Fremdbilder von Migranten

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Fremdbilder von Migranten im historischen Vergleich – eine Sequenz
zum Inhaltsfeld 12
Klaus-Michael Guse, Studienseminar Siegen
1) Planung der Unterrichtsreihe bzw. –sequenz
a) Thema der Sequenz
Fremdbilder von Migranten im historischen Vergleich
b) Kompetenzschwerpunkte
Das Thema gehört zum Inhaltsfeld 12; konkret geht es um Selbst- und Fremdverstehen in historischer
Perspektive. Die Idee ist es, in der Sequenz das Fremdverstehen zu spiegeln, also zu zeigen, dass
nicht nur in Deutschland Migranten klischeehaft (stereotyp) wahrgenommen wurden, sondern auch
deutsche Migranten (in den USA) – der Zugriff bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Sequenz
fortzusetzen.
Die SuS „entwickeln Deutungen auf der Basis von Quellen und wechseln die Perspektive, sodass diese
Deutungen auch den zeitgenössischen Hintergrund und die Sichtweise anderer adäquat erfassen“
und „analysieren, vergleichen, unterscheiden und gewichten in Ansätzen das Handeln von Menschen
im Kontext ihrer zeitgenössischen Wertvorstellungen und im Spannungsfeld von Offenheit und
Bedingtheit“.
Konkret: Die SuS erläuterndie Sichtweise und den jeweiligen zeitgenössischen Hintergrund, indem sie
sowohl die Gründe für die jeweilige Migration als auch die sozialpolitische Situation in den
aufnehmenden Ländern erarbeiten. Dadurch sind sie in der Lage, die Perspektive zwischen den
aufnehmenden Menschen und den Migranten zu wechseln und ihr Handeln im Kontext der
zeitgenössischen Werturteile zu gewichten.
c) Tabellarische Auflistung der einzelnen Unterrichtseinheiten der Reihe bzw. Sequenz
nach folgendem Schema
Thematischer
Kompetenzerwartung
Basale
Schwerpunkt
(KLP-Bezug; Konkretisierung)
Unterrichtsmaterialien
[Zeitaufwand]
Bilder von
Die SuS „entwickeln Deutungen auf der Basis von Zwei Quellentexte:
Fremden
Quellen und wechseln die Perspektive, sodass 1. Europa-Knigge von
(Doppelstunde) diese Deutungen auch den zeitgenössischen
1962
Hintergrund und die Sichtweise anderer adäquat 2. Josiah Flynt, The Gererfassen“; hier: die SuS benennen, dass in beiden
man and the GermanQuellen Migranten stereotyp dargestellt werden,
American, 1896
obwohl in beiden Texten für eine freundliche
Aufnahme der Migranten geworben wird.
Entstehung von Die SuS „identifizieren in Texten Informationen, die Darstellender Text von
Fremd- und
für die gestellte Frage relevant sind“ und
Arnold Suppan
Selbstbildern
„beurteilen Argumente aus historischen
übernationale Stereotype
(Einzelstunde)
Deutungen kriteriengeleitet“; hier: sie entnehmen
dem Text von Suppan die zentralen Thesen zur
Entstehung von Selbst- und Fremdbildern und
wenden seine Thesen auf die Darstellung in den
beiden Quellen (der vorherigen Stunde) an.
Historische
Die SuS „nutzen grundlegende Arbeitsschritte zur
Die „Völkertafel“ von
Fremdbilder in
sach- und fachgerechten Informationsentnahme
1720/30
Europa
und Erkenntnisgewinnung aus Bildquellen“ und
„vergleichen Informationen, stellen Verbindungen
zwischen ihnen her und erklären
Zusammenhänge“; entnehmen der „Völkertafel“
Stereotype über europäische Völker, vergleichen
diese und verbinden die Informationen mit der
Deutung Suppans und der Darstellung in den
beiden Quellen der Eingangsstunde.
Die Sequenz ist nach den beiden Stunden in sich geschlossen, sie kann aber auf unterschiedliche
Weise sinnvoll erweitert werden:
1. Es ist möglich, die eine der beiden historischen Situationen genauer mit den Schülern zu
untersuchen, um die gesellschaftliche Situation genauer zu erfassen, in der stereotype
Fremdbilder entstanden sind.
2. Den in der Doppelstunde angelegten Vergleich der beiden historischen Situationen kann
man fortsetzen und Motive der Migranten, Situation in den aufnehmenden Ländern sowie
Fremd- und Selbstbilder miteinander vergleichen.
3. An diese Sequenz kann man auch gut eine weitere anschließen, in der der Wandel eines
Fremdbildes thematisiert wird.
Zu den ersten beiden Möglichkeiten werden im Anhang weitere Materialien bereitgestellt.
