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Dokument Nr. 21
Brief der Bezirksleitung Sachsen der KPD vom 5. Januar 1946 an
alle Kreisleitungen der KPD Sachsen
Zur Frage des Lehrernachwuchses
Genossen!
Die Tatsache, daß die Lehrerschaft in ihrer überwiegenden Mehrheit im faschistischen,
militaristischen und reaktionären Geiste erzogen und nazistisch organisiert war, zwingt
dazu, den Lehrkörper von Grund aus zu erneuern.
Für Sachsen allein werden noch 9.500 Neulehrer gebraucht, die sofort in
Lehrerbildungskursen ausgebildet werden. Daraus ergibt sich für unsere Partei eine
Aufgabe von ungeheurer politischer Bedeutung.
Die ungewöhnlich hohe politische Bedeutung, die der Erneuerung der Lehrkörper an
den deutschen Volksschulen zukommt, wird noch nicht überall genügend erkannt. Mit
der Erneuerung des Lehrkörpers steht und fällt die Sache der demokratischen
Erneuerung der deutschen Schule. Darüber hinaus darf nicht außer acht gelassen
werden, welch weittragende Bedeutung dem Einsatz eines kommunistischen Lehrers auf
dem Lande für die Entwicklung unserer Partei zukommt, daß die Verstärkung unseres
Lehrerkaders eine Stärkung unserer Parteiarbeit und unseres Parteieinflusses darstellt.
Die neue Lehrerschaft muß von echtem demokratischem Geist und einwandfreier
antifaschistischer Gesinnung und Haltung sein. Von entscheidender Bedeutung aber ist
es, in welcher Zahl die beiden Arbeiterparteien, vor allem wir Kommunisten, in der
Lehrerschaft vertreten sind. Im Hinblick auf die beschämende Tatsache, daß wir
Kommunisten noch immer außerordentlich schwach in der Lehrerschaft vertreten sind
und auch die in den letzten Monaten eingestellten Neulehrer fast durchweg uns fremd
und verständnislos gegenüberstehen, hat das Zentralkomitee folgenden Beschluß gefaßt:
„Die KPD Sachsen stellt sofort mindestens 1 500 Genossen und Genossinnen aus ihren
Reihen als Bewerber für die Ausbildung als Neulehrer.“
Die auf Euren Kreis entfallenden Zahlen erseht Ihr aus der beiliegenden Anlage Nr. 1.
Die für Euch angegebenen Zahlen sind Mindestzahlen! Es kommt jetzt darauf an, alles
daranzusetzen, um diese Aufgabe zu erfüllen! Verantwortlich für die Erreichung der
festgesetzten Bewerberzahlen sind die Kader- und Agitpropabteilungen der
Kreisleitungen, aber die gesamte Partei muß für die Werbung aktiviert werden. Über
den Erfolg der Werbung ist bis zum 12.1.1946 zu berichten. Die Agitprop-Funktionäre
haben diesen Bericht unbedingt am 12.1.1946 mit nach Döbeln zu bringen!
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Voraussetzungen für den Lehrerberuf:
1.
2.
3.
4.
5.
Unbedingte politische Zuverlässigkeit.
Einwandfreie charakterliche Haltung.
Freude an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Geistige Beweglichkeit und Wille zur Vertiefung der eigenen Bildung.
Der feste Entschluß, die Beschäftigung im Lehrerberuf nicht als eine
vorübergehende zu betrachten, sondern das Amt des Erziehers als Lebensberuf zu
ergreifen.
Besuch der höheren Schule, bzw. Abitur ist nicht erforderlich, Als vollwertiger
Ausgleich gilt die erworbene Reife durch erfolgreiches Selbststudium oder durch die
Bewährung in der Schule des Lebens, im Beruf, im politischen Kampf, in der Arbeit, im
Jugendausschuß oder im Frauenaktiv, vor allem auch durch die Erfahrungen im
illegalen Einsatz oder im Durchstehen der Leiden im Zuchthaus oder im
Konzentrationslager.
