BoNT/A bei Dystonie und Spastik - Neuro

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Dystonie und Spastik
Aktuelle therapeutische Herausforderungen
BoNT/A bei Dystonie und Spastik
Botulinumneurotoxine (BoNT) haben die Therapie von Krankheitsbildern wie Dystonien und Spastik revolutioniert. Aktuelle Probleme
bestehen u. a. in einer nicht ausreichend langen oder starken Wirkung
und inflexiblen Injektionsintervallen, die zu mangelnder Therapiezufriedenheit und Behandlungsabbrüchen führen können, sowie im
Antikörper-vermittelten sekundären Therapieversagen. Auf einem
Treffen des Arbeitskreises Botulinumtoxin e.V.* wurden die wichtigsten Untersuchungsresultate zur Rolle der Fremdproteine in BoNT/
Typ-A-Präparaten präsentiert. In diesem Zusammenhang schildern
Experten nun die gegenwärtigen Herausforderungen in der Therapie
von Patienten mit Dystonie und Spastik nach Schlaganfall.
Herr Dr. Wohlfarth, Sie haben die Funktionen der Fremdproteine in verschiedenen
BoNT-Präparaten
untersucht.
Warum?
Wohlfarth: Im Verlauf der Behandlung
mit BoNT/A treten selten unerwünschte
Wirkungen auf, die jedoch zumeist gering, vorübergehend und dosisabhängig
sind. In der Literatur finden sich aber Berichte über einen Wirkungsverlust nach
initialem Ansprechen bei 1 bis 32% der
Patienten. Für dieses sekundäre Therapieversagen können Änderungen der
Symptomatik, genetische Faktoren, fehlerhafter Umgang mit dem Präparat, falsche Dosierungen oder Applikation in falsche Muskeln eine Rolle spielen, insbesondere aber die Bildung von neutralisierenden Antikörpern (nAK) gegen Bestandteile der injizierten Präparate.
Was fördert die Entstehung von nAK?
Wohlfarth: Vor allem die injizierte
Dosis, die Injektionsfrequenz und Fremdproteine wie die Komplexproteine (Hämagglutinine und Nicht-Hämagglutinine).
Unsere Untersuchung zeigt nun, dass
Letztere weder einen stabilisierenden
noch einen protektiven Effekt auf die Bioverfügbarkeit des Neurotoxins bei der Rekonstitution des Präparates und keinen
therapeutischen Effekt haben. Sie können
als Verunreinigungen betrachtet werden.
Bei Einsatz eines komplexproteinfreien
BoNT/A-Präparates (Incobotulinumto1 IncobotulinumtoxinA: Xeomin®
2 OnabotulinumtoxinA: Botox®
3 AbobotulinumtoxinA: Dysport®
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xin1) könnte die Fremdproteinbelastung
signifikant reduziert werden. Aufgrund
der geringeren Antigenität
könnte dies im klinischen
Alltag möglicherweise hinsichtlich der maximalen
Dosen und der Flexibilisierung der Injektionsintervalle von Vorteil sein. Immerhin hat sich bisher bei
keinem de novo mit diesem Präparat behandelten
Patienten ein AK-vermitteltes sekundäres Therapieversagen eingestellt.
Herr Prof. Hefter, worin
sehen Sie heute besondere Herausforderungen in
der Behandlung von Dystonie-Patienten mit BoNT?
Herr Prof. Wissel, wie
sehen Sie die Situation bei
Spastik-Patienten?
tienten. BoNT-Präparate sind in Deutschland nur zur Behandlung der Spastizität
der oberen Extremität zugelassen und erstattungsfähig. Bei Hemispastizität kann
es dann schwierig werden, gerade für die
niedergelassenen Kollegen. Wir sind derzeit in der Phase, dass die Therapie in die
Routineversorgung übergeht. Hier spielt
die mangelnde Honorierung – bis heute
gibt es bspw. keine EBM-Ziffer – naturgemäß eine größere Rolle.
Studien zufolge** bricht etwa ein Drittel
der Patienten die BoNT-Therapie ab. Teilen Sie diese Erfahrung, und was sind
ggf. die Gründe dafür?
Hefter: Es gibt für ein Abbrechen der
Therapie krankheits- bzw. patientenspezifische und zentrums- bzw. behandlerspezifische Gründe. Bei Dystonien wie z. B.
dem Schreibkrampf lassen
sich oft keine positiven Effekte ohne Nebenwirkungen erzielen, und wir beobachten relativ viele Therapieabbrüche. Aber auch bei
zervikalen Dystonien bricht
ein beträchtlicher Prozentsatz ab, besonders Menschen mit einer schwer
behandelbaren AntecollisKomponente. Gerade in
BoNT-Ambulanzen wechseln die Behandler häufig;
dies verhindert ein Vertrauensverhältnis.
