M. Hoanzl/W. Bleher
Wie wir lernen
Seminar: Lernen durch ErfahrungImpulse für die schulische Arbeit
mit schwierigen Kindern
Was verstehen
Sie unter
Lernen?
Lerntheorien
Lerntheorien sind unterschiedliche Versuche, Kenntnisse über Bedingungen
und Prozesse des Lernens zu gewinnen, zu beschreiben und zu erklären.
Welche
Lerntheorien
kennen Sie?
Lerntheorien:
Behavioristische
Lerntheorien:
Reiz-ReaktionsTheorien wie
• Klassisches
Konditionieren
(Pawlow)
• Operantes
Konditionieren
(Skinner)
• Trial and error
(Thorndike)
 Erste Hälfte des
20. Jahrhunderts
Kognitive
(strukturgenetische)
Lerntheorien:
Lernen als Aneignung,
Verarbeitung und
Anwendung von
Information (Kognition,
Emotion, Handlung)
• z.B. Theorie des
entdeckenden
Lernens (Bruner)
• Theorie der
kognitiven
Entwicklung (Piaget)
• Lernen als soziale
Interaktion (Bandura)
 ab Mitte der 60iger
Jahre
Lernen am Modell:
Wahrnehmungslernen,
Imitationslernen,
Beobachtungslernen
• Modellernen
(Gagnè, 1980)
• Nachahmungslernen (Tausch/
Tausch, 1979)
Ist auf die affektive
Persönlichkeitsstruktur gerichtet
und läuft in der
Regel unbewusst ab.
 seit Mitte der
70iger Jahre
Lernen aus tiefenpsychologischer
Perspektive:
Eigenes Erleben und
die Einstellungen
spielen eine zentrale
Rolle beim Lernen
(Greenspan, 2001)
• Lernen als
prozesshafte
Sinngebungsarbeit
(Duncker, Maurer,
Schäfer 1993)
Neurobiologische
Lerntheorie
(Spitzer 2006)
Reiz …
„Der Mensch ist keine Lernmaschine“
Tiefenpsychologie:
Verhalten ist Ausdruck einer inneren
Befindlichkeit. Die Emotionen strukturieren unser Denken – vgl. das UBW
… Reaktion
Pawlow (klassisches Konditionieren)
„Pawlow brachte seinen Hunden bei, den Speichel
nicht nur beim Anblick eines saftigen Stücks
Fleisch, sondern auch bei einem schnöden
Glockenton fließen zu lassen.“
Skinner (operantes Konditionieren) – „Dabei
erfolgt das Lernen durch Konsequenzen, die ein
gezeigtes Verhalten hat: Eine Ratte erhält in einer
Skinnerbox
z.B.
dann
automatisch
eine
belohnende Futterpille, wenn sie zwei Tasten in
der richtigen Reihenfolge drückt. Oder sie lernt in
einem anderen Experiment, einen Stromstoß zu
vermeiden, indem sie verschiedene Hebel drückt.
In beiden Fällen wird die Ratte den Hebel häufiger
drücken (einmal um Futter zu erhalten, das andere
Mal, um einen Stromstoß zu vermeiden). Diese
Verhaltensänderung
wird
als
Lernen
bezeichnet.
Von den strikten Behavioristen wurde es
vehement abgelehnt, irgendwelche Aussagen über
das innere Erleben des Lernenden zu machen,
egal ob es sich um ein Tier oder einen Menschen
handelt!“ (Bach, Dreifert 2001, S. 15)
„Einer anderen Gruppe von Psychologen (vgl.
Tiefenpsychologie:
Grundannahme
des
Unbewußten; Greenspan etc.) war aber klar, dass
eigenes Erleben und (nicht nur bewusste)
Einstellungen eine entscheidende Rolle bei allen
Lernvorgängen spielt bzw. spielen. – Das
Individuum steht im Vordergrund. Stark vereinfacht
kann man sich das so vorstellen: Jeder
vervollständigt beim Lernen seine persönliche
Sicht der Welt. Alles was wir erleben, versuchen
wir wie einen neuen Puzzlestein in unser eigenes
„Weltbild – Puzzle“ einzubauen. Jeder von uns
macht sich insgeheim ein anderes Bild der Welt
und fügt deshalb einen neuen Stein auch an
anderer Stelle ein. Daraus folgt ein Lernen, das
dem mechanischen behavioristischen Lernen
genau entgegengesetzt ist: Anstatt Schüler durch
‚Unterrichtsprogramme’ zu schicken, muss man
ihnen die Chance zu eigenen Erkundungen
geben.“ (Bach, Dreifert 2001, S. 15)
Denn Lernen wird in diesem Kontext als
„prozesshafte
Sinngebungsarbeit
des
Subjekts“ verstanden. (Duncker, Maurer Schäfer
1993, S. 6ff)
BACH Axel, DREIFERT Martin (2001): Kleine Geschichte des Lernens. S. 14-16 In: Bach Axel, Knopf Ingo (Hg./Redaktion)
(2001): Wie wir lernen. Quarks Script. Script zur WDR-Sendereihe „Quarks &CO”. www.quarks.de
DUNCKER Ludwig., MAURER Friedemann., SCHÄFER Gerd E. (Hg.): Kindliche Phantasie und ästhetische Erfahrung.
