Neurophilosophie des Schmerzes

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Fortbildung
Neurophilosophie des Schmerzes
Teil 1: Das Problem der mental-physischen Doppelnatur des Schmerzes
Martin Kurthen
Die Fortschritte der Neurowissenschaften haben in den vergangenen Jahrzehnten zu einer vertieften Kenntnis
des nozizeptiven Systems beigetragen:
Immer besser verstehen wir, wie Schmerz
«im Gehirn entsteht». Aber helfen diese
Erkenntnisse auch bei einer Erklärung
des Schmerzes als eines wesentlich subjektiven, geistig-seelischen Phänomens?
Dies ist eine der Fragen der Neurophilosophie des Schmerzes.
enn die Neurowissenschaft selbst kann aufgrund
ihrer methodischen Beschränkungen zwar ein
«neurales Korrelat» bewussten Schmerzerlebens
aufzeigen, sie kann aber, wie zu zeigen sein wird, keine
Aussage zur Art der Beziehung zwischen den psychischen
Abläufen und den zerebralen, also materiellen Prozessen
treffen. Die Relation zu bestimmen, wäre Aufgabe der
Philosophie, aber es ist bislang noch kein Konsens zu
diesem «Gehirn-Geist-Problem» geschaffen worden. Der
Status psychischer Phänomene, wie Schmerzempfindungen, in einer naturwissenschaftlich ausgerichteten
Theorie des Schmerzes, ist nach wie vor umstritten. Im
folgenden Artikel werden diese neurophilosophischen
Aspekte des Schmerzes analysiert und mögliche philosophische Lösungsansätze diskutiert.
D
Einleitung: das Rätsel des Schmerzes
44
Neurophilosophie ist der Versuch, neurowissenschaftliche Erkenntnisse für die Lösung ursprünglich philosophischer Probleme fruchtbar zu machen. Schmerz ist –
gemäss der Definition der International Society for the
Study of Pain – jene «unpleasant sensation», die norma-
lerweise durch (potenziell) gewebsschädigende Reize
ausgelöst wird (1). Welche philosophischen Probleme
des Schmerzes könnten neurowissenschaftlich aufgearbeitet werden? Wenn man «Schmerz» im obigen pathophysiologischen Sinne versteht, also nicht im erweiterten oder übertragenen Sinne als Leiden, so ergeben sich
philosophische Probleme vor allem aus der mental-physischen Doppelnatur des Schmerzes. Einerseits ist er als
Sinnesempfindung ein genuin subjektives Phänomen,
andererseits scheint er durchgehend auf organischen
und letztlich zentralnervösen Prozessen zu beruhen und
mit Bezug auf diese Prozesse auch naturwissenschaftlich
erklärbar zu werden. Diese Doppelnatur schlägt sich in
mindestens zwei verschiedenen philosophischen Problembereichen nieder:
1. Das Gehirn-Geist-Problem: Wie können mentale (geistige, psychische) Prozesse im rein materiellen Substrat
des Gehirns und Körpers verwirklicht sein? Wie ist die
Beziehung zwischen mentalen und zerebralen Prozessen zu fassen? Können mentale Phänomene «ohne Rest»
neuro- beziehungsweise naturwissenschaftlich erklärt
werden? – Diese Fragen stellen sich für sämtliche mentalen Phänomene, sind also nicht spezifisch für den
Schmerz. Allerdings ist der Schmerz ein traditionelles
Lieblingsbeispiel der Philosophie des Geistes, wenn es
um die Explikation des Gehirn-Geist-Problems geht. Dies
ist darin begründet, dass manche Aspekte der Schmerzempfindung eine neurowissenschaftliche Erklärung in
besonderem Masse zu erschweren scheinen (s.u.).
