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Von der Gruppe zum Individuum
Probleme und Perspektiven einer ‚evolutionären
Geschichtswissenschaft‘
von Jörg Wettlaufer (Kiel)
[preprint version: 13.03.02]
Die Diskussion über den Nutzen evolutionsbiologisch motivierter Erklärung menschlichen Verhaltens für die Geschichtswissenschaften ist bislang eine Randerscheinung der
Debatte über die biologischen Grundlagen von Kultur. Diese Debatte wird intensiv seit
dem Entstehen der als Soziobiologie bekannten Forschungsrichtung in den siebziger Jahren geführt, ohne daß bislang ein interdisziplinärer Konsens gefunden worden wäre.1
Immer wieder war in dieser Debatte auch von der Möglichkeit die Rede, Ergebnisse der
Evolutionsbiologie und der Soziobiologie für die Geschichtswissenschaften nutzbar zu
machen bzw. historische Daten über menschliches Verhalten zur Überprüfung von biologischen Hypothesen zu verwenden.2 Doch bei genauerer Betrachtung fällt eine, wie ich
meine, fatale Schieflage auf, die aus der Herkunft und der Motivation der Diskussionsteilnehmer resultiert. Es gibt nämlich (fast) keine Historiker, die sich dafür interessieren.3
1
2
3
Vgl. für die Debatte im deutschen Sprachraum die Zeitschrift Ethik und Sozialwissenschaften.
Streitforum für Erwägungskultur (EuS), Bd. 7 (1996), 93-180 sowie Bd. 9 (1998), 269-360. Für
einen Überblick zur internationalen Debatte siehe den Sammelband „Human by Nature. Between
Biology and the Social Sciences“, hg. von Peter WEINGART et al. 1997 sowie in Zukunft Vincent
S. E. FALGER & Ullica SEGERSTRÅLE (Hgg.), Sociobiology at the Millennium: Comparative Reception, 1975-2000 (soll 2002 erscheinen). Ich möchte E. Voland (Giessen) und T. Walter (Konstanz) für hilfreiche Kommentare und Hinweise zu einer früheren Fassung dieses Artikels danken.
Vgl. NITECKI et al. 1992.
Die wenigen Kontaktpunkte sind schnell aufgezählt. Bei den Mediävisten haben sich meines
Wissens nur Bernard S. Bacharach und David Herlihy für das Erklärungspotential der Evolutionsbiologie interessiert. Vgl. unten S. 11 u. S. 20. Für die Althistoriker ist besonders Walter
BURKERT (1996, 1998) zu erwähnen. In den gängigen Publikationsorganen der Historiker hat diese Forschungsrichtung bislang kaum Würdigung gefunden. Eine ähnlich gelagerte Situation konstatiert auch Pierre L. VAN DEN BERGHE in seinem kurzem Essay: „Why most Sociologists don’t
(and won’t) think evolutionary“ aus dem Jahre 1990 für die Soziologie. Allerdings hat ein kanadischer Soziologe die Soziobiologie schon 1981 in den Annales E.S.C. vorgestellt, nicht ohne ihren
Hochmut eines omnipotenten Erklärungsanspruchs zu tadeln (vgl. DAVIS 1981). Anders sieht es
bei angrenzenden Fächern aus, die sich teilweise stärker dem evolutionären Paradigma zu öffnen
beginnen. Vgl. für die Ur- und Frühgeschichte/Archäologie: TELTSER 1995, MASCHNER 1996,
STEELE & SHENNAN 1996.
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Jörg Wettlaufer
Worin liegt dieses Desinteresse begründet? Ist es etwa eine Reaktion auf die von einigen Exponenten der Soziobiologie behauptete Omnipotenz dieses Erklärungsansatzes, die
Vereinnahmung der Sozialwissenschaften in eine „Einheit des Wissens“ 4, dessen Gerüst
die Darwinsche Evolutionstheorie bereitstellt? Oder handelt es sich um Vorbehalte gegen
eine Theorie, die in ihrer Popularisierung gerne zur Rechtfertigung konservativer bis
rechtsradikaler Positionen mißbraucht wird? Liegt es vielleicht an dem speziellen Charakter dieser Forschungsrichtung als eine Mischung aus Ökonomie, Spieltheorie und Biologie, die eine ernsthafte Beschäftigung mit den Paradigmen dieses Ansatzes gerade für
‚Geisteswissenschaftler‘ unattraktiv macht? Oder ist es gar das Menschenbild, die „nat uralistische Perspektive der conditio humana“ (Voland) der Evolut ionsbiologie, das auf
Ablehnung stößt, weil es wertfrei und ohne jede Moral zu sein behauptet (was seine Kritiker wiederum nicht glauben wollen)? Sind es also historische und/oder psychologische
Gründe, die zur Vorsicht, ja Ablehnung führen?
Alle diese Fragen sind zugleich ernstzunehmende Erklärungsansätze für eine Zurückhaltung, die in Hinblick auf andere Theorieangebote aus Soziologie und Philosophie nicht
zu beobachten ist. Als Beispiel seien hier diverse Spielarten des Konstruktivismus erwähnt, der viele jüngere Historiker anzuregen vermag und eine Reihe von Studien in den
letzten Jahren inspiriert hat. Ebenso wäre die aus der Soziologie stammende Systemtheorie Niklas Luhmanns zu nennen, der trotz der komplexen, proprietären Terminologie eine
nicht geringe Zahl von Historikern zuneigen. Beide Theorien greifen an der Basis an, bieten ein Erklärungsangebot, daß sich auf eine Vielzahl von für Historiker relevante Bereiche erstreckt und sind somit durchaus mit dem umfassenden Erklärungsangebot der Evolutionsbiologie vergleichbar. Was also hindert die Historiker bislang daran, das Angebot
einer umfassenden, biologisch fundierten Theorie aufzugreifen, die in anderen Bereichen,
z.B. der Verhaltensforschung der Tiere, schon seit geraumer Zeit große Erfolge zu erzielen vermag, und sich zu eigen zu machen?
Eine Antwort auf diese komplexe Frage nach dem bisherigen, zumindest teilweise zu
konstatierenden ‚Mißerfolg‘ der Evolutionsbiologie im ‚Marketingbereich‘ Sozialwissenschaften birgt möglicherweise auch eine Perspektive für eine zukünftige Verbesserung
ihrer ‚Marktposition‘, um nur einen der mutmaßlichen terminologischen Gründe für die
bisherige Erfolglosigkeit spielerisch vorzuführen. Ich möchte versuchen, im folgenden
auf einige der Vorbehalte und Bedenken, auf die ich bei meiner Zusammenstellung von
Literatur zum Thema gestoßen bin, einzugehen und dabei zugleich Perspektiven und Probleme einer evolutionären Geschichtswissenschaft diskutieren. Es wird darum gehen, erste konkrete Forschungsergebnisse vorzustellen und den ‚Mehrwert‘ eines evolutionsbiologischen Hintergrundes bei der Erklärung einiger, eng umrissener historischer Phänomene, genauer zu bestimmen. Hierbei werden auch wissenschaftshistorische Aspekte zu
berücksichtigen sein, im Mittelpunkt soll aber eine, nach methodischen Gesichtspunkten
geordnete, Übersicht zu den bisherigen ersten Ergebnissen dieser Forschungsrichtung
4
So der gleichnamige Titel eines Buches des ,Begründers‘ dieser Forschungsrichtung Edward O.
Wilson.
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Von der Gruppe zum Individuum
stehen. Diese Darstellung führt über zum zweiten Komplex: der Suche nach Gründen für
die bisherige Skepsis der Geschichtswissenschaft, ein naturwissenschaftliches Paradigma
in ihre Theoriensammlung aufzunehmen und anhand von beispielhafter Anwendung zu
evaluieren. Auf dieser Grundlage werden schließlich die Perspektiven für eine ‚evolutionären Geschichtswissenschaft‘, innerhalb und außerhalb der ‚Zunft‘, zu erkunden sein.
I.
Beginnen wir mit einer kurzen Skizze des evolutionären Paradigmas in den Sozialwissenschaften vor dem Hintergrund der Forschungsgeschichte. Am Anfang der evolutionären Erforschung menschlichen Verhaltens steht sicherlich ein einfacher Analogieschluß.
Wenn es uns die darwinsche Evolutionstheorie ermöglicht, Aussagen über das artspezifische Verhalten und die Anpassung von Tieren an ihre Umwelt zu machen, dann müßten
diese Aussagen auch über den Menschen möglich sein, der sich bekanntermaßen nahtlos
(und hier werden schon die ersten Proteste aufkeimen) in die Systematik der Primaten
einordnen läßt. Schon Charles Darwin kam dieser Gedanke am Ende seiner Arbeit ‚Über
die Entstehung der Arten durch die natürliche Zuchtwahl...‘ als er schrieb: „In einer fe rnen Zukunft sehe ich die Felder für noch weit wichtigere Untersuchungen sich öffnen.
[...] Licht wird auf den Ursprung der Menschheit und ihre Geschichte fallen.“ 5 Dieser
vielzitierte Satz Darwins war sicherlich nicht auf den Abschnitt menschlicher Geschichte
bezogen, den Historiker im allgemeinen zu ihrem Arbeitsbereich zählen, aber er spart
ihn, wie Darwins spätere Veröffentlichungen zeigen, auch nicht aus. Die Darwinsche
Evolutionstheorie gibt eben nicht nur Auskunft über den Ursprung und die Stammesgeschichte des Menschen, sondern ermöglicht darüber hinaus auch einen Blick auf den
Menschen selbst und seine Geschichte, insofern als der Mensch wie alle anderen Lebewesen dem Evolutionsprozeß ausgesetzt und durch die Interaktion mit seiner Umwelt geprägt (adaptiert) worden ist.
Es ist eine einfache Theorie, die einen grundlegenden Sachverhalt beschreibt. Sie geht
davon aus, daß alle Lebewesen auf der Erde miteinander verwandt sind in dem Sinne,
daß sie durch Fortpflanzung ihren Bauplan an eine nächste Generation weitergegeben
haben.6 Diese Lebewesen stehen nun in Interaktion mit der Umwelt und sind ‚gezwungen‘, sich dieser anzupassen. Dies führt zu einer Selektion von passenden Merkmalen der
Lebewesen und zu einem Verschwinden von nicht passenden Merkmalen, da nur solche
Informationen, die an die nächste Generation weitergeben wurden, fortbestehen können.
