Bassui Zenji
Enzan Wadei Gassui Shu
Den Menschen befreien
Gespräche eines Zen-Meisters
Zitate aus:
Bassui Zenji: Enzan Wadei Gassui Shu.
Den Menschen befreien.
Gespräche eines Zen-Meisters.
Angkor Verlag. Frankfurt 2001
Zitate ausgewählt von Sabine Müller. Bremen Juni 2014.
Manche Zitate wurden zur leichteren Lesbarkeit geringfügig
gekürzt. Überschriften, Hinweise und Seitenzahlen in
Klammern von S.M. eingefügt.
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Biographie
Bassui Tokusho wurde 1327 in Japan geboren.
Damals stand Japan gerade vor einem Bürgerkrieg, der fünfzig Jahre
dauern sollte. Als Bassui vier Jahre alt war, starb sein Vater. Mit
sieben Jahren fragte er: „Was ist dieses Ding, das man Seele nennt?“
Damit begann seine Suche nach der Wahrheit. Später stellte er sich
die Frage: „Wer ist derjenige, der sieht, hört und versteht?“ und
meditierte viele Jahre. Im Alter von zwanzig Jahren begab er sich in
die Obhut des Meisters Oko. Mit 29 Jahren wurde er Mönch. Roben,
Rituale und Rezitationen lehnte er ab und saß stattdessen bei Wind
und Wetter in Zazen. „Ich bin Mönch geworden, um die große
Angelegenheit von Leben und Tod zu verstehen und nicht, um
buddhistische Roben zu tragen.“ Gefragt, was er von Koan-Praxis
halte, sagte er: „Wie könnte ich die Worte anderer wertschätzen,
wenn ich nicht einmal meinen eigenen Geist kenne?“ Auf die Frage,
was seine religiöse Praxis sei, antwortete er: „Als Mönch will ich den
Ursprung des großen Dharma klären … Nachdem ich Erleuchtung
erlangt habe, will ich die Klugen wie die Dummen retten, indem ich
jeden gemäß seiner Fähigkeiten unterweise. Mein aufrichtiger
Wunsch ist, andere von ihren Schmerzen zu befreien, auch wenn ich
selbst dabei in die Hölle fahren müsste.“
Mit 31 Jahren geschah Bassui eine Erleuchtung. Ein Meister
bestätigte sein Erwachen. Von da an trug er Roben und pilgerte
durchs Land, um andere Lehrer aufzusuchen. Sein Wunsch nach
Zurückgezogenheit und die schnelle Bestätigung seines Erwachens
durch Meister Koho brachten ihm Neid und Missgunst anderer
Mönche ein. Koho Kakumyo war Dharma-Erbe von Shinchi Kakushin
(1227-1298), der die Koan-Sammlung Mumonkan von China nach
Japan gebracht hatte. Bassui stand der formalisierten Koan-Schulung
skeptisch gegenüber. Er bewunderte die Aufmerksamkeit, die die
Soto-Schule jedem Detail im Leben entgegenbrachte, doch deren
Neigung zur Idealisierung war ihm suspekt.
Bassui lernte von vielen Lehrern, unabhängig von ihrer SchulenZugehörigkeit. 1380 begab er sich in eine Einsiedelei und blieb dort
bis zu seinem Lebensende. Zuvor war er an keinem Ort länger als drei
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Jahre geblieben. Er lehrte dort eine wachsende Zahl von Anhängern.
Das Enzan Wadei Gassui Shu wurde dort verfasst und 1386 mit
Bassuis Erlaubnis, aber ohne sein Drängen, veröffentlicht.
Wadei Gassui heißt Sumpf und Wasser und ist ein geflügeltes Wort
für upaya, hilfreiche Mittel, je nach Gegebenheiten und Menschen.
Enzan ist die Ortsbezeichnung. Shu bedeutet Schriften. Das Enzan
Wadei Gassui Shu besteht aus Gesprächen von Bassui mit seinen
Schülerinnen und Schülern – Nonnen, Mönche, und Laien.
In seinen letzten Lebensjahren verehrte Bassui zunehmend Kannon,
den (die) Bodhisattva des Mitgefühls. Am zwanzigsten Tag des
siebten Monats im Jahre 1387 setzte er sich aufrecht in ZazenHaltung und sagte zu seinen Schülern: „Schaut hierher! Was ist das?
Betrachtet es auf diese Weise und ihr werdet nicht getäuscht.“ Dann
wiederholte er dies laut und verschied.
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Bassui Zenji.
Den Menschen befreien. Enzan Wadei Gassui Shu.
Zitate.
Vollständig und vollkommen
Ein Laienschüler (genannt Koji) fragte Bassui: Obwohl es heißt, Zen
würde außerhalb der Schriften und nicht durch Worte übermittelt,
gibt es im Zen viel mehr Mönche, die ihre Lehrer über den Weg
befragen, als in anderen buddhistischen Schulen. Wie kann man da
behaupten, Zen sei außerhalb der Schriften? … Was ist also die wahre
Bedeutung von: Außerhalb der Schriften, nicht durch Worte?.
Meister Bassui rief ihn: Koji!
Dieser antwortete sogleich: Ja?
Der Meister fragte: „Aus welcher Lehre stammt dieses Ja?
Der Laie verneigte sich. (9)
*
Wenn du dich entscheidest, hierher zu kommen, dann tust du das
selbst. Wenn du eine Frage stellen willst, tust du das selbst. Du bist
von niemand anderem abhängig, auch nicht von den Lehren
Buddhas. Dieser Geist, der das Selbst leitet, ist die Essenz der
Überlieferung außerhalb der Schriften, nicht durch Worte. (9)
*
Wer durchdringend sein eigenes Selbst betrachtet, sich nicht von
Worten verführen lässt und nicht von den Lehren der Buddhas und
Patriarchen befleckt wird, kann zum ersten Mal den wahren Weg
erreichen, und zwar dann, wenn er die einzige Straße zur Erleuchtung
hinter sich und keine Schlauheit zu seinem Stolperstein werden lässt.
(9)
*
Von Anbeginn ist jeder vollständig und vollkommen. Buddhas und
gewöhnliche Menschen sind gleichermaßen ursprünglich der
5
Tathagata. Die Bein- und Armbewegung eines Neugeborenen ist das
Ergebnis seiner angeborenen Natur. Der fliegende Vogel, der
rennende Feldhase, die aufgehende Sonne, der untergehende Mond,
der wehende Wind, die dahin ziehenden Wolken – alle Dinge, die sich
wandeln und verändern, tun das aufgrund der Drehung des
Dharmarades ihrer eigenen wahren Natur. (9/10)
*
Dank der Drehung meines Dharmarades kann ich dir das jetzt sagen,
und du kannst mir dank deiner glänzenden Buddha-Natur zuhören.