2. Die Akt-Objekt-Dualität des Schmerzes: Schon in der Alltagssprache behandeln wir «Schmerz» als höchstgradig
subjektives Phänomen (2). Schmerzen sind Erlebnisse,
die nur demjenigen, der sie hat, unmittelbar zugänglich
sind (sog. «privilegierter Zugang»); die Realität von
Schmerzen erschöpft sich vollständig in ihrem Erleben
(Subjektivität im Sinne des Fehlens einer Erscheinung-/
Wirklichkeit-Unterscheidung); wer den Schmerz verspürt, kann sich bezüglich des Habens seiner Schmerzen
nicht irren, und es gibt kein äusseres, objektives Kriterium für Schmerzen, welches die Überzeugung, Schmerzen zu haben, korrigieren könnte (sog. «epistemische
Autorität» und Unkorrigierbarkeit dessen, der den
Schmerz erfährt). Andererseits sprechen wir über
Schmerz, als sei er ein physisch bestimmbares Einzelding, indem wir ihn an einer bestimmten Stelle im
Körper lokalisieren und ihm weitere raumzeitliche
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Stimulus:
chemischer Reiz
Hitze
Druck
Rezeptoren:
freie Nervenendigungen mit direktem Gewebskontakt
Afferente Nerven:
A-Delta-Fasern und C-Fasern
Hinterhornneurone:
nozizeptiv spezifische (NS) Neurone und «wide-dynamic-range»-(WDR)-Neurone
Zentral aszendierende Bahnen:
Tractus neospinothalamicus
Tractus palaeospinothalamicus
Thalamus:
Ncl. ventralis
posterolateralis
Ncl. ventralis
posterior inferior
S1
bilateral:
S2
bilateral:
somatotop
somatotop?
sensorischdiskriminativ
intensitätscodierend
intensitätscodierend
Schmerz
erkennen
vorn:
supervidierende Modulation
(bei gewisser Erwartung)
intralaminäre
Kerne
ACC
Ncl. ventromedialis
posterior
Amygdala
PFC
Insula kontralateral:
moduliert
Signale zu
pain network
gewissheitscodierend
somatotop
ungewissheitscodierend
Mitte:
kognitive
Suppression
integrativ
sensorisch
hinten:
intensitätscodierend?
feedforward Mechanismus
(Erwartung/Erfüllung?)
Abbildung: Schema des nozizeptiven Systems (vereinfacht)
Eigenschaften wie Dauer, Ausdehnung und so weiter zuschreiben («Ich hatte einen kurzen stechenden Schmerz
in meiner rechten Hand»). Unter diesem Gesichtspunkt
behandeln wir Schmerzen wie raumzeitliche, dem Geist
primär äusserliche Objekte unserer Wahrnehmung des
eigenen Körpers. Wie ist dies mit dem höchstgradig subjektiven und vermeintlich rein «innergeistigen» Charakter von Schmerz zu vereinbaren?
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Manche Aspekte der Akt-Objekt-Dualität sind spezifisch
für den Schmerz (und vielleicht noch für verwandte
Empfindungen wie z.B. das Jucken oder Kitzeln), sodass
dieser Problembereich in einer Neurophilosophie des
Schmerzes im Vordergrund stehen sollte. Letztlich führt
der subjektiv-objektive Doppelcharakter uns aber wieder zum Gehirn-Geist-Problem zurück, wie eine nähere
Betrachtung der Akt-Objekt-Dualität im übernächsten
Abschnitt zeigen soll. Daher wird im letzten Abschnitt
dieses Textes auch das Gehirn-Geist-Problem noch einmal angesprochen. Zuvor soll aber im nun folgenden
Abschnitt sehr kurz das aktuelle neurowissenschaftliche
Modell des Schmerzes vorgestellt werden. Denn wir sollten dieses Modell in groben Zügen präsent haben, um
beurteilen zu können, ob die Neurowissenschaft zur
Lösung der beiden oben genannten philosophischen
Probleme beitragen kann. Zudem betrifft einer der am
stärksten umstrittenen Punkte der Gehirn-Geist-Philosophie präzise die Frage, ob eine immer detailliertere
Kenntnis der zerebralen Korrelate mentaler Prozesse auf
dem Weg über die dadurch entstehende zunehmende
«Beweislast» der wissenschaftlichen Evidenz eine materialistische Erklärung des Geistigen nahelegt, oder ob
das Ausmass unserer naturwissenschaftlichen Kenntnisse hier im Gegenteil überhaupt keine Rolle spielt, da
die Frage einer neurowissenschaftlichen Erklärbarkeit
des Geistigen prinzipiell beantwortet werden muss (s.u.).
