Geschlechterreflektierende Arbeit mit Jungen als Prävention

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Geschlechterreflektierende Arbeit mit Jungen als
Prävention rechtsextremer Einstellungen und
Handlungsmuster
Olaf Stuve & Katharina Debus
Geschlechterreflektierende Ansätze als Prävention rechtsextremer Einstellungen und Handlungsmuster!?
Ein kurzer Blick auf rechtsextreme Erscheinungsbilder macht die geschlechtsspezifischen Aspekte mehr als
deutlich. Gibt es auf der Ebene der Einstellungen kaum geschlechtsspezifische Unterschiede,1 so sind sie auf
der Ebene der Handlungsweisen umso deutlicher zu erkennen. So liegt der Anteil der männlichen Wähler
rechtsextremer Parteien „seit je her und auch relativ unabhängig davon, um welche rechtsextreme Partei
bzw. Liste oder Vereinigung es sich handelt und welcher Wahltyp zugrunde gelegt wird“ im Schnitt bei 2/3.2
Noch deutlicher wird der geschlechterbezogene Unterschied, wenn es um den Anteil männlicher Täter
rechtsextrem motivierter Gewalttaten geht, der bei 90 Prozent liegt.3 Sie bleiben eine „maskuline
Domäne“.4
Neben diesen empirischen Unterschieden bezüglich der geschlechtsspezifischen Dimensionen
rechtsextremer Einstellungen und Handlungsmuster geben die Evaluationen der Programme gegen
Rechtsextremismus begründete Hinweise für die Annahme, dass geschlechterreflektierende Ansätze als
eine Säule in der Rechtsextremismusprävention unbedingt sinnvoll sind. Auch wenn im aktuellen
Bundesprogramm einzelne Projekte gefördert werden, muss nach wie vor eine Leerstelle hinsichtlich
geschlechterreflektierender Ansätze innerhalb pädagogischer Präventionskonzepte konstatiert werden. Die
wenigen Bezugnahmen auf eine kritische Reflexion von Geschlechterverhältnissen in diesem pädagogischen
Feld finden sich eher in der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen.5 Die Gründe dafür, dass es kaum
vergleichbare Ansätze in der Arbeit mit Jungen und männlichen Jugendlichen gibt, liegen zum einen in der
unterschiedlichen Verankerung von Mädchen- und Jungenarbeit sowie zum anderen in einer bisher
fehlenden empirisch gestützten Analyse bezüglich eines Zusammenhangs von Rechtsextremismus und der
Konstruktion von Männlichkeiten.
Mit diesem Artikel soll Verschiedenes geleistet werden, um eine geschlechterreflektierende Perspektive
innerhalb der Rechtsextremismusprävention insbesondere in der Arbeit mit Jungen und männlichen
Jugendlichen weiter zu entwickeln: Zunächst sollen Ergebnisse der kritischen Männlichkeiten- und
Jungenforschung wiedergegeben werden, anhand derer anschließend Zusammenhänge zwischen
rechtsextremen Einstellungen und Handlungsmustern und der Konstruktion von Männlichkeit ableitbar
sind. In den vorgestellten Ansätzen wird Männlichkeit als ein Ergebnis historischer und sozialer
Herstellungsweisen verstanden. Das heißt, Männlichkeit ist nicht die Summe dessen, was Jungen bzw.
Männer real sind – vielmehr stellt sie eine Anforderung dar, mit der alle einen Umgang finden müssen, die
als Jungen bzw. Männer gelesen werden oder sich als solche fühlen. Welche konkreten Anforderungen mit
Männlichkeit verbunden sind, ist stark vom jeweiligen Kontext wie zum Beispiel sozialer
1
Kurt Möller/Nils Schumacher, Rechte Glatzen. Rechtsextreme Orientierungs- und Szenezusammenhänge – Einstiegs-,
Verbleibs- und Ausstiegsprozesse von Skinheads, Wiesbaden 2007, S. 46.
2
Ebenda, S. 30.
3
Ebenda, S. 40.
4
Ebenda, S. 46. Damit soll jedoch nicht das Stereotyp der „friedliebenden Frau“ Zuspruch erfahren. Richtet man den
Blick auf die Gewalttätigkeit von Mädchen, so lassen vorliegende Studien zwar keine eindeutige Aussage über eine
Zunahme von Gewaltbereitschaft und -delinquenz unter Mädchen zu (vgl. Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, „Ich
meine, mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen“. Mädchen und junge Frauen in gewaltbereiten Jugendgruppen,
Opladen 2002). Dennoch liegen mit der hier zitierten Untersuchung Ergebnisse vor, anhand derer nachvollziehbar
wird, inwiefern die Konstruktion von Weiblichkeit in einer rechtsextrem orientierten Mädchengruppe – hier im Sinne
einer abweichenden Weiblichkeit – mit Gewalt einhergeht. In Bezug auf Schülerhandeln vgl. auch Ulrike Popp,
Geschlechtersozialisation und schulische Gewalt. Geschlechtstypische Ausdrucksformen und konflikthafte
Interaktionen von Schülerinnen und Schülern, Weinheim/ München 2002.
5
Das Projekt Lola für Lulu gehört zu den wenigen Ausnahmen, die den Anspruch einer dezidierten Verknüpfung von
geschlechterreflektierenden Ansätzen mit Ansätzen der Rechtsextremismusprävention verfolgen. Vgl. den Beitrag von
Heike Radvan in diesem Band und http://www.lola-fuer-lulu.de/.
1
Schichtzugehörigkeit, städtischem bzw. ländlichem Umfeld oder auch (sub-)kulturellen Zuordnungen
abhängig und muss aus diesem rekonstruiert werden.6 Ein Schnittpunkt aller normativer Männlichkeiten
zumindest der hiesigen Gesellschaft ist unseres Erachtens dabei die Anforderung und das Versprechen von
Souveränität, Unabhängigkeit und Überlegenheit. Durch welche Handlungsmuster diese Aspekte von
Männlichkeit dann konkret hergestellt werden, unterscheidet sich jedoch deutlich je nach Kontext. Von
besonderem Interesse für den Gegenstand dieses Artikels ist dabei die Analyse von Männlichkeit als Anund Aufforderung zur Überlegenheit. Die Vorstellung von männlicher Überlegenheit stellt unseres
Erachtens einen Ausgangs- wie auch zentralen Schnittpunkt mit anderen Überlegenheitsvorstellungen
rechtsextremer Ideologie dar. Gerade aus dieser Überschneidung könnte ein Teil der Attraktivität
rechtsextremer Zugehörigkeit für Jungen und Männer folgen, da sie zugleich ein Angebot macht, das der
Männlichkeit inhärente Versprechen auf Überlegenheit einzulösen und dieses über die Ebene der
Männlichkeit hinaus ausdehnt (White Supremacy etc.).
Daran anschließend sollen Erfahrungen einer geschlechterreflektierenden Arbeit mit Jungen auf die
Präventionsarbeit zum Thema Rechtsextremismus übertragen werden.7 Dabei scheint uns wichtig, den
Bogen nicht zu überspannen und eine geschlechterreflektierende Arbeit mit Jungen nicht als eine
umfassende Präventionsstrategie anzusehen. Sie kann vielmehr eine gute Erweiterung bestehender
Präventionskonzepte zum Thema Rechtsextremismus darstellen. Eine besondere Funktion erhält sie in dem
Sinne, als dass den Geschlechtervorstellungen eine besonders wichtige Rolle in einer frühen Phase
rechtsextrem lebensweltlicher Orientierungen zukommt, weil Jungen und männliche Jugendliche hier ein
Angebot erhalten, der Aufforderung „richtige Männer“ zu werden, auf eindeutige Weise zu folgen.
Voraussetzung rechtsextremer Gewalttaten ist darüber hinaus die Bereitschaft – auch unter hohem Risiko
für die eigene Gesundheit und Lebensplanung – die Grenzen anderer massiv zu überschreiten. Hier wird auf
traditionelle Männlichkeitsmuster zurückgegriffen, in die sich viele Jungen bereits in jungen Jahren
einüben. In diesem Sinne ist geschlechterreflektierende Arbeit mit Jungen, die bereits die Aufforderung zur
Männlichkeit unterläuft, im besten Sinne präventiv gegen Rechtsextremismus.
Kritische Männlichkeiten- und Jungenforschung
Aufbauend auf feministischen Analysen haben sich innerhalb der kritischen Männlichkeits- und
Jungenforschung vor allem zwei Ansätze etabliert, die für die Diskussion über eine
geschlechterreflektierende Pädagogik mit Jungen hilfreiche Hinweise enthalten: Das Konzept des
männlichen Habitus von Pierre Bourdieu8 und der Ansatz der Binnenrelationen von Männlichkeiten von
Raewyn Connell.9 Beide Ansätze sollen kurz mit Blick auf ihre Bedeutung für eine
geschlechterreflektierende Arbeit mit Jungen vorgestellt werden.10 Dabei ist zu betonen, dass wir nicht
davon ausgehen, dass Männlichkeit gleichzusetzen ist mit real existierenden Jungen und Männern.
Männlichkeit ist in diesem Sinne nicht das, was Jungen und Männer sind, sondern vielmehr das, womit sich
alle auseinander setzen müssen, die als Jungen bzw. Männer eingeordnet werden oder eingeordnet
werden wollen. Sie ist also eine Anforderung, die Jungen und Männern entgegentritt und auf die diese in
irgendeiner Weise antworten müssen. Der Erfolg der Antwort auf diese Anforderung entscheidet darüber,
6
Vgl. Jürgen Budde/Ingelore Mammes (Hrsg.), Positionen und Perspektiven von Jungenforschung, in: dies.,
Jungenforschung empirisch. Zwischen Schule, männlichem Habitus und Peerkultur, Wiesbaden 2009, S. 15–23, hier S.
