14.Sitzung(5.02.02)

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IV. Ausgewählte Anwendungsgebiete der
Sozialpsychologie
1.
2.
3.
4.
Was ist "angewandte Sozialpsychologie"?
Einige Forschungsgebiete angewandter SP
Gesundheitsverhalten
Bezug zu Grundprinzipien der SP
© Gerd Bohner 2001
1. Was ist "angewandte Sozialpsychologie"?
• Definition: Angewandte Sozialpsychologie besteht in der
Anwendung sozialpsychologischer Methoden, Theorien oder
Prinzipien auf Probleme in der Gesellschaft.
• Ziele: Erklärung, Vorhersage, Problemlösung
• Im Vergleich zur SP als Grundlagendisziplin:
– Problemorientierung
– Eklektizismus
– Feldstudien statt Laborexperimente
• Lehrbuch: Schulz, P. W., & Oskamp, S. (2000). Social psychology: An
applied perspective. Upper Saddle River, NJ: Prentice-Hall.
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2. Einige Forschungsgebiete angewandter SP
• Gesundheit
– Beispiele: Soziale Faktoren im Umgang mit Stress; Änderung
gesundheitsbezogenen Verhaltens (Rauchen; Ernährung usw.)
– relevante Konzepte der SP: wahrgenommene Kontrolle, Einstellungsänderung, soziale Unterstützung
– Literatur: Stroebe, W. (2000). Social psychology and health.
Buckingham, UK: Open University Press.
• Erziehung und Bildung
– Beispiele: Vorurteile und schulisches Lernen; Lehrererwartungen und
Schülerleistung
– relevante Konzepte der SP: Eigengruppe und Fremdgruppe; Erwartung,
Attribution und soziale Interaktion; Gruppenstruktur
– Literatur: Aronson, E., & Patnoe, S. (1997). Cooperation in the
classroom: The jigsaw method. New York: Longman.
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• Marketing und Werbung
– In Deutschland erst beginnende Institutionalisierung der Markt- und
Werbepsychologie. Lehrangebote z.B. in Münster
[http://www.werbepsychologie-online.de] und Mannheim.
– Beispiele: Kaufentscheidungen; Markentreue; kann Werbung
"unterschwellig" wirken?
– relevante Konzepte der SP: soziale Urteilsbildung, Persuasion, soziale
Identität, Einstellungsfunktionen
– Literatur: Felser, G. (1997). Werbe- und Konsumentenpsychologie: Eine
Einführung. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
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• Justiz
– Beispiele: Entscheidungen von Geschworenen (v.a. in USA); Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen; Fälle von Diskriminierung
– relevante Konzepte der SP: Gruppenprozesse, Konformität, sozialer
Einfluss, Vorurteile
– Literatur: Roesch, R., Hart, S. D., & Ogloff, J. R. P. (1999). Psychology and
law: The state of the discipline. New York: Kluwer Academic / Plenum.
• Umfrageforschung
– Beispiel: Anwendung von Erkenntnissen aus dem "social cognition"-Ansatz
auf den Frage-Antwort-Prozess
– relevante Prinzipien der SP: Priming, Verarbeitungstiefe
– Literatur: Sudman, S., Bradburn, M. N., & Schwarz, N. (1996). Thinking
about answers: The application of cognitive processes to survey
methodology. San Francisco: Jossey-Bass.
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• Umwelt
– Beispiele: Einfluss von Umweltbedingungen (Lärm, Crowding usw.)
auf soziales Verhalten (Aggression, Hilfe etc.); Änderung umweltbezogenen Verhaltens (Abfallvermeidung, Energieverbrauch usw.)
– relevante Konzepte der SP: Emotionen, Einstellungen, sozialer
Einfluss, Einstellungs-Verhaltens-Konsistenz
– Literatur: Bell, P. A., Greene, T. C., Fisher, J. D., & Baum, A. (2001).
Environmental Psychology (5th ed.). Albany, NY: Harcourt College
Publishers.
• Organisationen
– Beispiele: Führung, Organisationsentwicklung
– relevante Konzepte der SP: Gruppenprozesse, Persuasion, sozialer
Einfluss
– Literatur: Weinert, A. B. (1998). Organisationspsychologie (4. Aufl.).
Weinheim: Beltz.