(10)
*
Wenn du … nicht dort aufhörst, wo Übung und Erleuchtung ihre
Spuren hinterlassen, wirst du ein Zen-Mensch genannt. (10)
Es gibt kein anderes Dharma
Wer das Dharma versteht, soll verehrt werden. Er ist der Meister der
anderen, der sie gemäß ihrer Entwicklung unmittelbar auf ihren
eigenen Geist hinweist. (11)
*
Es gibt diejenigen, die ein Wort vom Lehrer vernehmen und große
Erleuchtung erfahren, bei der sie Körper und Leben verlieren. Andere
lösen ihre Zweifel nach drei bis fünf Tagen auf, andere erst nach drei
oder fünf oder gar erst nach zehn oder zwanzig Jahren. Wir nennen
diese Phase des Zweifels das Ringen mit dem eigenen Koan. (12)
*
Der Unterschied zwischen Zen und den lehrenden Schulen ist wie der
Unterschied zwischen einem, der von einem Pfeil getroffen wird und
sofort stirbt und einem, der daneben steht, das Ganze beobachtet
und dies und das über den Menschen, der stirbt, von sich gibt.
Derjenige, der unmittelbar in seine Natur schaut, ist der Zen-Mensch.
Wer darüber redet, kommt aus einer lehrenden Schule. Es ist der
Unterschied zwischen einem, der vom Feuer weiß und einem
anderen, der direkt hineinspringt, die Wurzeln seines Lebens und
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seines menschlichen Verständnisses abschneidet und eins mit dem
Feuer wird. (12)
*
Drei Meter Erklärungen reichen nicht an dreißig Zentimeter
Erkenntnis heran. (12)
*
Schauen der eigenen Natur (bedeutet) Buddhaschaft. Das allein ist
die Übermittlung des Geist-Siegels. Es gibt kein anderes Dharma. (13)
Die Paramitas aus Buddha-Natur-Perspektive
Die Sechs Vollkommenheiten, die Buddha praktizierte, sind das
rechte Dharma des Erkennens der eigenen Buddha-Natur.
Das wahre Licht der eigenen ursprünglichen Natur bringt
zehntausend wertvolle Eigenschaften zum Leuchten und verteilt sich
gleichmäßig in alle Richtungen gemäß den Bedürfnissen der
Menschen. Dies wird Geben genannt.
Die Buddha-Natur ist von Anbeginn rein und der Meister der sechs
Sinnesorgane, doch nicht von den sechs Wahrnehmungen getrübt.
Geist und Körper eines Menschen, der das erkennt, werden sich auf
natürliche Weise im Einklang befinden. Er wird sich keine besondere
Mühe geben, wie einer zu erscheinen, der die Vorschriften einhält,
noch wird er üble Gedanken hegen. Dies wird Befolgen der Gebote
genannt.
Da die Beständigkeit der Geduld keinen Unterschied zwischen Selbst
und Anderen macht, wird jemand, der sich im Einklang mit ihr
befindet, weder Wut infolge von Tadel noch Freude infolge von Lob
empfinden. Dies wird Geduld genannt.
Die Buddha-Natur … vollendet jedes Verdienst, entwickelt Myriaden
von Dharmas und erstreckt sich grenzenlos in die Zukunft. Dies wird
Bemühen genannt.
Die Buddha-Natur ist unwandelbar und unabhängig von allen
Phänomenen, sie steht jenseits von Sekten und Regeln, unterscheidet
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nicht zwischen Heiligen und gewöhnlichen Menschen und wird nicht
durch Worte beschränkt und nicht durch Werte wie Gut und
Schlecht verfärbt. Dies wird Meditation genannt.
Die Buddha-Natur ist klar und erleuchtet zehntausend menschliche
Qualitäten, stellt die Augen von Heiligen und gewöhnlichen
Menschen gleichzeitig dar und erleuchtet die Welt wie Sonne und
Mond. Sie ist das Licht, das Vergangenheit und Gegenwart
durchflutet – die grenzenlose Wahrheit reinen Lichtes. Dies wird
Weisheit genannt.
Das Wunder unserer wahren Natur ist ihre Unbegrenztheit. Sie ist
wie der weite Ozean mit seinen großen und kleinen Wellen. Die sechs
wundervollen Wahrnehmungen, die in dieser ursprünglichen Natur
enthalten sind, werden die Sechs Vollkommenheiten Buddhas
genannt. (13/14)
Ein Wunder
Buddha-Natur ist von Anbeginn der Meister der sechs Sinnesorgane.
(15)
*
Dieses unbegrenzte Licht scheint aus sich selbst heraus für alle. Es ist
Nicht-Heit. Es ist ein Wunder, es ist still, es erleuchtet. (15)
*
Obwohl die Formen erkannt werden können, wird man nicht von
ihnen irregeführt. (15)
*
Weil Weisheit deine ursprüngliche, angeborene Natur darstellt, ist sie
jenseits von Täuschung und Erleuchtung. (16)
*
Manchmal bist du von zuhause weg, doch nicht auf dem Weg,
manchmal bist du auf dem Weg, doch nicht weit von deinem Zuhause
entfernt. (18)
*
8
Wir befinden uns ursprünglich alle im Besitz dieser übernatürlichen
Kraft. Wenn du sie verstehen willst, beende einfach deine Tätigkeit
und schaue nach innen. Du wirst diese Kraft erkennen, wenn du
deine eigene Natur durchdringst. Alle sind mit dieser ursprünglichen
Natur ausgestattet und jeder ist vollkommen. Diese Natur ist der
Meister des Sehens, Hörens und Erkennens. (18)
*
Der Fragende: Ist … Fasten ein Weg zur Buddhaschaft?
Bassui: Fasten bedeutet nicht, sich des formellen Essens von Nahrung
zu enthalten. Es heißt, sich nicht länger von den Wurzeln der Illusion
zu ernähren. Fasten bedeutet, die eigene Natur zu schauen. (22)
Die ethischen Regeln aus Buddha-Natur-Perspektive
Ein Mensch, der seine eigene Natur noch nicht geschaut hat, versinkt
im Ozean der Leidenschaft und der Unterscheidung und tötet seinen
eigenen Buddha-Geist. Dies ist mit Töten gemeint. Es ist der
schlimmste aller Morde.