18.
7
In diesen Artikel fließen Erfahrungen aus langjähriger Praxis geschlechterreflektierender Pädagogiken sowie aus
Konzeptdiskussionen innerhalb des Fortbildungsprojekts „Jungenarbeit und Schule“ (www.jungenarbeit-undschule.de) ein. Darüber hinaus stellen Diskussionen in politisch-pädagogischen Diskussionsgruppen zum Thema
Jungenarbeit sowie mit Expert_innen zum Thema Rechtsextremismus(prävention) die Basis für die hier vorgestellten
Überlegungen dar.
8
Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Frankfurt a. M. 2005.
9
Raewyn W. Connell, Der gemachte Mann, Opladen 1999.
10
Bezüglich queerer identitätskritischer Ansätzen der geschlechterreflektierenden Jungenarbeit vgl. Olaf Stuve,
Jungenarbeit und Queertheory. Der Versuch einer paradoxen Verbindung, in: Bettina Fritzsche u. a. (Hrsg.),
Dekonstruktive Pädagogik. Erziehungswissenschaftliche Debatten unter poststrukturalistischen Perspektiven, Opladen
2001, S. 281–294 sowie Mart Busche/Michael Cremers, Jungenarbeit und Intersektionalität, in: Detlef Pech (Hrsg.),
Jungen und Jungenarbeit – Eine Bestandsaufnahme des Forschungs- und Diskussionsstandes, Hohengehren 2009, S.
13–30.
2
ob sie als männlich wahrgenommen werden, wobei der konkrete Inhalt der Anforderung je nach Feld
variieren kann. Die Antworten und die Wichtigkeit, die der „Bedrohung“ beigemessen wird, nicht als
männlich anerkannt zu werden, fallen individuell ganz unterschiedlich aus.
Bourdieus männlicher Habitus
„Als eine Art gesellschaftlicher Orientierungssinn (sense of one’s place), als ein praktisches Vermögen des
Umgangs mit sozialen Differenzen, nämlich zu spüren oder zu erahnen, was auf ein bestimmtes Individuum
mit einer bestimmten sozialen Position voraussichtlich zukommt und was nicht, und untrennbar damit
verbunden, was ihm entspricht und was nicht, lenkt der Geschmack die Individuen mit einer jeweiligen
sozialen Stellung sowohl auf die auf ihre Eigenschaften zugeschnittenen sozialen Positionen als auch auf die
praktischen Handlungen, Aktivitäten und Güter, die ihnen als Inhaber derartiger Positionen entsprechen,
die zu ihnen ‚passen‘ […].“11
Laut Pierre Bourdieu inkorporieren die Subjekte ihre Lebensumstände – geronnen in ihrem Geschmack, in
der körperlichen Hexis – also ihrer Körperhaltung und -form –, ihrem Selbstkonzept und ihren
Wahrnehmungsschemata.12 Diese geronnene Praxis bezeichnet Bourdieu als Habitus. Zunächst entwickelt
er den Habitus-Begriff anhand sozialer Klassen und Felder, u. a. um zu erklären, weshalb die soziale
Ordnung naturgegeben erscheint, da die Mehrheit der Subjekte in ihren Praxen und mit ihren Vorlieben
genau diese Ordnung zu legitimieren scheint.
Dieses Habitus-Konzept überträgt Bourdieu auf die Zweigeschlechtlichkeit. Auch bezüglich Geschlecht
behandelt „[d]ie soziale Welt […] den Körper wie eine Gedächtnisstütze. […] Durch permanente
Formierungs-, eine Bildungsarbeit, konstruiert die Welt den Körper als vergeschlechtlichte Wirklichkeit und
in eins als Speicher von vergeschlechtlichenden Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien, die wiederum
auf den Körper in seiner biologischen Realität angewendet werden.“13 Damit ist ein Zirkel geschlossen, in
dem soziale Wirklichkeit verkörperlicht wird und damit den Anschein von Natur erhält. Der geschlechtliche
Habitus stellt verkörperte und naturalisierte Praxis par excellence dar. Mit ihm wird den Einzelnen ein
körperliches Wissen darüber vermittelt, wie man als Frau oder Mann von den anderen (an)erkannt wird,14
und sie lernen (in der Regel) das zu begehren und als lustvoll zu empfinden, was der jeweiligen
feldspezifischen Geschlechterrealität und -norm entspricht15 – ein Phänomen, das Bourdieu in Bezug auf
Geschlecht unter dem Begriff „amor fati“ fasst, also der Liebe zum (eigenen) Schicksal.16
Nicht zuletzt ist der männliche Habitus mit der Vorstellung natürlicher Überlegenheit von Männern
gegenüber Frauen verbunden. Überlegenheit erhält den Anschein natürlicher Legitimation. Dieses
Deutungsmuster einer physiologischen Fundierung der Geschlechterdifferenz ist weitestgehend
11
Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a. M. 1982, S. 728,
Hervorhebung im Original.
12
Vgl. Pierre Bourdieu, Sozialer Raum und symbolische Macht, in: ders., Rede und Antwort, Frankfurt a. M. 1992, S.
135–154, hier S. 144.
13
Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, in: Irene Dölling/Beate Krais (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel.
Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt a. M. 1997, S. 218–230, hier S. 167.
14
Vgl. hierzu auch das Konzept zum performativen Charakter von Geschlecht von Judith Butler (Judith Butler, Das
Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a. M. 1991), sowie Carol Hagemann-White, die bereits in den 1980er-Jahren
gezeigt hat, wie Geschlecht in der Einübung der geschlechtlichen Ordnung hergestellt wird, vgl. Carol HagemannWhite, Sozialisation: Weiblich – männlich?, Opladen, 1984.
15
Das Bourdieu’sche Geschmacks-Konzept weckt also berechtigtes Misstrauen gegenüber scheinbar individuellen und
damit politisch unverdächtigen Vorlieben – es weist einen Ausweg aus dem Dilemma, Vorlieben und Fähigkeiten
entweder als unveränderbar und biologisch-genetisch-schicksalhaft bestimmt erscheinen zu lassen oder aber als
Ausdruck von Individualität und Freiheit. Dabei schafft es ein neues (oder altes) Paradoxon: Was folgt daraus, wenn
ich einerseits Vorlieben, Fähigkeiten, Lebenswegentscheidungen etc. als politisch geschaffenes Problem sehe, das
soziale Ungleichheiten schafft, und gleichzeitig Empowerment und individuelle Freiheiten erreichen will? Dieses
Spannungsverhältnis kann im Rahmen von Bildungsarbeit nur ausgehalten und nicht gelöst werden. Es sollte dazu
ermuntern, immer wieder Aktivitäten und Gedanken anzubieten, die (noch) nicht Teil des Repertoires der Zielgruppe
sind, ohne sie dennoch als die einzig Richtigen vorzugeben. Bei Bourdieu entstehen Freiheitsgrade durch „TheorieEffekte“, indem also kognitive Erkenntnisse über die Produktion von Ungleichheiten erlangt bzw. vermittelt werden
und sie damit als Grundlage für Chancenungleichheit, als gesellschaftlich produziert und als veränderbar erkannt
werden. Ob dies tatsächlich der einzige Weg ist, sei dahin gestellt.
16
Vgl. Bourdieu, Männliche Herrschaft, in: Dölling/Krais (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel, S. 218–230, hier S. 162.
3
wirkmächtig und zieht seine Kreise bis in die sozialen Differenzierungen, die immer wieder auf die
physiologische Differenz der Körper als unhintergehbarer Basis bezogen werden.17 Es handelt sich jedoch
um ein Einüben von Überlegenheit und Härte, das in erster Linie in den ernsten Spielen des Wettbewerbs
innerhalb der homosozialen Gruppe der Männer bzw. Jungen stattfindet.18 Die Form dieser Spiele „par
excellence“ stellt laut Bourdieu der Krieg dar,19 aber häufig nehmen sie die Form von Sport, körperlichen
Auseinandersetzungen, Trinkritualen oder beruflicher Konkurrenz an. Gemeinsam ist ihnen, dass hier unter
Inkaufnahme körperlicher, emotionaler und/oder strafrechtlicher Risiken in Konkurrenz Prestige erworben
wird.
Frauen bzw. Mädchen sind idealtypisch aus diesen Spielen ausgeschlossen – zumindest ist es ihnen auch
bei Teilnahme kaum möglich, durch gleichen Erfolg gleiches Prestige zu erringen. Dies beschreibt Bourdieu
als Vor- und Nachteil zugleich: Als Nachteil, da sie das hier zu erlangende Prestige nur vermittelt über „ihre“
Männer erwerben können, und als Vorteil, da sie mittels des „Scharfblicks der Ausgeschlossenen“ zeitweise
den illusorischen Charakter der Spiele und deren Risiken erkennen und somit diese auch umwerten
können.20
Teil des männlichen Habitus hingegen ist die verkörperlichte Erwartung/Anforderung an Jungen und
Männer, sich diesen ernsten Spielen des Wettbewerbs zu stellen, die Bourdieu gleichzeitig als Privileg und
als Falle beschreibt. Um als „wahre“ Männer zu gelten, sind es Männer sich selbst schuldig, sich den Risiken
der Spiele auszusetzen.21 Die Teilnahme an den Spielen wird mit individuellen Unterschieden nicht nur als
Risiko und Pflicht empfunden sondern nicht zuletzt als lustvoll. In ihnen wird die eigene Kraft erprobt und
findet Gruppenbildung im homosozialen Raum der Jungen bzw. Männer statt. In der Auseinandersetzung
wird, selbst bei Misserfolg, die Anerkennung als Mann durch diejenigen errungen, deren Anerkennung
zählt, und in ihr ist die Nähe unter Jungen und Männern möglich, die ohne den vorherigen bzw.
kontinuierlichen Beweis der Männlichkeit das Anrüchige abzuwertender Homosexualität bekäme – eine
Nähe unter Gleichen, aus der Frauen bzw. Mädchen ausgeschlossen sind. Deren Anerkennung wiederum
gilt es nicht durch die Spiele zu erringen, sie wird vielmehr stillschweigend vorausgesetzt.22 Ist letztere
infrage gestellt, ist das ganze Mann-Sein bedroht, da dieses Jungen und Männern eine Position der
Dominanz verspricht wie umgekehrt auch diese von ihnen erwartet. Dennoch ist durch weibliche
Anerkennung nur ein verminderter Erwerb von Prestige möglich, da sie als selbstverständlich gilt.
