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Nigeria
Der Terrorismus,
der von weither kam
Der Erzbischof von Abuja analysiert die Situation
Nigerias nach den Attentaten auf mehrere Kirchen und
hinterfragt die Wurzeln der Terrorsekte Boko Haram:
Die Kultur dieses Terrors ist nicht nigerianischen
Ursprungs. Die katholische Kirche, die Frieden und
Harmonie will, ist Opfer des wahnwitzigen Plans jener
Gruppen, die die Länder spalten wollen, um die
Naturressourcen an sich zu reißen.
von John O. Onaiyekan
Erzbischof von Abuja
as passiert in meinem
Land, und wessen Schuld
ist es? Über die Drahtzieher
des Bombenanschlags, der am
Weihnachtstag auf die Kirche St.
Therese in Madalla, nahe Abuja, verübt wurde, liegen keine genauen Angaben vor. Zu dem Blutbad hat sich
die radikalislamistische Sekte Boko
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Haram bekannt, Menschen ohne
Gesicht, deren Ideologie die des internationalen Terrorismus ist. Es ist
eine facettenreiche Gruppe mit widersprüchlichen Interessen. Einige
von ihnen sollen sogar in den Trainingscamps der Taliban und Al-Qaidas in Afghanistan und im Norden
Pakistans ausgebildet worden sein.
Sie gehören zu jenen Extremisten,
die leider auch in Nigeria eine Vorstellung von der Scharia haben, für
die Gräueltaten wie das Abhacken
von Händen und die Steinigung von
Ehebrecherinnen an der Tagesordnung sind. Sie sind eine Minderheit,
aber verantwortlich für ein großes
Chaos – und leider müssen wir fest-
NACH DEM BLUTBAD AM WEIHNACHTSTAG
Links oben, zwei Aufnahmen
der Kirche St. Therese in Madalla
(nahe Abuja, der Hauptstadt
Nigerias), wo während
der Weihnachtsmesse am 25.
Dezember 2011 eine Autobombe
gezündet wurde (25 Todesopfer).
Zu dem Anschlag bekannte sich
die radikalislamistische Gruppe Boko
Haram.
stellen, dass nach Jahren, in denen
wir hofften, dieses Phänomen durch
die Durchsetzung der Gesetze und
Verhandlungen in den Griff zu bekommen, in Nigeria inzwischen eine
Kettenreaktion ausgelöst worden ist.
Ich wiederhole, dass die Kultur dieser Extremisten nicht nigerianisch ist,
sondern mit dem internationalen Terrorismus zu tun hat. Und welche Rolle
hat man dem Islam dabei zugedacht?
Wir wissen, dass die Beziehung
zwischen Kirche und Islam in Afrika
nicht überall gleich ist. In vielen afrikanischen Ländern funktioniert das
Zusammenleben, auch wenn es
manchmal von Episoden gestört
wird, die dem Frieden nicht zuträglich sind – Aktionen, die auf das Konto angeblicher Islamisten gehen. Im
Norden unseres Kontinents
bemühen sich die kleinen christlichen Minderheiten in vorwiegend
muslimischen Ländern – ebenso wie
im Nahen Osten – darum, ein
Gleichgewicht für das Zusammenleben zu finden. In Nigeria kann man
nicht von einer kleinen christlichen
Minderheit sprechen: hier sind die
Christen zahlenmäßig genauso stark
vertreten wie die Muslime. Der einzige Weg, die Selbstzerstörung zu vermeiden, ist die gegenseitige Anerkennung und größtmögliche Gleichstellung. Das würde jeder nigerianische Muslim voll und ganz bejahen:
dessen bin ich gewiss. Christen und
Muslime haben auf institutioneller
Der nigerianische Präsident
Goodluck Jonathan,
links auf dem Foto,
und der Sultan von Sokoto,
Muhammad Sa’ad Abubakar,
geistlicher Führer der Muslime
Nigerias und Präsident
des Obersten Rates Nigerias für
islamische Angelegenheiten
(Abuja, 27. Dezember 2011),
bei ihrer Begegnung nach den
blutigen Attentaten auf Christen
am Weihnachtstag.
und gesellschaftlicher Ebene ein derartiges Gleichgewicht erreicht, dass
man im täglichen Leben nicht sagen
kann, ob jemand dem islamischen
oder dem christlichen Glauben angehört – und das gilt für das Mitglied
des Establishments genauso wie für
den einfachen Straßenverkäufer.
