Haus der Wannsee

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Haus der Wannsee-Konferenz
Raum 14 – Zwangsarbeit und Tod im Konzentrationslagera
Die Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern war auf das engste mit der systematischen Ermordung der
Juden verknüpft. Der Arbeitseinsatz jüdischer Häftlinge zielte auf deren Auslöschung.
Wegen des Arbeitskräftemangels wurden seit Frühjahr 1942 immer mehr KZ-Häftlinge zur Arbeit in der
Kriegswirtschaft gezwungen. Die unerträglichen Arbeitsbedingungen besonders beim Bau von Produktionsstätten hatten zur Folge, dass Häftlinge in großer Zahl starben. Vor allem im Konzentrationslager Auschwitz
wurden sie meist durch Jüdinnen und Juden ersetzt, die aus den von den Deutschen besetzten Ländern
Europas deportiert worden waren.
Die Konzentrationslager unterstanden dem zum 1. Februar 1942 gegründeten Wirtschaftsverwaltungshauptamt
(WVHA) der SS unter Oswald Pohl. Das Heinrich Himmler unterstellte WVHA war ein Machtzentrum der
deutschen Kriegswirtschaft. Es steuerte auch den Verleih der KZ-Häftlinge an private Unternehmen. Die SS
versuchte zunächst, ihre wirtschaftlichen Aktivitäten gestützt auf Häftlingsarbeit auszudehnen und Betriebe in
der Nähe der Konzentrationslager zu gründen. Dagegen setzte sich Rüstungsminister Albert Speer mit seinem
Konzept durch, die Häftlinge zu den Industriebetrieben zu bringen. Das führte zur Schaffung zahlreicher
Außenlager.
Die SS herrschte in den Konzentrationslagern mit äußerstem Terror. Dagegen versuchten Häftlinge in
vielfältiger Form Widerstand zu leisten. Sie setzten damit ihr Leben aufs Spiel.
Mit dem Vormarsch der Roten Armee begann im Sommer 1944 die Befreiung der Konzentrationslager. Ihr ging
die weitgehende Räumung der Lager voraus, die von Erschießungen, Transporten und Todesmärschen der
Häftlinge begleitet war. Erst die militärische Niederlage Deutschlands beendete den Massenmord.
14.1. Lagerhaft und Zwangsarbeit
Für den Arbeitseinsatz von KZ-Gefangenen war die Abteilung D des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes
(WVHA-D) verantwortlich. Auch Industriebetriebe, die Häftlingsarbeit ausbeuteten, hatten Einfluss auf die
Arbeits- und Lebensbedingungen der Gefangenen. Der Einsatz jüdischer KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit folgte
dem Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“. Das Leben der inhaftierten Menschen hing von ihrer Arbeitsfähigkeit ab.
Bei ungenügender Versorgung, körperlichen wie seelischen Torturen, bedroht durch andauernde Selektionen,
kämpften sie darum, den jeweils nächsten Tag zu überleben.
Der Bedarf an Arbeitskräften für die Rüstungsindustrie wurde mit dem Jahr 1942 immer größer. Dabei sah die
nationalsozialistische Führung in den Häftlingen ein großes Reservoir an Zwangsarbeitern.
Mit der Auflösung der Lager im Osten Europas wurden Zehntausende jüdischer Häftlinge in weiter westlich
liegende Konzentrations- und Außenlager verlegt.
Todesursachen sind u. a. „Freitod durch Starkstrom“ , „akute Herzschwäche“ oder
„Lungenentzündung“ zu lesen. Die häufigen Einträge „Todesursache: Freitod Sturz Steinbruch“ oder
geändert „Bemerkungen: Freitod Sturz Sprung Steinbruch“ deuten auf die schweren Arbeitsbedingungen
Als
der Gefangenen hin. Gerade jüdische Häftlinge waren in den Konzentrationslagern Arbeitskommandos
zugeteilt, die unter schwerstem körperlichem Einsatz, zumeist unter unerträglichen Bedingungen, Zwangsarbeit
leisten mussten.