Priv.-Doz. Dr. Kai Wohlfarth, Klinik für Neurologie, BG-Kliniken
Bergmannstrost, Halle
Hefter: Hinsichtlich des langfristigen
Therapieerfolges der BoNT-Therapie bei
Dystonien gibt es nur wenige gute Untersuchungen. Da die Initialisierung einer
derartigen Therapie Zeit erfordert und personelle Kapazität bindet, muss eine adäquate Vergütung erfolgen. Dies ist bisher nicht der Fall, so dass die Behandlung
in vielen Praxen nicht durchgeführt wird.
Eine angemessene Vergütung des Aufwandes würde die Versorgung der Dystonie-Patienten wohl schlagartig bessern.
Wissel: Der Facharzt bietet heute eigentlich eine gute Therapie, aber es besteht insbesondere im ambulanten Setting ein Problem des Zugangs der Pa-
Wissel: Schlaganfall-Patienten brechen meiner Erfahrung nach nicht so häufig ab. Hier ruht die Therapie manchmal, wenn durch
die ersten Behandlungen ein positives
Plateau erreicht wurde, sich die Situation
stabilisiert hat. Wenn kein weiteres konkretes Therapieziel mehr avisiert werden
kann, ist auch keine weitere Behandlung
indiziert. Erst bei einer Verschlechterung
wird häufig erneut eine Therapie angefragt. Und diese Patienten sehe ich eigentlich sehr regelmäßig.
Unter welchen Umständen sind die Patienten mit der BoNT-Therapie zufrieden? Könnte die Anwendung komplexproteinfreier Präparate dazu beitragen?
Hefter: Patienten sind zufrieden mit der
Therapie, wenn ihre Symptome deutlich
und langanhaltend reduziert werden.
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Dystonie und Spastik
Dies ist aber nicht bei allen
Behandelten der Fall. Mit
dem komplexproteinfreien
BoNT hat der Behandler
ein wirksames Toxin in der
Hand, das zusätzlich sehr
gering antigen ist. Ob dieses so speziell eingesetzt
werden kann, dass eine
größere Patientenzufriedenheit erzielt werden
kann als mit den übrigen
Präparaten, hängt nicht zuletzt von der Therapiestrategie des Behandlers ab.
Dosen außerhalb der zuge- müssen wir für eine adäquate Behandlassenen Dosierung not- lung sorgen. Generell ist weiterhin nicht
wendig sein. Hierzu haben empfohlen, die Dreimonatsintervalle zu
sich Experten*** geäußert: unterschreiten, wenngleich dies nur auf
Wenn man in einen Muskel retrospektiv gewonnenen Studiendaten
nicht mehr als 125 Units beruht. Es gibt keine prospektiven Daten,
AbobotulinumtoxinA3 bzw. die eine erhöhte nAK-Inzidenz bei kürze50 Units Incobotulinumto- ren Intervallen belegen, vor allem wenn
xinA oder Onabotulinumto- ein komplexproteinfreies Präparat verxinA an eine Stelle spritzt wendet wird. Ein medizinfremdes Arguund die Dosis adäquat auf ment gegen kürzere Intervalle sind natüralle Zielmuskeln verteilt, lich die höheren Kosten.
bestehen keine Bedenken,
Gesamtdosen bis zu 1500 Kommt es vor, dass Sie Ihre Patienten,
bzw. 600 Units einzusetzen. die bislang ein BoNT-Präparat erhalten,
Prof. Dr. Dr. Harald
Es existieren zudem Stu- auf ein anderes, z. B. komplexproteinHefter, Neurologische
Wissel: Die Therapiezudien, die zeigen, dass auch freies Präparat, umstellen?
Klinik, Heinrich-Heinefriedenheit hat immer auch
bei der Gabe von insgeUniversität Düsseldorf
samt 800 Units Incobotulimit der Zieldefinition zu
Hefter: Wir versuchen, die Botulinumtun. Wenn der Patient die
numtoxinA keine vermehr- toxin-Therapie möglichst standardisiert
vollständige Wiederherstellung einer ak- ten Nebenwirkungen zu befürchten sind. durchzuführen. Dazu zählt auch, dass wir
tiven Funktion – „ich kann wieder gehen
normalerweise das Präparat nicht wechwie früher, ich kann meinen Arm wieder Reinjizieren Sie in Ihrem Behandlungs- seln. Entwickelt ein Patient aber ein parproblemlos einsetzen“ – erwartet, ist die alltag auch vor Ablauf des empfohlenen tielles Therapieversagen, d. h. eine systeEnttäuschung geradezu vorprogram- Intervalls? Welche Patienmatische Verschlechterung
miert. Es kann auch dazu führen, dass die ten können davon profitieüber ein halbes Jahr trotz
Therapie abgebrochen wird. Wenn der ren?