Mit der Teilnahme an den ernsten Spielen des Wettbewerbs ist ein Prozess verbunden, in dem es verlernt
werden soll, eigene Grenzen und diejenigen anderer wahrzunehmen bzw. zu respektieren – eine Einübung
der Grenzüberschreitung, die habitualisiert und damit selbstverständlich bzw. „natürlich“ wird. Teil des
männlichen Habitus ist damit eine Orientierung am Außen, am Handeln und ein Verlernen der
Wahrnehmung von Gefühlen (mit Ausnahme von Wut und Aggression), Schwächen, Schmerzen, Grenzen
etc., die Lothar Böhnisch und Reinhard Winter23 mit dem Begriff der Externalisierung beschreiben. In
diesem Prozess der Aneignung eines männlichen Habitus gehen Jungen viele Fähigkeiten verloren bzw.
werden nicht entwickelt, was zugleich für sie einen Verlust an Lebensqualität und Beziehungsfähigkeit
bedeutet und die Wahrscheinlichkeit gewalttätigen Handelns gegenüber anderen erhöht.
Binnenrelationen von Männlichkeit nach Connell
Innerhalb des machttheoretischen Konzepts von Connell24 ist Männlichkeit von einer doppelten
Relationalität gekennzeichnet, die einerseits eine Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen und
17
Michael Meuser, Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Opladen
1998, S. 113.
18
Vgl. Michael Meuser, Männliche Sozialisation und Gewalt, in: Berliner Forum Gewaltprävention 24,
http://www.berlin.de/imperia/md/content/lblkbgg/bfg/nummer24/06_meuser.pdf?start&ts=1252306764&file=06_meuser.pdf (14. 2. 2011), 2005, S. 18, sowie
Bourdieu, Männliche Herrschaft.
19
Bourdieu, Männliche Herrschaft, in: Dölling/Krais (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel, S. 196.
20
Vgl. ebenda, S. 202 und 216.
21
Vgl. ebenda, S. 188 f. und 195.
22
Ebenda, S. 203 f.
23
Lothar Böhnisch/Reinhard Winter, Männliche Sozialisation. Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität
im Lebenslauf, Weinheim/München 1993.
24
Connell, Der gemachte Mann.
4
zugleich eine Binnendifferenzierung innerhalb der Gruppe der Männer beinhaltet. Die hegemoniale
Männlichkeit bezeichnet dabei die Konfiguration geschlechtsbezogener Praxen, die Macht und
Überlegenheit gegenüber anderen Männern und Frauen selbstverständlich garantiert, sie am wenigsten
angreifbar und damit berechtigt bzw. logisch erscheinen lässt. Sie setzt sich im Zweifelsfall auch hohen
Risiken aus, beherrscht jedoch in der Regel das Spiel mit den Grenzen der anderen, durch das
Überlegenheit erst hergestellt wird, so sachkundig, dass sie dabei wenig Angriffsfläche bietet und bezieht
daher das Privileg gerade aus der scheinbaren Selbstverständlichkeit ihrer Überlegenheit.
Neben der hegemonialen Männlichkeit differenziert Connell weiter in die komplizenhafte Männlichkeit als
jene Form von Männlichkeit, die sich nicht in die erste Reihe der Geschlechterauseinandersetzungen
begibt, durchaus mit egalitären Einstellungen einhergehen kann, jedoch im Allgemeinen von den
bestehenden patriarchalen Geschlechterverhältnissen Vorteile hat und sich nicht darum bemüht, aus
diesen auszutreten und damit, so Connells Begriff, an der patriarchalen Dividende teilhat, die mit
Männlichkeit generell einhergeht.25 Sie verhält sich komplizenhaft indem sie den Trägern hegemonialer
Männlichkeit Anerkennung gibt, keine Umwertungen vornimmt bzw. Männlichkeitsnormen nicht infrage
stellt, und sich nicht konsequent solidarisch mit denen verhält, die unter ihr leiden, und so – gewollt oder
ungewollt – hegemoniale Männlichkeit absichert.
Untergeordnete Männlichkeiten stellen die Gegenbilder zur hegemonialen, auf Dominanz ausgerichteten
Männlichkeit dar. Homosexuelle Männlichkeiten spielen eine zentrale Rolle in dieser Gegenbebilderung von
hegemonialer Männlichkeit: „Durch diese Unterdrückung geraten homosexuelle Männlichkeiten an das
unterste Ende der männlichen Geschlechtshierarchie. Alles, was die patriarchale Ideologie aus der
hegemonialen Männlichkeit ausschließt, wird dem Schwulsein zugeordnet“.26 Aber auch alle anderen
Verhaltensweisen von Jungen oder Männern, die als „unmännlich“ wahrgenommen werden, wie
unsportlich sein, schnell weinen, sich in der Schule bemühen, sexistische Verhaltensweisen anderer
kritisieren etc. können Jungen in eine untergeordnete Position bringen. Diese Position der untergeordneten
Männlichkeit bringt in der Regel, und insbesondere in der Jugend, eine Fülle an körperlichen und
psychischen Gewalterfahrungen mit sich. Aus diesem Verhältnis entsteht der Druck, eine solche
Positioniertheit unbedingt zu vermeiden. Gerade in pädagogischen Kontexten ist es wichtig zu verstehen,
dass die Vermeidung einer solchen untergeordneten Position nicht zuletzt neben allen lustvollen
Momenten auch einen Aspekt von Selbstschutz hat bzw. haben kann.
Als vierte Kategorie von Männlichkeiten führt Connell die marginalisierten Männlichkeiten ein. Sie sind
aufgrund anderer gesellschaftlicher Verhältnisse als dem Geschlechterverhältnis weiter von der Position
der gesellschaftlichen Dominanz entfernt als andere Männlichkeiten – mit anderen Worten: Sie müssen auf
andere Weise um Dominanz kämpfen und bleiben unter Umständen von dieser Position ausgeschlossen,
ohne dass dabei die Anforderung und das Versprechen männlicher Dominanz und die Bedrohung der
Unterordnung für sie weniger wirksam wären. Connell denkt dabei an erster Stelle an rassistische und
soziale Ausschlüsse. Als eine Unterkategorie der marginalisierten Männlichkeiten soll an dieser Stelle auf
die protestierende Männlichkeit27 eingegangen werden. Sie hat unseres Erachtens für einen Teil
rechtsextremer Männlichkeiten einen hohen Erklärungswert. Mit dem Begriff der protestierenden
Männlichkeit nimmt Connell Bezug auf Alfred Adler, der gesellschaftliche Positionen der Überlegenheit,
Unabhängigkeit und Souveränität als männlich konnotierte identifizierte. „Adlers Konzept beschreibt eine
Motivstruktur, die sich aus der frühkindlichen Erfahrung der Machtlosigkeit speist, die wiederum ein
übertriebenes Machtstreben zur Folge hat, das in der westlichen Kultur mit männlichem Verhalten
verbunden wird.“28 Das „übertriebene Machtstreben“ stellt sich als „männlicher Protest“ dar und kann
Formen von gewalttätigen Angriffen gegenüber anderen annehmen. Connell selbst beschreibt die
Geschlechterpraxen männlicher Jugendlicher, die er der protestierenden Männlichkeit zuordnet, als
gekennzeichnet von: Gewalt, Verweigerung in der Schule, „kleinen Gaunereien“, schweren Drogen und
Alkoholmissbrauch, Gelegenheitsjobs, Motorräder und Autos, kurze heterosexuelle Affären.29 Wir halten es
an dieser Stelle für angemessen, den Blick von einer psychologischen, auf frühkindliche Erfahrungen
25
Ebenda, S. 100.
Ebenda, S. 99.
27
Ebenda, S. 132.
28
Ebenda, S. 134.
29
Vgl. ebenda, S. 133.
26
5
ausgerichteten zu einer soziologischen Perspektive zu wechseln, die sich mit gesellschaftlichen
Herrschaftsverhältnissen befasst, und Adlers bzw. Connells Beschreibung protestierender Männlichkeit auf
diese Perspektive zu übertragen: Durch dieses Verhalten soll das mit Männlichkeit einhergehende
Versprechen auf Dominanz eingelöst bzw. eine untergeordnete Position vermieden werden, wenn dies
aufgrund der sozialen Positionierung und der in der Familie bzw. im Umfeld vermittelten Fähigkeiten und
Nicht-Fähigkeiten mit subtileren Mitteln nicht möglich ist.
