Ascoli Piceno und die italienische Einigungsbewegung (Vortrag für

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Ascoli Piceno und die italienische Einigungsbewegung
(Vortrag für die Ascoli Piceno – Trier Gesellschaft am 25. 11. 2012)
Im letzten Jahr feierte Italien die 150-jährige Wiederkehr seiner nationalen
Einigung, die nach einem langen Prozess geistiger, politischer und kriegerischer
Auseinandersetzungen 1861 schließlich fast abgeschlossen war, fast, weil Venetien erst
1866 integriert und Rom erst 1870 Hauptstadt des Landes wurde und die Einheit damit
vollkommen war. Italien hatte seit dem Untergang des Römischen Reiches im
5.Jahrhundert keine staatliche Einheit mehr erlebt, auch wenn es unter Cola di Rienzo1 im
14. Jhdt einen allerdings gescheiterten Versuch gegeben hatte, die italienischen Städte
nach dem Muster der Römischen Republik zusammenzuschließen2; es war allenfalls ein
„geographischer Begriff“3, wie es Fürst Metternich 1815 auf dem Wiener Kongress
ausdrückte4, ein Gebiet, was von den Alpen bis Sizilien reichte, wo nicht mit einer
politischen Stimme gesprochen wurde, sondern mit einer Vielzahl, worunter die des
Papstes nicht nur die vernehmbarste, sondern auch die am meisten respektierte war.
Damit unterscheidet sich die Einigungsbewegung wesentlich von der des Deutschen
Reiches, die zeitlich parallel dazu stattfand und mit durchaus vergleichbaren Problemen
zu kämpfen hatte. Nationale Bewegungen gab es nach der Neuordnung Europas in vielen
Ländern als Reaktion auf die Versuche der Wiederherstellung vornapoleonischer
Ordnung, d.h. der Wiederherstellung von Monarchien, der Wiedereinsetzung alter
Herrscherfamilien, der sogen. Restauration. Es sollten dabei durchaus nicht alle
Modernisierungsprozesse wie z.B. eine einheitliche Gesetzgebung wie der Code
Napoleon rückgängig gemacht5 oder eine Absolute Monarchie wie die Ludwigs des XVI
von Frankreich wiederhergestellt werden, sondern die Restauration war vor allem eine
Absage an gewalttätigen Umsturz und Revolution, an liberale und demokratische Ideen
wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die mit Napoleon einen Siegeszug durch ganz
Europa angetreten und die europäischen Staaten seit 1789 in Angst und Schrecken
versetzt hatten. Geboren mit der Franz. Revolution und dann zunächst vor allem gegen
französische Fremdherrschaft gerichtet, war die Idee der Nation, d.h. der Wunsch der
Völker, selbstbestimmt und ohne Fremdherrschaft zu leben, eine der stärksten politischen
Ideen des 19. Jahrhunderts überhaupt. So kam es zu Beginn jenes Jhdts zu nationalen
Erhebungen wie z.B. in Griechenland gegen die türkische Herrschaft, in Polen gegen
Russland, in Ungarn, Belgien, Irland; und dann eben auch in Italien.
Sehen wir uns die Karte Italiens an, die uns die politischen Verhältnisse der Halbinsel
nach dem sogenannten „ Aachener Frieden“ vor der Besetzung durch Napoleon, vor
Augen führen: ein bunter Flickenteppich, der Königreiche, Großherzogtümer,
Herzogtümer, Stadtherrschaften und den Kirchenstaat zeigt und dabei deutlich macht,
dass Italien nicht nur politisch zersplittert war, sondern, im Unterschied zum ebenfalls
1
In Trier wurde 2003 im Amphitheater die Wagner-Oper „Rienzi“ aufgeführt.
Carmine Chiellino, Italien, Bd. I, Geschichte, Staat und Verwaltung, München 1981, S. 18
3
Rudolf Lill, Geschichte Italiens vom 16. Jahrhundert bis zu den Anfängen des Faschismus, Darmstadt 1980, S.
96; Jakobiner sollen 1797/98 „Italien“ zum 1. Mal als politischen Begriff gebraucht haben. Zit. n. R. Lill. ebd, S.
66
4
Der sogen. Wiener Kongress war eine Zusammenkunft der bedeutendsten europ. Staatsmänner in Wien 1815 ,
die Europa nach dem endgültigen Sieg über Napoleon ein neues politisches Gesicht gaben, was vor allem
Deutschland und Italien betraf.
