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»Kinderchen, liebt euch!«
Lessings Ringparabel und die heutige Debatte um Integration
Von: Hans-Jürgen Benedict, erschienen im Deutschen Pfarrerblatt, Ausgabe: 2 / 2012
Die öffentliche Wahrnehmung des Islam ist heute derart von seiner fundamentalistischen Verengung bestimmt, dass der
normale Mehrheitsislam kaum noch wahrgenommen wird. Zugleich wird mit zweierlei Maß gemessen, wenn bei Muslimen
zuallererst die Religionszugehörigkeit zum Kriterium gesellschaftlicher Ablehnung oder Zustimmung gemacht wird.
Hans-Jürgen Benedict stellt dieser Haltung das Religionsverständnis der Aufklärung entgegen, wie es sich in Lessings
Nathan der Weise abbildet.
"Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", sagte der Bundespräsident am 3. Oktober 2010, nachdem er
Christentum und Judentum als die beiden wichtigen Religionen genannt hatte, auf denen die deutsche Gesellschaft beruhe.
Ihm war wohl nicht bewusst, dass er damit eine Neufassung der Lessingschen Ringparabel aus Nathan der Weise vor dem
Hintergrund der Integrationsdebatte lieferte - alle drei Religionen sind gleichrangig, ihr Wert bemisst sich danach, was sie für
den Zusammenhalt der Gesellschaft tun. Den sah der Bundespräsident im Fall des Islam zwar nachrangig, aber doch als
vorhanden an. Das war Balsam für die wunden Seelen vieler Muslime hierzulande. Der bayrische Ministerpräsident und
CSU-Vorsitzende Seehofer beeilte sich ein paar Tage später, diesen Wert des Islam insgesamt anzuzweifeln.
Nathan der Weise ist ein Hauptstück deutscher Humanität und Aufklärung, eines der großen klassischen Werke wie Schillers
Don Karlos, Goethes Iphigenie, Kleists Der Prinz von Homburg. Indem es einen Juden als Vertreter einer Minderheit zur
Hauptperson macht, stellt es eine kritische Frage an die deutsch-christliche Humanität, die 150 Jahre später so schrecklich
versagen sollte. Es tritt für eine gegenseitige Tolerierung der Religionen ein, indem es das praktische Tun der Glaubenden
und nicht die richtige Lehre zum Wahrheitskriterium macht. Und es nimmt die unterschiedlichen Machtverhältnisse ernst; das
gute Ende mit den allseitigen Umarmungen skizziert die Utopie einer Menschheitsfamilie, die sich trotz der religiösen
Differenzen versteht.
Die Entstehung des Nathan wurde bekanntlich ausgelöst durch den Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Goeze über die
von Lessing veröffentlichten bibelkritischen "Fragmente eines Ungenannten". Goeze sah damit die Grundlagen von Staat
und Kirche in Frage gestellt und griff Lessing heftig an. Der schlug zurück: "Überschreien können Sie mich alle 8 Tage. Sie
wissen wo. Überschreiben sollen sie mich gewiß nicht." Der Streit führte dazu, dass Lessing auf Ordre seines Dienstherrn,
des Braunschweiger Herzogs, die religionskritischen Reimarus-Fragmente nicht mehr veröffentlichen bzw. verteidigen durfte.
Worauf er sagte: "Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater, noch wenigstens wird
ungestört predigen lassen." Gewillt, "den Theologen einen ärgeren Possen zu spielen, als noch mit zehn Fragmenten",
machte er sich 1779 unverzüglich an die Niederschrift des Nathan.
Die Ringparabel - Inhalt und Hintergrund
Welche Religion ist die wahre? Das Thema beschäftigt Lessing schon seit seiner Wittenberger Zeit, als er die Rettung des
Cardanus schrieb, eines Humanisten des 16. Jh., der als erster die Gleichrangigkeit der drei monotheistischen Religionen
behauptete, das war zu damaliger Zeit eine lebensgefährliche Ketzerei. Auch zu Lessings Zeiten war es nicht ganz
ungefährlich. Eine Aufführung seines Stücks erlebte Lessing nicht. Schiller kürzte es und führte es dann in Weimar auf.
Zur Erinnerung: In der Mitte dieses Dramas stellt der Sultan bekanntlich die heikle Frage nach der wahren Religion. Nathan
ist überrascht - "ich bin auf Geld gefasst und er will - Wahrheit" (III,6), er verfällt auf den rettenden Einfall, den Sultan "mit
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einem Märchen ... abzuspeisen."