Gelegentlich wird in der Debatte um Männlichkeiten der Begriff der hegemonialen Männlichkeit
fälschlicherweise für diese besonders anstrengende, bedrohliche bzw. einfach auffälligste Form der
Männlichkeit verwendet. Daher ist es uns wichtig, das Verhältnis von hegemonialer und protestierender
Männlichkeit zu beleuchten: Hegemoniale Männlichkeit ist häufig subtil und in der scheinbaren
Natürlichkeit ihres Dominanzanspruchs unauffällig. Die besondere Auffälligkeit protestierender
Männlichkeit liegt gerade darin begründet, dass sie um ihren Dominanzanspruch kämpfen muss und ihn
nicht scheinbar naturgegeben inne hat. Sie ist damit eine Reaktion auf hegemoniale Männlichkeit. Eine
Kritik an Männlichkeit, die sich lediglich auf protestierende Männlichkeit richtet, geht damit am Ziel vorbei,
da sie die Relationalität und die Ursachen auffällig männlichen Verhaltens übersieht in ihrem Bemühen, den
Status Quo privilegierter Männlichkeiten nicht anzugreifen.
Ohne rechtsextreme Männlichkeiten auf Formen der protestierenden Männlichkeit reduzieren zu wollen,30
sind es unseres Erachtens gerade jene männlichen Jugendlichen, die sich aus einer „protestierenden
Männlichkeitshaltung“ heraus an rechten Lebenswelten orientieren, die für die Präventionsarbeit von
Bedeutung sind. Wenn es gelingt, Jungen und männlichen Jugendlichen einen Ausstieg aus
Männlichkeitsanforderungen zu ermöglichen, würde dies auch präventiv in Bezug auf rechtsextreme
Haltungen wirken.
In der Auseinandersetzung mit schulischen Situationen bzw. Jugendkulturen und darüber hinaus stellt sich
die Frage, wie eine Männlichkeit zu fassen wäre, die in einem spezifischen Feld dominant ist und mit
teilweise erheblicher Sanktions- und Normierungsmacht einhergeht, ohne jedoch gesamtgesellschaftlich
hegemonialen Status zu haben. In den Diskussionen über dieses Benennungsproblem innerhalb unserer
wissenschaftlichpädagogisch-politischen Kontexte hat sich dabei der Begriff der feldspezifisch normativen
Männlichkeit herauskristallisiert. Dieser ist eine Antwort auf das Interesse, den Begriff der Hegemonie nicht
zu verwässern, sondern Connells Konzept aufrecht zu erhalten, in dem hegemoniale Männlichkeit ihre
selbstverständliche Überlegenheit nicht zuletzt aus ihrer gesamtgesellschaftlich dominanten Position
bezieht. Uns ist es wichtig, diese hegemoniale Männlichkeit nicht in einer Relativierung auf einzelne Felder
unsichtbar werden zu lassen.
Gleichzeitig muss es möglich sein, feldspezifisch normative Männlichkeiten, die häufig protestierende
Männlichkeiten sind und damit gerade als Antworten auf den Ausschluss aus gesellschaftlicher Hegemonie
entstehen, begrifflich zu fassen. Das auch gerade deshalb, da sie auf die Situation (nicht nur) von Kindern
und Jugendlichen einen mindestens ebenso großen Einfluss haben wie eine, persönlich gesehen, vielleicht
weit entfernte hegemoniale Männlichkeit. Bezüglich Rechtsextremismusprävention müsste insbesondere
der Normativität rechtsextremer Männlichkeiten in bestimmten regionalen und sozialen Kontexten etwas
entgegen gesetzt werden.
Schnittstellen Männlichkeiten und Rechtsextremismus
Rechtsextreme Politiken und Lebenswelten scheinen mit dem Versprechen, traditionelle Ordnungen und
die damit verbundene Selbstverständlichkeit männlicher Überlegenheit wieder einzusetzen bzw. zu
verteidigen, eine besondere Attraktivität für männliche Jugendliche und junge Männer zu haben. Es ist
anzunehmen, dass diese Attraktivität insbesondere für Jungen und Männer steigt, denen diese mit
30
Kurt Möller und Nils Schumacher weisen zum einen darauf hin, dass „erlebte Schwierigkeiten der Integration in die
berufliche Ausbildung und den Arbeitsmarkt […] die Wahrscheinlichkeit des Auftretens rechtsextremer
Positionierungen [erhöhen]“ (S. 58), zugleich höhere Bildung „immer weniger vor der Übernahme rechtsextremer
Orientierungen schützt“ (S. 46). Möller/Schumacher, Rechte Glatzen. Diese Anhaltspunkte für Zusammenhänge
zwischen sozialer Marginalisierung und dem Auftreten rechtsextremer Positionierungen einerseits und dem
verstärkten Auftreten rechtsextremer Positionen in gesellschaftlich dominanten Position andererseits verdeutlichen
die Notwendigkeit von Untersuchungen bezüglich der Verschränkung von sozialer Position und Geschlecht als jeweils
spezifische Faktoren, die eine rechtsextreme Organisierung oder Lebenswelt attraktiv machen.
6
Männlichkeit verbundene Dominanz nicht selbstverständlich „zufliegt“ und die ihre Männlichkeit wie auch
ihre Unversehrtheit daher bedroht sehen. Die Wiederherstellungsversuche alter Ordnungen bedienen sich
dreier zentraler Elemente der Männlichkeitskonstruktion: Gewalt als legitimer Bestandteil der ernsten
Spiele des Wettbewerbs, Durchsetzungsfähigkeit als Umsetzung von Souveränität und Überlegenheit sowie
der Naturalisierung jeweiliger geschlechtlicher Zuschreibungen und Positionierungen in den
Geschlechterverhältnissen.
Obwohl Gewalt als gesellschaftlich geächtet gilt,31 ist gewalttätiges Handeln unter Jungen und (jungen)
Männern weitestgehend akzeptiert. Sie wird als ein selbstverständlicher Bestandteil männlicher
Sozialisation betrachtet und stellt in geregeltem Maße ein normatives Regulativ dar. Insofern besteht– trotz
öffentlicher Ächtungsbekundungen – eine weit verbreitete Akzeptanz gegenüber Gewalt als einer Art und
Weise des Einübens von Männlichkeit (doing masculinity), wenn sie in Form der ernsten Spiele des
Wettbewerbs auftritt wie in aggressiven Sportspielen oder auch Schulhofraufereien.32
„Gewalt ist in dieser Dimension eine durchaus nicht immer verpönte Form der Einübung von Männlichkeit.
[…] Gewalt kann sogar ein Modus von Anerkennung und ein Mechanismus der Integration in eine
Gemeinschaft sein.“33 Männliche Gewalt ist dabei einerseits eng verbunden mit der gegenseitigen
Anerkennung als Männer und beinhaltet zugleich die Funktion der Hierarchisierung sowie möglicherweise
der Abwertung als unmännlich. Jungen und junge Männer, die aufgrund anderer sozialer Kategorien
gesellschaftlich ausgegrenzt sind, können versuchen, ihre ungünstigeren Ausgangsbedingungen über
Männlichkeitsbeweise zu kompensieren. Diese Beweise nehmen oftmals auch gewalttätige Formen an.
Gleichzeitig führt eine solche Hypermaskulinität, die es eben nicht vermag, sachkundig mit den Grenzen zu
spielen, tendenziell eher zu Abwertung durch Gleichaltrige,34 die das Spiel mit Humor und Ironisierung
deutlich mehr schätzen als die Anwendung physischer Gewalt. Zudem geht Hypermaskulinität einher mit
einer Einschränkung der Zukunftschancen durch eine Kumulation von (Vor-)Strafen und Verzicht auf durch
Bildung zu erlangende Titel und Kompetenzen; sie trägt so zu einer Reproduktion nachteiliger sozialer
Positionierungen bei. Dennoch mag sie einigen Jungen und Männern als das geringere Übel gegenüber der
Aberkennung von Männlichkeit und dem damit einhergehenden Verlust von Souveränität und Respekt
erscheinen bzw. ihnen im Sinne von Habitus und amor fati als ungleich begehrenswerter sein. Männlichkeit
wird so zu einer letzten Ressource.35
Interessant wäre es in diesem Zusammenhang zu untersuchen, ob rechtsextreme Lebenswelten
gewissermaßen zu einem Auffangbecken für Jungen bzw. Männer werden, die hier einen Ort der
unhinterfragten Akzeptanz für hypermaskuline Inszenierungen sehen, mit denen sie bei anderen
Gleichaltrigen scheitern.
In rechten Lebenswelten sind Männlichkeiten normativ, die von Härte, körperlicher Stärke und
Überlegenheit gekennzeichnet sind. Gewalt spielt nach innen und außen bei der Herausbildung von
Männlichkeit und der Gemeinschaftsbildung (Kameradschaft) eine normative Rolle. Bei Nicht-Entsprechung
(der Gewaltnorm) droht die Aberkennung von Männlichkeit, was die Einzelnen wiederum unter Druck setzt,
31
Vgl. kritisch hierzu Mart Busche/Olaf Stuve, Gewaltprävention und Intersektionalität in der Bundesrepublik
Deutschland – Ein Überblick, 2007, http://dissens.de/isgp/texte.php (14. 2. 2011).