Das neurowissenschaftliche Schmerzmodell
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Schmerz kann als eine eigene Sinnesmodalität mit einem
spezifischen Sinnesystem – dem nozizeptiven System –
eingestuft werden (Abbildung). Alternativ wäre der
Schmerz dem Tastsinn unterzuordnen, da zum Teil gemeinsame Rezeptoren und zumindest ähnliche Leitungsbahnen benutzt werden. Über den isolierten Gesichtspunkt der Sinnesempfindung hinaus ist Schmerz ein
komplexes Phänomen mit verschiedenen (zentral-)nervösen und somatischen Komponenten: sensorischdiskriminative (Erfassung von Schmerzlokalisation,
-intensität etc.), affektiv-motivationale (negativer Gefühlscharakter des Schmerzes), kognitiv-evaluative
(Schmerzbewertung vor dem Hintergrund früherer
Schmerzerfahrung), (psycho-)motorische (Schmerzreflexe, komplexes Schmerzverhalten) und vegetative
(Tachykardie, Mydriasis etc.) (3). Für die Neurophilosophie des Schmerzes sind vor allem die kortikalen Korrelate der Schmerzempfindung (4) von Interesse, sodass
die peripheren und subkortikalen Anteile des nozizeptiven Systems hier nur kurz erwähnt sein sollen: Als
Schmerzrezeptoren werden die «freien», das heisst nur
noch von schwannschen Zellen umhüllten nicht korpuskulären Endigungen von A-Delta- und C-Fasern der afferenten Nerven angesehen. Die schnelleren A-DeltaFasern vermitteln den frühen, scharfen Schmerz, die
langsamer leitenden C-Fasern den späteren, diffus-
quälenden Schmerz. Manche Rezeptoren sind nozizeptiv
spezifisch, sprechen also nur auf gewebsschädigende
Reize (Hitze, Druck, Hitze plus Druck, chemische Stimuli
wie z.B. Entzündungsmediatoren oder externe chemische
Noxen) an, während die bi- oder polymodalen Rezeptoren
auch unspezifisch zum Beispiel auf nicht noxischen
Druck und/oder Hitze reagieren, aber bei noxischen
Stimuli ihre Entladungsrate stark steigern. Die nozizeptiven Afferenzen gelangen an Hinterhornneurone, die entweder nur durch spezifisch nozizeptive (NS-Neurone)
oder zusätzlich durch nicht nozizeptive Afferenzen erreicht beziehungsweise erregt werden (wide-dynamicrange oder WDR-Neurone). Über Interneurone werden
diese Eingänge auf spinale motorische und supraspinale
vegetative Schmerzreflexe umgeschaltet. Auf Rückenmarksebene setzt auch bereits eine deszendierende Hemmung beziehungsweise Modulation über Bahnsysteme
ein, die überwiegend vom Hirnstamm (Nucleus raphe,
Locus coeruleus) absteigen. Zentral aszendierende Bahnen benutzen den Tractus spinothalamicus und den Tractus spinoreticularis (zum Hirnstamm, hier im folgenden
vernachlässigt). Über den Tractus neospinothalamicus
werden Afferenzen im Nucleus ventralis posterolateralis
umgeschaltet und in den primär somatosensiblen Kortex
(S1) beider Hemisphären weitergeleitet, weitere Afferenzen gelangen nach Umschaltung im Nucleus ventralis
posterior inferior zum sekundär somatosensorischen
Kortex (S2). Beide Kortizes werden dem lateralen, sensorisch-diskriminativ ausgerichteten Anteil des kortikalen
nozizeptiven Systems zugerechnet, dort werden zum Beispiel Schmerzlokalisation (somatotopisch zumindest in
S1) und Schmerzintensität codiert. Demgegenüber erhält
das sogenannte mediale System Afferenzen über den
Tractus palaeospinothalamicus nach Umschaltung in
medialen beziehungsweise intralaminären Thalamuskernen. Von dort wird zur posterioren kontralateralen
Insula, zum anterioren cingulären Kortex (ACC) und zum
orbitofrontal-medialen präfrontalen Kortex (PFC) projiziert. Auch der Nucleus amygdalae wird zum medialen
nozizeptiven System gezählt. Das mediale System trägt
die affektiv-motivationalen und kognitiv-evaluativen
Funktionen der Schmerzverarbeitung. Amygdalär scheinen vor allem unerwartete Schmerzen verarbeitet und
kognitiv-affektiv moduliert zu werden (Zusammenfassung in [5]); der posteriore ACC kann bei der Vorhersage
der sensorischen Konsequenzen schmerzbezogener
Handlungen beteiligt sein, und der vordere (perigenuale)
ACC scheint vor allem an der Schmerzantizipation und
der kognitiv-attentionalen Modulation des Schmerzerlebens mitzuwirken (5). Auch der PFC ist an der erwartungsbezogenen Modulation sowie der kognitiven Suppression des Schmerzes beteiligt, während die Insula
posterior schon frühe somatotopisch organisierte
Schmerzrepräsentationen aufbaut (Zusammenfassung in
[6]). Offenbar arbeiten das mediale und das laterale
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Schmerzsystem zum Teil parallel, um schliesslich in einen
gemeinsamen Entwurf für ein situativ adäquates
Schmerzverhalten einzugehen (Zusammenfassung in [2]).