Vor grauen Jahren lebt ein Mann im Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem
Wert aus lieber Hand besaß.
Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug ... (III,7)
Diesen Ring übertrug viele Generationen hindurch der jeweils Regierende bei seinem Tod dem Lieblingssohn überrascht bis
er auf einen Herrscher kam, der seinen drei Söhnen mit gleicher Liebe zugetan war. Unfähig sich für einen von ihnen zu
entscheiden, lässt er nach dem Muster des echten Rings zwei weitere vollkommen ähnliche anfertigen und übergibt sie
allesamt vor seinem Tod den Söhnen. Deren darauf anhebenden Streit um den echten Ring entscheidet ein kluger Richter, in
dem er allein praktisches Handeln zum Kriterium für die Echtheit des Rings erhebt.
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
entscheiden. Denn die falschen Ringe werden
doch das nicht können - Nun; wen lieben zwei
Von euch am meisten?
Die Brüder schweigen. "Jeder liebt sich selber nur am meisten", vermutet der Richter und nennt sie "betrogene Betrüger."
Und meint: "der echte Ring vermutlich ging verloren." Sein Urteilsspruch: "Hat jeder von euch seinen Ring vom Vater/So
glaube jeder sicher seinen Ring den echten." Vor allem aber handle er entsprechend:
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hülf’. Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euren Kindes-Kinderkindern äußern:
So lad’ ich über tausend tausend Jahre
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Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht!
Das ist Lessings Version vom Jüngsten Gericht nach den Taten. Die Botschaft ist klar: Lessing vertritt die gegenseitige
Tolerierung der Religionen. Denn jeder Versuch, den Absolutheitsanspruch einer Religion in theoretischer Argumentation zu
begründen, ist zum Scheitern verurteilt. Religion muss ihre Überzeugungskraft in praktischer Humanität ausweisen. Deutlich
zielt Lessings Umschreibung der ethischen Kraft der Religion auf einen Habitus, auf die ethische Haltung: also unbestochne,
von Vorurteilen freie Liebe, Sanftmut, Verträglichkeit und Wohltun - und schließlich das Glaubensargument in wohlgemerkt
islamischer Version: Ergebenheit in Gott (denn das meint ja Islam).
Dieser ethische Minimalkonsens (heute vertritt ihn Küng) meint aber keine Entprofilierung der jeweiligen Religion. Denn
Lessing schließt dabei das Traditionsargument nicht aus, im Gegenteil. Saladin unterbricht ja Nathans Erzählung an einer
Stelle mit dem Argument, die Religionen wären doch wohl zu unterscheiden bis hin zur Kleidung und den Speisevorschriften.
Ja, sagt Nathan, aber von Seiten ihrer Gründe sind sie nicht zu unterscheiden, weil sie sich alle auf die jeweilige Geschichte
berufen, die die Väter den Söhnen überlieferten. Denn gründen sich nicht alle Religionen auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert!
Und Geschichte muss ja wohl auf Treu
und Glauben angenommen? Nicht?
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt?
Kann ich von dir verlangen, dass du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? (III,7)
Jeder soll also durchaus auf seine Religion bauen, die er von den Vätern ererbt, aber er soll sie nicht über die anderen
Religionen setzen. Saladin sagt: "Bei dem Lebendigen, der Mann hat Recht: ich muß verstummen."
Probleme des Zusammenlebens im Alltag
Dass Religionen unterschiedliche Bräuche haben, sich unterscheiden lassen, führt zu Problemen des Zusammenlebens im
Alltag. Ich nenne Beispiele:
Den Nichtchristen, aber auch den distanzierten Christen, der nicht in die Kirche geht, stört das Läuten am Sonntagvormittag.
Gäbe es kein Läuten mehr, würde aber auch er etwas vermissen. Er geht nicht in die Kirche, aber wenn sie in seinem
Stadtteil brennt, ist er auch traurig und betroffen.