Nur die Terrorakte spekulieren mit
den Unterschieden. Viele sind – zu
Recht – der Meinung, dass Boko Haram geradezu bezwecken will, dass
die Christen reagieren, dass sie zu
den Waffen greifen. Das aber würde
das absolute Chaos bedeuten, das
Ende des Nigerias, das wir heute kennen. Und genau das will man: man
sät Zwietracht, damit sich eine nicht
wieder gut zu machende Kluft unter
den Christen auftut.
Unter der allgemeinen Definition
„nigerianische Christen“ versteht
man verschiedene Denominationen.
Unsere katholische Gemeinde steht
voll und ganz hinter dem, was ihr die
Kirche von Rom vorgibt (nicht befiehlt!), und befolgt es auch. Das gilt
besonders für den Bereich des religiösen Dialogs, der die einzige Art und
Weise ist, dem Land Frieden zu geben – obwohl gewisse protestantische Gruppen das anders sehen und
uns kritisieren. Manche gehen sogar
soweit, den Islam als solchen zu verleumden, und scheren alle mit Boko
Haram über einen Kamm. Mit diesen
christlichen „Ultras“ haben wir wenig
gemeinsam. Sie wollen keinen Dialog, und tun nichts anderes, als die
Extremisten zu provozieren, deren
Reaktion meist auch nicht lange auf
sich warten lässt: und dann kann es
schon vorkommen, dass am Weihnachtstag vor einer katholischen Kirche eine Bombe explodiert. Und das
trifft wieder einmal nur uns, die wir alles getan haben, um die religiöse Harmonie in unserem Land zu fördern,
und die wir auch weiter die Wahrheit
sagen werden.
Außer- und innerhalb unseres
Landes kritisiert man unsere Aufgeschlossenheit den Muslimen Nigerias
gegenüber. Für uns ist es kein Widerspruch, auf der einen Seite den Dialog zu fordern, von den islamischen
Religionsführern aber auch zu verlangen, die Terroristen zu entlarven,
die sich in ihre Gemeinschaften eingeschleust haben. Gerade wegen der
für uns selbstverständlichen ge- ¬
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genseitigen Ehrlichkeit machen wir
uns keine großen Gedanken darüber,
ob etwas „politically correct“ ist oder
nicht. Die muslimischen Führer wissen nur allzu gut, dass die Boko-Haram-Gruppe Muslime und Christen
auf dem Gewissen hat. Sie wissen
sehr wohl, dass das Problem der vermeintlichen muslimischen Terroristen auch sie betrifft. Am Weihnachtstag mussten in Madalla auch
Muslime ihr Leben lassen. Ebenso
offen und ehrlich sagen wir auch,
dass es keine Vergeltungsmaßnahmen seitens der Katholiken geben
wird. Wir sagen das in dem Bewusstsein, dass es nicht unsere Aufgabe,
sondern die der Zentralregierung ist,
die Bürger zu schützen.
Es wäre falsch zu denken, dass die
Rivalität zwischen Christen und Muslimen Teil des Plans ist. Das Land
gehört uns allen, Christen und Muslimen: wir alle sind Bürger eines reichen Staates, der Öl exportiert und
wo eine Nord-Süd-Spaltung unmöglich machbar wäre. Wenn hier jemand die Zwei-Staaten-Theorie vertritt (islamisch im Norden und christlich im Süden, nach dem Modell des
Sudan), dann wissen wir, dass er rein
gar nichts verstanden hat. Die Rea28
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lität sieht anders aus: es gibt Christen,
die nicht nur im Norden leben (gemeinsam mit den islamischen HausaFulani), sondern die auch aus dem
Norden stammen. Fast 50 Prozent
meiner Ethnie Yoruba dagegen, die
traditionell aus dem Süden stammt,
sind Muslime. Wo ziehen wir also die
Grenze, wo sollen wir unsere Schützengräben bauen, wenn uns jemand
in die Schlacht führt?