Viele der neueren Studien zu den kortikalen Schmerzsystemen wurden mittels der funktionellen Kernspintomografie durchgeführt. Die lokalisatorischen Informationen, die dabei gewonnen wurden, sind als solche
streng genommen nicht erkenntnisfördernd. Dennoch
tragen sie in hohem Masse zum besseren Verständnis der
kortikalen Korrelate des Schmerzes bei, wenn man sie
vor dem Hintergrund des anderweitig etablierten Wissens um die topografische kognitive Organisation des
Grosshirns liest. Manche Studien greifen mittlerweile
auch neurophilosophisch interessante Aspekte der Schmerzverarbeitung heraus. Ein Beispiel: In einer kürzlich veröffentlichten fMRI-Studie (7) wurden bei Normalpersonen die Aktivierungsmuster bei peripher physisch
ausgelöstem Schmerz im Vergleich zu hypnotisch suggeriertem und auch bloss imaginiertem Schmerz untersucht. Der imaginierte Schmerz ging mit einer insgesamt
schwachen zerebralen Aktivierung einher, während das
oben geschilderte kortikale Schmerznetzwerk unter
hypnotisch induziertem (und insofern psychisch «realem» Schmerz ohne adäquaten Stimulus) und physisch
ausgelöstem Schmerz in annähernd gleicher Weise zu
aktivieren war, wenn auch stärker durch den physisch
ausgelösten Schmerz. Die Autoren werten dies als Beleg
dafür, dass in völliger Abwesenheit des üblicherweise
adäquaten physischen Stimulus eine reale Schmerzempfindung mit einem plausiblen zerebralen Korrelat entstehen kann. – Solche Ergebnisse scheinen den essenziell
subjektiven Charakter des Schmerzes zu untermauern,
werfen aber in gleichem Masse wieder die Frage auf,
inwieweit sich jener Schmerz in seinem nun präziser
beschreibbaren zerebralen Korrelat erschöpft (s.u.).
Dieses hier nur grob skizzierte Modell erlaubt es, den
Schmerz als multidimensionales Phänomen im Rahmen
einer pathophysiologischen, überwiegend neurowissenschaftlich unterlegten Theorie verständlich werden zu
lassen. Die Frage ist, ob dieses Verständnis zur Lösung
ursprünglich philosophischer Probleme des Schmerzes beitragen kann. Werfen wir hierzu einen Blick auf die (weitgehend) schmerzspezifische philosophische Problematik.
Das Dilemma von Akt und Objekt
Die oben schon angeführte Akt-Objekt-Dualität lässt sich
anhand von unterschiedlichen Wahrnehmungssätzen
illustrieren (ich folge teilweise einer Darstellung von
[2]). Nehmen wir die folgenden Sätze beziehungsweise
Aussagen:
1. Da ist ein stechender Schmerz in meinem linken Oberschenkel.
2. Mein linker Oberschenkel schmerzt.
3. Da ist ein dunkler Fleck auf meinem rechten Handrücken.
4. Da ist ein roter Apfel auf dem Tisch.
5. Da ist ein Tumor in meinem linken Oberschenkel.
Die Sätze 1, 3 und 4 scheinen gleich strukturiert zu sein:
ein Wahrnehmungsgegenstand wird identifiziert und lokalisiert. In Satz 1 ist der «Objekt-Sinn» von «Schmerz» angesprochen, der Begriff eines raumzeitlich lokalisierten Einzeldings, das mit bestimmten physischen Merkmalen des
Körpers identifiziert werden kann (z.B. Erregung von Nozizeptoren als Folge der Raumforderung im Oberschenkel,
die eine weiterführende Untersuchung dann vielleicht als
Ursache feststellt). In ähnlicher Weise, wenn auch mit
einem anderen Verfahren der Vergewisserung, können
Wahrnehmungsobjekte am öffentlich beobachtbaren Teil
meines Körpers (Satz 3) oder ausserhalb meines Körpers
(Satz 4) bestimmt werden. Satz 5 ist ebenfalls analog: Auch
Wahrnehmungsgegenstände innerhalb meines Körpers
sind auf dem Umweg über technische Verfahren «öffentlich» beobachtbar, ähnlich wie mein Handrücken. Andererseits fallen irritierende Unterschiede zwischen Satz 1
und den Sätzen 3 bis 5 auf.
Erstens kann ein wahrhaftiger Schmerz vorhanden sein,
ohne dass an der entsprechenden Stelle ein plausibles
peripheres Wahrnehmungsobjekt gegeben ist, etwa beim
Phantomschmerz oder beim übertragenen Schmerz.
