Foto/ Zeidlerei
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Arthur Vincent Lourié
(*1893 Sankt Petersburg,
†1966 Princeton)
Anton Diabelli
(*1781 Mattsee, †1858 Wien)
Kiosk ist eine iranische Popgruppe, die
Komponist und Pianist, war Sohn eines sephardischen Holzhändlers und
studierte in der Kompositionsklasse
von Alexander Glasunov. Lourié wurde
1918 zu einem „Volkskommissar für
Musik“ ernannt. Als im Jahre 1921 die
Bolschewiken begannen, die Kunst
für ihre Dienste einzuverleiben und
die Künstler zu bevormunden, nutzte
Lourié eine Auslandsreise, um 1922 ins
Exil zu gehen. Seitdem wurde er in der
Sowjetunion als einer der ranghöchsten
Emigranten besonders gnadenlos totgeschwiegen. Über Berlin traf er 1924
in Paris ein, das er 1940, vor den Nazis
flüchtend, in Richtung New York verließ.
Arthur Lourié durchlebte drei Welten in
drei wechselvollen Zeitepochen: Das
Russland der ersten Revolutionsjahre,
das westliche Europa zwischen den
zwei Weltkriegen und die Vereinigten
Staaten des Kalten Krieges.
Concerto da Camera (1947)
für Violine solo und Streichorchester:
V. Serenata
(Gidon Kremer, Violine;
Deutsche Kammerphilharmonie,
Leitung: Thomas Klug)
Komponist und Musikverleger, erhielt
seinen ersten Unterricht in Gesang,
Klavier- und Orgelspiel bei seinem Vater
Nikolaus, der in Aurolzmünster geboren
wurde. Michael Haydn erkannte Diabellis kompositorische Begabung. Diabellis
weit über 200 Kompositionen umfassen
alle Gattungen. Seine Kirchenmusik
wird wegen ihrer Eingänglichkeit und
bequemen Aufführbarkeit geschätzt.
Diese Werke sind Beispiele einer
Gattung, die der Popularisierung der
nachklassischen Kirchenmusik dienen
wollten. Besonders seine
Pastoralmesse op. 147 wird heute häufig
aufgeführt. Zu Ostern 1887 veröffentlichte der Bischof von Linz, Ernest
Maria Müller, eine Verordnung über die
Kirchenmusik im Linzer Diöcesanblatt:
„Namentlich sind Kirchengesang und
Kirchenmusik den Zeugnissen der
Geschichte zufolge im Laufe der Zeit
entartet und ihrer erhabenen Aufgabe
untreu geworden, so dass unsere hl.
Kirche veranlaßt war, gegen arge Ausschreitungen ihre Stimme zu erheben
und Normen für den Gesang und für die
Musik bei der Feier des Gottesdienstes
festzustellen, damit alles Weltliche und
Ungeziemende daraus beseitiget würde.“ Unter jene Kirchenkompositionen,
die sich – nach den genannten Kriterien – für kirchliche Aufführungen nicht
eigneten und mit einem bischöflichen
Aufführungsverbot belegt wurden, fielen
auch jene von Anton Diabelli.
gesellschaftskritische Texte vertont und
sich auch zur Politik des Landes äußert.
Aus diesem Grund ist die politische
Musik des Ensembles im Iran verboten.
Eshghe Sorat – im Englischen etwa mit
Love for speed zu übersetzen –
ist ein Plädoyer für modernes, pulsierendes, am Westen orientiertes freies
Leben: „the power of love – or love of power – modernism versus tradition forever.“
Eshghe Sorat
(Kiosk)
Pastoralmesse op. 147 (1830): Credo
(Augsburger Domsingknaben,
Leitung: Reinhard Kammler)
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Zerst ham ma uns busselt ist ein Inn-
Arnold Schönberg
(*1874 Wien, †1951 Los Angeles)
Richard Tauber
(*1891 Linz, †1948 London)
Komponist, entwickelte Anfang der
zwanziger Jahre seine „Methode der
Komposition mit zwölf nur aufeinander
bezogenen Tönen“. Neben seinem Judentum galt Schönberg aufgrund dieser
Musiksprache den Nationalsozialisten
als „entartet“ und wurde zum „Musikbolschewisten“ und „Neutöner“ gebrandmarkt. 1925 wurde er Leiter einer
Kompositionsklasse an der Preußischen
Akademie der Künste in Berlin, 1933,
noch bevor er als „nicht arischer“ Musiker dort entlassen wurde, reichte er sein
Schreiben mit der Bitte um Entlassung
an die „gleichgeschaltete“ Akademie
ein. „Ich bin seit langem entschlossen,
Jude zu sein“ – so Arnold Schönberg an
Anton Webern im August 1933: Im Mai
1933 war Schönberg aus Deutschland
geflüchtet und trat – in jungen Jahren
dem Protestantismus zugewandt – im
Pariser Exil unter der Zeugenschaft
Marc Chagalls wieder der jüdischen
Glaubensgemeinschaft bei. Die Oper
Moses und Aron (1930–1932) verdeutlicht Schönbergs tiefen Bezug zum
Judentum: Das mit den Worten „Einziger,
ewiger, allgegenwärtiger, unsichtbar und
unvorstellbarer Gott...“
eröffnete Werk fiel in die Zeit extremer
politischer Veränderung in Deutschland
und bekräftigt den Glauben des auch
aufgrund seines Glaubens verfolgten
Komponisten.
Tenor und Komponist, singt Erich Wolfgang Korngold. Tauber war der Sohn
der am Linzer Landestheater engagierten Soubrette Elisabeth Denemy und
des jüdischen Schauspielers Anton
Richard Tauber. Er wurde am 16. Mai
1891 im Linzer Hotel „Zum schwarzen
Bären“ geboren. Tauber wuchs in Linz
bei Pflegeeltern auf und besuchte die
Volksschule in der Spittelwiese. 1933
endete seine glänzende Laufbahn in
Deutschland, der durch sein „jüdische[s]
Geseire“ zum „impertinenteste[n] aller
Rundfunktenöre“ Abgewertete war von
SA-Schergen angegriffen und niedergeschlagen worden. Tauber flüchtete nach
England. Vor der Flucht arbeitete Richard Tauber in vielen Produktionen mit
Erich Wolfgang Korngold zusammen:
So sang er bereits 1921 in Dresden den
„Paul“ der Toten Stadt und brillierte 1924
mit Lotte Lehmann unter George Szell
in der Berliner Premiere der Oper.
viertler Volkslied und steht exemplarisch
für jene Lieder, welche aufgrund ihres
anrüchigen Inhalts und aufmüpfigen
Potentials sowohl im Austrofaschismus
als auch im Nationalsozialismus auf der
Liste verbotener Werke standen.
(Lothar Lässer, Akkordeon; Rudi Widerhofer,
Gesang; Irina Sommerfeld, Gesang; Hans
Lindtner, Tuba)
Zerst ham ma uns busselt
Nit singa, nit pfeifa
Nit hals’n, nit greifa
Wann i gar nix derf toan
Bleib i liawa alloan.
A solchana Bua
Der ban tanz’n nit singt,
Der kimmt ma grad vur
Wia-r-a Stier, der nit springt.
Moses und Aron (1930–1932):
I. Akt, Szene 1: Moses’ Berufung
(Moses: Günter Reich,
BBC Symphony Orchestra,
Leitung: Pierre Boulez)
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Die tote Stadt op. 12 (1916–1919):
O Freund, ich werde sie nicht wiedersehn
(Richard Tauber)
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Stefan Wolpe
(*1902 Berlin, †1972 New York City)
Die Comedian Harmonists
Lieder zur Wiener Revolution 1848
Komponist, war vom „ständigen Fugenschreiben“ bald gelangweilt, sodass der
Kontakt zu dem in Berlin eine Lehrtätigkeit aufnehmenden Ferruccio Busoni
eine Offenbarung gewesen sein musste.
In dessen offenen Gesprächsklassen
wehte ein anderer ästhetischer Wind.
Wolpe stieß zur Künstlervereinigung
„Berliner Novembergruppe“, der u.a.
Hanns Eisler und Kurt Weill angehörten.
Nach einigen expressionistischen Frühwerken begann Wolpe politisch aktiv zu
werden und schrieb Agitproplieder. Er
nahm in seinem Werk Anregungen der
Zweiten Wiener Schule ebenso vital auf
wie Jazz, Gebrauchsmusik oder später
die serielle Musik. 1926 entstand die
Kabarett-Oper Zeus und Elida, die den
Größenwahn Hitlers persifliert. Wolpe
flüchtete über verschiedene Stationen
in Europa schließlich zusammen mit
seiner zweiten Frau, der rumänischstämmigen Pianistin Irma Schoenberg,
nach Palästina, wo er aufgrund seiner
radikalen musikalischen Anschauungen
keine Anerkennung fand. So zog er
1938 weiter in die USA.
legendäres Berliner Vokal-Ensemble um
Ari Leschnikoff (1897–1978),
Erich A. Collin (1899–1961), Harry
Frommermann (1906–1975), Roman
Cycowski (1901–1998), Robert Biberti
(1902–1985) und den Pianisten Erwin
Bootz (1907–1982), gerieten mit der
Machtergreifung der Nationalsozialisten
ab 1933 aufgrund ihrer „nicht arischen“
Mitglieder (Frommermann, Cycowski
und Collin) zusehends unter Druck. Im
Mai 1934 mit Auftrittsverbot in Deutschland belegt, tourte die Gruppe bis zur
Auflösung 1935 nur noch im Ausland.
Einer der Höhepunkte dieser Tournee
war das Konzert auf dem Flugzeugträger „Saratoga“ in New York City vor der
versammelten US-Atlantik- und Pazifikflotte im Juni 1934. Die drei jüdischen
Mitglieder des Ensembles flüchteten
letztlich vor den Nationalsozialisten,
zwischen 1935 und 1941 existierten
zwei Nachfolgeformationen: Die verbliebenen „arischen“ Musiker der Comedian
Harmonists vervollständigten ihr Ensemble und traten fortan in Deutschland
als Meistersextett auf. Die jüdischen ExComedian Harmonists hingegen traten
im Exil als Comedy Harmonists auf.
geben einen Einblick in eine bewegte
Zeit, in der neben den uns heute bekannten Textdichtern und Komponisten
auch einfache Handwerker und Arbeiter
zur Feder griffen, um ihren Ärger über
Restriktionen und Repressalien des
Polizei-Staates Metternichs, der verhassten Symbolfigur der Restauration,
auszudrücken. Die März-Kämpfe 1848
in Wien verliefen blutig, sie forderten
Menschenleben, brachten aber auch
Errungenschaften wie die Aufhebung
der Zensur mit sich. Die kurze Phase
der unter Gewalt erkämpften Pressefreiheit ermöglichte die Entstehung von
Druckschriften und Liedern. Mit der Niederschlagung der Revolution im Oktober
1848 stellten sich jedoch rasch wieder
andere Zustände ein: Die erkämpften
Ideale wurden aufgegeben. Zum Synonym für Engstirnigkeit, Rückschritt
und Verzopftheit wurde die Haydnsche
Kaiserhymne – den Freiheitshungrigen
gereichten diese Töne im Revolutionsjahr zum beliebten Ausdrucksmedium.
Zeus und Elida op. 5a (1926)
Musikalische Groteske für Stimmen,
Chor und Orchester: No. 10
(Michael Kraus, Franziska Hirzel,
Hans Aschenbach;
Ebony Band & Cappella Amsterdam,
Leitung: Werner Herbers)
Der Onkel Bumba aus Kalumba
tanzt nur Rumba
(1932; Hupfeld, Rotter, Robinson)
(Comedian Harmonists)
verbotener klänge
Trauergesang am Grabe meines geliebten
Kollegen Karl Konitschek (Verwundet
den 13. und gestorben den 17. März 1848)
(Text: Friedrich Hassaureck,
Melodie: „Gott erhalte“)
(Gesang, Harmonium:
Alexander Wessetzky)
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Ernst Toch
(*1887 Wien, †1964 Santa
Monica/Los Angeles)
Paul Dessau
(*1894 Hamburg,
†1979 Königs Wusterhausen)
Mein Sohn, ich hab dir die Stiefel
Komponist, Pädagoge und Pianist,
unterrichtete seit 1913 Theorie und
Komposition am Mannheimer Konservatorium, unter Anrechnung seines Wiener
Medizinstudiums promovierte er 1921
an der Universität Heidelberg im Fach
Musikwissenschaft. 1929 übersiedelte
Toch nach Berlin. Nach Hitlers Machtergreifung von einem Florenz-Aufenthalt
nicht wieder nach Deutschland zurückgekehrt, hielt Toch sich 1933 in Paris
auf, von wo er nach Großbritannien
flüchtete. Eine Einladung an die „University in Exile“ der New School for
Social Research in New York ermöglichte die „Nonquota“-Immigration in die
Vereinigten Staaten. 1937 übersiedelte
Toch nach Hollywood, ab 1949 lebte
er wieder in Europa, 1952 kehrte er
in die Vereinigten Staaten zurück. Im
Katalog zur 1938-Ausstellung „Entartete
Musik“ war Ernst Toch an „prominenter“
Stelle mit Franz Schreker als „jüdischer
Vielschreiber“ angeprangert. Noch im
Pariser Exil negierte er im Diskurs mit
Arnold Schönberg, sich in der Komposition auf sein Judentum zu beziehen
– mit Hitlers Aggression
gegen die Juden änderte er diese Einstellung. Ein bewegendes Dokument
dafür ist die 1938 im Auftrag des Rabbiners Jacob Sonderling in Los Angeles
entstandene Cantata of the Bitter Herbs
op. 65: Das Werk, ein Appell für Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden, erzählt
die biblische Geschichte des Exodus
der Israeliten aus Ägypten.
Komponist, Dirigent, entstammte einer
jüdischen Kleinhändlerfamilie. Zu Beginn der 1930er Jahre war er einer der
führenden Tonfilm-Komponisten. Nach
der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 emigrierte Dessau, der als
politisch links orientierter, fortschrittlicher Komponist jüdischer Abstammung
dreifacher Verfolgung ausgesetzt war,
nach Frankreich, 1939 in die USA. Er
besann sich verstärkt auf jüdische
Themen. 1948 kehrte Dessau nach
Deutschland zurück und entschied sich
für die sowjetisch besetzte Zone, die
spätere DDR. Ihr fühlte er sich moralisch, politisch und künstlerisch bis zu
seinem Tode verpflichtet, auch wenn er
von Anfang an mit den staatlichen Kulturinstanzen in Konflikt geriet.
Hätt ich lieber mich aufgehängt.
Hätt ich gewußt, was ich heute weiß
Mein Sohn, als ich deine Hand sah
Erhoben zum Hitlergruß
Wußte ich nicht, daß dem, der ihn grüßet
Die Hand verdorren muß.
Mein Sohn, ich hörte dich reden
Von einem Heldengeschlecht.
Wußte nicht, ahnte nicht, sah nicht:
Du warst ihr Folterknecht.
Mein Sohn, und ich sah dich marschieren
Hinter dem Hitler her
Und wußte nicht, daß, wer mit ihm auszieht
Zurück kehrt er nimmermehr.
Mein Sohn, du sagtest mir, Deutschland
Wird nicht mehr zu kennen sein.
Wußte nicht, es würd werden
Lied einer deutschen Mutter – Song of a german
mother (1943, Text: Bertolt Brecht)
(Lotte Lenya)
Zu Asche und blutigem Stein.
Sah das braune Hemd dich tragen
Habe mich nicht dagegen gestemmt.
Denn ich wußte nicht, was ich heut weiß:
Es war dein Totenhemd.
Cantata of the Bitter Herbs op. 65 (1938):
Introduction and Psalm 114 (Czech Philharmonic Orchestra
and Choir, Leitung: Gerard Schwarz)
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Und dies braune Hemd geschenkt:
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Alfred Schnittke
(*1934 Engels, †1998 Hamburg)
László Weiner
(*1916 Szombathely, †1944 Lukov)
Erich Wolfgang Korngold
(*1987 Brünn, †1957 Los Angeles)
Komponist und Pianist, begann 1946
in Wien seine musikalische Ausbildung
und setzte sie in Moskau fort. Schnittke
komponierte über 60 Filmmusiken. Da
er wie viele seiner Zeitgenossen in der
UdSSR unter künstlerischen Reglementierungen litt und seine Werke oftmals
nur unter schwierigen Bedingungen
aufgeführt werden konnten, trug die
Tätigkeit für den Film wesentlich zu
seinem Lebensunterhalt bei. Er begriff
das Komponieren für den Film aber
durchaus als Chance für sein künstlerisches Schaffen. Unter anderem schrieb
Schnittke die Musik zu dem Film
Commissar von Aleksandr Askoldov aus
dem Jahre 1967. Der Regisseur wurde
von der Zensur zu großen Veränderungen gezwungen, verlor letztlich seinen
Job. Erst 20 Jahre später durfte der
Film veröffentlicht werden und bekam
unter anderem den „Silbernen Bären“
der Berlinale.
Komponist und Dirigent, studierte bei
Zoltán Kodály, Jenö Adám und Ernö
Unger. Nach der Internierung in einem
Arbeitslager verstarb der junge László
Weiner am 25. Juli 1944 als Opfer des
Holocaust im Konzentrationslager Lukov.
Komponist, Schüler von Robert Fuchs
und Alexander Zemlinsky, gelangte
1921 als Dirigent an das Hamburger
Stadttheater, erhielt 1927 eine Professur
an der Wiener Akademie für Musik und
darstellende Kunst und leitete 1930/31
dort eine Opernklasse. Als bedeutende
Persönlichkeit des österreichischen
Musiklebens wurde Korngold 1934 zur
Bearbeitung von Felix MendelssohnBartholdys Ein Sommernachtstraum unter
Max Reinhardt und Wilhelm Dieterle in
die Vereinigten Staaten gerufen, ließ
sich in Hollywood nieder, reiste zurück
nach Wien und folgte weiteren Filmaufträgen. Von den Ereignissen um den
„Anschluß“ überrascht, kehrte Korngold
1938 von einer USA-Reise zur Vertonung von
The Adventures of Robin Hood bis in das
Jahr 1949 nicht mehr nach Europa
zurück. Im Jahr 1933 kaufte der bereits
von den deutschen Nationalsozialisten
diffamierte Jude Korngold als „Rückzugsort“ das Gut „Schloß Höselberg“ im
oberösterreichischen Gmunden. Dort
komponierte er seine letzte Oper
Die Kathrin (1932–1937). Die für 1938 in
Wien geplante Uraufführung der Oper
fand nicht mehr statt, das Werk wurde
vielmehr unter Korngolds Abwesenheit
im „Exil“ in Stockholm aufgeführt.
Die Kommissarin (1967):
Wanderung der Verdammten
(Radiosinfonieorchester Berlin,
Leitung: Frank Strobel)
Duo für Violine und Viola: III.
Die Kathrin op. 28, Oper in drei Akten
(1932–1937): „Briefszene“
(Klavierbearbeitung von
Erich Wolfgang Korngold,
Erich Wolfgang Korngold selbst am Klavier,
Aufnahme von 1951)
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Ernst Krˇenek
(*1900 Wien, †1991 Palm
Springs/Californien)
Tseyong
(*1973 Lhasa, Tibet)
Gustav Pick
(*1832 Rechnitz, †1921 Wien)
Sängerin, absolvierte ihre musikalische
Ausbildung in Tibet und China und
konnte sich in ihrer Heimat als Interpretin selbst komponierter Lieder spirituellen Inhalts etablieren. Aus „politischreligiösen Gründen“ musste sie 2006
flüchten und lebt seither in Österreich,
seit einiger Zeit in Linz. In ihrer Heimat
schrieb Tseyong Lieder für den Dalai
Lama und verteilte Flugblätter, die ihre
Solidarität mit dem im Exil lebenden
höchsten religiösen Würdenträger
Tibets bekundeten – vor dem Hintergrund des Konflikts des um Autonomie
innerhalb der Volksrepublik China
kämpfenden Tibets war dies Anlass zur
Verfolgung. Mit ihrer Musik möchte die
in Linz lebende Exil-Tibeterin Aspekte
tibetanischer Kultur und Tradition weiter
führen und bewahren. Die Einspielungen zum Tonträger
Karma wurden noch in Tibet aufgenommen, der daraus mit „Zweisamkeit“ übersetzte Titel verdeutlicht den Wunsch,
dass alle Tibeter zusammen kommen
mögen, um vereint in Freiheit leben zu
können. Tseyong singt dazu ein Lied
voller Glück und Freude.
Musiker und Komponist, verbrachte
seine Kindheit im jüdischen Ghetto in
Rechnitz, 1845 zog die Familie nach
Wien. Für eine Wohltätigkeitsveranstaltung der Fürstin Pauline von Metternich
anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Fiakerzunft komponierte Pick
1885 das berühmte Fiakerlied, welches
der Schauspieler Alexander Girardi
zum Besten gab und Pick schlagartig
bekannt machte. Es wurde zu einer der
Hymnen Wiens – im Nationalsozialismus aufgrund der Herkunft ihres Schöpfers freilich verpönt und totgeschwiegen.
Komponist und Schriftsteller, war Student des mit Linz verbundenen Franz
Schreker. Mit der „Jazzoper“ Jonny spielt
auf (1925/26) feierte er einen Welterfolg.
Seine Oper Karl V., die erste vollständig auskomponierte 12-Ton-Oper der
Musikgeschichte, ein Auftragswerk der
Wiener Staatsoper, war für den Komponisten als eine Art Festspiel zur Erneuerung Österreichs gedacht – Křenek
stellte das Werk als im Einklang mit der
Idee eines „christlichen Universalreichs“
heraus. Ein Gedanke, den er in den Anfängen des austrofaschistischen Ständestaates durch diesen vertreten sah.
Die Uraufführung von Karl V. jedoch
wurde 1934 von der Heimwehr und
den Kultureliten des Austrofaschismus
hintertrieben – und auch in Deutschland stand Křenek mittlerweile auf der
schwarzen Liste der Nazis, welche das
dodekaphone Werk aufgrund seiner
Tonsprache als „Entartung“, „Neutönerei“
und „Musikbolschewismus“ brandmarkten. Křenek flüchtete nach dem „Anschluß“ in die Vereinigten Staaten.
Karl V. op. 73 (1930):
Bühnenwerk mit Musik in zwei Teilen:
Hört, was die Deutschen sagen
(Frank Hofmann; ORF Chor und
Radio Symphonie Orchester Wien,
Leitung: Gerd Albrecht)
Fiakerlied
I hab’ zwa harbe Rappen,
mei’ Zeug’l steht am Grab’n,
a so wia de zwa trappen
wern’s net viel g’sehen hab’n.
A Peitschen na des gibt’s net,
ui jessas nur net schlag’n,
das allermeiste wär tsch tsch,
sonst z’reissen’s mir in Wag’n.
Vom Stand zum Lusthaus fahr’ ma
in zwölf Minuten hin,
mir springt kan’s drein net in Galopp,
da geht’s nur allweil
trapp, trapp, trapp.
Wans nachher so recht schiess’n,
Sonam Deshong (Zweisamkeit)
(Tseyong)
dann spür’ i’s in mir drin,
daß i die rechte Pratz’n hab,
daß i a Fiaker bin.
Unser Karma brachte uns jetzt zusammen.
A Kutscher kann a jeder wer’n
aber fahr’n,
Ich kam über die Schneeberge und trank das
das können’s nur in Wean
Schneewasser und zu diesem besonderen
Anlass singe ich euch ein Lied.