5
Piemont-Sardinien kehrte zum Absolutismus zurück und auch der Kirchenstaat führte wieder das kanonische
Recht ein. Zit. n. R. Lill, ebd, S. 98 f
2
1
politisch aufgeteilten Deutschen Reich, teilweise von ausländischen Regenten beherrscht
wurde: so der gesamte Süden mit Sizilien von den spanischen Bourbonen, der Norden
z.T. von Österreich und Frankreich, wobei sich die Grenzen der jeweiligen Zugehörigkeit
durch Tausch und Vererbung ständig verschoben. Auch in der Mitte Italiens, dem
Kirchenstaat, war das nicht viel anders: das Patrimonium Petri, das weltliche
Herrschaftsgebiet des Papstes, das den Papst schon im 6. Jhdt zum größten Grundbesitzer
Italiens gemacht hatte, vergrößerte oder verkleinerte seine Ausdehnung je nach
politischer Lage und päpstlichen Möglichkeiten. Für die Bevölkerung Italiens bedeutete
das ein Höchstmaß an Anpassung an die wechselnden Verhältnisse und führte zu
Resignation und Apathie; es entstand aber vor allem langfristig ein Kultur- und
Zivilisationsgefälle von Nord nach Süd, wobei die Stadt Rom zwar politisch im
Mittelalter verharrte, aber dennoch die bedeutendsten Impulse für die Kunst an Europa
gab. Die von Österreich und Frankreich beherrschten Gebiete unterschieden sich in ihrer
Gesamtentwicklung kaum von den sie beherrschenden Ländern; der Kirchenstaat, seit
Jahrhunderten wie eine absolute Monarchie regiert, war hingegen äußerst rückständig
und hatte wenig Interesse an intellektueller Öffnung oder Veränderung in Bezug auf
wirtschaftliche oder politische Ideen: die überwiegend bäuerliche Bevölkerung war meist
fromm, arm und unwissend, in den ländlichen Gebieten naturgemäß stärker als in den
Städten, aber alle doch „seit Jahrhunderten des politischen Lebens entwöhnt“6. Die
Marken mit Ascoli Piceno, seit dem 15. Jhdt mit Unterbrechungen zum Kirchenstaat
gehörend, machten da keine Ausnahme.1804 war die Stadt nach der Blüte
vorangegangener Jahrhunderte auf 10.000 Einwohner geschrumpft und lebte vor allem
von der Landwirtschaft. Die in der Stadt von Jesuiten geleiteten Schulen waren nur für
Jungen da, die Mädchen lernten in Klosterschulen den Katechismus, Nähen und Sticken
und ihren Namen schreiben, von den Verhältnissen auf dem Land gar nicht zu reden. Im
Übrigen lebte Ascoli, misstrauisch allem Neuen gegenüber, selbstzufrieden und
abgeschottet durch seine Mauern und Türme ein unaufgeregtes Leben.7 Viel schlimmer
war die Situation im Süden, d.h. das Gebiet südlich von Rom bis zur Stiefelspitze,
Sizilien und Sardinien. Die besondere Geschichte dieser Gebiete hatte wesentlich dazu
beigetragen, den Anschluss an die gesamteuropäische Entwicklung zu verhindern: die
spanische Herrschaft ab dem 14.bzw.15.Jhdt, die sich kaum für die Geschicke ihres
italienischen Territoriums interessierte, begriff es nur als Bollwerk gegen die türkische
Gefahr, und wollte dort Ruhe und Verteidigungsbereitschaft erhalten, sowie Einnahmen
für Madrid erwirtschaften. Es wurde nicht investiert, unternehmerische Initiativen nicht
gefördert und so konnte kein selbstbewusstes Bürgertum wie im Norden entstehen, was
Adel und Großgrundbesitz in die Schranken verwiesen hätte. Fast die Hälfte von Grund
und Boden war zudem in kirchlichen Händen und damit fast steuerfrei.8 Auf riesigen
Besitzungen der Oberschicht fristete die Masse der abhängigen Bauern ein kümmerliches
Dasein und der Adel war wenig besorgt um das, was auf seinen Gütern passierte: er lebte
vorwiegend in Rom, Neapel oder Palermo , amüsierte sich und überließ häufig Pächtern,
die in die eigene Tasche wirtschafteten und die Landarbeiter zusätzlich ausbeuteten, den
eigenen Besitz. Es kam immer wieder zu sozialen Unruhen und Aufständen, auch zur
Ausbildung eines Bandenwesens, dem Brigantentum, - davon wird später noch zu
6
Ebd., S. 100
Rosanna di Marco Liberi, Diffidenti compiaciute mura turrite, Ascoli e il Risorgimento 1831-1861, Ascoli
Piceno 2010, S.7 ff
8
Michael Seidlmayer, Geschichte des italienischen Volkes und Staates, in Bd. 9 Die große Weltgeschichte ,
Leipzig 1940, S. 370
7
2
sprechen sein - und auch zu mafiosen Strukturen, die bis heute für dieses Gebiet typisch
sind. Einen Staat, der Schutzfunktion nach innen und außen ausgeübt hätte, gab es nicht
im Süden; die Großfamilie war der Bezugspunkt und eine politische Loyalität zum meist
am Schicksal des Landes desinteressierten Herrscher konnte sich kaum entwickeln.
Zu einer „Nation“ im politischen Sinne gehört nicht nur das Staatsgebiet und das
Staatsvolk, sondern auch die Sprache, die stark identitätsstiftend wirkt. Durch die
politische Zersplitterung begünstigt, hatten sich in Italien aus dem Spätlateinischen eine
Fülle verschiedenster Dialekte entwickelt, ganz ähnlich wie in Deutschland aus dem
Althoch-, bzw. Mittelhochdeutschen, nur hatte Italien keinen Luther gehabt, der die Bibel
übersetzte und damit ein allgemein gültiges Deutsch schuf. Es gab aber fast gleichzeitig
in Florenz den Versuch mit der Gründung einer Akademie 1583, „die italienische
Sprache zu fördern“, doch mit Fremdherrschaften war das kaum möglich. Die sprachliche
Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Savoyen und Piemont im Norden, wo französisch
gesprochen wurde bis nach Sizilien und Sardinien, wo noch ein lateinischer Dialekt
existierte, führte dazu, dass nach der italienischen Einigung 1861 nur 2 % der ital.
Bevölkerung das Italienisch der Toskana verstand, das sich schließlich zum StandardItalienisch entwickelte und erst mit den Massenmedien des 20. Jhdts zur allgemeinen
Sprache der Italiener wurde.9
Die katholische Religion hingegen war ein einigendes Band und wurde in Italien nie
wirklich in Frage gestellt; sie hat mit ihrer kulturellen Kontinuität die Mentalität und das
Sozialverhalten seiner Bewohner bis heute stark geprägt. Sie wirkte besonders seit der
konfessionellen Spaltung Europas über staatliche Grenzen hinweg;10und da die
ausländischen Regenten in Italien wie Frankreich, Spanien und Österreich allesamt
katholisch waren und zudem die päpstliche Herrschaft stützten, gab es da keine
Irritationen. Eng daran gebunden war die ’Romidee’: das Bewusstsein der Größe des
antiken Reiches und seiner Hauptstadt Rom, ein Bewusstsein, das für die Wahl der
zukünftigen Hauptstadt enorm wichtig werden sollte.
