Neue Klimaprognose

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Neue Klimaprognose
Spiegel: 02.05.2008
Erderwärmung macht zehn Jahre Pause
Von Holger Dambeck
Weltweit steigen die Temperaturen - doch jetzt könnte erst einmal Schluss sein mit
den Hitzerekorden. Deutsche Forscher kommen in einer neuen Klimaprognose zu
einer überraschenden Erkenntnis: In den kommenden zehn Jahren wird das Wetter
wohl kühler als bislang gedacht.
Am Thermometer gibt es nur eine Richtung: nach oben. So lautete bisher das Mantra der
Klimaforscher. Die Realität schien das zu bestätigen - ein Temperaturrekord jagte in den
vergangenen Jahren den nächsten: Deutschland erlebte 2007 den wärmsten Winter seit
Beginn der Temperaturaufzeichnungen, das arktische Eis schmolz rasant. Bis zum Jahr
2100 muss sich die Menschheit auf einen globalen Anstieg von mindestens zwei Grad
einstellen, prognostizierte der Weltklimarat IPCC. Wenn der CO2-Ausstoß durch Autos
und Industrie nicht deutlich gedrosselt wird, drohen sogar weit größere
Temperatursprünge.
Doch ganz so einfach ist die Sache mit der Erderwärmung nicht - zumindest nicht in den
nächsten zehn Jahren. Wenn die Simulationen Kieler und Hamburger Forscher sich als
richtig herausstellen, könnte der Klimawandel erst mal eine kleine Pause einlegen,
schreiben der Kieler Forscher Mojib Latif und seine Kollegen im Wissenschaftsmagazin
"Nature" (Bd. 453, Seite 84-88). Mit Temperaturrekorden wäre dann Schluss - vorerst
jedenfalls.
"Das Klima bleibt in den nächsten Jahren gleich"
Die Wissenschaftler begründen ihre Prognose mit natürlichen Klimaschwankungen, die
den langfristigen Erwärmungstrend im kommenden Jahrzehnt wohl etwas abmildern
werden. Klimamodelle, die auch Ozeanströmungen berücksichtigten, ergaben einen um
etwa 0,2 Grad geringeren Temperaturanstieg als bei früheren, gröberen Simulationen
(siehe Fotostrecke oben).
Die Aussage, der Klimawandel könne erst mal für eine Weile ausfallen, birgt gewisse
Sprengkraft. Das sagt auch Mojib Latif, der ausdrücklich davor warnt, die Simulationen
falsch zu interpretieren: "Wir postulieren nicht, dass die vom Menschen verursachte
Klimaänderung nicht so schlimm ausfallen wird wie befürchtet." Der generell nach oben
weisende Trend werde nur von einer langperiodischen Schwingung überlagert, die in den
kommenden Jahren netto zu einem geringeren Temperaturanstieg führen könnte. "Das
Klima bleibt in den nächsten 10 bis 15 Jahren gleich", sagte Latif im Gespräch mit
SPIEGEL ONLINE. Danach werde die Erderwärmung wieder Fahrt aufnehmen, so wie
vom IPCC berechnet.
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Klimawandel: Änderungen in den 8 Weltregionen. Starten Sie hier die interaktive Grafik!
Einen äußeren Grund für das langfristig schwankende Klima,
etwa die Sonne, gibt es laut Latif nicht: "Das Klima der Erde
schwankt von sich aus, ohne dass man einen speziellen
Antrieb dafür braucht." Dass die Erde gerade in eine
Kühlphase eintritt, die rund zehn Jahre andauert, hatten vor
wenigen Tagen auch US-Forscher berichtet. Sie untersuchten
das Phänomen La Niña, die "Gegenspielerin" von El Niño.
Derzeit herrschen im Pazifik außergewöhnlich niedrige Wassertemperaturen - und das
könnte auch noch einige Jahre so bleiben. Wenn aber dann in 10, 15 Jahren eine neue
Warmphase beginnt, wird der Klimawandel nicht wie jetzt kaschiert, sondern verstärkt.
Die Forscher vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) und
dem Hamburger Max-Planck Institut für Meteorologie haben mit ihrem Modell auch
Schwankungen der Meeresströmungen berechnet, die eng mit langfristigen
Klimaschwankungen verknüpft sind. Zuverlässige Modelle dafür gab es bislang nicht. Latif
und seine Kollegen haben deshalb eine Methode entwickelt, mit der sie aus den
Oberflächentemperaturen der Ozeane die Meeresströmungen ableiten können. Dies habe
man schon erfolgreich bei der Jahreszeitenvorhersage, wie der Prognose von El Niño,
angewandt, sagt Noel Keenlyside vom IFM-Geomar. "Die Meerestemperaturen
beeinflussen die Winde und den Wärmeaustausch zwischen Ozean und Atmosphäre, und
beide Faktoren beeinflussen wiederum die Meeresströmungen."
Die thermohaline Zirkulation - wie Meeresforscher die globalen Förderbänder aus warmem
und kaltem Wasser nennen, die die Ozeane verbinden - spielen eine entscheidende Rolle
im globalen Klima. Irland und Großbritannien verdanken beispielsweise ihr
vergleichsweise mildes Wetter dem Golfstrom, der Teil der thermohalinen Zirkulation ist.
Temperaturen sinken um ein Zehntel Grad
Bei den Simulationen stützen sich die Forscher auf Meerestemperaturdaten aus den
vergangenen 50 Jahren. Sie modifizierten ihr Modell so lange, bis es die Entwicklung der
vergangenen Jahrzehnte gut reproduzieren konnte. "Wir haben gesehen, dass das für die
jüngste Vergangenheit ganz gut klappt", sagt Latif. "Weshalb sollte das nicht auch in den
nächsten zehn Jahren so sein?"
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Klimaschutz- Index 2008
Ein Ergebnis der Simulationen: Der Golfstrom schwächt sich leicht ab, wie der Kieler
Klimaexperte berichtet. Dies habe Auswirkungen auf unseren Kontinent. "Unser Modell
sagt voraus, dass in Mittel- und Nordeuropa die Temperaturen um ein Zehntel Grad
sinken."
Wie genau arbeitet das verfeinerte Klimamodell? Ob es 2012 weiße Weihnachten in
Norddeutschland gibt oder nicht, könne man nicht vorhersagen, erklärt Latif. Man könne
allerdings eine Tendenz angeben, "ob bestimmte Jahrzehnte eher überdurchschnittlich
warm oder kalt ausfallen, sofern nicht andere unvorhersehbare Effekte, wie zum Beispiel
Vulkanausbrüche, solche Prognosen zunichte machen".
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