5
6
DARWIN 2000, 564. Vgl. VOLAND 1996, 105.
Ein schönes Beispiel für diese Verwandtschaft alles Lebendigen lieferten vor kurzem H. OMRAN
et al. 2002 mit einer Untersuchung über den Ursprung des Kartagener-Syndroms. Die defekten
Zilien, die das Syndrom verursachen, funktionieren bei Menschen, Algen und allen anderen Lebewesen nach dem gleichen Bauplan und werden von dem selben Gen kodiert.
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Variation in diesen Informationspool bringt die Mutation, die nach rein zufälligem Prinzip zur Änderung der Informationen führt und sogleich der eben beschriebenen Selektion
ausgesetzt ist. Es ist dies das Prinzip der natürlichen Selektion, das Darwin in seinem
Buch über die Entstehung der Arten erstmals 1859 beschrieb. Darwins Theorie von Mutation und Selektion, die schließlich zu Adaptation an die Umwelt führen, ist bis heute
Grundlage der Erforschung der Phylogenese des Lebens auf der Erde.
Um diesen Kern haben sich seit der ersten Veröffentlichung der Theorie eine Reihe
von Erweiterungen gruppiert, die das Paradigma der Evolution weiter ausarbeiten, konkretisieren und an die aktuellen Forschungsergebnisse der Molekulargenetik anpassen. Es
ist hier nicht der Ort, diese wissenschaftshistorischen Entwicklungen detailliert nachzuzeichnen7, aber zumindest einen Entwicklungsstrang der Evolutionstheorie möchte ich
etwas genauer erläutern, ohne den die Erforschung menschlichen Sozialverhaltens in Gegenwart und Vergangenheit sicher anders verlaufen wäre: den Paradigmenwechsel von
der ‚Gruppenselektion‘ zum ‚egoistischen Gen‘8.
Es geht dabei um die Frage, an welcher Einheit der Mechanismus der Selektion ansetzt. Was sind die eigentlichen Träger der oben neutral beschriebenen „Infor mationen“,
die von Lebewesen zu Lebewesen weitergegeben werden? Handelt es sich um eine Gruppe von Lebewesen oder ein Individuum bzw. genauer ein Gen?9
Bis in die sechziger Jahre hinein dominierte eine Sichtweise, die man als eine Art
‚primitive Gruppenselektionstheorie‘ bezeichnen könnte. Man ging damals davon aus,
daß Selektionsvorgänge auch Anpassungen auf höheren Organisationsebenen des Lebendigen, d.h. eben auch auf der Ebene von Gruppen, hervorrufen können. Erklärungen von
Anpassungen auf dieser Ebene wurde sogar bevorzugt gegenüber solchen, die von niedereren hierarchischen Ebenen, also den Individuen, ausgingen.10 Ein Meilenstein in diesem
Wechsel des Paradigmas der Selektionseinheit von der Gruppe zum Individuum war
George Williams Buch über „Adaptation and Natural Selection“.11 Sein Hauptargument,
Anpassungen auf Gruppenebene bedürften auch Selektionsmechanismen, die auf der
Ebene von Gruppen wirksam sind12, fand bald eine große Anhängerschaft und bewirkte
den schon beschriebenen Paradigmenwechsel in den Verhaltenswissenschaften. Das In7
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9
10
11
12
Vgl. BOWLER 1984 u. ENGELS 1998, 293 ((1)) mit einer guten Übersicht zu den verschiedenen
aktuellen Theorieansätzen und ihren Vertretern.
Zu diesem Begriff vgl. DAWKINS 1978.
Definition eines ,Gens‘: Abschnitt der DNA-Doppelhelix, der ein spezifisches Polypeptid oder
eine spezifische tRNA oder rRNA codiert. Siehe KNUSSMANN 1996, 44.
Vgl. WILSON & SOBER 1994, 587.
WILLIAMS 1966.
Anpassungen auf gleich welcher Ebene der biologischen Hierarchie des Lebendigen bedürfen
nach Williams auch Selektionsmechanismen, die auf der entsprechenden Ebene ansetzen. Nun ist
dies für Individuen und Gene ein wesentlich besser zu beschreibender Mechanismus als etwa auf
der Ebene größerer Gruppen von Individuen, da hier die Frage ist, an welcher Stelle Selektion ansetzen sollte.
Von der Gruppe zum Individuum
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teresse begann sich auf das Verhalten von Individuen zu konzentrieren, und mit Hilfe der
Spieltheorie wurden Möglichkeiten erkundet, wie Verhalten auf Gruppenebene aus den
Interessen einzelner abzuleiten sei.
Seit geraumer Zeit erheben allerdings einige Forscher Protest gegen die Verbannung
der Gruppenselektion aus den Verhaltenswissenschaften. Über die Verwandtenselektion13
nämlich kommt ein Moment von ‚Gruppe‘ nahezu automatisch wieder in die Betrachtungsperspektive. Aber dem modernen gruppenselektionistischen Ansatz geht es um etwas anderes, nämlich die Möglichkeit, daß Altruismus, also die Bereitschaft Opfer z.B.
für die eigene Gruppe zu erbringen, als Verhaltensmerkmal auch genetisch bedingt sein
und sich eine solche Veranlagung im Laufe der Evolution durch Selektion herausgebildet
haben könnte. Die Gruppenselektionstheorie baut somit auf der Annahme auf, daß in
strukturierten Populationen Selektion zu einer Stabilisation von Adaptionen auf der
Gruppenebene führen kann, und zwar von Anpassungen, die für die Gruppe einen Vorteil
ergeben obwohl sie möglicherweise Nachteile für einzelne Mitglieder der Gruppe im
Wettbewerb mit anderen Gruppenmitgliedern nach sich ziehen können.
So zieht die Gruppenselektion neuerer Definition in den letzten Jahren vereinzelt wieder in das Repertoire der biologischen Verhaltensforschung ein, ohne daß jedoch heute
schon auszumachen wäre, wie eine solche genetische Disposition für Altruismus in der
Gruppe (welcher Größe?) nachgewiesen werden könnte. Bis auf weiteres bleiben die Ergebnisse der Forschungen, die sich auf Williams, Hamilton und Trivers14 gründen und die
Verhalten vor allem aus der Individualselektion heraus erklären, aktuell. Zudem sind
‚Gruppenselektion‘ und ‚Individualselektion‘ einander nicht ausschließende, sondern ergänzende Forschungsansätze.15
Eine weitere Entwicklung, die seit ca. zehn Jahren die evolutionäre Forschung in zwei
methodische Lager spaltet, muß in diesem Zusammenhang kurz erwähnt werden. Es handelt sich dabei um die Frage, ob unterschiedliche, ‚historische‘ Umweltbedingungen bei
der aktuellen Bestimmung von Verhaltensanpassungen relevant sind. Die Messung von
‚Angepaßtheit‘ von Verhalten wird üblicherweise über die Fitneßkonsequenzen vorgenommen, die dieses Verhalten nach sich zieht.16 Es fragt sich nun aber, an welcher Umwelt der Grad der Verhaltensadaptationen gemessen werden soll: an der rezenten Umwelt
(die in evolutionärem Maßstab auch die gesamte historische Zeit mit einschließt), in der
13
14
15
16
Vgl. HAMILTON 1964.
Vgl. TRIVERS 1971 berühmten Artikel über reziproken Altruismus.
In diesem Kontext ist geradezu verführerisch, den Titel dieses Sammelbandes für das im Untertitel dieses Beitrags umrissene Thema zu verwenden und einfach zu invertieren bzw. zu
,evolutionieren‘. Aus „Individuum und Gruppe“ wird so „Von der Gruppe zum Individuum“ und
möglicherweise in der Zukunft: „Von der Gruppe zum Individuum und zurück ...“. Vgl. auch EuS,
289 ((3)) u. REYER 1999.
Fitneß wird in der evolutionären Verhaltensforschung das Maß für die unterschiedliche Fähigkeit
von Individuen definiert, durch Fortpflanzung ihre persönlichen genetischen Informationen an die
nächste Generation weiterzugeben. Siehe auch VOLAND 2000a, 8-9.
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auch direkt Messungen von unterschiedlichen Reproduktionsraten möglich sind oder nur
an der Umwelt, in der die Verhaltensanpassung im evolutionären Zeitraum entstanden ist
(üblicherweise wird hier das Pleistozän betrachtet)? Je nach Antwort auf diese Frage
spricht man von evolutionären Anthropologen bzw. Psychologen.17
Es kann in diesem Rahmen nicht eine umfassende Einführung in Methode und Forschungsprogramm der evolutionären Anthropologie, die von der zuerst genannten Annahme ausgeht, oder der evolutionären Psychologie, die Anpassungen im Hinblick auf
das enviroment of evolutionary adaptedness (EEA) untersucht, unternommen werden.18
Der Leser sei hier auf die einschlägigen, vielfach inzwischen auch deutschsprachig vorliegenden Handbücher und Darstellungen verwiesen.19 Vielmehr sollen erste Ergebnisse
von verschiedenen Forschungsrichtungen vorgestellt werden, die sich um eine Interpretation historischen Verhaltens in einer, wie auch immer genauer bestimmten, evolutionären
Perspektive bemühen. Diese Ansätze werden auf ihre Tragfähigkeit in Hinblick auf eine
evolutionäre Geschichtswissenschaft zu prüfen sein.
Themen der ‚evolutionären Geschichtswissenschaften‘ im engeren Sinne sind bislang
die Verwandtenselektion (Nepotismus etc.), vergleichende Untersuchungen zur Geschichte der Sexualität und Fortpflanzung in Hinblick auf den Zusammenhang zwischen
unterschiedlichen politischen Gesellschaftsformen und individuellen Fortpflanzungschancen, der Einfluß ökologischer Faktoren auf die Fortpflanzung historischer Populationen,
elterliches Investment in Kinder in historischen Zeiträumen, die biologischen Grundlagen
von Kult und Religion sowie literarischer Topoi und der Einfluß psychologischer ‚Persönlichkeitsprägungen‘ von entscheidungstragenden Individuen auf historische Ereignisse
und Prozesse und deren Erforschung als geschichtsmächtige Faktoren gewesen. Ich beginne die Forschungsübersicht in chronologischer Reihenfolge mit der sog. ‚Darwinian
history‘, die sich Ende der siebziger Jahre in den USA als eigene Forschungsrichtung innerhalb der evolutionären, ökologischen Anthropologie darwinscher Prägung zu etablieren begann und die sich thematisch vor allem mit Fragen des Zusammenhangs zwischen
17
18
19
Vgl. zur aktuellen Diskussion SMITH et al. 2000 u. DALY & WILSON 2000 sowie SCHRÖDER 2000.