Dosisanpassung, stellen
Patient aber realistische Erwartungen hat
wir um. In den letzten Jahund diese erreicht werden, kann sich Theren ist das aus den zuvor
Hefter: Generell empfehrapiezufriedenheit einstellen.
len wir, das Reinjektionsinerläuterten Gründen zutervall möglichst konstant
nehmend ein komplexprozu
halten,
doch
bei
mindes
teinfreies Präparat.
Setzen Sie auch höhere als die zugelassenen BoNT/A-Dosen ein? Falls ja, bei tens 20% der Patienten stellen wir damit eine unzureiWissel: Bei Patienten mit
welchen Patienten?
chende Wirkdauer fest.
Bedarf an höheren BoNTwürden
Dosierungen bietet ein PräHefter: Weil hohe Dosen und kürzere Wahrscheinlich
parat, das sich – bei EinhalIntervalle Risikofaktoren für die Entwick- diese Patienten von kürzetung aller Empfehlungen –
lung von AK sind, tendieren wir zuneh- ren Intervallen profitieren,
mend dazu, bei Patienten, die hohe allerdings liegt bisher keine
auch in höherer Dosis zuDosen benötigen und nur eine kurze systematische Studie zur
verlässig und sicher sowie
Wirkdauer berichten, Incobotulinum- Verkürzung der Reinjektimit kürzeren InjektionsinProf. Dr. Jörg Wissel,
tervallen applizieren lässt,
toxinA einzusetzen. Wissenschaftliche onsintervalle mit gleichzeiNeurologische RehabiBasis dafür ist eine Untersuchung zum tiger Kontrolle der Inzidenz
ohne das Risiko für Nebenlitation,Vivantes KliniVerlauf von nAK, die unter der Behand- von nAK vor.
wirkungen oder eine Antikum Spandau, Berlin
lung mit komplexproteinhaltigen Präpakörperbildung zu erhöhen,
natürlich Vorteile. Das sehe
raten entstanden waren. Deren Titer sanWissel: In Einzelfällen
ken unter kontinuierlicher Behandlung können kürzere Injektionsintervalle ge- ich sowohl bei Patienten mit Spastizität
mit – teils hohen Dosen – von Incobotuli- wählt werden. Die Kostenträger geben nach Schlaganfällen als auch bei PatiennumtoxinA über vier Jahre systematisch. immer kürzere stationäre Reha-Phasen ten mit Dystonien.
vor. So kann man sich vorstellen, dass es
Wissel: Höhere Dosen kommen ins Fälle gibt, bei denen eine zweite Behand- * Mitgliederversammlung des Arbeitskreises
Botulinum-Toxin (AkBoNT) e.V. am 27. SepSpiel, wenn sehr viele Muskeln einer Ex- lung bereits nach acht oder zehn Wochen tember 2012 im Rahmen des 86. Jahrtestreftremität mit ausgeprägter Spastik behan- erfolgt. Im Falle des Schlaganfalls pas- fens der Deutschen Gesellschaft für Neurolodelt werden müssen, also Schulter, Ober- siert es gelegentlich, dass die Patienten gie e.V. (DGN) in Hamburg
arm, Ellenbogen, Unterarm, Handgelenk früher ein Nachlassen der Wirkung be- ** z. B. nach Haussermann P et al., Longterm follow-up of cervical dystonia patients
und Faust. Da kann eine Dosis von z. B. klagen und nach einer erneuten Behand- treated with botulinum toxin A. Mov Disord
400 Units IncobotulinumtoxinA oder lung fragen. Im ambulanten Bereich gibt 2004; 19(3): 303-308
OnabotulinumtoxinA2 nicht ausreichend es solche Situationen auch, aber eher bei *** Wissel J et al., Botulinum-Neurotoxin in
sein. Auch wenn bei einer Hemispastik den Dystonien, beispielsweise wenn die der Behandlung der Spastizität im Erwachsenenalter. Ein interdisziplinärer deutscher 10die obere und untere Extremität in einer Patienten höhere Dosen z. B. wegen einer Punkte-Konsensus 2010. Der Nervenarzt
Sitzung behandelt werden sollen, können Kopfhalteschwäche nicht vertragen. Hier 2011; 82(4): 481-495
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