Mei Stolz is’ i bin halt a echt’s Weanakind,
wir sind jetzt alle hier versammelt.
a Fiaker, wie man net alle Tag find’t,
Ich hoffe und bete für unsere Zukunft,
mei Bluat is so lüftig und leicht wie der Wind,
damit wir uns immer wieder treffen mögen.
ja, i bin halt an echt’s Weanakind.
Unser Karma brachte uns jetzt zusammen,
verschiedene Gesichter aus verschiedenen
Ländern und miteinander verbunden wie der
Khatak, der weiße Glücksschal.
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Refrain
Unser Karma brachte uns jetzt zusammen,
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Fiakerlied
in englischer Fassung
The Coachman’s Song
1. My carriage has two horses,
Both strong and sleek and fine!
I’m proud to be a coachman.
At work I really shine.
Take note: My coach is kosher.
No riff-raff rides with me.
I once drove Rothschild through the park.
Says I, “The ride is free.”
Clip-clop, you’ll hear me coming,
Clip-clop, all over town.
“Just climb aboard, right up that stair.
Sit tight, I’ll get you anywhere.”
This guy jumps in my taxi.
He looks so dignified.
“Oh no,” he says. “My wallet’s gone.
I can’t afford this ride.”
He seemed to me an honest Jew.
I gladly took his IOU.
Refrain
I drive a Fiaker, a nice Jewish boy.
I fly through Vienna’s streets, just like a goy!
My mother and my dad are still proud of me.
I drive a Fiaker for all to see.
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Viktor Ullmann
(*1898 Teschen, †1944 Auschwitz)
Darius Milhaud
(*1892 Aix-en-Provence,
†1974 Genf)
Komponist, Dirigent und Pianist, war in
Wien Schüler von Arnold Schönberg.
1942 wurde Ullmann von den Nazis
ins Ghetto Theresienstadt verfrachtet,
wo er – immer noch an das Positive
im Menschen glaubend – trotz Hunger
und heftiger Probleme in der Bewältigung des Terezíner Alltags um ein
reiches Musikleben besorgt war und so
viel komponierte wie noch nie. Am 16.
Oktober 1944 wurde Ullman in einem
Viehwagen nach Auschwitz deportiert
und ermordet. Der Kaiser von Atlantis
erlebte seine Uraufführung erst 1975.
1944 fand in Theresienstadt noch eine
„Generalprobe“ statt. Die „Kaiser“-Oper
ist eine Parabel vom Spiel des Kaisers
mit dem Tod um das Leben. Das „Spiel“,
bei dem es um nichts weniger als die
vom Kaiser geplante Vernichtung allen
menschlichen Lebens und um die Verhinderung dieses wahnwitzigen Vorhabens durch den Tod geht, endet mit
dem Untergang des Kaisers und mit der
Vision eines neuen Verständnisses von
Leben und Tod.
Der Kaiser von Atlantis (1943)
Spiel in einem Akt:
Tanz – Intermezzo: Die lebenden Toten
(Gewandhausorchester Leipzig,
Leitung: Lothar Zagrosek)
verbotener klänge
Komponist, entstammte einer traditionsbewussten, jüdisch-provençalischen
Familie. Sein Judentum war für ihn von
Bedeutung, die Autobiographie Noten
ohne Musik eröffnete er mit den Sätzen
“Ich bin ein Franzose aus der Provence
und ein Jude der Religion nach”. Milhaud hob damit in Selbstreflexion seine
jüdisch-provençalische Herkunft hervor
und unterstrich sein religiöses und nationales Selbstverständnis. Im Schaffen
reflektierte er daher neben neoklassizistischen Tendenzen oder Einflüssen
des Jazz auch die jüdischen Wurzeln.
Von den Nationalsozialisten verfolgt,
rettete sich Darius Milhaud 1940 in
das amer-ikanische Exil. Als Dokument
tiefster Verbundenheit mit dem Glauben
zeigt sich das 1947 in der Vertreibung
entstandene jüdisch-liturgische Service
Sacré (Sabbath Morning Service) – „the
voice of a creature communicating with
his God“ – wie Milhauds Frau Madeleine zu berichten wusste.
Service Sacré (1947): Ma Tovu
(Yaron Windmueller, Bariton;
Prague Philharmonic Choir,
Czech Philharmonic Orchestra,
Dirigent: Gerard Schwarz)
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Thomas Mapfumo
(*1945 Marondera, Simbabwe)
Paul Hindemith
(*1895 Hanau,
†1963 Frankfurt am Main)
Rana Farhaan, Sängerin, im Iran ge-
ist als „Löwe der Musik des Chimurenga“, des Befreiungskampfs, nicht
nur im südlichen Afrika zur Legende
geworden. Jetzt rebelliert er erneut
gegen die herrschenden Verhältnisse
in seinem Heimatland Simbabwe, gegen wachsende Armut, Korruption und
Entrechtung. Während des 14 Jahre
dauernden Krieges gegen das Regime
von Ian Smith wurde Radiomusik zum
zentralen Bestandteil für die Kriegsstrategie des Widerstands. Anfang der 70er
Jahre sang Mapfumo gegen das rassistische Regime. Sympathisierte er nach
dem Sieg mit der neuen Regierung, so
attackiert er schon seit Jahren die Korruption und die ruinöse wie repressive
Politik des Regimes von Robert Mugabe. Er konnte den Druck des Regimes
nicht aushalten und emigrierte nach
dem Verbot seines Albums Corruption
1989 in die USA.
„Chimurenga Music“ nennt Mapfumo
seine Musik seit den 70er Jahren.
Chimurenga bedeutet „Kampf“ und
steht für die antikolonialen Befreiungskämpfe. 1977 war Mapfumo wegen
seines Songs Hokoya für 90 Tage im
Gefängnis.
Bratschist und Komponist, wurde mit
zunehmender Machtausweitung der
NSDAP sukzessive behindert und boykottiert. Teile seines Schaffens wurden
unter dem Verdikt des „Kulturbolschewismus“ oder als „entartete Kunst“ von
den Konzert-Programmen entfernt. Der
Leiter des Brucknerkonservatoriums
Adolf Trittinger wurde 1943 gekündigt,
da am 18. Juni 1943 im Konservatorium ein Hindemith-Abend stattfand.
Adolf Hitler, so berichtet Trittinger in
einem Brief vom 1.12.1963 an Fred K.
Prieberg, hätte eine Rezension gelesen
und wäre „empört [gewesen] über die
freche Nichtachtung seiner Anordnung,
entartete Musik eines Hindemith ausgerechnet in seiner Heimatstadt aufzuführen“. Auf dem Programm stand auch
Hindemiths 2. Orgelsonate.
Zweite Sonate für Orgel (1937): I. Lebhaft
(Arturo Sacchetti)
Hokoya!
(Thomas Mapfumo & The Acid Band)
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boren, verbindet klassische persische
Poetik mit Jazz- und Blueselementen.
Vorbilder in ihrem musikalischen Werden waren amerikanische Künstler wie
Brownie McGhee, Leadbelly, Johnny
Winter, Jimmy Hendrix oder Janis
Joplin. Nach dem Studienabschluss in
Teheran ging Rana Farhaan nach New
York, das musikalische Rundherum in
Manhattan und Harlem waren prägende Einflüsse im Entdecken ihrer Liebe
zum Jazz. Da Frauenstimmen im Iran
nur im Chor erlaubt sind, ist die Sängerin Rana Farhaan als Solistin im Iran
verboten.
Drunk with Love
(Rana Farhaan)
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Franz Schubert
(*1797, †1828 Wien)
Anton Webern
(*1883 Wien, †1945 Mittersill)
Witold Lutosławski
(*1913, †1994 Warschau)
Hanns Eisler
(*1898 Leipzig, †1962 Berlin)
Komponist und Dirigent, bekam sehr
früh privaten Klavier- und Violinunterricht, danach im Warschauer Konservatorium regulären Musiktheorieunter-richt.
Bei Witold Maliszewski, einem Schüler
von Rimski-Korsakow, studierte er Komposition. Erste herausragende Kompositionen waren die
Symphonischen Variationen (1938). Seine
Pläne, in Paris zu studieren, wurden
vom Ausbruch des Krieges unterbrochen. Nach der Flucht aus deutscher
Gefangenschaft schlug er sich in Warschau als Pianist durch. Zusammen mit
seinem Komponistenkollegen Andrzej
Panufnik gründete er ein Klavierduo, mit
dem er in den Warschauer Cafés auftrat
und sich damit an der einzig möglichen
Form öffentlichen Musizierens während
des Krieges beteiligte. Nach dem Krieg
entstand die Erste Symphonie, die im
stalinistischen Polen als „formalistisch“
bezeichnet und verboten wurde. Um
sich über Wasser zu halten, schrieb
Lutosławski viel Gebrauchsmusik,
Werke für Rundfunk, Film, Theater und
zahlreiche Lieder für Kinder.
Komponist, war Angehöriger des
Schönberg-Kreises und stand in Wien
der Arbeitermusikbewegung nahe. 1925
nach Berlin übersiedelt, trat er der
Deutschen Kommunistischen Partei bei
und begann 1930 die Zusammenarbeit
mit Bert Brecht (1898–1956). 1933 von
den Nationalsozialisten aufgrund seiner
politischen Einstellung sowie seiner
Musiksprache und seines Judentums
verboten, flüchtete Eisler über Österreich, Dänemark und Spanien in die
Vereinigten Staaten. Während der McCarthy-Ära 1947 vor dem „Ausschuss
zur Untersuchung unamerikanischer
Tätigkeit“ verhört, wurde Hanns Eisler
des Landes verwiesen und kehrte 1948
vorübergehend nach Österreich zurück.
Seit 1949 hielt er sich in der DDR auf
und leitete ab 1950 eine Kompositionsklasse an der Deutschen Akademie der
Künste. Ein Dokument zu Vertreibung,
Flucht, Exil und Tod in den Konzentrationslagern, kurz: zum antifaschistischen
Widerstand, ist Hanns Eislers Deutsche
Symphonie – ein über langen Zeitraum
entstandenes, im Untertitel als „Konzentrationslagersymphonie“ konzipiertes
Werk.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Webern
u.a. Leiter des Wiener Schubertbundes
(bis 1922). Weberns Beziehung zur NSIdeologie und zum NS-Staat sind in der
Forschung umstritten, nichtsdestoweniger
hatte er nach dem „Anschluß“ Österreichs 1938 als „Kulturbolschewist“ keine
Chance im offiziellen Musikleben. 1934
bearbeitete Webern die Sechs Deutschen
Tänze von Franz Schubert. Mit Weberns
Instrumentationen werden gleichsam
die Bewegungen auf dem Tanzboden
nach-choreographiert und zugleich wird
ein Stück Wienerischen Musizierens aus
dem letzten Jahrhundert zu uns herüber
getragen.
Sechs Deutsche Tänze D820
(1824, Orchestrierung 1934): Tänze 1–3
(Berliner Philharmoniker,
Leitung: Pierre Boulez)
Symphonie Nr. 1 (1941–1947): I. Allegro giusto
(Polish Radio National Symphony Orchestra,
Leitung: Witold Lutosławski)
Deutsche Symphonie, op. 50 (1935–1947,
Text: Bert Brecht): An die Kämpfer in den
Konzentrationslagern (Gewandhausorchester
Leipzig, Leitung: Lothar Zagrosek)
Kaum Erreichbare ihr,
in den Lagern begraben,
abgeschnitten von
jedem menschlichen Wort.
Und ausgeliefert diesen Misshandlungen.
Niedergeknüppelte, aber nicht Widerlegte.
Oh ihr Verschwundenen, aber nicht
Vergessenen.
verbotener klänge
23
26
27
Die Internationale war das am wei-
Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
testen verbreitete Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, die sich
ideologisch – gemäß dem marxistischen Motto „Proletarier aller Länder,
vereinigt euch!“ – dem proletarischen
Internationalismus verpflichtet sah. Der
ursprünglich französische Text stammt
von Eugène Pottier (1816–1887), einem
Dichter und aktiven Beteiligten der Pariser Kommune von März bis Mai 1871,
der ersten als proletarisch-sozialistisch
geltenden Revolution. Die Melodie des
Liedes wurde 1888 vom Belgier Pierre
Degeyter (1848–1932) komponiert, der
deutsche Text stammt von Emil Luckhardt (1910). Die Internationale war den
Vertretern der Arbeiterbewegung eine
Hymne, gleichzeitig wurde sie vielen
Komponisten als direktes Zitat oder musikalisch verfremdet zum Symbol für die
sozialistische oder sozialdemokratische
Idee und somit zur politischen Signatur.
Mit der Niederschlagung der FebruarKämpfe in Österreich 1934 waren das
Lied und Werke mit Zitaten desselben
im nachfolgenden Austrofaschismus
verboten, ebenso im späteren Nationalsozialismus.
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!
Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.
Die Internationale
(1888 komponiert von Pierre Degeyter,
deutscher Text: Emil Luckhardt 1910)
(Chöre, Solisten und Ensembles von
FDJ-Jugendfestivals und Arbeiterfestspielen
der DDR)
24
polyphon Ii
Carl Maria Friedrich
Ernst von Weber
(*1786 Eutin, †1826 London)
Komponist, Dirigent und Pianist, war ein
Cousin von Mozarts Frau Constanze.
Johann Michael Haydn und Abbé Georg
Joseph Vogler waren seine wichtigsten
Mentoren in der Zeit der Ausbildung zum
Komponisten und Musiker. Der Komponist starb kurz nach der Uraufführung
seines Oberon in London an Tuberkulose. 18 Jahre später veranlasste Richard
Wagner die Überführung von Webers
Sarg nach Dresden. Dort wurde Weber
auf dem Alten Katholischen Friedhof
beigesetzt. Mit seiner
Jubelmesse (1819) begibt sich Carl
Maria von Weber von seinem durch
die Oper bestimmten Stil auch einmal
auf geistliches Terrain. Es handelt sich
dabei um eine feierliche Gelegenheitsmusik zur goldenen Hochzeit des königlichen Herrscherpaares in Dresden, wo
kurz danach sein Freischütz aufgeführt
wird. Weber denkt dabei an „eine frohe,
kindlich bittende und jubelnd zum Herrn
betende Schar“ und gesteht, dass das
Werk aus seinem „Herzen kam und ist
vom Besten, was ich geben kann“. Zu
Ostern 1887 veröffentlichte der Bischof
von Linz, Ernest Maria Müller, eine Verordnung über die Kirchenmusik im Linzer
Diöcesanblatt: „Namentlich sind Kirchengesang und Kirchenmusik den Zeugnissen der Geschichte zufolge im Laufe der
Zeit entartet und ihrer erhabenen Aufgabe untreu geworden, so dass unsere hl.
Kirche veranlaßt war, gegen arge Ausschreitungen ihre Stimme zu erheben
und Normen für den Gesang und für die
Musik bei der Feier des Gottesdienstes
festzustellen, damit alles Weltliche und
Ungeziemende daraus beseitiget würde“.
Unter jene Kirchenkompositionen, die
sich, nach den genannten Kriterien, für
kirchliche Aufführungen nicht eigneten
und mit einem bischöflichen Aufführungsverbot belegt wurden, fielen auch
jene von Carl Maria von Weber.
28
Viktor Ullmann
(*1898 Teschen, †1944 Auschwitz)
Ich bin der Tod, der Gärtner Tod,
Komponist, Dirigent und Pianist, war in
Wien Schüler von Arnold Schönberg.
1942 wurde Ullmann von den Nazis
ins Ghetto Theresienstadt verfrachtet,
wo er – immer noch an das Positive
im Menschen glaubend – trotz Hunger
und heftiger Probleme in der Bewältigung des Terezíner Alltags um ein
reiches Musikleben besorgt war und so
viel komponierte wie noch nie. Am 16.
Oktober 1944 wurde Ullman in einem
Viehwagen nach Auschwitz deportiert
und ermordet. Der Kaiser von Atlantis
erlebte seine Uraufführung erst 1975.
1944 fand in Theresienstadt noch eine
„Generalprobe“ statt. Die „Kaiser“-Oper
ist eine Parabel vom Spiel des Kaisers
mit dem Tod um das Leben. Das „Spiel“,
bei dem es um nichts weniger als die
vom Kaiser geplante Vernichtung allen
menschlichen Lebens und um die Verhinderung dieses wahnwitzigen Vorhabens durch den Tod geht, endet mit
dem Untergang des Kaisers und mit der
Vision eines neuen Verständnisses von
Leben und Tod.
Ich bin der Tod, der Gärtner Tod,
und säe Schlaf in schmerzgepflügte Spuren.
und jäte welkes Unkraut müder Kreaturen.
Ich bin der Tod, der Gärtner Tod,
und mähe reifes Korn des Leidens
auf den Fluren.
Bin der, der von der Pest befreit,
und nicht die Pest.
Bin, der Erlösung bringt vom Leid, nicht,
der euch leiden läßt.
Ich bin das wohlig warme Nest, wohin das
angstgehetzte Leben flieht.
Ich bin das größte Freiheitsfest. Ich bin das
letzte Schlummerlied. Still ist und
friedevoll mein gastlich Haus!
Kommt, ruhet aus!
Der Kaiser von Atlantis
(1943, Libretto: Peter Kein)
Spiel in einem Akt: Ich bin der Tod
(Walter Berry, Bassbariton;
Gewandhausorchester Leipzig,
Leitung: Lothar Zagrosek)
≤
Missa sancta Nr. 2 op. 76 „Jubelmesse“ (1819):
III. Gloria. Allegro vivace
(WDR Rundfunkchor und Orchester,
Leitung: Helmuth Froschauer)
verbotener klänge
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30
31
Mikis Theodorakis
(*1925 Insel Chios, Griechenland)
Petr Eben
(*1929 Žamberk, †2007 Prag)
Hanns Eisler
(*1898 Leipzig, †1962 Berlin)
Komponist, Schriftsteller und Politiker, der
sich während der Besatzung Griechenlands durch die deutschen, italienischen
und bulgarischen Truppen im Zweiten
Weltkrieg dem Widerstand anschloss.
Nach dem Rückzug der deutschen Wehrmacht wehrte sich Theodorakis gegen
die Einmischung durch die Briten. Als
kommunistischer Regimegegner wurde
er während des Griechischen Bürgerkriegs verhaftet und verbannt. Ende 1948
wurde er nach zeitweiliger Freilassung
in ein Vernichtungslager deportiert, in
dem Tausende umkamen. 1967 kam es
zum Putsch der faschistischen Obristen. Vier Monate kämpfte Theodorakis
als Gründer der Patriotischen Front im
Untergrund gegen die Junta und wurde
wiederum verhaftet, gefoltert und Ende
1969 schließlich ins Konzentrationslager
Oropos überführt, wo die Tuberkulose ihn
an den Rand des Todes brachte. 1970
konnte Theodorakis
ins Exil nach Paris ausreisen.
Nach dem Sturz der Diktatur wurde Mikis
Theodorakis bei seiner Rückkehr wie ein
Volksheld gefeiert. Nach zwanzigjähriger
Schaffenspause nahm er erst 1980 wieder die Arbeit an seinem symphonischen
Schaffen auf. „Ich sage nicht, dass ich,
weil ich diese Ereignisse erlebte, diese
Musik schreiben musste. Ich sage, dass
ich diese Ereignisse erleben musste, um
diese Musik zu schreiben.“ – so Theodorakis in seiner Autobiographie Die
Wege des Erzengels. Erste Skizzen zu
Carnaval komponierte Theodorakis 1947
während des Bürgerkriegs auf der Verbannungsinsel Ikaria.
Pianist, Organist und Komponist, verbrachte seine Jugend in Ceský Krumlov.
Petr Eben schrieb eine Vielzahl unterschiedlicher Werke verschiedener
Genres. Zeit seines Lebens hatte er
mit staatlichen Sanktionen zu kämpfen,
zunächst von nationalsozialistischer,
später von stalinistischer Seite. 1944
verwies die deutsche Besatzung ihn wegen seiner jüdischen Abstammung der
Schule, als 16-Jähriger wurde er nach
Buchenwald deportiert. An der Prager
Universität verweigerte man dem bekanntesten Komponisten Tschechiens
wegen seines christlichen Bekenntnisses bis 1989 die Professur – man ließ
ihn dort als einfachen Lehrbeauftragten
unterrichten. In seiner Symphonia Gregoriana erweitert Eben in bewusster
Anlehnung an Bruckner und Dvořák
behutsam die Tonalität. Das Werk durfte
nach der Uraufführung 1954 in Tschechien nicht wieder gespielt werden, zu
sehr widersprachen das hymnische Bekenntnis für die Orgel und das Zitieren
gregorianischer Melodien dem Konzept
der damaligen Staatsführung.
Komponist, war Angehöriger des
Schönberg-Kreises und stand in Wien
der Arbeitermusikbewegung nahe. 1925
nach Berlin übersiedelt, trat er der
Deutschen Kommunistischen Partei bei
und begann 1930 die Zusammenarbeit
mit Bert Brecht (1898–1956). 1933 von
den Nationalsozialisten aufgrund seiner
politischen Einstellung sowie seiner
Musiksprache und seines Judentums
verboten, flüchtete Eisler über Österreich, Dänemark und Spanien in die
Vereinigten Staaten. 1942 übersiedelte
er nach Hollywood, schrieb Filmpartituren, unterrichtete an der University
of Southern California in Los Angeles
und arbeitete weiterhin mit Bert Brecht.
Während der McCarthy-Ära 1947 vor
dem „Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit“ verhört, wurde
Hanns Eisler des Landes verwiesen und
kehrte 1948 vorübergehend nach Österreich zurück. Seit 1949 hielt er sich
in der DDR auf und leitete ab 1950 eine
Kompositionsklasse an der Deutschen
Akademie der Künste. Für den proletarischen Spielfilm Kuhle Wampe entstand
1931 in Zusammenarbeit mit Bert Brecht
Hanns Eislers berühmtes Solidaritätslied.
Symphonia Gregoriana (1953):
Konzert für Orgel und Orchester
(Paul Wisskirchen, Orgel;
Händel-Festspielorchester,
Leitung: Volker Hempfling)
Carnaval (1947–1953)
Suite Ballet for Orchestra: III. Love Dance
(St. Petersburg State Academic Capella
Symphony Orchestra,
Leitung: Mikis Theodorakis)
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polyphon Ii
Solidaritätslied (1931, Text: Bert Brecht)
(Ernst Busch)
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Vorwärts, und nicht vergessen,
Lieder zur Wiener Revolution 1848
worin uns’re Stärke besteht!
geben einen Einblick in eine bewegte
Zeit, in der neben den uns heute bekannten Textdichtern und Komponisten
auch einfache Handwerker und Arbeiter
zur Feder griffen, um ihren Ärger über
Restriktionen und Repressalien des
Polizei-Staates Metternichs, der verhassten Symbolfigur der Restauration,
auszudrücken. Die März-Kämpfe 1848
in Wien verliefen blutig, sie forderten
Menschenleben, brachten aber auch Errungenschaften wie die Aufhebung der
Zensur mit sich. Die kurze Phase der
unter Gewalt erkämpften Pressefreiheit
ermöglichte die Entstehung von Druckschriften und Liedern. Ein Neues Osterlied verkündete die „Frohbotschaft“: „Die
Freiheit ist erstanden, erlöst von Schmach
und Banden. Ein Morgen hell und strahlenreich steht leuchtend über Österreich.“ –
Mit der Niederschlagung der Revolution
im Oktober 1848 stellten sich jedoch
rasch wieder andere Zustände ein: Die
erkämpften Ideale mussten aufgegeben
werden.
Joan Manuel Serrat
(*1943 Barcelona)
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts, nie vergessen,
die Solidarität!