Wenn täuschende Gedanken aufkommen, verletzt du den DharmaSchatz und zerstörst sein Verdienst. Das ist mit Stehlen gemeint.
Wenn du täuschende Gedanken zulässt, trennst du dich von den
Samen der Buddhaschaft und führst das Leben, den Tod und die
Wiedergeburt fort, die karmische Aktivitäten erzeugen. Das ist mit
sexuellem Betrug gemeint.
Wenn du von täuschenden Gedanken geblendet wirst, vergisst du
deinen kostbaren Dharma-Körper und nennst stattdessen jene
Illusionen, die das einzige sind, was du siehst, deinen Körper. Das ist
mit Lügen gemeint.
Von täuschenden Gedanken isoliert, verlierst du die Sicht deiner
innewohnenden Weisheit und wirst rasend. Dies ist mit
Berauschtsein gemeint.
Wenn dein Geist getäuscht ist, brichst du alle Gebote. Wenn du in
deine eigene Natur schaust, hältst du alle Gebote vollständig ein. (23)
9
Was ist das, was ständig handelt?
Willst du deine Natur klären, musst du mit ganzem Herzen die Kraft
der Meditation anwenden. (24)
*
So sicher, wie Wasser sich mit Wasser vermischt, wird jemand, der
nach außen die Gebote einhält und nach innen seine wahre Natur
sucht, den Buddha-Weg erreichen. (26)
*
Ein Fragender fragt nach dem Wirken von Jizo Bodhisattva.
Bassui: Warum fragst du … nicht den Bodhisattva Jizo?
Der Fragende: Ich habe nur seinen Namen gehört und seine Statue
gesehen, doch nie seinen wahren Körper. Wie könnte ich ihn fragen?
Bassui: Wenn er dir die große Angelegenheit von Leben und Tod jetzt
nicht erklären kann, ist er nicht der richtige Lehrer für die heutige
Welt. (26)
*
Sind Worte und Gedanken erschöpft, gibt es keinen Ort mehr, der
nicht durchdrungen werden könnte. Gewöhnliche Menschen hegen
analytische Gedanken. Wenn du deine ursprüngliche Natur gründlich
durchdringst, werden solche Gedanken unter Kontrolle kommen und
deine Natur wird rein sein. Es gibt weder Buddhas noch gewöhnliche
Menschen innerhalb des Bereiches dieser reinen Natur. Deine eigene
Natur ist wahrlich ein ständiger Teil von dir, sie bleibt in alle Ewigkeit
unwandelbar. (28)
*
Was ist das also nun, was ständig handelt? Wenn du das wirklich
verstehst, wirst du sofort zu Jizo Bodhisattva (oder Tara). (28)
*
Ihr solltet erkennen, dass alle Namen der Bodhisattvas nur
verschiedene Namen für die Natur des Geistes sind. (28)
10
Als würde der Himmel den Himmel erkennen
Wenn du wirklich deinen eigenen Geist erkennst, wirst du zum ersten
Mal erkennen, dass die Predigten aller Buddhas nichts weiter als
Metaphern sind, die auf den Geist gewöhnlicher Menschen
verweisen. (29)
*
Ohne Wasser gibt es kein Eis und keinen Schnee. Die Buddhaschaft
gewöhnlicher Menschen kann mit Schnee und Eis verglichen werden,
die zu Wasser schmelzen. Von Anbeginn ging nichts verloren. (30)
*
Welcher gewöhnliche Mensch hätte keine karmische Affinität zum
Weg? … Wenn jemand behauptet, er habe keine karmische Neigung
zum rechten Dharma und wenn er zuerst einmal eine Methode üben
will, die diese karmische Verbindung herstellen soll, ist das wie mit
einer Welle im Ozean, die den Ozean sucht und behauptet, sie habe
keine karmische Verbindung mit ihm und müsste erst einmal eine
Methode finden, diese herzustellen. (30)
*
Buddhas und gewöhnliche Menschen sind wie Wasser und seine
Wellen. Obwohl sie nicht einmal durch eine Haaresbreite von Buddha
getrennt sind, halten die Menschen Erleuchtung für schwer
erreichbar, weil sie einen falschen Gedanken hegen, der lautet: „Ich
bin gewöhnlich.“ (30/31)
*
Der Weg des Zen begann ohne die Gründung irgendeiner Sekte. Zen
ist einfach eine Religion, die auf den ursprünglichen Geist aller
Buddhas und gewöhnlichen Menschen verweist. Dieser Geist ist
nichts anderes als Buddha-Natur. Diese Natur zu schauen ist das, was
man mit religiöser Übung meint. (31)
*
11
Wenn du deine Buddha-Natur erkennst, werden falsche Bindungen
sofort verschwinden und Worte keine Bedeutung mehr besitzen. …
Zen zu erlangen bedeutet, ein Buddha zu werden. Dieser wahre
Buddha ist nichts anderes als das Herz aller Wesen, der Meister des
Sehens, Hörens und Erkennens. … Für wen ist das leicht zu
verwirklichen? Für wen schwer? (31)
*
Der Buddha-Weg dient dem Zweck, die wichtige Angelegenheit von
Ursache und Wirkung zu erkennen. (32)
*
Die karmische Verbindung, die die Menschen zum Buddha-Weg
haben, ist viel enger als die zu irgendwelchen Individuen. (32)
*
Kann jemand ohne karmische Verbindung zu seinem eigenen Geist
sein? Den Buddha-Geist mit dem eigenen Geist zu erkennen, ist als
würde der Himmel den Himmel erkennen. (32)
Wahre Lehrer
Der wahre Lehrer ist derjenige, der seine eigene Natur erkannt hat.
Der falsche ist der, der predigt, ohne seine eigene Natur geschaut zu
haben. (33)
*
Der zwanzigste Patriarch sagte: „Weder folge ich dem Weg noch
weiche ich von ihm ab. Ich empfinde weder Verehrung noch
Verachtung für den Buddha. Ich verbringe meine Stunden weder in
Meditation noch in Müßiggang. Ich esse weder nur eine Mahlzeit am
Tag noch verlange ich nach mehr. Ich begehre nichts. Das nenne ich
den Weg.“ (34)
*
Ein guter Lehrer ist einer, der Verständnis und Übung in sich vereint
und keinen fortdauernden Täuschungen anhängt. (34)
*
12
Worum geht es denn? Dass man die fortdauernden Täuschungen von
Gut und Schlecht, Falsch und Richtig auslöscht. (35)
*
Wenn du dir der Natur des spirituellen Erwachens in deinen
Handlungen und Bewegungen bewusst bist, wirst du den Geist
Buddhas erlangen. (35)
*
Auch wenn es nur ein Dharma gibt, existieren flache und tiefe Satori.
