Elektronische Masterarbeiten - Deutsche Hochschule der Polizei

Werbung
Elektronische Masterarbeiten
Hinweis zum Urheberrecht:
Für Dokumente, die in elektronischer Form über Datennetze angeboten werden, gilt uneingeschränkt
das Urheberrechtsgesetz (UrhG).
Nach § 53 des Urheberrechtsgesetzes dürfen von geschützten Werken einzelne Vervielfältigungen
(z.B. Kopien, Downloads) nur zum privaten, eigenen wissenschaftlichen oder – mit Einschränkungen –
sonstigen eigenen Gebrauch hergestellt werden, d.h. die Vervielfältigungen dürfen nicht an Dritte
weitergegeben werden. Jede weitergehende Nutzung bedarf der ausdrücklichen vorherigen
schriftlichen Genehmigung der Urheberin/des Urhebers bzw. der Autorin/des Autors.
Die Benutzerin/Der Benutzer ist für die Einhaltung der Rechtsvorschriften selbst verantwortlich. Sie/Er
kann bei Missbrauch haftbar gemacht werden.
Masterarbeit
Thema der Arbeit:
Die Polizeipräsidenten in Erfurt
während der NS-Zeit
Masterstudiengang
„Öffentliche Verwaltung – Polizeimanagement“
Deutsche Hochschule der Polizei/Münster
Studiengang 2007/2009
Bearbeiter:
Andreas Röhner
Kriminaloberkommissar
Betreuer
Herr Dr. Wolfgang Schulte
(Deutsche Hochschule der Polizei)
Zweitgutachter
Herr KD Dr. Andreas Schneider
(Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Polizei)
Themenausgabe
Abgabedatum
04. Mai 2009
27. Juli 2009
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung............................................................................................................ 4 1.1 Fragestellung / Eingrenzung ...................................................................... 5 1.2 Forschungsstand / Quellen ......................................................................... 5 2 Die Entwicklung der Polizei im NS-Staat .......................................................... 7 2.1 Vorbemerkungen ........................................................................................ 7 2.2 Die Machtübergabe 1933 ........................................................................... 7 2.3 Die „Röhm-Revolte“ 1934 ....................................................................... 13 2.4 Die Verschmelzung mit der SS 1935-1937.............................................. 14 2.5 Die 1. Kriegsphase 1939-1941 ................................................................. 20 2.6 Die 2. Kriegsphase 1941-1942 ................................................................. 22 2.7 Der Übergang zum „Totalen Krieg“ 1943 ............................................... 24 2.8 Die Kriegsendphase 1944-1945 ............................................................... 25 3 Die Polizei im preußischen Regierungsbezirk Erfurt 1933-1945 ..................... 28 3.1 Der preußische Regierungsbezirk Erfurt.................................................. 28 3.1.1 „Provinzial“ – Einordnung ......................................................... 28 3.1.2 Die Verwaltungsstruktur im Überblick ...................................... 28 3.2 Die Stadt Erfurt im Nationalsozialismus ................................................. 29 3.3 Das Polizeipräsidium Erfurt: Formelle und informelle Instanzen des
NS-Herrschafts- und Unterdrückungsapparates ................................. 35 3.3.1 Organisationsstruktur und Aufgaben des Polizeipräsidiums...... 38 3.3.2 Das Personal ............................................................................... 46 3.3.3 Die Liegenschaft......................................................................... 50 4 Die Erfurter Polizeipräsidenten während der NS-Zeit ..................................... 50 4.1 Überblick .................................................................................................. 50 1
4.2 Werner von Fichte – „Wiking-Führer“ und SA-Mann ............................ 52 4.3 Karl Pflomm – Der „Alte Kämpfer“ ........................................................ 65 4.4 Alexander von Woedtke – Ein Mann für alle Fälle ................................. 75 4.5 Heinrich (Heinz) Wicke – Der unbedingte Nationalsozialist .................. 84 4.6 Otto Gieseke – Der Kommandeur ............................................................ 92 5 Nachkrieg.......................................................................................................... 96 6 Schlussbetrachtung ......................................................................................... 100 Abkürzungsverzeichnis ....................................................................................... 104 Literaturverzeichnis ............................................................................................. 106 Quellenverzeichnis .............................................................................................. 113 Anhang 1-6 .......................................................................................................... 114 2
Vorwort
Die vorliegende Masterarbeit beschäftigt sich mit der Polizei im NS-Staat und insbesondere mit dem Polizeipräsidium Erfurt im Zeitraum von 1933 bis 1945. Dabei wird
der Schwerpunkt auf die Betrachtung der Entwicklung der Polizeipräsidenten, von
Kontinuitäten und Brüchen in der jeweiligen Amtsperiode, gelegt.
Bei der Anfertigung dieser Arbeit haben mich viele Personen unterstützt. Ich bedanke
mich bei Frau Kock (DHPol) für die freundliche Hilfe, Recherche und Beschaffung
von unentbehrlicher Literatur. Ferner bedanke ich mich bei den Archivmitarbeitern, die
mich bei den notwendigen Aktenrecherchen unterstützt haben, insbesondere bei Herrn
Juchheim und Herrn Dr. Herrmann (Bundesarchiv, Außenstelle Ludwigsburg), Herrn
Renz (Hauptstaatsarchiv Stuttgart), Frau Bock und Herrn Dr. Boblenz (Thüringisches
Hauptstaatsarchiv Weimar), Frau Barthel (Thüringer Staatsarchiv Gotha) und Frau
Rose (Stadtarchiv Erfurt) für die Auskünfte und Hilfestellungen.
Zum Suizid des SS-Brigadeführers Karl Pflomm gab es unterschiedliche Ausgangsinformationen. Ich bedanke mich bei dem Vorsitzenden des Geschichts- und Forschungsvereins Walpersberg e.V., Herrn Gleichmann, für die bereitgestellten Unterlagen zur
definitiven Feststellung, dass Pflomm sich und seine Familie in Hummelshain erschoss.
Frau Jornitz vom Bildungszentrum der Thüringer Polizei danke ich herzlich für die
Korrekturen und Überarbeitungen.
Insbesondere bedanke ich mich bei den Betreuern der Arbeit, Herrn Dr. Schulte
(DHPol) und Herrn Dr. Schneider (VFHS Thüringen, Fachbereich Polizei), für die hilfreichen Informationen und Anregungen bei der Erstellung dieser Masterarbeit.
Nicht zuletzt bin ich meiner Frau Christine und meinen Eltern, die mir während des
Studiums und der Fertigung der Arbeit stets helfend beiseite gestanden haben, dankbar.
3
1
Einleitung
Die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ermöglicht ein zureichendes
Verständnis für die Gegenwart sowie eine verantwortungsvolle Gestaltung der Zukunft.
Zwölf Jahre Nationalsozialismus bilden das schwärzeste Kapitel deutscher Geschichte
und gehören zu unserem historischen Erbe. Dem Selbstverständnis einer modernen
Polizei gebührt es, sich neben aktueller Polizeiarbeit ebenso mit der Berufsgeschichte
auseinanderzusetzen. Dabei muss die Beschäftigung mit den zentralen historischen
Fehlentwicklungen der deutschen Geschichte zu einem permanenten Prozess werden.
Für die polizeiliche Alltagsarbeit, insbesondere nach negativen Schlagzeilen in der
Presse, ist das Wissen über die Rolle der Organisation Polizei im NS-Staat und die Verdeutlichung des heutigen sensiblen und kritischen Umgangs mit rechtsextremen
Phänomenen unverzichtbar. Besonders in der polizeilichen Aus- und Fortbildung sind
jungen Menschen ethische Dimensionen zu vermitteln und dementsprechend auch
Werte zu festigen. Dabei stellt die Auseinandersetzung mit antisemitischen und
fremdenfeindlichen Entwicklungen in Deutschland und deren aktuelle Vermittlung
einen wesentlichen Bestandteil dar. In einem polizeilichen Führungsverständnis müssen
Kenntnisse über die Entwicklung der Organisation Polizei als wichtigstes innenpolitisches Machtinstrument vorhanden sein, um sich stetig der persönlichen Rolle für
die Mitgestaltung einer Bürgerpolizei im demokratischen Rechtsstaat vergewissern zu
können. Neben dieser berufsethischen Betrachtung stellt sich die Frage, wie man Untersuchungen im regionalen Kontext nachgeht und die gewonnenen Erkenntnisse aktiv
nutzen kann.
Die nachfolgende Masterarbeit beschäftigt sich mit den amtierenden Polizeipräsidenten
in Erfurt in der Zeit des Nationalsozialismus. Es handelt sich dabei um folgenden Personenkreis:
- Regierungsrat Rabe von Pappenheim,
- SA-Obergruppenführer Werner von Fichte,
- Staatsrat Franz Albert Stange,
- Landrat Philipp Harte,
- SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Karl Pflomm,
- SS-Oberführer und Hauptmann d.R. a.D. Alexander von Woedtke,
- SS-Standartenführer Heinrich (Heinz) Wicke,
- SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Otto Gieseke.
4
Die Darstellung des Wirkens einzelner Personen bedarf der Erörterung des zeitlichen
und organisatorischen Kontextes jener Epoche. Aus diesem Grund erfolgt eine grundsätzliche Annäherung an die spezifischen Biografien der jeweiligen Polizeipräsidenten.
1.1
Fragestellung / Eingrenzung
Zuerst wird dargestellt, wie die Entwicklung der deutschen Polizei in der Zeit des
Nationalsozialismus verlief. Dabei sind wesentliche Ereignisse und deren Bedeutung
für die Polizei skizziert. In einem zweiten Schritt wird der preußische Regierungsbezirk
Erfurt während der NS-Zeit 1933-1945 dargestellt. In diesem Kontext erfolgen die allgemeine Einordnung innerhalb der preußischen Provinz Sachsen und die Erörterung
der Strukturen sowie der Aufgaben des damaligen Polizeipräsidiums Erfurt. Im
Schwerpunkt beschäftigt sich die Arbeit dann mit dem Wirken der Polizeipräsidenten,
die in der Zeit von 1933 bis 1945 das Erfurter Polizeipräsidium leiteten.
Folgende Untersuchungsfragestellungen liegen der Arbeit zugrunde:
1.
Welche Verantwortung und welcher Einfluss wurde den jeweiligen Polizeipräsidenten zuteil und wie waren diese in der Organisationshierarchie des
NS-Staates strukturell eingebunden?
2.
Was prädestinierte diese Personen aus Sicht der nationalsozialistischen Führung für eine leitende Stelle in der Organisation Polizei?
3.
Welchem Wandel unterlagen die Wirkungsfelder der Polizeipräsidenten
1933-1945 und was hatte das für Auswirkungen?
4.
Welche Erkenntnisse über Schicksale bzw. Karrieren der Polizeipräsidenten
in der Nachkriegszeit lassen sich gewinnen?
Eine Eingrenzung wird aufgrund der Vielzahl von aufgefundenen Dokumenten vorgenommen. Fünf der acht amtierenden Polizeipräsidenten werden hinsichtlich der Untersuchungsfragen ausführlich betrachtet. Alle Personen werden jedoch im biografischen
Anhang1 anhand der Fakten ihres Lebensverlaufes dargestellt.
1.2
Forschungsstand / Quellen
Über die Rolle der Polizei im Nationalsozialismus, und insbesondere über die Einbindung von Polizeibataillonen während der Shoah, wurden aufschlussreiche Forschungsleistungen erbracht.2 Neben einer Vielzahl von veröffentlichten Lokal- und Regionalstudien zum Wirken der Ordnungspolizei soll diese Arbeit anhand der Kollektiv-
1
2
Der biografische Anhang befindet sich im Anhang 6.
Klemp (2005), Kenkmann, Spieker (2001), Dams, Dönecke, Köhler (2007), u.a.
5
biografie von Polizeipräsidenten einen Beitrag zur Betrachtung der Thüringer Geschichte leisten. Das Thema „Die Polizeipräsidenten in Erfurt während der NS-Zeit“
stellte bisher ein Forschungsdesiderat dar. Es soll aufgezeigt werden, wer die Männer
waren, die im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie bei Verbrechen gegen Juden
und anderer Zielgruppen mitwirkten.
Die Spannweite der in der Literatur gefundenen Hinweise geht von verstreuten Befunden des Wirkens einzelner Personen, bis hin zu den spezifischen biografischen Angaben3 von Karl Pflomm und Otto Gieseke. Die gefundenen Einzelinformationen
wurden im Detail geprüft und mit den gesichteten Akten abgeglichen. Hierbei entstand
im Resultat eine kollektivbiografische Auflistung von Ereignissen, die den Lebensverlauf jedes einzelnen Polizeipräsidenten, hauptsächlich in seiner nationalsozialistischen
Verwendung, darstellt.
Für die vorliegende Untersuchung war es notwendig, umfangreiches Material durch
archivalische Studien zu erschließen. Recherchen im Bundesarchiv Berlin, Außenstelle
Lichterfelde (ehemals Berlin Document Center) ermöglichten ein ansehnliches Bild
über die Personen innerhalb der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei
(NSDAP), der Schutzstaffel (SS) und dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Die
Quellenlage zu den Nachkriegsverfahren ist spärlich. Einzig die Einblicke zur Person
Alexander v. Woedtke in den Ermittlungsakten der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg rundeten dessen Wirken in der NS-Zeit durchaus ab. Bestände des Thüringischen Staatsarchivs Gotha verhalfen zu einem Überblick über die
organisatorische und personelle Entwicklung der Polizei im preußischen Regierungsbezirk Erfurt.4 Hierdurch konnten zeitliche Ereignisse teilweise rekonstruiert werden.
Im Stadtarchiv Erfurt konnte vereinzelter Schriftverkehr des Oberbürgermeisters mit
den Polizeipräsidenten und Informationen zur genutzten Liegenschaft gewonnen
werden. Im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar wurden Akten zu Otto Gieseke
gesichtet und ausgewertet. Durch Recherchen im Kreisarchiv Saale-Holzland-Kreis
konnten gesicherte Aussagen zum Tod Pflomms gewonnen werden. Persönliche
Dokumente der Personen, wie Aufzeichnungen, Tagebücher und privater Schriftverkehr, lagen nicht vor.
3
4
Detaillierte Angaben zu Karl Pflomm und Otto Gieseke in: Schulz, Zinke (2008, 495-500)
und Schulz, Wegmann (2003, 376-378).
Unter anderem liegen im Staatsarchiv Gotha die Einwohnerbücher der Jahre 1926, 1928,
1930 und dann wieder beginnend ab 1935, 1937/1938, 1938, 1939/1940, 1941/1942 vor.
6
Auch die Beschreibung des Aufgabenwandels gestaltete sich schwierig. Einzig auf
Grundlage der Einwohnerbücher Erfurt, aus dem Staatsarchiv Gotha basierend,
konnten der Aufbau und die Zuständigkeit des Polizeipräsidiums beschrieben werden.
2
Die Entwicklung der Polizei im NS-Staat
2.1
Vorbemerkungen
In einer komprimierten Form werden folgend der Prozess der Loslösung der Polizei
von rechtsstaatlichen Prinzipien und die spezifischen nationalsozialistischen Elemente
dieser Entwicklung dargestellt. Dabei sind die für die Auseinandersetzung wichtigen
Gesichtspunkte der Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933 bis zur Shoah unter dem
Aspekt der Mitwirkung der Polizei betrachtet worden. Dieses Kapitel bemüht sich,
wesentliche Grundlagen für das Verständnis der Rolle der Polizei im NS-Staat zu
schaffen. In einer überblickartigen Darstellung wird aufgezeigt, wie durch den Zugriff
der nationalsozialistischen Machthaber auf die Polizei ein Agieren frei von rechtsstaatlichen Normen ermöglicht wurde. Dabei wird deutlich, wie die Akteure des NSStaates ihr eigenes Selbstverständnis entwickelten, in ihrem „Bezugsrahmen“ handelten
und in „ihrer Zeit“ lebten. Überdies interessiert insbesondere die Schaffung eines Verständnisses für den zeitlichen Wandel der Rollen und der Funktionen der Polizei.
Nach dem spezifischen Ansatz von Ernst Fraenkels „Der Doppelstaat“ durchlebte die
Polizei die Transformation von einem Normenstaat, der an Gewaltenteilung und Gesetzgebung gebunden war, hin zu einer Institution des parallel existierenden Maßnahmenstaates. Hierbei wird deutlich, wie alte und neue Vorschriften im Rahmen des
Normenstaates in dem Maße weiterbestanden, wie sie zur Sicherung der Macht notwendig waren. Gleichzeitig handelte das nationalsozialistische Regime im Sinne des
Maßnahmenstaates unabhängig von Vorschriften, um seine politischen Ziele zu verwirklichen. Letztgenanntes setzte sich vielmals gegen den Normenstaat durch. Folgend
soll dieser Entwicklungsprozess der Polizei dargestellt werden.
2.2
Die Machtübergabe 1933
Mit der Ernennung Hitlers am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler änderte sich die
politische Konstellation in Deutschland von Grund auf (Wehler 2009, 52). Durch die
Beauftragung von Wilhelm Frick als Reichsminister des Innern und Hermann Göring
7
als Reichsminister ohne Geschäftsbereich,5 der zugleich Preußischer Minister des
Inneren war, standen ihm dabei zwei führende Nationalsozialisten im Kabinett zur
Seite. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten spielten diese Berufungen
eine entscheidende Rolle, da man nun zur Entledigung der politischen Gegner die notwendige Exekutivgewalt der unterstellten Ordnungsorgane innehatte. Göring besaß als
Dienstherr die Verfügungsgewalt über die preußische Polizei, was zu seiner „persönlichen Machtentfaltung“ (Leßmann 1989, 388) diente.6 Dies wurde u.a. durch ein
Schreiben des preußischen Ministers des Innern vom 15. Februar 1933 an die Polizeiverwaltungen verdeutlicht, indem jede polizeiliche Überwachung der NSDAP und der
ihr angeschlossenen Organisationen verboten wurde.7
Mit dem am 07. Februar 1933 ernannten „Kommissar zur besonderen Verwendung“,
SS-Gruppenführer Kurt Daluege,8 begannen die politischen Säuberungsaktionen des
preußischen Polizeiapparates (Leßmann 1989, 384-385). Hierbei wurden am 15. Februar 1933 dreizehn preußische Polizeipräsidenten ihrer Ämter enthoben und teilweise
durch SA-Führer ersetzt (Leßmann 1989, 386). Dabei darf nicht unbeachtet bleiben,
dass bereits während des „Preußenschlages“ der Regierung Papen am 20. Juli 1932 republiktreue Polizeioffiziere ihres Amtes enthoben wurden (Linck 2000, 24). Hintergrund dieser Aktion war das besondere Interesse an der preußischen Schutzpolizei, die
als „republikanische Schutztruppe“ galt und als größte Polizeiorganisation der
Weimarer Republik angesehen wurde. In den 44 staatlichen Polizeiverwaltungen Preußens9 enthob man bis Anfang Oktober 1932 zweiundzwanzig sozialdemokratische
5
6
7
8
9
Daneben war Göring Reichskommissar für Luftfahrt.
Mit der am 06. Februar 1933 in Kraft gesetzten „Verordnung des Reichspräsidenten zur Herstellung geordneter Regierungsverhältnisse in Preußen“ hatte Göring die volle Verfügungsgewalt über die preußische Polizei erhalten (Wilhelm 1999, 37).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 12962, Bl. 46.
Kurt Daluege, geboren am 15. September 1897 in Kreuzburg, Beruf: Ingenieur, Angehöriger
des Freikorps Roßbach, anschließend Ingenieur bei der Müllabfuhr in Berlin, Gründer und
Führer der 1. SA-Gruppe in Berlin, 1928 bis 1933 Führer der SS-Gruppe Ost, 1932 Mitglied
des Preußischen Landtages, NSDAP-Fraktion, 05. Mai 1933 Ministerialdirektor, 15. September 1933 Generalleutnant der Preußischen Landespolizei und Preußischer Staatsrat, 12. November 1933 Mitglied des Reichstages, Wahlkreis Berlin-Ost, 1936 Chef der Ordnungspolizei, 29. April 1942 Generaloberst der Polizei und SS-Oberstgruppenführer, stellvertretender
Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, 24. Oktober 1946 von den Tschechen hingerichtet
(Stockhorst 2000, 97).
In der Sitzung des Preußischen Staatsministeriums vom 22. Juli 1932 (Nr. 80) wurde u.a. beschlossen, dass in Erfurt der Oberregierungsrat Kretzschmar als kommissarischer Polizeipräsident eingesetzt wird (http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/1000/
vpa/vpa1p/kap1_2/kap2_81/para3_2.html;jsessionid=3B0F0CEACEFFD0C7D114429990BE
0587?highlight=true&search=Wiesmann&stemming=false&pnd=&start=&end=&field=all,
letzter Zugriff vom 18. Juli 2009).
8
Polizeipräsidenten ihres Amtes und 94 der 588 politischen Beamten wurden entlassen
(Leßmann 1989, 371).10
Göring vermittelte die Spannungen zwischen der Sturmabteilung (SA) und dem aus
deren Sicht „mißachtete und bisweilen gefürchtete Büttel des alten Systems“ (Leßmann
1989, 389) der Schutzpolizei durch Integration von SA-Angehörigen in Polizeipositionen. Dabei achtete er bedächtig darauf, dass Röhm und Himmler ihre Leute
nicht frei auf höheren Polizeiposten platzierten, was ihm in seiner Stellung geschadet
hätte (Leßmann 1989, 386). Weiterhin bestand das Problem, qualifiziertes Personal in
der Polizei nachzuführen, weshalb häufig die Versetzung von „unzuverlässigen“
Beamten erfolgte (Linck 2000, 27). Unerwünschtes Personal, wie Beamte „nichtarischer Abstammung“ und KPD-Angehörige, wurden insbesondere auf Grundlage des
„Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“11 vom 07. April 1933 entlassen. Bis zum 31. Dezember 1933 erfolgte durch diese rechtliche Legitimation in der
Schutzpolizei die Entlassung bzw. Ruhestandversetzung von 7,3% der Offiziere und
1,7% der Polizeiwachtmeister (Leßmann 1989, 386). Diese bewusst verursachte Unsicherheit übte den gewollten Druck in der Beamtenschaft aus, die dadurch in den
folgenden Umorganisationsprozessen besser zu kontrollieren war. Die Umstrukturierung vollzog sich in weiten Teilen der Führungsebene, in der eine nationalsozialistische Gesinnung ausschlaggebend für die Besetzung war.
Göring verfügte am 17. Februar 1933 den in der Historik bekannten „Schießerlass“, der
der preußischen Polizei den Waffengebrauch gegen kommunistische „Terrorakte“ erlaubte. Neben der Anweisung, mit der SA, der SS und dem Stahlhelm zu kooperieren,
wurde die Polizei zum Gebrauch der Waffe gegen „Staatsfeinde“ ermächtigt (Leßmann
1989, 392). An dieser Stelle darf die Aufstellung der Hilfspolizei in Preußen am 22.
Februar 193312 nicht unerwähnt bleiben, die als „zeitlich befristete Sonderorganisation
der Polizei rechtlich legitimiert war“ (Linck 2000, 27). Mit dem Einsatz der mindestens
50.000 Hilfspolizisten im Zeitraum März bis Juni 1933 (Leßmann 1989, 392), welche
u.a. durch Polizeioffiziere geführt wurden, sicherten sich die Nationalsozialisten ihre
Macht ab. Die mit einer weißen Armbinde gekennzeichneten Hilfspolizisten, größtenteils aus den Reihen der SA und SS rekrutiert (Wehler 2009, 59), waren insbesondere
zur Sicherung der angesetzten Neuwahlen am 05. März 193313 eingesetzt.
10
11
12
13
Unter anderem wurde der Berliner Polizeipräsident Albert Grzesinski während des Preußenschlages entlassen (Leßmann 1989, 365).
RGBl. I, S. 175.
Die Hilfspolizei bestand vom 22. Februar 1933 bis zum 02. August 1933 (Linck 2000, 26).
Die Neuwahlen am 05. März 1933 sollten die nationalsozialistische Macht legitimieren.
9
Ab dem Jahr 1933 war die nationalsozialistische Regierung bestrebt, die verfassungsrechtlichen Schranken zu beseitigen. Mit Beginn ihrer Herrschaft erließen die Nationalsozialisten deshalb weitreichende Verordnungen und Gesetze,14 um ihre alleinige
Machtstellung auszubauen, das Parlament auszuschalten und die Gleichschaltung der
Länder voranzutreiben. Die bereits am 04. Februar 1933 erlassene Notverordnung
„Zum Schutze des Deutschen Volkes“15 führte zu massiven Einschränkungen in das
Versammlungs- und Presserecht. Bereits hier wurde die Polizei von den Nationalsozialisten instrumentalisiert, indem sie das Versammlungsverbot durchzusetzen hatte.
Als am Abend des 27. Februar 1933 der Reichstag brannte, wurde dies von den
Nationalsozialisten als kommunistischer Aufstandsversuch propagiert. Mit einer „rücksichtslosen Energie“ (Wehler 2009, 60) nutzte die Hitler-Regierung dieses aufsehenerregende Ereignis, um die Notverordnung „Zum Schutz von Volk und Staat“ 16 zu verkünden. Mit der Suspendierung der Grundrechte der Weimarer Verfassung war die
Übernahme der Polizeigewalt durch die NS-Führung eingeleitet. Um „kommunistische,
staatsgefährdende Gewaltakte abzuwehren“, setzte die Reichstagsbrandverordnung die
Grundrechte auf Freiheit der Person, Meinungs- und Pressefreiheit, Vereins- und Versammlungsfreiheit, Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis, Unverletzlichkeit der Wohnung sowie das Recht auf Eigentum außer Kraft. Das faktische
Verbot der KPD- und SPD-Presse wurde hiermit legitimiert und die willkürliche Verhaftung in Form der Schutzhaft erlaubt (Heuer 1995, 127). Fraenkel (2001, 65) beschrieb sie als „ein Mittel, die Alleinherrschaft der NSDAP zu erhalten, d.h., die
souveräne Diktatur zu errichten“. Mit der Schutzhaft wurden massive staatliche Eingriffe, wie Massenverhaftungen kommunistischer Funktionäre, legitimiert (Wilhelm
1999, 38). Die Gestapo stellte - frei von jeder richterlichen Kontrolle - gegen politisch
unliebsame Personen Schutzhaftbefehle aus (Heuer 1995, 128) und im Rahmen der
Kriminalprävention war es nun der Kriminalpolizei möglich, Berufs- und Gewohnheitsverbrecher sowie „Asoziale“ in Vorbeugehaft zu nehmen. Auch die Ordnungspolizei begann mit der legalisierten Wahrnehmung von menschenverachtenden Maßnahmen, u.a. bei der Beteiligung an Zuführungen zu Zwangssterilisationen und gipfelte
in der späteren Deportation von psychisch Kranken, Juden und „Zigeunern“ in Ghettos
und Vernichtungslagern. Mit der Beseitigung polizeirechtlicher Schranken entfiel auch
14
15
16
Einen umfassenden Überblick gibt Bauer (2008, 161-309).
„Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ vom 04. Februar
1933 (RGBl. I 1933, S. 35-40).
„Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ (Reichstagsbrandverordnung) vom 28. Februar 1933 (RGBl. I 1933, S. 83).
10
das Prinzip der Verhältnismäßigkeit eines Normenstaates (Fraenkel 2001, 77). Die
Polizei musste die ergriffenen Maßnahmen nicht mehr dem angestrebten Ziel gegenüberstellen. Bei der polizeilichen Aufgabenwahrnehmung begann der deutlich erkennbare Entzivilisierungsprozess.
Eine deutliche Spezifizierung der Verordnungen erfolgte durch den Runderlass des
preußischen Innenministers Göring am 03. März 1933, indem er ausdrücklich darauf
hinwies, dass sich „die nach ihr zulässigen Maßnahmen in erster Linie gegen die Kommunisten und mit ihnen zusammenarbeitende Gegner des Nationalsozialismus zu
richten habe“ (Wilhelm 1999, 54). Damit wurde die Richtung polizeilichen Einschreitens vorgegeben und legalisiert, was sich in der massenhaften Verhaftung von
Kommunisten und Sozialdemokraten am 10./11. März 1933 auswirkte und sich in der
Errichtung von Konzentrationslagern17 (KZ) manifestierte. So wurde in einem Funkspruch des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin an die Polizeiverwaltungen vom 24.
Juni 1933 Folgendes angeordnet: „alle führenden spd funktionäre sofort in schutzhaft
nehmen falls gefahr besteht, daß sa selbstständig vorgeht. für nicht inhaftierte tägliche
meldepflicht anordnen.“18
Eine „entscheidende staatsrechtliche Weichenstellung“ (Wehler 2009, 63) stand mit
dem „Ermächtigungsgesetz“19 vom 24. März 1933 bevor. Dieses erlaubte der Reichsregierung, Gesetze ohne die Zustimmung des Reichstages zu beschließen, hob damit
die Gewaltenteilung auf und setzte die Weimarer Reichsverfassung faktisch außer
Kraft. Seit dem 14. Juli 193320 wurde die NSDAP schließlich alleinige politische Partei
und Deutschland war nunmehr ein Einparteienstaat. Die Übernahme der Staatsgewalt
sicherte sich Hitler als Reichskanzler durch zwei Gleichschaltungsgesetze, in welchen
den deutschen Länder ihre politische Souveränität genommen und der Übergang der
Hoheitsrechte der Länder auf das Reich, einschließlich der Entsendung von Reichsstatthaltern, beschlossen wurde.21
17
18
19
20
21
Am 22. März 1933 wurde das erste offizielle Konzentrationslager in Dachau unter der Führung von Heinrich Himmler errichtet (Wehler 2009, 63).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 262.
„Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ vom 24. März 1933 (RGBl. I 1933, S.
41).
„Gesetz gegen die Neubildung von Parteien“ vom 14. Juli 1933 (RGBl. I 1933, S. 479).
Erstes Gleichschaltungsgesetz: „Vorläufiges Gesetz zur Gleichschaltung der Länder“ vom
31. März 1933 (RGBl. I 1933, S. 153), Zweites Gleichschaltungsgesetz vom 07. April 1933
(RGBl. I 1933, S. 173).
11
Mit dem dritten Gleichschaltungsgesetz22 wurde der Reichsrat aufgehoben und die
Landesregierungen der Reichsregierung unterstellt. Damit oblag dem Reichsinnenminister nunmehr die unmittelbare Befehlsgewalt über die Länderpolizeien im Reich.
Die Länder verfügten innerhalb ihrer Landesgrenzen nur noch über die Berechtigung
zum „Einsatz kasernierter Einheiten bei besonders gespannten Lagen, Unruhen, öffentlichen Notständen, außergewöhnlichen Veranstaltungen und Repräsentation“ (Wilhelm
1999, 61).
Hermann Göring wurde nach dem Rücktritt v. Papens am 10. April 1933 zum Ministerpräsidenten von Preußen ernannt und ließ vom Kabinett am 26. April 1933 das „Gesetz
über die Errichtung eines Geheimen Staatspolizeiamtes“ verabschieden. Hiermit erfolgte die Herauslösung der politischen Abteilungen aus den Polizeiverwaltungen in
das Geheime Staatspolizeiamt, welches dem Innenminister direkt unterstellt war (Linck
2000, 25).23 Die Errichtung dieser Organisation zur Durchsetzung der Staatsgewalt
schränkte die Polizei in ihren Aufgaben erheblich ein. Mit der Ernennung Himmlers am
20. April 1934 zum stellvertretenden Leiter und Inspekteur der Gestapo in Preußen begann die Vereinigung der Geheimen Staatspolizei im ganzen Land. Angesichts der Zusammenlegung des Preußischen Innenministeriums mit dem Reichsministerium des
Inneren am 01. November 1934 entstand die nunmehr konzentrierte Polizeimacht des
Reiches unter Reichsinnenminister Dr. Frick.24
Als der „Führer und Reichskanzler“25, Adolf Hitler, im Jahr 1935 die allgemeine Wehrpflicht wieder einführte, brach er mit der im „Versailler Vertrag“ festgelegten Maximalstärke der Reichswehr von 100.000 Mann. Alleine mit der Eingliederung von 56.000
Mann der kasernierten Landespolizei in das Heer26 sowie der Übergabe von polizeilichen Ausrüstungsgegenständen verzeichneten die Polizeien der Länder massive
Personal- und Sachverluste (Wilhelm 1999, 70).
Das nationalsozialistische System benutzte die Polizei zur Sicherung ihrer Macht, insbesondere während und nach den Wahlen im März 1933. In dieser Anfangsphase kann
22
23
24
25
26
Drittes Gleichschaltungsgesetz: „Gesetz über den Neuaufbau des Reiches“ vom 30. Januar
1934 (RGBl. I 1934, S. 75).
Andere Länder folgten später dem Vorbild Preußens. So wurde im Land Thüringen per Gesetz am 01. Januar 1934 das Thüringische Geheime Staatspolizeiamt Weimar errichtet
(Schneider 2008, 56).
Ablösung von Hermann Göring durch Wilhelm Frick am 01. Mai 1934, der in Personalunion
Reichsminister des Inneren und Preußischer Innenminister wurde.
Mit dem Tod von Reichspräsident Hindenburg am 02. August 1934 bezeichnete sich der
Reichskanzler und Oberbefehlshaber der Reichswehr von nun an als „Führer und Reichskanzler“.
Gesetz über die Überführung von Angehörigen der Landespolizei in die Wehrmacht vom 3.
Juli 1935 (RGBl I. S. 851).
12
man von der Ersetzung des Rechtsstaates der Weimarer Republik hin zu einem Doppelstaat sprechen. Nach dem Modell des Doppelstaates hat sich das nationalsozialistische
Regime die ökonomische Existenz durch regelnde Vorschriften gesichert und gleichzeitig eine Entmachtung des Volkes durch die Entziehung des Rechtsschutzes vorgenommen (Fraenkel 2001, 206). Mit der durch die Notverordnungen geschaffenen Fülle
an Eingriffsmöglichkeiten und der Einrichtung einer Hilfspolizei konnte sich das nationalsozialistische Regime „in Ruhe“ aufstellen.
Besonders bedeutungsvoll war für die Polizei in diesen Jahren die im Rahmen von
„Säuberungsaktionen“ durchgeführten Neubesetzungen von systemtreuen Angehörigen
in hohen polizeilichen Führungspositionen.
2.3
Die „Röhm-Revolte“ 1934
Das im Jahr 1934 „nutzlos gewordene Bürgerkriegsheer SA“ (Bauer 2008, 236) war
für das nationalsozialistische Regime zu einer Bedrohung geworden. Mit einer Mitgliedsstärke von rund viereinhalb Millionen stellte die SA einen permanenten Unruheherd da. Konträr zur Vorstellung des SA-Chefs Ernst Röhm, mit der SA als „braune
Volksarmee“ die Reichswehr abzulösen, war Hitlers Bestreben nach einer engen Einbindung der Reichswehr in sein Regime und die Verhinderung der Röhm’schen Machtbestrebungen (Wildt 2008, 85). Aber auch Göring und Himmler hatten ein eindeutiges
Interesse an der Ausschaltung des Machtkonkurrenten SA. Die Auflösung der Hilfspolizei am 02. August 1933 bedeutete bereits einen wesentlichen Schritt zur Entmachtung der SA, da hiermit der beginnenden „Eroberung des preußischen PolizeiApparats“ (Leßmann 1989, 396) vorgebeugt wurde. Daneben brachte die SS das Gerücht eines bevorstehenden Putsches der SA in Umlauf (Bauer 2008, 239).
Göring, Himmler und Heydrich27 gaben wegen der ernsthaften Gefahr einer Konfrontation zwischen SA und der Hitler-Regierung den Auftrag zur Erstellung von Namenlisten von SA-Führern und sonstiger gefährlich einzustufender Oppositioneller (Herbert
27
Heydrich, Reinhard, geboren am 07. März 1904 in Halle, 1919 bis 1920 Angehöriger des
Freikorps, 1921 Mitbegründer der Deutschen völkischen Jungenschaft, 1922 Eintritt in die
Reichsmarine, 1931 als Oberleutnant zur See durch ein Ehrenverfahren entlassen, 1931 Eintritt in die NSDAP und in die SS in Hamburg, 1931 SS-Sturmbannführer, Juli 1932 SSStandartenführer und Chef des Sicherheitsdienstes (SD), März 1933 SS-Oberführer und Leiter der Politischen Abteilung der Polizeidirektion München, anschließend Leiter der politischen Polizei im Ministerium des Inneren, 1934 SS-Gruppenführer, 1933 und 1934 leitete er
die Gleichschaltung der politischen Polizei der einzelnen deutschen Länder, 1939 Chef des
Reichssicherheitshauptamtes, September 1941 stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen
und Mähren, 27. Mai 1942 Attentat in Prag, 04. Juni 1942 erlag er den Verletzungen des Attentats (Stockhorst 2000, 196).
13
1996, 143). Best28 erstellte beispielsweise in wochenlanger Vorbereitung eine „Mordliste“ für Württemberg-Baden und Bayern (Herbert 1996, 143). Nachdem eine SAStandarte lautstark am Abend des 30. Juni 1934 durch München marschierte, war das
Startsignal für die „Nacht der langen Messer“ gegeben, bei der die SA-Führungsriege
in Bad Wiessee festgenommen und ermordet wurde (Wildt 2008, 86). Anhand der vorbereiteten Listen sind in den folgenden Tagen weitere hohe Offiziere der SA in vielen
Teilen Deutschlands festgenommen und auch liquidiert worden.
Neben der SA-Führung wurden Publizisten, Geistliche und prominente Personen, wie
der ehemalige Reichskanzler der Weimarer Republik, General Kurt von Schleicher, ermordet (Bauer 2008, 242). Ebenso nutzten „viele SS-Leute die günstige Gelegenheit,
um persönliche Rechnungen zu begleichen“ (Bauer 208, 242). Dieser Mordaktion
fielen 89 Menschen zum Opfer.29 Mit der Entmachtung der SA konnte sich als größter
Sieger der Röhm-Revolte30 wohl Heinrich Himmler betrachten, da die SS am 20. Juli
1934 zur eigenständigen Organisation der NSDAP erhoben wurde (Bauer 2008, 244).
Mit dem Ereignis der Röhm-Revolte verdeutlichte sich der Maßnahmenstaat besonders: Als Inhaber der souveränen Diktatur stand es ausschließlich in Hitlers Ermessen, wie die Maßnahmen vom 30. Juni 1934 durchzuführen waren. Nach Fraenkel
(2001, 58) kommt für das durch die Reichsregierung am 02. Juli 1934 beschlossene
„Gesetz über die Maßnahmen der Staatsnotwehr“31 das die Maßnahmen gegen die SA
für rechtens erklärte, „lediglich deklaratorische Bedeutung zu“.
2.4
Die Verschmelzung mit der SS 1935-1937
Nachdem der Machtkampf gegen die SA gewonnen war, festigte sich der „HitlerMythos“ und die „friedlichen Jahre 1934-1937“ (Bauer 2008, 255) begannen. Als
wesentlichster Aspekt für die Polizei ist hier die zum 17. Juni 193632 durch Führererlass
geschaffene Institution „Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei
(RFSSuChdDtPol) im Reichsministerium des Inneren“ zu erläutern. Dazu schrieb der
„Justiziar Himmlers“ und „SS-Ideologe“ (Herbert 1996, 11) Werner Best (1940, 5):
28
29
30
31
32
Best, Karl Rudolf Werner, Dr. jur., geboren am 10. Juli 1903 in Darmstadt war von 1931 bis
1932 Mitglied des Hessischen Landtages und Leiter der Rechtsabteilung der hessischen
NSDAP-Führung (Stockhorst 2000, 56).
Szkowronek (2009, 60) recherchierte hierzu in seiner Diplomarbeit zum Thema: „Die RöhmRevolte am 30. Juni 1934 im NS-Gau Thüringen“. Danach wurden im NS-Gau Thüringen
zwölf Verhaftungen ohne bekannten Todesfall durchgeführt.
Detaillierte Ausführung sind u.a. in Heinz Höhne 1984: Mordsache Röhm: Hitlers Durchbruch zur Alleinherrschaft, 1933–1934. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt -Verlag) zu finden.
RGBl I 1934, S. 529.
„Erlaß über die Einsetzung eines Chefs der Deutschen Polizei im Reichsministerium des
Inneren“ vom 17. Juni 1936 (RGBl. I S. 487).
14
„Zur einheitlichen Zusammenfassung der polizeilichen Aufgaben im Reich wird ein
Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern eingesetzt, dem zugleich
die Leitung und Bearbeitung aller Polizeiangelegenheiten im Geschäftsbereich des
Reichs- und Preußischen Ministeriums des Innern übertragen wird.“ Mit diesem Schritt
erfolgte die teilweise Entmachtung des Preußischen Innenministers Frick und die
Polizeigewalt konzentrierte sich nun unter dem RFSSuChdDtPol, Heinrich Himmler
(Linck 2000, 28). Dams, Dönecke, Köhler (2007, 235) vermerkten hierzu: „De facto
war Himmler nur noch Hitler selbst unterstellt.“ Mit der Verschmelzung von Polizei
und SS kam es zu einer Zentralisierung und Machtbündelung und somit zur Herauslösung der Polizei aus der Innenverwaltung (Entstaatlichung) hinein in die Schutzstaffel, als Unterorganisation der NSDAP. Bereits am 26. Juni 1936 wurde auf Weisung Himmlers im Rahmen einer Neuordnung33 das Hauptamt Ordnungspolizei, unter
Führung von SS-Obergruppenführer Kurt Daluege, sowie das Hauptamt Sicherheitspolizei, unter Führung von SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich, geschaffen. Dabei
wurde dem Hauptamt Ordnungspolizei die Verwaltungspolizei, die Schutzpolizei des
Reiches und der Gemeinden, die Feuerschutzpolizei, die Gendarmerie und die technischen Hilfspolizeien unterstellt (Bader 1943, IX). Der Sicherheitspolizei unterstanden
die Geheime Staatspolizei sowie die Kriminalpolizei. Ab dem 27. September 1939
wurden die Gestapo, die Kriminalpolizei und der SS-Nachrichtendienst (SD) im
Reichssicherheitshauptamt34 unter der Führung von SS-Obergruppenführer Heydrich
zusammengelegt.
Am deutlichsten wurde die Verschmelzung von SS und Polizei durch die Neuschöpfung der Institution „Höhere SS- und Polizeiführer (HSSPF)“ ab März 1938 umgesetzt: Die „Kleinen Himmler“ (Birn 1986, 2), welche von Himmler persönlich ausgesucht worden waren, stellten als Mittelinstanz ein „geeignetes Mittel zur Durchsetzung
der weltanschaulichen Ziele des Nationalsozialismus“ (Birn 1986, 4) dar.
Die Verschmelzungsbemühungen auf allen Ebenen wurden durch ein Schreiben
Himmlers vom 12. Juli 1938 besonders deutlich: „Damit bei gemeinsamen Veranstaltungen von SS und Ordnungspolizei die Angehörigen der Ordnungspolizei das Treuelied der SS mitsingen können, erwarte ich, dass alle Angehörigen der Ordnungspolizei
Text und Melodie des Treueliedes der SS kennen.“35
33
34
35
Daneben bestanden weitere Hauptämter. Ausführlich wird die Organisation der Schutzstaffel
im Anhang 1 dargestellt.
Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich leitete Heinrich Himmler von 1942 bis 1943 das
RSHA, danach bis Kriegende Ernst Kaltenbrunner.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26118, Bl. 153.
15
Himmler achtete bei allen unterstellten Organisationeinheiten gründlich darauf, dass
selbst das Leben außerhalb der Arbeitszeit organisiert war. Er schrieb diesbezüglich am
18. September 1940 an alle Polizeiverwaltungen:36 „Die Freizeitgestaltung soll für die
Männer Erholung, nicht aber Dienst sein. Die für den Mann notwendige Zeit für die Erledigung seiner persönlichen Bedürfnisse muss ihm noch im ausreichenden Maße verbleiben.“37 Dies sollte u.a. durch Singen, das Veranstalten von Leseabenden, Gedenkstunden und Vorträgen, die Vorführung von Laienspielen, die Einrichtung einer
Bücherei oder einfach nur durch Gemeinschaftsspiele ermöglicht werden. Immer mehr
wurden die Regeln der SS auch in der Polizei übernommen. Am 03. Mai 1941 verwies
der HSSPF in Kassel an die zugehörigen Polizeiverwaltungen auf die Richtlinien für
Kameradschaftsabende, die der Erziehung von Führern und Männern dienen sollten.
Wörtlich hieß es in dem Text: „Kameradschaftsabende müssen in jedem Fall vorbereitet sein, da sie sonst öde Saufabende werden, die unserer nicht würdig sind.“38. Die
Vision Himmlers, mit Symbolen, Festen und Ritualen aus der SS „eines auf Blut und
Boden verpflichteten Ordens“ (Longerich 2008, 266) zu schaffen, machte nach der
Verschmelzung auch vor der Polizei nicht halt. In einem Merkblatt zu Weihnachtsfeiern: „Im Julfest feiern wir die Wiedergeburt des Lichts“ wurden durch den HSSPF
Kassel die Riten der SS auf Polizei übertragen.39 Mit der Hinwendung Himmlers zu
germanischen Werten wurde das Julfest im Sinne der „Entchristlichung und Germanisierung“ (Longerich 2008, 275) als Ersatz für das christliche Weihnachtsfest
zelebriert. In Himmlers ehrgeizigem Anspruch, der SS durch organisatorische Maßnahmen eine eigene Weltanschauung zu geben, baute er „einen spezifischen SS-Kult
mit entsprechenden Ritualen, Symbolen und „heiligen“ Orten“ (Longerich 2008, 266)
auf. In Erfurt fand beispielsweise am 21. Juni 1938 eine Sonnenwendfeier auf dem
Hofe der Schutzpolizei-Unterkunft Petersberg, organisiert durch den Polizeipräsidenten, statt. Dabei wurden gemäß dem Erlass Himmlers Sprecher, singende Abteilungen, Fackelträger gestellt und die „entsprechenden Lieder“ eingeübt.40 Auf Anordnung Dalueges sind dabei Absprachen zu einer gemeinsamen Feier der Schutz-
36
37
38
39
40
In dem Schreiben waren vorrangig Einheiten der Polizeibataillone und Polizei-AusbildungsBataillone gemeint.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26178, unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26178, unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26178, unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26178, unpag.
16
polizei, der Gemeindevollzugspolizei, der Gendarmerie mit den Einheiten der SS getroffen worden.41
Analysiert man die Weltanschauung und den Kult der SS weiter, so stellt man neben
der rassischen Auslese, dem Abschwören vom christlichen Glauben, dem Heiratsgenehmigungsverfahren auch eine konkrete Anforderung zur Kinderzahl fest. Ebenso war
der zur nationalsozialistischen Rassenhygiene von Himmler gegründete Verein
„Lebensborn“, der sich seit Dezember 1935 „um rassisch wertvollen Nachwuchs aus
unehelichen Beziehungen“ (Longerich 2008, 384) kümmerte, fest in die SS integriert
und dem Rasse- und Siedlungshauptamt unterstellt. Himmler schrieb hierzu am 14.
Juni 1938 in einem Runderlass: „Der Beitritt der Offiziere der Ordnungspolizei zu dem
Verein „Lebensborn“ unter Zahlung der dort angegebenen Beträge ist erwünscht.“42
Die Übernahme von Angehörigen der Ordnungspolizei in die SS regelte Himmler in
seinem Erlass vom 18. Januar 1938. Demnach konnten alle Angehörigen der
Ordnungspolizei, die bis zum 30. Januar 1933 Mitglied der NSDAP oder einer ihrer
Gliederungen waren,43 auf Antrag44 in die SS aufgenommen werden. Hierzu schrieb
Himmler: „Damit ist ein weiterer Schritt zur allmählichen Verschmelzung von SS und
Polizei getan worden.“45 Mit massivem Druck versuchte Himmler, den Beitritt von
höheren Polizeibeamten in die SS zu erwirken.46 Auch Angehörige der Ordnungspolizei, die anderen nationalsozialistischen Gliederungen, wie der SA oder dem
Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps (NSKK) angehörten, wurden aufgefordert,
sich aus diesen herauszulösen und der SS beizutreten (Buchheim 1964, 106). Zur Aufnahme möglichst vieler Polizeiangehöriger in die SS schrieb Best (1940, 95-96): „Diejenigen Angehörigen, die den Aufnahmebedingungen der SS entsprechen, werden nach
hierfür erlassenen Anordnungen in die SS aufgenommen. Sie erhalten den SS-Dienstgrad, der ihrer Stellung in der Polizei entspricht; hierdurch wird der in der Polizei geleistete Dienst sichtbar dem in entsprechender Stellung in der SS geleisteten Dienst
41
42
43
44
45
46
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26178, unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27897, Bl. 44.
Insbesondere „alte Kämpfer“, d.h. NSDAP-Mitglieder, die bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme der Partei beigetreten waren und eine Mitgliedsnummer unter 300.000 vorweisen konnten, bildeten später einen Großteil der Führungselite.