Vaas Verlag. Langenau-Ulm 1993
„Lernen durch Konditionieren“
Behaviorismus:
Verhalten ist erlernt und kann demnach
wieder
verlernt
bzw.
umgelernt
(„programmiert“) werden.
Lernen aus neurobiologischer
Perspektive
Neuronen repräsentieren kleine Teile der (hier)
Zeigefingeroberfläche.
Beispiel: Tastsinn
Berührung am
Zeigefinger
Reizleitung über
Nervenfasern ins
Gehirn
Die Verbindungen zu einzelnen Neuronen sind
unterschiedlich stark (dunkle und graue Punkte im
Kortex).
Verzweigung der
Nervenfasern an
Knotenpunkten
(Synapsen) zu
verschiedenen
Nervenzellen
(Neuronen) in
der Gehirnrinde
(Kortex)
Synapsen
Schematische Darstellung eines
Neurons
Synaptische Verbindungen sind nicht fest, sondern ändern sich nach
Gebrauch -> Neuroplastizität
Vgl. auch Edelman, Gerald M. (2000): Gehirn und Geist. Wie aus Materie Bewusstsein entsteht. München
Ende der Präsentation
Definition: Lernen 1
„…Lernen ist eine Veränderung im Erleben und Verhalten eines
Individuums, die durch wiederholte Erfahrungen in der Interaktion mit der
Umwelt zustand kommt.
Vorausgesetzt wird, dass diese Veränderung des Verhaltensrepertoires
nicht auf neurophysiologische Reifungsvorgänge oder vorübergehende
Zustände des Organismus (z.B. Ermüdung, Erkrankung) zurückgeführt
werden kann.
Lernvorgänge selbst sind nicht unmittelbar beobachtbar, sondern können
nur aus dem Vergleich der Reaktionen des Lernenden auf
Umweltsituationen geschlossen werden.
Veränderung ist der generelle Indikator für Lernen in allen Lerntheorien.
Dabei kann Veränderung Erlernen oder Verlernen bzw. Anpassung oder
Fehlanpassung bedeuten.
Erfahrungen, auf die sich das Lernen bezieht, sind an Wahrnehmungen und
Informationen aus der Umwelt und an deren Verarbeitung durch das
Individuum gebunden. Lernen als Prozess der Erfahrungsbildung in der
Auseinandersetzung mit der Umwelt bezieht sich auf Kognitionen,
Emotionen und Verhalten…“
Schaub, H.;Zenke, K.: Wörterbuch der Pädagogik. 2. Aufl. DTV München 1997, S. 228
Definition: Lernen 2
„Lernen ist prozesshafte
Sinngebungsarbeit des Subjekts,
die allein von dessen Biographie,
Erfahrung, Kultur her zu begreifen
ist.“
Duncker, M.; Maurer, F.; Schäfer, G.E. (Hg.): Kindliche Phantasie und ästhetische Erfahrung. Langenau-Ulm 1993, S. 11
Definition: Lernen 3
„Pädagogisch gesehen bedeutet Lernen die Verbesserung oder den
Neuerwerb von Verhaltens- und Leistungsformen und ihren Inhalten. Lernen
meint aber meist noch mehr, nämlich die Änderung bzw. Verbesserung der
diesen Verhaltens- und Leistungsformen vorausgehenden und sie
bestimmenden seelischen Funktionen des Wahrnehmens und Denkens, des
Fühlens und Wertens, des Strebens und Wollens, also eine Veränderung der
inneren Fähigkeiten und Kräfte, aber auch der durch diese Fähigkeiten und
Kräfte aufgebauten inneren Wissens-, Gesinnungs- und Interessensbestände des Menschen.
Die Verbesserung oder der Neuerwerb muss auf Grund von Erfahrung,
Probieren, Einsicht, Übung oder Lehre erfolgen und muss dem Lernenden
den künftigen Umgang mit sich oder der Welt erleichtern oder vertiefen…
Lernen umfasst auch den Abbau von Verhaltens- und Leistungsformen, die
dem Lernenden den Umgang mit sich oder der Welt erschweren, beengen
oder verflachen“.
Roth, Heinrich: Pädagogische Psychologie des Lehrens und Lernens. 6. Aufl. Berlin-Hannover-Darmstadt 1962, S. 205
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Wie wir lernen - Pädagogische Hochschule Ludwigsburg