Das Alte Testament

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Das Neue Testament
Jesus und Paulus, eine grenzenlose Dualität
Gestatten, Eva!
Wie wichtig
ist die Wahrheit wirklich?
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Î 2
Das Alte Testament
Jehova, der höchst unchristliche Gott des Christentums
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
Die Schöpfungsgeschichte
Noch eine Schöpfungsgeschichte
Die Gottversteher
Der Sündenfall – Ist Gott im Recht oder der Teufel?
Die christliche Theologie – unglaublicher Output
eines Märchens
Die Vaterschaft Abels: Wer hätte das gedacht…?
Wie tief sinkt Gott noch?
Das Beste im Alten Testament: Der Name Gottes
Israels Könige: Schlechter als ihr Ruf
Die frühen Theologen und ihr Widersacher
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11. Heilige Kühe gibt’s nicht, in der Bibel schon gar nicht!
12. Die Theologen in Erklärungsnotstand
– doch Not macht erfinderisch
13. Jesu Geburt oder wie stellt man sich
die Geburt eines legendären Menschen vor?
14. Kindheit und Jugend des „Wunderkindes“
15. Der Tod Jesu – Endlich Anlass
zu wahrheitsgetreuer Berichterstattung?
16. Jesus – ein Mensch ohne Irrtümer
und ohne jede menschliche Entwicklung?
17. Wahre Liebe gibt es nur zwischen….
18. Eintracht und Verständigung –
für Paulus ein Fremdwort
19. Ein merkwürdiger Heiliger
20. Die Lehre, die die Welt eroberte
21. Die Wurzeln des „Christentums“
22. Der Wolf im Schafspelz
23. Es kommt auf die Reihenfolge an
24. Das „evangelion“
25. Die wichtigsten Übersetzungsfehler
26. Wir haben einen Vater, aber keine Mutter?
27. Betet ohne Unterlass! – Gibt es etwas ,Gottloseres’?
28. Wo ist die Richtschnur?
Î 24
Î 28
Î 29
Î 33
Î 36
Î 38
Î 47
Î 53
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Die Bibel,
das Buch der unbegrenzten Möglichkeiten
29.
30.
31.
32.
33.
Die Vita Jesu
Unbegrenzt zum Ersten
Was sagen Sie zu dieser Interpretationsmöglichkeit?
Unbegrenzt zum Zweiten
Unbegrenzt zum Dritten
Î 67
Î 73
Î 81
Vorwort
Begleiten Sie mich bitte auf folgendem Gedankengang, bzw.
begleiten wir eine junge Frau – sagen wir von etwa 25 Jahren –
auf einer Suche! Nehmen wir an, die junge Frau wurde im
Ostblock geboren und atheistisch erzogen. Nach dem Fall des
Eisernen Vorhangs wird sie nun neugierig und möchte das
Christentum, das man ihr bisher vorenthalten und vor dem man
immer sie eindringlich gewarnt hatte, kennen lernen. Die junge
Frau kommt nun in eine westdeutsche Großstadt, das könnte
zum Beispiel Köln oder München sein, und um ihre Suche ein
wenig zu konkretisieren, machen wir sie an den zwei folgenden
Fragen fest: „Hat eine Frau in einer Kirche ein Kopftuch zu
tragen?“ und „Darf sie in oder vor der Gemeinde sprechen?“
Nehmen wir an, unsere junge Frau trifft in jener Stadt als erstes
auf die Katholiken, da diese dort am häufigsten sind. Was wird
sie von ihnen hören?
Sie wird hören: „Schön, dass Sie zu uns gefunden haben! Wir
sind die wahre Kirche des Christentums! Ein Kopftuch
brauchen Sie bei uns nicht mehr zu tragen, und sprechen dürfen
Sie vor der Gemeinde auch, aber nur Untergeordnetes; das
Wesentliche bleibt dem Pfarrer vorbehalten.“
Die junge Frau geht weiter und als nächstes gerät sie an die
Zeugen Jehovas, da diese in ihrer Mission am eifrigsten sind.
Dort wird sie zu hören bekommen: „Schön, dass Sie zu uns
gefunden haben! Wir sind die wahre Kirche des Christentums!
Ein Kopftuch brauchen Sie bei uns nicht zu tragen, jedoch
sollten Sie sich gepflegt und traditionell fraulich kleiden und
sprechen dürfen Sie vor der Gemeinde nur Unwesentliches.“
Die junge Frau geht weiter und landet bei der Evangelischen
Kirche. Dort wird sie zu hören bekommen:
„Schön, dass Sie zu uns gefunden haben! Wir sind die wahre
Kirche des Christentums! Ein Kopftuch brauchen Sie nicht zu
tragen und Sie dürfen bei uns nicht nur vor der Gemeinde
sprechen, sondern Sie dürften als Frau sogar die ganze Kirche
leiten!“
Die junge Frau geht weiter und fällt radikalen Evangelikalen in
die Hände. Dort wird sie zu hören bekommen:
„Schön, dass Sie zu uns gefunden haben! Wir sind die wahre
Kirche des Christentums! Selbstverständlich müssen Sie in der
Kirche ein Kopftuch tragen, das steht doch klar in der Bibel
[Anm.: 1. Kor. 11,1] und mit derselben Selbstverständlichkeit
haben Sie in der Gemeinde zu schweigen!“
Dann gibt es noch die Adventisten, Mormonen, Altkatholiken
und viele mehr, zu denen die junge Frau gehen könnte und die
sich alle das Attribut „wahre Kirche des Christentums“ auf die
Fahne heften. Sodann ist unser Thema, also die Rolle, die die
Frau in der Gemeinde spielen darf, nur eine von vielen Fragen,
bei denen die einzelnen Theologien uneins sind. Es gibt für die
Unzahl der im Umlauf stehenden Glaubensgemeinschaften des
Christentums noch eine Unzahl weiterer Möglichkeiten, sich zu
streiten – wie zum Beispiel über die Heiligenverehrung, die
Sakramente, die Kindertaufe, die Moraltheologie…
Gretchenfrage:
Wo findet unsere junge Frau das wahre Christentum?
Langes Nachdenken??
Die Antwort ist kurz und einfach: Sie muss selbst die Bibel zur
Hand nehmen und sich ihr eigenes Bild von dem machen, was
christlich ist. Die einzige Alternative, die Glaubensrichtungen
näher in Augenschein zu nehmen und sie hinsichtlich ihres
Christlich-Seins zu überprüfen, ist nämlich nicht möglich: Man
kann nicht Jahre seines Lebens für das nähere Kennenlernen
auch nur der wichtigsten Theologien opfern und sich dann für
die „richtige“ entscheiden. (Selbst wenn die Frau dies wollte,
müsste sie zuvor die Bibel gelesen und – besser als die meisten
Theologen – verstanden haben!)
Dieser Umstand, dass man nicht zu einem studierten oder sonst
ausgebildeten Experten gehen kann, um das wahre Christentum
kennen zu lernen, wird auch durch die ganz offensichtliche
Tatsache bestätigt, dass 2000 Jahre Theologiegeschichte das
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wahre Christentum gewiss nicht zu Tage gefördert haben. Es
gilt sogar das Gegenteil: Die Tatsache, dass die Bibel nach dem
Ausschluss der Allgemeinbevölkerung den Theologen für viele
Jahrhunderte allein überlassen war, hatte schlimmste Folgen:
Kreuzzüge, Zölibat, Inquisition, kontinentweiser Genozid,
Pillenverbot….
Auch wenn es sehr einleuchtend und logisch ist, dass die junge
Frau die Frage nach dem wahren Christentum nicht von den
Theologen beantwortet bekommt, sondern allenfalls in der
Bibel selbst, so stellt sie doch für viele ein grundlegendes,
traditionelles Denkschema auf den Kopf: Es gibt im wahren,
praktizierten Christentums keine Obrigkeit! Die junge Frau
kann nur das leben, was sie in ihrer privaten Bibellektüre selbst
herausfindet – mehr nicht! Für historische Fragen stehen ihr die
Geschichtswissenschaftler zur Verfügung; doch sobald sie sich
mit Fragestellungen zu Gott und zum Glauben an Katholiken,
Lutheraner, Zeugen Jehovas, Mormonen, Evangelikalen usw.
wendet, geht der Wirrwarr sofort von Neuem los.
Die bekennenden Christen unter uns, egal ob Zeugen Jehovas,
Mormonen, Katholiken, Evangelikale, Protestanten etc. werden
allerdings kaum zugänglich für die Erkenntnis sein, dass ihr
Glauben vieles sein kann, Gemeinschaftserlebnis, Freundesoder Familienersatz, Bühne zur Selbstdarstellung etc., eines
jedoch nicht: Wahres Christentum!
Zwar erkennt jede Kirche genau dieses sofort bei den anderen,
zu ihr in Konkurrenz stehenden Kirchen, nur bei sich selbst
nicht! Das heißt: Katholiken oder Lutheraner zum Beispiel,
denen man schon mit der Muttermilch die Angst eingeflößt hat,
dass durch den Beitritt zu einer Sekte wie den Zeugen Jehovas
das Seelenheil nicht nur im Jenseits, sondern auch schon im
diesseitigen Leben verspielt sei, vertreten diese Annahme oft
ihr Leben lang. Umgekehrt sind die Zeugen Jehovas zutiefst
überzeugt, dass die Anhänger von „Babylon, der Großen“, wie
sie die teils sehr sündige Katholische Kirche nennen, auf dem
geraden Weg ins Verderben wandeln, während sie sich selbst
als das auserwählte Volk Gottes wähnen. Die Gräben zwischen
den christlichen Glaubensgemeinschaften sind extrem – und oft
sogar sprechen die einen den anderen das Attribut „christlich“
ab, auch wenn bei allen Christus und sein Opfertod oder anders
ausgedrückt sein Loskaufsopfer eine tragende Rolle spielen.
Wissen Sie, wie man es nennt, wenn Menschen zwar in der
Lage sind, Eigenschaften bei anderen wahrzunehmen, aber
nicht mehr bei sich selbst? Es gibt dafür viele Bezeichnungen,
jedenfalls ist es eine Art Blindheit. Im Wirtschaftsleben nennt
man so etwas „Betriebsblindheit“, im religiösen Bereich könnte
man dazu Jesus zitieren, zu dessen Lebzeiten genau das gleiche
Phänomen auch schon aufgetaucht ist. Er nannte die Theologen
seiner Zeit, das sind die Schriftgelehrten und Pharisäer, „blinde
Blindenführer“!
Wie soll man sich denn sein ganz eigenes Bild von der Bibel
machen – so ganz ohne Helfer? Nun, dabei sind Sie tatsächlich
nicht allein, denn diesen Helfer gibt es; einen sehr mächtigen
Helfer, der Ihnen auch sonst in Ihrem Leben stets mit weisem
Rat zur Seite steht! Wissen Sie, wer das ist?
Nein, das ist nicht der Heilige Geist, denn da wären wir schon
wieder in der dunkelsten Theologie, es ist einfach der gesunde
Menschenverstand (plus ein wenig Allgemeinbildung, was die
damalige Zeit betrifft).
Lesen wir die Bibel mit dem gesunden Menschenverstand,
werden sich nicht nur Gläubige, sondern auch eingefleischte
Atheisten von vielen überkommenen Vorstellungen und lieb
gewonnenen Bildern verabschieden müssen und wir können
uns an dieser Stelle eines von ihnen anschauen: Den Stern von
Bethlehem.
Die Geburt eines Königs wurde Magiern aus dem Morgenland
durch einen besonderen Stern am Himmel angezeigt. Daraufhin
folgten sie diesem Stern über einige Monate und fanden dann
wirklich in Bethlehem das Jesuskind.
Viele Menschen halten diese Geschichte für wahr und sogar
ernstzunehmende Wissenschaftler beschäftigen sich mit der
Frage, um welche Himmelserscheinung es sich da gehandelt
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haben könnte. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: Weil sich
ernstzunehmende Wissenschaftler damit beschäftigen, halten
viele Menschen diese Geschichte für wahr.
Der Ausdruck „einem Stern folgen“ hat seinen Ursprung in der
Seemannssprache: Dort richtete man sich nach den Gestirnen
und folgte ihrem Lauf. Das ist auf dem endlosen Meer auch
kein Problem, doch wie folgt man einem Stern auf dem Land??
Alle Sterne wandern im selben Drehsinn und etwa der gleichen
Geschwindigkeit über den Himmel wie die Sonne. Wir können
dies also bei Tag ausprobieren und der Sonne folgen.
Schon nach wenigen Minuten werden wir merken, dass das
nicht geht. Nicht nur Häuser, Straßen, Zäune etc. zwingen zu
kleinen Umwegen, sondern auch Flüsse, Seen, Schluchten und
Gebirge oft zu tagelangem Abweichen von der vorgegebenen
Richtung. Und wenn der Sonne folgen am helllichten Tag nicht
funktioniert, dann umso weniger einem Stern in dunkler Nacht!
So schön dieses Bild auch ist, es ist schlichtweg nicht möglich.
Wieso beschäftigen sich aber dann Wissenschaftler damit?
Viele werden geneigt sein, die Wissenschaftler in Schutz zu
nehmen. Diese sind ja nur selten Naturburschen, leben in ihrem
Wolkenkuckucksheim und bemerken daher oft die einfachsten
Dinge des Lebens nicht – siehe der „zerstreute Professor“.
Doch dieses Argument zählt hier nicht, und das sehen wir
sofort, wenn wir uns folgendes Beispiel vergegenwärtigen: Der
zur Erde gerichtete Scheinwerfer eines Such-Hubschraubers,
hat in 100m Höhe scheinbar die Größe der Sonne, in 500m
Höhe scheinbar die eines hellen Sterns. Trotzdem besteht der
gravierende Unterschied, dass nur der Such-Hubschrauber ein
Objekt auf der Erde einzeln anstrahlen kann, das Licht der
Sonne oder eines Sterns nicht. Letzteres wirkt auf alle Objekte
auf der Erdoberfläche gleich. Das liegt an der enormen Größe
von Sonne, Stern, Planet oder Komet im Vergleich zu uns und
an deren gewaltigen Entfernung. Man nennt diese Eigenschaft
des Sonnen- oder Sternenlichts isotrop; niemals kann irgendein
Objekt am Sternenhimmel ein Objekt auf der Erdoberfläche
konkret bestrahlen oder ihm sonst konkret zugeordnet werden.
Den isotropen Charakter aller Lichtquellen am Fixsternhimmel
lernen alle Naturwissenschaftler schon im 1. Semester kennen!
Dieses Beispiel zeigt anschaulich, wie rasch bei vielen Dingen,
wenn sie uns nur ernsthaft von wissenschaftlicher oder einer
anderen kompetent erscheinenden Seite serviert werden, unser
gesunder Menschenverstand aussetzt und wir sogar sehr leicht
als Märchen zu entlarvende Geschichten tatsächlich glauben.
Tragisch ist das Außer-Kraft-Setzen des gesunden Menschenverstands aber natürlich weniger im Hinblick auf die in die
Bibel eingeflossenen Märchen und Legenden, als vielmehr auf
die in ihr enthaltenen Glaubensinhalte. Diese wurden von den
Theologen als „von Gott gegeben“ definiert und dadurch für
viele Menschen außer Reichweite ihrer Kritikfähigkeit gerückt.
Wenn der Pfarrer, der Bischof oder an ihrer Spitze der Papst
etwas über die Bibel sagt, dann ist das Gesetz; wenn etwas aus
der Bibel zitiert wird, speziell etwas, das Jesus oder Paulus
zugeschrieben wird, dann ist dies heilig und wahr.
Auf diese Weise ließen und lassen sich die Menschen mittels
der theologischen Bibelauslegung dazu verleiten, unvorstellbar
Böses und unglaublich Unsinniges zu verrichten. Auch wenn in
unserer aufgeklärten Gesellschaft die Theologie zunehmend an
den Rand gedrängt wird, so bleiben viele Bewusstseinsinhalte
und unsere ganze Weltordnung immer noch subtil theologisch
geprägt. Zum Beispiel haben sich selbst viele Atheisten noch
nicht von dem Glauben losgesagt, dass ethisches Handeln nur
durch die Religion garantiert sei und Menschen ohne Religion
ihren Trieben und den Verführungen des Kapitalismus haltlos
ausgeliefert seien. Und als letztes Bollwerk gegen all das Böse
wird speziell das Christentum ins Feld geführt.
Das ist natürlich blanker Unsinn. So gab es in der atheistischen
früheren DDR bekanntlich weit mehr mitmenschliche Wärme
als im kapitalistischen Westen, und bestes Beispiel sind sicher
die Naturvölker, von deren Ethik und Achtung vor Gottes
Schöpfung die christlichen Missionare weit mehr hätten lernen
können als umgekehrt. Doch auch Initiativen wie „Ärzte ohne
Grenzen“, „SOS-Kinderdorf“, Amnestie International und viele
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mehr, zeigen, dass Ethik und mitmenschliches Handeln nicht
gekoppelt sind an einen der Logik unzugänglichen Glauben.
Auch wenn es uns in der aufgeklärten westlichen Gesellschaft
nicht mehr bewusst ist, so sieht sich der Papst weiterhin
ungebrochen als der Stellvertreter Gottes auf Erden und ist
unverändert der mächtigste Mann der Welt! Er herrscht über
die Gedanken und Seelen von Millionen und Abermillionen
von Menschen.
Und diese auch heute noch sagenhafte Machtfülle kommt nicht
von ungefähr:
Schauen wir uns die Bibel und die auf ihr fußenden Theologien
näher an, so eröffnet sich uns eine extreme Polarität: Zum
einen finden wir in ihr die Botschaft Jesu, die eine Anleitung
zur Nächstenliebe sein kann und in der Lage ist, im Menschen
die besten Absichten und höchsten Gefühle zu wecken. Zum
anderen enthält die Bibel auch die Anleitung zur Macht, und
zwar zu einer nahezu vollkommenen Macht, die sich über die
Menschen dadurch gewinnen lässt, indem man gerade ihre
besten Absichten und höchsten Gefühle für seine Zwecke
missbraucht und ihre Kritikfähigkeit ausschaltet.
Sehen wir uns die Methoden der Bibel – der erfolgreichsten
Werbeschrift aller Zeiten – einmal näher an und lernen wir
dabei zugleich die obskure Gedankenwelt unserer mächtigsten
Führer kennen. Diesem Thema widmet das vorliegende Buch
große Aufmerksamkeit.
Doch das Buch enthält noch mehr:
Dass wahres Christentum aufgrund der heillos zerstrittenen
Theologien nur eine Privatsache und das Ergebnis einer
unbeeinflussten persönlichen Auslegung sein kann, wurde am
Anfang dieses Vorwortes bereits dargelegt. Ebenso erwähnt
wurde Jesu Einstellung zu den theologischen Führern seiner
Zeit, wobei „blinde Blindenführer“ und „Heuchler“ noch die
harmloseren Ausdrücke waren, mit denen er sie unterschiedslos
und stets pauschal belegte. Rein vom logischen Standpunkt her
ist daher zu erwarten, dass die Lehre Jesu absolut theologiefrei
sein muss, denn es kann nicht sein, dass Jesus die Theologen
seiner Zeit kompromisslos bekämpfte – und dann braucht es
ausgerechnet genau wieder die Theologen, um Jesu Botschaft
überhaupt erst verstehen zu können.
Das heißt aber nichts anderes, als dass Jesu Botschaft für alle
Menschen, egal welcher Rasse, Herkunft und Bildung, zu
verstehen und jeder Anwendung seiner Lehre der gleiche Wert
beizumessen ist. Jesus würde mir seiner Lehre keine Hierarchie
unter den Menschen fördern und keiner, sogar nicht einmal der
theologisch Versierteste, könnte zu einem anderen sagen:
„Folge mir in meiner Auslegung nach!“
Können die Menschen vor Gott wirklich so gleich sein, dass sie
– sofern sie dies wollen – ihren eigenen christlichen Weg
selber definieren können? Das wäre zumindest der aus Jesu
Kampf gegen die Theologie gezogene logische Schluss.
Wir werden sehen, dass diese und alle anderen Anwendungen
unseres gesunden Menschenverstandes auf die Bibel stets zu
einem nachvollziehbaren Ergebnis führen und sich daraus in
einer Schärfe Tiefblicke in das Gefüge der Welt ergeben, wie
wir sie wohl nie für möglich gehalten hätten.
Innsbruck, am 28.2.2013
Bernhard Gorgulla
Anmerkungen zum Sprachgebrauch:
Unter der Bezeichnung „Theologe“ sind alle zusammengefasst,
die zur Ausübung ihres Berufes ein theologisches Studium oder
eine mehrjährige Ausbildung an einer Bibelschule benötigen.
Das so genannte Tetragramm JHWH, das im Alten Testament
die Wesensbezeichnung Gottes symbolisiert, wurde stets mit
Jehova wiedergegeben, möglich wäre auch Jahwe gewesen.
Eine Verbindung zu den Zeugen Jehovas besteht wegen dieser
Wortwahl nicht.
Die Zitate aus dem Neuen Testament sind die altphilologisch
korrekten Übersetzungen des Nestle-Aland-Textes, Auflage 27,
erschienen 1993 bei der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart.
5
Das Alte Testament
oder
Jehova, der höchste unchristliche Gott
des Christentums
6
1. Die Schöpfungsgeschichte
Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ich bin Eva, die Urahnin
aller lebenden Menschen, und es freut mich sehr, dass wir uns
einmal kennen lernen! Sicher kennen Sie mich und meine
Geschichte aus der Bibel – oder zumindest glauben Sie mich zu
kennen. Doch bin ich mir sicher, dass es, auch wenn Sie die
Bibel bereits gut kennen, noch einiges Neue zu entdecken gibt.
Gerade nämlich, wenn man sich der Bibel mit dem Instrument
nähert, das Gott uns als wichtigste Entscheidungshilfe für unser
Leben mitgegeben hat, mit dem gesunden Menschenverstand,
löst sich vieles Unverständliche, was von den Kirchen unter
dem Pauschalbegriff „Geheimnis des Glaubens“ abgehandelt
wird, in Wohlgefallen auf.
Beginnen möchte ich meine Führung durch die Bibel bei der
Schöpfungsgeschichte. Sie dürfte den meisten bekannt sein:
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde...“ Es folgt das
Sieben-Tage-Schöpfungswerk, bei dem jeder Tag mit dem
gleichen Schluss endet:
Es wurde Abend und es wurde Morgen, ein erster Tag.
Es wurde Abend und es wurde Morgen, ein zweiter Tag.
…
Es klingt wie ein altes Lied mit Refrain.
Interessant ist die Reihenfolge, in der Gott das Leben auf der
Erde schuf: Am 5. Tag schuf er die Wassertiere, am 6. Tag erst
die Landtiere und zum Abschluss des 6. Tages den Menschen:
Und als Gott alles erschaffen hatte, erkannte er, dass auch alles
gut war, wie er es erschaffen hatte:
Und Gott betrachtete alles, was er gemacht hatte, und siehe, es
war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen, ein
sechster Tag. (1. Mose 1,30)
Und im Anschluss daran heißt es in 1. Mose 2,1 weiter:
So wurden vollendet der Himmel und die Erde und die ganze
Ordnung, die zwischen ihnen besteht. Und Gott vollendete am
siebten Tage seine Werke, die er gemacht hatte, und ruhte sich
am siebten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte,
aus. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er
sich an ihm ausruhte von all seinen Werken, die er als Gott
geschaffen hatte.
Ein schöner Tag, dieser siebte Tag. Und tatsächlich scheint für
Gott dieser siebte Tag von allen Tagen sogar der wichtigste zu
sein: Er ist so wichtig, dass Gott ihn sogar ausdrücklich in die
10 Gebote aufnimmt; wissen Sie an welcher Stelle?
Gott nimmt es an der vierten Stelle in die Zehn Gebote auf (2.
Mose 20,8):
Denk an den Sabbat und halte ihn heilig! Sechs Tage hast Du,
um all Deine Arbeit zu tun, aber der siebte Tag ist Sabbat für
Gott, Deinen Herrn. An diesem Tag sollst Du nicht arbeiten,
weder Du, noch Dein Sohn oder Deine Tochter, weder Dein
Sklave noch Deine Sklavin, nicht einmal Dein Vieh oder der
Fremde, der in Deinem Ort wohnt.
Gott sprach: Lasst uns einen Menschen machen, nach unserem
Bild und uns gleich, damit er herrsche über die Fische im Meer
und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über alle
Tiere im Feld und über alles Gewürm, das auf der Erde kriecht.
Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem
Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie. Gott
segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret Euch
und füllet die Erde und nehmt sie in Eure Obhut. (1. Mose 1,26)
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2. Noch eine Schöpfungsgeschichte
Werden wir nun einen Blick auf die Schöpfungsgeschichte
Nummer 2!
Ja, Sie haben ganz richtig gelesen: Es gibt in der Bibel zwei
Schöpfungsgeschichten und sie stehen direkt nebeneinander!
In der zweiten Schöpfungsgeschichte geht es um Adam und um
mich, Eva. Diese Version ist ca. 500 Jahre älter als die erste
mit den sieben Tagen. Sie stammt aus der Zeit um ungefähr
1500 vor Christus. In dieser alten Version formt Gott den
Menschen aus dem Ackerboden und haucht in sein Antlitz den
Lebensatem, was den Mensch zum lebendigen Wesen macht.
Interessant, dieses Bild vom Lebendigwerden des Menschen.
Es erinnert stark an die erst 1200 Jahre später in Griechenland
wirkenden Stoiker, welche in jedem Menschen einen göttlichen
Funken sehen, der uns alle zu Brüdern macht. Hier in der Bibel
ist es der Atem Gottes, der in jedem Menschen weht und der
ihn erst zum Menschen werden lässt!
Damit ist der Mensch göttlich definiert: Es ist das Göttliche in
uns, das uns Menschen erst zu Menschen macht. Das bedeutet,
dass je mehr der Mensch in diesem Sinne Mensch ist, desto
mehr ist er Gott ähnlich! Je tiefer er aus dem Göttlichen in sich
lebt, desto mehr wird er zugleich wahrer Mensch und Gottes
wahres Ebenbild.
Laut Bibel trifft dies am besten auf Jesus zu: Er war wahrer
Mensch und wahrer Gott, aber nicht in dem Sinn: Wahrer
Mensch und trotzdem wahrer Gott, sondern wahrer Mensch
und genau deswegen wahrer Gott! Gott und Mensch sind
daher keine Widersprüche, sondern sie bedingen einander! Wir
werden dies auch später bei der Lehre Jesu noch oft sehen.
Wie steht es nun in der zweiten Schöpfungsgeschichte mit
diesem Gott, der in der ersten Schöpfungsgeschichte alles gut
gemacht hat und mit sich rundherum so zufrieden war – auch
oder gerade, nachdem er den Menschen geschaffen hatte?
Lehnt er sich in dieser zweiten Version auch zurück und sagt
zufrieden: „Super, das war gut!“?
Nein, das tut er nicht, sondern er bemerkt, dass es so, wie er es
gemacht hat, noch nicht passt: Es ist nicht okay, dass sein
Mensch alleine ist! Der vollkommene Gott entdeckt Mängel an
seinem Werk; Gott muss nachbessern!
Und Sie wissen, wen Gott als nächstes erschaffen hat?
Nein, nicht mich, Eva, sondern erst einmal die Tiere!
Interessant dieser Widerspruch im Vergleich zur Reihenfolge
der 1. Schöpfungsgeschichte, wo die Tiere vor dem Menschen
erschaffen wurden.
Gott macht also nun die Tiere und führt sie dem Menschen vor
in der Hoffnung, dass der Mensch unter ihnen einen Partner
findet.
Gott geht dabei ausgesprochen eifrig zu Werk und erschafft für
seinen Menschen nicht nur die Tiere des Landes und zeigt sie
ihm, sondern auch gleich noch alle Vögel des Himmels.
Doch Gott täuscht sich: Von allen Tieren, die er mit so viel
Phantasie erschaffen hat, von allen Vögeln, die er dem Menschen auch noch zugeführt hat, sagt diesem kein einziges zu!
Da reicht es Gott schließlich und er macht kurzen Prozess: Er
versetzt seinen ersten Menschen in den Tiefschlaf und bastelt
aus dessen Rippe einen zweiten Menschen – und das war dann
ich – ich Eva, die erste Frau!
Und Gott sei Dank: Ich gefiel Adam: Nun passt es! Jetzt lehnt
der Mensch sich zurück und seufzt zufrieden: „Das endlich ist
Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein!“
Die Geschichte im Original (1. Mose 2,18):
Und Gott der Herr sprach: „Es ist nicht schön, dass der Mensch
allein ist; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“
Und Jehova Gott bildete aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes
und alle Vögel des Himmels und brachte sie zum Menschen, um
zu sehen, wie er sie benennen würde; und so wie der Mensch ein
lebendiges Wesen benennen würde, so sollte heißen.
Und der Mensch gab Namen allem Vieh und den Vögeln des
Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber für den Menschen
fand er keine Hilfe, die ihm entsprach. Deshalb ließ Jehova Gott
einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen und während er
schlief, nahm er eine Rippe und baute daraus eine Frau und
führte sie dem Menschen zu. Da sagte der Mensch: „Das endlich
ist Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein…“
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Interessant, dieser experimentierende Gott, der bei seiner
Schöpfung nachbessern muss, der Sachen versucht, die dann
nicht klappen!
Richtig: An dieser Stelle ist natürlich der Einwand angebracht,
dass hier in die Bibel uralte Sagen und Mythen Eingang gefunden haben, die schon auf den ersten Blick keine sachlichen
Infos direkt von Gott über den tatsächlichen Schöpfungshergang sein können. Die Bibel ist keine wissenschaftliche
Dokumentation und das will sie auch gar nicht sein – das sollte
in diesem Zusammenhang ein für alle Mal klargestellt werden!
Denn es ist ganz und gar unmöglich, dass die Redakteure, die
das Alte Testament etwa 500 Jahre vor Christus kurz nach dem
Babylonischen Exil in seiner heutzutage noch gültigen Fassung
zusammengestellt haben, gar nicht bemerkt haben sollen, was
für eklatante Widersprüche sie da nebeneinander reihen!
Nein, diese Redakteure waren hochintelligent und wussten
genau, was sie taten: Sie stellten die beiden unterschiedlichen
Schöpfungsversionen ganz plakativ am Anfang der Bibel direkt
nebeneinander, um allen Lesern auf den ersten Blick sofort und
unmissverständlich klar zu machen:
In der Bibel geht es nicht um eine objektive Dokumentation
im logischen, rationalen Sinn, sondern vor allem um sinngemäße Aussagen über Gott und das Leben!
Versuche, diese beiden Schöpfungsgeschichten unter einen Hut
zu bringen, wirken lächerlich:
Gott hat, so sagen manche Theologen, die Tiere auf jeden Fall
vor den Menschen gemacht, sie aber irgendwo versteckt. Erst,
als er sie brauchte, holte er sie hervor und zeigte sie Adam …
Nein. Es gibt keine andere Erklärung für die sofort ins Auge
stechende Nebeneinanderreihung von zwei so verschiedenen
Schöpfungsversionen ganz zu Beginn der Bibel als diese:
Es ist der klare Hinweis aus der Bibel selbst heraus, dass sie
nicht wörtlich genommen werden will – und genau darin
zeigen sich letztendlich auch eine eventuelle Inspiration der
Bibel bzw. Ansätze wirklicher Weisheit.
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3. Die Gottversteher
Dennoch hat es schon immer Menschen gegeben, die sich der
logisch korrekten Auslegung der Bibel verschrieben, die eigene
Vorschriften und Gesetze erließen und Definitionen kreierten,
was Sünde zu sein hat und was nicht, und damit zugleich den
Anspruch erhoben, Gott besser zu verstehen als die gemeinen
Menschen. Zu Lebzeiten Jesu nannten sich solche Menschen
„Schriftgelehrte“ oder „Pharisäer“, heutzutage nennen sie sich
„Theologen“. Das Bindeglied zwischen beiden ist der „Apostel
Paulus“: Paulus war zur Zeit Jesu ein hochrangiger Pharisäer
und formulierte in seinen Briefen eine Theologie über Jesus,
die die Grundlage aller weiterer christlicher Theologien bilden
sollte. Sei dies die Theologie der Katholiken, der Protestanten,
der Zeugen Jehovas, der Adventisten, der Evangelikalen…
Sie alle haben Paulus zum Vater.
Von Beginn an haben die Theologen aus der einfachen Bibellektüre eine Wissenschaft, seit dem Mittelalter sogar ein Hochschulstudium gemacht und nur allzu gern vergleichen sie sich
mit anderen Wissenschaftlern. Zu Recht?
Nun, wenn die Theologie eine echte Wissenschaft wäre, dann
müsste sie sich auch den obligatorischen Zwängen, denen jede
Wissenschaft unterworfen ist, unterordnen und diese sind:
Nach der Wahrheit forschen, erste vage Erkenntnisse gewinnen, Irrtümer einsehen, Fehlmeinungen verwerfen und dann
mit der Suche nach der Wahrheit wieder von vorne beginnen –
ein ewiger Kreislauf, eine unendliche Spirale, die einem immer
nur klarer macht, wie wenig wir Menschen wirklich wissen.
In der Theologie als Wissenschaft ist dieses mühevolle Suchen
nach der Wahrheit und vor allem das Verwerfen von Irrtümern
nicht so leicht möglich: Entzieht sich doch das Studienobjekt,
nämlich Gott, von vorneherein jeder objektiv-hinterfragenden
Untersuchung, da er zugleich auch Gegenstand einer zutiefst
subjektiven Glaubensüberzeugung ist. Zusätzlich weisen alle
Kirchen in Angelegenheiten des Glaubens eine hierarchische
Struktur auf. Am schwersten beeinträchtigt ist die Freiheit der
Wissenschaft dabei in der Katholischen Kirche, deren Papst als
Gottes Stellvertreter auf unserer Erde sogar die theologische
Unfehlbarkeit für sich beansprucht. Unter solchen Umständen
kann ein Hochschulstudium, das den Standards einer freien
westlichen Demokratie genügt, gar nicht betrieben werden!
Aufschlussreich sind auch die Themen, mit denen man sich in
der Theologie auseinandersetzt. Eines der wichtigsten ist die so
genannten Trinität oder Dreieinigkeit:
Dreieinigkeit bedeutet 1 Gott, der aber in 3 Personen geteilt ist:
In „Gott Vater“, „Gott Sohn“ und „Gott Heiliger Geist“. Das
erscheint auf den ersten Blick insoweit nachvollziehbar, da der
„Gott Vater“ den „Gott Heiligen Geist“ zur Jungfrau Maria
gesandt hatte, um diese schwanger zu machen; auf diese Art
und Weise entstand Jesus, der „Gott Sohn“.
Hält man sich nun allerdings vor Augen, dass dieser dreieinige
Gott von den Theologen auch noch die Eigenschaften „ewig“
sowie „unveränderlich“ zugesprochen bekommen hat, tun sich
sofort heikle Fragen auf – zum Beispiel diese:
Wurde Jesus erst mit der Zeugung durch den Heiligen Geist zu
Gottes Sohn oder war er es schon von Anfang an? Hier handelt
es sich freilich nicht um diese ähnliche Fragestellung: Wer war
früher, die Henne oder das Ei? Denn bei dieser Frage geht es
um einen Kreislauf: Die Henne legt das Ei, aus dem Ei wird in
der Folge eine Henne. Diese legt ein neues Ei, das wiederum
zu einer Henne wird und so fort…
Nein, bei der Frage, zu welchem Zeitpunkt Jesus tatsächlich
zum Sohn Gottes wurde, dreht es sich nur um ein einziges
Ereignis: Es gibt nur einen einzigen Vater, der nur ein einziges
Mal seinen Sohn zeugte. Schon alleine von der Definition von
„Vater“ und „Sohn“ her, muss der Vater vor dem Sohn da sein,
sonst kann er ihn nicht zeugen. Doch in diesem Fall wäre Jesus
kein Teil der göttlichen Trinität mehr, weil diese von Anbeginn
an immer unveränderlich existiert haben muss.
War Jesus aber schon vorher Teil der Trinität und wurde er erst
durch Marias Schwangerschaft zum Sohn Gottes, dann ist Gott
nicht mehr der ewig gleiche!
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Eine weitere unlösbare Frage ergibt sich aus der Schwängerung
von Maria: Bekanntlich wurde die Jungfrau Maria durch den
Heiligen Geist schwanger! Wenn aber der „Gott Heilige Geist“
Maria schwanger machte und nicht der „Gott Vater“, warum ist
dann trotzdem dieser der Vater und nicht der Heilige Geist?
Eine Lösung aus diesem Dilemma wäre, dass man postuliert,
dass die Teile Gottes untereinander austauschbar sein müssen.
Doch in diesem Fall bricht sofort das ganze Dogma der Dreieinigkeit zusammen, das drei verschiedene und individuelle
Personen als die Bestandteile Gottes fordert.
Sie sehen, wirklich sehr schwierige weltbewegende Fragen, die
unsere Theologen auf unseren Hochschulen da zu lösen haben,
wobei diese Aussage tatsächlich nicht ironisch gemeint ist,
sondern in vollem Ernst: Diese Fragen sind ohne jeden Zweifel
sehr schwierig – und sie sind weltbewegend!
So eskalierte der Streit um nur ein Wort in einem Nebensatz
des christlichen Glaubensbekenntnisses. Dieses war schon 451
fixiert worden und 1013 wollte die katholische Kirche in Rom
es aufgrund ihrer neuesten theologischen Erkenntnisse geändert
haben. Es hieß ursprünglich:
„Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig
macht, der aus dem Vater hervorgeht…“
Die in Rom beschlossene Ergänzung lautete:
„Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig
macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht…“
Im lateinischen Urtext heißt diese Ergänzung „filioque“ und sie
hatte wirklich weltbewegende Folgen: In Konstantinopel, dem
zweiten großen politischen Machtzentrum der damaligen Zeit,
war natürlich auch die katholische Kirche sehr mächtig. Die
hochnäsige Art, mit der die Kirchenfürsten Roms die von ihnen
beschlossene Änderung den Kirchenfürsten in Konstantinopel
kundtaten, ärgerte diese und so spalteten sie sich von Rom ab.
Sie nannten sich dann nicht mehr katholische Kirche, sondern
griechisch-orthodoxe Kirche.
Die Frage, ob der Teilgott „Heilige Geist“ nur aus dem Teilgott
„Vater“ oder auch aus dem Teilgott „Sohn“ hervorging, konnte
bis heute nicht geklärt werden und so besteht diese Kirchenspaltung (auch genannt das „Große Schisma“) noch immer!
Dabei ist die Lösung so einfach: Kein Mensch war dabei, als
der „Gott Heiliger Geist“ aus „Gott Vater“ hervorging, und so
werden wir nie wissen, ob er nicht auch noch aus „Gott Sohn“
hervorging! Wenn eine Streiterei sinnlos ist, dann über so was!
Auch gehören solche Themen nicht an eine Uni, da sie nichts
weiter sind als heiße Luft, niemals überprüft werden können
und keinem, wirklich keinem Menschen auf der Welt einen
Nutzen bringen außer den Streithähnen selbst: Diese können
ihre Eloquenz daran erproben, ihre Zungen schärfen, darüber
hochintellektuelle Abhandlungen schreiben – und werden dafür
auch noch gut bezahlt und führen ein gediegenes Leben…!
Bleiben wir noch ganz kurz bei den Themen der Theologen:
Bei all den Streitfragen, die Gott betreffen, werden wir niemals
wissen können, welcher von den Beteiligten im Recht ist, oder
ob nicht vielleicht alle falsch liegen. Es gibt aber eine Fülle von
Beispielen, wo sich die Theologie als Wissenschaft der Erde
und den näher vor Augen liegenden irdischen Fragestellungen
gewidmet hatte und dabei hochnotpeinliche Fehler ohne Ende
produziert hatte – hochnotpeinlich freilich nur für die, die von
der katholischen Kirche wegen ihrer aufrichtigen Versuche, sie
von ihren Irrtümern zu befreien, grausam hingerichtet wurden.
Die Kirche, die sich selbst das Attribut „heilig“ zuspricht, sieht
ihre Fehler nicht als so peinlich an, auf jeden Fall hält sie ihre
Entschuldigungen für nicht dringlich: So wurde Galileo Galilei
(1564-1642), dem die katholische Kirche zu Lebzeiten böse
Schwierigkeiten gemacht hatte, zum Beispiel erst 1992 formal
rehabilitiert, Bruno Giordano (1548-1600), den man auf dem
Scheiterhaufen verbrannt hatte, sogar erst im Jahre 2000!
Natürlich darf jeder seine Fehler machen, und wir sollten das
kulanterweise auch der katholischen Kirche mit ihrem Papst als
dem unfehlbaren Stellvertreter Gottes an der Spitze zugestehen,
auf der anderen Seite sollten wir aber auch erwarten dürfen,
dass die katholische Kirche aus ihren Fehlern lernt:
Wenn man schon hier auf der Erde, wo Gott für uns alles so
greifbar nahe aufbereitet hat, so schrecklich irrt, um wie vieles
größer ist diese Gefahr erst bei einem nicht greifbaren Himmel!
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4. Der Sündenfall
- Ist Gott im Recht oder der Teufel?
