Heraklit – der Dunkle - Abenteuer Philosophie

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Interview mit UNZeitgenossen
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T E X T: B A R B A R A F R I P E RT I N G E R
Heraklit –
der Dunkle
D
er beginnende Frühling zog uns
auch dieses Jahr wieder hinaus,
hinaus in den Süden – in die
Türkei. Wir hatten schon lange dieses Gespräch geplant, aber immer wieder aufgeschoben – vielleicht weil wir vor unserem
Gesprächspartner ein wenig Angst hatten,
vielleicht weil wir ihn uns etwas unheimlich vorstellten – aufgrund seines Rufes,
der ihm vorauseilt.
Doch wer ein echter Philosoph ist, der
lässt sich dadurch nicht wirklich abschrecken, sondern er verwandelt die Situation
in eine innere Herausforderung ... und
schließlich saßen wir gemütlich an der ionischen Küste, nur wenige Meter neben
dem ausgelassenen Clubleben eines Feriendorfes, und führten – fast wider aller
Befürchtungen – ein spannendes und tiefes philosophisches Gespräch mit Heraklit
– dem Dunklen.
A b e n t e u e r
P h i l o s o p h i e
Wie dürfen wir Sie ansprechen,
Herr Herakleite?
Heraklit: Ich brauche keine Titel, vielmehr habe ich alle meine oberflächlichen
Ämter und Würden, die nur aus meiner
adeligen Herkunft resultieren, zurückgelegt. Das Einzige, was einen Menschen
adelt und aus der Masse hervorhebt, sind
seine gelebten Tugenden, und da es dafür
(leider) keinen speziellen Begriff gibt,
nennen Sie mich einfach Heraklit.
Sie gelten als Menschenverächter.
Stimmt das?
Heraklit:: Nein, überhaupt nicht. Ich
schätze den Einzelnen, insbesondere die
Seele jedes Einzelnen, aber ich verachte –
vielleicht ist der Begriff zu stark – die
Masse. Ich meine hier nicht das Volk als
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Ansammlung menschlicher Wesen, sondern das Phänomen „Masse“. Ich hoffe,
man kann den Unterschied verstehen.
Das Gefühl der Gruppe bringt die Menschen nämlich oft dazu, auf eine Art und
Weise zu handeln, wie sie es als Einzelne
nie tun würden. Leider führt dieses „Gruppengefühl“ die Menschen meist nicht zum
Besseren – sondern eher zu seinem
Gegenteil: zur Vermassung, Verdummung
und zum Vergessen von Ethik und Moral.
... in der Masse geht das Denken verloren.
... Ich selber habe mich in meinem Leben
vollkommen von den Erwartungen und
Scheingesetzen der Masse befreit. Daher
nennen sie mich den Menschenverächter
... und deshalb können sie mich auch nur
so schwer verstehen.
Apropos schwer verstehen. In Ihrer
Schrift „Über die Natur“ schreiben Sie
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Interview mit UNZeitgenossen
in einer sehr eigenwilligen Art, voller
Bilder und Vergleiche, aphoristisch kurz
und mehr oder weniger unverständlich.
Warum?
Heraklit: Auch die Natur liebt es, sich zu
verbergen. Daher schreibe auch ich verborgen, damit Sophon (das Weise – Anm.
der Redaktion) nicht verzerrt und entwürdigt wird. Die meisten Menschen denken
sowieso nicht nach über die Dinge, auf die
sie täglich stoßen, noch verstehen sie, was
sie erfahren haben. Es sind die Schleier
der Illusion und der Unwissenheit, die die
Wahrheit verbergen.
Also doch ein wenig Menschenverachtung.
Heraklit: Und nochmals ein Nein zur
Antwort. Ich verachte den Menschen
nicht. Aber trotzdem stimmt es, dass die
Menschen zu wenig wirklich über das Leben nachdenken. Auch sollten wir wohl
generell weniger bewerten. Für den Gott
sind alle Dinge schön und gut und gerecht;
nur die Menschen halten das eine für gerecht, das andere für schlecht.
Aber gehen wir zurück zum Dunklen: Ich
schätze viel Gerede und Vielwisserei
nicht, denn sie formen nicht den Geist. Es
kommt darauf an, den einen Gedanken zu
finden, der das Geheimnis der Welt aufschließt.