Ähnliches ist für die Sätze 3 und 4 nicht konstruierbar:
ich kann nicht wahrhaftig einen Apfel oder Fleck sehen,
der nicht da ist. Sehr wohl aber kann ich einen Apfel zu
sehen meinen, der nicht da ist, etwa im Sinne einer Halluzination. Dies umgekehrt ist für Satz 1 nicht möglich:
Ich kann nicht einen Schmerz zu verspüren meinen, der
nicht da ist, denn er ist ja da, indem und dadurch, dass
ich ihn verspüre. – Dies illustriert zweierlei: Es stimmt
etwas nicht mit der Konstruktion des Schmerzes als
Wahrnehmungsgegenstand, und es gibt beim Schmerz
im Unterschied zu visuellen Wahrnehmungen keine
Möglichkeit der Fehlwahrnehmung. Das erste Problem
können wir dadurch zu umgehen versuchen, dass wir
sagen, es sei der Gegenstand der Schmerzwahrnehmung
nicht primär die noxische Stimulation an dem von uns
als schmerzhaft empfundenen Körperteil, sondern der in
der Summe aller Faktoren (Analgesie, übertragener
Schmerz ...) resultierende «Schmerz-Zustand», welcher
auch das entsprechende zentralnervöse Erregungsmuster umfasst. Damit würde allerdings das Objekt-Konzept des Schmerzes faktisch aufgegeben, da das zentralnervöse Erregungsmuster nicht mehr plausibel als
Gegenstand, sondern nur mehr als Korrelat oder Substrat
der Schmerzempfindung bezeichnet werden kann. Die
Unmöglichkeit der Fehlwahrnehmung hingegen drückt
die oben schon erwähnte «Unkorrigierbarkeit» des Schmerzerlebens aus, welche die Vorstellung vom Schmerz als
Wahrnehmungsgegenstand zusätzlich unplausibel macht.
Hier zeigt sich somit die Unvereinbarkeit der ObjektVorstellung mit ihrem Gegenpart, der Akt-Vorstellung
(s.o.) des Schmerzes.
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Zweitens haben die Sätze 3 und 4 im Unterschied zum
Satz 1 klare Wahrheitsbedingungen: sie sind genau dann
wahr, wenn die betreffenden Wahrnehmungsgegenstände tatsächlich (objektiv oder jedenfalls intersubjektiv überprüfbar) in der ausgesagten Weise vorhanden
sind. Satz 4 ist wahr, wenn tatsächlich ein roter Apfel auf
dem Tisch liegt. Die Wahrheitsbedingungen für Satz 1
sind nicht in gleicher Weise zu bestimmen. Eigentlich ist
Satz 1 – im Unterschied zu Satz 4 – immer wahr, wenn er
aufrichtig geäussert wird. Jedenfalls gibt es kein äusseres Kriterium, insbesondere nicht das intersubjektiv
überprüfbare Vorhandensein eines Wahrnehmungsgegenstandes, welches diesen aufrichtig geäusserten Satz
als unwahr darstellen könnte. Auch dies illustriert die
Defizienz des Objekt-Konzepts des Schmerzes und verweist auf die Eigenschaften der Privatheit, epistemischen Autorität und Subjektivität des Schmerzerlebnisses (s.o. Einleitung).
Die «objektiven» Wahrheitsbedingungen gelten im übrigen nicht für die folgenden Sätze:
6. Ich sehe einen dunklen Fleck auf meinem rechten
Handrücken.
7. Ich sehe einen roten Apfel auf dem Tisch.
Diese Sätze sind, wenn aufrichtig geäussert, wahr, auch
wenn kein entsprechender Wahrnehmungsgegenstand
vorliegt. Es handelt sich dann um wahrhaftig berichtete
Fehlwahrnehmungen (vielleicht Halluzinationen), die –
dies der bleibende Unterschied zu Satz 1 – im Falle der
Schmerzwahrnehmung nicht möglich wären.
Drittens können die Sätze 3 und 4 nicht in der Weise umgeformt werden, in der zum Beispiel Satz 1 in Satz 2
sinnvoll umgeformt wird. Wir würden nicht sagen:
8. «Der Tisch rot-apfelt.»
Anders gesagt: Der Schmerz kann transitiv (etwa im
Sinne von: «Ich verspüre einen Schmerz im linken Oberschenkel»), aber auch intransitiv (Satz 2) beschrieben
werden, die visuelle Wahrnehmung hingegen nur transitiv. Transitive Verben ziehen ihr Objekt (im Akkusativ)
nach sich, sachlich gesprochen: sie zeigen eine Ausrichtung auf einen Gegenstand an. Intransitive Verben zeigen eher einen Prozess, einen Zustand oder eine Handlung an («Meine Hand schmerzt», «Der Hase läuft» etc.).