Auf, ihr Völker dieser Erde,
einigt euch in diesem Sinn.
Dass sie jetzt die eure werde
und die große Näherin.
Schwarzer, Weißer, Brauner, Gelber!
Endet ihre Schlächtereien!
Reden erst die Völker selber,
werden sie schnell einig sein.
Wollen wir es schnell erreichen,
brauchen wir noch dich und dich.
Wer im Stich lässt seinesgleichen,
lässt ja nur sich selbst im Stich.
Uns’re Herrn, wer sie auch seien,
sehen uns’re Zwietracht gern.
Denn solang sie uns entzweien,
bleiben sie doch uns’re Herrn.
Proletarier aller Länder,
einigt euch und ihr seid frei!
Eure großen Regimenter
brechen jede Tyrannei!
Neues Osterlied (Text: Carl Rick,
Melodie: „Der Heiland ist erstanden“)
(Alexander Wessetzky,
Gesang und Harmonium)
Sänger und Liedermacher, aus Katalanien stammend, kam immer wieder in
Konflikt mit der Diktatur Francos, weil
er darauf bestand, auch in seiner verbotenen Muttersprache zu singen. Aus
diesem Grund emigrierte er 1975 nach
Mexiko, kehrte jedoch im Jahr darauf,
nach Francos Tod, in seine Heimat
zurück. Serrat prägte die Musikrichtung
des Nova Cançó Catalana, des Neuen
Katalanischen Liedes. Sie steht in enger
Verbindung mit dem Befreiungskampf
der Katalanen gegen die Unterdrückung
des Franco-Regimes und ist eine direkte Antwort auf die Diskriminierung der
katalanischen Sprache und Kultur im
spanischen Einheitsstaat, der sich nach
dem Bürgerkrieg gebildet hat. Durch
die Liedtexte gelang es, die von Franco
verbotene katalanische Sprache erstmals wieder einer breiten Öffentlichkeit
zugänglich zu machen. Ursprünglich
hauptsächlich politisch motiviert, zeichnen sich die Lieder der revolutionären
Bewegung auch heute noch häufig
durch Gesellschaftskritik aus.
Vencidos (aus dem Album Mediterráneo)
(Joan Manuel Serrat)
Vorwärts, und nie vergessen
Und die Frage konkret gestellt.
Beim Hungern und beim Essen:
Wessen Morgen ist der Morgen?
Wessen Welt ist die Welt?
verbotener klänge
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Lieder zur Wiener Revolution 1848
Alexander von Zemlinsky
(*1872 Wien, †1942 Larchmont)
Roman Haubenstock-Ramati
(*1919 Krakau, †1994 Wien)
Kapellmeister, Operndirektor und Komponist, studierte bei Robert Fuchs. In
Folge des Luegerischen Antisemitismus
und der Dreyfuss-Affaire verschlechterte sich das Klima gegenüber den
Juden in Wien. Zemlinsky trat 1899 aus
der Israelitischen Kultusgemeinde aus.
Mitte 1927 wechselte er an die Berliner
Krolloper. Die Produktion, von rechten
Kreisen abgelehnt und höchst umstritten, wurde ein kommerzieller Erfolg. Die
folgenden politischen Veränderungen
und die Machtergreifung der Nationalsozialisten vergifteten jedoch das Klima
für jüdische Künstler. Noch im Frühjahr
1933 verließ Zemlinksy Berlin und übersiedelte nach Wien. 1938 emigrierten
Zemlinsky und seine Frau in die USA.
„Der gleichen Richtung entspricht seine
Musik zu Klabunds Kreidekreis. Mit naheliegenden Orientalismen und Anwendung vielfältiger Orchester-Effekte soll
die innere Leere des Herzens und die
Dürre des Gemüts übertüncht werden.
Das m u ß misslingen.“ – schrieb die
Deutsche Bühnenkorrespondenz im
Jänner 1934 über Zemlinkys Oper
Der Kreidekreis.
Musiklektor, -lehrer und Komponist, studierte von 1937 bis 1940 Komposition,
Musiktheorie, Violine und Philosophie
in Krakau und Lemberg. Haubenstock
wurde 1941 von sowjetischen Soldaten
mit dem Vorwurf der Spionage verhaftet
und deportiert und kehrte nach dem
Zweiten Weltkrieg, in dem Eltern und
Brüder im KZ ermordet worden waren,
nach Polen zurück. Von 1947 bis 1950
war er Leiter der Musik-redaktion beim
Rundfunk in Krakau. Ab 1950 war er
Professor an der Musikakademie Tel
Aviv, wo er auch den Aufbau einer musikalischen Zentralbibliothek leitete. 1957
erhielt Roman Haubenstock-Ramati
ein sechsmonatiges Stipendium für die
Académie für Musique concrète in Paris.
1958–1968 war er Lektor für Neue Musik bei der Universal Edition Wien. 1959
kuratierte er die erste Ausstellung musikalischer Graphiken bei den Donaueschinger Musiktagen. Er hatte ab 1973
eine Professur für Komposition an der
Hochschule für Musik und darstellende
Kunst in Wien inne, wo er 1989 emeritierte. Zu seinen Schülern zählen u.a.
Bruno Liberda, Beat Furrer, Christoph
Herndler, Djahan Tuserkani und Peter
Ablinger. Haubenstock-Ramati wirkte
auch als Grafiker und Maler.
geben einen Einblick in eine bewegte
Zeit, in der neben den uns heute bekannten Textdichtern und Komponisten
auch einfache Handwerker und Arbeiter
zur Feder griffen, um ihren Ärger über
Restriktionen und Repressalien des
Polizei-Staates Metternichs, der verhassten Symbolfigur der Restauration,
auszudrücken. Die März-Kämpfe 1848
in Wien verliefen blutig, sie forderten
Menschenleben, brachten aber auch
Errungenschaften wie die Aufhebung
der Zensur mit sich. Die kurze Phase
der unter Gewalt erkämpften Pressefreiheit ermöglichte die Entstehung
von Druckschriften und Liedern. Mit
der Niederschlagung der Revolution
im Oktober 1848 stellten sich jedoch
rasch wieder andere Zustände ein: Die
erkämpften Ideale mussten aufgegeben
werden. Zuvor waren allerdings auch
Volkslieder mit revolutionärer Botschaft
in Umlauf gekommen: „Verändern si
d’Zeitn, verändern si d’Liada“ – „ohne
Freiheit und Brot wird Volk und Mensch tot“
– so deren Tenor.
Politische Volks-Lieder
(Text: F. Stelzhammer,
Melodie: Innviertler Landlergstanzln)
(Gesang: Adi Hirschal,
Zither: A. Kreuzhuber)
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Der Kreidekreis (1930–1932):
Oper in drei Akten Vorspiel zum dritten Akt
(Gürzenich Orchester Köln,
Leitung: James Conlon)
polyphon Ii
L’amen de verre (1957)
(GRM Archives, Paris)
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Xiao Min, Komponistin und Songtex-
Willy Julius Rosen (Rosenbaum)
(*1894 Magdeburg,
†1944 Auschwitz)
Erich Wolfgang Korngold
(*1987 Brünn, †1957 Los Angeles)
terin, engagiert sich mit eingängigen
Songs für das Christentum in ihrer Heimat China. Die Lieder der jungen Chinesin werden auch „die Hymnen Kanaans“
genannt, da „Kanaan“ Xiao Mins Künstlername ist. Unter den Christen in China
sind Xiao Mins Lieder ausgesprochen
populär. Über ein Dutzend der Songs
schrieb die chinesische Komponistin
jedoch hinter Gittern. Die Lieder dürfen
nicht publiziert werden. (Quelle: Open
Doors, 1.7.2008)
Jackdaws playing in the water
(Xiao Min)
Kabarettist, Komponist und Texter, zählte in den „goldenen Zwanzigern“ zu den
bekanntesten Unterhaltungskünstlern in
Deutschland. Mit der Machtergreifung
der Nationalsozialisten wurde dem
Juden Rosen Auftrittsverbot in Deutschland erteilt. Er gab zunächst einige
Gastspiele im Ausland, kehrte jedoch
bis 1936 immer wieder nach Berlin zurück. Nach Aufenthalten in der Schweiz,
Österreich und der Tschechoslowakei
flüchtete Willy Rosen 1937 in die Niederlande. Dort gründete er mit anderen
Berliner Emigranten das Theater der
Prominenten. Nach dem Einmarsch
deutscher Truppen in die Niederlande
wurde das Theater 1942 verboten. Die
Flucht aus Europa gelang nicht, Rosen
wurde nach Theresienstadt und später
in das Vernichtungslager Auschwitz
deportiert. Am 28. Oktober 1944 wurde
er in der Gaskammer ermordet.
Wenn ich der Richard Tauber wär (1929)
(Willy Rosen)
Komponist, Schüler von Robert Fuchs
und Alexander Zemlinsky, gelangte
1921 als Dirigent an das Hamburger
Stadttheater, erhielt 1927 eine Professur
an der Wiener Akademie für Musik und
darstellende Kunst und leitete 1930/31
dort eine Opernklasse. Als bedeutende
Persönlichkeit des österreichischen
Musiklebens wurde Korngold 1934 zur
Bearbeitung von Felix MendelssohnBartholdys Ein Sommernachtstraum unter
Max Reinhardt und Wilhelm Dieterle in
die Vereinigten Staaten gerufen, ließ
sich in Hollywood nieder, reiste zurück
nach Wien und folgte weiteren Filmaufträgen. Von den Ereignissen um den
„Anschluß“ überrascht, kehrte Korngold
1938 von einer USA-Reise zur Vertonung von The Adventures of Robin Hood
bis in das Jahr 1949 nicht mehr nach
Europa zurück. Im Jahr 1933 kaufte der
bereits von den deutschen Nationalsozialisten diffamierte Jude Korngold
als „Rückzugsort“ das Gut „Schloß
Höselberg“ im oberösterreichischen
Gmunden. Dort komponierte er seine
letzte Oper Die
Kathrin (1932–1937). Die für 1938 in
Wien geplante Uraufführung der Oper
fand nicht mehr statt, das Werk wurde
vielmehr unter Korngolds Abwesenheit
im „Exil“ in Stockholm aufgeführt. Im
dritten und letzten Akt der Oper stimmt
darin der ruhelos wandernde François
ein nostalgisches Lied an: „Wo ist mein
Heim, mein Haus, wo ist für mich ein Tisch,
ein Bett bereitet, wes Hand geleitet mein
Herz zur Rast?“
Die Kathrin op. 28 (1932–1937):
Oper in drei Akten: III. Akt: Wo ist mein Heim
(Arie des François)
(François: David Rendall,
BBC Concert Orchestra,
Leitung: Martyn Brabbins)
verbotener klänge
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Jean „Django“ Reinhardt
(*1910 Liberchies/Belgien,
†1953 Samois-sur-Seine bei Paris)
Djahan Tuserkani
(*1936 Teheran)
Dort
Komponist und Pianist, gestaltete musikalische Jugendprogramme bei Rundfunk und Fernsehen in Teheran. Die
Uraufführung seiner Lieder der Revolte I
(auf Texte ermordeter Dichter) im Jahr
1959 führte zu einem Skandal und zur
Beschlagnahmung des Materials, 1961
wurde Djahan Tuserkani aus politischen
Gründen inhaftiert und gefoltert. Nach
der Freilassung mit Berufsverbot belegt,
konnte Tuserkani 1964 nach Österreich
emigrieren, wo er bei Alfred Uhl, Roman
Haubenstock-Ramati, Paul Kont und
Dieter Kaufmann studierte. 1978 kehrte
er in den Iran zurück, schloss sich der
Widerstandsbewegung an und musste
1979 erneut flüchten. Seit 1980 lebt
Tuserkani wieder in Wien. Das 1961
bis 1966 entstandene Werk Aegritudo
für sordiniertes Pianino, präpariertes
Klavier, Pantomime und Sprecher verarbeitet die Erfahrungen von Haft, Folter,
Flucht und Exil. Der Text stammt vom
Komponisten selbst.
die Lüge
Gitarrist, Komponist und Bandleader,
Galionsfigur des europäischen Jazz,
spielte Anfang der dreißiger Jahre in
Pariser Cafés, wo ihn 1934 Pierre Nourry
und Charles Delaunay vom Hot Club de
France entdeckten. Hier keimte die Idee,
ein nur von Saiteninstrumentalisten
besetztes Ensemble mit Reinhardt und
dem Violinisten Stéphane Grappelli zu
gründen. Das legendäre Quintette du
Hot Club de France ging daraus hervor, in welchem neben Reinhardt und
Grappelli noch Djangos Bruder Joseph
Reinhardt und Pierre „Baro“ Ferret bzw.
Roger Chaput als Rhythmusgitarristen
sowie Louis Vola als Bassist mitwirkten.
Als Jazzmusiker und Sohn französischsprachiger Sinti war Reinhardt im
Nationalsozialismus doppelt gefährdet:
1943 versuchte er, sich in die Schweiz
abzusetzen, wurde aber an der Schweizer Grenze abgewiesen. Nach Paris
zurückgekehrt, bewahrte ihn die Beliebtheit seiner Musik bei der französischen
Bevölkerung – wohl auch bei einigen
Besatzungsoffizieren – davor, wie viele
seiner Familienmitglieder als Zigeuner
verfolgt und in den Konzentrationslagern ermordet zu werden.
Swing 39 (aus dem Album Hot Club de France)
(Quintette Hot Club de France)
war sie laut
Verfälscht,
verdreht, unterdrückt, verhört
zum Tode verfolgt
Zur Flucht
weg vom Haus musste ich
heimlich
aus der Heimat raus musste ich
Verlor
den Vater, das Land
die Mutter, die Sprache
das Gestern, Morgen –
und
Heute im Exil
Ohne Heim, ohne Mutter
ohne Sprache
ohne das Gestern, Morgen
und
heute höre ich sie da
die Lüge
Verdreht, verfälscht
Aegritudo für sordiniertes Pianino,
präpariertes Klavier, Pantomime
und Sprecher (1961–1966)
(Sprecher: Christopher Spitzenberger,
Klavier, Pianino, experimentelle Klänge,
Text und elektroakustisches Konzept:
Djahan Tuserkani; digitale Bearbeitung:
Hubert Waldner, Thomas Lang)
verhört, verfolgt
zum Tode abgeschoben
und
denke an neue Flucht
Laut ist sie da
die Lüge
da wie
dort
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Anton Bruckner
(*1824 Ansfelden, †1896 Wien)
Lluís Llach i Grande
(*1948 Girona)
Oberösterreichischer Komponist der Romantik, Organist und Musikpädagoge.
Der große Durchbruch für Bruckners
Musik kam mit der Uraufführung seiner
Symphonie Nr. 7 im Jahr 1884 durch den
jungen Dirigenten Arthur Nikisch zustande. Die Schönberg-Schüler Hanns
Eisler, Karl Rankl und Erwin Stein erstellten auf Weisung von Arnold Schönberg im Oktober/November 1921 diese
Kammermusik-Fassung von Bruckners
Siebter Symphonie. Sie war für die „Reihe (B)“ des „Vereins für musikalische
Privataufführungen“ bestimmt, die für
„mustergültig studierte Aufführungen
klassischer Musik“ vorgesehen war. Zu
hören ist der erste Satz der Symphonie,
den Hanns Eisler (*1898 Leipzig, †1962
Ost-Berlin) bearbeitet hat. Eisler war in
der Düsseldorfer Ausstellung „Entartete
Musik“ 1938 als Gebrandmarkter vertreten. Bruckners Musik wurde von Adolf
Hitler als „reine, echte deutsche“ Musik
vereinnahmt. Dieses Beispiel illustriert
die Absurdität, dass Bruckners Symphonie in der Kammermusikfassung eines
„Entarteten“ im Dritten Reich wohl unmöglich aufzuführen gewesen wäre.
Katalanischer Musiker und Liedermacher. Die katalanische Sprache war zu
Zeiten der Franco-Diktatur offiziell verboten. Lluís Llach ließ sich den Mund
nicht verbieten, weshalb er Auftrittsverbote erhielt und schließlich in das
Exil nach Paris ging. Nach dem Ende
der Herrschaft Francos kehrte er nach
Spanien zurück. Sein Lied L’Estaca war
in der Zeit der Diktatur in Katalonien allseits bekannt geworden. Llach sang bei
seiner Rückkehr das Lied nicht öffentlich, er spielte nur die Begleitakkorde an
und summte die Melodie dazu, worauf
die Zuhörer zunächst in tosenden Beifall ausbrachen. Dann wurden, während
das Lied vorsichtig mitgesummt wurde,
tausende Kerzen angezündet und im
Rhythmus der Musik bewegt. Das bis
dahin absolut verbotene Lied durfte
erstmals in der Öffentlichkeit erklingen.
Armin Berg,
(Hermann Weinberger)
(*1883 Hussowitz, Mähren,
†1956 Wien)
(Auszug aus der deutschsprachigen
Nachdichtung des Liedes von
Oskar Kröher) L’Estaca (Lluís Llach)
Coupletsänger und Komiker, feierte
erste große Erfolge als Mitglied des
Budapester Orpheum in Wien, dem
er 17 Jahre lang angehörte. In der
Folge trat er in diversen Kabaretts und
Lokalen auf, wie dem Theater der Komiker, an dessen Führung er eine Zeit
beteiligt war, und dem Ronacher. Berg
spielte auch in einigen österreichischen
Filmproduktionen mit, etwa in der Verfilmung von Hugo Bettauers Roman Die
Stadt ohne Juden. Der von den Nationalsozialisten diffamierte Jude Armin
Berg flüchtete 1938 in die Vereinigten
Staaten, hin und wieder trat er in der
New Yorker Exilbühne Kabarett der
Komiker auf.
So dreht sich alles auf der Welt
(Armin Berg, aus dem Album
Armin Berg singt)
So kriegen wir den Pfahl vom Fleck,
werden ihn fällen, fällen, fällen,
werfen ihn morsch und faul zum Dreck
Symphonie No. 7 (1883) in E-Dur,
in einem Arrangement für Klarinette, Horn,
2 Violinen, Violoncello, Kontrabass, Klavier zu
vier Händen und Harmonium (1921)
I. Allegro moderato
(Thomas Christian Ensemble)
verbotener klänge
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Herbert Zipper
(*1904 Wien, †1997 Santa
Monica, Los Angeles)
Stacheldraht, mit Tod geladen,
Komponist, Dirigent und Musikpädagoge, studierte in Wien bei Joseph Marx
und war von 1930 bis 1933 in Düsseldorf tätig. Nach der Machtergreifung der
Nationalsozialisten kehrte Zipper zurück
nach Wien. 1938 aufgrund seiner jüdischen Abstammung verhaftet und im
Konzentrationslager Dachau inhaftiert,
gründete er dort das Häftlingsorchester.
Gemeinsam mit dem genial-begabten
Jura Soyfer war er der Schöpfer des
Dachauliedes – ein Marsch- und Durchhaltelied für das Todeslager. Herbert
Zipper wurde 1939 in das Konzentrationslager Buchenwald verlegt, im selben
Jahr kam er durch Lösegeldzahlung
und mit Hilfe eines Visums für Guatemala frei. Auf die Philippinen geflüchtet,
gründete er dort das Manila Symphony
Orchestra, nach der Besetzung der
Philippinen durch Japan wurde Zipper
abermals verhaftet. Wieder freigekommen, war er im Untergrund tätig und
betrieb nachrichtendienstliche Tätigkeit
für die Vereinigten Staaten. 1946 übersiedelte der Künstler in die Vereinigten
Staaten – nach den Stationen New York
und Chicago endete seine Odyssee in
Kalifornien, wo er auch verstarb. Jura
Soyfer (1912–1939), einer der bedeutendsten politischen Schriftsteller
Österreichs, verfasste Satiren für die
Arbeiter-Zeitung, schrieb politische Texte
für die Kabarettszene und war nach den
Februarkämpfen 1934 der illegalen KPÖ
beigetreten. Im Juni 1938 wurde Soyfer
in das Konzentrationslager Dachau
transportiert, im Herbst darauf in das
Konzentrationslager Buchenwald, wo er
1939 verstarb.
sendet Frost und Sonnenbrand.
ist um uns’re Welt gespannt.
D’rauf ein Himmel ohne Gnaden
Fern von uns sind alle Freuden,
fern die Heimat, fern die Frau’n,
wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,
Tausende im Morgengrau’n.
Doch wir haben die Losung von Dachau
gelernt und wurden stahlhart dabei.
Sei ein Mann, Kamerad.
Bleib ein Mensch, Kamerad.
Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad.
Denn Arbeit, Arbeit macht frei.
Komponistin, war Studentin von Dimitri
Schostakowitsch am Konservatorium in
Leningrad, wo sie ab 1948 selbst Kompositionsunterricht erteilte. Neben Sofia
Gubaidulina gilt Galina Ustwolskaja als
bedeutendste Komponistin Russlands,
dennoch wurden bis 1968 aus ihrem
Schaffen vornehmlich Werke aufgeführt,
die offiziellen Anlässen gemäß für patriotische Zwecke entstanden. Andere
Kompositionen wurden vom Sowjet-Regime boykottiert und in den Zustand des
„Nicht-gehört-werdens“ abgedrängt.
Trio for Violin, Clarinet and Piano (1949):
I. Espressivo
(Reinbert de Leeuw, Klavier;
Vera Beths, Violine;
Harmen de Boer, Klarinette)
Dachau Lied (1938, Text: Jura Soyfer)
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Galina Iwanowna Ustwolskaja
(*1919, †2006 Sankt Petersburg)
polyphon Ii
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Zeca Afonso¹
(*1929 Aveiro, Portugal,
†1987 Setúbal)
Grândola braune Stadt,
Sänger und Komponist. Sein Lied
Grândola, Vila Morena wurde zum Startsignal für die friedliche Nelkenrevolution
im Jahre 1974. Nach Abschluss des
Studiums war er als Lehrer tätig, an
verschiedenen Orten Portugals, dann
auch vier Jahre in Mosambik, wo er den
Widerstand gegen das Kolonialregime
erlebte. Nach seiner Rückkehr nach
Portugal wurde er bedeutendster Sänger der Opposition. Am 25. April 1974
wurde kurz nach Mitternacht sein offiziell verbotenes Lied Grândola, Vila
Morena im Radio gesendet: Dies war
das vereinbarte Signal für die eingeweihten Soldaten und Zivilisten des
Movimento das Forças Armadas (MFA),
sich gegen die Diktatur zu erheben
– die Nelkenrevolution begann. Das
Lied war während der salazaristischen
Diktatur verboten. Der Text bezieht sich
auf die Solidarität der Landarbeiter und
– in Anspielung an die Prinzipien der
Französischen Revolution – ihre Werte
Gleichheit und Brüderlichkeit, ohne im
Hinblick auf eine revolutionäre Intention
konkreter zu werden. Entsprechend
musste das portugiesische Regime den
Text als Provokation empfinden, so dass
das Lied verboten wurde.
In Dir, oh Stadt.
Land der Brüderlichkeit,
Das Volk regiert,
In Dir, oh Stadt,
Regiert das Volk,
Land der Brüderlichkeit,
Grândola braune Stadt.
Hinter jeder Ecke ein Freund,
In jedem Gesicht Gleichheit,
Grândola braune Stadt,
Land der Brüderlichkeit.
Land der Brüderlichkeit,
Grândola braune Stadt,
In jedem Gesicht Gleichheit,
In Dir regiert das Volk.