Doch wir sollten die Theologen erst mal Theologen sein lassen
und zur Bibel zurückkehren! Wir waren stehen geblieben bei
den beiden Schöpfungsgeschichten und dem Anspruch auf
Wahrheit, den die Bibel für sich selbst im rational-objektiven
Sinn gar nicht erhebt.
Nun ist die Vereinfachung, dass Gott sprach: Es ist nicht gut,
dass der Mensch allein sei und dass 8 von 10 Mitteleuropäern
glauben, Gott habe daraufhin mich, Eva, als die erste Frau
erschaffen, nicht die einzige Vereinfachung, die im Umlauf ist.
Falsch im Umlauf ist auch die Zahl der Bäume, die in der Mitte
des Gartens standen. Viele glauben, Gott habe als besonderen
Baum nur den „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ in die
Mitte des Paradieses gestellt. Das stimmt nicht!
Aber lesen Sie selbst:
Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten
und setzte dort hinein den Menschen, den er gemacht hatte. Und
Gott ließ aus der Erde allerlei Bäume aufwachsen schön zum
Anschauen und lecker zur Speise, und auch den Baum des Lebens
in der Mitte des Gartens sowie den Baum der Erkenntnis von Gut
und Böse…
Und Gott gebot dem Menschen und sprach: „Von jedem Baum
des Gartens darfst Du essen, bis Du satt bist, aber von dem Baum
der Erkenntnis von Gut und Böse darfst Du nicht essen; denn an
dem Tag, an dem Du davon isst, wirst Du auf jeden Fall
sterben.“ (1. Mose 2,8)
Als nächstes taucht die Schlange auf als das Symbolbild des
Teufels, des bösen Verführers und Versuchers. „In Versuchung
führen“ – die ureigenste Absicht des Teufels:
Jesus hatte den Versuchungen des Teufels in der Wüste zu
widerstehen, doch Adam und ich waren ihnen auch ausgesetzt
– leider…
Die Bibel gibt keine Auskunft, woher die Schlange kam. Die
Schlange wurde aber sicher im Zuge der ersten Schöpfungsgeschichte zusammen mit den anderen Tieren mit erschaffen,
möglicherweise sogar der Teufel selbst, denn auch er kann ja
nicht einfach so vom Himmel gefallen sein, sondern muss
ursprünglich zu Gottes Schöpfung gehört haben. Doch Gott
sagt am Ende des sechsten Tages ausdrücklich, dass „alles, was
er gemacht hat, gut war“!
Das plötzliche Auftauchen des Teufels harmoniert an dieser
Stelle überhaupt nicht – zumindest nicht, wenn man das
Gottesbild im Kopf hat, das uns die Kirchen vermitteln.
Doch es gibt schon eine plausible Erklärung für den Teufel,
und zwar diese:
Der Teufel ist Teil von Gottes Plan einer wunderbaren Schöpfung, vielleicht ist der Teufel sogar selbst ein Teil Gottes.
Schauen wir uns dazu den Dialog mit der Schlange näher an.
Er ist bislang alles, was wir über den Teufel wissen:
Und die Schlange war gescheiter als alle Tiere auf der Erde, die
Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zur Frau: „Ja, sollte
Gott gesagt haben: ‚Ihr dürft nicht von jedem Baum des Gartens
essen?’“ Da sagte die Frau zur Schlange: „Von den Früchten
der Bäume im Garten dürfen wir essen; aber von den Früchten
des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: ‚Esst nicht davon,
rührt sie auch nicht an, damit Ihr nicht sterbt!’“ Darauf sprach
die Schlange zur Frau: „Ihr werdet sicher nicht sterben; sondern
Gott weiß, dass Euch an dem Tag, an dem Ihr davon esst, die
Augen aufgetan werden. Ihr werdet sein wie Götter und
erkennen, was gut und böse ist.“ Und da sah die Frau, dass es
gut wäre von dem Baum zu essen, dass er schön anzusehen und
ein verlockender Baum war; und sie nahm von der Frucht und
aß; und sie gab auch ihrem Mann davon, und auch er aß. …
Und Gott sprach: „Sieh an, Adam ist geworden wie einer von uns
und erkennt Gut und Böse; und nun, dass er seine Hand nicht
ausstrecke und nehme auch noch vom Baum des Lebens und esse
und lebe dann ewig!“ Und Jehova Gott schickte ihn aus dem
Garten Eden hinaus, um den Erdboden zu bebauen, von dem er
genommen war. Östlich vom Garten Eden stellte er Cherubim
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auf, Engelwesen mit Flammenschwertern, um ihm den Weg zum
Baume des Lebens zu versperren. (1. Mose 3,1)
Die Schlange bezichtigt Gott also der Lüge, weil dieser gesagt
hatte, „von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen
darfst Du nicht essen; denn an dem Tag, an dem Du davon isst,
wirst Du auf jeden Fall sterben.“ und behauptet statt dessen:
„Ihr werdet nicht sterben, sondern werdet sein wie Götter!“
Und was sagt Gott, als der die Übertretung seines Verbotes
bemerkt: „Sieh an, der Mensch ist geworden wie einer von uns
und erkennt Gut und Böse“ Und Gott fährt fort; „Nun aber,
dass er nun nicht auch noch seine Hand ausstrecke, vom Baum
des Lebens esse und ewig lebe!“
Hand aufs Herz: Wer hatte nun Recht? Gott oder die Schlange?
Ganz klar: Die Schlange hatte Recht! Der Mensch ist geworden
wie Gott, er kann Gut und Böse erkennen, genau wie es die
Schlange vorausgesagt hat – und ganz wichtig: Der Mensch
muss nicht sterben, schon gar nicht am selben Tag, wie Gott es
angedroht hatte. Der Mensch hätte nur auch noch vom Baum
des Lebens zu essen brauchen, dann hätte er sogar ewig gelebt
und Gott vollends Lügen gestraft!
Interessant wie hier die Konturen zwischen Gott mit seiner
ewigen Wahrheit und dem Teufel mit seiner ewigen Lüge
verwischen! In diesem Disput ist Gott im Unrecht und zieht
sich nur durch den Akt seiner Macht über den Menschen aus
der Affäre, indem er ihn verärgert aus dem Paradies wirft.
Um uns das Verhältnis Gott - Teufel besser zu veranschaulichen, sollten wir noch mal kurz bei der 1. Schöpfungsversion
nachschauen, und zwar bei Tag 6:
Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde
Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott
segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret Euch
und füllet die Erde und macht sie Euch untertan. (1. Mose 1,27)
Genau hier liegt der Hase im Pfeffer, bei Gottes Auftrag: „Seid
fruchtbar und mehret Euch!“ Es ist ein Auftrag, der gar nicht
verwirklichbar ist! Es gibt auf dem begrenzten Planeten Erde
nun mal kein unbegrenztes Wachstum! Auf das Gebären und
Fruchtbar-Sein folgt unumgänglich auch das Sterben, der Tod!
Andere Religionen tragen dieser Notwendigkeit oft mit einer
eigenständigen Gottheit Rechnung. Im Alten Testament wird
Gott dagegen gleichgesetzt mit dem Schöpfer des Lebens auf
der Erde und alles, was einfach „dem Leben“ dient, ist gut und
alles, was zum Tod führt, ist böse oder des Teufels Tat.
Diese Gleichsetzung Gott = Leben = Gut ist aber schon auf den
ersten Blick zu einfach. Denn das Leben auf der Erde kommt
weder im Pflanzen- noch im Tierreich noch bei uns Menschen
ohne Tod aus, und der Tod ist auch an sich nichts Böses: Wer
schon einmal einen alten Menschen nach einem erfüllten Leben
friedlich oder gar freudig hat einschlafen sehen, weiß, dass der
Tod auch gut sein kann. Daher ist die analoge Gleichsetzung
Teufel = Tod = Böse nicht nur zu banal, sie ist auch falsch.
Tod und Leben sind auf der Erde untrennbar miteinander
verbunden und so sind das Gott und der Teufel ebenso.
Die Gleichsetzung von Gott und Teufel findet sich in der Bibel
nicht oft. Trotzdem ist sie den Christen geläufig: Sie beten im
Vaterunser:
Führe uns nicht in Versuchung! – Das bedeutet aber nichts
anderes, als dass die Christen ihren Gott tatsächlich bitten,
dass er sich ihnen gegenüber nicht so verhält wie der Teufel
höchstpersönlich!
Soweit nun die Geschichte vom Sündenfall von mir, Eva, und
meinem Adam! Schade, dass die Schlange mir seinerzeit nur
die halbe Wahrheit gesagt hatte und mich nicht auch auf den
Baum des Lebens hingewiesen hat! Es wäre wirklich toll
gewesen, wenn ich mit Adam ewig in diesem Paradies hätte
bleiben können anstatt Gottes Unmut ertragen zu müssen.
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Übrigens, liebe Menschenkinder, ein kleiner Hinweis von mir
als Augenzeugin: All die Darstellungen vom Paradies und von
mir und der Schlange ohne Füßchen sind falsch! Die Schlange
hatte nämlich, als sie mich verführte, ihre Füßchen noch! Die
verlor sie erst hinterher, nachdem Gott sie verfluchte…
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5. Die christliche Theologie:
Unglaublicher Output eines Märchens!
Apropos Falschdarstellung: Es gibt eine Stelle in der Bibel, die
mich jedes Mal aufs Neue ärgert, wenn ich mit ihr konfrontiert
bin, über die ich aber nicht so leicht sprechen kann, und das ist
diese Stelle, die gleich nach dem Sündenfall kommt. Das heißt,
genau genommen ärgert mich diese Stelle lediglich am zweitmeisten. Wirklich am meisten ärgert mich Paulus, welcher in
seinem Brief an die Römer behauptet (Kap 5,12):
„Durch einen einzigen Menschen ist die Sünde in die Welt
gekommen und mit der Sünde der Tod. Und auf diese Weise ist
der Tod zu allen Menschen gekommen. …
Doch Verfehlung und Gnadengabe heben sich nicht einfach auf:
Denn wie die Verfehlung des Einen den Vielen den Tod brachte,
so wiegt die Gnade Gottes dies mehr als auf: die Vielen wurden
nämlich durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus
auch noch überreich beschenkt. Und dieses Gnadengeschenk ist
nicht wie die Sünde des Einen. Denn das Urteil über den Einen
führt zur Verurteilung, aber die Gnade, die auf zahllose
Verfehlungen folgte, führt zur Gerechtigkeit. …
So wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verurteilung
einbrachte, so bringt eine einzige gerechte Tat allen Menschen
die Gerechtigkeit des Lebens. Denn wie durch den Ungehorsam
eines Menschen die Vielen zu Sündern wurden, so werden durch
den Gehorsam eines Menschen die Vielen wieder zu Gerechten.“
Die Rede beim Ungehorsam dieses einzigen Menschen ist hier
von Adam – und nur von Adam! Meine wesentlich wichtigere
Rolle übergeht Paulus einfach – aber das ist typisch für diesen
Mann, der mit der rechten Wahrnehmung der Frau sein ganzes
Leben lang Schwierigkeiten hatte! Dazu dann später mehr.
Hier an dieser Schlüsselstelle der Bibel ermöglichte die stupide
Ignoranz der Frau durch Paulus die Entwicklung der Theologie
von der Erbsünde! Diese besagt, dass wegen der Sünde Adams
der Tod in die Welt kam. Paulus lehrt, dass nur wegen dieser
Sünde dieses einen Menschen alle anderen Menschen ebenfalls
Sünder sind, dass wegen ihr sämtliche Menschen vor Gott in
Ungnade gefallen sind und alle von ihm dazu verurteilt wurden
zu sterben.
Ein extrem grausames und willkürliches Gottesbild, das Paulus
in völliger Verdrängung der Rolle der Frau entwirft!
Doch es kommt noch schlimmer, denn Paulus lehrt weiter:
Die einzige Möglichkeit, die Gott hatte, um die von ihm selbst
zum Tode verurteilten Menschen wieder vom Tod zu befreien,
war, dass er seinen einzigen über alles geliebten Sohn zur Erde
sendet, damit der nun dort möglichst grausam zu Tode komme.
Und wegen dieser gewaltigen Liebe Gottes zu uns schmutzigen
Sündern, die er auf Kosten seines einzigen reinen Sohnes unter
Beweis stellt, sollen wir uns aus ganzem Herzen freuen!
Immerhin versucht Paulus seinen ungläubig Zuhörenden diese
„Tod-für-Tod-Theologie“ durch ein tolles Zuckerl schmackhaft
zu machen und lockt sie mit Folgendem:
Für den Fall, dass man das mit der Erbsünde und der Erlösung
durch Jesus wirklich auch glaubt, wirkt der Tod Jesu wie ein
Persilschein: Man ist nicht nur von den Sünden erlöst, die man
vor seiner Bekehrung begangen hat, sondern auch noch von all
jenen, die man in Zukunft erst noch begehen wird, ganz egal
wie viele das sind und wie schwer sie wiegen! Das geht aus
Römer 3,24 eindeutig hervor, wo Paulus die Notwendigkeit
einer eigenen Anstrengung definitiv verneint:
Es gibt keinen Unterschied zwischen Jude und Nichtjude, denn
alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Doch
werden sie allein durch seine Gnade ohne eigene Leistung
gerecht gesprochen, und zwar nur aufgrund der Erlösung, die
durch Jesus Christus geschehen ist. … Die Sühne ist durch das
von Jesus vergossene Blut geschehen.
Das ist das skurrile paulinische Gedankengebäude, das auf der
selektiven, rein männlichen Betrachtung der Welt beruht und
die Frau ausklammert. Es wurde von sämtlichen christlichen
Theologen übernommen und als „Frohe Botschaft von Jesus“
in die Welt getragen.
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Doch diese Tod-für-Tod-Theologie des Paulus hat ihren klar zu
Tage tretenden Schwachpunkt nicht nur in der Ignoranz der
Frau, sie beruht auch auf der Voraussetzung, dass dieser Adam
damals wirklich im Paradies gelebt und vor mittlerweile 5772
Jahren tatsächlich in jene verbotene Frucht gebissen hat. Wenn
wir Menschen nicht alle von Adam und Eva abstammen, dann
gibt es keine Erbsünde! Wenn der Sündenfall von Adam keine
Realität ist, sondern stattdessen die Wissenschaft Recht hat, die
von einer Steinzeit ausgeht und davon, dass die Menschheit
sich evolutionär aus dem Tierreich entwickelte, dann ist die
Theologie von der Erbsünde obsolet, ganz genau wie die darauf
aufbauende Erlösung durch Jesus Christus.
Und an diesem Beispiel kann man sehr gut die Unlauterkeit der
Theologie an sich demonstrieren:
Kaum ein Theologe glaubt selbst noch an die Existenz von
Adam – aber sagt man irgendwo dazu, dass ohne Adam auch
die Lehre von der Erbsünde und Erlösung hinfällig ist? An die
Erbsünde und Jesu Opfertod, den er als Gottes einziger Sohn in
direkter Folge des Sündenfalls Adams erleiden musste, hat man
aber trotz Wegfallens der Grundlage weiterhin zu glauben.
So etwas ist intellektuell absolut unredlich, und man kann es
nicht klar genug sagen:
Ohne Adam keine Erbsünde und ohne Erbsünde entfällt
auch die Theorie von der Erlösung durch Jesus Christus!
-
Jesus verkündigt, dass wir Menschen unsere Sünden
vergeben bekommen für den Fall, dass wir umkehren
und uns um ein gutes Leben bemühen. Damit steht
Jesus in einer Reihe mit Johannes, dem Täufer, und all
den anderen Propheten des Alten Testaments.
Doch vor dem Hintergrund, dass Gott ohnehin bereit
ist, uns Menschen unsere Sünden zu vergeben, wozu
braucht es dann noch die Erlösung durch Jesus? Auf
den ersten Blick sieht das aus wie doppeltgemoppelt,
doch in Wirklichkeit ist die Sündenvergebung, die das
Bemühen um das Gute zur Voraussetzung hat, etwas
vollkommen anderes als die Erlösung von all seinen
bisherigen und all seinen zukünftigen Sünden, die man
als Belohnung für seine Bekehrung erhält.
Das zum Erlösungstod umgedeutete Sterben Jesu hat
unmittelbar nichts anderes zur Folge, als dass für die
Menschen die Notwendigkeit zu eigener Anstrengung
entfällt und damit in weiterer Konsequenz sogar die
Notwendigkeit, Gutes zu tun.
Das ist im Wesentlichen auch der Grund für das schier
unglaubliche Leiden, das die von den Theologen irre
geleiteten Christen in die Welt brachten. Werke – ob
gute oder böse – sind nämlich aufgrund der Erlösungstheologie unwichtig, wichtig ist stattdessen nur, dass
die Menschen, die sich zu Jesus bekehrt haben, auch
daran glauben, dass Jesus für ihre Sünden gestorben
ist. Dann können die ohnehin sündigen Menschen
sündigen, so viel sie wollen, es passiert ihnen nichts!
Doch diese Tod-um-Tod-Theologie des Paulus hinkt auch an
weiteren Stellen gewaltig:
-
Ein Gott, der gerecht ist, belohnt und bestraft die Menschen nur wegen ihrer eigenen Fehler oder Verdienste
und nicht wegen der Fehler oder Verdienste anderer.
Soweit mal ein erster grober Überblick über Paulus und seine
Tod-um-Tod-Theologie von Erbsünde und Erlösung. Sie verrät
deutlich seinen in alten Zeiten verwurzelten Geist, in welchen
galt: Aug um Aug, Zahn um Zahn.
-
Die Tod-um-Tod-Theologie stellt Gottes Allmacht in
Frage: Der allmächtige Gott wird auf nur eine einzige
mögliche Lösung einer von ihm selbst geschaffenen
Problematik festgelegt und verliert seine Souveränität.
Wir werden Paulus in einem eigenen Abschnitt dieses Buches
noch näher unter die Lupe nehmen – und das sei Ihnen hier
schon versprochen: Aus dem Wundern über Paulus und seine
skurrile Gedankenwelt werden Sie nicht mehr herauskommen!
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6. Die Vaterschaft Abels:
Wer hätte das gedacht…!
Das muss man erst mal auf sich wirken lassen: Gott ist mir
zum Mann geworden! Genau wie ein Jupiter, genau wie ein
Zeus schwängert da dieser Jehova seine Erdenweiber!
So und nun muss ich Ihnen doch langsam die Stelle nennen, die
mich wegen ihrer Falschdarstellung am zweitmeisten ärgert: Es
ist die Erzählung von Kain und Abel! Kinder können uns für
viel Arges im Leben entschädigen und sie machen einen auch
in der Not glücklich. Aber nicht nur wenn sie da sind, ist es
schön, es ist auch schon schön, wenn sie entstehen…
Tja, nehmen wir es einfach mal als solches hin, ich zumindest
hatte nichts dagegen! Es war so und – unter uns – es war
schön!
Ja, wie soll ich da jetzt beginnen? Wenden wir uns dazu noch
einmal kurz den Theologen zu! Diese sind so stolz darauf, dass
sie im Alten Testament einen Gott haben, der sich von den
anderen Göttern der Völker um Israel abhebt: Jehova ist nicht
wie ein Jupiter oder ein Zeus, die ständig mit ihren Menschenweibern herumhurten und Kinder zeugten, die willkürlich und
ungerecht waren und grausige Strafen verteilten. Schon gar
nicht wollen die Theologen ihren Super-Gott auf eine Stufe
gestellt sehen mit den Stammesgöttern der Kannibalen, denen
sogar Menschenopfer gefallen. Tja, und genau diese Theologen
haben mit der Kain-und-Abel-Geschichte ihre allergrößten
Schwierigkeiten und übersetzen diese so:
Die Sache mit Abel war aber nicht mal Gottes einzige irdische
Liaison mit Folgen:
In der Einleitung zur Sintflut heißt es (1. Mose 6,1):
Als die Menschen auf der Erde zahlreich zu werden begannen,
und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne des
wahren Gottes, dass die Töchter der Menschen schön waren, und
sie wählten sich aus ihnen Frauen aus. … In dieser Zeit lebten
die Riesen auf der Erde, und auch später noch, als die Söhne des
wahren Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und
diese ihnen gebaren. Das sind die Helden, welche von alters her
waren und die Männer von Ruhm gewesen sind.
Wie der Vater, so die Söhne…!
Adam erkannte Eva, sie ward schwanger und gebar Kain; und
Eva sprach: Ich habe einen Mann erworben mit Jehova. Und
sie gebar ferner seinen Bruder, den Abel. (1.Mose 4,1)
Spüren Sie die Not der Theologen, wenn sie nicht wissen, wie
sie das ganz normale Geschehen des Beischlafs ausdrücken
sollen und welche Worte sie dafür gebrauchen? Und dann noch
dieser Satz: „Ich habe einen Mann erworben mit Jehova!“
Sehen wir uns diese Stelle näher an und übersetzen sie richtig,
dann heißt das gar nicht so, wie es übersetzt ist, sondern:
…und Eva sprach „Gott ist mir zum Mann geworden, und gebar
daraufhin seinen Bruder, den Abel“
So, jetzt ist es heraus!
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7. Wie tief sinkt Gott noch?
In dieser frappant an die Sagen der alten Griechen von Titanen
und Helden wie Herakles erinnernden Einleitung steht der Gott
unserer Bibel beileibe nicht mehr über den anderen Göttern des
klassischen Altertums! Hier steht er mit ihnen nur noch auf der
gleichen Stufe! Und mit dem „unwandelbaren, ewig gleichen“
Bibelgott geht es sogar noch weiter bergab:
Es geht mit ihm sogar bis ganz hinunter auf das Niveau von
Kannibalengöttern, die sich an Menschenopfern ergötzen:
Sie kennen die Geschichte von Abraham und Isaak, seinem
Sohn? Nun, Abrahams Frau Sara hatte erst sehr spät ihr erstes
Kind geboren, nämlich Isaak im Alter von 90 Jahren. Aus
heiterem Himmel verlangt nun Gott von Abraham, dass er ihm
Isaak als lebendiges Brandopfer darbringe. Abraham – immerhin für drei Religionen (Judentum, Christentum und Islam) der
Religionsgründer und d a s Vorbild in Sachen Gehorsam Gott
gegenüber – zögert keine Sekunde, sondern fesselt seinen Sohn
Isaak lebend auf einen Holzstoß und will ihn verbrennen!
Diese Geschichte geht Gott sei Dank noch einmal gut aus, denn
Gott sagt im letzten Augenblick: „Stopp – war nur ein Test…“
400 Jahre später bei Jeftah (auch Jephtah, Jephta oder Jiftach)
sieht die Sache leider anders aus:
Jeftah war ein großer König und Prophet und verspricht Gott
bei einem Sieg in einer wichtigen Schlacht, dass er ihm das
Erste, was ihm bei der Rückkehr aus seinem Haus entgegenlaufe, als Brandopfer darbringe. Wahrscheinlich hatte Jeftah
die Geschichte von Odysseus gehört, der erst kurz vor ihm von
Troja nach Ithaka zurückgekehrt war und dem nach 20 Jahren
Abwesenheit sein Hund Argos entgegengelaufen kam.
Eine rührende Geschichte, die in der damaligen Welt sicherlich
ihre Runde gemacht hatte. Vielleicht hoffte Jeftah, als er diesen
Schwur tat, mit einer ähnlichen Geschichte – sozusagen als
Trittbrettfahrer – auch so bekannt zu werden wie Odysseus.
Doch leider läuft Jeftah nicht sein Hund entgegen, sondern sein
achtjähriges Töchterchen! Und dieser große König und Prophet
bleibt seinem Gott und dem ihm geleisteten Schwur treu: „Und
er tat ihr, wie er gelobt hatte“ und weiter heißt es: „Und es
wurde zur festen Einrichtung im Volk Israel, dass die Frauen
jährlich hingehen, um die Tochter Jeftahs, des Gileaditers, zu
beklagen, und das jedes Jahr vier Tage lang.“ (Richter 11,40)
Dazu Martin Luther: „Man will, er habe sie nicht geopfert, aber
der Text steht klar da!“
Arm die Menschen, die solche Schauergeschichten über ihren
Gott glauben müssen und das mit Jesus unter einen Hut zu
bringen haben. Sie sind in der Tat auf die Theologen und deren
über Jahrtausende gewachsenen Spitzfindigkeiten angewiesen.
Wenn ich hier despektierlich über die Bibel und manchmal
sogar über Gott spreche, so bitte ich dies zu entschuldigen, es
handelt sich bei all diesen Stellen nur um den so genannten
Anthropomorphismus, also um eine Übertragung menschlicher
Verhaltensweisen auf die jeweiligen Gottheiten.
Die Götterhimmel der Griechen und Römer waren zum Großteil anthropomorph: Zeus und Jupiter, die rumhurten, ständig
Bastarde zeugten und mit ihren eifersüchtigen Gemahlinnen
Streit bekamen; die Parteien bildeten und sich in Erdenkriegen
auf die eine oder andere Seite der Kämpfenden schlugen, wie
wir das von der Sage von Troja, der Ilias, her kennen. Und das
gilt in mehr und weniger großer Ausprägung auch für die
Götter der Perser, Ägypter, Mayas, Kelten…
Auch der alttestamentliche Gott hat ganz offensichtlich seine
anthropomorphen Seiten. Auch er kämpfte zum Beispiel zeitweise auf Seiten der Perser gegen die Israeliten. Diese anthropomorphen Stellen sind leicht als solche zu erkennen, sie sind
angreifbar und es ist auch wirklich nichts dabei, wenn man sie
angreift. Es hilft nur, sie besser als solche zu lesen und zu
interpretieren.
„Heilig“ bzw. göttlich inspiriert wird die Bibel erst dort, wo sie
ihre anthropomorphen Seiten überwindet und uns Wahrheiten
verkündet, die jenseits unserer oberflächlichen menschlichen
Wahrnehmung liegen.
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8. Das Beste im Alten Testament:
Der Name Gottes
Und wenn Gott auf die Frage nach seinem Namen antwortet:
„Ich bin das Sein“, dann kennen wir Gottes Namen zwar
immer noch nicht, aber wir wissen, was Gott ist:
Schauen wir uns nun den Namen Gottes näher an! Er spielt die
gesamte Bibel hindurch eine wesentliche Rolle!
Gott ist das Sein oder das Leben.
Wer kennt ihn? Natürlich: Jahwe oder Jehova! Viele denken da
wahrscheinlich auch gleich an die Zeugen Jehovas, die es sich
zur Lebensaufgabe machen ließen, anderen Leuten zu erzählen,
man heilige den Namen Gottes, indem man möglichst oft
Jehova sagt. Das wäre ein bisschen einfach, hinter dem Namen
Gottes steckt ein wenig mehr!
Betrachten wir dazu die Szene näher, in der Gott seinen Namen
nennt: Moses entdeckt einen Dornbusch, der brennt, aber doch
nicht verbrennt. Moses wird von einer Stimme aus dem
Dornbusch aufgefordert, seine Schuhe auszuziehen, denn er
stehe auf heiligem Boden und dann von ihr beauftragt, zum
Pharao zu gehen und das Volk Israel aus Ägypten heraus zu
führen. Eine gewaltige Aufgabe!
Moses sträubt sich und bringt irgendwann auch das Argument,
die Israeliten würden ihm nur folgen, wenn er ihnen Gottes
Namen sagen würde. Die Stimme antwortet daraufhin:
„Ich werde der sein, der ich sein werde“
oft auch übersetzt mit
„Ich bin der „Ich bin“.“ (2 Mose 3,14)
Eine seltsame Antwort! Doch nur auf den ersten Blick:
„Ich bin“, „Du bist“, „Er ist“, „Ich werde sein“ etc. sind nur
Unterformen, es sind alles Konjugationen des Verbs „Sein“.
Man kann statt „Ich bin der ich bin“ oder „Ich bin der Seiende“
ebenso gut übersetzen: „Ich bin das Sein“ oder, da es sich hier
offensichtlich um ein belebtes Sein handelt, mit: „Ich bin das
Leben.“ Wenn man jemanden fragt: „Wie heißt Du?“ und er
antwortet: „Ich bin Bäcker“, dann weiß man deswegen noch
lange nicht, wie er heißt! Aber man weiß, was er ist!
Zusammen mit dem kurz darauf nachfolgenden Gebot, „Du
sollst Dir in keiner Weise irgendein Bild von Gott machen“,
bedeutet das nichts anderes als:
Gemäß der Bezeichnung, die Gott sich selbst in der Bibel gibt,
existiert kein Gott nach irdischen Vorstellungen. Das, was die
Menschen für Gott halten, ist das Sein oder das Leben an sich!
Wahres Christentum ist damit absoluter Atheismus!
(Dasselbe gilt für wahres Judentum.)
Wie diese Geschichte vom Gott, der sich als „das Sein“ oder
„das Leben“ definiert, in die Bibel gekommen ist, ist natürlich
nicht mehr recherchierbar, sicher ist aber, dass die Bibel meist
von Menschen mit sehr anthropomorphen Gottesvorstellungen
verfasst wurde. So werden die Synonyme „Sein“ oder „Leben“
für „Gott“ nicht durchgehalten und „Jahwe“ oder „Jehova“
bald wieder als Eigenname gebraucht, so als ob das Sein nicht
ein einziges, die gesamte Welt erfüllendes Fluidum ist, sondern
eine klar definierte abgrenzbare göttliche Person, ein Gott, der
genau wie die Götter der Völker rings um Israel die Menschen
beäugt und mit Opfern besänftigt und gnädig gestimmt werden
kann. Äußerst mühselig sind im 3. Buch Mose die seitenlangen
Opfervorschriften zu lesen, wo ausgeführt ist, wie welche Tiere
zu töten sind, wohin man ihr Blut zu spritzen und welchen Teil
des Altares man damit zu bestreichen hat. Es gab Brand-,
Trank-, Sünd- und Dankopfer und der Kult, den der Bibelgott
sein Volk für sich treiben ließ, sucht in der antiken Welt
seinesgleichen. Es tut jetzt noch in der Seele weh, wenn man
bedenkt, wie viel wertvolle Nahrung dieses arme Wüstenvolk
sinnlos auf dem Altar vernichtete. Diese Kapitel mit den Opfervorschriften sind tatsächlich ebenso göttlich inspiriert wie zum
Beispiel die Gebrauchsanleitung eines Mikrowellenherds.
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9. Israels Könige, schlechter als Ihr Ruf
Trotzdem zieht sich parallel dazu auch die Vision Gott = Sein
oder Gott = Leben sowie der faszinierende Gedanke von der
Gleichheit aller Menschen durch das Alte Testament:
So war das Leben am Anfang strikt gegen jedes Königtum. An
seiner Statt wurden lediglich Richter eingesetzt, die für Recht
und Ordnung sorgten und Streitigkeiten schlichteten.
Außerdem gab es die Priester. Diese waren aber nicht von einer
Kaste oder kamen aus einem bestimmten Hause, sondern ein
ganzer Stamm von den 12 Stämmen Israels (der Stamm Levi),
also mit Männern, Frauen und Kindern, sollte die Priesterschaft
übernehmen.
Damals ging dieses Experiment schief: Die Israeliten waren zu
schwach, als dass sie ohne König ausgekommen wären:
Saulus wurde bald ihr erster, David ihr zweiter und Salomon
ihr dritter (und auch schon letzter) König. Was sich bei diesen
drei Königen bereits abzeichnete und in weiterer Folge klar zu
Tage trat, war die Dekadenz:
Saulus, der vor allem durch seine Körpergröße auffiel, war sehr
herrschsüchtig und versuchte mehrmals David, seinen musisch
begabten und beim Volk wesentlich beliebteren Schwiegersohn
umzubringen. Nach einer militärischen Niederlage tötete sich
Saulus schließlich selbst.
ihm schwanger wird, kurzerhand deren Ehemann ermordet!
Immerhin war David „anständig“ genug, diese leidgeprüfte
Frau als Ehefrau Nr. 8 in seinem Palast aufzunehmen.
Den ersten Sohn der beiden ließ Gott sterben, um David für
sein verbrecherisches Verhalten wenigstens ein bisschen zu
strafen. Erst Salomon, der zweite Sohn, der aus dieser triebhaften Liaison Davids hervorging und später wegen seiner
Weisheit berühmt wurde, überlebte seine Kindheit.
Salomon freilich trieb es noch wesentlich bunter:
Er hielt sich einen Harem von gleich 700 Frauen plus 300
Nebenfrauen und war auch sonst vor allem eines: Maßlos!
Nach Salomon zerfiel das schon vorher gespaltene Königtum
Israel endgültig in das Nordreich „Israel“ und das Südreich
„Juda“. Das Nordreich vernichteten im Auftrag Gottes wegen
seiner weiteren ständigen Verfehlungen die Perser bald völlig,
während das Südreich zur Strafe für 70 Jahre nach Babylon in
die Gefangenschaft musste.
In den Jahren vor, während und nach der Babylonischen
Gefangenschaft versuchte eine Reihe von Propheten (Jesaja,
Elias, Daniel, Jonas…) die Israeliten mit Nachdruck zu mehr
Gehorsam gegenüber Gott zu bewegen – meist ohne Erfolg.
David – dieser glorreiche David, der Goliath besiegte und nach
landläufiger Meinung ein toller gerechter König war – hatte
mit Jonathan, dem Sohn von Saulus, ein schwules Verhältnis:
„Es tut mir Leid um Dich, mein Bruder Jonathan: ich habe große
Freude und Wonne an Dir gehabt; Deine Liebe ist für mich
wunderbarer gewesen als die Liebe von Frauen.“ (2. Samuel
1,26 zum Tode Jonathans).
Wie triebhaft David wirklich war – auch den Frauen gegenüber
– ist in 2. Samuel 11 genau beschrieben, wo er sich einfach an
der Frau eines seiner Soldaten vergreift und, als die Frau von
20
10. Die frühen Theologen und ihr Widersacher
Bald nach dem Ende der Babylonischen Gefangenschaft im
Jahre 520 v. Chr., da verstummte Gott nach und nach für vier
lange Jahrhunderte! Was ist geschehen?
Die Theologen rätseln und wissen es nicht! Wer die Bibel mit
normalen Augen liest, erkennt es dagegen leicht: Während der
babylonischen Gefangenschaft war das Pharisäer- und Schriftgelehrtentum entstanden. Und diese Schriftgelehrten und Pharisäer maßten es sich an, Gottes Gesetze zu interpretieren und
zu verändern. So wurde es streng verboten, den Namen Gottes
überhaupt nur auszusprechen und zu den 10 Geboten erließen
sie noch über 2000 weitere dazu!
Aber natürlich ist er niemals verstummt, noch dazu, wo „Gott“
das „Leben“ ist, und das Leben kann sich nicht einfach mal für
ein paar Jahrhunderte abmelden. Verstummt ist dieser „Gott“
sicher nie; er war nur eine Zeitlang im Getöse der Pharisäer
und Schriftgelehrten nicht mehr zu hören!
Doch dann kommt Jesus! Er versucht, die Schriftgelehrten
und Pharisäer zum Verstummen zu bringen und den Menschen
die Ohren wieder zu öffnen (überliefert sind seine wiederholten
Beschwörungen: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“).
Und tatsächlich gibt es nur eine einzige Personengruppe, gegen
die Jesus vorgeht: Er wendet sich nicht gegen die dekadenten
Könige der Juden wie kurz vor ihm noch Johannes, der Täufer,
dem seine Agitation gegen König Herodes den Kopf kostete.
Er wendet sich auch nicht gegen die Römer, die oft überharten
Besatzer der Juden, obwohl es dafür sicherlich genug Anlass
gegeben hätte. Laut Jesus tragen auch die sündigen Dirnen und
die korrupten Steuereintreiber nichts zum geistigen Niedergang
der Juden bei; im Gegenteil: Jesus war zu den Dirnen und den
Steuereintreibern meist sogar besonders freundlich.
Nur gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer agiert Jesus! Nur
sie verhindern, dass die Menschen ins Himmelreich kommen,
und die Schimpfworte, mit denen Jesus sie belegt, haben es in
sich. Können Sie sich noch an einige erinnern?
Jesus nennt die Theologen seiner Zeit „Heuchler“, für ihn sind
sie „blinde Blindenführer“ und „weißgetünchte Gräber“, er
beschimpft sie mit „Natterngezücht“ und „Otternbrut“.
Jesus wendet sich ausnahmslos gegen die Schriftgelehrten und
Pharisäer – gegen die Theologen seiner Zeit! Nur in ihnen sieht
Jesus die Führer seines Volkes ins Verderben, nur gegen sie
richtet sich sein Kampf, sein aussichtsloser Kampf!
Aussichtslos? Ja, und Jesus wusste das: Wiederholt kündigte er
an, dass er von den Hohenpriestern gefangen genommen und
getötet würde! Und er konnte sich natürlich auch denken, wie
seine Hinrichtungsart aussehen würde:
In seiner frühen Kindheit war die 8 km von Nazareth entfernte
Stadt Sepphoris Zentrum eines Aufstandes gegen die Römer.
Diese brachen den Widerstand der Einwohner und kreuzigten
auf einen Schlag 2 000 Menschen. Es ist kaum vorstellbar, dass
Jesus davon nichts erfahren hat.
Auch sonst war man im römischen Reich mit dem Kreuz sehr
schnell bei der Hand. Und der Kreuzestod zog sich oft mehrere
Tage in die Länge und die Kreuze wurden weithin sichtbar
aufgestellt, da sie als Abschreckung dienen sollten! Jesus hat
solches oft selbst gesehen und von Anfang an gewusst, was
ihm blüht, wenn er sich mit der Obrigkeit anlegt.
Dabei war Jesus mit seiner Botschaft an sich bereits in keiner
leichten Position: Einerseits sah er bei den Schriftgelehrten,
welch merkwürdige und letztendlich gottlose Erkenntnisse man
durch ein exzessives Bibelstudium gewinnen kann, andererseits
konnte er den Juden kaum die Beschäftigung mit ihrer heiligen
Schrift verbieten; ebenso war es extrem heikel mit dem Namen
Gottes zu hantieren – man wurde damals bei seiner Nennung
auf der Stelle gesteinigt! Und vor seiner Kreuzigung entging
Jesus seiner Steinigung mehrmals nur knapp!
Jesus schlägt einen dritten Weg ein: Er bringt seine persönliche
Version des wahrhaftigen Glaubens in die Welt – mit neuen
Bezeichnungen und Inhalten!
21
Diese ist im zweiten Teil der Bibel, im „Neuen Testament“
festgehalten. Testament bedeutet übrigens „Bund“. Wir werden
uns der Botschaft Jesu sowie ihrer urchristlichen Auslegung im
zweiten Teil dieses Buches widmen und dieser Teil wird noch
interessanter werden als der erste Teil.
Abschließend zum Alten Testament ist noch zu sagen, dass die
ganzen Geschichten, die den fünf Büchern Moses folgen, sehr
ermüdend zu lesen sind, oft sind sie einfach nur langweilig und
dazu in großen Teilen unglaubwürdig. Ob sich dahinter der
eine oder andere historische Kern verbirgt, ist meist belanglos
und wird nur einige wenige Spezialisten interessieren.
Und wie bedeutungsvoll das Volk Israel damals wirklich war,
mag man an der Größe ermessen, die der hoch gelobte Tempel
Salomos hatte, der zur besten Zeit dieses Volkes erbaut wurde:
Er hatte eine Grundfläche von 10m x 40m und war 15m hoch.
Das ist ein besseres Zweifamilienhaus…
Vergessen kann man in der Regel auch die Psalmen: Sie sind
entweder ein notorisches Gejammer zu einem nicht-existenten,
anthropomorphen Gott oder aber ein ausufernder Lobpreis.
Natürlich kann man einwenden: Aber es ist doch super, wenn
man Gott lobt und preist! Doch andererseits: Wenn Gott unser
guter Vater ist, wie Jesus dies später propagiert, stellt sich für
uns die Frage: Was will ein guter Vater von seinen Kindern?
Wir sollten uns diese Frage durchaus einmal ohne biblischen
Hintergrund stellen: Ein wirklich guter Vater im landläufigen
Sinn, was will der von seinen Kindern? Will er, dass diese ihre
Zeit damit verbringen, ihm sein Lob zu singen?
Das gewiss nicht! Ein guter Vater will, dass seine Kinder ihr
eigenes Leben leben und dabei glücklich sind! Wir dürfen von
daher getrost auch im Hinblick auf Gott annehmen, dass er
nicht ständig sein Lob aus unserem Mund gesungen hören will,
sondern dass er will, dass wir unseres Lebens uns erfreuen!
Man kann also auch die Psalmen getrost übergehen.
Gehaltvoll ist dagegen das Buch der Weisheit, das aber zu den
Apogryphen (geheimen Büchern) zählt und nicht in jeder Bibel
zu finden ist (nur in Katholischen, nicht aber Evangelischen).
22
Das Neue Testament
oder
Jesus und Paulus,
eine grenzenlose Polarität
23
11. Es gibt keine heiligen Kühe,
in der Bibel schon gar nicht!