Es waren dem Antrag auf Aufnahme in die SS beizufügen: eine polizeidienstliche Bescheinigung, dass der Ariernachweis nach den beamtenrechtlichen Bestimmungen erbracht wurde
(Ariernachweis bis 1800, bei SS-Führern bis 1750), der Aufnahme- und Verpflichtungsschein, der Erbgesundheitsbogen für sich und die Ehefrau, beglaubigt durch den zuständigen
SS-Arzt, ein Fragebogen mit je drei Lichtbildern, die Musterungsformel, die SS-Stammkarte
und der Untersuchungsbogen.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26118, Bl. 58.
Diese Verfahrensweise wurde ab 1942 gelockert, da Himmler beabsichtigte, nur noch Freiwillige in Polizeiposten einzusetzen.
17
gleichgesetzt.“ Um die Verschmelzung von SS und Polizei sichtbar zu gestalten, trugen
die uniformierten Angehörigen der Polizei den Dienstanzug der SS und die Angehörigen der uniformierten Ordnungspolizei die Sig-Runen der SS auf der linken Brustseite des Dienstanzuges (Best 1940, 96).
Deutlich erkennbar war nach dem Aufstieg der SS47 die schlagartige Erhöhung der Mitgliederzahlen. Banach (2002, 132) schrieb hierzu: „Wir können annehmen, daß in der
Phase bis 1938 die ideologische Übereinstimmung zur SS bei den meisten ihrer Neumitglieder größer war als in den späteren Jahren. Dann dürfte die Mitgliedschaft für
manchen die Erfüllung einer dienstlichen Pflicht gewesen sein.“ Gleichfalls war die
Mitgliedschaft in der NSDAP ein „Gradmesser ideologischer Zuverlässigkeit“ (Banach
2002, 135), um in der Beamtenlaufbahn Karriere zu machen.
In diesen Jahren unterlag die Polizei einem ständigen Prozess der ideologischen Beeinflussung, was auf die folgenden menschenvernichtenden Aufgaben vorbereiten sollte.
So wurde am 29. September 1941 ein Schreiben der Reichspropagandaleitung an die
Polizeiverwaltungen durch den HSSPF Kassel weitergeleitet, in der die Organisationen
darauf hinzuweisen waren, dass „wir das Augenmerk des deutschen Volkes noch mehr
auf die Schuld des Judentums lenken müssen“. In dieser Hetzschrift wurde den Polizisten veranschaulicht, dass „die Juden aufgrund der vielen Rechte immer frecher geworden sind, sich vor der Arbeit drücken und unverschämt benehmen.“48
Durch die Verwebung mit der SS wurde die Polizei verschärft in den Maßnahmenstaat
integriert. Neben der „Judenkartei“ der Gestapo und der total autarken Macht der SS
über die Konzentrationslager49 war die Polizei uneingeschränkt in die politische Ausrichtung der nationalsozialistischen Führung eingebunden. Best (1940, 20) schrieb hierzu: „Ob der Wille der Führung die „richtigen“, d.h. die möglichen und notwendigen
Regeln für das Handeln der „Polizei“ – also das dem Volke angemessene und
förderliche „Polizei“- Recht – setzt, ist keine „Rechts“-Frage mehr, sondern eine
Schicksalsfrage.“ Aus dieser Situation heraus wurden beispielhaft durch die Kriminalpolizei(leit)stellen im Februar 1937 Listen mit zu deportierenden Berufs- und Gewohnheitsverbrechern in Konzentrationslager angelegt. Am 09. März 1937 fanden die
schlagartigen Massenverhaftungen von 2.000 „nicht in Arbeit befindliche[n] Berufsund Gewohnheitsverbrechern“ (Wagner 2002, 88) im gesamten Reichsgebiet statt.
47
48
49
Die Schutzstaffel wurde nach der „Röhm-Revolte“ zu einer Unterorganisation der NSDAP.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26178, unpag.
Der „Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der SS-Wachverbände“, SSGruppenführer Eicke, plante den Ausbau und die Errichtung der Konzentrationslager Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau (Wilhelm 1999, 100).
18
Diese Ausweitung des bisher geltenden Rechts bedeutete eine gravierende Ermessenserweiterung für die Kriminalpolizei. Gleichzeitig wurde die permanente polizeiliche
Überwachung für alle aus der polizeilichen Schutzhaft entlassenen Personen angeordnet und die Möglichkeit der Verhängung von polizeilicher Vorbeugehaft50 gegeben.
Ein großer Stellenwert kam außerdem der Eigengerichtsbarkeit von SS und Polizei zu.
Diese eigene Gerichtsbarkeit sah Ehrenstrafen, unabhängig dem allgemeinen Strafrecht, vor. Dazu zählten die nach den Wertvorstellungen der SS eigenen Grundgesetze,
wie das „Rassenbewusstsein“ und die „Heiligkeit des Eigentums“. Als gravierendste
Ehrenstrafe galt die Ausstoßung aus der SS (Vieregge 2001, 8). Dieses von Himmler
geschaffene Sanktionsinstrument51 sollte zu einem einheitlichen „SS-mäßigen Rechtsdenken“ (Vieregge 2001, 61) führen. Mit der Einrichtung dieses Justizzweiges konnte
im Polenfeldzug, unabhängig der Jurisdiktion der Wehrmacht, eigenes Sonderstrafrecht
gesprochen werden (Vieregge 2001, 61). Exemplarisch wird hier die harte Verfolgung
der „Rassenschande“52 nach den ideologischen „Verirrungen“ der NS-Rassenlehre angeführt (Vieregge 2001, 111), auf der anderen Seite bedurfte die „Tötung lebensunwerten Lebens“ von körperlich und geistig Behinderten keiner Ermächtigungsgrundlage (Vieregge 2001, 115) und damit keiner Rechtfertigung. Auch die nach Kriegsbeginn im November 1939 eingesetzten Standgerichte, ausgeübt durch einen Kommandeur oder Truppenbefehlshaber, zeugten von einer eigenen Jurisdiktion von SS und
Polizei (Vieregge 2001, 188).
Nach der Ermordung des Legationssekretärs Ernst vom Rath in der deutschen Botschaft in Paris wurden im Deutschen Reich in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 während der „Reichskristallnacht“ zahlreiche Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte, Wohnungen und Kultureinrichtungen beschädigt und zerstört. Dabei
demütigten, schlugen, misshandelten oder töteten die SA- und SS-Horden jüdische Bewohner. Polizei und Feuerwehr sahen auf Anweisung den Ausschreitungen tatenlos zu
und hatten einzig die Aufgabe, Plünderungen sowie das Übergreifen der Feuer zu verhindern (Bauer 2008, 335).
50
51
52
Demnach konnten Berufs- und Gewohnheitsverbrecher, die dreimal mindestens sechs Monate inhaftiert waren sowie „für die Allgemeinheit gefährliche“ Wiederholungstäter und „Asoziale“ in Vorbeugehaft genommen werden (Wilhelm 1999, 102).
Die SS- und Polizeigerichtsbarkeit lag beim Hauptamt SS-Gericht (Vieregge 2001, 61).
Rassenschande bezeichnete den außerehelichen Verkehr zwischen Juden und Deutschen
(Vieregge 2001, 101). Das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre
vom 15. September 1935“ verwirklichte erstmals „Rassen-Sonderrecht“ (Vieregge 2001,
102). Jedoch galten für die SS im Sinne der Eigengerichtsbarkeit erweiterte Maßstäbe.
19
2.5
Die 1. Kriegsphase 1939-1941
Bereits ab dem Jahr 1936 erfolgte die systematische Ausrichtung der Wirtschaft sowie
der Armee auf einen möglichen Kriegseinsatz (Wildt 2008, 137). Zur Verbesserung der
eigenen militärpolitischen Lage53 marschierten am 12. März 1938 deutsche Truppen in
Österreich ein. Mit der Errichtung des „Protektorates Böhmen und Mähren“54 erfolgte
ein Jahr später auch die Besetzung Tschechiens.55
Mit dem Ziel der nationalsozialistischen Führung, den „Lebensraum“ des deutschen
Volkes zu erweitern, marschierten deutsche Truppenverbände am 01. September 1939
in Polen ein und es begann ein vom nationalsozialistischen Deutschland ausgelöster
Raub- und Vernichtungskrieg. In den annektierten polnischen Gebieten wurde das sogenannte Generalgouvernement als deutsche Besatzungsverwaltung gebildet. Neben
der Wehrmacht, die aus Angst vor Widerstand mordete, waren die nachfolgenden Einsatzgruppen der SS und der Polizei mit der systematischen „Unschädlichmachung“ der
polnischen Führungsschicht und der Vertreibung der polnischen Juden beauftragt
(Wildt 2008, 147). Massenhafte Morde wurden gleichzeitig durch bewaffnete Milizen
der volksdeutschen Minderheit begangen. Bis zum 27. Dezember 1939 erfolgte aus den
Provinzen Danzig-Westpreußen, Posen, Ostoberschlesien die Deportation von etwa
88.000 Juden und Polen in das Generalgouvernement, welches als „Judenreservat“ fungieren sollte (Wildt 2008, 150-151). Die Deportationen kamen aufgrund logistischer
Probleme und negativer Meldungen der Weltpresse ins Stocken und es wurde mit der
Errichtung von Ghettos in und außerhalb des Generalgouvernements begonnen (Wildt
2008, 151). In den folgenden Monaten wurden zusätzliche Konzentrationslager errichtet, wie das von SS-Obersturmbannführer Rudolf Höß geführte KZ Auschwitz I.56
In der ersten Phase des Krieges besetzte Deutschland im April 1940 auch große Teile
Skandinaviens, und mit der Eroberung Westeuropas und insbesondere mit dem Sieg
über Frankreich im Juni 1940 erreichte der „Hitler-Mythos“ seinen Höhepunkt (Wildt
2008, 154). Mit den nationalsozialistischen Zielsetzungen nach Raumgewinn, anti53
54
55
56
Ziel der „Angliederung Österreichs“ waren u.a. eine neue Grenzziehung, die Nutzung von
Rohstoffressourcen sowie die Nutzung von Arbeitskräften (Wildt 2008, 140).
Unter dem Reichsprotektor Konstantin von Neurath und Unterstützung durch SS-Gruppenführer Karl-Hermann Frank.
Dem vorangegangen war das Münchner Abkommen vom 29. September 1938, nachdem die
Tschechoslowakei bis zum 10. Oktober 1938 die sudetendeutschen Gebiete an Deutschland
abzutreten hatte (Wildt 2008, 141). Die Slowakei erklärte im Oktober 1938 ihre Autonomie
und besaß nach den Wahlen vom 14. März 1939, durch Hitler „angestachelt“ (Wildt 2008,
142), den faktischen Status der „Selbstständigkeit“.
Das KZ Auschwitz I wurde im Mai 1940, das KZ Auschwitz II (Birkenau) im Oktober 1941
und das KZ Auschwitz III (Monowitz) Ende 1942 errichtet.
20
semitischer und bolschewistischer Vernichtung sowie der Ausplünderung in den besetzten Territorien erweiterten sich auch die Einsatzgebiete der Polizei. Aufgrund des
erhöhten Personalbedarfs wurde die Polizeireserve57 im September 1939 mit insgesamt
91.500 Mann einberufen (Linck 2000, 33). In der Regel waren die eingesetzten Polizisten und Reservisten freiwillig im Einsatz (Klemp 2005, 9). Mit der Aufstellung von
Ausbildungs-Bataillonen als Nachersatz für die Ordnungspolizei wurden auf „Führerbefehl“ am 31. Oktober 1939 insgesamt 26.000 Mann eingestellt.58
Nach Klemp (2005, 21) waren Polizeibataillone direkt an größeren Mordaktionen im
besetzten Polen beteiligt. Hier tritt der Maßnahmenstaat mit erschreckender Wirklichkeit zu Tage: Obwohl keine konkreten Einsatzbefehle vorlagen, haben Ordnungspolizisten im „Osteinsatz“ massenhafte Morde, vor allem an der jüdischen Bevölkerung,
begangen (Klemp 2005, 21). Zum Einsatz der Polizei im „Operationsgebiet“ gab es
strikte Anweisungen, wie aus dem überlieferten Vortrag des Inspekteurs der Ordnungspolizei am 19. März 1940 in Kassel hervorgeht:59 Dabei war die Polizei zum einen zur
unmittelbaren Unterstützung der Truppe durch Verkehrsregelung, GefangenenTransporte, Stellung von Wachen und Posten, Aufgreifung von Deserteuren, etc. beauftragt. Daneben bestanden zum anderen Aufgaben in „Polizeibefriedungsaktionen“, wie
Entwaffnungsaktionen, Gebietsbestreifungen nach Heckenschützen und Saboteuren sowie Verteidigungsmaßnahmen von besetzten Orten und Gebäuden. Zu letzteren Aufgaben gehörte auch die Verfolgung, Einkreisung und Vernichtung von feindlichen Einheiten. Hier zählten als „wirksame“ Maßnahmen die Ortsdurchsuchung und Ortsbestreifung sowie der Ortskampf.60 Es wurde in der Untersuchung von Klemp (2005, 7)
festgestellt, dass 75 der insgesamt 125 Polizeibataillone im Laufe des Krieges direkt
oder indirekt an der Shoah beteiligt waren. In den besetzten Territorien wurden neue
Polizeiverwaltungen eingesetzt, welche in die Bereiche Ordnungs- und Sicherheitspolizei gegliedert waren und regional den Kommandeuren der Ordnungspolizei (KdO) und
der Sicherheitspolizei (KdS) unterstanden. Die Befehlsgewalt über diese Polizeiorganisationen übten die SS- und Polizeiführer (SSPF) bzw. die HSSPF aus (Linck 2000, 34).
Je länger der Krieg andauerte, desto mehr legte die politische Führung Wert darauf,
dass Schlüsselstellungen in der staatlichen Verwaltung, besonders in der Polizeiverwaltung, in erster Linie mit Leuten von soldatischer Haltung und absoluter politischer
57
58
59
60
Aufbau eines „verstärkten Polizeischutzes“ im Jahr 1937 zur Bewältigung polizeilicher Aufgaben im Kriegsfall.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27490, Bl. 60.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27490, Bl. 140-154.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27490, Bl. 140.
21
Zuverlässigkeit besetzt wurden.61 Der SS-Führer galt dabei mehr und mehr als Garant
für die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit. Nach Best (1940, 64) unterlagen
die Verbände der Ordnungspolizei während des Kriegseinsatzes einer Sondergerichtsbarkeit in Strafsachen.62 Paul (2003, 151) vermerkte zur Kriegsteilnahme der Polizei
Folgendes: „Seit September 1939 wurde die Orpo im Rahmen deutscher Besetzungspolitik zum tragenden Element der sich herausbildenden „Endlösung“ im Osten.“
2.6
Die 2. Kriegsphase 1941-1942
In einer erneuten Ausweitung des Krieges ordnete Hitler am 18. Dezember 1940 die
Vorbereitungen für einen Überfall auf die Sowjetunion an: das „Unternehmen
Barbarossa“. Seitens der SS wurden im Frühjahr 1941 an der Unterführerschule
Pretzsch etwa 3.000 Mann in vier Einsatzgruppen, bestehend aus Mitgliedern des SD,
der Gestapo, der Kripo, der Ordnungspolizei und der Waffen-SS, aufgestellt und auf
den Kriegseinsatz vorbereitet (Longerich 2008, 539).
Mit dem Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 „trat der Vernichtungscharakter des Nationalsozialismus unverkennbar zu Tage“ (Wildt 2008, 157). Neben
der Außerkraftsetzung aller geltenden Völker- und Kriegsregeln63 und dem „Verelendenlassen“ von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener waren bereits durch die
Wehrmacht „Massenverbrechen ungeheuren Ausmaßes“ (Wildt 2008, 158) verübt
worden. An den Mordeinsätzen unmittelbar beteiligt waren neben der nachrückenden
Sicherheitspolizei und dem SD auch Einheiten der Ordnungspolizei und der Waffen-SS
(Wildt 2008, 159). Diese wurden von den HSSPF mit dem Ziel „alle Fahndungs- und
Exekutionsmaßnahmen zu treffen, die zur politischen Befriedung der besetzten Gebiete
erforderlich sind“ geführt und koordiniert. Vier Einsatzgruppen handelten dabei im
rückwärtigen Heeresgebiet, welche die Buchstabenbezeichnung A, B, C, D führten und
sich aus Mitgliedern der Sicherheitspolizei, aus Polizeibataillonen, dem SD und der
Waffen-SS rekrutierten. Diese Einheiten, insbesondere die mobilen Polizeiverbände,
hinterließen „eine Schneise der Verwüstung unter den jüdischen Gemeinden“ (Paul
2003, 153). Dabei konnten die Einsatzkommandos vor Ort eigene Entscheidungen
treffen, um den Feind, die „jüdischen Bolschewisten“, zu vernichten (Wildt 2008, 160).
61
62
63
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke (Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Stuttgart vom März
1958, Az: 2S 185/56).
Verordnung über eine Sondergerichtsbarkeit in Strafsachen für Angehörige der SS und für
die Angehörigen der Polizeiverbände bei besonderem Einsatz vom 17.10.1939 (RGBl. I S.
2107).
Hiermit ist der sogenannte „Kommissarbefehl“ gemeint, nach dem alle politischen Offiziere
der Roten Armee sofort zu erschießen waren.
22
Mordaktionen, wie das vom Polizeibataillon 309, welches Ende Juni 1941 in Bialystock achthundert Juden in eine Synagoge trieb und diese dort lebendig verbrannten
(Paul 2003, 155), waren der Anfang64 des Massenmords in den besetzten Gebieten der
Sowjetunion, dem bis März 1942 ungefähr 600.000 Menschen zum Opfer fielen (Wildt
2008, 160). Auch sei hier Paul (2003, 157) angeführt, der die Männer der I. Kompanie
des Polizeibataillons 61 in den Jahren 1941 und 1942 beschrieb, wie sich diese nach
dem Dienst im Warschauer Ghetto an der Bar amüsierten und dabei eine an der Wand
angebrachte Liste mit erschossenen Juden führten.
Nach einer Typolisierung von Browning (2002, 220) werden die am Judenmord beteiligten Polizisten in drei Gruppen aufgeteilt: Männer, die mit wachsender Begeisterung töteten; Männer, die auf Befehl schossen (Indifferente) und Männer, die den
Befehl zum Töten verweigerten. Thamer (2002, 19-20) bemerkte hierzu, dass die
zweite Gruppe der Indifferenten nicht von Judenhass oder anderen weltanschaulichen
Motiven geleitet wurde, „sondern ein dumpfes Klima der Gewalt, die brutalisierende
Wirkung des Krieges und des praktizierten rassistischen Imperialismus, ferner ein massiver Gruppendruck, ein ausgeprägter Korpsgeist, Alkoholexcesse und eine fortschreitende Abstumpfung gegenüber Gewalttaten jeder Art“ bestand.
Mit dieser „Entzivilisierung“ (Heuer 1995, 5) und „Radikalisierung“ war die Polizei im
Kriegseinsatz als ein wesentlicher Vollstrecker des Judenmordes anzusehen.65
In den Jahren 1942 bis 1943 wurde mit der Aktion Reinhardt die systematische Ermordung der Juden des Generalgouvernements in den drei Vernichtungslagern Belzec,
Sobibor und Treblinka betrieben und die „Räumungen“ der jüdischen Ghettos in Polen
setzten ein. Es sind einige der Orte, an denen die großen Verbrechen der Shoah, insbesondere in den Monaten Juli – November 1942, stattfanden.66 Haffner (2008, 166)
schrieb hierzu passend: „Von Ende 1941 an machte Hitler keine deutsche Politik mehr.
Er trieb nur noch mörderisches Allotria.“
64
65
66
Michael Okroy wertete hierzu in: „Man will unserem Batl. was tun…“ den Wuppertaler
Bialystock-Prozess 1967/68 gegen Angehörige des Polizeibataillons aus (Kenkmann, Spieker, 2001, 302).
Um die für den auswärtigen Einsatz vorgesehenen Polizeikräfte zu sensibilisieren, wurde
beispielsweise durch den Regierungspräsidenten in Erfurt am 08. Dezember 1942 angewiesen, dass der Erfahrungsbericht von Hauptmann Schott in der Ausbildung verwendet
wird. Schott berichtete über seine Erlebnisse aus dem Osteinsatz unter dem Titel: „Auf was
kommt es in Russland an?“ und prägte zehn „überlebenswichtige Eigenschaften: Jägersein;
Improvisieren können; Unermüdlich tätig sein; Argwöhnisch sein; Wach sein; Aufklären;
Versorgen; Sauber sein; Hart sein und schließlich Kamerad sein“ (ThStAGO, Regierung zu
Erfurt 22786, Bl. 33).
Bei der am 20. Januar 1942 stattgefundenen „Wannsee-Konferenz“ verständigten sich verschiedene Ministerien und SS-Institutionen über die „Endlösung der europäischen Judenfrage“, der Tötung von über 11 Millionen Juden (Wildt 2008, 174).
23
Auch in Westeuropa begannen im März 1942 die ersten Deportationen tausender jüdischer Menschen in Richtung Generalgouvernement, in die Konzentrationslager
(Wildt 2008, 184). Da es immer mehr Probleme bei der Nachführung von Personal und
dem Heranwachsen von Gefangenentransporten gab, verfügte der Chef des Hauptamtes
Ordnungspolizei, Kurt Daluege, an die höheren Verwaltungsbehörden am 04. Januar
1943, dass die Begleiter von Gefangensammeltransporten auf Eisenbahnen nicht mehr
nach einer dreijährigen Tätigkeit herausgelöst werden müssen.67 Mit der Rekrutierung
neuer Mitglieder für die Waffen-SS wurden unter Aufgabe des Prinzips der Freiwilligkeit neue SS-Divisionen aufgestellt (Longerich 2008, 693). Schon im Vorfeld des Angriffs auf Polen hatte sich der Personalbestand in den Polizeiverwaltungen in Deutschland enorm verringert. Mit den akuten Personalproblemen wurden die Polizeiorganisationen im Reich 1940 nach dem preußischen Muster neu gegliedert (Wilhelm 1999,
169).68 Insbesondere die Kriminalpolizeien hatten durch die personelle Teilnahme am
Überfall auf die Sowjetunion eine verschärfte Personalnot zu verzeichnen. Mit ihren
vielfältigen neuen Aufgaben, wie beispielhaft die Identifikation von Bombenopfern und
die Verhinderung von Plünderungen stand die Kripo vor großen Herausforderungen
(Longerich 2008, 655). Die Gestapo entwickelte sich daneben an der „Heimatfront“ zu
einem zentralen Faktor und dem machtvollsten Bestandteil des Maßnahmenstaates.
Aufgrund der Sorge um die ansteigende kriegsbedingte Kriminalität wurden parallel zu
den Kriegshandlungen in Deutschland jede Art von Aufwieglungen gegen die nationalsozialistische Kriegspolitik auf das Äußerste verfolgt und bestraft. Ebenso verdeutlichte
sich der Normenstaat durch verschärfte Strafbestimmungen,69 die z.B. im Höchstmaß
die Todesstrafe für einen Diebstahl während der Verdunkelungszeit oder während der
Bombenangriffe vorsah. Die Strafgerichte verhängten in den Jahren 1940 bis 1945 etwa
15.000 Todesurteile. Eine Vollstreckung erfolgte in mehr als drei Viertel der Fälle
(Wildt 2008, 162). In den Strafanstalten nahm die Zahl der Gefangenen dramatisch von
Juni 1939 (109.685) bis Juni 1944 (196.700) zu (Wildt 2008, 162).
2.7
Der Übergang zum „Totalen Krieg“ 1943
Die Einkesselung und Kapitulation der 6. Armee vor Stalingrad im Januar 1943 und
„vor allem aber die Bombardierung der Städte hatten die Verwundbarkeit des NSRegimes gezeigt, dessen Nimbus des ewigen Erfolgs zerbrach“ (Wildt 2008, 199). Als
67
68
69
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22786, Bl. 35.
Eine grafische Darstellung der Neuorganisation der Polizei befindet sich im Anhang 2.
Beispielhaft sei hier die „Verordnung gegen Volksschädlinge“ vom 05. September 1939
genannt.
24
Goebbels im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 zum „Totalen Krieg“ aufrief,
versuchte das nationalsozialistische System „noch einmal die Emotionen im Land aufzuputschen“ (Wildt 2008, 199). Neben der Radikalisierung der Kriegsführung war eine
völlige Überlastung der kommunalen Behörden im Bombenkrieg ab dem Frühjahr
1942 zu verzeichnen, als durch alliierte Angriffe große deutsche Städte in Schutt und
Asche gelegt wurden. Die im „Führer-Sonderprogramm“ zum Bau von Luftschutzbunkern von 1940 vorgesehenen Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung konnten aufgrund der fehlenden Arbeitskräfte und Baumaterialen nur teilweise realisiert werden
(Wildt 2008, 191).70 Da die deutschen Kommunen mit den Aufräumarbeiten vollständig überfordert waren, wurden ab Herbst 1942 KZ-Häftlinge eingesetzt. Neben
Instandhaltungs- und Aufräumarbeiten suchten die Häftlingskommandos auch nach
nicht gezündeten Bomben und bargen Leichen. Bei diesen Sprengkommandos kam es
dabei zu einer Vielzahl von Toten. Auch die Rüstungsindustrie hatte starken Bedarf an
Arbeitskräften. Durch die Auslagerung von KZ-Häftlingen entstand eine Vielzahl von
KZ-Außenlagern, die von SS-Kräften bewacht wurden.
In der Posener Rede sprach Himmler im Oktober 1943 u.a. über die Ausrottung des jüdischen Volkes. Der neue Reichsinnenminister71 Himmler verfügte kurz nach seiner
Ernennung bereits eine „Bereinigung der Geschäftsbereiche“ (Wilhelm 1999, 181),
z.B. erhielt hiermit das Hauptamt Ordnungspolizei die Verantwortung über den Katastrophenschutz und die Angelegenheiten zur Abwehr innerer Unruhen. Dementgegen
gab der Nachfolger Dalueges, SS-Obergruppenführer Alfred Wünnenberg, eine Vielzahl von Sachgebieten, wie das Vereins- und Versammlungsrecht, das Waffenrecht,
das polizeiliche Meldewesen etc., an das Reichssicherheitshauptamt unter der Führung
von Dr. Kaltenbrunner ab. Als wesentlichste Regelung ist hier für die Polizei die Herauslösung der staatlichen Kriminalpolizei aus den Polizeiverwaltungen anzusehen
(Wilhelm 1999, 181).
2.8
Die Kriegsendphase 1944-1945
Entscheidend änderte sich die militärische Lage mit der Landung der Alliierten in der
Normandie im Juni 1944 und der Offensive der Roten Armee an der Ostfront im Sommer 1944. Mit der Räumung der Konzentrationslager im Osten begannen die Verlegungen in Richtung Westen. Bei der „Evakuierung“ in Eisenbahntransporten und
70
71
„Bis Mai 1943 waren nicht mehr als 1.343 Bunker „betonfertig“ gemeldet worden, viel zu
wenig, um die Zivilbevölkerung vor den Bombenangriffen zu schützen.“ (Wildt 2008, 191).
Adolf Hitler ernannte am 20. August 1943 Himmler zum Reichsinnenminister.
25
Marschkolonnen (Todesmärsche) kamen massenhaft Häftlinge ums Leben oder
wurden ermordet (Longerich 2003, 732).
Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 nutzte Himmler die Situation, um eine neue Welle von Massenverhaftungen, die „Aktion Gitter“, durchzuführen (Longerich 2008, 718). Hitler ernannte in der Folge Himmler zum Befehlshaber
des Ersatzheeres72 mit einer Stärke von fast zwei Millionen Mann. Dort besetzte
Himmler die Spitzenpositionen mit ihm vertrauten SS-Führern (Longerich 2008, 722).
Auch die einberufenen Sechzehnjährigen und der aufgestellte Volkssturm zum Ende
des letzten Kriegsjahres unterstanden Himmler.
Neben den rückziehenden Einheiten von Wehrmacht, SS und Polizei befanden sich
Millionen Deutsche aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien panikartig auf der Flucht
vor den sowjetischen Truppen (Wildt 2008, 202).
Auf Anordnung des Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz erhöhte sich
ab dem 05. September 1944 die Mindestarbeitszeit im öffentlichen Dienst auf 60 Stunden in der Woche. Darüber hinaus hatte jeder Behördenangehörige täglich so lange zu
arbeiten, bis alle angefallenen Dienstgeschäfte erledigt waren.73 Für viele „uk“ (unabkömmlich) gestellte Männer in Wirtschaft und Verwaltung bedeutete die Mobilisierung
an der Heimatfront den Kampfeinsatz. Bauer (2008, 406) schrieb hierzu: „Alle Maßnahmen konnten am weiteren Kriegsverlauf nichts ändern, sondern trugen nur dazu bei,
das Ende hinauszuzögern und die Zahl der Opfer zu erhöhen.“
Die mit dem Untergang des Dritten Reiches einhergehende „Vollmacht zum Töten“
durch die Einsatzgruppen verschärfte den Terror in den besetzten Gebieten. „Himmlers
Schergen waren nun gehalten, selbstständig gegen die Widerstandsgruppen vorzugehen, das heißt „administrative Todesurteile“ auszusprechen“ (Longerich 2008, 726).
Die im Jahr 1942 aufgestellten Polizei-Wachbataillone in den einzelnen Wehrkreisen
Deutschlands waren mit der Niederschlagung eventueller Unruhen von Zwangsarbeitern beauftragt (Wilhelm 1999, 178). Diese Einheiten überwachten somit neben
den örtlichen Polizeiverwaltungen die massenhaft in Deutschland tätigen Zwangsarbeiter. Aus Angst vor Agententätigkeit, insbesondere vor Angriffszielen für Fliegerangriffe, wurden im Herbst 1944 in Deutschland Plakate „Feind hört mit“ ausgehängt.
Das Polizeipräsidium Erfurt meldete am 23. November 1944 per Fernschreiben: „warnzettelaktion reibungslos verlaufen. warnzettel schlagartig in den befohlenen Räumen an
72
73
Gleichzeitig wurde Joseph Goebbels zum Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz ernannt.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 20484, Bl. 37.
26
gut sichtbarer stelle angeklebt. belehrung in der polizeibeamtenschaft erfolgt,
schwaetzer nicht ermittelt. erfolg der aktion gut.“74.
Mit der bedingungslosen Kapitulation am 08. Mai 1945 gegenüber den alliierten
Mächten hörte der nach Fraenkel beschriebene Doppelstaat auf zu existieren. Fraglich
ist, ob man die zwölf Jahre der NS-Diktatur von einem Doppelstaat sprechen konnte.
Eine schrankenlose Ausweitung der Kompetenzen erreichte das NS-Regime mit der
Reichstagsbrandverordnung. Die Umstrukturierung der Polizei und ihre Ausrichtung
auf den Nationalsozialismus schuf ein wesentliches Element der Hitler-Regierung.
Buchheim, Broszat, Jacobsen u.a. (1965, 97) beschrieben dies anhand eines Aufsatzes
Himmlers aus dem Jahr 1937 folgendermaßen: „Die nationalsozialistische Polizei leitet
ihre Befugnisse zum Vollzug des Willens der Staatsführung und zur Sicherung des
Volkes und des Staates nicht aus Einzelgesetzen, sondern aus der Wirklichkeit des
nationalsozialistischen Führerstaates und aus den ihr von der Führung gestellten Aufgaben her.“ In diesen Ausführungen wird deutlich, dass die Polizei nicht mehr an Gesetze gebunden war, sondern sie war ein Garant der Gestaltung der nationalsozialistischen Ordnung. Der Maßnahmenstaat als Herrschaftssystem „der unbeschränkten
Willkür und Gewalt, das durch keinerlei rechtliche Garantien eingeschränkt ist“
(Fraenkel 2001, 49) wurde durch den Unterdrückungsapparat, der sich in der Schutzund Vorbeugehaft manifestierte, deutlich. Weitere Willkür, wie „Sonderbehandlungen“75 oder die Sondergerichte höhlten den Rechtsstaat sukzessive aus.
So betrachtet, war der Normenstaat als „Regierungssystem, das mit weitgehenden Herrschaftsbefugnissen zwecks Aufrechterhaltung der Rechtsordnung ausgestattet ist, wie
sie in Gesetzen, Gerichtsentscheidungen und Verwaltungsakten der Exekutive zum
Ausdruck gelangen“ (Fraenkel 2001, 49), nur noch sehr eingeschränkt existent. Juristen
nahmen die nationalsozialistischen Begriffe, Kommentare und Kategorien in ihre Urteile auf und „legitimierten sie dadurch“ (Heuer, Klosa, Lange u.a. 2003, 130).
74
75
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26178, unpag.
Die „Sonderbehandlung“ bedeutete das staatliche Töten ohne ein durch die ordentliche Gerichtsbarkeit gefälltes Todesurteil (Schneider 2008, 311).
27
3
Die Polizei im preußischen Regierungsbezirk Erfurt 1933-1945
3.1
Der preußische Regierungsbezirk Erfurt
3.1.1
„Provinzial“ – Einordnung
Neben Halle und Merseburg war Erfurt ein Regierungsbezirk der preußischen Provinz
Sachsen. Der Regierungsbezirk Erfurt76, welcher seinen Verwaltungssitz in Erfurt
hatte, besaß im Jahr 1939 eine Fläche von 372.271 Hektar und zählte 636.595 Einwohner (Gebrüder Richters 1941, Teil II, Seite XIX).77
Benachbart dem preußischen Thüringen bestand das am 04. Januar 1920 gegründete
Land Thüringen. In dem von preußischen Gebietseinschlüssen gekennzeichnete Land
Thüringen wurden im Jahr 1939 insgesamt 1.743.624 Einwohner gezählt und mit Stand
vom 31. Dezember 1930 betrug die Fläche 1.176.056 Hektar (Marek, Post, Wahl 1999,
465-466). In Erweiterung der vorgenommenen Abgrenzung muss in diesem
Zusammenhang die „territoriale und funktionale Substruktur des NS-Reiches auf
mittlerer Ebene“ (John 2008, 17) – der NS-Gau Thüringen - angeführt werden. In
Anlehnung an die Regionalstruktur der Reichstags-Wahlkreise78 umfasste der NSDAPGau Thüringen das Land Thüringen mit der Landeshauptstadt Weimar und der Stadt
Jena auch den preußischen Regierungsbezirk Erfurt (Provinz Sachsen) sowie den
preußischen Kreis Schmalkalden (Provinz Hessen-Nassau) (John 2008, 17).
3.1.2
Die Verwaltungsstruktur im Überblick
Vorgesetzte Behörde für den Regierungsbezirk Erfurt war die Behörde des Oberpräsidenten79 der preußischen Provinz Sachsen in Magdeburg. Dieser nachgeordnet
war die preußische Regierung zu Erfurt. Mit dem seit Oktober 1932 amtierenden Friedrich Bachmann führte ein konservativer Beamter die Regierung. Ab dem Jahr 1933 war
die Gauleitung Thüringen und die von der NSDAP geführte Landesregierung
Thüringens bestrebt, den Einfluss auf die Regierung Erfurt zu gewinnen (Thüringer
Landtag 2001, 205). Ab 1935 residierte im Statthalterpalais in der Erfurter Regierungs76
77
78
79
Zum Regierungsbezirk Erfurt gehörten neben dem Stadtkreis Erfurt die Stadtkreise Mühlhausen, Nordhausen sowie die Landkreise Grafschaft Hohenstein (Nordhausen), Heiligenstadt,
Langensalza, Mühlhausen, Schleusingen (Suhl), Weißensee, Worbis und Ziegenrück (Ranis).
Im Jahr 1944 kam der Landkreis Schmalkalden (Regierungsbezirk Kassel) hinzu (Gebrüder
Richters 1941, Teil II, Seite XXVI).
Anhang 3 stellt das preußische Thüringen im Jahr 1944 grafisch dar.
Bereits Ende 1918 wurde dieser territoriale Rahmen für den Reichstag-Wahlkreis 36 festgelegt (Marek/Post/Wahl 1999, 24).
Im Jahr 1933 waren das die beiden Personen Friedrich von Velsen (DNVP) und Dr. Kurt
Melcher und von 1933 bis 1944 Curt von Ulrich (NSDAP).
28
straße der neu eingesetzte preußische Regierungspräsident und NSDAP-Kreisleiter, SSBrigadeführer Dr. Otto Weber, welcher auch der unmittelbare Vorgesetzte des Erfurter
Polizeipräsidenten und des Oberbürgermeisters war. Der vorherige Justizminister in der
thüringischen Landesregierung hatte einen klaren Auftrag: „schnell die völlige
Faschisierung der Behörde“ (Thüringer Landtag 2001, 205) voranzutreiben.
Während der Weimarer Republik wurde das Erfurter Rathaus durch den Oberbürgermeister Bruno Mann (1919-1933) geleitet. Die folgenden Stadtoberhäupter Theodor
Pichier (1933-35) und Max Zeitler (1935/36) mussten aufgrund von Skandalen bzw.
Nötigung durch die Nationalsozialisten zurücktreten (Gutsche 1986, 434). Von 1936
bis 1945 war folgend Walter Siegfried Kießling80 Oberbürgermeister der Stadt Erfurt.
Mit dem Preußischen Gemeindeverfassungsgesetz vom 15. Dezember 1935 und der
Deutschen Gemeindeordnung vom 01. April 1935 war der Erfurter Oberbürgermeister
verantwortlich für die städtischen Amtsgeschäfte.
3.2
Die Stadt Erfurt im Nationalsozialismus
Im Jahr 1928 zählte die Stadt Erfurt 140.120 Einwohner (Gebrüder Richters 1930, Teil
I, Seite X). Bereits 1937 überschritt Erfurt die Marke von 150.000 und 1939 wurden
160.961 Einwohner (Gebrüder Richters 1941, Teil I, Seite X) gezählt. Die Bevölkerungszunahme war auf einen erheblichen Geburtenüberschuss gegenüber den
Sterbefällen zurückzuführen und nicht auf Zuwanderung (Gebrüder Richters 1937,
V).81 Die Fläche der Stadt Erfurt betrug 44 Quadratkilometer.
Bei der Landtagswahl vom 31. Juli 1932 erreichten die Erfurter Nationalsozialisten
einen Stimmenanteil von 42,5 Prozent. Ab dem 26. August 1932 führte der „MusterGauleiter Hitlers“ (Raßloff 2007, 8), Fritz Sauckel82 eine der ersten nationalsozialistischen Landesregierungen und wurde im Mai 1933 zum Reichsstatthalter von Thüringen ernannt. Raßloff (2003, 151) beschrieb „mit aller gebotenen Vorsicht“, dass der
Nährboden für den nationalsozialistischen Aufstieg in Erfurt im bürgerlichen Mittelstand zu sehen sei. Trotzdem war Erfurt nicht als „eine ausgesprochen braune Hoch80
81
82
Walter Siegfried Kießling (geboren am 24. Juli 1892 in Tannroda, gestorben 1966 in Göttingen) war Jurist, Politiker (DNVP, später NSDAP), von 1933 bis 1936 Oberbürgermeister der
Stadt Gera und von 1936 bis 1945 Oberbürgermeister der Stadt Erfurt. (http://www.erfurtweb.de/OberB%C3%BCrgermeister, letzter Zugriff am 19. Juli 2009). Adolf Hitler verlieh
Oberbürgermeister Kießling für seine Tätigkeit als Stadtkommissar in der polnischen Stadt
Thorn in der Zeit von September bis Oktober 1940 das Kriegsverdienstkreuz (Gutsche 1986,
449).
Etwa 1.500 Eheschließungen registrierte Erfurt bis zum Jahr 1938. Danach steigerte sich die
„Heiratsfreudigkeit“ im Jahr 1939 auf 2.450, ehe 1940 der kriegsbedingte Rückgang auf
1.964 zu verzeichnen war.
Zugleich Staatsminister des Inneren.
29
burg einzuordnen“ (Raßloff 2003, 153). Die Wahlergebnisse blieben von 1930 bis 1933
„ausnahmslos sowohl unter dem Durchschnitt des Regierungsbezirkes als auch dem
des bekanntlich stark rechtsorientierten Landes Thüringen“ (Raßloff 2003, 153). Als
sich selbst bezeichnende Wirtschaftsmetropole Thüringens war die Stadt Erfurt im Jahr
1937 geprägt von Industrie und Handwerk (45,43% der Erwerbstätigen), Handel und
Verkehr (33,82%) sowie öffentlichem Dienst (12,33%).
Die Stadt war begünstigt durch ihre Lage und die guten Verkehrsanbindungen. Erfurt
Den Beinamen „Blumenstadt“ trug Erfurt aufgrund der Großgärtnereien, deren
Blumenfelder weithin sichtbar waren (Gebrüder Richters 1937, VI).
Die Luther- und Domstadt Erfurt war nicht nur wirtschaftlicher Mittelpunkt
Thüringens, sondern auch für den Fremdenverkehr interessant. Für kulturelle Veranstaltungen war in Erfurt das Deutsche Volkstheater über die Grenzen der Stadt hinaus
bekannt. Eine Universität gab es nicht, aber eine Vielzahl an Schulen, u.a. ein
staatliches Gymnasium, eine städtische Oberschule für Jungen und zwei für Mädchen
sowie viele Mittelschulen. Neben mehreren Stätten der „Leibesertüchtigung war eine
Mitteldeutsche Kampfbahn mit Platz für 60.000 Zuschauer und die Rodelbahn am
Steiger vorhanden (Gebrüder Richters 1939, VI).
Die Wirtschaft Erfurts wurde im Verlaufe der NS-Zeit in starkem Maße von den
Kriegsvorbereitungen bestimmt. Viele Unternehmen, wie beispielsweise die Olympia
Büromaschinen Werke83, arbeiteten direkt für die Kriegsaufrüstung. Neben der ansässigen Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken AG, die der Wehrwirtschaftführer
Günther Quandt unter späterer Ausnutzung von KZ-Häftlingen führte, sind hier auch
die Waffenfabrik ERMA und die Telefunken GmbH, die ausschließlich Nachrichtengerätschaften für die Wehrmacht produzierte, aufzuführen (Gutsche 1986, 439).
Traurige Berühmtheit bei der Massenvernichtung erlangte die Firma J. A. Topf &
Söhne mit ihren patentierten Verbrennungsöfen,84 die u.a. in den Konzentrationslagern
Auschwitz und Buchenwald zum Einsatz kamen.
Der kriegsbedingte Ausfall von Arbeitskräften war in den Rüstungsbetrieben stark zu
spüren. So wurden im Juli 1941 alle weiblichen Personen des Jahrgangs 1923 zur
Musterung für den Reichsarbeitsdienst aufgerufen. Die Mobilmachung für den Arbeitseinsatz machte selbst vor Künstlern nicht halt. Zu Beginn des Jahres 1945 wurde das
83
84
Die „Olympia Büromaschinen AG“ errichtete während des Krieges Tochtergesellschaften in
Krakau, Kiew, Bukarest und Agram (StadtArchiv Erfurt, 5/100-72, Bl. 5).
Darüber hinaus installierte J.A. Topf & Söhne die Be- und Entlüftungsanlagen für die Gaskammern von Auschwitz (http://www.topf-holocaust.de/texte/texte_look.php?load=11580
62611; letzter Zugriff am 20. Juli 2009).
30
Erfurter Theater geschlossen und das Personal in kriegswichtige Betriebe entsendet.85
Der in diesem Zusammenhang anzuführende diskriminierende und brutale Missbrauch
von Zwangsarbeitern, denen stetig eine rassistisch motivierende Bestrafung drohte
(Werner 2006, 91-92), war auch in Erfurt sehr ausgeprägt. Beispielsweise wurden im
Jahr 1944 in den Olympia-Werken unter schlechtesten Arbeitsbedingungen 550 Ausländer eingesetzt, davon 236 sowjetische Zwangsarbeiter (Gutsche 1986, 456). Dabei
trugen diese Arbeiter ein Schild „Ost“ auf der Kleidung.86
Neben der Wirtschaft waren wichtige Behörden, wie die Reichsbahndirektion, die
Reichspostdirektion, das Postscheckamt, das Hauptzollamt, das Landesarbeitsamt
Mitteldeutschland, die preußische Regierung mit den ihr angeschlossenen Behörden,
die Kreisleitung der NSDAP Erfurt-Stadt und Erfurt-Land, die SA-Brigade und die
NSKK-Brigade angesiedelt.
Mit dem Nationalsozialismus begann für die Stadt Erfurt eines der dunkelsten Kapitel
seiner Geschichte. Schlagartig setzten nach der „Machtübernahme“ in Erfurt polizeiliche Maßnahmen gegen politische Gegner der neuen Regierung ein. Per Erlass regelte
der Regierungspräsident in Erfurt am 31. Januar 1933 das vierwöchige Verbot der
kommunistischen Erfurter Tageszeitung „Thüringer Volksblatt“.87 Am 02. Februar
1933 besetzten Erfurter Polizisten das Parteihaus der KPD in der Leipziger Straße 12
und durchsuchten es (Gutsche 1986, 432). Im März 1933 wurden die Erfurter Geschäftsstellen der KPD und anderer oppositioneller Parteien und Vereinigungen geschlossen. In der Folge waren im Regierungsbezirk Erfurt bis Mitte März 315 Verhaftungen, davon allein in Erfurt 106 zu verzeichnen. Bereits v. Fichtes Vorgänger,
Polizeipräsident Hermann Rabe von Pappenheim, leitete im April 1933 Strafverfahren88 gegen Angehörige der SPD89 ein und war Initiator von Durchsuchungsaktionen, wie z.B. in der Geschäftsstelle des Unterbezirks Erfurt der SPD, Kleine
Arche. Durch SA-Gruppen wurden Gewerkschaftler am 02. Mai 1933 verhaftet und im
Polizeigefängnis auf dem Petersberg inhaftiert. Da das Fassungsvermögen der Haftzellen im Polizeipräsidium Kasinostraße 290 und die Zellen im Polizeigefängnis auf
85
86
87
88
89
90
StadtArchiv Erfurt, 5/100-72, Bl. 7.
StadtArchiv Erfurt, 5/100-72, Bl. 5.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 12960, Bl. unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020 Bl. 40 (Schreiben v. Pappenheim an den Regierungspräsidenten Erfurt vom 20. April 1933).
Strafverfahren wegen Herstellung und Verbreitung der Informationsschrift: „Erklärung des
sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Wilhelm Sollmann über seine Misshandlungen durch SA und SS“ gegen die SPD-Funktionäre: Otto Schmeißer, Erfurt, Poststraße 107
und Willy Kormes, Erfurt, Krämpferufer 1.
Später Meister-Eckehart-Straße 2.
31
dem Petersberg für die Anzahl der Häftlinge nicht mehr ausreichte, wurde in der Feldstraße Nr. 18 ein Konzentrationslager eingerichtet. Viele der dort inhaftierten
politischen Häftlinge, auch als „Schutzhäftlinge“ bezeichnet, wurden in andere
Konzentrationslager verbracht (Gutsche 1986, 435).
Am 16. Juni 1933 lebten in Erfurt 831 Juden, davon emigrierten etwa 180 rechtzeitig
und weitere 100 sind nach Polen „verschoben“ worden. Während des Novemberpogroms 1938 zündeten SA-Leute die 1884 erbaute Synagoge am Karthäuser Ring an,
so dass diese ausbrannte. Jüdische Geschäfte in der Innenstadt wurden geplündert und
zerstört. Gleichzeitig erfolgte die listenmäßige Verhaftung von Juden durch die SS und
die SA, wovon insgesamt 197 der festgenommenen Juden am 10. November 1938 in
das Konzentrationslager Buchenwald überführt wurden (Gutsche 1986, 444).
Dass die nationalsozialistische Ideologie auch in Erfurt Wirkung zeigte, bewiesen die
jubelnden Menschenmassen beim Besuch Hitlers während der Thüringer SA-GauTagung am 17. und 18. Juni 1933. Hitler empfing hier die Ehrenbürgerwürde91 (Wolf
2005, 11).
Erfurt verhielt sich „Unter dem Hakenkreuz“92 wie andere deutsche Städte. Zu Beginn
der NS-Zeit wurde der Bau großer Militäranlagen in Angriff genommen. Bis zum Jahr
1938 hatte sich die Stadt Erfurt dabei zu einem bedeutenden Garnisionsstandort entwickelt. Neben dem neu entstandene Militärflughafen Bindersleben und der Neuerrichtung von umfangreichen Kasernenanlagen93 befand sich in der Stadt ein großes Standortlazarett94. Neben Wehrmacht und Polizeieinheiten waren auch die 67. SS-Standarte
in der Freiligrathstraße 1, der SS-Sturm 1/K 2 in der Regierungsstraße 5 sowie die SABrigade 42 in der Herderstraße 17/I untergebracht (Gebrüder Richters 1939 , VII). Die
Identifizierung eines Großteils der Erfurter Bevölkerung mit der Militarisierung zeigte
sich z.B. durch eine große Begrüßungs-Kundgebungen für die aus Frankreich heim-
91
92
93
94
Im Einwohnerbuch der Stadt Erfurt vom Jahr 1935 sind als Ehrenbürger der Stadt Erfurt erwähnt: Reichskanzler Adolf Hitler, der Preußische Ministerpräsident und Reichsminister der
Luftfahrt Hermann Göring und der Gauleiter und Reichsstatthalter Fritz Sauckel (Gebrüder
Richters, 1935). Zwei Jahre später ist der Reichs- und Preußische Minister des Innern, Dr.
jur. Wilhelm Frick, ebenfalls Ehrenbürger der Stadt Erfurt.