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3. Gesundheitsverhalten
• Gesundheitspsychologie in Deutschland: Seit 1992 Fachgruppe
in der DGPs; seit 1993 Zeitschrift für Gesundheitspsychologie
• Häufig untersuchte Gesundheitsrisiken: Verhalten; Stress (s.
Lehrbuch Kap. 16)
• Verhalten und Gesundheit
– Befund: Gesundheitsbezogene Verhaltensweisen sind gute
Prädiktoren für Langlebigkeit (Längsschnittstudie von Breslow &
Enstrom, 1980)
– Theorien: Health-Belief-Modell; Theorie der Schutzmotivation
Beide betonen subjektive Überzeugungen als Ursachen für
gesundheitsrelevantes Verhalten  Interventionsmöglichkeit
durch persuasive Kommunikation
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Health Belief Modell
• Soll erklären, warum Menschen es unterlassen,
sich an präventive Maßnahmen zu halten
• Konzentriert sich auf gesundheitsbezogene
Kognitionen (Bestimmungsfaktor für
Gesundheitsverhalten, demographische Merkmale
lassen sich nicht beeinflussen)
• Überzeugungen beziehen sich auf: Anfälligkeit,
Schwere, Nutzen von Empfehlungen, Barrieren
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Bewertung
• Keine Regeln bezüglich der Kombination der
Prädiktoren (wenn z.B. Anfälligkeit als Null
betrachtet wird, bleibt Gesundheitsverhalten aus)
• Gesundheitsförderndes Verhalten kann auch
andere Ursachen haben (Kontakte, gut aussehen,
sozialer Druck)
• Selbstwirksamkeit und Verhaltenskontrolle fehlen
• Nichtberücksichtigung der Verhaltensabsicht, die
zwischen Überzeugungen und Verhalten vermittelt
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• Theorie der Schutzmotivation (z.B. Rogers & Mewborn, 1976)
Quelle: Stroebe, Hewstone & Jonas, 2002
• Ursprünglich Erklärung für die Wirkung Furcht
erregender Kommunikation (Furchtappell und
Handlungsempfehlung); später generelles
Handlungsmodell
• Bewertung / Kritik:
– Verrechnung der Komponenten nicht völlig klar
– wichtige Erweiterung gegenüber "health belief model":
Selbstwirksamkeit
– 2 Bewertungsaspekte (Bedrohung, Bewältigung) analog zur
Stressforschung
– Verhaltensabsicht (nicht Verhalten) als vorherzusagendes
Kriterium (vgl. Ajzens Theorie des geplanten Verhaltens)
– Problem: Personen gehen nicht immer so "rational" vor
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• Empirie:
– Studien zu vielfältigen Problemstellungen, z.B. Rauchen,
Benutzung von Kondomen, Selbstabtastung der Brust
– Insgesamt gute Belege für Vorhersage von Verhaltensabsicht
aus Modellkomponenten
– Schwere der Bedrohung empirisch meist weniger bedeutsam
als Verletzlichkeit und Selbstwirksamkeit
• Vergleich zwischen Theorien:
– Theorie der Schutzmotivation besser als HBM, aber etwas
weniger erfolgreich als Ajzens Theorie des geplanten
Verhaltens (s. Lehrbuch Kapitel 8).
– Generelles Problem: Bildung einer Verhaltensabsicht allein
genügt oft nicht zur langfristigen Aufrechterhaltung des
neuen Verhaltens
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• Phasenmodelle der Veränderung
– verschiedene Ansätze
– nach erstmaliger Entscheidung, Verhalten zu ändern,
schließen sich weitere Phasen an: Handlung; Aufrechterhaltung des Verhaltens
– These: Inteventionen sollten den Erfordernissen der
jeweiligen Phase angepasst sein (z.B. Stärkung von
Fähigkeiten und Selbstwirksamkeit zur Förderung der
Aufrechterhaltung).
– korrelative Befunde im Einklang mit diesen Überlegungen
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• Interventionsstrategien: 2 Ansätze
1. Veränderung der Anreizstruktur
– Erhöhung der Kosten gesundheitsschädlichen Verhaltens (z.B.
Tabaksteuer; Strafe für Nichtanlegen von Sicherheitsgurten)
– Erhöhung der Anreize für gesundheitsförderliches Verhalten
(z.B. Beitragsreduktion in Krankenversicherung bei Teilnahme
an Präventionsmaßnahmen)
– Probleme:
• "Stabilisierung" des Verhaltens (z.B. Automatisierung bei
wiederholter Ausführung unter stabilen Umweltbedingungen);
• Wenn keine Einstellungsänderung erfolgt, müssen Sanktionen
dauerhaft aufrecht erhalten werden.