Viele überzeugte Christen haben mit dem Wörtlichnehmen des
Alten Testamentes, besser gesagt: mit dessen Nicht-Wörtlichnehmen keine Probleme, mit dem Nicht-Wörtlichnehmen des
Neuen Testamentes dagegen schon. Schließlich ist es für viele
unbestritten, dass Jesu Botschaft im Neuen Testament enthalten
ist, dass Jesus auf Erden lebte, dass er der Messias ist und dass
er uns die einzig wahre, Erlösung bringende Botschaft brachte!
Alles, was von Jesus kommt, kann nicht nur, sondern muss als
Gesetz genommen werden. In der heutzutage immer wandelbarer werdenden Welt muss man ja schließlich irgendwo Halt
finden – eine tiefe Sehnsucht in vielen Menschen, die sich im
Glauben an den einzig wahren „unwandelbaren“ Gott, der vom
Anbeginn aller Zeiten an stets unverändert geblieben ist, sowie
an Jesus Christus, seinen einzigen Sohn, festen Halt erhoffen.
Nun ja, Leben ist steter Wandel – und sich von einem Gott, der
sich selbst als „das Leben“ und „das Sein“ bezeichnet, ewige
Unwandelbarkeit zu erwarten, ist zumindest ein wenig gewagt.
Doch da, wie man weiß, in Märchen und Mythen ein wahrer
Kern enthalten ist, sollten wir am besten die Betrachtungen
über das neue Testament wie ein Märchen beginnen lassen:
Es war einmal ein Vatergott. Der schickte seinen einzigen Sohn
auf die Erde, damit er uns Menschen erlöse. Der Sohn kam auf
die Erde, wählte sich dort zwölf Gefährten und wandelte mit
ihnen über das Land, um den Menschen die frohe Botschaft
von ihrer Errettung zu verkünden. Er belehrte die Menschen
über Himmel und Hölle, erzählte ihnen vom Jüngsten Gericht
und versprach ihnen, nach seinem Tode wieder zu kommen.
Nachdem der Sohn Gottes sein Werk vollbracht hatte, feierte er
an seinem letzten Abend auf Erden ein mystisches Abendmahl.
Nach seinem Tod wurde er dann zwar zuerst begraben, durfte
dann aber wieder auferstehen.
Preisfrage: Wie heißt dieser Sohn Gottes?
Falsch: Nicht Jesus, sondern Mithras!
Der Mithraskult entstand in Persien, und zwar mindestens 1400
v. Chr., doch just zur Zeit Jesu breitete sich dieser Kult von
Palästina und Syrien her über das ganze römische Reich aus.
„Mithra“ ist persisch; es bedeutet „Vertrag“ und weist auf die
Bündnisfreudigkeit dieses Gottes hin. Auf sechs Bündnisse mit
uns Menschen brachte es dieser Gott immerhin, ehe er ab ca.
320 n. Chr. langsam in der Versenkung verschwand.
Jedoch nicht nur zum Mithraismus weist das Christentum unglaubliche Parallelen auf, es gibt im seinerzeit römisch geprägten Umfeld auch andere, zum Beispiel zur Jungfrauengeburt:
In Rom waren sechs Jungfrauen dazu abgestellt, das Feuer der
Vesta zu bewachen, welches nie verlöschen durfte. Von diesen
sechs Vestalinnen hatte immer nur eine Dienst, während die
anderen am ganz normalen gesellschaftlichen Leben in Rom
teilnehmen durften. Tja, und da passierte es schon mal, dass
dann doch die eine oder andere schwanger wurde.
Wenn man dieser Vestalin eine Liaison mit einem bestimmten
Mann nachweisen konnte, drohte beiden die Todesstrafe, wenn
nicht, dann hatte halt ein Gott seine ‚Hand’ im Spiel…
Auch Platon und Alexander der Große sollen übrigens von
einer Jungfrau und von einem Gott gezeugt worden sein. Der
Gott bei Platon war Apollo und bei Alexander dem Großen der
Göttervater Zeus höchstpersönlich.
Jungfrauengeburten waren also den Menschen damals durch
die Geburtsmythen großer Männer und auch im Normalleben
absolut geläufig.
Und was die Herkunft großer zeitgenössischer Menschen anbelangt, so wurde zum Beispiel auch der zur Zeit der Geburt Jesu
herrschende Kaiser Augustus als Gottes Sohn bezeichnet, und
zwar wegen Gaius Julius Cäsar (100 – 44 v. Chr.), den man im
Jahre 48 v. Chr., also noch zu Lebzeiten, in den römischen
Götterhimmel erhoben hatte. Sein Neffe Augustus wurde nach
seinem Tod im Jahre 14 n. Chr. ebenfalls zum Gott erklärt und
trug schon vor seinem Tode wegen seiner Verwandtschaft zu
Cäsar den Titel „filius divi“ – „Sohn des Göttlichen“.
24
Übrigens stellte man sich bei allen zu Gott erklärten Menschen
eine richtige Himmelfahrt nach ihrer Beerdigung vor, ganz
ähnlich jener, die man auch Jesus nachsagte.
Doch das ist nicht schwer: Wie bei vielen Aussagen Jesu geht
es hier eindeutig nur um das Prinzip und nicht um die konkrete,
wörtlich zu nehmende Handlungsaufforderung!
Soweit vorweg zum historischen Hintergrund! Er ruft uns zur
Wachsamkeit gegenüber dem, was die Bibel uns erzählt. Daher
sollten wir auf jeden Fall auch beim Neuen Testament unserem
eingeschlagenen Weg treu bleiben und die ganze Sache mit
normalen Augen betrachten – ohne vorgefasste, also angelernte
Anschauungen von Seiten unserer Erzieher.
Nehmen wir daher Jesus zunächst seinen Status als „Der Sohn
Gottes“, als „Der Erlöser“ und als „Der Messias“ und schauen,
was Jesus wirklich so getan und gelehrt hat. Denn auch Jesus
ist keine heilige Kuh, die man nicht schlachten darf; auch ihn
darf man jederzeit mit Fug und Recht in Frage stellen und ihm
gegenüber kritisch sein. „Prüfe alles“, sagte Paulus im Hinblick
auf die von ihm verkündete Frohe Botschaft – und da wollen
wir doch wirklich mal auf Paulus hören…
Aber es gibt noch einige andere, für manche Christen recht
unangenehme Feststellungen über Jesus.
Was ist zum Beispiel mit Matthäus 15,20, wo Jesus befiehlt:
Also nehmen wir uns nun Jesus vor und überprüfen, wie weit
wir ihn wörtlich nehmen können.
Wir haben da zum Beispiel Jesu Aussage:
„Wenn Dich Deine Hand oder Dein Fuß zum Bösen verführt,
dann hack sie ab und wirf sie weg! Es ist besser, Du gehst
verstümmelt oder als Krüppel ins Leben ein, als mit beiden
Händen und beiden Füßen in das ewige Feuer zu kommen.“
Oder ebenso brutal: „Und wenn Dein Auge Dich verführt, so reiß
es heraus und wirf es weg! Es ist besser für Dich, Du gehst
einäugig in das Leben ein, als dass Du beide Augen behältst und
in das Feuer der Hölle geworfen wirst.“ (Matthäus 18,8)
Starke Worte! Aber wie gut, dass hier niemand Jesus wirklich
wörtlich nimmt, sonst hätten die meisten Menschen nur noch
ein Auge oder einen Arm und einen Fuß bzw. gar keine Augen,
Arme und Füße mehr, und würden in ihren Herzen wohl immer
noch genauso sündigen wie zuvor mit Augen, Armen und
Füßen. Trotzdem aber gibt Jesus diese überspitzte Äußerung
von sich und man hat mit ihnen zu Recht zu kommen!
„Simon Petrus! Steck Dein Schwert in die Scheide!“ und
anschließend behauptet: „Denn wahrlich ich sage Dir, alle, die
zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen!“
Lieber Christ, das stimmt nicht, das ist definitiv unrichtig!
Viele, die zum Schwert gegriffen haben, sind einen natürlichen
Tod gestorben.
Oder noch viel schlimmer, in Johannes 14,13:
„Was Ihr auch in meinem Namen bitten werdet, will ich tun,
damit der Vater verherrlicht werde im Sohne. Wenn Ihr etwas in
meinem Namen bitten werdet, so werde ich es tun!“
Bekennende Christen beten gern und ausgiebig und wer schon
mal gemeinsam mit ihnen zu Gott um die Erhörung einer Bitte
gebetet hat, weiß aus eigener Anschauung, dass diese Aussage
falsch ist! Das ist eine schlichtweg leere Versprechung!
Und unmittelbar vor dieser Stelle steht eine Äußerung Jesu, die
man nie in irgendeiner Kirche hört und die auch niemals in
einem Streitgespräch von irgendeinem Theologen zitiert wird,
einfach weil sie einen sofort erkennbaren Unsinn enthält!
Jesus sagt tatsächlich:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, wer an mich glaubt, der
wird die Werke auch vollbringen, die ich tue, und er wird sogar
noch größere Werke vollbringen als diese.“ (Johannes 14,12)
Noch größere Werke vollbringen als Jesus? Unglaublich, mit
welchen Versprechungen der Glaube an Jesus den Menschen
schmackhaft gemacht werden soll!
25
Oder folgender Unsinn aus dem Markusevangelium:
„Jesus sprach zu ihnen: Geht in die ganze Welt und predigt allen
Menschen das Evangelium. Wer glaubt und getauft wird, wird
errettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.
Diese Zeichen werden denen folgen, welche glauben: In meinem
Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen
Sprachen reden, sie werden Schlangen anfassen, und wenn sie
Gift trinken, so wird es ihnen nicht schaden…“ (Markus, 16,15)
Dazu erübrigt sich wohl jeder weitere Kommentar. Wir werden
dann später in diesem Buch sehen, was diese Versprechen für
eine Wurzel haben.
Dann gibt es noch Beispiele, wo Jesus sich selbst nicht an seine
eigenen Vorgaben hält. So sagt er in Matthäus 6,12:
„Alles, was die Schriftgelehrten lehren, das tut auch!“
Doch was macht er? Die wichtigen Fastengebote hielten Jesus
und seine Jünger nie ein. Auch Ähren abreißen am Sabbat wird
von Jesus gut geheißen – ebenfalls im klaren Widerspruch zu
den Schriftgelehrten.
Und sogar absolut unanständig war sein Verhalten in Lukas 11,
37: Hier wird berichtet, wie Jesus von einem Pharisäer zum
Essen eingeladen war. Jesus legt sich gleich zu Tisch und will
zugreifen, ohne sich vorher die Hände zu waschen. Heutzutage
ist so etwas nicht schlimm, doch damals war Hände waschen
vor einem gemeinsamen Mahl mehr als nur eine lästige Geste,
sondern aus hygienischen Gründen zwingend notwendig: WCs
mit Klopapier gab es nämlich nicht und auch nicht Gras oder
Farne in ausreichender Menge: Man reinigte sich damals nach
der Notdurft seinen Hintern mit der Hand – auch Jesus!
Sein Gastgeber macht Jesus nun dezent auf sein – wie er wohl
denkt – Versehen aufmerksam. Und wie reagiert Jesus? Anstatt
dankbar seine Hände doch noch schnell zu waschen, lässt er
eine Salve wüster Beschimpfungen vom Stapel, wie böse und
schmutzig sein Gastgeber inwendig ist; und als andere Gäste
sich von Jesus mit angegriffen fühlen, bezieht er gleich auch
diese in seine Tiraden mit ein.
Das ist ein absolut unmögliches Benehmen! Und täten wir bei
einer Einladung beim Bischof, Pastor oder Pfarrer heutzutage
Ähnliches, würde wohl gerade von diesen keiner behaupten, so
etwas sei christlich!
Kaum hatte Jesus aufgehört zu reden, bat ihn ein Pharisäer, zu
ihm zum Essen zu kommen. Jesus ging ins Haus und legte sich zu
Tisch. Der Pharisäer war überrascht, dass sich Jesus vor dem
Essen nicht gewaschen hatte. Da sagte der Herr zu ihm: "So seid
Ihr Pharisäer! Das Äußere von Bechern und Schüsseln haltet Ihr
sauber, was Euer Inneres, ist voller Habgier und Bosheit. Wie
dumm von Euch! Hat Gott, der das Äußere schuf, nicht auch das
Innere gemacht? Gebt doch den Armen, was Ihr in den Bechern
und Schüsseln habt, dann werdet Ihr sehen, wie schnell es Euch
rein wird. Weh Euch, Ihr Pharisäer! Von Minze und Raute und
sonst jedem Kraut gebt Ihr noch den Zehnten ab und lasst doch
die Forderungen der Gerechtigkeit und Liebe Gottes außer Acht.
Das eine hättet Ihr tun und das andere nicht lassen sollen. Weh
euch Pharisäer! Ihr liebt die Ehrenplätze in den Synagogen und
die Grüße auf den Märkten. Weh Euch! Ihr seid wie weiß
getünchte Gräber. Die Menschen laufen darüber hinweg und
merken nicht, wie sie verunreinigt werden."
"Rabbi", sagte einer der Gesetzeslehrer, "damit greifst Du auch
uns an!" Jesus erwiderte: "Ja, weh auch Euch Gesetzeslehrern!
Ihr ladet den Menschen schwere Lasten auf und macht selbst
keinen Finger krumm. Weh Euch! Ihr baut Grabmäler für die
Propheten, die doch von Euren Vorfahren umgebracht wurden.
Damit bestätigt Ihr die Schandtaten Eurer Vorfahren und heißt
sie auch noch gut, denn sie haben die Propheten getötet, und Ihr
errichtet die Grabmäler. Deshalb hat die Weisheit Gottes auch
gesagt: 'Ich werde Propheten und Apostel zu ihnen schicken;
einige von ihnen werden sie umbringen, andere verfolgen.'
Darum wird diese Generation zur Rechenschaft gezogen werden
für die Ermordung aller Propheten seit Anbeginn der Welt, von
Abel bis hin zu Secharja, der zwischen dem Brandopferaltar und
dem Tempel umgebracht wurde. Weh Euch, Ihr Gesetzeslehrer!
Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis beiseite geschafft. Selbst
seid Ihr nicht hineingegangen, und die hineingehen wollten, habt
Ihr daran gehindert." (Lukas 11,37)
26
Doch auch diese unanständige und beleidigende Seite gehörte
zu Jesus – und die Evangelien sagen sogar klar, dass Jesus auch
in dieser Hinsicht ein Vorbild war und sich auch die Jünger
bald nicht mehr die Hände vor dem Essen wuschen:
Damals kamen Pharisäer und Gesetzeslehrer aus Jerusalem zu
Jesus und sagten: "Warum halten Deine Jünger sich nicht an die
überlieferten Vorschriften und waschen sich nicht die Hände vor
dem Essen?" (Matthäus 15,1)
Also, seine eigene Forderung: „Alles, was die Schriftgelehrten
lehren, das tut auch!“ hielt Jesus selber nicht ein! Und was ist
mit dieser sehr bekannten Stelle:
„Wenn Dich einer auf die rechte Backe schlägt, halt ihm auch
die linke hin!“(Matthäus 5,39)
Was tat Jesus, als er selbst geohrfeigt wurde, später vor dem
Hohen Rat beim Verhör – hielt er da die andere Backe hin?
Nein, hat er nicht! Jesus hat sich verteidigt:
Der Hohepriester befragte nun Jesus über seine Jünger und über
seine Lehre. Jesus antwortete ihm: „Ich habe öffentlich zur Welt
geredet; ich habe stets in der Synagoge und im Tempel gelehrt,
wo alle Juden zusammenkommen, und im Geheimen habe ich
nichts gesagt. Was fragst du mich? Frag doch die, welche gehört
haben, was ich zu ihnen gesagt habe.“ Als er das gesagt hatte,
gab einer der Diener, die dabeistanden, Jesus eine Ohrfeige und
sagte: „Antwortet man so dem Hohenpriester?“ Jesus erwiderte:
„Redete ich unrecht, so beweise, was daran unrecht war; redete
ich aber recht, warum schlägst Du mich?“(Johannes 18,19)
Auch bei der Stelle mit der linken und der rechten Backe ist
Jesu Aussage nur eine rhetorische Übertreibung, um den Sinn
der Sache klar zu machen und nicht als Aufforderung gemeint,
um sie wörtlich zu verwirklichen.
27
12. Die Theologen in Erklärungsnotstand
– doch Not macht erfinderisch
Die Schriftgelehrten der Gegenwart, unsere Theologen, haben,
wenn sie mit diesen Sachverhalten konfrontiert werden, stets
wortgewaltige Erklärungen parat, warum es natürlich so ist,
wie es in der Bibel steht, aber warum es gleichzeitig aber doch
nicht so ist, wie es in der Bibel steht, und man ist nach ihren
Erklärungen jedes Mal verwirrter als zuvor.
Die kurioseste Erklärung eines Theologen habe ich mal gehört,
als es um die beiden widersprüchlichen Todesarten von Judas
Iskariot ging, des Verräters Jesu.
In Matthäus 27,5 steht:
Da nahm Judas das Geld und warf es in den Tempel. Dann ging
er weg und erhängte sich. Die Hohenpriester aber nahmen das
Geld und sagten, es ist nicht erlaubt, es zum Tempelschatz zu
geben, denn es ist Blutgeld … und sie kauften dafür einen Acker
für die Bestattung von Fremden.
In Apostelgeschichte 1,18 steht:
Judas hat vom Lohn für sein Unrecht einen Acker gekauft, dort
ist er kopfüber gestürzt und dabei mitten entzwei geborsten und
alle seine Eingeweide sind ausgelaufen.
Dieser Theologe aus dem evangelikalen Lager erklärte diesen
Widerspruch so: Judas habe sich erhängt. Als er dann so am
Baume baumelte, ist er immer mehr aufgeschwollen, bis es den
Strick an seinem Halse gesprengt hat. Infolgedessen ist er auf
den Acker darunter gestürzt und auseinandergeplatzt. Seine
Sippe hat dann von den Hohenpriestern einen Teil des Geldes
bekommen und davon einen Acker für Judas’ Bestattung gekauft, während die Hohenpriester mit dem Rest des Geldes den
anderen Acker kauften.
Zwar sei in diesem Fall nicht Judas selbst der Käufer seines
Ackers gewesen, wie es in der Apostelgeschichte steht, sondern
seine Sippe, aber in der damaligen Zeit sei das das gleiche
gewesen, das mache also nichts. Auch dass der Acker erst nach
dem Tod von Judas gekauft wurde und nicht schon vor seinem
Tod, ist nur eine winzige vernachlässigbare Ungenauigkeit.
Damit war für den wackeren Theologen seine heile Bibelwelt
wieder in Ordnung und zur Gänze widerspruchsfrei.
Selbstverständlich könnte man vor soviel Eifer lächelnd den
Hut ziehen und amüsiert seiner Wege gehen, wenn es sich nur
um solch harmlose Stellen in der Bibel handeln würde. Doch
Glaube ist nie harmlos, sondern eine bitterernste Angelegenheit
für viele Menschen. Wegen des Glaubens, das heißt besser:
aufgrund der Auslegung der Theologen und deren Macht über
die Menschen wird gemordet, wird gestorben, wird unterdrückt
und unendlich viel gelitten. Glaube bzw. die Theologie ist und
bleibt damit eine der wichtigsten Angelegenheiten der Welt.
Sehen wir uns im Folgenden nun die Berichte der einzelnen
Evangelisten zu Jesu Geburt und Tod an. Geburt und Tod sind
ganz wichtige Ereignisse im Leben eines Menschen und man
sollte glauben, dass man hier wahrheitsgetreu vorgegangen ist,
noch dazu, da es sich bei den Berichterstattern um Volks- und
Zeitgenossen Jesu handelte, die mit den lokalen und kulturellen
Gegebenheiten bestens vertraut waren.
Falls nun diese wichtigen Berichte über Geburt und Tod Jesu
nicht übereinstimmen, muss man hinsichtlich der historischen
Glaubwürdigkeit weiterer Ereignisse erst recht skeptisch sein.
28
16. Jesus, ein Mensch ohne Irrtum und
ohne jede menschliche Entwicklung?
Gehen wir trotz aller Legenden, die sich um das Leben Jesu
gebildet haben, vorläufig weiter davon aus, dass Jesus ein ganz
normaler Mensch war wie Sie und ich ohne göttliche Attribute
und zitieren ein geflügeltes Wort seiner Zeit: „Errare humanum
est.“ Dieses Sprichwort ist uns auch heute noch geläufig und
heißt übersetzt: „Irren ist menschlich.“
Lässt sich Jesu irdische Natur vielleicht anhand von Irrtümern
nachweisen? Tatsächlich ist dies überraschend leicht möglich:
So wird bei Matthäus (21,19) und Markus (11,12) zum Beispiel
von diesem Irrtum Jesu berichtet:
Am nächsten Tag, da sie von Bethanien weggingen, wurde Jesus
hungrig. Da sah er von ferne einen Feigenbaum, der Blätter
hatte; da ging Jesus zu diesem Baum hin, um nach Feigen zu
suchen. Doch als er hinkam, fand er nichts als Blätter, denn es
war noch nicht die Zeit, dass Feigen an dem Baum hätten sein
können. Da sprach Jesus zu diesem Baum: „Ab jetzt in alle
Ewigkeit soll niemand mehr von Dir essen!“ Und seine Jünger
hörten das. … Als sie dort am nächsten Morgen vorübergingen,
sahen sie, dass der Feigenbaum von der Wurzel an verdorrt war.
Da erinnerte sich Petrus und sprach zu Jesus: „Rabbi, siehe, der
Feigenbaum, den Du verflucht hast, ist verdorrt!“
Ein klassischer Irrtum, wie er auch jedem von uns widerfahren
kann – und auf den Jesus, wie auch wir das so oft machen, mit
Ärger und spontaner Aggression reagierte! Für den Ruf Jesu,
den die Theologen ihm als den unfehlbaren Sohn Gottes geben
wollen, ist das allerdings eine kleine Katastrophe!
Jesus habe, so versuchen sich die Theologen aus der Affäre zu
ziehen, nur ein Zeichen setzen wollen, um zu demonstrieren,
was mit dem geschieht, der keine guten Früchte bringt. – Eine
absolut dumme Antwort, denn erstens würden damit sie sich
zuallererst selbst richten, und zweitens hat Jesus es immer klar
abgelehnt, Zeichen um des Zeichens willen zu tun – warum
sollte er dann ausgerechnet hier ohne Anlass plötzlich eines vor
seinen Jüngern setzen wollen?
Aber das war nur ein kleiner Irrtum, der mit dem Feigenbaum;
andere Irrtümer Jesu waren wesentlich folgenreicher, und einer
hatte wirklich extreme Folgen…
Sehen wir uns aber vorher noch andere Irrtümer an:
Jesus geht zum Beispiel davon aus, dass er nach seinem Tode
sehr bald wiederkommt und dass mit seiner Wiederkunft das
Ende dieser Welt bzw. das jüngste Gericht verbunden ist. Er
beschreibt dies anschaulich bei Lukas Kapitel 21 und beendet
seine Aussagen mit folgendem Versprechen:
„Wahrlich, ich sage Euch: Diese Generation wird nicht
vergehen, bevor all das geschieht.“ (Lukas 21,32)
Nahezu identische Ausführungen von Jesus finden sich auch
bei Markus 13,29 und Matthäus 24,33. Ähnliches sagt Jesus in
Johannes 16,16:
„Noch eine kleine Weile und Ihr werdet mich nicht mehr sehen
und wieder eine kleine Weile und Ihr werdet mich wieder sehen.“
Aufgrund dieser Ansicht Jesu entwickelten die Apostel die so
genannte „Apokalyptische Heilserwartung“, das bedeutet, dass
sie fest von einer greifbar nahen Wiederkunft Jesu ausgingen.
Sie verkündeten das damals auch überall und hatten es als fixen
und durchaus attraktiven Bestandteil in ihrer Botschaft.
Doch das war, wie wir inzwischen wissen, ein offensichtlicher
Irrtum – und sogar bei den Zeugen Jehovas, die auch heute
immer noch glauben, Jesus werde „sehr bald“ wiederkommen,
setzt in diesem Punkt langsam ein Umdenken ein.
Wie uns die Theologen weismachen wollen, war Jesus das
präexistente Wort Gottes und kam in die Welt, um die ganze
Menschheit von der Sünde zu erlösen. Zu dieser Sicht der
Dinge passt Matthäus 15,21 freilich denkbar schlecht:
Jesus ist mit seinen Jüngern wieder einmal unterwegs. Da
begegnet ihm eine Heidin und bittet ihn um die Heilung ihrer
Tochter. Was macht Jesus nun?
29
Natürlich heilt er sie, ist man geneigt zu antworten. Doch das
tut er nicht: Jesus würdigt die Frau keines Blickes und geht
einfach weiter. Die Frau läuft ihm nun hinterher und schreit
immer lauter um Hilfe. Den Jüngern rührt dies schon ans Herz;
sie ergreifen Partei für die Frau und bitten nun selbst Jesus, ihr
zu helfen. Jesus weigert sich weiter und entgegnet: „Ich bin nur
zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt!“ Eine
unglaubliche Antwort! Jesus ist nur zu den Juden gesandt worden, nicht zu allen Menschen! Aber es kommt noch schlimmer:
Die Frau fasst sich nach der Fürsprache der Jünger ein Herz;
sie fällt vor Jesus auf die Knie und bittet: „Herr, hilf mir!“
Und Jesus sagt Ihr daraufhin diese Worte mitten ins Gesicht:
„Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und es
vor die Hunde zu werfen!“
Trotz dieser schweren Beleidigung durch Jesus bleibt die Frau
gefasst und entgegnet: „Ja Herr, Du hast recht, aber auch für
die Hunde unterm Tisch fällt ab und zu ein Brotkrümel ab!“
Da kann nun selbst Jesus nichts mehr entgegnen und gibt nach.
Diese Stelle im Originaltext (Matthäus 15,21):
Jesus ging von dort weg und zog sich zurück in die Gegend von
Tyrus und Sidon. Da kam eine kanaanäische Frau, rief ihn an
und bat: „Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine
Tochter wird übel von einem Dämon geplagt.“ Er aber
antwortete ihr mit keinem Wort.
Da traten seine Jünger zu ihm und baten ihn: „Befreie sie doch,
denn sie läuft hinter uns her und schreit!“ Er aber antwortete:
„Ich bin ausnahmslos zu den verlorenen Schafen des Hauses
Israel gesandt.“ Da kam sie näher, warf sich vor ihm nieder und
sagte: „Herr, hilf mir!“ Er aber erwiderte: „Es ist nicht gut, den
Kindern das Brot wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“
Sie aber sagte: „Ja, Herr, doch auch die Hunde essen von den
Krümeln, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Da sagte Jesus zu
ihr: „0 Frau, groß ist Dein Glaube. Dir gescheh, wie Du willst!“
Und im Johannesevangelium Kapitel 4 Vers 22 sagt Jesus einer
Samariterin ebenfalls völlig eindeutig:
„Ihr betet an, was Ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen;
denn das Heil kommt von den Juden.“
Jesu Selbstverständnis kommt hier klar zum Ausdruck: Er ist
für die Juden da und nicht für die Heiden, also nicht für alle
Menschen! Und tatsächlich sind sich nach seinem Tode auch
alle Apostel sicher, dass auch sie entsprechend den Weisungen
Jesu nur bei den Juden zu missionieren haben und nicht bei den
anderen Völkern! Es bedarf zuerst bei Petrus großer innerer
Kämpfe, bis er umdenkt und sich Petrus(!) als d e r Apostel
der Heiden sieht. Dazu später mehr.
Erst sehr kurz vor seinem Tode und nach langen erfolglosen
Versuchen, die Pharisäer und Schriftgelehrten zur Einsicht zu
bringen, dämmert es Jesus, dass die Juden nicht die richtigen
oder zumindest nicht die einzigen Adressaten für seine Mission
sind, sollte diese nicht zum Scheitern verurteilt sein. Diese
Erkenntnis bringt Jesus kurz vor seiner Hinrichtung in den
Gleichnissen über den Eckstein, der er für die Juden hätte sein
wollen, der aber von den Bauleuten verworfen wurde, klar zum
Ausdruck (Matthäus 21,42; Markus 12,10, Lukas 20,17).
Und dasselbe drückt Jesus im Gleichnis einer Hochzeit aus, die
ein König ausrichtet: Als alles vorbereitet ist und die Hochzeit
beginnen soll, kommen die geladenen Gäste nicht. Da lädt der
König notgedrungen andere Leute ein (Matthäus 22,8):
„Dann sagt er zu seinen Knechten: ,Zwar ist die Hochzeit bereit,
aber die Geladenen waren nicht würdig. Geht deshalb nun zum
gemeinen Volk der Straße und ladet all diejenigen, die Ihr findet,
zur Hochzeit ein!’“
Man mag spekulieren, was gewesen wäre, wenn Jesus sich von
Anfang an wirklich als Messias für alle Menschen verstanden
hätte und von der abgelegenen Provinz Galiläa aus, wo er sein
Wirken begann, nicht zu diesen Betonköpfen nach Jerusalem
marschiert wäre, sondern seine Botschaft gleich in der Welt,
für die sie gedacht war, verkündet hätte, naheliegenderweise in
Rom. Im römischen Reich mit seiner religiösen Toleranz und
seinen gut ausgebauten Verkehrswegen hätte er alle Chancen
zu einem großen Erfolg gehabt!
30
Nun, Jesus hatte diese Möglichkeit nicht wahrgenommen und
daran wohl auch nie gedacht, ganz offensichtlich, weil er sich
lange Zeit nicht als Messias für alle Menschen verstand.
Vielleicht fehlte ihm auch einfach nur das Geld für solch eine
Reise – und mit dem Wunderwirken war es wohl doch nicht so
weit her, dass er sich hätte genügend herbeizaubern können.
Eine sehr wahrscheinliche Erklärung ist auch, dass er als Sohn
allereinfachster Eltern vom Land Griechisch als die Verkehrssprache des römischen Reichs nicht beherrschte und Jesus nur
Aramäisch sprechen konnte.
Von da an fing Jesus an, seine Jünger darauf vorzubereiten, dass
er nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, Hohenpriestern
und Schriftgelehrten viel würde erleiden müssen; dass man ihn
töte, er aber am dritten Tage auferstehe (Matthäus 16,21).
Die Aussicht auf Jesu Tod gefällt Petrus nun gar nicht und im
Bewusstsein seiner neuen Stellung fährt er Jesus an – Matthäus
benutzt das Wort „epitiman“ gleich „schelten“ – und sagt:
„Schau doch auf Dich selber, Herr! Solches soll Dir auf keinen
Fall widerfahren!“ (Matthäus 16,22)
Aber Jesus wandte sich um und sprach zu Petrus:
Aber ganz egal wie schlimm es war, dass Jesus erst sehr spät
begriff, dass seine Botschaft nicht nur eine gute Botschaft für
die Juden, sondern für alle Menschen war, als der tragischste
Irrtum Jesu sollte sich der folgende erweisen (Matthäus 16,18):
„Ich sage Dir: Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen
will ich meine Gemeinde bauen und die Hölle soll sie nicht überwältigen. Ich will Dir die Schlüssel des Himmelreichs geben.“
und Jesus fügt innerhalb des gleichen Satzes noch hinzu, worin
diese Schlüssel des Himmelreichs bestehen:
„Verschwinde, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn Du denkst
nicht was göttlich, sondern was menschlich ist.“
Im Original: „Hypage opiso mu; Satana ! Skandalon ei emu, hoti
u froneis ta tu theu alla ta ton anthropon.“ (Matthäus 16,23)
Das war allerdings mehr als eine bloße Zurechtweisung! Denn
Jesus korrigiert daraufhin seinen Irrtum, nur einen einzigen
Menschen als seinen Nachfolger auszuwählen! Bei nächster
Gelegenheit – so können wir ein paar Verse weiter lesen – sagt
er zu allen seinen Jüngern:
„Was Du auf Erden binden wirst, soll auch im Königreich der
Himmel gebunden sein, und alles, was Du auf Erden lösen wirst,
soll auch in den Himmeln gelöst sein.“
„Wahrlich ich sage Euch: Was Ihr auf Erden binden werdet, das
soll auch im Himmel gebunden sein, und was Ihr auf Erden lösen
werdet, das soll auch im Himmel gelöst sein.“ (Matthäus 18,18)
Diese Übertragung der Schlüsselgewalt über das Himmelreich
an Petrus war dasselbe, wie Petrus zu seinem Nachfolger zu
erklären. Dass Jesus einen Nachfolger braucht, ist durchaus
nachvollziehbar, denn Jesus wusste von Anfang an, dass er sich
mit seiner Botschaft in Lebensgefahr begibt, vor allem, wenn
er aus der kleinen Provinz Galiläa in die Hauptstadt Jerusalem
marschieren sollte.
Und Jesus hat die Tatsache, dass er nun einen Nachfolger hat,
mit großer Erleichterung aufgenommen, denn im unmittelbaren
Anschluss an die Auserwählung des Petrus heißt es:
Jeder, der Jesus nachfolgt, hält die Schlüssel des Himmelreichs
in Händen und darf – auf jeden Fall einmal für sich selbst –
bestimmen, was Recht und was nicht Recht ist, und zwar hier
auf der Erde und später im Himmel.
Der Irrtum, der Jesus mit der ursprünglichen Einsetzung von
Petrus als seinen alleinigen Nachfolger unterläuft, ist an sich
nichts Schlimmes. „Irren ist menschlich“ und Jesus als Mensch
darf so was jederzeit auch passieren. Und gerade Jesus erweist
sich als lernfähig und korrigiert sich schnell, sobald ihm neue
Erkenntnisse kommen.
31
Das so ungeheuer Tragische an diesem Irrtum ist jedoch die
Tatsache, dass von den Theologen später alles, was in die von
ihnen selbst zusammengestellte Bibel Eingang gefunden hatte,
zum ewigen unveränderlichen Wort Gottes erklärt wurde, und
so half Jesus dann alle Korrektur nichts mehr:
Man gründete auf seinem kurzen Irrtum
die katholische Kirche!
32
17. Wahre Liebe gibt es nur zwischen….
Soweit der erste Kontakt mit dem Neuen Testament. Er ist, was
unsere Erwartung betrifft, dort eine historisch getreue Berichterstattung über Jesus zu finden, eine große Enttäuschung.
Die Erklärung für alle diese Ungereimtheiten ist allerdings eher
einfach und liegt in der Intention der Verfasser begründet:
Es ging um das „evangelion“, die „Gute Botschaft“, wie Jesus
sie seinerzeit mündlich verkündet hatte. Anders als der heutige
Gebrauch des Wortes „Evangelium“, der das ganze schriftliche
Werk meint, wollten die Evangelisten damals diese von Jesus
mündlich verkündete Lehre schriftlich fixieren, bildeten um sie
aber dem Geist ihrer Zeit gehorchend eine Rahmenerzählung,
die möglichst großartig sein sollte, um das Interesse an Jesu
Person zu erhöhen. Daher war das Gesamtwerk auch unterteilt
in das „evangelion“ (Jesu Lehre), in die „Herrenworte“ (zum
Beispiel Jesu kluge Antworten auf theologische Fragen) und in
die Erzählung darum herum. Wirklich wichtig waren nur die
ersten beiden, die Erzählung nicht, und das ist auch schon der
Grund für die Ungenauigkeiten und Widersprüche. Seinerzeit
hatte sich daran keiner gestört, denn man übertrieb immer und
überall, wie das im Orient mitunter heute noch der Fall ist.
Versuchen wir nun im Folgenden dieses „evangelion“, das von
Jesus verkündet wurde, zu rekonstruieren.
Dazu müssen wir aber weiter unvoreingenommen allem gegenüber bleiben und dürfen nicht bei der Nennung von Namen wie
Jesus, Jehova etc. unvermittelt in eine anerzogene ehrfürchtige
Starre oder geistige Lähmung verfallen. Mit einer vorgefassten
ängstlichen Haltung kommen wir in dieser Bibel wirklich nicht
weit, sondern nur mit einer lebendigen respektlosen Frische.
Der neben Jesus zweite große Protagonist im Neuen Testament
ist Paulus. Er schrieb als erster seine Erkenntnisse in Form von
Briefen nieder, während die Evangelien erst Jahrzehnte später
verfasst wurden und nur die Reaktion auf die Paulusbriefe sind.
Mutmaßlich haben wir die Evangelien und unser rudimentäres
Wissen über Jesus nur dessen Briefen zu verdanken.
Wer war nun dieser Paulus? Paulus war Pharisäer und stammte
aus Tarsos, einer Stadt in Kilikien nahe der Grenze zu Syrien.
Damit gehörte er dem ehemaligen griechischen Großreich an,
das im römischen Reich aufgegangen war und das Alexander
der Große (356 bis 323 v. Chr.) gegründet hatte. Auch besaß er
die römische Staatsbürgerschaft, was für einen Juden damals
nicht gerade selbstverständlich war. Neben einer großen Redegewandtheit, wie sie viele Pharisäer auszeichnete, verfügte
Paulus also auch noch über einen multikulturellen Hintergrund.
Von Geburt an hieß er Paulos, das ist Griechisch und bedeutet
„der Kleine“, im jüdischen Umfeld nannte er sich allerdings in
„Saulus“ um, also nach einem dieser drei israelitischen Könige.
Auffallend ist, dass dieser Saulus nur eine einzige herausragende Eigenschaft besaß: Er war körperlich groß!
Dass Paulus durch ein mysteriöses Erlebnis „vom Saulus zum
Paulus“ wurde, ist also definitiv unwahr. Er bevorzugte lediglich auf seinen späteren Missionsreisen zu den Heiden wieder
den nichtjüdischen Namen „der Kleine“.
Dann kannte sich Paulus als belesener Pharisäer in den Schriften bestens aus und war auch noch bestens in der griechischen
Philosophie bewandert wie die brillante Rhetorik seiner Briefe
und deren Inhalte zeigen.
Griechisches Denken bei Paulus kann man am klarsten bei
Platon formuliert finden.
Platon lebte von 427 bis 347 v. Chr. Er war ein Schüler des
Sokrates, der mit seiner einfachen Weltanschauung („Ich weiß,
dass ich nichts weiß“) eine gute, bescheidene Lehre in die Welt
gebracht hatte, die er jedoch – ebenso wie Jesus – nur mündlich
verkündet hatte. Sokrates nahm für seine Botschaft freiwillig
die Verurteilung wegen Gotteslästerung auf sich und ließ sich
widerstandslos hinrichten (Vergiftung, „Schierlingsbecher“).
Platon schrieb die Lehre des Sokrates auf und vermischte sie
gehörig mit seinen eigenen Ansichten.
Neben theoretischen und von vorneherein unverwirklichbaren
Gedankengebäuden Platons zum Thema Staat, Herrschaft und
33
Gerechtigkeit sind seine Ausführungen zum Thema Liebe und
Sex von größter Bedeutung. Und in dieser Hinsicht ging es bei
den Griechen damals– gelinde gesagt – ja sehr eigenartig zu!
Aber lassen wir Platon selbst zu diesem Thema zu Wort
kommen (Symposion Paragraph 9, 181a,5 ff):
Die Anhänger der irdischen Liebe sind auch in Wahrheit irdisch.
Sie denken niedrig und es kommt ihnen nicht darauf an, was sie
bewirken. Es lieben nämlich solche die Frauen nicht weniger wie
die Knaben; und generell an denen, die sie gerade lieben, mehr
den Körper als die Seele; außerdem lieben sie möglichst die
Unverständigen, indem sie nur auf die Befriedigung aus sind,
völlig egal ob das auf edle Weise geschieht oder nicht…
Wahre Liebe aber stammt vom Himmel, der erstens nicht am
Weiblichen teilhat, sondern nur am Männlichen und von dem
daher auch die Liebe zu Knaben herrührt… Daher wenden sich
die von diesem Eros Ergriffenen auch dem männlichen
Geschlecht zu und lieben das von Natur aus Verständigere und
Stärkere. Und man kann auch bei der Liebe zu Knaben selbst
leicht diejenigen unterscheiden, die rein von diesem guten Eros
getrieben sind; denn sie lieben nicht Kinder, sondern erst die, die
schon vernünftiger geworden sind; und das fällt ungefähr mit der
Zeit des ersten Bartwuchses zusammen. Es sind nämlich die, die
von diesem Zeitpunkt an zu lieben beginnen, meiner Meinung
nach fest dazu entschlossen, mit ihrem Geliebten für das ganze
Leben vereinigt zu bleiben und es gemeinsam mit ihm zu
verbringen. Sie übertölpeln nicht hinterlistig seine unverständige
Jugend und verlachen ihn dann hinterher, wenn sie in die Arme
eines anderen entfliehen.
Es müsste daher auch ein Gesetz geschaffen werden, das es
verbietet, Kinder zu lieben, damit nicht so viel Mühe aufs
Ungewisse hin vergeudet wird; denn bei Kindern ist es noch sehr
ungewiss, ob ihre weitere seelische und körperliche Entwicklung
zuletzt im Guten oder Bösen ausschlägt. Die Edleren legen sich
zwar freiwillig diese Beschränkung auf; man müsste sie aber
auch den rein sinnlichen Liebhabern aufzwingen, so wie wir sie
ja auch nach Kräften zwingen, sich mit ihrer Liebe von frei
geborenen Frauen ferne zu halten. Denn diese sind es auch, die
jenen schlechten Ruf über die Liebe zu Knaben brachten, indem
sie es wagten zu behaupten, es sei schimpflich, wenn die Knaben
ihren älteren Liebhabern zu Dienste seien.