Für Politiker mag Italien bis zum 19. Jhdt nur ein „geographischer Begriff“ gewesen
sein, für das gebildete Europa und besonders für die Deutschen aber war es in erster Linie
die Verkörperung von Zivilisation und Kultur, das die für Europa so wichtige Kontinuität
von der Antike zur Renaissance wahrte, sowie es später die von Rom ausgehende
Gegenreformation mit ihren herausragenden barocken Leistungen in Architektur, Malerei
und Musik bedeutete.11 Maler, Dichter und Musiker aller Nationen sind Jahrhunderte
lang in dieses Land gezogen, um die Schönheit zu entdecken und die eigenen Wurzeln zu
begreifen. Die Nation Italien hat sie nicht interessiert; sondern das, was sie
hervorgebracht hatte. Ihre Entstehung schließlich im 19. Jhdt. war ein Reflex auf die
napoleonische Herrschaft, die Italien für knapp 20 Jahre zu einem Vasallenstaat
Frankreichs machte.
Diese Jahre waren für die Geburt der italienischen Nation entscheidend. Napoleon
brachte mit der Besetzung des gesamten Festlandes – auch des Kirchenstaates - und der
Schaffung des französischen Königreichs Italien revolutionäres Gedankengut aber auch
Ansätze moderner Verwaltung und Rechtsprechung mit12 Durchgesetzt aber wurde die
Unterordnung unter Frankreich mit der Waffengewalt französischer Soldaten und die
9
C. Chiellino, ebd. S. 21; auch der spätere König Viktor Emanuel II sprach nur französisch
R. Lill, ebd. , S. 6
11
Ebd. S.1
12
Code Napoleon oder Code Civil, der bis heute die Rechtsprechung in Italien prägt
10
3
italienischen Kleinstaaten waren zu schwach, um eine selbständige Politik gegen
Napoleon zu machen. Die anfängliche Begeisterung für die Ideen schlug so bald um in
Ablehnung und Widerstand gegen die Fremdherrschaft, ähnlich wie in Deutschland.
Nach dem Ende aber der napoleonischen Herrschaft und gegen die Restaurationsversuche
breitete sich liberales und revolutionäres Gedankengut von Norden bis Süden aus und es
entstanden Bewegungen, Geheimgesellschaften und Zirkel, die eine fundamentale
politische Veränderung planten: das „Risorgimento“, die Wiederauferstehung Italiens als
Nation.13
Die erste Geheimgesellschaft war die „Carboneria“, die sich 1814 in Neapel bildete,
sich auf der ganzen Halbinsel ausbreitete und Aufstände provozierte mit dem Ziel, eine
Verfassung in den verschiedenen Teilstaaten durchzusetzen. Auch im Kirchenstaat kam
es zu Unruhen, so z. B. in Macerata, in der Nähe Ascolis, doch die päpstliche Polizei
unterdrückte sie sofort und verurteilte dort 13 Verschwörer zum Tode, die dann
allerdings vom Papst begnadigt wurden.14
Nicht der einzige aber der bedeutendste Vordenker und Publizist der Carboneria war
Giuseppe Mazzini. 1805 in Genua geboren, entwarf er in den 30-er Jahren ein radikales
Programm für Italien mit dem Namen „ Giovine Italia“ (Junges Italien) Sein Ziel war
eine Vereinigung des Landes zu einem egalitären Volksstaat, ein dritter Römischer Staat,
der nach dem kaiserlichen und dem päpstlichen entstehen sollte, urchristlich - egalitär
und republikanisch.15 Der Papst sollte dieser revolutionären Umgestaltung seinen Segen
geben, denn „die Einheit Italiens sei eine Sache Gottes“.16Weder beim Papst, der bei
einer Einigung Italiens um seine weltliche Herrschaft fürchten musste, noch bei den
herrschenden Regenten stieß er dabei auf Zustimmung; er fand nur Anhänger bei dem
liberal und fortschrittlich denkenden Bürgertum, das es vereinzelt auch im Patrimonium
Petri gab, wenn auch in ständiger Angst vor der kirchlichen Polizei.
Was jedoch Ascoli befürchtete, war zunächst anderer Natur: 1839 war die Stadt
wegen finanzieller Schwierigkeiten des Kirchenstaates von dem Weggang der
apostolischen Nunziatur bedroht, mit deren Anwesenheit sie sich bis dahin geschmückt
hatte. Doch dieser Prestigeverlust konnte erfolgreich abgewehrt werden und die
städtische Oberschicht lehnte sich wieder in den bequemen Sesseln ihres Lieblingscafés
zurück und tauschte vorläufig nicht die geistliche Herrschaft gegen revolutionäre Ideen,
sondern allenfalls die Zigarre mit der Pfeife.17
Die andere bedeutende Persönlichkeit dieser Jahrzehnte war Giuseppe Garibaldi, eher
ein Praktiker der Revolution und Soldat im Kampf um die italienische Einheit. 1807 in
Nizza geboren, war er schon 1834 an einem Aufstand in Piemont beteiligt, wurde zum
Tode verurteilt und konnte nach Südamerika fliehen, wo er als Guerillakämpfer Karriere
machte.1848 kehrte er nach Italien zurück und engagierte sich seitdem an allen Fronten
für ein geeintes Land und für Rom als Hauptstadt. Er wurde zum populärsten
Nationalheld im Italien des 19. Jhdts und es findet sich kaum eine italienische Stadt ohne
sein Standbild oder wenigstens einer nach ihm benannten Straße.