32
Mit der These der Feminisierung der Schule ist häufig die Forderung verbunden, Bewegungsräume speziell für
Jungen zu schaffen, in denen diese sich austoben und auch mal raufen können sollen. Diese Position läuft auf eine
Zuspitzung der ernsten Spiele des Wettbewerbs hinaus, in denen kompetitive und gewaltvolle Männlichkeit
konstruiert wird, wenn Toberäume nicht für Mädchen und Jungen gleichermaßen zugänglich und deren Nicht-Nutzung
als gleichermaßen legitim etabliert und das Geschehen in den Räumen pädagogisch eingebettet wird – sowohl in das
Lustvolle des fairen Kräftemessens und Austobens als auch in eine Sensibilisierung für Grenzen – der eigenen und der
anderer. So, wie die Debatte zur Zeit geführt wird, wird Jungen suggeriert, wer nicht toben und raufen will, sei kein
richtiger Junge und Mädchen wird nahegelegt, dass ein „richtiges Mädchen“ mit diesem bewegungsarmen
Schulsystem zufrieden und in ihm erfolgreich ist.
33
Meuser, Männliche Sozialisation.
34
Vgl. Ann Phoenix/Stephen Frosh, Hegemoniale Männlichkeit, Männlichkeitsvorstellungen und –ideale in der
Adoleszenz. Londoner Schüler zum Thema Identität, in: Vera King/Karin Flaake (Hrsg.), Männliche Sozialisation,
Frankfurt a. M./New York 2005, S. 19–35.
35
Mechtild Bereswill, Undurchsichtige Verhältnisse: Marginalisierung und Geschlecht im Kontext der
Männlichkeitsforschung, in: Cornelia Klinger/Gudrun-Axeli Knapp/Birgit Sauer (Hrsg.), Achsen der Ungleichheit. Zum
Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität, Frankfurt a. M. 2007, S. 84–99.
7
Schmerzgrenzen und die Akzeptanz anderer persönlicher Grenzziehungen bei sich selbst und anderen zu
verlernen und damit die Fähigkeit zur Grenzüberschreitung zu trainieren.
Ziele der Gewalt nach außen können Frauen sein, die sexistisch abgewertet werden, Schwule, aber auch
andere Männer, die aufgrund gesellschaftlicher z. B. rassistischer Kategorisierungen zu „Anderen“ werden.
Dabei können sich beispielsweise Sexismus und Rassismus verbinden. So ist es in rechten Gruppierungen
ein beliebtes Motiv, dass die „deutschen Frauen“ vor den „ausländischen Männern“ beschützt werden
müssten. Dieser Projektion des eigenen Sexismus kommt vor dem Hintergrund der in rechtsextremen
Kreisen auffällig hohen körperlichen und sexuellen Gewalt gegen szeneangehörige Frauen unseres
Erachtens eine Doppelfunktion zu: Einerseits dient sie der Entlastung szeneinterner
Geschlechterauseinandersetzungen und der Regulation der „eigenen“ Frauen und andererseits funktioniert
sie hervorragend, rassistische Feindbilder und Paranoia zu verstärken.
Gewalt scheint für männliche Jugendliche innerhalb rechtsextremer Lebenswelten attraktiv, weil sie
Voraussetzungslosigkeit und Selbstverständlichkeit vermittelt: Männlichkeit wird durch körperliche Stärke
und Härte erlangt, man(n) scheint nichts weiter dafür lernen zu müssen, sie wird von allen verstanden und
sie verspricht unmittelbare Wirksamkeit. Auf diese Weise scheint Männlichkeit wieder der
Selbstverständlichkeit traditioneller Männlichkeitsvorstellungen nahe zu kommen. Hier ist also eine
gegenseitige ideologische Verstärkung rechtsextremer Allmachtsfantasien mit traditionellen
Männlichkeitsvorstellungen zu beschreiben. Insbesondere bei geringerem Zugang zu Bildung bzw. der
Verweigerung derselben bietet Gewalt zudem die Möglichkeit, sich von bürgerlichen bzw. intellektuellen
Männlichkeiten abzugrenzen, diese als effeminiert abzuwerten und die eigene Position innerhalb der
Binnenrelationen von Männlichkeiten darüber zu verbessern, dass Männlichkeit über körperliche Stärke
und die Fähigkeit zur Gewaltausübung fundiert wird und weniger beispielsweise über beruflichen Erfolg.
Hier findet also auch die Abgrenzung einer feldspezifisch normativen Männlichkeit von zumindest einer
Wertsetzung hegemonialer Männlichkeit statt. Außerdem ermöglicht Gewalt im Sinne der ernsten Spiele
des Wettbewerbs Nähe und Gemeinschaftlichkeit unter Männern, ohne in den Geruch des Unmännlichen
und damit in die Gefahr der Abwertung zu geraten.
Anhand der Rekonstruktion einer Mordnacht, in der ein junger Mann von drei anderen jungen Männern zu
Tode gequält wurde, haben Kohlstruck/Münch36 die schreckliche Verbindung von gewaltvollen
Männlichkeitsbeweisen und rechtsextremen Haltungen herausgearbeitet. Sie zeigen darin auf, wie „ganz
normale männliche Sauf- und Gewaltrituale“ im ländlichen Umfeld den Tätern Anknüpfungspunkte dafür
lieferten, das Opfer über den Zwang zum übermäßigen Alkoholkonsum in Verbindung mit EntMännlichungen und antisemitischen Verdinglichungen schlussendlich zu Tode zu quälen. Wenn
Kohlstruck/Münch das ländliche Umfeld der Täter als von (scheinbar sinnlosen) Prügeleien zwischen jungen
Männern an Wochenenden und Trinkritualen gekennzeichnet beschreiben, dann sind dies die
offensichtlichsten Männlichkeitspraxen, die Männlichkeit auf eine gesellschaftlich anerkannte Art mit
Gewalt verknüpfen.37 Es bleibt Kohlstruck/Münch vorbehalten, warum sie es für verkehrt halten, diese
Mordtat als rechtsextrem motiviert einzustufen, scheint doch gerade der Zusammenhang von
rechtsextremen Haltungen, Männlichkeit und Gewalt eine der Mahnungen zu sein, die aus der Mordnacht
von Potzlow zu ziehen sind.38 Gerade die gesellschaftliche Anerkennung von Männlichkeitspraxen
normalisiert gewalttätige Handlungsweisen, lässt junge Männer die dafür notwendige Fähigkeit zur
Überschreitung eigener und fremder Grenzen einüben und stellt somit die psychische, körperliche und
ideologische Grundlage der von Kohlstruck und Münch betonten gespenstischen Normalität der von ihnen
rekonstruierten Mordtat. Daher muss ein geschlechterreflektierender präventiver Ansatz gerade an der
36
Michael Kohlstruck/Verena Münch, Hypermaskuline Szene und fremdenfeindliche Gewalt. Der Fall Schöberl, in:
Andreas Klärner/Michael Kohlstruck, Moderner Rechtsextremismus in Deutschland, Bonn 2006, S. 302–336.
37
Der Skandal um soldatische Rituale in Mittenwalde unterstreicht ebenso die Aktualität gewalttätiger
Herstellungsformen von Männlichkeit in homosozialen Männergruppen, die auf Härte, Kampf und Kameradschaft
ausgerichtet sind. Wie unter anderem in der Süddeutschen Zeitung berichtet, finden unter Soldaten „entwürdigende
Mutproben und Aufnahmerituale“ statt, in denen die Einzelnen dazu gezwungen werden bis zum Erbrechen Alkohol
zu trinken und rohe Leber zu essen. Vgl. Süddeutsche Zeitung, 9. 2. 2010; vgl. auch Rolf Pohl, in: die tageszeitung, 18.
3. 2010.
38
Kohlstruck/Münch differenzieren mit ihrer Analyse des Tathergangs sinnvoll zwischen rechtsextremen und
maskulinen Szenen. Hinsichtlich der Bewertung wird diese Unterscheidung jedoch problematisch: Gerade die
Verzahntheit der beiden Ebenen müsste beleuchtet werden.
8
Schnittstelle zwischen Männlichkeit und rechtsextremen Ideologien und Praktiken ansetzen. Aus der
allgemeinen Akzeptanz gewalthaltiger Männlichkeit und rassistischer oder anderer abwertender Ideologien
können Täter andernfalls ein Selbstbild ziehen, das ihren Handlungen Legitimität verleiht, indem sie sich als
die radikalen Vollstrecker dessen gerieren, was andere denken aber aufgrund von Unmännlichkeit nicht in
die Tat umsetzen würden.
Für eine weitere Ausarbeitung präventiver Ansätze wäre eine intersektionale Untersuchung
vielversprechend, die danach fragt, wie rechte Lebenswelten für unterschiedliche Personen je nach sozialer
und geografischer Positionierung, Geschlecht und anderen Zugehörigkeiten attraktiv werden können und
worin dann die je spezifische Attraktivität besteht. Gleichzeitig wäre zu fragen, welche Faktoren die
Etablierung rechtsextremer Männlichkeiten als feldspezifisch normative Männlichkeiten über eine
organisierte Szene hinaus begünstigen bzw. verhindern.
Geschlechterreflektierende Arbeit mit Jungen als Prävention rechtsextremer Einstellungen und
Handlungsmuster
Wie in Abschnitt 1 angekündigt, ist eine geschlechterreflektierende Pädagogik als eine Erweiterung
bestehender Präventionsstrategien zu verstehen. Erfahrungen aus der Rechtsextremismusprävention, wie
beispielsweise die Abkehr von akzeptierender Sozial- und Jugendarbeit, behalten weiterhin ihre Gültigkeit.