Ja, das war Platon, und so war seine Zeit: Er unterscheidet
zwischen der körperlichen, rein irdischen Liebe, an der er auch
die Frauen teilhaben lässt, und der himmlischen, den Leib und
die Seele umfassende Liebe, die nur zwischen Männern bzw.
zwischen Männern und Knaben existieren kann. In der
griechischen Gesellschaft liebten daher Männer nicht nur
Männer, sondern am liebsten Knaben. Die Zügellosen, also die,
denen es nur um den Sex ging, vergriffen sich an den Knaben
schon vor der Zeit des ersten Bartwuchses, die edleren aber
spätestens dann.
Es gab jedoch auch damals schon Gesetze zum Schutz – aber
nicht zum Schutz der Kinder und Jugendlichen, sondern zum
Schutz der geilen Alten:
Da man damals im Allgemeinen noch keine Unterwäsche trug,
hinterließ man beim Sitzen auf dem Boden die Abdrücke seiner
Pobacken im Sand oder sonst irgendwo sichtbar auf der Erde.
Und für diesen Fall gab es tatsächlich das Gesetz, dass Knaben
und junge Männer die Abdrücke ihrer so niedlichen Pobacken
nach dem Aufstehen verwischen mussten, damit die älteren
Männer, die später daran vorbeigingen, nicht sexuell zu sehr
erregt wurden...
Aufgrund der durchwegs praktizierten Männer- und Knabenliebe war die griechische Gesellschaft damals auch extrem
patriarchalisch: Unter diesen Bedingungen waren die Männer
nämlich sogar sexuell autark und nicht einmal mehr für die
Befriedigung dieser Bedürfnisse auf die Frauen angewiesen.
Und eines wird bei Platon auch klar angedeutet: Die Frauen,
die zwar auch lesbisch sein durften, allerdings nicht mit dieser
staatlichen Förderung, und deswegen mitunter zu kurz kamen,
verunglimpften die Liebe zu Knaben und leisteten Widerstand,
worauf die männlichen Gesetzgeber prompt mit weiterem
Liebes-Entzug reagieren: „…indem wir sie zwingen, sich mit
ihrer Liebe von frei geborenen Frauen fernzuhalten.“
Wie steht der aus dem griechischen Einflussbereich stammende
Paulus nun zu Liebe und Sex?
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Wir lesen in 1. Korinther 11,7:
Der Mann ist das Abbild Gottes und spiegelt dessen Herrlichkeit
wider. In der Frau dagegen spiegelt sich die Herrlichkeit des
Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau ab, sondern
die Frau vom Mann, denn schließlich wurde der Mann nicht für
die Frau erschaffen, sondern die Frau für den Mann.
Im 1. Korinther 7,2 heißt es dann:
Um Hurerei zu vermeiden, soll jede Frau einen Mann haben und
jeder Mann eine Frau… Die Frau verfügt nicht über ihren Leib,
sondern der Mann, und ebenso verfügt auch der Mann nicht über
seinen Leib, sondern die Frau. … Ich sage das als Zugeständnis,
nicht als Gebot. Ich wünschte zwar, alle Menschen wären so wie
ich, doch der eine hat halt diese Gabe von Gott, der andere jene.
Zu den Unverheirateten und Witwen sage ich: Es ist gut, wenn
sie genau wie ich ehelos bleiben. Wenn sie aber nicht enthaltsam
leben können, dann sollen sie eben heiraten. Das ist immer noch
besser, als vor körperlichem Verlangen zu brennen.
Heiraten, um Hurerei zu vermeiden? Heiraten, weil dies besser
ist, als vor körperlichem Verlangen zu brennen? Das soll schon
alles sein?
Paulus gibt an dieser wie an anderen Stellen für eine Heirat
ausnahmslos den Grund der körperlichen Triebbefriedigung an.
Dass man eine Frau auch aus wahrer Liebe heiraten kann, ist
für ihn ebenso wenig vorstellbar wie für Platon. Und genau wie
Platon entrückt Paulus den Mann in die Herrlichkeit Gottes,
während die Frau für ihn durch und durch irdisch bleibt und
nur um ihres Körpers willen geheiratet werden kann.
Man darf schon aufgrund dieser Einstellung die Frage stellen
(und das gilt für Platon ganz genauso), ob dieser Paulus, der
den Mann so über die Frau erhöht und der die Beziehung zur
Frau auf die reine Triebbefriedigung reduziert und der der Frau
damit die wahre Liebesfähigkeit abspricht(!), ob dieser Paulus
wirklich etwas vom wahren Menschsein begriffen hat!
offen zu seiner Homosexualität als die für ihn einzige Form der
wahren Liebe. Das fiel Platon im damaligen Umfeld, wo mehr
oder weniger alle das gleiche praktizierten, natürlich leicht.
Für Paulus war das nicht so einfach: Er war Jude, und für diese
waren homosexuelle Beziehungen verboten. So kommen in den
Paulusbriefen denn auch viele Verurteilungen sowohl heteroals auch homosexueller Handlungen vor. Es ist jedoch sicher,
dass Paulus, der sich körperlich nicht zu Frauen hingezogen
fühlte, sehr wohl das Begehren kannte:
Die Begehren wäre nie in mir erwacht, wenn das Gesetz nicht
gesagt hätte: "Du sollst nicht begehren!" Doch die Sünde nutzte
die Gelegenheit und stachelte durch das Gebot jede Begierde in
mir auf. (Römer 7,7)
und gleich darauf gibt er zu:
Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern ich tue das Böse,
das ich nicht tun will. (Römer 7,19).
Zwar kann sich Paulus echte Liebe zu einer Frau nicht vorstellen, stattdessen weckt aber – ganz im Geiste Platons – ein
junger Mann namens Timotheus sein Verlangen und seine
Liebe. Der 2. Brief des Paulus an Timotheus beginnt wie folgt:
… an Timotheus, das geliebte Kind: … Ich denke Tag und Nacht
an Dich … ich habe Deine Abschiedstränen nicht vergessen und
brenne danach Dich wieder zu sehen…
Zu keinem anderen ist Paulus in seinen Briefen so persönlich,
- und wer unter uns schon einmal verliebt war, weiß, wie sich
Verliebt sein erschöpfend beschreiben lässt:
Tag und Nacht an den anderen denken und danach brennen, ihn
wieder zu sehen…
Die sexuelle Ausrichtung jedenfalls kommt bei Platon deutlich
zum Ausdruck: Platon war stockschwul und bekannte sich auch
35
18. Eintracht und Verständigung
– für Paulus ein Fremdwort
Natürlich ist die sexuelle Orientierung jedermanns Privatsache,
jedoch nicht bei Paulus, dem vielleicht einflussreichsten Mann
der Weltgeschichte, der noch dazu keine Gelegenheit auslässt,
anderen Menschen ständig in deren Sexualität hineinzureden.
Doch abgesehen von der sexuellen Orientierung – was für ein
Mensch war dieser Paulus eigentlich sonst noch?
Wie oft bei Menschen ist die Frage nicht auf Anhieb oder in
nur einem einzigen Satz zu beantworten und Paulus war eine
wahrlich vielschichtige Persönlichkeit!
Tasten wir uns nun langsam an Paulus heran, indem wir uns
seine Vorgeschichte bis zu seinem ersten Wirken ansehen.
Das erste Mal betritt Paulus in der Apostelgeschichte 7,54 die
Bühne: Es ist in Jerusalem bei der Steinigung des Stephanus,
ein paar Monate nach Jesu Kreuzigung.
Aus anderen Städten waren Juden nach Jerusalem gekommen,
darunter aus Kilikien, Paulus’ Heimatstadt.
Diese fremden Juden waren mit Stephanus in Streit geraten,
unterlagen ihm im Streitgespräch jedoch. Daraufhin zettelten
diese Männer eine Intrige an und brachten ihn mit falschen
Vorwürfen vor den Hohen Rat. Dort hält Stephanus eine
flammende Rede und greift dabei – ganz im Sinne Jesu – die
religiösen Führer seiner Zeit an:
„Ihr Unbelehrbaren und Unbeschnittenen! Ihr Unbeschnittenen
an Herz und Ohren! Ständig widersetzt Ihr Euch dem Heiligen
Geist - genauso wie Eure Väter. Gibt es einen Propheten, den
Eure Väter nicht verfolgt haben? Sie haben sogar die getötet, die
das Kommen des Gerechten ankündigten - des Gerechten, den
Ihr verraten und ermordet habt!“ (Apostelgeschichte 8.3)
Das war zuviel: Sie treiben Stephanus aus der Stadt hinaus und
lynchen ihn unter Paulus’ Aufsicht. Somit wurde Stephanus der
erste christliche Märtyrer und Paulus war die treibende Kraft.
Doch damit hatte Paulus erst einmal nur Blut geleckt, denn es
heißt in der Apostelgeschichte 8.3 weiter:
Saulus wollte die Versammlung in Jerusalem vernichten. Überall
durchsuchte er die Häuser nach Gläubigen und ließ Männer wie
Frauen fortschleppen und ins Gefängnis bringen.
Der Rest dieses Kapitels beschäftigt sich dann mit den ersten
kleinen Missionsreisen der Apostel ins nähere Umland und wie
beliebt diese dort überall waren.
Zurück zu Paulus: Die Apostelgeschichte fährt in 9,1 fort:
Saulus, der immer noch Morddrohungen gegen die Jünger des
Herrn ausstieß, ging zum Hohenpriester und bat um Beglaubigungsschreiben an die Synagogen von Damaskus. Diese Briefe
sollten ihn bevollmächtigen, auch dort Männer und Frauen
aufzuspüren, die Anhänger des neuen Weges waren.
So wie es aussieht, war Paulus tatsächlich der erste Christenverfolger, und auch der erste Märtyrer ist nur dem paulinischen
Fanatismus zu verdanken gewesen!
Auf dem Weg nach Damaskus erfährt Paulus eine wundersame
Wandlung und sofort legt er mit verwundernder Behendigkeit
in der entgegengesetzten Richtung los: Er wird in Damaskus
zum Anhänger Jesu. Das heißt, konkret verkündet Paulus erst
einmal, dass Jesus d e r Sohn Gottes sei.
Die Apostelgeschichte beschreibt das in Kapitel 9,19 wie folgt:
Saulus war erst einige Tage bei den Jüngern in Damaskus, da
predigte er auch schon in ihren Synagogen, dass Jesus der Sohn
Gottes ist. Alle, die ihn hörten, waren entsetzt. „Ist das nicht der
Mann, der in Jerusalem unter allen, die diesen Namen anrufen,
verheerend gewütet hat?“, sagten sie. „Und ist er nicht hierher
gekommen, um sie als Gefangene den Hohenpriestern zu
überstellen?“ Saulus aber trat umso entschiedener auf und
brachte die Juden von Damaskus in Verwirrung, weil er ihnen
beweisen konnte, dass Jesus der Messias ist.
Als nun ziemlich viele Tage vergangen waren, fassten die Juden
den Entschluss, Saulus zu töten, doch er hatte davon erfahren.
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Sie bewachten daher Tag und Nacht die Stadttore, um ihn nicht
entfliehen zu lassen. Seine Anhänger aber ließen ihn eines Nachts
in einem Korb die Stadtmauer hinab.
Als Saulus wieder in Jerusalem war, versuchte er, sich dort den
Jüngern anzuschließen. Aber sie alle hatten Angst vor ihm, weil
sie nicht wirklich glaubten, dass er nun ein Jünger war. Da nahm
sich Barnabas seiner an. Er brachte ihn zu den Aposteln und
erzählte ihnen, wie Saulus auf der Straße den Herrn gesehen und
wie der Herr zu ihm gesprochen hatte. Er berichtete auch, wie
offen und frei Saulus in Damaskus für den Namen von Jesus
eingestanden war. Von da an ging Saulus bei den Jüngern in
Jerusalem ein und aus und trat mit ihnen zusammen offen im
Namen des Herrn auf.
Er redete und stritt auch mit den griechisch sprechenden Juden.
Doch dann versuchten auch diese ihn umzubringen. Als die
Brüder in der Gemeinde das erfuhren, brachten sie ihn nach
Cäsarea und schickten ihn von dort zurück nach Tarsos.
Daraufhin erlebte die Gemeinde in ganz Judäa, Galiläa und
Samarien eine friedliche Zeit.
Es ist ganz klar: Wohin dieser fanatische Paulus kommt, sät er
Unfrieden und erntet nicht nur Ablehnung, sondern sogar Hass,
der ihn mehrmals fast das Leben gekostet hätte. Und so kehrt
erst wieder Ruhe in der Gemeinde ein, als Paulus weg ist, und
– da ist die Apostelgeschichte ganz eindeutig: Die Ruhe in der
Gemeinde kehrt ein, w e i l Paulus wieder weg ist.
Der Friede währt nicht lange: Die Heidenmission der Jerusalemer Gemeinde macht Fortschritte und Barnabas, der schon mal
für Paulus eingetreten ist, macht auf einer Missionsreise nach
Antiochia einen Abstecher nach Tarsos. Dann heißt es weiter:
Als Barnabas Saulus gefunden hatte, nahm er ihn mit nach
Antiochia. Ein Jahr lang lebten sie dort in der Gemeinde und
lehrten viele Menschen. In Antiochia wurden die Jünger übrigens
zum ersten Mal Christen genannt. (Apostelgeschichte 11,26).
Nur eine unscheinbare Randbemerkung, dieses „zum ersten
Male Christen genannt“, doch sie ist von eminenter Tragweite:
Mit dieser eigenen Benennung wird die Abspaltung des
Christentums vom Judentum eingeleitet – und auch bei diesem
Schisma steht Paulus an vorderster Front!
37
19. Ein merkwürdiger Heiliger
Paulus war also ein von großem Sendungsbewusstsein getriebener Unruhestifter – und wir werden seinem Wesen noch um
einiges näher kommen, wenn wir uns genauer anschauen, was
und wie er lehrt.
Zum einen – das haben wir schon gesehen – lehrte Paulus die
absolute Herrschaft des Mannes über die Frau. Ein Dauerbrenner in der Weltgeschichte, der gerade auch im römischen
Reich, in das so überaus vielfältige Kulturen von allen Seiten
einflossen, stets up to date war. Unter den eroberten Kulturen
waren nämlich auch weit weniger patriarchalisch organisierte
Völker wie zum Beispiel die Kelten, die Räter und allen voran
die Etrusker. Hier galt es dem Vordringen der Frau in die heile
griechische Männerwelt entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen! Dafür fand Paulus bei den ebenfalls patriarchalisch
organisierten Juden auch ein offenes Ohr. Im Sinne Jesu war
diese absolute Herrschaft des Mannes über die Frau allerdings
sicher nicht!
Außerdem geht Paulus mit dem Versprechen hausieren, dass
die Menschen, die sich zu Jesus bekehren würden, nicht mehr
krank würden und auch nicht mehr würden sterben müssen!
Bald jedoch wurden er und die von ihm bekehrten Menschen
natürlich eines Besseren belehrt. Doch was macht Paulus, als er
mit der Nachfrage konfrontiert wird, warum Menschen, die
sich zu Jesus bekehrt hatten, nun doch gestorben seien: Gibt er
seinen Irrtum zu?
Als Erklärung für den Tod der Menschen behauptet Paulus hier
doch tatsächlich, sie mussten sterben, weil sie im Gottesdienst
unandächtig gewesen waren, oder anders ausgedrückt: Gott
bestrafe Unandächtigkeit im Gottesdienst mit dem Tode!
Kann man sich einen größeren Unfug vorstellen?
Überhaupt ist verwunderlich, dass Paulus, der an vielen Stellen
solch haarsträubenden Unsinn von sich gibt, nicht ebenso wie
so vieles andere bei den Apogryphen des Neuen Testamentes
gelandet ist. Das sind die verworfenen Bücher, die man nicht in
die Bibel aufnahm. Dort hätte er als allererster hingehört!
An dieser Stelle ist noch zu erwähnen, dass den zwölf Aposteln
mit Krankheit und Tod ein ähnliches Missgeschick passiert ist,
allen voran Petrus, doch schoben diese den Schwarzen Peter
wenigstens nicht so frech anderen und sogar Gott selber zu!
Generell sollte man im Bewusstsein behalten, dass Paulus bei
Heiden missionierte und dass diese bis dato von der Existenz
Jesu nicht die geringste Ahnung hatten. Dass da wieder einmal
einer, der sich für den Messias hielt, in Jerusalem hingerichtet
worden war, drang niemals bis zu den Menschen in Korinth,
Ephesus oder Thessaloniki vor. Dazu waren solche Vorgänge
im römischen Reich viel zu wenig sensationell. Paulus hatte
also tatsächlich völlig freie Hand, was die Verkündigung von
Jesu Botschaft anging; niemand konnte ihn korrigieren oder zur
Rede stellen – und das nutzte er weidlich aus.
In seinen Briefen stellt Paulus zum Beispiel die Schuldfrage für
die Kreuzigung „richtig“. Dabei gibt Paulus ganz ungeniert den
Juden die Schuld:
Seine Antwort lesen wir in seinem 1. Brief an die Korinther in
Kapitel 11,28:
Die Juden haben unseren Herrn Jesus und auch die Propheten
getötet, sie haben uns verfolgt, sie gefallen Gott nicht und sind
mit allen Menschen verfeindet. (1. Thessaloniker 2, 15)
Jeder prüfe sich also selbst, bevor er vom Brot isst und aus dem
Kelch trinkt! Denn wer isst und trinkt, ohne es sich bewusst zu
machen, dass dies der Leib des Herrn ist, isst und trinkt sich zum
Gericht. Aus diesem Grund sind ja viele von Euch schwach und
krank geworden, und nicht wenige sind schon gestorben.
– eine glatte Lüge, die Paulus hier in die Welt setzt und die bei
den späteren Judenverfolgungen, die stets mit der Begründung
„Die Juden sind Gottesmörder“ unter Berufung auf genau diese
Paulusstelle legitimiert wurden, allerschlimmste Konsequenzen
nach sich zog!
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Es waren nicht „die Juden“, die Jesu Tod auf dem Gewissen
hatten, sondern andere, wie man in der Bibel leicht nachlesen
kann, wenn man das will. Auf jeden Fall in den Evangelien und
auch in der Apostelgeschichte Kapitel 8,52, wo Stephanus in
seiner Rede vor dem Hohen Rat die Schuld richtigerweise den
religiösen Führern zuweist:
waren ausnahmslos die Drahtziehenden Schriftgelehrten und
Pharisäer sowie die Leute, die mit diesen solidarisch waren.
Nein, lieber Paulus, die Schuld an der Kreuzigung Jesu tragen
ausschließlich Deine Kollegen in Jerusalem und die paar wenigen Schreihälse, welche sich von ihnen zur Stimmungsmache
gegen Jesus engagieren ließen, und nicht „die Juden“!
„…den Ihr verraten und ermordet habt!“ (Apostelgeschichte 8.3)
Und hierin sehen wir schon eine der ganz infamen Verdrehungen, die Paulus noch an vielen anderen Stellen einstreut und
die ihn als heimtückischen Lügner entlarven. Hier bei dieser
Stelle ist allerdings noch zu fragen, ob als Motivation zu dieser
pauschalen Falschverurteilung der Juden die Ablenkung von
eigener Schuld tatsächlich ausreichend ist. Wir werden darauf
bei anderer Gelegenheit noch einmal zurückkommen!
„Die Juden“ hatten Jesus noch wenige Tage vor seinem Tod
einen triumphalen Empfang bereitet! Den Tod leiteten dann die
Schriftgelehrten und Pharisäer ein – also Paulus’ eigene Zunft!
Dabei gingen sie sehr heimtückisch vor, indem sie einen seiner
Apostel, Judas Iskariot, kauften und dann Jesus mitten in der
Nacht nach jenem tollen Fest, welches das Passahfest darstellte
und bei dem sehr viel gegessen und getrunken wurde, in ihre
Gewalt brachten.
Das Vorgehen war sehr durchdacht: Jesu Verhaftung erfolgte
erst nach dem Ende dieses berauschenden allgemeinen Festes,
also deutlich nach Mitternacht. Wenn man die Zeit von diesem
Punkt an über das Verhör vor dem Rat der Hohenpriester, die
Überstellung zu Pilatus, dessen Verhör dort, seine Geißelung
und Verurteilung bis zum Weg hinauf nach Golgatha und zur
Kreuzigung grob überschlägt, bleibt kein Spielraum für Gegenmaßnahmen: Jesus hing bereits um 9 Uhr am Kreuz und der
Weg hinauf nach Golgatha mit dem Kreuz dauert eine Stunde.
Die entscheidende Phase, also der Zeitpunkt, an dem die Juden
schrien: „Ans Kreuz mit ihm!“, worauf Pilatus dann nachgab,
muss sich etwa um 7 Uhr morgens abgespielt haben – zu einer
Zeit, die nach einem großen allgemeinen Fest die Ruhigste ist.
Wir brauchen uns nur bei uns am Neujahrsmorgen um 7 Uhr
die menschenleeren Straßen anzuschauen, dann können wir uns
ein bisschen ein Bild machen, wie die Situation damals war.
Ein wirklich idealer Zeitpunkt:
Zufällige Passanten gab es kaum und wenn, dann waren die
wahrscheinlich nicht in bester Verfassung, und Anhänger Jesu,
die für ihn in die Bresche hätten springen können, waren über
diese dermaßen kurzfristige Verhaftung und Aburteilung nicht
informiert worden. Informiert über die Verhandlung bei Pilatus
Auf jeden Fall neigt Paulus gerne zu Pauschalurteilen und lässt
keine Gelegenheit aus, Vorurteile zu stärken und Menschen in
einen Topf zu werfen. Eine besonders üble Stelle ist Titus 1,10:
Es gibt ja viele Widerspenstige, Schwätzer und Schwindler, die
sich nicht unterordnen wollen, besonders unter den Christen, die
sich früher beschneiden ließen. Ihnen muss man den Mund
stopfen, weil sie ganze Haushalte mit ihren ungehörigen Lehren
durcheinander bringen, und das nur in der schändlichen Absicht,
sich zu bereichern. Ein Prophet der Kreter sagte einmal: „Die
Kreter sind schon immer Lügner gewesen, wilde Bestien und
faule Bäuche!“ Er hat die Wahrheit gesagt.
Am liebsten sind Paulus aber die Frauen. Nehmen wir als weiteres Beispiel für seine Frauenfeindlichkeit eine von ihm in die
Wege geleitete Witwenrente.
Hintergrund ist die erfolgreiche Einführung einer Witwenrente
in der Jerusalemer Gemeinde, worauf Paulus sich genötigt
fühlt, auch in seinen Gemeinden Witwenrenten einzuführen.
Doch den Frauen etwas freimütig und von Herzen zukommen
lassen? – Nicht mit Paulus! In einem persönlichen Brief an
seinen Freund Timotheus baut Paulus unglaubliche moralische
Hürden für eine Unterstützung auf, und dabei ist auch noch zu
39
bedenken, dass die Altersangabe von 60 Jahren aufgrund der
damals viel kürzeren Lebenserwartung heutzutage tatsächlich
einem Alter von etwa 80 Jahren entspricht:
Das ist mir aber die rechte Witwe, welche einsam ist und ihre
Hoffnung auf Gott setzt und Tag und Nacht nicht mehr aufhört zu
beten. Die Witwe jedoch, die an sinnlicher Befriedigung Gefallen
findet, die ist schon bei lebendigem Leibe tot…
Lass keine Frau in das Witwenverzeichnis aufgenommen werden,
die jünger als 60 Jahre ist, und sie muss ihrem Mann stets treu
gewesen sein. Darüber hinaus muss sie dafür bekannt sein, dass
sie Gutes tat, dass sie Kinder aufgezogen hat und dass sie gastfreundlich war. Sie muss den (männlichen) Gemeindemitgliedern
die Füße gewaschen und den Menschen in Not geholfen haben.
Überhaupt muss die in das Verzeichnis aufzunehmende Witwe
sich in jeder Hinsicht bemüht haben, Gutes zu tun.
Jüngere Witwen weise ab! Denn wenn sich ihre sexuellen Gelüste
zwischen sie und Christus drängen, ist es möglich, dass sie das
Versprechen vergessen, das sie Christus gegeben haben, als sie
in das Verzeichnis aufgenommen wurden. Dann wollen sie
wieder heiraten und haben das Urteil auf sich geladen, ihrem
vorher gegebenen Versprechen untreu geworden zu sein.
Darüber hinaus werden sie faul und gewöhnen es sich an, in den
Häusern andrer herumzusitzen. Sie werden geschwätzig, mischen
sich in fremde Angelegenheiten und reden über Sachen, die sie
nichts angehen. (1. Timotheus 5,5)
Dieser Text bietet eine Fülle von Möglichkeiten zur FeinAnalyse, die wir hier aber nicht näher wahrnehmen können.
Beachten sollte man aber die Passagen, „das Versprechen, das
sie Christus gegeben haben“ und „Ich will daher…“:
Von einer Forderung Christi, dass Witwen zölibatär zu leben
haben, ist überhaupt nichts bekannt, und „Daher will ich …“ ist
nichts anderes als der Wille des Paulus, den er dank seiner
Selbst-Definition als Apostel den Mitmenschen aufzuzwingen
versucht. Und dieser Wille des Paulus ist grausam und gewiss
nicht im Sinne Jesu: Was geschieht zum Beispiel mit den
Witwen, die diesen Forderungen des Paulus nicht genügen?
In der Tat wimmeln die Paulusbriefe von solchen Stellen, wo
er sagt: Ich will das so oder so – mal mit der Begründung, es
sei ihm direkt von Gott eingegeben, mal mit der Begründung,
es sei zwar auf seinem eigenen Mist gewachsen, aber weil er
von Gott als Apostel auserwählt worden sei, sei es gleichsam
auch von Gott und man möge daher bitteschön seine Ansichten
entsprechend ernst nehmen. Auf diese Weise erreicht Paulus
eine Macht über das Seelenleben anderer Menschen, die bisher
in der Antike ihresgleichen sucht und genau das Gegenteil von
dem ist, was Jesus im Sinne hatte.
Kein Wunder deshalb auch, dass Paulus sich im Bewusstsein
seiner Macht rundherum wohl fühlt und immer wieder mit
Blick auf seine armseligen sündigen Mitmenschen seufzt:
Ich wollte, es wären alle so wie ich!
(1. Korinther 7,7; Galater 4,12, Phillipper 3,17)
Es ist jedoch eine psychologische Alltagsweisheit, dass eigenes
Wohlbefinden, das die Macht über andere als Voraussetzung
hat, normalerweise mit einer in sich völlig unsicheren und oft
gespaltenen Persönlichkeit einhergeht. Finden wir auch dazu
etwas in den Paulusbriefen?
Ja, und zwar Überreichliches im Römerbrief!
Vorbemerkung: Der Römerbrief ist der letzte Brief von Paulus,
den er mit etwa 60 Jahren schrieb. Paulus ergeht sich zunächst
über „das Gesetz“, also im Wesentlichen über die 10 Gebote –
eine ethisch wertvolle Stelle in der Bibel, die auch heute noch
die Grundlage der Menschenrechte bildet. Paulus schreibt über
das Gesetz in Kapitel 7, Vers 12:
Das Gesetz ist heilig, und seine Gebote sind heilig, gerecht und
gut.
und kurz darauf in Vers 14:
Wir wissen ja, dass das Gesetz vom Geist Gottes erfüllt ist.
Ab Vers 15 heißt es nun weiter:
Ich verstehe ja selbst nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht das,
was ich will, sondern das, was ich hasse. Wenn ich aber das tue,
was ich gar nicht tun will, gebe ich dem Gesetz Recht und nenne
40
es gut. Dann aber bin nicht mehr ich es, der handelt, sondern es
handelt die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir,
also in meiner Natur, nichts Gutes wohnt. Es fehlt mir nicht am
Willen, aber ich bringe es nicht fertig, das Gute zu tun. Ich tue
nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht
tun will. Wenn ich aber das tue, was ich gar nicht will, dann bin
nicht mehr ich der Handelnde, sondern die Sünde, die in mir
wohnt. Ich stelle also ein Gesetz des Bösen in mir fest, obwohl
ich doch das Gute will. Denn nach meiner inneren Überzeugung
stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freuden zu, aber in meinen
Gliedern wirkt ein anderes Gesetz, das mit dem Gesetz in meinem
Innern in Streit liegt und mich zu seinem Gefangenen macht...
Es gilt also beides: Meiner inneren Überzeugung nach diene ich
dem Gesetz Gottes, meiner Natur nach aber bin ich dem Gesetz
der Sünde ausgeliefert. Es gibt daher kein Verdammungsurteil
mehr für die, die eins mit Christus geworden sind. Denn das
Gesetz des Geistes, das Dich mit Jesus Christus zum Leben führt,
hat Dich von dem Gesetz befreit, das nur Sünde und Tod bringt.
trotz dieser Erkenntnisfähigkeit nicht immer ausnahmslos das
Gute tut, deswegen ist der Mensch von Natur aus noch lange
nicht nur böse! Auch an dieser Stelle bringt Paulus, rhetorisch
sehr geschickt, durch die Verdrehung einer Nuance einen ganz
anderen Sinn in die Aussagen der Bibel:
Aus „auch das Böse“ wird „nur das Böse“, das der Mensch tut.
„Denn ich weiß, dass in mir, also in meiner Natur, nichts Gutes
wohnt“ – ein hoffnungsloser Satz, mit dem Paulus uns nichts
anderes sagen will als: „Der Mensch ist in seinem Innern durch
und durch schlecht.“
Es ist der hoffnungslose Satz eines Mannes, der mit sich selbst
nicht zu Recht kommt, der innerlich zutiefst zerrissen ist; der
zugleich aber auch zutiefst von sich eingenommen ist und der
sich wünscht, dass alle Menschen so sein sollen wie er!
Mit Sicherheit aber scheint Paulus ein völlig reines Gewissen
zu haben, denn er schiebt die Schuld für die Schlechtigkeiten,
die er tut, einmal auf die Sünde, die ihn ergriffen habe und die
nun an seiner Stelle handelt, und dann wieder auf das Gesetz
Gottes, „das nur Sünde und Tod bringt“!
Und auch in der folgenden Stelle, Galater 2,11, geht es wieder
um die Beschneidung, allerdings nicht nur allein:
Was meinen Sie? Wäre es wirklich wünschenswert, dass alle
Menschen so sind wie dieser Paulus? Sollte an Paulus’ Wesen
wirklich die Welt genesen?
Gewiss nicht, solche Versuche hatten wir schon öfter, nicht nur
bei Paulus, und sie brachten allesamt Unglück über die Welt.
Laut Bibel ist der Mensch Gottes Ebenbild, und bloß weil er
gelernt hat, Gut und Böse voneinander zu unterscheiden und er
Betrachten wir uns die Natur des Paulus noch ein wenig weiter,
sie ist ungeahnt facettenreich:
Paulus ist ein vehementer Gegner der Beschneidung und nennt
sie in Philipper Kapitel 3,2 Verstümmelung:
Doch nehmt Euch in Acht vor diesen schadenstiftenden Kötern,
den falschen Propheten der Verstümmelung!
Als aber der Stein (gemeint ist Petrus) nach Antiochia kam,
musste ich ihn öffentlich zur Rede stellen, weil er sich unrecht
verhalten hatte. Zuerst hatte er ohne Bedenken zusammen mit
den Nichtjuden gegessen. Als dann aber einige Leute von
Jakobus kamen, zog er sich aus Furcht vor diesen Verfechtern
der Beschneidung von diesen gemeinsamen Mahlzeiten zurück.
Auch die anderen Juden in der Gemeinde hatten sich von dieser
Heuchelei anstecken lassen. Sogar Barnabas folgte seinem
Beispiel. Als ich merkte, dass sie nicht mehr auf dem geraden
Weg des Evangeliums wandelten, sagte ich in aller Öffentlichkeit
zu dem Stein: "Wenn Du als Jude wie ein Nichtjude lebst, warum
zwingst Du dann Nichtjuden, jüdisch zu leben?"
Das klingt natürlich gut: So ehrfurchtslos den obersten Apostel
vor allen anderen wegen einer Heuchelei zur Rede zu stellen –
und dann noch diese verächtliche Titulierung: Über Petrus, der
eigentlich „der Fels“ heißt, nur als „den Stein“ zu reden.
Doch was macht Paulus selbst mit Timotheus, seinem Begleiter
und innigstem Vertrauten? Ungläubig lesen wir in Kapitel 16.2
der Apostelgeschichte:
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Timotheus hatte einen guten Ruf unter den Lystranern und zu
Ikonion. Diesen bat Paulus sich mit ihm auf die Reise zu begehen,
und er beschnitt Timotheus wegen der Juden, die dort lebten;
denn sie wussten alle, dass sein Vater ein Grieche gewesen war!
Hier Petrus, der aus Furcht vor Jakobus (dem leiblichen Bruder
Jesu!) nicht mit den Nichtjuden speist, was damals ja offiziell
verboten war, und der von Paulus deshalb in aller Öffentlichkeit gerügt wird – und dort Paulus, der viel Schlimmeres tut:
Er legt persönlich an Timotheus Hand an und verstümmelt ihn,
und das aus Berechnung oder Furcht vor lediglich einigen ganz
normalen Juden im Ort!
Überhaupt scheint Paulus von einem grenzenlosen Opportunismus beseelt! Im Korintherbrief 9,19 schreibt er:
Denn obwohl ich in allem frei bin, habe ich mich zum Sklaven für
alle gemacht, um so viele wie möglich zu gewinnen. Den Juden
bin ich wie ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen. Unter
denen, die nach dem Gesetz leben, lebte ich nach dem Gesetz,
obwohl ich doch mein Heil nicht vom Gesetz erwarte, nur um sie
zu gewinnen. Bei Menschen, die ohne das Gesetz sind, lebe ich
nicht nach dem Gesetz, um sie für Christus zu gewinnen, obwohl
ich keineswegs ohne Gesetz bin, ich stehe ja unter dem Gesetz
Christi. Den Schwachen bin ich wie ein Schwacher geworden,
um die Schwachen zu gewinnen. Ich bin allen alles geworden, um
unter allen Umständen wenigstens einige zu retten.
Vor denen, die nach den 10 Geboten leben, zu tun, als heiße
man das gut, und vor denen, die sich nicht nach ihnen richten,
zu tun, als lehne man sie ab? Das soll Gott gefällig sein?
Hier ist im Keim schon deutlich die spätere Pharisäerhaftigkeit
spürbar, mit der „christliche“ Missionare die Lehre des Paulus
in die Welt tragen und die christliche Würdenträger viel zu oft
an den Tag legen – eine Scheinheiligkeit, die Jesus stets bei
den Pharisäern und Schriftgelehrten bekämpfte und ihn mehr
als einmal zu den saftigsten Schimpfworten veranlasste.
Sodann scheint Paulus überhaupt gern zu prahlen und zu lügen,
was ja beides oft Hand in Hand geht. In Galater 1,15 tönt er:
Aber Gott hatte mich schon im Mutterleib auserwählt und in
seine Gnade berufen. Als es ihm gefiel, mir seinen Sohn zu offenbaren, damit ich die gute Botschaft von ihm unter den Nichtjuden
bekannt machte, habe ich nicht erst andere Menschen um Rat
gefragt. Ich reiste nicht einmal nach Jerusalem zu denen, die
schon vor mir Apostel waren, sondern ging nach Arabien und
kehrte wieder nach Damaskus zurück. Erst drei Jahre später kam
ich nach Jerusalem, um Petrus zu treffen. 15 Tage blieb ich bei
ihm. Von den anderen Aposteln aber sah ich außer Jakobus, den
Bruder des Herrn, keinen. Was ich Euch hier schreibe - ich
versichere es vor Gott -, ist die reine Wahrheit. Danach war ich
in der Gegend von Syrien und Kilikien. Den christlichen
Gemeinden in Judäa blieb ich persönlich unbekannt.
Abgesehen von der prahlerischen Selbst-Erhöhung durch die
persönliche pränatale Auserwählung durch Gott liest sich der
Bericht über Paulus’ Rückkehr aus Damaskus an einer anderen
Stelle der Bibel wie folgt (Apostelgeschichte 9,27):
Da nahm sich Barnabas seiner an. Er brachte ihn zu den
Aposteln … Von da an ging Saulus bei ihnen aus und ein. Mit
ihnen zusammen trat er mutig im Namen des Herrn auf. Er redete
und stritt auch mit den griechisch sprechenden Juden … Als die
Brüder das erfuhren, brachten sie ihn nach Cäsarea und schickten ihn von dort zurück nach Tarsos. Von da an erlebte die Gemeinde in ganz Judäa, Galiläa und Samarien eine friedliche Zeit.
„Was ich Euch hier schreibe – ich versichere es vor Gott –, ist
die reine Wahrheit.“ – Das ist sie wohl schwerlich!
Und außerdem verschwieg Paulus auch noch das unrühmliche
Ende seines ersten Aufenthalts in Judäa…
Doch für Paulus Hang zur angeberischen Selbstinszenierung
gibt es noch weitere Beispiele. Was halten Sie davon?
Ich muss mich weiter rühmen. Zwar nützt es keinem, trotzdem
will ich auf übernatürliche Visionen und Offenbarungen des
Herrn zu sprechen kommen. Ich kenne jemanden (damit meint
Paulus sich selbst), der in enger Verbindung mit Christus lebt
und vor vierzehn Jahren – vielleicht sogar körperlich – bis in den
3. Himmel entrückt wurde. Ich kenne einen solchen Menschen!
42
Ob das körperlich oder nur im Geist geschah, weiß ich allerdings
nicht. Das weiß nur Gott. Jedenfalls weiß ich von dem
Betreffenden, dass er bis ins Paradies entrückt wurde und dort
unsagbare Worte hörte, die ein Mensch nicht aussprechen darf.
Für den will ich mich rühmen, im Blick auf mich aber rühme ich
mich nur für meine Schwachheiten. Wenn ich mich aber doch
rühmen wollte, wäre ich trotzdem nicht unvernünftig, denn ich
würde ja die Wahrheit sagen. (2. Korinther 12,1)
oder davon:
Wir Apostel stehen wegen Christus als Deppen da, aber Ihr seid
wegen Christus klug; wir sind schwach, Ihr aber seid stark; Ihr
steht in gutem Ruf, wir aber sind verachtet. Bis zu diesem Augenblick leiden wir ununterbrochen an Hunger und Durst und haben
nicht genug anzuziehen, wir werden umher gestoßen und haben
kein Zuhause. Wir mühen uns ab, in dem wir mit unseren eigenen
Händen arbeiten. Wenn wir beschimpft werden, segnen wir,
wenn man uns verfolgt, halten wir stand. Verhöhnt man uns,
antworten wir freundlich. (1. Korinther 4, 10)
Die zwei letzten Sätze mit dem „segnen“ und dem „freundlich
antworten“ sind besonders interessant, gerade, wenn man sie
mit der Schlussbemerkung des 1. Korintherbriefs vergleicht:
Paulus hatte diesen Brief einem Schreiber diktiert, konnte es
aber dann nicht lassen, ganz zum Schluss einen „Gruß“ von
eigener Hand hinzuzufügen. Und dieser „Gruß“ war so gottlos,
dass Luther in seiner berühmten Bibelübersetzung von 1545
nicht wusste, wie er das der Allgemeinheit beibringen bzw. ob
er ihn überhaupt übersetzen sollte! Luther übersetzte dann so:
Jch Paulus grüsse Euch mit meiner Hand. So jemand den Herrn
Jhesu Christ nicht lieb hat / der sey Anathema Maharam
MothaBann auff deudsch / Anathema / auff Griechisch /
Maharam / auff Ebreisch / ist ein ding. Moth aber heisset tod.
Wil nu S. Paulus sagen / Wer Christum nicht liebet / der ist
verbannet zum tode. Vide Leu.
Man bemerkt hier klar die bewusst verschleiernde Übertragung
dieses Bibeltextes ins Deutsche. Doch übersetzen wir einfach
das, was Paulus geschrieben hat, wörtlich, so lesen wir:
Der Gruß von des Paulus eigener Hand: Wer den Herrn nicht
liebt, der sei ein verfluchter Mensch! Herr, komm!
Überhaupt verfluchte Paulus die anderen besonders gerne und
er macht nicht einmal davor halt, die Engel im Himmel in seine
Verfluchungen einzubeziehen; in Galater 1,8 schreibt er:
Aber nicht einmal wir selbst oder ein Engel aus dem Himmel darf
Euch etwas als Evangelium verkünden, das dem widerspricht,
was wir Euch gebracht haben. Wer das tut, soll verflucht sein!
Und unmittelbar danach:
Ich sage es Euch noch einmal: Wer Euch etwas als Evangelium
verkündigt, was dem widerspricht, das Ihr empfangen habt, der
soll verflucht sein!
Verblüffend widersprüchlich sind auch die Darstellungen von
Paulus über den Verdienst seines Lebensunterhalts:
Apostelgeschichte 20,33:
Nie habe ich Geld oder Kleidung von jemand gefordert. Ihr wisst,
dass diese meine Hände für alles gesorgt haben, was ich und
meine Begleiter zum Leben brauchten.