Dass die Türken in Deutschland bestimmte Stadtteile bevölkern und damit zu fremden Zonen machen, kann und muss die
"Eingeborenen" verunsichern. Befremdung, Angst vor dem Fremden ist eine uralte Menschheitserfahrung. Die ältere Frau, die
schon lange in St. Georg wohnt, wird aber irgendwann trotzdem im türkischen Gemüseladen einkaufen, einfach weil es
günstig und die Bedienung freundlich ist; zudem erinnert es irgendwie an den alten Tante-Emma-Laden, den es nicht mehr
gibt. Und sie wird auch sonst Kontakt zu ihren türkischen Nachbarn aufnehmen, wenn diese Deutsch sprechen (das ist eine
Integrationspflicht, die von ihnen zu erbringen ist).
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Wenn ich als Christ einiges am Islam fremd finde, so soll ich dies Fremde doch respektieren und nicht abwerten oder mich
darüber lustig machen, es sogleich verbieten wollen (wenn es nicht den allgemein geltenden Gesetzen widerspricht); siehe
das Kopftuchtragen, das ja durchaus eine christliche Wurzel hat - Paulus gebietet es den Frauen in Korinth wegen der
Versuchlichkeit der männlichen Engel. Maria und die anderen Frauen unter dem Kreuz tragen ein Kopftuch und bis vor 50
Jahren war es auch in Deutschland noch üblich, ich denke an meine Großmutter in Ostfriesland. Die russlanddeutschen
Frauen in meiner Gemeinde in Hamburg-Steilshoop trugen selbstverständlich Kopftücher. Glaubt eine muslimische Frau es
vom Koran geboten - der deutsch-türkische Schriftsteller Zaimoglu nennt es Schamtuch - warum sie daran hindern, wenn
sie ansonsten Rechtsgehorsam zeigt und sich in die Mehrheitsgesellschaft integriert?! Niemand von uns hier wird eine
Nonnen- und Diakonissentracht oder ein Mönchshabit in der Öffentlichkeit tragen wollen, wird er aber den Nonnen und
Diakonissen, die das tun, damit ihre Integrationsbereitschaft oder ihren Rechtsgehorsam gegenüber dem Grundgesetz
absprechen? Etwas anderes ist es mit der Burka, aber die Zahl derer, die sie tragen, ist verschwindend klein.
Wenn in einer katholischen Fronleichnamsprozession das Sakrament durch die Straßen getragen wird, werde ich mich als
Evangelischer oder Indifferenter darüber lustig machen? Wohl kaum. Glaubt der Muslim den Koran direkt von Mohammed
offenbart und sieht diesen deswegen als sakrosankte Figur, wieso über ihn spotten? (Karikaturenstreit)
Verächtlichmachung der Religion ist auch bei uns noch strafbar, darf aber mit Recht die Freiheit der Kunst nicht
beeinträchtigen. Blasphemische Filme und Theaterstücke werden in der Regel nicht mehr verboten, wie noch in den 50er und
60er Jahren; der Klerus organisierte Demonstrationen.
Das Verbot des Kreuzes in Klassenzimmern durch das Bundesverfassungsgericht führte zu einem Aufschrei in Bayern und
wurde mit Methoden der Nazis verglichen. Inzwischen findet sich der Katholizismus zunehmend mit solchen
Infragestellungen ab. Der Islam hat hier aber einen großen Nachholbedarf, die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung
zu respektieren. Es ist nicht gut, wenn der islamische Klerus den Volkszorn schürt, anstatt die Wogen zu glätten.
Auch die historisch-kritische Exegese des Koran und andere heiliger Dokumente muss erst gelernt werden, am besten durch
in Absprache mit den islamischen Gremien eingerichtete Islam-Professuren an den Universitäten.
Es gilt also einiges zu verändern auf beiden Seiten, aber das ist bei gutem Willen möglich!
"God is power in relation"
Zurück zu Lessings Ringparabel. Sie ist rätselhafter, als es die erste Lektüre nahe legt. Wie die schillernden Farben des
Opals in dem legendären Ring entzieht sie sich immer mehr einer eindeutigen Auslegung. Der Vater kann nicht sagen,
welcher der drei Ringe der echte ist. Ging der echte Ring verloren (wie die wahre Religion)? Und was hat es mit der Kraft des
Rings auf sich - hat sie derjenige, der am meisten geliebt war? Oder ist er am meisten geliebt, weil er den Ring erbte? Und
wieso haben alle drei Söhne auf einmal nicht das Charisma des Rings, wo sie doch alle einen gleich aussehenden Ring
bekommen?