So ist hier von Prävention in dem Sinne die Rede, als dass Gruppen von Kindern, Jugendlichen und jungen
Erwachsenen adressiert sind, die nicht zu den ideologisch überzeugten, „harten Kernen“ rechtsextremer
Organisationen, Parteien oder Netzwerke gehören. Jugendliche, die sich von rechtsextremen Lebenswelten
angezogen fühlen, werden jedoch durchaus angesprochen. Ihnen wird allerdings nicht mit Verständnis
begegnet, vielmehr wird aus einer klaren politischen39 und menschenrechtsbezogenen Positionierung
jeglichen Formen diskriminierenden Verhaltens entgegengetreten. Verstehen hat nichts mit Verständnis zu
tun. Verstehen ist eine kritische Auseinandersetzung, in der das Zustandekommen, die Funktionsweise, die
Dynamiken und auch relativen Zwangslagen diskriminierender Einstellungen und Handlungsweisen
einerseits analytisch nachvollzogen werden und ihnen andererseits immer wieder von neuem klar
entgegengetreten wird. Dies setzt eine (analytische und politische) Klarheit auf Seiten der Pädagog_innen
voraus.
Wie weiter oben ausgeführt, ist Männlichkeit zum einen als Versprechen auf eine dominante Position im
Geschlechterverhältnis, zum anderen auch als Anforderung an die Einzelnen (überlegen sein zu sollen)
anzusehen. Jungen sind Akteure, die untereinander geschlechtliche Anforderungen aufstellen, sie sind
zugleich aber auch geschlechtlichen Anforderungen (aus dem System der Zweigeschlechtlichkeit)
ausgesetzt. Aus einer Perspektive, die Selbstbestimmung, Vielfalt und individuelle Freiheit wertschätzt, sind
sie immer auch Opfer dieser Anforderungen. Mit einer identitätsstiftenden oder –erzwingenden Pädagogik
gerät diese Ambivalenz aus dem Blick und kann daher keinen Ansatz der geschlechterreflektierenden Arbeit
darstellen. Um es deutlich zu sagen: Es geht keineswegs darum, einzelnen Personen ihre
Geschlechtsidentität zu nehmen. Es ist kein Problem, wenn Menschen eine geschlechtliche Identität haben
oder auch suchen; Jugendlichen kann sie unter Umständen Sicherheit vermitteln. Allerdings ist es sehr wohl
ein Problem, wenn Pädagogik die Widersprüchlichkeiten, in denen Identitäten herausgebildet werden, mit
einer einfachen Metaphorik von Einheitlichkeit, Eindeutigkeit oder gar Natürlichkeit essentialisiert und
normalisiert und dabei verkennt, dass gerade der Druck, eindeutige Identitäten herausbilden zu sollen und
zu wollen, bei vielen Kindern und Jugendlichen zu Verunsicherung und selbstschädigendem Verhalten führt.
Kinder und Jugendliche sind durchaus in der Lage, unterschiedliche Anforderungen zu bedienen. Sie
machen es sowieso in ihrem Alltag, worin sie sehr unterschiedliche Geschlechter-Inszenierungen an den
Tag legen können. Es ist oftmals das Umfeld – und nicht zuletzt pädagogische Institutionen – durch welches
die Einzelnen zu Vereindeutigungen gedrängt werden. Pädagogik hat die Aufgabe, Freiräume zu schaffen, in
denen Individuen sich nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen weitgehend ohne Druck entwickeln
können, in denen die Einzelnen ohne Angst „anders sein“ können, sowie Reflexionsräume, in denen eine
39
Mit politischer Positionierung sind weder parteipolitische Argumentationen noch eine Indoktrinierung von
Jugendlichen gemeint. Vielmehr geht es im Sinne der Ziele pädagogischen Handelns um eine Orientierung an
emanzipatorischen Werten, um Bildung zum Subjekt sowie um eine Auseinandersetzung mit und die Vermittlung von
Wissen um gesellschaftlich komplexe Fragestellungen wie z. B. Gerechtigkeit, sozioökonomische Ungleichheiten,
Rassismus und Antisemitismus, Prozesse der Herstellung von Machtasymmetrien, Ausgrenzung und Diskriminierung.
9
Auseinandersetzung über die Kosten vereindeutigender oder misslingender Identifizierungsbemühungen
möglich wird. Darin werden männliche, weibliche und andere geschlechtliche Identifikationen möglich.
Voraussetzung dazu sind diskriminierungsfreiere Umgangsweisen mit geschlechtlichen und sexuellen
Inszenierungen, nicht zuletzt von Seiten der Pädagog_innen.
Ganz im Sinne einer subjekt- und lebensweltorientierten Pädagogik sollte sich eine
geschlechterreflektierende Jungenarbeit an den Lebenswirklichkeiten der Kinder und Jugendlichen
orientieren und darin das Ziel der Geschlechtergleichstellung verfolgen. Dabei kann es durchaus produktiv
sein, wenn Konflikte zwischen den Beteiligten auftauchen. Das Thema findet hier besondere Erwähnung, da
in der Jungenarbeit häufig Konflikte mit dem Hinweis vermieden werden, dass Jungen die Angebote sonst
ablehnen würden. Solch eine Schonhaltung ist jedoch aus pädagogischer Perspektive wenig zielführend.
Eine geschlechterreflektierende Pädagogik kann diesbezüglich auch von den Erfahrungen der politisch und
menschenrechtlich positionierten Rechtsextremismusprävention lernen. Nicht zuletzt der Umstand, dass
Aussteiger aus organisierten Nazi-Strukturen sich an kritische Stimmen erinnern und sich an diese zwecks
Vorbereitung ihres Ausstiegs wenden, zeigt, dass eine Konfliktkultur ein wichtiger Bestandteil in der
Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus darstellt. Auseinandersetzungen sollten eingegangen und
nicht vermieden werden. Weder ein Rückzug von Pädagog_innen noch Opportunismus oder die Sehnsucht
nach der Zuneigung bzw. Gunst der Zielgruppe sind hilfreiche Ratgeber für einen
geschlechterreflektierenden Ansatz der Rechtsextremismusprävention, in denen Individuen sich nach ihren
eigenen Wünschen und Vorstellungen weitgehend ohne Druck entwickeln können. Vielmehr sind
themenspezifisch fundierte Kenntnisse, Offenheit, Zugewandtheit bei gleichzeitiger Fähigkeit zu
Grenzziehungen, ein differenziertes Eingehen auf die Unterschiedlichkeit der Einzelnen und klare politische
und menschenrechtliche Haltungen für Geschlechtergerechtigkeit sowie gegen rechtsextreme
Einstellungen positive Eckpfeiler.
Im Folgenden sollen einige Grundlagen und Kriterien einer geschlechterreflektierenden Jungenarbeit
benannt werden.40
1. Unterschiedliche Lebenslagen von Jungen beeinflussen die Praxis einer geschlechterreflektierenden
Jungenarbeit. Zu den wichtigsten Faktoren zählen unterschiedliche soziale Lagen von Jungen sowie die
familiäre Herkunft, die sexuelle Orientierung von Jungen, ethno-natio-kulturelle Zugehörigkeit, aber auch
Peer-Kulturen. Durch die Einbeziehung solcher Aspekte kann Jungenarbeit gerade bei den wichtigen
Themenfeldern Dominanz, Diskriminierung und Benachteiligung den vielfältigen Lebenslagen von Kindern
und Jugendlichen besser gerecht werden. Dabei muss stets aufs Neue hingeschaut werden, wie die Kinder
und Jugendlichen konkret mit scheinbar objektiven Zugehörigkeiten umgehen; Kulturalisierungen und
ähnliche essentialisierende Annahmen sind von Seiten der Pädagog_innen zu vermeiden.
2. Die Lebenswirklichkeiten der Kinder und Jugendlichen stellen die Ausgangspunkte für
Auseinandersetzungen über Geschlechtervorstellungen und -perspektiven dar. Männlichkeit ist dabei nicht
vorauszusetzen, sondern stets aus dem konkreten Kontext zu rekonstruieren. Es geht darum, mit Jungen
(und Mädchen) deren individuelle Lebensvorstellungen zu thematisieren und mit den darin auftauchenden
Bedürfnissen, Interessen, Wünschen und Widersprüchen zu arbeiten. Begrenzungen und zugleich
Überforderungen von Männlichkeitsvorstellungen sollten aufgezeigt werden. Alternative
Lebenswirklichkeiten werden sichtbar gemacht.
3. Die Jungen gibt es nicht. Daher gibt es auch nicht das Angebot für die Jungen. Vielmehr geht es darum,
Homogenisierungen zu vermeiden. Wenn Pädagog_innen von den Bedürfnissen der Jungen sprechen, ist
mit dieser homogenisierenden Zuschreibung schon etwas schief gelaufen. Oft schreibt sie nur die
Interessen einer dominierenden Mehrheit oder auch Minderheit unter den Jungen fest und stellt damit
nicht zuletzt Gewalt gegenüber den Jungen dar, die diesem Stereotyp nicht entsprechen und denen
darüber suggeriert wird, sie seien kein „richtiger Junge“. Angebote, die an häufig behaupteten „natürlichen
Seiten“ von Männlichkeit anknüpfen, sind kontraproduktiv und stützen eher rechtsextreme Vorstellungen
40
Die Mehrzahl der folgenden Punkte ist in Anlehnung an die ersten Schritte zu einer veränderten
geschlechterreflektierenden Praxis der Jungenarbeit von Bernard Könnecke entstanden. Vgl. Bernard Könnecke,
Jungenarbeit konkret. Erste Schritte zu einer veränderten Praxis, in: Christine Klein/Günther Schatz (Hrsg.),
Jungenarbeit präventiv! Vorbeugung von sexueller Gewalt an Jungen und von Jungen, München 2010 (i. E.), S. 47–53,
eine Vorversion findet sich unter ders., Jungenarbeit! – Wie fange ich an? Erste Schritte zu einer veränderten Praxis, S.
66–72, http://www.boysday-berlin.de/download/Dokumentation.pdf (19. 10. 2012).