Braver Paulus! Recht so!
Auch die Aussage im 1. Korinther 4,12 klingt sehr ordentlich:
Wir plagen uns, indem wir mit unseren eigenen Händen arbeiten.
Und dann erst diese Selbstlosigkeit im 1. Korinther 9,9:
Im Gesetz des Mose steht geschrieben: "Du sollst einem Ochsen,
der drischt, nicht das Maul zubinden." Kümmert sich Gott etwa
um die Ochsen oder sagt er das nicht vielmehr uns? Ja, es wurde
für uns geschrieben. Jeder, der pflügt und drischt, darf damit
rechnen, seinen Anteil an der Ernte zu erhalten. Wenn wir
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geistlichen Samen unter Euch ausgesät haben, ist es dann zu viel
erwartet, wenn wir Gaben des Fleisches von Euch ernten?
Andere nehmen dieses Recht in Anspruch und lassen sich von
Euch versorgen. Hätten wir das nicht erst recht tun können?
Dessen ungeachtet haben wir keinen Gebrauch von unserem
Recht gemacht. Wir nehmen lieber alle Mühen und Entbehrungen
auf uns, damit wir dem Evangelium von Christus kein Hindernis
bereiten. Oder wisst Ihr nicht, dass die Männer, die im Tempel
Dienst tun, auch von den Einkünften des Tempels leben? Ebenso
hat auch der Herr angeordnet, dass die, die das Evangelium
verkünden, auch vom Evangelium leben sollen. Doch ich hab von
keinem dieser Rechte Gebrauch gemacht. Ich schreibe das auch
nicht, weil ich jetzt davon Gebrauch machen will. Und ich würde
lieber sterben, als dass man mir meinen Ruhm zunichte macht!
Leider Lügen, alles Lügen!
In Philipper 4,15 beschreibt Paulus, dass er sich von Anfang an
bezahlen ließ und mit welcher Freude er weitere Geldzuwendungen entgegennimmt!
Ihr wisst ja, dass Ihr Philipper am Beginn meines Dienstes…, die
einzige Gemeinde wart, die mich finanziell unterstützte. Schon
nach Thessalonich sandtet Ihr mir oft Hilfe. Nicht dass ich es auf
Euer Geld abgesehen hätte; ich will nur, dass Euer Guthaben
Zinsen trägt. Derzeit habe ich alles, was ich brauche. Es ist mehr
als genug. Durch das, was mir Epaphroditus von Euch gebracht
hat, bin ich reichlich versorgt. Diese Gabe ist wie Wohlgeruch,
ein annehmbares Schlachtopfer, das Gott sehr erfreut.
Allerdings, das muss man Paulus lassen, er nimmt nicht von
jedem Geld! Im 2. Korintherbrief 11, 8 steht:
Andere Gemeinden habe ich ausgeplündert. Ich habe Geld von
ihnen angenommen, um damit Euch zu dienen. Und als ich bei
Euch in finanzielle Not geriet, fiel ich niemand zur Last, denn die
Brüder, die aus Mazedonien kamen, gaben mir in Fülle, was ich
zu wenig hatte. Ich bin Euch nie zu Last gefallen und werde das
auch in Zukunft nicht tun. So gewiss die Wahrheit von Christus in
mir ist: Diesen Ruhm wird mir in Achaja keiner nehmen können!
Und sarkastisch fügt er wenig später hinzu, 2. Korinther 12,13:
Denn in welcher Hinsicht seid Ihr denn im Vergleich mit den
anderen Gemeinden zu kurz gekommen? Das Einzige ist, dass ich
Euch nicht zur Last gefallen bin. Verzeiht mir dieses Unrecht!
Dann gibt es noch viele Stellen, wo Paulus sichtlich übertreibt:
Im 1. Korinther 15,31:
Bei unserm Ruhm, den ich in Christus Jesus, unserem Herrn,
habe, ich sterbe täglich!
Im 2. Korintherbrief 11, 17 lesen wir:
Was ich jetzt sage, will der Herr nicht, sondern ich rede in der
Rolle des Narren, wie sie dem Prahlhans zukommt. Und weil so
viele sich ihres Körpers rühmen, will ich das auch einmal tun!
Und weiter in Vers 23:
Ich sage als einer, der von Sinnen ist: Ich habe weit mehr Mühsal
auf mich geladen, bin öfter im Gefängnis gewesen, viel mehr im
Übermaß geschlagen worden und war häufiger in Todesgefahr.
Fünfmal habe ich von den Juden die 39 Schläge bekommen.
Dreimal wurde ich mit Ruten geprügelt, und einmal bin ich
gesteinigt worden. Dreimal erlitt ich Schiffbruch. Eine Nacht und
einen Tag habe ich in der Tiefe des Meeres zugebracht. Ich habe
viele Reisen gemacht und kam in Gefahr durch Flüsse und in
Gefahr durch Räuber. Ich wurde bedroht durch mein eigenes
Volk und durch fremde Völker, kam in Gefahr in der Stadt, in
Gefahr in der Wüste, in Gefahr auf dem Meer und in Gefahr
durch falsche Brüder. Wie oft ertrug ich Not, Mühsal und
schlaflose Nächte; ich litt Hunger und Durst und ertrug Kälte
und Nacktheit.
Schlimm, was der Arme alles durchmachte! Doch hatte er viele
Anfeindungen wegen seines unverträglichen Charakters sich
selbst zuzuschreiben, und was die ganzen Schiffsbrüche und
Räuberüberfalle betrifft: So gefährlich war das Reisen damals
44
nicht; denn das römische Reich war zum Funktionieren auf ein
sicheres Verkehrsnetz angewiesen. Darüber hinaus war gerade
Paulus nicht sehr viel unterwegs gewesen, sondern blieb meist
jahrelang an ein- und demselben Ort. So viele Raubüberfülle
und Schiffsbrüche sind absolut unrealistisch.
Wie dem auch sei, die angeblich vielen schlechten Erfahrungen
auf seinen Reisen haben diesen Ausbund an Charakterstärke
jedenfalls nicht davon abhalten können, immerfort Geld für die
arme kleine Gemeinde in Jerusalem zu sammeln und es dorthin
bringen zu wollen! So lesen wir in 1. Korinther 16,1:
Nun zur Geldsammlung für die Heiligen: Macht es so, wie ich es
für die Gemeinden in Galatien angeordnet habe. Jeden 1. Tag
der Woche lege jeder von Euch so viel Geld zurück, wie es
seinem Einkommen entspricht, damit nicht erst dann gesammelt
werden muss, wenn ich angekommen bin. Gleich nach meiner
Ankunft will ich dann Brüder, die Ihr für geeignet befindet, mit
euren Gaben nach Jerusalem schicken. Wenn es angebracht ist,
dass auch ich hinreise, dann sollen sie mich begleiten.
Oder in der Apostelgeschichte 11,27:
In dieser Zeit kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochia.
Einer von ihnen hieß Agabus. Er sagte vom Geist Gottes geführt
eine schwere Hungersnot über die ganze Welt voraus, die dann
unter Kaiser Klaudius auch eintrat. Da beschlossen die Jünger,
den Brüdern in Judäa eine Unterstützung zukommen zu lassen...
Das taten sie dann auch und schickten Barnabas und Saulus mit
dem Geld zu den Ältesten.
Was soll diese ganze Geldsammlerei? Zuerst erscheint das von
Paulus zwar sehr selbstlos, es macht jedoch ein wenig stutzig,
dass Paulus das Geld selbst abgeben will:
Laut Apostelgeschichte hat er es einmal definitiv selber getan,
und angesichts der Bemerkung im Korintherbrief: „Wenn es
angebracht ist, dass auch ich hinreise…“ kann man sicher sein,
dass es auch tatsächlich angebracht sein wird, dass wiederum
Paulus selbst der Überbringer sein wird.
Betrachten wir die Sachlage näher: Dieser einen Ur-Gemeinde
in Jerusalem stehen die zahlreichen Gemeinden gegenüber, die
Paulus gegründet hat, und diese befinden sich teilweise in sehr
reichen römischen Städten. Auf den ersten Blick ist die Sache
klar: In der Provinz ist man ärmer als in den Machtzentren,
daher: Lasst uns den Armen in der Provinz helfen!
Mit etwas Nachdenken sieht es aber anders aus. Paulus beginnt
zum Beispiel seinen Brief an Philomenon folgendermaßen:
Paulus, der für Jesus Christus im Gefängnis sitzt, und Timotheus,
der Bruder, an Philemon, unseren geliebten Mitarbeiter, und an
unsere Schwester Aphia, unseren Mitstreiter Archippus und an
die ganze Gemeinde, die sich in Deinem Haus versammelt…
Aha, die dortige Gemeinde findet in Philomenons Privathaus
Platz, sehr groß kann sie also nicht gewesen sein! Und im 1.
Thessaloniker 2,10 steht:
Ihr selbst könnt es bestätigen und auch Gott ist unser Zeuge, wie
absolut untadelig und von der Ehrfurcht zu Gott bestimmt unser
Verhalten war. Ihr wisst ja, dass wir uns um jeden Einzelnen von
Euch gekümmert haben wie ein Vater um seine Kinder…
Um jeden Einzelnen hat sich Paulus (zusammen mit Timotheus
und Silvanus) also gekümmert. Und das ist auch nachvollziehbar: Paulus baute seine Gemeinden erst auf, das waren noch
winzige Keimzellen, welche da im Entstehen waren, vielleicht
mit 10, höchstens aber 40 bis 50 Seelen.
Auf der anderen Seite die Gemeinde von Jerusalem: Zum Zeitpunkt des Todes Jesu hatte sie schon 5000 Mitglieder, am Tag
des Pfingstwunders kamen noch 3000 hinzu. Sie breitete sich
unaufhörlich aus und rekrutierte sich aus allen Gesellschaftsschichten. 20 Jahre später, als Paulus in seinen Kleingemeinden
noch immer mühsam Einzelaufbau leistete, hatte sie zwischen
50 000 und 100 000 Mitglieder! Tatsächlich aber steht in der
Apostelgeschichte 9,31 die Einzahl:
Von da an erlebte die Gemeinde in ganz Judäa, Galiläa und
Samarien eine friedliche Zeit.
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Das war in Jerusalem keine Gemeinde im paulinischen Sinn,
sondern eine machtvolle Bewegung, die auf die Sammelerfolge
eines Einzelnen gewiss nicht angewiesen war!
Wieso aber will Paulus dann trotzdem immer wieder Geld nach
Jerusalem bringen?
Nun ja, aus allen Paulusbriefen geht auf jeden Fall klar hervor,
dass seine Lehre in Jerusalem angefeindet wurde, weil sie von
der Lehre Jesu stark abwich. Dabei bemühte sich Paulus mit
aller Kraft, in den Kreis der Apostel aufgenommen zu werden.
Im 1. Korinther 9,2 und 2. Korinther 3,1 heißt es:
Wenn ich auch für andere kein Apostel bin, so bin ich es doch
bestimmt für Euch. Durch den Herrn seid Ihr die Bestätigung
meines Apostelamts.
Fangen wir schon wieder an, uns selbst zu empfehlen? Oder
brauchen wir vielleicht Empfehlungsschreiben an Euch oder von
Euch, wie gewisse andere Leute das nötig haben? Ihr selbst seid
unser Empfehlungsbrief: Eingeschrieben in unser Herz und von
allen Menschen anerkannt und gelesen.
Anders als noch bei seiner Agitation gegen die ersten Christen,
wo er von den Hohenpriestern für seine Reise nach Damaskus
Empfehlungsschreiben verlangte (Apostelgeschichte 9,1), hat
er von keinem der 12 Apostel auch nur ein einziges erhalten!
Doch Paulus weiß sich zu helfen und kraft seiner exzellenten
Rhetorik verbirgt er geschickt dieses entlarvende Manko:
Den Umstand, dass es Leute gibt, die Jesus gar nicht kannten,
aber sich von ihm einreden ließen, er sei dessen Apostel, das
bezeichnet Paulus als echten Beweis für sein Apostelamt!
Wie armselig Paulus damals dagestanden ist, aber andererseits:
Wie geschickt er agierte!
Die Vermutung liegt nahe, dass sich Paulus mit dem Geld, das
er nach Jerusalem brachte, bei den echten Aposteln einkaufen
wollte. Doch auch das hat nicht geklappt, denn wie sonst wäre
diese hasserfüllte Pauschalverurteilung zu erklären:
Die Juden haben unseren Herrn Jesus und auch die Propheten
getötet, sie haben uns verfolgt, sie gefallen Gott nicht und sind
mit allen Menschen verfeindet. (1. Thessaloniker 2,15)
46
20. Die Lehre, die die Welt eroberte
Wir haben im letzten Kapitel schon eine ganze Reihe negativer
Charakterzüge von Paulus kennen gelernt, und auch bereits ein
wenig von seiner Lehre. Wenden wir uns aber noch etwas mehr
dieser Lehre zu und gehen wir noch dazu etwas in die Tiefe!
Während Leben steten Wandel und Entwicklung bedeutet und
Jesus Veränderung bei den Menschen und in der Gesellschaft
hervorrufen wollte, will Paulus genau das nicht. Wir lesen im
1. Korinther 7,17 seine eindringlichen Ermahnungen:
Jeder soll so leben, wie der Herr es ihm zugeteilt hat, das heißt,
er soll an der Stelle bleiben, wo Gottes Ruf ihn traf, so ordne ich
es in allen Gemeinden an. Wer als Beschnittener berufen wurde,
soll er nicht versuchen, die Beschneidung rückgängig zu machen.
War er nicht beschnitten, soll er sich nicht beschneiden lassen.
Die Beschneidung ist unwichtig und das Unbeschnittensein auch.
Wichtig ist das Halten der Gebote Gottes. Jeder soll in dem
Stand bleiben, in dem er war, als er berufen wurde. Wenn Du als
Sklave berufen warst, mach Dir nichts daraus. … Denn wer als
Sklave in die Gemeinschaft des Herrn gerufen wurde, ist ein
Freigelassener des Herrn, und wer als Freier berufen wurde, ist
ein Sklave von Christus. … Liebe Brüder, jeder soll in Verantwortung vor Gott in dem Stand bleiben, in dem er berufen wurde!
Nun zu den Jungfräulichen: Ich habe hier kein Gebot des Herrn,
aber ich gebe Euch einen Rat als einer, den der Herr durch sein
Erbarmen vertrauenswürdig machte. Wenn ich an die aktuelle
Not denke, meine ich, es ist besser, jungfräulich zu bleiben. Bist
Du aber schon an eine Frau gebunden, versuche nicht, Dich von
ihr zu lösen. Bist Du aber noch frei, dann suche keine Frau. Aber
auch, wenn Du heiraten würdest, begingest Du keine Sünde, und
wenn ein jungfräulicher Mensch heiratete, so würde ein solcher
keine Sünde begehen. …Das ist jedenfalls meine Meinung, aber
ich denke, dass ich ja auch den Geist Gottes habe.
Paulus ordnet also an, dass jeder auch nach seiner Bekehrung
in dem Beruf weiterlebt wie zuvor! Und das ist soweit auch
durchaus nachvollziehbar: Bei Paulus geht es um Macht über
die Menschen – und Macht lässt sich leichter ausüben, wenn
sich nichts ändert. Siehe dazu die Katholische Kirche mit ihrem
Streben nach Macht und zugleich ihrer Bewegungsunfähigkeit,
jene Kirche, die in der Geschichte jede, aber wirklich jede
Weiterentwicklung der Menschheit zu verhindern suchte!
Während Jesus bekanntlich gezielt auf Sünder zuging, jederzeit
mit ihnen gemeinsam aß und keinen ausgrenzte, nicht einmal
Judas, seinen Verräter, ist Paulus der ganz große Ausgrenzer!
Wir haben das bei der Witwenrente schon gesehen und entsetzt
lesen wir im 1. Korinther 5,11:
Nun aber schreibe ich Euch, dass Ihr keinen Umgang mit jemand
haben sollt, der sich Bruder nennen lässt und trotzdem ein Hurer
ist oder ein Habgieriger, ein Götzenanbeter, ein Verleumder, ein
Trinker oder ein Räuber. Mit solch einem Menschen sollt Ihr
nicht einmal zusammen essen.
Oder sehr bildhaft geschrieben im 2. Timotheus 2,20:
In einem großen Haushalt gibt es nicht nur Gefäße aus Gold und
Silber, sondern auch aus Holz und Ton. Die einen haben einen
ehrenhaften Zweck, die anderen einen unehrenhaften und werden
für den Abfall genommen. Wer sich nun von Menschen fernhält,
die den Abfallbehältern gleichen, der wird ein Gefäß sein, das
ehrenvollen Zwecken dient, das heilig ist…
In Titus 3,10 sehen wir noch einmal die Angst des Paulus, es
könne jemand seine Lehre in Frage stellen. Auch hier reagiert
er mit Ausschluss:
Einen Menschen, der Irrlehren in der Gemeinde verbreitet,
verwarne einmal ernsthaft und noch ein zweites Mal. Dann weise
ihn ab, da Du weißt, dass er auf verkehrte Wege geraten ist und
sündigt. Damit spricht er sich selbst das Urteil.
Wenn man sich die konkrete Macht bewusst macht, die damit
verbunden ist, jemanden aus der Gemeinschaft auszustoßen
und als Sünder abzustempeln, merkt man sofort, dass es hier
nur vordergründig um Dienen und um Liebe geht, tatsächlich
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geht es um eine unglaubliche Erhöhung über die Mitmenschen.
Man darf urteilen, ob jemand ein Sünder ist oder ob nicht und
damit urteilt man zugleich darüber, ob jemand zur Gemeinde
Gottes gehört oder nicht – und ob er nach seinem Tode in den
Himmel kommt oder in die ewige Verdammnis!
Vielleicht wird einem an dieser Stelle bewusst, was für ein
Machtapparat die römisch-katholische Kirche war, ehe sie von
der Aufklärung Schritt für Schritt zurückgedrängt wurde: Sie
hatte es nicht nur verstanden große Teile der weltlichen Macht
an sich zu reißen und die Menschen materiell und finanziell
auszubeuten, sondern machte ihnen glauben, dass sie auch die
ausschlaggebende Instanz für das Heil in der Ewigkeit sei!
Nachdem Jesus, anders als Paulus nicht ausgrenzte, wundert es
nicht, dass beide auch über das Richten vollkommen konträrer
Auffassung sind! Jesus sagt in der Bergpredigt eindeutig:
Wisst Ihr nicht, dass wir sogar über die Engel zu Gericht sitzen
werden? Wie viel mehr dann über die Dinge dieses Lebens?
(1. Korintherbrief 6,1)
Über die Engel zu Gericht sitzen? Welch ein Größenwahn aus
dem Munde dieses Blenders!
Und eng verbunden mit dem Zu-Gericht-Sitzen sind natürlich
das zum Herausfinden der Wahrheit nötige Verhör sowie die
Bestrafung! Dazu lesen wir 1. Korinther 5,5:
Ich bin zwar nicht persönlich bei Euch, doch im Geist bin ich
anwesend und habe schon das Urteil über den gefällt, der so
etwas Schlimmes getan hat. 4 Wenn Ihr im Namen unseres Herrn
Jesus Christus zusammenkommt und ich im Geist bei Euch bin
und der Herr Jesus mit seiner Kraft gegenwärtig ist, 5 dann soll
dieser Mensch im Namen unseres Herrn Jesus dem Satan
ausgeliefert und sein Körper zugrunde gerichtet werden, damit
wenigstens sein Geist am Gerichtstag des Herrn gerettet wird.
„Richtet nicht, damit Ihr nicht gerichtet werdet!“ (Matthäus 7,1)
Paulus dagegen schreibt im 1. Korintherbrief 6,1:
Wieso wagt es jemand von Euch, der mit einem Gläubigen Streit
hat, zu weltlichen Gerichten zu gehen, anstatt sich von den
Heiligen Recht sprechen zu lassen? Wisst Ihr denn nicht, dass Ihr
als Heilige die Welt richten werdet? Und wenn durch Euch sogar
die Welt gerichtet wird, seid Ihr dann nicht erst recht zuständig
für solche Bagatellen?
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:
Die „Heiligen“ (Paulus nennt die Mitglieder seiner Gemeinden
gerne „Heilige“) sollen jetzt die weltlichen Gerichte ignorieren
und stattdessen für sich selbst Recht sprechen und dann später
dürfen sie einmal über die ganze Welt richten! Nicht mehr Gott
richtet, nein, das erledigen dann jene für ihn, welche Paulus für
würdig befand, in seine Gemeinden aufgenommen zu werden!
Und wer das Folgende nicht glaubt, darf gerne selbst die Bibel
zur Hand nehmen und bei der Stelle nachlesen, die unmittelbar
auf dieses unglaubliche Versprechen folgt:
„Den Körper satanisch zugrunde richten, damit wenigstens der
Geist gerettet wird“ – genau mit dieser von Paulus eins zu eins
übernommenen Kausalkette begründeten die Theologen bis in
die Neuzeit hinein stets ihr grausames Morden an Heiden, die
furchtbaren Qualen im Zuge der Hinrichtung sündiger Christen
und die entsetzlichen Foltermethoden der Inquisition!
Aber die paulinische Bösartigkeit ist damit noch lange nicht am
Ende und treibt munter weiter ihre grausigen Blüten:
Sprach Jesus noch:
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Johannes, 18,38)
behauptet Paulus in Römer 13,1:
Jeder soll sich der staatlichen Gewalt unterordnen. Denn es gibt
keine staatliche Gewalt außer von Gott, und jede Regierung ist
von Gott eingesetzt. Wer sich also der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die von Gott eingesetzte Ordnung und wird
zu Recht gerichtet werden. Denn wer Gutes tut, hat von den
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Herrschenden nichts zu befürchten. Das muss nur der, der Böses
tut. Willst Du also ohne Furcht vor der Regierung leben, dann
tue Gutes, und Du wirst von Ihr gelobt werden. Sie ist Gottes
Dienerin zu Deinem Besten. Tust Du aber Böses, so fürchte Dich,
denn sie hat nicht umsonst die Polizei- und Strafgewalt. Auch
darin ist sie Gottes Dienerin. Sie zieht den Schuldigen zur
Verantwortung und vollstreckt damit Gottes Urteil an denen, die
Böses tun. Es ist also notwendig, sich dem Staat unterzuordnen,
nicht nur aus Angst vor Strafe, sondern auch wegen des
Gewissens. Darum zahlt Ihr ja auch Steuern, denn die Beamten
sind Gottes öffentliche Diener und dienen Gott berufsmäßig.
Über 1500 Jahre lang wurde genau mit dieser Stelle der Bibel
das so genannte „Gottesgnadentum“ begründet, das heißt:
Die Herrscher sahen sich als Herrscher „von Gottes Gnaden“
und ein Auflehnen gegen sie – waren sie auch noch so böse
oder grausam – wurde bereits von der Kirche im Keim erstickt!
Wie viel schreckliches Leid ist durch diese unmissverständlichen Ausführungen des Paulus in die Welt gekommen!
Das allerschlimmste und milliardenfach auch namenlose Leid
ist aber wohl erst wegen der nachfolgenden Paulusforderungen
verursacht worden:
Die Frauen seien ihren Männern genau wie Gott untertan; denn
der Mann ist des Weibes Haupt, wie auch Christus das Haupt der
Gemeinde ist; er ist der Retter dieses Leibes. In der Tat: Wie nun
die Gemeinde Christus untertan ist, so seien es auch die Frauen
ihren Männern in allem. (Epheser 5,22)
Werdet meine Nachahmer, sowie ich Christi Nachahmer bin! Ich
lobe Euch, Brüder, dass Ihr in allen Dingen an mich denkt und
an der Überlieferung festhaltet, so wie ich sie Euch übergeben
habe. Ich will aber, dass Ihr wisst, dass Christus jedes Mannes
Haupt ist, der Mann aber das Haupt der Frau, Gott aber das
Haupt Christi. Ein jeglicher Mann, der betet oder weissagt und
etwas auf dem Haupte hat, schändet sein Haupt. Jede Frau aber,
welche ohne Kopftuch betet und weissagt, schändet ihr Haupt; es
ist genau das gleiche, als ob sie geschoren wäre! Denn wenn ein
Weib kein Kopftuch tragen will, soll sie geschoren werden! Wenn
es aber für eine Frau schändlich ist, sich zu scheren oder
geschoren zu sein, so soll sie sich lieber verhüllen. Der Mann
sollte das Haupt nicht verhüllen, weil er Gottes Bild und
Herrlichkeit ist; die Frau aber ist die Herrlichkeit des Mannes.
Denn der Mann ist nicht aus der Frau, sondern die Frau aus dem
Mann erschaffen worden, der Mann ist nicht um der Frau willen
erschaffen wollen, sondern die Frau um des Mannes willen. Und
darum soll die Frau um der Engel willen ein Symbol der Gewalt
auf dem Haupte tragen. (1. Korinther 11,1)
Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens:
Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen in den
Versammlungen schweigen. Es ist ihnen nicht erlaubt zu reden,
vielmehr sollen sie untertan sein, wie es auch das Gesetz sagt.
Wenn sie etwas wissen wollen, sollen sie zu Hause ihre
Ehemänner fragen, denn es ist schändlich für eine Frau, in der
Versammlung zu reden. Ist das Wort Gottes denn von Euch
ausgegangen? Oder ist es zu Euch gekommen? Wenn jemand
meint, ein Prophet zu sein, oder denkt, dass er mit dem Geist
erfüllt sei, dann wird er auch erkennen, dass das, was ich Euch
hier schreibe, eine Anweisung des Herrn ist. (1. Korinther 14,33)
„…dann wird er auch erkennen, dass das, was ich Euch hier
schreibe, eine Anweisung des Herrn ist.“ – Kann das sein??
Paulus’ Führungsanspruch ist auf jeden Fall grenzenlos, und
grenzenlos ist auch die Herrschaft, die der Mann nach seinem
Willen über die Frau ausüben soll: “Die Frau soll ihrem Mann
gehorchen wie Gott!“ und: „Sie sei ihm in allem untertan!“
Trotz dieser klaren Aussagen betonen die Theologen immer
wieder die Frauenfreundlichkeit des Paulus und führen für ihre
Ansicht den Römerbrief und dessen Schlusskapitel ins Feld. In
Römer 16,7 begrüßt Paulus viele Frauen mit Namen, darunter
sogar eine „Apostelin“ Junia:
Grüßt Andronikus und Junia, meine Freunde und Mitgefangenen,
die berühmte Apostel sind und vor mir zu Christus fanden.
Diese Argumentation der Theologen ist pharisäerhaft: Aus dem
Beginn des Römerbriefs nämlich geht klar hervor, dass Paulus
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noch nie in Rom war und diese Gemeinde nicht gegründet hat.
Dieser Römerbrief, in dem die leitenden Personen von Paulus
mit dem Titel „berühmte Apostel“ versehen werden, den diese
gar nicht für sich beanspruchen, ist schon auf den ersten Blick
nichts anderes als ein scheinheiliger Anbiederungsversuch an
eine ihm unbekannte Gemeinde, in der nun einmal auch Frauen
eine wichtige Rolle spielen. Da kann Paulus mit seinen wahren
Ansichten natürlich nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
So ist der Römerbrief zwar eine ausführliche Darstellung der
paulinischen Theologie, er vermeidet aber alle Aussagen, die in
irgendeiner Form frauenfeindlich gedeutet werden können.
Wie viele Frauen wurden durch so viele Jahrhunderte grausam
unterdrückt, wie viele Frauenleben wurden sinnlos zerstört, nur
weil die Frauen von der Theologie mit Hinweis auf die Paulusbriefe in ihrer persönlichen Entwicklung auf brutalste Weise
gehindert wurden – und das ist auch heute in der 3. Welt noch
oft so, auch und gerade in der christlichen 3. Welt! Welch ein
gewaltiges Potential, das die Menschheit für ihre Entwicklung
dringend gebraucht hätte und nun um so mehr braucht, steht ihr
damit nicht zur Verfügung!
Und selbst das könnte noch nicht einmal der Gipfel des Leids
sein, das Paulus in die Welt brachte! Thema Sünde:
Man wird allein durch die Gnade Gottes ohne eigene Leistung
gerecht gesprochen, und zwar aufgrund der Erlösung, die durch
Jesus Christus geschehen ist. … Durch das von Jesus vergossene
Blut ist die Sühne geschehen.
Diese Stelle in Römer 3,22 ist zumindest von ihrem Sinn her
zunächst noch zu verstehen:
Durch den Kreuzestod Jesu sind wir von unsren Sünden erlöst.
Eine eigene Leistung von uns ist dazu nicht mehr nötig!
Doch dann wir das ganze etwas komplizierter: Der Kreuzestod
Jesu allein reicht nämlich für eine Erlösung nicht aus: Sein Tod
sowie die damit verbundene Erlösung ist auch noch der Gnade
Gottes zu verdanken.
Na fein, denkt man sich nun: Jesus ist also für meine Sünden
gestorben und auch gleich noch für die Sünden der ganzen
Welt! – Super, passt! Hätte ich zwar nicht gewollt, dass Du, um
mich von meinen Sünden zu erlösen, so furchtbar leidest, aber
nachdem Du es nun schon getan hast: Danke Jesus!
Und zusätzlich zu dieser Erlösung schenkt uns Gott auch noch
seine Gnade, sozusagen als zweite Absicherung! Was kann uns
nun also noch passieren? Eigentlich nichts mehr! Hurrah, oder
hier besser: Hallelujah!
Diese Erlösungslehre des Paulus hat aber leider einen Haken!
Der Erlösungstod Jesu und auch die Gnade Gottes nützen uns
nämlich noch gar nichts: Jesus kann unsere Sünden so oft auf
sich genommen haben und für sie gestorben sein, wie er will,
und auch Gott ist mit all seiner Gnade machtlos:
Die von Paulus postulierte Erlösung greift erst, wenn man die
Menschen über die Erlösungstat Jesu unterrichtet, und wenn
man die Menschen unterrichtet hat, dann müssen sie das auch
glauben! Erst das ist das Entscheidende: Nur wenn man glaubt,
dass Jesus wirklich ganz persönlich für seine Sünden am Kreuz
gestorben ist, erst dann ist man erlöst!
Das ist alles ein Widerspruch in sich: Entweder ist Jesus für die
Sünden der Welt gestorben und er hat die Menschen erlöst,
dann ist das eine Tatsache – und die Menschen sind erlöst, egal
ob sie davon wissen oder nicht, und egal, ob sie daran glauben.
Das ist genau dasselbe wie die Tatsachen, dass die Erde rund
ist oder dass der Mount Everest der höchste Berg ist:
Die Erde ist rund, egal ob man davon weiß und daran glaubt
oder nicht, und der Mount Everest ist der höchste Berg, völlig
unabhängig davon, ob man schon davon gehört hat oder nicht.
Wenn Jesus für die Sünden der Menschen gestorben ist und sie
damit erlöst hat, dann sind die Menschen erlöst und sie bleiben
erlöst, ganz egal, ob sie davon wissen oder nicht.
Wir dürfen Paulus aber hier auf keinen Fall unterschätzen! Er
selbst wusste sehr gut Bescheid über den Schwachsinn seiner
Erlösungstheologie, denn er schreibt im 1. Korinther 1,18:
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Die Botschaft vom Kreuz ist für diejenigen ein Schwachsinn, die
verloren gehen; uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine
Gotteskraft, denn es steht geschrieben: „Ich will die Weisheit der
Weisen zugrunde richten, und die Intelligenz der Intellektuellen
will ich verwerfen.“ Wo ist der Weise, wo der Schriftgelehrte, wo
der Disputiergeist dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit
dieser Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt durch ihre
Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, hielt es Gott für
gut, durch den Schwachsinn der Predigt diejenigen zu retten, die
glauben. Während nämlich die Juden Zeichen fordern und die
Griechen Weisheit suchen, predigen wir den gekreuzigten Jesus,
den Juden zum Ärger, für die Welt aber ein Schwachsinn.
Hier geht Paulus erneut sehr geschickt vor: Die Tatsache, dass
das Leben oder die Weisheit Gottes dem Menschen über den
Intellekt nicht zugänglich ist, sondern nur intuitiv mit dem
Gefühl erfasst werden kann, was den weniger intellektuell
orientierten Menschen leichter fällt, diese Tatsache interpretiert
Paulus um, indem er sagt, den intellektuellen Zugang zu Gottes
Weisheit finden die, die selbst nicht so gescheit sind und
logischen Unsinn glauben.
Dass es bei Dummen wirklich besser gelingt, diesen Nonsens
an den Mann zu bringen, schreibt Paulus – für die Adressaten
wenig schmeichelhaft – gleich danach im 1. Korinther 1,26:
Seht Euch doch an, Brüder, die Ihr berufen seid! Da sind nicht
viele Gescheite unter Euch, nicht viele Mächtige, nicht viele
Adelige; sondern die Dummen der Welt hat Gott auserwählt, um
die Weisen zu beschämen.
Die Erlösungslehre des Paulus lässt sich wie folgt auf den
Punkt bringen, und genau das versteht er auch unter dem, was
er „Evangelium“ oder „die Frohe Botschaft von Kreuzestod
Jesu“ nennt:
Jesus hat uns am Kreuz von allen unseren Sünden erlöst! Doch
erlöst ist man nur dann, wenn man auch fest daran glaubt, dass
Jesus für einen gestorben ist.
Das ist bereits die ganze Grundaussage des Paulus. Und um
diese Aussage herum reiht er seine eigenen angeblich von Gott
eingegebenen Moralansichten.
Es gibt noch mehr Stellen, bei denen sich Paulus mit diesem
Thema befasst, darunter die wichtigste im Römer Kap 5,6:
Christus ist ja schon zu einer Zeit gestorben, als wir noch hilflos
der Sünde ausgeliefert waren. Und er starb für gottlose Menschen. Denn noch kaum wird jemand für einen Gerechten
sterben; eher noch würde sich jemand für einen sehr gütigen
Menschen opfern. Aber Gott hat seine Liebe zu uns dadurch
bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder
waren. Und da wir nun durch sein Blut gerecht gesprochen
wurden, werden wir durch ihn erst recht vor dem kommenden
Strafgericht gerettet. Denn, als wir noch seine Feinde waren, hat
Gott uns durch den Tod seines Sohnes schon versöhnt. Deshalb
werden wir jetzt, nachdem wir versöhnt sind, erst recht durch die
Kraft seines Lebens gerettet werden ... Durch einen einzigen
Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und mit der Sünde
der Tod. Und auf diese Weise ist der Tod zu allen Menschen
hingekommen. … Denn wenn die Übertretung eines Einzigen der
ganzen Menschheit den Tod brachte, so wird das durch die
Gnade Gottes mehr als aufgewogen, weil die ganze Menschheit
durch die Gnade eines einzigen Menschen, nämlich durch Jesus,
überaus reich beschenkt wurde. Dieses Gnadengeschenk ist nicht
vergleichbar mit dem, was durch diesen einen Sünder verursacht
wurde. Denn das Urteil Gottes, das der Übertretung dieses einen
folgte, führt zur Verdammnis. Aber die Gnade, die auf zahllose
Verfehlungen folgte, führt zum Freispruch. Ist durch die Sünde
eines Einzigen der Tod zur Herrschaft gekommen, so werden erst
recht alle, die Gottes Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit
in so reichem Maß empfangen haben, durch den Einen, durch
Jesus Christus, leben und herrschen. So wie eine einzige Sünde
allen Menschen die Verdammnis brachte, so bringt eine einzige
Tat, die Gottes Rechtsforderung erfüllte, allen Menschen den
Freispruch und das Leben. Genauso wie durch den Ungehorsam
eines einzigen Menschen alle zu Sündern wurden, so werden
durch den Gehorsam eines Einzigen alle zu Gerechten.
Oder das gleiche mit einem ziemlich blöden Wortspiel im 2.
Korinther 5,21:
Gott hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht,
damit wir durch ihn die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor
Gott bestehen können.
51
Oder Römer Kap. 6,3:
Wisst Ihr nicht, dass alle von uns, die in Jesus Christus getauft
wurden, in seinen Tod getauft wurden? Durch die Taufe sind wir
also mit Christus in den Tod hinein begraben worden, damit so,
wie Jesus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten
auferweckt wurde, wir nun ebenfalls in dieser neuen Wirklichkeit
leben. Denn wenn wir mit seinem Tod vereint worden sind,
werden wir auch mit seiner Auferstehung vereint sein. Wir wissen
ja, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt worden ist,
damit unser sündiges Wesen unwirksam gemacht wird…
„Damit unser sündiges Wesen unwirksam gemacht wird“ – Das
ist ja das ganz große Problem bei dieser Theologie des Paulus:
Vergeben sind uns nämlich nicht nur die Sünden, die wir schon
begangen haben, sobald wir anfangen, das zu glauben, was er
sagt, sondern auch alle, die wir noch begehen werden, egal wie
viele Sünden das sind und wie schwer sie wiegen!
Zusammen mit den Aussagen „ohne eigene Leistung“ werden
wir „allein durch Glauben“ erlöst, bedeutet das eine Einladung
an alle Sünder, die Sünder bleiben wollen, sich zu dieser Lehre
zu bekehren; es öffnet der Sünde in der Welt Tür und Tor!
Und das ist auch unmittelbar danach passiert, als im Zuge der
konstantinischen Wende (313 n. Chr.) die Christen frei waren
und sich zugleich die Lehre des Paulus gegen die Lehre Jesu
endgültig durchsetzte. Die „Christen“ – besser ist freilich die
„Paulinisten“ – zeigten ihr wahres Gesicht:
Im Rennen um die frei werdenden gut dotierten Beamtenposten
und die neu entstehenden Bischofssitze im römischen Reich
massakrierten sich die Christen sofort zu zehntausenden gegenseitig! Und so starben schon in den ersten Jahren der Freiheit
mehr Christen durch Christenhand als in den Jahrhunderten der
Verfolgung zuvor Christen durch Römerhand.
Das ganze finstere Mittelalter war ein einziger blutiger Kampf
der Päpste mit den Kaisern um die Macht, komplettiert wurde
dieser Kampf nach außen durch die grausamen Kreuzzüge und
nach innen durch die unmenschliche Inquisition.
In späteren Jahrhunderten wurden die Ureinwohner anderer
Erdteile „im Namen Jesu“ gleich kontinentweise ausgerottet
oder versklavt, während in Europa die Päpste und die anderen
„Herrscher von Gottes Gnaden“ in ungeheuerem Reichtum
lebten – und in ungeheurer Selbstzufriedenheit:
Aus keinem anderen Grund als dem, weil sie schlichtweg selbst
an den Tod Jesu und die damit verbundene Erlösung glaubten,
egal wie sie sonst sündigten! Konnte man nicht in der Bibel
beim Apostel Paulus selbst lesen:
Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern ich tue das Böse,
das ich nicht tun will. (Römer 7,19).
Und wenn schon dieser heilige Mann deswegen kein schlechtes
Gewissen hatte oder Änderungsbedarf sah…
Und sofort nach der blutigen Besetzung dieser Posten wurden
das „Evangelium des Paulus“, also die „Frohe Botschaft vom
Kreuzestod Jesu“ und die damit einhergehende Unwirksamkeit
unseres sündigen Wesens blutig in die Welt hinausgetragen:
52
26. Wir haben einen Vater, aber keine Mutter?
Eine weitere gute Möglichkeit, uns die wahre Botschaft Jesu zu
erschließen, bietet der Vaterbegriff. Da die Theologen damals
die Verwendung des durch die Bibel vorgegebenen Begriffs
„Jehova“, der „Sein“ oder „Leben“ bedeutet, unter Androhung
des Todes verboten hatten, wählte Jesus das Wort „Vater“,
wenn er mit oder über Jehova sprach.
Diese überaus konsequente Vorgehensweise von Seiten der
damaligen religiösen Obrigkeit hinsichtlich des Namens Gottes
war in sich logisch: Wie wir gesehen haben, ist das „Heiligen
des Namens Gottes“, also das „Sich-Bewusst-Machen des
Wesens Gottes“, der direkte Weg zum absoluten Atheismus
und damit das automatische Ende aller Theologie.
In der heutigen Zeit reagieren die meisten Theologen, was das
Heiligen des Namens Gottes betrifft, sehr gelassen: Sie haben
ihn in der Regel durch „im Namen Jesu“ ersetzt. Und die
Zeugen Jehovas lenken vollends vom rechten Gebrauch des
Namens Gottes ab, in dem sie überall auf der Welt erzählen,
dass das Heiligen des Namens Gottes bedeutet, man müsse
„Jehova“ sagen, wenn man sich mit oder über Gott unterhält.
Beides läuft jedoch der offensichtlichen Intention, die bei der
Namensgebung in der Bibel zu Tage tritt, zuwider. Wichtigste
Priorität ist offensichtlich, dass die Wesensbezeichnung Gottes
sofort für alle Menschen verständlich ist.
Man stelle sich nur einmal vor, Gott wäre einem Deutschen
erschienen, vielleicht droben auf der Zugspitze oder auf dem
Blocksberg, und der Deutsche hätte gefragt: „Gott, wie ist denn
Dein Name?“ – was hätte er für eine Antwort bekommen?