2) Planung der Unterrichtsstunde
a) Stundenthema
Fremdbilder von Migranten im Vergleich: Deutsche Auswanderer in den USA – „Gastarbeiter“ in
Deutschland. Wie werden Fremde gesehen?
b) Bedingungsanalyse: Notwendige Kompetenzvoraussetzungen
Sachkompetenzen: Die SuS kennen die Grundzüge der Industrialisierung; sie kennen in
Grundzügen die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Nachkriegszeit in der
Bundesrepublik Deutschland.
Sie können„historisches Geschehen, Strukturen und Personen grobchronologisch, räumlich und
sachlich/thematisch“ einordnen.
- Methodenkompetenzen: SuS sind in der Lage, „grundlegende Arbeitsschritte zur sach- und
fachgerechten Informationsentnahme und Erkenntnisgewinnung aus Bildquellen“ anzuwenden.
Sie „wenden elementare Schritte der Interpretation von (Text-)Quellen (…) sach- und
themengerecht an“.
c) Didaktische Entscheidungen
c.1) Intentionen
c.1.1) Zentrale(s) Kompetenzziel(e): KLP-Bezug; Konkretisierung
Die SuS „entwickeln Deutungen auf der Basis von Quellen und wechseln die Perspektive, sodass diese
Deutungen auch den zeitgenössischen Hintergrund und die Sichtweise anderer adäquat erfassen“;
hier: die SuS benennen, dass in beiden Quellen Migranten stereotyp dargestellt werden und deuten
diese Stereotype, indem sie zwischen der Sicht der aufnehmenden Menschen in den Gastländern
und den Migranten die Perspektive wechseln.
c.1.2) Teilkompetenzen (TK)
- Die SuS kontextualisieren die beiden Quellen und ordnen die Darstellung jeweils grobchronologisch
und räumlich ein (TK 1).
- Die SuS fassen die Darstellung der Migranten in beiden Quellen zusammen und erläutern sie ihren
Mitschülern (in Partnerarbeit und im Plenum) (TK2).
- Die SuS vergleichen die Darstellung der Migranten in beiden Quellen, stellen die Gemeinsamkeiten
heraus und stellen Vermutungen an, warum Stereotypen bei Fremdbildern in solchen historischen
Situationen entstehen(TK3).
- Die SuS übernehmen die Rolle der Migranten aufnehmenden Menschen in den Gastländern und
thematisieren deren Handeln(TK 4).
d) Gestaltung des Lernprozesses
Tabellarische Übersicht des geplanten Stundenverlaufs nach folgendem Schema1
Unterrichtsschritte/
-phasen
Entwicklung der
leitenden
Fragestellung
(Problematisieru
ng)
Sachaspekte
Kompetenzbez
ug
Präsentation
einer
Karikatur
zum Thema
„Ausländer“
(siehe
Materialien)
Fixierung
der Formulierun
leitenden
g der
Fragestellung der Problemstell
Unterrichtsseque ung
nz
Arbeitsschritte
der
Informationse
ntnahme aus
Bildquellen
werden
angewandt
Anwendung
der
Kompetenz,
Fragestellunge
n
zu
formulieren
Überleitung
Hinführung
zur
Erarbeitung
-
SuS lesen
einen
Quellentext
und fassen
ihn
zusammen
TK 1 und TK 2
Erarbeitung I
1
Sozial-/
Kommentar; Erläuterung
Handlungsformen
; Medien
UG; Karikatur als Impuls
UG; Tafel;
SuS formulieren
die
Problemstellung;
L notiert sie an
der Tafel
Folgende Problemfragen sind
denkbar und zielführend:
- Wie gehen Menschen mit Fremden
(Ausländern) um?
- Warum gibt es Abwehrhaltungen
gegenüber Fremden?
- Welche Bilder von Fremden haben
wir?
Lehrer erläutert Zwei historische Beispiele des
Umgangs mit Migranten werden
das Vorgehen
untersucht (Fremdbilder in
historischer Perspektive)
EA (think-Phase Bei der Aufgabenstellung ist auf
im kooperativen die Kontextualisierung der
Lernen)
Quellen zu achten
Es handelt sich um eine Planung für eine Doppelstunde; bei Einzelstunden müssen beide Texte auf je eine
Stunde verteilt werden.