(36)
*
Ein großer Meister (eine große Meisterin) hat Körper und Geist in
Einklang gebracht, Meditation und Gebote gleichermaßen
verstanden, Geist und Dharma vergessen und den wahren BuddhaWeg erreicht; er wird weder durch Lob noch durch Tadel bewegt und
kennt keinen Stolz, egal wie zahlreich seine Anhänger sein mögen.
Um einen solchen Lehrer zu finden, sollte man alles riskieren, sogar
sein Leben. (36)
Der wahre Körper
Wenn du deine eigene Natur erkennst und täuschende Gefühle
durchleuchtest und zerstörst, sind dein Körper und deine SelbstNatur nicht länger zwei: Knochen und Schrein werden eins. (37)
*
Der Wahre Körper ist Selbstnatur. (37)
*
Wenn du das Licht nur einmal nach innen richtest, um dich selbst zu
bespiegeln, und dir der heiligen Knochen deiner eigenen Natur
bewusst wirst, dann wirst du noch in diesem Körper ein Buddha
werden. Dies nennt man das Umarmen der heiligen Knochen und
Buddha-Werden. (37)
13
Wer ist es, der versteht?
Wer ist es, der versteht? (38)
*
Amida Buddha bedeutet die Buddha-Natur gewöhnlicher Menschen.
(42)
*
Kannon Bodhisattva (…) und andere Heilige sind die wundervolle
Aktivität der eigenen Selbst-Natur. (42)
*
Wenn wir nicht einmal unseren eigenen Geist kennen, können wir
auch nicht den Weisheitskörper Buddhas kennen. Wenn wir den
Wahrheitskörper Buddhas nicht kennen, werden Dämonen in der
Form von Buddhas und Bodhisattvas erscheinen. … Wenn du diesen
Irrtum vermeiden willst, musst du einen, zwei oder sieben Tage lang
die zehntausend Dharmas fahren lassen und die verschiedenen
Bindungen aufgeben. Dann wird dein Geist zum Ungestörten Einen
Geist. Geschieht dies, verschwinden plötzlich täuschende Gedanken
und der ursprünglich erwachte Geist, der Buddha-Geist taucht auf.
Nur dann wirst du dir bewusst, dass die beiden Schriftzeichen nen
und butsu einfach den Geist Buddhas bedeuten. (43)
*
Dieser Geist sieht Formen als Antwort auf die Augen, hört Stimmen
als Antwort auf die Ohren und spricht durch den Mund. (43)
*
Dieser Geist, der ursprünglich die drei Welten von Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft durchquert und die zehn Richtungen
durchdringt, ist die Essenz aller Buddhas und gewöhnlichen
Menschen. (43/44)
*
Wo könnte kein Buddha-Land sein, füllt der Buddha-Körper doch
bereits die Dharma-Welten aus? Genauso füllt er die Körper aller
gewöhnlichen Menschen aus. (44)
14
*
Er ist weder Buddha noch gewöhnliches Wesen. Er wird nicht von
Namen und Formen der zahlreichen Dharmas begrenzt. (44)
Genau so wie du bist
Der (die) Bodhisattva erwacht zum reinen, unbefleckten Geist und
nimmt die Dinge weder so wahr, als hätten sie innewohnende
Eigenschaften, noch als hätten sie keine. (44)
*
Wenn jemand wirklich den Ursprung seines eigenen Geistes
entdeckt, wird er das Haften am phänomenalen Dasein hinter sich
lassen und seine eigene Buddha-Natur wird erstehen. (45)
*
Wenn du wahrhaft erwachst, wirst du erkennen, dass die DharmaReden … einfach nur Köderhaken darstellen, um gewöhnliche
Menschen zu fangen, die im Ozean des Leidens versinken. (45)
*
Auch wenn es im Buddha-Dharma selbst keine Flachheit und keine
Tiefe gibt, erfahren diejenigen, die zum Weg erwachen, gemäß ihrer
Anlagen plötzliche oder allmähliche Erkenntnis. (46)
*
Wenn dein Geist ungetrübt ist, dann bist du genau so, wie du bist,
Buddha. (47)
Schau!
Halte einfach die Gedanken an, die den Geist anderswo suchen,
kehre zu dir selbst zurück und schaue direkt hin. So wirst du den
Tathagata erkennen. Schau, schau! Wer ist der Meister, der in diesem
Augenblick sieht und hört? (47)
*
15
Erleuchtung ist die angeborene Natur des Menschen. Diese Natur ist
Buddha. Buddha ist der Weg. Der Weg ist Weisheit. Jeder besitzt
diese Weisheit. … Sie ist die natürliche Schönheit des wahren
Grundes und des ursprünglichen Gesichtes aller Buddhas und
gewöhnlichen Menschen. (47)
*
Wer seine eigene Natur schaut, erweckt die große Weisheit, für die
es keinen Lehrer gibt. (48)
Wissen und Nichtwissen
Du solltest erkennen, dass das Erwachen zum Weg nur von der
eigenen Anstrengung abhängt und nicht davon, wie gebildet jemand
ist. Ist das strebsame Herz eng, wird der Mangel an Wissen zu einem
Hindernis für den Ungebildeten und Wissen zu einem Hindernis für
den Gebildeten. (50)
*
Ist das strebsame Herz hingegen weit, wird für den Gebildeten sein
Wissen zur Grundlage seines Verständnisses des Weges und für den
Ungebildeten wird der Mangel an Wissen zur Grundlage seines
Verständnisses des Weges. (50)
*
Der Weg ist keine Angelegenheit von Wissen und Nicht-Wissen. Wirf
einfach alles fort, kehre zu dir selbst zurück und schaue in dich hinein.
Wer ist das? (50)
*
Buddha-Natur ist die Grundlage der Intelligenz. Wenn die Intelligenz
benutzt wird, um ihre eigene Grundlage zu erforschen, verliert diese
Intelligenz sich selbst und kehrt zur Buddha-Natur zurück. (51)
*
Wenn du das Licht nach innen wendest und über dich selbst
reflektierst, wird dein analytischer Geist in die Leere zurückkehren.
(51)
16
Täuschung
Der Fragende: Auch wenn klar ist, dass alle Phänomene Täuschung
sind, bin ich nicht in der Lage, den Glauben an die Existenz der
Phänomene aufzugeben. Ist dies das Ergebnis von bleibenden
Angewohnheiten meines Geistes?
