Neher, Carola - Exil

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Neher, Carola
Carola Neher
Schauspielerin
Geb. 02.11. 1900 in München
Gest. 26.06. 1942 in Sol-Ilezk/ UdSSR
Schon das Kind träumt sich in die Welt des Theaters. Nach dem Besuch der Handelsschule
arbeitet die Tochter eines Musiklehrers und einer Wirtin von 1917 bis 1919 als Bankangestellte,
nimmt jedoch heimlich privaten Schauspiel-, Tanz- und Gesangsunterricht und erhält im
Sommer 1920 endlich die von ihr erhoffte Chance: Am Kur-Theater in Baden-Baden darf sie als
Krankheitsvertretung einspringen. Für zwei Spielzeiten bleibt sie hier und wechselt
anschließend nach Darmstadt und Nürnberg. Schließlich wird Carola Neher an die
renommierten Münchener Kammerspiele engagiert, erhält dort aber nur Stückverträge für kleine
Rollen. 1924 wechselt sie ans Lobe-Theater nach Breslau, an dem auch {ln:Giehse, Therese
'Therese Giehse} und {ln:Lorre, Peter 'Peter Lorre} auf der Bühne stehen.
Nach Schlesien gefolgt ist der jungen Schauspielerin aus München der Dichter Klabund, mit
bürgerlichem Namen Alfred Henschke, den sie am 5. Mai 1925 heiratet. Der lungenkranke
Klabund, zehn Jahre älter als sie, ist zu dieser Zeit bereits ein bekannter Lyriker, dessen Stück
“Der Kreidekreis“ bei seiner Uraufführung in Meißen für Carola Neher zu ihrem ersten großen
Bühnenerfolg wird. 1926 geht sie nach Berlin, wo sie mit {ln:Brecht, Bertolt 'Bert Brecht}
zusammenarbeitet. 1928, sie steht gerade für die Proben zur “Dreigroschenoper“, in der Neher
die Polly verkörpert, auf der Bühne, wird sie an das Sterbebett ihres an Tuberkulose erkrankten
Mannes im schweizerischen Davos gerufen. Die legendäre Premiere des Brecht-Stückes findet
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Neher, Carola
schließlich ohne sie statt. Neher übernimmt die Rolle erst bei der Wiederaufnahme im Mai
1929, und nun kommt es auch zu ersten Tonaufnahmen des Liedes von der Seeräuber-Jenny
und vom Barbara Song. In den Folgejahren schreibt Brecht für Carola Neher diverse Rollen, so
zum Beispiel die der Heilsarmistin Lilian Holiday in “Happy End“ und in “Die Heilige Johanna
der Schlachthöfe“. 1931 steht sie dann auch in der Verfilmung der “Dreigroschenoper“ als Polly
vor der Kamera. Weitere Erfolge feiert sie im selben Jahr als Marianne in {ln:Horváth, Ödön von
'Horvaths} “Geschichten aus dem Wiener Wald“ sowie in der Revue “Ich tanze um die Welt mit
dir“.
1933 unterzeichnet die der KPD nahestehende Schauspielerin mit anderen Künstlern einen
Aufruf gegen Hitler und beschließt noch im selben Jahr, nach der Machtübergabe an die
Nationalsozialisten, Deutschland zu verlassen. Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann, dem aus
Rumänien stammenden Ingenieur Anatol Becker, geht Carola Neher zunächst nach Prag, wo
sie am Neuen Deutschen Theater in Shaws “Pygmalion“ und Shakespeares “Der
Widerspenstigen Zähmung“ spielt. 1934 emigrieren die Eheleute in die Sowjetunion und
engagieren sich in Moskau im Kabarett “Kolonne Links“ unter der Leitung von Gustav von
Wangenheim. Am 26. Dezember 1934 wird Sohn Georg geboren. Seine Mutter arbeitet
journalistisch, gibt Rezitationsabende und erteilt Schauspielunterricht. Nehers anfängliche
Hoffnung auf eine Fortsetzung ihrer Filmkarriere in der Sowjetunion erfüllt sich hingegen nicht.
Am 25. Juli 1936 wird Carola Neher denunziert und mit ihrem Mann im Zuge der “Stalin’schen
Säuberungen“ verhaftet. Anatol Becker wird im darauffolgenden Jahr als “Trotzkist“ hingerichtet,
Neher zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Das gemeinsame Kind bleibt zurück, wächst
zunächst bei Freunden auf und kommt später in ein sowjetisches Kinderheim. Nach fünf Jahren
Haft und im Alter von erst 41 Jahren stirbt die Künstlerin mit der Häftlingsnummer 59 783 im
Straflager Sol-Ilezk, unweit der kasachischen Grenze, an Typhus.
Keiner ihrer früheren politischen Wegbegleiter und Kollegen, so die Vorwürfe nach ihrem Tod,
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habe sich für das Leben der Inhaftierten eingesetzt, auch nicht ihr privat verbundene Freunde
wie Bert Brecht und renommierte Schriftsteller wie {ln:Feuchtwanger, Lion, 'Lion
Feuchtwanger}, “dessen Bücher in der Sowjetunion in hohen Auflagen erscheinen, besucht als
Stalins Gast die Schauprozesse. Obwohl er Carola Neher unter den Verhafteten weiß, liefert er
in seinem Reisebericht Moskau 1937 eine auch von Brecht enthusiastisch begrüßte,
entschiedene Legitimation der Stalinschen Prozesse. Beide fungieren in dieser Zeit, in der
immer mehr Weggefährten im Gulag verschwinden, als Herausgeber der Moskauer Zeitschrift
“Das Wort”. 1938 veröffentlicht darum die niederländische Exilzeitung “Unser Wort” einen
leidenschaftlichen Protest Walter Helds, der die sowjetfreundlichen Exil-Schriftsteller des
Verrats an den Opfern Hitlers und Stalins, des Verrats an der eigenen Moral zeiht: “Sie, Herr
Brecht, haben Karola Neher gekannt. Sie wissen, daß sie weder eine Terroristin noch eine
Spionin, sondern ein tapferer Mensch und eine große Künstlerin war. Weshalb schweigen Sie?”
(zitiert aus: Uschi Otten“ Vom umjubelten Star der Dreigroschenoper zur “terroristischen
Verschwörerin”. Erinnerung an die Schauspielerin Carola Neher *)
Carola Nehers und Anatol Beckers gemeinsamer Sohn Georg, der 1975 von Odessa in die
Bundesrepublik übersiedelt und mit einer Ausbildung als Musiklehrer in die Fußstapfen seines
Großvaters tritt, wird erst Jahrzehnte später die Geschichte seiner Eltern erfahren.
Quellen:
*) Artikel von Uschi Otten in:
{ln:nw:https://web.archive.org/web/20070927220227/http://www.kpoe.at/bund/archiv/Stalinismu
s/otten.htm }
{ln:nw:https://de.wikipedia.org/wiki/Carola_Neher }
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Neher, Carola
{ln:nw:http://www.gdw-berlin.de/nc/de/vertiefung/biographien/biografie/view-bio/neher/ }
{ln:nw:http://www.bad-bad.de/theater/c_neher.htm }
Links (deutsch):
{ln:nw:http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/carola-neher/ }
{ln:nw:http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt00/0011pora.htm }
{ln:nw:http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/nid=660374/did=1020
6506/1kzmvrf/index.html }
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