StadtArchiv Erfurt, 5/100-72, Bl. 2.
Kasernen waren auf dem Petersberg, die Jägerkaserne in der Jägerstraße, später die Bergkaserne am Tannenwäldchen, die Gneisenaukaserne in der Melchendorfer Landstraße, die
Blumenthalkaserne in der Jenaer Straße, die Löberfeldkasernen in der Wissmannstraße und
die Artilleriekaserne auf der Henne (Wolf 2005, 12-13). In Erfurt waren ein Panzerregiment
der 1. Panzerdivision, zwei Bataillone des Infanterieregiments 71, das Artillerieregiment 29
sowie die Panzer-Abwehrabteilung 29, Aufklärungs-Abteilung 29 und NachrichtenAbteilung 29 untergebracht (Stab der 29. Infanteriedivision in den Kasernen auf dem Petersberg) (Gutsche 1986, 438 und Wolf 2005, 11-13 und 28).
Das Lazarett befand sich an der Schützenhausstraße, heutige Werner-Seelenbinder-Straße.
32
kehrenden Truppen am 10. und 12. Juli 1940 auf dem heutigen Domplatz.95 Auch der
Überfall auf Polen wurde durch die Erfurter „gefeiert“.96 In Geschäften wurden beispielsweise Hitlerbüsten, umrahmt von Lorbeerbäumen, aufgestellt.97
Das Leben in der Stadt war von der Politik des NS-Regimes stark geprägt. So setzten
sich die Vorbereitungen zur Verteidigung mit der Installation von Alarm-Sirenen auf
großen Gebäuden fort.98 Ab dem 28. August 1938 waren in der Stadt Güter des
„lebenswichtigen Bedarfs“ nur noch auf Bezugschein erhältlich (Gutsche 1986, 450).
Diese Lebensmittelrationen wurden zum Kriegsende drastisch gekürzt (Gutsche 1986,
461). Aufgrund des Rohstoffmangels in Deutschland hatte der Beauftragte für den
Vierjahresplan, Hermann Göring, im Oktober 1938 aktive Maßnahmen zur Steigerung
des Schrottaufkommens gefordert. Der Polizeipräsident Erfurt meldete hierauf am 20.
Dezember 1938, dass die staatliche Polizeiverwaltung Erfurt 3.000 kg Altmetall und
550 kg sonstige Abfälle gesammelt habe und hierbei eine Verkaufserlös von 109,19
RM erzielt wurde.99
Denunziation war ein alltägliches Phänomen in Erfurt. Exemplarisch sei hier ein Erfurter Bürger angeführt, der am 12. März 1933 dem Regierungspräsidenten in Erfurt
meldete, dass im Schulgebäude in der Sulzersiedlung wöchentlich Veranstaltungen der
sozialistischen Kinderfreunde stattfinden. Er blieb anonym und bat um „Eingreifen der
Regierung“.100 Auch die in den Olympia-Werken Angestellte, Inge Sonntag, wurde denunziert, weil sie sich mit einer Fremdarbeiterin anfreundete. Sie kam hierfür in das
Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück.101
Die Kriegsjahre wirkten sich vielfältig in Erfurt aus. Nach den traumatischen Erlebnissen des I. Weltkrieges und der damit verbundenen Demütigung bereitete man
frühzeitig die Erfurter Bevölkerung auf einen möglichen Luftkrieg vor. Als sicherheitspolitische Aufgabe oblag der zivile Luftschutz in der Verantwortung des Polizeipräsidenten, dem dazu ein Luftschutzbeirat zur Seite gestellt wurde (Wolf 2005, 14). So
fand am 21. März 1932 im Polizeipräsidium Erfurt die erste Tagung des Luftschutzbeirates102 statt. Bereits 1932 wurden durch den Magistrat der Stadt Erfurt detaillierte
95
96
97
98
99
100
101
102
StadtArchiv Erfurt, AE 1-2/009-26, S. 6.
StadtArchiv Erfurt, 5/100-72, Bl. 3.
StadtArchiv Erfurt, 5/100-72, Bl. 3.
StadtArchiv Erfurt, 5/100-72, Bl. 2.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26178, unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 12962, Bl. 50.
StadtArchiv Erfurt, 5/100-72, Bl. 5.
Grundlage hierfür waren die Richtlinien für die Organisation des zivilen Luftschutzes in
Deutschland vom 24. Oktober 1931. Teilnehmer waren u.a. die Feuerwehr, der Magistrat, das
Rote Kreuz.
33
Listen von Sammelschutzräumen und Gebäuden sowie Übersichten über die Aufstellung und Ausrüstung von Entgiftungstrupps dem Polizeipräsidenten übergeben
(Wolf 2005, 15).103 Mit der Machtübernahme Hitlers wurden die überparteilichen Luftschutzbeiräte im Rahmen der Gleichschaltung aufgelöst und die alleinige Leitung den
örtlichen Polizeichefs übertragen (Wolf 2005, 18). Wichtigste Aufgabe in der Folgezeit
war die Errichtung von Schutzräumen. So wurde am 25. März 1933 gemeldet, dass ein
Gasschutzkeller für etwa 600 Personen im Gebäude der Schlösserschule errichtet
worden sei (Wolf 2005, 19). Daneben wurden massive Luftschutzmaßnahmen in
anderen Bereichen, wie der Industrie, realisiert und der Schutzraumbau in allen
Häusern forciert.104 In den Vorbereitungen für den Ernstfall wurden im Rahmen des
Selbstschutzes bis 1936 etwa 23.000 Einwohner als Selbstschutzkräfte geschult (Wolf
2005, 29). Zum 01. März meldete der Regierungspräsident in Erfurt dem Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, dass in 56 Sammelschutzräumen im Zuständigkeitsbereich der Polizeireviere 1 – 6 insgesamt 14.700 Personen
untergebracht werden könnten (Wolf 2005, 24). Eine deutliche Verschärfung erfuhren
die Luftschutzmaßnahmen ab 1939 mit Beginn des Überfalls auf Polen.105 Bis Kriegsende kamen durch die Bombenangriffe der Alliierten etwa 1.500 Menschen ums Leben
kamen (Wolf 2005, 261). In den Jahren 1944 und 1945 rührten die Zerstörungen von
leichten bis mittelschweren Luftangriffen und nicht durch einzelne schwerwiegende
Bombardements (Wolf 2005, 249). Bei den Angriffen wurden insgesamt 790 Gebäude
schwer, 1.750 Gebäude mittelschwer und 6.040 Gebäude leicht beschädigt (Wolf 2005,
252).106
Die nach Kriegsbeginn erlassenen Strafrechtsschärfungen schlugen sich in Erfurt durch
die Verhaftung von 20 Personen „zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung“ und die
Verbringung in das KZ Buchenwald nieder (Gutsche 1986, 450). Noch in den letzten
Kriegswochen fanden standesrechtliche Erschießungen von Deserteuren auf dem
Petersberg statt (Gutsche 1986, 462). Auch die Einberufung von 100 unfreiwilligen Er-
103
104
105
106
Eine Luftschutzübung bei vollständiger Verdunkelung der Stadt, wurde durch den Polizeipräsidenten v. Pappenheim für den 21. November 1932 angeordnet (Wolf 2005, 17).
In mehreren Szenarien fanden Großübungen statt, z.B. am 13. Oktober 1934 die Errichtung
einer Behelfsbrücke, der Großalarm am 19. November 1934 für alle Einsatzkräfte des Luftschutzes und die Überprüfung der Verdunkelungsvorschriften am 01. März 1935 (Wolf 2005,
21-22).
Insbesondere durch die 7. Durchführungsverordnung zum Luftschutzgesetz, die u.a. Hauseigentümern zur Beschaffung von Selbstschutzgeräten verpflichtete (Wolf 2005, 36).
Wolf (2005, 251) geht davon aus, dass über dem Erfurter Gebiet mehr als 1.100 Tonnen
Bomben, größtenteils Sprengbomben und Luftminen, abgeworfen worden sind.
34
furtern zur Waffen-SS im Februar 1943 und der Aufruf des „Volksturms“ mit wehruntauglichen 16- bis 60- Jährigen im Oktober 1944 sind hier anzuführen.107
Die Stadt Erfurt wurde am 12. April 1945 durch Einheiten der 3. US-Armee unter
Kommando von General George S. Patton befreit, trotz des „naiv anmutenden Widerstandes“108 von Volksturm und SD.
3.3
Das Polizeipräsidium Erfurt: Formelle und informelle Instanzen des
NS-Herrschafts- und Unterdrückungsapparates
Die Machtstrukturen waren im Nationalsozialismus nicht immer klar abzugrenzen.
Konkurrierende Herrschaftsinstitutionen in Form der Polykratie bestanden nebeneinander. Das wird bei der Betrachtung der Erfurter Polizeiverwaltung besonders offensichtlich. Folgendes Schaubild stellt einen Versuch dar, wie die nationalsozialistische
Polykratie auf das Polizeipräsidium Erfurt einwirkte:
Darstellung der Befehlshierarchie im Jahr 1938
Reichsführer SS und
Chef der deutschen
Polizei im RMdI
Höherer SS- und Polizeiführer im Wehrkreis IX
Inspekteur/Befehlshaber der
Sicherheitspolizei und des SD
Chef der Sicherheitspolizei und des SD
Chef der Ordnungspolizei
Reichsminister des Inneren
Oberpräsident Magdeburg
Kommandeur der
Sicherheitspolizei und
des SD
Regierungspräsident
Erfurt
SD-Leitabschnitt
Stapoleitstelle
Inspekteur/Befehlshaber der
Ordnungspolizei
NSDAP-Gauleiter Thüringen
Kommandeur der
Gendarmerie
Kommandeur der
Ordnungspolizei
Polizeipräsident Erfurt
Kriminalpolizeistelle
Verwaltungspolizei
Verkehrspolizei
Schutzpolizei
Legende:
Befehlswege der
Ordnungspolizei
Befehlswege der
Sicherheitspolizei
(©Röhner 2009)
107
108
StadtArchiv Erfurt, 5/100-72, Bl. 6.
StadtArchiv Erfurt, AE 1-2/009-26, unpag.
35
Im Rahmen der Gleichschaltung der Länder wurden im Deutschen Reich ab 07. April
1933109 Reichsstatthalter als Beauftragte der Reichszentrale in der jeweiligen Region
mit umfangreichen Kontrollkompetenzen eingeführt. Reichskanzler Adolf Hitler behielt sich in Preußen diese Funktion selbst vor (John 2008, 21). Die Befugnisse übertrug Hitler auf den preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring. Als ständiger
Vertreter der Reichsregierung in der Provinz Sachsen fungierte ab dem 27. November
1934 der Oberpräsident in Magdeburg, Curt von Ulrich (NSDAP). Dieser hatte die Befugnis, sich von den Behörden in seinem Bereich unterrichten zu lassen und konnte bei
Gefahr im Verzug einstweilige Anordnungen treffen.110
Der Oberpräsident in Magdeburg war vorgesetzte Behörde für den Regierungspräsidenten in Erfurt. Der Regierungspräsident in Erfurt war wiederum höhere Polizeibehörde, dem das Polizeipräsidium Erfurt, als staatliche Polizeiverwaltung zur Erfüllung ordnungspolizeilicher Aufgaben, untergeordnet war (Best 1940, 45).111 Im Geschäftsverteilungsplan der Preußischen Regierung Erfurt vom Mai 1933 war festgelegt,
dass der Regierungspräsident in eigener und alleiniger Verantwortung alle Geschäfte
der Regierung regelt und die Regierung nach außen vertritt.112 In seiner Hand lagen die
Geschäfte der gesamten Landesverwaltung.113 Der Regierungspräsident hatte dabei
gegenseitige Interessen abzustimmen und auszugleichen.114
Innerhalb der Regierung des Regierungsbezirks Erfurt war das Büro P (Polizei- und
politische Angelegenheiten für die Angelegenheiten der Schutzpolizei und des
Gendarmeriekorps)115 der Abteilung 1 zugeordnet. Hier wurden alle Polizeiaufgaben,
Verfassungsangelegenheiten, Presse und Druckschriften, Angelegenheiten der staatlichen Polizei, wie die Führung der Personalien, Bearbeitung von Dienststrafangelegenheiten etc., koordiniert.116 Beispielhaft soll hier ein Vorgang dargestellt werden: Im
109
„Zweites Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“ vom 07. April 1933 (RGBl.
I 1933, S. 173).
110
Zwar hatte der Oberpräsident ein Aufsichtsrecht, durfte allerdings nicht in die Detailverwaltung eingreifen.
111
Der Höheren Polizeibehörde war auch die Gendarmerie unterstellt (Best 1940, 60).
112
Nach Fischer, Hartmann, Pietschmann (1972, 213) umfasste der Geschäftsbereich der Regierung von Erfurt alle Angelegenheiten der inneren Verwaltung der Regierungsbezirke, soweit
sie nicht anderen Behörden übertragen waren.
113
Durch Gesetz wurden am 15. Dezember 1933 die Aufsichts- und Weisungsrechte des Oberpräsidenten gegenüber den Regierungspräsidenten erweitert.
114
Der Regierung Erfurt nachgeordnet waren auf der Kreisebene die Landräte, die Oberbürgermeister der kreisfreien Städte, die Polizeipräsidenten sowie eine Reihe von Fachbehörden.
115
Mit Verfügung des Regierungspräsidenten vom 06. September 1933 waren dem Dezernat I P,
unter Führung des Landrates i.R. Dr. Junkermann, der als ständiger Vertreter des Polizeidezernenten und als Leiter der Geheimen Staatspolizeistelle tätig war, alle Angelegenheiten
vorzulegen (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27487, Bl. 108).
116
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 30852, Seite 47.
36
Vorfeld der Olympischen Spiele in Deutschland erließ Himmler am 20. Juli 1936 die
Anweisung, dass gegen keinen Ausländer ohne seine persönliche Genehmigung auch
nur mit einer Vernehmung oder Vorladung vorzugehen sei.117 Der Regierungspräsident
in Erfurt konkretisierte am 30. Juli 1936 den Erlass dahingehend, dass eine Ausweisung
eines betreffenden Ausländers angebrachter wäre und verwies in diesem Zusammenhang auf die „gehässige Auslandspresse“.118
Neben der preußischen Konstellation war NSDAP-Gauleiter Fritz Sauckel als „regionaler politischer Führer der Partei und als Mittelinstanz im Staatsgefüge“ (John 2008,
21) für den gesamten Gau Thüringen, einschließlich dem preußischen Regierungsbezirk Erfurt, zuständig. Der gleichzeitig als Reichsstatthalter von Thüringen beauftragte Sauckel hatte formell in seiner Funktion als Reichsverteidigungskommissar Weisungsrecht gegenüber dem preußischen Regierungspräsidenten in Erfurt, Dr. Weber119.
Die Sondervollmachten der Gauleiter spielten eine zeitlich befristete Rolle (John 2008,
27). Durch eine Anpassung der Verwaltungsbezirke der preußischen Provinz Sachsen
wurde die Verwaltung des Regierungsbezirkes Erfurt am 01. April 1944 per „Führererlass“ an Gauleiter Sauckel übertragen, der damit als Reichsstatthalter die Befugnisse
des bisher zuständigen Oberpräsidenten in Magdeburg für den Regierungsbezirk Erfurt
übernahm (Marek/Post/Wahl 1999, 460).
Mit der zusammengefassten Führung der Polizei im Deutschen Reich unter Heinrich
Himmler wurde ab Juni 1936 das Hauptamt Ordnungspolizei durch Kurt Daluege geführt. Diesem unterstand der Regierungspräsident in Erfurt in sachlicher Hinsicht. Das
Polizeipräsidium war, mit Ausnahme der Kriminalpolizeistelle, dem Chef der
Ordnungspolizei sachlich und personell unterstellt (Best 1940, 59).
Weisungen ergingen jedoch auch vom HSSPF120 im Wehrkreis IX in Kassel, dem SSObergruppenführer und General der Waffen-SS, Erbprinz Josias zu Waldeck und
117
118
119
120
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 121.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 122.
Weber, Otto, Dr. (geboren am 26. Juni 1894 in Siegen/Westfalen, gestorben am 02. April
1973 in Hannover), Teilnahme am I. Weltkrieg, 1919 Studium der Rechtswissenschaften in
Jena, 1923 Gerichtsassessor im Landesdienst Thüringen, 1931 Eintritt in die NSDAP, 1932
Leitung des Geschäftsbereiches Justizministerium, ab 1933 Justizminister Thüringens, vom
14. Dezember 1934 bis Kriegsende Regierungspräsident in Erfurt (Thüringer Landtag 2001,
181-200).
Die genaue Bezeichnung auf den damaligen Briefköpfen lautete: „Der Höhere SS- und Polizeiführer bei den Reichsstatthaltern und Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau, in
Hannover, der Provinz Sachsen, in Thüringen und in Westfalen und beim Bayrischen
Staatsminister des Innern im Wehrkreis IX.“ (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27531, Bl. 12).
37
Pyrmont121. Mit der ab dem 13. November 1937 geschaffenen Institution der HSSPF,
die als Vertreter Himmlers im Reich und in den besetzten Gebieten als Mittelinstanz
fungierten (Birn 1986, 1), war der Ausfluss der Verschmelzung von SS und Polizei besonders ersichtlich.122 Als „von Himmler persönlich ausgelesene Führungselite“ (Birn
1986, 4) leiteten die HSSPF gemeinsame Einsätze der Waffen-SS, der Allgemeinen SS,
der Ordnungspolizei, der Sicherheitspolizei und des SD. Weiterhin unterstanden den
HSSPF u.a. der Stabsführer der Allgemeinen SS, der Inspekteur der Ordnungspolizei
(IdO) und der Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD (IdS). Der dem HSSPF in
Kassel unterstellte IdO war dem Oberpräsidenten in Magdeburg zugeteilt, führte die
Dienstaufsicht über die gesamte uniformierte Polizei und hielt die Verbindung mit der
NSDAP und der Wehrmacht (Best 1940, 59).
Angegliedert an das Polizeipräsidium Erfurt war die Kriminalpolizeistelle Erfurt (Best
1940, 53), welche dem Chef der Sicherheitspolizei sachlich und personell unterstand
(Best 1940, 64). Daneben existierte seit dem 01. Mai 1933 die für den preußischen Regierungsbezirk Erfurt zuständige Staatspolizeistelle Erfurt, die die Aufgaben der Geheimen Staatspolizei wahrnahm. Damit war die Staatspolizeistelle zunächst ein Teil der
Regierung des Regierungsbezirkes Erfurt und wurde zum 01. April 1934 zur selbstständigen Behörde (Schneider 2008, 64). Verantwortlich für die Erfüllung sicherheitspolizeilicher Aufgaben war der SD-Abschnitt Weimar. Dabei bestand ein Unterstellungsverhältnis der staatlichen Polizeiverwaltung (Polizeipräsidium Erfurt), die dem
Chef der Sicherheitspolizei und des SD sachlich unterstand, soweit sicherheitspolizeiliche Aufgaben zu erfüllen waren (Bader 1943, XII).
3.3.1
Organisationsstruktur und Aufgaben des Polizeipräsidiums
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden die polizeilichen Aufgaben nicht nur in der
Gewährleistung der Ordnung und Sicherheit. Gleichermaßen führte die Polizei die Gewerbeaufsicht, stellte die Feuerwehr und war in den Bereichen des Melde-, Gesundheits- und Sozialwesen tätig.
121
122
Waldeck-Pyrmont, Josias Georg Wilhelm Adolf Erbprinz zu, geboren am 13. Mai 1896 in
Arolsen, 1929 Eintritt in die SS, 1929 bis 30. Januar 1933 Stabsführer beim Reichsführer SS,
1933 SS-Gruppenführer im Verbindungsstab des Führers, 1933 Mitglied des Reichstages
(Wahlkreis Düsseldorf-West), 1939 HSSPF des Oberabschnittes Fulda-Werra, Dienstsitz
Kassel, Oberster Gerichtsherr dieses Abschnitts (Wehrkreis IX), Einrichtung eines „Büros
zur Eindeutschung von Ostvölkern“ in Kassel, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS, am 14. August 1947 in Dachau zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt (Stockhorst
2000, 436).
Dem HSSPF Kassel unterstand unmittelbar die Allgemeine SS seines Bereichs (SS-Oberabschnitt).
38
Das folgende Schaubild zeigt die Gliederung der Geschäftsbereiche und Aufgaben des
Erfurter Polizeipräsidiums war im Jahr 1935 auf:123
Polizeipräsident Erfurt
Rechnungssachen
(P)
Verwaltungsdienst
Präsidialgeschäftsstelle
(Rv)
Rechnungsrevisor
Rechnungsprüfung
Abteilung W
Wirtschaftsabteilung
Abteilung A
Leitender Polizeiarzt
Hausverwaltung
Vereins- und Versammlungswesen
Abteilung I
(Ka)
Polizeikasse
Polizeihundertschaft
Reisekosten
Beschaffung
Abteilung
Medizinalfürsorge
Polizeisanitätsstelle
Erfurt
Gehalt/Lohn
Presseangelegenheiten
Waffenscheine
Abteilung II
Ausländersachen
Verkehrswesen
Polizeigefängnis
Polizeigewahrsam
Abteilung III
Kraftfahrzeuge
Beratungsstelle für
Einbruchsbekämpfung
Wasser- und Feuerpolizei
Betrugsberatungsstelle
Gewerbepolizei
Lustbarkeiten
Abnahmestelle für
Kraftfahrzeuge
Abteilung IV und V
Polizeistunde
Straf- und Gnadensachen
Beglaubigungen
Fundsachen
123
Kriminalinspektion
Kriminalkommissariate
1-6
(S)
Kommando
der Schutzpolizei
Polizeireviere 1-6
Für diesen Abschnitt wurden im Staatsarchiv Gotha die Geschäftsverteilungspläne aus den
Einwohnerbüchern der Stadt Erfurt von 1935 bis 1941 ausgewertet (Gebrüder Richters 1935;
1937; 1938; 1939; 1941).
39
Es muss bei der Betrachtung der Erfurter Polizeiverwaltung eine genaue Differenzierung nach den Aufgabenbereichen vorgenommen werden. Im Bereich der ordnungspolizeilichen Aufgaben124 waren dies nach Best (1940, 21) alle der Polizei gestellten
Einzelaufgaben, die der Herstellung und der Erhaltung der äußeren Ordnung im Zusammenleben und Zusammenwirken der Einzelnen und der Einrichtungen der Volksordnung dienten. Hierzu gehörte die Verhinderung unmittelbar bevorstehender strafbarer Handlungen. Im Gegenzug dazu wurde die Vorbeugung gegen künftige, aber
nicht unmittelbar bevorstehender strafbarer Handlungen als Verbrechensbekämpfung
der sicherheitspolizeilichen Aufgabe zugeordnet.
Unmittelbar unterstellt waren dem Polizeipräsidenten die Ordnungspolizei125 mit den
Teilbereichen Schutzpolizei, Verkehrspolizei und Luftschutzpolizei sowie Teile der
Sicherheits- und Verwaltungspolizei (Wolf 2005, 39). Zu den ordnungspolizeilichen
Aufgaben zählten ferner:
- der Feuerschutz und die Regelung des Verkehrs mit Sprengstoffen,126
- die Durchführung des zivilen Luftschutzes,127
- die Wasserpolizei,
- die Fürsorge für Hilfsbedürftige, Verletzte und Kranke,128
- die Regelung und Beaufsichtigung des Straßenverkehrs und des Straßengewerbes.129
Die sicherheitspolizeilichen Aufgaben bestanden in der Feststellung des auf Störung
und Zerstörung der Volksordnung gerichteten Handelns und Strebens.130 Die Kriminalpolizei hatte die Verbrechensbekämpfung mit den Teilaufgaben der Verbrechensverfolgung und der Verbrechensvorbeugung zum Auftrag. Bei der Verbrechensverfolgung
124
125
126
127
128
129
130
In Abgrenzung zu den sicherheitspolizeilichen Aufgaben, die sich mit der Abwehr und Verhütung jeder Tätigkeit, die unmittelbar auf die Störung und Zerstörung der Volksordnung gerichtet ist, auch wenn sie die äußere Ordnung nicht oder noch nicht stört (Best 1940, 25).
Daluege äußerte sich hierzu schriftlich am 07. September 1942: „Unter dem Begriff Ordnungspolizei fällt nicht die Verwaltungspolizei.“ (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27531, Bl.
5).
Gesetz über das Feuerlöschwesen vom 23.11.1938 (RGBl. I S.1662) sowie das Sprengstoffgesetz vom 09.06.1884 (RGBl. S.61).
Luftschutzgesetz vom 26.06.1935 (RGBl. I S.827)
Soweit keine zuständige Hilfe zur Verfügung stand.
Gesetz über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen vom 03. Mai 1909 in der Fassung vom
10.08.1937 (RGBl. I S.901) sowie die Straßenverkehrsordnung vom 13. November 1937
(RGBl. I S.1179) Diese Aufgabe erging insbesondere an die Motorisierte Gendarmerie (Verkehrsüberwachung; Hilfeleistung bei Unglücksfällen, Ermittlung des Tatbestandes bei nicht
tödlichen Verkehrsunfällen; Mitwirkung bei der Fahndung nach gestohlenen Kraftfahrzeugen
und nach dem Missbrauch von Kennzeichen etc.) (Best 1940, 25).
Daneben erfolgte eine beobachtende Überwachung im Rahmen des nachrichtendienstlichen
Zweiges durch den SD (Best 1940, 26).
40
nach §163 StPO131 hatten „alle Beamten des Polizei- und Sicherheitsdienstes strafbare
Handlungen zu erforschen und alle keinen Aufschub gestattenden Anordnungen zu
treffen, um die Verdunkelung der Sache zu verhindern“ (Best 1940, 26). Dabei war die
Ordnungspolizei bis zum Eingreifen der Sicherheitspolizei gefordert. Daneben war die
Verbrechensvorbeugung als planmäßige polizeiliche Überwachung132 durch Auflagen
(Meldepflicht, Tätigkeitsverbote etc.) sowie die polizeiliche Vorbeugungshaft Bestandteil des Handelns (Best 1940, 28). Zu den mittelbar sicherheitspolizeilichen Aufgaben,
die von wesentlicher Bedeutung waren, gehörten das Passwesen und die Ausländerpolizei (Best 1940, 39).
Ebenso waren verwaltungspolizeiliche Aufgaben, die nicht der Erfüllung der polizeilichen Gesamtaufgabe dienten, wie die Gewerbepolizei und das Meldewesen, aufgetragen (Best 1940, 22).
Im einzelnen lassen sich die Struktur und die Aufgaben des Polizeipräsidiums Erfurt
folgendermaßen beschreiben: Die Organisationseinheiten Verwaltungsdienst und
Präsidialgeschäftsstelle (P), Rechnungsrevisor (Rv), Polizeikasse (Ka), Abteilung A mit
einem Leitenden Polizeiarzt und Abteilung Wirtschaft waren für die zentralen Verwaltungsangelegenheiten eingerichtet. In den Abteilungen I bis V wurden die
spezifischen Aufgaben des Polizeipräsidiums bearbeitet. In der Kriminalinspektion mit
ihren fünf Kriminalkommissariaten erfolgte die Verbrechensbekämpfung und in den
sechs Polizeirevieren wurden ordnungspolizeiliche Aufgaben bearbeitet. Daneben
befanden sich noch das Polizeigefängnis und der Polizeigewahrsam, das Kommando
der Schutzpolizei, die Betrugsberatungsstelle, die Abnahmestelle für Kraftfahrzeuge
und die Technische Nothilfe im Verantwortungsbereich des Polizeipräsidenten.
Im Detail lassen sich zu den Organisationsbereichen des Polizeipräsidiums Erfurt die
jeweiligen Aufgaben und auch strukturelle Änderungen zuordnen. Der Verwaltungsdienst / Präsidialstelle besaß folgende Zuständigkeiten:
- Personalangelegenheiten,
- Disziplinar- und Beschwerdesachen,
- Angestellten- und Arbeiterangelegenheiten,
- Jubiläen, Ehrengeschenke und Belohnungen für die Rettung aus Lebensgefahr.
Die im Geschäftsverteilungsplan aufgeführten Organisationseinheiten des Rechnungsrevisors und der Polizeikasse blieb von 1933-1945 erhalten. Im Polizeipräsidium wurde
131
132
§163 StPO vom 01.02.1877 (Bekanntmachung vom 22.03.1924, RGBl. I. S.322).
Berufsverbrecher, Gewohnheitsverbrecher als auch zum Schutz der Volksgemeinschaft.
41
die Abteilung A von einem Leitenden Polizeiarzt geführt, daneben bestand eine Abteilung Medizinal-Fürsorge mit der sozialhygienischen Fürsorge und der Polizeisanitätsstelle Erfurt. Ab 1939 befanden sich die drei letztgenannten Stellen nicht mehr im
Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums. Die Wirtschaftsabteilung (Abteilung W)
gab im Jahr 1941 den Aufgabenbereich der Reisekosten und der Wohnungsgeldbeihilfen ab. In der Abteilung 1 wurden bis 1939 Angelegenheiten des Vereins- und Versammlungswesens, der Presseangelegenheiten und der Waffenscheine bearbeitet. Die
Abteilung wurde ab 1939 gänzlich abgeschafft. Nur die Verantwortlichkeit für Waffenscheine wurde in den Jahren 1939 bis 1941 zum Verwaltungsdienst übertragen.
Die Abteilung II war bis 1939/1940 mit der Bearbeitung von Ausländersachen beauftragt. Zu Beginn der NS-Herrschaft war die Polizei durch die Neuordnung der Ausländerpolizei bei der Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis dazu verpflichtet, das zuständige Arbeitsamt abzufragen, ob einer Arbeitsaufnahme zugestimmt wird.133 Im
Juni 1933 waren alle Personen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft hatten, durch die
Polizeibehörden auf Zählkarten zu erfassen und mit den Melderegistern zu vergleichen.134 Die Abteilung II wurde im Jahr 1939 als Abteilung II b mit den Aufgaben:
- Ausländerangelegenheiten,
- Blutschutzangelegenheiten,
- Kennkarten
neu gegründet und existierte bis 1940. Ab 1941 entstand durch eine erneute Umorganisation daraus die Abteilung II 1, mit folgenden Schwerpunkten:
- Kennkarten,
- Zeugnisse und Bescheinigungen,
- Paßwesen,
- Sichtvermerke,
- Blutschutzangelegenheiten.
Die Ausländerangelegenheiten, Staatsangehörigensachen und Namensänderungen
gingen zeitgleich auf die Abteilung II 2 über. Im Jahr 1938 wurde eine neue Abteilung
II W geschaffen, welche für das Meldewesen verantwortlich war. Der Überwachungsanspruch des NS-Staates ging so weit, dass das Meldewesen neu organisiert wurde und
der Regierungspräsident Erfurt an die Polizeibehörden am 14. Juni 1933 auf die Meldepflicht hinwies. Damit war eine polizeiliche Anmeldung, vom großen Meldeschein bis
133
134
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26320, Bl. 93.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26320, Bl. 115.
42
zur Anmeldung von Reisenden, verbindlich geregelt.135 Eine Reihe von Einschränkungen, wie der Ausreisesichtvermerk auf dem Pass ab dem 04. April 1933,136 mit
denen insbesondere im Vorfeld von Auslandsreisen der Reisezweck abgefragt werden
konnte, wurden hiermit festgelegt. In der Abteilung III befand sich die Zuständigkeit
für das Verkehrswesen, das Kraftfahrzeugwesen und die Wasser- und Feuerpolizei. Die
beiden Abteilungen IV und V hatten sich bis 1939 mit der Gewerbepolizei, den Lustbarkeiten, der Polizeistunde, den Straf- und Gnadensachen, Beglaubigungen und Fundsachen zu beschäftigen. Diese beiden Abteilungen wurden 1939 aufgelöst und eine
neue Abteilung IV a mit der Gewerbepolizei, der Polizeistunde, der Schankerlaubnis
und der Preisüberwachung eingerichtet. Ab 1941 hieß diese Abteilung dann IV 1-2 und
bekam die Aufgaben der Legitimationskarten, Wandergewerbe und Lustbarkeiten,
welche die von 1938 bis 1941 bestehende Abteilung IV b inne hatte, hinzu. In der 1941
gegründeten Abteilung IV 3 fand die Preisüberwachung statt und in der im Jahr 1939
neu gegründeten Abteilung V die Bearbeitung von Straf- und Gnadensachen sowie die
Fundsachen.
Das Polizeigefängnis befand sich auf dem Petersberg und der Polizeigewahrsam im
Polizeipräsidium in der Kasinostraße 2 (spätere Meister-Eckhardt-Straße).
Die Kriminalinspektion existierte bis 1939 unter diesem Namen, danach wurde sie umbenannt in Staatliche Kriminalpolizei, Kriminalpolizeistelle Erfurt. Die Kriminalpolizei
umfasste folgende Untereinheiten mit den jeweiligen Tätigkeitsschwerpunkten:
1. Kriminalkommissariat
- Verbrechen wider das Leben,
- Raub,
- Erpressung.
Ab dem Jahr 1938 wurden ausschließlich die Straftatbestände Raub, Erpressung, Einbruch und Brandstifung bearbeitet.
2. Kriminalkommissariat
- Einfacher Diebstahl,
- Wilddieberei.
Die Aufklärung von Wilddieberei wurde ab 1941 dem Kommissariat entzogen, dafür
kam 1941 die Bearbeitung von Fahrrad- und Kraftfahrzeugdiebstählen hinzu.
135
136
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26320, Bl. 179.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26320, Bl. 65. Der Ausreisesichtvermerks-Zwang wurde mit
Wirkung vom 01. Januar 1934 wieder aufgehoben (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26320 Bl.
124).
43
3. Kriminalkommissariat
- Betrug,
- Untreue,
- Urkundenfälschung.
Ab 1939 wurden in diesem Kommissariat die Aufgaben für die Bearbeitung von Unterschlagungssachen, Glücksspiel und Falschgeld übertragen. Im Jahr 1941 kam die Zuständigkeit für Kriegswirtschaftsvergehen hinzu.
4. Kriminalkommissariat
- Unterschlagung,
- Meineid,
- Glücksspiel,
- Körperverletzung,
- Sachbeschädigung,
- Beleidigung,
- Erkennungsdienst und Lichtbildanstalt.
Dieses Kommissariat durchlebte erhebliche Aufgabenverschiebungen, indem es ab
1938 ausschließlich die Zuständigkeit für:
- Tötungsdelikte,
- Selbstmord,
- Körperverletzung,
- vermißte Personen,
- Erkennungsdienst und Lichtbildanstalt
erhielt. Aus letztgenannten bildete sich 1941 das Kriminalkommissariat 6 (Erkennungsdienst und Lichtbildanstalt).
5. Kriminalkommissariat
- Fahndungsstelle,
- vermißte Personen,
- unbekannte Leichen,
- Sittlichkeitsverbrechen,
- unzüchtige Schriften.
In diesem Kommissariat wurden die Aufgaben ebenfalls vollständig aufgehoben und ab
1938 bestand der Schwerpunkt in der Bearbeitung von Sittlichkeits- und Antragsdelikten. Neu eingerichtet wurde im Jahr 1939 der Dauerdienst der Kriminalpolizei und
im Jahr 1941 der Luftschutzoffizier. Die Beratungsstelle für Einbruchbekämpfung, die
44
Betrugsberatungsstelle und die Abnahmestelle für Kraftfahrzeuge blieben als
Organisationseinheiten die ganze NS-Zeit über bestehen. Neben dem Kommando der
Schutzpolizei gab es von 1938 bis 1939 eine Polizeihundertschaft auf dem Ettersberg,
ebenfalls dem Polizeipräsidenten in Erfurt unterstellt. In Erfurt war im Jahr 1940 das 3.
Kompanie-Polizei-Bataillon 93 stationiert.137 Mit den sechs Polizeirevieren:
- Polizeirevier 1 (Fischmarkt, ab 1938 Junkersand 7/9),
- Polizeirevier 2 (Klostergang 2),
- Polizeirevier 3 (Reglerring 11),
- Polizeirevier 4 (Schlüterstraße 3),
- Polizeirevier 5 (Roonstraße 10) und dem
- Polizeirevier 6 (Horst-Wessel-Straße 118)
wurden die ordnungspolizeilichen Aufgaben im Bereich der Stadt Erfurt erfüllt. Die
Technische Nothilfe war ab dem Jahr 1938 nicht mehr als Aufgabe gelistet.
Als bedeutsame Aufgabe des Polizeipräsidenten in Erfurt konnte der zivile Luftschutz
angesehen werden. In einem „Kompetenzwirrwar“ (Wolf 2005, 38) der obersten Organisationsebenen des zivilen Luftschutzes, welche durch Kompetenzüberschneidungen,
Verdrängungen und Zuständigkeitsänderungen geprägt waren, soll folgend nur die Zuständigkeit für den zivilen Luftschutz in Erfurt betrachtet werden. Neben der Kreisleitung der NSDAP und der Stadtverwaltung war die Polizei für die zivile Luftverteidigung zuständig. Dabei war der Polizeipräsident in Erfurt zugleich „Örtlicher Luftschutzleiter“ und damit verantwortlich für das einheitliche Zusammenwirken des
Sicherheits- und Hilfsdienstes, des Werkluftschutzes, des Selbstschutzes und des erweiterten Selbstschutzes. Er konnte zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit
und Ordnung alle verfügbaren Kräfte der Polizei, Feuerwehr, Technischen Nothilfe, des
Roten Kreuzes und anderer behördlicher Einrichtungen beauftragen (Wolf 2005, 39).
Für den Luftschutz-Alarmfall befand sich seit 1934 der Befehlsstand im Kellergewölbe
des Hauses Regenbogenstraße 3 und später in den Kellerräumen des preußischen Behördenhauses in der Hindenburgstraße138 (Wolf 2005, 39). Weisungen in Luftschutzmaßnahmen erhielten die Erfurter Polizeipräsidenten überwiegend vom HSSPF aus
Kassel (Wolf 2005, 40). Ab 01. Juli 1942 wurde als Stütze des Örtlichen Luftschutzleiters der Sicherheits- und Hilfsdienst gebildet, der von Kräften der Ordnungspolizei
137
138
Hierzu waren aufgrund der Anordnung des IdO in Kassel z.B. sechs Reservisten der Polizeidirektion Suhl nach Erfurt abzustellen (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27472, Bl. 6).
Heutige Arnstädter Straße mit Sitz des Thüringer Landtages.
45
organisiert und geführt wurde (Wolf 2005, 40). Die Polizeipräsidenten waren im
Weiteren bis 1943 für die Luftschutzwarnkommandos139, für die zu Beginn des Krieges
44, später über 50 Sirenen zur Verfügung standen, verantwortlich (Wolf 2005, 41).
3.3.2
Das Personal
Die Aufgaben der Ordnungspolizei nahmen die Wachtmeister der Schutzpolizei140 und
der Gendarmerie141 sowie die Offiziere142 der Ordnungspolizei wahr. Dabei wurde insbesondere bei den Offizieren ab dem Jahr 1936 darauf geachtet, dass diese aus dem
„SS-Führer-Nachwuchs“ (Best 1940, 69) stammen.143 Neben den Polizeibeamten gab
es in den Staatlichen Polizeiverwaltungen Beamte des einfachen, mittleren und gehobenen Polizeiverwaltungsdienstes mit Aufgaben in den Bereichen Wirtschafts- und
Personalverwaltung. Weiterhin gab es nach Best (1940, 81) „nichtbeamtete Gefolgschaftsmitglieder“144 bei den Polizeibehörden. Grundsätzlich war die Rechtsstellung
der Beamten im Deutsche Beamtengesetz145 und durch die Reichsdienststrafordnung146
geregelt. Daneben gab es die Sondervorschriften für Vollzugsbeamte, welche in Form
des Deutschen Polizeibeamtengesetzes147 erlassen worden waren (Best 1940, 64).
Personell erlebte die Spitze des Erfurter Polizeipräsidiums in der NS-Zeit einen
ständigen Wechsel. Acht Polizeipräsidenten übten das Amt in den zwölf Jahren der
NS-Zeit aus, wobei der SS-Standartenführer Wicke mit drei Jahren am längsten das
Präsidium führte. Nicht genau geklärt werden konnte, wie viel Personal über die gesamte NS-Zeit für die mannigfaltigen Aufgaben zur Verfügung stand.148 Aufgrund der
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
Der Luftschutzwarndienst ging ab 1943 in die Verantwortung der deutschen Luftwaffe über
(Wolf 2005, 42).
Auswahl von Einstellungsbedingungen für Wachtmeister nach Best (1940, 67): Mindestgröße 1,70 m; Lebensalter zwischen 20 und 25 Jahren, Familienstand: ledig, Zugehörigkeit zur
NSDAP.
Rekrutierung aus Wachtmeistern der Schutzpolizei des Reiches mit mehr als 10 Dienstjahren
(Best 1940, 69).
Einstellungsbedingungen für den Nachwuchs des Polizeioffizierskorps der Ordnungspolizei
nach Best (1940, 83) waren u.a.: Arische Abstammung (Nachweis bis 1800, für die Führerlaufbahn bis 1750); Wehrwürdigkeit, Unbescholtenheit, Erfüllung der Auslesebestimmungen
der SS.
Das Eingangsamt war hier die Ernennung zum SS-Untersturmführer und die Übernahme als
Leutnant der Schutzpolizei.
Rechtsstellung aus der „Allgemeinen Tarifordnung für Gefolgschaftsmitglieder im öffentlichen Dienst“, veröffentlicht in Nr. 17 des Reichshaushalts- und Besoldungsblatt 1938.
Deutsches Beamtengesetz vom 26.01.1937 (RGBl. I S.39).
Reichsdienststrafordnung vom 26.01.1937 (RGBl. I S.71).
Deutsches Polizeibeamtengesetz vom 24.06.1937 (RGBl. I S.653). Damit wurden Angelegenheiten, wie die Genehmigung zur Eheschließung, bestimmte Altersgrenzen sowie Regelungen zum Tragen der Uniform nach Ausscheiden aus dem Dienst geregelt.
Im April 1942 waren z.B. anlässlich eines Groß-Appells etwa 750 Mann der Ordnungs- und
Sicherheitspolizei sowie der Hilfsdienste angetreten (StadtArchiv Erfurt, 1-2/009-25, Bl.
43r).
46
Quellenlage können teilweise Aussagen zur Personalstärke der Schutzpolizei getätigt
werden. So waren zu Beginn der NS-Zeit im Jahr 1933 in der Alarmkartei 103 Personen des Polizeipräsidiums Erfurt registriert. Dabei handelte es sich um 96 Männer der
SA und sieben Angehörige des Stahlhelms.149 Eindeutiges Bestreben der an die Macht
gekommenen nationalsozialistischen Regierung war die personelle Bereinigung der
Verwaltung. Der preußische Minister des Innern schrieb hierzu am 21. Februar 1933 an
die Regierungspräsidenten: „Ich ersuche Sie daher ergebenst, sofort dafür Sorge tragen
zu wollen, daß bei den staatlichen Polizeiverwaltungen Angehörige der S.P.D., soweit
sie noch in der politischen Polizei beschäftigt werden, alsbald ein anderes Arbeitsgebiet
zugeteilt erhalten und durch eindeutig national eingestellte Beamte ersetzt werden.“150
Im Weiteren können ab dem Jahr 1939 detaillierte Aufstellungen zur Schutzpolizei dargestellt werden:151 Demnach waren am 28. September 1939 insgesamt 16 Offiziere und
288 Mannschaftsdienstgrade in der Schutzpolizei tätig. Im Einzelnen ist eine Differenz
vom Ist- zum Sollstand von 85 Arbeitskräften zu erkennen. Dies wurde folgendermaßen aufgelistet:152
Gliederung
Sollstärke
Offiziere
1. Kommando
2. Luftschutz
3. 6 Reviere
4. Hundertschaft
5. Reitstaffel
6. KraftfahrtBereitschaft
7. Motorisierte
Verkehrsbereitschaft
8. Nachrichtenstaffel
9. Sanitätsstaffel
Gesamt:
149
150
151
152
3
1
4
4
1
Iststärke
Inspektoren,
Meister und
Wachtmeister
5
3
203
100
13
16
Offiziere
3
1
5
4
2
24
Inspektoren,
Meister und
Wachtmeister
5
2
177
59
11
15
11
1
8
1
8
14
3
375
16
3
288
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 19262, Bl. 32.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 12962, Bl. 49.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 21965, unpag. (Erlass des HSSPF Kassel vom 28. September
1939, welcher eine Stärkemeldung Ist/Soll der Schutzpolizei im Bereich des Wehrkreises IX
sowie eine namentliche Auflistung aller Offiziere (ab 07. Mai 1940 auch aller Obermeister
und Inspektoren) forderte.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 21965, unpag. (Schreiben des Polizeipräsidiums Erfurt an
den HSSPF Kassel vom 03. Februar 1940).
47
Ein nennenswerter Aspekt an dieser Stelle ist, dass das Polizeipräsidium Erfurt über
eine Reitstaffel verfügte, in welcher zwölf Pferde zur Verfügung standen.153
Der HSSPF Kassel, Erbprinz zu Waldeck, informierte aufgrund des Polizeieinsatzes in
Polen die Polizeiverwaltungen am 11. September 1939 darüber, dass die „kämpfende
Truppe“ restlos für den Einsatz an der Front frei zu bekommen sei. Hierzu habe es
Himmler übernommen, mit Kräften der Ordnungs- und Sicherheitspolizei das besetzte
Gebiet von Banden usw. zu räumen. Der HSSPF machte es den Polizeidienststellen zur
Pflicht, die Erfüllung dieser Aufgabe mit allen Kräften zu unterstützen und alle Rücksichten auf das Heimatgebiet zurückzustellen.154 Daneben mussten aufgrund der Personalnot bestimmte Aufgaben aufgeschoben werden. Im November 1939 konnte deshalb bei der Preisüberwachung nur noch eine Anzeigenaufnahme stattfinden.155
Mit Beginn des Krieges erfolgte eine monatliche Meldung der Kräftesituation. Die
Polizeiverwaltungen wurden durch den Kriegseinsatz personell massiv durch Abordnungen geschwächt. So waren in der Meldung vom 01. März 1940156 von 15 geführten Offizieren insgesamt neun abgeordnet, u.a. an die staatlichen Polizeiverwaltungen in den Ostgebieten und in die SS-Polizei-Divisionen. Von den Mannschaftsdienstgraden versahen 158 Kräfte ihren Dienst u.a. durch Abordnungen in das Protektorat Böhmen und Mähren, das Generalgouvernement, in SS-Divisionen und in PolizeiBataillonen. Ein Großteil davon, 106 Männer, wurden aus dem Revierdienst gezogen,
was zu einer erheblichen Schwächung der Iststärke führte. Im November 1940 wurde
ein Polizei-Ausbildungs- Bataillon mit 226 Polizisten von Weimar nach Erfurt verlegt
und dort im Bestand gezählt.157 Im gehobenen Diensten standen im Jahr 1942 insgesamt zwölf Beamte zur Verfügung.158
Ab August 1943 meldete das Polizeipräsidium Erfurt in unregelmäßigen Abständen
nun auf Erlass des HSSPF Wehrkreis IX die Kräftelage der Offiziere unter Einbeziehung der einberufenen Reservisten und Zugeordneten.
153
154
155
156
157
158
Mit einer Abgabe von vier Pferden an die Polizeiverwaltung Frankfurt am Main waren ab
Januar 1940 acht Pferde im Bestand.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26118, Bl. 283.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27490, Bl.73.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 21965, unpag. (Schreiben des Polizeipräsidiums Erfurt an
den HSSPF Kassel vom 03. Februar 1940).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 21965, unpag. (Erlass Himmlers vom 12. Oktober 1940).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 21992, Bl. 4 (Schreiben des Polizeipräsidenten Wicke an den
Regierungspräsidenten Erfurt vom 31. Oktober 1942).
48
Meldung am:
Anzahl der
Offiziere
Reservisten und
Zugeordnete
02. August 1943159
01. November 1943161
01. Dezember 1943163
01. Januar 1944165
01. August 1944166
01. November 1944167
15160
15162
17164
18
20
17
34
39
39
40
43
50
Von denen im Polizeipräsidium geführten Offizieren wurde ein Großteil abgeordnet.
So sind im August 1943 insgesamt 26 Abordnungen, u.a. in Polizeibataillone oder in
den Stäben der IdO gemeldet worden. In der letzten Meldung vom 01. November 1944
waren von den 67 erfassten Offizieren insgesamt 44 im auswärtigen Einsatz bzw. in
den Stäben der IdO abgeordnet.