10
von Männlichkeit, als dass sie die Vielfältigkeit von männlichen, weiblichen und anders geschlechtlichen
Lebensentwürfen fördern und der bereits vorhandenen Vielfalt einer Gruppe gerecht würden.
4. Geschlechterreflektierende Jungenarbeit kann nicht auf das Setting „männlicher Pädagoge arbeitet mit
Jungen“ reduziert werden. Eine geschlechterreflektierende Jungenarbeit sollte von qualifizierten Menschen
jeden Geschlechts angeboten werden. Das verspricht eine interessante und vielseitige Auseinandersetzung
um Männlichkeiten und Geschlechter(verhältnisse). Der Inhalt von Jungenarbeit ist die kritische
Auseinandersetzung mit Männlichkeiten. Eine Jungengruppe für sich stellt noch keine Jungenarbeit dar, es
kommt darauf an, was dort geschieht. Für verschiedene Jungen bedarf es dafür je unterschiedlicher
Rahmen, in denen eher geschlechteruntypische Angebote und Interessen zu fördern sind.
Dementsprechend ist die Arbeit mit geschlechterstereotypen Angeboten aus den unter 3. beschriebenen
Gründen mit Vorsicht zu genießen. Das heißt nicht, dass Angebote generell nicht an typischen Interessen
anknüpfen können. Allerdings sollte darauf geachtet werden, welche Fraktion innerhalb der Gruppe ihre
Interessen gegenüber welchen anderen durchsetzt, und wem vielleicht nicht gerecht geworden bzw.
wessen Außenseiterposition zementiert wird. Außerdem sollte insbesondere bei geschlechterstereotypen
Angeboten auf Potenziale zu Umwertungen bzw. Regelverschiebungen geachtet werden, die den Ausstieg
aus traditionellen Männlichkeitsmustern ermöglichen. Alles in allem sollte bei der Gewichtung der
Aktivitäten im Blick behalten werden, dass geschlechterreflektierende Jungenarbeit nur dann eine solche
ist, wenn in ihr eine kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit stattfindet.
5. Beispielsweise sind Wünsche nach Freundschaft und Anerkennung aufzugreifen und mit den aggressiven
und ernsten Spielen des Wettbewerbs ins Verhältnis zu setzen. Jungenfreundschaften sind oft von der
Ambivalenz gekennzeichnet, dass die konkurrenten Beziehungen untereinander wie auch die in ihnen
entstehende Gemeinschaftlichkeit und Nähe als reizvoll erlebt werden. Andererseits wird in den
ernsthaften Spielen aber auch mit Ent-Männlichung durch die anderen gedroht, sie produzieren
Eigendynamiken, die von den Jungen teilweise als unangenehm und destruktiv aber unentrinnbar erlebt
werden. So beschreiben Jungen mitunter unglücklich, dass sie sich in größeren Jungengruppen bzw. im
Schulkontext anders verhalten als im kleinen Freundschaftsraum und sich so auch nicht mögen und selbst
nicht wissen, warum das immer wieder passiert. Häufig übergehen sie in diesen Dynamiken ihre eigenen
Grenzen; auch kommt es hier zu – nicht immer willkommenen – Verletzungen jeglicher Art und
strafrechtlicher Verfolgung. Dabei ist übermäßiger Alkoholkonsum immer noch einer der rituellen
Männlichkeitsbeweise, dem in rechten Lebenswelten zudem der Nimbus zukommt, besonders „deutsch“ zu
sein. Alkohol zu trinken wird dann vom Konsum anderer Drogen (zum Beispiel „Kiffen“) positiv abgegrenzt.
Die dahinter stehenden Wünsche sind als solche zu entschlüsseln bzw. wahrzunehmen; mit ihnen ist
differenziert umzugehen, indem zum Beispiel Wünsche nach Freundschaft und Anerkennung nicht über
eine Kritik an den Praxen delegitimiert werden, sondern die daraus entstehenden Dynamiken und
Ausgrenzungen besprochen werden und nach alternativen Handlungsoptionen gesucht wird, diese
Wünsche zu verwirklichen.
6. Eine geschlechterreflektierende Pädagogik stellt Kindern und Jugendlichen Räume zur Bewusstwerdung
und Aushandlung zur Verfügung. Pädagogik hat darin die Aufgabe, den Kindern und Jugendlichen Sicherheit
zu vermitteln, damit diese sich auf ambivalente Aushandlungen über geschlechtliche und sexuelle
Vorstellungen untereinander einlassen können. Dabei ist es zum einen wichtig, dass Pädagog_innen die
Verantwortung dafür übernehmen, dass Grenzverletzungen möglichst vermieden werden und ggf.
interveniert wird. Zum anderen ist ein Blick auf die Zeit jenseits des pädagogischen Settings zu werfen. Die
aufgebauten Vertrauensverhältnisse sollten eine Verfallszeit über das pädagogische Setting hinaus haben.
Eine Sicherheit zu simulieren, die Teilnehmer eines Angebots dazu animiert, Dinge preiszugeben, die nach
Beendigung des Angebots gegen sie verwendet werden, ruft geradezu Verletzungen unter den
Jugendlichen hervor. Eine vertrauensvolle Atmosphäre darf daher nicht einfach ausgerufen sondern muss
mit Geduld, Zeit und Erprobungsmöglichkeiten für die Jugendlichen aufgebaut werden. Die Angebote
müssen es dabei der Gruppe ermöglichen, sich und auch die Pädagog_innen auf eine andere Art
kennenzulernen als es in den Alltagsbezügen vielleicht möglich ist. Das beinhaltet auch die Möglichkeit,
eigene Themen auf den Tisch zu bringen.
7. Konflikte sind nötig und produktiv. Die Annahme, dass Jungen bei Konflikten aussteigen würden, ist erst
einmal ein Phantasma der Pädagog_innen. Es gilt: Konflikte riskieren! Geschlechterreflektierende
Jungenarbeit ist nicht unbedingt dann am erfolgreichsten, wenn alle alles gut finden. Die
Auseinandersetzung um Männlichkeitsvorstellungen führt immer auch zu Konflikten, und das ist auch gut
11
so. Das Einschreiten bei sexistischen, rassistischen, homophoben und anderen diskriminierenden Sprüchen
ist ein wesentlicher Bestandteil von Jungenarbeit und führt zu mitunter starken Konflikten, kann aber
nachhaltige Veränderungen initiieren, wenn die Grenzsetzungen überzeugend begründet werden. Darüber
hinaus signalisieren Pädagog_innen, die sich vom Widerstand der Kinder oder Jugendlichen nicht umwerfen
lassen, sie im Zweifelsfall zumindest während der gemeinsamen Zeit vor Angriffen aus der Gruppe schützen
zu können – eine wichtige Voraussetzung um Kinder und Jugendliche zu ermutigen, sich auch mit
Verhaltensweisen, Gedanken und Eigenschaften zu zeigen, die nicht den gruppenspezifischen Normen
entsprechen.
8. Geschlechterreflektierende Jungenarbeit kann klein anfangen. Es muss nicht gleich die regelmäßige
Jungengruppe mit konstanter Teilnehmerzahl oder die komplett gegenderte Einrichtung sein – kleine
Schritte können viel bewirken und bedeutsame Zeichen für Kinder und Jugendliche setzen. Die Benutzung
einer geschlechtergerechten Sprache etwa, die gleichberechtigte Verteilung von Zuständigkeiten im
pädagogischen Team sowie unter den Kindern und Jugendlichen, das Aufhängen inhaltlich unterstützender
Plakate, kleine Anmerkungen zu geschlechtsbezogenen Abwertungen, das Zeigen eines Films, in dem
traditionelle Geschlechterrollen kritisch verhandelt werden – all das sind Möglichkeiten, Veränderungen
innerhalb des bestehenden Alltags umzusetzen.
9. Eine geschlechterreflektierende Jungenarbeit sollte das Ziel verfolgen, bislang geschlechtstypisch
zugeordnete Eigenschaften, Verhaltensweisen und Tätigkeiten von der Zuordnung zu einem Geschlecht zu
lösen und damit vielfältige Handlungs- und Entwicklungsoptionen für alle aufzuzeigen. Themen können
dabei unter anderem sein: Vielfalt und Widersprüchlichkeit von Gefühlen, Eigensinn, Haushaltstätigkeiten,
Fürsorge für andere oder Hobbies, die den feldspezifischen Männlichkeitsstereotypien nicht entsprechen.
10. Problematisches Verhalten von Kindern und Jugendlichen, das entweder gegen die eigene Person oder
gegen andere gerichtet wird und in seinem Ausdruck geschlechtsbezogene Tendenzen aufweist, gründet
nicht selten auf Erfahrungen von Ohnmacht und/oder Benachteiligung. Ein wichtiger Bestandteil
geschlechterreflektierender Pädagogik ist daher das Erarbeiten alternativer Formen von
Interessenvertretung und Selbstkonzepten, die ohne Abwertungen und Gewalt auskommen. Hier sollte
nicht zuletzt eine Auseinandersetzung über Zusammenleben und Gesellschaft stattfinden, die auch genauer
den Blick darauf lenkt, wo diffuses Unwohlsein, Aggressionen und eingeschränkte Chancen herkommen
und was das für die Reaktionen auf diese Zustände heißen könnte. In diesen Prozess kann die
Auseinandersetzung mit der Destruktivität von Männlichkeitsvorstellungen und -dynamiken eingebettet
werden und die Suche nach bzw. die Erarbeitung von Alternativen.