So zeigt sich schon auf der grammatischen Ebene, dass
Wahrnehmungsaussagen über Schmerz keinen Bezug
auf einen Gegenstand benötigen – im Unterschied zu
Wahrnehmungaussagen im visuellen Modus (erneut gilt
anderes für die Sätze 6 und 7):
9. «Ich sehe roter-Apfel-auf-dem-Tisch-artig»,
ist zwar eine unübliche, aber – im Unterschied zu Satz 8
«Der Tisch rot-apfelt» – prinzipiell sinnvolle Bildung.
Wir finden also an diesen grammatischen Analysen
Unstimmigkeiten, welche das Akt-Konzept des Schmerzes invozieren. Dieser zweiten Vorstellung zufolge ist
Schmerz nicht ein Objekt unserer Wahrnehmung, nicht
ein raumzeitlicher Merkmalskomplex an der jeweils
schmerzhaften Stelle unseres Körpers, sondern Schmerz
ist selbst dieser Akt der subjektiven, privaten, unkorrigierbaren Empfindung oder Wahrnehmung (s.o. Einleitung), die normalerweise durch gewebsschädigende
Reize ausgelöst wird. Dieses Konzept erfordert nicht das
Vorhandensein eines peripheren Wahrnehmungsgegenstandes für das Zustandekommen eines Schmerzerlebnisses: der Schmerz «ist» ja ohnehin ein Akt «im Geist»,
nicht im Oberschenkel, der Hand und so weiter. Allerdings muss das Akt-Konzept des Schmerzes dann auf eine
weitergehende Erklärung des «Gesamt-Schmerzzustandes» des Organismus (s.o. zur ersten Unstimmigkeit des
Objekt-Modells) zurückgreifen können. Es muss möglich
sein, ein zerebral-plus-somatisches Korrelat von Schmerzzuständen mit oder ohne adäquatem Reiz darzustellen
(s.u.). Die Unmöglichkeit einer Fehlwahrnehmung beim
Schmerz stellt für das Akt-Konzept keine Herausforderung dar, da die Unkorrigierbarkeit ohnehin Teil dieses
Konzepts ist. Vor dem Hintergrund der Unkorrigierbarkeit, Subjektivität und Privatheit des Schmerzerlebens
sind auch die unterschiedlichen Wahrheitsbedingungen
der Sätze 3 und 4 im Vergleich zu Satz 1 unproblematisch: Da für die Schmerzempfindung das Erleben
beziehungsweise Erlebtwerden mit dem Sein zusammenfällt, werden über die subjektiven «Wahrheitsbedingungen»
auch keine bestätigenden objektiven Aufweise benötigt (s.o.
zur zweiten Unstimmigkeit des Objekt-Modells). Und zuletzt noch kann die Transitivität der Schmerzaussagen
geradezu als grammatische Widerspiegelung des AktCharakters des Schmerzes angesehen werden (s.o. zur
dritten Unstimmigkeit des Objekt-Modells).
Das philosophische Hauptproblem des Akt-Konzepts
des Schmerzes liegt darin, dass dieses Modell mit einer
naturalistischen Schmerztheorie unverträglich zu sein
scheint, also mit einer Erklärung des Schmerzes, die
lediglich die von der Physiologie und Neurobiologie
bemühten Einzeldinge und Prozesse (Nozizeptoren, Neurone, Prozesse der Erregungsleitung, kortikale Netzwerke, die Mechanismen der Gewebsschädigung etc.)
benötigt und so dem naturwissenschaftlichen Bearbeitungs- und Erklärungshorizont verpflichtet bleibt. Eine
naturalistische Schmerztheorie wird aber heute von den
meisten Philosophen gefordert oder gewünscht, da nur
eine solche Theorie eine einheitliche Erklärung auch
seelisch-geistiger Prozesse ermöglichen wird. Wenn
nämlich das Sein eines bestimmten Prozesses, etwa einer
Schmerzempfindung, sich in seiner subjektiven Erscheinung vollständig erschöpft, scheint man dem subjektiven
Erleben einen eigenen, abgeschnürten Seinsbereich zuzuerkennen, der mit den materiellen Korrelaten dieses
Erlebens nicht wieder in einer einheitlichen Erklärung
zusammengefasst werden kann. Das ist das Problem des
psychophysischen Dualismus: Es stehen keine konsensfähigen Konzepte zur Verfügung, die eine Interaktion
zwischen oder auch nur ein geordnetes Zusammenspiel
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Tabelle 1:
Philosophie des Geistes am Beispiel des Schmerzes: beteiligte philosophische Disziplinen
Teildisziplin der Philosophie
Beispiel für eine typische Fragestellung
Wahrnehmungsphilosophie
Ist Schmerz ein Akt oder ein Objekt der Wahrnehmung?