Siehe VOLAND 2000a, 17-21. Beide Ansätze sind richtig – man sollte sie also nicht antagonistisch
betrachten, sondern vielmehr komplementär. Dies enthebt uns aber nicht der Frage, welche Anpassung sich wie und wann ausgebildet hat. Man wird immer mehr damit rechnen müssen, daß
Anpassungsleistungen ihre Herkunft nicht einfach preisgeben werden und vieles, was den Evolutionspsychologen als EEA-Adaption erscheint, in Wirklichkeit einem kulturell herausgebildeten
und tradierten Anpassungsmechanismus unterliegt, der sich seinerseits über eine lange Zeitspanne, deren Dauer wir heute noch nicht genau bestimmen können, als adaptiv erwiesen hat, zugleich
aber auch variabler ist als ein Reflex oder ein psychologischer Mechanismus. Verläßliche Kriterien zur Distinktion beider Fälle gibt es bislang nicht und es wird daher bis auf weiteres eine Frage
der Plausibilität bleiben, welche Adaption welcher Anpassungsleistung ihr Bestehen verdankt.
Besonders empfehlen möchte ich Eckart Volands Grundriß der Soziobiologie, der inzwischen in
einer zweiten, aktualisierten Auflage vorliegt, und zwar insbesondere das erste Kapitel (VOLAND
2000a). Eine gute Einführung mit Fokus auf die menschliche Stammesgeschichte bietet FOLEY
2000. Für die evolutionäre Psychologie siehe BARKOW/COSMIDES/TOOBY 1992.
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Fortpflanzungssystem und politischem System sowie der Untersuchung des Anpassungswertes von Macht, Despotismus und der Regulierung von Reproduktion beschäftigt hat.20
Mildred Dickemanns Arbeiten aus den späten siebziger Jahren über geschlechtsspezifische Infantizid und Heiratssysteme werden als Geburtsstunde der „Darwinian hist ory“
betrachtet.21 Den theoretischen Unterbau für diese Studien lieferte jedoch 1979 Richard
D. Alexander in seinem Buch über „Darwinism and human affairs“ , und zwar insbesondere im zweiten Kapitel über natürliche Selektion und Kultur.22 Die leitende Frage, die
sich aus der damals noch jungen Evolutionsbiologie ergab, lautete: bis zu welchem Grad
kann Kultur verstanden und erklärt werden aus dem ,Bestreben‘ von Individuen, ihre genetische Reproduktion zu maximieren und so ihre genetische Information an die kommende Generation weiterzugeben? Angeregt durch diese Fragestellungen und die Antworten, die eine evolutionsbiologisch orientierte Kulturwissenschaft darauf zu geben
vermag, wurde seit Anfang der achtziger Jahre an empirischen Studien zur Überprüfung
der aufgestellten Hypothesen mit historischem und ethnologischem Datenmaterial gearbeitet.
Besonders einflußreich sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Laura Betzig
über Despotismus and differentielle Reproduktion. Ihre vielbeachtete, wenngleich auch
nicht von Historikern rezipierte gleichnamige Dissertation23, die 1986 veröffentlicht wurde, untersucht mit Hilfe von Kulturvergleich das Verhältnis von politischem System (Gesellschaftsordnung) und Paarungssystem beim Menschen. Betzig geht dabei von der Annahme aus, das beide Systeme voneinander beeinflußt sind und diese Relation am besten
durch die Voraussagen der Darwinschen Evolutionstheorie beschrieben werden kann.
Methodisch handelt es sich um kulturell vergleichende Studien, die rezente wie historische Populationen bzw. Kulturen gleichermaßen in die Untersuchung mit einbeziehen
und damit eine methodische Nähe zu einer ‚historischen Anthropologie‘ im eigentlichen
Sinne des Wortes besitzen.24 Im Ergebnis konnte Betzig feststellen, daß despotische und
stark hierarchische politische Systeme in der Regel polygame Kulturen nach sich ziehen,
20
21
22
23
24
Leider kann hier nicht weiter auf die interessanten frühen Arbeiten eingegangen werden, die
durch Humanethologie und physische Anthropologie inspiriert worden sind. Besonders zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang aber der Kieler Altphilologe Detlev Fehling mit seinem, wie ich
meine zu wenig beachteten Versuch, die Ethologie in die klassische Altertumskunde einzubringen. Vgl. FEHLING 1974.
DICKEMANN 1979, 1981. Vgl. BETZIG 1992d.
Vgl. ALEXANDER 1979.
Vgl. die Rez. von MARGOLIS 1988, 189-191; CATON 1988, Bd. 24, 159-61; WILLHOITE 1988, 484486; KUMAR 1988, 142-143; FIX 1987, 134-135; HARRINGTON 1987, 371; MAZUR 1987, 717-718;
ABERNETHY 1987, Bd. 175, 252-253; ARNHART 1987, 91-93; VINING 1989, 375-380; WALTER
1988, 220-223; ARENS 1989, 401-407; MCGREGOR 1988, 427-432.
Für die Entwicklung von der Sozialgeschichte zur historischen Anthropologie, die sich zuletzt nun
doch selber als Mikrogeschichte definiert hat, vgl. MEDICK 2001. Vgl. zur Bandbreite der Forschungsansätze, die sich unter dem Begriff ,Anthropologie‘ in den Geisteswissenschaften zusammenfassen lassen FUNK 2000 und MITTERAUER 2000.
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und zwar eine Polygamie der Mächtigen. Demokratische Systeme dagegen erlauben auch
monogame Paarungssysteme. Betzig erläutert dieses Verhältnis an einem reichhaltigen,
teils anekdotischen Material, das sie aus Beschreibungen despotischer Herrscher durch
klassische Schriftsteller oder aber auch aus modernen historiographischen Werken sowie
aus der ethnographischen Literatur zieht.25 Infolge eines Durchgangs durch die europäische Geschichte unter dieser Perspektive entstand eine zentrale, bislang ungelöste Frage
der ‚Darwinian history‘, nämlich warum die Korrelation zwischen Macht und Polygynie
bzw. genetischer Fitneß in modernen Industriegesellschaften nicht mehr hält. Betzig selber setzt den Wendepunkt erst bei der Industrialisierung im 18. Jahrhundert an, doch ist
die beschriebene Korrelation nur für sog. ‚traditionelle‘ Gesellschaften zu beobachten.
Kevin B. MacDonald26, ein amerikanischer Persönlichkeitspsychologe, hat diese entscheidende Frage nach dem Grund für das Aufbrechen des Fitnessvorteils der mächtigen
Männer in modernen Gesellschaften aufgenommen und dahingehend zu beantworten versucht, daß die sog. sozial auferlegte Monogamie (socially imposed monogamy) seit dem
12. Jahrhundert in Europa die Oberhand gewonnen habe.27 Seine Antwort, die auch stärker in Übereinstimmung mit den ‚empirischen Befunden‘, also der herrschenden historischen Lehrmeinung steht, geht von einer multivariaten, nicht deterministischen Theorie
aus, die einen direkten Zusammenhang zwischen Paarungssystem und Gesellschaftssystem verneint und vielmehr institutionalisierte Kontrollen der Reproduktion, wie sie etwa
von der Kirche ausgeübt wurden, einen prägenden Einfluß auf das Motivationssystem der
25
26
27
Vgl. BETZIG 1982, 1986, 1991, 1992a, 1992b, 1992c, 1995a, 1995b. Bestätigung und ergänzende
Modifikationen hat Betzigs Arbeit durch die Untersuchung des Althistorikers W. G. Scheidel über
„Ancient Empires and Sexual Exploitation“ erhalten. Vgl. SCHEIDEL 2000 sowie LOW 1992. Inzwischen werden ihre Thesen teilweise auch von Ergebnissen der molekulargenetischen Forschung unterstützt. Vgl. ZERJAL et al. 2001 u. FOSTER et al. 1998.
K. B. MACDONALD ist aufgrund seiner Arbeiten zu Gruppenstrategien des Judentums ein unter
Evolutionspsychologen äußerst umstrittener Forscher, dessen Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich sowie sein Engagement im Gerichtsverfahren gegen David Irving 1999 zu starkem
Widerspruch und ,Ausgrenzung‘ aus dem Kreis der evolutionär tätigen Forscher geführt haben.
Seine hauptsächlichen Veröffentlichungen zu der Thematik sind seit 1994 in drei Bänden erschienen: „A People That Shall Dwell Alone: Judaism as a Group Evolutionary Str ategy“ (1994);
„Separation and Its Discontents: Toward an Evolutionary Theory of Anti -Semitism“ (1998); „The
Culture of Critique: An Evolutionary Analysis of Jewish Involvement in Twentieth-Century Intellectual and Political Movements“ (1998). MacDonalds wissenschaftlich durchaus beachtenswerte
Überlegungen halte ich für gefährlich, da (Anti)semitismus eben keine akademische Disziplin,
sondern leider immer noch eine reale Bedrohung für Mitmenschen jüdischen Glaubens darstellt.
Hier tragen Wissenschaftler meiner festen Überzeugung nach eben auch Verantwortung für den
Gegenstand ihrer Forschung. Die Freiheit der Forschung rechtfertig nicht alle Themen und muß in
den gesellschaftlichen Kontext gestellt werden, in dem sie stattfindet. Ungeachtet dessen halte ich
MacDonalds Überlegungen zur evolutionären Geschichte des westlichen Fortpflanzungssystems
in vielen Bereichen für zutreffend.
Vgl. MACDONALD 1990, 1995a u. 1995b. Vgl. auch BORGERHOFF-MULDER 1995, BRUNDAGE 1995,
MUELLER 1995, SALTER 1995, STRATE 1995, WILSON 1995, VOLAND 1996, 100-102.