Im Schatten einer Steineiche,
Die ihr Alter nicht mehr weiss,
Habe ich dir Treue geschworen,
Erwin Schulhoff
(*1894 Prag, †1942 Weißenburg)
Komponist und Pianist, wurde als Sohn
eines jüdischen Großkaufmanns geboren und studierte in Wien, Leipzig und
Köln. Er interessierte sich vor allem für
die radikalen Richtungen der Avantgarde, für Dadaismus und Jazz, wurde aber
auch nacheinander oder parallel vom
Impressionismus, Expressionismus und
Neoklassizismus beeinflusst. Aufgrund
seiner Hinwendung zum Kommunismus
konnte er nach 1933 seine Karriere in
Deutschland nicht fortsetzen. Nachdem
Schulhoff 1941 die Sowjetische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, war er „Bürger einer feindlichen Macht“ und wurde
in das Konzentrationslager Wülzburg
deportiert, wo er im August 1942 starb.
Cinque Études de Jazz (1926):
III. Chanson (pour Robert Stolz)
(Erwin Schulhoff, Klavier)
Grândola, nach deinem Willen.
Grândola, nach deinem Willen,
Habe ich dir Treue geschworen,
Im Schatten einer Steineiche,
Die ihr Alter nicht mehr weiss.
Grândola, Vila Morena
(Zeca Afonso)
¹ José Manuel Cerqueira Afonso dos Santos
verbotener klänge
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Apsara Tempeltanzmusik, auch „Tanz
Darya Dadvar (*Rasht)
Lieder zur Wiener Revolution 1848
der himmlischen Nymphen“ genannt,
wurde in Kambodscha von den Roten
Khmer unter Pol Pot (1975–1979) verboten. Der Begriff „Apsara“ stammt aus
dem Sanskrit und bedeutet „Wasserwandlerinnen“: In der von den Khmer
adaptierten indischen Mythologie waren
die Apsaras nymphenähnliche Halbgöttinnen von verführerischer Schönheit,
die den Himmels- und Luftraum bewohnten. Für das Terrorregime Pol Pots
war der Tanz ein elitäres Produkt des
„Klassenfeindes“. 90 Prozent der Tänzerinnen und der Musiker wurden von Pol
Pots Brigaden ermordet oder in Lagern
interniert. Die Tempelanlagen in Ankor
Wat waren ein Zentrum der verbotenen
Kultur des heiligen Tanzes.
Sängerin, wuchs als Tochter einer
Musikerin und Direktorin eines Marionettentheaters in Teheran auf und
ging 1919 nach Frankreich, wo sie am
Konservatorium in Toulouse studierte.
In ihrer Musik verbindet Darya Dadvar
iranische und klassische europäische
Tradition, ihre Arrangements leben von
mit Jazz- und Blueselementen angereicherter Exotik. Da Frauenstimmen
im Iran nur im Chor erlaubt sind, ist die
Sängerin Darya Dadvar als Solistin im
Iran verboten.
geben einen Einblick in eine bewegte
Zeit, in der neben den uns heute bekannten Textdichtern und Komponisten
auch einfache Handwerker und Arbeiter
zur Feder griffen, um ihren Ärger über
Restriktionen und Repressalien des
Polizei-Staates Metternichs, der verhassten Symbolfigur der Restauration,
auszudrücken. Die März-Kämpfe 1848
in Wien verliefen blutig, sie forderten
Menschenleben, brachten jedoch auch
Errungenschaften wie die Aufhebung
der Zensur mit sich. Die kurze Phase
der unter Gewalt erkämpften Pressefreiheit ermöglichte die Entstehung
von Druckschriften und Liedern. Mit
der Niederschlagung der Revolution im
Oktober 1848 stellten sich rasch wieder
andere Zustände ein: Die erkämpften
Ideale mussten aufgegeben werden.
Die Zensoren waren während der Revolutionszeit oftmals karikierte Figuren:
„Verdammt sei er im Freiheitschor – das ist
der feine Herr Zensor“ – so der Wortlaut
zum Zensorlied, dessen Melodie als
verschollen gilt.
Darya Dadvar singt „Iranische Musik“
(Darya Dadvar)
Tempeltanzmusik Apsara
(Cambodia Khmer Music)
Das Zensorlied (Text: K.R.,
Melodie: nicht bekannt)
(Sprecher: Eberhard Kummer)
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polyphon Ii
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Franz Theodor Reizenstein
(*1911 Nürnberg, †1968 London)
Mieczysław Weinberg,
(Moishei Vainberg)
(*1919 Warschau, †1996 Moskau)
Paul Hindemith
(*1895 Hanau, †1963 Frankfurt
am Main)
Pianist und Komponist, kam als Sohn
eines jüdischen Musikers schon früh mit
Musik in Berührung. Direkt nach seiner
Abschlussprüfung am Konservatorium
der Musikakademie Warschau brach
1939 der Krieg aus, und er musste vor
den Deutschen aus Warschau fliehen.
Er kam in die weißrussische Hauptstadt
Minsk, wo er Komposition studierte. Am
Tage nach seiner dortigen Abschlussprüfung im Juni 1941 griff die Wehrmacht die Sowjetunion an, und Weinberg musste abermals fliehen. Diesmal
setzte er sich nach Usbekistan ab.
Nach dem deutschen Angriff auf Polen
1939 töteten die Nazis seine Eltern und
seine Schwester, und 1948 ermordete
Stalins Geheimpolizei seinen Schwiegervater. Schließlich wurde Weinberg
selbst am 6. Februar 1953 verhaftet und
unter diffuse antisemitische Anklagen
gestellt. Stalins Tod einen Monat später
rettete ihm das Leben. Selbst sagte der
Komponist einmal: „Viele meiner Werke
befassen sich mit dem Thema des Krieges. Dies war leider nicht meine eigene
Wahl. Es wurde mir von meinem Schicksal diktiert, vom tragischen Schicksal
meiner Verwandten. Ich sehe es als
meine moralische Pflicht, vom Krieg
zu schreiben, von den Gräueln, die der
Menschheit in unserem Jahrhundert
widerfuhren.“ Weinberg gehörte zwar
nicht zu jenen, die am schärfsten kritisiert wurden, aber einige seiner Werke
wurden auf die Verbotsliste gesetzt.
Bratschist und Komponist, wurde mit
zunehmender Machtausweitung der
NSDAP sukzessive behindert und boykottiert. Teile seines Schaffens wurden
unter dem Verdikt des „Kulturbolschewismus“ oder als „entartete Kunst“ von
den Konzert-Programmen entfernt, bereits 1934 erhielten seine Werke Sendeverbot im deutschen Rundfunk, ab 1936
war deren Aufführung verboten. 1938
flüchtete Paul Hindemith in die Schweiz,
später in die Vereinigten Staaten. Auch
die 1938-Schau „Entartete Musik“ griff
den von „Reichspropagandaminister“
Joseph Goebbels als „atonalen Geräuschemacher“ Diffamierten an: Hindemiths im Jahr 1922 komponierte, mit
„Jazziness“ kokettierende, Suite „1922“
für Klavier, konzipiert nach dem zeitgemäßen Motto „das Klavier als eine interessante Art Schlagzeug“ zu betrachten,
wurde im Ausstellungskatalog durch
einen derb auf das Klavier schlagenden,
hämisch grinsenden Karikatur-Pianisten
ins Lächerliche gezogen und beschämt.
Komponist und Pianist, war unter nationalsozialistischem Regime aufgrund
seiner jüdischen Herkunft 1934 zur
Flucht nach England gezwungen. Die
Musik von Reizenstein verweist deutlich
auf seinen Lehrer Paul Hindemith, dem
Rahmen der Tonalität bleibt sie immer
verpflichtet, der Dodekaphonie und
späteren avantgardistischen Tendenzen
stand Reizenstein ablehnend gegenüber. Im Exil konnte er – gerade erst
23-jährig – seine Studien am Londoner
Royal College of Music fortsetzen. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete
Franz Reizenstein als Bahnangestellter,
trotz aller Schwierigkeiten im Exilland
konnte er als Interpret zeitgenössischer
Werke an die Öffentlichkeit treten. Nach
dem Krieg führten ihn Konzertreisen
wieder zurück auf den Kontinent. Der
durch den Naziterror unseren Breiten
entrissene Künstler erhielt 1958 eine
Klavierprofessur am Royal College of
Music, später am Royal Manchester
(dem heutigen Royal Northern) College
of Music. 1966 hatte er eine Gastprofessur für Komposition an der Boston
University inne.
Elegy op. 7 für Violoncello und Klavier
(Duo Hebraique:
Marc Moskovitz, Violoncello;
Daniel Shapiro, Klavier)
Suite „1922“ für Klavier (1922): V. Ragtime
(Boris Berezovsky, Klavier)
Sonata No. 1 for cello and piano, op. 21 (1945):
I. Lento ma non troppo
(Alexander Chaushian, Violoncello; Yevgeny
Subdin, Klavier)
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Sigfrid Karg-Elert
(eig. Siegfried Theodor Karg)
(*1877 Oberndorf/N,
†1933 Leipzig)
Carlo Sigmund Taube
(*1897 Galizien,
†1944 Auschwitz-Birkenau)
Hanns Eisler
(*1898 Leipzig, †1962 Berlin)
Komponist, Musiktheoretiker, Musikpädagoge, Pianist, Organist und Harmoniumspieler, soll schon in früher Kindheit eine
enorme musikalische Begabung gezeigt
haben. Die sukzessive Nationalisierung
des deutschen Musikbetriebes führte in
den zwanziger Jahren zur schrittweisen
Negierung des Komponisten Karg-Elert.
Sein „kosmopolitischer“ und „artifizieller“ Kompositionsstil unterschied ihn
von Zeitgenossen, die Musik nur noch
als „deutsche“ Musik wahrnahmen. Der
Schritt zu einer nationalistischen und
rassistischen Argumentation war nicht
weit. Karg-Elert wunderte sich bereits
1926: „Was doch die verdammte Schnüffelei bei uns für groteske Blüten treibt.
So, so, weil ich ‚Sigfrid‘ heiße, deshalb
muß ich ‚Jude‘ sein! Weil manche meiner
Werke französische Titel tragen, muß ich
ein ‚Undeutscher‘ sein, den man boykottiert. O, was mir die Freundschaft und
Sympathie zu England, Frankreich und
Italien schon oft geschadet hat, man wird
sofort als Jude, Verräter und Bolschewik
abgestempelt – Es ist schlimm!“ Der
Vorwurf des undeutschen und das Gerücht
der jüdischen Abstammung gipfelten
1935 in der posthumen Denunziation als
„nicht-arischer Musikbeflissener“. KargElerts Name wurde in die Erstauflage des
perfiden Pamphlets Das musikalische
Juden-ABC von Christa Maria Rock und
Hans Brückner aufgenommen. Trotz 1936
erfolgter Korrektur blieben die Schäden für
die Rezeptionsgeschichte seiner Werke für
Jahrzehnte irreparabel. Ein Musiker, der
sich für Schönberg, Debussy und Skrjabin
interessierte und Atonalität nicht als Ausdruck von „Entartung“ und „musikalischer
Impotenz“ verstand, blieb weithin suspekt.
Pianist, Komponist und Dirigent, studierte bei Ferruccio Busoni. Taube, seine
Frau Erika und ihre Kinder wurden 1941
von Prag nach Theresienstadt deportiert. Im April 1942 dirigierte er die erste
Orchesteraufführung seiner Terezín
Symphonie. Taube gab viele Solokonzerte und leitete die Kapelle und das
Orchester von Theresienstadt. Carlo,
Erika und ihre Kinder wurden 1944 nach
Auschwitz-Birkenau gebracht, wo sie
ermordet wurden.
Ein jüdisches Kind
(Text: Erika Taube 1913–1944)
(Anne Sofie von Otter, Mezzosopran; Bengt
Forsberg, Klavier;
Ib Hausmann, Klarinette)
Du bist ein Kind wie all die vielen,
die auf der ganzen Erde sind,
wie all die anderen Gespielen
und doch bist du so anders, Kind.
Du bist ein Kind, dem Heimat fehlt,
in allen Städten bist du fremd.
So lang dich nicht das Wort beseelt:
Heimat, dein Herz ist ungehemmt.
Roter Wedding (1929, Text: Erich Weinert)
(Chöre, Solisten und Ensembles von
FDJ-Jugendfestivals und Arbeiterfestspielen
der DDR)
Aquarellen op. 27 (1905): V. Angelus
(Johannes Matthias Michel, Harmonium)
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Komponist, war Angehöriger des
Schönberg-Kreises und stand in Wien
der Arbeitermusikbewegung nahe. 1925
nach Berlin übersiedelt, trat er der
Deutschen Kommunistischen Partei bei
und begann 1930 die Zusammenarbeit
mit Bert Brecht (1898–1956). 1933 von
den Nationalsozialisten aufgrund seiner
politischen Einstellung sowie seiner
Musiksprache und seines Judentums
verboten, flüchtete Eisler über Österreich, Dänemark und Spanien in die
Vereinigten Staaten. 1942 übersiedelte
er nach Hollywood, schrieb Filmpartituren, unterrichtete an der University
of Southern California in Los Angeles
und arbeitete weiterhin mit Bert Brecht.
Während der McCarthy-Ära 1947 vor
dem „Ausschuss zur Untersuchung
unamerikanischer Tätigkeit“ verhört,
wurde Hanns Eisler des Landes verwiesen und kehrte 1948 vorübergehend
nach Österreich zurück. Seit 1949 hielt
er sich in der DDR auf und leitete ab
1950 eine Kompositionsklasse an der
Deutschen Akademie der Künste. „Der
rote Wedding“, so nannte sich eine Agitproptruppe im Norden Berlins, und der
Song Roter Wedding war ursprünglich
ein Auftrittslied dieser Gruppierung. Die
Melodie komponierte Hanns Eisler, der
Text stammt von Erich Weinert
(1890–1953). Der Inhalt bezieht sich
auf den „Blutmai“ im Jahr 1929: In den
Berliner Arbeitervierteln Wedding und
Neukölln waren 32 Anwohner erschossen worden.
polyphon Ii
58
Links, links, links, links!
Die Trommeln werden gerührt,
links, links, links, links!
Der rote Wedding marschiert!
Wir tragen die Wahrheit von Haus zu Haus
Und jagen die Lüge zum Schornstein hinaus,
Wie uns die Genossen gelehrt.
Wir nähren den Hass und wir schüren die
Glut,
Wir heizen die Herzen mit Kraft und Mut
Bis der Prolet uns gehört.
llse Weber
(*1903 Wittkowitz,
†1944 Auschwitz)
Ade, Kamerad,
Jüdische Schriftstellerin und Musikerin.
Wittkowitz lag im österreichisch-ungarischen Kaiserreich. Diese kosmopolitische Atmosphäre, die im Kaiserreich
durch die vielen verschiedenen Sprachen und Kulturen herrschte, prägte
Ilse Weber sehr. Zeit ihres Lebens war
es ihr größter Wunsch, die Kulturen
der Tschechen, der Deutschen und der
Juden zusammenzuführen. Trotz geringem Interesse an Politik hatte sie, lange
bevor er die Macht in Deutschland übernahm, eine instinktive Abneigung gegen
Hitler. Ilse Weber verbrachte zwei Jahre
in Theresienstadt. Sie arbeitete dort
als Krankenschwester. In dieser Zeit
war sie noch produktiver und sang ihre
Lieder den Kindern und Alten vor, um
sie in den Schlaf zu wiegen. Ihre Lieder handeln vom Lagerleben und sind
somit eine realistische Beschreibung
des Lebens im Ghetto. 1944 wurde sie
zusammen mit ihrem Sohn und den
Kindern aus dem Waisenhaus in die
Gaskammern von Auschwitz deportiert.
Ilse Weber begleitete freiwillig „ihre“
Kinder in den Tod.
Ich scheide von dir,
hier teilt sich der Pfad,
denn morgen muss ich fort.
man treibt mich von hier,
ich geh mit dem Polentransport.
Du gabst mir oft Mut,
treu warst du und gut,
zum Helfen immer bereit.
Ein Druck deiner Hand
Hat die Sorgen gebannt,
wir trugen gemeinsam das Leid.
Ade, Kamerad,
um dich ist es schad,
der Abschied wird mir schwer.
Verlier nicht den Mut,
ich war dir so gut,
jetzt sehn wir uns nimmermehr.
Ade, Kamerad!
(Christian Gerhaher, Bariton;
Gerold Huber, Klavier)
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Erich Wolfgang Korngold
(*1987 Brünn, †1957 Los Angeles)
Olivier Messiaen
(*1908 Avignon, †1992 Paris)
Aldo Finzi
(*1897 Mailand, †1945)
Komponist, Schüler von Robert Fuchs
und Alexander Zemlinsky, gelangte
1921 als Dirigent an das Hamburger
Stadttheater, erhielt 1927 eine Professur
an der Wiener Akademie für Musik und
darstellende Kunst und leitete 1930/31
dort eine Opernklasse. Als bedeutende Persönlichkeit des österreichischen
Musiklebens wurde Korngold 1934 zur
Bearbeitung von Felix MendelssohnBartholdys Ein Sommernachtstraum unter
Max Reinhardt und Wilhelm Dieterle in
die Vereinigten Staaten gerufen. Er ließ
sich ein halbes Jahr in Hollywood nieder, reiste zurück nach Wien und folgte weiteren Filmaufträgen. Die letzten
Jahre vor 1938 komponierte Korngold
im Sommer gerne in seinem Oberösterreich-Refugium „Schloß Höselberg“
bei Gmunden, wo auch Teile der Oper
Die Kathrin entstanden. Von den Ereignissen um den „Anschluß“ überrascht,
kehrte Korngold 1938 von einer USAReise zur Vertonung von The Adventures
of Robin Hood bis in das Jahr 1949 nicht
mehr nach Europa zurück. So wie Arnold Schönberg, Ernst Toch oder Erich
Zeisl schuf auch Erich Wolfgang Korngold in Los Angeles im Auftrag des Rabbiners Jacob Sonderling: 1941 entstand
sein Passover Psalm op. 30, ein Werk,
welches die jüdische Herkunft des vertriebenen Komponisten reflektiert.
Komponist, Kompositionslehrer und
Organist, wurde 1939 zum Kriegsdienst berufen und geriet 1940 in
Gefangenschaft. Knapp neun Monate
verbrachte er im Stammlager VIII A der
Deutschen Wehrmacht im Ostteil von
Görlitz (Görlitz-Mays Stalag VIII A), dem
heutigen Zgorzelec. Dort vollendete
er das dem Engel der Apokalypse des
Johannes gewidmete Quatuor pour la
Fin du Temps (Quartett für das Ende der
Zeit). Das Lager diktierte die Besetzung:
Durch Inhaftierte (mit Messiaen selbst
am Klavier) wurde das Werk im Jänner
1941 im Waschraum des Lagers aufgeführt – „Die Kälte war scharf, das Lager
im Schnee versunken. Das Cello von
Etienne hatte nur drei Saiten“ – so die
Erinnerung des Komponisten. Ermöglicht hatte die Entstehung des Werks
der Lagerkommandant Franzpeter Goebels, er wurde später selbst als Musiker
bekannt.
Komponist, wurde als Sohn einer jüdischen Familie geboren, die ursprünglich
aus Mantua kam. 1937 gewann er mit
seiner Oper La Serenata al Vento einen
Wettbewerb der Mailänder Scala. Durch
Intervention des Regimes wurde dies
aber nie offiziell bestätigt. Während
der Nazi-Okkupation versteckte sich
Finzi und brachte seine Werke unter
fremdem Namen heraus. Permanente
Ortswechsel verhinderten zwar seine
Deportation, belasteten aber seine
Gesundheit derart, dass Finzi am 7. Februar 1945 einem Herzinfarkt erlag. Er
wurde unter falschem Namen begraben.
Sein letztes Werk Il Salmo vollendete er
knapp vor seinem Tod.
Quatuor pour la Fin du Temps
(Quartett für das Ende der Zeit) (1940):
III. Abîme des oiseaux (Abgrund der Vögel) (Ralph Manno, Klarinette)
Passover Psalm op. 30 (1941)
(Münchner Rundfunkorchester,
Chor des Bayrischen Rundfunks, Rundfunkchor
Berlin)
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polyphon Ii
Il Salmo (1944–1945): II. ritmato e desiso
(The National Symphony Orchestra
and Choir of Ukraine,
Leitung: Nicolai Giuliani)
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Georg Franz Kreisler
(*1922 Wien)
Hugo Kauder
(*1888 Tobitschau,
†1972 Bussum/Niederlande)
Victor Urbancic
(*1903 Wien, †1958 Reykjavík)
Kabarettist, Komponist, Satiriker und
Schriftsteller, wurde durch seine hintergründigen Chansons bekannt. 1938,
nach den „Rassengesetzen“ der Nationalsozialisten als „Jude“ definiert,
flüchtete er nach dem „Anschluß“ in
die Vereinigten Staaten. Als Exilant
kam er im Filmgeschäft unter. Georg
Kreisler, ein Verwandter des Violinisten
und Komponisten Fritz Kreisler, wurde
1943 US-amerikanischer Staatsbürger
und für den Zweiten Weltkrieg zur U.S.
Army eingezogen. Nach England transferiert, schrieb er dort mit Marcel Prawy
GI Shows, um die D-Day-Truppen zu
unterhalten. Während der Nürnberger
Prozesse arbeitete Georg Kreisler als
Übersetzer, er führte in diesem Rahmen
auch selbst Verhöre, unter anderem mit
Hermann Göring, Julius Streicher oder
Ernst Kaltenbrunner.
Weg zur Arbeit
(Georg Kreisler,
aus dem Album: Everblacks 2)
Komponist, Instrumentalist und Musikschriftsteller, stand in Wien den Komponisten Karl Weigl und Egon Lustgarten
nahe und war dem Wiener Konzertleben neben seinem Wirken als Tonsetzer
auch als Geiger, Bratschist und Autor
der für die Moderne bedeutenden Musikblätter des Anbruch präsent. Kauder
flüchtete 1938 vor den Nationalsozialisten in die Niederlande, 1940 nach
England und schließlich in die Vereinigten Staaten. Der zweite Satz seines
1921 entstandenen Streichquartetts Nr. 1
hebt mit einem an „jüdische“ Melodien
erinnernden Lamentoso in der Viola an:
Hierin wird Kauders Bezug zu „jüdisch“folkloristischem Tonfall transparent.
Kauder selbst spielte Viola im Wiener
Gottesmann Quartett, diesem Ensemble war das Streichquartett Nr. 1 auch
gewidmet: Die ins Licht gesetzte quasi
„jüdisch“ intonierende Viola ist daher als
Statement des Komponisten und Interpreten Hugo Kauder zu werten.