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„Wir mussten zu einem Appell antreten, der eine der berüchtigten
Selektionen anzukündigen schien. Wieder einmal stand die bange Frage im
Raum, ob es nur die Ausgemergelten und Kraftlosen unter uns treffen würde
– jene, die wir im Lagerjargon die „Muselmänner“ nannten – oder ob wir
allesamt in die Gaskammern geschickt werden würden. Wir wurden
aufgefordert, uns nackt auszuziehen und draußen vor dem Block in
mehreren Reihen aufzubauen. (…) Später stellte sich heraus, dass wir an
diesem Tag nicht für eine Selektion vor den Block gescheucht worden waren,
sondern lediglich ein neuerlicher Arbeitseinsatz bevorstand.“
Jiri Kosta veröffentlichte seine Erinnerungen unter dem Titel „Nie aufgeben. Ein Leben
zwischen Bangen und Hoffen“
Jiri Kosta (geb. 1921) wuchs in einer böhmisch-jüdischen Familie in Prag auf. Im Alter von 20 Jahren wurde er
zusammen mit über dreihundert jungen Männern nach Theresienstadt deportiert. Dort arbeitete er im
Aufbaukommando und musste später Zwangsarbeit in den Kohlegruben von Kladno leisten, bevor er im
Oktober 1944 nach Auschwitz-Birkenau transportiert wurde. Seine Befreiung erlebte er im Außenlager
Blechhammer. Seit 1970 lebt Jiri Kosta in Deutschland.
KZ-Häftlinge bei Außenarbeiten für den Aufbau von
Anlagen des Krupp-Konzerns
in Auschwitz, 1942-1943
(USHMM Washington D. C.)
In dieser Fabrikhalle der
Siemens Schuckert Werke
arbeiteten zwangsweise 180
Häftlinge aus Frankreich,
Deutschland, Polen und der
Sowjetunion, unter ihnen auch
35 jüdische Frauen.
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Fernschreiben vom WVHA-D, Maurer, an den Kommandanten des KZ Auschwitz,
betr. Abgabe von Judenhäftlingen, 26. August 1943
(APM Oswiecim)
Trotz hunderter von Deportationstransporten, die zu dieser Zeit in Auschwitz-Birkenau aus ganz Europa
ankamen, lautete die Antwort aus Auschwitz auf diese Anfrage, dass 3.581 Juden in Auschwitz
arbeitsfähig seien.
Dr. Friedrich Mennecke wurde als ärztlicher Gutachter von der „Euthanasie“-Organisation T 4 beauftragt, KZHäftlinge zur Ermordung zu selektieren. Ab April 1941 wurde unter dem Namen „Aktion 14f13“ der Mord an
Kranken in den Konzentrationslagern fortgesetzt. Arbeitsunfähige und Kranke sollten vom Lagerarzt und den T
4-Ärzten herausgesucht werden. In der Mehrheit handelte es sich jedoch um jüdische Personen. Alle
selektierten KZ-Häftlinge wurden dann in einer der „Euthanasie“-Tötungsanstalten ermordet.
Aus Briefen Menneckes an seine Frau geht hervor, dass er jüdische Häftlinge lediglich nach Aktenlage
selektierte. Von einer ärztlichen Gutachtertätigkeit kann keine Rede sein. Menneckes Vermerke zeigen seine
antisemitische Einstellung.
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Keine drei Monate nach Ankunft der jüdischen Frauen im Außenlager des KZ Buchenwald wurden kranke und
arbeitsunfähige Häftlinge ausgesondert und zur Ermordung nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Sie hatten
zuvor in dem zur Dynamit Nobel AG gehörenden Sprengstoffwerk, das in Hessisch Lichtenau ansässig war,
Zwangsarbeit geleistet.
KZ-Außenlager in Berlin und Umgebung
Die Orte sind Außenlager des KZ Sachsenhausen.