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Individuen zuspricht. Doch auch nach intensiven Debatten bleibt das Problem für die behavioral ecological anthropology bis heute ungelöst und wird kontrovers diskutiert.28
In stärkerer Weise auf serielles, demographisches Material greifen die Studien zurück,
die Eckart Voland zusammen mit einigen Schülern und Kollegen über das Fortpflanzungsverhalten und die ökologische Adaptation der ostfriesischen Bevölkerung im 17.
und 18. Jahrhundert auf der sog. Krummhörn unternommen hat.29 In diesem von der DfG
geförderten Projekt wurden eine Reihe von Vorhersagen getestet, von denen hier nur die
drei der wichtigsten genannt werden können: die Fitneßoptimierung bei Fortpflanzungsstrategien von Männern, das Paradigma der weiblichen Partnerwahl (female choice) und
das elterliche Investment nach den Vorhersagen der sog. Trivers-Willard Hypothese.30
Voland konnte mit Hilfe der demographischen Daten die langfristigen Auswirkungen eines hohen sozioökonomischen Status auf die reproduktive Fitneß zeigen. Bei manchen
Familien war die Fitneß nach 100 Jahren in der untersuchten Bevölkerung fast doppelt so
hoch wie in durchschnittlichen Familien der gleichen Population.31 Auch im Bereich der
weiblichen Partnerwahl konnten Voland und Engel durch ihre Untersuchung einen Trend
feststellen, der dem Prinzip der ‚female choice‘ entspricht.32 Weitere Untersuchungen an
dem ostfriesischen Datenmaterial konnten unterschiedliche elterliche Fürsorge in Bezug
auf das Geschlecht der Nachkommen aufgrund der ökologischen Bedingungen aufzeigen.33
Der Frage des elterlichen Investments in historischer Perspektive, also der Eltern-Kind
Beziehung, hat sich insbesondere James L. Boone, ein amerikanischer Anthropologe, angenommen. Er legte seit den frühen achtziger Jahren einige Studien zum entscheidungsverhalten Adeliger in bestimmten ökologischen Bedingungen im späten Mittelalter vor
28
29
30
31
32
33
Vgl. BURGERHOFF-MULDER 1998 sowie den theoretischen Beitrag des Wirtschaftswissenschaftlers
Theodore C. BERGSTROM zu „Primogeniture, Monogamy and Reproductive Success in a Stratified
Society“ (1994), der die Ergebnisse Betzigs unterstützt.
Als weiteres Beispiel für Forschungen an historisch-demographischem Material möchte ich die
Arbeiten von Bobby S. Low erwähnen, die das reproduktive Verhalten einer schwedischen Population des 19. Jahrhundert erforscht hat und dabei besonders die verhaltensökologischen Aspekte
betonte. LOW 1990 u. 1991, CLARKE & LOW 1992, CLARKE 1993.
Die Trivers-Willard-Hypothese nimmt an, daß Eltern dazu neigen, in dasjenige Geschlecht ihrer
Nachkommen zu investieren, das in einer gegebenen ökologischen Situation wahrscheinlich die
meisten Nachfahren hervorbringt.
Vgl. VOLAND 1990, VOLAND 1995, KINDWORTH & VOLAND 1995. Vgl. zum Verhältnis von Status
und Reproduktion auch CAREY 1993.
Vgl. VOLAND & ENGEL 1990. Für das dort beschriebene Heiratsverhalten sind aber auch alternative, proximate Erklärungen denkbar. So ist z.B. vorstellbar, daß jüngere Frauen deshalb bevorzugt
wohlhabendere Männer heiraten, weil diese die notwendige Ausstattung für eine Eheschließung
zur Verfügung stellen können und daher keine Verzögerung der Heirat durch den Aufbau einer
Lebensgrundlage für das Paar eintritt. Diese ökonomische ,Heiratsbeschränkung‘ ist in der Neuzeit häufiger der Grund für Verzögerungen bei der Eheschließung gewesen.
Vgl. VOLAND/SIEGELKOW/ENGEL 1991.
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und hat dabei die Bedeutung individueller Verhaltensstrategien für komplexe soziale
Phänomene betont. Die erste Studie, die hier vorzustellen ist, befasst sich mit der Struktur
adeliger Familien und dem Phänomen expansionistischer Kriegsführung.34 Aufgrund
knapper Ressourcen an Land und Herrschaftsfunktionen für alle Nachkommen eines
Adeligen vermutet Boone eine Tendenz der meist jüngeren, nicht erbberechtigten Söhne,
durch kriegerische Expansion neue Ressourcen zur Gründung einer eigenen Familie zu
erlangen. Dabei ist seiner Meinung nach schon die Regel der Primogenitur eine Anpassung an die Situation einer ökologischen Knappheit der Ressource Land oder Herrschaft.
Eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang ein Zitat von Philippe de Mézière in der Einleitung zu seinen Statuen zum ordre de la passion: „Die zweit - und drittgeborenen Söhne, und andere, die durch das Gewohnheitsrecht nur einen geringen oder gar keinen Anteil am Erbe ihrer Väter haben, sind durch Armut oft gezwungen, in ungerechte und tyrannische Kriege zu ziehen, um ihren Stand zu wahren, da sie nichts anderes als den
Waffendienst kennen; und dabei begehen sie so viel übles, daß es erschreckend wäre, von
all den Plünderungen und Verbrechen zu berichten, mit denen sie die armen Leute bedrücken.“ 35 Dieser Ausschluß vom Erbe konnte, bei entsprechender Organisation der
jungen landlosen Adeligen, zu übergreifenden sozialen Phänomenen wie Kriegszügen
(z.B. den Kreuzzügen) führen. Ziel der Studie war es nicht, ein alt bekanntes Phänomen
neu zu interpretieren, sondern es in den umfassenderen Rahmen einer Theorie menschlichen Verhaltensstrategien auf dem individuellen Level zu stellen.
Mit der Frage des elterlichen Investments, der sozialen Unterordnung und der Bevölkerungsentwicklung des portugiesischen Adels im 15. und 16. Jahrhundert befaßt sich
eine andere Studie.36 Boone untersuchte darin unterschiedliche Muster der Verteilung elterlicher Ressourcen an ihre Kinder in dieser Personengruppe. Ich möchte exemplarisch
nur die Frage der Verteilung von Ressourcen an Söhne und Töchter darstellen, bei der
sich nach Boone eine deutliche Veränderung innerhalb des Untersuchungszeitraums
(1380-1580) feststellen läßt. Während zu Anfang dieser Periode vor allem Söhne mit Titeln und Landbesitz ausgestattet werden, nimmt zum Ende des Untersuchungszeitraums
dieses Muster anscheinend ab und der Familienbesitz wird in stärkerem Maße auf die
Töchter übertragen, die durch eine hohe Mitgift versuchen konnten, sich in höhere gesellschaftliche Schichten einzuheiraten. Boone beobachtet, daß in den höchsten Kreisen mit
dem größten Besitz über den gesamten Zeitraum das Erbe auf den männlichen Nachwuchs konzentriert wird, während im niederen Adel die Wahrscheinlichkeit der Investition des Familienvermögens in die Mitgift der Töchter höher zu sein scheint. Außerdem
bekommen diese Töchter mit höherer Mitgift zugleich auch mehr Kinder als die vergleichbare Gruppe der Töchter des hohen, vermögenden Adels. Diese Beobachtungen
34
35
36
Vgl. BOONE 1983.
Übersetzt nach M. KEEN, Chivalry, nobility, and the man-at-arms, in: War, literature, and politics
in the Late Middle Ages, New-York 1976, 43. Vgl. BOONE 1983, 86.
Vgl. BOONE 1988. Zur evolutionären Analyse von elterlichem Investment vgl. auch VOLAND 1988
und VINOVSKIS 1993.
Von der Gruppe zum Individuum
11
stimmen mit der sog. Trivers-Willard-Hypothese überein37, die besagt, daß Eltern dazu
neigen, in dasjenige Geschlecht ihrer Nachkommen zu investieren, das in einer gegebenen ökologischen Situation wahrscheinlich die meisten Nachfahren hervorbringt. Die Eltern erhöhen mit diesem unbewußten Verhalten, so die Annahme, ihre eigene genetische
Fitneß.
Die Frage des Einflusses von Verwandtschaft auf Verhaltensentscheidungen haben eine ganze Reihe von evolutionsbiologisch inspirierten Arbeiten untersucht. Jerome Kroll
und Bernard S. Bacherach, letzterer ein Historiker, haben z.B. zur Erklärung von dynastischen Entscheidungen auf evolutionsbiologische Erklärungen zurückgegriffen. Anhand
von zwei Beispielen aus dem 10. und 11. Jahrhundert illustrieren Sie die Bedeutung von
verwandtschaftlicher Nähe (kin selection) für Entscheidungen in Zusammenhang mit der
eigenen Fortpflanzung.38 In eine ähnliche Richtung gehen die Arbeiten von John McCullough und Elaine Barton. Sie untersuchten z.B. den Einfluß von Verwandtschaft auf die
Sterblichkeit in der Plymouth-Kolonie 1620-1633.39 Robin Dunbar, ein englischer Anthropologe, hat Berichte über Blutrache und Koalitionsbildung bei den Wikingern in
Hinblick auf den Verwandtheitsgrad von Individuen ausgewertet.40 In den weiteren Kontext des Themas Verwandtschaft gehören auch die Studien von B. Hager und E. Hill über
die Beschränkung der eigenen Reproduktion und daraus resultierende Strategien bei religiösen Frauen und Frauen in Klöstern im Mittelalter und Bruder-Schwester sowie ElternKind Heiraten außerhalb königlicher Familien in Altägypten und im Iran.41
Nach diesen recht ausführlichen Bemerkungen zur evolutionären Anthropologie, die
auch der quantitativen Verteilung der vorliegenden Studien entspricht, möchte ich kurz
auf Ansätze aus der evolutionären Psychologie zu sprechen kommen, die in Verbindung
zur Geschichtswissenschaft stehen. Zur Zeit ist mir allerdings nur eine größere Studie
bekannt, die aus der evolutionspsychologischen Perspektive historisches Verhalten analysiert und interpretiert. Es handelt sich um die inzwischen zum Bestseller avancierte Arbeit von Frank Sulloway über Geburtenrangfolge als persönlichkeitsprägendes und geschichtsmächtiges Moment mit dem Titel „Der Rebell der Familie; Geschwiste rrivalität,
kreatives Denken und Geschichte“. 42 Sulloway erklärt unterschiedliche Persönlichkeiten
von Geschwistern auch aus dem Streit um Ressourcen, insbesondere der elterlichen Zuwendung und Liebe. Dieser Konkurrenzkampf zwischen Geschwistern führe zu Anpas37
38
39
40
41
42
Inzwischen wird die Trivers-Willard Hypothese in Bezug auf menschliches Verhalten wesentlich
kritischer beurteilt, als dies zur Zeit der Forschungen Boones der Fall war. Vgl. KELLER et al.