Es ist von einzelnen Bezirksschulräten behauptet worden, daß überdurchschnittliche
Begabung vorhanden sein müsse. Das ist falsch formuliert und schreckt viele geeignete
Kräfte ab. Für eine größere Zahl Jugendlicher aus den Kreisen der Werktätigen, die nur
Volksschulbildung haben, sollen Sonderkurse durchgeführt werden, so daß vorhandene
Bildungslücken ausgefüllt und die erforderlichen Kenntnisse für den Besuch eines
Lehrerbildungskurses erworben werden können.
Das Alter der Bewerber soll grundsätzlich zwischen 18 und 40 Jahren liegen.
Die Kurse sind unentgeltlich. Jeder Schüler und jede Schülerin erhält 20,-- RM
Taschengeld monatlich. Für die Hälfte der Teilnehmer wird ein Stipendium in der Höhe
von durchschnittlich 150,- RM gewährt. Es ist anzuregen, daß Patenschaften für die
Unterhaltskosten während der Ausbildung für Neulehrer, vor allem für Genossen und
Genossinnen mit Familie, von Betrieben oder Ortsgruppen übernommen werden. Die
Bezahlung der Neulehrer nach Beendigung des Kurses beträgt rund 250,- RM
monatlich.
Die Auswahl und Überprüfung der Neulehrer aus den Reihen der KPD hat durch die
Kaderabteilungen der Kreisleitungen in Zusammenwirken mit der Agitpropabteilung zu
erfolgen.
Gleichzeitig sollen alle Parteileitungen an die entsprechenden Leitungen der SPD
herantreten, damit diese eine gleiche Aktion durchführen. Nach Möglichkeit ist in den
Städten und Kreisen ein gemeinsamer Ausschuß aus KPD- und SPD-Genossen zu
bilden, der die Lehrerwerbung unter der antifaschistischen Bevölkerung und die
Auswahl der Kandidaten vornimmt. Nichtorganisierte Antifaschisten, die Ihr als
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geeignet vorschlagt, werdet Ihr weiter beobachten und für uns zu gewinnen suchen.
Auch die neugeworbenen Mitglieder in der Neulehrerschaft sollen besonders sorgfältig
in ihrer Entwicklung beobachtet und gefördert werden. Eine gute Zusammenarbeit mit
dem Jugendausschuß ist durchzuführen. Besonders ist auf die Jugendamnestie
hinzuweisen. Es heißt darin:
Jugendliche, die nach dem 1.1.1920 geboren sind, können amnestiert werden, d. h.
nicht, daß sie in jedem Falle Neulehrer werden können. In dieser Frage sind bereits von
den Volksbildungsämtern erhebliche Fehler gemacht worden. Die Parteileitungen haben
der Überprüfung der in Frage kommenden Jugendlichen besondere Aufmerksamkeit zu
schenken. Es gibt Jugendliche, die bereits politisch aufgeschlossen sind und ernsthaft
nach einem neuen Ideal und einer neuen Aufgabe suchen, sich in der Jugendarbeit oder
anderwärts bewährt haben. Nur solche Jugendliche dürfen als Amnestierte für den
Lehrerberuf vorgeschlagen werden. Ihrer weiteren politischen Entwicklung ist erhöhte
Aufmerksamkeit zu schenken.
In allen Fällen, wo Bewerber, die Euch geeignet erscheinen, von den
Volksbildungsämtern abgelehnt werden, schickt uns Lebenslauf und Fragebogen ein,
damit wir den Fall überprüfen können. Die Begründung, daß die Teilnehmerzahl der
Kurse erreicht sei, ist nicht ausschlaggebend, denn es werden oft noch ungeeignete,
indifferente Schüler vorhanden sein, die gegen gute Antifaschisten ausgetauscht werden
können. Sollte dies nicht der Fall sein, so schickt die Meldungen mit Fragebogen und
Lebenslauf an die BL, Stichwort „Schule und Erziehung“, damit wir sie den Schulen,
die noch Schüler brauchen, bzw. den später beginnenden zweimonatigen Kursen
zuweisen können. Über diese Maßnahmen hinaus werden die Parteileitungen
verpflichtet auf ihren Sitzungen laufend die Durchführung dieses Beschlusses,
Erreichung der festgesetzten Zahl an kommunistischen Neulehrern und die von den
Volksbildungsämtern getroffenen Maßnahmen zur Auswahl und Ausbildung der
Neulehrer, zu kontrollieren und die Parteimitglieder und Organisationen durch
entsprechende Anweisung zu ihrer Durchführung zu verpflichten.
