Rheinisches Ärzteblatt Fortbildung
Therapie der Depression –
eine Herausforderung im Praxisalltag
Etwa vier Millionen Menschen leiden in
Deutschland an einer Depression.
von Martina Levartz und
Dagmar M. David
F
ür Ärztinnen und Ärzte stellt die Behandlung von Menschen mit depressiver Episode eine enorme Herausforderung dar. Welche Therapiemöglichkeiten es gibt, diskutierten die Teilnehmer
der Veranstaltung „(Pharmako)therapie
der Depressionen – Herausforderung im
Praxisalltag“ des Instituts für Qualität im
Gesundheitswesen Nordrhein (IQN) im
Haus der Ärzteschaft. Moderiert wurde das
Symposium in Düsseldorf von Angelika
Haus, Fachärztin für Neurologie und
Psychiatrie aus Köln und Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein. In ihrer
Einführung veranschaulichte Haus, wie
sehr sich das Bild der Erkrankung im Lauf
der Jahrzehnte gewandelt hat.
Privatdozent Dr. med. Kai-Uwe Kühn
von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Homburg, des Universitätsklinikums des Saarlandes legte dar, dass
die Lebenszeitprävalenz der Depression
bei 15 Prozent liege, mit einer Erkrankungshäufung zwischen dem 30. und 44.
Lebensjahr. Im Laufe eines Lebens erkranke jede vierte Frau und jeder zehnte
Mann an einer Major Depression. Die
durchschnittliche Episodendauer betrage
dabei zwischen sechs und zwölf Monate.
Erkrankung von Kopf bis Fuß
Depression sei nicht nur eine Erkrankung der Psyche, sondern eine Erkrankung des ganzen Körpers „von Kopf bis
Fuß“, sagte Kühn. Depressionen zeigten
sich nicht nur in der Körperhaltung, der
Mimik und der Sprache der Betroffenen,
sondern es komme sowohl zur Beeinträchtigung physiologischer (beispielsweise einer Veränderung des Hungerempfindens, der Verdauung oder des SchlafWach-Rhythmus) als auch emotionaler
Prozesse (zum Beispiel Traurigkeit, Ängstlichkeit, Unruhe, innere Getriebenheit)
Rheinisches Ärzteblatt 5/2013
und des kognitiven Bereichs (Interessenlosigkeit, Konzentration, Kontrolle). So
zeige sich bei depressiven Patienten eine
Amplitudenabflachung und Phasenverschiebung der zirkadianen Rhythmik.
Bei der Diagnose und Behandlung von
Depressionen spiele, so Kühn, das Geschlecht eine wichtige Rolle, da der Hormonhaushalt einen starken Einfluss auf
die Stimmungslage ausübe. Nicht nur peripartal, sondern auch perimenopausal würden daher Depressionen häufig festgestellt.
Professor Dr. Matthias Rothermundt,
Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Evangelisches Klinikum Niederrhein, Oberhausen, betonte, dass der Stellenwert der medikamentösen Therapie vom Schweregrad
der Erkrankung abhängig sei. Behandlungsoptionen seien
쮿 eine aktiv-abwartende Begleitung der
Patienten,
쮿 eine medikamentöse Therapie,
쮿 eine psychotherapeutische Behandlung,
쮿 eine Kombinationstherapie.
Laut Nationaler Versorgungsleitlinie
„Unipolare Depression“ (S3-Leitlinie von
2009) sei bei einer leichten depressiven
Episode zunächst eine aktiv abwartende
Begleitung des Patienten mit einer Überprüfung der Symptomatik und deren Entwicklung in den folgenden zwei Wochen
zu empfehlen, sagte er. Bei anhaltender
oder sich verschlechternder Symptomatik
sei eine Psychotherapie oder eine Pharmakotherapie angezeigt. Die Entscheidung
für die jeweilige Therapie müsse mit dem
Patienten gemeinsam und unter Berücksichtigung der Lebenssituation getroffen
werden (partizipative Entscheidung).
Faktoren, die bei einer leichten depressiven Episode eher für eine Pharmakotherapie sprechen könnten, sind für Rothermundt
쮿 der Wunsch oder die Präferenz des
Patienten,
쮿 positive Vorerfahrung des Patienten
mit einer Medikation,
쮿 Fortbestehen der Symptome nach
einer Intervention,
쮿 schwere depressive Episoden in der
Vergangenheit.
Bei einer mittelgradigen depressiven
Episode sei in Abstimmung mit dem Patienten eine medikamentöse antidepressive oder psychotherapeutische Behandlung
mit wöchentlichem Monitoring indiziert,
neben Aufklärung und Psychoedukation.