Streichquartett Nr. 1 (1921): II. Sehr langsam
(The Euclid Quartet:
Jameson Cooper, Violine;
Jacob Murphy, Violine;
Luis Varga, Viola;
Amy Joseph, Violoncello)
Komponist, Dirigent, Pianist, Organist,
Chorleiter, Pädagoge und Musikschriftsteller. In den 1920er Jahren arbeitete
Urbancic unter anderem als Kapellmeister unter Max Reinhardt am Theater in
der Josefstadt. Ab 1926 war Urbancic
als Solorepetitor und Kapellmeister am
Stadttheater Mainz tätig. Aufgrund der
jüdischen Abstammung seiner Frau –
der Philosophin, Schauspielerin und
Lyrikerin Melitta Grünbaum – entschloss
sich Urbancic nach der Machtergreifung
Hitlers in Deutschland 1933 zur Rückkehr nach Österreich. Urbancic wurde
1934 an das Konservatorium nach Graz
geholt. Das Grazer Konservatorium war
in jenen Jahren von illegalen Nationalsozialisten unterwandert. Nach dem
März 1938 gab es für Victor Urbancic
dort keinen Platz mehr. Versuche, in
die USA oder in die Schweiz zu gehen,
schlugen fehl. Schließlich kam es zu
einem Stellentausch mit dem in Island
tätigen österreichischen Komponisten
Franz Mixa, der dort am Aufbau einer
musikalischen Szene maßgeblich beteiligt war. Im August 1938 übersiedelte
Urbancic nach Island, einen Monat
später musste seine Frau mit den drei
Kindern Österreich fluchtartig verlassen
und folgte ihm nach Reykjavík. Zwei
Jahrzehnte lang spielte Urbancic eine
wichtige und unverzichtbare Rolle im
Musikleben der Insel. Bis zu seinem Tod
war Urbancic als musikalischer Leiter
am neu gegründeten isländischen Nationaltheater tätig. In der jungen Musikgeschichte der Insel nimmt er einen
herausragenden Platz ein.
(Quelle: Rudolf Habringer: Emigration
an den Rand der Welt. Wien 2003)
Caprices Mignons über ein Kinderlied op.1
(1922) (Susanne Kessel, Klavier)
verbotener klänge
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Joseph Kosma
(*1905 Budapest,
†1969 La Roche-Guyon)
Max Hansen (Max Haller)
(*1897 Mannheim,
†1961 Kopenhagen)
Franz Schreker
(*1878 Monaco, †1934 Berlin;
Geburtsname „Schrecker“)
Komponist, studierte in Ungarn bei Béla
Bartók und Leo Weiner, ging 1928 nach
Berlin, arbeitete dort mit Hanns Eisler
zusammen und lernte auch Bert Brecht
und Helene Weigl kennen. Als Jude
flüchtete Kosma 1933 vor den Nationalsozialisten nach Paris, während der
Kriegszeit und der Besetzung Frankreichs stand er unter „Hausarrest“. Das
Komponieren war ihm verboten. Jacques Prévert gelang es jedoch, Kosma
Filmarbeiten zu verschaffen, denen dieser sich im Verborgenen widmen konnte.
Und auf die Verbindung Prévert-Kosma
reicht die Entstehung eines der größten
Chansons des 20. Jahrhunderts zurück:
Nach Jacques Préverts Zeilen hinterließ
Joseph Kosma mit Les Feuilles Mortes
oder – wie man es als Jazzstandard
kennt – Autumn Leaves ein aus nur wenigen Tönen gebautes, subtil-filigranes
Meisterstück.
Kabarettist, Filmschauspieler und
Sänger, war im Berlin der Weimarer
Republik ein Musik- und Schauspielstar,
er zählte zu den Gründern des legendären Berliner Kabarett der Komiker.
Höhepunkte des Programms waren
unangekündigte Auftritte des in Linz
geborenen Opern- und Operettenstars
Richard Tauber, den Hansen „zufällig“ in
den Reihen des Publikums entdeckte
und auf die Bühne holte, wo er dann,
von dem berühmten Tenor am Klavier
begleitet, eine ironisierende Tauber-Parodie hinlegte. Auf Adolf Hitler dichtete
Hansen scharfzüngige Spott-Chansons.
Im Gassenhauer War’n Sie schon mal
in mich verliebt? unterstellte er dem
Diktator homosexuelle Neigungen. Bei
der Premiere seines Film Das häßliche
Mädchen im Jahr 1933 inszenierten die
Nazis einen Eklat: Hansen, der jüdische
Vorfahren hat, wurde angepöbelt und
beschämt. Er flüchtete zunächst nach
Wien, anschließend nach Kopenhagen.
Komponist, lebte als Kind von 1881 bis
1888 in Linz, bevor seine Familie nach
Wien übersiedelte. 1920 übernahm
er die Direktorenstelle an der Berliner
Musikhochschule. Bereits in den späten
zwanziger Jahren war Franz Schreker
Angriffspunkt nationalsozialistischer
Kulturpolitik, unter dem Druck von
rechts legte er 1932 die Leitung der
Berliner Hochschule nieder und nahm
sich einer Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin
an. Dort wurde er 1933 entlassen, im
zwangsversetzten „Ruhestand“ verstarb
er 1934 an Herzinfarkt. Franz Schreker galt in den zwanziger Jahren als
einer der größten Opernkomponisten
in Deutschland nach Wagner, Erfolge
feierte er mit der Oper Der ferne Klang
(1912). Unter den Nationalsozialisten
war die Musik des per Nazigesetz
definierten „Halbjuden“ Schreker als
„entartet“ gebrandmarkt, an prominenter
Stelle prangerte ihn der Katalog zur
1938-Ausstellung „Entartete Musik“ als
„jüdischen Vielschreiber“ an.
Schrekers verfemtes Œuvre lebt auch
von unzähligen meisterhaft komponierten Liedern.
Autumn Leaves
(1945, französischer Text: Jacques Prévert,
englischer Text: Johnny Mercer)
(Chet Baker & Paul Desmond)
War’n Sie schon mal in mich verliebt?
(Max Hansen)
Und wie mag die Liebe
(1919, Text: Rainer Maria Rilke)
(Wolfgang Holzmair, Bariton;
Russell Ryan, Klavier)
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polyphon Ii
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Comrade Fatso
alias Samm Farai Mouro
Mikis Theodorakis
(*1925 Insel Chios/Griechenland)
stammt aus Simbabwe – „The silence
is golden the silence is shit [….] creating
a populist that is wordless…” – so rapt
der weiße Hip-Hopper und politische
Aktivist gegen Diktator Robert Mugabe
in das Mikrophon. Die Massen lieben
ihn – die Regierung verfolgt ihn. Wo
Comrade Fatso mit seiner Band Chabvondoka auftritt, ist auch die Central
Intelligence Organisation (CIO), Mugabes
Geheimdienst, anzutreffen. „Es sind
immer Agenten im Publikum. Manchmal
lassen sie uns in Ruhe, und manchmal verhaften sie uns“ – so weiß der
Musiker zu berichten und erwähnt im
gleichen Atemzug Verhöre und Bedrohung. Immer wieder musste er für kurze
Zeit ins Gefängnis. Was die meisten in
Simbabwe sich nur zu denken getrauen, spricht Comrade Fatso über die
Musik aus – die Gefahr, eingesperrt zu
werden, nimmt er in Kauf. (Quelle: Zeit
online, 4.2.2009)
Komponist, Schriftsteller und Politiker, der sich während der Besatzung
Griechenlands durch die deutschen,
italienischen und bulgarischen Truppen
im Zweiten Weltkrieg dem Widerstand
anschloss. Nach dem Rückzug der
deutschen Wehrmacht wehrte sich
Theodorakis gegen die Einmischung
durch die Briten. Als kommunistischer
Regimegegner wurde er während des
Griechischen Bürgerkriegs verhaftet
und verbannt. Ende 1948 wurde er nach
zeitweiliger Freilassung in ein Vernichtungslager deportiert, in dem Tausende
umkamen. 1967 kam es zum Putsch
der faschistischen Obristen. Vier Monate kämpfte Theodorakis als Gründer
der Patriotischen Front im Untergrund
gegen die Junta und wurde wiederum
verhaftet, gefoltert und Ende 1969
schließlich ins Konzentrationslager Oropos überführt, wo die Tuberkulose ihn
an den Rand des Todes brachte. 1970
konnte Theodorakis ins Exil nach Paris
ausreisen. Nach dem Sturz der Diktatur
wurde Mikis Theodorakis bei seiner
Rückkehr wie ein Volksheld gefeiert.
Nach zwanzigjähriger Schaffenspause
nahm er erst 1980 wieder die Arbeit an
seinem symphonischen Schaffen auf.
„Ich sage nicht, dass ich, weil ich diese
Ereignisse erlebte, diese Musik schreiben musste. Ich sage, dass ich diese
Ereignisse erleben musste, um diese
Musik zu schreiben.“ – so Theodorakis
in seiner Autobiographie Die Wege des
Erzengels.
Rap gegen Mugabe
(Comrade Fatso)
verbotener klänge
1970 während seines Pariser Exils
erhielt Theodorakis von Neruda, der
damals Botschafter in Frankreich war,
eine offizielle Einladung nach Chile.
Während dieses Besuchs hörte Theodorakis eine Aufführung des durch die
Gruppe Aparcoa vertonten Canto General und beschloss, einen eigenen Canto
zu komponieren. Zu einer Aufführung in
Chile kam es erst im April 1993.
Canto General (1972–1981)
Oratorium für zwei Solostimmen,
gemischten Chor und Orchester
nach Texten von Pablo Neruda:
IV. Los Libertadores
(Maria Farantouri; Heiner Vogt; Rundfunkchor
Berlin, Leitung: Mikis Theodorakis;
Live am 14.2.1980 im Palast der Republik,
Berlin),
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Erich Zeisl
(*1905 Wien, †1959 Los Angeles)
Die Weintraub Syncopators rund
um den Bandleader Stefan Weintraub
(1897–1981) galten als international
bekannteste deutsche Jazz-Formation,
deren stilistische Vielseitigkeit zwischen
Klassik-Parodie, lateinamerikanischen
Tänzen, Wiener Walzern, französischen
Kabarett-Chansons, Swing und Chicago-Jazz changierte. Die Syncopators
waren im September 1929 bei der skandalumwitterten Uraufführung des Stücks
Der Kaufmann von Berlin von Walter
Mehring (Musik von Hanns Eisler) an
der Berliner Volksbühne beteiligt, auch
im Film Der blaue Engel traten sie auf.
Die Jazzarrangements stammten von
Franz Wachsmann, Friedrich Hollaenders Nachfolger als Pianist der Gruppe.
Als Opfer des Faschismus flüchteten die
Weintraub Syncopators aus Deutschland und wurden gleich „Spielbällen
zwischen den Regimen“ in Moskau groß
gefeiert. Wohl auch aus propagandistischer Motivation stand die sowjetische
Metropole den vom faschistischen
Feindesland verfemten Flüchtlingen
offen gegenüber – und zwischen 1932
und 1936 (vor dem Einsatz der „großen
Säuberungen“ Stalins von 1936–1939) –
zeigte Moskau sich an Jazz interessiert.
Stefan Weintraub flüchtete schließlich
nach Australien: Wie auch andere Mitglieder der Syncopators wurde er nach
Kriegsausbruch 1940 als „feindlicher
Ausländer“ einige Monate interniert. Immer wieder musizierten die Weintraub
Syncopators in Europa mit Max Hansen
(Max Haller; 1897–1961), einem ebenso
Vertriebenen, der von Deutschland nach
Wien flüchtete und die Kriegszeit unter
gefälschtem „Ariernachweis“ in Dänemark überlebte.
Pál Budai, Komponist, ist nahezu un-
Komponist und Pianist, Schüler Richard
Stöhrs, Joseph Marx’ und Hugo Kauders, wuchs in Wiens Judenbezirk auf
und etablierte sich erfolgreich im Rahmen moderater Wiener Moderne. Nach
der Reichspogromnacht im November
1938 flüchtete er nach Paris, von dort
noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weiter nach New York, schließlich
landete er in Los Angeles, wo er in
Hollywood für den Film komponierte
und am Los Angeles City College unterrichtete. War der aufgrund seines
Judentums verfemte Zeisl in Wien fest
in deutscher Liedtradition verankert und
schuf in Österreich kein auf die religiöse
Herkunft rekurriertes Werk, so komponierte er im Exil intensiv mit Rückbezug
auf seine jüdischen Wurzeln. Ein bewegendes Dokument dafür ist das im
Auftrag des Rabbiners Jacob Sonderling 1944/45 in Los Angeles entstandene Requiem Ebraico – ein Gedenkwerk
an Zeisls in Treblinka ermordete Eltern
und an die unzähligen Opfer der Schoah. „The Jews need a requiem so let’s
try to give it to them.“ – äußerte Zeisl
zur Fertigstellung des Werks, welches,
basierend auf dem 92. Psalm, ursprünglich als Musik für den Synagogendienst
konzipiert war.
Requiem Ebraico (1944/45):
How good to give thanks unto the Lord
(Rundfunkchor Berlin,
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin,
Dirigent: Lawrence Foster)
Auftritt der Weintraub Syncopators &
Max Hansen, Berlin 1932
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polyphon Ii
bekannt. Zwar sind einige Stücke des
Ungarn erhalten, doch sind mündliche
Überlieferungen die einzigen Quellen
zu diesem im Holocaust ermordeten
Künstler. Er wurde in das Konzentrationslager Földvár deportiert und weiter
nach Russland verschickt. Dort verlor
sich seine Spur. Short Dances from the Ballet ‘Doll Doctor’
für Klavier zu vier Händen:
V. (Emese Mali und Márta Gulyás, Klavier)
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Fritz Kreisler
(*1875 Wien, †1962 New York)
Vally Weigl
(*1894 Wien, †1982 New York)
Alban Berg
(*1885 Wien, †1935 Wien)
Geiger und Komponist, war der Sohn
eines jüdischen Arztes, von dem er im
Alter von vier Jahren den ersten Violinunterricht erhielt. 1882 wurde er am
Wiener Konservatorium aufgenommen
und von Josef Hellmesberger senior
(Violine) und Anton Bruckner (Musiktheorie) unterrichtet. Von 1885–1887
studierte er am Pariser Konservatorium.
1887, im Alter von nur 12 Jahren, gewann er die höchste Auszeichnung des
Pariser Konservatoriums, den Premier
Prix. Nach der Rückkehr von seiner
ersten großen USA-Tournee (1888/89)
bewarb er sich bei den Wiener Philharmonikern, wurde jedoch abgelehnt. Er
hörte auf zu musizieren und begann
erst Medizin und dann Malerei zu studieren und verbrachte eine kurze Zeit
in der Armee. In den Jahren 1901 bis
1903 folgten eine Reihe von weiteren
USA-Tourneen, die ihm viel Ruhm und
Erfolg einbrachten. In diese Zeit fällt
auch die Komposition seiner bekannten
Charakterstücke. Er machte seine ersten Einspielungen und unternahm viele
Konzertreisen. 1910 gab Kreisler die
Premiere von Edward Elgars Violinkonzert, das ihm gewidmet war. 1939 ging
er nach Amerika, wo er bis zu seinem
Lebensende wohnte und nie wieder
nach Europa zurückkehrte.
Komponistin, Pianistin, Musiktherapeutin, Pädagogin und Übersetzerin, entstammte einer assimilierten jüdischen
Wiener Bürgerfamilie. Ihre Schwester
war die sozialistische Widerstandskämpferin Käthe Leichter, die 1942 in
der NS-Tötungsanstalt Bernburg ermordet wurde. 1921 heiratete Vally ihren
ehemaligen Lehrer Karl Weigl, wirkte
als Musiklehrerin und Pianistin und trat
insbesondere mit ihrem Mann im Klavierduo auf. Vally Weigl war aufgrund
der NS-„Rassengesetze“ verfolgt, wobei
sie im US-amerikanischen Exil ihre jüdische Herkunft nicht erwähnte und sich
selbst als politisch verfolgt bezeichnete.
Mit Hilfe der Quäker gelangten die Weigls nach dem „Anschluß“ Österreichs
im Oktober 1938 über die Schweiz und
Großbritannien nach New York. Im Exil
begann Vally Weigl ihr kompositorisches Schaffen zu intensivieren und
legte im Laufe der Jahre ein umfangreiches Werk mit Klavier-, Kammermusikund Vokalkompositionen vor; ein Teil
ihrer Kompositionen erschien im Druck.
Mit fast sechzig Jahren wandte sie sich
1953, nach dem Abschluss ihrer Studien,
einer musiktherapeutischen Berufstätigkeit in Krankenhäusern, Forschungseinrichtungen und Colleges zu. Vally Weigl
blieb bis ins hohe Alter aktiv. Auch aus
ihren letzten Lebensjahren sind noch
Kompositionen überliefert, obwohl sie
zu diesem Zeitpunkt ihr Gehör schon
fast vollständig verloren hatte.
Komponist, verband in seinem Werk
Einflüsse Mahlerscher Spätromantik
mit der freien Atonikalität und späteren
Dodekaphonie Arnold Schönbergs. Gemeinsam mit Anton Webern war Alban
Berg Schönbergs bedeutendster Schüler. 1915 begann er mit der Textfassung
seiner Oper Wozzeck, die er in enger
Anlehnung an Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck 1917 abschloss. Die
dreiaktige Oper war 1921 beendet, die
Uraufführung fand 1925 in der Berliner
Staatsoper unter Erich Kleiber statt. In
seiner Musiksprache wurde das Werk
von den Nationalsozialisten als „entartet“
bezeichnet. Alban Berg zählte als Vertreter des Schönberg-Kreises zu jenen
Komponisten, welche die nationalsozialistische Kunstdiktion zu „Neutönern“
und „Musikbolschewisten“ abstempelte
und deren Werke boykottiert wurden.
Schön Rosmarin (vor 1910)
(Fritz Kreisler, Violine;
Manuel de Falla, Klavier)
Wozzeck (1917–1921):
Tanzt Alle, tanzt nur zu, springt und schwitzt,
es holt euch doch noch einmal Alle der Teufel!
(Fritz Uhl; Wiener Philharmoniker,
Dirigent: Karl Böhm)
Bird of life for flute solo (1979):
I. Sweet Bird of the night
(Norbert Trawöger, Flöte)
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Spanien, frei sollst Du sein ist ein Lied
Ernst Křenek
(*1900 Wien, †1991 Palm
Springs/California)
Franz Schreker
(*1878 Monaco, †1934 Berlin;
Geburtsname „Schrecker“)
Komponist und Schriftsteller, war Student Franz Schrekers in Wien und einer
dessen Schüler in Berlin. Mit der „Jazzoper“ Jonny spielt auf (1925/26) landete
er einen Welterfolg. Die Premiere fand
am 10. Februar 1927 in Leipzig statt: Im
hasserfüllten Auftakt zur späteren Vorgehensweise gegen viele Künstler entfachten sich daran nationalsozialistische
Ausfälle – schlagartig wurde Křenek
zu einem Hauptfeind rechtsextremer
Kultureliten. 1928 kehrte der Komponist
nach Wien zurück, nach dem „Anschluß“
flüchtete er, aufgrund seiner Musiksprache als „entartet“ bezeichnet und
des „Musikbolschewismus“ bezichtigt,
in die Vereinigten Staaten. Gerade die
Geschichte um den Jazzband-Geiger
„Jonny“ war den nationalsozialistischen
Ideologen heftiger Angriffspunkt, denn
die Oper rüttelte gleich an mehreren
ihrer fundamentalen Ressentiments:
Da waren ein Farbiger als Protagonist,
Amerika als das Land der Glückseligkeit,
Jazzanklänge und eine zu modern skizzierte Frauenfigur. Der Ausstellungskatalog zur 1938-Schau „Entartete Musik“
polemisierte, dass Křenek in Jonny spielt
auf „die Rassenschande als die Freiheit
der ‚Neuen Welt’ propagierte“.
Komponist, lebte als Kind von 1881 bis
1888 in Linz, bevor seine Familie nach
Wien übersiedelte. 1920 übernahm
er die Direktorenstelle an der Berliner
Musikhochschule. Bereits in den
späten zwanziger Jahren war Franz
Schreker Angriffspunkt nationalsozialistischer Kulturpolitik, unter dem Druck
von rechts legte er 1932 die Leitung der
Berliner Hochschule nieder und nahm
sich einer Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin
an. Dort wurde er 1933 entlassen, im
zwangsversetzten „Ruhestand“ verstarb
er 1934 an Herzinfarkt. Erfolge feierte
Schreker mit der Oper Der ferne Klang
(1912). Im Nationalsozialismus galt die
Musik des per Nazigesetz definierten
„Halbjuden“ Schreker als „entartet“ – im
Lexikon der Juden in der Musik liest man
über ihn: „Es lag durchaus auf der
kulturpolitischen Linie der Verfallszeit,
einen ‚Dichterkomponisten’, der die verschiedenartigsten Variationen sexueller
Verirrungen zum Gegenstand seiner
musikalischen Bühnenwerke – genannt
seien hier ‚Der ferne Klang’, ‚Die Gezeichneten’, [...] – gemacht hatte, an die
Spitze der ersten Musikhochschule des
Reiches zu berufen.“
Jonny spielt auf (1925/26):
I. Teil: Einleitung zu Szene 3
(Gewandhausorchester Leipzig,
Dirigent: Lothar Zagrosek)
Der ferne Klang (1912): Vorspiel
(Hagen Philharmonic Orchestra,
Leitung: Michael Halasz)
des antifaschistischen Widerstandes,
ein Lied deutscher Interbrigadisten im
Spanischen Bürgerkrieg gegen General Franco. Eberhard Schmidt schuf
als Komponist, Bearbeiter und Texter
dieses Lied 1939 im Camp de Gurs,
Südfrankreich.
Spanien, frei sollst Du sein
(Melodie und Text: Eberhard Schmidt)
(Gesang: Alfons Stritz,
Chor und Instrumentalgruppe des
Erich-Weinert-Ensembles,
Dirigent: Siegfried Enders)
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Hans Gál
(*1890 Brunn am Gebirge,
†1987 Edinburgh)
Hans Krása
(*1899 Prag, †1944 AuschwitzBirkenau)
Die Nazibruat, ins Etschland eingebrochen ist ein Anti-Nazi-Lied, welches
Komponist und Musikwissenschaftler,
studierte bei Eusebius Mandyczewski
und Guido Adler. Bereits ab 1909 war
er als Lehrer am Neuen Wiener Konservatorium tätig, zusätzlich wirkte er an
der Universität Wien, 1929 übernahm
er den Direktorenposten des Konservatoriums der Stadt Mainz. Mit Hitlers
Machtergreifung verließ Gál 1933
Deutschland – er war ungarisch-jüdischer Abstammung –, 1938 flüchtete er
nach England, wo er als Konzertpianist,
Privatlehrer und Dirigent arbeitete. 1940
wurde er wie viele Kontinent-Vertriebene als „enemy alien“ in einem Lager
bei Liverpool und später auf der Isle of
Man interniert. 1945 schließlich erhielt
Hans Gál eine Stelle an der Universität
Edinburgh, er lehrte dort Kontrapunkt
und Komposition. Im Exilland dirigierte
Gál das Edinburgh Chamber Orchestra
und war maßgeblich am Aufbau des
Internationalen Festivals von Edinburgh
beteiligt. In seiner „Heimat“ Österreich
wurde ihm zumindest nach dem Krieg
über den österreichischen Staatspreis
(1958) wieder Anerkennung zuteil. Der
einstige Kompositionspreisträger der
Stadt Wien (1926) hinterließ im Jahr
1914 in Erinnerung an einen heiteren
Heurigenabend ein leichtfüßiges Variationenwerk, welches einen „Blick“ in
die Wiener Zeit des später Vertriebenen
zulässt.
Komponist, studierte bei Alexander
Zemlinsky und schrieb für einen Wettbewerb des Ministeriums für Schulwesen
und Volksbildung im Jahr 1938 die
Kinderoper Brundibár (Die Hummel). Wegen des deutschen Überfalls auf Polen
gelangte der Bewerb nicht mehr zur
Auswertung, die Oper wurde 1941 heimlich im jüdischen Kinderheim in Prag
aufgeführt. Im August 1942 wurde Hans
Krása ins „Vorzeige-Lager“ Theresienstadt deportiert, dort kam Brundibár über
55-mal auf die Lager-Bühne – der NaziPropaganda-Film Theresienstadt („Der
Führer schenkt den Juden eine Stadt“)
schmückte sich mit einer „inszenierten“
Aufführung der Kinderoper. Im Oktober
1944 in einen Eisenbahnwaggon mit
dem Ziel Vernichtungslager Auschwitz
verladen, wurde Hans Krása nach der
Ankunft dort sofort vergast.