Wer der katholischen Kirche
Schaden zufügt, trifft damit die, die
die Eintracht wollen. So tut man
nichts anderes, als Chaos zu schaffen
und gewaltsam Spaltungen herbeizuführen in unseren Religionen, Christentum und Islam: denn so würden
die „Hardliner“ in den jeweiligen
Gruppen letztendlich ihre zum Dialog
bereiten Religionsbrüder bezichtigen,
zu schwach und nachgiebig zu sein.
Hinter dem Religionskonflikt
steckt eine andere Wahrheit. Die
Auseinandersetzungen haben mit
Stammesfehden zu tun, mit politischen und wirtschaftlichen Zwistigkeiten, deren Ursachen oft in der ungerechten Verteilung des Ölreichtums zu suchen sind. Dazu kommen
noch die erschreckend hohe Arbeitslosenquote und die mehr oder weni-
ger totale Unfähigkeit der Zentralregierung, einzuschreiten. Eine Regierung überdies, deren angeblich legitime Wahl noch bis vor kurzem vor Gericht erstritten werden musste. Der
derzeitige Präsident ist ein Christ, und
mit seiner Wahl wurde der traditionelle Wechsel zwischen einem islamischen und einem christlichen Leader
unterbrochen. Die politische Führung der afrikanischen Länder ist in
den eigenen Reihen in verschiedene
Faktionen gespalten, die nicht so
recht zu wissen scheinen, wo es langgehen soll. Hoffen wir, dass sie sich
endlich einig werden, dass die Regierung mit der Opposition zusammenarbeitet und sich nicht auf Kompromisse mit den Terroristen einlässt.
Diese Terroristen kennt man unter
dem Namen Boko Haram, was in der
Sprache Hausa soviel heißt wie
„Westliche Erziehung ist Sünde“. Eine der vielen Definitionen also, die auf
einen Zusammenprall der Kulturen
abzielen. Aber diese Art Erziehung
wurde nicht auferlegt, weder von den
englischen Kolonialherren, noch von
den nigerianischen Regierungen, die
in den letzten 50 Jahren aufeinander
gefolgt sind, einschließlich der des
Nordens mit muslimischer Mehrheit.
NACH DEM BLUTBAD AM WEIHNACHTSTAG
Links, der UNO-Sitz
in Abuja, auf den
am 26. August 2011
ein Terroranschlag
verübt wurde,
bei dem 18 Menschen
ums Leben kamen.
Auch zu diesem
Blutbad bekannte
sich die Boko-HaramGruppe. Rechts,
eine Bohrinsel
des Ölkonzerns
„Total“ in Amenem,
35 km entfernt
von Port Harcourt
im Niger-Delta.
Niemand ist bei uns gezwungen, dieses Erziehungs- oder Gesellschaftsmodell gutzuheißen. In Nigeria gibt es
keinen Zwang; jeder bekommt die religiöse Bildung, die er wünscht.
Boko Haram gründet sich auf den
– weit verbreiteten – Irrtum, die Kirche mit einer Kultur zu identifizieren.
Und dieses Missverständnis zieht
weite, um nicht zu sagen weltweite,
Kreise. Vor nicht allzu langer Zeit
wurde ich zu einer Konferenz nach
Madrid eingeladen, die sich mit dem
Thema der Konfrontation zwischen
Islam und Westen befasste. Diese
Herren hielten tatsächlich eine Konferenz, ausgehend von der Meinung,
das Christentum sei westlich und
dem Islam gegenüber feindlich gesinnt. Ich fragte also, wo ich sitzen
sollte – immerhin war ich weder aus
dem Westen noch war ich Muslim,
sondern Nigerianer und Christ. Vielleicht haben mir die „westlichen Vertreter“ dieser Konferenz übelgenommen, was ich gesagt habe. Aber sie
waren ja selbst nicht bereit, das Christentum zu verteidigen, während die
islamischen Repräsentanten nur
über die Religion diskutierten… Kurzum: die Kirche befand sich gewissermaßen in einer „Zwickmühle“.