In den 20-er Jahren kam es zu ersten, ernst zu nehmenden Aufständen, die von den
Carbonari geschürt wurden, aber in Einzelaktionen stecken blieben und schnell mit Hilfe
13
Der Begriff ’Risorgimento’ entsteht erst 1847 mit der von Camillo Benso Graf v. Cavour, 1. Min.Präs. des
Königreichs Italiens, mitbegründeten gleichnamigen Zeitschrift
14
R. Di Marco Liberi, ebd., S. 21
15
Gustav Seibt, Rom oder Tod, Der Kampf um die italienische Hauptstadt, Berlin 2001, S. 123 f
16
G. Mazzini in einer Flugschrift 1847, zit. n. G. Seibt, ebd. S. 124
17
R. Di Marco Liberi, ebd. S. 27 f
4
österreichischer Truppen niedergeschlagen wurden, so in Neapel und auch in Turin.
Bedeutender war die Julirevolution 1830, die wiederum von Frankreich ausgehend, nach
Deutschland und Italien übergriff und nicht nur die Herzogtümer Modena und Parma
einbezog, sondern auch Teile des Kirchenstaates, wie Bologna z.B. Es entstanden einige
liberale Stadtherrschaften, die eine provisorische Zentralregierung bildeten und die
päpstliche Herrschaft für erloschen erklärten, aber es fehlte ihnen an Erfahrung und
Unterstützung. Der kirchlich wie politisch reaktionäre Papst Gregor XVI erbat die Hilfe
Österreichs und Frankreichs und unter dem Vorwand, die Unabhängigkeit des
päpstlichen Stuhles zu schützen, besetzten die katholischen Großmächte den
Kirchenstaat. Es kam wieder zu Repressionen und Todesurteilen und viele politisch
Verfolgte verließen das Land. Gregor XVI verurteilte in einer Enzyklika Rationalismus,
Gewissens- und Meinungsfreiheit und jede Auflehnung gegen die legitime Autorität d.h.
gegen die herrschenden Dynastien.18 Mazzini sah dennoch eine Möglichkeit, eine neue
Phase der italienischen, ja der europäischen Geschichte einzuleiten, in der das ’junge
Europa der Völker ’dem ‚alten Europa der Monarchen’ entgegentreten sollte, wobei
Italien vorangehen und die revolutionäre Initiative ergreifen sollte. Von der politischmoralischen Überzeugung durchdrungen, die Demokratie würde das sittlichen Empfinden
des Volkes heben, verbreitete er rastlos seine politischen Ideen und doch scheiterte er
zunächst an den politischen Umständen und musste immer wieder das Land verlassen.
Italien war noch nicht zur nationalen Einheit bereit. Dazu bedurfte es erst des
gemeinsamen Widerstands gegen die fremden Besatzer.
1843 war ein Hauch der Rebellion auch bis nach Ascoli gedrungen: der apostolische
Gesandte Mons. Milesi klagte einige „revolutionäre Ascolaner an, die in den Cafés
übermäßig trinken und spielen, vergeblich Aufstände anderer Städte imitieren und
politischen Mördern Beifall klatschen“19…Über den zunehmend dementen Papst Gregor
XVI zirkulierten auch dort satirische Verse, in einer Trattoria hatten sich ein paar
aufsässige Bürger getroffen, die von der Polizei verhaftet und für drei Monate in dem
Forte Malatesta20 gefangen gehalten wurden. 1846 jubelten die Liberalen der Stadt wegen
der Wahl des neuen Papstes Pius IX, der nicht nur aus den Marken stammte, sondern
Hoffnungen auf politische Reformen im Kirchenstaat weckte. Man trug seine Büste unter
Freudenklängen durch die Stadt und es wurde dann tatsächlich erreicht, dass die
päpstliche Polizei durch eine städtische ersetzt wurde! Am Ende des Jahres erklang im
gerade neu gebauten Theater, das wohl zu Ehren des antiken Freiheitshelden Ascolis
Ventidio Basso21 getauft wurde, ein Hymnus auf den neuen Papst und auf die Freiheit.22
Das Jahr 1848 brachte revolutionäre Erhebungen in ganz Europa, von denen die
meisten, wie auch in Deutschland, niedergeschlagen wurden. Nur in Frankreich gelang es
Louis Napoleon die Zweite Republik zu errichten, die dann allerdings kaum vier Jahre
später unter demselben Louis als Napoleon III zum Kaiserreich wurde. Ferdinand II,
König Beider Sizilien, war nach einem Aufstand in Palermo bereit, eine Verfassung zu
akzeptieren und auch andere Herrscher italienischer Teilstaaten mussten unter
18
R. Lill, ebd.,S. 110
R.Di Marco Liberi, ebd., S. 33
20
Forte Malatesta ist eine in Ascoli gelegene Festungsanlage aus der Zeit der Herrschaft der Malatesta im14.Jhdt
21
Publius Ventidius Bassus Senior kämpfte im Bundesgenossenkrieg gegen Rom 90 v.Chr. für die Freiheit
Ascolis und brachte dem röm General Gn. P. Strabo eine Niederlage bei. Wikipedia Stichwort Ventidius Bassus
Es geht nicht deutlich aus den Ascolaner Annalen hervor, ob die Namensnennung liberalem Zeitgeist zu
verdanken ist.
22
R. Di Marco Liberi, ebd. S. 34 ff
19
5
politischem Druck seinem Beispiel folgen, so der Herzog Leopold II der Toskana und der
König Karl Albert von Piemont-Sardinien23; dieser unterstützte dabei anti-österreichische
Bewegungen in Mailand, die auf eine Souveränität Italiens zielten und, getragen von
einer nationalen Welle, erklärte er im März 1848 Österreich den Krieg.