Variationen über eine Wiener
Heurigenmelodie op. 9 (1914)
(Amber Trio Jerusalem: Lior Kretzer, Klavier;
Uri Dror, Violine; Michael Croitoru-Weissmann,
Violoncello)
verbotener klänge
Brundibár (1938): II. Akt: Szene 6
(Disman Radio Children’s Ensemble)
vermutlich gegen Ende des Zweiten
Weltkriegs entstand. Der Sänger Franz
Hofer (*1929) aus Platt/Moos in Passeier hörte es angeblich von seinem Nachbarn Alois Raffl, von dem auch der Text
stammen soll. Er sang das Lied immer
vor seinem Haus, wenn die Flugzeuge
der Alliierten über das Tal flogen. Die
Weise ist dem bekannten Nazilied Die
Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen
(Horst-Wessel-Lied) entnommen – und
entstand im Sinne üblichen Kontrafakturverfahrens, nämlich Lieder des Gegners mit eigenen Texten zu unterlegen
und somit ihre Aussage umzudeuten.
Ein klingendes Beispiel antifaschistischen Widerstandes.
Die Nazibruat
(aufgenommen 1998,
Text: vermutlich Alois Raffl)
(Franz Hofer)
(MuWi Innsbruck, Sammlung
Ötztal/Passeiertal, DAT 98-17.1)
Die Nazibruat, ins Etschland eingebrochen,
sie hat bereits verloren ihren Schritt!
Die Gauner, die sich in die Folterbank
verkrochen,
marschiern mit euch in eurem
Schweißtrab mit, Nazibruat!
Die braune Pest hat Völker unterdrücket,
die Braune Pest hat Völker umgebracht.
Drauf habm sie sich mit Siegesfahnen stolz
geschmücket,
bis sie gerieten in alliierte Haft.
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Darius Milhaud
(*1892 Aix-en-Provence,
†1974 Genf)
Ruth Schönthal
(seit 1946 auch: Schonthal)
(*1924 Hamburg, †2006 Scarsdale
bei New York City)
Gustav Mahler
(*1860 Kalischt, †1911 Wien)
Komponist, entstammte einer traditionsbewussten, jüdisch-provençalischen
Familie. Im Schaffen reflektierte er unter
anderem neoklassizistische Tendenzen,
Einflüsse des Jazz und auch seine jüdische Herkunft. Gebrandmarkt aufgrund
seines Judentums und seiner Musiksprache flüchtete Milhaud 1940 vor den
Nationalsozialisten und rettete sich in
das amerikanische Exil. Neben seiner
Unterrichtstätigkeit am Mills College in
Oakland komponierte er für Hollywood
– und bereits vorher war er dem Medium Film verbunden: Noch in Europa
schrieb Darius Milhaud für den 1940 erschienenen Streifen Cavalcade d’amour
mit La Cheminée du roi René Filmmusik,
die zum populären Bläserquintett op. 205
wurde. Dieses bekannte Werk konnte
nach der Flucht an der University of
Southern California in Los Angeles
uraufgeführt werden – das Quintett markiert den Kipppunkt zwischen Heimat,
Flucht und Exil. Darius Milhaud kehrte
1945 nach Europa zurück und lebte
abwechselnd in den Vereinigten Staaten
und in Frankreich.
La Cheminée du roi René op. 205 (1939):
VI. Chasse à Valabre
(Reykjavik Wind Quintet)
Komponistin, Pianistin und Professorin
an der New York University und dem
Westchester Conservatory of Music,
wurde als Tochter jüdischer Eltern geboren, die aus Wien stammten. Schönthal
begann schon im Alter von fünf Jahren
zu komponieren und galt im Berlin der
1930er Jahre als Wunderkind. Sie studierte 1930 bis 1935 Klavier, Musiktheorie und Komposition am Stern’schen
Konservatorium in Berlin. 1935 wurde
sie von den Nationalsozialisten mit
allen anderen jüdischen Kommilitonen
vom Konservatorium relegiert. 1938
emigrierte sie mit ihrer Familie nach
Stockholm. 1941 wurde die politische
Situation auch in Schweden zu unsicher.
Die Familie floh über Moskau und Wladiwostok nach Mexiko. Ruth Schonthal
lernte Paul Hindemith kennen, als dieser eine Tour durch Mexiko unternahm.
Er war von ihrem Talent so beeindruckt,
dass er ihr ein Stipendium für ein Studium an der Yale University verschaffte.
Von 1946 bis 1948 studierte sie bei Paul
Hindemith an der Yale University in New
Haven/USA. Nach ihrem Abschluss in
Yale verdiente sie zunächst ihren Lebensunterhalt mit den Kompositionen
von Werbe-Jingles und Popsongs. 42
Jahre nach ihrer Emigration reiste die
Komponistin 1980 erstmals wieder nach
Deutschland, sie gab ein Konzert und
nahm an einer Podiumsdiskussion in
Berlin teil. Das Werkverzeichnis Schonthals umfasst mehr als 100 Musikstücke,
unter anderem das dritte Streichquartett
In Memoriam Holocaust.
String Quartet No. 3 - In Memoriam Holocaust
(1997): I. Grave (Bingham Quartet)
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Dirigent, Operndirektor und Komponist,
war der Sohn einer jüdischen Familie.
1880 wurde Gustav Mahler Kapellmeister im Sommertheater in Bad Hall und
später Wiener Hofoperndirektor und
Chefdirigent des New York Philharmonic
Orchestra. Mahler ließ sich taufen und
konvertierte zum Katholizismus, da er
mit Recht antisemitische Hindernisse
fürchtete. Gustav Mahlers „Rassenseele“ wurde im Dritten Reich als „nicht
deutsch“ eingestuft, der Komponist galt
vielmehr als „fremdrassiger Orientale“.
Die Uraufführung der neunten Symphonie fand am 26. Juni 1912 in Wien
durch die Wiener Philharmoniker unter
dem jüdischen Dirigenten Bruno Walter
(*1876 Berlin, † 1962 Beverly Hills) statt.
Als Bruno Walter im März 1933 kurz
nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sein viertes Konzert mit den
Berliner Philharmonikern geben wollte,
drohten die neuen Machthaber, sie
würden im Saal mit Gewalt agieren und
auch zuschlagen, falls Walter das Podium betreten sollte. In der Folge emigrierte Walter nach Österreich. Dort dirigierte der in Deutschland unerwünschte
Musiker oft die Wiener Philharmoniker,
außerdem leitete er zahlreiche Opernaufführungen an der Wiener Staatsoper
sowie bei den Salzburger Festspielen.
Nach dem „Anschluß“ Österreichs 1938
musste er abermals flüchten, erhielt die
französische Staatsbürgerschaft, ging
aber 1939 doch in die USA, wo er 1946
eingebürgert wurde.
Das Lied von der Erde
(1908–1910, Lyrik: Hans Bethge):
I. Das Trinklied vom Jammer der Erde
(Charles Kullmann, Tenor;
Wiener Philharmoniker, Leitung:
Bruno Walter, Aufnahme vom Mai 1936)
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Paul Abraham (Pál Ábrahám)
(*1892 Apatin¹, †1960 Hamburg)
Arnold Schönberg
(*1874 Wien, †1951 Los Angeles)
Komponist, studierte an der Musikakademie Budapest und wurde Kapellmeister am Budapester Hauptstädtischen
Operettentheater, wo 1930 seine erste
Operette Viktoria und ihr Husar erfolgreich uraufgeführt wurde. Nach einem
Berlin-Aufenthalt kehrte er 1933 nach
Budapest zurück, infolge der faschistischen Umtriebe, die auch Ungarn
erreicht hatten, flüchtete er als Ungar
mit jüdischen Wurzeln 1938 nach Paris,
von dort über Kuba nach New York. Den
Nationalsozialisten galt Paul Abraham
als Vertreter der „jüdischen“ Operette
und wurde daher als „entartet“ verfolgt.
Neben Viktoria und ihr Husar verzeichnete das Lexikon der Juden in der Musik
(1940) weiters die Abraham-Operetten
Die Blume von Hawaii oder Ball im Savoy.
Viktoria und ihr Husar basiert auf den Texten Alfred Grünwalds (1884–1951) und
Fritz Löhner-Bedas (1883–1942): Grünwald flüchtete in das amerikanische Exil,
Löhner-Beda wurde 1942 in Auschwitz
ermordet. Paul Abraham kehrte 1957
nach Europa zurück.
Komponist, entwickelte Anfang der
zwanziger Jahre seine „Methode der
Komposition mit zwölf nur aufeinander
bezogenen Tönen“. Neben seinem Judentum galt Schönberg aufgrund dieser
Musiksprache den Nationalsozialisten
als „entartet“ und wurde zum „Musikbolschewisten“ und „Neutöner“ gebrandmarkt. 1925 wurde er Leiter einer
Kompositionsklasse an der Preußischen
Akademie der Künste in Berlin, 1933,
noch bevor er als „nicht arischer“ Musiker dort entlassen wurde, reichte er sein
Schreiben mit der Bitte um Entlassung
an die „gleichgeschaltete“ Akademie
ein. „Ich bin seit langem entschlossen,
Jude zu sein“ – so Arnold Schönberg an
Anton Webern im August 1933: Im Mai
1933 war Schönberg aus Deutschland
geflüchtet und trat – in jungen Jahren
dem Protestantismus zugewandt – im
Pariser Exil unter der Zeugenschaft
Marc Chagalls wieder der jüdischen
Glaubensgemeinschaft bei. Das von
dem Rabbiner Jacob Sonderling in Los
Angeles kommissionierte Kol Nidre op.
39 (1938) bekräftigt Schönbergs tiefen
Bezug zum Judentum: Am jüdischen
Versöhnungstag Jom Kippur wird das
traditionelle Kol Nidre gesungen, es
erklärt alle Eide, zu denen Juden von
ihren Verfolgern gezwungen wurden, für
nichtig.
Iannis Xenakis
(*1922 Braila/Rumänien,
†2001 Paris)
Viktoria und ihr Husar:
Ja, so ein Mädel, ungarisches Mädel
(Josef Leo Gruber;
Orchester der Wiener Volksoper)
Komponist und Architekt griechischer
Herkunft, der größtenteils in Frankreich
gelebt hat. Er studierte von 1940 bis
1946 Ingenieurwissenschaften in Athen,
engagierte sich im Widerstandskampf
gegen die Nazi-Besatzung und im anschließenden Bürgerkampf, erlitt eine
schwere Gesichtsverwundung, geriet
in Gefangenschaft, wurde zum Tode
verurteilt, flüchtete und ging 1947 als
politischer Flüchtling nach Paris. Bis
zu diesem Zeitpunkt hatte er sich der
Musik nur autodidaktisch gewidmet.
Danach aber nahm er musikalischen
und kompositorischen Unterricht bei
Arthur Honegger, Darius Milhaud und
Olivier Messiaen. Kurz nach seiner
Übersiedlung nach Paris kam es zur
Begegnung mit dem Architekten Le
Corbusier, bei dem Xenakis zwölf Jahre
als Assistent war. Anaktoria ist ein Werk,
das mit seiner an den Erfahrungen von
Diktatur und Unterdrückung gestählten
Klanglichkeit politisch verstanden werden kann.
Anaktoria (1969)
(Ensemble Antipodes)
Kol Nidre für Sprecher, gemischten Chor
und Orchester op. 39 (1938)
(John Shirly-Quirk, Sprecher;
BBC Chorus und BBC Symphony Orchestra,
Leitung: Pierre Boulez)
¹ Österreich-Ungarn, heute Serbien
verbotener klänge
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Richard Tauber
(*1891 Linz, †1948 London)
Pater Altman Kellner
(*1902 Vöcklabruck, †1981 Wels)
Tenor und Komponist, war der Sohn
der am Linzer Landestheater engagierten Soubrette Elisabeth Denemy und
des jüdischen Schauspielers Anton
Richard Tauber. Er wurde am 16. Mai
1891 im Linzer Hotel „Zum schwarzen
Bären“ geboren. Tauber wuchs in Linz
bei Pflegeeltern auf und besuchte die
Volksschule in der Spittelwiese. 1933
endete seine glänzende Laufbahn in
Deutschland, der durch sein „jüdische[s]
Geseire“ zum „impertinenteste[n] aller
Rundfunktenöre“ Abgewertete war vor
dem Berliner Hotel Kempinski von
SA-Schergen angegriffen und niedergeschlagen worden. Tauber flüchtete nach
England. Die Operette Der singende
Traum (1934) komponierte Tauber kurz
vor dem Gang ins Exil: Das daraus
stammende Lied Du bist die Welt für mich
widmete er seinem jüdischen Tenorkollegen Joseph Schmidt, der 1942 auf der
Flucht vor den Nazis in der Schweiz als
„illegaler Flüchtling“ starb.
Geistlicher, Musikhistoriker und Komponist, besuchte das Stiftsgymnasium
im oberösterreichischen Kremsmünster,
wurde 1926 zum Priester geweiht, studierte an der Kirchenmusikabteilung der
Wiener Musikakademie und promovierte
an der Universität Wien. Altman Kellner
war 1938 bis 1945 von den Nationalsozialisten von seinem Stammkloster
Kremsmünster verbannt und konnte seine Kirchenmusiktätigkeit in der Heimat
nicht mehr ausüben. Er lebte im Exil
unter anderem in der Abtei Mariastein
in der Schweiz. Nach der Kriegszeit
unterrichtete Pater Altman Kellner am
Stiftsgymnasium Kremsmünster, war
als Regens Chori für das musikalische
Leben im Kloster verantwortlich und
komponierte neben der Tätigkeit als
Novizenmeister und späterer Subprior
für den Kirchendienst. Hörbares „Vorbild“ war dem Herausgeber einer umfangreichen Musikgeschichte des Stiftes
Kremsmünster (1956) der dem „Nachbarkloster“ St. Florian eng verbundene
Anton Bruckner.
Der singende Traum (1934):
Du bist die Welt für mich
(Richard Tauber)
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„Haec dies“ – Graduale und Sequenz
vom Ostersonntag
(Chor und Orchester der Stiftskirche
Kremsmünster,
Leitung: Pater Alfons Mandorfer)
polyphon Ii
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Anonym – Terezín Lied nach dem Lied
Ich bitte nicht lachen
Bin frei von jeder Schuld
Komm mit nach Varaždin aus der Operette Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán
(1882–1953)
Sie über die Sachen
und habe deshalb viel Geduld,
die täglich mir hier so oft passiern,
wenn in der Brust das Herz auch
die Ofen, die Löcher,
voller Sehnsucht ist,
die Stühlchen, die Dächer,
ja, wir in Terezín,
mich kann das aber gar nicht mehr geniern.
wir nehmen’s Leben sehr leicht hin,
Terezín-Lied nach dem Lied
Komm mit nach Varaždin aus der Operette
Gräfin Mariza
von Emmerich Kálmán (1882–1953),
Text: Anonym
(Christian Gerhaher, Bariton;
Gerold Huber, Klavier)
und lieben unser kleines Terezín.
Ich find es entsetzlich,
wenn jemand so plötzlich
Sollt ich hier mal sterben,
so stürmisch ’nen Redeschwall lässt los,
wird man nach mir erben
gespart wird’s da mit Worten nicht,
die Garderobe und das Ghettogeld,
mit zarten,
ich rausch durch den Äther,
es kann halt niemand warten,
begrüß meine Väter
wenn’s auch ein Unsinn bloß.
und bin schon nicht mehr hier
auf dieser Welt.
Ja, das geht nicht,
so mancher versteht nicht,
Erzähl meinen Lieben,
ich hör nur zu und red nicht
was wir hier getrieben,
und sage nur:
wie einfach wir gelebt ganz ohne Frag
bei Kaffee, bei Turin und bei Suppe,
Ja wir in Terezín,
bei Fleisch nur durch die Lupe,
wir nehmen’s Leben sehr leicht hin,
und das fast jeden Tag, auch Knödl
denn wenn es anders wär,
mit Creme vom süßen Mädel,
wär’s ein Malheur.
von Hunger keine Spur,
Es gibt hier schöne Fraun,
da sag ich nur:
ein Vergnügen sie anzuschaun,
drum nehm gern ich hin
Ja wir in Terezín ...
Terezín.
verbotener klänge
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llse Weber
(*1903 Wittkowitz,
†1944 Auschwitz)
Wiegala, wiegala, weier,
Jüdische Schriftstellerin und Musikerin.
Wittkowitz lag im österreichisch-ungarischen Kaiserreich. Diese kosmopolitische Atmosphäre, die im Kaiserreich
durch die vielen verschiedenen Sprachen und Kulturen herrschte, prägte
Ilse Weber sehr. Zeit ihres Lebens war
es ihr größter Wunsch, die Kulturen
der Tschechen, der Deutschen und der
Juden zusammenzuführen. Trotz geringem Interesse an Politik hatte sie, lange
bevor er die Macht in Deutschland übernahm, eine instinktive Abneigung gegen
Hitler. Ilse Weber verbrachte zwei Jahre
in Theresienstadt. Sie arbeitete dort
als Krankenschwester. In dieser Zeit
war sie noch produktiver und sang ihre
Lieder den Kindern und Alten vor, um
sie in den Schlaf zu wiegen. Ihre Lieder handeln vom Lagerleben und sind
somit eine realistische Beschreibung
des Lebens im Ghetto. 1944 wurde sie
zusammen mit ihrem Sohn und den
Kindern aus dem Waisenhaus in die
Gaskammern von Auschwitz deportiert.
Ilse Weber begleitete freiwillig „ihre“
Kinder in den Tod.
die Nachtigall, die singt ihr Lied.
der Wind spielt auf der Leier.
Er spielt so süß im grünen Ried,
Wiegala, wiegala, weier,
der Wind spielt auf der Leier.
Wiegala, wiegala, werne,
der Mond ist die Laterne,
er steht am dunklen Himmelszelt
und schaut hernieder auf die Welt.
Wiegala, wiegala, werne,
der Mond ist die Laterne.
Wiegala, wiegala, wille,
wie ist die Welt so stille!
Es stört kein Laut die süße Ruh,
schlaf, mein Kindchen, schlaf auch du.
Wiegala, wiegala, wille,
wie ist die Welt so stille!
Wiegala
(Anne Sofie von Otter, Mezzosopran;
Bebe Risenfors, Gitarre)
Kurt Weill
(*1900 Dessau, †1950 New York)
Komponist, entstammte einem jüdischen Elternhaus, sein Vater war als
Kantor tätig. Ab 1918 studierte Weill
an der Hochschule für Musik in Berlin,
maßgebend für sein späteres Schaffen,
insbesondere seine Opernästhetik, war
die Zeit als Schüler Ferruccio Busonis.
In frühen Opernprojekten griff Kurt Weill
nach Libretti von Georg Kaiser und
Yvan Goll, 1927 begann die bedeutende
Zusammenarbeit mit Bert Brecht (1898–
1956), aus der 1928 die Dreigroschenoper hervorging – sein ab 1927 entwickelter, um Jazzelemente angereicherter „Songstil“ ist darin zukunftsweisend
etabliert. Nach der Machtübernahme
der Nationalsozialisten in Deutschland
floh Kurt Weill nach Paris, 1935 in die
Vereinigten Staaten. Am Broadway
vermochte der Vertriebene in den vierziger Jahren als Musical-Komponist zu
reüssieren. 1943 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Aufgrund
seiner jüdischen Herkunft gleichwie
seiner Musiksprache war Kurt Weill von
den NS-Kulturideologen als „entartet“
angeprangert, im 1940 erschienenen
Lexikon der Juden in der Musik ist zur
Dreigroschenoper von „raffiniert primitiver Mischung von Choral, Foxtrott
und negroidem Jazz von jüdischer und
judenhöriger Seite“ zu lesen.
Dreigroschen Oper (1928):
Moritat von Mackie Messer
(Rolf Boysen; RIAS-Sinfonietta Berlin)
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André George Previn
(*1929 Berlin)
Jean „Django“ Reinhardt
(*1910 Liberchies, Belgien,
†1953 Samois-sur-Seine bei Paris)
Falun Gong ist eine aus China stam-
Komponist, Pianist, Dirigent und Arrangeur, wurde unter dem Namen Andreas
Ludwig Priwin als drittes Kind des
Rechtsanwalts Jakob Priwin und seiner
Frau Charlotte Priwin, geb. Epstein, in
Berlin geboren. Ab 1936 studierte er
Klavier an der Hochschule für Musik
in Berlin, wurde jedoch Ende 1938 als
Jude zwangsexmatrikuliert. 1939 emigrierte die Familie. Previn blieb zunächst
einige Monate in Paris, wo er seine
Ausbildung am dortigen Conservatoire
national supérieur de musique et de
danse fortsetzen konnte. 1939 erfolgte
die Auswanderung in die USA, wo sich
die Familie in Los Angeles niederließ.
Previn war in seinen mehr als zwei
Jahrzehnten in Hollywood an mehr als
50 Filmen beteiligt. Ab Mitte der 1960er
Jahre zog sich Sir André Previn zugunsten seiner beginnenden Karriere
als Dirigent vom Film zurück. Parallel
zum Aufbau seiner Dirigentenlaufbahn
forcierte Previn ebenfalls gegen Mitte
der 1960er Jahre die Komposition von
Kunstmusik. André Previn lebt heute in
New York.
Two Remembrances for Soprano,
alto flute, and piano
(1995, Text: Else Lasker Schüler):
A Love Song
(Sylvia McNair, Sopran;
Sandra Church, Altflöte;
André Previn, Klavier)
verbotener klänge
Gitarrist, Komponist und Bandleader,
Galionsfigur des europäischen Jazz,
spielte Anfang der dreißiger Jahre in
Pariser Cafés, wo ihn 1934 Pierre Nourry
und Charles Delaunay vom Hot Club de
France entdeckten. Hier keimte die Idee,
ein nur von Saiteninstrumentalisten
besetztes Ensemble mit Reinhardt und
dem Violinisten Stéphane Grappelli zu
gründen. Das legendäre Quintette du
Hot Club de France ging daraus hervor, in welchem neben Reinhardt und
Grappelli noch Djangos Bruder Joseph
Reinhardt und Pierre „Baro“ Ferret bzw.
Roger Chaput als Rhythmusgitarristen
sowie Louis Vola als Bassist mitwirkten.
Als Jazzmusiker und Sohn französischsprachiger Sinti war Reinhardt im
Nationalsozialismus doppelt gefährdet:
1943 versuchte er, sich in die Schweiz
abzusetzen, wurde aber an der Schweizer Grenze abgewiesen. Nach Paris
zurückgekehrt, bewahrte ihn die Beliebtheit seiner Musik bei der französischen
Bevölkerung – wohl auch bei einigen
Besatzungsoffizieren – davor, wie viele
seiner Familienmitglieder als Zigeuner
verfolgt und in den Konzentrationslagern ermordet zu werden.
mende religiöse Bewegung, die sich auf
der Basis von Qi Gong herausbildete
und auch in Verbindung mit Musik steht.
Falun Gong wurde erstmals 1992 in der
Volksrepublik China der Öffentlichkeit
vorgestellt und hat sich seitdem weltweit verbreitet. Hauptwerk des Falun
Gong ist das vom Gründer Li Hongzhi
verfasste Zhuan Falun. Im Westen wurde
die Falun Gong-Praxis hauptsächlich
durch das Verbot der chinesischen
Regierung im Jahr 1999 und die darauf
folgende staatliche Verfolgung der Bewegung und ihrer Anhänger bekannt.