Die Ausbildung der Neulehrer!
Nach dem Befehl 162 der SMA sind sofort in Sachsen 27 Lehrerbildungsstätten zur
Ausbildung von Neulehrern zu errichten. Es finden statt:
2-monatige Lehrgänge in Lehrerbildungsheimen (Internaten), in 4 Kreisen 8-monatige
Lehrgänge in Lehrerbildungsheimen, alle anderen Lehrgänge sind 8-monatig in
Externaten (in denen die Teilnehmer nicht wohnen).
In der beigefügten Anlage 2 (bezieht sich ebenfalls auf die Anlage des Briefes, G.R.)
habt Ihr eine Zusammenstellung der Orte, in denen diese Lehrerbildungsstätten eröffnet
werden, die Dauer der Kurse und die Zahl der festgesetzten Teilnehmer ist daraus zu
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ersehen. Es ist notwendig, daß sich die Kreisleitungen und die verantwortlichen
Funktionäre und Lehrergenossen sehr intensiv um ihre Lehrerbildungsstätten bemühen.
Unsere Parole heißt:
„In jeder Lehrerbildungsstätte muß der Einfluß unserer Partei gesichert sein.“
1. Die Zusammensetzung des Dozentenkörpers
In den Kreisen, in denen Lehrergenossen oder Schuldezernenten oder sonst geeignete,
qualifizierte Funktionäre vorhanden sind, muß erreicht werden, daß sie als Dozenten
eingesetzt werden.
Der Geschichtsunterricht darf nur von Genossen erteilt werden (vier Stunden
wöchentlich). Diese Genossen brauchen nicht Lehrer zu sein.
Die Vorlesungen „Die politische Aufgabe des Lehrers und politische
Gegenwartsprobleme“ (wöchentlich 1 Stunde) sollen möglichst auch von Genossen
erteilt werden, die ebenfalls auch nicht Lehrer sein brauchen.
Die Vorlesungen über „Pädagogik mit Einschluß der Elemente der pädagogischen
Lehren und der Schulpraxis in den hauptsächlichen Ländern der Welt“ sollen möglichst
von einem Lehrergenossen oder von einem SPD-Lehrer, der konsequenter Marxist ist,
erteilt werden, damit dieses Fach nicht im Sinne der idealistischen
Geschichtsauffassung, sondern auf der Grundlage des historischen Materialismus
gelehrt wird.
Wenn bei Euch Mangel an geeigneten Kräften für die genannten Unterrichtsgebiete
besteht und um zu erreichen, daß unser Einfluß auf die neue Lehrerschaft nicht nur in
der Lehrerbildungsstätte sondern auch in der Praxis in allen Schulen des Kreises auf die
amtierende Lehrerschaft gewährleistet wird, ist es unter Umständen nötig,
Lehrergenossen, stunden- oder tageweise als Dozenten in der Lehrerbildungsstätte, die
übrige Zeit für die politische Schulung der Lehrer und die Betreuung der im Amte
stehenden Neulehrer einzusetzen.
2. Die Zusammensetzung der Schülerschaft
Es muß erreicht werden, daß in jeden Kursus eine möglichst hohe Zahl von Genossen
und Genossinnen geschickt wird. Diese bilden ein politisches Aktiv.
3. Aufgaben und Arbeitsweise des politischen Aktivs
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Das politische Aktiv hat die Aufgabe, seine Mitglieder politisch zu schulen, die
politische Schulung der nichtorganisierten Schülerschaft zu fördern und in unserem
Sinne zu beeinflussen und eine intensive, individuelle Werbung für die Partei
durchzuführen.
Unsere Genossen sollen auch die SPD-Schüler veranlassen, ein politisches Aktiv zu
bilden.