In Ascoli war die Haltung den revolutionären Ereignissen gegenüber durchaus
ambivalent: Ein frommer Ascolaner Bürger hatte vor seinem Tod fast seinen gesamten
Besitz den Jesuiten vermacht, die wiederum bei den Liberalen besonders verhasst waren,
und so kam es bei seiner Beerdigung zu einem Tumult und der Arme landete samt seinem
Sarg im Fluss Tronto.24 Doch es gab auch eindeutige Stellungnahmen: So wuchs
zunächst die Begeisterung, am Krieg gegen Österreich teilzunehmen und auch 400
Ascolaner Freiwillige meldeten sich unter dem päpstlichen Banner. Man feuerte die aus
dem benachbarten bourbonischen Königreich durchziehenden Soldaten an, die ebenfalls
im Norden kämpfen wollten, die aber Briganten mitbrachten, meist armselige und
unausgebildete Landarbeiter, die bereit waren, auf allen politischen Seiten zu kämpfen:
mit oder gegen ihren König, mit oder gegen die Kirche, mit oder gegen Garibaldi, wie es
sich gerade ergab und finanziell lohnte. Sie stellten ein kriminelles Potential dar, das,
wenn es gerade keinen Krieg gab, die Bevölkerung der ländlichen Gebiete drangsalierte.
1848/49 hatten sie sich zur Verteidigung der Kirche entschlossen und unter der Führung
fanatisierter Priester bildeten sie gefährliche Trupps, die zu Mord und Totschlag aufriefen
und der Bevölkerung im gesamten Ascolaner Territorium Angst machten. Unter dem
Vorwand, die Gegner des Papstes zu bekämpfen, organisierten sie eine Art Guerillakrieg
und massakrierten jeden, der sich ihnen in den Weg stellte, plünderten und
brandschatzten. Mit großer Mühe wurden die regulären Truppen Herr der Lage und man
nahm schließlich Mönche, Priester, Hirten, Bauern und entlaufene Soldaten fest und
einen städtischen Angestellten, der aus einem Fenster gesprungen war, um nicht beim
Stelldichein mit der Tochter des Gouverneurs von Arquata überrascht zu werden.25
Auch Garibaldi kam mit Freiwilligen, um an diesem ersten Unabhängigkeitskrieg26
gegen Österreich teilzunehmen. Doch die italienischen Kampfhandlungen waren schlecht
koordiniert, die militärischen Vorbereitungen ungenügend, die Generäle schwach und
dem Österreicher Radetzky nicht gewachsen. Nach ein paar Monaten war der Krieg für
die Piemontesen verloren, die Lombardei war wieder österreichisch.
Papst Pius IX schien sich zunächst für die liberalen Ideen zu engagieren und gestand
seinen Untertanen eine Verfassung zu, die diese begeistert aufnahmen; auch die nationale
Sache schien ihm am Herzen zu liegen und ließ ihn den Krieg gegen Österreich billigen;
die konservative Kurie jedoch ermahnte ihn, die von seinem Amt geforderte Neutralität
einzuhalten und so erklärte er in einer Rede, dass er allen Völkern gleichermaßen zugetan
sei.27 Die Sympathie für ihn schlug sogleich ins Gegenteil um, seine Rede wurde als
Verrat aufgefasst. In Rom kam es zu Aufständen, der Papst floh als einfacher Priester
verkleidet aus der Stadt, um erst 17 Monate später unter anderen politischen Vorzeichen
dorthin zurück zu kehren. Der Kirchenstaat war für diese kurze Zeit Republik und ein
23
Das ‚Statuto Albertino’ überlebte nicht nur die 48-Revolution, sondern wurde Vorbild für die Verfassung des
Königreichs Italien und galt bis zur Abschaffung der Monarchie 1946
24
R. Di Marco Liberi, ebd. S. 39
Ebd. S. 51
26
„Guerra Santa“ vom März –August 1848
27
G. Seibt, ebd. S. 126
25
6
geistiges Erdbeben schien die katholische Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern.
Reformen wollte man schon - aber gegen den Papst? Die Nationalstaatsidee bedeutete ja,
dass man den Papst seiner weltlichen Herrschaft berauben musste, ein damals schier
unvorstellbarer Gedanke und es wurde eher darüber nachgedacht, ob man die päpstliche
Herrschaft, vielleicht etwas aufgeklärter, nicht auf ganz Italien ausdehnen könnte…28.
G. Mazzini übernahm 1849 die Regierungsverantwortung im republikanischen Rom
und führte in kurzer Zeit bedeutende Reformen in der Landverteilung und der Bildung
durch. In Ascoli wurde Anfang des Jahres eine Wahlkommission berufen, die die Wahlen
für eine Nationalversammlung in den Marken vorbereiten sollte. Sechs liberale Ascolaner
ließen sich aufstellen, doch die Wahlbeteiligung der Stadt lag bei 16%, ein Ergebnis, was
Ängstlichkeit und Unentschlossenheit der Ascolaner, ihr Bedürfnis nach Ruhe und
Harmonie erneut deutlich machte29: Man wollte sich weder für noch gegen den Papst,
weder für noch gegen die Republik entscheiden müssen. Als österreichische Truppen die
Stadt einzunehmen drohten, verschwanden sofort alle republikanischen Symbole wie der
Freiheitsbaum auf der Piazza und wurden durch das päpstliche Wappen ersetzt. Die
republikanische Freiheit dauerte nur kurz.
Der Papst hatte inzwischen aus seinem Exil Frankreich und Österreich um Hilfe
gebeten und diese hatten, weil die eigene Bevölkerung zum Schutz des Papstes drängte,
nicht gezögert, Truppen zu schicken. Sie standen der Freiwilligenarmee von Garibaldi
gegenüber, der in Rom die militärische Leitung übernommen hatte und sein tapferer
Einsatz und organisatorisches Geschick bei der Verteidigung der Stadt begründeten
seinen späteren Ruhm: 20.000 Verteidiger der Röm. Republik standen 35.000 Franzosen
gegenüber, die von österreichischen und auch bourbonischen Truppen, darunter
Briganten, König Ferdinands unterstützt wurden. Es kam zu einer blutigen Schlacht mit
vielen tausend Toten auf beiden Seiten30; Garibaldi und Mazzini mussten am Ende die
Stadt verlassen, die politisch reaktionären Kräfte hatten erneut im ganzen Land gesiegt.