Wer von „Boko Haram“ spricht,
benutzt einen Slogan, der sich eines
Stereotyps bedient, das gerade „in“
ist und letztendlich die öffentliche
Meinung nur noch mehr vergiftet.
Außerdem hat sich die Gruppe, die
diese Attentate verübt, in Wahrheit
ursprünglich einen arabischen Namen gegeben, der sich allgemein,
wie bei anderen Gruppen der Fall,
auf den Dschihad bezieht und keinesfalls bedeutet „Westliche Erziehung ist Sünde“. Dieses Etikett hat
man ihm erst später aufgedrückt.
Aber diese Verbrecher, die die Botschaft Boko Harams mit gewaltsamen Mitteln verbreiten, haben ihre
„westlich“ geprägte Ausbildung
nicht selten sogar im Westen erworben. In Nigeria kommt man ohne
„westliche Bildung“ nicht weiter: ohne sie kann man z.B. im nigerianischen Heer keine Offizierskarriere
machen. Erst unlängst haben Verfechter von Boko Haram eine bühnenreife öffentliche Verbrennung ihrer als „nutzlos und schädlich“ definierten Uni-Diplome inszeniert.
Aber hier kann man wohl kaum
noch von Rationalität sprechen.
Hier haben wir es mit Menschen zu
tun, die einer kontinuierlichen Ge-
hirnwäsche unterzogen wurden;
Menschen, mit denen schon ein einfaches Gespräch riskant sein kann.
Unsere katholische Gemeinschaft ist mit allen im Frieden. Die
Kirche hat sich definitiv für die Religionsfreiheit ausgesprochen und damit jedem möglichen Missverständnis vorgebaut. Die Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte keine Angst vor der Moderne; sie hat sie
verstanden und angenommen – und
hat uns die Mittel gegeben, den Dialog mit der Welt voranzutreiben.
Eine halbherzige Religionsfreiheit
können wir nicht akzeptieren. Wir
wollen nicht das übliche „ja, aber …“
hören, das nur bedeutet, dass man
jemandem seine Religionsfreiheit
verwehrt – auch die unsrige.
Die Lehren des Konzils sind ein
Reichtum, der uns erlaubt, zusammenzuleben – in der Welt und mit
den verschiedenen Religionen, die
vielleicht diesen Reichtum noch
nicht besitzen und sich bemühen, in
ihren Theologien Rechtfertigungen
dafür zu finden, eine Beziehung zur
Moderne aufzubauen. Dass im Koran, wie in der Bibel, ein jeder Passagen finden kann, die zur Rechtfertigung für Intoleranz und Gewalt ausgelegt werden können, gilt sowohl
für meine muslimischen Freunde als
auch für mich selbst. Im Buch der
Richter bietet Gott eine ganze Armee auf, um die Heiden zu bekämpfen…! Aber der Herr will, dass wir in
dieser Welt in Frieden zusammenleben und ihn als Vater anerkennen.
Und man darf niemanden zwingen:
wer Muslim werden will, muss frei
sein, es zu tun; und ebenso freigestellt muss es ihm sein, Christ zu bleiben. Und der Staat muss die Garantie dafür liefern, dass das friedlich geschehen kann. Das ist mein Verständnis von Religionsfreiheit: ich
bin Christ aus Gnade Gottes, aber
das bedeutet nicht, dass diese Gnade
immer und allen gegeben wird. Der
Glaube kennt keinen Zwang. Hier in
Nigeria zitieren wir oft und gerne eine schöne Sure aus dem Koran:
„Und wenn Gott gewollt hätte, hätte
er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht“.
(Zusammengestellt
von Giovanni Cubeddu,
dem Autor zur Revision vorgelegt)
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