Lager über 1.000 KZ-Häftlinge
1 Falkensee, zwischen Straße 347, Hamburger und Spandauer Straße; heute Geschichtspark
Falkensee
Deutsche Maschinenbau AG (DEMAG) Fahrzeugwerk GmbH, Falkensee;
Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Grunewald
2 Spandau, Gartenfelder Straße 62-72
Siemens & Schuckert Kabelwerk (SSW)
3 Lichterfelde, Wismarer Straße 26-36
Reichssicherheitshauptamt, SS-Wirtschafts- und Verwaltungsamt (WVHA), zahlreiche Kommandos
bei staatlichen und privaten Stellen in der Umgebung
4 Spandau, Pichelswerderstr. 9
Deutsche Industrie Werke AG
5 Köpenick, Wendenschloßstr. 302-322, an der Dahme
Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft, Kabelwerk Oberspree (AEG-KWO)
Lager über 500 KZ-Häftlinge
6 Henningsdorf, vermutlich auf dem Gelände eines Zwangsarbeiterlagers
Mitteldeutsche Stahl- und Walzwerke Friedrich Flick KG, AEG-Zweigwerk Hennigsdorf
7 Reinickendorf, Flottenstraße 59
Argus Motorenwerke GmbH, Flottenstraße 28-42
8 Kleinmachnow, Stahnsdorfer Damm, heute Mülldeponie; im Keller der Fabrikhalle
Dreilinden Maschinenbau GmbH ,Tochtergesellschaft des Bosch-Konzerns
9 Velten, vermutlich am Bahnhof Hohenschöpping,
Veltener Maschinenbau GmbH Ikaria-Werke (Velma)
10 Schönefeld, Flughafengelände, ehemals Halle 7
Henschel Flugzeug-Werke AG (HFW)
11 Königs Wusterhausen, Senziger Chaussee, heute Storkower Straße
Deutsches Wohnungshilfswerk (DWH), Fa. Kelterborn & Stenvers, Friedrich-Krupp GmbH und in
anderen Betrieben
12 Tegel, vermutlich hinter dem Bahnhof
Rheinmetall-Borsig AG
13 Schöneweide, Berliner Str. 101, heute Schnellerstr.; ab 26.02.1945 Britzer/Köllnische Str.
Batteriefabrik Pertrix GmbH, später VARTA
14 Neukölln, Braunauer Str. 181-189, heute Sonnenallee
National-Krupp-Registrierkassen GmbH NCR
15 Marienfelde, Str. 473, heute Nahmitzer Damm
Lager unter 500 KZ-Häftlinge
16 Lichtenrade, Bayrische Str. 3, heute Bornhagenweg
Luftschutz-, Bau- und Enttrümmerungskommandos
17 Müggelheim, Sobernheimer Str. 20-30
SS-Baubrigade II
18 Moabit, Westhafen Friedrich-Krause-Ufer 24-25
SS-Baubrigade II
19 Zehlendorf, Wupperstr. 10
Spinnstofffabrik Zehlendorf AG
20 Babelsberg, am Bahnhof Griebnitzsee, heute August-Bebel-Str. (Universität Potsdam)
Deutsches Rotes Kreuz, Fa. Polensky, UFA Filmgesellschaft
21 Staaken, Nennhauser Damm/Finkenkruger Weg
DEMAG Fahrzeugwerke GmbH Falkensee
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22 Bernau
Polizei-Dienststelle, SD-Führerschule
23 Döberitz
SS-Zeugamt, Depot der Luftwaffe und Wehrmachtlager Dallgow
24 Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 98-99, SS-Personalhauptamt
Mit der Verschleppung in Ghettos und Haftstätten des KZ-Systems begann für viele Juden eine mörderische
Odyssee. Sie wurden von Lager zu Lager getrieben. Viele von ihnen gelangten schließlich in krankem und
geschwächtem Zustand in Nebenlager, die für die Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie geschaffen worden
waren. Die Sterberate der Häftlinge dort war immens. Unterirdische Produktionsstätten wie Mittelbau-Dora
waren für viele jüdische KZ-Häftlinge im Winter 1944/45 der Endpunkt der Deportationen.