Panta rhei – alles fließt – wie Ihr wohl
berühmtestes Zitat lautet – ist das so ein
Gedanke, der das Geheimnis der Welt
aufschließt?
Heraklit: Es ist ein sehr wichtiges Gesetz:
Die Wirklichkeit ist ein ständiges Fließen
und Sich-Verändern. Alles, was in dieser
Welt manifestiert ist, hat weder Anfang
noch Ende. Es kennt nur ein immerwährendes Fließen – vom Ursprung zum Endpunkt und wieder zum ersten Ursprung
zurück.
Meinen Sie hier Ihre berühmten Gegensatzpaare?
Heraklit: Ja. Das Fließen, die Bewegung
findet immer zwischen Gegensatzpaaren
statt – auf der Suche nach dem Gleichgewicht. Daher habe ich auch gesagt: Der
Krieg (im Sinne dieser Gegensätzlichkeit)
ist der Vater aller Dinge.
Wenn heute die Menschen mit irrationaler
Unerbittlichkeit ihre Feinde, ihre politischen Gegner oder wirtschaftlichen Konkurrenten bekämpfen, so übersehen sie
dabei, dass sie mit der Vernichtung des
Gegners auch sich selbst mitvernichten –
weil damit auch das Kraftfeld verloren
geht.
Die Welt aber braucht ein gewaltiges
Kraftfeld, um sich bewegen und entwickeln zu können – zum Schlechten gleich
wie zum Guten.
In all dieser unendlichen Bewegung –
gibt es auch etwas Bleibendes?
Heraklit: Ich habe gesagt: Man kann
nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen und damit ist eigentlich schon gesagt,
dass es etwas Wesentliches, Essentielles –
Nous – gibt, eben das Ich des Menschen,
das das Fließen des Flusses zu seinen
Füßen wahrnehmen kann.
Wir alle haben im Inneren Anteil an Nous
(Geist – Anm. der Redaktion). Das ist das
Gemeinsame. Allerdings müssen die
Menschen in diesem Gemeinsamen wach
sein, damit sie eine gemeinsame Welt
haben – und nicht in Trennung und Vereinsamung leben.
Und dieser wache Geist führt die Menschen schließlich auch zu Sophon, zur
Einheit der Wahrheit. Aus allem wird eins
und aus einem alles.
Daher: genug der vielen Worte.
Herzlichen Dank für
dieses Gespräch.
Literatur:
Dtv-Atlas Philosophie, München 1991
Luciono De Crescenzo: Geschichte der
griechischen Philosophie, Die Vorsokratiker,
Diogenes, Zürich, 1990
Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte
der Philosophie, Fischer, Frankfurt 1997
Diogenes Laertius: Leben und Meinungen
berühmter Philosophen, Meiner,
Hamburg 1990
Christoph Helferich: Geschichte der
Philosophie, Metzler, Stuttgart 1992
Heraklit von Ephesos
(gr. Herakleitos,
ho skoteinos – der Dunkle)
Er lebte etwa 540 – 475 v. Chr.,
geboren in Ephesos als Kind
einer adeligen, wenn nicht
sogar königlichen Familie.
Aufgrund seines Rates zu Sparmaßnahmen ließen die Epheser
die persischen Belagerer wieder
unverrichteter Dinge abziehen.
Er soll auch die Einladung auf
den persischen Hof durch König
Dareius selbst ausgeschlagen
haben mit der Begründung,
dass er mit dem zufrieden sei,
was er bereits besitze.
Über seine Schriften wie auch
über ihn selbst wissen wir nicht
sehr viel und das, was wir
wissen, ist bruchstückhaft und
wirklich zum Teil schwer verständlich. Sogar Sokrates sagte
über die Schriften Heraklits: „Was
ich verstanden habe, ist edel gedacht, und ich glaube, auch das,
was ich nicht verstand.“
Für ihn ist der Urstoff das Feuer.
Heraklit lebte eher in Zurückgezogenheit und wollte mit Politik
und dem Treiben der Masse
nichts zu tun haben: „Ist es nicht
besser mit Kindern zu spielen,
als am Ruder des Staates zu
drehen?“
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