Semantik (Bedeutungstheorie)
Was bedeutet «Schmerz» im Alltagssprachgebrauch, und wie spiegelt sich diese Bedeutung
in der Neurowissenschaft wider?
Epistemologie (Erkenntnistheorie)
Sind Schmerzäusserungen prinzipiell unkorrigierbar?
Ontologie (Seinslehre)
In welchem Sinne «gibt es» Qualia? Sind Schmerz-Qualia Eigenschaften des Gehirns?
Wissenschaftstheorie
Welches sind die Kriterien für den Erfolg einer wissenschaftlichen Theorie bei der Erklärung
des Schmerzes?
Metaphilosophie
(Philosophie der Philosophie)
Was ist die Rolle der Philosophie in einer vollständigen Theorie des Schmerzes?
Tabelle 2:
Philosophie des Geistes am Beispiel des Schmerzes: Positionen zum Gehirn-Geist-Problem
Position
Vereinfachte Kernaussage
Identitätstheorie
Schmerzen sind zerebrale Zustände.
Funktionalismus
Schmerzen sind funktionale Zustände, also bestimmt durch ihre (kausalen) Rollen im Organismus bzw. Gehirn.
Supervenienztheorie
Es gibt keine Unterschiede/Veränderungen in Schmerzempfindungen ohne Unterschiede/
Veränderungen in den entsprechenden zerebralen Zuständen.
Eliminativer Materialismus
Es gibt keine Schmerzen, sondern nur zerebrale Zustände.
Interaktionismus
Schmerzen sind geistige Zustände, die mit aussergeistigen Zuständen in Wechselwirkung stehen.
Parallelismus
Schmerzen sind geistige Zustände mit parallel auftretenden zerebralen Zuständen.
Epiphänomenalismus
Schmerzen sind Begleiterscheinungen von zerebralen Zuständen und Prozessen.
von materiellen (zerebrale Zustände) und nicht materiellen (Schmerzerlebnisse in einem eigenen psychischen
Seinsbereich) Entitäten plausibel machen könnten. Über
dieses «ontologische» (die Seinsweisen der jeweiligen
Prozesse betreffende) Problem hinaus ergeben sich aus
dem Akt-Konzept aber auch wissenschaftstheoretische
Schwierigkeiten: Wie soll der Schmerz wissenschaftlich
erklärbar oder auch nur erforschbar werden, wenn er
nur dem individuellen Subjekt des Schmerzes zugänglich ist? Wissenschaftliche Erforschung erfordert eine
öffentliche, intersubjektive Zugänglichkeit des Forschungsgegenstandes. Auch die Frage, ob ein bestimmter Gegenstand oder Prozess überhaupt vorliegt, sollte in
der wissenschaftlichen Forschung prinzipiell von jedem
Untersuchenden konsensfähig beantwortet werden können, da entsprechende objektive Kriterien vorzugeben
sind. Dies widerspricht der Subjektivität des Schmerzes
im Akt-Konzept, denn dort liegt die gesamte epistemische Autorität bezüglich des Vorhandenseins eines
Schmerzes bei derjenigen, die den Schmerz «hat». –
Diese wissenschaftstheoretischen Probleme (wie auch
die obige «ontologische» Frage) hängen wiederum zusammen mit erkenntnistheoretischen und wahrnehmungsphilosophischen Aspekten des Schmerzes. Ist
Schmerz überhaupt als eine Art von Wahrnehmung zu
begreifen? Wenn ja, was nehmen wir dabei wahr: eine
dem Geist äusserliche Wirklichkeit oder ein mentales
Phänomen? Ist Wahrnehmung also das Gewahrwerden
eines zwischen aussergeistiger Wirklichkeit und Wahrnehmungserlebnis «zwischengeschalteten» mentalen
Einzeldings (eines «Sinnesdatums» in der Sprache der
Wahrnehmungsphilosophie) oder werden wir direkt der
Eigenschaften der aussergeistigen Welt gewahr? Welche
aussergeistigen Eigenschaften spiegelt ein Schmerzerlebnis eigentlich wider? Oder ist die Art und Weise, wie
Schmerz sich im Erleben «anfühlt», gar nicht Ausdruck
einer Widerspiegelung oder «Repräsentation» von aussergeistigen Merkmalen?