Erarbeitung II
Präsentation
Sicherung
Beurteilung
2
SuS stellen
sich
gegenseitig
einen
Quellentext
vor
Ergebnisse
der
Quellenarbei
t werden
präsentiert
TK 1 und TK 2
PA (pair-Phase im kooperativen
Lernen)2
TK 1 und TK 2,
sowie
Anwendung
der Fähigkeit,
Ergebnisse zu
präsentieren
Abgleich der
Präsentation
en und
Korrektur
SuS
vergleichen
die
Ergebnisse,
beziehen sie
auf die
Problemfrag
e und
versuchen
eine
Deutung
bzw. eine
Hypothesenb
ildung
TK 2 und TK 3
SuS präsentieren
eigenständig die
Ergebnisse,
sie
übernehmen
auch
die
Moderation; freie
Wahl
eines
unterstützenden
Mediums (sharePhase
im
kooperativen
Lernen – nach
Möglichkeit
Losverfahren bei
der Auswahl der
Schüler
anwenden)
Gelenktes
UG;
ggf. Tafel
TK
4
und Freies UG
zentrale
Kompetenz
Es
präsentieren
jeweils
diejenigen, die den Text nicht
bearbeitet haben; die anderen
haben jeweils Kontrollfunktion.
Auf Kontextualisierung achten
kann ggf. wegfallen
Bezug zur Problemfrage
Statt fester Paare kann nach dem „Cocktail-Party-Prinzip“ verfahren werden. SuS suchen sich frei einen
Partner und stellen sich die Texte vor und dürfen auch wechseln, um von anderen weitere Informationen zu
bekommen.
3) Materialien für die Stunde
a)E U R O P A - K N I G G E 1 9 6 2
Goldene Regeln für den Umgang mit Gastarbeitern […]
Der Südländer will als Persönlichkeit behandelt werden. Er ist von Natur liebenswürdig und
schätzt eine liebenswürdige Umgangsart. Eine kleine Gefälligkeit, zum Beispiel eine
angebotene Zigarette, gewinnt sein Herz im Nu.
5
Der Südländer leidet oft unter Heimweh; er sucht Freundlichkeit und aufrichtigen Kontakt mit
der Umgebung. Seine Isolierung kann ihn dazu verführen, sich mit asozialen Elementen
einzulassen; man sollte ihm deshalb Kontakt mit Familien ermöglichen.
Der südländische Fremdarbeiter denkt an seine Familie, er ist arbeitsam und spart; man soll
keinen Wucher mit ihm treiben, wenn er Unterkunft sucht.
10
Der Südländer - der Italiener, der Spanier, der Grieche — weiß sich als Erbe einer großen
Kultur und ist stolz darauf. Diesen Stolz sollte man achten und keinen der Gastarbeiter mit
einem Spott- oder Schmähnamen, also etwa den Italiener “Makkaroni“ nennen.
Die Arbeitsfreudigkeit fehlt dem Südländer nicht; aber er braucht mehr als der Deutsche eine
freundliche Anerkennung für seine Leistung.
15
Manche Südländer haben noch keinen rechten Sinn für Sauberkeit und Ordnung. Man sollte
sie durch gute Unterkünfte zu diesen Tugenden ermuntern.
Der Mangel an Verständigung und. Verständnis verleitet den südländischen Arbeiter leicht zu
kleinen Notlügen, mit denen er gewissen Schwierigkeiten aus dem Wege geht.
20
Die Ausländer sollen nicht bevorzugt werden, aber mit Rücksicht auf ihre Hilflosigkeit ist
eine Sonderbehandlung manchmal unbedingt erforderlich.
Bei Unruhen und vielleicht unbegründeten Klagen ist eine harte und konsequente, jedoch
gerechte Klarheit der einzige Ausweg.
Auch der Südländer hat den Wunsch, beruflich höher zu steigen. Man sollte ihm daher
Gelegenheit geben, auch qualifizierte Arbeiten zu verrichten.
25
Im öffentlichen Leben nimmt der Südländer Gebote und Verbote nicht so “tierisch ernst“; bei
aller Strenge sollte man auch etwas Verständnis für seine Mentalität walten lassen.
Die Betriebe und öffentlichen Einrichtungen sollten den Fremdarbeitern Gelegenheit zum
Besuch deutscher Sprachkurse bieten; bessere Sprachkenntnisse der Ausländer kämen der
Verständigung und dem Verständnis sehr zugute..
30
Der Südländer hat angeblich Erfolg bei den Frauen; wenn er einer Frau Komplimente machte,
meint er es jedoch selten ernst. Der Südländer ist von seiner Heimat her Zurückhaltung bei
den Frauen gewohnt; kommt ihm im Gastland eine Frau offener entgegen, meint er, sie habe
kein Ehrgefühl, und er dürfe sich etwas herausnehmen. Auch auf diese Vorstellung vom
angemessenen Verhalten der Frau ist Rücksicht zu nehmen.