Ich würde das Rätsel so lösen, dass der Ring ein - wenn das Wort erlaubt ist - kooperativer Ring ist: wer ihn erbt, muss an
seine charismatische Kraft glauben, will sagen: mit ihm kooperieren, um so - wie Lessing sagt - "die Kraft des Rings in
seinem Verhalten an Tag zu legen". Das entspricht dem jüdischen Gottesverständnis, das auch Jesus vertrat und heute in
der feministischen Theologe wieder entdeckt wurde: "God is power in relation", also "Macht bzw. Kraft in Beziehung".
Kritisch wäre anzumerken, dass Lessings Auflösung der Religion in Moral doch das Wesen der Religion nur begrenzt erfasst.
Religion ist mehr als Moral - sie ist ein Versuch, die Widrigkeiten des Lebens unter Bezug auf eine letzte Instanz besser zu
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ertragen, sie ist vor allem existentieller Trost und Herausforderung, sie ist - wie sagte doch Lessing selber - "ein inneres
Gefühl", das durch Bibel- und Korankritik nicht zerstört werden kann. Glaube kann Kraft geben, der Menschen zu mutigen
Handlungen instand setzt, zum Ertragen von Leiden.
Aber eine menschenfreundliche Ethik sollte ihr praktisches Kriterium sein - wer fromm ist und zugleich frauen- und
fremdenfeindlich, aggressiv und militant, seine Kinder prügelt, wirbt nicht gerade für seinen Glauben. Ich erinnere daran, dass
evangelikal eingestellte Christen ihre Kinder noch heute mehr prügeln als Eltern aus evangelischen, katholischen und
muslimischen Familien (so eine Untersuchung von Christian Pfeiffer in: SZ 18.10.2010). Interessant, dass in katholischen
Elternhäusern die Eltern am meisten prügelten, die Religion als unwichtig betrachteten. Denn Züchtigung wird in der Bibel
lobend erwähnt, kritische Bibellektüre würde aber diese Empfehlung als überholt abtun. Doch der evangelikale Christ liest die
Bibel wörtlich. Ähnliches gilt für die eine oder andere muslimische Praxis, die sich auf den Koran oder eine bestimmte
Auslegung bezieht, die aus damaligen Zeitumständen erklärlich, aber in einer modernen Gesellschaft nicht mehr tunlich ist.
Die christlich-jüdische Leitkultur und der Islam
Lessings Nathan war lange Zeit ein Stück gegen den Antisemitismus, weil es einen weisen, positiv dargestellten Juden
zeigte. Der herrschende Anti-Islamismus gibt dem Stück in der gegenwärtigen Situation eines "Kampfes der Religionen"
seine besondere Brisanz. Die öffentliche Wahrnehmung des Islam ist heute derart von seiner fundamentalistischen
Verengung bestimmt, von Al-Qaida, den Taliban und den terroristischen Anschlägen, dass der normale Mehrheits­islam
kaum noch wahrgenommen wird. Die Eigenarten und Schönheiten dieses Glaubens kommen nicht mehr zur Geltung. Schon
der Bau einer Moschee löst Ängste aus. In der Schweiz wurde der Bau von Minaretten in einer Volksabstimmung verboten.
Es ist ja merkwürdig - viele distanzierte Christen entdecken auf einmal im Vergleich mit dem angeblich fanatischen Islam,
der ihnen tagtäglich in den Medien präsentiert wird, die Vorzüge und die Toleranz der eigenen Religion. Sie vergessen dabei,
dass sich das Christentum Jahrhunderte lang gegen die Aufklärung gesträubt hat und es in seinen fundamentalistischen
Ausformungen auch heute noch tut, dass sich Katholiken und Protestanten noch im 17. Jh. einen schrecklichen
Religionskrieg lieferten. Sie vergessen dabei, dass die katholische Kirche in ihren Institutionen immer noch versucht, ihr
Recht über weltliches Recht zu setzen - so kann einer, der geschieden ist, nicht Chefarzt im katholischen Krankenhaus
werden; das Sexualverhalten soll von katholischen Normen bestimmt werden, keine Verhütung und keine Abtreibung;
Straferziehung gehörte in evangelischen wie katholischen Erziehungsheimen bis Ende der 60er Jahre zur üblichen Praxis (s.
das Buch von Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn); Strafverfolgung von Missbrauch von Kindern und
Jugendlichen wurde jahrzehntelang hintertrieben und kommt erst jetzt ans Tageslicht usw. Sie vergessen auch, dass
Religion mit ihren partikularen, durch weit zurückreichende archaische Herkunft bedingten Bräuchen immer wieder
Befremden auslösen wird.
