenster und Dach im
Schnitt (Ost-/Westfassade). Oben abgebildet ist die auf der Unterseite der Massivholzdecke angeordnete Installationsebene mit bereits verlegten Leitungen.
Plandarstellung und Foto: Blättler Holzbau GmbH
Gute Gründe für den Holzbau
Der Wahl der Holzbauweise für die Projektumsetzung des Doppelkindergartens
Sunnerain im Minergiestandard lag eine
Am Bau Beteiligte
Bauherrschaft:
Gemeinde Nürensdorf
Projekt:
Bucher Partner
Dipl.-Architekten AG, Winterthur
Statik:
SJB. Fitze Kempter AG,
Frauenfeld
Holzbau/Montage:
Blättler Holzbau GmbH,
Affeltrangen
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Reihe von Vorteilen zugrunde. Als nachwachsender Baustoff mit einem ökologischen Bonus ausgestattet, ist Holz das
Ausgangsmaterial für eine Systembauweise mit sehr kurzer Fertigungszeit. Die witterungsgeschützte Produktion von Wand-,
Decken-, Boden- und Dachelementen führt
zu einer höheren Genauigkeit durch eine
detaillierte Vorplanung und eine exakte Bearbeitung der Einzelbauteile mit CNC-gesteuerten Maschinen. Auch der präzise
Einbau von Haustechnikkomponenten und
Installationen ist schon im Werk möglich.
Durch die Vorfertigung sind die Einsatzzeiten auf der Baustelle kürzer, daher entsteht
weniger Lärmbelästigung für die Anrainer.
Wie das im Grundriss (unten) dargestellte Raumprogramm zeigt, befindet sich der
Psychomotorikraum (Seite 21 oben) zwischen den beiden Gruppenräumen, von
denen einer im Bild (oben) festgehalten ist.
Fotos: W. Bogusch; Plandarstellung: Bucher Partner Dipl. Architekten AG
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Als Trockenbauweise entfallen hier Trocknungszeiten während und nach der Bauphase, was einen raschen Bezug des Gebäudes erlaubt. Zudem können durch die
Vorfertigung der Bauteile schnelle, witterungsunabhängige Baufortschritte erzielt
werden. Diese wirtschaftliche Bauweise
wird von Bauherren sehr geschätzt. Neben der schnellen Fertigstellung machen
die Verwendung standardisierter Baumaterialien und sich wiederholende Verbindungsdetails den Holzrahmenbau äusserst
effizient. Er erweist sich als flexibel für
architektonische Ansprüche und Nutzerwünsche. Zudem lässt er sich sehr gut an
bestehende Gegebenheiten anpassen.
Nach dem Abriss des Vorgängerbaus auf dem Sunnerain-Areal wurde die
hochwärmegedämmte Holzkonstruktion
über einer am bisherigen Standort neu
angelegten Betonplatte errichtet. Bei der
Ausführung des Baukörpers wurde grosser
Wert auf die Verwendung baubiologisch
einwandfreier Werkstoffe gelegt. Zum Aufbau der Aussenwände gehört, dass auf das
mit Glaswolle (d = 240 mm) gedämmte
Ständerwerk (Duo C24) aussenseitig eine
22 Millimeter dicke Holzweichfaserplatte angebracht wurde. Darauf folgte die
Verlegung einer schwarzen Fassadenmembran. In farblicher Anpassung wurde
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ein schwarz gestrichener Lattenrost (d =
40 mm) montiert, als Unterkonstruktion
für die Fassadenschalung. Innenseitig ist
das Ständerwerk – in Kombination mit
einer Dampfsperre – mit einer 15 Millimeter dicken Gipsfaserplatte beplankt, deren
Stösse geleimt und wo statisch erforderlich genagelt wurden.
Die Vorgabe des Minergie-Standards
konnte mit dem U-Wert von 0,16 W/m²K
problemlos erreicht werden. Die statisch
in Anspruch genommenen Trennwände
im Gangbereich wurden als beidseitig mit
Gipsfaserplatten beplankte Holzleichtbaukonstruktionen ausgeführt.
Nach der Vorfertigung der Gebäudeteile, vor allem der Wände, in der Werkhalle
(Dauer: 1 Woche) benötigte das Errichten
der Holzbaustruktur lediglich zwei Tage.