Eine großangelegte Werbeaktion zum Eintritt in die Waffen-SS startete im Jahr 1942.
Das Polizeipräsidium Erfurt meldete am 14. Mai 1942 hierzu, dass Oberleutnant Rien
mit der Durchführung der Werbeaktion beauftragt wurde. 168 Diese Aktionen setzte sich
im Jahr 1943 an den Standorten der Erfurter Schutzpolizei mit Werbemaßnahmen
fort.169 Gleichzeitig beantragten im gleichen Jahr drei Offiziere der Erfurter Polizei ihre
Aufnahme in die SS.170
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26637, Bl. 1r (Auf Erlass des HSSPF Wehrkreis IX meldet
der Polizeipräsident Erfurt am 02. August 1943 an den Regierungspräsidenten Erfurt ein
Verzeichnis der Offiziere der Schutzpolizei des Reiches (Aktive, Reserve, Revier).
Es werden 15 Offiziere namentlich benannt, u.a. der Major der Schutzpolizei Wehlow
(Kommandeur der Schutzpolizei in Erfurt seit dem 20. Februar 1940), Hauptmann der
Schutzpolizei Wiehle (Luftschutzoffizier). Von den 15 Offizieren waren acht abgeordnet,
z.B. in Polizeibataillone bzw. beim Stab des IdOs. Zugeteilt waren dem Polizeipräsidium von
anderen Standorten 34 Offiziere, davon waren 18 wiederum abgeordnet, teilweise in die besetzten Gebiete.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26637, Bl. unpag.
Es erfolgte die erneute Einberufung an Reservisten. Der Oberleutnant der Reserve, Bremser,
ist am 23. September 1943 gefallen.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26637, Bl. unpag.
Zwei Hauptwachtmeister wurden zum Leutnant ernannt.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26637, Bl. unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26637, Bl. unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26637, Bl. unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27897, unpag. (Dabei hatte er Vorträge in höheren Schulen,
Berufsschulen und Landwirtschaftsschule gehalten.).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27897, unpag.
Es handelte sich hierbei um den Major der Schutzpolizei Heinrich Wehlow, geb. am 11. Januar 1895, den Hauptmann der Schutzpolizei Walther Wiehle, geb. am 27. September 1898
und den Hauptmann der Schutzpolizei Otto Höken, geb. am 19. November 1908 (ThStAGO,
Regierung zu Erfurt 27897, unpag.).
49
3.3.3
Die Liegenschaft
Das aus dem ehemaligen Augustinerkloster171 hervorgegangene Polizeipräsidium war
ein zentral gelegenes Gebäude in der Innenstadt von Erfurt und befand sich in der
Kasinostraße,172 welche im Jahr 1936 in Meister-Eckehart-Straße 2 umbenannt wurde.
Der im Jahr 1655 umgebaute ehemalige Valentinerhof zum Kloster erfuhr bereits im
Jahr 1876 eine Nutzung als Offiziers-Speiseanstalt (Offizierskasino).173 Im Jahr 1923
erfolgte der Umbau des Klosters zu einem Polizeidienstgebäude. Bis in das Jahr 1945
wurde das Gebäude als Polizeipräsidium genutzt.174 Aus den Bauplänen des Gebäudes
der 1930er Jahre geht hervor, dass sich im Erdgeschoss u.a. der Polizeigewahrsam, die
Wache und die Polizeikasse befanden.175 Im Obergeschoss lagen die Räume des Polizeipräsidenten mit einem angrenzenden, etwa 80 qm großen Sitzungssaal.176 Der Kommandeur der Schutzpolizei, seine Verwaltung und der Leiter der Revierpolizei wirkten
im Obergeschoss des Nordost-Flügels.177 Das Polizeigefängnis befand sich im östlichen Flügel des Gebäudes im Erdgeschoss und besaß drei „Aufnahmeräume“ sowie
fünf Gefangenenzellen. Bisher relativ unbekannt ist die Tatsache, dass im Hof des Polizeipräsidiums seit Anfang der 1930er Jahre eine provisorische Gefängnisbaracke aufgestellt war.178 Diese Baracke war etwa 207 Quadratmeter groß, hatte zwölf Zellen179,
vier großräumige Zimmer und zwei Toiletten.
4
Die Erfurter Polizeipräsidenten während der NS-Zeit
4.1
Überblick
Die Polizeiverwaltung in Erfurt durchlebte im NS-Staat einen Funktions- und Bedeutungswandel. Noch in den Jahren 1933 und 1934 war sie eine Institution, die aktiv an
der Bekämpfung politischer Gegner mitgewirkt hatte. Mit der Herauslösung der politischen Polizei aus der Polizeiverwaltung und der Umbildung zu einer selbstständigen
171
172
173
174
175
176
177
178
179
Die anliegende Wigbertikirche wurde im 17. Jahrhundert vom Augustinerkloster einverleibt
(http://www.erfurt-web.de/Wigbertikirche; http://www.erfurt-web.de/Wigbertikirche, letzter
Zugriff vom 19. Juli 2009). Im Jahr 1277 begann der Bau des Erfurter Augustinerklosters
(http://www.augustinerkloster.de/geschichte/, letzter Zugriff vom 19. Juli 2009).
Anhang 4 (Foto des Polizeipräsidiums Erfurt aus dem Jahr 1925).
StadtArchiv Erfurt, 7/117-13.
Ab 1951 nutzte das Thüringer Innenministerium, ab 1952 der Rat des Kreises, Abteilung
Landwirtschaft, das Gebäude. Seit 1990 ist die Stadtverwaltung Erfurt mit dem Personalamt
hier untergebracht.
StadtArchiv Erfurt, 7/117-13-10b.
StadtArchiv Erfurt, 7/117-13-11a.
StadtArchiv Erfurt, 7/117-13-12.
StadtArchiv Erfurt, 7/117-13-27.
Jede Zelle war ca. sechs Quadratmeter groß.
50
Behörde am 01. April 1934 übernahm von nun an die Staatspolizeistelle Erfurt diese
Zuständigkeiten (Schneider 2008, 64). Durch fortgesetzte Aufgabenverschiebungen
und kriegsbedingte Entwicklungen änderten sich zunehmend die Tätigkeitsfelder des
Polizeipräsidiums, wie es der Luftschutz deutlich zeigte. Zu dem tiefgreifenden Funktionswandel der Ordnungspolizei in eine paramilitärische Organisation hat auch das Erfurter Polizeipräsidium, durch die Entsendung von Personal und der aktiven Teilnahme
am „Osteinsatz“, beigetragen. Mit diesen Prozessen einher geht die Bedeutungsverschiebung der Polizei, von der Ausrichtung auf den Nationalsozialismus bis zur
Garantenstellung für die nationalsozialistische Ordnung. Im Laufe dieses Wandels wurde auch die Erfurter Polizei von Gesetzen entbunden und in den Unterdrückungsapparat eingebettet.
Als regionale Inhaber dieser wichtigen Position im preußischen Regierungsbezirk
Erfurt sind die Polizeipräsidenten folgend Gegenstand einer genauen Betrachtung. In
ihrer exponierten Stellung als Leiter einer staatlichen Verwaltung hatten sie ein politisch bedeutsames Amt inne, was in den beschriebenen Aufgaben begründet war.
Welche Personen führten während der NS-Zeit das Polizeipräsidium Erfurt? Im Laufe
der Recherchen zu dieser Arbeit kristallisierten sich folgende acht amtierende Polizeipräsidenten heraus:180
Führung des Erfurter
Polizeipräsidiums181
bis September 1933
19. Mai 1933 bis
01. Juli 1934
August 1934 bis
November 1934
01. November 1934 bis
08. Juli 1936
01. April 1937 bis
08. November 1939
01. März 1940 bis
14. Oktober 1940
04. August 1941 bis
27. Juli 1944
29. Januar 1945 bis
10. April 1945
180
181
Name, Vorname
Dienstgrad
Rabe von Pappenheim, Hermann
Regierungsrat
Fichte, Werner von
SA-Obergruppenführer
Stange, Franz Albert
Staatsrat
Harte, Philipp
Landrat
Pflomm, Karl
Woedtke, Alexander von
SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei
SS-Oberführer und Hauptmann
d.R. a.D.
Wicke, Heinrich (Heinz)
SS-Standartenführer
Gieseke, Otto
SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei
Auf die Abwesenheitsvertreter des Polizeipräsidenten in Erfurt wird aufgrund des Umfanges
der Arbeit nicht eingegangen.
Unter Führung des Polizeipräsidiums wird hier auch verstanden, wenn eine Person „mit der
Wahrnahme beauftragt“ war bzw. als Vertreter eingesetzt, jedoch die alleinige Verantwortung inne hatte. Die detaillierten Angaben befinden sich im Anhang 6.
51
Es werden folgend die Lebensläufe von fünf der insgesamt acht amtierenden Polizeipräsidenten in Erfurt während der NS-Zeit beschrieben. Aufgrund der vielfältig vorgefundenen Unterlagen und des vorgegebenen Umfanges der Arbeit musste diese Begrenzung vorgenommen werden. Dabei fiel die Auswahl insbesondere auf den Kreis
der letzten vier Polizeipräsidenten, die nach der Verschmelzung von Polizei und SS ab
dem Jahr 1936 das Polizeipräsidium führten. Weiterhin ist der „prominente“ Werner
von Fichte, als „Opfer“ der Röhm-Revolte, in den biografischen Skizzen mit einbezogen. Ungeachtet der Reduzierung sind die erhobenen biografischen Angaben zu allen
acht Personen im Anhang 6 dargestellt.
Die nachfolgende Kollektivbiografie der Polizeipräsidenten in Erfurt während der NSZeit ist vordergründig eine Berufsbiografie. Neben Herkunft, Ausbildung und militärischer Erfahrung beeinflussten wichtige zeitliche Ereignisse das Leben sowie das
Verhalten des untersuchten Personenkreises. Der Betrachtung der Polizeipräsidenten in
ihrem ganzen Werdegang kommt eine große Bedeutung zu, da sie laufend die Verwendungen wechselten. Dabei interessiert insbesondere, was für ein Typus Mensch diese
Personen waren, was für Erfahrungen sie mitbrachten und wie sie folglich handelten.
Es werden die verschiedenen Leiter der Polizeiverwaltung Erfurt beschrieben, wobei
immer die Frage gestellt wird, ob und wenn ja, welche gesonderten Akzente sich in der
Amtsführung des jeweiligen Polizeichefs feststellen lassen.
4.2
Werner von Fichte – „Wiking-Führer“ und SA-Mann
Am 17. Juli 1934 meldete sich der nervös klingende
Werner v. Fichte aus seiner Erfurter Wohnung fernmündlich bei Polizeimajor Bier und teilte diesem mit: „Hier
Polizeipräsident von Fichte. Ich bin wieder da, nehme
meinen Dienst aber nicht wieder auf, sondern fahre in ein
Sanatorium. Sie können sich vorstellen, wie es mir geht,
unschuldig wie ein Lamm und eingesperrt. Wissen Sie was
davon, das ich aus der SA ausgeschlossen bin? Warum
vertreten Sie mich? Warum vertritt mich nicht Schaefer?“182 Ein Rückruf von Bier am
selbigen Tag zur Beantwortung der Fragen blieb erfolglos, da v. Fichte die Stadt Erfurt
182
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 34f.
52
bereits verlassen hatte.183 Von diesem Tag an bemühte sich der Vizepräsident des
Oberpräsidiums Koblenz, v. Ditfurth, drei Jahre fürsorglich um Werner v. Fichte. Am
18. Juli 1934 schrieb v. Ditfurth an den Regierungspräsidenten in Erfurt, Bachmann,
dass der körperlich und seelisch vollständig zusammengebrochene v. Fichte seit dem
17. Juli bei ihm weile und dass er ihn in dessen Auftrag krank melde, da dieser zu
schwach sei, um selber seinen Namen zu schreiben. Er bat weiterhin um Klärung, warum Ministerpräsident Göring persönlich Werner v. Fichte am 01. Juli 1934 verhaftete
und weshalb dieser am 16. Juli 1934 „plötzlich“ wieder aus dem Konzentrationslager
Lichtenburg entlassen worden sei.
Der Erfurter Polizeipräsident Werner v. Fichte wurde im Zusammenhang mit der
„Röhm-Revolte“ verhaftet184 und auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers am 07. Juli
1934 aus der SA ausgeschlossen.185 Die gemeinsame Inhaftierung mit „Verbrechern
gewöhnlichen Rechts“186 bedeutete für den kinderlosen und geschiedenen v. Fichte das
Ende einer Karriere in Militär, Geheimbünden und Polizei.187 Erfolglos bestreitet v.
Fichte die Teilnahme an dem angeblichen Röhm-Putsch188 und wird am 30. August
1934 in den einstweiligen189 und zum 30. Oktober 1934 in den endgültigen190 Ruhestand versetzt. Auch der Regierungspräsident in Erfurt sah aufgrund der Bekanntheit
des Vorgangs in der Bevölkerung keine Möglichkeiten mehr für einen Einsatz v.
Fichtes als Polizeipräsident in Erfurt.191
183
184
185
186
187
188
189
190
191
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 37.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 43 (Schreiben des Regierungspräsidenten von
Erfurt an den Preußischen Minister des Inneren am 19. Juli 1934).
BArch, SA-P Werner von Fichte (Schreiben des Obersten SA-Gerichts an die Geheime
Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Berlin vom 07. November 1939) sowie BArch, PK Werner von Fichte (Schreiben der Reichsleitung NSDAP an den Polizeipräsidenten und Leiter
der Politischen Polizei Kurhessen vom 29.01.1936 mit der Verfügung zum Ausschluss: Ch.
Nr. 17147/34).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 44.
Entgegen anderer Darstellung, die v. Fichte am 30. Juni 1934 auf Anordnung Hitlers angeblich als ermordet aufführt (Meinl 2000, 232), wurde er noch am 14. Mai 1945 als ordentliches Mitglied der NSDAP in den Akten geführt (BArch, PK Werner von Fichte, Vermerk des
Reichsschatzmeisters, Hauptamt V, Reichskarteiamt).
In der Einlassung des Kriminalrats Merkel erklärt dieser, Fichte habe ihm gesagt, dass er
weder ein 175er noch ein Hochverräter sei. Er stehe nach wie vor treu zu seinem Führer und
zu seiner Bewegung (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 36). Der §175 des Reichsstrafgesetzbuches stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts
unter Strafe.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 51.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 58.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 43 (Schreiben des Regierungspräsidenten Erfurt
an den Preußischen Minister des Inneren am 19. Juli 1934).
53
Dem späteren SA-Obergruppenführer v. Fichte wurde durch Abstammung192 und
Elternhaus eine militärische Karriere in die Wiege gelegt. Am 04. Mai 1896 in Kassel
als Sohn des Generalleutnants Georg v. Fichte193 und dessen Ehefrau Charlotte, geb.
Rindfleisch, geboren, begann er nach dem Besuch der Gymnasien Straßburg und Breisach im Alter von 11 Jahren die militärische Ausbildung in den Kadettenkorps Karlsruhe, Bensberg und wechselte im Jahr 1913 an die Hauptkadettenanstalt Berlin Lichterfelde. Dann folgte die große Zäsur: der Erste Weltkrieg. Werner v. Fichte trat 1914 in
das Fußartillerie-Regiment Nr.18 ein, zeichnete sich als Jagdflieger aus194, wurde zweimal bei Flugzeugabstürzen schwer verwundet und nahm an den Kämpfen an der Westund Sinaifront sowie an den Stellungskämpfen um Verdun wie auch an der Schlacht
um Gaza in Mittelpalästina teil. Nach der ersten Verwundung im Jahr 1916 diente der
1915 zum Leutnant ernannte v. Fichte als Flugleiter an der Kampfeinsitzerschule
Paderborn. Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete für v. Fichte die nächste große
Zäsur. Die Fortführung der Kriegserlebnisse fand für ihn in den Jahren 1918-1920
durch „Freikorpskämpfe gegen die Bolschewisten im Osten“ 195 statt.
V. Fichte schloss sich der Marine-Brigade Ehrhardt an,196 welche durch den Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt197 am 17. Februar 1919 aufgestellt und sich als Freikorps
besonders durch Radikalität, straffe Disziplin und elitären Charakter auszeichnete. Mit
der Auflösung der Brigade Ehrhardt im April 1920 wurde v. Fichte in das 100.000Mann-Heer übernommen. Hier diente er nach eigenen Angaben als Leutnant im
192
193
194
195
196
197
Werner v. Fichte war der Urenkel des berühmten Philosophen Johann Gottlieb Fichte (Orientalische Cigaretten-Compagnie "Rosma" GmbH 1934, 66). Johann Gottlieb Fichte (geboren
am 19. Mai 1762 in Rammenau, gestorben am 29. Januar 1814 in Berlin) sympathisierte bereits 1813 mit dem Militär und betätigte sich neben seiner Tätigkeit als Professor in Königsberg im Landsturm. Johann Gottlieb Fichtes philosophiegeschichtliche Bedeutung beruht
darauf, dass er durch die Wissenschaftslehre von 1794 den Kritizismus Kants in den spekulativen Idealismus übergeführt hat (Historische Kommission bei der bayerischen Akademie der
Wissenschaften 1961, S. 122 – 125). Johann Gottlieb Fichte war auch ein Antisemit. Hiermit
ist eine familiäre Kontinuität über vier Generationen erkennbar (http://www.comlink.de/clhh/m.blumentritt/agr111s.htm, letzter Zugriff vom 19. Juli 2009).
Georg v. Fichte war 1896 Hauptmann und Lehrer an der Kriegsschule Kassel und zuletzt
Kommandant des Schießplatzes Wahn.
Unter anderem wurde v. Fichte das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse, das Flugzeugführerabzeichen sowie das Ehrenzeichen für Frontkämpfer verliehen.
BArch, PK RSK Werner von Fichte, unpag. (Lebenslauf vom 25. Februar 1938).
BArch, Personalfragebogen der Subsequent Proceedings Division Werner von Fichte.
Hermann Ehrhardt (geboren am 29. November 1881in Diersburg , gestorben am 27. September 1971 in Krems an der Donau) 1919 die "Brigade Ehrhardt" wird im Auftrag der Weimarer Regierung im Kampf gegen die Münchener Räterepublik und zur Niederschlagung kommunistischer Aufstände in Mitteldeutschland eingesetzt, 1920 unter der Führung von General
Walther Freiherr von Lüttwitz besetzt die Marinebrigade Ehrhardt das Berliner Regierungsviertel. Damit begann der Putsch von Lüttwitz und Wolfgang Kapp. Wegen Beteiligung am
Putsch erging gegen Ehrhardt Haftbefehl, dem er sich durch Flucht entzog. Führt die geheime
"Organisation Consul" (OC), den späteren "Wiking-Bund". (http://www.dhm.de/lemo/html/
biografien/EhrhardtHermann/ letzter Zugriff am 20. Juli 2009).
54
Reichswehr Artillerieregiment Nr. 1 in Königsberg, bis Ende 1922 seine Verabschiedung erfolgte.198 Der Zusammenhalt unter den ehemaligen Ehrhardt-Angehörigen
jedoch lebte weiter, wie etwa durch die Betätigung im „Bund ehemaliger EhrhardtOffiziere“, in der „Organisation Consul“, dem „Bund Wiking“ und dem „Sportverein
Olympia“ (Meinl 2000, 40-41). Stolz führte v. Fichte in seinem Lebenslauf an, dass er
bis 1928 im Wikingbund als Führer von Westdeutschland tätig gewesen sei.199 Der
1928 aufgelöste Bund hatte die „Destabilisierung der Republik durch systematisches
Unruheschüren sowie planmäßiges Eindringen in die Führungspositionen rechtsradikaler Gruppierungen“ (Meinl 2000, 148) zum Ziel.200 Gleichzeitig gibt es Hinweise
darauf, dass v. Fichte in dem berüchtigten rechtsradikalen Geheimbund, der Organisation Consul – kurz OC –, als „hessischer OC- und Wiking-Führer“ (Meinl 2000,
232) aktiv war. Die von Hermann Ehrhardt geführte OC wies in Aufbau und Konzeption Merkmale eines „völkisch-radikalen Geheimbundes“ (Meinl 2000, 42) auf. Ziel
der nationalistischen Terrororganisation war die Bekämpfung der jungen Weimarer
Republik durch politische Morde sowie das Konterkarieren des Friedensvertrages von
Versailles. Hierbei existierten enge Verbindungen und Kooperation mit der Reichswehr.201
Im Jahr 1926 begann v. Fichte nach eigenen Angaben202 mit publizistischen Tätigkeiten. Neben Beiträgen für die nationale „Kasseler Post“ gab er ab 1926 die Zeitschrift
„Wiking“ in Kassel heraus, die noch im gleichen Jahr durch den preußischen Innenminister Severing verboten wurde. Ein weiteres Engagement als Herausgeber des Gaublattes der NSDAP Essen „Sturmabteilung“ folgte in den Jahren 1930 und 1931. Durch
seinen frühen Eintritt in die NSDAP und die SA bei der Ortsgruppe Kassel im September 1928 zählte v. Fichte als „Alter Kämpfer“, wofür er im November 1933 das
Goldene Ehrenabzeichen der NSDAP verliehen bekam. V. Fichte begab sich Anfang
der 1930er Jahre in Konfrontation mit der nationalsozialistischen Führung. So wurde er
198
199
200
201
202
BArch, PK RSK Werner von Fichte, unpag. (Lebenslauf vom 25. Februar 1938).
BArch, PK RSK Werner von Fichte, unpag. (Lebenslauf vom 25. Februar 1938) sowie Meinl
(2000, 123).
Wie v. Fichte war auch Friedrich Wilhelm Heinz Mitglied der vorgenannten antidemokratischen Verbände. Parallelen zu dem späteren ersten Leiter des militärischen Abschirmdienstes
der Bundesrepublik Deutschland Heinz zu v. Fichte, wie die Mitgliedschaft in der Brigade
Ehrhardt, die spätere Verwendung als regionaler Führer der OC und im Nachfolgeverband
„Bund Wiking“ sowie die publizistischen Tätigkeiten und die zeitgleiche Aufnahme in die
NSDAP im Jahr 1928 (Meinl 2000, 8), sind augenscheinlich.
Aufgrund der Kooperation mit der Reichswehr bezeichnete man die OC 1922/1923 auch
„Schwarze Reichswehr“ (Meinl 2000, 42).
BArch, PK RSK Werner von Fichte, unpag. (Lebenslauf vom 25. Februar 1938).
55
im Jahr 1931 bezichtigt, bei einer SA-Führertagung im Herbst 1930 die politischen
Leiter und Reichstagsabgeordneten der NSDAP als Bonzen bezeichnet zu haben.203
Dies bestätigte auch eine Befragung des SA-Führers Bochum, Otto Voß, welcher die
Geringschätzung v. Fichtes gegenüber nationalsozialistischen Abgeordneten bemängelte.204 Trotzdem hatte er vom Sommer 1930 bis zum Mai 1933 die Position des
stellvertretenden OSAF-West, mit dem später geführten Dienstrang eines SA-Gruppenführers, inne.205 Während dieser Zeit fungierte v. Fichte konspirativ als Vertrauensmann Ehrhardts in der NSDAP, der hierdurch Informationen über die Entwicklung der
SA erhielt (Meinl 2000, 165).
Am 19. Mai 1933, durch den preußische Minister des Innern als stellvertretender
Polizeipräsident von Erfurt eingesetzt, erfolgte die offizielle Ernennung zum Polizeipräsidenten am 22. September 1933.206 In seiner Amtszeit, die bis zum 07. Juli 1934
währte, setzte v. Fichte die nationalsozialistischen Ideen in Erfurt durch, was mit den
Festnahmen politischer Funktionäre begann. So wurde Hermann Jank, Kandidat auf
einem kommunistischen Wahlvorschlag (Spitzenfunktionär in der RGO), im Juli 1933
als Schutzhäftling in das auf Initiative des preußischen Ministeriums des Inneren entstandene KZ Sonnenburg überführt207 Auch der bereits am 11. April in Erfurt festgenommene KPD-Funktionär Karl Kolbe, Feldstraße 18 aus Erfurt, 208 wurde am 22. Juli
1933 in das Konzentrationslager Lichtenburg bei Torgau verbracht.209
Nach einem in Gutsche (1986, 435) zitierten Flugblatt der KPD gab Polizeipräsident
Werner v. Fichte im Frühsommer 1933 den Auftrag zur Ermordung von drei KPDFunktionären. Der sich in Schutzhaft befindliche Josef Ries210 soll am 28. Juni 1933
durch die SA bei einem Verhör misshandelt und anschließend erschossen worden sein,
die Funktionäre Heinz Sendhoff und Waldemar Schapiro im Juli. In der Meldung an
den Regierungspräsidenten Erfurt wurde vermerkt: „Der Schutzgefangene Chaim-Wulf
203
204
205
206
207
208
209
210
BArch, SA-P Werner von Fichte (Schreiben Heinrich Stüwe an den Bezirksleiter LenneVolme der NSDAP vom 13. Mai 1931).
BArch, SA-P Werner von Fichte (Schreiben des Otto Voß an den General-Inspekteur der SA
vom 14. Mai 1931).
BArch, SA-P Werner von Fichte (Schreiben des Werner von Fichte an Stabschef Röhm vom
30. März 1931, Bl. 4).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 3.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 90r (Polizeipräsident Erfurt (i.A. Boening) an den
Regierungspräsidenten Erfurt am 06. Juli 1933).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 84r.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 87 (Polizeipräsident Erfurt (i.A. Boening) an den
Regierungspräsidenten Erfurt am 29. Juli 1933).
Dazu auch Wolf (2005, 11).
56
(genannt Waldemar) Schapiro, geboren 15.6.1893 in Kopys (Russland) ist am
15.7.1933 an einem Herzschlag gestorben.“211
Im Zusammenhang mit der Schutzhaft ist ein weiterer Todesfall bekannt geworden.
Der im Konzentrationslager Papenburg, Bezirk Osnabrück, untergebrachte Werner
Hesse212 war vom Polizeipräsidium Erfurt nach dorthin verlegt worden, wo er am 26.
September 1933 bei einem Fluchtversuch erschossen worden ist. V. Fichte schrieb in
seiner Meldung am 03. Oktober 1933: „Die Angehörigen des Hesse sind von dem
Todesfall in Kenntnis gesetzt worden.“ 213
Neben KPD- waren auch zahlreiche SPD-Parteiangehörige von den Verhaftungswellen
betroffen. Das Polizeipräsidium Erfurt meldete an das vorgesetzte Regierungspräsidium
in einem geheimen Schreiben, dass am 04. Juli 1933 alle elf festgenommenen SPDFunktionäre „versuchsweise“ freigelassen worden seien. Gleichzeitig befänden sich
von den 48 Häftlingen aus den anderen Regierungsbezirken noch 23 in Schutzgewahrsam.214
Aufgrund der stetig ansteigenden Zahl von eingelieferten Schutzgefangenen aus allen
Gebieten215 des preußischen Regierungsbezirkes Erfurt in die Polizeigefängnisse
Kasinostraße und Petersberg gab es bald Engpässe hinsichtlich der „Aufnahmekapazitäten“. Auch das „Fassungsvermögen“ in den Konzentrationslagern, wohin ein Großteil der verhafteten Personen überführt worden war, erschöpfte sich in kurzer Zeit, so
dass das Sammellager Lichtenburg am 20. Juli 1933 eine weitere Aufnahme von
Schutzhäftlingen aus Erfurt ablehnte.216
Die massiv angestiegene Zahl von politischen Häftlingen soll folgende Tabelle verdeutlichen, welche durch den Polizeipräsidenten Erfurt an den Regierungspräsidenten Erfurt
gemeldet wurden:
211
212
213
214
215
216
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 97 (Polizeipräsident Erfurt (i.A. Boening) an den
Regierungspräsidenten vom 20.07.1933).
Werner Hesse, geboren am 05. Mai 1912 in Zeulenroda, gestorben am 26. September 1933
im KZ Papenburg, zuletzt wohnhaft in Erfurt, Zietenstraße 62.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 238 (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt an
den Regierungspräsidenten Erfurt vom 03.10.1933).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 150 (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt (i.A.
Boening) an den Regierungspräsidenten Erfurt).
Schreiben des Landrates des Kreises Ziegenrück an den Regierungspräsidenten in Erfurt am
11. Mai 1933: „Da die Unterbringungsmöglichkeiten für politische Häftlinge im Regierungsbezirk Erfurt, wie in Gerichtsgefängnissen u.Ä. erschöpft waren, wurde nach Absprache mit
dem Polizeipräsidenten in Erfurt zur Unterbringung in die Schutzhaft nach dorthin verlegt
(ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 133).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 71 (Schreiben des Regierungspräsidenten Merseburg an den Regierungspräsidenten Erfurt vom 20. Juli 1933).
57
Datum
Schutzhäftlinge gesamt
29. Juli 1933217
29. August 1933219
14. September 1933221
14. Oktober 1933222
30. Oktober 1933223
29. November 1933225
157
174
195
209
216
241
Männliche
Personen im
Schutzgewahrsam
Erfurt
111
29
20
35
19
35
Weibliche
Personen im
Schutzgewahrsam
Erfurt
9
8
7
7
6
3
Davon in
Konzentrationslager
verbracht:
37218
137220
168
166
191224
203226
Mit der ab Juli 1933 einsetzenden Verbringung von Gefangenen in ausgelagerte Konzentrationslager ist ein deutlicher Wandel in der Organisation von Schutzhaftsachen zu
erkennen. Neben der Verbringung in andere Lager wurden die festgenommenen
Schutzhäftlinge wöchentlich zweimal aus dem Lager Feldstraße und aus dem Polizeigefängnis Petersberg den Verhören der SA zugeführt. Bei solch einem „Verhör“ am 28.
Juni 1933 sind fünf KPD-Mitglieder von der SA auf dem Gelände des Polizeihundevereins „aufs grausamste mißhandelt“ Gutsche (1986, 435) worden. Deutlich wird das
enge Verhältnis zur SA bei der Betrachtung der personellen Zusammensetzung des Polizeipräsidiums. Zur Vorbereitung von Sicherheitsmaßnahmen im Sabotagefall erstellte
v. Fichte im September 1933 eine personelle Auflistung seiner Dienststelle.227 Demnach werden 96 Mitglieder der SA, kein Mitglied der SS und sieben Angehörige des
Stahlhelms für den Alarmfall erwähnt.
Dass die Führung des Polizeipräsidiums Erfurt stolz seine „Schutzhäftlinge“ präsentierte, zeigt folgende Begebenheit: V. Fichte führte persönlich am 05. August 1933
zwei niederländische Wissenschaftler der „Arisch Genootschap voor Rassenbiologie“
durch den Polizeigewahrsam im Polizeipräsidium, durch das Polizeigefängnis auf dem
Petersberg und durch das Schutzhaftlager in der Feldstraße.228 Hier besichtigte man die
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 126.
Einlieferung in die Konzentrationslager Sonnenburg und Lichtenburg.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 163.
Einlieferung in die Konzentrationslager Sonnenburg, Lichtenburg und Papenburg bei Osnabrück (dort allein 100).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 203.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 256.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 321.
Verbracht in die Konzentrationslager Sonnenburg, Lichtenburg, Papenburg bei Osnabrück,
Brandenburg/Havel, Moringen.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 488.
Das Polizeipräsidium Erfurt meldete am 04. November 1933, dass mittels Sammeltransport
13 Schutzhäftlinge zur Überführung in das staatliche Konzentrationslager in Brandenburg/Havel in Marsch gesetzt wurden (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 354r).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 19262, Bl. 32.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 115.
58
Einrichtungen für die Schutzhaftgefangenen und v. Fichte nutzte dies für eine Veröffentlichung in der lokalen Presse. Die Niederländer konnten sich davon überzeugen,
dass „das Bestreben vorherrscht, die verhängte Schutzhaft nicht als Vergeltung wirken
zu lassen, sondern sie dazu zu benutzen, um aus der irre geleitete Volksgenossen durch
Arbeit und Aufklärung wieder brauchbare Staatsbürger zu machen.“229 Besonders ist
ihnen dabei die peinliche Sauberkeit und Ordnung aufgefallen. Neben den Festnahmen
beschlagnahmte die Erfurter Polizei in einer Vielzahl von Fällen angebliches und
tatsächliches kommunistisches Vermögen und beantragte dessen Einziehung beim
vorgesetzten Regierungspräsidenten. Das Ziel dieser umfassenden Maßnahmen war die
Beseitigung der finanziellen Grundlagen des politischen Gegners. Einige exemplarische
Beispiele aus v. Fichtes Amtszeit sollen diese Vorgänge darstellen:
•
Das Vermögen der „Freien Volksbühne, Erfurt“ wurde im Oktober 1933 in Höhe
von RM 60,50 auf das Postscheckkonto der Polizeikasse Erfurt überwiesen.230
•
Boening231 meldete „im Auftrag“ für den Polizeipräsidenten v. Fichte, dass am 15.
Mai 1933 das Volkshaus der SPD-Gewerkschaften in Erfurt, Johannesstraße 55,
welches einen Wert von 160.000 RM hat, polizeilich beschlagnahmt worden
sei.232
•
Ein weiterer Antrag v. Fichtes auf Einziehung folgte im August 1933, indem er die
Parteigelder der SPD auf dem Postscheckkonto des Erfurter Bezirksleiters der SPD
Großthüringen, Willi Eberling, beschlagnahmen ließ.233
•
V. Fichte unterzeichnete ebenfalls die Meldung über die Beschlagnahme des Sparkassenkontos des kommunistischen Landtagsabgeordneten Walter Duddins, Erfurt, Leipziger Straße 12, im August 1933,234 die Beschlagnahme des Vermögens
des Internationalen Bundes der Opfer des Krieges und der Arbeit am 09. März
1933235 sowie die Beschlagnahme des Vermögens des Landeserwerbslosenausschusses für Großthüringen in Erfurt, Johannesstraße 171, am 28. Februar 1933.236
229
230
231
232
233
234
235
236
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10020, Bl. 116.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26660, Bl. 38 (Schreiben der Bank der Arbeiter, Angestellten
und Beamten AG, Berlin, an den Polizeipräsidenten Erfurt am 07. Oktober 1933).
Kriminalkommissar Wilhelm Boening war Vertreter des Regierungsrates Orgler in der
Staatspolizeistelle Erfurt (Schneider 2008, 63).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27521, Bl. 1 (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt (i.A.
Boening) an den Regierungspräsidenten Erfurt vom 18. Mai 1933).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27521, Bl. 8 (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt (v.
Fichte) an den Regierungspräsidenten Erfurt vom 12. August 1933).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27521, Bl. 19.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27521, Bl. 28.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27521, Bl. 30.
59
•
Der Vertreter v. Fichtes, Dr. Schaefer, beantragte am 12. Januar 1934 die Einziehung des von der Polizei beschlagnahmten Postscheckkontos der Frau Gertrud
Schimpf mit einem Guthaben von 6,01 RM. Dabei soll es sich um ein getarntes
Konto der Kampfgemeinschaft proletarischer Freidenker gehandelt haben.237
Neben Finanz- und Vermögenswerten wurden auch eine Vielzahl an Gegenständen beschlagnahmt, die wesentliche Arbeitsgrundlage für die politischen Gegner der Nationalsozialisten darstellten.
•
V. Fichte ließ im Juli 1933 von dem in polizeilicher Schutzhaft befindlichen
kommunistischen Funktionär Wilhelm Döll den Personenkraftwagen (eine OpelLimousine) beschlagnahmen. Begründet wurde diese polizeiliche Maßnahme mit
dem Verdacht, dass der Wagen für Fahrten der Erfurter Bezirksleitung der KPD
benutzt worden sei. Er bat um Einziehung des Kraftwagens.238
•
Bei der Bezirksleitung der KPD in Erfurt, Leipziger Str. 12, wurde im September
1933 ein Vervielfältigungsapparat der Marke Rotary durch die Polizei beschlagnahmt. Wörtlich heißt es in dem Antrag auf Einziehung: „Die Abziehapparate
wurden zur Herstellung hochverräterischer und kommunistischer Schriften benutzt.“239.
•
Ebenfalls beantragte v. Fichte die Einziehung von Gegenständen des
kommunistischen Funktionärs Hermann Galbalwis in Erfurt, Auenstraße 57,
welcher nach der Durchsuchung im Polizeigewahrsam in Schutzhaft saß240 sowie
die Einziehung des beschlagnahmten Herrenfahrrads von Willi Hofmann, Erfurt,
Salinenstraße 34, weil dieser das Rad zur Verteilung kommunistischer Druckschriften verwendet haben soll.241
Eine große Anzahl an Vermögenswerten und Gegenständen wurden im Weiteren durch
das Polizeipräsidium Erfurt beschlagnahmt. Darunter befanden sich u.a. auch Radiogeräte (mit eingestelltem Moskausender), Schreibmaschinen und Kraftfahrzeuge.
237
238
239
240
241
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26660, Bl. 108 (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt (i.V.
Dr. Schaefer) an den Regierungspräsidenten vom 12. Januar 1934).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27521, Bl. 2 (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt (v.
Fichte) an den Regierungspräsidenten Erfurt vom 27. Juli 1933).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 23227, Bl. 1 (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt (v.
Fichte) an den Regierungspräsidenten Erfurt vom 08. September 1933)
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27521, Bl. 8 (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt (v.
Fichte) an den Regierungspräsidenten Erfurt vom 27. Juli 1933)
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27521, Bl. 34 (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt (v.
Fichte) an den Regierungspräsidenten Erfurt vom 07. August 1933).
60
Neben der Verfolgung von Regimegegnern sind in einer großangelegten „Bekämpfungsaktion des Bettelunwesens“ 242 am 19. September 1933 insgesamt 36 Bettler
in Erfurt festgenommen und „der Bestrafung zugeführt“243 worden. Dabei waren alle
verfügbaren Polizeikräfte, mit Unterstützung durch SA, SS und Stahlhelm, beteiligt.
Ende Oktober meldete das Polizeipräsidium Erfurt, dass das „Bettlerunwesen ganz erheblich zurückgegangen“244 sei.
Neben den Säuberungsaktionen hatte v. Fichte als Polizeipräsident natürlich die
organisatorische Verantwortung über die Polizeiverwaltung Erfurt. Als örtlicher Luftschutzleiter veranlasste v. Fichte im Rahmen des Luftschutzes die Errichtung von zwei
Musterschutzräumen für Anschauungszwecke (Wolf 2005, 20). Noch vor seiner Verhaftung teilte v. Fichte dem Oberbürgermeister mit, dass er aufgrund der Probleme mit
der Abschaltung der elektrischen Straßenbeleuchtung und der Gaslaternen bei Luftgefahr mit den „Maßnahmen zur Verdunkelung öffentlicher Straßen in Erfurt nicht zufrieden sei.“245 Die von ihm geplanten Luftschutzübungen im August und September
hat er aufgrund seiner Verhaftung und Amtsenthebung nicht mehr führen können.
Im Sommer 1933 waren außerdem alle 23.000 kriminalpolizeilichen Strafakten neu zu
ordnen, was dem Polizeipräsidium zeitlich - aufgrund der zahlreichen Anträge auf Ausstellung von Führungszeugnissen - sowie auch organisatorisch erhebliche Schwierigkeiten bereitete.246 Eine Vollzugsmeldung dieser Führungsaufgabe kam nicht mehr
durch v. Fichte zustande. Zwar war ihm die Ausnahmeregelung: „Eine allmähliche Anpassung an die einheitliche Regelung ist anzustreben“247 zugestanden worden, doch erst
sein Amtsnachfolger Philipp Harte konnte dies bis Dezember 1935 realisieren.248
V. Fichte wurden 1933 in einer Beurteilung folgende Eigenschaften bescheinigt:
„soldatisches Auftreten, gute Formen und Geschicklichkeit im Umgang mit der Bevölkerung, sicheres Auftreten, großer Fleiß“. Werner v. Fichte zeichnete sich besonders in
seinem Bestreben aus, das nationalsozialistische Gedankengut in der ihm unterstellten
242
243
244
245
246
247
248
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10995, Bl. 343(Vermerk des Regierungspräsidenten Erfurt
am 09. September 1933).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10995, Bl. 371 (Meldung des Polizeipräsidenten Erfurt an
den Regierungspräsidenten Erfurt vom 16. Oktober 1933).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10995, Bl. 395 (Meldung des Polizeipräsidenten Erfurt an
den Regierungspräsidenten Erfurt vom 29. Oktober 1934).
StadtArchivErfurt, E-1-2/160-6243.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22512, unpag. (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt an
den Regierungspräsidenten vom 20. September 1933).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22512, unpag. (Schreiben des Preußischen Minister des Innern am 14. März 1934).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22512, unpag. (Schreiben des Polizeipräsidenten Erfurt an
den Regierungspräsidenten vom 15. Dezember 1935).
61
Beamtenschaft zu verankern. In diesem Zusammenhang wurde ebenfalls die Anerkennung Hitlers für den erfolgreich bewältigten Polizeieinsatz anlässlich des Gautages
der NSDAP in Thüringen 1933 erwähnt.249
Es steht nicht genau fest, warum v. Fichte zum Opfer der angeblichen Röhm-Revolte
wurde. Der „prominente“250 Werner v. Fichte passte fraglos in das „Raster“ von
Himmler, Heydrich und Dr. Best, um auf eine der Todeslisten zu gelangen.
Mehrere Ansätze für die Gründe der Verhaftung v. Fichtes, einzeln betrachtet oder auch
in Kombination, sind denkbar. So beruht eine Möglichkeit auf seinen langjährigen Verbindungen zu Hermann Ehrhardt, welchen Hitler, trotzdem er dessen verdienter Weggefährte war, den „Bazillenherd der Unruhe“ (Meinl 2000, 231) bezeichnete. Belegt ist,
dass aufgrund der „Angst vor dem rebellischen Geist und dem subversiven Treiben der
Ehrhardt-Gefolgschaft“ (Meinl 2000, 230) und der damit im Jahr 1933 beginnenden
schrittweisen Auflösung der Brigade die ehemaligen Gefolgsleute Ehrhardts in SASpitzenfunktionen auf den Todeslisten zu finden waren. Im günstigeren Falle konnten
diese durch rettende Freundschaften ihr Leben bewahrten, fielen dann jedoch oft in Ungnade. Ebenso war v. Fichtes homosexuelle Neigung bekannt, eine zur damaligen Zeit
wenig tolerierte Veranlagung.251 Eine weitere Leseart könnte die Position v. Fichtes als
höherer SA-Führer und sein Dienst als OSAF-West sein, der ihn zwangsläufig mit
Werner Best zusammengeführt haben musste. Schlussendlich wäre für die Verhaftung
auch seine aktive Beteiligung in der Geheimvereinigung der Organisation Consul ein
Grund gewesen. Gründe für die Ersteller der Namenlisten, Werner v. Fichte im Juli
1934 zu liquidieren, gab es mithin genug.
Unbeantwortet bleibt, ob der Flieger und Fluglehrer v. Fichte der „Nacht der langen
Messer“ nur durch eine Freundschaft mit dem Flieger Hermann Göring entging, ob er
ausschließlich Diels252 und dem Freiherr von Lüninck253 sein Leben zu verdanken
249
250
251
252
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 8-10 (Beurteilung v. Fichte durch den Erfurter
Regierungspräsidenten Bachmann).
Werner von Fichte war auf den zur damaligen Zeit vielverbreiteten Zigarettenbildern zu
finden und damit sehr bekannt. Diese Bilder waren eine Publikationsform, der sich das nationalsozialistische Regime zur Selbstdarstellung ausgeprägt bediente. In dem Band „Männer
im Dritten Reich“ werden die 250 führenden Personen in ideologischen Kurzbiografien dargestellt, u.a. auch Werner von Fichte (Orientalische Cigaretten-Compagnie "Rosma" GmbH
(Hrsg.) 1934: Männer im Dritten Reich. Bremen (Cigaretten-Compagnie Rosma).
Ernst Röhms Homosexualität war ein offenes Geheimnis, wird jedoch während der angeblichen Röhm-Revolte durch die SS benutzt, um bewusst die Empörung in der Bevölkerung
über das Sexualverhalten Röhms zu steigern.
Rudolf Diels war mit Unterbrechungen von April 1933 bis April 1934 Leiter des Geheimen
Staatspolizeiamtes, danach Regierungspräsident in Köln.
62
hatte254 oder ob sich alle genannten Kräfte gemeinsam für seine Entlassung aus der
Lichtenburg stark gemacht hatten. Rudolf Diels, erster Gestapa-Chef, war mit Göring
eng verbunden gewesen.255 Parallelen neben der Militärfliegerei im I. Weltkrieg haben
Göring und v. Fichte auch durch ihre militärische Ausbildung: Hermann Göring war
jeweils zwei Jahre vor v. Fichte im Kadettenhaus Karlsruhe und in der Hauptkadettenanstalt Groß-Lichterfelde.256 Weiterhin waren beide hohe Führer in der SA. Aufgrund
der dargestellten Ansätze ist davon auszugehen, dass sich letztendlich Göring als preußischer Innenminister schützend für den Polizeipräsidenten v. Fichte eingesetzt hatte.
Seine private Lebensführung hingegen glich zumindest Anfang der 1930er Jahre einem
Fiasko. Mit der im August 1930 vermählten Ehrengard v. Fichte, geborene Graemenitz,
lebte er in einem Düsseldorfer Hotel ungefähr einen Monat lang zusammen. Während
dieser Zeit erlitt seine Ehefrau einen Nervenzusammenbruch, verließ v. Fichte und begab sich zur Behandlung in mehrere Sanatorien. Im Jahr 1933 stritten sich beide Parteien vor Gericht und offenbarten hierbei viele intime Details.257 V. Fichte beschuldigte
seine Ehefrau, dass sie an religiösem Wahn leide, nervenkrank und empfängnisunfähig
sei. Außerdem sei seine Frau geschlechtlich anomal, da mit der Köchin von Graemenitz
ein Liebesverhältnis bestanden haben soll. Ehrengard v. Fichte bestritt die Vorwürfe
und beschuldigte ihren Mann im Gegenzug, dass sich dieser roh gegen sie verhalten
habe und ebenfalls eine sexuelle Anomalität aufweise. So soll sein Abschied aus der
Reichswehr im Jahr 1922 wegen sittlicher Verfehlungen erfolgt sein, da er in betrunkenem Zustand einen Unteroffizier aufgefordert habe, ihm sein Geschlechtsteil zu
zeigen. Weitere homosexuelle Verfehlungen aus dem Jahr 1930 mit einem früheren
Sturmtruppführer werden genannt, die v. Fichte mit Verweis auf dessen kommunis253
254
255
256
257
Lüninck, Ferdinand Freiherr von (geboren am 03. August 1888 in Ostwig, Hinrichtung am
14. November 1944 im Zusammenhang mit dem Attentatsversuch auf Hitler) war Oberpräsident der Provinz Westfalen (Stockhorst 2000, 279) und seit Oktober 1933 bis zu seiner Verhaftung im Juli 1944 Staatsrat, unfreiwilliger Rücktritt als Oberpräsident im Juli 1944 (Lilla
2005, 35).
V. Ditfurth schrieb in seinem Brief an Regierungspräsidenten Bachmann am 19. Juli 1934,
dass vermutlich durch Interventionen des Regierungspräsidenten Dr. Diels und des Oberpräsidenten Freiherr von Lüninck im Geheimen Staatspolizeiamt die Entlassung v. Fichtes erfolgt war (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788 Bl. 41 (Schreiben des Vizepräsidenten des
Oberpräsidiums, v. Ditfurth, an den Regierungspräsidenten in Erfurt, Bachmann, am 18. Juli
1934)).
Das Geheime Staatspolizeiamt (Gestapa) war aktiv an der Niederschlagung der RöhmRevolte beteiligt (Meinl 2000, 230).
Göring trat im Jahr 1905 in das Kadettenhaus in Karlsruhe ein; vier Jahre später wechselte er
an die Hauptkadettenanstalt (Oberstufe) in Lichterfelde bei Berlin (http://de.wikipedia .org/
wiki/Hermann_G%C3%B6ring#Kindheit_und_Jugend, letzter Zugriff vom 19. Juli 2009).
Für das umfassende Verständnis der Person v. Fichte ist eine detaillierte Auseinandersetzung
mit den Vorwürfen und Aussagen notwendig.