Die Antwort hätte sicher nicht gelautet: „Ich bin der Jehova“,
sondern: „Ich bin der Ich-bin“ bzw. „Ich bin das Sein oder das
Leben.“ Und wäre er einem Engländer erschienen und hätte
dieser ihn nach seinem Namen gefragt, dann hätte Gott sicher
niemals gesagt: „I am the Jehova“, sondern: „I am the I am“
oder „I am the being“ oder „I am the life“.
Gott hätte genau so geantwortet, dass jeder Mensch auf der
Erde seinen Namen sofort in seiner Muttersprache verstehen
und damit das Wesen Gottes ohne Erklärung erfassen kann.
Man stelle sich nun vor, was das bedeuten würde, wenn man
den Namen Gottes überall auf der Welt wirklich in der Weise
gebrauchen würde, wie er offensichtlich gemeint ist, nämlich
sich stets klar zu machen:
Gott ist das lebendige Sein, einen Gott nach irgendeiner
menschlichen, irdischen Vorstellung gibt es nicht.
Wenn man ganz konsequent den Begriff „Gott“ durch „Leben“,
„Sein“ oder „Dasein“ ersetzen würde, wenn man den Namen
Gottes wirklich „heiligen“ würde – wie würde sich da die Welt
zum Positiven, zum blühenden Leben hin verändern!
Jesus, der den Menschen die wahre Bedeutung des Namens
und damit das Wesen Gottes klar machen will, beschreitet auch
hier einen genial einfachen Weg: Er wählt für Gott bzw. für das
lebendige Sein den Begriff „Abba“.
Immer wieder hört man, „Abba“ sei die vertraute Anrede für
Vater, entsprechend unseres Wortes „Papa“, doch das ist nicht
ganz richtig.
Die Bedeutung von Abba ist wesentlich umfangreicher als nur
„Vater“, es steht auch für Urheberschaft, geistige Patenschaft,
übergeordnete Größe und umfassende Eigenschaft. Tatsächlich
wird Abba im Aramäischen in derselben Bedeutung verwendet
wie bei uns im Deutschen, wenn wir sagen:
Adenauer, Schuman und Churchill sind die Gründerväter der
Europäischen Union; der Wunsch ist der Vater des Gedankens,
Freud ist der Vater der Psychoanalyse; der Spieß ist die Mutter
der Kompanie. Dasselbe bedeuten die Aussagen: Elvis ist der
König der Rock ’n’ Roll, Diana ist die Königin der Herzen usf.
Ähnliches kannten auch die Griechen: So ist dieser Satz von
Heraklit (520-460 v. Chr.) sehr bekannt: Polemos pater panton
– wörtlich: Der Krieg ist der Vater von allem. Aufgrund seiner
begleitenden Ausführungen lässt sich dies adäquater übersetzen
mit: Die Dualität ist die Mutter der Welt.
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Betrachten wir nun dieses allumfassende lebendige Sein näher,
das Jesus als „Vater“ bezeichnet:
Niemand wird ernstlich in Frage stellen, dass es das Phänomen
„Leben“ in der Natur gibt. Wenn wir die Erscheinungsformen
dieses Phänomens unvoreingenommen betrachten, so fallen vor
allem die ungeheure Vielfalt auf, in der sich das Leben äußert,
und auch sein unbeirrbarer Wunsch, alle Teile der Welt für sich
zu gewinnen und jede auch noch so kleine Nische zu füllen. Ob
heiße Vulkanschlöte in der Tiefsee oder extreme Kälte an den
Polen oder glühende Hitze und Trockenheit in den Wüsten,
überall versucht das Leben Fuß zu fassen. Wenn man sich die
wunderschönen und hochinteressanten Naturdokumentationen
ansieht, staunt man immer wieder, mit wie viel Phantasie und
mit welcher zielgerichteten Präzision das Leben unüberwindbar
scheinende Probleme meistert, um sein Ziel, alles zu seinem
Besiedlungsraum zu machen, zu erreichen.
Und dort, wo es leichter geht, sich anzusiedeln, und wo daher
sofort ein heftiger Konkurrenzkampf unter den entstehenden
Arten ausbricht, kann man mit genau derselben Faszination
sehen, mit welch großer Kreativität und grenzenloser Phantasie
sich diese Arten gegen- und in aller Regel auch miteinander
behaupten. Dabei legen viele Arten, und zwar gerade auch so
kleine und fast hirnlose Tiere wie Käfer, Raupen oder Spinnen
ein Verhalten an den Tag, das die Naturforscher mit „quasiintelligent“ bezeichnen, also ein Verhalten, das alle Anzeichen
der Intelligenz trägt, auch wenn das handelnde Tier sicherlich
nicht intelligent ist. Nimmt man stellvertretend dafür die so
genannte Mimikry, bei der die eine Tierart versucht eine andere
Tierart oder mitunter sogar eine Pflanzenart täuschend ähnlich
nachzuahmen – in aller Regel, um ihren Fressfeinden ein
Schnippchen zu schlagen –, so kann man ganz sicher sein, dass
das einzelne Tier hier nicht bewusst denkt, „was muss ich tun,
damit ich nicht gefressen werde“ und danach auf die Idee
kommt „ah, ich ahme jetzt diese oder jene Pflanze nach, dann
entdeckt mich das nächste Chamäleon nicht“; und doch zeigt
sich hier und auch sonst überall in der Natur das überreiche
Vorhandensein von Intelligenz, Kreativität und Phantasie.
Auch wenn man das Wort „Liebe“ dem Menschen vorbehalten
will, so sorgt die Natur doch großzügig und wundervoll für ihre
Geschöpfe. So zeichnet sich das Verhalten der Elterntiere zu
ihren Jungen meist durch eine zumindest lebenserhaltende, oft
aber wesentlich weitergehende Fürsorglichkeit und zwischen
erwachsenen Tieren durch gegenseitige Verantwortlichkeit aus.
Wenn man Tiere und Pflanzen länger beobachtet, vielleicht am
besten erkennbar am Beispiel von jungen Tieren, kommt man
auch nicht umhin, die Fülle an Freude und Begeisterung zu
erkennen, die der Natur und ihren Kreaturen innewohnt.
Wohlgemerkt, wir legen diese Eigenschaften nicht in die Natur
hinein, sondern wir stellen sie bei ihrer schlichten Betrachtung
einfach nur fest, und dafür müssen wir uns in der heutigen Zeit,
aufgrund der vielen guten Naturfilme weit weniger anstrengen
als die Menschen in früheren Zeiten.
Und dennoch hatte Jesus genau das erkannt: Nämlich, dass wir
Menschen in einen Kosmos hineingeboren sind, der erfüllt ist
von Phantasie, Intelligenz, Kreativität, Fürsorglichkeit, Liebe
und Freude und dass gerade wir Menschen in besonderem, weil
in ganz bewusstem Maße, daran teilhaben können. Jesus drückt
dies immer wieder in wunderschönen und klaren Worten aus:
„Seht die Vögel des Himmels! Sie säen nicht und sie ernten nicht,
sie sammeln auch nicht in die Scheunen; und Euer himmlischer
Vater nährt sie dennoch. Seid Ihr nicht viel mehr wert als sie?
Wer aber von Euch kann durch sein Sorgen zu seiner Länge eine
einzige Elle hinzufügen? Und warum sorgt Ihr Euch um die
Kleidung? Betrachtet die Lilien im Feld, wie sie wachsen. Sie
arbeiten nicht und spinnen nicht; ich sage Euch aber, auch
Salomo in aller seiner Herrlichkeit war nicht gekleidet wie eine
von diesen.“ (Matthäus 6,26)
Schauen wir uns selber an, so erkennen wir, dass auch wir uns
dieser Elternrolle der Natur um uns herum auch ohne Jesus
schon lange bewusst sind:
Kennen wir nicht den Ausdruck „Wir sind Söhne und Töchter
des Lebens?“ oder gebrauchen wir nicht die Begriffe „Mutter
54
Natur“ und „Mutter Erde“ und drücken damit genau das aus,
was auch Jesus ausdrückt, und was uns die Natur und unsere
Erde schon seit Urzeiten vorleben?
Das lebendige Sein, das sich am nahe liegendsten in der Natur
um uns herum erfassen lässt, ist einfach da, man kann seinen
Ursprung nicht rational erklären, schon gar nicht theologisch,
aber man kann es spüren und sich ihm anvertrauen.
Und die Natur ist in uns genau wie wir Teil der Natur um uns
herum sind, die Grenzen verschwimmen und auch wenn wir
die Natur mit dem menschlichen Titel „Mutter“ versehen, so ist
sie doch keine Person, welche irgendeiner menschlichen
Vorstellung genügt.
Dabei ist es eine geniale Leistung Jesu, dass er es durch die
Verwendung des Begriffs „Vater“ schaffte, die anthropomorph
denkenden Pharisäer und Schriftgelehrten nicht zu alarmieren
und gleichzeitig das universelle Sein treffend zu beschreiben.
Weiter sagt Jesus über die Langmütigkeit unseres himmlischen
Vaters bzw. unserer Mutter Natur in Matthäus 5,43:
„Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: ‚Du sollst Deinen
Nächsten lieben und Deinen Feind hassen.’ Ich aber sage Euch:
Liebet Eure Feinde; segnet, die Euch verfluchen; tut denen
Gutes, die Euch hassen; bittet für die, die Euch beleidigen und
verfolgen, damit Ihr Söhne Eures Vaters im Himmel seid; denn er
lässt seine Sonne jeden Tag über den Bösen und über den Guten
aufgehen und er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.“
Hier wird ganz klar: Das Leben liebt alle Menschen, die Guten
und die Bösen, denn sonst würden wir das nicht selbst auch tun
sollen. Und das Leben ist extrem langmütig und geduldig in
seinem täglichen Verzeihen, sonst würde dies nicht auch von
uns gefordert werden. Und so findet man durch die Liebe zum
Leben unmittelbar zur Liebe zu allen Menschen.
Diesen Gedankengang, dass die Liebe zum Leben, die Freude
an der Natur und die Liebe unter den Menschen miteinander
untrennbar verbunden sind, finden wir zum Beispiel auch in
der Ode „An die Freude“ von Friedrich Schiller (1759-1805)
eindrucksvoll beschrieben. Greifen wir uns dazu aus den acht
Strophen exemplarisch die 4. und die 6. Strophe heraus:
4.
Freude heißt die starke Feder
in der ewigen Natur;
Freude, Freude treibt die Räder
in der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
die des Sehers Rohr nicht kennt.
6.
Göttern kann man nicht vergelten,
schön ist’s, ihnen gleich zu sein.
Gram und Armut solln sich melden
mit den Frohen sich erfreun.
Groll und Rache sei vergessen,
unserem Todfeind sei verziehn.
Keine Träne soll ihn pressen,
keine Reue nage ihn.
Genauso Großartiges können wir auch beim Osmanen Khalil
Gibran (1881-1931) lesen:
„Eure Kinder sind nicht Eure Kinder. Es sind die
Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach
sich selber. Sie kommen durch Euch, doch nicht von
Euch. [..] Ihr dürft ihnen Eure Liebe geben, doch nicht
Eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen
Gedanken.“
Keiner darf dem anderen sagen, was er zu denken hat - vor
allem nicht die Theologen dem Volk ihre Gottestheorien im
Namen Gottes. Das war es, was Jesus allen verkünden wollte.
Gott, der Vater, sein Wesen, sein Wissen und seine Liebe sind
in Euch drinnen. Ihr müsst das leben, was Ihr in Euch drinnen
findet. Nur dann seid Ihr wahrhaft lebendig, nur dann seid Ihr
wahre Kinder Gottes und wahre Kinder des Lebens.
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Dass der kleine Schritt von einem rein männlichen Gottesbild,
wie es die Theologen predigen, zu einem weiblichen, wie wir
es mit unserem Begriff „Mutter Natur“ assoziieren, von der
Bibel gedeckt ist, können wir gleich im allerersten Kapitel der
Bibel nachlesen:
Das lebendige Sein ist nämlich männlich und weiblich
zugleich, denn es heißt in einem einzigen Satz:
Und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild – als Mann
und Frau schuf er sie! (1. Moses 1,27)
Von daher sind Gottes wahres Ebenbild Mann und Frau erst
gemeinsam, und somit dürfen wir Jesu „himmlischen Vater“
ohne Sorge um unsere „Mutter Natur“ ergänzen und beides in
dem einen Begriff „Lebendiges Sein“ zusammenfassen, genau
wie es „Gott“ vor Urzeiten mit dem Wort „Jehova“ schon getan
hat.
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27. „Betet ohne Unterlass!“
– Gibt es etwas ‚Gottloseres’?
Es gibt noch einen anderen sehr weiten Zugang zur Botschaft
Jesu, der allen offen steht und den man leicht findet, wenn man
nur will: Das Gebet.
Wenn man sich die Christen so anschaut, sieht man, dass oft
und viel gebetet wird! Und dies scheint auch im Sinne Jesu zu
sein, denn bald nach Johannes 14,6 – also der Stelle mit „der
Weg, die Wahrheit und das Leben“ – verspricht uns Jesus:
„Was Ihr auch in meinem Namen bitten werdet, will ich tun,
damit der Vater verherrlicht werde im Sohne.“ (Johannes 14,13)
Unmittelbar darauf wiederholt es Jesus:
„Wenn Ihr um etwas in meinem Namen bitten werdet, so werde
ich es tun!“ (Johannes 14,14)
Und das gleiche noch einmal in Johannes 16,23:
„Wahrlich, wahrlich ich sage Euch: Wenn Ihr den Vater um
etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er's Euch geben.“
Das deckt sich auch mit Paulus, der in seinen Briefen
Ähnliches schreibt. Zum Beispiel im 1. Thessaloniker 5,17:
Betet ohne Unterlass!
Oder in Epheser 6,18:
Betet stets in allen Anliegen mit Bitten und Flehen im Geist…
Also: Lasset uns beten, beten und nochmals beten!
Wenn man sich die Gebete der Christen, die sich von Jesus und
Paulus dazu aufgefordert fühlen, um alles Mögliche zu bitten,
näher ansieht, entstehen Zweifel, ob Beten Sinn macht, schon
weil es bei weitem nicht so oft erhört wird, wie es aufgrund der
Versprechungen zu erwarten wäre, und weil es soviel Zeit
verbraucht. Und auch wenn einmal eintrifft, um was gebetet
wurde, muss nicht gleich der liebe Gott dahinter stecken: Wenn
man um 100 mehr oder weniger sinnvolle Dinge bittet, treffen
manche schon wegen der Zufallswahrscheinlichkeit ein – auch
ohne jedes Gebet. Und Menschen, die nicht beten, haben auch
nicht öfter Unfälle oder Krankheiten oder schlechte Noten.
Schauen wir uns die gängigen Gebetsinhalte einmal genau an:
Ein vertrautes Bild: Vor einem wichtigen Pokalspiel sieht man
Fußballer um den Sieg beten; und auch auf den Rängen im
Stadion und daheim vor den Fernsehern werden sicher viele
Menschen um den Sieg ihrer Mannschaft beten…
Nun versetzen Sie sich einmal in Gottes Lage: Von der Erde
steigen Millionen Gebete zu ihm empor, absolut ernst gemeint
und absolut inbrünstig, aber er kann von vorneherein nur die
eine Hälfte von ihnen erfüllen – die Gebete derer, die für den
späteren Sieger gebetet haben! Die für den späteren Verlierer
beten, deren Gebete muss er unerhört lassen!
Wichtig ist die Überlegung, dass Gottes Allmacht hier an ihre
Grenzen stößt, und zwar an die Grenzen, die ihr die Menschen
gezogen haben! Aufgrund der Spielregeln, die die Menschen
sich ausgedacht haben, ist es für Gott unmöglich, dass beide
Mannschaften als Sieger vom Platz gehen, eine der zwei muss
verlieren! Natürlich wäre auch ein endloses Elfmeterschießen
denkbar oder irgendein Spielabbruch, wo beide Mannschaften
zumindest nicht als Verlierer in die Kabinen gehen, aber darum
geht es gewiss keinem der Spieler bei seinem Gebet und ganz
sicher auch keinem der Fans.
Nach den von Menschen aufgestellten Regeln muss eine Mannschaft einfach verlieren und Gott kann nichts dagegen tun und
muss Jesus und Paulus mit ihren Versprechen Lügen strafen!
Gerade brasilianische Fußballer fallen durch ihre Frömmigkeit
auf und in Medieninterviews schreiben es viele ihrem Glauben
an Gott zu, dass sie aus den Slums heraus Fußballstars werden
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konnten. Es ist jedoch rein von der Statistik her schon so, dass
in einem Land, in dem ca. 90% der Bevölkerung religiös sind,
auch in der Nationalmannschaft ca. 90% der Spieler religiös
sind. Und die Berufung in die Nationalmannschaft hat wirklich
nichts mit der Erhörung von Gebeten zu tun, denn es spielen in
ihr nicht die elf frömmsten Fußballer eines Landes, sondern die
elf besten.
Sehen wir uns ein anderes Beispiel an, bei dem die Gebete an
Gott von vorneherein in den Sand gesetzt sind, und zwar erneut
nach dem Willen von uns Menschen: Unsere allwöchentlichen
Lottoziehungen!
Ca. 30 Millionen Deutsche spielen regelmäßig Lotto und viele
beten, Gott möge ihnen den Lotto-Sechser zukommen lassen,
um sie aus finanziellen Engpässen zu befreien oder um ihnen
und ihren Liebsten eine sorgenfreie Zukunft zu ermöglichen.
Doch: Auch hier sind die zur Verfügung stehenden Ressourcen
begrenzt: Aufgrund der Spielregeln der Lottogesellschaft steht
nur ein bestimmter, genau definierter Betrag als Gewinn bereit
und er reicht höchstens für zwei oder drei, in seltenen Fällen
auch mal für fünf große Gewinne, alle die anderen Betenden
müssen leer ausgehen. Natürlich wäre es Gott auch möglich,
100 oder vielleicht gar 1000 Bittsteller aus den Millionen von
Mitspielern zu erhören – aber zu welcher Quote? Die Summe,
die für den Gewinn gemäß der von Menschen aufgestellten
Regeln bereitsteht, bleibt klar definiert und begrenzt, und wenn
Gott viele gewinnen ließe, dann gewännen diese eben alle nur
wenig – und dann würden sie erst recht mit Gott hadern, wenn
sie für den Lotto-Sechser statt der Millionen nur ein paar 100
Euro erhielten.
Bei vielen Gebeten handelt es sich, wie wir an diesen beiden
Beispielen gesehen haben, um Bitten um Bevorzugung; doch
Gebete um Bevorzugung, noch dazu um eine Bevorzugung in
materiellem Sinne können Gott höchstens nerven und werden
sicher nicht erhört.
Was ist nun mit Gebeten, wenn wir krank geworden sind oder
wenn wir Leid und Unglück erfahren haben; oder mit Gebeten
für jemanden, der krank geworden oder unglücklich ist?
Schauen wir uns zunächst die Gebete bei Krankheit an:
Warum werden wir krank? Schickt Gott uns aus Langeweile
oder aus einer ihm eigenen Gedankenlosigkeit Krankheiten und
müssen wir ihn nun daran erinnern, dass wir – bitteschön –
nicht krank zu werden wünschen? Das sicher nicht!
Bekanntlich sind die meisten unserer Krankheiten Wohlstandskrankheiten: Wir essen und trinken viel zu viel, bewegen uns
zu wenig, schlafen zu warm, haben ständig Stress…
Irgendwann versagt unser Körper – unser menschlicher Körper,
der zwar stark, aber nur begrenzt belastbar ist – und wir werden
zwangsläufig krank. Mit den meisten unserer Krankheiten hat
Gott gar nichts zu tun; sie entstehen rein aus unsrer Unvernunft
und wie soll Gott uns gesund machen, wenn wir unser Leben
nicht ändern? Das gleiche anders ausgedrückt: Wenn wir unser
Leben ändern, werden wir in aller Regel auch wieder gesund.
Es liegt an uns, nicht an Gott!
Es ist völlig klar: Bei Krankheiten, die auf unsere Unvernunft
zurückzuführen sind, müssen wir uns ändern! Aber prinzipiell
bei allen Krankheiten sollten wir uns erst einmal selbst fragen:
Mit welchen von Gott nicht gewollten Haltungen vergeude ich
meine Lebensenergie?
So ist es auf Dauer einfach nicht vereinbar, sich aufrichtig dem
Nächsten zu widmen u n d gleichzeitig die Normen unserer
Überflussgesellschaft erfüllen zu wollen wie schöne Wohnung,
Urlaub, Auto, komfortable Altersvorsorge…. Das führt dazu,
dass man sich aufreibt und seine Gesundheit aufs Spiel setzt.
Hand in Hand mit Erkrankungen, insbesondere psychischer
Natur, gehen familiäre Verstrickungen:
Jesus fordert von uns unmissverständlich die Loslösung vom
Elternhaus. Dahinter steckt die Beobachtung, dass es oft nicht
möglich ist, alle die meist sehr säkularen Erwartungen seines
Elternhauses, die man oft in den so genannten „unbewussten
Erziehungsaufträgen“ verinnerlicht, zu erfüllen und zugleich
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ein authentisches Leben nach den eigenen inneren Werten zu
führen. Und wer dennoch versucht, beides unter einen Hut zu
bringen, überspannt sich und verliert leicht die Übersicht.
Werden wir krank, sollten wir anstatt stundenlang zu beten uns
ehrlich und eindringlich die Frage stellen: Wie kann ich mein
Leben ausmisten, um mir selbst und meinem wahren Wesen
näher zu kommen und zu meiner Lebenskraft zurückzufinden?
Was ist aber bei Gebeten für uns und für andere im Leid?
Dazu vorweg eine Definition: Wenn wir heute im Fernsehen
von großen Unglücken erfahren, sind wir natürlich entsetzt,
kommt danach ein lustiger Film, lachen wir gleich wieder und
haben diese Unglücke vergessen. Diese Reaktion auf solche
Geschehnisse ist Betroffenheit, nicht Leid. Leid geht tiefer:
Es kann uns wochen-, monate- oder auch jahrelang unglücklich
machen, wenn wir zum Beispiel einen geliebten Menschen
verlieren oder uns ein wirklich trauriges Geschick zustößt.
Interessant ist hierzu eine Aussage Jesu über ein Unglück beim
Bau eines Turmes, der einstürzte und 18 Menschen in den Tod
riss (Lukas 13,4).
„Meint Ihr, dass die 18, auf die der Turm von Siloah fiel und
erschlug, schuldiger gewesen sind als alle anderen Menschen,
die in Jerusalem wohnen? Ich sage: Nein!“
Leid und Unglück ist also keine Strafe Gottes für irgendeine
Sünde, es passiert halt.
Aber wie sollen wir genau das mit der Liebe Gottes unter einen
Hut bringen?
Wenn dieses kleine Hündchen stirbt, wird man deshalb Leid
empfinden?
Wohl kaum.
Für die alte Dame dagegen war das Hündchen vielleicht jedoch
der größte Quell ihrer Freude und sie wird über diesen Verlust
sehr viel Leid empfinden.
Oder man sehe sich die Todesanzeigen in der Zeitung an: Fast
durchwegs unbekannte Gesichter. Empfindet man da Leid?
Nein.
Man kennt die Leute nicht, mit ihnen hatte man keine Freude
zusammen erlebt. Ist aber jemand darunter, den man kannte
und mochte und über dessen Zusammensein man sich oftmals
gefreut hat, dann ist man voller Leid und Trauer.
Es gilt ziemlich sicher dieses in unserer dualistischen Welt:
Wenn Gott das Leid aus der Welt schaffen würde, würde er
zugleich auch die Freude aus der Welt schaffen. Es gibt kein
Leid ohne Freude und ohne Freude kein Leid.
Daher kann man sich an diese Faustregel halten:
Wenn man sein Herz an materielle Dinge hängt, erfährt man
zwangsläufig oftmals Leid und Freude erlebt man nur gemischt
mit der Furcht vor dem Verlust dieser Dinge.
Wenn man dagegen sein Herz an Jesu „himmlische Schätze“
hängt, erfährt man Freude oft und Leid vergleichsweise selten.
Aber ganz ungeschoren kommen wir auch dann nicht davon.
Darauf müssen wir uns auf jeden Fall einstellen.
Vielleicht hilft uns hier ein psychologischer Ansatz weiter: Bei
genauerem Hinsehen können wir feststellen, dass uns nur das
Leid bereitet, das uns zuvor Freude bereitet hat.
Nach dem Gebet für uns oder unseren Nächsten als Individuum
gibt es noch eine zweite große Gruppe von Gebeten: Gebete für
die Menschheit als Kollektiv – zum Beispiel für eine gesunde
Umwelt, für Frieden in der Welt und für ein Ende des Hungers.
Man stelle sich vor: Man lebt in einem hellhörigen Mietshaus
und die ältere Dame in der Wohnung über einem hat ein
kleines unerzogenes Hündchen. Das kläfft zu jeder Unzeit und
stört einen immer wieder in der wohlverdienten Nachtruhe.
Diese Gebete haben unbestritten einen guten Inhalt und dessen
sind sich die Betenden auch bewusst: Man betet inbrünstig und
aus ganzem Herzen. Man betet auch oft und regelmäßig, meist
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in Gesellschaft mit anderen, was den Betenden auch noch ein
besonders tiefes und verbindendes Gruppenerlebnis verschafft.
Solche Gebetstreffen sind süß und schmerzvoll zugleich.
Diesem guten Anliegen im Gebet jedoch steht unser klares
Wissen gegenüber: Wir wissen, dass wir auf einer begrenzten
Erde leben mit endlichen Ressourcen! Wir wissen, dass wenn
wir die Rohstoffvorkommen dieser Erde weiter so verprassen,
schon für die nächste Generation, und das sind unsere eigenen
Kinder(!), kaum noch etwas bleibt.
Wir wissen, dass wir bei unseren Discountern nur deswegen so
billig einkaufen können, weil in der 3. Welt Abermillionen von
jungen Menschen unter den schlechtesten Arbeitsbedingungen
gnadenlos ausgebeutet und gesundheitlich ruiniert werden –
und obwohl wir das wissen, freuen wir uns beim Einkaufen
jedes Mal aufs Neue über unsere gelungenen Schnäppchen!
Wir wissen, dass zwei Drittel der Menschheit hungern und
etwa 100 000 Menschen jeden Tag qualvoll an den Folgen des
Hungers sterben und doch führen wir gerade aus jenen unterversorgten Ländern noch jede Menge Lebensmittel in unser
reiches Europa ein, in ein Europa, wo wir schon von unseren
eigenen Lebensmitteln viel zu viele einfach wegwerfen!
Und noch etwas wissen wir: Wenn Gott ein Wunder täte und
es gäbe in der 3. Welt plötzlich noch mehr Lebensmittel und
Rohstoffe zu holen als jetzt – gnadenlos würden wir alles tun,
um auch diese den Menschen sofort wieder wegzunehmen!
Gottes Wille kann halt nur durch uns Menschen geschehen und
nicht durch Beten! Sich im genauen Wissen um das Elend in
der Welt und dessen Ursachen hinzusetzen, zu Gott um Abhilfe
zu beten und anschließend mit umso reinerem Gewissen weiter
dieses Elend zu vergrößern, das ist Blasphemie!
Doch drehen wir den Spieß einmal um:
Es gibt so viele Gebete, die einfach nur sinnlos sind, und mit
denen wir Gott die Verantwortung für unser eigenes Versagen
in die Schuhe schieben wollen.
Wenn man die Theologen fragt, wie dieses Versprechen, dass
Gott alle unsere Gebete erhört, angesichts des offensichtlichen
Beweises des Gegenteils zu verstehen ist, so kommt in der
Regel die durchaus plausible Antwort: Hier sind, auch wenn es
in der Bibel anders drin steht, nicht alle Gebete gemeint. Viele
unserer Gebete seien ja nur Gebete um unsere Ersatzgötter und
die würde Gott natürlich nicht erhören wollen.
Bei dieser Antwort kann man dann leicht nachhaken und im
logischen Umkehrschluss fragen:
Wenn es das Kennzeichen des echten Betens ist, dass Gott es
erhört, was soll man dann eigentlich beten?
Und nach kurzem oder längerem Nachdenken kommt von den
Theologen – gleich welcher Glaubensrichtung – dann wirklich
meist die Antwort:
Dann kann man eigentlich nur das Vaterunser beten…
Bevor wir uns dem Vaterunser zuwenden, zuerst noch ein paar
prinzipielle Gedanken:
Bei der Theologie des Johannes haben wir schon einiges an
griechischem Gedankengut kennen gelernt wie zum Beispiel,
dass Gott Geist ist (logos). Durch und durch griechisch ist auch
die Trennung der Welt in einen menschlich-irdischen und einen
göttlich-geistigen Anteil. Daraus resultiert nun der – logische –
Schluss, dass man, wenn man zu Gott gelangen (metaphorisch
ausgedrückt „in den Himmel“ kommen) will, sich dem Geist
zuwenden und vom Körper abwenden muss.
Die Rolle, die der Geist daher bei der Definition von „Sünde“
spielt, ist eine ganz andere Rolle, als wie sie Körper oder Seele
spielen: Wenn man Sünde rein von den geistigen Erkenntnismöglichkeiten her definiert, kann sehr schnell ein ellenlanger
Sündenkatalog zusammenkommen, wie zum Beispiel der in der
katholischen Kirche gebräuchliche „Beichtspiegel“.
Bei dieser rein geistigen Definition von Sünde werden Körper
und Seele ganz einfach überfahren und haben keine Chancen
sündenlos zu sein.
Die eigentliche Botschaft Jesu lautet aber anders:
„Gott“ ist nicht „logos“, sondern „pneuma“. Also ist Gott auch
nicht unserem Geist zugänglich, sondern nur unseren Gefühlen:
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Man muss ihn mit aller Kraft lieben und nicht jahrelang an der
Uni über ihn studieren. Die Unverbildeten verstehen ihn, nicht
die, die sich auf ihre Gescheitheit etwas einbilden. Wichtig ist
ohnehin nur, das Gute durch die Tat in die Welt zu bringen und
jede Art von Glauben ist egal.
„Gott“ ist bei Jesus das jedem Menschen innewohnende Leben,
das er mit einem äußerst gütigen, geduldigen Vater gleichsetzt.
Konsequenterweise streicht Jesus alle Sünden, die aus der rein
geistigen Vorstellung Gottes resultieren: Er selbst übertritt alle
Ge- und Verbote der Pharisäer und Schriftgelehrten, und selbst
die zehn Gebote schrumpfen bei ihm auf nur noch zwei:
„Gott“ zu lieben mit aller Kraft und seinen Nächsten zu lieben
wie sich selbst. Auch ist bei Jesus jede moralische Maxime auf
einen einzigen Satz reduziert: Was Du von anderen erwartest,
das tu ihnen auch!
Laut Jesus gibt es nur noch eine Art von Sünde: Nur noch die
Sünden wider den Nächsten, denn in jedem Menschen ist Gott
Fleisch geworden. Als Sünde zählt nur noch, wenn man seinen
Nächsten nicht als einen gleichwertigen Menschen behandelt,
der das verdient, was man selbst verdient, und dem man das
tun muss, was man selbst von ihm erwartet.
Dieses Tun eröffnet den Menschen den Weg in den „Himmel“:
Dieser Himmel ist dann innen in jedem Menschen, dort drinnen
wohnt die eigene Lebendigkeit und es führt auch nur der Weg
über die eigenen Wertvorstellungen dorthin. Ganz ausdrücklich
führt er nicht über die Gebote und Verbote anderer: Damals
nicht über die Fastengebote und weiteren Gebote der Pharisäer
noch heutzutage über die Moralvorstellungen der Theologen.
Diese innere Lebendigkeit, die den leiblichen Tod dann überdauert, findet man nur durch die Harmonie zwischen Körper,
Geist und Seele und nicht durch die Überbetonung des Geistes.
So sah Jesus als erstes stets darauf, dass die Menschen genug
zu essen und zu trinken hatten und sie körperlich unversehrt
waren. Er selbst nahm gerne an Festen teil und liebte sicherlich
die Fröhlichkeit, auch wenn dazu in der Bibel nichts Explizites
zu finden ist. Jesus wollte, dass wir Menschen froh und gesund
sind und liebevoll miteinander umgehen – nichts weiter!
In genau dieser Dreiheit „gesund – froh – liebevoll“ findet sich
auch die klassische Dreiteiligkeit wieder:
„Gesund“ steht für den Idealzustand des Körpers, „froh“ oder
„freudig“ für den des Geistes und „liebevoll“ für den der Seele.
Und wie sinnvoll dies ist, das bestätigt uns auch unsere eigene
Erfahrung: Wenn wir fröhlich und gesund sind, können wir viel
leichter mit anderen liebevoll umgehen, als wie wenn wir krank
und verärgert sind. Und aus diesem Grund verurteilt Jesus auch
das Ärgernis Geben auf das Schärfste:
„Weh der Welt wegen des Ärgernisses! Es muss auf jeden Fall
das Ärgernis kommen; doch weh dem Menschen, durch welchen
das Ärgernis kommt!“ (Matthäus 18.7)
„Wer einen von diesen Kleinen ärgert, für den wäre es besser,
dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn
ins Meer.“ (Lukas 17.2)
Doch so befreiend und lebensbejahend diese Botschaft Jesu ist,
so ist sie doch nicht gleichzusetzen mit bedingungsloser Liebe:
Denn Gott will wirklich das Glück für a l l e Menschen und –
sehr wichtig – der Wille Gottes kann nur durch uns Menschen
umgesetzt werden! Und so straft Gott konsequenterweise nicht
nur jene Menschen, die ihrem Nächsten Unrecht tun, sondern
auch die, die ihre Talente vergraben und glauben, man könne
sich in einen abgeschotteten Bereich zurückziehen, die Hände
in den Schoß legen, auch wenn diese dabei zum Gebet gefaltet
sind, und für ihre Mitmenschen nichts mehr tun. Es ist daher
nach der Lehre Jesu grundfalsch sich der Welt zu entziehen –
sei dies nach dem Motto „my home is my castle“ der Rückzug
in die eigenen vier Wände oder in die Einsiedelei oder in die
Gebetszelle hinter Klostermauern.
Der Himmel, den wir suchen sollen und den wir laut Jesus auch
finden werden, ist kein passives, blutleeres Vor-Sich-Hinleben
in geschützten Räumen, sondern er ist vollkommen anders! Er
könnte vielleicht von Goethe treffend beschrieben worden sein:
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„Alles geben die Götter, die Unendlichen, ihren Lieblingen
ganz. Alle Freuden, die Unendlichen, alle Schmerzen, die
Unendlichen, ganz.“
Gott will für uns ein Leben in der Fülle der Welt, in der Fülle
seiner Schöpfung, er will für uns eine Fülle, an der auch unser
Körper seinen vollen Anteil hat. Und solch ein Leben in Fülle
sollen wir aktiv auch allen anderen Menschen ermöglichen!
Sie fragen, was das alles mit dem Vaterunser zu tun hat? Sehr
viel! Also nun, schauen wir es uns an:
Das Vaterunser wurde von Jesus in der Bergpredigt gelehrt
(Matthäus 6,9). Die vorbereitenden Ausführungen von Jesus
dazu beginnen in Matthäus 6,5. Er sagt dort:
sein Reich und seine Gerechtigkeit gehen, dann wird Euch alles
Übrige dazugegeben.“ (Matthäus 6,28)
Wunderbare klare Worte, denen es nichts hinzuzufügen gibt,
und man kann sie gar nicht genug auf sich wirken lassen:
„Beim Beten sollt Ihr nicht plappern wie die Heiden. Sie denken,
dass sie erhört werden, wenn sie viele Worte machen. Macht es
nicht wie sie!“
und das Schönste und am meisten Beruhigende:
„Denn Euer Vater weiß ja, was Ihr braucht, noch bevor Ihr ihn
darum bittet.“
Unmittelbar vor dem Vaterunser sagt Jesus:
„Wenn Ihr betet, macht es nicht so wie die Heuchler, die sich
dazu gern in die Synagogen und an die Straßenecken stellen,
damit sie von den Leuten gesehen werden. Ich versichere Euch:
Mit dieser Ehrung haben sie ihren Lohn schon kassiert.
Wenn Du betest, geh in Dein Zimmer, schließ die Tür und bete zu
Deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dann wird Dein Vater,
der im Verborgenen ist, Dich belohnen.
Wenn Ihr betet, sollt Ihr nicht plappern wie die Heiden! Sie
denken, dass sie erhört werden, wenn sie viele Worte machen.
Macht es nicht wie sie! Denn Euer Vater weiß ja, was Ihr
braucht, noch bevor Ihr ihn darum bittet.“
Und diesen Gedanken greift Jesus ein paar Zeilen nach dem
Vaterunser nochmals auf, indem er sagt:
„Und warum macht Ihr Euch Sorgen um die Kleidung? Seht
Euch an wie die Lilien wachsen. Sie strengen sich dabei nicht an
und nähen sich auch nichts. Doch ich sage Euch: Selbst Salomo
war in all seiner Pracht nicht so schön gekleidet wie eine von
ihnen. Wenn Gott sogar die Feldblumen, die heute blühen und
morgen ins Feuer geworfen werden, so schön kleidet, wie viel
mehr wird er sich dann um Euch kümmern, Ihr Kleingläubigen!
Macht Euch also keine Sorgen! Fragt nicht: Was sollen wir
essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn
damit plagen sich die Menschen dieser Welt herum. Euer Vater
weiß doch, dass Ihr das alles braucht! Euch soll es zuerst um
„Wenn Du betest, geh in Dein Zimmer, schließ die Tür und bete
zu Deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dann wird Dein Vater,
der im Verborgenen ist, Dich belohnen.“
Jesus sagt nicht, wie das Gebet des Einzelnen auszusehen hat,
er lässt uns dazu völlige Freiheit, Er sagt nur, wie es nicht
aussehen darf: Nicht plappern! Nur ja nicht glauben, dass
man umso mehr erhört wird, je mehr Worte man macht!
Beten zu Gott in der Stille und mit nur ganz wenigen Worten
wird damit zur Kontemplation. In der Schöpfungsgeschichte 1.
Mose 2,7. haucht Gott dem Menschen seinen Lebensatem ein
und macht ihn dadurch zum lebendigen Wesen. Gottes Atem
weht in jedem Menschen, das macht unser menschliches Leben
aus und ist unsere ureigenste Eigenschaft.
Beten nach Jesus ist das Spüren dieses göttlichen Lebensatems
in sich für sich allein, ein Sich-Eins-Fühlen mit dem Leben in
der Stille. Worte stören da nur.
An diese Aufforderung an den Einzelnen, im Verborgenen zu
beten, schließt sich nun das Vaterunser an.
Jesus wechselt dazu wieder in die 2. Person Plural und spricht
zum Kollektiv:
62
„Ihr sollt vielmehr so beten:
Vater unser, der in den Himmeln ist,
geheiligt werde Dein Name!
Dein Reich komme!
Dein Wille geschehe wie in den Himmeln so auf der Erde!
Unser tägliches Brot gib uns heute!
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern
vergeben haben.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem
Bösen!“
Das Vaterunser ist ein kurzes Gebet, aber eines, das es in sich
hat. Vergleichen wir es zuerst mit unseren anderen Gebeten:
Gibt es darin eine Bitte um Bevorzugung??
Nein, die einzige Bitte, die sich auf Materielles bezieht ist die
um das tägliche Brot, mehr nicht!
Gibt es eine Bitte, dass wir von Leid verschont werden?
Nein!
Gibt es eine Bitte um Gesundheit?
Nein!
Das Vaterunser gliedert sich in 2 Teile. Der 1. Teil beginnt mit:
„Vater unser, der in den Himmeln ist, geheiligt werde Dein
Name.“
Dies kennen wir schon: Der Himmel ist in uns und Gott, der im
Himmel ist, wohnt daher in uns! Eine wundervolle Botschaft,
die mit der Bitte, dass der Himmel kommen und Gottes Wille
Wirklichkeit werden möge, fortgeführt wird.
Dein Reich komme!
Dein Wille geschehe wie in den Himmeln so auf der Erde!
Kommen wir nun zum zweiten Teil. Er ist wesentlich schwerer
verdaulich!
Der erste Satz klingt noch leicht verständlich:
„Unser tägliches Brot gib uns heute.“
„Unser tägliches Brot“ heißt es hier – nicht mehr und nicht
weniger! Vor allem nicht mehr, denn dann reicht es auch für
alle. Das ist schon eine wichtige Stelle, die uns zur materiellen
Bescheidenheit auffordert.
Dann kommt die Stelle, die uns auf unsere Eigenverantwortung
hinweist:
„Und vergib uns unsere Schuld, so wie wir unseren Schuldigern
vergeben haben“.
Wir bitten hier Gott, dass er uns unsere Schuld vergibt, aber
nur soweit, wie wir zuvor unseren eigenen Schuldigern ihre
Schuld vergeben haben!
Und dann am Schluss des Vaterunsers die sicher einsichtigste
Bitte von allen:
„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem
Bösen!“
Ja, dass wir vom Bösen erlöst werden, ist sicher eine absolut
sinnvolle Bitte! – aber sie gilt nicht nur für uns satte Menschen
hier in der 1. Welt: Nicht nur wir sollen vom Bösen erlöst
werden, sondern alle Menschen auf der ganzen Erde!