Laut Professor Rothermundt zeigen Studien keinen signifikanten Unterschied in
der Wirksamkeit einer ausgewählten
Pharmakotherapie im Vergleich zur speziell auf die Depression abgestimmten
Psychotherapie. Es zeigte sich in dieser
Phase der Erkrankung auch keine klar
nachgewiesene Überlegenheit einer Kombinationstherapie gegenüber einer Monotherapie.
Therapie mit Antidepressiva
Im Fall einer schweren depressiven
Episode spricht sich Rothermundt für eine
Kombination aus einer medikamentösen
und psychotherapeutischen Therapie aus –
mit wöchentlichem Monitoring und klinischer Überprüfung der Wirksamkeit nach
drei oder vier Wochen. Bei schwerer Depression sei eine Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie der jeweiligen Monotherapie überlegen. Bei schweren, therapieresistenten depressiven Episoden sei, so der Mediziner, gemäß Leitlinien die Elektrokrampftherapie in Betracht zu ziehen.
Eine Therapie mit Antidepressiva
schlägt laut Rothermundt bei zwei von
drei Patienten an. Bei der Hälfte dieser Responder komme es nur zu einer Teilwirkung. Bei Patienten, die eine Besserung
durch die Medikation erfahren, trete in 70
Prozent der Fälle die Wirkung innerhalb
der ersten zwei Wochen ein. Komme es in
dieser Zeit zu keiner Besserung, sinke die
Wahrscheinlichkeit eines Respons auf 15
Prozent.
Es zeige sich, so Rothermundt, dass
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (Selective Serotonin Reuptake Inhibitor, kurz SSRI)
in der Regel besser verträglich und weniger toxisch seien, als die älteren Trizyklischen Antidepressiva (TZA). Ein sicherer
Nachweis zur Überlegenheit eines Wirkstoffes oder einer Wirkstoffgruppe im
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ambulanten Bereich könne aus den zahlreichen Vergleichsstudien zwischen Prüfund Standardsubstanz aber kaum abgeleitet werden.
Suizidalität
Ein Aspekt, der im Zusammenhang mit
Depressionen immer besprochen werden
muss, ist die Suizidalität. Nach den von
Rothermundt zitierten epidemiologischen
Daten geht die Zunahme der Verschreibung von Antidepressiva vor allem bei
Frauen mit einer Verringerung der Suizidrate einher (Fergusson et al. 2005). Bei
Kindern und Jugendlichen zeige sich eher
eine erhöhte Suizidrate unter SSRI (Quelle:
Gunnell and Ashby 2004).
Insgesamt falle die Suizidalität unter
Antidepressiva bei Erwachsenen nicht höher aus als in Gruppen ohne Medikamenteneinnahme, eher im Gegenteil, führte
der Oberhausener Chefarzt aus. Bei Kindern und Jugendlichen gebe es derweil
widersprüchliche Befunde.
Rothermundt mahnte, zu Beginn einer
Therapie grundsätzlich besonders aufmerksam zu sein und den Patienten zu beobachten, da es nicht selten dazu komme,
dass der Antrieb schneller gesteigert werde, als sich die Stimmung aufhelle.
Adhärenz von Patienten
Rothermundts Homburger Kollege
Dr. Kühn ging auf den Zusammenhang
von Dosis und Wirkung ein: So spiegele
sich die Einnahmetreue von Patienten
nicht zwingend in einem Plasmaspiegel
im therapeutischen Bereich wider. Die
Höhe des Wirkspiegels der kontrollierten
Substanz hänge auch bei ordnungsgemäßer Einnahme von vielen Aspekten
ab. Dazu gehören interindividuelle physiologische Faktoren (Alter, Gewicht,
Plasma- und Gewebebindung, Absorption, Eliminationsrate), genetische Faktoren, Toleranzentwicklungen (beispielsweise eine Induktion des CYP 450 Enzymsystems der Leber) und Arzneimittelinteraktionen mit andern Medikamenten,
Nahrungsbestandteilen oder Genussmitteln sowie pathologische Faktoren. Die
Auswahl der Präparate sollte individuell
auf die Bedürfnisse der Patienten ausgerichtet werden und das Wirkprofil,
das Nebenwirkungsprofil und die Überdosierungssicherheit einbeziehen, sagte
Kühn.