Falun Gong-Musik: Pudu
My Melancholy
(aus dem Album Hot Club de France)
(Quintette Hot Club de France)
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György Justus
(*1898 Budapest,
†1945 Budapest)
Franz Mittler
(*1893 Wien, †1970 München)
Ernest Gold,
(Ernst Siegmund Goldner)
(*1921 Wien, †1999 Los Angeles)
Komponist, Pianist und Dirigent, studierte an der Berliner Musikhochschule.
Zurückgekehrt nach Ungarn, stand er
über Piroska Szalmás der ungarischen
Arbeiterbewegung nahe. Als Musikschriftsteller und Rezensent vertrat
Justus linksintellektuelle Positionen.
Nach Zwangsarbeit seit 1943, der er
1944 entfliehen konnte, hielt er sich in
Budapest versteckt – eine Nachbarin
denunzierte ihn kurz vor Kriegsende im
Jänner 1945 im Gefolge einer Nazi-Razzia. György Justus verschwand spurlos
– vermutlich wurde er erschossen und
sein Leichnam in der Donau versenkt.
Jazz Suite: I.
(Márta Gulyás, Klavier)
Pianist, Komponist und Dichter, war
Schüler des Pianisten Theodor Leschetizky und der Komponisten Richard
Heuberger und Karl Prohaska. In der
Zwischenkriegszeit avancierte er zum
gesuchten Wiener Liedbegleiter etwa
von Leo Slezak, Franz Steiner oder Marie Gutheil-Schoder und war auch einer
der Begleiter Karl Kraus’ bei dessen
Offenbach-Lesungen. 1938 während
einer Holland-Tournee vom „Anschluß“
überrascht, flüchtete Franz Mittler aufgrund seiner jüdischen Vorfahren und
seiner Nähe zu Karl Kraus in die Vereinigten Staaten, führte dort mit David
Hirschberg den Verlag Musicord und
gehörte von 1943 bis 1963 dem First
Piano Quartet an. 1964 übersiedelte
er nach Siegsdorf in Bayern. Bekannt
war Franz Mittler in Österreich auch
als Dichter von ironisierenden Schüttelreimen – noch in Wien publizierte
er 1938 den Band Macht man denn aus
Kalk die Terzen? – sein musikalisches
Schaffen konnte in den letzten Jahren
immer mehr aus dem Vergessen geholt
werden.
Der Tag (Text: Karl Kraus)
(Wolfgang Holzmair, Bariton;
Russell Ryan, Klavier)
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polyphon Ii
Komponist, flüchtete 1938 in die Vereinigten Staaten, studierte in New York
und übersiedelte in die Filmmetropole
Los Angeles, wo er zu „Ernest Gold“
wurde und Filmmusiken schuf. Seinen
Durchbruch erlebte Ernest Gold allerdings erst 1961: Er vertonte den auf
einen Roman von Leon Uris (1924–
2003) basierenden Film Exodus und
erhielt dafür den Oscar. Der Film mischt
historische Ereignisse mit fiktiven Handlungssträngen: Ort des Geschehens ist
das von britischen Besatzungsmächten
verwaltete Palästina nach dem Zweiten Weltkrieg. Dem mit europäischen
Flüchtlingen beladenen Schiff „Exodus“
wird das Anlegen verweigert. Zwar war
zur Entstehungszeit der Filmmusik die
nationalsozialistische Terrormaschinerie
bereits entmachtet, doch verkörperte
Ernest Gold während der Nazi-Zeit den
vertriebenen und verbotenen jüdischen
Filmkomponisten und hinterließ später
mit Exodus ein Klangdokument zum
erlebten Weltgeschehen.
Exodus (1960)
(aus dem Album
Epics – The History of the World
According to Hollywood)
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Erich Zeisl
(*1905 Wien, †1959 Los Angeles)
Zoltán Kodály
(*1882 Kecskemét, †1967
Budapest)
Egon Joseph Wellesz
(*1885 Wien, †1974 Oxford)
Komponist und Pianist, Schüler Richard
Stöhrs, Joseph Marx’ und Hugo Kauders, wuchs in Wiens Judenbezirk auf
und etablierte sich erfolgreich im Rahmen moderater Wiener Moderne. Nach
der Reichspogromnacht im November
1938 flüchtete er nach Paris, von dort
noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weiter nach New York, schließlich
landete er in Los Angeles, wo er in
Hollywood für den Film komponierte
und am Los Angeles City College unterrichtete. In Wien schuf der passionierte
Liedkomponist Zeisl an die hundert
Kunstlieder – mit dem Exil verstummte
der von den Nationalsozialisten Verfemte in der Liedkomposition. HitlerDeutschland im Nacken, schrieb er
noch im Pariser Exil 1938: „Hoffentlich
verlerne ich bald die deutsche Sprache!“
Erich Zeisls letztes Lied in deutscher
Sprache, entstanden im Jänner 1938,
vermittelt engen biographischen Bezug:
Komm süsser Tod symbolisiert Todesangst, Todessehnsucht und Todeseinverständnis.
Komm süsser Tod (1938, Text: unbekannt)
(Adrian Eröd, Bariton;
Eva Mark-Mühlher, Klavier)
Komm süsser Tod,
Komm sel’ge Ruh!
Komm, führe mich in Friede,
Weil ich der Welt bin müde.
Ach komm, ich wart auf dich,
Komm bald und führe mich,
Drücke mir die Augen zu,
Komm sel’ge Ruh!
verbotener klänge
Komponist, Musikpädagoge und Musikethnologe, wurde 1942 emeritiert
und nach dem Zweiten Weltkrieg zum
Präsidenten des Ungarischen Kunstrats
bestellt. Mit dem A-cappella-Chor Zrínyi
Szózata – Hymn of Zrínyi schuf er 1954
sein größtes Werk dieses Genres. Zrínyi Szózata ist ein Gedicht nach Miklós
Zrínyi (1620–1664), einem Poeten und
Feldherren gegen die Türken. Es beschreibt die Lage der Ungarn während
der Türkenkriege. „Tu den Ungarn nichts
zuleide!“ – so die Kernaussage Zrínyis,
welche im Kontext der Kodály-Komposition als Aufruf gegen die Sowjets
verstanden werden konnte und vom
„Volksbildungsministerium“ unter József
Révai auch so verstanden wurde: Révai
stempelte das Stück 1957 auf dem Kongress der Ungarischen Sozialistischen
Arbeiterpartei als angebliche „geistige
Vorbereitung der Konterrevolution ab“
(die Ungarn-Revolution 1956 wurde von
den Kommunisten als „Konterrevolution“
bezeichnet). Kodálys Zrínyi Szózata war
nach der Uraufführung 1955 über zehn
Jahre mit Aufführungsverbot belegt und
steht exemplarisch dafür, dass ein auch
von den kommunistischen Machthabern
respektierter Komponist ideologischer
Kritik und Zensur unterworfen sein
konnte.
Zrínyi Szózata (1954)
(Hungarian Radio and Television Chorus unter
Ferenc Sapszon;
Dirigent: János Ferencsik)
Komponist, Musikwissenschaftler und
Byzantinist, war Schüler Arnold Schönbergs und promovierte bei Guido Adler.
Wellesz unterrichtete an der Wiener
Universität, hielt musikhistorische
Vorlesungen am Neuen Wiener Konservatorium und war Musikkritiker der
Zeitschrift Der Neue Tag. In Folge seiner
Auseinandersetzung mit byzantinischer
Musik gelang ihm um 1916 die Entzifferung mittelbyzantinischer Neumen.
Aufgrund seiner Musiksprache von den
Nationalsozialisten zum „entarteten“
Komponisten diffamiert, flüchtete Egon
Wellesz 1938 nach Großbritannien, wurde wie viele Flüchtlinge aus Österreich
und Deutschland für einige Monate als
„enemy alien“ im britischen Lager „Hutchinson“ auf der Isle of Man interniert
und unterrichtete später am Lincoln
College in Oxford. Der mit der Ehrendoktorwürde der Universität Oxford Ausgezeichnete wurde in seiner „Heimat“
Österreich zumindest 1961 mit dem
österreichischen Staatspreis gewürdigt,
ein Ruf an die Wiener Universität blieb
Österreichs renommiertestem Musikwissenschaftler seiner Generation jedoch vorenthalten. Drei Capriccios nach
Bildern von Callot zu E.T.A. Hoffmanns
„Princess Brambilla“ repräsentieren das
Frühwerk des im Nationalsozialismus
angeprangerten Komponisten.
Drei Capriccios nach Bildern von Callot zu
E.T.A. Hoffmanns „Princess Brambilla“
(1902/03): Liebesscene und Verklärung
(Amber Trio Jerusalem:
Lior Kretzer, Klavier;
Uri Dror, Violine;
Michael Croitoru-Weissmann, Violoncello)
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Alfred Schnittke
(*1934 Engels, †1998 Hamburg)
Mario Castelnuovo-Tedesco
(*1895 Florenz,
†1968 Los Angeles)
Joachim Stutschewsky
(*1891 Romny im Oblast Poltawa,
†1982 Tel Aviv)
Komponist, studierte am Konservatorium in Florenz und zählte schon
während der Studienzeit zu den gefragtesten Vertretern der damaligen „musica
nuova“ Italiens. Aufgrund der faschistischen „Rassengesetzgebung“ flüchtete
er 1939 in die Vereinigten Staaten – als
italienischer Jude war er gezwungen,
das Land unter der Mussolini-Diktatur
zu verlassen. Zum bewegenden Signum
seiner jüdischen Wurzeln und zum
Exil-Dokument wurde sein liturgisches
Werk Sacred Service for the Sabbath Eve
op. 122.
Cellist, Komponist und Musikwissenschaftler, entstammte einer russischjüdischen Familie von Spielleuten (Klezmorim). Nach Studien am Königlichen
Konservatorium der Musik in Leipzig
lebte Stutschewsky in Zürich und interessierte sich im Umfeld zionistischer
Kreise intensiv für jüdische Musik.
Ab 1924 in Wien ansässig, gründete
er mit Rudolf Kolisch (Violine), Fritz
Rothschild (Violine) und Marcel Dick
(Viola) das Wiener Streichquartett und
mit dem Pianisten Friedrich Wührer
das Wiener Duo. Mit diesen Ensembles widmete er sich auch Werken der
Zweiten Wiener Schule. Darüber hinaus
setzte Stutschewsky in der Gründung
des Vereins zur Förderung jüdischer
Musik nachhaltig wirkende Impulse für
das Wiener Musikleben und spannte
ein umfangreiches Netzwerk jüdischer
Musikorganisationen. 1936 erschien
in Wien eine Sammlung von Aufsätzen
unter dem Titel Mein Weg zur jüdischen
Musik – Stutschewsky wurde zum wichtigsten Theoretiker und Vermittler der
Neuen Jüdischen Schule. Wenige Tage
vor dem „Anschluß“ Österreichs an das
Deutsche Reich flüchtete er über die
Schweiz nach Palästina, wo er auch
verstarb. Das Trio Finale quasi una
Fantasia repräsentiert den Komponisten
im Exil.
Komponist und Pianist, begann 1946
in Wien seine musikalische Ausbildung
und setzte sie in Moskau fort. Schnittke
komponierte über 60 Filmmusiken. Da
er wie viele seiner Zeitgenossen in der
UdSSR unter künstlerischen Reglementierungen litt und seine Werke oftmals
nur unter schwierigen Bedingungen
aufgeführt werden konnten, trug die
Tätigkeit für den Film wesentlich zu
seinem Lebensunterhalt bei. Er begriff
das Komponieren für den Film aber
durchaus als Chance für sein künstlerisches Schaffen. Unter anderem schrieb
Schnittke die Musik zu dem Film Commissar von Aleksandr Askoldov aus dem
Jahre 1967. Der Regisseur wurde von
der Zensur zu großen Veränderungen
gezwungen, verlor letztlich seinen Job.
Erst 20 Jahre später durfte der Film
veröffentlicht werden und bekam unter
anderem den „Silbernen Bären“ der
Berlinale.
Sacred Service for the Sabbath Eve
op. 122: Ma Tova
(London Chorus, Dirigent: Ronald Corp)
Die Kommissarin (1967): Regen
(Radiosinfonieorchester Berlin,
Leitung: Frank Strobel)
Finale quasi una Fantasia für Violine,
Violoncello und Klavier (1956)
(Amber Trio Jerusalem:
Lior Kretzer, Klavier;
Uri Dror, Violine;
Michael Croitoru-Weissmann,
Violoncello)
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˚
Bohuslav Martinu
(*1890 Policka,
†1959 Liestal bei Basel)
Kalahari Surfers wurden 1982 als
Arnold Schönberg
(*1874 Wien, †1951 Los Angeles)
Komponist und Geiger, wurde in einem
40 Meter hohen Turm geboren, in dem
er als Sohn des Türmers seine ersten
elf Lebensjahre verbrachte. Im Jahr
1906 begann er am Prager Konservatorium ein Violinstudium. 1910 wurde
Martinů, dem das dort herrschende
strenge Regime wesensfremd war,
wegen „unverbesserlicher Nachlässigkeit“ des Konservatoriums verwiesen.
Im Oktober 1923 verließ Martinů Prag,
um in Paris bei Albert Roussel Komposition zu studieren. In der kosmopolitisch
geprägten französischen Hauptstadt
blieb er bis 1940. Durch seine Kontakte
zur tschechoslowakischen Exilregierung
in London war sein Leben bedroht und
so stand er als „Résistant“ auf einer
„schwarzen Liste“ der Nazis. Nach Monaten in Aix-en-Provence emigrierte
das Ehepaar Martinů 1941 nach New
York. Im Sommer 1943 schrieb er das
Orchesterstück Památník Lidicím (Gedenkstück für Lidice), mit dem er der
brutalen Vernichtung des tschechischen
Dorfes Lidice am 10. Juni 1942 durch
nationalsozialistische Terroreinheiten
gedachte. 1952 erhielt er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, jedoch litt
er zunehmend unter der Verschlechterung des geistigen Klimas während der
McCarthy-Ära.
Památník Lidicím (1943)
(Tschechische Philharmonie,
Leitung: Jirí Belohlávek)
verbotener klänge
Band von Warrick Sony in Südafrika
gegründet. 1984 produzierten sie ihr
erstes ganzes Album Own Affairs, das
das Plattenlabel EMI aufgrund seiner
politischen Brisanz nicht herausbrachte.
In den späten Achtzigern nahmen sie
Bigger than Jesus auf. Der heute harmlos
erscheinende Titel rief die Zensur auf
den Plan. Insgesamt vier verbotene Alben führen die Kalahari Surfers in ihrer
Diskographie. Heute gelten die Kalahari
Surfers als Pioniere. Im Kielwasser der
Kalahari Surfers hat sich eine muntere
Szene entwickelt. Ihre Songs erzählen
von weiterhin zerrissenen Verhältnissen,
von Militärs, die von der Amnestie profitieren, von Folterern und Mördern, die
mit dem Golden Handshake verabschiedet werden. Einige Songs sind in Xhosa
geschrieben, einer Bantusprache, die
in Südafrika sieben Millionen Menschen
sprechen (Quelle: Die Zeit, 03/2005)
Bigger than Jesus
(Kalahari Surfers)
Komponist, entwickelte Anfang der
zwanziger Jahre seine „Methode der
Komposition mit zwölf nur aufeinander
bezogenen Tönen“. Neben seinem
Judentum galt Schönberg aufgrund
dieser Musiksprache den Nationalsozialisten als „entartet“ und wurde zum
„Musikbolschewisten“ und „Neutöner“
gebrandmarkt. 1925 wurde er Leiter einer Kompositionsklasse an der
Preußischen Akademie der Künste in
Berlin, 1933, noch bevor er als „nicht
arischer“ Musiker dort entlassen wurde,
reichte er sein Schreiben mit der Bitte
um Entlassung an die „gleichgeschaltete“ Akademie ein. „Ich bin seit langem
entschlossen, Jude zu sein“ – so Arnold
Schönberg an Anton Webern im August
1933: Im Mai 1933 war Schönberg aus
Deutschland geflüchtet und trat – in
jungen Jahren dem Protestantismus
zugewandt – im Pariser Exil unter der
Zeugenschaft Marc Chagalls wieder der
jüdischen Glaubensgemeinschaft bei.
Von Paris flüchtete er in die Vereinigten
Staaten. Mit Ode to Napoleon Buonaparte
op. 41 nach einem Text Lord Byrons
(auf die Tyrannei Napoleons) komponierte Arnold Schönberg im Jahr 1942
erstmals ein Werk, in welchem er Adolf
Hitler auch öffentlich angriff – um den in
Deutschland verbliebenen Juden nicht
zu schaden, hatte er dies bis dahin
bewusst unterlassen.
Ode to Napoleon Buonaparte op. 41 (1942)
(John Horton, Sprecher;
Juilliard String Quartet;
Glenn Gould, Klavier)
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Mohsen Namjoo
(*1976 Torbat-e Jam)
Felix Mendelssohn-Bartholdy
(*1809 Hamburg, †1847 Leipzig)
Alexandre Tansman
(*1897 Lódz, †1986 Paris)
Sänger und Songwriter, wird gerne der
„Bob Dylan des Iran“ genannt. Nach der
Beschäftigung mit klassisch-traditioneller iranischer Musik strebte Namjoo eine
Fusion dieser Stilistik mit modernen
Ausdrucksformen wie Rock und Jazz
an – verschiedene iranische Behörden
akzeptierten dies nicht, aufgrund Namjoos ungewöhnlicher Musizierweise
wurde er der Universität verwiesen. In
den Liedern verbindet Mohsen Namjoo
alte iranische Weisen mit zeitgemäßer
Musiksprache. Da seine Songtexte zum
Teil politischen Inhalts sind, werden
diese restriktiv behandelt – auch der
Song Dah-e-Shast (The Eighties) fungiert
als politische Botschaft.
gilt als einer der prominentesten der
von den Nationalsozialisten verfemten
und unter rassistischen Anfeindungen
stehenden Komponisten. Mendelssohn
entstammte einer jüdischen Familie, er
war Enkel des bedeutenden Philosophen Moses Mendelssohn (1729–1786).
Gemäß den Assimilationsbestrebungen
seiner Zeit wurde er christlich erzogen
und protestantisch getauft, dem Familiennamen wurde der „christliche“ Name
„Bartholdy“ beigefügt. In dem 1940 von
nationalsozialistischen Kulturideologen
herausgegebenen Lexikon der Juden in
der Musik liest man in diffamierender
Diktion, dass „auch Mendelssohn – als
Typus des sogenannten Assimilationsjuden – in die lange Reihe der Vertreter
dieser Rasse gehört, die zielbewusst
die Umdeutung des übernommenen
Kulturgutes in jüdischem Sinne und
damit dessen Verfälschung betrieben“
hätte.
Komponist und Pianist, studierte am
Konservatorium in Lódz und gelangte
über den polnischen Kompositionspreis
1919 nach Paris, dort stand er in enger
Verbindung zu Darius Milhaud und Arthur Honegger. Als gebürtiger Jude mit
Verbindung zur musikalischen Moderne
wurde er Opfer der Weltereignisse: Sein
Name erschien 1938 in der von den nationalsozialistischen Kultureliten organisierten Ausstellung „Entartete Musik“.
Nach der Teilung Frankreichs flüchtete
Alexandre Tansman, mittlerweile französischer Staatsbürger, über Lissabon
in die Vereinigten Staaten. Als einer
der ersten Remigranten kehrte er 1946
nach Paris zurück, von dort schrieb er
an den Freund Erich Zeisl nach Hollywood: „Here I have a lot of ‘relations’,
but most of the colleagues are jealous
and would prefer me to stay in USA …
or to have been sent to Auschwitz!” –
Seiner 1944 noch im Exil komponierten
Symphonie Nr. 7 gab Alexandre Tansman
den Beinamen „Lyrische“.
Dah-e-Shast
(Mohsen Namjoo, 6.9.2008 in San Francisco)
Ein Sommernachtstraum op. 61 (1841–1844):
IX. Hochzeitsmarsch
(The Chamber Orchestra of Europe,
Leitung: Nikolaus Harnoncourt)
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polyphon Ii
Symphonie Nr. 7, „Lyrische“ (1944):
III. Scherzo – Molto vivace
(Melbourne Symphony,
Leitung: Oleg Caetani)
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Andrzej Panufnik
(*1914 Warschau,
†1991 Twickenham)
Jiddische Lieder stellen eine bedeu-
Anton Webern
(*1883 Wien, †1945 Mittersill)
Komponist, begann bereits als Kind zu
komponieren und studierte von 1932 bis
1936 am Warschauer Konservatorium
der Musikakademie Warschau Komposition und Musiktheorie bei Kazimierz
Sikorski, danach Orchesterleitung bei
Felix Weingartner in Wien und 1938–
1939 bei Philippe Gaubert in Paris.
Während der deutschen Besatzung
lebte er in Warschau, wo er Wohltätigkeitskonzerte und Untergrundkonzerte
gab, teilweise zusammen mit Witold
Lutosławski. Während des Warschauer
Aufstandes wurden sämtliche seiner
Kompositionen vernichtet; einige konnte
er später rekonstruieren. 1954 verließ
Panufnik aus Protest gegen die wachsende Unfreiheit unter dem Einfluss
des Stalinismus Polen und emigrierte
nach England. In Polen wurde daraufhin
nicht nur die Aufführung seiner Werke,
sondern auch die Erwähnung seines
Namens verboten. Er wurde englischer
Staatsbürger und wirkte von 1957 bis
1959 als musikalischer Leiter des City
of Birmingham Symphony Orchestra.
Danach lebte Sir Andrzej Panufnik als
freischaffender Komponist.
tende Ausdruckssphäre jiddisch sprechender Menschen dar. Jiddisch ist eine
westgermanische Sprache mit hebräischen und slawischen Elementen, die
zur Zeit des Hochmittelalters aus dem
Mittelhochdeutschen hervor ging und
auch heute noch der deutschen Sprache und deren Mundarten sehr nahe
ist. Jiddisch wird von etwa drei Millionen
Menschen, größtenteils Juden, weltweit
gesprochen. Vor dem Holocaust gab es
etwa 12 Millionen Sprecher, die meisten davon in Ostmittel- und Osteuropa.
Heutzutage sprechen neben älteren
Menschen aller jüdischen Glaubensrichtungen vor allem chassidische Juden
Jiddisch als Umgangssprache. Im Nationalsozialismus war diese Sprache den
Machthabern Grund für Ausgrenzung
und Verfolgung.