Ich erinnere mich noch genau, wie befremdet ich war, als der katholische Klassenkamerad Heinz Hermann Elting, aus dem
katholischen Rheinland ins lutherische Hamburg gezogen, eines Morgens mit einem Aschekreuz auf der Stirn zum Unterricht
in der Schleeschule erschien. Auch das Kreuzschlagen, das eintauchen der Finger ins Weihwasserbecken empfand ich
zunächst als fremden magischen Rest und ich erregte mich im Unterricht über die Heilige Johanna - kein Mensch sei heilig,
rief ich in die Klasse. In einer säkularen Gesellschaft sind religiöse Praktiken auffällig. Ein evangelischer Student, der in der
Mensa ein Tischgebet spricht, zieht verwunderte oder belustigte Blicke auf sich. Desgleichen ein Jude mit einer Kippa.
Lessing hält in seinem Stück jene islamische Aufklärung und Toleranz fest, die der christlichen um Jahrhunderte vorausging.
Heute gilt der Islam als aufklärungsresistent. Seine schwierige Situation im Übergang zur Moderne wird nicht gesehen. Das
Kopftuchtragen muslimischer Frauen wird nur als Zeichen angeblicher Unterdrückung der Frau im Islam gesehen. Als
Zeichen dafür, dass muslimische Frauen sich so sichtbar für ihren späteren Mann bewahren wollen, wird es nicht akzeptiert.
Und: ist es nicht auch ein Protest gegen die allgegenwärtige sexuelle Entblößung hierzulande?
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Es bleiben Fragen: Ist der westliche Universalismus insofern intolerant, als er religiös-politische Eigenarten anderer Kulturen
nicht gelten lassen will? Wie kann es zur Anerkennung der Differenz unter Voraussetzung der Regeln der Gleichheit und
Gerechtigkeit kommen? Wie würde Lessing heute das Zusammenleben mit den Muslimen bewerten? Einerseits Freude über
des Bundespräsidenten Satz, der Islam gehöre zu Deutschland - andererseits: Was würde er zu Seehofers Attacke vom 10.
Oktober 2010 sagen, der in "Focus" einen Zuzugsstopp für Muslime gefordert hatte, denn: "es ist doch klar, dass die
Zuwanderer aus der Türkei und arabischen Ländern insgesamt (sich) schwerer tun, weil sie nicht in unseren
jüdisch-christlichen Kulturkreis passen." Also bleiben sie lieber da, wo sie es nicht so schwer haben, sich zu integrieren.
Hier wird der Eindruck erweckt, die jüdisch-christliche Wertegemeinschaft werde durch muslimische Eindringlinge bedroht.
Eine fremde Spezies mache sich hier bei uns breit. Es ist die alte Fremdenangst, die geschürt wird, jetzt mit einem religiösen
Unterton, der die drei abrahamitischen Religionen in zwei gute einteilt (immerhin sind die Juden jetzt auch dabei, auch wenn
sie in Seehofers Weltbild nach den Christen kommen, was die Genealogie umkehrt) und in eine schlechte, die Muslim.
Immer wieder beschwören konservative CDU- und CSU-Politiker und ihre Wähler eine deutsche Leitkultur und
Wertegemeinschaft. Aber die ist nicht gesetzlich einzuklagen. Werte sind etwas anderes als Rechte. Werte können
Rechtsentwicklung mit beeinflussen oder behindern, aber nicht an ihre Stelle treten.
Ulrich K. Preuß hat in einem Artikel der Blätter für deutsche und internationale Politik (6/2010) gezeigt, wohin die Rede von
Wertegemeinschaft und Leitkultur führt. Sie macht die Rechtsgleichheit der Bürger abhängig von ihrer kulturellen
Zugehörigkeit. Zuerst beschwören die Politiker eine Wertegemeinschaft, die religiös und kulturell so definiert wird, dass
Andersgläubige darin keinen Platz finden. In einem zweiten Schritt wird die homogene Wertegemeinschaft dann solange mit
den bürgerlichen Grundrechten zu einer Einheit verschmolzen, bis der elementare Unterschied zwischen
Verfassungsnormen und kulturellen Werten unkenntlich wird. Und auf einmal sind die Muslime davon ausgeschlossen, weil
sie eben nicht unsere Werte vertreten. "Ein Verfassungsstaat, der rund 20% seiner Staatsbürger gleiche staatsbürgerliche
Rechte nur unter der Bedingung gewähren würde, dass sie sich unauffällig integrieren, der verletzt seine eigenen normativen
Grundlagen, die ihn dazu verpflichten, das individuelle Recht auf Verschiedenheit und deren sichtbare Äußerung
anzuerkennen." Oder anders gesagt: Das Grundgesetz wird christlich(-jüdisch) getauft.