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Gabe von Antidepressiva und Alter
Bei alten Patienten zu beachtende Faktoren,
die die Höhe des Wirkspiegels beeinflussen:
쮿 verringerter renaler Clearance
쮿 herabgesetzter metabolischer Clearance
쮿 veränderte Plasmabindung
쮿 verändertes Verteilungsvolumen
쮿 veränderte Resorption im
Magen-Darm-Trakt
Sexuelle Dysfunktion,
Gewichtsveränderungen
Auch bekannte Nebenwirkungen von
Antidepressiva können zu einer verminderten Therapietreue führen: Um dies zu
verhindern, sollten zum Beispiel gerade
bei jungen Patienten Medikamente, bei
denen häufig eine sexuelle Dysfunktion
auftritt, gemieden werden – während bei
älteren Patienten besonders die cholinergenen Nebenwirkungen berücksichtigt
werden sollten, führte Kühn aus.
Die Zunahme des Körpergewichts unter antidepressiv wirkender Therapie ist
ein bekanntes Phänomen, das insbesondere bei jungen Frauen für die Akzeptanz der
Medikation relevant ist – während bei älteren Patienten, die auf Grund einer Depression oft unter Gewichtsverlust leiden, die
medikationsassoziierte Gewichtszunahme
ein erwünschter Nebeneffekt sein kann.
Dabei reagieren die Patientinnen und
Patienten bei gleicher Medikation individuell ganz unterschiedlich mit Gewichtsveränderungen, sodass die Führung der
Patienten ausschlaggebend für eine gute
Compliance ist, so Kühn.
Absetzsyndrom bei SSRI
Zu beachten sei auch das Absetzsyndrom, das in mehr oder weniger ausgeprägter Form bei allen SSRI circa 24 Stunden bis eine Woche nach Absetzen auftrete
Häufigkeit von Depressionen bei
anderen Erkrankungen
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Diabetes mellitus 10 %
Myokardinfarkt 20 %
Morbus Parkinson 30–50 %
Dialyse 10–20 %
Schlaganfall 25–35 %
Karzinom 25–40 %
(nach Robertson M. und Katona C.L. (Hrsg.)
Wiley-Verlag, Chichester 1997)
und sich in körperlichen und psychischen
Entwöhnungserscheinungen äußere. Dies
sei eine Reaktion des menschlichen Körpers auf das neurochemische Ungleichgewicht nach Absetzen der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und sollte durch ein
Ausschleichen minimiert werden.
Antidepressiva und
Polypharmakotherapie bei Senioren
Die meisten Medikamente zur Behandlung von Depressionen seien auf der PRISCUS-Liste als potentiell ungeeignet aufgeführt, sagte Professor Dr. Tillmann Supprian vom LVR-Klinikum der Universitätsklinik Düsseldorf bei seinem Vortrag. Insgesamt sei die Medikation bei älteren Patienten durch die Behandlung vieler verschiedener Erkrankungen erschwert. Supprian
verwies auf das „Frailty“-Konzept (Konzept der Gebrechlichkeit), um eine Risikoeinschätzung vorzunehmen, bei welchen
Patienten besondere Vorsicht geboten ist.
Indikatoren für eine Risikoeinschätzung
bei Antidepressivagabe
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Herz-Kreislauferkrankungen
Leberfunktionsstörungen
Nierenfunktionsstörungen
Diabetes mellitus
Depressionen werden als Risikofaktor
für kardiovaskuläre Erkrankungen gesehen, sagte Supprian. Depressionen seien
ein Risikofaktor für das Neuauftreten einer
kardialen Erkrankung, aber auch für eine
ungünstige Prognose bei bestehender kardialer Erkrankung. Dabei werden laut Supprian unterschiedliche Ursachen diskutiert
(zum Beispiel autonome Funktionsstörungen und immunologische Faktoren). Auch
zeige sich eine hohe Prävalenz von Depressionen bei Alzheimer-Demenz. Für Patientinnen und Patienten mit dieser Komorbidität seien Trizyklische Antidepressiva eher ungeeignet und am ehesten die
SSRI Mittel der Wahl. Er plädiert für das regelmäßige Monitoring der Therapie zum
Beispiel mittels EKG- und Laborkontrollen
(Transaminasen, Blutbild und Elektrolyte).
So stelle die Hyponatriämie viel häufiger
als bisher bekannt ein Problem dar.
Dr. med. Martina Levartz, MPH, ist
Geschäftsführerin des Instituts für Qualität
im Gesundheitswesen Nordrhein (IQN),
Dr. Dagmar M. David, MPH, ist Referentin des
Instituts.
Rheinisches Ärzteblatt 5/2013
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Therapie der Depression – eine Herausforderung im Praxisalltag