35
Der Südländer ist gewöhnlich religiös von Natur. Man sollte seine Religiosität und auch die
andere Art. seines religiösen Ausdrucks achten. Das Gastland und die Unternehmer sollten
alles tun, damit die Ausländer Gottesdienste in ihrer Muttersprache erhalten und von
Geistlichen aus der Heimat umsorgt werden.
40
Die Arbeitgeber können für ihre ausländischen Arbeiter Zeitungen. aus ihrer Heimat
abonnieren. Die Sendeanstalten sind dazu übergegangen, für die —ausländischen Arbeiter
eigenen Sendungen zu. bringen; auf diese seien die Firmen besonders verwiesen.
Ergebnisse einer Tagung der Akademie der Diözese Rottenburg über das Thema: “Die
ausländischen Arbeitnehmer in der Bundesrepublik“
Archiv des deutschen Caritas Verbandes e.V. (ADCV), Signatur380.21.065 Fasz.1
45
Quelle: http://www.angekommen.com/italiener/Dokumente/EuropaKnigge.html
b) Josiah Flynt: “The German and the German-American”, in: AtlanticMonthly 78 (1896),
655-64, hier S. 655, 657-64.
“[…] Perhaps, to an American, the most striking feature in the character of the Germans at home is
their respect for law and authority. […] but I venture to say that Germany is what it is to-day, probably the least politically corrupt country in all Europe…
5
Patience and perseverance are the next prominent characteristics. Germans stick to a thing that they
have begun. […] The Germans are also an industrious people. They work at something, men, women,
and children, the whole day long. […]
Finally the Germans are a healthy people. […] Taking them as a race, I think they are better fitted for
life, physically, than we are, and they seldom have to rely so much on nervous power to do their
work. […]
10
15
Theoretically, the German immigrants whom we get ought to have these characteristics, and in so far
as they are intelligently retained here they help to make our life better. With these, however, they
bring others which are not so desirable, and I must note them too.
The first characteristic, and it is the worst of all, is their view of women and the treatment they apply
to them […] The woman exists merely to bear his children and keep his home clean. […] It is probably
also the military spirit which makes the Germans such rough people. […]
The Germans are also somewhat inclined to be petty and small. They are so crowded together, and
so afraid that someone will trample on their rights, that it is fairly impossible for them to overlook
little things […]
20
Finally the German is a Gemüthsmensch; he lives pretty much for and by his feelings. This is both a
good trait and a bad one, and the Germans show both sides […]
The striking thing, however, in German children born in this country is the ease and almost eagerness
with which they throw off their nationality. Except possibly the Irish, there is no other race which so
quickly becomes American and anti-European […]
25
Our first and greatest debt to the Germans is for their help in developing our country […] As a people
the Germans work more slowly than we do, and in certain branches where quickness is necessary
they are not equal to the demand, but they have contributed a steadying element to our working
classes which has been most salutary […]”
Josiah Flynt: Die Deutschen und die Deutsch-Amerikaner“, in: Atlantic Monthly 78 (1896) (übersetzt
von Bärbel Kuhn und Klaus-Michael Guse)
5
10
„[…] Möglicherweise ist für einen Amerikaner die hervorstechendste Charaktereigenschaft der
Deutschen bei ihnen zu Hause ihr Respekt vor dem Recht und der Autorität. […] aber ich wage zu
sagen, dass Deutschland, wie es heute ist, wahrscheinlich das am wenigsten politisch korrupte Land
in ganz Europa ist…
Geduld und Ausdauer sind die nächsten markanten Merkmale. Deutsche bleiben eisern bei einer
Sache, die sie begonnen haben. […] Die Deutschen sind zudem ein fleißiges Volk. Den ganzen Tag
lang arbeiten Männer, Frauen und Kinder an irgendetwas. […]
Letztlich sind die Deutschen ein gesundes Volk. […] Ich glaube, als Rasse betrachtet, sind sie
physisch besser an das Leben angepasst als wir, und nur selten müssen sie sich allzu sehr auf ihre
Nervenstärke verlassen, um ihre Arbeit bewältigen zu können.
15
20
Die deutschen Immigranten, die wir bekommen, sollten diese Merkmale haben und wenn es uns
gelingt, sie auf intelligente Weise hier zu behalten, helfen sie uns theoretisch unser Leben zu
verbessern. Aber ich muss darüber hinaus zugeben, dass mit ihnen auch andere zu uns kommen, die
nicht so erwünscht sind.