So sehr dies unserem christlichen Bestrebungen und Wünschen entgegenkommen mag - es stimmt so nicht. Zwar gibt es
Berührungen zwischen dem Grundgesetz und den sog. christlichen Werten (der Gedanke der Gottebenbildlichkeit unterstützt
die Menschenwürde), aber um der Wahrheit die Ehre zu geben: das Grundgesetz, die Erklärung der Menschenrechte und
der demokratisch-liberale Rechtsstaat sind weitgehend gegen den Widerstand der Kirchen entstanden. Für die Kirchen war
Jahrhunderte lang nur der Christ ein voller Mensch, der Heide nicht, deswegen die aggressive Heidenmission in
Lateinamerika, der Millionen Indios zum Opfer fielen. Noch vor 100 Jahren mussten die katholischen Priester den sog
Antimodernisteneid schwören, der den religionsneutralen modernen Staat und die Menschenrechte verwarf. In der Weimarer
Republik haben 80% der Pfarrer deutschnational gewählt und den liberalen Rechtsstaat abgelehnt; erst als die Nazis die
liberalen Freiheitsrechte abschafften, lernten sie ihn schätzen - zu spät!
Tatsächlich ist der Gedanke der Menschenrechte in der antiken Stoa entstanden. Der Gedanke eines Verfassungsstaats ist
von englischen Naturrechtsphilosophen entwickelt worden (Locke) und erkämpft in der französischen und amerikanischen
Revolution, hier unter Mitwirkung der Protestanten. In der demokratischen Revolution von 1848 standen die Kirchen in
Deutschland aber auf der Seite der Konservativen, abgesehen von einzelnen Theologen.
Das sog. "Böckenförde-Argument", der moderne demokratische Rechtsstaat lebe von Voraussetzungen religiöser Art, die er
nicht selbst geschaffen habe, die er aber zum eigenen Bestand und zu seiner Zukunftsfähigkeit brauche, ist fragwürdig, wenn
es darauf hinausläuft, dass der Staat deswegen um seiner selbst willen an der Erhaltung des jüdisch-christlichen Erbe
interessiert sei. Heute wird das Argument benutzt, um etwa im Kopftuchstreit den Islam gegenüber den beiden anderen
abrahamitischen Religionen zu diskriminieren, indem das Kopftuchtragen verboten wird, andere religiöse Symbole aber nicht.
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Entweder muss man auch den Islam zum religiösen Erbe Europas rechnen - dahin deutet die Bemerkung des
Bundespräsidenten - (also als eine abrahamitische Religion, wenn auch in einer Form, die uns nicht so sehr gefällt) und ihn
in die Erhaltung der kulturellen Grundlagen konstruktiv einbinden oder man muss die Bedeutung dieses Gedanken
einschränken und sagen, alles, was wir von religiös eingestellten Bürgern verlangen können, seien sie Juden, Christen oder
Muslime, ist Rechtsgehorsam gegenüber dem Grundgesetz. Die Anerkennung des staatlichen Gewaltmonopols gehört dazu
wie die Gleichstellung von Mann und Frau, die Trennung von Staat und Religion, die Schulpflicht und das Recht auf
Religionsunterricht, die Öffentlichkeit, die Freizügigkeit, der friedlich ausgetragene demokratische Streit, der Tierschutz u.a.
Die religiösen Traditionen müssen sich den Grundrechten unterordnen, wobei im Einzelfall geprüft werden muss, ob nicht
religiös eingestellte Menschen ihre besonderen Prägungen in vorsichtiger Abwägung mit den gängigen
Rechtsgepflogenheiten, dem sog. "ordre public" bewahren können. So kann die Ehescheidungsgesetzgebung der Scharia
durchaus mit dem deutschen Eherecht abgestimmt werden, so wie das auch mit dem katholischen Eherecht geschehen ist.
