Sinn, Bedeutung, Verstehen

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EINLEITUNG:
SPRACHPRAGMATIK UND HERMENEUTIK
Unabhängig vom menschlichen Leben, losgelöst von der menschlichen
Praxis lassen sich keine wesentlichen Einsichten in die Sprache gewinnen.
Um eine Sprache zu verstehen, um die Bedeutungen sprachlicher Äußerungen ermitteln zu können, um zu verstehen, was es überhaupt heißt, sich
einer Sprache zu bedienen, muß diese mit der Praxis und dem Leben ihrer
Sprecher und Hörer in Verbindung gebracht werden. Diese sprachpragmatische Ansicht, die häufig mit den späteren Schriften Wittgensteins in Verbindung gebracht und im Anschluß an diese dargelegt und erörtert wird, steht
im Hintergrund der Untersuchungen und Analysen dieses Buches. Die vorliegenden Überlegungen beschreiten allerdings nicht den Weg einer umfangreichen Exegese der Texte Wittgensteins, um die angeführte Auffassung zu
diskutieren und zu begründen. In den ersten Kapiteln der Arbeit stehen
vielmehr kritische Analysen zu neueren Diskussionen um den Begriff der
Bedeutung und damit zusammenhängender Begriffe wie denjenigen des
Sinns und des Verstehens im Vordergrund. In systematischer Perspektive
lassen sich die Untersuchungen von den Grundgedanken und -einsichten
der Sprachpragmatik leiten; sie plädieren allerdings für eine hermeneutische
Ergänzung und Radikalisierung der Sprachpragmatik bzw. für eine Sprachhermeneutik. Dem Pragmatismus lassen sich die folgenden Überlegungen
zuschlagen, da sie sich von der These leiten lassen, daß sprachliche Äußerungen ihre Bedeutung durch ihren Gebrauch erhalten; pragmatisch sind
meine Analysen auch deshalb, da sie durchgängig von einem Primat des
Praktischen ausgehen und die Rolle unserer impliziten und praktischen Fähigkeiten beim Gebrauch und Verstehen von Sprache nicht aus den Augen
verlieren.1* Die pragmatische Grundorientierung soll mit einer hermeneutischen Perspektive verbunden werden. Unter einer hermeneutischen Philosophie verstehe ich nicht allein eine Methode oder Lehre vom richtigen
Interpretieren oder Verstehen und die Explikation der dieses leitenden Regeln, sondern einen Ansatz, dem es, wie der hermeneutischen Phänomeno1
*
Zur neueren Diskussion um den Begriff des Pragmatismus und Differenzierung verschiedener Pragmatismen vgl. inzwischen Brandom (2000a) und Gimmler (2000).
Anmerkung zur Zitierweise: Die Jahresangaben der zitierten Literatur beziehen sich in der
Regel auf die Erstausgaben der angeführten Schriften, auch dort, wo andere Ausgaben oder
Übersetzungen benutzt wurden. Die Seitenangaben beziehen sich auf die tatsächlich verwendeten Ausgaben, die im Literaturverzeichnis angeführt sind.
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Einleitung
logie Heideggers oder der philosophischen Hermeneutik Gadamers, um die
aufweisende Erhellung unserer Lebensphänomene zu tun ist. Der in diesem
weiten Sinne verstandenen philosophischen Hermeneutik geht es darum, die
in unserer Praxis liegenden und zumeist verborgenen Voraussetzungen aufzuzeigen und freizulegen, die unser Handeln wie auch unser Denken leiten.
Der Blick auf die zu untersuchenden Objekte oder Phänomene erfolgt mit
Rücksicht auf deren Einbettung in unsere primären Lebensvollzüge. Sprache oder Sprechen begreift die Hermeneutik in enger Verbindung mit unserer Praxis, unserer Geschichte, unserem Leben.2 Die Sprachhermeneutik
kann als eine radikalisierte Form von Sprachpragmatik begriffen werden und
zwar deshalb, da die Gebrauchsaspekte der Sprache, der Zusammenhang
der Sprache mit unseren Handlungen, die Zwecke und Absichten, welche
Sprecher mit ihren Äußerungen verbinden und auch der Rekurs auf Äußerungssituationen und -umstände für sie nicht den Stellenwert von Selbstverständlichkeiten einnehmen, sondern ihrerseits auf ihre Voraussetzungen hin
befragt werden können und müssen. Die Auseinandersetzung mit diesen
Voraussetzungen wird zeigen, daß man beim Gebrauch und Verstehen
sprachlicher Ausdrücke auf mit unserer Lebenspraxis verwobene Deutungen der entsprechenden Ausdrücke angewiesen bleibt.
Auf dem Hintergrund des von Sprachpragmatik und Sprachhermeneutik
geteilten lebensbezogenen Verständnisses von Sprache sind es im einzelnen
die folgenden Thesen und Auffassungen, die in diesem Buch diskutiert und
problematisiert werden sollen3:
Aussagesätze bilden die Basis aller Sprachverwendungen und machen
den Kernbestand der Sprache aus. Alle anderen Modi und Verwen2
3
Um von vornherein möglichen Mißverständnissen zu begegnen: Der Begriff der Sprachhermeneutik ist in der neueren Philosophie vor allem von K.-O. Apel verwendet worden
(vgl. Apel (1973), (1973a)). Er bezeichnet dort neben Sprachanalytik und Semiotik das dritte Element von Apels Projekt einer Transzendentalpragmatik, das diese verschiedenen
Strömungen der Gegenwartsphilosophie zu einem Ganzen zusammenfügen möchte. Apel
hat den Begriff der Sprachhermeneutik unter anderem zur Kennzeichnung der Ansätze
von Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer und Johannes Lohmann verwendet (vgl. z.B.
Apel (1973a), 322). Obgleich auch ich mich zum Teil auf Analysen Heideggers und Gadamers beziehe, ist mein Verständnis des Begriffs nicht von dem systematischen Interesse
einer Letztbegründung unseres Wissens und unserer Erkenntnis geprägt.
Zu diesem Katalog vgl. auch die Überlegungen von Winograd/Flores (1986), 40 ff.; Lakoff/Johnson (1980), v.a. 185 ff., Lakoff (1987), v.a. 9, 157-184; insgesamt auch Johnson
(1987). Die angeführten Schriften stellen überall dort überzeugende Argumente bereit, wo
es ihnen darum zu tun ist, gegen verbreitete Vorstellungen von der Sprache und Vernunft
anzugehen. Sie werden problematisch, wo sie sich um die Formulierung einer neuen, eigenen Theorie bemühen, die ihrerseits zu große Allgemeinheitsansprüche mit sich führt und
– wie im Fall von Winograds und Flores’ Rekurs auf den biologischen Konstruktivismus
Maturanas oder Lakoffs Theorie kognitiver Modelle – mit voraussetzungsreichen Hypotheken belastet ist. Zur Kritik an Johnson vgl. auch Schneider (1995).
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