Ihre auffallendste Eigenschaft, und gleichzeitig die Schlimmste von allen, ist ihre Sichtweise auf
Frauen und ihr Verhalten, das sie ihnen gegenüber zeigen. […] Die Frau ist vor allem dazu da, Kinder
zu gebären und das Haus sauber zu halten. […] Wahrscheinlich ist es gerade der militärische Geist,
der die Deutschen zu einem solch rauhen Volk werden lässt. […]
Die Deutschen neigen ein wenig dazu, klein und unbedeutend zu sein. Sie leben so eng zusammen
und fürchten sich so davor, dass jemand auf ihren Rechten herumtritt, dass es für sie praktisch
unmöglich ist, Kleinigkeiten zu übersehen. […]
25
Zu guter Letzt ist der Deutsche ein Gemütsmensch; er lebt sehr stark für und von seinen Gefühlen.
Beides ist zugleich eine gute und eine schlechte Eigenschaft, und die Deutschen zeigen beide Seiten
[…]
30
Das hervorstechendste Merkmal der in unserem Land geborenen deutschen Kinder ist, mit welcher
Leichtigkeit, ja beinahe Beflissenheit sie ihre Nationalität ablegen. Außer vielleicht den Iren, gibt es
keine andere Rasse, die so schnell Amerikaner und Anti-Europäer wird […]
35
Zuallererst und am meisten müssen wir den Deutschen für ihre Hilfe bei der Entwicklung unseres
Landes danken […]. Als ein Volk arbeiten die Deutschen viel langsamer als wir es tun, und in einigen
Branchen, in der Schnelligkeit von Nöten ist, entsprechen sie nicht den Anforderungen, aber dennoch
steuern sie unserer Arbeiterklasse ein stabilisierendes Element bei, das sich als sehr nützlich
erwiesen hat […]“
c) Karikatur für den Einstieg
(Karikatur von Jan Tomaschoff; © toonpool.com)
4) Weitere Materialien für die Sequenz
a) Der Historiker Arnold Suppan übernationale Stereotype:
5
10
Das Bild vom anderen, das Fremdbild, ebenso wie dasSelbstbild entsteht aus dem Bedürfnis von
Individuen, Gruppen und Nationen, sich eine klar geordnete Welt einzurichten und sich in dieser sozial
bestätigt zu sehen. [...] Dabei bedienen sie sich gedanklich gebildeter Stereotypen […] als
Bewertungsmaßstäbe. Mit derenHilfe wird ein eigenes Rollenbild […] geformt. [...]
Stereotypen sind schematisierte Selbst- und Fremdbilder […], [die] in ungerechtfertigt vereinfachender
und generalisierender Weise, mit emotional wertender Tendenz, einer Gruppe von Personen bestimmte
Eigenschaften oder Verhaltensweisen zu- oder abspricht. Der Erwerb solcher Stereotypen erfolgt
nicht auf Grund eigener Erfahrung, sondern wird über Erziehung, Sozialisation1 und öffentliche Meinung
vermittelt. Hierbei ist zu fragen, von welchen sozialen Schichten eine solche Vorurteilsbildung ausgeht, welche
Mittel dazu eingesetzt werden —hier ist auf die besondere Bedeutung bildlicher Darstellungen (z. B.
Karikaturen) hinzuweisen — und welche Instrumentalisierungsabsicht2 hinsichtlich der Mobilisierung
bestimmter Bevölkerungsschichten besteht. [...]
(aus: Arnold Suppan, Nationale Stereotypen in der Karikatur, in: Wolfram Herwig/Walter Pohl (Hg.),
Probleme der Geschichte Österreichs und ihrer Darstellung,. Wien 1991. S. 277 ff.)
----------------1 die Entwicklung einer Persönlichkeit beim Hineinwachsen eines Menschen in die Gesellschaft
2 etwas für einen bestimmten Zweck benutzen oder einsetzen
b) Die Völkertafel
(Quelle gemäß Wikipedia: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:V%C3%B6lkertafel.jpg&filetimestamp=20081130201528 )
c)Material zu: Der millionste „Gastarbeiter“ wird begrüßt (1964)
Ein schüchterner "Millionär"
Mit verlegener ein wenig mißtrauischer
Miene stand der millionste Gastarbeiter der
Bundesrepublik, der Portugiese Armando Sa
Rodrigues ziemlich steif und sehr unrasiert
gestern morgen im kleinen Kölner Bahnhof
inmitten eines Rudels von Reportern und
Kameraleuten. Nach über zweitägiger Fahrt
von seinem kleinen portugiesischem
Heimatort Valle de Madeiros aus war er in
einem Gastarbeitertransport nach Köln
gekommen, wo er mit deutschen Märschen
und dem Lied „Auf in den Kampf Torero“
empfangen wurde. Als Willkommensgeschenk
wurdeihm ein Moped sowie eine
Ehrenurkunde überreicht. Wie lange er in der
Bundesrepublik bleiben wolle, wisse er
noch nicht, sagte der „Millionär". Doch
sollen seine Frau und seine beiden Kinder
bald nachkommen.
