„Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums“(Gaudium et spes 4

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„Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums“(Gaudium et spes 4)
Predigtreihe im Advent in St. Joseph, München
Allgemeines Thema der Reihe: Eine pilgernde Kirche – Wir sind auf dem Weg
Prediger: Pater Moses Asaah Awinongya SVD
Erster Adventssonntag – 27.11.2011
Thema: Auf dem Weg – der Blick zurück
Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte diese Predigtreihe mit einer kleinen Geschichte
beginnen. Ich will Sie nicht mit der Geschichte des Zweiten Vatikanums belästigen und will
auch keine Dogmatikstunde oder -Vorlesung halten. Wir wollen manche Texte aus den
Dokumenten des Zweiten Vatikanums näher betrachten mit der Voraussetzung, dass es
uns nicht egal ist, was in der Kirche passiert und, dass wir als einzelne Christen und als
Gemeinschaft unsere Berufung und unseren Glauben ernst nehmen. Und weiter: Berufung
und Berufen zu werden weisen daraufhin, dass es einen Berufenden (Gott) und einen Berufenen (den Menschen) gibt. Da ist es gut zu fragen, was das Ziel des Berufens oder der
Auserwählung ist? Wie steht der Mensch zu seinem Gott, der ihn berufen hat, und wie
wird er seinem Auftrag gerecht, das Leben zu fördern?
Mit diesen Fragen als Hintergrund erzähle ich Ihnen nun die Geschichte von der Rettungsstation. Manche von Ihnen kennen sie vielleicht.
„An einer gefährlichen Küste befand sich vor Zeiten eine kleine armselige Rettungsstation.
Die Küste war schon vielen Schiffen zum Verhängnis geworden. Deshalb hatte sich eine
handvoll Freiwilliger hier eine kleine Hütte gebaut, um den Wachdienst zu versehen. Zu
dieser Rettungsstation gehörte nur ein einziges Boot. Mit diesem wagte sich die kleine
mutige Mannschaft immer wieder, bei Tag und bei Nacht, auf das Meer hinaus, um die
Schiffbrüchigen zu retten. Es dauerte nicht lange, bis dieser kleine Stützpunkt überall bekannt wurde. Viele der Erretteten und auch andere Leute aus der Umgebung waren gern
bereit, die armselige Station mit Geld zu unterstützen. Die Zahl der Gönner wuchs. So
konnte man sich neue Boote kaufen und neue Mannschaften schulen. Mit der Zeit gefiel
den Gönnern die kleine ärmliche Hütte nicht mehr. Man baute die Rettungsstation zu einem sehr schönen Aufenthaltsort um, und sie diente den Männern als Clubhaus, in dem
man gesellig beieinander sein konnte. Gleichzeitig waren jedoch weniger Freiwillige bereit,
mit auf Bergungsfahrt zu gehen. Die Station war von ihrem ursprünglichen Ziel und von
ihrer ursprünglichen Vision abgekommen. Bei der nächsten Versammlung wurde dies zum
Thema. Nach einer Diskussion und Unstimmigkeit wurde es jenen die an den Ursprung
und an die eigentliche Aufgabe der einstigen Rettungsstation erinnerten, schonungslos
gesagt, sie könnten ja auch woanders ihre eigene Rettungsstation (nach altem Muster)
aufmachen, wenn ihnen das Leben der Schiffbrüchigen so wichtig sei. Das taten sie dann
auch. Doch die Entwicklung nahm ihren Lauf und die zweite Station war bald wie die erste,
und die dritte und die vierte auch. Clubhaus reihte sich an Clubhaus, von Rettungsstation
war nicht mehr die Rede.
Wir können uns vorstellen, wie die Küste heute aussieht und was mit Schiffbrüchigen passiert.
Aus dieser Geschichte können wir einige wichtige Punkte herausholen: Einsatz fürs Leben, Nachdenken sowohl über die eigene Berufung als auch über die der Gemeinschaft.
Zusammengefasst: Es geht um das Erkennen der Zeichen der Zeit und das Ergreifen der
richtigen Maßnahmen. Wir reden von der Umgestaltung des sozialen und kulturellen Umfelds, das sich auf das religiöse Leben auswirkt. Was sollen wir da als Kirche tun? Freiheit
ist in aller Munde, und trotzdem entstehen neue Formen gesellschaftlicher und psychischer Knechtung. Man redet von Einheit und von einer globalen Welt, zugleich wird die
Welt von verschiedenen widerstreitenden Kräften zerrissen. Wäre es hier nicht unsere
Aufgabe, Rettungsstation zu sein?