63
tische Gesinnung zu negieren versuchte. Der Vorwurf, v. Fichte unterhielt eine ehewidrige Beziehung mit einer Frau v. Ditfurth,258 wurde durch jene bestritten. Das Gericht stellte im Ergebnis die Nichtbeweisbarkeit der beiderseitigen Anschuldigungen
und die schwere Verletzung der ehelichen Pflichten fest.259 Im Dezember 1933 wurde
die Ehe in Düsseldorf annulliert.260
Werner v. Fichte teilte während seiner Erfurter Dienstzeit erhebliche finanzielle Probleme bei vorgesetzten Stellen mit: „Unerträglich erscheint es mir heute, die Verantwortung dieses Amtes tragen zu sollen, während ich andererseits mit drückendsten
wirtschaftlichen Sorgen belastet bin.“261 Er beantragte die Einrechnung seiner früheren
Dienstzeit als Offizier der Reichswehr, um das Besoldungsdienstalter um acht Jahre zu
erhöhen,262 was ihm mit Ausnahmeregelung teilweise ab 1930 genehmigt wird. Ein
Jahr nach seiner Ruhestandsversetzung wurde v. Fichte in einem Parteigerichtsverfahren vor dem Obersten Parteigericht der NSDAP die Unterschlagung von Geldern
der Obersten SA-Führung West im Jahr 1930 sowie die gleichgeschlechtliche Betätigung mit einem SS-Mann zur Last gelegt.263 Dieses Verfahren wurde im Februar
1938 eingestellt.264
Werner v. Fichte lebte seit seiner Haftentlassung im Juli 1934 in Koblenz in der Privatwohnung des Präsidenten v. Ditfurth265 und betätigte sich seitdem als Schriftsteller.266
Im April 1937 meldete er sich bei der NSDAP Ortsgruppe Berlin mit seinem neuen
258
259
260
261
262
263
264
265
266
Spekulativ bleibt, ob die genannte v. Ditfurth die Ehefrau des Vizepräsidenten des Oberpräsidiums Koblenz oder ein Familienmitglied war.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 63ff (Verhandlung der 1. Zivilkammer des Düsseldorfer Landgerichtes in der Ehescheidungssache Fichte).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 61 (Urteil des 8. Zivilsenat des Oberlandesgerichtes Düsseldorf).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 12r.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 10788, Bl. 12f (V. Fichte erhielt eine Vergütung in Höhe des
Anfangsgrundgehaltes der Besoldungsgruppe A 1 c (435,54 RM) vom 19. Mai 1933 ab zugestanden. Diesen Betrag bemängelte er, da er dadurch die Lebenshaltung eines Beamten seiner
Dienststellung nicht sicherstellen konnte. Zuvor habe er als SA-Gruppenführer zuzüglich einer Offizierspension ca. 600 RM erhalten, was auch unzulänglich war. Er führte hier an, dass
er sich in einer besonders schwierigen Lage befände, da sich seine Frau wegen einer schweren Krankheit nicht in seinem Haushalte aufhielt und ihm durch ihren Unterhalt hohe Kosten
erwuchsen. Außerdem seien durch repräsentative Aufgaben im Zusammenhang mit seiner
Stelle hohe Ausgaben angefallen.).
BArch, PK Werner von Fichte (Aufforderung zur zeugenschaftlichen Äußerung an den
Stabsleiter Saupert vom 21. Oktober 1936) und BArch, PK Werner von Fichte (Aktennotiz
der Sektion Reichsleitung vom 25. Juli 1935) und BArch, SA-P Werner von Fichte Bl. 520.
BArch, SA-P Werner von Fichte (Schreiben des Obersten SA-Gerichts an die Geheime
Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Berlin vom 07. November 1939).
BArch, PK Werner von Fichte (Schreiben Werner von Fichte an den Reichsschatzmeister der
NSDAP vom 12. Januar 1935).
Werner von Fichte schrieb u.a. folgende Bücher „Morgentor der Freiheit: eine Dichtung aus
deutschen Schicksalstagen“ (1934), „Die Sage des Peterklosters zu Erfurt“ (1934) und „Der
Spukflieger“ (1940). Am 25. Februar 1938 stellte v. Fichte einen Antrag zur Aufnahme in die
Reichsschrifttumskammer (BArch, PK RSK Werner von Fichte, unpag.).
64
Wohnsitz Berlin an. Eine geplante erneute Verwendung des Offiziers v. Fichte in der
Wehrmacht wird im Jahr 1939 durch die Geheime Staatspolizei geprüft.267 Eine
„Wiedereinberufung“ v. Fichtes fand nicht statt.
4.3
Karl Pflomm – Der „Alte Kämpfer“
Am 16. April 1945 erschoss Karl Pflomm seine Ehefrau, sechs seiner sieben Kinder sowie das Dienstmädchen in einem Krankenhaus der REIMAHGWerke in Hummelshain bei Kahla und anschließend
sich selbst. Was bewog den am 20. April 1936 in den
Rang eines SS-Brigadeführers ernannten und hochdekorierten Offizier Karl Pflomm zu dieser Tat, als die
westalliierten Streitkräfte im April 1945 in Thüringen
einmarschierten?
Karl Albert Julius Pflomm wurde am 31. Juli 1886 in
Reutlingen (Württemberg) als Sohn des Schreiners
Adalbert und Rosa Pflomm, geborene Wucherer, geboren.268 Im Jahr 1887 siedelte die
Familie in die USA aus, wo Karl Pflomm von 1892 bis 1894 die deutsche und englische Schule in Pittsburg (US-Bundesstaat Pennsylvania) besuchte. Nach dem Tod des
Vaters kehrte die Familie im Jahr 1894 nach Deutschland zurück und Pflomm besuchte
die Volksschule in Reutlingen, bevor er von 1900 bis 1904 eine Lehre zum Glasbläser
absolvierte. Nach Jahren des Gesellendaseins arbeitete er von 1911 bis 1914 in einer
Glasschleiferei in Stuttgart, bevor er 1914 zum Heeresdienst eingezogen wurde. Hier
diente er in den Regimentern 119 sowie 126 und zog sich bei Kampfhandlungen drei
Verwundungen zu.269 Ausgezeichnet mit beiden Eisernen Kreuzen verließ Pflomm als
Unteroffizier der Reserve270 im Jahr 1919 den Heeresdienst, wurde Betriebsleiter und
später Inhaber einer Stuttgarter Glasschleiferei. Im Juli 1929 verkaufte er sein Geschäft
und ging auf eine „Besuchsreise“ nach Nordamerika. Nach seiner Rückkehr im Jahr
1930 trat er mit der frühen Mitgliedsnummer 2.913 der SS bei. Als Gründer der SS in
267
268
269
270
BArch, SA-P Werner von Fichte Bl. 520.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 979 (Lebenslauf vom 11. März 1937).
Pflomm wurde hierfür das Verwundetenabzeichen in Schwarz verliehen.
Mit Wirkung des 27.08.1939 wurde Karl Pflomm durch das Wehrbezirkskommando Erfurt
aufgrund des 25. Jahrestages des Weltkriegsbeginns und der Schlacht bei Tannenberg der
Charakter als Leutnant der Landwehr a.D. verliehen (BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1013).
65
Stuttgart mit zwölf Mann begann die steile Karriere des Nichtakademikers271 Pflomm,
die bereits mit der Führungsübernahme der 13. SS-Standarte Stuttgart im Mai 1931
ihren Anfang nahm. Selbstbewusst berichtet Pflomm in seinem Lebenslauf: „Vom
Führer habe ich am 10. April 1932 bei seiner Anwesenheit in Stuttgart anläßlich der
Wahl des Reichspräsidenten sein Bild bekommen. Darauf schrieb Hitler: Pg. Karl
Pflomm in Anerkennung treuer Dienste, Stuttgart, den 10. April 1932 Adolf Hitler.“272
Karl Pflomm war folgend als Stabsführer der SS-Abschnitte X in Stuttgart, IX in
Kulmbach und XVIII in Weimar eingesetzt und leitete ab 1933 die 47. SS-Standarte in
Gera sowie den SS-Abschnitt XVIII. Dabei begleitete Pflomm seine Ämter in der SS
bis zum 20. März 1932 ehrenamtlich ohne Vergütung.273
Bereits im November 1922 trat Pflomm in die NSDAP ein und meldete sich nach
seinem Aufenthalt in Nordamerika im August 1930 erneut bei der Partei an.274 Damit
erscheint fraglich, ob Pflomm tatsächlich nur die angegebene „Besuchsreise“ durchführte oder für immer Deutschland verlassen wollte. Karl Pflomm zählte mit seinem
frühen Eintritt in die NSDAP in der nationalsozialistischen Anschauung als alter
Kämpfer,275 und bekam hierfür im Februar 1934 den Winkel für alte Kämpfer276 verliehen. Pflomm versuchte neben seiner SS-Karriere auch in der NSDAP Macht und
Einfluss zu gewinnen und wurde auf Vorschlag des Reichsstatthalters Sauckel im
Dezember 1934 zum ehrenamtlichen Thüringischen Staatsrat ernannt.277 Am 07. April
1936 meldete Pflomm dem für ihn zuständigen SS-Abschnitt XVIII, dass er als Kandidat für die Reichstagswahl im Wahlkreis 12 (Thüringen) aufgestellt und als Abgeordneter gewählt worden sei.278
Himmler plante den SS-Oberführer Pflomm bereits im Jahr 1935 als Polizeipräsident in
Halle279 einzusetzen und schrieb hierzu an Daluege: „Ich darf Dich davon unterrichten,
dass der Führer mir gegenüber entschied, dass es ein Reservatrecht der SA auf Polizeipräsidentenposten nicht gäbe, da keine Stelle im Staat für irgendeine Organisation besonderes reserviert sei, sondern lediglich nach Brauchbarkeit und Tüchtigkeit vergeben
271
272
273
274
275
276
277
278
279
Pflomm besuchte die Volksschule, hatte kein Abitur, war gelernter Kunstglaser und schloss
eine gewerbliche Fortbildungsschule ohne Abschlussexamen ab (BArch, PK Karl Pflomm,
Bl. 976).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 979 (Lebenslauf vom 11. März 1937).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1002.
Wiederaufnahme in die NSDAP (Mitgliedsnummer 304.896) am 01. September 1930.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 980.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 967.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1071.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1035.
Ein Nebengrund war, dass Pflomm seinen SS-Abschnitt mit nach Halle nachziehen würde
(BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1036).
66
wird“.280 Mit der Verschmelzung von SS und Polizei einhergehend, wird nunmehr der
zum SS-Brigadeführer ernannte Pflomm stattdessen am 14. Mai 1936 in den thüringischen Landesdienst als Polizeipräsident von Weimar übernommen.281 Bereits ein
Jahr später erfolgte im April 1937 die Übernahme Pflomms in den preußischen Staatsdienst als Polizeipräsident in Erfurt282 und sicherte Himmler dadurch in Erfurt die Annäherung der Polizei an die SS.283 Gleichzeitig wird er in seiner Funktion als SS-Führer
ab Januar 1937 der Führung des SS-Abschnitts XVIII enthoben und seitdem im SDHauptamt geführt284. Pflomms Amtszeit als Polizeipräsident Erfurt dauerte vom 13.
April 1937 bis zum 08. November 1939. In dieser Zeit wurde er ab Dezember 1938 mit
dem Auftrag des Aufbaus einer Polizeiverwaltung im besetzten Aussig285 beauftragt286
und dort über ein Jahr eingesetzt287.
SS-Brigadeführer Pflomm war besonders mit der Umorganisation der Erfurter Polizeiverwaltung beschäftigt. Beispielhaft entstanden mit der neu gegründeten Abteilung II b,
die sich u.a. mit Ausländerangelegenheiten und Blutschutzangelegenheiten befasste,
immer neue Aufgabenbündelungen in den Organisationseinheiten.
Die Ausländerüberwachung war im Jahr 1937 ein enormes Betätigungsfeld für das
Polizeipräsidium Erfurt. Am 18. Februar 1937 verlangte Himmler die Erfassung sämtlicher tschechoslowakischer Staatsangehöriger „Zur Vorbereitung etwaiger Gegenmaßnahmen gegen die Tschechoslowakei“288im Reichsgebiet. Daraufhin teilte der Polizeipräsident Erfurt am 09. April 1937 mit, dass 326 tschechoslowakische Staatsangehörige, davon 309 Sudetendeutsche und 17 Nationaltschechen in Erfurt gemeldet
waren.289 Monatlich meldete Pflomm vom Mai bis Dezember 1937 auch spanische
Staatsangehörige,290 die in Erfurt als Gasthofsfremde gemeldet waren. So sind im Zeit280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1046 (Schreiben Himmlers an Daluege vom 29. November
1935).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1036 (In Anwesenheit des Thüringer Reichsstatthalters und
Gauleiters, Fritz Sauckel, ist der SS-Brigadeführer Pflomm am 27. Mai 1936 in das Amt des
Polizeipräsidenten von Weimar eingeführt worden.).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1027.
Der vorherige Polizeipräsident, Philipp Harte, war Mitglied der NSDAP und befand sich ab
Juni 1936 im Ruhestand (siehe Anhang 6).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1031 (Als SS-Führer im SD dem Inspekteur der Sicherheitspolizei des SD (IdS) in Kassel zugeteilt).
Aussig an der Elbe gehörte zum damaligen „Protektorat Böhmen und Mähren“.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1052 (Übermittlung von Geburtstagswünschen an den Chef
der Ordnungspolizei, Daluege, am 13. September 1939).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1016.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 232.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 248.
Die spanischen Staatsangehörigen wurden aufgrund des Spanische Bürgerkrieges, der im
Zeitraum Juli 1936 und April 1939 zwischen der Regierung Spaniens und General Franco
ausgetragen wurde, erfasst.
67
raum April bis Mai 1937 acht Personen zur Anmeldung gelangt,291 die Pflomm am 18.
Mai 1937 namentlich an den Regierungspräsidenten Erfurt mitteilte.292
Insbesondere zur Ausweisungshaft existieren ab dem Jahr 1937 zahlreiche Überlieferungen. Am 12. August 1937 beantragte der Polizeipräsident Erfurt (in Vertretung
Wendland) beim Regierungspräsidenten Erfurt die Vollziehung der Ausweisungshaft
aus dem Polizeigewahrsam in ein Konzentrationslager für den Staatenlosen Johann
Rozeck, geb. am 10. Mai 1898 in Radom (Polen).293 Nach dem Ersuchen des Regierungspräsidenten am 15. September 1937 an die Kommandantur des KZ Buchenwald,
dass Rozeck dort aufgenommen wird,294 meldete das Polizeipräsidium am 18. November 1937 den Vollzug der Verbringung.295 Hier tritt jedoch ein Sonderfall auf: Dr. Best
(Gestapo Berlin) hebt am 13. August 1938 die Ausweisungshaft auf und weist die
Staatspolizeistelle Oppeln an, den Rozeck über die grüne Grenze nach Polen abzuschieben.296 Anzunehmen ist hier, dass der Rozeck „umgedreht“ wurde und fortan für
den SD arbeitete.
Auch der am 16. September 1938 gestellte Antrag auf Vollziehung der Ausweisungshaft des Paul Breitkreuz, geboren am 16. Oktober 1901 in Nowograd (Russland) in ein
Konzentrationslager bereitete Pflomm unerwartete Schwierigkeiten.297 Paul Breitkreuz
trat im Polizeigefängnis in Hungerstreik298 und Pflomm berichtete: „Nach dem beigefügten ärztlichen Befund ist Breitkreuz noch haftfähig, er beabsichtigt nun, sich durch
abwechselndes Hungern völlig zu schwächen und so eine Änderung seiner Lage herbeizuführen.“299 Dr. Best ließ die Akte über den Dienstweg an Pflomm zurückgehen
und empfahl, den Häftling zu entlassen.300 Daraufhin berichtete Pflomm am 13. Oktober 1938 dem Regierungspräsidenten in Erfurt, das Breitkreuz entlassen und ihm eine
Arbeit als Platzarbeiter vermittelt worden sei.301
Für den am 22. Januar 1938 durch die Polizei in Ausweisungshaft genommenen Juden
Moritz Katzenstein, geb. am 25. Januar 1860, bittet Wendland zwei Tage später beim
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
Diese Meldung erfolgte im September 1937 mit einer Fehlmeldung durch Pflomm (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584 Bl. 322) und am 14. Oktober 1937 mit der Information, dass
zwei Spanier in Erfurt gemeldet waren (ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584 Bl. 328).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 254.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 330.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 332.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 336.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 337.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 441.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 459.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 462.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 468r.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 470.
68
Gestapo-Amt Berlin um die Verbringung in ein Konzentrationslager. Wendland bezeichnete Katzenstein als volksschädigend und sah „ein Entgegenkommen dem Juden
Katzenstein gegenüber nicht mehr angebracht“.302 Eine Ausweisung in das Ausland
käme auch nicht Frage, da er das Ansehen Deutschlands im Ausland schädigen könne.
In dieser Sache meldete Pflomm am 15. März 1938 an den Regierungspräsidenten
Erfurt, dass Katzenstein am 19. März 1938 auf dem „Sammeltransportwege“ dem Konzentrationslager Dachau zugeführt wurde.303
Mit der Umsetzung der Abschiebungsverfügung des Juden Josef Flanzer, geboren am
22. August 1900 in Uszwa (Polen) am 28. April 1938 durch die Polizei Erfurt in ein
Konzentrationslager304 gab es anscheinend organisatorische Probleme. Die Gestapo
Berlin fragte am 30. September 1938 beim Regierungspräsidium Erfurt nach, warum
die Person Flanzer noch nicht im KZ Dachau angekommen sei.305 Pflomm entschuldigte sich damit, dass er keine Abschiebungsverfügung erhalten habe und versprach die alsbaldige „Überweisung“ des Flanzer.306 Die Gestapo Berlin entschied am
21. Oktober 1938, dass Flanzer nicht nach Dachau, sondern in das KZ Buchenwald307
zu überführen sei.308
Aufsehen erregte in Thüringen im April 1938 die willkürliche Anwendung der Schutzhaft an prominenten Personen des öffentlichen Lebens. In einer Alkoholstimmung beging Polizeipräsident Pflomm zusammen mit dem SA-Gruppenführer Gunther aus
Weimar eine gemeinschaftliche Körperverletzung an dem Oberbürgermeister a.D.
Dr. Stegmann. Ebenfalls beteiligt war der Thüringische Ministerpräsidenten Marschler
wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Dr. Stegmann forderte aufgrund der Tat
übertriebene Ehrerklärungen und sonstige unerfüllbare Forderungen und wird hierfür
mit anderen Personen309 in das Konzentrationslager Buchenwald verbracht (Schneider
2008, 281-282).
302
303
304
305
306
307
308
309
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 371.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 379.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 414.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 436.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 437.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 439.
Neben den aufgeführten Personen erfolgten weitere Verbringungen von Häftlingen aus dem
Polizeigefängnis Erfurt in ein Konzentrationslager zum Zwecke der Ausweisungshaft, wie
auch der Domokaner Edmund Andrzejak, geboren am 30. Oktober 1910 in Warberg
(ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 493).
Außer Dr. Stegmann wurden ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht: der Ministerialrat i.R. Dr. Reischauer- früherer Personalreferent im Thüringischen Justizministerium, 76
Jahre alt-, Ministerialdirektor i.R. Dr. Jahn- noch nach der Machtübernahme im Thüringischen Innenministerium - und der Chirurg Dr. Schreiner. Alle Personen wurden wieder entlassen.
69
Auch den Erfurter Oberbürgermeister Kießling setzte SS-Brigadeführer Pflomm im
Juni 1939 unter Druck, da beide gegenteiliger Meinung über die Unterbringung von
„assozialen Elementen“ in der Sterngasse waren. Pflomm drohte Kießling, dass er aufgrund des Verhaltens von Kießling „in Berlin vorstellig werden“310 müsse.
Pflomms ideologisches Denken wird in einem Schreiben an den Regierungspräsidenten
Weber am 11. Juni 1937 deutlich. Danach bat er um Klärung, ob durch die vermehrte
Anmeldung von Tschechoslowaken in Erfurt das Deutschtum im Ausland nicht geschwächt würde und vertrat die Ansicht, den Personen deutscher Abstammung daher
bis auf Weiteres keine Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen.311 Auch die Frage der Umgangsformen nahm Pflomm im Februar 1938 zum Anlass, eine Anmerkung an den Regierungspräsidenten Erfurt zu verfassen, da er hinsichtlich der Bestimmungen über
Ehrenbezeichnungen für die Ordnungspolizei Probleme sah. Demnach waren die
Schutzpolizei-Inspektoren und Polizei-Obermeister in vielen Fällen Reviervorsteher
und somit auch Leiter des Luftschutzreviers. Es konnte hierbei zu einer Beeinträchtigung bei Luftschutzübungen kommen, wenn die unterstellten Führer des Reichsluftschutzbundes die Reviervorsteher zuerst grüßen müssten.312
Die Verschmelzung der SS mit der Polizei bedeutete für die unterstellten Polizeiverwaltungen, dem Willen und den Anschauungen Himmlers Folge zu leisten. Pflomm
hatte durch eine Verfügung Himmlers vom 18. März 1938 die organisatorische Aufgabe zu lösen, die ihm unterstellten Polizeireviere mit freundlicher und einheitlicher
Einrichtung auszugestalten, damit die Amtsgebäude den nationalsozialistischen Staat
repräsentierten. Damit war auch ein weiteres Ziel Himmlers verbunden: „den Geist
freudiger Pflichterfüllung der Beamten zu fördern“.313 Größere organisatorische Aufgaben, wie die geplante große Frühjahrsparade 1938, an der 20.000 Ordnungspolizisten
teilnehmen sollten, folgten. Hierbei meldete das Polizeipräsidium Erfurt am 24. März
1938 die Teilnahme von einem Offizier, 80 Wachtmeistern und 101 Fahrzeugen,314
welche alle im Vorfeld beschult wurden.315 Die Parade sagte Himmler am 13. April
1938, kurz vor der geplanten Durchführung, ab.316
Eine weitere Aufgabe von Pflomm als SS-Offizier und seit 1937 SS-Führer im SDHauptamt war die Rekrutierung von uniformierten Ordnungspolizisten in die Schutz310
311
312
313
314
315
316
StadtArchiv Erfurt, 1-2/004-34, Bl. 26.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22584, Bl. 430.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26118, unpag.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26118, Bl. 47
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26118, Bl. 67.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26118, Bl. 129.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26118, Bl. 135r.
70
staffel der NSDAP. In einem Schreiben an den Regierungspräsidenten vom 18.
November übersandte er die Auflistung seiner „Bemühungen“:317
Dienstgrad
a.) Berechtigt nach
den Bestimmungen?
b.) Wie viele
Anträge wurden bereits gestellt?
c.) Wie viele dieser
Anträge sind noch
nicht an die zuständigen SS-Dienst-stellen
weitergeleitet?
Offiziere
4
3
1
Inspektor
1
1
2
Meister
2
2
2
Wachtmeister
82
65
82
Gleichzeitig erwähnte er, dass alle Kräfte der Erfurter Ordnungspolizei über das Tragen
der Sigrunen der SS auf der Uniform informiert worden seien.
Lukrative Offerten gab es auch von Seiten der Wirtschaft an den Polizeipräsidenten
Pflomm. Durch den Erfurter Oberbürgermeister Kießling wurde Pflomm im Mai 1938
das Angebot unterbreitet, einen Aufsichtsratsposten in der „Erfurter Elektrischen
Strassenbahn“ anzunehmen.318 Pflomm führt in seinem Antragsschreiben an den Regierungspräsidenten in Erfurt an: „Da meine Aufgaben als Polizeipräsident insbesondere in verkehrspolizeilicher Hinsicht eine enge Zusammenarbeit mit der hiesigen
Strassenbahn m.E. als sehr erwünscht erscheinen lassen…“.319 Da es zur Annahme von
Aufsichtsratsposten zu dieser Zeit keine abschließende Regelung320 gab, wird der Antrag vorerst abgelehnt321 und am 15. Juni 1938 erfolgt die endgültige Ablehnung.322
Nochmals gab es im Oktober 1939 einen Vorstoß durch den Führer des SS-Oberabschnittes „Elbe“, Berkelmann, Pflomm in Halle einzusetzen, auch mit dem Hintergrund, diesen in der Kriegszeit wieder als Führer des Abschnittes XVIII zu aktivieren.
Das Ansinnen wurde durch den Chef der Ordnungspolizei, Daluege, abgelehnt.323 Am
317
318
319
320
321
322
323
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27897, Bl. 34.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1024 (Diese Aktiengesellschaft hatte ein Aktienkapital von 2
Millionen Reichsmark und betrieb die Straßenbahn sowie einen Omnibusbetrieb. Mitglieder
im Aufsichtsrat waren: Oberbürgermeister Kießling, Bürgermeister Dr. Kleemann, Stadtrat
und Stadtoberbaurat Boegl, Ratsherr Brigadeführer Jaster, Stadtrat Dr. med. Horn, Bankdirektor Beeck (Dresdner Bank) und Generaldirektor der Mitteldeutschen Landesbank Schuster).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1020.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1021.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1018 (Pflomm informiert die Personalkanzlei der SS, dass der
Reichs- und Preußische Minister des Innern den Antrag abgelehnt hat).
Zur Annahme eines Postens im Aufsichtsrat gab es zu diesem Zeitpunkt keine abschließende
Regelung.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1014 (Schreiben von SS-Gruppenführer Berkelmann an den
Chef der Ordnungspolizei, Daluege).
71
08. November 1939 wechselte Pflomm von Erfurt nach Dresden und begleitete dort bis
zum März 1944 die Dienstgeschäfte des Polizeipräsidenten.324
Im Jahr 1941 unternahm Heydrich einen Vorstoß, mit den Inspekteuren der Sicherheitspolizei und des SD in Polizeistrukturen einzugreifen. Das Ziel dieser Aktion war es, die
Sicherheitspolizei ähnlich der Struktur in den besetzten Gebieten entsprechend umzuorganisieren, so dass eine Unabhängigkeit von der inneren Verwaltung gegeben war.
Dies löste Spannungen mit dem traditionellen System der Ordnungspolizei aus, wie die
Intervention des Dresdener Polizeipräsidenten Pflomm im März 1943 gegen das Herauslösen der ihm unterstellten Kriminalpolizei durch den Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD beweist (Buchheim/Broszat/Jacobsen u.a. 1965, 94). Pflomm war
als Polizeipräsident gleichzeitig Chef der Kriminalpolizei und bemängelte, dass er
einen Autoritätsverlust verspüre und sich übergangen fühle, da der Leiter der
Kriminalpolizei und seine Beamten unmittelbar Befehle und Anordnungen durch den
IdS erhielten und diesen als Vorgesetzten ansehen. Diese für ihn nicht haltbaren Eingriffe in seine Führungsaufgaben beschrieb er folgendermaßen: „Ich kann als Nationalsozialist nicht mehr länger verantworten, wenn ein Stück nach dem anderen aus
meinem Aufgabengebiet als Polizeipräsident herausgebrochen wird. Das Aufgabengebiet, das mir verbleibt, füllt meine Arbeitskraft nicht aus, und ich kann es gerade jetzt
im Kriege nicht verantworten, eine Stelle zu bekleiden, in der ich nicht ganz in Anspruch genommen bin“ (Buchheim/Broszat/Jacobsen u.a. 1965, 94).
In einem als geheim eingestuften Schreiben325 des Reichsführer SS wird die Kasse des
Persönlichen Stabes im Juli 1943 angewiesen, an den Polizeipräsidenten von Dresden,
Pflomm, RM 500,- als Urlaubszuschuss auszuzahlen. Diese Zahlung wird als Geheimzahlung (Geheimakt 22/43) gelistet.326
Pflomm beantragte nach seiner Ablösung als Polizeipräsident in Dresden im März 1944
die Versetzung in den Ruhestand. Dabei trug er gesundheitliche Bedenken vor und erwähnte, dass ihn Gruppenführer v. Alvensleben unterbringen könne. Auf diesen Antrag
wurde vorerst nicht eingegangen und Pflomm musste sich im Oktober 1944 gegen eine
durch Himmler geplante Verwendung an der Südfront wehren.327
324
325
326
327
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1011 (Kommissarischer Polizeipräsident vom 08. November
1939 bis 04. Juni 1940.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 985.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1099.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 987 (Vorschlag Himmlers an Pflomm, die Aufsicht über einen
Teil des Stellungsbaues zu übernehmen).
72
Dass sich Polizeipräsidenten wie Karl Pflomm mit Beginn der Herrschaft des NSRegimes noch mit systemwichtigen Aufgaben, wie der Inhaftierung von jüdischen Personen beauftragt, sich zum Kriegsende mit aus ihrer Sicht unwesentlichen Aufgaben,
wie die Sicherung der Luftschutzkeller, herab klassifiziert fühlten, beschreibt folgender
Schriftwechsel an Himmler: „Reichsführer, da Sie in Ihrem Schreiben vom 31.08.1944
auf meine Bitte, mich in den Ruhestand zu versetzen, nicht eingehen, glaubte ich zunächst annehmen zu müssen, daß die Durchführung nunmehr von Ihnen aus erfolgt. Ich
wartete deshalb nun täglich vergeblich auf die Durchführung. Da auch der 1. Oktober
1944 ohne Entscheidung verstrichen ist, bitte ich gehorsamst, wenn Ihr Entschluß darin
unabwendbar sein sollte, meine Versetzung in den Ruhestand so rasch als möglich
durchführen zu lassen, damit dieser unhaltbare Zustand in dem ich mich befinde baldigst aufhört und ich mich einer neuen kriegswichtigen Aufgabe zuwenden kann.“328
Zum 25. November 1944 wird SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei329 Karl
Pflomm in den Ruhestand entlassen.330 Pflomm betätigte sich ab November 1944 als
Hauptbetriebsobmann und Sicherheitsinspekteur der REIMAHG – Werke331 bei Kahla
in Thüringen und bekam in dieser Eigenschaft vom März 1945 die Oberlagerführer von
Bau und Fertigung unterstellt (Schulz/Zinke 2008, 499-500).
Die erste Ehe von Karl Pflomm dauerte von Februar 1914 bis zum September 1930.
Für die aus dieser Ehe hervorgehende Tochter Hedwig nahm Pflomm im März 1937
Kontakt zum Reichsarzt der SS auf, um sie im Verein „Lebensborn“ unterzubringen.332
Ab dem 01. Oktober 1936 zählte die Tochter zu seinem Haushalt und ist im Frauenarbeitsdienst tätig.333
Etwa 20 Jahre nach seiner ersten Eheschließung heiratete Karl Pflomm im Mai 1934
die 25 Jahre jüngere Landwirtstochter Anni Lüddecke, mit der er vier Söhne und zwei
Töchter hatte. Das war selbst für die SS überdurchschnittlich. Stolz zeigte er jede Ge-
328
329
330
331
332
333
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 987.
Ab dem 09. November 1942 trug Pflomm die Achselstücke eines Generalmajors der Polizei
(BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1096).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1052.
Die „REIMAHG-Werke“ (Reichsmarschall Herrmann Göring) gehörten zu den „WilhelmGustloff-Werken“ in Weimar. In diesem Werk in Kahla wurden 27 MesserschmittTurbinenstrahlflugzeuge (Me 262) unter dem Einsatz von ca. 10.000 zwangsweise rekrutierten ausländischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen (größtenteils im Stollenabbau und
Erdarbeiten eingesetzt) gefertigt. Die erste Me 262 startet am 21. Februar 1945. ( http://www.
reimahg.de/index.php?id=57, Zugriff am 25. Mai 2009).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1032.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1069.
73
burt im SS-Personalamt334 an und erhielt für sein sechstes Kind im Jahr 1943 von
Himmler einen Lebensleuchter und Vitabornsäfte.335 Gehorsam bedankte er sich hierfür und bestätigte dem Reichsführer SS, dass er „eine wirklich harmonische Ehe“ mit
seiner Frau führe. Seine persönliche und familiäre Lebensführung passte Pflomm dem
SS-Kodex an, indem er und seine Frau im Oktober 1936 aus der evangelischen Kirche
zur Gottgläubigkeit wechselten und die Kinder aus zweiter Ehe nicht getauft wurden.336
Diese Entkonfessionalisierung belegt hierbei „die fast vollständige ideologische Erfassung des Führerkorps“ (Banach 2002, 141), mit dem Ziel der Abschwörung von bestehenden Traditionen und dem unbedingten Glauben an den nationalsozialistischen Geist.
Entgegen anderer Darstellungen,337 wonach sich Pflomm am 15. Februar in Dresden
selbst getötet haben soll, liegt dieser Arbeit der tatsächliche Todesort und die Todeszeit
aufgrund des Totenscheines vor.338 Karl Pflomm stellte mit starken Beruhigungsmitteln
seine Ehefrau, sechs seiner Kinder und das 19-jährige Kindermädchen Lieselotte
Schwarz ruhig und tötete diese am 16. April 1945 zwischen 01:00 Uhr und 02:00 Uhr
im Alten Schloss Hummelshain durch Revolverschüsse in die Schläfe, bevor er sich
selbst richtete.
Nach der Betrachtung des Lebensverlaufes stellt sich nun die Ausgangsfrage: Was bewog den „alte[n] und sehr aktive[n] SS-Führer“339 Karl Pflomm zu dieser Tat – das
Leben seiner Familie auf diese Art und Weise zu beenden?
Möglich ist, dass Pflomm die Taten aus Angst vor möglichen Repressalien der
Alliierten begangen hat, um sich und seine Familie vor einer Verfolgung zu bewahren.
Pflomm hatte weiterhin ein antisemitisches und antidemokratisches Weltbild. Seine
nationalsozialistische Weltanschauung und die Ordensgemeinschaft SS stellten für ihn
die Triebkraft seines Handelns dar. Die Niederlage des NS-Systems war für ihn unbegreiflich. Wie Joseph Goebbels glaubte er daran, bedingungslos mit seiner Familie bis
zum Tode zum „Führer“ zu halten. Anzunehmen ist, dass mehrere Faktoren zu334
335
336
337
338
339
Gehorsam bedankt sich Pflomm im Jahr 1943 bei Heinrich Himmler für die Glückwünsche
zur Geburt des sechsten Kindes und erwähnt hierbei: „im vergangenen Jahre allerdings haben
meine Kinder allerhand Krankheiten überstehen müssen“ sowie „Auch diese Kinder werden
einmal zu brauchbaren und tapferen Menschen heranwachsen, um dann ihre Pflicht für Führer und Reich zu erfüllen.“ (BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 996).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 996.
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1069.
Der Todesort Dresden wird beispielsweise von Post/Wahl (1999, 618) angegeben.
Kreisarchiv Saale-Holzland-Kreis, Gemeindebestand Hummelshain (Todesschein Pflomm
vom 16. April 1945).
BArch, SSO Karl Pflomm, Bl. 1016 (Beurteilung zum Besetzungsvorschlag für die Polizeipräsidentenstelle in Halle durch den SS-Gruppenführer Berkelmann aus dem Jahr 1939).
74
sammenspielten und er diese Tat aus Angst vor dem Ungewissen und vor allem wegen
seinem absoluten Glauben an den Nationalsozialismus begangen hat.
4.4
Alexander von Woedtke – Ein Mann für alle Fälle
Alexander v. Woedtke wurde als fünftes Kind des
Präsidenten des Reichsaufsichtsamtes für Privatversicherungen am 02. September 1889 in Berlin geboren. Als Zehnjähriger beendete er eine Höhere
Schule in Berlin und begann die militärische Ausbildung im Preußischen Kadettenkorps und folgend ab
dem Jahr 1905 in der Hauptkadettenanstalt BerlinLichterfelde. Das Offiziersexamen legte er 1908 in der
Kriegsschule Danzig ab. Im Zeitraum 1914 bis 1918
war v. Woedtke im Garde-Grenadier-Regiment 6 als
Hauptmann im Kriegseinsatz.340
Im Jahr 1918 übernahm v. Woedtke das Familiengut in Schlawe/Pommern und verstand sich wie viele Gleichgesinnte als „Nachlassverwalter der Reichsinteressen gegenüber dem äußeren Feind“ (Smelser/Syring 2003, 29). Nebenbei diente er im Freikorps
„Grenzschutz Pommern“.
Im Jahr 1930 verzog v. Woedtke nach Drossen in der Neumark und gründet die „von
Woedtke’sche Geflügelhof GmbH“ mit seiner späteren Frau Charlotte, geborene
Dehne.341 V. Woedtke betätigte sich ab dem 28. Februar 1931 mit der Aufstellung von
SS-Einheiten in Drossen und an der Grenze zwischen Frankfurt/Oder und der polnischen Grenze.
Ein wesentlicher Fakt bei der Betrachtung des Lebenslaufs ist die Feststellung, dass v.
Woedtke sehr häufig in unrechtmäßige und zwielichtige Handlungen verwickelt war.
Alexander v. Woedtke beantragte im Jahr 1931 ein gegen sich und seine Ehefrau gerichtetes zivilrechtliches USchlA-Verfahren,342 um die Anschuldigung klären zu lassen,
er hätte als Geschäftsführer der Geflügelhof GmbH betrügerisches Geschäftsgebaren
gezeigt und damit Parteigenossen geschädigt. In dieser Sache wurde im Jahr 1936 ein
disziplinares Verfahren beim SS-Gericht München gegen den Standartenführer v.
Woedtke eingeleitet.343 Zusätzlich wurde er beschuldigt, Osthilfe zur Entschuldung der
340
341
342
343
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 442.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 834.
Untersuchungs- und Schlichtungsausschuss (USchlA) der NSDAP.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 665.
75
Geflügelhof GmbH abgelehnt, einen SS-Rechtsanwalt bei der Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit behindert zu haben und weiterhin Gerichtsvorladungen aufgrund vorgegebener dienstlicher Inanspruchnahme nicht gefolgt zu sein. Dazu wird ihm vorgeworfen, dass er die Schadenersatzansprüche des Gerichtsvollziehers aufgrund des
Bisses seines Hundes ablehne und das Verhalten seiner Ehefrau hinsichtlich Entschädigungsansprüchen und Geldspenden zu ihrer Entbindung dulde. Die Ermittlungen
des beauftragten Kriminalkommissars a.D. Lehnerdt stellten im Jahr 1935 fest, dass die
GmbH Woedtkes gutgläubige Lieferanten rechtswidrig ausnutzte und gegen v.
Woedtke insgesamt fünf Haftbefehle zur Ableistung des Offenbarungseides vorlägen
und es sich aber niemand wagt, den SS-Standartenführer festzunehmen.344 Das erste
Gerichtsurteil in dieser Sache erfolgte im Januar 1936345 und es wurde festgestellt, dass
v. Woedtke und seine Frau ihre Stellungen in der NSDAP für die Erlangung persönlicher Vorteile ausnutzten, damit dem Ansehen der „Bewegung“ und der SS
schweren Schaden zugefügt hätten und er deshalb aus der SS auszuschließen wäre.
Aufgrund des Gläubigerschutzes wurde jedoch vorgeschlagen, v. Woedtke nur zu „entlassen“, damit Zahlungen der Osthilfe zur Entschuldung herangezogen werden könnten. Im März 1936 schreibt Himmler persönlich an v. Woedtke, dass dieser durch sein
dem „Nationalsozialismus hohnsprechenden Verhalten“346 entlassen werde und er von
einem Ausschluss nur aufgrund der langjährigen SS- und Parteizugehörigkeit absähe.
Charlotte v. Woedtke antwortete Anfang April 1936 hierauf: „nehmen sie ihm nicht
sein Leben“347 und beschwerte sich zugleich schriftlich bei Göring.348 Himmler ließ
sich von nun an persönlich über den Vorgang berichten. Aufgrund eines schwebenden
Verfahrens gegen v. Woedtke wurde dieser lediglich vom SS-Dienst beurlaubt349 und
erhielt von April bis September 1936 ein verkürztes Gehalt.350 Durch erneute Ermittlungen wurden im Juli 1936 die Vorwürfe durch „glaubhaftes Widerlegen“ v.
Woedtkes fallen gelassen.351 Es wurde durch das SS-Gericht zusammenfassend festgestellt, „dass sich v. Woedtke zwar in manchem Punkt ungeschickt und nicht korrekt benommen hat, dass aber eine SS-mäßige Strafbarkeit seines Verhaltens nicht aufrecht erhalten werden kann“. Weiterhin lief es darauf hinaus, dass v. Woedtke in innerpartei344
345
346
347
348
349
350
351
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 847.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 818-830.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 521.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 795.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 784.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 483.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 481.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 502.
76
liche Streitigkeiten hineingezogen wurde, so der zuständige SS-Oberführer Popp in
seiner Aussage.352 Es wurde der Antrag auf Wiederverwendung Woedtkes in der SS
attestiert353 und es erfolgte ab August 1936 der Einsatz als Inspekteur der Stammabteilung des SS-Oberabschnittes Nord.354
Wer hatte so viel Macht, dass die „Angelegenheit v. Woedtke“ in dieser Art und Weise
bereinigt wurde? Auch hier gab es eine Verbindung zu Hermann Göring. V. Woedtke
heiratete am 23. Juni 1934 die aktive Parteigenossin der NSDAP, Charlotte Dehne,
welche als Rednerin und Organisatorin in der Frauenorganisation und im Luisenbund
aktiv war, außerdem betätigte sie sich in der Fliegergruppe Göring. 355 Ihr bittendes
Schreiben an Göring und das Einlenken von Himmler sind Gründe zur Annahme einer
Unterstützung durch die oberste NS-Führung.
Neben zivilrechtlichen Streitigkeiten hatte v. Woedtke auch innerdienstlich die Auseinandersetzung mit vorgesetzten Stellen geradezu angezogen. So wurde er in einem Versetzungsgesuch zur Führung einer Standarte im August 1932 als vom Ehrgeiz Getriebener: „Dieser Diensteifer war durchsetzt von einem teilweise krankhaften Ehrgeiz“356
und als nicht geeignet für die Stelle beschrieben.357 Ausschlaggebend für die Einschätzung seines Vorgesetzten, SS-Standartenführer von dem Bach-Zelewski358 war die
Auflösung des v. Woedtke geführten Sturmes wegen Disziplinlosigkeit. Ebenfalls
wurden v. Woedtke deutliche Mängel beim Schriftverkehr attestiert359 V. Woedtke
sieht sich zurückgesetzt, da ein ihm ehemaliger Unterstellter nun das Kommando der
27. SS-Standarte übernahm und erklärte dies „als eine Bankrotterklärung des Offiziers
vor dem Unteroffizier und ist gleichbedeutend einer Degration“.360 Daraufhin begann
352
353
354
355
356
357
358
359
360
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 505.
Der Woedtke’sche Geflügelhof wurde zum Juni 1936 aus dem Handelsregister Berlin gelöscht und die restlichen Zahlungen an die Gläubiger in Höhe von 330,15 RM überwies v.
Woedtke im Juli 1936 (BArch, SSO Alexander von Woedtke Bl. 503).
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 499.
BArch, RuSHA Alexander von Woedtke, Bl. 656.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 591.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 574.
Bach-Zelewski, Erich von dem, geboren am 01. März 1899 in Lauenburg/Pommern, Berufssoldat, Teilnehmer am 1. Weltkrieg, Reichswehr und anschließend Bataillonsführer im
Grenzschutz, 1930 Mitglied der NSDAP, stellte vor 1933 die allgemeine SS und die SSGrenzschutzformation im Regierungsbezirk Frankfurt/Oder und Schneidmühl auf, 1934 Führer des SS-Oberabschnittes Ostpreußen, dann Schlesien, 1932-1944 Reichstagsabgeordneter,
Wahlkreis Breslau, NSDAP, 1939 SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS,
09. November 1941 SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS, 1941 HSSPF, Heeresgruppe Mitte zugeteilt, 21. Juli 1943 Leiter der Partisanenbekämpfung in der Sowjetunion,
1944 bis 1945 kommandierender General verschiedener SS-Korps (Stockhorst 2000, 38).
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 591.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 577.
77
er mit anderen Unterführern der Einheit in einer „revolutionäre Stimmung“361gegen die
Personalentscheidung zu meutern und beantragte im Oktober 1932 seine Entlassung
aus der SS, weil er sich nicht dem Standartenführer Gerlach unterstellen wollte und
beabsichtigte, zur SA überzutreten.362 In einem Folgeschreiben im November 1932 beantragte v. Woedtke, sich von seiner Führung des II. Sturmbannes der 27. SS-Standarte
beurlauben zu lassen und betätigt sich ungenehmigt363 im freiwilligen Arbeitsdienst.364
Bei dieser Gelegenheit beantragte der Führer des SS-Abschnitts XII die Entlassung aus
der SS, da sich die SS nicht am Arbeitsdienst beteilige.365 V. Woedtke beendete den
Arbeitsdienst als im Nachhinein genehmigten Urlaub im Januar 1933 und nahm seine
Tätigkeit in der 8. SS-Standarte auf. Himmler lehnte eine Verwendung des v. Woedtke
als Standartenführer im Januar 1933 ab und stellte ihm eine Verwendung als Sturmbannführer in der 8. SS-Standarte anheim.366
Von Woedtke wird der SS-Führung erneut im März 1933 „auffällig“, als er dem Gauleiter Schlesiens, Helmut Brückner, als amtierender Führer der 8. SS-Standarte einen
Erinnerungsstreifen ähnlich dem SS-Ärmelstreifen mit der Aufschrift: „1925 – die 8.
SS-Standarte ihrem Gauleiter – 1933“ verlieh.367 Dies brachte er mit den Traditionsbändern der „alten Armee in Verbindung“368, was Himmler als „völlig abwegig“369 bezeichnete und diese Eigenmächtigkeiten für die Zukunft untersagte.
Von Dezember 1933 bis März 1935 war v. Woedtke als Führer der 70. SS-Standarte in
Glogau eingesetzt. In den Tagen der Röhm-Revolte wurde dort der jüdische Arzt
Dr. Lindemann durch SS-Männer ermordet.370 Im Jahr 1960 beantragte der wegen
dieses Mordes zu lebenslanger Haft verurteilte Herbert Bischoff371 eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Bischoff gab hierbei an, dass er zusammen mit drei weiteren
SS-Leuten am 01. Juli 1934 in das Büro der SS-Standarte befohlen worden sei. Dort
habe sich der Standartenführer v. Woedtke sowie der Außenstellenleiter des SD, SSUntersturmführer Laube, befunden. V. Woedtke habe dem SS-Oberscharführer
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 597.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 625.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 609.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 565.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 609.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 562.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 556.
„Alte Armee“ bezeichnet in diesem Zusammenhang die Gesamtheit der Streitkräfte Deutschlands während des Ersten Weltkrieges.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 546.
Vorermittlungen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg im Jahr
1961 (BArch, B 162/3919, Bl. 1).
Herbert Bischoff, geboren am 06. März 1910 in Glogau.
78
Schmidt den Befehl gegeben, im Auftrage der SD-Führung in Breslau Dr. Lindemann
dort zu erschießen, wo er angetroffen werden.“372 Laube übergab den SS-Leuten eine
Liste der vorgesetzten SS-Dienststelle aus Breslau, auf denen Dr. Lindemann mit einem
Kreuz gekennzeichnet war.373 Dieses Kommando unter Führung von Schmidt führte
unmittelbar später Dr. Lindemann in den Glogauer Stadtforst, teilte diesem mit, dass er
vom SD zum Tode verurteilt worden sei und erschoss ihn.374 Die Täter fuhren am 03.
Juli 1934 von Glogau nach Berlin zum Reichsführer SS und erhielten einen Ehrendolch
mit der Datierung „30.06.1934“.375 Nachweislich nutzte das Mordkommando den
Dienstwagen v. Woedtkes, einschließlich dessen Fahrer.376 Aufgrund letzterer Tatsache
wurde v. Woedtke nach Schlesien versetzt. In einer späteren Zeugenaussage377 wurde
dargelegt, dass es „sich bei dieser Aktion um eine wilde Aktion gehandelt habe, die
nicht von oben angeordnet worden ist“.378
Dass v. Woedtkes wirtschaftliche Lage sehr angespannt war, beweist ein Dienstleistungszeugnis vom 12. Februar 1936, in dem erstens bemängelt wurde, dass das Verhalten v. Woedtkes zu seinen Mitarbeitern nicht optimal sei und er außerdienstlich in
großen finanziellen Schwierigkeiten lebe.379 Ein Entschuldungsantrag in Mai 1935380
für den Betrieb wurde abgelehnt und Woedtke leistete aufgrund einer angegebenen
Schuldenlast von 100.000 RM daraufhin im Dezember 1935 den Offenbarungseid.381
Ebenfalls erließ das Amtsgericht Hamburg im Februar 1936 einen zivilrechtlichen
Vollstreckungsbefehl gegen v. Woedtke in Höhe von 1.200 RM.382 Er tritt im Februar
1937 aus der evangelisch-lutherischen Kirche aus und wurde im SS-Sinne gottgläubig.383 Außerdem betätigte er sich ab Oktober 1937 als Beisitzer beim Gaugericht
Pommern der NSDAP.384
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
BArch, B 162/3919, Bl. 4.
BArch, B 162/3919, Bl. 31.
BArch, B 162/3919, Bl. 4.
BArch, B 162/3919, Bl. 3.
BArch, B 162/3919, Bl. 49.
BArch, B 162/3919, Bl. 52 (Zeugenaussage Müller vor der Staatsanwaltschaft Osnabrück im
Jahr 1962).
BArch, B 162/3919, Bl. 53.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 732.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 751.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 681.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 675.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 494.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 485.