Richtlinien für die Arbeit dieser politischen Aktive müssen sein:
Gute Zusammenarbeit zwischen SPD und KPD, mehr gemeinsame Schulungen und
Veranstaltungen als getrennte durchzuführen. Nur bei ehrlicher, brüderlicher
Zusammenarbeit werden diese beiden Aktive eine Anziehungskraft auf die bürgerlichen,
unentschlossenen, politisch indifferenten Schüler ausüben. Bei der Werbung neuer
Mitglieder darf kein Konkurrenzkampf beider Parteien um denselben Schüler auftreten.
Für die KPD kommen die fortschrittlichsten konsequentesten Schüler in Frage. Es muß
sehr individuell geworben werden. Der leiseste Anschein eines Organisationszwanges
muß vermieden werden, weil sich daraus erfahrungsgemäß eine hohe Mitgliederzahl für
die CDU und LDP ergibt. Wer sich bei unseren beiden Parteien organisiert, soll
überzeugt sein und da für die bürgerlichen Elemente der Schritt zu uns eine geistige
Umstellung bedeutet, muß die nötige Zeit für eine Klärung und Entscheidung vorhanden
sein. Es liegt im Interesse der Arbeiterklasse und der Zukunft des deutschen Volkes, daß
sich der größte Teil der Schülerschaft bei uns und bei der SPD organisiert.
Auch hier gilt der Satz:
„Der Kampf wird nicht ausgetragen zwischen SPD und KPD sondern zwischen der
Arbeiterklasse und der Reaktion.“
Mittel der politischen Schulung und Werbung sind:
Vortragsabende, Arbeitsgemeinschaften, politische
persönliche Diskussionen.
Frage-
und
Antwortspiele,
Besondere Beachtung muß den Externaten geschenkt werden, da dort die gute
Werbemöglichkeit, die durch gemeinsames Wohnen in den Internaten gegeben ist,
wegfällt und allermeist eine sehr hohe, schwer kontrollierbare Schülerzahl vorhanden
ist.
Um die Arbeit des politischen Aktivs zu unterstützen, wird die BL über die
Kreisleitungen die Lehrerbildungsstätten mit Rededispositionen, Broschüren und
Literatur beliefern. Die entstehenden Kosten werden die Kreisleitungen als
Patenschaften für die Lehrerbildungsstätten übernehmen.
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Das politische Aktiv wählt einen Obmann, der die Verbindung zur Kreisleitung aufrecht
zu halten hat, der Euch berichten wird, über den Stand der Mitgliederzahl der KPD und
der SPD in der Schülerschaft, ebenso die Mitgliederzahl der anderen Parteien und der
Unorganisierten. Aus seinem Bericht soll hervorgehen, wieviel davon männlich oder
weiblich sind. Er wird berichten über die Schulungsarbeit und Werbung und Euch
Themen für Vorträge mitteilen, die von den Schülern gewünscht werden, und zu denen
Ihr Referenten stellen werdet. Es wird sich auch empfehlen, aus anderen Kreisen oder
von der BL Referenten heranzuziehen.
Berichte:
Bis zum 12.1.1946 (abzuliefern durch die Agitprop-Leute in Döbeln) ist zu berichten:
1. Die Zahl der Dozenten in den Lehrerbildungsstätten, ihre Namen, Lehrer oder
Parteifunktionär, Unterrichtsfach, Parteizugehörigkeit.
2. Name und Parteizugehörigkeit des Leiters.
3. Zahl der Schüler, wieviel männlich, wieviel weiblich, wieviel Mitglieder der KPD,
SPD, LDP und CDU, wieviel der politisch organisierten der einzelnen Parteien sind
männlich, weiblich?
4. Diejenigen Kreise, die noch nicht die längst angeforderten Berichte über die in der
KPD und SPD organisierten Lehrer eingeschickt haben, haben dies unbedingt
nachzuholen.
Quelle: Gert Richter, Zu den Anfängen der sächsischen Neulehrerausbildung 1945/46
unter besonderer Berücksichtigung der Chemnitzer Neulehrerschule. Manuskriptdruck,
Karl-Marx-Stadt 1987, S. 49 - 55
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