Der Papst kehrte zurück, doch war er von da an auf den dauernden Schutz ausländischer
Truppen angewiesen. Er selbst war von der Erfahrung seiner Flucht so geprägt, dass er zu
keinen politischen Zugeständnissen mehr bereit war, im Gegenteil. Er verdammte jede
Form des Liberalismus und beschäftigte sich nur noch mit seinen pastoralen Aufgaben.
Die wichtigste wurde für ihn zunächst das Dogma der unbefleckten Empfängnis Marias,
das er 1854 ohne Zustimmung durch die Bischöfe verkündete.
In den anderen italienischen Staaten wurden die alten Dynastien wieder eingesetzt und
die Restauration begann von neuem. Nur in Piemont, wo seit 1849 Viktor Emanuel II
regierte, galt weiterhin die Verfassung des Vorgängers und daher konnten sich hier freie
Institutionen entwickeln wie Parlament, Senat und unzensierte Presse. Es entstand so eine
neue politische Führungsschicht, die ab 1852 mit einem glänzend begabten Politiker an
der Spitze, Camillo Graf Cavour auf sich aufmerksam machte. Es wurde modernisiert
und säkularisiert; die Zivilehe eingeführt, kirchlicher Besitz eingezogen, die geistliche
Gerichtsbarkeit verschwand. Italien hatte wenigstens einen liberalen Vorzeige-Staat!
Ascoli gehörte nach einer Belagerung durch österreichische Truppen wieder zum
Kirchenstaat und schwor dem Papst öffentlich Treue. Vier Tage nach dieser Geste der
Unterwerfung wurde die Jagd auf die Republikaner eröffnet und alle Ascolaner, die am
28
R. Di Marco Liberi, ebd. S.39
R. Di Marco Liberi, ebd. S.58
30
Hier fiel auch Goffredo Mameli 22jährig, der 1847 das Kampflied „Fratelli d’Italia“ verfasst hat, das 1946
nach Abschaffung der Monarchie italienische Nationalhymne wurde
29
7
Kampf um Rom teilgenommen hatten, verschwanden in Gefängnissen wegen „ delitti e
attentati contro la religione e i suoi ministri“ 31. Nach einer allgemeinen Amnestie trat
schließlich wieder Ruhe ein; die liberalen Ideen und der Ruf nach einem geeinten Italien
waren jedoch nicht mehr zu unterdrücken, wenn man auch ständig auf der Hut war. Das
Theater Ventidio Basso bot wenigstens die Möglichkeit, sich theoretisch in Dramen und
Opern über Tyrannei und Freiheit auszutauschen: wie z. B. im Nabucco von Verdi, 1851
dort aufgeführt.32
Nach der in Italien im Wesentlichen gescheiterten 48-Revolution, schien die politische
Situation zu stagnieren. Erst mit der Machtergreifung Napoleons III 1852 in Frankreich,
dessen Herz für Italien schlug und der sogar in seiner Jugend Anhänger der Carbonari
gewesen war, kam wieder Bewegung in die politische Auseinandersetzung. Er sah sich
als möglichen Befreier einer unterdrückten Nation, vor allem in der Auseinandersetzung
mit der habsburgischen Monarchie Österreich.33 Cavour, der piemontesische Politiker
setzte nun geschickt seine Figuren auf dem Schachbrett der internationalen Politik, um
seinem Ziel eines befreiten und geeinten Italiens näher zu kommen, am besten noch unter
der Vorherrschaft des liberalen Königs Viktor Emanuel II. Er brauchte unbedingt eine
Großmacht als Verbündeten gegen Österreich und da kam nur Frankreich in Frage. Um
im europäischen Konzert der Großmächte mitspielen zu können, drängte sich Cavour
1855 im Krimkrieg als Partner Frankreichs auf, obwohl Italien im Schwarzen Meer nicht
die mindesten Interessen hatte, aber unbedingt als gleichberechtigter Partner bei den
Friedensverhandlungen dabei sein wollte, um die italienischen Interessen gegen
Österreich ins Spiel zu bringen.34Cavours Plan ging nur halb auf: Bei der
Friedenskonferenz in Paris erreichte er nur, dass er und das Königreich Piemont als
Repräsentanten Italiens angesehen wurden, aber es reichte, um Österreich zu provozieren
und langfristig zu einem Krieg herauszufordern. Dabei war die Unterstützung Napoleons
III unabdingbar. In einer geheimen Besprechung zwischen ihm und Cavour 1858 wurde
der Krieg gegen Österreich geplant, allerdings unter der französischen Bedingung, Nizza
und das Stammland des piemontesischen Königshauses, Savoyen, an Frankreich
abzutreten. Cavour war bereit, alles zu tun um endlich die österreichische
Fremdherrschaft abzuschütteln und provozierte die Donaumonarchie unablässig, bis diese
schließlich in einem befristeten Ultimatum die Abrüstung Piemonts verlangte. Das war
der Moment auf den Cavour gewartet hatte: “Wir haben Geschichte gemacht, nun lasst
uns zum Essen gehen“, war sein berühmt gewordener Kommentar.35
Ascoli hatte Mitte der 50-er Jahre mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen, der
Cholera, die 1854 in Genua ausgebrochen war und im Juni 1855 Ascoli erreichte. Es kam
das Gerücht auf, die Krankheit würde durch von der städtischen Oberschicht vergiftete
Brunnen ausgelöst; der Gang zum Brunnen wurde da für jedermann gefährlich und es
kam zu mörderischen Übergriffen. Das Fest für den Hlg. Emigdius, Stadtpatron von