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2. Persuasion
– Häufig eingesetzt: Furcht erregende Kommunikation (Ziel:
Änderung der subjektiven Anreizstruktur)
– Problem: Balance zwischen Stärke der Bedrohung und
Wirksamkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen
– Chaikens HSM: Furchtkommunikation hat 2 Effekte:
• Erhöhung der Verarbeitungsmotivation (ungerichtet)
• Anregung eines Verteidigungsmotivs (selektiv auf Beibehaltung
der ursprünglichen Einstellung ausgerichtet); Folgen: "defensive
inattention" / "defensive counterarguing"
– Befund: Angehörige einer Risikogruppe lassen sich von
denselben Argumenten weniger überzeugen und finden mehr
Fehler in der Argumentation als andere Personen; höhere
Bedrohlichkeit führt für beide Gruppen zu mehr Einstellungsänderung (Liberman & Chaiken, 1992).
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– Belege für Persuasionseffekte im Feld:
• Kampagnen gegen das Rauchen (v.a. in USA) – aber: Kausalität
unklar; Alternativerklärung Preiserhöhungen
• Kontrollierte Interventionsstudien zum Gesundheitsverhalten
("Nordkarelien-Projekt"; "Stanford Three Community Study")
• Oft nur geringe Effekte. Problem: Kampagne muss auf die
entscheidenden Faktoren zugeschnitten sein (Beispiel Kondomverwendung: Bedrohlichkeit von AIDS weniger wichtig als
Selbstwirksamkeit)
• Kampagnen bringen keine Ergebnisse, wenn Personen bereits
über schädigende Wirkungen (z.B. von Rauchen) Bescheid
wissen, dann sollten sie auf Selbstwirksamkeit abzielen
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Stress und Gesundheit
• Stress: wenn die Anforderungen der Umwelt die adaptive Kapazität
stark in Anspruch nehmen oder übersteigen, dies führt zu
psychologischen und biologischen Veränderungen, die Krankheiten
auslösen können
• (ungewichtete) Anzahl negativer Lebensereignisse steht mit
schlechtem Gesundheitszustand in Zusammenhang
• Zusammenhang geht nicht nur auf Berichterstattung zurück: auch bei
objektivierbaren Ereignissen (Tod des Partners)
• Bewertung über Belastung und Bewältigung
• Problem- und emotionszentrierte Bewältigung
• Bewältigungsressourcen: Eigenschaft der Person oder der Umwelt
(soziale Unterstützung)
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• Stress beeinflusst Gesundheit über Physiologie oder
indirekt durch Verhalten
• Moderatorvariablen Zwischen Stress und Gesundheit:
problemzentrierte Strategie, keine vermeidende
Bewältigung, Offenheit, Optimismus, soziale
Unterstützung (Pufferhypothese); bei funktionalen Maßen
Interaktionseffekt, bei strukturellen (Anzahl der
Bekannten) nur Haupteffekte
• Prozesse der Wirkung: andere Bewertung des belastenden
Ereignisses, Verbesserung der Bewältigung
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4. Bezug zu Grundprinzipien der SP
• Soziale Konstruktion der Realität: Nicht objektive Gefahren,
sondern subjektive Bewertung von Bedrohung, Bewältigungsfertigkeiten etc. bestimmen das Gesundheitsverhalten.
• Universalität sozialer Einflüsse: Eine Vielzahl gesundheitlicher
Variablen (einschl. physiolog. /endokrinolog. Werte) sind von
sozialen Einflüssen abhängig.
• Motive: Wichtig sind Kontrollmotiv (Selbstwirksamkeit bei
Verhaltensänderung), Motiv der Verbindung mit anderen (soziale
Unterstützung), Motiv des Selbstwerterhalts (z.B. defensive
Verarbeitungsstrategien).
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• Verarbeitungsprinzipien: Anwendung von Persuasionstheorien auf Einstellungen und Verhalten im Gesundheitsbereich verdeutlicht Rolle der Zugänglichkeit relevanter
Informationen (Heuristiken) und der Verarbeitungstiefe
(systematische Verarbeitung bei Furcht). Konservatismus
zeigt sich in der Resistenz von problematischem Verhalten
(z.B. Rauchen) gegen Änderung.
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