Wir sollten wirklich nie vergessen:
Der Vater, den Jesus anspricht, ist der Vater für alle Menschen!
Sein Wille, dass es den Menschen gut geht, ist überall gültig,
auch in der 3. Welt!
Daher gilt das Vaterunser auch für all jene Abermillionen von
Unglücklichen, die gnadenlos nur deshalb ausgebeutet werden,
damit wir hier in der 1. Welt billig einkaufen können.
63
Und es gilt selbstverständlich auch für die unzähligen Mütter,
die angesichts der Fleischtöpfe dieser Welt hilflos mit ansehen
müssen, wie ihre Kinder elendiglich an Hunger sterben oder an
leicht behandelbaren Krankheiten verrecken.
Auch diese alle sollen beten:
„Herr, erlöse uns von dem Bösen!“
Doch was ist für diese bettelarmen Menschen in der 3. Welt
das Böse anderes als
-
unser Streben nach immer mehr Wohlstand
unser Streben nach immer mehr materieller
Sicherheit
unser Streben nach immer mehr
Bequemlichkeit
……
…
Mit einem Wort: Was ist für so viele Menschen in der Welt
das Böse anderes als u n s e r Dienst am Mammon?
Dabei sollten wir uns immer vor Augen halten: Es gibt keinen
personalen Gott, der Gutes tut, das kann nur von uns Menschen
getan werden. Ebenso wenig gibt es das personale Böse, den
Teufel, der Böses tut. Auch das Böse tun nur wir Menschen.
Bleibt nun nur noch der Blick auf die Verse unmittelbar nach
dem Vaterunser:
Jesus schließt eine Erklärung an, und zwar zu einer bestimmten
Passage im Vaterunser: „Denn…“ sagt er, - und wer von Ihnen
weiß, was nun erklärt wird??
Nein, „denn Dein ist das Reich und die Kraft usw.“, wie wir es
vom Gottesdienst her kennen, ist es nicht!
Jesus sagt folgendes:
„Denn wenn Ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so
wird Euer himmlischer Vater auch Euch vergeben. Wenn Ihr
aber den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebt, so wird
euch Euer Vater Eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“
(Matthäus 6,14)
Dass wir von Gott nur in solchem Ausmaß Vergebung erhalten
werden, in dem auch wir selbst unseren Mitmenschen vergeben
haben, scheint Jesus sogar die wichtigste Passage im Vaterunser zu sein, denn sie ist die einzige, auf die er noch einmal
eingeht. Damit setzt sich Paulus mit seiner Erlösungstheologie
zur Lehre Jesu in fundamentalen Widerspruch. Der Mensch ist
in allem selbstverantwortlich, auch im Hinblick auf seine
Sündenfreiheit!
Und tatsächlich ist Jesus dieser Gedanke sogar so wichtig, dass
er ihn später noch einmal in einem eigenen Gleichnis erklärt:
Da trat Petrus heran und sprach: „Herr, wie oft soll ich meinem
Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Bis zu
siebenmal?“ Jesus sagte ihm: „Ich sage Dir, nicht siebenmal,
sondern bis siebzig mal siebenmal! Denn das Himmelreich
gleicht einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte.
Und als er damit anfing, brachte man einen vor ihn, der ihm
zehntausend Talente schuldig war. Da er aber nicht bezahlen
konnte, befahl sein Herr, ihn, seine Frau, seine Kinder und alles,
was er hatte, zu verkaufen und seine Schuld damit zu bezahlen.
Da warf sich der Knecht vor ihm nieder und sprach: Herr, habe
Geduld mit mir, ich will Dir alles bezahlen! Da erbarmte sich der
Herr seines Knechtes, gab ihn frei und erließ ihm die Schuld. Als
aber dieser Knecht wegging, begegnete ihm ein Mitknecht, der
ihm hundert Denare schuldig war; den ergriff er, würgte ihn und
sprach: Bezahle mir, was Du mir schuldig bist! Da warf sich sein
Mitknecht nieder und bat ihn: Habe Geduld mit mir, ich will Dir
alles bezahlen!
9 Er aber wollte nicht darauf eingehen, sondern
warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.
Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie
traurig und berichteten ihrem Herrn die ganze Geschichte. Da
ließ sein Herr ihn kommen und sprach zu ihm: Du böser Knecht!
Deine ganze Schuld habe ich Dir erlassen, weil Du mich batest;
solltest denn nicht auch Du Dich Deines Mitknechtes erbarmen,
wie ich mich Deiner erbarmt habe? Und voll Zorn übergab ihn
64
sein Herr den Gefängniswärtern, bis er alles bezahlt hätte, was
er schuldig war. Und genau so wird es mein himmlischer Vater
mit jedem von Euch machen, wenn er seinem Bruder nicht von
Herzen vergibt.“ (Matthäus 18,21)
Soweit zum Vaterunser, diesem Gebet mit seinem so wundervollen 1. und seinem so schwer im Magen liegenden 2. Teil,
diesem ganz kurzen Gebet, das Jesus uns höchstpersönlich zu
beten gelehrt hat und in dem soviel Wahrheit enthalten ist.
65
Die Bibel,
das Buch der unbegrenzten Möglichkeiten
66
30. Unbegrenzt zum Ersten
Wie wir wissen, leben wir in einer physisch begrenzten Welt
mit nur begrenzten physischen Möglichkeiten. Unbegrenzt sind
nur unsere geistigen Vorstellungsmöglichkeiten, und unter den
Wissenschaften kennt außer der Theologie vor allem noch die
Mathematik das Phänomen der Unendlichkeit. Schon Physik
oder Astrophysik, welche die Wirklichkeit unserer Welt mit
mathematischen Methoden zu beschreiben versuchen, tun sich
mit der Unendlichkeit schwer. Und in der Technik, die nichts
anderes ist als angewandte Physik, ist alles begrenzt, hat alles
ein Ablaufdatum, ist tatsächlich alles ein Stückwerk.
Wenn man die Theologie physikalisch einordnen wollte, wäre
sie ein in sich fast vollkommen abgeschlossenes System mit
zeitlich stark verzögerter Wechselwirkung mit der Umgebung.
Gemeint ist damit, dass die Gedankenwelt der Theologie in
sich abgeschlossen ist und praktisch nie eine neue geniale Idee,
oder drücken wir es provokativ aus: echte Inspiration Eingang
findet. Echte Inspiration bleibt in der Theologie die absolute
Mangelware. Eine Theologie immunisiert sich – ganz egal wie
logisch begründbar eine abweichende Sichtweise ist – stets von
allein und betrachtet immer nur sich selbst als einzig richtige
Anschauung. Angesichts der vielen, tatsächlich unvereinbaren
Widersprüche in der Bibel ist schon das eine geistige Leistung,
welche unsere Bewunderung verdient.
Man kann einen langen Widerspruchskatalog von Bibelstellen
zusammenstellen und diese Stellen dann mit Theologen egal
welcher Glaubensrichtung durcharbeiten. Die Methode, wie die
Theologen diese Widersprüche auflösen, ist immer dieselbe:
Jede Theologie verwirft gewisse Bibelstellen, dafür gewichtet
sie andere umso stärker.
Die Zeugen Jehovas ignorieren bekanntlich dieses Zitat Jesu:
Dann rief Jesus die Menge wieder zu sich und sagte: "Hört mir
alle zu und versteht! Nichts, was von außen in den Menschen
hineinkommt, kann ihn unrein machen. Unrein macht ihn nur,
was aus ihm heraus kommt." Als er sich von der Menge
zurückgezogen hatte und ins Haus gegangen war, fragten ihn
seine Jünger, wie er das gemeint habe. "Habt Ihr es auch nicht
begriffen?", erwiderte Jesus. "Versteht Ihr nicht, dass alles, was
von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein
machen kann? Denn es kommt ja nicht in sein Herz, sondern geht
in den Magen und wird im Abort wieder ausgeschieden." Damit
erklärte Jesus alle Speisen für rein. (Markus 7,14)
Dafür wird der Vers 21,25 in der Apostelgeschichte von den
Zeugen – zumindest in Teilen – überaus ernst genommen:
Aber hinsichtlich der gläubig gewordenen Heiden haben wir die
schriftliche Weisung ergehen lassen, dass sie sich hüten sowohl
vor Fleisch, das den heidnischen Göttern geopfert wurde, als
auch vor Blut und vor Ersticktem und vor Unzucht.
Die teilweise Wörtlichnahme dieser Bibelstelle filtert nur das
Verbot des Zu-Sich-Nehmens von Blut heraus und ignoriert die
Empfänger: Wie wir lesen können, richtet sich das Verbot an
die Heiden im damaligen römischen Reich, die vor kurzem zur
christlichen Sekte innerhalb des Judentums übergetreten sind
und die zuvor ihre eigenen Essgewohnheiten hatten. So gilt das
Verbot offensichtlich nicht für alle Menschen auf der ganzen
Welt zu jeder Zeit, sondern nur für eine klar umrissene Gruppe
von Neu-Christen im 1. Jahrhundert.
Auf katholischer Seite ist es so, dass man diese Stelle, die den
Zeugen Jehovas so heilig ist, dass man wegen ihr sogar Bluttransfusionen ablehnt, völlig unter den Tisch kehrt und dafür
die Erlaubnis Jesu, dass man alles essen und trinken darf, oft
ausgiebigst praktiziert. Gestützt wird die freizügige Haltung
der katholischen Kirche gegenüber gutem Essen noch von
dieser Stelle bei Paulus:
Alles, was auf dem Fleischmarkt angeboten wird, esst, ohne zu
untersuchen um des Gewissens willen. Denn "die Erde ist des
Herrn und ihre Fülle". Und auch wenn irgendein Ungläubiger
Euch einlädt und Ihr hingeht, so esst alles, was Euch vorgesetzt
wird, ohne zu untersuchen und Euch ein schlechtes Gewissen zu
machen. (1. Korinther 10. 25)
67
Und so kommt es, dass so manch geistlicher Würdenträger aus
dem katholischen Lager in seiner leiblichen Erscheinung eher
der fleischgewordenen Todsünde der Völlerei gleicht als dem
armen demütigen Diener Gottes, für den man sich so gerne
ausgibt.
„Ich sage Dir: Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen
will ich meine Gemeinde bauen und die Hölle soll sie nicht überwältigen. Ich will Dir die Schlüssel des Himmelreichs geben und
was Du auf Erden binden wirst, soll auch im Königreich der
Himmel gebunden sein, und alles, was Du auf Erden lösen wirst,
soll auch in den Himmeln gelöst sein.“ (Matthäus 16,18)
Ein weiteres Beispiel für einzelne aus dem Zusammenhang
gerissene Bibelstellen ist die Mission zu Fuß und zu zweit:
Exakt mit diesem Zitat Jesu begründet die Katholische Kirche
ihren Führungsanspruch in der Welt und zugleich rechtfertigt
der Papst damit seine absolutistische Vollmacht innerhalb der
Kirche.
Jesus sandte Die zwölf Jünger mit diesem Auftrag aus: "Meidet
die Orte, wo Nichtjuden wohnen, und geht auch nicht in die
Städte der Samariter, geht nur zu den verlorenen Schafen des
Volkes Israel! Bitte verkündigt ihnen: 'Die Herrschaft des Reichs
Gottes steht bevor! Heilt Kranke, erweckt Tote, macht Aussätzige
rein, treibt Dämonen aus! Was Ihr kostenlos bekommen habt,
gebt kostenlos weiter. Besorgt Euch kein Reisegeld, weder Gold
noch Silberstücke oder Kupfermünzen! Besorgt Euch auch keine
Vorratstasche, kein zweites Hemd, keine Sandalen und keinen
Wanderstab. Denn wer arbeitet, soll auch essen. Wenn Ihr in
eine Stadt oder ein Dorf kommt, findet heraus, wer es wert ist,
dass Ihr bei ihm wohnt. Wenn Ihr ein Haus betretet, grüßt seine
Bewohner und wünscht ihnen Frieden. Wenn sie es wert sind,
wird der Frieden, den Ihr bringt, bei ihnen einziehen. Wenn sie
es nicht wert sind, wird Euer Gruß wirkungslos bleiben. Und
wenn die Leute Euch nicht aufnehmen oder anhören wollen, dann
geht von dort weg und schüttelt den Staub von Euren Füßen. Ich
versichere Euch: Sodom und Gomorra wird es am Tage des
Gerichts besser ergehen als solch einer Stadt. Seht, ich sende
Euch wie Schafe mitten unter Wölfe. Seid deshalb listig wie die
Schlangen und aufrichtig wie die Tauben.“ (Matthäus 10,5)
Auch bei diesen Passagen ist die selektive Interpretation der
Mormonen oder der Zeugen Jehovas offensichtlich. Zu zweit
geht man von Haus zu Haus, aber man geht nicht nur zu den
Juden, sondern vor allem zu den Nichtjuden, und man hat
wesentlich mehr dabei als nur einen Wanderstab: Man hat die
Taschen voll mit selbst fabrizierten Glaubensbüchern.
Auf der katholischen Seite geht man nicht so gern von Haus zu
Haus, dafür findet dort diese Stelle umso mehr Gewichtung:
Und nachdem man nun einmal Papst ist und damit lösen und
binden kann, wie einem beliebt, erhebt man völlig ungeachtet
der Vorgaben Jesu natürlich erst einmal sich selbst und lässt
sich hier auf Erden mit „Heiliger Vater“ anreden, Jesus dazu:
„Doch die Schriftgelehrten und Pharisäer lieben den ersten Platz
bei den Gastmählern und die vordersten Sitze in den Synagogen,
sie lieben die Begrüßungen auf den Märkten und sie lieben es
von den Menschen Lehrer, Lehrer! genannt zu werden. Ihr aber,
lasst Ihr Euch nicht Lehrer nennen; denn einer ist Euer Lehrer,
Ihr alle aber seid Brüder. Ihr sollt auch keinen auf der Erde
Euren Vater nennen; denn nur einer ist Euer Vater, der in den
Himmeln ist. Lasst Euch auch nicht Meister nennen; denn einer
ist Euer Meister, der Christus. Der Größte aber unter Euch soll
Euer Diener sein. Wer aber sich selbst irgendwie erhöht, der
wird erniedrigt werden; und wer sich selbst irgendwie erniedrigt,
der wird erhöht werden.“ (Matthäus 12,6)
Was die Katholische Kirche, die sich so gerne als die Hüterin
der wahren Lehre sieht, ebenfalls absolut nicht interessiert, ist
das Verbot, sich von Gott Bilder zu machen, im Gegenteil: Die
katholischen Gotteshäuser strotzen nur so von Bildern, wo Gott
als uralter Mann mit weißem Rauschebart dargestellt ist und
von überlebensgroßen Kruzifixen, wo die letzten Sekunden im
Leben seines Sohnes äußerst plastisch festgehalten sind.
Und natürlich stellt man sich auch gern selbst dar und so gibt
es noch all die Statuen von „Heiligen“, von Kirchenlehrern und
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von so vielen Päpsten, die oftmals nichts anderes waren als
üble Lüstlinge oder gottlose Schwerverbrecher!
Greifen wir aus der nahezu unendlichen Reihe der katholischen
Heiligen exemplarisch den französischen Abt Bernhard von
Clairvaux (1090-1153) heraus:
Bernhard wurde im Jahre 1118 Abt des zweiten Zisterzienserkloster in Clairvaux und schaffte es bis zu seinem Tod, weitere
166 Tochterklöster zu gründen – eine überaus reiche Ernte, die
Bernhard da für die katholische Kirche einfuhr!
Doch Bernhard von Clairvaux machte sich noch durch ganz
andere Aktivitäten einen sehr berühmten Namen: Er initiierte
praktisch im Alleingang den zweiten Kreuzzug! Dazu reiste er
durch ganz Europa und formulierte diese Irrlehre:
"Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen;
noch ruhiger stirbt er.
Wenn er stirbt, nützt er sich selber;
wenn er tötet, nützt er Christus."
Als der 2. Kreuzzug (1147-1149) in einem völligen Desaster
endete, ging Bernhard sogleich unverdrossen daran, für einen
3. Kreuzzug zu predigen…
Dass Bernhard im Jahre 1174 heilig gesprochen wurde, mag
man aus dem damaligen Zeitgeist heraus noch verstehen. Doch
wie ist es zu verstehen, dass im Jahr 1830, wo es sich sogar bis
zur Katholischen Kirche herumgesprochen haben müsste, dass
Töten nicht im Sinne Christi ist, dass Papst Pius VIII diesen
blutrünstigen Bernhard zum Kirchenlehrer erhob?
Und noch vor wenigen Jahrzehnten, am 24. Mai 1953, widmete
Papst Pius XII diesem „Heiligen“ zu dessen 800. Todestag gar
eine eigene Enzyklika und nannte diese „Doctor mellifluus“ Honigfließender Lehrer!
Wie kann man jemanden, der Christus offensichtlich überhaupt
nicht verstanden hat und soviel Leid in die Welt brachte, noch
in unserer Zeit solch eine Ehre zu teil werden lassen?
Die Antwort ist einfach: Es geht gemäß Paulus, dem Begründer
jeder Theologie, der katholischen Kirche nicht um das richtige
Tun, sondern um den richtigen Glauben – im theologischen
Fachjargon: Es kommt nicht auf Orthopraxie, das richtige Tun,
an, sondern auf die Orthodoxie, den korrekten Glauben. Und
im Drechseln von tiefsinnigen Glaubenssprüchen war Bernhard
sehr gut; er war sogar so gut, dass man seine Epoche gerne das
„Bernhardinische Zeitalter“ nennt.
Ein weiteres trauriges Beispiel, wo die Orthodoxie den Vorzug
vor der Orthopraxie erhält, sind in unserer Zeit die vielen Missbrauchsfälle auf Seiten der katholischen Kirche:
Wenn die katholische Kirche tatsächlich nur ein bisschen heilig
wäre, würde sie richtig zu handeln suchen und ihren Opfern,
die sie selbst am besten kennt, von sich aus Wiedergutmachung
zu teil werden lassen! Das ist das Mindeste, was man hier von
jemand Heiligem verlangen kann, noch dazu wo dieser Heilige
über genügend Mittel zur Wiedergutmachung verfügt!
Doch was macht die katholische Kirche?? Sie versucht, so gut
wie möglich den Schein ihrer Heiligkeit zu wahren, und zahlt
nur denjenigen ihrer Opfer eine Entschädigung, welche noch
die Kraft haben, diese offiziell gegen sie durchzusetzen!
Heiligkeit ist in der Theologie wirklich nicht mit dem richtigen
gottgefälligen Tun verknüpft, sondern nur mit dem korrekten
Denken in kirchengefälligen Schablonen!
Wenn man sich nun noch vor Augen hält, wie viele böse und
lasterhafte Päpste die Katholische Kirche in ihren Ahnenreihen
hat, dann dämmert es einem, dass der Himmel der Katholiken
von mindestens ebenso vielen Sittenstrolchen und Verbrechern
bevölkert ist wie bei anderen Religionen die Hölle oder die
Unterwelt. Und über diesen Himmel thront folgerichtig der
anthropomorphe Gottvater Jehova – der höchst unchristliche
Gott der Christenheit.
Jetzt sind wir ein wenig abgeschweift, doch der Personenkult,
den die katholische Kirche mit ihren Päpsten, Heiligen und
Kirchenlehrern betreibt, steht einzigartig unter den Religionen
dieser Welt da und verdient einfach eine Erwähnung!
Kehren wir nun zur Liste der verschiedenen Auslegungen von
Bibelstellen zurück, die sich noch beliebig fortsetzen ließe,
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denn schließlich ist die ganze Bibel von vorn bis hinten widersprüchlich. Aus diesem Grunde kann man unbegrenzt viele
unterschiedliche Interpretationsmuster entwerfen, wie welche
Bibelstellen zu werten und zu verstehen sind – und
entsprechend zahlreich sind auch die christlichen Kirchen.
Neben den in diesem Buch näher betrachteten Kirchen der
Mormonen (= der Heiligen der letzten Tage) und der Zeugen
Jehovas, die wegen ihrer eifrigen Mission hierzulande am
populärsten sind, gibt es auch noch die Altkatholischen, NeuApostolischen, Adventisten und mehrere 100 Freikirchen oder
evangelikale Gemeinden, die in kleinerem Maßstabe für sich
ebenfalls oft die Werbetrommel rühren und sich in schnell
erfassbarer Abgrenzung zur Katholischen Kirche als besonders
bibeltreu gebärden.
So gibt es zum Beispiel evangelikale Gemeinden, die sogar
diesen Willen des Paulus wörtlich nehmen (1. Korinther 11,3)
Ich will aber, dass Ihr wisst, dass Christus jedes Mannes Haupt
ist, der Mann aber das Haupt der Frau, Gott aber das Haupt
Christi. Ein jeglicher Mann, der betet oder weissagt und etwas
auf dem Haupte hat, schändet sein Haupt. Jede Frau aber,
welche ohne Kopftuch betet und weissagt, schändet ihr Haupt; es
ist genau das gleiche, als ob sie geschoren wäre! Und wenn ein
Weib kein Kopftuch tragen will, soll sie geschoren werden!
In solchen radikalen evangelikalen Gemeinden müssen Frauen
Kopftücher tragen wegen Paulus, der sein Verhüllungsgebot
bereits 600 Jahre vor Mohammed formuliert hatte!
Prinzipiell ist zur Bezeichnung „Evangelische“ Kirche oder
„Evangelikale“ Gemeinden, zu sagen, dass es sich hierbei um
einen Etikettenschwindel handelt:
Luther hat seine Reformation nicht auf die Evangelien, sondern
auf den Römerbrief des Paulus gestützt und die evangelikalen
Gemeinden sind nahezu durch die Bank paulushörig. Man kann
wochenlang Gottesdienste evangelikaler Gemeinden besuchen,
ohne dass man auf ein einziges Jesuszitat stößt, sondern nur auf
Zitate aus den Episteln (Briefen) des Paulus. Im Grunde haben
wir hier keine „evangelischen oder evangelikalen Christen“ vor
uns, sondern „epistulare Paulisten“.
Wenn man diese ganzen christlichen Gruppierungen unvoreingenommen betrachtet, entpuppt sich die Theologie als nichts
anderes als der Versuch, ein in sich schlüssiges Interpretationsmuster in der Bibel zu finden. Hat man dieses Interpretationsmuster gefunden, ist noch die Unterordnung unter eine irdische
Autorität (Pfarrer, Pastor, Bischof, Ältester…), die für sich den
Anspruch auf Macht und Gehorsam erhebt, wesentlich.
In der Abgeschlossenheit solcher Gruppen von Gleichgesinnten
ist aufgrund der genauen Vorgabe der geistigen Richtung durch
ihre Führer meist eine echte Freigeistigkeit oder ein Leben in
wirklicher Selbstverantwortung nicht mehr möglich.
Dass das tatsächlich so ist, sieht man am besten daran, wie man
mit der stets verbleibenden Lücke in der theologischen Logik
umgeht. Die Bibel ist nämlich so widersprüchlich, dass auch
bei der ausgeklügeltsten Theologie und bei der besten Bibelfestigkeit stets einiges Ungeklärte übrig bleibt. Als äußerst
dehnbare Variable für sämtliche Fragen und Widersprüche, die
sich nicht so leicht lösen oder beantworten lassen, wird im
Normalfall die für die Menschen im Letzten nicht begreifbare
Weisheit Gottes eingesetzt: Was man jetzt nicht versteht, wird
einem schon noch irgendwann klar werden, man muss nur treu
bleiben und darf den Weg, den man einmal eingeschlagen hat,
auf keinen Fall verlassen.
Allerdings kann es gerade bei den Mormonen und den Zeugen
Jehovas leicht vorkommen, dass sie aufgrund ihrer offensiven
Mission auf Leute treffen, welche sich sehr wohl in der Bibel
auskennen und die auch eloquent genug sind, den vor ihnen
stehenden Missionaren anhand der Bibel die Schwachstellen
ihrer Religion nachvollziehbar darzulegen.
Wie begegnen diese Gruppen dieser großen Gefahr?
Die Logik, der sich die Führung von Wachturmgesellschaft &
Co. nun bedienen, hat – im wahrsten Sinne des Wortes – etwas
Diabolisches:
Man macht seinem Fußvolk weis, dass der Teufel sich vielerlei
Listen ausdenkt, mit denen er die wahren Christen irre machen
will; und die schlimmste List, derer sich der Teufel bedient, ist
die, dass er sogar die Bibel benutzt, um den wahren Christen
nachzuweisen, dass ihr Glaube falsch ist! Gerade in diesem
70
Fall, wenn einem durch die Bibel nachgewiesen wird, dass man
falsch liegt, darf man das um Gottes willen niemals verinnerlichen, sondern muss erst recht unbeirrbar an seinem bisherigen
Glauben festhalten!
Diabolisch ist an dieser Argumentation zweierlei;
Erstens versuchen Mormonen, Zeugen Jehovas und andere
genau das, was sie bei anderen als teuflisch brandmarken,
selber: Ihre Gesprächspartner, die ihren eigenen Glauben für
richtig halten, anhand der Bibel vom Gegenteil zu überzeugen.
Und zweitens wird mit dieser Argumentation jede individuelle
geistige Weiterentwicklung des einzelnen Mitglieds verhindert
und alle bleiben auf das als das „Wort Gottes“ fixiert, was die
Zentralstelle vorgibt!
Tatsächlich handelt es sich hier um ein im paulinischen Sinne
„sich selbst immunisierendes System“, gegen das es im Grunde
keine Gegen-Argumentation gibt.
Dennoch muss man den einfachen Zeugen Jehovas, Mormonen
etc., wenn sie da immer wieder vor der Türe stehen, dieselbige
nicht vor der Nase zuschlagen oder man braucht sie auch nicht
verhöhnen. Sie haben sich von Leuten, die ihnen geistig überlegen sind, irreleiten lassen, das passiert uns allen einmal! Sie
selbst handeln in bester Absicht und brauchen im Grund unsere
Hilfe, um vom falschen Weg zurückzufinden. Sie haben als
einzige Chance nur, dass man ihnen den nötigen Respekt zollt.
Am besten ist, man weist sie bei ihrem Kontaktversuch freundlich auf diesen unüberwindlichen Mangel ihrer Religion hin:
Bei ihnen steht wie sonst auch überall der Glauben an Jesu
Erlösungstod im Zentrum, und das ist auch ihre Schwachstelle:
Sie alle wurden erst im 19. oder 20. Jahrhundert gegründet!
Es bedeutet nichts anderes, als dass die Welt auf Jesus gewartet
hat und nicht auf die Wachturmgesellschaft oder Herrn Joseph
Smith (den Gründer der Mormonen). Nicht Herr Joseph Smith
oder die Wachturmgesellschaft haben die Welt erlöst, sondern
das hat Jesus schon vor 2000 Jahren getan. Deshalb war es den
Menschen auch in den Jahrhunderten davor, die zwischen Jesu
Tod und der Gründung jener Kirchen lagen, möglich, Gottes
Willen zu erkennen und entsprechend zu leben. Dazu brauchte
man das Bekenntnis zu den Mormonen oder den Zeugen nie –
und dazu braucht man es auch heute nicht.
Aufgrund dieser einfachen und unleugbaren Tatsache, dass
man Gott auch außerhalb dieser Gemeinschaften finden kann,
kann man ohne weiteres mit all diesen Predigern an seiner Türe
sprechen. Es muss nur klar sein, dass es eine Prämisse gibt; Sie
müssen einem nur zugestehen, dass man selbst genau wie sie
Gottes Willen erkennen kann und man trotz eines Glaubens,
der von dem ihren abweicht, ein echter Christ sein kann.
Meist billigen dies die Zeugen oder Mormonen einem beim
Erstkontakt auch zu, wenn auch nur, um das Gesicht zu wahren
oder in der Hoffnung, dass sie, wenn sie erst einmal den Fuß in
der Tür haben, ihr Gegenüber schon noch bekehren werden.
Doch auf der anderen Seite hat man nun selbst für zwei bis drei
Gespräche die Gelegenheit, seine fehlgeleiteten Missionare zu
überzeugen, dass der einzige Weg ins Paradies nicht darin
besteht, dass man praktisch seine ganze Freizeit dem Bibelstudium und der paarweisen Haustürmission opfert – das zum
Beispiel glauben nämlich die Zeugen Jehovas –, sondern dass
es mindestens ebenso in Jesu Sinn ist, in seiner Freizeit Kranke
zu besuchen, sich um Gefangene zu kümmern und sonst Gutes
zu tun. Ein Engagement bei Amnestie International, den SOSKinderdörfern, in der Jugendarbeit oder ehrenamtlich in der
Altenbetreuung und im Krankenhaus ist ganz genau so Gottes
Wille. Und das ist auch ganz leicht aus der Bibel belegbar –
zum Beispiel der Vergleich mit den Schafen und Böcken aus
Matthäus 26,28, wo Jesus die tätige Nächstenliebe sogar als die
alleinige Voraussetzung für das Paradies darstellt.
So simpel diese Argumentation klingt, für die Prediger an der
Haustür ist sie ungewohnt, da sie – nach einer unverfänglichen
Einleitung – Gespräche in ihrem Sinne zu lenken gelernt haben
und dabei als elementare Voraussetzung davon ausgehen, dass
ihr Gegenüber ein bedauernswerter und verlorener Sünder ist,
während sie selbst die wahren Ausgewählten Gottes sind. Das
ist natürlich extremer Hochmut – und es ist im Übrigen genau
dieser Hochmut, der die Mormonen und die Zeugen die vielen
Verspottungen mühelos ertragen und sie anschließend in ihrem
Glauben umso gefestigter an die nächste Tür klopfen lässt.
71
Wenn man diesen Hochmut durchbricht und sie zwingt, einen
als gleichwertig anzusehen und das zwei, drei Gesprächsrunden
lang durchsteht, dann werden sie einen für eine neue Unterart
von Teufel halten und oft bald wieder von einem ablassen.
Wenigstens aber bestand dabei die Chance, dass vielleicht doch
der eine oder andere nach- und schließlich sogar umdenkt, auch
wenn die Chance natürlich nur klein ist. Doch je weniger Leute
von Haus zu Haus gehen, um die Theologie des Paulus zu verkünden – egal ob diese Theologie im Gewand der Wachturmgesellschaft oder sonst einer „christlichen“ Gemeinschaft
daherkommt – umso besser, und am besten ist es natürlich,
wenn möglichst viele Menschen Gutes im Sinne Jesu tun. Laut
Jesus hat Gutes Tun nämlich eine beispielgebende Wirkung
und veranlasst andere dazu, ebenfalls Gutes zu tun:
oder die Erkenntnisfähigkeit der Menschen, die in dieser Hinsicht zwar rasch reagieren, aber das Gefühlte und das Erkannte
auch genauso rasch wieder vergessen. Wenn überhaupt, dann
können Predigten, genau wie Reden in der Politik, am ehesten
dann einen nachhaltigen Erfolg erzielen, wenn sie die Massen
in ihren niederen Instinkten ansprechen, und das ist so ziemlich
genau das Gegenteil von dem, was Jesus wollte, nämlich die
individuelle Bereitschaft, sich für das Gute einzusetzen. Ein
Kollektiv von Menschen ist sehr viel weniger dazu bereit sich
zum Guten bewegen als sich zum Bösen verleiten zu lassen,
siehe als Beispiel dazu unsere eigene jüngste Vergangenheit
oder die Predigten des Bernhard von Clairvaux.
Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berge liegt,
kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch kein Licht an
und stellt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so
leuchtet es allen im Hause. Also lasst Euer Licht leuchten vor den
Leuten, dass sie Eure guten Werke sehen und Euren Vater im
Himmel preisen. (Matthäus 5, 14)
Gute Werke verbessern also die Welt wirklich – im Gegensatz
zur Mission von Haus zu Haus, die schon zu Jesu Zeiten nichts
brachte! Schließlich wurde der bei Matthäus bei Markus und
bei Lukas beschriebene Auftrag an die Jünger, zwecks Mission
von Haus zu Haus zu gehen, von Jesus nicht wiederholt. Wenn
wir das Neue Testament unvoreingenommen betrachten, so
erkennen wir dieses: Weder die Predigten der Propheten noch
die von Johannes und auch nicht die Predigten des Jesus haben
nachhaltig etwas Positives bewirkt. Die Menschen sind Jesus
nachgelaufen, er war für sie eine Sensation und sie wollten von
ihm einen Vorteil. Tatsächlich nachgeahmt wurde Jesu Lehre
von den Juden in Jerusalem erst, nachdem als eine genügend
große Gruppe sich entschloss, diese Botschaft vor aller Augen
auch zu leben. Und die Urgemeinde wuchs von Jerusalem aus
und nicht von Galiläa aus, wo Jesus viel länger gelehrt hatte!
Das Beispiel der guten Tat bewirkt mehr als jede noch so gute
Predigt. Die Predigt richtet sich vor allem an die Emotionen
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32. Unbegrenzt zum Zweiten
Nachdem wir uns bisher mit den kleineren religiösen Gruppen
beschäftigt haben, sollten wir uns nun der mit Abstand größten
religiösen Gruppe der Welt widmen, der Katholischen Kirche!
Den Mangel der späten Gründung kennt sie genauso wenig wie
die anderen aus ihr hervorgegangenen großen Kirchen:
Die koptische Kirche (Abspaltung 451), die orthodoxe Kirche
(Abspaltung 1054), die evangelische Kirche (Abspaltung 1522)
und die anglikanische Kirche (Abspaltung 1529). Sie alle
können als aus der Urchristenheit hervorgegangen betrachten.
Trotz der erheblichen Abspaltungen bleiben der Katholischen
Glaubensgemeinschaft mit 1,18 Milliarden mehr Mitglieder als
allen anderen zusammen, die insgesamt nur auf 1,08 Milliarden
kommen. Dabei wächst die Katholische Kirche aufgrund der
Bevölkerungszunahme in der 3. Welt ungebrochen weiter.
Auch bei der Legitimation als der einzig wahren Kirche kennt
die Katholische Kirche bekanntlich kein Problem und gründet
sich einerseits auf die Aussage Jesu „Du bist Petrus, der Fels,
und auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen“ und dann auf
ihr eigene geschichtliche Erkenntnis, wonach Petrus der erste
Papst von Rom gewesen sei, und das womöglich schon von 33
bis 67 n. Chr.. Allerdings wird diese Behauptung von kaum
einem Gelehrten außerhalb der katholischen Kirche geteilt.
Sodann wurde die Katholische Kirche schon bald die größte
intellektuelle Macht auf Erden, das ganze Mittelalter hindurch
war sogar fast das gesamte geistige Potential der europäischen
Bevölkerung in der Katholischen Kirche gebunden und wurde
für die katholische Theologie eingespannt. Angesichts einer so
geballten Ladung an Intelligenz darf man zu Recht hoffen, dass
eine wirklich gescheite Theologie dabei herausgekommen ist.
Zudem stellt die katholische Theologie als typisch paulinische
Theologie die Richtigkeit des Denkens über die Richtigkeit des
Tuns und sollte sich schon deshalb mit ihren theologischen
Aussagen besondere Mühe geben.
Was wir bisher von der katholischen Theologie wissen, dämpft
diese Hoffnung allerdings stark:
Kristallisationspunkt des katholischen Interpretationsmusters
ist nämlich bis heute die Hauptaussage von Paulus geblieben,
wonach durch den einen Menschen Adam der Tod für alle die
anderen Menschen in die Welt gebracht wurde. Jesus als Gottes
einziger Sohn konnte diesen Tod nur durch seinen eigenen Tod
am Kreuz egalisieren. Doch ist man nur dann vom Tod erlöst,
wenn man auch glaubt, dass Jesus wegen der Sünden, die man
selber begangen hat, am Kreuz gestorben ist, sonst leider nicht.
Immerhin gibt Paulus zu, dass seine Predigt Schwachsinn ist,
wobei er jedoch seinen Anhängern einredet, dass gerade diese
offensichtliche Tatsache des Schwachsinns das sichere Zeichen
dafür ist, dass seine Lehre direkt von Gott stammt.
Denn die Botschaft vom Kreuz ist für die ein Schwachsinn, die
verloren gehen; uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine
Gotteskraft, denn es steht geschrieben: „Ich will die Weisheit der
Weisen zugrunde richten, und die Intelligenz der Intellektuellen
will ich verwerfen.“ Wo ist der Weise, wo der Schriftgelehrte, wo
der Disputiergeist dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit
dieser Welt als schwachsinnig hingestellt? Denn weil die Welt
durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, hielt
es Gott für gut, durch den Schwachsinn der Predigt diejenigen zu
retten, die glauben. Während nämlich die Juden Zeichen fordern
und die Griechen Weisheit suchen, predigen wir den gekreuzigten
Jesus, für die Juden ein Ärger und für die Welt ein Schwachsinn.
(1. Korinther 1,18)
Wir können an dieser Stelle nicht die katholische Theologie in
ihrer Gesamtheit behandeln, sie ist – siehe die vielen Gehirne,
die sie ausgearbeitet haben – außerordentlich kompliziert. Aber
ihre wesentlichen Aussagen können wir stellvertretend herausgreifen und sie im Wesentlichen darstellen:
Eines davon ist die Logostheorie des Johannes, die besagt, dass
Jesus als Sohn Gottes schon von Anbeginn aller Zeit als Geistwesen an der Seite seines Vaters existierte. Als dann – aus
welchem Grunde auch immer – der Vater wollte, dass die Welt
entsteht, fing er zu sprechen an. Jesus war dann plötzlich dieses
Wort des Vaters und als dieses erbaute er dann die ganze Welt
– allerdings mit zwei wichtigen Ausnahmen: Das Paradies und
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der dazugehörige Mensch blieben Chefsache und wurden von
Gott mit eigenen Händen erschaffen.
Nachdem der Mensch sich als zu schwach erwiesen und einen
Apfel gegessen hatte, den er nicht hätte essen sollen, reagiert
Jesu Vater über und lässt nicht nur den Tod über die Menschen
kommen, sondern vertreibt sie aus dem Paradies und verflucht
auch noch den Ackerboden sowie das Kinderkriegen. Freilich,
und das wäre eine ganz normale menschliche Reaktion, tat Gott
seine Überreaktion bald leid, und weil er die Menschen so über
die Maßen liebte und weil er so allmächtig ist, nimmt er seine
einzige Möglichkeit der Wiedergutmachung wahr und schickt
seinen eingeborenen Sohn zur Erde, damit der dort möglichst
grausam zu Tode kommt… Spätestens an dieser Stelle geht die
Logostheorie des Johannes in die Tod-für-Tod-Theologie des
Paulus über und bildet ein schlüssiges Ganzes.
Allerdings fehlt bis jetzt noch jede katholische Eigenleistung,
man hat hier schließlich nur zwei bereits vorhandene Gedanken
zusammengefügt. Doch diese Eigenleistungen kommen noch!
Fronleichnam zum Beispiel ist eine nur von den katholischen
Theologen erbrachte intellektuelle Glanzleistung:
Nach offizieller katholischer Version geht die Anregung zu
diesem Fest auf eine Vision der heiligen Augustiner-Chorfrau
Juliana von Lüttich im Jahre 1209 zurück. Die Legende erzählt,
sie habe in einem Traum den Mond gesehen, der an einer Stelle
verdunkelt war. Christus habe ihr erklärt, dass der Mond das
Kirchenjahr bedeute und der dunkle Fleck das Fehlen eines
großen Festes. Dieser Traum sagte aber nicht, um welches Fest
es sich handelte und wann im Kirchenjahr es stattfinden sollte.
Der tatsächliche Grund für Fronleichnam ist aber ein anderer:
Das 4. Laterankonzil hatte im Jahre 1215 die Wandlung der
„eucharistischen Gestalten“ – das sind Brot und Wein – mittels
der „Transsubstantiationslehre“ präzisiert und zum Dogma,
also zur Lehrmeinung mit unumstößlichem Wahrheitsanspruch
erhoben. Das bedeutet, dass nach Auffassung der katholischen
Kirche im Gottesdienst die Gegenwart Jesu durch Brot und
Wein nicht nur symbolisiert wird, sondern dass Jesus nach der
Wandlung mit seinem eigenen Leib im jeweiligen Gotteshaus
persönlich anwesend ist. Wein und Brot sind nun wirklich Jesu
Fleisch und Blut – ein Dogma, das alle anderen christlichen
Kirchen als Unfug empfinden und das nirgendwo außerhalb der
katholischen Kirche akzeptiert ist. Auch damals im Mittelalter
entwickelten die Menschen eine immer größer werdende Scheu
zur Kommunion zu gehen und den anwesenden Jesus zu essen.
Um die Transsubstantiationslehre bzw. das Geschehen der
Wandlung den Katholiken im wahrsten Sinne des Wortes
„schmackhaft“ zu machen, verband man den Traum Julianas,
der die Forderung Jesu nach einem weiteren Fest enthielt, mit
einem neu geschaffenen Volksfest, dem man den Namen
„Fronleichnam“ gab. Fronleichnam heißt eigentlich nur „des
Herren Leib“, in der Liturgie nennt man es das „Hochfest des
Leibes und Blutes Christi“.