In der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt „Gaudium et Spes“ Nr. 1 heißt es:
„Die Gemeinschaft der Kirche „erfährt sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden“. Es ist ihr also nicht egal, was mit der Menschheit passiert, denn
die Welt ist der Schauplatz der Menschheitsgeschichte. Sie fühlt sich verpflichtet, eine
Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu geben. Trotz der Entwicklung und
wissenschaftlichen Fortschritte in unserer Welt, bleibt die Frage nach dem Sinn des Lebens immer noch aktuell, und zwar sowohl individuell wie auch kollektiv, also für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft. Die Frage nach dem Wohin kommt auf, nach dem Ziel
unserer Pilgerschaft. Es geht um den Aufbau der menschlichen Gesellschaft, die geprägt
ist von einem geschwisterlichen Umgang miteinander. Ja, wir haben Gott als Ziel und sind
auf dem Weg, auf Pilgerschaft zu ihm. Weiß Gott überhaupt wie es uns geht und kümmert
er sich darum?
Der Prophet Jesaja lässt das Volk Gottes (Israel) seine Situation in einem Gebet ausdrücken. Es ist eine Situation, die von „Wohl und Wehe, von Gut und Böse spricht, auch von
menschlicher Wärme und sozialer Kälte, vom Menschen als Ebenbild Gottes und von
Menschen, die sich von Gott fernhalten. Diese Situation macht dem Propheten zu schaffen. Zunächst schaut man (etwa mit Nostalgie) auf die glorreichen Tage mit dem Herrn
zurück, auf den Schutz, den der Herr ihnen auf ihrer Pilgerschaft durch die Wüste über
Jahre hinweg gewährt hat.
Der Herr, Jahwe, hatte Israel auserwählt und dazu bestimmt, ein Zeichen für die Herrlichkeit des Herrn zu sein. Israel brauchte seinerseits nur eines zu tun: Gott die Treue zu erweisen! Aber dieses Volk sündigt immer wieder und entfernt sich aus Gottes Nähe, denkt
aber, dass der Herr es verlassen habe und es vom Weg abirren ließ. In Jes 63, 17 heißt
es: „Er schreit zu Gott mit der Hoffnung, dass sein Gebet erhört wird.“ Der Mensch sucht
also Verbindung mit seinem Schöpfer, mit seinem Gott, wie wir in der ersten Lesung gehört haben: „Warum lässt du uns, Herr, von deine Wegen abirren… Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Eigentum sind“ so heißt es weiter bei
Jesaja.
Ist es richtig zu sagen, dass Gott manche Menschen vom Weg abirren lässt? Welche Rolle spielt hier die Freiheit des Menschen? Ich bin der Meinung, dass diese Freiheit, die Gott
uns gegeben hat, uns auch erlaubt, uns gegen Gott zu entscheiden. Er ist jedoch immer
da, er wartet auf mich, und wenn ich mich zu ihm umkehre, nimmt er mich an, so wie ich
bin. Diese Antwort hat jedoch noch lange nicht die Weite, die dem Handeln Gottes gerecht
wird. Der Text in Jesaja 63,16b-17.19b; 64, 3-7 zeigt die Beziehung zwischen Gott und
seinem Volk deutlich auf, und die bleibende und schmerzliche Frage nach dem Woher und
dem Wohin des Menschen bleibt. Wahr ist, dass mein Weg zu Gott nicht von meiner Leistung abhängig oder meinem Glauben zu verdanken ist, sondern dass Gottes Wirken in mir
sehr entscheidend ist. Aber ich muss sein Wirken in mir zulassen, seine Stimme in mir
hören. Für uns als Kirche heißt es, dass ein Nachdenken über unsere Beziehung zu IHM
wichtig ist, dass wir eine personale Beziehung entstehen lassen, eine wirkliche DuBeziehung, eine Freundschaft, eine Herzensverbindung. Auch wenn der Satz „Ecclesia
semper reformanda est“ sehr umstritten ist, hat er seinen Sitz im Leben, wenn man ihn
auf den Gesichtspunkt der Umkehr bezieht. Die Kirche bewegt sich, denkt über ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach. Da sind wir an unserem allgemeinen Thema
dieser Predigtreihe angelangt – „Eine pilgernde Kirche – wir sind auf dem Weg“. Diese
Aussage bezieht sich auf die Anforderung des Zweiten Vatikanums, die Zeichen der Zeit
im Lichte des Evangeliums zu erkennen.
Was bedeutet, die Zeichen der Zeit erkennen? In der Pastoralkonstitution über die Kirchen
in der Welt „Gaudium et Spes“ erfahren wir, dass es dabei um das Erfassen und Verstehen der Welt geht, in der wir leben, und dass wir ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter (GS 4) erkennen. Dadurch werden angemessene Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens der jeweiligen Generation gegeben.
Wenn man von Generationen redet, wird auch das Thema Tradition angesprochen. Eine
Generation fühlt sich der anderen verpflichtet, ihr etwas Wichtiges und Wesentliches zu
übertragen. Es ist eine Bewegung mit drei Komponenten: Gestern – Heute – Morgen oder
Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Dabei tauchen Fragen auf, die das Woher des
Menschen berühren: Herkunftsfamilie, Herkunftsland – sprich Heimat, Wurzeln etc. Wie
war es damals? Wie ist es heute? Wie wird es morgen sein? Die ältere Generation hofft,
dass die Jüngere das weiter macht, was man über die Jahre, ja Jahrhunderte gepflegt hat.