Dos yidishe lid
(Benzion Miller, aus dem Album
Great Songs Of The Yiddish Stage, Vol. 2)
Komponist, war einer der ersten Schüler
von Arnold Schönberg und gehörte zum
inneren Kreis der Zweiten Wiener Schule. Zwar sind Weberns Beziehungen zur
NS-Ideologie und zum NS-Staat in der
Forschung umstritten, nach dem „Anschluß“ hatte er jedoch, aufgrund seiner
Musiksprache zum „Kulturbolschewisten“ abgestempelt, keine Chance
mehr im offiziellen Musikleben. Bereits
nach den Februar-Kämpfen 1934 hielt
Webern gegenüber Soma Morgenstern
zum Austrofaschismus fest: „Aber unsere Musik haben sie erschossen.“ – „Ich
glaube nicht, dass man eure Musik
erschießen kann“ entgegnete Morgenstern – „aber man wird von ihr lange
nichts hören. [...] Aber ich glaube nicht
an die lange Dauer von diesem Regime,
und was nachher kommt wissen wir
alle nicht.“ „Ich weiß“ – soll Webern
entgegnet haben – „die Nazis werden
kommen.“ (Soma Morgenstern: Alban
Berg und seine Idole, S. 339)
Symphonie op. 21 (1928)
(Berliner Philharmoniker,
Dirigent: Pierre Boulez)
Suita staropolska (1950, rev. 1955):
II. Interlude: Lento Espressivo
(Polnisches Kammerorchester,
Leitung: Marius Smolij)
verbotener klänge
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Maximilian Raoul Steiner,
(Max Steiner)
(*1888 Wien, †1971 Beverly Hills)
Erich Wolfgang Korngold
(*1987 Brünn, †1957 Los Angeles)
Leo Smit
(*1900 Amsterdam,
†1943 Sobibor)
Komponist und Dirigent, war in seiner
Jugend bereits erfolgreicher Operettenkomponist. Zwischen 1904 und
1914 reiste er als Dirigent von Opern,
Operetten und Shows durch Europa,
1914 gelangte er in die Vereinigten
Staaten. Vorerst Arrangeur und Dirigent
am Broadway, wurde Steiner 1929 in
Hollywood Leiter der Gesellschaft Radio
Keith Orpheum (RKO) Radio Pictures,
von 1936 bis 1953 arbeitete er für Warner Brothers. Max Steiner komponierte
zu Filmen wie King Kong (1933), Gone
With The Wind (1939) oder Casablanca
(1942) und war mit Erich Wolfgang
Korngold der arrivierteste HollywoodKomponist. Beide Österreich-Exilanten
prägten den klassischen Hollywood-Stil.
Der Jude Steiner, der bereits lange Zeit
vor der Nazi-Diktatur im Movie-Business
landete, galt den Nationalsozialisten
als verfemter Komponist. Seine FilmPartituren unterlagen in Deutschland
dem Boykott.
King Kong (1933): Main title
(National Philharmonic,
Leitung: Max Steiner)
Komponist, Schüler von Robert Fuchs
und Alexander Zemlinsky, gelangte
1921 als Dirigent an das Hamburger
Stadttheater, erhielt 1927 eine Professur an der Wiener Akademie für Musik
und darstellende Kunst und leitete
1930/31 dort eine Opernklasse. Ab 1920
feierte er mit der Oper Die tote Stadt
(1916–1919) größten Triumph. Von den
Ereignissen um den „Anschluß“ überrascht, kehrte der Jude Korngold 1938
von einer USA-Reise bis in das Jahr
1949 nicht mehr nach Europa zurück.
1955 wurde der einstige „Welterfolg“
Die tote Stadt im Münchner Prinzregententheater wieder aufgenommen – die
Kritik verriss das Werk als „unzeitgemäß“. Im selben Jahr kehrte Korngold
nach Hollywood zurück, er verkaufte
seine restituierten Besitztümer – unter
anderem auch das vormals „arisierte“
Gut „Schloß Höselberg“ im oberösterreichischen Gmunden – und ließ weitere
Pläne für ein Comeback in Österreich
fallen. Der in Linz geborene, von den
Nazis vertriebene Tenor Richard Tauber
sang bereits 1921 in Dresden den „Paul“
in Korngolds Toter Stadt.
Die tote Stadt op. 12 (1916–1919):
Lied der Marietta
(Aufnahme von 17.4.1924,
Richard Tauber und Lotte Lehmann,
Dirigent: George Szell)
58
polyphon Ii
Komponist und Pianist jüdischer
Herkunft, studierte am Amsterdamer
Konservatorium, wo er später lehrte. Ab
1927 lebte er für zehn Jahre in Paris,
wo er von der Musik Maurice Ravels
und Igor Stravinskis hörbar beeinflusst
wurde. Am 12. Februar 1943 beendete
Smit die Arbeit an seiner Sonate für Flöte
und Klavier. Am 27. April wurde er in das
Konzentrationslager Sobibor deportiert,
wo er drei Tage später ermordet wurde.
Sonate für Flöte und Klavier (1943): II. Lento
(Cornelia Thorspecken, Flöte;
Cordula Hacke, Klavier)
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Friedrich Hollaender,
(Frederick Hollander)
(*1896 London, †1976 München)
Kurt Weill
(*1900 Dessau. †1950 New York)
Richard Tauber
(* 1891 Linz, †1948 London)
Komponist, entstammte einem jüdischen Elternhaus, sein Vater war als
Kantor tätig. Ab 1918 studierte Weill
an der Hochschule für Musik in Berlin,
maßgebend für sein späteres Schaffen,
insbesondere seine Opernästhetik,
wurde die Zeit als Schüler Ferruccio
Busonis. In frühen Opernprojekten
griff Kurt Weill nach Libretti von Georg
Kaiser und Yvan Goll, 1927 begann
die bedeutende Zusammenarbeit mit
Bert Brecht (1898–1956), aus der 1928
die Dreigroschenoper hervorging – sein
ab 1927 entwickelter, um Jazzelemente angereicherter „Songstil“ ist darin
zukunftsweisend etabliert. Nach der
Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 floh Weill nach
Paris, 1935 in die Vereinigten Staaten.
Aufgrund seiner jüdischen Herkunft
gleichwie seiner Musiksprache war Kurt
Weill von den NS-Kulturideologen als
„entartet“ angeprangert. Am Broadway
vermochte der Vertriebene in den vierziger Jahren als Musical-Komponist zu
reüssieren. 1943 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Als Hauptwerk Weills früher Exilzeit gilt Der Weg
der Verheißung bzw. The Eternal Road:
Ein 1936 nach dem Text Franz Werfels
komponiertes biblisches Drama – Mixtur
aus Schauspiel, Liturgie und Oper – zur
Historie des jüdischen Volkes.
Tenor und Komponist, war der Sohn
der am Linzer Landestheater engagierten Soubrette Elisabeth Denemy und
des jüdischen Schauspielers Anton
Richard Tauber. Er wurde am 16. Mai
1891 im Linzer Hotel „Zum schwarzen
Bären“ geboren. Tauber wuchs in Linz
bei Pflegeeltern auf und besuchte die
Volksschule in der Spittelwiese. 1933
endete seine Laufbahn in Deutschland. Tauber flüchtete nach England.
Mit Drunt’ in der Lobau sang der von
den Nazis Geächtete ein Lied nach
Heinrich Strecker. Dieser wurde später
Mitglied der NSDAP, Gauobmann und
Landeskulturleiter der NSDAP und der
„Nationalsozialistischen Kulturgemeinde
Österreichs“. Nach dem „Anschluß“ Österreichs komponierte Heinrich Strecker
1938 die Lieder Deutsch-Österreich ist
frei! und Wach auf, deutsche Wachau! Am
Text zu Drunt’ in der Lobau arbeitete auch
Fritz Löhner-Beda: Dieser wurde im
März 1938 mit dem ersten „Prominententransport“ nach Dachau deportiert
und in das Konzentrationslager Buchenwald verschickt, wo er mit Hermann
Leopoldi Das Buchenwaldlied schrieb. In
Auschwitz wurde Fritz Löhner-Beda in
der Gaskammer ermordet.
Deutscher Revue- und Tonfilmkomponist, Kabarettist und Musikdichter, war
in den 1920er Jahren eine feste Größe
in der Berliner Kulturszene. Er wirkte an
verschiedenen Kabarett-Theatern (u.a.
an Trude Hesterbergs Wilder Bühne),
komponierte und textete Lieder und
begleitete Blandine und andere am Klavier. Später schrieb er auch für Rudolf
Nelson Revuen. In Charlottenburg eröffnete er seine eigene Bühne, das TingelTangel-Theater. Außerdem vertonte er
Filme. Ein Höhepunkt seines Schaffens
war sicherlich Der blaue Engel, dessen
Melodie Von Kopf bis Fuß noch heute
ein Begriff ist. 1933 musste Hollaender
wegen seiner jüdischen Abstammung
Deutschland verlassen – zwei Jahre
zuvor hatte er den Antisemitismus als
absurd verspottet (Kabarettsong: An allem sind die Juden schuld auf die Melodie
der Habanera aus Bizets Carmen). Nach
dem Krieg blieb Friedrich Hollaender
bis 1955 in den USA. In München, wo
er sich anschließend niederließ, begann
er wieder mit dem Kabarett. „Jonny“ war
eine in den 20iger Jahren sehr populäre Chanson-Figur – Jonny wenn Du
Geburtstag hast ist ein Fox-Erotic von
Friedrich Hollaender. Zu weiterer Popularität kam Jonny durch die Oper Jonny
spielt auf von Ernst Křenek.
Jonny (1920)
(Marlene Dietrich live in London)
In der kleinen Pony-Bar
ist der Neger Jonny Star.
The Eternal Road
(Der Weg der Verheissung) (1936):
I. Akt, Szene 6: Abraham und Isaac
(Ernst Senff Choir,
Radio Symphony Orchestra Berlin,
Dirigent: Gérard Schwarz)
Drunt’ in der Lobau
(Text: Heinrich Strecker,
Alois Eckhardt, Fritz Löhner-Beda)
(Richard Tauber)
Der hat wildes Blut in seiner braunen
Haut- oh!
Wenn er auf der Geige spielt
wenn er mit dem Bogen zielt,
hat er jede Nacht ’ne neue Braut. oh!
verbotener klänge
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Gustav Mahler
(*1860 Kalischt, †1911 Wien)
Karl Amadeus Hartmann
(*1905 München, †1963 München)
Dirigent, Operndirektor und Komponist,
war der Sohn einer jüdischen Familie.
1880 wurde Gustav Mahler Kapellmeister im Sommertheater in Bad Hall und
später Wiener Hofoperndirektor und
Chefdirigent des New York Philharmonic
Orchestra. Mahler ließ sich taufen und
konvertierte zum Katholizismus, da er
mit Recht antisemitische Hindernisse
fürchtete. Gustav Mahlers „Rassenseele“ wurde im Dritten Reich als „nicht
deutsch“ eingestuft, der Komponist galt
vielmehr als „fremdrassiger Orientale“.
Die Uraufführung der neunten Symphonie fand am 26. Juni 1912 in Wien
durch die Wiener Philharmoniker unter
dem jüdischen Dirigenten Bruno Walter
(*1876 Berlin, † 1962 Beverly Hills) statt.
Als Bruno Walter im März 1933 kurz
nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sein viertes Konzert mit den
Berliner Philharmonikern geben wollte,
drohten die neuen Machthaber, sie
würden im Saal mit Gewalt agieren und
auch zuschlagen, falls Walter das Podium betreten sollte. In der Folge emigrierte Walter nach Österreich. Dort dirigierte der in Deutschland unerwünschte
Musiker oft die Wiener Philharmoniker,
außerdem leitete er zahlreiche Opernaufführungen an der Wiener Staatsoper
sowie bei den Salzburger Festspielen.
Nach dem „Anschluß“ Österreichs 1938
musste er abermals flüchten, erhielt die
französische Staatsbürgerschaft, ging
aber 1939 doch in die USA, wo er 1946
eingebürgert wurde.
Komponist, war der Begründer der Konzertreihe Musica Viva, welche nach dem
Zweiten Weltkrieg die Aufführung und Verbreitung von Neuer Musik in Deutschland
zum Ziel hatte. Nach der Machtergreifung
der Nationalsozialisten zog Hartmann sich
laut Fred K. Prieberg „nach Kempfenhausen am Starnberger See zurück und
boykottierte – obwohl Mitglied der Reichsmusikkammer – das NS-Regime, indem
er seine Arbeiten vom deutschen Markt
fernhielt und im Ausland plazierte, begünstigt durch eine Lücke in der KulturkammerGesetzgebung, weshalb die RMK nicht
einschreiten konnte“. Ab 1933 komponierte
er sein Miserae, das er als Ausdruck des
Protests gegen den Nationalsozialismus
verstand. Gewidmet ist es: „Meinen Freunden, die hundertfach sterben mußten, die
für die Ewigkeit schlafen, wir vergessen
Euch nicht. Dachau 1933/34.“ „Musik der
Trauer“ sollte das Concerto funebre ursprünglich heißen, das 1939 in den ersten
Monaten des Zweiten Weltkriegs entstand.
„Diese Zeit deutet den Grundcharakter
und Anlass meines Stückes an“ schrieb
Karl Amadeus Hartmann. Was zunächst
als eine Art Requiem geplant war, konkretisierte sich in einem düster-depressiv
klingenden Stück für Violine und Streichorchester. Hartmanns Entsetzen angesichts
des Einmarschs der deutschen Truppen in
Polen fasste sein Freund Max See zusammen: „Was uns Gleichgesinnte lediglich
erbitterte, das zwang ihn seinen Zorn und
seine abgrundtiefe Trauer in Tönen mitzuteilen.“ Hartmann hatte sich sehr früh in
eine „innere Emigration“ zurückgezogen
und kam damit jeder Instrumentalisierung
und Boykottierung durch das Nazi-Regime
zuvor.
Max Brand
(*1896 Lemberg,
†1980 Langenzersdorf)
Symphonie Nr. 9 (1909/10):
II. Im Tempo eines gemächlichen Ländlers.
Etwas täppisch und sehr derb
(Wiener Philharmoniker,
Leitung: Bruno Walter – Aufnahme
vom 16. Jänner 1938)
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Concerto funebre (1939): IV. Choral:
Langsamer Marsch (Thomas Zehetmair,
Violine; Philharmonia Orchestra,
Leitung: Heinz Holliger)
polyphon Ii
Komponist und Pionier der Szene
elektronischer Musik, studierte in Wien
bei dem die Jugendzeit in Linz verbringenden Franz Schreker. Dieser wurde
1920 zum Direktor der Berliner Musikhochschule ernannt, wie viele Schüler
folgte auch Max Brand ihm nach Berlin.
Brands Schaffen stand ebenso unter
dem Einfluss des Schönberg-Umkreises,
vor allem Erwin Stein wirkte nachhaltig
auf den Komponisten. Der Gründer des
„mimoplastischen Theaters für Ballett“
und der „Wiener Opernproduktion“ am
Raimundtheater reüssierte vor allem
mit seiner Oper Der Maschinist Hopkins
(1929) – ein surrealistisch-futuristisches
Glanzstück, dessen Wirkungsbereich
mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zunichte gemacht wurde.
Vorübergehend flüchtete Max Brand von
Berlin zurück nach Wien und aufgrund
seiner jüdischen Abstammung 1937
über Prag, die Schweiz und Brasilien,
wo er mit Heitor Villa-Lobos in Verbindung stand, in die Vereinigten Staaten. 1945 erhielt er die amerikanische
Staatsbürgerschaft, 1975 kehrte er nach
Österreich zurück. Hier starb er unbekannt und vergessen.
Maschinist Hopkins (1929): Tango
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Maximilian Raoul Steiner,
(Max Steiner)
(*1888 Wien, †1971 Beverly Hills)
Franz Wachsmann,
(Franz Waxman)
(*1906 Königshütte/Oberschlesien,
†1967 Los Angeles)
Die Furcht
Komponist, Arrangeur und Dirigent,
orchestrierte für Der Blaue Engel (1930)
und schrieb in den frühen dreißiger
Jahren Partituren für den deutschen
Film. Als Jude flüchtete Waxman vor
den Nationalsozialisten 1934 nach
Paris, zu Fritz Langs in Paris gedrehtem Film Liliom (1934) lieferte er die
Musik. Im Exil in Hollywood folgten
Produktionen wie Fury (1936) und Rear
Window (Das Fenster zum Hof ) (1954).
Sunset Boulevard (1950) und A Place in
the Sun (1951) brachten ihm den Oscar.
Heterogene Stilelemente wie Jazz, freie
Tonalität und Opernsymphonik zeichnen
Franz Waxmans Filmmusiken aus. In
völlig anderer Prägung komponierte
Waxman 1964/65 ein Werk, welches die
Schockerlebnisse der Nazigräuel über
das Medium Wort und Musik auszudrücken versucht: Auf Texte, welche Kinder
im Lager Theresienstadt geschrieben
hatten, entwarf Waxman den Zyklus
Das Lied von Terezín. Die das Finale
formenden Zeilen Die Furcht schrieb die
damals 12-jährige Eva Pickova.
Tod! Halt’ die Sense ein!
Komponist und Dirigent, war in seiner
Jugend bereits erfolgreicher Operettenkomponist. Zwischen 1904 und
1914 reiste er als Dirigent von Opern,
Operetten und Shows durch Europa,
1914 gelangte er in die Vereinigten
Staaten. Vorerst Arrangeur und Dirigent
am Broadway, wurde Steiner 1929 in
Hollywood Leiter der Gesellschaft Radio
Keith Orpheum (RKO) Radio Pictures,
von 1936 bis 1953 arbeitete er für Warner Brothers. Max Steiner komponierte
zu Filmen wie King Kong (1933), Gone
With The Wind (1939) oder Casablanca
(1942) und war mit Erich Wolfgang
Korngold der arrivierteste HollywoodKomponist. Beide Österreich-Exilanten
prägten den klassischen Hollywood-Stil.
Der Jude Steiner, der bereits lange Zeit
vor der Nazi-Diktatur im Movie-business
landete, galt den Nationalsozialisten
als verfemter Komponist. Seine FilmPartituren unterlagen in Deutschland
dem Boykott.
Vom Winde verweht (1939): Tara’s Theme
(Bruno Orchester Bertone,
aus dem Album Western Movie Themes)
Oh Gott!
Verlass’ uns nicht in uns’rer Pein –
Man sieht den Tod!
Ein neuer Schrecken
Ist im Ghetto anzuseh’n,
Die Opfer hilflos um Erbarmen fleh’n,
Das Herz erstarrt den Vätern wie zu Stein,
Voll Trauer hüllt ihr Haupt die Mutter ein.
Die Typhusotter würgt die Kinder hier
Bis in den Tod, bevor sie es geglaubt;
Ich weil’ noch hier,
Bin noch am Leben heut’,
Indes der Freund im Jenseits weilt.
Wär’ es nicht besser,
Wer weiss es wohl,
Hätt’ mich zugleich der Tod ereilt?
Wär’ es nicht besser?
Nein! Nein! Mein Gott im Himmelszelt,
Verlass’ uns nicht.
Wir wollen eine bess’re Welt!
Wir wollen leben, wollen Licht!
Vergess’t uns nicht!
Vergess’t uns nicht
Das Lied von Terezín (1964/65): Finale: Furcht
(Text: Eva Pickova, 12 Jahre, Nymburk)
(Rundfunkchor und Kinderchor Berlin,
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin,
Dirigent: Lawrence Foster)
verbotener klänge
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Dimitri Schostakowitsch
(*1906 Sankt Petersburg,
†1975 Moskau)
Isang Yun
(*1917 San Chung Gun,
†1995 Berlin)
Sándor Vándor
(*1901 Miskolc,
†1945 Sopronbánfalva)
Komponist und Pianist, schrieb dem
Stalin-Regime Hymnen und blieb gleichzeitig auf Distanz zum kommunistischen
System, kritisierte vielmehr die Diktatur
auch unterschwellig in seinem Werk.
1953 starb Stalin, Schostakowitsch
veröffentlichte seine 10. Symphonie,
eine Abrechnung mit dem Diktator – ein
Werk der Trauer und des Schmerzes,
mit einer Geste persönlichen Triumphes
endend. Die Oper Lady Macbeth von
Mzensk op. 29 (1930–1932), entstanden
nach der Novelle Lady Macbeth aus dem
Landkreis Mzensk von Nikolai Leskow
(1831–1895), wurde 1934 in Leningrad
uraufgeführt. Nicht die Musik, sondern
der „zu realistische“ Inhalt der Oper
erregte Anstoß: Im Jänner und Februar
1936 erschienen mit Wirrwarr statt Musik
und Ballettheuchelei Diffamierungs-Artikel in der Pravda, welche die Oper zur
traurigen Berühmtheit werden ließen,
da die Schriften die Verleumdungskampagne gegen den so genannten „Formalismus“ und „Naturalismus“ in der Kunst
eröffneten. Eine Oper, welche den
Ehebruch der Protagonistin und den
Gattenmord nicht verurteilte, vielmehr
um Verständnis warb für den Versuch
der Frau, den strengen patriarchalischen
Strukturen zu entkommen, eine Oper,
welche außereheliche Sexualität als
etwas lustvoll Erlebbares darstellte, stand
den restaurativen Familien- und Moralvorstellungen des Regimes entgegen. Dies
führte zu einem Verbot der Lady Macbeth
von Mzensk bis zur Umarbeitung der
Oper Anfang der sechziger Jahre.
Komponist koreanischer Herkunft, arbeitete nach seinem Studium in Osaka
von 1936 bis 1938 als Volksschullehrer
in Tong Yong. Nach seiner Teilnahme
am Zweiten Weltkrieg arbeitete Yun bis
1956 als Lehrer und Komponist in Seoul.
1956 übersiedelte er nach Paris, 1964
nach Berlin, wo er Komposition studierte, u.a. bei Reinhard Schwarz-Schilling
und Boris Blacher. Mit dem Orchesterstück Réak (1966) gelang ihm der internationale Durchbruch. Aufsehen erregte
seine Entführung aus Berlin durch den
südkoreanischen Geheimdienst 1967:
Isang Yun wurde nach Seoul verschleppt und dort wegen Hochverrates
angeklagt, weil er den koreanischen
Militärdiktator Park Chung-hee kritisiert
hatte. Zunächst wurde er zum Tode
verurteilt, 1969 nach internationalen
Protesten jedoch freigelassen. 1971
wurde er deutscher Staatsbürger.
Komponist und Dirigent, studierte
bei Paul Graener in Leipzig, bevor er
in Italien als Dirigent tätig war. Der
ungarisch-jüdische Künstler, Opfer des
Holocaust, dessen Name zwar bekannt,
dessen Werk jedoch nahezu vergessen
ist, erlag am 14. Jänner 1945, kurz vor
der Befreiung Pests, den in Sopronbánfalva von den Nazi-Schergen zugefügten Misshandlungen.
Etüden für Flöte(n) solo (1974):
III. Allegro
(Roberto Fabricciani, Piccolo)
Lady Macbeth von Mzensk op. 29 (1930–1932):
II. Akt, Szene 5: Katerina und Sergey
(Galina Vishnevskaya, Nicolai Gedda;
London Philharmonic Orchestra,
Dirigent: Mstislav Rostropovich)
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Air für Violoncello und Klavier
(Ditta Rohmann, Violoncello;
Márta Gulyás, Klavier)
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Lieder zur Wiener Revolution 1848
geben einen Einblick in eine bewegte
Zeit, in der neben den uns heute bekannten Textdichtern und Komponisten
auch einfache Handwerker und Arbeiter
zur Feder griffen, um ihren Ärger über
Restriktionen und Repressalien des
Polizei-Staates Metternichs, der verhassten Symbolfigur der Restauration,
auszudrücken. Die März-Kämpfe 1848
in Wien verliefen blutig, sie forderten
Menschenleben, brachten aber auch
Errungenschaften wie die Aufhebung
der Zensur mit sich. Die kurze Phase
der unter Gewalt erkämpften Pressefreiheit ermöglichte die Entstehung von
Druckschriften und Liedern. Mit der Niederschlagung der Revolution im Oktober
1848 stellten sich jedoch rasch wieder
andere Zustände ein: Die erkämpften
Ideale mussten aufgegeben werden.
Fürst Metternich (Text: Kölner der Saure,
Melodie: vermutlich „O Tannenbaum“)
(Gesang, Salon-Ariston bzw. „Werkel“:
Oliver Maar)
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