(aus: nacht-depesche, westsektor, 11. September 1964;
© pa-picture alliance. ein Unternehmen der dpa-Gruppe)
„Willkommen, Senhor!“
„Senhor Rodrigues, seien Sie in der Bundesrepublik herzlich willkommen. (...) Daß man zu Ihrer Begrüßung_
auch ,Auf in den Kampf, Torero' gespielt hat, hat durchaus symbolischen Charakter. Jetzt geht es an die Arbeit. (...)
Wir wären ganz froh, wenn wir in unserem Land nicht gezwungen wären, soviel Ausländer fern der Heimat
beschäftigen zu müssen. Nun sind Sie aber da, wir brauchen Ihre Hilfe, und Sie sollen es so gut haben, wie es
eben geht, so gut wie es ein Gast erwarten darf. Vergessen Sie nur nicht, Deutsche denken etwas anders als
Portugiesen, und Portugiesen empfinden manches anders als die Deutschen. Das kann man nicht ändern. Tusch!
in diesem Sinne: ,Auf in den Kampf, Senhor Rodrigues!'” Handelsblatt, 11.9.64. („Willkommen, Senhor!")
d) Warum wurden Arbeitsmigranten angeworben und wo kamen sie her?
1
Erwerbstätige, Flüchtlinge/Vertriebene, Zugewanderte und Ausländer 1950-1970 (in
Tausend, bis 1960 ohne Saarland und Berlin, Quoten in %):
__________________________________________________________________________
Jahr
Erwerbstätige Vertriebene/ Ausländer
Arbeitslosen- Ausländerinsgesamt
1950
1954
1958
1960
1962
1964
1966
1967
1968
1970
Zugewanderte
19997
21 995
24 124
24 792
26 690
26 753
26801
29 950
25 968
26 668
3800
4 700
5 450
5 80
—
—
—
—
—
—
quote
—
73
127
279
629
902
1 244
1 014
1 019
1 807
10,4
7,1
3,6
1,2
0,7
0,8
0,7
2,1
1,5
0,7
quote
—
0,3
0,5
1,1
2,4
3,5
4,9
4,0
3,9
6,8
(Jahresgutachten des Sachverständigenrates. Bonn 1981, S. 250)
„Gastarbeiter“ nach Herkunftsländern (1969)
Land
Frankreich
Griechenland
Italien
Jugoslawien
Österreich
Portugal
Spanien
Türkei
Insg.
Anzahl
28.674
174.348
340.244
226.290
62.774
26.379
135.547
212951
1.372059
%
2,08
12,71
24,80
16,49
4,5
1,9
9,8
15,52
100
Statistik nach der Bundesanstalt für Arbeit, 1970
Zeitleiste zur Spaltung Deutschlands
8. 5.1945
20.6. 1948
24.6. 1948 – 12.5. 1949
23.5.1949
10.3.1952
17.6. 1953
9.5. 1955
14.5. 1955
1.1.1957
13.8.1961
1
Ende des Zweiten Weltkrieges. Besetzung Deutschlands durch die Alliierten
Währungsreform in den Westzonen, Einführung der D-Mark; drei Tage
später Einführung der Reichsmark in der sowj. besetzen Zone
Blockade West-Berlins durch die sowj. Besatzung
Gründung der BRD (die DDR wird am 7. 10. 1949 gegründet)
Stalin bietet die Vereinigung der beiden deutschen Staaten an („StalinNote“), unter der Bedingung, dass Deutschland sich keinem Militärbündnis
anschließt. Bundeskanzler Adenauer und die Westmächte lehnen das
Angebot ab.
Volksaufstand in der DDR gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen wird
durch das sowj. Militär niedergeschlagen.
Die Bundesrepublik tritt der NATO bei.
Der Warschauer Pakt wird gegründet, die DDR tritt bei.
Das Saarland wird das 10. Bundesland der BRD.
Bau der Mauer durch die DDR, die beide deutsche Staaten trennt. Eine
Ausreise aus der DDR war damit unmöglich.