14.2. Tod, Überleben und Selbstbehauptung
Durch bildende Kunst bewahrten Häftlinge ihre persönliche Würde in einer namenlosen Häftlingsgesellschaft.
Sie wollten festhalten, was sie bei ihrem alltäglichen Bemühen, den Verhältnissen in den Konzentrationslagern
standzuhalten, erlebten. Das Zeichnen war auch eine Form des Widerstandes: Es sollte die Verbrechen
bezeugen. Nur an wenigen Orten im Lager hatten die Häftlinge die Möglichkeit, unbeobachtet von der SS Kunst
zu schaffen. Oftmals war es mühsam, das Material zu beschaffen. Wurden ihre Zeichnungen entdeckt, konnte
das den Tod zur Folge haben.
14.4. Widerstand in Todes- und Konzentrationslagern
In den Lagern waren die Häftlinge extremem Terror ausgeliefert. Ständig standen sie unter Aufsicht der SS,
grundlos konnten sie zu Opfern von Strafen, Folterungen oder Mord werden. In zahlreichen Akten der
Selbstbehauptung und des Widerstandes trotzten Häftlinge dem mörderischen System. Es war ihnen wichtig,
die Verbrechen zu dokumentieren, ob durch illegale Fotos, Kunst oder Gedichte. Nachrichten mit solchen
Beweisen nach draußen zu schaffen war lebensgefährlich. Immer wieder versuchten Gefangene, aus den stark
bewachten und umzäunten Lagern zu fliehen. Manchmal gingen der Flucht Häftlingsaufstände voraus. Selbst
wenn die Überwindung der Bewachungsanlage gelang, brauchten die Geflohenen die Unterstützung der
Bevölkerung außerhalb des Lagers, um untertauchen zu können. Viele Flüchtlinge wurden gefasst und grausam
ermordet.
Illegales Foto des Sonderkommandos Auschwitz-Birkenau (APM Oswiecim)
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14.5. Auflösung und Befreiung der Konzentrationslager
Mit der Auflösung der Konzentrationslager kurz vor Kriegsende trieb die SS Hunderttausende Häftlinge auf
Todesmärsche Richtung Westen. Schon seit der Befreiung Majdaneks im Sommer 1944 waren Tausende KZHäftlinge durch andere Konzentrationslager weiter nach Westen getrieben worden. Deutschland musste erst
militärisch besiegt werden, um den Völkermord an den Juden zu beenden. Die alliierten Streitkräfte
dokumentierten die Zustände in den befreiten Konzentrationslagern in zahlreichen Fotos und Filmen. Sie
fanden oftmals unzählige ermordete, verhungerte oder extrem geschwächte Häftlinge vor. Viele der
Überlebenden starben noch in den folgenden Tagen und Wochen. Die alliierten Truppen konfrontierten die
deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen.
Erschossene KZ-Häftlinge
werden bei der Befreiung des
Außenlagers Klooga im
September 1944 von
Angehörigen der Roten
Armee entdeckt
(YIVO New York)
Mit dem Vorrücken der Roten Armee verlegte die SS im Juli und August 1944 Tausende Gefangene aus
Klooga, einem Nebenlager des KZ Vaivara im nördlichen Estland, über die Ostsee in das KZ Stutthof. Am 19.
September 1944 erschossen deutsche und estnische SS-Männer die verbliebenen Gefangenen in Klooga. Etwa
2.400 Juden und 100 sowjetische Kriegsgefangene fielen diesem Massaker zum Opfer.
Beisetzung toter KZ-Häftlinge
des Außenlagers Wöbbelin mit
Militärgeistlichen und
Rabbinern unter Beteiligung der
deutschen Bevölkerung,
Schwerin 8. Mai 1945
(NARA Washington D. C.)
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