Ascoli fand in diesem Jahr nicht statt und man schenkte ihm zur Versöhnung eine
31
„Verbrechen und Attentate gegen die Religion und ihre Diener“, zit. n. R. Di Marco Liberi, ebd. S. 60
Der Gefangenenchor aus Nabucco erinnerte die Italiener an ihre politische Situation den Österreichern
gegenüber und die Melodie des „Va’ pensiero sull’ali dorate …(Flieg Gedanke, auf goldenen Flügeln) wurde als
Hymne an die Freiheit außerordentlich populär
33
M. Seidlmayer, ebd. S. 427
34
Der Krimkrieg von 1853-56 war der Versuch Russlands, die Gebiete des zerfallenden osmanischen Reiches
für sich zu gewinnen aber er scheiterte am militärischen Widerstand Frankreichs, Englands und ab 1855 auch
Piemonts
35
Zit n. M. Seidlmayer, ebd. S.431
32
8
wertvolle silberne Lampe. Nach 300 Toten verschwand die Cholera wieder. Es gab
jedoch auch politische Zeichen in der Stadt: zunehmend kursierte die Idee eines geeinten
Italiens unter piemontesischer Herrschaft und bei einem Bankett wurde Flugblätter
verteilt, die Viktor Emanuel II mit der Hand am Schwertgriff zeigten, bereit dem in
Ketten liegenden Italien zu Hilfe zu kommen.36
In Piemont wurde 1857 die Società Nazionale Italiana gegründet, ein Nationalverein, der
sich schnell über die Halbinsel verbreitete und liberales Gedankengut förderte. Das
Großherzogtum Toskana sowie die Herzogtümer Parma und Modena baten, nach
politischen Umstürzen, um die Aufnahme in das piemontesische Königreich. Die
Stimmung war äußerst angespannt und die Begeisterung für einen Krieg nahm zu,
allerdings nur in Italien. In Frankreich fürchtete man um das Wohl des Papstes und
seinen Kirchenstaat und Österreich hatte keinen Radetzki mehr. Dennoch kam es im
Mai1859 zum zweiten Unabhängigkeitskrieg, nachdem ein berühmter Satz Viktor
Emanuels II im Parlament die Norditaliener endgültig aufgerüttelt hatte „ Ich höre den
Schmerzensschrei, der aus so vielen Teilen Italiens zu mir dringt!“37
Auch der Papst war bemüht, seine Popularität zu halten oder wiederzugewinnen und
beschloss deshalb, eine Pilgerreise nach Loreto zu machen. In den Marken erhoben sich
daraufhin Stimmen, ihn zu Aufenthalten in den einzelnen Städten zu drängen, und jede
kämpfte eifersüchtig darum, ihn angemessen empfangen zu dürfen. So kam er im
Mai1857 nach Ascoli und wurde dort mit ungeheurem Enthusiasmus gefeiert: er war ihr
Hirte und ihr Staatsoberhaupt und man zeigte sich demütig und gehorsam; Kritik kam
nicht auf. Der Papst war bewegt und segnete das „gute Ascolaner Volk“. Doch zwei Jahre
später gab es auch Begeisterung für den Krieg gegen Österreich, es wurden dafür Messen
gelesen und Rosenkränze gebetet, wenn auch nicht immer klar war, für wen man betete.
Auch hatten sich Freiwillige zur Kriegsteilnahme gemeldet, die allerdings von
Geheimgesellschaften angeworben wurden, da die Kirche dem entgegenstand. Achtzig
Ascolaner kämpften im Norden gegen die Fremdherrschaft und drei von ihnen wurden
ausgezeichnet.38
Der Krieg mit Österreich war schnell aber verlustreich auf den Schlachtfeldern
Magenta und Solferino für die Verbündeten entschieden: die Lombardei wurde wieder
italienisch, aber Venetien gehörte weiterhin zu Österreich. Auf außenpolitischen Druck
von England, Russland und Preußen sah sich Napoleon III gezwungen, über den Kopf
Viktor Emanuels hinweg einen Separatfrieden mit Österreich zu schließen. Viktor
Emanuel musste einwilligen, Cavour war außer sich vor Zorn und begriff, dass er seinem
politischen Ziel nur noch mit Hilfe der Volksbewegung näher kommen konnte: Die große
Zeit Garibaldis begann.
Nachdem der Norden nun fast italienisch geworden war, wandte man sich dem Süden
zu, dem Königreich Beider Sizilien. Der geographisch nähere Kirchenstaat wurde aus
vielen Gründen erst einmal umgangen, obwohl Garibaldi darauf brannte hier
einzugreifen. Der Nationalverein bereitete den Aufstand im Süden vor, unterstützt von
der politischen Agitation Mazzinis und vor allem Garibaldis. Der überzeugte
Republikaner sah die Einheit Italiens als wichtigeres Ziel und war bereit für ein
zukünftiges Königreich unter piemontesischer Führung zu kämpfen. Er sammelte über
36
R. Di Marco Liberi , ebd. S. 65
„Noi non siamo insensibili al grido di dolore che da tante parti d’Italia si leva verso di noi“, zit. n. R.Di Marco
Liberi, ebd. S. 71
38
Ebd.S. 73
37
9
1000 Freiwillige im Hafen von Genua und setzte im Sommer 1860 mit ihnen nach
Sizilien über, der berühmte „Zug der Tausend“ begann. Weitere Kämpfer schlossen sich
ihm an und drei Monate später war die Insel in seinen Händen. Im August setzte er seinen
Eroberungszug auf dem Festland fort, zog als Sieger in Neapel ein und in kürzester Zeit
brach das morsche Bourbonenregime zusammen und König Franz II, Nachfolger
Ferdinands, floh. Nach 700 Jahren hatte das Königreich Unteritalien aufgehört zu
existieren. Garibaldis nächstes Ziel war der Kirchenstaat.
