Die Mitte ist weg

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Die Mitte ist weg
Medioker geht die Welt zu Grunde
Autor: U. Gellermann
Datum: 13. Dezember 2012
Wie viele Engel haben Platz auf einer Nadelspitze? Fragte die mittelalterliche
Scholastik und kam nie zu einer zählbaren Antwort. Denn Engel sind
immateriell und so könnten alle oder keine dieser beflügelten Virtualitäten auf
der Nadelspitze Platz nehmen. Und wenn nun alle Engel zugleich ihr Plätzchen
auf der Nadel beanspruchen würden? Von solchen und ähnlichen Fragen sind
allerlei politische Parteien getrieben. Denn was den Engeln die Nadel, das ist
den Parteien die Mitte. So posaunte vor kurzem Peer Steinbrück, er wolle die
"Deutungshoheit in der politischen Mitte? zurückgewinnen. Unter Hoheit macht
es der Sozialdemokrat heute nicht mehr. Weil Frau Merkel den Steinbrück nicht
alleine auf der Nadel sitzen sehen will, kommt sie uns mit dem
Alleinvertretungsanspruch von der "Volkspartei der Mitte". Nach ihr muss sich
das ganze Volk auf der Mitte drängeln, rundum die Merkel wo eben möglich.
Das hat die FDP nicht ruhen lassen. Mit ihrem Rösler sieht sie sich selbst als
"Grundachse" der Mitte. Und man sieht förmlich alle anderen Parteien als fünfte
Räder an einem Mitte-Wagen, dessen Achse von der FDP in Grund und Boden
gefahren wird. Nachdem jetzt auch die Grünen erklären "wir sind in der
politischen Mitte angekommen" leidet der politische Mittelpunkt an arger
Überfüllung. Auch die Piraten, von denen man nicht genau weiß ob sie ihre
Augenklappe auf dem rechten oder dem linken Auge tragen, haben mit der
Gründung einer "Sozialliberalen Strömung" den Weg in die völlig überfüllte
Mitte gefunden. Der Winter des Kapitalismus naht, da hofft so mancher, er habe
es warm, wenn man nur zusammenrücke.
Die soziale Mitte dagegen, erfuhren wir jüngst aus einer Studie der
Bertelsmann-Stiftung, schwindet dahin: "Seit 1997 (ist) ein deutlicher
Schrumpfungsprozess für die Einkommensmittelschicht in Deutschland zu
beobachten. Lag der Anteil dieser Gruppe gegen Mitte der 90er Jahre noch bei 65
Prozent, so hat sich dieser bis 2010 nahezu kontinuierlich auf 58 Prozent
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reduziert." So wie die Mitte schrumpft, so wachsen die Ränder: Während die
Bezieher von Spitzeneinkommen um eine halbe Million gewachsen sind,
vergrößert sich die Gruppe der unteren und untersten Einkommensschichten
um knapp vier Millionen. Bertelsmann wäre nicht Bertelsmann, wenn die
Stiftung für diesen Prozess, der den Unterschichten gemacht wird, nicht eine
griffige Formulierung hätte: Die "Abwärtsmobilität" habe in den vergangenen
Jahren dominiert. Immerhin, sagt uns die Studie, das Land ist ganz schön
mobil. Auch für den Osten Deutschlands hat der Lesezirkel unter den Stiftungen
einen sachdienlichen Hinweis: "Der Schrumpfungsprozess betrifft darüber
hinaus Personen in Ostdeutschland stärker als in Westdeutschland." Werden
die im Osten kleiner? Oder sind sie nur betroffener? Oder nehmen sie nur
weniger Platz auf der Nadelspitze ein?
Die Mitte der Europäischen Union, haben kluge Leute ausgerechnet, liegt in der
hessischen Stadt Gelnhausen. Da hat man vor geraumer Zeit, am Fuße des
"Niedermittlauer Heiligenkopfes" eine drei Tonnen schwere Skulptur in den
Boden genagelt, vielleicht um die Mitte ein für allemal festzuhalten. Denn wer
eine Mitte hat, der hat etwas zu verlieren. Am Rand, das glaubt die Mehrheit des
deutschen Wahlbürgers zu wissen, da lauert der radikale Abgrund. Doch wenn
Merkel, Steinbrück & Co. die Mitte sind, dann entspringt genau dort die soziale
Radikalität: Von den seit Mitte der 1990er-Jahren durchgeführten
Steuerreformen, so schreibt die Studie, hätten vor allem Reiche profitiert. Und
weiter, mit sprachlich gebremstem Schaum: "Die (in dieser Zeit) entstandenen
atypischen Beschäftigungsverhältnisse sind in der Regel durch eine
unterdurchschnittliche Entlohnung gezeichnet." Da kann es den
Normalsprachler schon zur Übersetzung drängen: Alles, was die Dame von der
Leyen in ihrem Armutsbericht versteckt, die Sklaven-Zeitarbeits-Verträge und
der Ein-Euro-Hungerlohn kennzeichnen das Land und brandmarken immer
mehr Menschen als ausgestossen aus der Mitte der Gesellschaft. Und während
sich die Mehrheitsparteien in ihrer Mittelmäßigkeit genügen, schreibt die
Studie etwas über die Ränder: "Die Polarisierung der Einkommensverteilung
entspricht einer zunehmenden Segmentierung der Gesellschaft. . ." Da die Engel
fraglos zu den höheren Wesen gehören, sei hier ein älteres Textfragment zitiert:
"Es rettet uns kein höh´res Wesen ... uns aus dem Elend zu erlösen, können wir
nur selber tun." Das allerdings steht nicht in der Bertelsmann-Studie.
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