Voraussetzungen zur Machbarkeit einer geschlechterreflektierenden Rechtsextremismusprävention
Eine geschlechterreflektierende Arbeit ist anforderungsreich für pädagogisch Tätige und lässt nicht selten
ein Gefühl von Überforderung aufkommen. Bisweilen schwierig auszuhalten ist beispielsweise das
Spannungsfeld zwischen Zugewandtheit und Offenheit als notwendige Voraussetzung vertrauensvoller
Arbeit einerseits und professioneller Distanz andererseits, die es unter anderem vermeidet, die eigenen
Wünsche nach Anerkennung und Bestätigung nicht zuletzt auf die Wortführer einer Jungengruppe zu
richten.
Hierbei braucht es zum einen eine fortwährende Reflexion der eigenen Befindlichkeit und Wünsche und
nicht zuletzt der eigenen Jugendgeschichte. Fragen41 hierbei könnten sein:
Von wem will ich gemocht werden, vor wem habe ich Angst, um wen bin ich besorgt?
Wer stresst mich am meisten und wie reagiere ich darauf? Versuche ich, es denen Recht zu machen, um
Stress zu vermeiden?
War ich Außenseiter bzw. Außenseiterin und bin deshalb entweder distanzlos solidarisch mit randständigen
Jungen meiner Gruppe, versuche nachträglich die Anerkennung derer zu bekommen, die sie mir früher
verweigert hätten oder habe Angst vor der Rebellion der „starken“ Jungen?
Bin ich als Junge immer gut „durchgerutscht“ und habe deshalb vielleicht auch weniger einen Blick für die
Gewalthaltigkeit von Männlichkeitsdynamiken?
41
Diese Fragen sind zum Teil übernommen und zum Teil inspiriert von Mart Busche, It’s a men’s world? Jungen_arbeit
aus nichtmännlicher Perspektive, in: Mart Busche u. a. (Hrsg.), Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Zur
Aktualität einer bildungspolitischen Praxis, Bielefeld 2010, S. 201–220.
12
Bin ich als Junge oder Mädchen vielleicht an Männlichkeitsvorstellungen gescheitert und bewundere sie
deshalb bei heutigen Jungen oder werte sie in einer Weise ab, in der ich die Bedürfnisse und Nöte der
Jungen nicht mehr wahrnehmen kann?
Bevorzuge ich die Jungen, die ich als Mädchen oder Junge bewundert oder begehrt hätte oder bin ich
denen gegenüber besonders kritisch, um mich ihrem Charme zu entziehen?
Wie versuche ich in der pädagogischen Arbeit Spaß herzustellen und was hat das mit meinen eigenen
Erfahrungen und Geschlechterstereotypen zu tun? Orientiere ich mich dabei unabhängig von meinem
eigenen Geschlecht an traditionell männlichen Formen der Herstellung von Spaß wie Konkurrenz,
Sprüchen, Sexualisierungen? Wie kann es mir gelingen, verschiedene Formen, Spaß zu haben,
gleichberechtigt nebeneinander zu stellen? Welche pädagogischen Angebote bzw. Vorgehensweisen
machen Spaß, ohne Ausschlüsse beispielsweise wegen mangelnder Schlagfertigkeit zu reproduzieren? Wie
ist es möglich, dabei Räume zu schaffen, in denen Teilnehmende Verletzungen und Diskriminierungen
problematisieren können, ohne Sanktionen durch Abwertungen wie „Spaßbremse“ oder einen Anti-p.c.Diskurs zu erleiden?
Diese und viele andere Fragen sollten zur Beobachtung mitlaufen – in ihnen stecken neben Warnsignalen
immer auch Potenziale, die für die Arbeit fruchtbar gemacht werden können. Ein Aufrufen persönlicher
Erfahrungen ist in der Arbeit mit Jugendlichen quasi nicht zu verhindern. Das Bewusstsein über eigene
Betroffenheiten sollte allerdings nicht Handeln verhindern sondern die Wahrnehmung schärfen und damit
das Handlungsrepertoire erweitern. Hilfreich bzw. fast unabdingbar ist dafür die unterstützende und
wertschätzende Zusammenarbeit in einem Team. Hier kann die gegenseitige Reflexion und
Handlungsfähigkeit gestärkt werden, kann mit Überforderungen und Zweifeln umgegangen werden, kann
eine motivierende Dynamik entfacht werden, die nicht die Zustimmung der Jungen braucht, können
unbefriedigende Situationen noch mal durchgesprochen und schöne Ideen in die Tat umgesetzt werden,
kann aufgefangen und Anerkennung ausgesprochen werden. Um dies zu ermöglichen, ist eine
fehlerfreundliche Atmosphäre nötig, in der eine Vielfalt unterschiedlicher Methoden und Umgangsweisen
mit schwierigen Situationen kontinuierlich erweitert wird.
Um eine solche Atmosphäre herzustellen, bedarf es nicht zuletzt der Anerkennung und Unterstützung
durch übergeordnete Strukturen wie beispielsweise die Einrichtungsleitung sowie materieller wie zeitlicher
Ressourcen. Ein nicht geringer Teil hervorragender pädagogischer Arbeit, die diese Qualität nur durch die
hohe Reflexionsbereitschaft der Pädagog_innen erreicht, findet derzeit auf dem Rücken derselben statt, da
von Geldgebenden die Zeit für Reflexion, Teambildung und -auseinandersetzungen sowie Fortbildung in der
Regel nicht als integraler Bestandteil pädagogischer Arbeit mitfinanziert wird. Dass in einem Kontext, der
geschlechtsbezogene Hierarchien problematisieren und abbauen soll, genau diese durch die geringe
Bewertung und Ausstattung (weiblich konnotierter) pädagogischer Arbeit sowie durch die Aufforderung zu
idealistischer Selbstausbeutung reproduziert werden, stellt ein Paradoxon dar, das der Arbeit nicht gerade
förderlich ist. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Arbeitsbedingungen sollte daher bei allem
Engagement für die Kinder bzw. Jugendlichen nicht ausgeblendet werden.
Fazit
Geschlechter- und darin enthaltene Männlichkeitsvorstellungen spielen in der Konstituierung
rechtsextremer Lebenswelten in Verbindung mit anderen Über- und Unterlegenheitsvorstellungen eine
bedeutende Rolle. Empirische Untersuchungen über die Rolle der Männlichkeitsvorstellungen für die
Orientierung junger Männer an rechten Lebenswelten insbesondere auch in der Überschneidung mit
anderen gesellschaftlichen Positionierungen wären hilfreich für eine genauere Betrachtung. Gewalt als
Modus der Herstellung von Männlichkeit und das Versprechen der Wiederherstellung selbstverständlicher
männlicher Überlegenheitsvorstellungen spielen eine zentrale Rolle in der Attraktivität rechter
Lebenswelten für junge Männer, so eine Vermutung. Dabei kann rechtsextreme Gewalt an eine allgemein
akzeptierte Form der Gewalt als Regulativ männlicher Sozialisation anknüpfen. Genauer zu untersuchen
wäre die Frage, inwieweit junge Männer extrem rechte Lebenswelten aufsuchen bzw. Handlungsweisen
und Ideologien als Bewältigungsmechanismus für Problemlagen entwickeln, die aus Binnenrelationen von
Männlichkeit entstehen. Hierbei wäre es produktiv, die eventuellen handlungsleitenden Nöte der
Jugendlichen zu analysieren, ohne sie damit zu entschuldigen, da auch immer andere Bewältigungen bzw.
Reaktionen möglich wären und Männlichkeit immer gleichermaßen eine Zwangslage und ein Versprechen
darstellt.
13
Eine intersektionale Analyse der Faktoren, die für einzelne Jungen bzw. junge Männer rechtsextreme
Lebenswelten attraktiv machen und derjenigen Faktoren, die eine Etablierung rechtsextremer
Männlichkeiten als feldspezifisch normative Männlichkeiten begünstigen, wäre ebenso weiterführend wie
eine Analyse von Resilienzfaktoren, die solche Entwicklungen eher unwahrscheinlich machen.
Ein geschlechterreflektierender Ansatz der Rechtsextremismusprävention richtet sich nicht an organisierte
Rechtsextreme, sehr wohl aber an Jugendliche, die bereits in Kontakt mit rechtsextremen Lebenswelten
sind. Hier werden Ambivalenzen rechtsextremer Versprechungen bezüglich Geschlechter- und
Männlichkeitsvorstellungen aufgegriffen: Erlebte wie selbst ausgeübte Gewalt, die Anforderung zur
Überlegenheit und die Versprechen von Überlegenheit stellen dabei zentrale Aspekte der
Auseinandersetzung dar; außerdem werden Wünsche nach Freundschaft und Zusammenhalt mit den
brutalen Hierarchisierungen in rechtsextremer Kameradschaft ins Verhältnis gesetzt. Verstehen der Nöte
und Wünsche der Jugendlichen ist nicht gleichzusetzen mit falscher Toleranz oder dem Wunsch, um jeden
Preis die Anerkennung und Zuneigung der Zielgruppe zu erlangen. Aufgabe von Pädagogik ist es hier,
geschützte Räume zur Entwicklung alternativer Umgangsweisen, Handlungsformen und Ausstiegsoptionen
aus rechtsextremen und anderweitig gewalttätigen bzw. diskriminierenden Ideologien und Lebenswelten
bereit zu stellen und die Jugendlichen hierbei zu begleiten und Impulse zu setzen.
Selbstverständlich werden Prinzipien der Rechtsextremismusprävention weiter verfolgt, die eine eindeutige
politische und menschenrechtsorientierte Positionierung von Pädagog_innen gegen rassistische,
antisemitische, nationalistische und nicht zuletzt sexistische und homophobe Diskriminierung erfordern.
14
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