Erwerbstätige insgesamt = 100%
e) Materialien zur Emigration Deutscher in die USA
Auswanderwellen
(aus: http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/380225; Zugriff: 12.10.2010)
Motive für die Auswanderer
Dezember 1883: Amtsvorsteher zu Schönberg (Kreis Plön) an seinen Landrat über die
Auswanderung aus der Probstei:
„Meiner Ansicht nach ist in den allermeisten Fällen der von den Auswanderungslustigen selbst
angegebene Grund […] die wirkliche Veranlassung zur Auswanderung – wenigstens bei den jungen
Leuten – daß sie sich nämlich der Landwirtschaft widmen, aber nicht zeitlebens als Knecht oder
Tagelöhner dienen wollen, in Amerika aber viel leichter selbständig werden zu können glauben als
hier.“
„Früher arbeiteten die Hufnersöhne, sofern sie Ackerbauer bleiben wollten, meistens bei ihrem
jüngsten Bruder, welche die Stelle bekam als Knecht, während sie jetzt, wenn sie Landmann bleiben
wollen, nach Amerika auswandern, weil sie meistens nicht die Mittel besitzen, um hier selbständig zu
werden, bei ihrem Bruder als Knecht aber nicht mehr arbeiten wollen.“
„Es kommt hinzu, daß fast jede Probsteier Familie nahe Verwandte in Amerika hat, wodurch den
Auswanderern das Auskommen in Amerika zu Anfangs jedenfalls bedeutend erleichtert wird.
Jedenfalls kommen hier junge Leute leichter dazu nach Amerika auszuwandern und geben die Eltern
auch eher ihre Einwilligung dazu, wenn schon ältere Geschwister oder sonstige nahe Verwandte
drüben sind, denen es gut geht; und das trifft hier bei den meisten Familien zu.“
(Aus: http://www.vimu.info/quote.jsp?id=for_14_5_36_cit_schoenberg_de; zitiert nach: Rößler,
Horst: ‚Mit der Auswanderung nach drüben ist hier eine Völkerwanderung entstanden‘ – Migrationen
im ländlichen Schleswig-Holstein (ca. 1870-1900), Teil 1. In: Ders. (Hrsg.): ‚Es zieht eben einer den
Anderen nach‘. Wanderungen und ihre Wirkungen auf ausgewählte Gebiete Schleswig-Holsteins und
Ostelbiens, St. Katharinen 1995, S. 23-94, S. 50. Zugriff: 15.10.2010)
Briefe in die Heimat
(Veröffentlichung der „Briefe in die Heimat“ mit freundlicher Genehmigung der Forschungsbibliothek
Gotha, Handschriftenabteilung www.auswandererbriefe.de )
Wilhelmine Wiebusch: 1884 in die USA ausgewandert.
(Fand wenige Tage nach ihrer Ankunft in den USA einen Arbeitsplatz im Haushalt eines
wohlhabenden jüdischen Geschäftmannes in Brooklyn. Wahrscheinlich half ihr beim Einstieg in
dieser gesellschaftlichen Schicht ihre Berufserfahrung.)
liebe Marie,
Du müßtest NewYork nur wirklich mal sehen, wenn Du Sontag aus gehst komme ein bischen her, die
Stadt ist wohl 3mal so groß wie Hamburg, die schönste und Hauptstraße der Broadway ist über 6
Stunden lang, hat rechts und lingst an 300 neben Straßen den die vielen vielen andern Staßen noch
alle, zu Fuß kann man deshalb auch wenig gehen da es so sehr weitläufig alles ist mannnimt Einfach
die Care oder Eisenbahn welche fast in jeder Straße fahrt hoch oben bis an der zweiten Etg der
Hauser, über einen Fahrweg geht man manches mal mit Lebensgefahr es rennt ein Wagen hinterm
andern, ein Geräuscht das ma[n] sein eigen Wort nicht verstehen kann alles Geschäft und Geld. Am 8
August hatten wir das du[m]e Glück beide zusammen placirt zu werden in einen sehr feinen
Privathause in Brooklyn. […]
Arbeit haben wir freilich etwas mehr, denn die Amerikaner leben sehr nobel, es wird hier dreimal am
Tag warm gegessen, dann haben wir sämtliche Wäsche im Hause, da es außer dem Hause so
furchtbar theuer ist, selbst Oberhemden und Manschetten müssen wir pletten. Verstehen muss man
hier alles, wir richten es uns aber ein, wie wir wollen. […] Die Familie ist außerordentlich freundlich,
es sind im ganzen 8 Personen Mr. Und Mrs. Moses, 3 erwachsene Bild hübsche Töchter und 3
schmuke Jungens. Die Lady selber spricht gebrochen Deutsch, wir können uns ganz gut mit ihr
verständigen. […] Du müsstest uns nur mal Englisch sprechen hören, wir rappeln alles nach, ob es
recht ist oder nicht, die Lady sagt manchmal Sie möchte gestorben sein, vor Lachen über uns.“ […]
Ich habe auf die Amerikaner nichts auszusetzen es sind sehr freundliche galante Menschen, nur die
Deutschen hier gefallen mir noch nicht so recht, sie thun alle sehr hoch t[ra]gen, als könnten sie kein
Deutsch mehr verstehen, sie thun als wenn sie nichts von ihrem Vaterland mehr wüßten[…]“
Johann Dumsch
(* 1858 in Neu-Altmannsdorf, 1882 mit seinem Bruder Heinrich ausgewandert, gest. 1948 in Rogers
City/Michigan)
Rosewill, 25.12.1882
Liebe Eltern und Geschwisters
Meinen letzten Brief sandte ich am 12. Dezbr. Worin ich schrieb daß ich noch keine Arbeit habe.