2001.
Vgl. KROLL & BACHRACH 1990.
Vgl. MCCULLOUGH & BARTON 1991a u. 1991b. Vgl. auch die Untersuchungen von J. M. McCullough und K. M. Heath zum Einfluß des Verwandtschaftsgrades auf die Bereitschaft, Verwandte
in den engl. Rosenkriegen zu töten (vgl. MCCULLOUGH & HEATH 2001).
Vgl. DUNBAR et al. 1995.
Vgl. HAGER 1992, HILL 1999, SCHEIDEL 1996.
Vgl. auch BARRY 1997.
12
Jörg Wettlaufer
sungen, die dem Individuum Vorteile verschaffen, die schließlich auch über die innerfamiliäre Konkurrenz hinaus Bedeutung erlangen können. Beachtenswert ist nun die große
Zahl von historischen Fallbeispielen, die Sulloway auf diese Anpassungen hin untersucht
hat und die mit seiner Theorie konform gehen. Erstgeborene identifizieren sich in der Regel stärker mit Macht und Autorität. Sie seien daher in ihrer Persönlichkeit bestimmender, sozial dominanter, ehrgeiziger, eifersüchtiger auf ihren Status bedacht und doch
gleichzeitig defensiver als ihre jüngeren Geschwister. Die jüngeren Geschwister dagegen
neigen, so Sulloway, aufgrund ihrer nachgeordneten Position im Familiensystem besonders dazu, revolutionäre Persönlichkeiten zu entwickeln.43 Sulloway zieht aufgrund seiner Beobachtungen direkte Schlüsse auf historische Prozesse, wie z.B. die Ausbreitung
der Reformation oder den Verlauf der Französischen Revolution.44 Durch seine Interpretation erweitert Sulloway die klassische historische Faktorenanalyse um eine neu Komponente, nämlich die der Geburtenrangfolge als geschichtsmächtiges Moment.
Wenn man die bisherigen Forschungsergebnisse evolutionär inspirierter Geschichtswissenschaft nach Themengebieten ordnet (Verwandtschaft, Reproduktion und Fortpflanzungsstrategien, Elterliches Investment usw.), so ergibt sich, daß in allen diesen Themen
die Körperlichkeit des Menschen eine entscheidende Rolle spielt. Weniger erfolgreich hat
sich die evolutionäre Geschichtswissenschaft bislang im Bereich der Geistes-, Kunst- und
Kulturgeschichte im engeren Sinne gezeigt. Hier könnte zwar versucht werden, den jeweiligen Anpassungswert von Kulturleistungen zu bestimmen, aber dieser wird im konkreten Fall eher gering sein. Zu groß ist die Variabilität, zu gering der Selektionsdruck,
der auf vielen Gebieten menschlichen Kulturlebens lastet.
Trotzdem sind auch diese Bereiche nicht losgelöst von der biologischen Grundlage ihrer Existenz vorstellbar. Eine Beschreibung mit viel Augenmaß für diese Zusammenhänge hat insbesondere Walter Burkert mit seinen Arbeiten über die biologische Grundlage
von Religion geleistet. Er beschreibt die Gründe für die universale Verbreitung von Religion mit der Metapher einer ‚natürlichen‘ imaginären Landschaft, die Einfluß auf das
ausübt, was in ihr gebaut und konstruiert wird.45 Vor einem ähnlichen, notwendigerweise
noch unscharfen biologischen Hintergrund, ordne ich auch meine eigenen Forschungen
auf dem Gebiet des Dialogs zwischen evolutionärer, ökologischer Anthropologie und der
Geschichtswissenschaft ein, die sich mit der Suche nach dem Ursprungs der in Eurasien
43
44
45
Vgl. SULLOWAY 1999, 14f.
Vgl. z.B. SULLOWAY 1999, 264-275 über die Ausbreitung der Reformation.
Vgl. BURKERT 1998, 36-37. Noch eindringlicher ist die Metapher von der Hard- und Software, die
der Autor ebenfalls verwendet. Er schreibt: „Kultur, ..., ist gleichsam die ‚Software‘, der
Menschheit; sich läßt sich beliebig kopieren und leicht transportieren, trotz ihrer Komplexität;
diese beruht ihrerseits auf einer langen ‚Entwicklung‘ und Ausarbeitung, die kaum ein zweites
Mal unternommen wird. Die Frage ist, inwiefern die ‚Software‘ willkürlich gewählt und verändert werden kann oder doch an Festlegung der ersten Programme gebunden bleibt, Wirkungen der
ersten Herstellung, die der ursprünglichen Konstruktion der ‚Hardware‘ entsprochen hat.“
13
Von der Gruppe zum Individuum
seit mehreren tausend Jahren verbreiteten Vorstellung von einem Herrenrecht der ersten
Nacht (jus primae noctis) beschäftigt haben.46
Im Zusammenhang mit einer Untersuchung über den Bedeutungskern des Topos vom
tyrannischen Herrenrecht der ersten Nacht habe ich dabei Ergebnisse der evolutionären
Anthropologie und der vergleichenden Verhaltensforschung und Primatologie verwendet,
die ein Verständnis des Phänomens in einem größeren theoretischen Zusammenhang ermöglichten. Der literarische Topos des Herrenrechts der ersten Nacht erscheint im Kontext der biologischen Grundlagen von Kultur als Metapher für die Beziehung zwischen
Status und ‚Kopulationserfolg‘ (mating success). Die Idee des Herrenrechts nimmt ihren
Ursprung in dem intraspezifischen Konkurrenzverhalten von Männern, stellt aber im Gegensatz zum absoluten Anspruch eines Mannes auf alle Frauen seines Herrschaftsgebietes eine auf Symbolgebrauch gestützte Einschränkung eines Prinzips dar, welches sich
auch in nichtmenschlichen Primatengruppen beobachten läßt. Aufgrund dieser ‚biologischen Grundlage‘ konnte der Topos vom Herrenrecht der ersten Nacht eine so lange, bis
in die Anfänge der indoeuropäischen Schriftlichkeit zurückreichende Tradition entwikkeln und hat bis heute scheinbar nichts von seiner Aussagekraft verloren.
II.
Ich möchte im folgenden die skeptischen Fragen und Bedenken, die sich für manche aus
den oben beschriebenen Methoden und Interpretationen ergeben mögen, unter besonderer
Berücksichtigung mehrerer Artikel diskutieren, von denen zwei in der Zeitschrift Ethik
und Sozialwissenschaften veröffentlicht und in diesem „Streitforum der Erwägungsku ltur“ sehr kontrovers kommentiert wurden. Es handelt sich um Aufsätze von Eckart V oland und Bernhard Verbeek aus den Jahrgängen 1996 bzw. 1998 zu den Themen „Ko nkurrenz in Evolution und Geschichte“ 47 sowie „Organismische Evolut ion und kulturelle
Geschichte: Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Verflechtungen“. 48 Der dritte Beitrag
stammt von Bernhard Kleeberg und Tilmann Walter und beschäftigt sich in kritischer
Weise mit dem evolutionären Paradigma und trägt den Titel „Der mehrd imensionale
Mensch. Zum Verhältnis von Biologie und kultureller Entwicklung“. 49
Anliegen des Artikels von Voland ist es, den gemeinsamen Hintergrund des Konkurrenzphänomens in der biologischen Evolution und in der menschlichen (Kul46
47
48
49
Vgl. WETTLAUFER 1999, 2000. Vgl. zur Frage der evolutionsbiologischen Perspektive als Erklärungshintergrund für den Erfolg des literarischen Topos auch die kritischen Rezensionen von
Tilmann WALTER (Zeitschrift für Sexualforschung 13 [2000], 172-174) u. Maren LORENZ (Perform 2 [2001], Nr. 3 [01.05.2001])
VOLAND 1996.
VERBEEK 1998.
KLEEBERG & WALTER 2001.
14
Jörg Wettlaufer
tur)Geschichte aufzuzeigen. Voland geht dabei von einem evolutionsbiologischen Paradima der Genselektion aus, wie ich es oben zu skizzieren versucht habe und es zur Zeit in
der biologischen Verhaltensforschung verbreitet ist. Zur Erklärung menschlicher Kulturgeschichte beschränkt er sich bewußt auf das Instrumentarium, das sich in den biologischen Verhaltenswissenschaften in den letzten Jahrzehnten bewährt hat. Diese Strategie
führt ihn letztendlich zu der prägnanten These, daß „menschliche (und tierl iche) Kulturgeschichte ... deshalb als Epiphänomen biologisch funktionaler Vorgänge verstanden
werden kann.“ 50 Eine solche Aussage hat naturgemäß heftigen Widerspruch erfahren und
führt zu dem, in diesem Kontext geradezu klassischen Vorwurf des Reduktionismus.51
Einen anderen, in gewisser Weise moderateren Weg beschreitet Verbeek mit seinem
‚ökologischen‘ Ansatz, der von einem Emergenzcharakter der Kultur ausgeht. Grundlage
auch seiner Überlegungen ist ein naturwissenschaftlicher Determinismus und der biologische Fitneßimperativ, doch unterscheidet sich Verbeek von der Volandschen Perspektive
in der Betonung von ‚Prägung‘ als wichtigem Mechanismus für das Erlernen von Kultur.
Abgesehen von der ‚Imitation‘ als grundlegendem Prinzip der kulturellen Evolution gibt
es sensible Phasen im Leben eines jeden Individuums, die das effektive Erlernen und
Speichern von kulturellem Wissen ermöglichen. Neben die stärker genetisch bedingten
Verhaltensanpassungen, wie sie z.B. in der evolutionären Psychologie angenommen werden, setzt Verbeek die Prägungshypothese, nach der die ökologischen Anpassungen der
jeweiligen Kulturen aufgrund einer entsprechenden Prägung der heranwachsenden Individuen entsteht.