Angesicht des architektonisch gewollten
hohen Fensteranteils in der Südfassade
erfolgt die Aussteifung über die Konstruktion des Daches, der Aussenwände und
der Innenwände. Die Statik des Gebäudes
ist so ausgelegt, dass eine spätere Aufstockung (2. Geschoss) jederzeit möglich ist.
Entsprechend bemessen und ausgeführt
wurde die raumabschliessende Decke (d =
200 mm) mit Massivholz-Elementen (BSH
GL24h). Sie ist zugleich die Primärkonstruktion des Flachdaches, das mit einer
bauphysikalisch vorteilhaften Aufdachdämmung (EPS- und PUR-Materialien)
mit Gefälle (1,5 %) ausgestattet ist. Im
Gebäudeinneren sorgt eine mit magnesitgebundenen Holzwollefaser-Platten (d =
40 mm) ausgeführte Deckenverkleidung,
die mit Weissputzstreifen kombiniert ist,
für angenehme Akustikbedingungen.
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Bei der relativ geschlossenen Nordfassade mit dem integrierten Gebäudeeingang kommt die offene Horizontalschalung (Fugenbreite: 6 mm) aus Fichtenholz mit rhomboid ausgeformten Lamellenquerschnitten besonders zur Geltung. Die Lamellen sind mit
einem vorvergrauenden Lasuranstrich zwei Mal behandelt worden.
Holzfassade mit
edler Vorvergrauung
Neben den reichlich verglasten Partien
der Südfassade präsentieren sich die Anteile der verbleibenden Fassadenbereiche
in Form einer offenen Horizontalschalung
(Fugenbreite: 6 mm) aus Fichtenholz mit
rhomboid ausgeformten Lamellenquerschnitten. Vorgängig zur Montage der
sichtbar verschraubten Fassadenverkleidung wurde als Abdichtung eine atmungsaktive und wasserdichte Fassadenmembran (Stamisol FA) an Metallzargen und
weiteren Anschlüssen angebracht. Die Optik der Fassade überzeugt durch die Qualität ihrer handwerklichen Ausführung und
die spezielle farbliche Anmutung. Die nobel
wirkenden Grautöne der Perlglanzpigmente vermitteln den Eindruck einer natürlich
und gleichmässig verwitterten Holzoberfläche, wie sie in der Natur oftmals erst
nach vielen Jahren unter günstigen Voraussetzungen entsteht. Die Lamellen wur-
den im Herstellerwerk mit einem ersten
vorvergrauenden Lasuranstrich versehen,
auf der Baustelle folgte im Anschluss an
deren Montage eine zweite Behandlung,
wobei die Gehrungsschnitte ebenfalls
einen Schutzanstrich erhielten. Für den
zurückversetzten Eingangsbereich wurde
eine nichtbrennbare Verkleidung mit farbigen, zementgebundenen Holzfaserplatten (Duripanel) gewählt. Der neu gebaute
Doppel-Kindergarten «Sunnerain» vermag
die schulischen Bedürfnisse der bisherigen
zwei Standorte abzudecken und zusammenzufassen. Mit seiner grosszügig bemessenen Grundfläche (500 m²) und der
bedürfnisgerecht konzipierten Gebäudestruktur bietet der Neubau optimale Bedingungen für das Kindergartenlehrpersonal
wie auch für weitere Fachpersonen, um die
Kinder in ihrem Lern- und Entwicklungsprozess zu begleiten und zu unterstützen.
Damit können Synergien genutzt und erhebliche Investitions- und Betriebskosten
Fotos: W. Bogusch
eingespart werden. Konzeptionell erlaubt
der Neubau zu einem späteren Zeitpunkt
eine problemlose Erweiterung oder Aufstockung, wenn schulische Bedürfnisse es
erfordern.
bo
Material/Lieferanten:
Deckenelemente (BSH):
Roth Burgdorf AG, Burgdorf
Fassadenlamellen:
August Brühwiler AG, Balterswil
Pigment-Lasur (Caparol lsland 2):
DAW Schweiz AG, Nänikon
Werkstoffplatten (Holz, Gips):
Hiag Handel AG, Ermatingen
Dämmmaterial (Glaswolle):
Sager AG, Dürrenäsch
Akustikplatten
(magnesitgebunden):
ZZ Wancor, Regensdorf
Fassadenmembran (Stamisol):
Serge Ferrari AG, Eglisau
Blick von Norden auf den Kindergarten Sunnerain mit seinen versetzt angeordneten Gebäudeteilen.
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Foto: W. Bogusch
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