Bassui: Du bist nicht in der Lage, die bleibenden Angewohnheiten
abzulegen, weil du nicht deine eigene Natur schaust. Wenn du diese
Wahrheit des Schauens der eigenen Natur klar durchdringst, die
große prajna-Weisheit erweckst und erkennst, dass alle Namen und
Formen Illusion sind, wirst du niemals mehr Gefühle des Anhaftens
ans Dasein oder an die Leere empfinden. (53)
*
Wenn du allerdings – ohne deine eigene Natur geschaut zu haben –
versuchst, bleibende Angewohnheiten zu beseitigen, die dem
Anhaften an der Form entspringen, bist du wie einer, der im
Tiefschlaf versucht, einen Traum loszuwerden. Der Wunsch, sich
davon zu befreien, ist selbst ein Traum. (53)
Gewöhnlich und heilig
Gemälde und Skulpturen Buddhas sind alle das Ergebnis des
menschlichen Geistes. Hölzerne Buddhas haben nie Menschen
erschaffen. Du musst erkennen, dass der Geist die Mutter und der
Vater aller Buddhas ist, der Meister der zehntausend Dinge. (54)
*
Obwohl der Geist gewöhnlicher Menschen klar und eins mit den
Buddhas und Patriarchen ist, glaubst du nicht daran und versäumst
es so, dich von dem Geist zu trennen, der an der Form haftet. (54)
*
Wenn du alle Gefühle des Anhaftens beseitigen und den Weg der
Befreiung erlangen willst, solltest du dich weder an äußere Dinge
hängen und sie auch nicht als „gewöhnlich“ oder „heilig“ begreifen,
17
noch dich nach innen wenden und ein Zentrum bilden (wtl. ein Gefühl
für ein „Ich“). (55)
*
Stattdessen solltest du sorgfältig und direkt in deine innere Natur
blicken. (55)
Das wortlose Sutra
Du solltest erkennen, dass selbst Tausend Jahre langes Sutralesen
nicht dem Augenblick ähnelt, deine eigene Natur zu schauen. (55)
*
Du musst erkennen, dass alle Lehren der Sutren das
Inhaltsverzeichnis für das Dharma des Geistes darstellen. Dieses
Inhaltsverzeichnis dient dem Zweck, zu zeigen, wie wichtig dieser
Dharma-Schatz ist. (55)
*
Ein befreiter Mensch wird nicht immerzu Formeln aus den Sutren
rezitieren und womöglich auch keine Gedächtniszeremonien
durchführen. Doch alle, die mit ihm in Kontakt kommen, werden
letzten Endes an die Lehre der Befreiung glauben. (57)
*
Rinzai sagte: Die Buddhas und Patriarchen sind Menschen, die nach
nichts suchen. (58)
*
Es gibt auch diejenigen, die den Weg erkannt haben, nachdem sie die
Worte der Buddhas und Patriarchen vernommen hatten. Doch dies
geschah in einem Augenblick, in dem ihr starkes Bedürfnis danach,
die eigene Natur zu schauen, reif war … (59)
*
Wenn die Zeit aufgrund intensiver Anstrengung reif ist, dann kann
Erleuchtung nicht nur vom Hören der Sutren und Kommentare
herrühren, sondern auch vom Hören eines Steines, der auf einen
18
Bambus trifft, vom Erblicken der Blüten eines Pflaumenbaumes oder
davon, sich den Fuß an einem Stein verletzt zu haben. (59)
*
Das wundervolle Dharma des eigenen Geistes verändert sich über die
aufeinander folgenden Äonen nicht. Es ist die Essenz aller Sutren.
Wenn du diese Essenz verstehen willst, solltest du wissen, dass die
Stimmen von Fröschen und Würmern und das Geräusch von Wind
und Regentropfen die wundervolle Sprache des Dharma sprechen
und dass fliegende Vögel, schwimmende Fische, dahin ziehende
Wolken und fließende Ströme allesamt das Dharma-Rad drehen. (60)
*
Erblickst du das wortlose Sutra nur ein einziges Mal, manifestieren
sich die Sutren aller Himmel mit ihren goldenen Worten. (60)
Gebäre den Geist, der keine Wohnstätte hat
Wenn du deine eigene Antwort findest, ist das der Ton der
Regentropfen. Was machst du daraus? (61)
*
Finde – genau so, wie du bist – dies heraus: Wer ist in diesem
Moment der Meister, der sieht und hört (die Meisterin, die sieht und
hört)? (61)
*
Wenn gewöhnliche Menschen einen wahren Diskurs vernehmen,
entstehen aufgrund ihrer Unwissenheit tausend Variationen und
zehntausend Unterscheidungen. … Nach dem Klären deiner wahren
Natur kehren alle Worte zum Selbst zurück wie Tausende Wellen, die
in den Ozean zurückfließen. (62)
*
Diejenigen, die Buddha und Dharma außerhalb ihres Geistes suchen,
sind alle Kinder reicher Männer (und Frauen), die vergessen haben,
wo ihr Zuhause ist. (62)
*
19
Wenn du zum einmaligen und wundervollen Dharma deiner wahren
Natur erwachst, ist das, als wäre ein verlorenes Kind nach Hause
zurückgekehrt. (62)
*
Wenn ihr nach Hause zurückkehren wollt, erweckt einfach eure
wahre Natur. Diese Geist-Natur ist die ursprüngliche Quelle aller
Buddhas. Sie ist der Name aller Sutren. (62/63)
*
Die Lehren der Sutren sind Finger, die zum Mond zeigen. Siehst du
den Mond selbst, dann erkennst du, dass es keinen Mond gibt, auf
den man zeigen könnte. (63)
*
Es gibt weder Buddha noch Dharma außerhalb des Einen Geistes, der
allen Menschen innewohnt. (63)
*
Ohne Erleuchtung hält ein Mensch an Name und Form fest; er lobt
sich selbst und nennt sein Dharma das Eine Dharma. Er behauptet,
dass bestimmte Lehren verehrt werden müssen, während die
anderen als minderwertig gelten. Da er das Eine für den Ursprung
hält und seine Gedanken damit in Einklang bringen muss, teilt er das
Eine in zwei. (64)
*
Dharma ist nach innen gerichtete Erkenntnis. Nicht-Dharma besteht
aus formellen Aspekten wie Name und Form, Schriften und
Aussprüchen und so weiter. (65)
*
Das (Diamant) Sutra sagt: Gebäre den Geist, der keine Wohnstätte
hat. (65)
20
Zurückkehren zu deinem wahren Gesicht
Willst du das Buddha-Dharma erkennen, musst du zuerst die
Gedanken dessen loswerden, der am Buddha-Dharma haftet und
unverzüglich zu deinem wahren Gesicht zurückkehren. (65)
*
Dieses ursprüngliche Gesicht war da, bevor Buddha in der Welt
auftauchte, vor dem Erscheinen des Einen Dharma, vor deiner
eigenen Geburt, als es noch nichts gab, was mit Geist oder Natur
hätte benannt werden müssen. Nur um es anschaulich zu machen,
geben wir diesem Ursprung einen Namen … (65)
*
Dein Geist setzt sich universell und unbegrenzt ein. Er sieht Farben
mit den Augen, hört Stimmen mit den Ohren, riecht Düfte mit der
Nase, führt Diskussionen mit dem Mund, rennt mit den Füssen. Alle
Buddhas und gewöhnlichen Menschen besitzen diese gesegnete
Kraft. (66)
*
Wenn du deine eigene Natur schaust, wirst du Gedanken und
Vorstellungen vergessen und das Karma der Unwissenheit in den
großen Ozean der Befreiung verwandeln. Darum sagt das (Lotos)
Sutra: Wenn du in eine Feuergrube geworfen wirst, wird diese sich in
Erde verwandeln, solange du nur deinen Geist auf die Kraft Kannons
(Taras) ausrichtest. (66)
Diese Welt aus Frieden und Intimität
Der Fragende: Wenn du sagst, dass alle Buddhas und Patriarchen den
Geist jenseits von Namen, Formen und Worten übertragen haben, ist
dann nicht „Geist“ auch ein Wort? Wo kann ich den Geist suchen, der
jenseits von Worten ist?