79
Nach der Führung der 8., 70. und 9. SS-Standarte und der Berufung zum Inspekteur der
Stammabteilung Ostsee wurde v. Woedtke am 04. September 1939 nach Bromberg385
mit dem Auftrag abgeordnet, SS-Einheiten für Westpreußen aufzustellen386 sowie den
Selbstschutz387 aufzubauen. Hierzu schrieb er später: „Ich habe es in Rypin bei der
Aufstellung des Selbstschutzes388 empfunden, daß diese Leute uns auf’s Wort glaubten
und jeden Befehl Folge leisteten.“389
Nach Beendigung der Kampfhandlungen im besetzten Polen wurden im Jahr 1939
Aktionen gegen Juden und Polen, insbesondere gegen Angehörige der polnischen Intelligenz durchgeführt. Diese „Säuberungsaktionen“, bei denen ein Großteil der festgenommenen Personen – angeblich wegen ihrer besonderen Gefährlichkeit – zur sofortigen Exekution bestimmt wurden, sind durch Einsatzkommandos durchgeführt
worden, in denen als Schütze oder Absperrposten Angehörige des „freiwilligen Selbstschutzes“ eingesetzt waren.390 Mit dem Vorwurf des deutschfeindlichen Verhaltens
entschied der örtliche Selbstschutzführer mit dem Kreisselbstschutzführer über das
weitere Schicksal, in zahlreichen Fällen die Erschießung. Ab Mitte Oktober 1939 behielt sich der Selbstschutzführer für Westpreußen, SS-Oberführer v. Alvensleben391 die
Entscheidung über die Exekution selbst vor. In einem Schreiben an Daluege vom 07.
Oktober 1939 berichtet v. Alvensleben, 392 dass zu diesem Zeitpunkt durch den Selbstschutz Westpreußen 4.247 polnische Staatsangehörige exekutiert worden sind.393
385
386
387
388
389
390
391
392
393
Bydgoszcz (Bromberg) befindet sich in Polen an der Weichsel und ist die heutige Hauptstadt
der Woiwodschaft Kujawien-Pommern.
BArch, B 162/3919, Bl. 211-212 sowie BArch B 162/3919, Bl. 259-262.
Am 26.09.1939 wurden die Selbstschutzeinheiten, welche als „Heimwehr“ einen großen
Anteil an der Tyrannei der polnischen Bevölkerung hatten, den Befehlshabern und Kommandanten der Ordnungspolizei unterstellt und zählen Ende November 1939 ca. 40.000 volksdeutsche Männer. Himmler löste am 08. November 1939 den „Volksdeutschen Selbstschutz“
auf und befahl die Übernahme der Männer in die SS oder andere Parteiorganisationen. V.
Alvensleben als Selbstschutzführer verbot zum gleichen Zeitpunkt die Exekutionen durch
den Selbstschutz (Wildt 2003, 435-440).
Woedtke gehörte nach den Vorermittlungen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen dem Selbstschutz als Führer an
(BArch, B 162/6001, Bl. 17). In seiner Vernehmung am 19.02.1963 in Göttingen gab er an,
im Bezirk Straßburg / Westpreußen den Selbstschutz organisiert zu haben (BArch, B
162/6001, Bl. 81).
BArch, B 162/3919, Bl. 262.
BArch, B 162/3919, Bl. 1-2.
Ludolf-Hermann Emmanuel Georg Kurt Werner von Alvensleben, geboren am 17. März
1901 in Halle (Saale); gestorben wahrscheinlich im April 1970 in Argentinien, war NSDAPReichstagsabgeordneter, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS.
Ludolf-Hermann von Alvensleben, Chef des SD in Bromberg wurde 1964 aufgrund der Eigenschaft als SS-Oberführer und Führer des „Selbstschutzes Westpreußen“ mit Haftbefehl
wegen Mordes in 4.247 Fällen gesucht (BArch, B 162/19156, Bl. 14).
BArch, B 162/6001, Bl. 15.
80
Zu verschärften und radikalisierten Aktionen deutscher Einheiten kam es in Polen, als
nach dem „Bromberger Blutsonntag“ am 03. September 1939 volksdeutsche Einwohner in der Stadt Bromberg/Bydgoszcz ermordet wurden. Als Abschreckungsaktion
erfolgte durch Polizeikräfte sofort nach der Besetzung der Stadt die öffentliche Erschießung von 60 bis 80 Geiseln auf dem Bromberger Marktplatz (Wildt 2003, 443).
Im Herbst 1939 sind im Verantwortungsbereich v. Woedtkes in Lidzbark/Westpreußen
fünf Polen durch den Selbstschutz erschossen worden.394 Scheinbar war das Verhältnis
von SS-Oberführer v. Alvensleben zu Standartenführer v. Woedtke enorm gestört. V.
Alvensleben entband v. Woedtke kurze Zeit später wegen „Nichteignung“ von seinen
Aufgaben und er sollte folgend als Polizeipräsident Verwendung finden.395 Hierzu
wurde er ab November 1939 zur Einarbeitung nach Breslau und anschließend nach
Halle zu einer „informatorischen Beschäftigung“ abkommandiert.396
Zum 01. März 1940 erfolgte die Einsetzung als kommissarischer Polizeipräsident in Erfurt. Dass v. Woedtke jedoch andere Karriere-Ambitionen hatte, beweist der Umstand,
dass ihm Himmler persönlich am 25. Juli 1940 den Umzug nach Erfurt anordnete.397
Am 27. März 1940 informierte der Vertreter des Polizeipräsidenten, Major der Schutzpolizei Heinrich Wehlow, den Regierungspräsidenten über den Stand der Mobilmachung der Reservisten. Er berichtete, dass im Winterhalbjahr 1939/40 fast alle
Polizei-Reservisten einberufen worden seien. Der organisatorische Aufwand dieser
Mobilmachung war für das Polizeipräsidium enorm. So mussten Waffen, Gasmasken
und andere Einsatzmittel zugeteilt und deren Anwendung auch geschult werden.398 Die
Ausbildung der im Einzeldienst verwendeten Polizei-Reservisten erfolgte dabei im
Rahmen der Aus- und Weiterbildung der aktiven Beamten.399 So meldete Wehlow am
28. Mai 1940, dass in dem derzeitigen Lehrgang 70 Polizeireservisten teilnehmen.
Weitere 150 Polizeireservisten waren noch nicht lehrgangsmäßig beschult und ein
zweiter Lehrgang wurde ab dem 14.6.1940 vorbereitet.
Eine weitere Amtshandlung für v. Woedtke bestand ab dem 07. Juni 1940 in der Organisation der flächendeckenden Aushändigung von Polizei-Dienstpässen an alle Angehörigen des Vollzugsdienstes der Ordnungspolizei, der Polizei-Verwaltungsbeamten
394
395
396
397
398
399
BArch, B 162/1961, Bl. 3.
BArch, B 162/3919, Bl. 261.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 443.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 463.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27472, Bl. 72.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27472, Bl. 62.
81
sowie den Angehörigen der Polizeireserve und der Hilfspolizei, um für den bevorstehenden „auswärtigen Einsatz“ gerüstet zu sein.400 Neben dem Einsatz im Einzeldienst des Polizeipräsidiums Erfurt waren diese Kräfte ab April 1940 auch mit der
Überwachung von Versorgungseinrichtungen, insbesondere von Getreidelagern, beauftragt.401
Am 26. September 1940 wies Daluege in einem Schreiben an den HSSPF Kassel
darauf hin, dass ungeeignete Kräfte der Ordnungspolizei für den auswärtigen Einsatz in
Marsch gesetzt werden, diese seien körperlich, gesundheitlich und ausbildungsmäßig in
keiner Weise den Anforderungen gewachsen. Er machte die Führer der Heimatdienststellen für die Auswahl voll verantwortlich.402 In einem weiteren Schriftwechsel bemängelte er bei den HSSPF und den staatliche Polizeiverwaltungen am 02. März 1942,
dass Kräfte der Ordnungspolizei im auswärtigen Einsatz völlig unzureichend durch die
Heimatdienststellen ausgerüstet wären. Insbesondere fehle es an der Ostfront an
warmer Unterwäsche, was den Einsatzwert der eingesetzten Kräfte erheblich beeinträchtigen würde.403
V. Woedtke wurde zunächst nicht in den Staatsdienst übernommen. Im März 1940 bestätigte der SS-Oberabschnitt-Nord hierzu, dass bis zum Freiwerden der Planstelle des
Brigadeführer Pflomm in Erfurt die Dienstbezüge404 weiterhin von der SS gezahlt
werden.405
Zwischen dem Regierungspräsidenten in Erfurt und v. Woedtke gab es erhebliche Auseinandersetzungen. Alexander v. Woedtke äußerte sich später folgendermaßen:
„Wegen Differenzen mit dem dortigen Regierungspräsidenten Weber, der sich immer
als „Minister“ anreden ließ, bat ich um meine Versetzung.“406 Insgesamt sieben
Monate war v. Woedtke Chef der Polizeiverwaltung in Erfurt. Ab dem 15. Oktober
1940 wurde er als kommissarischer Polizeipräsident in Sosnowitz eingesetzt. In den
Jahren 1942 und 1943 erfolgte die „organisierte“ Deportation von Juden aus Sosnowitz
400
401
402
403
404
405
406
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26118, Bl. 441.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27472, Bl. 65.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22786, Bl.7.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 22786, Bl. 2.
Später erhielt v. Woedtke die Anfangsbezüge nach der Besoldungsgruppe A1b und eine
jährliche Dienstaufwandsentschädigung von 960 RM (BArch, SSO Alexander von Woedtke,
Bl. 463) und für seine Tätigkeit in Sosnowitz wurde er in die Besoldungsgruppe A1a und
1200 RM Aufwandsentschädigung eingeordnet (BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl.
460).
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 469.
BArch, B 162/1608, Bl. 126-130.
82
nach Auschwitz.407 In der Darstellung eines Betroffenen wurde nach dem Krieg Folgendes geschildert:408 Im Distrikt Sosnowitz und Bendzin lebten 1939 etwa 80.000
Juden. Nach den ersten drei Deportationswellen, die ab Mai 1942 einsetzten, lebten nur
noch 40.000 Juden in zwei Ghettos. Die anderen wurden ermordet oder in Arbeitsbzw. Vernichtungslager verbracht. Neben den SS-Truppen waren dabei auch Schutzpolizisten beteiligt. Eine Bewachung der verbliebenen Juden erfolgte durch die
deutsche Polizei. Bei der vierten Deportationswelle im August 1943 begann die endgültige Vernichtungsaktion in Sosnowitz und Benzin. Die Ghettos wurden von Schutzpolizei und SS umzingelt. Unter Führung des Hauptsturmführers Peikart, der Kommandeur von Birkenau, wurden alle sich versteckenden Juden, egal ob Mann, Frau oder
Kind, ermordet.
V. Woedtke wurde später beschuldigt,409 an den Verbrechen in Sosnowitz als Polizeipräsident beteiligt gewesen zu sein.410 Als Chef des Polizeipräsidiums unterstanden
ihm die Schutz- und anfangs auch die Kriminalpolizei. Er räumte in seiner Vernehmung ein, dass er bei der restlosen Räumung des Ghettos von Sosnowitz Schwierigkeiten hatte, den ordnungspolizeilichen Aufgaben nachzukommen. V. Woedtke habe
wohl gehört, dass die Juden von Theresienstadt über ein neutrales Land nach Israel gebracht werden sollten und ihm bei der „Umquartierung der Juden“ keine Ausschreitungen bekannt geworden seien.411 Während seiner Amtszeit in Sosnowitz seien
drei öffentliche Exekutionen vorgekommen. Grund der „Abschreckung“ sei es gewesen, dass in einem Jahr zwölf seiner Polizeibeamten aus dem Hinterhalt erschossen
worden seien. Später will er sich beim Regierungspräsidenten in Kattowitz,
Springorum, für ein Unterbleiben der öffentlichen Erschießungen ausgesprochen
haben, was nach seinen Aussagen auch Wirkung zeigte. Dass diese Aussagen reine
Schutzbehauptungen waren, beweist der Umstand, dass v. Woedtke Beamte der
Schutzpolizei zur Auffindung sich bei der Räumung versteckender Juden an die
Gestapo abgestellt hatte.412
407
408
409
410
411
412
BArch, B162/1608, Bl. 3 und BArch, B162/1608, Bl. 40 (Verfahren gegen den ehemaligen
SS-Standartenführer Dr. Rudolf Mildner wegen Beihilfe zum Mord (Vorermittlungen wegen
Judenermordungen in Oberschlesien) im Jahr 1960.
BArch, B 162/7712, Bl. 23b – 30.
Hierbei belastet v. Woedtke seinen Vorgänger, Schmelt, welcher als Sonderbeauftragter des
RFSSuChdDtPol für den „fremdvölkischen Arbeitseinsatz“ und als „Judenkommisssar“ gewirkt habe. (BArch, B162/1608, Bl. 10).
BArch B 162/7712 Bl. 1 (Es erfolgte ein vom Verfahren Dr. Mildner (AR-Z 78/60) abgetrenntes Verfahren zur Mitwirkung des Polizeipräsidenten von Sosnowitz (AR-Z /68)).
BArch, B 162/1608, Bl. 126-130.
BArch, B162/1608, Bl. 126-130 (Vernehmung vor der Staatsanwaltschaft Göttingen im März
1960 in der Sache Mildner).
83
In einem Schreiben an Himmler bedankte sich v. Woedtke 1943413 für ein Bildgeschenk und vermerkte: „Das Gesetz des Blutes und der Treue, das in dem Bild symbolisch verkörpert ist, empfinde ich als richtungsweisend für das mir von Ihnen,
Reichsführer, anvertraute Sosnowitz, das als südöstlicher Eckpfeiler des Reichs im
slavischen Volkstum steht.“.
Nach mehreren Versuchen seiner Vorgesetzten,414 v. Woedtke zum SS-Oberführer zu
ernennen, wurde er schließlich auf Vorschlag des SD Breslau, unterstützt vom HSSPF
Südost Schmauser, am 20. April 1943 befördert.415
Mit dem Vorrücken der Roten Armee meldete v. Woedtke am 08. März 1945, dass er
sich seit dem Absetzen aus der Polizeiverwaltung in Sosnowitz416 in Teschen Olsaland
aufhalte. Des Weiteren sei er mit der Vertretung des SSPF Oberschlesien in den Südostteilen Oberschlesiens beauftragt worden.417
Der konsequente und ehrgeizige418 Alexander v. Woedtke war ein Betrüger, Karrierist
und nutzte den Nationalsozialismus gezielt für seine eigenen Interessen.
4.5
Heinrich (Heinz) Wicke – Der unbedingte Nationalsozialist
Wicke ist nur deshalb Polizeidirektor in Heilbronn geworden, weil er einer der ältesten SS-Männer Württembergs gewesen war. „Kein sonstiger Kaufmann mit einer
gewissen Automobil- und Verkehrserfahrung ohne
„politische Bewährung“ wäre zum Polizeidirektor eines
Polizeiamtes wie Heilbronn ernannt worden.“419 In der
Einstellung zur nationalsozialistischen Weltanschauung
galt Heinrich Wicke, der im amtlichen Schriftverkehr auch
als Heinz Wicke geführt wurde, als „echter Nationalsozialist“,420 dessen „besonderer
Verdienst es ist, seinen Dienststellen einen SS-mäßigen und nationalsozialistischen
413
414
415
416
417
418
419
420
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 446.
Anfang Januar 1942 lehnte Himmler eine Beförderung des v. Woedtke zum Oberführer ab
(BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 450).
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 442.
In seiner Vernehmung im Jahr 1959 im Ermittlungsverfahren des AG Coburg gegen den
ehemaligen SS-Sturmbannführer Gerhard Liebisch wegen Mordes (3 QS 112/59.) sagte v.
Woedtke Folgendes aus: „Das Amt des Polizeipräsidenten in Sosnowitz habe ich bis zur Vertreibung im Januar 1945 ausgeübt.“ (BArch, B 162/20311, Bl. 201).
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 435.
BArch, SSO Alexander von Woedtke, Bl. 436f.
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke (Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Stuttgart vom 27. Dezember 1958, Az: 2S 185/56).
BArch, SSO 241B (Personal-Bericht vom 15.12.1938).
84
Charakter gegeben zu haben.“421 Wicke erreichte dies hauptsächlich über seine Fähigkeiten als guter Redner. Exemplarisch sei dafür der Empfang des Regierungspräsidenten Dr. Weber für 50 verwundete Soldaten am 08. Juni 1942 genannt. Hier
„trug der Polizeipräsident SS-Obersturmbannführer Wicke heitere Geschichten aus
dem Soldatenleben vor und erntete dafür reichen Beifall.“422
Heinrich Wicke wurde am 20. Juni 1886 in Kassel geboren. Nach dem Besuch der
Bürgerschule und einer Ausbildung zum Kaufmann kam er im Jahr 1907 zur Kartonagenfabrik Michael Birk in Trossingen. Von 1908 bis 1910 diente er beim 1. Württembergischen Regiment in Stuttgart. Am I. Weltkrieg nahm Wicke von 1914 bis 1919 als
Frontkämpfer im 7. Württembergischen Infanterieregiment 125 teil, erhielt das Eiserne
Kreuz II. Klasse und verließ die Armee mit dem Dienstgrad eines Vizewachtmeisters.423 Nach mehrjähriger Tätigkeit als kaufmännischer Angestellter und als
Reisender im Auftrag seiner Firma ließ sich Heinz Wicke Anfang der 1920er Jahre als
selbstständiger Handelsvertreter in Stuttgart nieder. Obwohl Wicke „stark unter wirtschaftlich-jüdischem Druck gestanden hat“,424 erzielte er in seiner Tätigkeit als Vertreter großer Firmen „ausgezeichnete Einkommensverhältnisse“.
Am 24. Mai 1912 heiratete er Magdalene Bilger aus Trossingen. Die Ehe bleibt zeitlebens kinderlos.425 Wicke war gottgläubig und meldete am 07. Januar 1942 den Austritt seiner Ehefrau aus der evangelischen Kirche. Vermutlich drängte er aus Karrieregründen seine Frau hierzu.426
Der gelernte Kaufmann Wicke, dem einzig die Bildung in der Volksschule427 für seine
nationalsozialistische Karriere428 – vom Truppführer im Jahr 1933 zum SS-Oberführer
im Januar 1945 – reichte, verdankte dies der NSDAP, welche ihn aufgrund seines
frühen Beitritts im September 1930 für höhere Posten im Staatsdienst in Betracht zog.
Der spätere Träger des Totenkopfrings und Mitglied von Lebensborn Heinrich Wicke,
421
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 601.
StadtArchiv Erfurt, 1-2/009-25, Bl. 44r.
423
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 611.
424
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 621.
425
Als Wicke im Jahr 1938 von Seiten der SS nach seiner Kinderlosigkeit gefragt wird, legt er
das ärztliche Zeugnis des Frauenarztes Dr. Röttger vom 24. März 1938 vor, aus dem hervorgeht, das Frau Wicke nicht in der Lage ist, Kinder zu bekommen und das „bereitet der Patientin großen Kummer“ (HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, unpag.).
426
In Himmlers Verständnis der „Entchristlichung“ wurde großer Wert darauf gelegt, dass führende Mitglieder der SS sowie deren Familie gottgläubig waren (Longerich 2008, 265-308).
427
BArch, SSO Heinz Wicke, unpag. (Fragebogen zur Berichtigung bzw. Ergänzung der Führerkartei der SS-Personalkanzlei vom 22. Oktober 1936).
428
Wicke war nicht in der SA (BArch, SSO Heinz Wicke (Fragebogen zur Berichtigung bzw.
Ergänzung der Führerkartei der SS-Personalkanzlei vom 22. Oktober 1936)).
422
85
trat am 17. April 1931 mit der frühen Mitgliedsnummer 6.980 der SS bei und nahm bis
zur Machtübernahme Hitlers an den Aufmärschen in Coburg und Nürnberg teil.429
Am 30. Januar 1934 wurde Wicke zum SS-Sturmführer ernannt und mit der Führung
des 3. Sturmes der 13. SS-Standarte beauftragt.430 Er bat im Januar 1935, aus beruflicher Arbeitsüberlastung, um eine Versetzung in die Reserve431 und wurde Anfang Februar 1935 als Führer des Reservesturmbanns der SS-Standarte 13 bestellt.432 Aufgrund
der Abkommandierung zur SD-Hauptaußenstelle Stuttgart im September 1936 ist
Wicke nicht mehr in der Lage gewesen, seine Funktion als Führer des Reservesturmbannes der 13. SS-Standarte wahrzunehmen und wurde zum 01. Februar 1937 zum SSFührer in der SS-Stammabteilung Südwest, Bezirk 13, ernannt.433 Wicke wurde am 02.
Dezember 1938 von der Allgemeinen-SS zum SD versetzt.434
Wickes Einstieg in die Polizei begann im Jahr 1938435 mit der kommissarischen Beauftragung der Stelle des Polizeidirektors in Heilbronn. Dieses Amt nahm er „ohne Zögern
trotz der finanziell bedeutenden Schlechterstellung“436 an. Seine Kameraden verbanden
diesen Schritt mit seinem „Idealismus“.437
In Heilbronn brannte in der Reichspogromnacht vom 09. auf den 10. November 1938
die Synagoge. Wicke hatte dabei als Polizeidirektor von Heilbronn die Täter durch
Lahmlegung des Polizeiapparates unterstützt.438 In der Folgenacht hatte die Heilbronner Polizei die Anweisung erhalten, Dienst in Zivil zu verrichten und bei Gewalttaten nur einzuschreiten, wenn Menschenleben in Gefahr gerieten.439
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 629.
BArch, SSO Heinz Wicke, unpag. (Beförderungs-Schreiben vom 06. Februar 1934).
BArch, SSO Heinz Wicke, unpag. (Schreiben der 13. SS-Standarte an den SS-Abschnitt X).
BArch, SSO Heinz Wicke, unpag. (Schreiben des SS-Abschnitts X an den SS-Oberabschnitt
Südwest vom 31. Januar 1935).
BArch, SSO Heinz Wicke, unpag. (Schreiben der 13. SS-Standarte an den SS-Abschnitt X
vom 03. Dezember 1936) sowie BArch, SSO Heinz Wicke (Schreiben des SS-Abschnitts X
an den SS-Oberabschnitt Südwest vom 18. Januar 1937).
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 621.
Im März 1937 wurde der nunmehr ernannte SS-Sturmbannführer Wicke erstmals vom Chef
der Ordnungspolizei, Daluege, für die Polizeidirektorstelle in Esslingen vorgeschlagen
(BArch, SSO Heinz Wicke, unpag.). Genau 10 Monate später wird die geplante Aktion zurückgenommen, da Wicke für diesen Posten nicht in Frage käme. Die Stelle war aufgrund der
Überleitung in die Reichsbesoldungsordnung mit einem Polizeirat zu besetzen. Auch in einer
anderen Polizeiverwaltung könne man Wicke zu diesem Zeitpunkt nicht verwenden (BArch,
SSO Heinz Wicke, unpag. (Schreiben des Chefs der Ordnungspolizei an den Reichsführer
SS, Personalkanzlei)).
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 621.
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 621.
Im Jahr 1961 wurde das Ermittlungsverfahren gegen Wicke wegen Beihilfe zur schweren
Brandstiftung eingestellt (HStAS EA2/150 Heinrich Wicke, unpag. (Einstellungsverfügung
der Staatsanwaltschaft Heilbronn am 04. April 1961)).
Eine Straftat konnte nicht nachgewiesen werden, da nicht festgestellt werden konnte, ob
Wicke von der beabsichtigten Brandstiftung Kenntnis hatte oder damit auch nur rechnete.
86
Wicke zeigte in seiner Heilbronner Tätigkeit großen Fleiß und erhielt dafür folgende
Beurteilung durch seinen Vorgesetzten: „Er ist anpassungsfähig und erreicht mit verbindlichem Zureden, was er anstrebt.“ 440 Bemängelt wurde bei anderer Gelegenheit,
dass ihm eine fehlende Zurückhaltung und Wahrung der Unabhängigkeit zueigen war.
Dies wurde mit Hinweis auf seinen früheren Beruf und den großen Bekanntenkreis sowie sein geselliges Wesen begründet. Außerdem wird auf den „etwas weichen und
leicht beeinflußbaren Charakter“441 Wickes verwiesen.
Die Versetzung nach Erfurt im August 1941 bedeutete für Wicke, aufgrund des
größeren Aufgabegebietes, der obliegenden militärischen Führungsaufgaben sowie der
Luftschutzaufgaben, eine wesentliche Gehaltserhöhung. Der im August 1941 kommissarisch eingesetzte und im Juni 1942 zum Polizeipräsident ernannte442 Heinrich Wicke
führte drei Jahre das Polizeipräsidium Erfurt und leitete damit über den längsten Zeitraum die Amtsgeschäfte des Polizeipräsidenten in der der NS-Zeit.
Seine kommunikative Befähigung bestätigend, arrangierte Wicke mit besonderer Sorgfalt Feiern der Polizei und der SS. So organisierte er beispielhaft am 19. November
1943 eine Julfeier zu Weihnachten mit folgendem Teilnehmerkreis und Programm:
1. „für Ordnungspolizei, Kriminalpolizei und SD eine gemeinsame Julfeier
ohne die Angehörigen im Deutschen Volkstheater,
2. für Lazarette, liegende Verwundete von Ordnungspolizei, SS-PolizeiDivisionen, Waffen-SS und Allgemeiner SS im Gildehaus,
3. für Familienangehörige der gefallenen, vermissten und verstorbenen Kameraden im Gildehaus,
4. für die Frauen und Kinder der gefallenen und sich im Einsatz befindlichen
Kameraden eine Kinderbescherung im Kaisersaal.“443
Ebenfalls war Wicke anlässlich der Morgenfeier zum Geburtstag von Adolf Hitler am
20. April 1943 aktiv. Diese fand im Erfurter Ufa-Theater, Adolf-Hitler-Straße, statt. Er
lud hierzu das gesamte Personal seiner Dienststelle ein.444 Auch politische Stunden
zum Zeitgeschehen, für das Personal des Präsidiums sowie für die Angehörigen der
Gestapo und des SD, wie am 15. Juni 1944, wurden von ihm veranstaltet.445
440
441
442
443
444
445
BArch, SSO Heinz Wicke, unpag. (Personal-Bericht vom 15.12.1938).
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, unpag. (Beurteilung vom 03. November 1941).
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 610.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 20484, Bl. 82.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 20484, Bl. 128.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 20484, Bl. 62.
87
Die weitverbreitete Feldpost446 veröffentlichte im Juli 1942 einen ganzseitigen Artikel
Wickes zum „Groß-Appell der Erfurter Schutzpolizei“ anlässlich des Geburtstages
Adolf Hitler. Mit einer Antrittsstärke von 750 Mann und 58 Fahrzeugen waren alle
Kräfte der Ordnungs-, Sicherheitspolizei und der Hilfsdienste gegenüber den Erfurter
Domstufen angetreten. In seiner Rede führte Wicke aus: „daß Worte und Bücher nicht
hinreichen, den Führer genügend zu würdigen, daß dies vielmehr jeder selbst nur durch
eigene Pflichterfüllung und Einsatz ausdrücken könne“.447 Nach seiner ideologischen
Rede konstatierte er in der Feldpost: „Begeistert braust das „Sieg Heil“ auf den geliebten Führer über den Platz als Gelöbnis unverbrüchlicher Treue.“448
Die kriegsbedingte Personalnot war zu jener Zeit im Polizeipräsidium Erfurt stark zu
spüren. Ende Oktober 1942 meldete Wicke an den Regierungspräsidenten Erfurt, dass
er keine Kräfte mehr für die wirtschaftliche Betreuung einer Nachrichtenschule abstellen könne. Er teilte mit, dass ihm 12 Beamte des gehobenen Dienstes zur Verfügung
stehen und beklagte sich dabei folgendermaßen: „Jeder von den gehobenen Diensten
hat ein so beträchtliches Arbeitsgebiet mit zum Teil recht mangelhaften Hilfskräften zu
bearbeiten.“449. Andererseits setzte Wicke alle Bemühungen daran, missliebige Beamte
seines Präsidiums loszuwerden. So meldete sich Wicke am 14. April 1943 konfrontativ
beim Regierungspräsidenten Weber zum Einsatz von Juristen in der Verwaltungspolizei. Nach seiner Schilderung arbeitete im Polizeipräsidium seit dem 01. Januar
1943 der Polizei-Verwaltungsrat a.W. Dr. Walther. Einen zweiten Juristen, den PolizeiVerwaltungsrat Dr. Scheer, könne er aufgrund fehlender Arbeit nicht ausreichend beschäftigen. Einsatzfähige Kräfte wären an der Front und deren Arbeiten würden zum
Teil durch Frauen erledigt. Dadurch, dass junge Kräfte, wie die Rechtsanwälte, „überflüssigerweise weiter hier“ und „mit beträchtlichem Gehalt an der Heimatfront verblieben“, machte er den Vorschlag, diese als Polizei-Reservisten im auswärtigen Einsatz zu verwenden. „Ich muß überhaupt die Zuteilung von Polizei-Verwaltungsräten
bei den Behörden im Reichsgebiet als eine bedenkliche Einrichtung bezeichnen.“450
Genau einen Monat später zog Wicke den Bericht zurück und teilt dem Regierungspräsidenten mit, dass er Dr. Scheer eine Beschäftigung zugewiesen habe.451 Diese in-
446
447
448
449
450
451
Feldpost, Reichsausgabe Nr. 32 vom Juli 1942.
StadtArchiv Erfurt, 1-2/009-25, Bl. 43r.
StadtArchiv Erfurt, 1-2/009-25, Bl. 43r.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 21992, Bl. 4 (Schreiben des Polizeipräsidenten Wicke an den
Regierungspräsidenten vom 31. Oktober 1942).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 21992, Bl. 27.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 21992, Bl. 33.
88
teressante Facette lässt Rückschlüsse auf Wickes Charakter zu. Dem Taktiker und SSKarrieristen war der Rückzug wichtiger als die Durchsetzung seiner Absichten.
Im Januar 1943 beantragt SS-Standartenführer Wicke beim Regierungspräsidenten in
Erfurt einen Urlaub zur Wiederherstellung seiner Gesundheit in Form einer Kur in Bad
Gastein für den Zeitraum Mai bis Juni 1943.452 Nach einem polizeiärztlichen Attest litt
Wicke an einer Herzneurose und einem nervösen Erschöpfungszustand.453 Die Kur
habe er schon vor einigen Monaten durchführen sollen, hatte aber mit Rücksicht auf die
Dringlichkeit der Dienstgeschäfte und der allgemeinen Personallage davon Abstand genommen. Danach erhielt er eine polizeiärztliche Bescheinigung, nach der er im Anschluss der Kurbehandlung zur Abreaktion der anstrengenden Thermalbadkur und
Festigung des erzielten Kurerfolges“ unbedingt einen 14-tägigen Urlaub antreten
muss.454
Ein weiteres Aufgabengebiet der Erfurter Polizei in den Kriegsjahren war die Fahndung
nach flüchtigen Kriegsgefangenen. So wurde seitens des Regierungspräsidenten Weber
vom Polizeipräsidenten Wicke erwartet, dass eine verstärkte Personenüberwachung
stattfindet. Insbesondere die intensive Überprüfung von Bahnhöfen und eine abgestimmte Straßenverkehrsfahndung durch Schutz- und Kriminalpolizei sowie Razzien
im Einvernehmen mit der Sicherheitspolizei waren durchzuführen.455 Besonders viele
Aufgriffe verzeichnete dabei das 3. Polizeirevier Erfurt. Am 23. September 1942
meldete Wicke z.B. den „Aufgriff“ von zwei französischen Kriegsgefangenen am
Hauptbahnhof Erfurt, die aus einem Lager in Bischofsburg bei Danzig über Berlin geflüchtet waren.456 Insgesamt wurden bis zum 19. Dezember 1944 durch das Polizeipräsidium Erfurt weitere 51 Franzosen, Serben, Engländer, Niederländer, Polen sowie
Kanadier457 verhaftet und namentlich an die Kriminalpolizeistelle458 gemeldet.459 Die
Kriegsgefangenen flüchteten nach den Berichten zumeist mit gefälschten Ausweisen
und in Zivilkleidung.
452
453
454
455
456
457
458
459
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, Bl. 27.
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, Bl. 16.
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, Bl. 30.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 20484, Bl. 125 (Schreiben des Kommandeurs der Ordnungspolizei beim Regierungspräsidenten Erfurt (Meier) an den Polizeipräsidenten Erfurt vom 07.
Mai 1943).
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 23307, Bl. 3.
Darunter befand sich auch der kanadische Captain William Lisson, geboren am 03. August
1919 in Hamilton, Kanada, geflohen aus dem Stalag-Lager Molsdorf am 25. März 1943
(ThStAGO, Regierung zu Erfurt 23307, Bl. 66).
Die Kriminalpolizei Erfurt meldete die Namen weiter an den BdO in Weimar.
ThStAGO, Regierung zu Erfurt 23307, Bl. 4-182.
89
Große Akzente als Polizeipräsident konnte Wicke aufgrund des Kompetenzwandels
nicht setzten. Zu der vordringlichen Aufgabe des Erfurter Polizeipräsidenten gehörte
nun die Erledigung von Fragen des Luftschutzes. Wicke war durch seine Teilnahme am
79. Luftschutzlehrgang im Mai 1943 in Berlin-Schöneberg darauf vorbereitet
worden.460 In einer Verfügung zum Verhalten bei einem Fliegeralarm machte Wicke
den Erfurter Behörden und der Wirtschaft deutlich, welcher Personenkreis sich unverzüglich in die Luftschutzräume begeben musste und wer mit einer Armbinde461 die
Straßen betreten durfte. Die Polizei hatte hierbei strengste Weisung, die Straßen nach
einem Alarm umgehend zu räumen.462 Mit Verschärfung der alliierten Angriffe im Februar 1944 gab es Kompetenzprobleme zwischen dem Oberbürgermeister von Erfurt
und dem Polizeipräsidenten Wicke. Kießling463 wollte die Verantwortung für „Sofortmaßnahmen“ nach einem Luftangriff an sich ziehen. Dem entgegnete der Polizeipräsident als örtlicher Luftschutzleiter, dass er in den ersten drei Tagen nach einem Angriff die Verantwortung für die Räumung der Straßen hätte. Dafür ständen ihm ca.
1.000 Mann zur Verfügung und zusätzlich 1.000 Mann vom Fliegerhorst Bindersleben.464
In einem erneuten Vorschlagsschreiben zur Ernennung zum Oberführer465 durch das
RSHA wird Folgendes erwähnt: „Seine Verdienste in der SD-Arbeit als Hauptaußenstellenleiter seit 1936 (ehrenamtlich) verdienen besondere Anerkennung. – Anlässlich
des 20.7.1944 hat sich der SS-Standartenf. Wicke besonders hervorgetan und mit entscheidend dazu beigetragen, daß eventuelle schwerwiegende Entwicklungen im Gau
Thüringen von vorneherein im Keime erstickt wurden.“466 Dem lag nach Berichten
folgende Begebenheit zugrunde:467 Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944
460
461
462
463
464
465
466
467
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, Bl. 83.
Dies waren u.a. Betriebs-Luftschutzleiter, Selbstschutzkräfte, Angehörige der NSDAP in
Uniform, Ärzte und Hebammen (StadtArchiv Erfurt, 1-2/160/6231, unpag.).
StadtArchiv Erfurt, 1-2/160/623, unpag.
Wicke beschwerte sich bereits am 05. November 1943 bei Kießling darüber, dass Löschsand
durch städtische Arbeiter zweckentfremdet verwandt wurde (StadtArchiv Erfurt, 1-2/160
/6232, unpag.).
StadtArchiv Erfurt, 1-2/160/6232, unpag.
Einen ersten Vorschlag zur Beförderung von Wicke zum SS-Oberführer gab es während
seiner Erfurter Dienstzeit durch den SD-Abschnitt Weimar. Danach kommt es wohl aufgrund
der Versetzung Wickes nach Stuttgart zu einer Panne, da der Beförderungsvorschlag vom Inspekteur in Kassel nicht bearbeitet wurde. (BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 628).
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 601.
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 621 und Bl. 622.
90
hatte der Standortkommandeur der Wehrmacht in Erfurt, General von Holwede,468 den
Auftrag der Offiziersgruppe um Claus Graf von Stauffenberg zur Übernahme der
zivilen Gewalt in Thüringen erhalten. Dabei sollten bei Widerspruch der Reichsstatthalter sowie die Führer von SS, Polizei und NSDAP ausgeschaltet werden. General von
Holwede war in seinem Handeln zunächst unentschlossen und rief den Kommandanten
des 1. Panzer-Regiments, Oberst Lissow469, und SS-Standartenführer Wicke nachts in
seine Wohnung. Letztgenannte haben zusammen General v. Holwede von seinem Vorhaben abgebracht.
Wickes Verdienste in Erfurt waren aus Sicht des SD das Verhandlungsgeschick und
das ausgesprochene politische Fingerspitzengefühl, der persönliche Einsatz beim Aufund Ausbau der SD-Hauptaußenstelle Erfurt. Insbesondere hatte Wicke „bei den ihm
unterstellten Polizeidienststellen permanent auf ein vertrauensvolles und enges Zusammenarbeiten mit dem SD hingewirkt.“470 Wicke wurde zum 06. Januar 1944 nach
Wilhelmshaven471 abgeordnet472 und am 02. Februar 1944 durch den HSSPF Hamburg
wieder nach Erfurt zurückbeordert.473 Am 28. Juli 1944474 erfolgte die Versetzung nach
Stuttgart. Hier war Wicke bis Kriegsende als Polizeipräsident eingesetzt.475 In Stuttgart
wurde nochmals ein Anlauf zur Ernennung Wickes zum Oberführer476 unternommen,
mit der Begründung, dass ihm ein Kommandeur als Oberst der Schutzpolizei unter468
469
470
471
472
473
474
475
476
Generalmajor Wolfgang von Holwede, geboren am 25. Februar 1893 im Rittergut Sagschütz
(Sachsen), gestorben am 14. Februar 1969 in Hamburg (http://www.geocities.com/ ~orion47/
WEHRMACHT/HEER/Generalmajor/HOLWEDE_WOLFGANG.html; letzter Zugriff vom
20. Juli 2009).
Oberst Lissow wurde später an Stelle des Generals von Holwede als Standortkommandeur in
Erfurt eingesetzt.
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 628 (Beurteilungsbeitrag des SD Stuttgart, wobei man sich
aufgrund der kurzen Zugehörigkeit Wickes der Beiträge des Sturmbannführers Kruse aus
Weimar bediente).
Die Dienstgeschäfte sollte Wicke an SS-Brigadeführer Wysocki ab dem 04. Januar 1944
übergeben, den der RFSS mit der Wahrnehmung der Dienstgeschäfte als Polizeipräsident in
Erfurt beauftragt hatte. Wicke setzte am Abend des 04. Januar zwei Fernschreiben an den
HSSPF Kassel und den HSSPF Hamburg ab, er könne den Dienst in Wilhelmshaven erst
nach Übergabe der Dienstgeschäfte antreten. Am 08. Januar meldete er dann dem Regierungspräsidenten in Erfurt, dass er seine Amtsgeschäfte an Polizeirat Schreiber und Major
der Schutzpolizei Wehlow übergeben habe (HArchS, EA2/150 Heinz Wicke, Bl. 90).
HArchS, EA2/150 Heinz Wicke, Bl. 87 (Schnellbrief am 03. Januar 1944 vom RFSS über
Sauckel, den Oberpräsidenten Magdeburg und den Regierungspräsidenten Erfurt durch den
HSSPF Fulda-Werra im Wehrkreis IX).
HArchS, EA2/150 Heinz Wicke, Bl. 91.
BArch, SSO Heinz Wicke, unpag. (Schreiben des RFSSuChdDP an SS-Standartenführer und
Polizeipräsidenten Wicke vom 20. Juli 1944).
BArch SSO Heinz Wicke, unpag. (Schreiben des Reichssicherheitshauptamtes an SSStandartenführer Wicke vom 03. August 1944).
In den Beförderungsvorschlag schaltete sich noch eine weitere Stelle ein, der Befehlshaber
der Sicherheitspolizei und des SD in Straßburg, welcher den ehrenamtlichen Mitarbeiter des
SD, Standartenführer Wicke, ebenfalls zum SS-Oberführer vorschlägt (BArch, SSO Heinz
Wicke, unpag. (Schreiben des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD in Straßburg
an das RSHA vom 23.10.1944).
91
stehe und im Wege der Rangangleichung477 eine Ernennung dienstlich notwendig
sei.478
Heinrich Wicke, der maßgeblich durch seine vielseitigen Frontkameradschaften aus
dem Ersten Weltkrieg, durch seine Tätigkeit als Schöffe auf dem Spezialgebiet der
Verkehrsunfälle sowie sein Wirken als langjähriger Hauptgeschäftsführer des ADAC
Württemberg-Hohenzollern479 eine auffallende Karriere als Führer der SS und als
Polizeipräsident hinlegte, war ein äußerst kommunikativer, bei seiner Mannschaft beliebter und absolut überzeugter Nationalsozialist.
4.6
Otto Gieseke – Der Kommandeur
In einem „kühnem Ansturm“480 drängte Oberst Gieseke in
vorderster Linie am 11. September 1941 in den Kämpfen
um Krasnogwardeissk die russische Armee zurück und
wurde aufgrund seiner persönlichen Tapferkeit bei weiteren
Kampfhandlungen für die Verleihung des Deutschen
Kreuzes in Gold vorgeschlagen.481 SS-Kriegsberichterstatter
Walter Best schrieb über ihn: „Das oft unmöglich Erscheinende zu erzwingen, ist der hervorragende Wesenszug
des nunmehr ausgezeichneten Standartenführers Otto
Gieseke, Kommandeur eines Regiments in einer Polizei-Division.“482 Was hatte es mit
diesem Führer einer Polizeieinheit auf sich?
Der spätere SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei wurde am 24. März 1891
als Sohn des Bauern August Gieseke und seiner Ehefrau Johanne, geb. Boes, in Hohenhameln bei Lehrte, Kreis Peine, geboren. Otto Gieseke wuchs im elterlichen Haus mit
fünf Brüder und vier Schwestern auf. Nach dem Besuch der Volksschule, einer Privatund Oberrealschule in Harburg arbeitete Gieseke von 1909 bis 1910 in der Landwirtschaft seines Vaters. Als Freiwilliger meldete er sich 1910 beim Dragoner-Regiment 16
in Lüneburg, bevor er ab 1911 beginnend eine dreijährige Ausbildung in einer Ham477
478
479
480
481
482
Eine Rangangleichung wird nochmals begründet, da der Oberst der Schutzpolizei Süß Inhaber einer Planstelle A1a war und nicht der SS angehörte, währenddessen Wicke seine Dienstbezüge nach der Planstelle B9 bezog (BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 626).
BArch, SSO Heinz Wicke, Bl. 623.
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, unpag. (Einstellungsbescheid der Stadt Stuttgart vom 03.
November 1955).
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 166.
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 165.
BArch, SSO Otto Gieseke, unpag.
92
burger Exportfirma absolvierte. Als Freiwilliger trat er 1914 in den Dienst der Reichswehr und wurde vom Zugführer bis zum Kompanieführer an der Westfront eingesetzt.
Er wurde in dieser Zeit dreimal verwundet.483 Nach Kriegsende trat Gieseke den Freikorps der Brigade Nordlitauen bei, wo er als Kompanieführer der „Eisernen Brigade“
in Nordlitauen und im Baltikum kämpfte.484
Otto Gieseke heiratete am 01. April 1921 seine Frau Eva, geb. Smurawski. Dieser Ehe
entstammten vier Kinder, von denen eins nach der Geburt starb und ein Sohn im Jahr
1942 im Krieg gefallen war.485
Bereits im Jahr 1920 fand eine Verwendung Giesekes in der Sicherheitspolizei (später
Schutzpolizei) statt. In Köln war er von 1926 bis 1935 als Hundertschaftsführer, Reviervorsteher und Adjutant sowie von 1935 bis 1939 als Kommandeur eines Schutzpolizeiabschnittskommandos tätig. Mitglied in der NSDAP wurde der Hauptmann der
Schutzpolizei Gieseke im Mai 1933.
Im März 1935 marschierte der zum Major der Schutzpolizei ernannte Gieseke in Österreich mit ein und war dort im Abteilungskommando III St. Pölten und im Gruppenkommando Linz eingesetzt.486
Relativ spät, im August 1939, wurde die Aufnahme des Polizeimajor Gieseke in die SS
beantragt.487 Die Übernahme in die Allgemeine SS mit dem Dienstgrad eines SSSturmbannführers erfolgte zum 01. Juni 1940, die Ernennung zum SS-Obersturmbannführer und aktiven Führer der Waffen-SS am 01. April 1942.488
Gieseke wurde von März 1939 für zwei Jahre als Kommandeur der Schutzpolizei in
Erfurt verwendet489 und war demzufolge im Polizeipräsidium Erfurt dem SS-Brigade-
483
Sein ärztlicher Befund vom 22. Mai 1939 war einwandfrei (BArch, B5161 Otto Gieseke). Im
Untersuchungsbogen wurden drei Verwundungen vermerkt, u.a. Lungen- und Leberschuss,
Schussverletzungen an beiden Beinen und am linken Unterarm (BArch, B5161 Otto Gieseke). Eine weitere Verwundung erfolgte bei den Kämpfen im Osten im August 1941 (BArch,
SSO Otto Gieseke, Bl. 184).
484
Schulz/Wegmann 2003, 376-378 sowie BArch, Personalfragebogen der Subsequent Proceedings Division.
485
Gieseke, der in seinem SS-Erbgesundheitsbogen an das Rasse- und Siedlungs- Hauptamt bei
seinem Aufnahmeantrag in die SS noch vier Kinder (davon ein Kind gestorben) angibt
(BArch, B5161 Otto Gieseke, Bl. 318), meldete am 09. August 1943 dem SS-Personalhauptamt, dass sein Sohn Hans-Dieter am 06. Dezember 1942 südwestlich von Rschew gefallen ist
(BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 169).
486
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 175 und Schulz/Wegmann 2003, 378.
487
Der Führer des SS-Oberabschnitts Fulda-Werra beantragt am 14. August 1939 die Aufnahme
des uniformierten Ordnungspolizisten Gieseke in die SS. (BArch, SSO Otto Gieseke, Bl.
215).
488
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 180.
489
Bei seinem Antrag zur Aufnahme in die SS im August 1939 gab Gieseke den Wohnort: Erfurt, Straßburgerstraße 2 an (BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 214).
93
führer Karl Pflomm unterstellt. Während dieser Zeit, im Juni 1940, wurde er zum
Führer in der SS- Stammabteilung Fulda-Werra, Bezirk 67 ernannt.490
Ab September 1939 erfolgte der Kriegseinsatz für Oberst Giesecke als Führer des
Polizeibataillons Lublin. Dort musste er mit dem durch seine besondere Brutalität
gegenüber der Zivilbevölkerung bekannten SSPF Odilo Globocnik491 und dem KdS
Huppenkothen492 zusammengekommen sein (Schulz/Wegmann 2003, 378). Nach Birn
(1986, 334) war Globocnik während seiner Zeit als SSPF in Lublin an der Errichtung
von Vernichtungslagern im Rahmen der Aktion „Reinhard“ direkt verantwortlich.493
Der SSPF des „Generalgouvernements“ war berüchtigt für seine „selbst nach NS-Maßstäben übertrieben harten Vergeltungsaktionen gegen die polnische Bevölkerung“
(Smelser, Syring, Zitelmann, 1999, 109). Globocnik gab nach späteren Aussagen den
schriftlichen Schießbefehl für die außerhalb des Ghettos Lublin unbefugt angetroffenen
Personen (Klemp 2005, 50-51). Gieseke muss aufgrund der zeitlich- und räumlichen
Übereinstimmungen dem fanatischen Massenmörder Globocnik begegnet sein.
Während der Leningrader Blockade494 sowie an den Gefechten am Ladogasee und an
der Tossnamündung war Oberst Gieseke mit dem von ihm geführten SS-PolizeiGrenadier-Regiment 1 beteiligt.495 Für seinen Einsatz wurde ihm im September 1942
das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuze verliehen.496
Zum 01. September 1943 verließ Gieseke aufgrund seines Gesundheitszustandes497 die
Waffen-SS und trat wieder in die Ordnungspolizei ein.498 Im Februar 1944 bescheinigte
man Gieseke volle dienstliche Belastung und das SS-Personalhauptamt benachrichtigte
490
491
492
493
494
495
496
497
498
BArch, SSO Otto Gieseke, unpag. (Schreiben des SS-Personalamtes zur Aufnahme in die
Schutzstaffel vom 14. Juni 1940).