Sie hat aber auch Angst vor der Zukunft. Wie wird es sein? Der Titel des 4. Artikels von
Gaudium et Spes spricht deshalb von „Hoffnung und Angst“. Der Mensch wird von Hoffnung und Angst hin- und hergetrieben. Der heutige Lauf der Dinge beunruhigt ihn, und er
braucht eine Antwort. Der Mensch leidet an innerer Zwiespältigkeit.
Eine ernsthafte Erforschung der Zeichen der Zeit zeigt, dass das menschliche Leben mit
Bewegung gefüllt ist – sowohl innere als auch äußere Bewegung. Es ist eine Bewegung
zu Gott wie auch ein Zueinander und ein Miteinander in der Gemeinschaft der Kirche.
Wenn die Menschen sich zueinander und zu Gott bewegen, ist damit nicht unbedingt ein
Ortwechsel verbunden, sondern es beinhaltet vor allen Dingen ein innere Bewegung und
Veränderung, eine Hinwendung zu Gott, ja eine Hingabe, in der ich mich wohlfühle, weil
ich weiß, dass ich in Gott geborgen bin. Dies ist die Umkehr, die mein, die Ihr Gott sich
von mir, von Ihnen wünscht, weil er es gut mit mir, mit Ihnen meint. Es ist daher nicht übertrieben, wenn man sagt, dass der Mensch immer unterwegs ist (zu sich selbst nach Hause
– zu Gott). Das ist die echte, die wahre Pilgerschaft, das ist ein Unterwegssein mit und für
Gott.
Warum diese Pilgerschaft? Was ist das Ziel?
Die Antwort darauf ist für mich:
Der Lebensweg eines Christen kann nur ein Pilgerweg sein hin zur Ewigkeit – dem Ziel
aller.
Und auf diesem Pilgerweg sind wir aufgerufen, die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu sehen und zu deuten. Das heißt aufeinander hören und schauen, miteinander pilgern und die, die am Wegrand stehen, mitzunehmen auf dem Weg; ihnen die Pilgerschaft
als Christ schmackhaft zu machen durch Zuwendung, Interesse, Zuneigung und Herzlich-
keit. Diese Verhaltensweisen sind es, die Zeitgeistern wie Konkurrenz- und Machtkampf,
Desinteresse, Zwang und Intrige, Frustration und Depression entgegenwirken.
Sie alle sind heute da, weil Sie Pilgernde sind, weil Gott in Ihrem Alltag einen Platz hat,
weil Sie wissen, er geht alle Wege mit, weil Gemeinschaft Ihnen wichtig ist, weil Sie ihren
Glauben mit anderen feiern und für ihn Zeugnis geben möchten und weil Sie erfahren haben, dass hier der Geist ist, den die Welt braucht – der Heilige Geist, der einende Geist
des Miteinanders. Ihnen ist es eben nicht gleichgültig, wie es mit unserer Kirche weitergeht, weil Sie wollen, dass sich etwas in ihr bewegt, dass sie sich bewegt, dass sie vorankommt.
In der Regel von Taizé heißt es:
„Bleib niemals auf der Stelle, zieh vorwärts,
lauf dem Ziel zu auf den Spuren Christi!
Und seine Spur ist ein Weg des Lichts.“
Das ist der Auftrag Christi an die Kirche, das ist der Auftrag der Kirche an uns.
Deshalb möchte ich Sie heute am Beginn der Adventszeit ermuntern:
 Freuen Sie sich darüber, dass Sie JA gesagt und diesen Auftrag angenommen haben - nämlich für Christus auf dem Weg zu sein.
 Nehmen Sie die Anstrengungen des ”Unterwegsseins” gerne auf sich und finden
Sie auf Ihrem Pilgerweg immer wieder sich selbst und letztlich Gott als starken
Wegbegleiter und Wegbereiter,
 dann werden Sie Kraft und Ausdauer haben für jede Steigung und für jede Tiefe;
 dann werden Sie auch erfahren dürfen, dass andere Ihnen zur Seite sind, so wie
Sie anderen zur Seite sind, dann wird Ihnen keine Mühe zu groß sein und keine
Anstrengung zu viel, denn Sie haben ein Ziel: Gott mit jedem Pilgerschritt ein Stück
näher zu kommen und am Ende des Weges mit vielen wunderbaren Wegerfahrungen in die Ewigkeit eintreten zu dürfen, die umso schöner sein wird, je mehr Menschen Sie auf dem Weg mitgenommen haben, je größer die Gemeinschaft der
Christen dann sein wird.
Ich wünsche Ihnen dieses Bewusstsein auf jedem Abschnitt Ihrer Pilgerschaft. Wenn sie
es sich im Herzen bewahren und hüten, sind Sie nicht nur gut ausgestattet, sondern auch
stets gut unterwegs – in jeder Hinsicht.
Gott mit Ihnen. Amen.
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