Bassui: Verehrter Mönch!
Als dieser antwortete, sagte Bassui: Was ist das, was antwortet? (68)
*
21
Fragender: Wenn jeder mit diesem Geist ausgestattet ist, der keinen
Unterschied zwischen Buddhas und gewöhnlichen Menschen macht,
dann sollte auch Mahakasyapa ihn besitzen. Warum heißt es dann,
der Weltgeehrte hätte diesen Geist an ihn übermittelt?
Bassui: … Würden wir uns nicht auf die Bestätigung durch einen
Lehrer verlassen, gäbe es diejenigen, die ohne Erwachen ein solches
für sich in Anspruch nähmen und diejenigen, die ohne Bestätigung
behaupten, sie hätten eine solche erhalten. (68)
*
Ein Mönch sagte: Ich war bereits in der Lage, über Leere zu
meditieren.
Bassui: Sag mir, wie du das machst.
Der Mönch: Während der Meditation habe ich vollständige Kontrolle
über zerstreute Gedanken, und Geist und Körper werden eins wie der
klare Himmel. Dann habe ich keinen Zweifel mehr, dass Körper und
Geist ursprünglich leer sind.
Bassui: Das ist keine Meditation über Leere. Es ist bloß der erste Blick
auf die Leere, wie er von allen Schülern des Weges angeregt wird.
Wenn diese Schüler dann aber keinen guten Lehrer treffen, werden
sie das Gesetz von Ursache und Wirkung ignorieren … Beim
Meditieren über Leere erkennst du klar deine eigene Natur. Die fünf
skandhas – Form, Gefühl, Gedanke, Aktivität und Bewusstsein –
erscheinen alle als leer, alle Täuschungen werden ausgelöscht,
persönliche Ansichten sind vergessen, die Tätigkeit des
Unterscheidens gelangt an ihr Ende und die zahlreichen Dämonen
finden keinen Ort mehr, an dem sie ihr Tun ausführen könnten.
Selbst mit den Augen Buddhas kann das nicht erkannt werden – diese
Welt aus Frieden und Intimität, diese vollständige Realität. Sie
manifestiert sich als das, was sie ist. (74/75)
Verstehe den, der mit den Reflexionen spielt
Fragende: Wie unterscheidet ihr rechte von falschen Ansichten?
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Bassui: Ob die Auffassung richtig oder falsch ist, wird vom Herzen des
Übenden bestimmt und nicht durch Worte. Wie könnte man so etwas
feststellen, ohne der Person selbst begegnet zu sein? (77)
*
Ohne Erkenntnis oder Erwachen ist das abgeschiedene Leben ohne
Wert. (78)
*
Ich habe noch von keinem gehört, der … echte religiöse Übung zu
seinem Hauptziel gemacht und nicht die Wahrheit durchdrungen
hätte. (79)
*
Auch wenn sie (die Erwachen erlangten) in Frieden und Stille lebten,
mussten sie schließlich in die Gesellschaft zurückkehren, um ihr als
richtungweisendes Licht auf einem dunklen Weg zu dienen und die
Samen der Weisheit in den zehntausend Richtungen zu pflanzen. (79)
*
Selbst wenn jemand … falsche Ansichten verträte, könnte er die
ursprüngliche Quelle des Weges des Nicht-Geistes erlangen und die
Schatzkammer des wahren Dharma-Auges erhalten – jenen
wundervollen Geist, den Shakyamuni an Mahakasyapa übertrug.
Dazu müsste er freilich einen guten Lehrer treffen, seine Fehler
vollständig erkennen, seine irrigen Gedanken beenden und zu seiner
angeborenen Natur – so, wie er in jenem Moment ist – durchdringen.
Danach könnte er anderen Kranken Medizin verabreichen. Er könnte
das sogar sehr umfassend tun, da er ja selbst viele Krankheiten hatte
und sich an die Beschaffenheit der von ihm selbst eingenommenen
Medizin erinnern würde. (84)
*
Rinzai sagte: Den Körper und den Grund der Dharma-Natur erkenne
ich klar als Reflexionen. Verstehe den, der mit diesen Reflexionen
spielt! Er ist die Urquelle aller Buddhas. (85)
*
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Auch wenn sich dein Weisheitsauge öffnet und du Form und Leere
erkennst und frei von Aufregung und Vorurteil bleibst, musst du noch
immer aus der tiefen Grube des Anhaftens bis zur Befreiung
vordringen. (85)
*
Selbst wenn du zur Natur der Wahrheit vorstößt und frei mit den
Koan umgehst, die von Buddhas und Patriarchen übermittelt wurden
und wenn du blitzschnell zehn Antworten auf jede Frage geben
kannst, so bist du doch nichts anderes als ein kluges Kerlchen. (85)
*
Ein alter Meister sagte: Die Reflexion des Mondes in einem tiefen See
wird nicht vom Echo des Tones einer Tempelglocke in einer ruhigen
Nacht gestört. Und obwohl diese Spiegelung des Mondes beim
Kontakt mit großen und kleinen Wellen nicht zerteilt wird, befindet
sie sich doch am Flussufer von Leben und Tod. (85)
Ein wahrer Mensch
Ein wahrer Mensch des Weges vergisst seine Ansichten über Buddha
und die Lehren und schmiedet keine Pläne fürs Durchschreiten des
Tores. (86)
*
Wenn du den Fluss von Leben und Tod überqueren und große
Befreiung erlangen willst, trenne dich von äußerer Form, halte nicht
an verinnerlichten Anschauungen fest und schreite schnell voran,
indem du deine Lebenswurzel (Anhaftung an ein langes Leben)
abschneidest … Kehre zu dir selbst zurück und schaue in dich hinein.