Odilo Lotario Globocnik (geboren am 21. April 1904 in Triest, Beruf: Baumeister, 1918 in
Österreich eingebürgert, 1922 Eintritt in die NSDAP, 1933 Eintritt in die SS, Gaubetriebszellen- und Propagandaleiter der NS-Betriebsorganisationen (NSBO) in Kärnten, 1933 stellvertretender Gauleiter der NSDAP in Österreich, 1936 Stabsleiter der österreichischen Landesleitung der NSDAP, 12. März 1938 Ernennung zum Staatssekretär, 24. Mai 1938 Gauleiter
der NSDAP in Wien, 1938 Mitglied des Reichstages, 1939 Standartenführer der SS-Standarte
„Der Führer“, 09. November 1939 SSPF in Lublin, 01. September 1943 HSSPF „Adriatisches Küstenland“, Selbstmord am 31. Mai 1945 (Stockhorst 2000, 156).
Walter Huppenkothen (geb. am 31. Dezember 1907 in Haan, gest. 1979 in Lübeck) war SSStandartenführer im Reichssicherheitshauptamt und kam als Leiter der Gestapo im Februar
1940 nach Lublin, später als KdS. In seine Verantwortung fiel das Lubliner Ghetto, in denen
die verbliebene jüdische Bevölkerung gefangen gehalten wurde.
Wildt (2008, 173) schrieb hierzu weiter, dass Globocnik allem Anschein nach Mitte Oktober
1941 durch Himmler den Auftrag erhielt, ein regionales Vernichtungslager in Belzec zu errichten.
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 219 und 220.
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 172.
BArch, SSO Otto Gieseke, unpag.
Gieseke befand sich zu dieser Zeit zur Kur in Badgastein, Haus Wetzelgut (BArch, SSO Otto
Gieseke, Bl. 208).
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 211 (Im Dienstrang eines Oberst der Schutzpolizei).
94
das Hauptamt Ordnungspolizei, dass Gieseke für die Waffen-SS wieder freizugeben
sei.499
Ab März 1944 war er in Riga als Befehlshaber der Ordnungspolizei stationiert.500
HSSPF in Riga war zu dieser Zeit der „Spezialist für die Endlösung im Osten“
(Smelser, Syring 2003, 267), Friedrich Jeckeln. Jeckeln war direkt verantwortlich für
die Liquidierung des Rigaer Ghettos am 30. November 1941, bei dem 27.000 Juden ermordet wurden (Smelser, Syring 2003, 272-273). Bei der Räumung des Ghettos waren
etwa 1.700 Männer der Ordnungspolizei, des SD und der lettischen Hilfspolizei beteiligt. Gieseke unterstand in den drei Monaten seiner Tätigkeit als BdO einem der
größten Verbrecher der Shoah.
Aus dem Führerhauptquartier wurde Gieseke am 10. Juni 1944 zum SS-Brigadeführer
und Generalmajor der Polizei ernannt501 und ab Juli 1944 als Führer beim Stab des SSOberabschnitts Fulda-Werra eingesetzt.502
Aufgrund seiner schlechten körperlicher Verfassung503 befand er sich im Oktober 1944
zuerst im SS-Lazarett Hohenlychen und folgend in ambulanter Behandlung in seiner
Erfurter Wohnung.504
Eingesetzt im Oktober 1944 als Kommandeur des SS-Polizei-Regimentes 16, ist davon
auszugehen, dass Gieseke seinen Dienst aufgrund seines Gesundheitszustandes nie antrat. Das SS-Polizeiregiment 16 war von Juli 1943 bis März 1945 zur Partisanenbekämpfung in Litauen und Belorussland eingesetzt. Im April 1944 hatten Angehörige
dieses Regiments etwa 800 bis 900 jüdische Personen in Wilna erschossen. Ebenfalls
konnte Einheiten dieses Regiments die Festnahme, Erschießung und Verbrennung von
80 Personen in einer Scheune in der Nähe von Lessina nachgewiesen werden (Klemp
2005, 320). Neben weiteren völkerrechtswidrigen Verbrechen wurden durch Angehörige des II. Bataillons im November 1944 in der Gegend von Ugale Dörfer vernichtet
und deren Einwohner getötet (Klemp 2005, 320). Das SS-Polizeiregiment 16 befand
sich ab 1945 im Kurlandkessel (Klemp 2005, 452).
Der „Schreibtischtäter“ Himmler (Smelser, Syring 2003, 248) informierte sich persönlich im Dezember 1944 bei SS-Personalchef Maximilian v. Herff,505 ob Gieseke
499
500
501
502
503
504
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 205.
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 203 und BArch, Personalfragebogen der Subsequent Proceedings Division.
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 174.
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 198.
Bei einer ärztlichen Untersuchung im November 1944 wurde für Gieseke aufgrund seiner 20
prozentigen Kniebehinderungen eine leitende Innendienst-Stellung vorgeschlagen (BArch,
SSO Otto Gieseke, Bl. 187).
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 191.
95
noch im Einsatz sei und ob er nicht als BdO oder Divisions-Kommandant zur Verfügung stände.506 Himmler, der strategisch als auch bei der Truppenführung des Ersatzheeres versagte (Smelser, Syring 2003, 250), schien auch als Reichsführer SS und Chef
der Deutschen Polizei den Überblick über sein Personal verloren zu haben.
Die Versetzung von SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Gieseke in das SSPersonalhauptamt zur Führerreserve erfolgte am 25. Januar 1945. Als Führer der Allgemeinen-SS verblieb er jedoch beim Stab des SS-Oberabschnitts Fulda-Werra (in
dessen Zuständigkeitsbereich auch die Stadt Erfurt lag).507
Gieseke wurde vom 29. Januar bis zum 10. April 1945 als kommissarischer Polizeipräsident in Erfurt eingesetzt508 und war zugleich Führer beim Stab des SS-Oberabschnitts Fulda-Werra.509
Die Tatsache, dass Ordnungspolizisten an der Shoah beteiligt waren, ist erwiesen. Bereits mit der Besetzung Polens wurden erste große Mordaktionen verübt. Die Teilnahme an der „Endlösung“ in Russland lässt keinen Zweifel mehr an der „Einsatzwirklichkeit von Polizeibataillonen im Vernichtungskrieg“ (Klemp 2005, 27). SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Otto Gieseke leistete mit seinen vielfältigen Verwendungen als Kommandeur von Polizeieinheiten im „Osteinsatz“ dabei seinen
eigenen Beitrag.
5
Nachkrieg
Unmittelbar nach der Kapitulation begann in Deutschland der langsame Wiederaufbau
einer funktionierenden Judikative. Neben der bislang unbekannten Art und dem Ausmaß der verübten Verbrechen in der NS-Zeit standen zur Aufarbeitung der Taten nur
wenige Ermittler der Polizei und der Staatsanwaltschaft zur Verfügung. Die Tatbestände von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit regelte das
Kontrollratsgesetz Nr. 10 vom 20. Dezember 1945 und schloss die deutschen Gerichte
bei der Verfolgung von Verbrechen gegen Angehörige der Alliierten aus (Rückerl
1979, 34). Diese waren einzig für die Verfolgung von Verbrechen, die Deutsche an
Deutschen im Nationalsozialismus begingen, zuständig. Neben den Gerichten waren ab
dem Jahr 1946 die sogenannten Entnazifizierungsbehörden zur Aufklärung und Ahn505
506
507
508
509
SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS v. Herff war ab Oktober 1942 Chef des
SS-Personalhauptamtes.
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 193.
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 186.
BArch, Personalfragebogen der Subsequent Proceedings Division, unpag.
BArch, SSO Otto Gieseke, Bl. 189.
96
dung nationalsozialistischer Verbrechen eingesetzt (Rückerl 1979, 38). Es war dabei
vorgesehen, dass anhand eines Fragebogens jeder erwachsene Deutsche auf seine Mitwirkung im nationalsozialistischen System geprüft werden sollte. Bei Vorliegen bestimmter Anhaltspunkte erfolgte durch Spruchkammern und Spruchgerichte eine Einstufung als Entlasteter, Mitläufer, Minderbelasteter, Belasteter oder Hauptschuldiger
(Rückerl 1979, 39). Das Entnazifierungsverfahren geriet schnell an seine Grenzen. Das
lag einerseits an den Durchführenden, die nicht den hohen Anforderungen gewachsen
waren und andererseits an dem Verfahren an sich. Unrichtig ausgefüllte Fragebögen,
Begünstigungen in Form von „Persilscheinen“510 und Denunziation (Rückerl 1979, 40)
führten die Aufarbeitung zum ad absurdum.
Der Rückkehr der noch lebenden Erfurter Polizeipräsidenten in das bürgerliche Leben
stand, nachdem einige von ihnen in Internierungslagern waren und die SpruchkammerUrteile verbüßt hatten, nichts mehr entgegen.
Zu weiteren Details aus dem Leben Werner v. Fichtes konnten keine Informationen
gewonnen werden. Karl Pflomm tötete im April 1945 seine Familie und anschließend
sich selbst.
Alexander v. Woedtke511 befand sich zum Zeitpunkt der Kapitulation Deutschlands
im Sudetenland und wurde dort durch eine russische Einheit verhaftet. Nach der Überlieferung an die Tschechoslowakei war er ab dem 11. Mai 1945 in Kriegsgefangenschaft und brach dort wenig später aus. Nach Deutschland unentdeckt zurückgekehrt,
siedelte v. Woedtke mit seiner Schwester und seinen Kindern nach Göttingen über. In
den Jahren 1945 bis 1953 lebte er in Göttingen512, Kepplerstraße 11 unter falschem
Namen und war ab 1948 als Angestellter der Universität Bonn, Abteilung Frauenklinik,
tätig. Ab dem Jahr 1954 registrierte er sich wieder unter seinem richtigen Namen und
erhielt eine Pension nach dem Artikel 131 GG sowie eine Rente. Der „131er“,513 der im
Jahr 1951 beschlossen wurde, sah nach einer zehnjährigen Dienstzeit als Beamter die
Zahlung von Unterhalt und die Wiedereinstellung vor. Die Grundvoraussetzung hierfür
510
511
512
513
Wicke z.B. kamen Aussagen zuteil, dass er sich gegenüber der Bevölkerung, besonderes
gegenüber Juden menschlich verhalten habe (HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, Urteil des
Verwaltungsgerichtshofes Stuttgart vom 27. Dezember 1958, Az: 2S 185/56, S.26).
Die folgenden Angaben stammen aus der Beschuldigtenvernehmung des Alexander von
Woedtke am 21. Februar 1962 bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg (BArch B 162/6001, Bl. 213-214).
V. Woedtke wohnte später in Göttingen, Goßlerstraße 51.
Der Artikel 131 GG regelt die Rechtsverhältnisse derer, die am 8. Mai 1945 im öffentlichen
Dienst standen und verweist auf eine bundesgesetzliche Regelung.
97
war die Nichteinstufung als Hauptschuldiger und Belasteter im Entnazifizierungsverfahren (Klemp 2003, 767).
In mehreren Ermittlungsverfahren wird v. Woedtke zwischen 1954 und 1967 als Zeuge
und auch als Beschuldigter vernommen. Das gegen ihn gerichtete Verfahren514 wegen
des Mordes an dem jüdischen Arzt Dr. Lindemann während der Röhmrevolte 1934515
wurde im Jahr 1972 eingestellt. Ebenfalls wurde ein Verfahren gegen den im Jahr 1960
an Kehlkopfkrebs erkrankten v. Woedtke, der für die rechtswidrige Erschießungen
zahlreicher Personen durch den Selbstschutz in Polen im Herbst 1939 zumindest als
mitverantwortlich galt, im Jahr 1965 eingestellt.516 Auch die Beschuldigung der Teilnahme an den Verbrechen in Sosnowitz ist später eingestellt worden.517
Heinrich Wicke war nach Kriegsende in verschiedenen Lagern der amerikanischen
Besatzungszone interniert.518 Nach der Entlassung zog Wicke nach Tuttlingen. Dort erhielt er eine Stellung in den Chiron-Werke, wechselte nach etwa einem Jahr zur Firma
Stihl und trat 1950 als Vertreter in die Efka-Werke ein, für die er bis 1960 tätig war.
Am 07. Februar 1949 wurde er als Minderbelasteter durch einen Spruch der Zentralberufungskammer eingestuft und mit Sühnemaßnahmen belegt.519 In dem Spruch wurde
festgestellt, dass Wicke wiederholt Gegner und Opfer des NS gefördert und unterstützt
sowie auch Juden das Leben gerettet hat. Im Jahr 1950 wird durch Wicke ein Gnadengesuch an das Ministerium für politische Befreiung in Stuttgart, mit dem Ziel der
Kürzung der Sühne von 4.000 DM auf 500 DM, gestellt.520 Der Sachbearbeiter stellt
hierauf Folgendes fest:521 „Wicke habe eine Sühne von 4000 DM zu zahlen, wobei er
bereits 350 DM einbezahlt hat. Wicke war interniert vom 31. Juli 1945 bis 09. April
1948. Er ist seit April 1950 arbeitslos und wird in seinem Alter schwer eine Stellung
finden. Er hat durch Plünderungen den größten Teil seiner Habe verloren. Durch die
33-monatige Internierung habe er genug gesühnt. Wicke ist bereits bei der Festlegung
der Wiedergutmachungsleistung vermögenslos gewesen und hatte auch nur ein ge-
514
Für eine Beteiligung v. Woedtkes am Mord Dr. Lindemanns reichen die Anhaltspunkte nicht
aus (BArch, B 162/3919, Bl. 75).
515
Ermittlungsverfahren (5 Js 50/61) aus dem Jahr 1961 der StA Coburg im Fall Dr. Lindemann
(BArch, B 162/3919, Bl. 44) sowie im Jahr 1967 durch die StA Göttingen (6 JS 128/66)
(BArch, B 162/25652, unpag.).
516
BArch, B 162/3919, Bl. 221.
517
Es erfolgte ein Verfahren zur Mitwirkung des Polizeipräsidenten von Sosnowitz (AR-Z /68)
(BArch B 162/7712 Bl. 1).
518
Internierung in: Heilbronn, Hohenasperg, Dachau, Ludwigsburg.
519
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, unpag. (Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Stuttgart vom
27. Dezember 1958, Az: 2S 185/56, S. 1-29).
520
HStAS, EA11/106 Heinz Wicke, Bl. 173.
521
HStAS, EA11/106 Heinz Wicke, unpag. (Bearbeitungsbogen der Gnadenabteilung).
98
ringes Einkommen aufzuweisen, wurde doch mit einer außergewöhnlichen Sühne belegt! Er hat Zahlungswillen bewiesen, jedoch ist es aufgrund seiner Einkommensverhältnisse unmöglich, den restlichen Verpflichtungen nachzukommen.“ In dem Bescheid wurde weiterhin erwähnt, dass Heinrich Wicke Juden im weitestgehenden Maße
unterstützt und in vielen Fällen vor der Vernichtung bewahrt habe. Da eine dreijährige
Internierung zurücklag, wurde eine Herabsetzung der Sühne auf 700 DM befürwortet.522 Das Ermittlungsverfahren gegen Heinrich Wicke wegen Beihilfe zur
schweren Brandstiftung in der Reichspogromnacht, bei der die Synagoge in Heilbronn
zerstört wurde, ist am 04. April 1961 eingestellt worden.523
Wicke wandte sich im Jahr 1957 an den Verwaltungsgerichtshof Stuttgart in seiner
Streitsache gegen das Land Baden Württemberg, um die Anerkennung seiner Beamtenrechte als ehemaliger Polizeipräsident von Stuttgart geltend zu machen.524 Er klagte
wegen der Nichtberücksichtigung aufgrund des §7 des Ausführungsgesetzes zu Artikel
131 Grundgesetz. Er berief sich darauf, dass er seine Ämter als Polizeichef in Heilbronn, Erfurt und Stuttgart streng unparteiisch geführt, keine Vorteile daraus gezogen
und nicht gegen Gesetze, insbesondere nicht gegen die Menschlichkeit verstoßen
habe.525 Die Berufung wird zurückgewiesen, da Wickes Ernennung in die Beamtenlaufbahn wegen dessen enger Verbindung zum Nationalsozialismus vorgenommen
worden sei und „kann deshalb unberücksichtigt bleiben“.526 Man machte hier geltend,
dass große Polizeidienststellen, wie etwa Heilbronn, nur SA- und SS-Führern vorbehalten gewesen seien. Alle Ernennungen erfolgten für Wicke durch seine politische Zuverlässigkeit, wegen seines hohen Ranges in der SS und seiner Eigenschaft als alter
Kämpfer, so das Urteil. Heinz Wicke starb am 18. Oktober 1975 in Trossingen.
Otto Gieseke befand sich seit dem 30. April 1945 in Kriegsgefangenschaft und war
seit dem 27. August 1945 interniert.527 Klemp (2005, 323) vermerkte, dass es in
522
523
524
525
526
527
HStAS, EA11/106 Heinz Wicke, unpag. (Schreiben des Ministeriums für politische Befreiung, Gnadenabteilung- Stuttgart an Wicke).
HStAS, EA2/150 Heinrich Wicke, unpag. (Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft
Heilbronn).
HStAS, EA2/150 Heinrich Wicke, Bl. 35.
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, unpag. (Einstellungsbescheid der Stadt Stuttgart vom 03.
November 1955).
HStAS, EA2/150 Heinz Wicke, unpag. (Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Stuttgart vom
27. Dezember 1958, Az: 2S 185/56, S. 1).
Staatsarchiv München, Interniertenakten K2131 Otto Gieseke, unpag. Von August 1945 bis
Mai 1946 wird er in Garmisch interniert, folgend bis September 1946 in Neu-Ulm. Es folgt
nochmals das Lager Garmisch bis Mai 1947 und folgend das Freilager Dachau. Am 08. November 1947 wurde der Internierte 31G394284 wieder nach Garmisch gebracht. Seine 599
Reichsmark, welche er Ende Oktober 1947 von der Lagerleitung zur Herausgabe forderte,
wurden nach Garmisch an das dortige Lazarett überwiesen.
99
„Deutschland wahrscheinlich keine Verurteilung von Tätern aus Reihen des SS-Polizeiregiments 16 gegeben“ hat. Otto Gieseke starb im Alter von 65 Jahren am 21. Juli
1958 in Hannover.
6
Schlussbetrachtung
In den Kapiteln 2 und 3 wurde dargestellt, wie sich die Polizei im Nationalsozialismus
entscheidend in ihrer Bedeutung veränderte und dabei der Wandel von einer Institution
des Normenstaates hin zu der eines Maßnahmenstaates stattfand. Es ist erwiesen, dass
die Ordnungspolizei seit Beginn der Machtübernahme Hitlers die Politik des Dritten
Reiches aktiv mit getragen hat. Dabei diente sie dem NS-System bei der Bekämpfung
des gesellschaftlich definierten „Gegners“ (Linck 2000, 337). Durch Untätigkeit bei
offensichtlichen Rechtsverstößen durch SS und SA zeigte sich der Maßnahmenstaat.
Ohne geltende Gesetze anzuwenden, verhalf die Polizei der nationalsozialistischen
Politik zur Nutzung eines rechtsfreien Raumes. Neben den anfangs verfolgten
politischen Gegnern wurde zunehmend rassisch und sozial minderwertig betrachtete
Personen nachgestellt. Welzer (2007, 67) schreibt hierzu passend: „Die nationalsozialistische Moral erhebt die Auslöschung von Menschen in den Status einer
moralischen Verpflichtung, behält aber andere tradierte Normen wie etwa des Diebstahlsverbot bei.“
Wie das gesamte NS-Herrschaftsgebilde, war auch das Erfurter Polizeipräsidium
ständigen Veränderungen unterworfen. Unter dem polykratischen NS-System konnte
eine Vielzahl an „Befehlsvorgesetzten“ dem Polizeipräsidenten in Erfurt Anweisungen
erteilen, was eine Leitung dieser Polizeiverwaltung enorm erschwerte. Neben dem
häufigen Wechsel von Polizeipräsidenten wandelten sich auch deren Aufgaben und Zuständigkeiten. War im Jahr 1933 der preußische Einfluss auf die Polizeiverwaltung
noch relativ groß, änderte sich dies schlagartig mit der Verschmelzung von Polizei und
SS ab dem Jahr 1936 und der „weltanschaulichen Führung“ unter Heinrich Himmler.
Es war nun für die Karriere wichtig, der „Gottgläubigkeit“ beigetreten zu sein, persönlich einen Julleuchter verliehen zu bekommen oder Mitglied im Verein „Lebensborn“ zu sein. Die Nähe zu Himmler und die dadurch begünstigten „Blitzkarrieren“
waren typisch für diese Zeit. Die Erfurter Polizeiverwaltung geriet immer mehr in den
Sog des zentralistisch ausgelegten NS-Staates. Mit der Verstaatlichung schwanden
nach und nach die Kompetenzen der Polizeipräsidenten und der sich ausprägende
Funktionswandel der Polizeiverwaltung Erfurt ist deutlich zu erkennen.
100
Die „Blumenstadt“ Erfurt verhielt sich im Nationalsozialismus wie andere deutsche
Städte. Zu Beginn des Nationalsozialismus war das Leben in der Stadt bestimmt von
zahlreichen Verhaftungen politischer Gegner des NS-Systems, von einem überwältigenden Maß an Denunziationsbereitschaft in der Bevölkerung und einer Überschwemmung mit rassistischer und antisemitischer Propaganda. Der nunmehr entstandene
Garnisionsstandort Erfurt war während des Krieges hauptsächlich von Luftschutzmaßnahmen und der Produktion von Kriegsgütern, unter massivem Einsatz von Zwangsarbeitern, geprägt.
In einer gegenüberstellenden Analyse wurde im Kapitel 4 der Versuch unternommen,
fünf der acht amtierenden Polizeipräsidenten in Erfurt während der NS-Zeit ausführlich
zu beschreiben. Aufgrund der vorgefundenen Aktenlage konnte so eine bisher noch
nicht existierende Kollektivbiografie zu den Erfurter Polizeipräsidenten erstellt werden.
Alle betrachteten Personen gehörten zur Alterskohorte der „Frontgeneration“, welche
am Ersten Weltkrieg teilnahmen. Es konnte im Rahmen der Arbeit festgestellt werden,
dass ein Großteil der untersuchten Personen keinerlei fachliche Ausbildung für das Amt
eines Polizeipräsidenten genossen hatten – Pflomm, v. Woedtke und Wicke gelangten
vor allem wegen der engen Verbindung zum Nationalsozialismus in die Leitung der
Polizeiverwaltung Erfurt. Intelligenz und Fachwissen waren demnach keine Voraussetzung, um ein solch exponiertes Amt auszuüben.
Waren nach der Machtübernahme Hitlers noch viele leitende Posten in Polizeiverwaltungen mit SA-Leuten besetzt, galt spätestens nach der Zentralisierung unter
Himmler der SS-Führer als Garant für die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit. Der mit der „Röhm-Revolte“ entlassene Werner v. Fichte war ein exzellentes Beispiel für die Machtkämpfe um den „systemwichtigen“ Posten eines Polizeipräsidenten.
Unter der „weltanschaulichen“ Führung Himmlers wurde die Polizei ab dem Jahr 1936
verstärkt nach dem Vorbild der SS organisiert und bestimmte Polizeipräsidien waren
ausschließlich für SS-Führer vorbehalten. Ein Merkmal, das außer Otto Gieseke alle
der ab 1936 amtierenden Präsidenten inne hatten, war die Eigenschaft des alten Parteigenossen der NSDAP und der frühen Mitgliedschaft in der SS. Die in enorm kurzem
Zeitraum stattgefundenen Karrieren sind insbesondere durch die politische Zuverlässigkeit, des hohen Ranges in der SS und der Eigenschaft als „Alte Kämpfer“ erfolgt. Die
Präsidenten haben sich durch ihre politische Qualifikation aus der Masse hervorgetan
und wurden durch das Reichsministerium des Inneren entsprechend auf entscheidenden
101
Posten „untergebracht“. Dabei führten sie das unterstellte Personal im nationalsozialistischen Sinne. Es ist in diesem Zusammenhang festgestellt worden, dass
während der Erfurter Amtszeit Funktionsmissbräuche, wie z.B. die willkürliche Schutzhaft an Oberbürgermeister a.D. Dr. Stegmann durch Karl Pflomm, vorlagen. Die Erfurter Polizeipräsidenten bewiesen in ihren Ämtern soldatische Härte und erhielten bis
auf Wicke alle gewisse Bewährungschancen durch einen Kriegseinsatz im Ausland528
und waren dabei bereit, bei der „Ostkolonisation“ als Verantwortliche der „Endlösung“
mitzuwirken. Ob in Polizeiverwaltungen oder direkt in mobilen Polizeiverbänden eingesetzt, waren sie aufgrund ihrer hohen Stellung mitverantwortlich für die „Befriedung
ganzer Landstriche“ und der damit verbundenen Verbrechen. In ihrer bedingungslosen
Unterordnung gegenüber dem Nationalsozialismus entwickelten einige der beschriebenen Präsidenten, wie Pflomm und v. Woedtke, einen absoluten Antisemitismus.
Die Analyse ergab ferner, dass für eigenhändige Tötungen bei keinem der Personen
Anhaltspunkte festgestellt werden konnten. Aber durch ihre indirekte Beteiligung an
der Vernichtungspolitik des NS-Regimes trugen sie in jedem Fall Mitverantwortung,
denn das Schicksal der an die Gestapo ausgelieferten Personen war stets ungewiss.
In der Einzelbetrachtung des SA-Obergruppenführers Werner v. Fichte wurde herausgefunden, dass dieser im Bund Wiking und der Organisation Consul frühzeitig seine
rechtsradikale Karriere begann. Hiermit legte er den Grundstein für den Aufstieg in der
SA zum Osaf-West und der späteren Verwendung als Polizeipräsident in Erfurt.
V. Fichte war in den Jahren 1933 und 1934 aktiv an „Säuberungsaktionen“ gegen
politische Gegner in Erfurt beteiligt. Bei der „Röhm-Revolte“ verhaftet und des Amtes
enthoben, ist davon auszugehen, dass Hermann Göring ihn vor dem sicheren Tod bewahrte.
Der hochdekorierte SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei, Karl Pflomm,
lebte und tötete sich sowie seine Familie für die nationalsozialistische Weltanschauung.
Pflomm schaffte trotz seiner spärlichen Bildung eine rasante Karriere in der SS.
Während der Verschmelzung von SS und Polizei wurde er im Jahr 1936 durch
Himmler als Polizeipräsident in Erfurt eingesetzt. Hier nutzte er insbesondere seine verantwortliche Position für die Einweisung jüdischer Bürger in Konzentrationslager aus.
528
Rabe v. Pappenheim, Werner v. Fichte, Albert Stange und Philipp Harte werden hierbei aufgrund ihres Ausscheidens aus dem Dienst bzw. der Nichtmitgliedschaft in der SS ausgenommen.
102
Der stattfindende Funktionswandel der Polizei ließ ihn später nicht unberührt: In der
Folgeverwendung als Polizeipräsident in Dresden bemängelte er die Wegnahme der
Kompetenzen durch den IdS. Nach seiner Ruhestandsversetzung im Jahr 1944 war er
bis zu seinem Suizid in den REIMAHG-Werken Kahla tätig.
Der kriminelle und zwielichtige SS-Oberführer Alexander v. Woedtke führte nur kurzzeitig die Erfurter Polizeiverwaltung. Als Polizeipräsident in Sosnowitz war er an
Polizeieinsätzen zur Räumung des dortigen Ghettos beteiligt.
Mit seiner Fähigkeit als guter Rethoriker gelangte SS-Oberführer Heinrich Wicke in die
gehobenen Stellungen des Polizeichefs in Heilbronn, Erfurt und Stuttgart. Der für die
Wahrnehmung dieses Amtes fachlich nicht geeignete Wicke zeichnete sich besonders
durch seine unbedingte Systemhörigkeit aus. In den drei Jahren als Polizeipräsident in
Erfurt erledigte er in der Hauptsache Aufgaben des Luftschutzes sowie der Fahndung
nach flüchtigen Kriegsgefangenen. Positives Aufsehen bei seinen Vorgesetzten erregte
er mit der Vereitelung des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 in Erfurt.
SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Otto Gieseke war als Kommandant
von Polizeieinheiten im Generalgouvernement sowie bei der Leningrader Blockade
eingesetzt und erbrachte hiermit seinen Beitrag zur Shoah. Seine Amtszeit in Erfurt als
Polizeipräsident dauerte von Januar 1945 bis zur Befreiung Erfurts durch
amerikanische Einheiten.
Für ihre Mitverantwortung an Verbrechen wurden die ehemaligen Polizeipräsidenten
interniert und es fand eine Verfolgung der im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft stehenden Straftaten statt. Alle eingeleiteten Ermittlungsverfahren gegen die betrachteten Personen wurden eingestellt.
103
Abkürzungsverzeichnis
BArch
Bundesarchiv
BDC
Berlin Document Center
BdO
Befehlshaber der Ordnungspolizei
BdS
Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD
Bl.
Blatt
d.h.
das heißt
geb.
geboren
gest.
gestorben
Gestapa
Geheimes Staatspolizeiamt
Gestapo
Geheime Staatspolizei
GG
Grundgesetz
HJ
Hitlerjugend
HStAStuttgart
Hauptstaatsarchiv Stuttgart
HSSPF
Höherer SS- und Polizeiführer
i.R.
im Ruhestand
IdO
Inspekteur der Ordnungspolizei
IdS
Inspekteur der Sicherheitspolizei
KdS
Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD
KPD
Kommunistische Partei Deutschlands
Kripo
Kriminalpolizei
KZ
Konzentrationslager
LKA
Landeskriminalamt
MfS
Ministerium für Staatssicherheit
Mitgl.
Mitglied
Mitgl.-Nr.
Mitgliedsnummer
Nr.
Nummer
NS
Nationalsozialismus
NSDAP
Nationalsozialistische Deutsche Arbeitspartei
NSKK
Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps
OLG
Oberlandesgericht
Orpo
Ordnungspolizei
Osaf
Oberster SA-Führer
Pg.
Parteigenosse der NSDAP
104
PK
Parteikorrespondenz
Pol.
Polizei
Rd.Erl.
Runderlass
RFSS
Reichsführer SS
RFSSuChdDtPol
Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei
RGBl.
Reichsgesetzblatt
RMdI
Reichsministerium des Inneren
RSHA
Reichssicherheitshauptamt
RuSHA
Rasse- und Siedlungshauptamt
SA
Sturmabteilung
SD
Sicherheitsdienst
Sipo
Sicherheitspolizei
SPD
Sozialdemokratische Partei Deutschlands
SS
Schutzstaffel der NSDAP
SSO
SS-Officer
SSPF
SS- und Polizeiführer
StA
Staatsarchiv
Stapo
Staatspolizei
StPO
Strafprozessordnung
ThHStAW
Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar
ThStAGO
Thüringer Staatsarchiv Gotha
u.a.
unter anderem
unpag.
unpaginiert
z.B.
zum Beispiel
105
Literaturverzeichnis
Arendt, Hannah 1955: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Frankfurt am
Main (Europäische Verlagsanstalt GmbH).
Arendt, Hannah 1963: Über die Revolution. München (R. Piper & Co. Verlag).
Aronson, Shlomo 1971: Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von
Gestapo und SD. Stuttgart (Deutsche Verlags-Anstalt GmbH).
Bader, Kurt Dr. 1943: Aufbau und Gliederung der Ordnungspolizei. Berlin
(Verlag für Recht und Verwaltung GmbH).
Banach, Jens 1998: Heydrichs Elite: Das Führerkorps der Sicherheitspolizei
und des SD 1936-1945. 3. Aufl.. Paderborn (Schoeningh Ferdinand GmbH).
Bauer, Kurt 2008: Nationalsozialismus. Wien, Köln, Weimar (Böhlau Verlag
Ges.m.b.H. und Co.KG).
Bay, Jürgen 1965: Der Preußenkonflikt 1932/33: Ein Kapitel aus der Verfassungsgeschichte der Weimarer Republik. Erlangen. Diss. 1965.
Best, Werner Dr. jur. 1940: Die Deutsche Polizei. Darmstadt (L. C. Wittich
Verlag).
Birn, Ruth Bettina 1986: Die höheren SS- und Polizeiführer. Himmlers Vertreter
im Reich und in den besetzten Gebieten. Düsseldorf (Droste Verlag).
Bracher, Karl Dietrich 1984: Die Auflösung der Weimarer Republik. Düsseldorf
(Droste Verlag).
Browning, Christopher R. 2002: Ganz normale Männer. Das ReservePolizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen. 5. Aufl.. Reinbek bei
Hamburg (Rowohlt Taschenbuch Verlag).
Buchheim, Hans 1964: SS und Polizei im NS-Staat. Duisdorf bei Bonn (Selbstverlag der Studiengesellschaft für Zeitprobleme).
Buchheim, Hans; Broszat, Martin; Jacobsen, Hans-Adolf u.a. 1965: Anatomie des
SS-Staates. Die SS-das Herrschaftsinstrument Befehl und Gehorsam. Band I. Olten und Freiburg im Breisgau (Walter Verlag AG).
Buchheim, Hans; Broszat, Martin; Jacobsen, Hans-Adolf u.a. 1965: Anatomie des
SS-Staates. Konzentrationslager, Kommissarbefehl, Judenverfolgung. Band II.
Olten und Freiburg im Breisgau (Walter Verlag AG).
Buhlan, Harald; Jung, Werner (Hrsg.) 2000: Wessen Freund und wessen Helfer?:
die Kölner Polizei im Nationalsozialismus. Köln (Hermann-Josef Emons Verlag).
106
Curilla, Wolfgang 2006: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im
Baltikum und in Weißrussland 1941-1944. Paderborn (SchöninghSchulbuchverlag).
Dams, Carsten; Dönecke, Klaus; Köhler, Thomas (Hrsg.) 2007: „Dienst am
Volk?“. Düsseldorfer Polizisten zwischen Demokratie und Diktatur. Frankfurt
(Verlag für Polizeiwissenschaften, Dr. Clemens Lorei).
Deschner, Günther 2008: Reinhard Heydrich. Biographie eines Reichsprotektors.
München (Universitas Verlag).
Diamant, Adolf 1999: Gestapochef Thümmler. Verbrechen in Chemnitz, Kattowitz und Auschwitz. Chemnitz (Verlag Heimatland Sachsen GmbH Chemnitz).
Dierker, Wolfgang 2002: Himmlers Glaubenskrieger. Der Sicherheitsdienst der
SS und seine Religionspolitik 1933 – 1941. Paderborn (Schöningh-Schulbuchverlag).
Dornheim, Andreas; Post, Bernhard; Stenzel, Burkhard 1997: Thüringen 19331945. Aspekte nationalsozialistischer Herrschaft. Erfurt (Landeszentrale für politische Bildung).
Dowidat, Volker 2003: Polizei im Rückspiegel. Die Geschichte der Polizeidirektion Braunschweig. Braunschweig (Verlag Döring).
Fichte, Werner von 1934: Die Sage des Petersklosters zu Erfurt. Erfurt (Mitteldeutsche Verlags-Aktien-Gesellschaft).
Fichte, Werner von 1940: Der Spukflieger. Berlin-Lichterfelde (Junge Generation Verlag).
Fischer, Ekkehard; Hartmann, Josef; Pietschmann, Dietrich 1972: Quellen zur
Geschichte Sachsen-Anhalts. Gesamtübersicht über die Bestände des Staatsarchivs Magdeburg. Band III,2. Halle (Saale) (VEB Max Niemeyer Verlag).
Forstner, Thomas 2002: Die Beamten des bayerischen Innenministeriums im
Dritten Reich. Loyale Gefolgsleute oder kritische Staatsdiener?. St. Ottilien
(EOS-Verlag).
Fraenkel, Ernst 1974, 2001: Der Doppelstaat. Hamburg (Europäische Verlagsanstalt/Rotbuch Verlag).
Frei, Norbert 2002: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte
des 20. Jahrhunderts?. Göttingen (Wallstein Verlag).
Gebrüder Richters 1926: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1926. 68. Aufl.. Erfurt
(Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
Gebrüder Richters 1928: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1928. 70. Aufl.. Erfurt
(Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
107
Gebrüder Richters 1930: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1930. 72. Aufl.. Erfurt
(Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
Gebrüder Richters 1935: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1935. 75. Aufl.. Erfurt
(Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
Gebrüder Richters 1937: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1937/38. 76. Aufl..
Erfurt (Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
Gebrüder Richters 1938: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1938. 78. Aufl.. Erfurt
(Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
Gebrüder Richters 1939: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1939/40. 79. Aufl..
Erfurt (Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
Gebrüder Richters 1941: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1941/42. 80. Aufl..
Erfurt (Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
Gibas, Monika 2008: „Arisierung“ in Thüringen. Entrechtung, Enteignung und
Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens 1933-1945. I. Halbband. Erfurt
(Landeszentrale für politische Bildung Thüringen).
Gibas, Monika 2008: „Arisierung“ in Thüringen. Entrechtung, Enteignung und
Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens 1933-1945. II. Halbband. Erfurt
(Landeszentrale für politische Bildung Thüringen).
Goldhagen, Daniel Jonah 1998: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche
Deutsche und der Holocaust. 1. Aufl.. Berlin (Siedler Verlag).
Grund, Henning 1976: „Preußenschlag“ und Staatsgerichtshof im Jahre 1932.
Baden-Baden (Nomos Verlag).
Gutsche, Willibald (Hrsg.) 1986: Geschichte der Stadt Erfurt. Weimar (Hermann
Böhlaus Nachfolger).
Hachmeister, Lutz 1998: Der Gegnerforscher. „Die Karriere des SS-Führers Franz
Alfred Six“. München (Verlag C.H. Beck).
Haffner, Sebastian 2008: Anmerkungen zu Hitler. 27. Aufl.. Frankfurt am Main
(Fischer Taschenbuch Verlag).
Heiden, Detlef; Mai, Gunther (Hrsg.) 1995: Nationalsozialismus in Thüringen.
Köln, Weimar, Wien (Böhlau Verlag).
Herbert, Ulrich (1996): Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989. 2., durchgesehene Aufl.. Bonn (Verlag
J.H.W. Dietz Nachfolger GmbH).
108
Heuer Hans-Joachim; Klosa, Hans-Dieter; Lange, Burkhard u.a. 2003: Von der
Polizei der Obrigkeit zum Dienstleister für öffentliche Sicherheit. Festschrift
zum 100. Gebäudejubiläum des Polizeipräsidiums Hannover 1903 – 2003.
Hilden (Verlag Deutsche Polizeiliteratur GmbH).
Heuer, Hans-Joachim 1995: Geheime Staatspolizei: über das Töten und die
Tendenzen der Entzivilisierung. Berlin, New-York (de Gruyter).
Historische Kommission bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften
(Hrsg.) 1961: Neue Deutsche Biographie. Fünfter Band. Berlin (Duncker &
Humblot).
Horstmann, Thomas 2006: An den Grenzen des Rechts. Gespräche mit Juristen
über die Verfolgung von NS-Verbrechen. Frankfurt am Main (Campus-Verlag).
Jacobs, Tino 2001: Himmlers Mann in Hamburg. Georg Henning Graf von
Bassewitz-Behr als Höherer SS- und Polizeiführer im Wehrkreis X 1943 – 1945.
Hamburg (Ergebnisse Verlag GmbH).
John, Jürgen 2008: Die Gaue im NS-System und der Gau Thüringen. Erfurt
(Landeszentrale für politische Bildung Thüringen).
Kaiser, Wolf 2002: Täter im Vernichtungskrieg. Der Überfall auf die Sowjetunion
und der Völkermord an den Juden. Berlin, München (Econ Ullstein List Verlag
GmbH & Co. KG).
Kannapin, Norbert; Tessin, Georg 2000: Waffen-SS und Ordnungspolizei im
Kriegseinsatz 1939-1945. Ein Überblick anhand der Feldpostübersicht. 1. Aufl..
Osnabrück (Biblio Verlag).
Kenkmann, Alfons; Spieker, Christoph (Hrsg.) 2001: Im Auftrag. Polizei,
Verwaltung und Verantwortung. Begleitband zur gleichnamigen Dauerausstellung – Geschichtsort Villa ten Hompel. 1. Aufl.. Essen (Klartext-Verlag).
Kiepe, Jan 2007: Das Reservepolizeibataillon 101 vor Gericht. NS-Täter in
Selbst- und Fremddarstellungen. Münster (Rohwohlt T.B.).
Kißener, Michael (Hrsg.). Der Weg in den Nationalsozialismus. Darmstadt
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Klemp, Stefan 2005: „Nicht ermittelt“. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz
– Ein Handbuch. 1. Aufl.. Essen (Klartext Verlag).
Kleßmann, Christoph 1986: Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte
1945-1955. Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung).
Leßmann, Peter 1989: Die preußische Schutzpolizei in der Weimarer Republik.
Streifendienst und Straßenkampf. Düsseldorf (Droste Verlag).
Lilla, Joachim 2005: Der Preußische Staatsrat 1921-1933. Ein biografisches
Handbuch. Düsseldorf (Verlag Droste).
109
Linck, Stephan 2000: Der Ordnung verpflichtet: deutsche Polizei 1933-1949.
Der Fall Flensburg. Paderborn, München, Wien u.a. (Schöningh Verlag).
Longerich, Peter 2008: Heinrich Himmler. Biographie. 1. Aufl.. München
(Siedler Verlag).
Lozowick, Yaacov 2000: Hitlers Bürokraten. Eichmann, seine willigen Vollstrecker und die Banalität des Bösen. Zürich (Pendo Verlag AG).
Lüdtke, Alf (Hrsg.) 1992: „Sicherheit“ und „Wohlfahrt“: Polizei, Gesellschaft
und Herrschaft im 19. und 20. Jahrhundert. 1. Aufl.. Frankfurt am Main
(Suhkamp-Taschenbuch Wissenschaft).
Mallmann, Klaus-Michael; Paul, Gerhard 2004: „Karrieren der Gewalt“.
Nationalsozialistische Täterbiographien. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Mecking, Sabine 2003: Immer treu: Kommunalbeamte zwischen Kaiserreich und
Bundesrepublik. Essen (Klartext-Verlag).
Meinl, Susanne 2000: Nationalsozialisten gegen Hitler. Die nationalrevolutionäre
Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz. Berlin (Siedler Verlag).
Moczarski, Norbert; Post, Bernhard; Weiß, Katrin 2002: Zwangsarbeit in Thüringen 1940-1945. Erfurt (Landeszentrale für politische Bildung Thüringen).
Orientalische Cigaretten-Compagnie "Rosma" GmbH (Hrsg.) 1934: Männer im
Dritten Reich. Bremen (Cigaretten-Compagnie Rosma).
Pappenheim, Rabe von 1987: Erinnerungen des Soldaten und Diplomaten 19141955. Osnabrück (Biblio-Verlag).
Paul, Gerhard 2003: „Die Täter der Shoah“. Fanatische Nationalsozialisten oder
ganz normale Deutsche?. 2. Aufl.. Göttingen (Wallstein Verlag).
Pöschko, Hans (Hrsg.) 2008: Die Ermittler von Ludwigsburg. Deutschland und
die Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Berlin (Metropol-Verlag).
Post, Bernhard; Wahl, Volker (Hrsg.) 1999: Thüringen-Handbuch. Territorium,
Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995.
Weimar (Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger GmbH & Co.).
Raßloff, Steffen 2003: Flucht in die nationale Volksgemeinschaft. Das Erfurter
Bürgertum zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur. Köln (Böhlau Verlag).
Raßloff, Steffen 2007: Fritz Sauckel. Hitlers „Muster-Gauleiter“ und „Sklavenhalter“. Erfurt (Landeszentrale für politische Bildung Thüringen).
Romeyk, Horst 1994: Die leitenden staatlichen und kommunalen Verwaltungsbeamten der Rheinprovinz 1816-1945. Düsseldorf (Droste Verlag).
110
Rückerl, Adalbert 1979: Die Strafverfolgung von NS-Verbrechen 1945-1978.
Eine Dokumentation. Karlsruhe (C. F. Müller Juristischer Verlag GmbH).
Sander, Ulrich 2008: Mörderisches Finale. NS-Verbrechen bei Kriegsende.
Köln (PapyRossa-Verlag).
Sauckel, Fritz 1934: Kampf und Sieg in Thüringen. Weimar (Verlag der
Thüringischen Staatszeitung).
Schmidt, Daniel 2008: Schützen und dienen. Polizisten im Ruhrgebiet in
Demokratie und Diktatur 1919 – 1939. 1. Aufl.. Essen (Klartext-Verlag).
Schmidt, Henri 2007: Polizei in Diktatur und Demokratie. Velberter Polizeigeschichte seit 1933. Velbert (Scala-Verlag).
Schneider, Andreas Theo 2008: Die Geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen. Frankfurt (Verlag für Polizeiwissenschaft, Prof. Dr. Clemens Lorei).
Schreiber, Carsten 2008: Elite im Verborgenen. Ideologie und regionale Herrschaftspraxis des Sicherheitsdienstes der SS und seines Netzwerks am Beispiel
Sachsen. München (Oldenbourg-Verlag).
Schulz, Andreas; Wegmann, Günter 2003: Die Generale der Waffen-SS und der
Polizei. Die militärischen Werdegänge der Generale, sowie der Ärzte, Veterinäre,
Intendanten, Richter und Ministerialbeamten im Generalsrang. Band 1. Bissendorf
(Biblio-Verlag).
Schulz, Andreas; Zinke, Dieter 2008: Die Generale der Waffen-SS und der
Polizei. Die militärischen Werdegänge der Generale, sowie der Ärzte,
Veterinäre, Intendanten, Richter und Ministerialbeamten im Generalsrang.
Band 3. Bissendorf (Biblio-Verlag).
Schwegel, Andreas 2005: Der Polizeibegriff im NS-Staat. Polizeirecht, juristische
Publizistik und Judikative 1931 – 1944. Tübingen (Mohr Siebeck).
Setzler, Markus 2004: Polizei und Recht im Dritten Reich. Die Institution des
Maßnahmenstaates unter dem Deckmantel von Normen. Norderstedt (GRINVerlag).
Smelser, Ronald; Syring, Enrico (Hrsg.) 2003: Die SS: Elite unter dem Totenkopf.
30 Lebensläufe. 2., durchgesehene und aktualisierte Aufl.. Paderborn (Verlag Ferdinand Schöningh GmbH).
Smelser, Ronald; Syring, Enrico; Zitelmann, Rainer (Hrsg.) 1999: Die braune
Elite 2. 2., aktualisierte Aufl.. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Steur, Claudia 1997: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen
(Klartext Verlag).
Stockhorst, Erich 1998: 5000 Köpfe. Wer war was im 3. Reich. 3. Aufl.. Sonderausgabe 2000 als unveränderter Nachdruck. Kiel (Arndt Verlag).
111
Tausendfreund, Doris 2006: Erzwungener Verrat. Jüdische „Greifer“ im Dienste
der Gestapo 1943-1945. Berlin (Verlag Metropol).
Thamer, Ulrich 2002: Der Nationalsozialismus. Stuttgart (Reclam).
Thüringer Landtag (Hrsg.) 2001: Das preußische Thüringen. Abhandlungen zur
Geschichte seiner Volksvertretungen. 1. Aufl.. Rudolstadt (Hain-Verlag).
Tobias, Jim G. 2005: „Ihr Gewissen war rein; sie haben es nie benutzt“. Die
Verbrechen der Polizeikompanie Nürnberg. Nürnberg (Antogo Verlag).
Vieregge, Bianca 2002: Die Gerichtsbarkeit einer „Elite“. Nationalsozialistische
Rechtsprechung am Beispiel der SS- und Polizeigerichtsbarkeit. 1. Aufl.. BadenBaden (Nomos-Verlags-Gesellschaft).
Wagner, Patrick 2002: Hitlers Kriminalisten. Die deutsche Kriminalpolizei und
der Nationalsozialismus zwischen 1920 und 1960. München (Verlag C.H. Beck).
Wehler, Hans-Ulrich 2009: Der Nationalsozialismus. Bewegung, Führerherrschaft, Verbrechen 1919-1945. München (Verlag C.H. Beck).
Weinke, Annette 2008: Eine Gesellschaft ermittelt gegen sich selbst. Die Geschichte der Zentralen Stelle Ludwigsburg 1958-2008. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Weiß, Herrmann 2002: Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Frankfurt
am Main (Fischer Verlag).
Welzer, Harald 2005: Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder
werden. 2. Aufl.. Frankfurt am Main (Verlag Fischer).
Werner, Roland 2006: "So einen hatte doch jeder hier im Dorf". Zwangsarbeiter
in der Landwirtschaft Thüringens 1939-1945. Erfurt (Landeszentrale für politische Bildung Thüringen).
Wildt, Michael 2002: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des
Reichssicherheitshauptamtes. Hamburg (Hamburger Edition).
Wildt, Michael 2008: Geschichte des Nationalsozialismus. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG).
Wilhelm, Friedrich 1999: Die Polizei im NS-Staat. Die Geschichte ihrer Organisation im Überblick. 2. Aufl.. Paderborn, München, Wien u.a. (Schöningh Verlag).
Wolf, Helmut 2005: Erfurt im Luftkrieg 1939-1945. Jena (Glaux Verlag Christine
Jäger KG).
Diplomarbeiten:
Skowronek, Kay 2009: Die Röhm-Revolte am 30. Juni 1934 im NS-Gau Thüringen. Meiningen, Diplomarbeit 2009.