Diese wissenschaftstheoretischen, wahrnehmungsphilosophischen und epistemologischen Probleme werden
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hier nicht weiter behandelt, obgleich sie ihre ganz eigenen philosophischen Forschungsgeschichten vorweisen
können (Tabelle 1 sowie (2) als Zusammenfassung der
wahrnehmungsphilosophischen Fragen). Bedenken wir
an dieser Stelle lieber, dass die Diskussion um die AktObjekt-Dualität uns wieder zum Gehirn-Geist-Problem
zurückführt: Das Akt-Konzept scheint einen heutzutage
«unerwünschten» Gehirn-Geist-Dualismus zu implizieren, das Objekt-Modell hingegen geht in ein allgemeineres «Korrelat-Modell» über (s.o.), das nicht mehr somatische Zustände als Objekte der Schmerzwahrnehmung,
sondern somatisch-plus-zerebrale Zustände als Korrelate eines Schmerzerlebnisses konstruiert. Und in diesem Begriff des Korrelats finden wir wieder das altbekannte Gehirn-Geist-Problem: Wenn ein mentaler
Zustand stets einen (somatisch-plus-)zerebralen Zustand als Korrelat hat, wie ist dann die Beziehung zwischen den Relata zu denken (s.o. Einleitung)? Zu dieser
Frage wurde von philosophischer Seite eine ganze Reihe
von Lösungsvorschlägen gegeben, ein Konsens konnte
bisher nicht erzielt werden (Tabelle 2). Für dualistische
Theorien kommt dem Mentalen ein eigenes Sein zusätzlich zum materiellen Sein des Gehirns beziehungsweise
des Organismus zu. Der Interaktionismus denkt eine
Gehirn-Geist- beziehungsweise Körper-Geist-Wechselwirkung, der Parallelismus sieht beide Seinsbereiche
ohne kausale Wechselwirkung in einer Gleichsinnigkeit.
Der Epiphänomenalismus betrachtet das Geistige als
vom Zerebralen kausal hervorgebrachte Begleiterscheinung. In der Neurophilosophie werden explizit die
monistischen Theorien favorisiert (s.o.), die letztlich nur
den materiellen Seinsbereich vorsehen. Für die Identitätstheorie sind zerebrale und mentale Zustände buchstäblich identisch. Der Funktionalismus fasst mentale
Zustände als zerebral verwirklichte Zustände auf, die
durch ihre Rollen im kognitiven Haushalt bestimmt sind.
Für die Supervenienztheorie «reitet» das Mentale auf dem
Zerebralen, ohne dass dem Geistigen ein eigener Seinsstatus zukäme. Der Eliminativismus löst die Relation
durch die Behauptung auf, es gebe letztlich gar keine
mentalen Phänomene.
Die weitverzweigte Diskussion um diese und andere
Positionen zum Gehirn-Geist-Problem können wir hier
nicht rekapitulieren (Zusammenfassung in [8]). Für die
Neurophilosophie des Schmerzes sehen wir aber, dass
am Ende doch eine Lösung des Gehirn-Geist-Problems
benötigt wird, und zwar am besten eine naturalistische,
also nicht dualistische Lösung. Dies wäre zumindest das
Bestreben der Neurophilosophie, die ja hier ausschliesslich thematisiert werden soll. Für die Betrachtung des
Gehirn-Geist-Problems können wir unsere Betrachtung
nun verallgemeinern, da dieses Problem nicht nur für den
Schmerz, sondern für alle mentalen Phänomene (also
auch Gedanken, Wünsche, Gefühle etc.) zu lösen ist.
Diese weiterführenden Überlegungen zum Gehirn-GeistProblem sowie der mögliche Beitrag der Neurowissenschaften zur Lösung dieses Problems sind Gegenstand des
zweiten Teils des vorliegenden Beitrags, der im nächsten
Heft erscheinen wird.
■
Prof. Dr. med. Martin Kurthen
Schweizerisches Epilepsie-Zentrum
Bleulerstrasse 60
8008 Zürich
Interessenskonflikte: keine
Literatur:
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edition. Seattle, IASP Press.
2. Aydede M (2005) Introduction: a critical and quasi-historical essay on
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J, Menzel R, Schmidt RF (Hrsgg.) Neurowissenschaft. Vom Molekül zur
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4. Ploner M, Schnitzler A (2004) Kortikale Repräsentation von Schmerz.
Nervenarzt 75: 962–969.
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8. Beckermann A (1999) Einführung in die Analytische Philosophie des
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50
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