Einige der Kritikpunkte, die gegen diese beiden Ansätze ins Feld geführt wurden, sollen im folgenden aufgegriffen und diskutiert werden.52 Insbesondere möchte ich gerne auf
die Frage des Reduktionismus, der Emergenz von Kultur53, der sprachlichen Verständigungsprobleme zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern sowie auf wissenschaftstheoretische Vorbehalte eingehen.
Das Konzept der Fitneßmaximierung selber, der sog. Biogenetische Imperativ (Hubert
Markl, 1983), bereitet vielen Historikern, aber auch vielen anderen Wissenschaftlern,
Probleme.54 Nur die Fortpflanzung, die Weitergabe von Genen soll das Maß aller Dinge,
50
51
52
53
54
VOLAND 1996. 93.
Z.B. EuS 1996, 138 ((2)).
Aus pragmatischen Gründen beziehen sich die folgenden Verweise auf Kommentare der Hauptartikel nicht auf die Verfasser, sondern nur auf die Zeitschrift (EuS) unter Angabe des Jahres, der
Seitenzahl und des betreffenden Absatzes nach den in dieser Zeitschrift üblichen Regeln.
In der interdisziplinären Diskussion ist es wichtig, daß ,Kultur‘ genauer definiert (,weiter‘ versus
,enger‘ Kulturbegriff). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die These von der Imitation
als Motor der Kultur (EUS 1998, 341 ((4))). Siehe auch VOLAND 2000a, 24: „Was immer Kultur
definieren mag, sie gründet sich auf adaptiver Imitation, also auf dem erfolgversprechenden Versuch einer vorteilhaften Teilhabe an den Lebensleistungen anderer.“
Grundlegende Kritik an einer Fitneß-bezogenen Evolutionstheorie der Kulturgeschichte übt z.B.
Bernd Baldus in seinem Beitrag: Kultur und Überleben: Ist Kultur fitneßrelevant? Er schreibt:
„Wenn, wie ich vermute, fitneß -relevante Kulturmerkmale nur einen sehr kleinen Teil des gesam-
Von der Gruppe zum Individuum
15
der Endzweck allen Strebens sein? Aus diesem Prinzip soll sich die Kultur, das gesamte
menschliche Leben erklären lassen? Diese Perspektive wird häufig als reduktionistisch
empfunden.
Zunächst muß man sich deutlich machen, daß das biologische Evolutionsgeschehen ein
ziel- und planloser Vorgang ist, der keinen Fortschritt kennt und daher im eigentlichen
Sinne eben nicht teleologisch ist.55 Es gibt in der Evolution des Lebendigen, und auch im
menschlichen Verhalten, keine Ziele, sondern nur einfache Regeln, nach denen sich Lebewesen verhalten. Etwa nach dem Prinzip: bevorzuge süß, vermeide bitter beim Geschmack von Nahrungsmitteln. Diese Regeln sind nach Adaptation und Selektion in evolutionär relevanten Zeiträumen entstanden und damit Teil der Grundausstattung jedes
Menschen. Sodann muß man ein häufiges Mißverständnis klären, daß sich aus der ‚pseudoteleologischen‘ Betrachtungsperspektive ergibt.56 Lebewesen sind eben zwar fraglos
‚Fitneßoptimierer‘, aber man kann sie noch treffender als ‚Anpassungsausführer‘ (adaption executors) charakterisieren.57 Dies verschiebt die Perspektive hin zu den eigentlichen Mechanismen, die Verhalten bedingen und nimmt dem „egoistischen Gen“ (Da wkins) etwas von seiner penetranten sprachlichen Schärfe, durch die es sich allenthalben in
vielen Wissenschaft so unbeliebt machte.
Eng verbunden mit dieser Problematik ist eine weitere, nämlich die der sprachlichen
Mißverständnisse in Bezug auf ultimate und proximate Erklärungen von Verhalten.58 So
versteht z.B. August Nitschke die Argumente von Eckart Voland falsch, weil er die intentionale Sprache mißversteht, mit der die ultimate Begründung für Verhalten beschrieben
wird. Überhaupt ist diese Unterscheidung von proximaten und ultimaten Erklärungen,
die in den Geisteswissenschaften in dieser Form nicht bekannt ist, ein steter Quell für
Mißverständnisse und eine schiefe Perzeption des evolutionären Paradigmas. Nitschke
schreibt zum Beispiel in seiner Kritik: „Die Historiker wenden ge gen das soziobiologische Modell ein, daß viele in der Geschichte zu beobachtenden Handlungen und Verhaltensweisen nicht auf den Wunsch nach Vermehrung, sondern auf andere Antriebe zu-
55
56
57
58
ten Kulturbestandes ausmachen, dann fragt sich, ob eine Fitneß-bezogene Evolutionstheorie uns
bei der Erklärung des überwiegenden Rests der Kultur helfen kann.“ EuS (1998), 282 ((2)).
Vgl. VOLAND 2000a, 4.
Vgl. auch MAYR 1991, 51-86.
Vgl. VOLAND 2000a, 19, 98: „Die evolviert en Mechanismen der Verhaltenssteuerung sind nach
wie vor verhaltensbestimmend, lediglich ihre Fitnessvorteile, wegen derer sie evolviert sind, haben sich möglicherweise verflüchtigt.“
Historiker stören sich auch an dem von ökonomischer Begrifflichkeit geprägtem Vokabular, das
der Soziobiologie zugrunde liegt. Vgl. EuS (1996), 150. Die Welt durch den Filter von KostenNutzen Analysen zu betrachten, von Ressourcen zu sprechen anstatt diese detailliert zu benennen,
all dies fördert nicht gerade die Akzeptanz von soziobiologischer Terminologie bei Geisteswissenschaftlern. Auf emotionale Abwehr stößt dort möglicherweise auch der häufige Gebrauch statistischer Methoden bei vielen evolutionär argumentierenden Untersuchungen.
16
Jörg Wettlaufer
rückzuführen sind, etwa auf das Interesse nach größeren ökonomischen Chancen.“ 59
Nitschke nennt als scheinbare Alternative zum Fortpflanzungswunsch weitere ‚Antriebe‘,
und zwar das Interesse nach größeren ökonomischen Chancen, daß bei Menschen ebenfalls verbreitet und somit geschichtsmächtig sei. Aber es handelt sich hier gar nicht um
eine Alternative bzw. einen Widerspruch. Beide ‚Begründungen‘ oder Erklärungen für
Verhalten werden von der Evolutionsbiologie nicht gleich bewertet, sondern hierarchisch.
Fortpflanzung ist in Nitschkes Beispiel eine ultimate und Ökonomie eine proximate Begründung für Verhalten.60 Damit ist gemeint, daß beide Erklärungen auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen Verhalten erklären, wobei es sich auch um ein und dieselbe
Verhaltensäußerung handeln kann. Menschen, die nach größeren ökonomischen Chancen
streben und in diesem Sinne handeln, tun dies in der Regel aufgrund einer Reihe von Belohnungen (vgl. die ‚Lustmaximierungshypothese‘61), die viele menschliche Kulturen für
ökonomischen Erfolg zur Verfügung stellen. Man kann dieses Verhalten, das Streben
nach ökonomischen Erfolg, nun unter dem Gesichtspunkt der Fitneßmaximierung interpretieren. Diese Betrachtungsperspektive wird als ultimat bezeichnet.
Ich möchte diesen abstrakten Sachverhalt an einem Beispiel erläutern. Natürlich kann
man die Geschäftstüchtigkeit, daß Streben nach ökonomischen Chancen etwa eines Jakob
Fugger (1459-1525), der den bezeichnenden Beinamen ‚der Reiche‘ trug, nicht direkt aus
einem Bestreben nach möglichst zahlreicher Nachkommenschaft, geschweige denn einer
weiten Verbreitung seiner Gene, erklären. Er hatte sicher naheliegendere, eben proximate Gründe: soziales Prestige, Genuß, Reproduktion durch Arbeit etc. Aber wenn man
nach einer letztendlichen, ultimaten Begründung für sein Streben fragt, so wird sich
schwerlich eine andere finden als die von der Evolutionsbiologie vorgeschlagene. Natürlich ist dieses Streben unbewußt und manifestiert sich kulturell vermittelt, aber handelt
sich doch um die eigentliche Meßlatte, an der das Lebendige in Hinblick auf seine Anpassung an die jeweilige Umwelt gemessen wird. Eckart Voland erklärt dies so: „Grun dsätzlich gilt, daß alle Organismen nur gemäß ihrer evolvierten psychologischen Motive
handeln. Kein Tier, kein Mensch will seine oder ihre genetische Fitneß maximieren. Als
psychologisches Motiv ist ihm oder ihr dies vollkommen fremd. Wir gehorchen statt dessen ‚nur‘ unseren psychischen Antrieben, allerdings haben diese ihre Naturgeschichte
und wirken deshalb im Mittel so, als ob wir unsere genetische Fitneß maximieren wollten.“ 62 Wäre das Streben nach ökonomischen Erfolg auf die Dauer ein Hemmnis für die
Weitergabe von Genmaterial von einer Generation auf die nächste, so würde eine Kultur
und ihre Träger, die dergleichen exzessiv betreiben, nach wenigen Generationen physisch
aussterben.
Fragt man aber nach dem Nutzen einer ultimaten Erklärung für den Historiker, präsentiert sich die Situation anders. Tatsächlich wird die ultimate Erklärung für einen Hi59
60
61
62
EuS (1996), 147 ((3)).
Vgl. ALCOCK & SHERMAN 1994.
EuS (1996), 122 ((14)).
EuS (1996), 173 ((18)).
Von der Gruppe zum Individuum
17
storiker nur dann eine brauchbare Alternative zu proximaten Erklärungen darstellen,
wenn das Erkenntnisinteresse auf relativ allgemeine, abstrakte Verhaltensweise gerichtet
ist oder sich darauf zurückführen läßt, und zwar in der Regel im Zusammenhang mit einer Frage, die mit ‚warum‘ beginnt. Alle Fragen, die in die Domäne des ‚wie‘ zuzuordnen sind, werden sich kaum mit Gewinn ultimat beantworten lassen.