Doch 3 Tage später hatte ich schon welche, Am 14tn Dezbr. Ging ich u. der Heinrich von Detroit aus
aufs Land zu den Farmern wie wier 8 Meilen gegangen waren begegneten wier einem der frug mich
gleich ob ich arbeiten wollte, wer war froher wie ich, Er gab mir seine Adreße wo ich noch denselben
Tag hinging 10 Meilen von Detroit. […] Meine Herrin heißt Gerandy sie ist Wittfrau u. Französin […]
Hier in der Famielie wird französisch, englisch u. deutsch gesprochen, ich verstehe natürlich keine
andere wie die Muttersprache. Meine Arbeit ist Pferde putzen Rindvieh füttern. Holz hacken. Holz
fahren, kurz und gut. Alle Arbeit die in der Wirthschaft vorkommt. Was das Essen anbelangt, so ist
bei mir alle Tage besser wie Kirmiß, alle Tage 3.mal Fleisch. […] Liebe Eltern was ich hier schreibe ist
etwa kein Humbug sondern die Wahrheit. Liebe Eltern ich bin zwar hier der Knecht aber ich stehe
mich besser wie in Deutschland ein HandlungsCommis.“
Brief von Philippe Lépine, (*1856 in Gartz, ausgewandert 1884, arbeitete in D. als
Eisenbahner)
Marschall, den 4ten 1. 85
Lieber Bruder und Schwägerin!
[…] Ich will Euch nun etwas aus Amerika mittheilen, damit Ihr wißt wie es hier aussieht, Wenn die
Deutschen nach Amerika ziehen, dann heißt es jetzt gehts nach das schöne Land, aber wie teuscht
sich mancher, wenn er hier ankömmt; wer in eine Stadt bleibt, mit dem geht es noch, wenn er gleich
Arbeit bekömmt, und die bekommt jeder frische Einwanderer, denn die Nimmt ein jeder, die sind
noch zu dumm, die kennen die mode, und auch den Lohnpreiß nicht, das machen sich die
Amerikaner zu Nutze; Aber so wie hier wo ich bin ist es anders, hier ist keine Stadt, hier muß ein
jeder beim Farmer Arbeiten er muß sich beim Farmer Vermihten der Lohn ist pro Jahr 150 – 200
Dollar Ich habe mich noch nicht Vermitet, binn es auch nicht Willens, ich arbeite auf Tagelohn, im
Sommer habe ich 2 Monath gedint beim Farmer,
Aber das wollte mir nicht gefallen, mannmuß des Morgens früh und Abens spät arbeiten, und dann
auch noch Milchen, das gefällt mir nicht. […]
Lieber Bruder, wenn Du hier währest Du würdest Dich wundern, über einen Farm, die Ställe, Du hast
keinen Begriff davon; da graben sie 6 oder 8 Pfähle in die Erde, legen oben quer auch lange Bäume,
bringe oben Stroh hinauf und der Seiten mit Bretter beschlagen, (viele auch nicht) und der Stall ist
fertig ich wohne noch in eins der Besten Gegende es giebt viele, da lieg das Vieh Sommer und Winter
draußen, im Schutz der Strohhaufen (Strostork) Wohnhäuser sind etwas gut, aber einige sind so
schlecht das mich die Haut schaudert wenn ich hinein gehen soll, in der Stube hängen alte Jacht
Gewehre aus alten Zeiten (Mordgewehre sage ich immer) denn die Jacht ist so. Die Pferde sind auch
ein wenig wahrm untergebracht, 4 Bäume in die Erde, und bretter an den Seiten, und aufs Dach
Stroh im Winter wird alles mit Mist bepackt, denn es wird hier sehr kalt, 30 Grad hatten wir vor
Weihnachten. […]
Euch von der Fahrt zu schildern, halte ich nicht für nötig, es ging gut, aber auch sehr schlecht, denn
die Deutschen glauben doch nicht, wenn jemand die Wahrheit schreibt; Ich will Dir nun die
entfernung mittheilen von Europa bis Waterloo in Amerika Von Bremen bis Baltimore sind 5825
Seemeilen, und von dort bis Chikago 2528 Englische Meilen und von dort bis Waterloo noch 150
Meilen Ich werde wohl nicht hier bleiben, erst werde ich nach eine Stadt ziehen wo Fabricken oder
Sägemühlen sind, da ist mehr Geld zu verdienen. […]“
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