Dringe zum Grund vor und bestätige diese Erkenntnis. Verschwende
weder Tag noch Nacht. Die Zeit wartet auf niemanden. (86)
*
Der Weg ist ein grundlegender Bestandteil jedes Menschen. Seine
Essenz besteht darin, Erleuchtung zu durchdringen und keine Spuren
dieses Erwachens zurückzulassen. (86)
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*
Wer an Rückständen festhält und nicht das Wahre ergreift, trennt
sich vom Ursprung. (86)
Buddha-Natur
Buddha-Natur, das Selbst aller Wesen, ist die einfache Wahrheit, so
wie sie ist. (87)
*
Der vollen Funktion der Buddha-Natur kommt nichts gleich. … Ihre
Aktivität hat keine festgelegte Richtung; denkt man, sie gehe im
Osten auf, kommt sie aus dem Westen, glaubt man, sie entstehe im
Süden, taucht sie im Norden auf. Sie lässt den Donner bei klarem
Himmel erschallen und Flammen auf dem Boden des Ozeans
entstehen. (87)
*
Sie ist der Meister des Sehens, Hörens, Erkennens und der Meister,
der die Hände erhebt und die Füße vorantreibt. (87)
*
Wie steht es mit dir? Kennst du dich selbst? (87)
*
Wenn du also Erleuchtung erlangen willst, wirf vollständig jedes
gewöhnliche Anhaften an Taten und Verhalten, Prinzipien und
Verpflichtungen, Meinungen und Deutungen weg. Sei so wie vor der
Geburt deiner Mutter und deines Vaters, trenne dich von allen
äußeren Phänomenen, versinke weder in innerer Ruhe noch lass dich
in der Leere nieder. Schau direkt hin! Nun, wo du mir zuhörst, sag
mir: Was ist es, das zuhört? (88)
*
Priester Rinzai sagte: Dein physischer Körper, der aus den vier
Elementen besteht, kann das Dharma nicht hören; auch deine Milz,
dein Magen, deine Leber und deine Gallenblase können das Dharma
nicht vernehmen. Der leere Himmel kann das Dharma nicht hören.
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Was also hört es? Lass einfach die überhängende Klippe los und
untersuche dies gründlich. (88/89)
Bewahre deine Freiheit
Auch wenn rein und unrein als verschieden gelten, haben sie die
gleiche Wurzel.
*
Jüngere Schüler versuchen fälschlicherweise das Unreine zu vertilgen
… und lieben stattdessen das Reine. … Wer an der reinen Welt hängt,
die wunderbar und leuchtend, leer und ruhig, klar und glänzend ist,
glaubt, dass er zur Buddha-Natur erwacht sei. (90)
*
Wenn du sturzbetrunken bist, wird dein Verhalten von einem
trunkenen und nicht vom wahren Geist bestimmt, ob du nun Gutes
oder Böses tust. (90)
*
Wenn du dich vollständig von deiner Krankheit erholen willst,
bewahre deine Freiheit, ob du sitzt, liegst oder Gehmeditation
betreibst, und verlasse dich nicht auf die Kraft eines anderen. Beende
einfach dein Herumwandern, schaue durchdringend deine
angeborene Natur, sitze mit konzentrierter, spiritueller Energie Zazen
und breche zum Selbst durch. (91)
*
Feste Ansichten von Buddha und Dharma sperren dich zwischen den
zwei eisernen Bergen ein. (Die eisernen Berge symbolisieren in der
buddhistischen Mythologie die Grenzen des Universums) (91)
Alle Ansichten sind Täuschungen
Meister Rinzai sagte: Ich halte weder am Weltlichen oder Heiligen
außerhalb fest, noch verweile ich in der innerlichen Substanz. Ich
sehe durchdringend und hege keine falschen Zweifel. (92)
26
*
Erkenne, dass alle Form Erscheinung ist und höre auf mit deinem
berechnenden Denken. (92)
*
Erkenne, dass alle Ansichten Täuschungen sind. (92)
*
Willst du unmittelbar durchdringen und frei sein? Wenn ich so rede,
hören mir viele Menschen zu. Schnell! Schau dir den an, der diesem
Gerede zuhört. Wer ist der, der in diesem Augenblick lauscht? (93)
*
Wenn nichts, was du zum Ausdruck bringst, zutrifft, was lauscht dann
letztendlich dem Dharma? Wenn du nicht antworten kannst, erhältst
du dreißig Stockschläge; wenn du antwortest, bekommst du dennoch
dreißig Stockschläge. Wie kannst du vermeiden, diese Schläge zu
erleiden. Nun? (93)
Keine Worte für den Weg.
Der Fragende: Ihr sagt nur, wir sollten das betrachten, was dem
Dharma lauscht. Was bedeutet das?
Bassui: Dies ist der wahre Schlüssel für das unmittelbare Erkennen
deiner eigenen Natur. (94)
*
Es gibt keine Worte für den Weg. Darum ist er unabhängig von den
Aussagen der Buddhas und Patriarchen. Obgleich er allen Menschen
angeboren ist, werden Worte benutzt, um ihn auszudrücken. (94)
*
Manjushri sagte zu Ananda: Obgleich du alle geheimen Lehren
Buddhas vernommen hast, die so zahlreich sind wie Atome, hast du
dich bisher fälschlich an alles geklammert, was du hörtest, weil du
den Fluss der Begierden noch nicht ausgetrocknet hast. Statt alles zu
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erwägen, was du von den zahlreichen Buddhas gehört hast, höre
besser dem Zuhörer zu. (95)
Wer hört?