In der Diskussion der Artikel von Verbeek und Voland wird mehrfach die Emergenz
von Kultur als eigenständigem Weitergabesystem von Verhaltensanweisungen angemahnt.63 „Der Prozeß der biologischen Evolution h at ohne Zweifel auch kulturelle Phänomene wie Ökonomie und das Politische Leben hervorgebracht. Er determiniert jedoch
nicht die Inhalte dieser Prozesse, sondern nur deren Existenz.“ 64 Diese Feststellung ist
natürlich richtig. Von einer Determination kultureller Phänomene durch evolutive Prozesse kann nicht die Rede sein. Die richtige Antwort auf die Frage nach der Tiefe, bis in
die sich Anpassungsprozesse erstrecken, scheint die folgende zu sein: tatsächlich ist das,
was zur Zeit von vielen Evolutionären Anthropologen und teilweise auch von Evolutionspsychologen getestet wird, nicht genetisch kodierte Verhaltensanpassung, sondern das
Ausmaß der Anpassung von Kultur an die menschliche Natur (Physiologie). Die genetisch bestimmte Natur des Menschen, mit seinen adaptierten neuronalen Steuermechanismen, paßt nämlich ganz hervorragend zur menschlichen Kultur, die diese natürlichen
Anpassungen gleichsam flexibler fortsetzt.65 Dies trifft in besonderem Maße für sog. tra63
64
65
EuS (1996), 136. Vgl. auch VOGEL 2000, 72-73: „Menschliche Geschichte enthält damit zwar
auch biologische Geschichte, wie zum Beispiel den Ablauf der im Biogramm programmierten individualontologischen Lebensstadien, unterschiedliche Fortpflanzungsraten, bevölkerungsbiologische Prozesse und so weiter, sie ist jedoch charakteristischerweise ‚Kulturgeschichte‘. Kultur ist
äußerlich gekennzeichnet durch die Herstellung und intensive Verwendung von artifiziellen
Werkzeugen (materielle Kultur, Technologie), durch symbolische Sprachen, durch Traditionen,
durch soziale Institutionen, Sitten, Normen, Regeln, Gebote, Verbote, Tabus, durch Moral, Religionen, Kulte und durch das umfassende Bedürfnis, Wesen, Herkunft, Zweck und Ziel aller im
Erlebniskreis des Menschen wesentlichen Dinge, einschließlich seiner selbst, zu deuten und zu
erklären, darüber zu reflektieren. Obwohl menschliche Geschichtlichkeit nur durch die biologische Evolution möglich wurde, sind die Inhalte und der Lauf menschlicher Geschichte natürlich
nicht durch die biologische Evolution determiniert, eine Anmerkung, die trivial ist, vor Biologen
aber doch manchmal angebracht scheint. Der oft verwendete Ausdruck ‚Kultur-Evolution‘ täuscht
nur zu leicht vor, es könnten alle wesentlichen Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen der organismischen Evolution einfach auf die Kulturgeschichte übertragen werden. Das trifft keineswegs
zu.“
EuS (1996), 157 ((6))
Vgl. auch VOLAND 2000b, 46-47: „Kultu rell gesteuertes Verhalten kann biologisch ausgesprochen
funktional sein, wodurch kulturelle Verhaltensmuster vor dem Hintergrund des biologischen Anpassungskonzepts interpretierbar werden. Deshalb sollten Biologen kein Problem mit der Einsicht
haben, daß die oftmals vorgefundene biologische Optimalität der jeweiligen Lösungen für das
Selbsterhaltungs- und Reproduktionsproblem über kulturelle Mechanismen, also über Lernprozesse (und nicht etwa durch eine direkte genetische Determination des Verhaltens), erreicht wird.
Und umgekehrt: Kulturwissenschaftler sollten kein Problem mit der Einsicht haben, daß die von
18
Jörg Wettlaufer
ditionelle Kulturen zu, die sich unter ‚Selektionsdruck‘ in Interaktion mit der natürlichen
Umwelt herausgebildet haben. Insofern ist Verbeek vermutlich zuzustimmen, daß prägungsartige Prozesse, mit denen spezifische kulturelle Eigenarten aufgenommen werden,
eine besondere Rolle spielen. In eine ähnliche Richtung, mit Distanz zum evolutionären
Paradigma, argumentieren übrigens auch Kleeberg und Walter im 8. Kapitel (Dimensionen der Zeit: Ontogenese) ihres Artikels zum „mehrdimensionalen Menschen“. Diese
Sichtweise geht auch prinzipiell mit der Auffassung von Eckart Voland kongruent, wenn
dieser von der Auflösung des Gegensatzes „N atur versus Kultur“ in „ Kultur via Natur“
spricht.66 Doch scheint, wie oben schon ausgeführt, für eine Reihe von kulturell kodierten
Normen eine ultimative, also durch die natürliche Selektion vermittelte Perspektive, zumindest für bestimmte Fragestellungen wenig sinnvoll.
Bestes Beispiel für Prägungsprozesse ist vielleicht die Sprache, die zwar in jedem Alter neu erlernt werden kann, aber doch nur in einem ganz bestimmten Zeitfenster aufgrund der angeborenen kategoriellen Schallwahrnehmung als Muttersprache erlernt werden kann.67 Die Erforschung der menschlichen Sprachfähigkeit ist ein wichtiges Beispiel
für den Einfluß von Genen auf die menschliche Kulturfähigkeit. Vor kurzem gelang englischen Wissenschaftlern zum ersten Mal der sichere Nachweis eines Gens, das direkten
Einfluß auf das komplexe System der menschlichen Sprachfähigkeit hat.68 Dabei wurde
auch erkennbar, in welcher Weise Gene überhaupt dergleichen komplexe Fähigkeiten regeln, nämlich in diesem Fall durch die Codierung eines Eiweiß, welches wiederum andere Gene kontrolliert, die dann während der intrauterinen Entwicklung des Fötus eine Rolle spielen. Diese sind vor allem im sich entwickelnden Gehirn aktiv. Man wird also jetzt
schon vermuten dürfen, daß es u.a. für die Anlage gewisser Strukturen (neuronaler Knoten und Netze) im menschlichen Gehirn verantwortlich ist, die später, in der Phase des
Erlernens von Sprache nach der Geburt, notwendig sind, um den Lernprozeß (z.B. der
Grammatik) überhaupt zu ermöglichen. Warum sollten nicht auch Momente des menschlichen Sozialverhaltens, die Kinder meist spielerisch erlernen, in dieser Weise vorgeprägt
sein? Und wäre das Wissen um diese Anlagen nicht relevant für die Interpretation
menschlichen Verhaltens in Geschichte, Gegenwart und Zukunft?
Schließlich mag ein weiterer Grund zur Skepsis gegenüber dem evolutionären Ansatz
in der ständigen Gefahr begründet liegen, daß soziobiologische Forschungsergebnisse als
Rechtfertigung für konservatives, reaktionäres Gedankengut mißbraucht werden.69 In diesem Zusammenhang haben alle biologischen Theorieansätze zur Erklärung menschlichen
Verhaltens mit tief sitzenden Vorurteilen zu kämpfen. Aufgrund des sog. ‚naturalisti-
66
67
68
69
ihnen studierten kulturellen Phänomene (über welche Gesellschaftlichen Mechanismen sie auch
immer entstehen mögen und aufrechterhalten werden) im Mittel biologisch hochgradig funktional
sind, indem sie den Interessen des ‚egoistischen Gens‘ dienen.“
Vgl. VOLAND 2000b.
Vgl. EIMAS et.al. 1971.
Vgl. FISHER et.al. 1998, LAI et al. 2001.
Vgl. z.B. für eine solche skeptische Sicht DRESSEL 1995.
19
Von der Gruppe zum Individuum
schen Fehlschlusses‘, der übrigens in seiner Wirkweise auf die formende Kraft der Anpassung zurückzugehen scheint, und vor dem auch mancher Wissenschaftler in der Vergangenheit nicht gefeit war, sind Forschungsergebnisse besonders in Gefahr, zur Argumentationsgrundlage für konservative Ideologien umfunktioniert und als moralische
Handlungsanweisungen mißverstanden zu werden. Moral aber ist nicht Sache der Evolutionstheorie, denn diese Instanz ist der Natur, im Gegensatz zur menschlichen Kultur,
gänzlich unbekannt. Womit auch gleichzeitig die Frage nach der Emergenz menschlicher
Kultur über andere ‚Kulturen‘ nochmals beantwortet sei.
III.
Es soll nun in einem dritten und abschließenden Schritt die aktuelle Situation evolutionärer, naturwissenschaftlicher Theorieansätze in den Geschichtswissenschaften bilanziert
und mögliche Perspektiven dieser Forschungsrichtung diskutiert werden. Für welche Bereiche historischer Forschung also bietet das evolutionäre Paradigma, die ultimate Perspektive des Verhaltens, heute möglicherweise eine interessante Option?
Es scheint vor allen Dingen die unterschiedliche Erklärungsperspektive von Verhalten
zu sein, die Historiker und Biologen bislang nicht zusammenkommen läßt. Viele Historiker verspüren bislang keine Lust, ihre proximaten Erklärungen mit einer ultimaten Perspektive in Verbindung zu bringen. Und tatsächlich ist der Erkenntnisgewinn, wie schon
ausgeführt, in vielen klassischen Bereichen der Geschichtswissenschaft durch diese erweiterte Perspektive gering, um nicht zu sagen inexistent. Nur in denjenigen historischen
Disziplinen, die sich mit der Frage des Funktionierens menschlicher Kultur und dem Einfluß der Körperlichkeit auf kulturelle Normen und Bedeutungsträger beschäftigen, birgt
die ultimate Erklärung von Verhalten eine verständnisfördernde, ordnende Perspektive.