So können muslimische Frauen, die im Ausland wirksam eine polygame Ehe geschlossen haben, hierzulande Unterhalts-,
Erbrechts- und auch Rentenansprüche, die auf Beiträgen des Ehemanns beruhen, geltend machen, obwohl die Mehrehe in
Deutschland strafbar ist. Dies wird von deutschen Gerichten hingenommen, da die Frau sonst Rechte gegenüber ihrem
Mann verlieren würde, auf die sie bei der Eheschließung vertrauen durfte. Oder die Schächtung von Tieren (rituelle
Schlachtung) wurde den Juden erlaubt in Abstimmung mit dem Tierschutzgesetz.
Schließlich muss die positive Einstellung des Staates gegenüber den christlichen Religionsgemeinschaften - sie sind
Körperschaften öffentlichen Rechts, können Kirchensteuer erheben, bekommen weitere Staatsleistungen, haben das Recht
auf Religionsunterricht - auch anderen Religionsgemeinschaften gewährt werden, wenn Rechtsgehorsam besteht. Natürlich
können Zwangsehen, Hasspredigten, ganz zu schweigen von Ehrenmorden, nicht geduldet, sondern müssen bestraft
werden. Sie sind aber nicht identisch mit dem Islam, wie oft noch unterstellt wird, genauso wenig wie Raubmord, Totschlag,
Vergewaltigung und Diebstahl begangen von christlich getauften Deutschen Kennzeichen deutschen Christentums sind.
"Jud, Christ, Muselmann und Parsi ..."
"... alles ist ihm eins" heißt es im Nathan. Es gilt den ägyptischen Arzt, den iranischen Physikstudenten und den türkischen
Kleinunternehmer zunächst einmal als Menschen und als deutsche Staats- und Rechtsbürger zu sehen, und erst in zweiter
Hinsicht als Muslime. Ich werde ja auch den deutschen Arzt oder Unternehmer nicht zunächst nach seinem Christsein
beurteilen. Glaube ist Privatsache, und es gibt unterschiedliche Formen des Glaubens, sehr bewusste, aktive Christen, sog.
Sonntagschristen, Weih­nachts­christen, kirchlich Distanzierte usw. Ähnlich ist es auch bei Juden und Muslimen.
Meine doch keiner, alle Muslime bei uns seien stark religiös eingestellt. Also rücken wir mit Lessing die Religion an die ihr
zukommende Stelle, fangen wir nicht bei den Muslimen auf einmal an, die Religionszugehörigkeit zum Kriterium der
Ablehnung oder Zustimmung zu machen.
Schlimm ist es, wenn, wie in der Sarrazin-Debatte geschehen, dessen fragwürdige Thesen, etwa die Muslime setzten durch
ihre vererbte Dummheit die Überlebensfähigkeit der deutschen Nation aufs Spiel, auch in christlich-konservativen oder sogar
liberalen Kreisen Zustimmung findet. Schon einmal hat der Gedanke eines gesunden Volkes und die Eugenik-Debatte
schreckliche Auswirkungen gehabt und die Kirchen haben gar nicht oder zu spät protestiert.
Ich schließe mit der Erinnerung an einen kleinen hübschen Dialog Lessings, genannt Das Testament Johannis. Darin
berichtet er von einer apokryphen Anekdote, die erzählt, dass die Predigten des Evangelisten Johannes im Alter immer kürzer
geworden seien. Zum Schluss hätten sie nur noch aus einem Satz bestanden: "Kinderchen, liebt euch!" Als seine verblüffte
Gemeinde ihn fragte, warum er nur das immer wiederhole, antwortete er: "Darum, weil der Herr es befohlen. Weil das allein,
das allein, wenn es geschieht, hinlänglich genug ist." (LW III,357)
In der Tat - so schlicht kommt die christliche Botschaft daher, keineswegs nur apokryph, sondern auch kanonisch, wenn
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man 1. Joh. 4. zu Rate zieht. "Ihr Lieben, wenn Gott uns so geliebt hat, sollen wir auch einander lieben." "Kinderchen liebt
euch" ist natürlich noch besser.
Deutsches Pfarrerblatt, ISSN 0939 - 9771
Herausgeber:
Geschäftsstelle des Verbandes der ev. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V
Langgasse 54
67105 Schifferstadt
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