Der Fragende: Warum wählt ihr, Meister, nicht gemäß der Situation
aus, sondern sagt uns, wir sollten einfach denjenigen wahrnehmen,
der dem Dharma lauscht?
Bassui: Diese Konzentration auf den, der dem Dharma lauscht, ist das
dharani-Tor aller Buddhas und gewöhnlichen Menschen. Wenn du
dieses Tor durchschreitest, wird alles befreit, egal ob deine Fähigkeit
groß oder klein ist. (95)
*
Es heißt im (Surumgama) Sutra: Ananda, wende deine Fähigkeit zu
hören dir selbst zu und lausche der Natur des Hörenden. Diese Natur
wird zum höchsten Weg der Leere. So wird Vollkommenheit wirklich.
(95)
*
Manjushri sagte: Den Geist zu erkennen ist Nirvana. … Die vielen
anderen geschickten Mittel entspringen alle der göttlichen Kraft
Buddhas, die in bestimmten Umständen benutzt wurde, um Schüler
von ihren Illusionen zu befreien. (95)
*
Wer ist es, der das Dharma predigt? Wer ist es, der das Dharma hört?
(95)
*
Der Fragende: Wenn wir Tönen lauschen, dann sollen wir dabei den
durchschauen, der sie wahrnimmt. Was aber, wenn es nicht einen
Ton gibt?
Bassui: Wer ist es, der nicht hört? (96)
*
Was ist es, das das Dharma hier vor deinen Augen vernimmt? (97)
28
*
Erreiche die Wurzeln und es gibt kein Beklagen der Zweige! (97)
*
Vor der Erleuchtung ist es wichtiger, die Bedeutung zu kontemplieren
als die Aussprüche. Nach der Erleuchtung ist es wichtiger, die
Aussprüche zu studieren als die Bedeutung. (97)
Koan Praxis
Ein Mönch fragte: Ist es für uns Anfänger also falsch, die wato (Koan)
zu betrachten?
Bassui: Welches wato betrachtest du?
Der Mönch: Das ursprüngliche Gesicht vor der Geburt von Mutter
und Vater.
Bassui: Ist dieses ursprüngliche Gesicht nicht die Wurzel deiner
eigenen gegenwärtigen Natur? Dein Fehler besteht darin, dies zu den
Worten eines anderen zu machen. (97)
*
Dieser Geist ist genau jetzt Buddha. Das hängt nicht davon ab, dass
du von einem alten Meister ein Koan erhältst. Es ist ein unmittelbares
Deuten auf deinen eigenen Geist genau jetzt. (97/98)
*
Willst du deinen eigenen Geist klären, betrachte durchdringend den
Ursprung des einen, der jetzt alle Töne hört. (98)
*
Wo der Weg des Denkens erschöpft ist und die Wurzeln des Lebens
verschwinden, dort wird das Selbst ruhig und das Leben erfährt
Erfüllung. (98)
*
Wenn du zum Ursprung zurückkehrst, erlangst du die Essenz. (98)
*
29
Folgst du dem äußeren Licht, verlierst du die Lehren aus dem Blick.
(98)
*
Wenn du … den Weg des Denkens nicht erschöpfst, wird alles, was du
tust, wie ein Geist sein, der sich an Gräser und Büsche klammert. (98)
Tote Worte
Ein alter Meister sagte: Wenn dein Verständnis auf lebendigen
Worten gründet, wirst du niemals vergessen. Gründet es aber auf
toten Worten, wirst du dich selbst nicht retten können. (98)
*
Der Fragende: Sind die Worte „einer, der das Dharma vernimmt“ tot
oder lebendig?
Bassui: Ehrwürdiger Mönch!
Der Fragende: Ja?
Bassui: War das lebendig oder tot? (99)
*
Auch wenn (etwas) ursprünglich ein lebendiger Ausspruch war, wird
er zu einer toten Phrase, wenn du ihn mit deinem gewöhnlichen
Geist auslegst. (99)
*
Wenn Leute, die sich der dunklen menschlichen Welt nicht entziehen
können, die lebendigen Worte der Patriarchen studieren, dann
werden diese Worte zu toten Phrasen. (99)
*
Bassui schmiedete die folgenden Verse, um seinen Standpunkt zu
untermauern:
Eintausend Berge, zehntausend Gipfel, aufgetürmter Schnee.
Eine einsame Spitze, warum ist sie nicht weiß?
Gast – Gastgeber, Relatives – Absolutes,
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verfallen ins Grübeln.
Betrachte unmittelbar diesen Ausspruch:
„Blüten erblühen am eisernen Baum.“ (100)
(Gast steht für Unterscheidung, Gastgeber für Gleichheit, nach Tozan
Ryokai)
*
Ein lebendiger Ausspruch wird kein toter, weil es in den Worten
einen Fehler gibt, sondern weil derjenige, der ihn studiert, noch nicht
zu seiner eigenen Natur durchgedrungen ist. (102)
Erleuchtung
Wenn die Wolken nicht über den Berggipfeln auftauchen, spiegelt
der Mond sich im Herzen der Wellen. (101)
*
Der Fragende: Ist der Meister dasselbe wie Himmel und Erde?
Bassui: Siehst du mich oder siehst du mich nicht?
Der Mönch zögerte.
Bassui: Blinder Narr! (103)
*
Ein Fragender: Von welcher Qualität ist die Erleuchtung des
Meisters?
Bassui: Der gestrige Regen, der heutige Wind. (103)
Ethik
Der Fragende: Wer wird ein Buddha, wenn der Körper in die vier
Elemente zerfällt? Wer versinkt im Ozean der Seelenwanderung?
Und welchen Grund gäbe es, Gebote einzuhalten, die Verbrechen
verhindern sollen?
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Bassui: Wenn du an dieser Ansicht festhältst, die Ursache und
Wirkung leugnet, wirst du wie ein Pfeil direkt in die Hölle fliegen.
(104)
*
Alle bösen Gedanken entstammen täuschenden Gefühlen. Wenn du
nicht durchdringend deine eigene Natur schaust, wirst du – obwohl
du deine bösen Gedanken zu tilgen suchst – wie einer sein, der mit
dem Träumen aufhören will, ohne aus seinem Schlaf zu erwachen.
(104)
Zum Schluss
Im Sutra der Vollkommenen Erleuchtung steht: Selbst jener Geist, der
die Weisheit des Tathagata verwirklicht und das reine, unbefleckte
Nirvana bestätigt, ist nur ein Aspekt des Ego. (106)
***
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Den Menschen befreien