Nachdem schon 1859 in Ascoli Begeisterung für die piemontesischen Siege gegen
Österreich ausgebrochen war, hier und da patriotische Rufe erschallten und die Trikolore
geschwenkt wurde, meldeten sich auch 30 Freiwillige, die an dem Zug der 1000
teilnahmen; ja selbst Männer der päpstlichen Garde der Stadt zogen heimlich mit, um an
dem nationalen Kampf teilzunehmen. An den Mauern der Stadt fanden sich Aufschriften
mit den Worten: „Es lebe Garibaldi, Tod den Tyrannen“. Die Ascolaner Kirche sah dem
mit großem Misstrauen zu und ließ immer wieder liberal denkende Bürger einsperren, so
einen Mann, der in seinem Kolonialwarengeschäft Bilder von Mazzini, Garibaldi, Cavour
und Viktor Emanuel hängen hatte. Als Garibaldi im September 1860 im Eiltempo die
Marken erreichte, kamen ihm begeisterte Jugendliche entgegen, während die staatstreuen
Bürger in ihre Häuser aufs Land flohen. Auch der päpstliche Gesandte fürchtete um seine
Sicherheit, seitdem Jugendliche unverfroren unter seinem Palazzo patriotische Lieder
anstimmten und er hatte Grund dazu: so viele hatte er ins Gefängnis gebracht oder
ausgewiesen! Eine aufgebrachte Menge versammelte sich auf der Piazza Arringo vor
dem Dom und wollte ihn aus der Stadt vertreiben. Er erschien dann auf der Piazza,
während San Francesco die Totenglocke läutete, bereit die Stadt zu verlassen. Jemand
hatte schon in der Kirche unter die Gemeindeankündigungen geschrieben: „Betet für die
Seele der päpstlichen Herrschaft“ 39
Cavour, der inzwischen die politische und militärische Macht Garibaldis fürchtete,
wollte ihm auf jeden Fall in der Auseinandersetzung um den Kirchenstaat zuvorkommen.
Piemontesische Truppen rückten unter einem Vorwand im September in Umbrien und
den Marken ein und stießen auf die päpstliche Armee, die bei Castelfidardo in der Nähe
von Ancona geschlagen wurde. Umbrien und die Marken gehörten damit nicht mehr zum
Kirchenstaat. An der Spitze der piemontesischen Armee zog jetzt Viktor Emanuel II in
Neapel ein und überzeugte die Bevölkerung, sich dem norditalienischen Königreich
anzuschließen. Damit war Italien quasi geeint und bis auf Venezien frei von
Fremdherrschaft. Nur das Patrimonium Petri, inzwischen stark verkleinert, gehörte nicht
dazu und wehrte sich, geschützt durch französische Truppen, vehement gegen eine
Vereinnahmung. Am 18. Februar 1861 trat die erste (fast) gesamtitalienische
Volksvertretung in Turin, der vorläufigen Hauptstadt, zusammen und feierte die
Wiederauferstehung Italiens als Monarchie unter Viktor Emanuel II. Das wichtigste Ziel
dieses jahrzehntelangen Kampfes war erreicht, das zweitwichtigste, Rom als Hauptstadt
des neuen Italien lag noch in weiter Ferne, obwohl im März 1861 bereits der
Hauptstadtbeschluss gefallen war.1862 startete Garibaldi nach dem Muster des Zugs der
1000 den Versuch, auf Rom zu marschieren und schwor die Freiwilligen in Sizilien auf
den pathetischen Ruf ein „Roma o morte“, doch die piemontesische Armee hielt ihn auf
und verhinderte dadurch eine erneute Einmischung Frankreichs. Garibaldi musste sich
zurückziehen und fast zehn weitere Jahre dramatischer Auseinandersetzung zwischen
allen Beteiligten abwarten, bis Rom wieder Hauptstadtfunktion hatte.
39
„Pregate per l’anima del governo papale“, Zit. n. R. Di Marco Liberi, ebd. S. 78 f
10
In den Marken stimmten bei der Wahl im Oktober 1860 fast alle für die Monarchie,
in Ascoli war die Wahlbeteiligung enttäuschend, trotz der nach außen getragenen Freude
über das Ende des Kirchenstaates mit musikalischen Umzügen, dem Schwenken der
Trikolore und den Ausrufen „Viva l’Italia“. Während die Jesuiten unter Beschimpfungen
die Stadt verließen, wurden die politischen Gefangenen aus dem Forte Malatesta befreit.
Der Kardinal der Region verbot dem Klerus mit den Siegern zusammen zu arbeiten und
eine Gruppe von Frauen versammelte sich unter den entsetzten Blicken der Ascolaner
Bürger und verteilten Blätter, auf denen zu lesen war, „dass sie zwar nicht zur Urne
gehen dürften, aber dass sie Viktor Emanuel haben wollten, den König von Italien“40
Es bedurfte noch mancher Anstrengung und vieler Jahre bis Italien wirklich ein geeinter
Staat war...
Bettina v. Engel
Nach dem dritten Unabhängigkeitskrieg wurde die Region Venetien 1866 schließlich ein Teil
Italiens: Da das mit Italien verbündete Preußen Österreich in der Schlacht von Königgrätz
besiegt hatte, musste Österreich Venetien trotz seiner militärischen Erfolge im Süden an
Frankreich (das eine nicht unbedingt neutrale, eher mit Piemont sympathisierende
Vermittlerrolle einnahm) abtreten, das es dann an Italien weitergab.
die Einführung der Schulpflicht 1794 in Preußen. Im "Allgemeinen Landrecht" wurde hierzu
Folgendes festgelegt:
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Ebd., S. 86
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