112
Quellenverzeichnis
Bundesarchiv Berlin
- Bestand SSO- und RuSHA-Personalakten
- Parteikorrespondenz
Bundesarchiv, Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung
nationalsozialistischer Verbrechen Ludwigsburg
- Bestand B
- Personalfragebögen der Subsequent Proceedings Division
Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar
- Bestand NS-Archiv des MfS ZD 9181
- Bestand NS-Archiv des MfS ZA 2142
Thüringer Staatsarchiv Gotha
- Bestand Regierung zu Erfurt
Stadtarchiv Erfurt
- Bestand 7/117
- Bestand 5/100
- Bestand AE 1-2/009
- Bestand E-1-2/160
- Bestand 1-2/004
Kreisarchiv Saale-Holzland-Kreis
Gemeindebestand Hummelshain
Hauptstaatsarchiv Stuttgart
- Bestand M709 Nr. 1147
- Bestand EA2/150
Staatsarchiv München
- Interniertenakten K2131
Bildquellen
v. Fichte:
Orientalische Cigaretten-Compagnie "Rosma" GmbH (Hrsg.) 1934:
Männer im Dritten Reich. Bremen (Cigaretten-Compagnie Rosma).
Stange:
Sauckel, Fritz 1934: Kampf und Sieg in Thüringen. Weimar
(Verlag der Thüringischen Staatszeitung).
Pflomm:
HStAStuttgart, M709 Nr. 1147.
v. Woedtke:
http://forum.axishistory.com/viewtopic.php?f=38&t=53605
&start=0&st=0&sk=t&sd=a (letzter Zugriff vom 19. Juli 2009).
Wicke:
HStAStuttgart, EA2 150.
Gieseke:
ThHStAW, NS-Archiv des MfS ZD 9181, Akte 1 Bl. 3.
113
Anhang 1-6
Verzeichnis der Anhänge:
Anhang 1:
Aufbau der SS (Stand Sommer 1940)…………………….. 115
Anhang 2:
Aufbau der deutschen Polizei (Stand Sommer 1940)…….. 116
Anhang 3:
Das preußische Thüringen 1944 - 1945…………………... 117
Anhang 4:
Der Regierungspräsident in Erfurt, Dr. Weber………….... 118
Anhang 5:
Das Polizeipräsidium Erfurt im Jahr 1925………….......... 118
Anhang 6:
Biografischer Anhang der Polizeipräsidenten Erfurt ……. 119
Hermann Rabe von Pappenheim…………………………. 119
Werner von Fichte……………………………………....... 121
Franz Albert Stange………………………………………. 123
Philipp Harte…………………………………………....... 125
Karl Pflomm……………………………………………… 127
Alexander von Woedtke…………………………………... 133
Heinrich (Heinz) Wicke………………………………....... 136
Otto Gieseke……………………………………………… 139
114
Anhang 1:
Aufbau der SS
(Stand Sommer 1940)
Best (1940, 98)
115
Anhang 2:
Aufbau der deutschen Polizei
(Stand Sommer 1940)
Best (1940, 99)
116
Anhang 3:
Das preußische Thüringen 1944 - 1945
(Erstellt durch Dr. Boblenz,ThHStA Weimar)
Thüringer Landtag (2001, 42)
117
Anhang 4:
Der Regierungspräsident in Erfurt, Dr. Weber
(rechts dahinter: Heinrich Wicke)
Stadtarchiv Erfurt, 1-2/009-25, Bl. 43.
Anhang 5:
Das Polizeipräsidium Erfurt im Jahr 1925
Stadtarchiv Erfurt, Bildarchiv.
118
Anhang 6:
Biographischer Anhang der Polizeipräsidenten Erfurt 1933-1945
Rabe von Pappenheim, Hermann
Regierungsrat
geboren:
gestorben:
nicht bekannt
nicht bekannt
1918 bis 1919
Landrat in Landkreis Schweinitz (preußische Provinz
Halle-Merseburg, Regierungsbezirk Merseburg, umfasste
113 Gemeinden. Sitz der Verwaltung war die Stadt Herzberg (Elster).
Wohnanschrift: Erfurt, Hohenzollernstraße 12E
Wohnanschrift: Dahlbergsweg 18
Dezernent in der Präsidial-Abteilung des Regierungspräsidenten in Erfurt
als Leiter des Politischen- und Polizeidezernates
Polizeipräsident in Erfurt
1926 bis 1928
1930
1931 bis 1933
bis September 1933
Quellen
- ThStAGO, Regierung zu Erfurt 27487
- ThStAGO, Regierung zu Erfurt 26415
- ThStAGO, Regierung zu Erfurt 30649
- http://www.territorial.de/hallmers/schweini/landkrs.htm (letzter Zugriff 12.
Juli 2009)
Literatur
- Wolf, Helmut 2005: Erfurt im Luftkrieg 1939-1945. Jena (Glaux Verlag
Christine Jäger KG).
- Gebrüder Richters 1926: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1926. 68. Aufl..
Erfurt (Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
- Gebrüder Richters 1928: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1928. 70. Aufl..
Erfurt (Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
- Gebrüder Richters 1930: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1930. 72. Aufl..
Erfurt (Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
119
Fichte, Werner von
Polizeipräsident und SA-Obergruppenführer
NSDAP-Nr.: 98.474
geboren:
gestorben:
04. Mai 1896 in Kassel
nicht bekannt
1. Ernennungen
1914
1915
19. Dezember 1915
20. Juli 1933
22. September 1933
Fahnenjunker
Fähnrich
Leutnantspatent
Beförderung zum SA-Obergruppenführer
Ernennung zum Polizeipräsident von Erfurt
2. Lebenslauf
Vater: Georg, Generalleutnant a.D. in Göttingen, zuletzt Kommandant des
Schießplatzes Wahn
Mutter: Charlotte, geb. Rindfleisch, Göttingen
1905 bis 1906
Gymnasium in Straßburg
1906 bis 1907
Gymnasium in Breisach
1907 bis 1908
Kadettenhaus Karlsruhe
1909 bis 1912
Kadettenhaus Bensberg
1913 bis 1914
Hauptkadettenanstalt Groß-Lichterfelde bei Berlin
19. Dezember 1915
Leutnantspatent
04. Oktober 1914
Eintritt in das Fuß.Artl.Regt. Nr. 18 in Mainz
Teilnahme an Stellungskämpfen um Verdun
1915
Kommandierung zur Militärfliegerschule Schneidemühl
1916
bei Absturz mit Flugzeug verletzt
1916
Flugleiter an der Kampfeinsitzerschule Paderborn
1917
Kampfeinsatz in der Fliegerstaffel 9
Schlacht bei Gaza in Mittelpalästina
Juni 1917
bei erneutem Flugzeugabsturz verletzt
ab September 1917
Jagdfliegereinsatz bis Kriegsende
1918 bis 1920
Teilnahme an Freikorpskämpfen im Osten
Stellungskämpfe in Lothringen und in den Vorgesen
Mitglied der Marine-Brigade Ehrhardt
November 1920
in das 100.000-Mann-Heer übernommen
Waffenschullehrgang der Artillerie-Schule Jüterbog
Dezember 1920
Ordonanzoffizier beim Regimentsstab
1920 bis 1922
Leutnant im Reichswehr Artl.Regt. 1, Königsberg
31. Dezember 1922
wegen Dienstunfähigkeit Abschied erteilt
120
Sommer 1923 bis
1928
01. September 1928
Juni 1930
09. August 1930
November 1932 bis
Mai 1933
19. Mai 1933
22. September 1933
bis 01. Juli 1934
20. November 1933
20. Februar 1934
01. Juli 1934
07. Juli 1934
16. Juli 1934
30. August 1934
12. Januar 1935
12. Januar 1935
April 1937
führte den Bund Wiking Westdeutschland und leitete
später den Nationalclub, die illegale Fortführung des
Bundes Wiking Westdeutschland, vorher Mitglied in
der Organisation Consul (OC)
Eintritt in die NSDAP (Nr.: 98.474) und in die SA
Osaf-Stellvertreter West, später SA-Gruppenführer
Heirat mit Ehrengard, geb. Graemenitz, in Bautzen
(Sachsen), die Ehe blieb kinderlos
Inspekteur der SA und der SS in München
stellvertretender Polizeipräsident von Erfurt
Polizeipräsident von Erfurt
Wechsel der NSDAP-Mitgliedschaft von der Ortsgruppe Kassel zur Ortsgruppe Erfurt, mit gleichzeitiger Verleihung des goldenen Ehrenzeichens für alte Parteimitglieder
Zuordnung zur Sektion Reichsleitung
in Berlin von Göring persönlich verhaftet und in das
KZ Lichtenburg eingeliefert
Ausschluss aus der SA auf Befehl Adolf Hitlers
wieder in Erfurt
in den einstweiligen Ruhestand versetzt
Zuordnung zur Ortsgruppe der NSDAP Koblenz
Wohnanschrift: Koblenz, Beethovenstr. 7, Privatwohnung des Präsidenten v. Ditfurth
Wohnanschrift: Berlin-Lichterfelde, Bernerstraße 49
3. Literatur von Werner von Fichte
1934
Morgentor der Freiheit. Eine Dichtung aus deutschen
Schicksalstagen. Erfurt (Mitteldeutsche VerlagsAktien-Gesellschaft).
1934
Die Sage des Petersklosters zu Erfurt. Erfurt (Mitteldeutsche Verlags-Aktien-Gesellschaft).
1941
Der Spukflieger. Berlin-Lichterfelde (Junge Generation
Verlag).
4. Auszeichnungen
Eisernes Kreuz II. Klasse
Eisernes Kreuz I. Klasse
Flugzeugführerabzeichen
Eiserner Halbmond I und II
Bronzenes Sportabzeichen
Ehrenzeichen für Frontkämpfer
Goldenes Ehrenzeichen der NSDAP
Quellen
- ThStAGO, Regierung zu Erfurt Nr. 10788 (Personalakte Werner von
Fichte)
- BArch, PK RSK Werner von Fichte
121
-
BArch, PK Werner von Fichte
BArch, Personalfragebogen der Subsequent Proceedings Division, Werner
von Fichte
http://de.wikipedia.org/wiki/Marine-Brigade_Ehrhardt#Bekannte_Mit
glieder (letzter Zugriff vom 20. Juli 2009)
Bildquelle
- Bild Nr. 62 aus: Orientalische Cigaretten-Compagnie "Rosma" GmbH
(Hrsg.) 1934: Männer im Dritten Reich. Bremen (Cigaretten-Compagnie
Rosma).
Literatur
- Meinl, Susanne 2000: Nationalsozialisten gegen Hitler. Die nationalrevolutionäre Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz. Berlin (Siedler Verlag).
122
Stange, Franz Albert
Staatsrat
geboren:
gestorben:
1. Ernennungen
11. Juli 1933
17. Januar 1899 in Plaue (Thüringen), evangelisch
nicht bekannt
Ernennung durch den preußischen Ministerpräsidenten
zum Staatsrat, mit dem besonderen Attribut „Vertreter
des Kanzlers“
2. Lebenslauf
April 1914 bis
Januar 1916
Januar 1916
April 1918
1918 bis 1919
1919
1919
1921
November 1921
1921
1922
05. November 1922
1922 bis 1929
1926
1929
1926 bis 1933
1933
Bürgerschule in Erfurt, anschließend Lehrling (Versicherungsfach)
Unteroffizier-Vorschule Sigmaringen
Unteroffizierschule Treptow a. Rega, anschließend
Militärdienst im Infanterie-Regiment 71
Infanterie-Regiment 467 ins Feld
Freiwilliges Landesjägerkorps (Freikorps-Kämpfe in
Berlin und Mitteldeutschland, 1920 Gotha, 1921 Eisleben und Leunagebiet)
Eintritt in die Sicherheitspolizei Mitteldeutschland Kommando Erfurt
Eintritt in den „Stahlhelm“
nach Abschluss der Freikorps-Kämpfe ausgeschieden,
anschließend Arbeiter in den Kohlengruben im Geiselthal
Eintritt in den Thüringer Polizeidienst
aus politischen Gründen entlassen
Eintritt in den Wikingbund
Mitbegründer der Ortsgruppe Erfurt der NSDAP
Propagandaleiter der NSDAP in Erfurt
Bahnunterhaltungsarbeiter, Gärtnereiarbeiter und Büroarbeiter in Erfurt
Untergau- und Bezirksleiter der NSDAP
Bürovorsteher beim Mitteldeutschen Handwerkerbund,
Geschäftsführer des Gaukampfbundes für den Gewerblichen Mittelstand in Erfurt
Vizepräsident der Handwerkskammer für den Regierungsbezirk Erfurt und den Kreis Schmalkalden
123
01. Juli 1933
Juli 1933
Oktober 1933 bis
1935
August 1934 bis
November 1934
November 1934 bis
Oktober 1935
Oktober 1935
ehrenamtlicher Staatskommissar für die Wirtschaft im
Regierungsbezirk Erfurt
als Vertreter des „Kanzlers“ in den Staatsrat berufen
Mitglied des Staatsschuldenausschusses in Berlin
Beauftragung als stellvertretender Polizeipräsident
in Erfurt
vertretungsweise mit der Verwaltung der Stelle des Polizeipräsidenten in Harburg-Wilhelmsburg beauftragt
Auftrag widerrufen und spätestens zu diesem Zeitpunkt
kein Amt als Staatsrat mehr inne
Bildquelle
- Sauckel, Fritz 1934: Kampf und Sieg in Thüringen. Weimar (Verlag der
Thüringischen Staatszeitung).
Literatur
- Stockhorst, Erich 1998: 5000 Köpfe. Wer war was im 3. Reich. 3. Aufl..
Sonderausgabe 2000 als unveränderter Nachdruck. Kiel (Arndt Verlag).
- Lilla, Joachim 2005: Der Preußische Staatsrat 1921-1933. Ein biografisches Handbuch. Düsseldorf (Verlag Droste).
124
Harte, Philipp
NSDAP-Nr.: 813.553
geboren:
gestorben:
31. Oktober 1875
nicht bekannt
1. Ernennungen
1908
1915
1923
Regierungsassessor
Regierungsrat
Oberregierungsrat
2. Lebenslauf
01. Oktober 1902 bis
30. September 1903
03. Oktober 1903 bis
05. Oktober 1905
05. Oktober 1905 bis
30. September 1919
02. August 1914 bis
24. November 1918
1914
1916
1916
1918
1918
24. September 1918
21. Juni 1917
1919 bis 01. Dezember 1931
01. Oktober 1919 bis
11. Juni 1933
1931
1933
26. Juli 1933
01. November 1934
bis 08. Juli 1936
Militärdienst
im Justizdienst als Gerichtsreferendar
Regierungsreferendar, danach Regierungsassessor und
Regierungsrat
Militärdienst
Einsatz in Belgien und Luxemburg
Teilnahme an Stellungskämpfen in Russland
Kommandeur der Magazin-Fuhrpark-Kolonne 81 bei
der 81. Armee
Teilnahme an Stellungskämpfen in der Champagne
Rittmeister der Reserve, Infanterie-Regiment 447
Kommandeur der 232. Infanterie-Division
Geburt der Tochter Ursula Harte
Mitglied der Deutschnationalen Partei
Reichsfinanzverwaltung
Angehöriger des Reichsbundes der höheren Beamten
Angehöriger des Bundes der Akademischen Finanzbeamten
Eintritt in die NSDAP
Mitgl.-Nr: 813.553
Tätigkeiten in verschiedenen Finanzämtern
Landrat in Osterburg und Quedlinburg
kommissarische Verwaltung der Polizeidirektion in
Quedlinburg
Angehöriger des Kameradschaftsbundes Deutscher Polizeibeamter
Angehöriger des Nationalsozialistischen Juristenbundes
Beauftragung als stellvertretender Polizeipräsident
in Erfurt
Wohnanschrift: Erfurt, Preßburger Straße 35
125
22. Dezember 1934
bis 02. Januar 1935
02. Juni 1936
08. Juli 1936
01. Oktober 1936
01. Juli 1939
stillschweigende Dienstbefreiung
Antrag auf dauernden Ruhestand beim Reichs- und
Preußischen Minister des Innern
vorläufiger Ruhestand
dauernder Ruhestand
Folgende Daten sind aufgrund einer parteistatistischen
Erhebung der NSDAP erhoben worden:
1. Wohnort - Gem. Berg am Starnberger See, Oberbayern, Haus 82
2. Tätigkeit als ehrenamtlicher Schulungsleiter innerhalb
der Wohn-Ortsgruppe
3. Uniform des N.S.K.K wird getragen
4. Unterschrift als Polizeipräsident i.R.
3. Auszeichnungen
27. September 1918
Eisernes Kreuz II. Klasse
Eisernes Kreuz I. Klasse
Quellen
- ThStAGO, Regierung Erfurt Nr. 7272 (Philipp Harte)
- BArch, PK D0394
Literatur
- Gebrüder Richters 1935: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1935. 75. Aufl..
Erfurt (Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
126
Pflomm, Karl Albert Julius
SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei
NSDAP-Nr.: 304.896
SS-Nr.: 2.913
geboren:
gestorben:
1. Ernennungen
1917
17. August 1930
20. August 1930
21. November 1930
21. Januar 1931
21. Mai 1931
23. November 1933
29. Dezember 1934
22. April 1936
23. April 1936
14. Mai 1936
17. Oktober 1939
09. November 1942
31. Juli 1886 in Reutlingen (Württemberg)
16. April 1945 in Hummelshain (Suizid)
Unteroffizier d. R.
SS-Mann
SS-Truppführer (mit Wirkung vom 17.08.1930)
SS-Sturmführer (mit Wirkung vom 18.11.1930)
SS-Sturmbannführer
SS-Standartenführer (mit Wirkung vom 15. Mai 1931)
SS-Oberführer (mit Wirkung vom 09. November 1933)
Staatsrat
SS-Brigadeführer (mit Wirkung vom 20. April 1936)
Kommissarischer Polizeipräsident
Polizeipräsident
Leutnant der Landwehr a.D. (mit Wirkung vom
27.08.1939)
Genehmigung zum Anlegen der Achselstücke eines Generalmajors der Polizei
2. Lebenslauf
1887
1892 bis 1894
1894
1894 bis 1900
1900 bis 1904
Vater: Schreiner Karl Wilhelm Adalbert Pflomm (geboren am 30. Januar 1864 in Hechingen; gestorben am
17. April 1894 in Allegheney/USA)
Mutter: Rosine „Rosa“ Magdalene, geborene Wucherer,
(geboren am 17. April 1856 in Reutlingen; gestorben am
27. September 1913 in Tübingen)
Übersiedlung der Familie (Eltern und drei Kinder) in die
USA
deutsche und englische Schule in Pittsburg (USBundesstaat Pennsylvania)
nach dem Tod des Vaters (schwere Lungenentzündung)
nach Deutschland mit seiner Mutter und den Geschwistern zurückgekehrt
Volksschule in Reutlingen
Lehre als Bau- und Kunstglaser (Glasbläser)
127
1904 bis 1911
1911 bis Dezember
1914
21. Februar 1914
Dezember 1914
Dezember 1914 bis
April 1915
06. Januar 1915
April 1915 bis
20. Januar 1919
20. Januar 1919
April 1919 bis
März 1923
20. November 1922
April 1923 bis Juni
1929
Juni 1929
Juli 1929 bis Januar
1930
Januar 1930
17. August 1930
17. August 1930
17. August 1930
20. August 1930
01. September 1930
18. November 1930
bis 21. Januar 1931
September 1930
21. Januar 1931 bis
19. März 1931
19. März 1931 bis
21. Mai 1931
21. Mai 1931 bis
23. März 1932
17. Oktober 1931 bis
18. Oktober 1931
13. November 1931
23. März 1932
23. März 1932
01. Januar 1933
als Handwerksgeselle in der Schweiz und verschiedenen
Gegenden Deutschlands tätig
Glasschleifer in einer Glasschleiferei und Spiegelfabrik
in Stuttgart
erste Eheschließung
zum Heeresdienst eingezogen
im Ersatz-Bataillon des Grenadier-Regiments „Königin
Olga“ (1. Württembergisches) Nr. 119 (Stuttgart)
Geburt der Tochter Hedwig aus erster Ehe
Frontsoldat in der 9. Kompanie des LandwehrInfanterie-Regiments 126, dreimal leicht verwundet
aus dem Heeresdienst entlassen
Betriebsleiter einer Glasschleiferei in Stuttgart
Eintritt in die NSDAP
Inhaber und Betriebsleiter einer Glasschleiferei und
Spiegelfabrik in Stuttgart
Verkauf seines Geschäftes
„Besuchsreise nach Nordamerika“
Rückkehr nach Deutschland
Anmeldung zum Wiedereintritt in die NSDAP
Eintritt in die SS (Mitgliedsnr. 2.913)
Gründer der SS in Stuttgart (mit 12 Mann)
mit Wirkung vom 17.08.1930 mit der Führung des SSSturms 13 (Stuttgart) beauftragt
Wiederaufnahme in die NSDAP (Mitgliedsnr. 304.896)
Führer des SS-Sturms 13 (Stuttgart)
Scheidung der ersten Ehe
Führer des SS-Sturmbanns I/13 (Stuttgart)
beauftragt mit der Verwaltung der 13. SS-Standarte
(Stuttgart)
beauftragt mit der Führung der 13. SS-Standarte (Stuttgart)
Teilnehmer am SA-Treffen in Braunschweig
auf einer Dienstfahrt von Stuttgart nach München durch
Autounfall (infolge „Müdigkeit des Fahrers“) verletzt
(schwere Kopfverletzung), anschließend fünf Monate
Krankenlager
Übernahme als hauptamtlicher SS-Führer
mit Wirkung vom 21. März 1932 seiner Dienststellung
als Führer der 13. SS-Standarte enthoben und zum
Stabsführer des SS-Abschnitts X (Stuttgart) ernannt
als Parteigenosse der Sektion Reichsleitung München
zugeteilt
128
26. Januar 1933 bis
06. März 1933
06. März 1933 bis
20. April 1933
20. April 1933
20. April 1933 bis
15. Februar 1934
12. Juni 1933 bis
15. Februar 1934
30. November 1933
15. Februar 1934 bis
01. Januar 1937
12. Mai 1934
16. Juni 1934 bis
17. Juni 1934
27. Oktober 1934
18. Dezember 1934
29. Dezember 1934
bis 12. April 1945
29. März 1936 bis
15. April 1945
23. April 1936
14. Mai 1936
14. Mai 1936 bis 13.
April 1937
27. Mai 1936
26. Juni 1936
01. Januar 1937 bis
15. April 1945
01. Januar 1937 bis
11. Oktober 1941
06. April 1937
kommandiert zur Dienstleistung zum SS-Abschnitt IX
als Stabsführer des SS-Abschnitts IX (Kulmbach)
abkommandiert als Stabsführer des selbstständigen SSAbschnitts XVIII (Weimar)
zum SS-Abschnitt XVIII versetzt
Stabsführer des SS-Abschnitts XVIII
zugleich Führer der 47. SS-Standarte (Gera)
zugleich mit Wirkung vom 25.11.1933 mit der Führung
des SS-Abschnitts XVIII beauftragt
Führer des SS-Abschnitts XVIII
Eheschließung in Weimar mit Anni Auguste Hedwig,
geborene Lüddecke, (geboren am 12.09.1911
Oker/Harz; Tochter eines Land- und Gastwirts)
Teilnehmer des Gauparteitages der NSDAP 1934 in
Gera
Austritt aus der ev. Kirche, danach gottgläubig
Geburt des Sohnes Dietrich aus der Ehe mit Anni
Pflomm, geb. Lüddecke
ehrenamtlicher Thüringischer Staatsrat und Mitglied der
Thüringischen Regierung
Mitglied im Reichstag (Wahlkreis 12, Thüringen)
Eintritt in den thüringischen Staatsdienst als kommissarischer Polizeipräsident in Weimar
unter Berufung in das Beamtenverhältnis definitiv zum
Polizeipräsidenten im thüringischen Landesdienst ernannt
Polizeipräsident in Weimar
Amtseinführung als Polizeipräsident durch seinen
Amtsvorgänger, den nunmehrigen Staatssekretär
Dr. Walter Ortlepp
Geburt der Tochter Ingrid aus der Ehe mit Anni Pflomm
SS-Führer im SD-Hauptamt (ab 01. Oktober 1939
RSHA)
Enthebung vom Posten des Führers des SS-Abschnitts
XVIII
als SS-Führer im SD dem Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD (IdS) in Kassel zugeteilt
mit Zustimmung des Preußischen Ministerpräsidenten
vom Reichs- und Preußischen Minister des Inneren mit
sofortiger Wirkung unter Berufung in das Beamtenverhältnis mit Wirkung vom 01. April 1937 in den preußischen Landesdienst versetzt und zugleich aus dem thüringischen Landesdienst ausgeschieden
129
13. April 1937
28. Mai 1937
13. April 1937 bis
08. November 1939
21. April 1937
06. Juli 1937
18. September 1938
03. Dezember 1938
08. November 1939
bis 05. Juni 1940
12. Dezember 1939
05. Juni 1940
27. November 1940
11. Oktober 1941
27. März 1941
03. März 1943
27. März 1944
31. August 1944
05. Oktober 1944
25. November 1944
28. Januar 1945
seiner Dienststellung als Polizeipräsident in Weimar
enthoben, aus dem thüringischen Staatsdienst entlassen
und zugleich in den preußischen Landesdienst übernommen
Umzug nach Erfurt, Bechsteinstraße 4
Polizeipräsident in Erfurt (mit Wirkung vom 01. April
1937), zugleich örtlicher Luftschutzleiter in Erfurt
Dienstantritt als Polizeipräsident in Erfurt
Geburt des Sohnes Heinrich-Bernhard Hermann aus der
Ehe mit Anni Pflomm
Geburt des Sohnes Rüdiger Adalbert aus der Ehe mit
Anni Pflomm
zur Dienstleistung in das Sudetenland abgeordnet und
mit dem Aufbau der Polizeiverwaltung in Aussing beauftragt (11. Dezember 1938 Dienstantritt)
kommissarischer Polizeipräsident in Dresden
Umzug von Erfurt, Bechsteinstraße 4 nach Dresden,
Müller-Berset-Straße 20
Ernennung zum Polizeipräsidenten in Dresden, zugleich
örtlicher Luftschutzleiter und Chef der Kriminalpolizei
in Dresden
Umzug von Dresden, Müller-Berset-Straße 20 nach
Dresden-Blasewitz, Prellerstraße 14
als SS-Führer im SD vom IdS Kassel zum IdS Dresden
versetzt
Geburt der Tochter Siegrun aus der Ehe mit Anni
Pflomm
Geburt des Sohnes Karlheinz Friedrich aus der Ehe mit
Anni Pflomm
als Polizeipräsident durch Walther Oberhaidacher abgelöst
Himmler schlägt Pflomm in einem Brief vor, „an der
Südfront die Aufsicht über einen Teil des Stellungsbaus
zu übernehmen“
Pflomm bittet Himmler in seinem Antwortschreiben
aufgrund seines Gesundheitszustandes um eine Verwendung in Dresden: „Gruppenführer v. Alvensleben
versicherte mir außerdem schon einige Male, daß er
mich jederzeit unterbringen könnte und für mich sorgen
würde.“
als Polizeipräsident offiziell in den Ruhestand versetzt,
danach Hauptbetriebsobmann und Sicherheitsinspekteur
(Führer des SS-Wachpersonals) der REIMAHG-Werke
bei Kahla in Thüringen
die Inspektion mit Pflomm wird auf Anordnung von
Gauleiter Sauckel (in dessen Eigenschaft als Stiftungsführer der NS-Industriestiftung „Wilhelm-GustloffWerke“) dem Zentralbüro REIMAHG angegliedert
130
15. März 1945
12. April 1945
16. April 1945
in seiner Eigenschaft als Hauptbetriebsobmann der
REIMAHG werden ihm mit Wirkung vom 10.03.1945
die Oberlagerführer von Bau und Fertigung direkt unterstellt
Einmarsch der US-Truppen in den Raum Kahla
Pflomm erschießt seine Ehefrau und sechs seiner sieben
Kinder im Alten Schloss Hummelshain in der Nähe der
REIMAHG-Werke bei Kahla und anschließend sich
selbst. Mit der Familie tötete er auch die Kinderpflegerin Lieselotte Schwarz, geboren am 16. August 1926 in
Dresden.
3. Auszeichnungen
1931
Februar 1934
1935
16. Dezember 1935
November 1939
04. August 1941
01. Mai 1942
Eisernes Kreuz II. Klasse
Eisernes Kreuz I. Klasse
Verwundetenabzeichen in Schwarz
Silberne Württembergische Militärverdienstmedaille
Goldene Württembergische Militärverdienstmedaille
SS-Zivilabzeichen (Nr. 271)
Braunschweiger Abzeichen
Winkel für alte Kämpfer
Ehrenkreuz für Frontkämpfer
Ehrenzeichen „Silberner Gauadler“ des Gaues Thüringen der NSDAP
Totenkopfring der SS
Ehrendegen des RFSS
Ehrendolch der SS
Julleuchter der SS
SA-Sportabzeichen in Bronze
Medaille zur Erinnerung an den 01. Oktober 1938
Dienstauszeichnung der NSDAP in Silber
Dienstauszeichnung der NSDAP in Bronze
Luftschutz-Ehrenzeichen 2. Stufe
Kriegsverdienstkreuz II. Klasse ohne Schwerter
Quellen
- BArch, PK J78 Karl Pflomm
- BArch, RuSHA Karl Pflomm
- BArch, SSO Karl Pflomm
- BArch, Personalfragebogen der Subsequent Proceedings Division
- Kreisarchiv Saale-Holzland-Kreis, Gemeindebestand Hummelshain
Bildquelle
- HStAStuttgart, M709 Nr. 1147
Literatur
- Schulz, Andreas; Zinke, Dieter 2008: Die Generale der Waffen-SS und der
Polizei. Die militärischen Werdegänge der Generale, sowie der Ärzte, Veterinäre, Intendanten, Richter und Ministerialbeamten im Generalsrang.
Band 3. Bissendorf (Biblio-Verlag).
131
-
-
Stockhorst, Erich 1998: 5000 Köpfe. Wer war was im 3. Reich. 3. Aufl..
Sonderausgabe 2000 als unveränderter Nachdruck. Kiel (Arndt Verlag).
Wilhelm, Friedrich 1999: Die Polizei im NS-Staat. Die Geschichte ihrer
Organisation im Überblick. 2. Aufl.. Paderborn, München, Wien u.a.
(Schöningh Verlag).
Gebrüder Richters 1938: Einwohnerbuch der Stadt Erfurt 1938. 78. Aufl..
Erfurt (Gebrüder Richters Verlagsgesellschaft).
132
Woedtke, Alexander von
SS-Oberführer, Hauptmann d.R. a.D.
NSDAP-Nr.: 294.710
SS-Nr.: 11.629
geboren:
gestorben:
1. Ernennungen
18. August 1908
25. September 1931
06. Dezember1931
31. Juli 1932
22. März 1934
26. Mai 1934
20. April 1943
02. September 1889 in Berlin
unbekannt
Leutnant
Hauptmann der Reichswehr
SS-Sturmführer
SS-Hauptsturmführer
SS-Sturmbannführer
SS-Obersturmbannführer
SS-Standartenführer
SS-Oberführer
2. Lebenslauf
bis 1899
01. April 1900
1905
1907
1908
1914 bis 1918
1918 bis 1930
1918
1930
01. September 1930
28. Februar 1931
27. Februar 1931
25. September 1931
bis 31. Juli 1932
August 1932 bis
01. Februar 1933
Vater: Erich Woedtke, Präsident des Reichsaufsichtsamtes für Privatversicherungen in Berlin
wächst mit vier Geschwistern auf
Volksschule
Eintritt in das Preußische Kadettenkorps
Hauptkadettenanstalt Berlin-Lichterfelde
Fähnrichsexamen
Kriegsschule in Danzig, Offiziersexamen
Kriegseinsatz: Garde Grenadier Regiment 6 als Hauptmann
Freikorps: Grenzschutz Pommern
Übernahme des Familiengutes in Schlawe / Pommern
Umzug nach Drossen in der Neumark, Errichtung einer
Geflügelfarm
Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 294.710)
Beauftragung mit der Aufstellung einer SS-Einheit in
Drossen und der Aufstellung von SS-Einheiten zwischen Frankfurt/Oder und der polnischen Grenze
Mitglied der SS (Mitglieds-Nr. 11.629)
Führer des Sturmbannes II der 27. SS-Standarte
Führer des Sturmbannes V der 8. SS-Standarte
133
01. Februar 1932 bis
08. Dezember 1933
08. Dezember 1933
bis 20. März 1935
02. Juni 1934 bis 05.
Juni 1934
23. Juni 1934
10. Oktober 1934 bis
19. Oktober 1934
20. März 1935 bis
01. März 1936
03. April 1935
01. März 1936 bis
26. August 1936
ab 26. August 1936
26. August 1936 –
01. Januar 1942
10. Februar 1937
23. Februar 1937
Juli 1937
September 1939
07. November 1939
01. März 1940 bis
14. Oktober 1940
seit dem 15. Oktober
1940
10. Juli 1941 bis
1945
01. Januar 1942 bis
01. März 1942
01. März 1942 bis
1945
08. März 1945
11. Mai 1945
Juni 1945
1945 bis 1953
1948 bis 1954
1961
1961
Führer der 8. SS-Standarte Liegnitz
Führer der 70. SS-Standarte Glogau
Führerschule Schedlitz
Eheschließung mit Luise Charlotte, geborene Dehne,
geboren am 09. Juli 1905 in Gera
Führerschule Schedlitz
Führer der 9. SS-Standarte Stettin
Geburt des Sohnes Erik
Führer beim SS-Oberabschnitt Nord
Inspekteur des SS-Oberabschnittes Nord, Stettin
Inspekteur der Stammabteilung Ostsee
Austritt aus der evangelisch-lutherischen Kirche
Geburt der Tochter Ingrid
Ersatzbeisitzer des Gaugerichtes Pommern der NSDAP
Selbstschutzführer in Bromberg, anschließend Stabsführer bei SS-Oberführer v. Alvensleben in Bromberg
zur Einarbeitung als Polizeipräsident in Breslau und
anschließend in Halle
Beauftragung als kommissarischer Polizeipräsident
in Erfurt
kommissarischer Polizeipräsident in Sosnowitz
Polizeipräsident in Sosnowitz
Wohnanschrift: Sosnowitz O/S., Polizeipräsidium
Führer beim Stab, SS-Oberabschnitt Südost
Führer im SD-Hauptamt
Beauftragung mit der Vertretung des SSPF Oberschlesien in den Südostteilen Oberschlesiens
Kriegsgefangenschaft
Internierung in der Tschechoslowakei
Ausbruch aus der Internierung
Übersiedlung mit seiner Schwester und seinen Kindern
nach Göttingen
lebt unter falschem Namen
Angestellter der Universität Bonn in der UniversitätsFrauenklinik
Wohnanschrift: Göttingen, Kepplerstraße 11, später in
Göttingen, Goßlerstraße 51.
Ermittlungsverfahren (5 Js 50/61) der StA Coburg im
Fall Dr. Lindemann; v. Woedtke als Zeuge
134
1967
3. Auszeichnungen
1914
01. September 1944
20. April 1940
StA Göttingen 6 JS 128/66 - Ermittlungsverfahren gegen v. Woedtke zum Mord an dem Arzt Dr. Lindemann
Das Verfahren wurde am 25. Mai 1972 eingestellt.
Eisernes Kreuz II. Klasse
SA-Wehrabzeichen
Kriegsverdienstkreuz I. Klasse ohne Schwerter
Kriegsverdienstkreuz II. Klasse ohne Schwerter
Ehrenkreuz für Frontkämpfer
Ehrendegen des RFSS
Totenkopfring der SS
Julleuchter
Quellen
- BArch, SSO Alexander von Woedtke
- BArch, RuSHA Alexander von Woedtke
- BArch, OPG 3500/102 Alexander von Woedtke
- BArch B 162/6001
- BArch B 162/3919
- BArch B 162/1608
- BArch B 162/1961
- BArch B 162/7712
- BArch B 162/20311
Bildquelle
- http://forum.axishistory.com/viewtopic.php?f=38&t=53605&start=0&st=0
&sk=t&sd=a (letzter Zugriff vom 19. Juli 2009).
135
Wicke, Heinrich (Heinz)
SS-Oberführer
NSDAP-Nr.: 304.940
SS-Nr.: 6.980
geboren:
gestorben:
20. Juni 1886 in Kassel
18. Oktober 1975 in Trossingen
1. Ernennungen
10. Oktober 1933
30. Januar 1934
09. November 1934
20. April 1935
30. Januar 1936
11. September 1938
01. September 1942
30. Januar 1945
SS-Obertruppführer
SS-Sturmführer
SS-Obersturmführer
SS-Hauptsturmführer
SS-Sturmbannführer
SS-Obersturmbannführer
SS-Standartenführer
SS-Oberführer
2. Lebenslauf
1892 bis 1900
1900 bis 1903
1903 bis 1905
1906 bis 1908
Oktober 1908 bis
Oktober 1910
24. Mai 1912
04. August 1914 bis
28. Februar 1919
1919 bis 1922
Januar 1922
01. September 1930
17. April 1931
1932 und 1933
1933
15. Juni 1934
09. September 1935
Sohn des Kaufmanns Wicke und seiner Ehefrau, geb.
Kleinlein
Bürgerschule in Kassel
Kaufmännische Lehre in Kassel
Angestellter
Kaufmann in der Kartonagenfabrik Michael Birk in
Trossingen
Militärdienst beim I. Württembergischen Regiment
Stuttgart 125
Heirat mit Magdalene, geborene Bilger, geboren am
16.05.1892 in Trossingen
Teilnahme am Ersten Weltkrieg: 7. Württembergisches
Infanterie Regiment 125
Front: Infanterie Regiment 119, 12. Kavallerie Abteilung 50 (als Zahlmeister)
Tätigkeit als kaufmännischer Angestellter und als Reisender
selbstständiger Handelsvertreter in Stuttgart
Eintritt in die NSDAP (Mitgliedsnr. 304.940)
Eintritt in die SS (Mitgliedsnr. 6.980)
Teilnahme an Aufmärschen in Coburg und Nürnberg
Geschäftsführer des Gaus Württemberg/Hohenzollern
des Deutschen Automobilclubs in Stuttgart
Führer des 3. SS-Sturms der 13. SS-Standarte
Führer des Reservesturmbanns der SS-Standarte 13
136
September 1936
01. Februar 1937
08. Juni 1938
02. Dezember 1938
05. Dezember 1938
31. Januar 1939
04. August 1941 bis
27. Juli 1944
12. Juni 1942
28.07.1944 bis
zum Kriegsende
August 1944
31. Juli 1945 bis
09. April 1948
07. Februar 1949
1950
1950
1953 bis 1957
1961
3. Auszeichnungen
1914
20. April 1941
25. Mai 1943
Leiter der SD-Hauptaußenstelle Stuttgart
Führer des Bezirks 13 der Stammabteilung Südwest
Wohnadresse: Stuttgart, Pflaumstraße 94
kommissarischer Polizeidirektor in Heilbronn
Versetzung von der Allgemeinen-SS zum SD
SS-Führer im SD Hauptamt
Ernennung zum Polizeidirektor in Heilbronn
kommissarischer Polizeipräsident Erfurt
Wohnanschrift: Erfurt, Preßburger Straße 36
Polizeipräsident in Erfurt und Leiter der SDHauptaußenstelle Erfurt
als Standartenführer und Oberst der Polizei als Polizeipräsident in Stuttgart tätig
Wohnanschrift: Stuttgart, Mörikestraße 12
ehrenamtlicher Mitarbeiter des SD-Leitabschnitt Stuttgart
Internierung in verschiedenen Lagern der amerikanischen Besatzungszone (Heilbronn, Hohenasperg, Dachau, Ludwigsburg).
als Minderbelasteter durch Spruch der Zentralberufungskammer eingestuft und mit Sühnemaßnahmen belegt
Gnadengesuch an das Ministerium für politische Befreiung in Stuttgart um Kürzung der Sühne
arbeitslos, danach Umzug nach Tuttlingen. Dort erhielt
er eine Stellung bei den Chiron-Werken, wechselte nach
etwa einem Jahr zur Firma Stihl (Sägen).
Antrag auf Ruhestandsversetzung und um Anerkennung
der Beamtenrechte - Ablehnung der Klage vor dem
Verwaltungsgerichthof Stuttgart
Einstellung eines Ermittlungsverfahrens wegen schwerer Brandstiftung während des Novemberpogroms 1939
durch die StA Heilbronn
Eisernes Kreuz II. Klasse
Württembergische silberne Verdienstmedaille
Dienstauszeichnung der NSDAP in Bronze
Reichssportabzeichen in Gold
Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern
Luftschutzehrenzeichen II. Stufe
Quellen
- BArch, SSO Heinz Wicke
- HStAStuttgart, EA2/150 Heinz Wicke
- BArch, Personalfragebogen der Subsequent Proceedings Division, Heinrich Wicke
Bildquelle
- HStAStuttgart, EA2 150
137
Literatur
- Wilhelm, Friedrich 1999: Die Polizei im NS-Staat. Die Geschichte ihrer
Organisation im Überblick. 2. Aufl.. Paderborn, München, Wien u.a.
(Schöningh Verlag).
138
Gieseke, Otto
SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei
NSDAP-Nr.: 2.084.825
SS-Nr.: 357.198
geboren:
gestorben:
1. Ernennungen
17. Dezember 1915
01. Juni 1920
01. Juni 1926
01. April 1935
01. Juni 1940
01. Juni 1940
01. August 1940
01. März 1941
01. April 1942
20. April 1942
20. April 1943
01. September 1943
10. Juni 1944
24. März 1891 in Hohenhameln bei Lehrte (Kreis
Peine)
21. Juli 1958 in Hannover/Niedersachsen
Leutnant d.R.
Polizeioberleutnant
Hauptmann der Schutzpolizei
Major der Schutzpolizei
SS-Mann
SS-Sturmbannführer
Oberstleutnant der Schutzpolizei
SS-Obersturmbannführer
SS-Obersturmbannführer der Waffen-SS
SS-Standartenführer und SS-Standartenführer der
Waffen-SS
SS-Oberführer der Waffen-SS
Oberst der Schutzpolizei (mit Wirkung vom
01.04.1942)
SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei
2. Lebenslauf
1897 bis 1909
1909 bis 1910
April 1910 bis
April 1911
1911 bis
Oktober 1914
Oktober 1914
Januar 1915
Sohn des Bauern August Gieseke und seiner Ehefrau
Johanne, geborene Boes, fünf Brüder, vier Schwestern
Volksschule, Privatschule und Oberrealschule in Harburg (mit Einjährig-Freiwilligen-Zeugnis)
Tätigkeit in väterlicher Landwirtschaft
Einjährig-Freiwilliger beim Dragoner-Regiment 16
(Lüneburg)
Lehrling einer Hamburger Exportfirma
Eintritt in das Infanterie-Regiment 85 als Kriegsfreiwilliger
mit dem Reserve-Infanterie-Regiment 210 ins Feld
ausgerückt
139
Dezember 1915
bis 1918
Januar 1919 bis
Januar 1920
Februar 1919
Januar 1920
Januar 1920 bis
April 1920
April 1920
01. April 1921
April 1921 bis
Juli 1921
Juli 1921
März 1926 bis
April 1935
01. Mai 1933
April 1935 bis
01. März 1939
11. März 1938 bis
26. April 1939
12. Mai 1938
01. Juni 1940
01. März 1939 bis
01. März 1941
September 1939
Oktober 1939
01. Juni 1940 bis
01. Juli 1944
01. März 1941
09. Juli 1941 bis
15. Oktober 1942
16. August 1941
01. April 1942
1942
30. September 1942
15. Oktober 1942 bis
01. Februar 1943
Zug- und Kompanieführer an der Westfront, schwere
MG-Abteilung / Gardeschützen-Division
Kompanieführer in der „Eisernen Division“ bei der
Brigade Nordlitauen bzw. im Freiwilligen-Regiment
von der Hagen im Abschnitt Bromberg (Baltikum,
Oberschlesien)
schwer verwundet (insgesamt drei Verwundungen)
Eintritt in die Sicherheitspolizei (spätere Schutzpolizei)
Führer einer Werbestelle in Insterburg
der Abteilung von Buch in Weilburg/a.d. Lahn zugeteilt
Vermählung mit Eva, geborene Smurawski, geboren
am 17. August 1899
beim Grenzschutz in der Grafschaft Glatz
mit der Abteilung Buch nach Kassel verlegt
Hundertschaftsführer, Reviervorsteher und Adjutant
bei der Schutzpolizei Köln
Eintritt in die NSDAP (Mitgliedsnr. 2.084.825)
Kommandeur des SchutzpolizeiAbschnittskommandos I in Köln
eingesetzt beim Abteilungskommando III (St. Pölten)
des Gruppenkommandos Linz der Ordnungspolizei
(während des Einmarsches in Österreich)
Antrag auf Aufnahme in die SS
Aufnahme in die Allgemeine SS (Mitgliedsnr.
357.198)
Kommandeur der Schutzpolizei Erfurt
Kommandeur eines Polizei-Ausbildungsbataillons in
Itzehoe
Führer des Polizeibataillons Lublin (dort war auch
Globocnik SSPF und Walter Huppenkothen KdS)
Ia im Stab eines Polizei-Regiments Radom
SS-Führer (der Allgemeinen SS) in der SSStammabteilung Fulda-Werra, Bezirk 67 (Erfurt)
zur Polizei-Division in den Stab kommandiert
Kommandeur des Polizei-Schützen-Regiments 1 in
der SS-Polizei-Division (an der Ostfront)
verwundet
Übernahme in die Waffen-SS als aktiver Führer
Chef des „Einsatzstabes Gieseke“ beim HSSPF Russland-Süd, Prützmann
als SS-Standartenführer und Oberst der Schutzpolizei
Kommandeur des 1. SS-Polizei-Schützenregiments
des 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division (Leningrad)
Kommandeur des Polizei-Infanterie-Regiments 1
(Umbenennung aus Polizei-Schützen-Regiment 1)
140
01. Februar 1943
01. September 1943
30. August 1943 bis
01. September 1943
März 1944 bis
November 1944
01. Juli 1944 bis
08. Mai 1945
Oktober 1944
Oktober 1944
25. Januar 1945
29. Januar bis
10. April 1945
30. April 1945
27. August 1945
bis Mai 1946
Mai 1946 bis
September 1946
September 1946
bis Mai 1947
Mai 1947 bis
November 1947
ab November 1947
Kommandeur des SS-Polizei-Grandier-Regiments 1
(durch erneute Umbenennung)
Rücktritt zur Ordnungspolizei mit Wirkung vom 01.
September 1943 und Entlassung aus dem Dienstverhältnis der Waffen-SS
beim SS-Grenadier-Ausbildungs- und Ersatz
bataillon 4
Befehlshaber der Ordnungspolizei im Reichskommissariat Ostland, Riga
SS-Führer beim Stab des SS-Oberabschnitts FuldaWerra (Arolsen)
zur Behandlung einer Knieverletzung im SS-Lazarett
Hohenlychen
Kommandeur des SS-Polizei-Regiments 16
zur Führerreserve beim SS-Personalhauptamt versetzt
(auf Befehl des RFSS)
kommissarischer Polizeipräsident in Erfurt
Kriegsgefangenschaft
Internierung in Garmisch
Internierung in Neu-Ulm
Internierung in Garmisch
Internierung im Freilager Dachau
Internierung in Garmisch
3. Auszeichnungen
18. August 1941
10. September 1941
28. Juli 1942
1942
12. September 1942
30. September 1942
Eisernes Kreuz II. Klasse
Eisernes Kreuz I. Klasse
Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit
Schwertern
Baltenkreuz II. Klasse
Baltenkreuz I. Klasse
Schlesischer Adler 2. Stufe
Ehrenkreuz für Frontkämpfer mit Schwertern
SA-Sportabzeichen in Bronze
Totenkopfring der SS
Spange zum Eisernen Kreuz II. Klasse
Spange zum Eisernen Kreuz I. Klasse
Infanterie-Sturmabzeichen in Silber
Medaille „Winterschlacht im Osten 1941/1942“
Deutsches Kreuz in Gold
Ritterkreuz
Verwundetenabzeichen in Silber
141
Quellen
- BArch, RuSHA Otto Gieseke
- BArch, SSO Otto Gieseke
- BArch, Personalfragebogen der Subsequent Proceedings Division, Otto
Gieseke
Bildquelle
- ThHStAW, NS-Archiv des MfS ZD 9181, Akte 1 Bl. 3.
Literatur
- Schulz, Andreas; Wegmann, Günter 2003: Die Generale der Waffen-SS
und der Polizei. Die militärischen Werdegänge der Generale, sowie der
Ärzte, Veterinäre, Intendanten, Richter und Ministerialbeamten im Generalsrang. Band 1. Bissendorf (Biblio-Verlag).
142
Herunterladen