Daher sind Berührungspunkte vielleicht am deutlichsten mit der sog. Körpergeschichte zu
erkennen. Diese recht junge Disziplin, der vor kurzem eine einführende Darstellung gewidmet wurde70, hat sich allerdings, wenn man dieser Einführung folgt, in weiten Teilen
dem Konstruktivismus zugewendet. Vor allem zwei Bereiche interessieren diese moderne
Körpergeschichte zur Zeit: Die Frage der (Un)Wandelbarkeit von Körpererfahrung und
die unhintergehbare leibliche Erfahrung der Subjekte.71 Ich denke, daß es in diesen Bereich aber auch durchaus ein Potential für eine naturwissenschaftliche, evolutionäre Perspektive geben sollte. Um es noch einmal deutlich zu betonen – beide Ansätze widersprechen sich ja nicht, sondern können und müssen ergänzend verfolgt werden.
70
71
Diese Disziplin hat inzwischen eine eigene einführende Darstellung gefunden: LORENZ 2000. Vgl.
hierzu die Rez. von K. PATZELT-MATTERN in H-SOZ-KULT vom 21.08.2001 u. die kritische Besprechung von Tilmann WALTER (2001, Oktober) in: Forum Qualitative Sozialforschung (FQS) 3
(2002), Nr. 1, verfügbar über http://www.qualitative-research.net/fqs/fqs.htm [Zugriff: 13.01.02].
Vgl. PLANERT 2000, 540-541.
20
Jörg Wettlaufer
Ein zweiter, vielversprechender Bereich für evolutionäre Erklärungsmodelle ist die
moderne Kulturwissenschaft, die über die Geschichtswissenschaft im engeren Sinne hinausweist. Das, was viele Historiker heute wie vor hundert Jahren interessiert, nämlich
die mehr oder weniger detailreiche Rekonstruktion von vergangenem menschlichen Leben und Handeln, kann durch keine Theorie befriedigt werden, sondern nur durch Quellenstudium. Aber in der Interpretation dieser Quellen könnte die evolutionäre Geschichtswissenschaft ihr Potential entfalten. Eine die biologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens berücksichtigende Kulturwissenschaft könnte ihr Erklärungspotential an
einer Reihe von Beispielen unter Beweis stellen. So ist zunächst an Vorrechte und Privilegien (Tafelordnungen, Sitzordnungen, Hofordnungen) zu denken, die eine kulturell
vermittelte Rangdemonstration zur Grundlage haben können.72 Weitere Themen wären
Heirats- und Erbbeschränkungen, bzw. alle impliziten oder expliziten Einschränkungen
des sog. mate choice und der Weitergabe von Ressourcen von den Eltern an ihre Kinder.
Auch wenn Kultur tatsächlich ein Epiphänomen basaler biologischer Vorgänge sein sollte, so interessiert dies Historiker und Kulturwissenschaftler zur Zeit nicht, weil diese Perspektive ihren Forschungsgegenstand dem Anschein nach entwertet. Auf Interesse könnte
allerdings eine evolutionär fundierte Kulturwissenschaft stoßen, die meines Wissens konsequent bislang noch nicht versucht worden ist.73
Bemerkenswert ist im Kontext einer ‚neuen Kulturwissenschaft‘ die Stellungnahme
des Mediävisten David Herlihy, dessen Essay über „Biologie und Geschichte: Vorschläge zum Dialog“ in leicht abgewandelter Form im Journal of Interdisciplinary History
und in dem posthum veröffentlichten Sammelband ‚Women, Family and Society in Medieval Europe‘ abgedruckt wurde. Herlihy schrieb diese „Aufforderung zum Di alog“
kurz vor seinem Tod im Februar 1991. Er versucht darin den Nutzen des evolutionsbiologischen Ansatzes für die Geschichtswissenschaft anhand der Darstellung der Entwicklung von der Polygynie zur Monogamie und der damit verbundenen Geschichte der Ehe
in Westeuropa zu erläutern, hauptsächlich unter Bezug auf die Arbeiten von Laura Betzig.74 Als Aufgaben für die Zukunft formulierte er in Anlehnung and E. O. Wilson: „The
72
73
74
Vgl. die Beispiele bei SPIESS 1997, 39-61.
In ihrem Wert für eine evolutionär inspirierte Kulturwissenschaft schwierig einzuschätzen ist die
Arbeit von Wolfgang Wurm über „Evolutionäre Kulturwissenschaft. Die Bewältigung gefährl icher Wahrheiten oder über den Zusammenhang von Psyche, Kultur und Erkenntnis“, Stuttgart
1991, die eine mehr erkenntnistheoretische Fragestellung verfolgt und durch ihre Verquickung
Freudscher, Darwinscher und humanethologischer Ideen dem oben skizzierten Ansatz eher fern
steht. Ebenfalls der Ethologie Lorenscher Prägung verpflichtet ist die sog. ,Kulturethologie‘ nach
Otto König. Vgl. hierzu „Kulturethologie. Über die Grundlagen kultureller Entwicklung“, im
Auftrage des Matreier Kreises hg. von Max LIEDTKE, München 1994.
Einen interessanten theoretischen Ansatz für die weitere Erforschung des Grundes für den Übergang von polygynen Gesellschaftssystemen zur westlichen Gesellschaft monogamer Prägung eröffnet auch B. Verbeek, wenn er zur „Überprüfung der Theorie von kultureller Prägung“ anhand
der Hypothese, daß in Epochen bzw. Gesellschaften, die in sozio-kulturellem Umbruch stehe, die
sonst beobachtbare Fitneßförderlichkeit der Konditionalprogramme nicht auszumachen ist, auf-
Von der Gruppe zum Individuum
21
great need is to investigate possible linkages between genetic programming on the subconscious level and cultural programming on the conscious level.“ 75 Damit ist deutlich
das Aufgabenspektrum umrissen, in dem sich eine evolutionäre Kulturwissenschaft in der
Zukunft bewegen müßte. Der praktische Nutzen des evolutionären Ansatzes ist dabei auf
die Quelleninterpretation beschränkt, und zwar auf die Antwort nach der Frage ‚warum‘.
Der ganze Schwarm historischer Hilfswissenschaften bleibt somit zunächst unberührt
und auch gänzlich unentbehrlich für die historische Forschung. Die Aufgabe der evolutionären Geschichtswissenschaft wäre dabei, aus der Perspektive der Historiker, die einer
historischen Hilfswissenschaft, die sich einordnen würde in die Reihe der übrigen, für die
moderne Forschung gänzlich unentbehrlichen Hilfswissenschaften.76
Otto Gerhard Oexle hat vor kurzem zurecht noch einmal darauf hingewiesen, daß der
Grundlagenstreit um die Wahrheit und die rechte Methode in der Geschichte so neu nicht
sei.77 Zur Zeit ist dieser Streit wieder aktuell und vermag die Geschichtswissenschaft und
ihre Protagonisten in nahezu ‚feindliche‘ Lager zu spalten. ‚Naturalisten‘ und die als
‚Konstruktivisten‘ oder ‚Dekonstruktivisten‘ bezeichneten Historiker (aber dies gilt natürlich auch für andere Fachgebiete) finden heute, nach dem sog. ‚linguistic turn‘, kaum
mehr zur Diskussion zusammen, sondern ergehen sich in der Regel in den immer gleichen
Argumenten, den immer gleichen (Vor-)Urteilen. Doch sind inzwischen auch vereinzelt
vermittelnde Positionen zu vernehmen, die versuchen die Errungenschaften der Erkenntnisse eines Foucault und oder eines Derrida mit dem pragmatischen Festhalten der ‚Naturlisten‘ an einer wie auch immer faßbaren Realität zu verknüpfen.78 Wenn man schließlich über die Vorurteile hinweg den Argumenten des Anderen zuhört, ergeben sich oft
eine Reihe von gemeinsamen Positionen und die Einsicht, daß der erweiterte, interdiszi-
75
76
77
78
fordert. EuS 1998, 275 ((47)). Man müßte zunächst mehr über diese ,Konditionalprogramme‘
wissen und ihre jeweilige Fitneßförderlichkeit im einzelnen nachweisen. Was ist mit Programmen, bei denen kein Fitneßvorteil zu erkennen ist? Hier liegt ein weites Feld von Aufgaben für
die Historische Demographie.
HERLIHY 1995, 260, zitiert E.O. WILSON, On human nature, Cambridge 1978. Vgl. auch
THORNHILL 1992. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Bedeutung evolutionärer Hypothesen für
die Geschichtswissenschaften anhand von kulturübergreifenden Beispielen, darunter auch historischen Gesellschaften. Als Beispiele werden Heiratsregeln, z.B. Inzest und Cousinenheirat in Relation zum Stratifikationsgrad der Gesellschaft verwendet.
Vgl. auch KLEEBERG & WALTER 2001, 72.
Vgl. OEXLE in KIESOW & SIMON 2000, 92ff.
HEJL 2001, 35-50 (Wahrnehmung als artgeschichtlich konditionierte Konstruktion). KLEEBERG &
WALTER 2001, 25. In diesem Aufsatz vertreten die Autoren im erkenntnistheoretischen Grundlagenstreit zwischen Postmoderne und naturwissenschaftlichem Empirismus (von den Autoren als
Naturalismus bezeichnet) eine vermittelnde Position eines sog. theoretischen Konstruktivismus.
In diesen Kontext der Bemühung um eine Vermittlung zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften gehören auch die folgenden Sammelbände: OEXLE 1998, KUBLI & REICHARDT 1999,
WEIGEL 2001, HEJL 2001.
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plinäre Blick meist auch eine erweiterte Erkenntnis des eigenen, begrenzten Forschungsgegenstandes mit sich bringt.
Wäre es also konkret nicht wünschenswert, wenn wir einerseits die (biologische) Realität von Körpern akzeptieren und andererseits die Diskurse, die über diese Realität geführt wurden, untersuchen könnten? Tatsächlich reicht es nicht, wenn man eine Geschichte der Körpererfahrung schreiben will, eine Beschreibung seiner, in historischen Zeiträumen unwandelbaren, Physiologie zu liefern. Natürlich muß eine solche Geschichte
auch versuchen zu beschreiben, wie und aus welchen Gründen Körper in einer bestimmten historischen Epoche wahrgenommen wurden. Doch aufgrund der zeitlichen Bedingtheit menschlicher Erfahrung zu schließen, Erkenntnis von Realität sei überhaupt nicht
möglich, ist in meinen Augen auch nur eines der vielen Glaubensbekenntnisse und damit
vielleicht eine philosophische Position, aber keine Arbeitsgrundlage für historische Forschung.
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Von der Gruppe zum Individuum. Probleme und Perspektiven