Gefeiert wurde Fronleichnam erstmals 1246 im Bistum Lüttich,
1264 wurde es von Papst Urban IV durch die Bulle Transiturus
de hoc mundo (zu Deutsch: „Ehe Jesus diese Welt verlassen
wollte…“) zum Fest der Gesamtkirche erhoben. In ihr heißt es:
„Wir haben es daher, um den wahren Glauben zu
stärken und zu erhöhen, für recht und billig gehalten,
zu verordnen, dass außer dem täglichen Andenken,
das die Kirche diesem heiligen Sakrament bezeigt, alle
Jahre auf einen gewissen Tag noch ein besonderes
Fest, nämlich auf den 5. Wochentag nach der
Pfingstoktav, gefeiert werde, an welchem Tag das
fromme Volk sich beeifern wird, in großer Menge in
unsere Kirchen zu eilen, wo von den Geistlichen und
Laien voll heiliger Freude Lobgesänge erschallen….
Und da Wir die Gläubigen auch durch geistliche
Gaben zur Feier und Verehrung dieses Festes aneifern
wollen, bewilligen Wir jeglichem, der wahrhaftig
reumütig beichtend an diesem Tage dem
Frühgottesdienst oder der Messe oder der Vesper
beiwohnt, hundert Tage Ablass; jeglichem, der der
Prim, Terz, Sext, Non und Komplet beiwohnt, 40
Tage für jede dieser Stunden. Überdies erlassen Wir
allen, die während der Oktave dem Frühgottesdienst,
der Vesper und Messe beiwohnen, gestützt auf die
74
barmherzige Allmacht Gottes und im Vertrauen auf
die Autorität der heiligen Apostel Petrus und Paulus,
jedes Mal 100 Tage von den Strafen, die sie zu
verbüßen haben.“ (Urban IV, Papst, 11.8.1264)
Damit sind wir bei einer neuen Frucht katholisch-theologischer
Gedankenarbeit angelangt: Der Ablasslehre!
Nach katholischer Erkenntnis sind zwar alle Kirchenmitglieder
durch Jesu Kreuzestod prinzipiell von aller Sünde erlöst und
zusätzlich bekommen sie noch nach der Beichte ihre Sünden
vergeben, doch Vergebung und Erlösung schützen nicht vor
Strafe! Diese hat man nach seinem Tod im Fegefeuer auf jeden
Fall trotzdem abzusitzen, oder vielleicht besser: abzuschwitzen.
Klar, dass die Aussichten auf das Fegefeuer unangenehm sind,
gerade für Kleriker, die sich ihrer Sünden ja besser bewusst
sind als andere.
Da war guter Rat teuer, im wahrsten Sinne des Wortes; und die
Katholische Kirche – raffiniert wie sie nun einmal ist – kreierte
einen Gnadenschatz, den Jesus und die Heiligen durch ihre
Verdienste angehäuft haben sollen.
Dieser Gnadenschatz ist unermesslich groß und die katholische
Kirche darf ihn ganz nach ihrem eigenen Ermessen verwalten
und austeilen, und ganz am Anfang durfte man ihn sogar gegen
Geld verkaufen! Paradiesische Verhältnisse für die Kirche…!
In einem Ablass gibt die Katholische Kirche nun einem Sünder
aus ihrem Gnadenschatz das, was ihm fehlt, damit dieser vor
Gott wieder gerecht dasteht – und das ist nach der Erlösung
und der Vergebung der Sünden jetzt endlich auch die Erlassung
der Strafe für die Sünden!
Zum Gewinn eines Ablasses ist ein frommes Werk nötig (nicht
zu verwechseln mit einem guten Werk), also Wallfahrten und
Kirchen- oder Friedhofsbesuche. Zusätzlich noch die Beichte,
die Kommunion und ein Gebet „in der Meinung des Papstes“
(ein Blanko-Gebet, in dem der Papst das Anliegen bestimmt).
Auch kommen für Ablässe nur getaufte Katholiken in Frage.
Man kann einen Ablass aber nicht nur für sich selbst gewinnen,
sondern auch für das Seelenheil Toter. Im Ablassbrief wird der
Ablass von der zuständigen kirchlichen Behörde bestätigt.
Im 15. und 16. Jahrhundert erhöhte die Kirche ihre Einnahmen
durch den Ablasshandel gewaltig und finanzierte mit ihnen den
Petersdom. Dieser Auswuchs war dann auch der direkte Anlass
für das Aufbegehren Luthers und die Reformation.
Den Ablasshandel gegen Geld stellte man dann bald ein, sonst
aber änderte sich nichts und bis Ende des Jahres 1966 bemaß
man die durch den Ablass bewirkte Verkürzung der Schmorzeit
im Fegefeuer noch in Tagen und Jahren. Die heutzutage gültige
Definition (Codex Iuris Canonici von 1983, Canon 992) lautet:
„Ablass ist der Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden,
deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend
disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der
Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der
Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet.“
Übrigens ist eine gewisse Inflation des Ablasses, vor allem des
vollkommenen Ablasses zu beobachten: Gab es vollkommene
Ablässe bis vor wenigen Jahren nur bei seltenen Gelegenheiten
wie den heiligen Jahren der Kirche (alle 25 Jahre), so gab es sie
seit neuestem auch schon beim Weltjugendtag in Köln (2005)
und bei der 150-Jahr-Feier in Lourdes (2008). Sogar wenn man
– natürlich „in entsprechender Disposition“ – den Papstsegen
„urbi et orbi“ über die Massenmedien oder per Internet erhält,
ist der Empfang eines vollkommenen Ablasses gegeben.
Doch was ist so ein Ablass wirklich? Stellen Sie sich bitte vor,
jemand hat einen Fehler Ihnen gegenüber begangen und kommt
nun zu Ihnen und bittet Sie dafür um Entschuldigung. Sie sind
gnädig gestimmt und antworten: „Ja, ich vergebe Dir – aber
bestrafen werde ich Dich trotzdem!“
Ist so etwas vielleicht Vergebung? – Sicher nicht! Doch genau
so läuft der Ablass ab:
Dass man für die Sünden, die Gott einem vergeben hat und von
denen man noch dazu durch Jesus erlöst ist, trotzdem eine von
Gott selbst verordnete langjährige Strafe im Fegefeuer absitzen
muss, ist an sich schon der blanke Unsinn. Und dass man dem
von Gott verordneten Fegefeuer nur entgehen kann, wenn man
75
sich mit der Katholischen Kirche arrangiert, die Gutscheine –
oder wie soll man diese Ablassbriefe sonst nennen? – ausstellt,
die die Strafe Gottes verkürzen, erst recht!
Aber das ist noch nicht unbedingt der Höhepunkt des Unsinns
der katholischen Theologie und entsprechend seiner seelischen
Disposition empfindet jemand, der sich mit dieser Theologie
auseinandersetzt, dieses oder jenes Dogma oder sonst eine
Doktrin als unerträgliche Anmaßung der katholischen Kirche
oder als unüberbietbaren Schwachsinn.
Ganz hoch im Kurs als Anwärter auf den 1. Platz hinsichtlich
der Skurrilität katholischer Dogmatik stehen auf jeden Fall die
Heiligen: Es gibt eine schier unübersehbare Anzahl von ihnen,
selbst die katholische Kirche kennt nicht jeden Einzelnen und
schätzt sie auf gut 13 000. Das hat seinen Grund darin, dass die
Heiligsprechung in der heute gültigen Form theologisch erst im
Jahre 1588 geregelt wurde und man es davor einfach dem Volk
überlassen hatte, wen es als heilig verehrte und wen nicht.
Wenn Menschen heute „heilig gesprochen“ sind, bedeutet das,
dass wir gewiss sein dürfen, dass sie bereits in die Herrlichkeit
Gottes eingegangen sind, also das Fegefeuer schon hinter sich
haben. Von daher muss die Katholische Kirche zwischen der
Seligsprechung (der Anwärterschaft auf einen Platz im Himmel
als Heiliger) und der Heiligsprechung immer eine gewisse Zeit
verstreichen lassen, die so lange ist, wie sie mutmaßt, dass die
betreffende Person von Gott im Fegefeuer gefangen gehalten
und dort vom Teufel geläutert wird. Nach einer erfolgreichen
Zusammenarbeit zwischen Gott und Teufel steht uns nun diese
Person als Fürsprecher im Himmel zur Verfügung. Wir dürfen
die Heiligen bitten, ein gutes Wort für unsere Anliegen bei
Gott einzulegen – etwas, um was wir auch Maria, die Mutter
Gottes, und natürlich auch Jesus selbst bitten dürfen.
Diese ganze Vorstellung vom Fegefeuer und der anschließend
stellvertretenden Bittstellerei vor Gott ist natürlich höchst
anthropomorph: Da sitzt Gott auf seinem himmlischen Thron,
zu seiner Rechten hat Jesus Platz genommen, der Platz seiner
Mutter ist nicht genau festgelegt, ebenso wenig wie der der
Heiligen. Doch sie alle vernehmen im Himmel die Gebete der
Gläubigen mit ihren verschiedensten Anliegen:
„Der Huber-Bauer braucht eine reiche Ernte, damit er seinen
neuen Traktor finanzieren kann.“ „Die Schmidts möchten in
Urlaub fahren und brauchen schönes Wetter.“ „Der Thomas
Maier braucht einen preiswerten Kredit, sonst geht er Pleite.“
„Kannst Du bitte machen, dass meine Tante ihre Operation
übersteht“ „Meinem Sohn ist die Freundin weggelaufen; bitte
helft ihm aus seinem Liebeskummer“…
Nach unserem Gebet dürfen wir nun hoffen, dass die von uns
angerufenen Fürsprecher mit Gott ausdauernd und geschickt
verhandeln und Gott von ihnen gnädig gestimmt wird.
Natürlich erscheint das hier naiv und überspitzt ausgedrückt,
doch wenn wir ehrlich sind, kann die Fürsprache der Heiligen
bei Gott kaum anders aussehen.
Doch das ist noch nicht alles an Anthropomorphismus, welcher
sich in den Heiligen manifestiert: Es gibt da nämlich noch eine
schnelle Eingreiftruppe: Die 14 Nothelfer! Wenn man diese
anfleht, wird einem Gottes Segen besonders rasch zu teil! Wem
also an einem möglichst reibungslosen Lebensablauf gelegen
ist, sollte deren Namen mit den Zuständigkeitsbereichen aus
dem Internet herunterladen, um sie im Notfall sofort griffbereit
zu haben!
Aber Scherz (?) beiseite: Auch bei den Heiligsprechungen ist
inzwischen eine inflationäre Entwicklung zu beobachten:
Während es in den 300 Jahren vor Papst Johannes-Paul II nur
300 Heiligsprechungen gab, machte Papst Johannes-Paul II in
seiner 26-jährigen Amtszeit gleich 482 Tote zu neuen Heiligen.
Papst Benedikt XVI brachte es auf 845.
Und da wir schon bei den Heiligen, die der Papst ganz allein
ernennt, sowie bei Maria, der Mutter Gottes, sind, können wir
auch noch einen Blick auf die Unfehlbarkeit des Papstes und
das Jahr 1950 werfen, in dem der damalige Papst Pius XII.
tatsächlich ganz offiziell von seiner Unfehlbarkeit Gebrauch
gemacht hat.
76
Bei der päpstlichen Unfehlbarkeit geht es um eine relativ neue
theologische Errungenschaft der Katholischen Kirche. Erst am
18. Juli 1870 wurde sie auf dem 1. Vatikanischen Konzil durch
Mehrheitsbeschluss aus der Taufe gehoben. Sie wurde seither
nicht weiter verfeinert und in der Ausgabe des Katechismus der
Katholischen Kirche von 1992 heißt es dazu in Paragraph 889:
„Um die Kirche in der Reinheit des von den Aposteln
überlieferten Glaubens zu erhalten, wollte Christus,
der ja die Wahrheit ist, seine Kirche an seiner eigenen
Unfehlbarkeit teilhaben lassen.“
Der diesbezügliche Glaubenssatz des 1. Vatikanischen Konzils,
der seinerseits ebenfalls unfehlbar ist, lautet (18.7.1870):
„Zur Ehre Gottes, unseres Heilands, zur Erhöhung der
katholischen Religion, zum Heil der christlichen
Völker lehren und erklären wir endgültig als von Gott
geoffenbarten Glaubenssatz, in treuem Anschluss an
die vom Anfang des christlichen Glaubens her
erhaltene Überlieferung, unter Zustimmung des
heiligen Konzils: Wenn der Römische Papst in
höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, das heißt:
wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller
Christen waltend in höchster apostolischer
Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über
Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche
festzuhalten, so besitzt er aufgrund des göttlichen
Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist,
jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine
Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubensund Sittenlehren ausgerüstet haben wollte. Diese
endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes
sind daher aus sich und nicht aufgrund der
Zustimmung der Kirche unabänderlich. Wenn sich
jemand — was Gott verhüte — herausnehmen sollte,
dieser unserer endgültigen Entscheidung zu
widersprechen, so sei er ausgeschlossen.“
Dieses Dogma war damals innerhalb der Kirche umstritten und
führte zur Abspaltung der altkatholischen Kirche, auch löste es
in Deutschland unter Bismarck den Kulturkampf aus. Angesichts dieser massiven Reaktionen verzichteten die Päpste auf
die Anwendung und so verstrichen Jahrzehnte, ohne dass es ein
Papst gewagt hätte, offiziell auf seine Unfehlbarkeit zu pochen.
Anders dann Pius XII, der von 1939 bis 1958 Papst war. Dieser
Papst, der auch den Beinamen der „deutsche“ Papst trug, hatte
in seiner Politik gegenüber Nazideutschland bewusst eine sehr
passive Rolle eingenommen und dazu von Seiten der deutschen
katholischen Kirche den Widerstand gegen Hitler so gut, wie er
konnte, unterdrückt. Der Grund war, dass Pius XII die Stellung
des Papsttums innerhalb der katholischen Kirche noch weiter
absolutistisch ausbauen wollte, als es dies ohnehin schon war.
Und den absoluten Gehorsam der Gläubigen einzufordern ist in
einem Staat, der diktatorisch regiert wird, leichter als in einer
freien, pluralistischen Demokratie – eine richtige Überlegung,
denn offensichtlich gilt: Je mehr Demokratie und Pluralismus,
je mehr die Menschen zur Individualität und zu eigenständigem
Denken erzogen werden, desto mehr verschwindet der Einfluss
der katholischen Kirche.
Jedenfalls – und da sind sich die Historiker einig – wäre Hitlers
Nationalsozialismus, der das Wohl des Gesamten ohne irgendeinen Skrupel über das Wohl des Einzelnen stellte, indem alle
die selbe Denkrichtung und nur die dem Gesamten dienenden
Ziele verfolgen durften, ohne die extrem bremsende Politik von
Papst Pius XII in dieser verheerenden Ausprägung niemals
möglich gewesen.
Was machen nun die Machthaber, sobald sie auf einem Gebiet
versagten?
Richtig: Sie versuchen abzulenken und auf einem anderen
Gebiet zu punkten!
Nachdem sich das Ausmaß des Misserfolgs der päpstlichen
Nazi-Politik abzeichnete und die Mittelmächte am Untergehen
waren, begann Papst Pius XII auf einmal Visionen der Jungfrau
Maria zu entwickeln und bekam in seinen vatikanischen Gärten
immer öfter Marien-Erscheinungen.
77
Diese Rechnung des Papstes ging auf: Die Erscheinungen der
Jungfrau Maria bei Pius XII wurden damals äußerst populär
und verdrängten jegliche Kriegskritik. Und den Höhepunkt der
Ablenkung bildete im Jahre 1950 die erste und bisher einzige
offizielle Unfehlbarkeitserklärung des Papstes!
Die päpstliche Unfehlbarkeit, die bei ihrer Einführung 1870 so
gedacht war, dass bei zersetzenden dogmatischen Streitigkeiten
innerhalb der Kirche der Papst den Streit damit beenden kann,
indem er das letzte Wort sprach, diese Unfehlbarkeit hatte Pius
für seine eigenen Zwecke missbraucht: Es gab damals nach
dem Krieg gar keinen dogmatischen Streit innerhalb der Kirche
und daher auch keinen Handlungsbedarf! Pius XII leitete die
Unfehlbarkeitserklärung ganz allein als Eigeninitiative in die
Wege: Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, als man nach
den dringlichsten Aufräumarbeiten die Zeit zu haben begann,
nach Zusammenhängen und Ursachen zu fragen, richtete er am
1. Mai 1946 in der Enzyklika „Deiparae virginis mariae“ an
seine Bischöfe folgende scheinheilige Anfrage:
„Seid ihr, Ehrwürdige Brüder, vermöge eurer hervorragenden Einsicht und Klugheit der Meinung, dass die
leibliche Aufnahme Marias in den Himmel als Glaubenssatz vorgelegt und definiert werden kann? Und
wünscht ihr dies mit eurem Klerus und eurem Volk?“
Die meisten Bischöfe signalisierten Zustimmung und so erhob
Pius XII am 1. November 1950 die leibliche Aufnahme Marias
in den Himmel wirklich zum Dogma und die diesbezüglich
erlassene Unfehlbarkeitserklärung lautete wie folgt:
„Wir verkünden, erklären und definieren es als einen
von Gott geoffenbarten Glaubenssatz, dass die
makellose Gottesmutter, die allzeit reine Jungfrau
Maria, nach Vollendung ihrer irdischen Lebensbahn
mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit
aufgenommen wurde. …
Wenn daher, was Gott verhüten möge, jemand
vorsätzlich dies, was wir definiert haben, leugnet oder
in Zweifel zieht, so soll er wissen, dass er völlig von
dem göttlichen und allumfassenden Glauben
abgefallen ist.“
Als allererstes darf man, und zwar mit Berufung auf die Bibel,
in Zweifel ziehen, dass Maria „eine allzeit reine Jungfrau“ war,
denn im Matthäusevangelium Kapitel 13,55 heißt es klipp und
klar:
Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine
Mutter Maria und seine Brüder Jakobus, Joses, Simon und
Judas? Und wohnen nicht alle seine Schwestern bei uns?
Maria bekam nach Jesus noch mindestens vier weitere Söhne
und mehrere Töchter – und das als allzeit reine Jungfrau? Als
allererstes hätte sich da Josef schön bedankt, wenn das wahr
gewesen wäre! Jedoch andererseits angenommen, auch die
Geschwister von Jesus wären nicht von Josef gezeugt worden,
sondern ebenfalls vom Heiligen Geist, dann hätten sie alle den
gleichen Stellenwert wie Jesus und dessen Exklusivität als der
„eingeborene Sohn“ Gottes wäre dahin!
Schon diese Unfehlbarkeitserklärung an sich ist ein Anschlag
auf die Vernunft der Katholiken und eine absolute Zumutung
für alle, die zwei und zwei zusammenzählen können. Und am
Schluss der Unfehlbarkeitserklärung – wie soll man es anders
nennen – dann diese dumme Drohung:
Wer das „in Zweifel zieht, soll wissen, dass er völlig von dem
göttlichen und allumfassenden Glauben abgefallen ist.“
Zur Erinnerung:
Das geschah alles erst jetzt im 20. und 21. Jahrhundert! Paulus
wusste schon vor 2000 Jahren sehr genau, dass er mit seiner
Erlösungslehre Schwachsinn verkündete und sprach das auch
offen an, doch die katholischen Theologen tun so, als hätten sie
die Weisheit mit Löffeln gegessen und seien als die einzigen
Menschen der Welt in der Lage, ihren unwissenden Schäflein
zu erklären, wie es um Gott, Jesus und Maria bestellt ist.
78
In ihren wichtigsten Glaubensinhalten zusammengefasst klingt
die katholische Theologie nun wie folgt:
Jesus war zunächst das präexistente Wort Gottes, das später auf
dessen Geheiß hin die Welt erschuf. Gott selbst erschuf nur den
Menschen und das Paradies. Als der Mensch versagte und mit
seinem Apfelbiss zum absolut bösen Sünder wurde, der sich für
immer und ewig von Gott entfernt hatte und es keine Brücke
mehr zwischen Gott und dem Menschen gab, da hatte der
allmächtige Gott keine andere Wahl: Er musste Jesus, seinen
einzigen Sohn, auf die Erde schicken und dort grausamst töten
lassen, damit dadurch seine anderen Kinder gerettet werden.
Jesu irdischer Lebensweg war nicht einfach: Er musste zuerst
im Fötus einer Jungfrau inkarnieren und wuchs anschließend
brav und ohne Laster und Sünden bei irdischen Zieheltern auf.
Als er erwachsen war, erwählte er sich 12 Apostel und zog mit
diesen umher. Er verkündete überall das nahe Himmelreich. Er
musste allerdings einräumen, den Jüngern zu seinen Lebzeiten
noch nicht die volle Wahrheit mitteilen zu können, dafür seien
sie noch nicht reif genug. Doch das würde kurz nach seinem
Weggang der Heilige Geist übernehmen. Danach starb er am
Kreuz den schlimmsten Tod, den je ein Mensch gestorben ist,
denn mit diesem Tod büßte er die Sünden sämtlicher Menschen
auf der ganzen Welt für alle Zeit.
Nachdem er dem Tod erlegen war, stieg Jesus in die Hölle
hinab und besiegte dort den Tod. Dazu brauchte er nur knapp
drei Tage. Daraufhin inkarnierte er erneut, und zwar in seinen
alten Leib. In diesem Leib aß und trank Jesus wieder mit den
Jüngern und kündigte ihnen noch einmal das baldige Kommen
des Heiligen Geistes an. 40 Tage nach der Auferstehung, wie
man die zweite Inkarnation auch nennt, fuhr er mit seinem
alten/neuen Leib in den Himmel auf und sitzt dort seither mit
seinem irdischen Körper zur Rechten Gottes, der allerdings ein
Geistwesen geblieben ist (wie übrigens alle anderen Engel und
Heilige im Himmel auch).
Der heilige Geist kam dann tatsächlich auf die Apostel herab,
jedoch zuerst nur auf die Apostel der ersten Stunde und half die
Anfangsschwierigkeiten zu überwinden. Nach ein paar Jahren
kam der Heilige Geist aber darauf, dass er jemanden vergessen
hatte, nämlich den Pharisäer Paulus! Und wie um seinen Fehler
wieder gut zu machen. erwies er sich nun diesem gegenüber als
ungemein generös und überschüttete ihn förmlich mit seinen
Offenbarungen! Und dieser – ausgerechnet Jesu 13. Apostel –
gab alles treu und ehrlich an die Menschen weiter, was ihm der
Heilige Geist direkt von Gott offenbart hatte:
Dass die Juden für die ganze Welt ein Ärgernis und die Mörder
Gottes sind und – was noch viel wichtiger war – dass die Frau
ihrem Mann untertan sein und in allem genauso gehorchen soll
wie Gott selbst. Ebenfalls gehört zum Offenbarungsschatz des
Paulus, dass alle Regierungen dieser Welt von Gott eingesetzt
sind und ihnen deshalb unbedingter Gehorsam zusteht.
Für den Fall, dass es Menschen gibt, die solches nicht glauben
und der göttlichen Botschaft des Paulus nicht folgen wollen, ist
es selbst für den Verstocktesten noch möglich, dass er in die
Herrlichkeit Gottes eingeht: Die wahren Christen müssen nur
dessen Körper auf möglichst satanische Weise zerstören, dann
wird beim jüngsten Gericht sogar auch dessen Geist noch frei
für Gott!
Was für eine frohe Botschaft und welch ein wunderbarer Gott,
der dafür Sorge trägt, dass die Erlösung und seine Gnade auch
wirklich all seinen Menschenkindern zu teil wird!
Da Jesus nicht mehr hier ist, sondern in seinem eigenen Reich
weilt, das allerdings „nicht von dieser Welt ist“, ist der Papst in
dieser Welt als Stellvertreter Jesu dazu auserkoren, zu richten
und zu herrschen, zu binden und zu lösen. Dabei steht ihm der
Heilige Geist weiterhin offenbarend bei. Im Bewusstsein seiner
Auserwählung vollzog der Papst bisher die göttlichen Aufträge
auch wirklich nach bestem Wissen und Gewissen – und siehe:
Gott war mit dem Papst und seiner Kirche!
Und die Kirche gedieh und verbreitete sich über den gesamten
Erdkreis zum Wohle der Völker und zum Lobpreis des Vaters
und seines Sohnes Jesus Christus, unseres Erlösers.
Als ermutigend für das Wohlergehen der Katholischen Kirche
und das Heil der Völker auf der Erde darf der Umstand gelten,
dass die Theologie bzw. die Offenbarungen durch den Heiligen
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Geist beileibe noch nicht an ihrem Ende angelangt sind. Und so
dürfen wir uns nun aufrichtig mit Jesus und für Jesus freuen:
Jesus, der bereits vor aller Zeit als Geistwesen gemeinsam mit
seinem Vater im Himmel existierte, nach seiner Himmelfahrt
aber der einzige im Himmel war, der noch seinen irdischen
Leib mit sich herumschleppt, ist damit im Himmel nun nicht
mehr allein: Seit dem 1. November 1950 hat er Gesellschaft!
Zwar hat ihm der Papst nicht – was Jesus wahrscheinlich lieber
gewesen wäre – Maria Magdalena leiblich beigesellt, aber über
seine Mutter wird er sich hoffentlich auch etwas gefreut haben!
So und nun sitzen Jesus und seine Mutter mit ihrem physischen
Leib in einem Himmel, den es physisch gar nicht gibt!
Ist die Bibel das Buch der unbegrenzten Möglichkeiten? – Ja,
und sie eröffnet der Katholischen Kirche und ihrer Theologie
sogar die Möglichkeiten des unbegrenzten Schwachsinns und
der unbegrenzten Selbsttäuschung.
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33. Unbegrenzt zum Dritten
Am Schluss der Unfehlbarkeitserklärung von 1950 heißt es:
„Wenn jemand vorsätzlich dies, was wir definiert
haben, leugnet oder in Zweifel zieht, so soll er wissen,
dass er völlig von dem göttlichen und allumfassenden
Glauben abgefallen ist“.
Wie finden Sie diese Papst-Aussage?
Der Papst ist garantiert klug genug, um zu wissen, dass sowohl
seine Unfehlbarkeit an sich als auch diese konkrete Erklärung
nur einen winzigen Teil der gesamten katholischen Theologie
darstellt. Und er weiß auch – man sollte den Papst beiliebe in
dieser Hinsicht nicht unterschätzen –, dass er mit dem Postulat
einer „allzeit reinen Jungfrau Maria“ reinsten logischen Unsinn
produziert, der für jeden mit normalem Verstand ausgestatteten
Menschen eine Herausforderung, oder lateinisch ausgedrückt,
eine Provokation darstellt. Dabei ist diese völlig unnötig:
Jesus kann genauso gut Gottes eingeborener Sohn bleiben und
Maria ebenso gut körperlich in den Himmel auffahren, auch
wenn sie ihre anderen Kinder nicht als „allzeit reine Jungfrau“
zur Welt gebracht hat. Mit diesen weiteren Geburten hat sie
letztendlich nur das für alle Menschen gültige Gebot Gottes
„Seid fruchtbar und mehret Euch!“ erfüllt und dafür hat sie
gewiss keine negativen Konsequenzen zu fürchten.
Warum dann diese völlig überflüssige Provokation mit auch
noch bibelwidrigen Inhalten vom Papst, indem er fordert, dass
die Katholiken neben so vielem anderen auch diesen logischen
Nonsens noch mitglauben müssen?
Genau betrachtet ist die katholische Kirche in ihrem Anspruch
auf die geistige Führung ihrer Anhänger viel schlimmer als die
von ihr wegen sinnloser Glaubensinhalte angefeindeten Sekten.
Erstens sind die katholischen Inhalte wesentlich abstruser und
zweitens ist die Führung der katholischen Kirche absoluter:
Als wichtigster Kritikpunkt ist hier die Kindstaufe zu nennen:
Während die so genannten Sekten mit ihren Erkenntnissen zur
Bibel nur die Erwachsenen ansprechen und in aller Regel auch
die Taufe ihrer eigenen Kinder ablehnen, werden aufgrund der
seit je her bestehenden Kollaboration der katholischen Kirche
mit der staatlichen Macht die als Babys getauften Kinder schon
im Kindergarten und in der Schule mit der katholischen Lehre
konfrontiert und infiltriert.
Und während die katholische Kirche ihre Konkurrenz kritisiert,
weil sie ihre Anhänger dazu bringen will, dass diese kleinere
oder größere Teile ihrer Freizeit oder ihres Vermögens für den
Glauben opfern, ist es das Ziel der katholischen Kirche, dass
möglichst viele ihrer Anhänger völlig Gottes schöner Welt
entsagen, überhaupt keinen Besitz mehr haben und ihre ganze
Lebenszeit und alle ihre Kraft ausnahmslos der katholischen
Kirche zur Verfügung stellen! Und damit ihre Herrschaft über
Geist und Seele vollständig ist, fordert die katholische Kirche
auch noch die zölibatäre Lebensweise, bei der jedem, der sich
auf sie einlässt, keine andere Möglichkeit bleibt, als fortan sein
ganzes restliches Leben lang zumindest in Gedanken weiter zu
sündigen und sich immerfort schuldig und schwach zu fühlen.
(Der Zölibat, auf den in diesem Buch nicht näher eingegangen
wird, ist bekanntlich ja auch ein Meilenstein der katholischen
Theologie und wurde im Jahre 1139 festgelegt.)
Es ist offensichtlich, dass es der Katholischen Kirche vor allem
um Macht geht, genauso wie es ihr schon immer um die Macht
ging: Früher in weltlicher u n d geistiger Hinsicht, heutzutage
nach dem Erfolg der Aufklärung in der westlichen Welt immer
noch in geistiger Hinsicht. Jede Anstrengung in der Mission
und alle tätige Nächstenliebe sind heute wie früher nur diesem
einen Zweck untergeordnet: Der Ausweitung dieser Macht für
alle Zeit und bis an die Grenzen der Erde.
Dass tätige Nächstenliebe in der Vergangenheit dem inhaltlich
korrekten Glauben untergeordnet war, ist von vielen versuchten
Ordensgründungen her bekannt. Waren jemandem in früherer
Zeit der Luxus und Pomp der Kirche und ihre Scheinheiligkeit
zuwider und wollte er aussteigen und einen Orden gründen, der
sich dem Nächsten wirklich widmete, musste er bürokratische
Hürden überwinden, die fast unüberbrückbar waren. Sodann
81
waren die Gründung und ein Beitritt nur dann möglich, wenn
man neben dem Ordensziel mindestens noch folgende Gelübde
auf sich nahm: Armut, Keuschheit und Gehorsam.
Als das eigene selbstverantwortliche Individuum einfach nur
Menschlichkeit zu üben, war damit von vornherein nicht mehr
möglich und offensichtlich auch nicht gewollt. Ein der tätigen
Nächstenliebe gewidmetes Leben im Rahmen der Kirche gab
es nur in schwerer Selbstkasteiung und absoluter Unterordnung
unter eine Hierarchie, an deren Spitze immer der Papst stand.
Auch jede Mission dient in allererster Linie der Ausweitung
des Machtanspruchs der katholischen Kirche. Die meist damit
einhergehende Linderung der Not in den Missionsgebieten und
der Bau von Schulen bilden dabei lediglich das Vehikel, um
die Menschen mit der katholischen Lehre erreichen zu können.
Zusammen mit der täglichen Mahlzeit und zusammen mit dem
Unterrichtsstoff werden dort den Erwachsenen und vor allem
den Kindern die katholischen Moralvorstellungen eingetrichtert
– im durchaus wörtlichen Sinn.
Betrachten wir in dieser Beziehung das sicherlich populärste
Aushängeschild der katholischen Kirche näher: Mutter Teresa.
Bei allem weltweiten Respekt vor ihrem Engagement in den
Slums von Kalkutta gab es auch massive Kritik an ihrer Arbeit:
Viele der ihrem Orden gespendeten Häuser waren ursprünglich
halbwegs gut ausgestattet, doch dann projizierte Mutter Teresa
ihr eigenes Armutsgelübde auf andere und so wurden auf ihren
Befehl hin diese Häuser auf strengste Schlichtheit und Armut
hin umgestaltet. Dabei hätte gerade den Ärmsten der Armen
einmal ein wenig Bequemlichkeit garantiert gut getan!
Das Schlimmste aber war Mutter Teresas Verbot, Kranken und
Sterbenden Schmerzmittel verabreichen zu lassen. Denn genau
in diesen Schmerzen, die liebenden Angehörigen am meisten
zu Herzen gehen und die sämtliche Ärzte der Welt als erstes zu
lindern suchen, um den Gequälten noch einige erträgliche Tage
oder einen friedlichen Tod zu ermöglichen, genau in diesen
Schmerzen sah Mutter Teresa die Chance, den ihr Anvertrauten
die Erfahrung der Nähe Jesu zu ermöglichen! Wohlgemerkt: Es
waren arme Menschen fremder Kulturen, die dadurch die Liebe
Jesu kennen lernen sollten, indem sie in Schmerzen starben!
Und was auch vor dem anthropomorphen Bibelgott sicher nicht
zählt, das war Mutter Teresas gängige Praxis, Sterbende gegen
deren Willen noch schnell katholisch zu taufen.
Die Intention der Mutter Teresa tritt jedenfalls klar zu Tage:
Helfen? Gewiss! Aber, um den katholischen Glauben weiter zu
verbreiten und die Seelen der – meist heidnischen – Sterbenden
für die katholische Vorstellung des Himmels noch dadurch zu
retten, indem man ihren Leib in Schmerzen sterben lässt.
Wer sicher gehen will, dass eine etwaige Spende zur Linderung
der Not in der Welt wirklich den Menschen um der Menschen
willen zugute kommt ohne skurrile Hintergedanken, der sollte
sie den NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) zukommen
lassen. Das sind zum Beispiel „Menschen für Menschen“, die
„SOS-Kinderdörfer“, „Amnestie International“, „Ärzte ohne
Grenzen“… Hier ist ihre Hilfe zielsicherer untergebracht!
Gehen wir in die Vergangenheit zurück und schauen uns die
Dynamik an, die die positive Haltung der katholischen Kirche
gegenüber den Schmerzen anderer in Verbindung mit ihrer
gnadenlosen Intoleranz angenommen hat:
Vor der konstantinischen Wende im Jahre 313 war man selbst
oft unterdrückt worden und hatte genug damit zu tun, sich
gegen den äußeren Feind gemeinsam zu wehren. Aus diesem
Grund hielten sich die innerkonfessionellen Streitigkeiten und
gegenseitigen Morde noch einigermaßen in Grenzen.
Nach 313 jedoch wurde das sofort anders: Im Kampf um die
freiwerdenden Beamtenposten und Bischofssitze massakrierten
sich die Christen sofort zu Zehntausenden selbst! So starben in
den ersten Jahren der Freiheit mehr Christen durch Christenhand als vorher in Jahrhunderten der Unterdrückung Christen
durch Römerhand. Und von Anfang an lebten die Bischöfe im
römischen Reich in einem unvorstellbaren Luxus.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich die habgierigste und
gewalttätigste sowie dem Staat am loyalsten Ergebene unter
den damaligen Glaubensrichtungen durchgesetzt und ließ sich
das Zepter bis heute nie mehr wieder aus der Hand nehmen!
82
Was auf die Säuberung in den eigenen Reihen folgte, waren
grausame Jahrhunderte sowohl für die eigene Bevölkerung wie
für den Rest der eroberbaren Welt:
Die Mission wurde mit staatlicher Unterstützung nun rasch
vorangetrieben und überall, wo das Christentum Fuß fasste,
zerstörte es die vorhandenen Kulturen. Unermessliches bereits
angesammeltes Wissen der Menschheit ging dabei für lange
Zeit verloren. Dabei verlief die Mission in der ersten Zeit noch
einigermaßen zivilisiert: Man setzte sich mit den Heiden auch
intellektuell auseinander und konnte den einen oder anderen
Missionserfolg noch durch Überzeugen erzielen.
Mit der fortschreitenden Skurrilität der katholischen Theologie
gelang das freilich immer weniger und so wurde notgedrungen
bald ausnahmslos mittels roher Gewalt missioniert. Zunächst
die Kreuzzüge und später der ungenierte Sklavenhandel oder
der gleich kontinentweise Genozid im Namen des Kreuzes sind
die konsequenten Auswüchse dieser schrecklichen, parallelen
Entwicklung: Je dümmer eine Argumentation wird, desto mehr
muss man zuschlagen, um sein Gegenüber zu überzeugen. Eine
uns auch noch heutzutage nur allzu bekannte Erscheinung. Und
gleichzeitig mit dieser Entwicklung nach außen ging auch nach
innen eine gleichgerichtete Entwicklung vonstatten:
Um Luxusstreben und Geltungsbedürfnis der Kirchenfürsten zu
befriedigen, war die eigene gläubige Bevölkerung von Anfang
an gehalten, in den Städten große Kirchen und gewaltige Dome
zu erbauen – ein unglaublicher Kraftaufwand für die damalige
Zeit! Wenn wir– egal wo in Europa – von unseren Metropolen
uns nur die Innenstädte betrachten, die im Mittelalter ja die
ganze Stadt ausmachten, stoßen wir auf engstem Raum überall
auf viele, oft riesengroße Kirchen. Die gemalten Ansichten von
Städten im Mittelalter bestätigen das: Mindestens die Hälfte
der gesamten Bausubstanz entfiel auf kirchliche Gebäude!
Ähnliches können wir bei alten Fotografien von Dörfern sehen:
Ein paar Bauernhöfe und mittendrin eine gewaltige Kirche!
Auch da bedeutete der Bau der Kirche leicht die Verdoppelung
der Bausubstanz des ganzen Ortes. Dabei war die Kirche schon
wegen ihrer Höhe und ihres Turms wesentlich aufwändiger zu
bauen als die normalen Häuser. Hinzu kamen die unglaublich
teuren Kunstwerke im Innenraum der Kirchen mit Hauptaltar,
Nebenaltären, Gemälden, Heiligenfiguren, sodann die bunten
Glasfenster, Fresken, reich geschnitzte Beichtstühle, Bänke...
Allein der Umstand, so aufwändige Kirchen in dieser Menge
zu erbauen, bedeutete bereits eine Verdopplung der alltäglichen
Mühen und Lasten der Allgemeinbevölkerung!
Und nach dem Bauen mussten die Gebäude nicht nur erhalten,
sondern die fetten Maden darin auch gefüttert werden! Pfarrer,
Dekane, Bischöfe usw. führten oft ein bequemes Leben und
brachten es in nahezu allen bildlichen Darstellungen aus dieser
Zeit auf ein weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegendes
Körpergewicht.
Doch mit diesen Aufwendungen war es noch lang nicht getan:
Tag für Tag riefen die Geistlichen zur heiligen Messe, und wer
sich dieser unter der Woche noch entziehen konnte, den traf es
spätestens am Sonntag: Anstatt einen Ruhetag einzulegen wie
Gott es selbst angeordnet hatte, bestand die Pflicht, mit leerem
Magen sich vormittags zur Messe zu begeben, was gerade auf
dem Land oft einen erheblichen Aufwand bedeutete, langen
Predigten zuzuhören und nachmittags Andachten beizuwohnen.
Wie schrieb im Jahre 1264 Papst Urban IV bei der Einführung
Fronleichnams? „…bewilligen Wir jeglichem, der wahrhaftig
reumütig beichtend an diesem Tage dem Frühgottesdienst oder
der Messe oder der Vesper beiwohnt, hundert Tage Ablass;
jeglichem, der der Prim, Terz, Sext, Non und Komplet
beiwohnt, 40 Tage für jede dieser Stunden. Überdies erlassen
Wir allen, die während der Oktave dem Frühgottesdienst, der
Vesper und Messe beiwohnen, gestützt auf die barmherzige
Allmacht Gottes und im Vertrauen auf die Autorität der
heiligen Apostel Petrus und Paulus, jedes Mal 100 Tage von
den Bußen, die sie zu verbüßen haben.“
Allein die Präsenz der Kirche mit ihren unverschämt hohen
Ansprüchen für das Wohlergeben ihrer Repräsentanten und
ihrer Forderung nach einem möglichst täglichen und oft sogar
mehrmaligen Kirchgang bedeutete schon eine gewaltige stetige
Mehrbelastung für die Menschen. Dazu gesellt sich noch der
regelmäßige Beichtzwang mit Gewissenserforschung und den
belastenden Folgen eines ständigen schlechten Gewissens. Wir
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können uns das heutzutage in unserer Gott sei Dank nicht mehr
kirchlich dominierten Welt überhaupt nicht vorstellen, was es
in körperlicher, geistiger und seelischer Hinsicht hieß, hilflos
dem Einfluss der Kirche ausgeliefert zu sein! Die furchtbaren
Ängste, die die Menschen im Mittelalter vor allem und jedem
plagten, sind eindeutiger Ausdruck ihrer inneren Haltlosigkeit,
ihrer seelischen Leere und ihrer geistigen Verstümmlung durch
die Katholische Kirche. Gleichzeitig sind sie ein eindeutiger
Rückschritt gegenüber dem menschlichen Entwicklungsstand
1000 Jahre früher in der Antike!
Wenn sich einmal ein hellerer Kopf unter den Buben zeigte,
wurde sofort alles unternommen, dass dieser hoffnungsvolle
Spross der Kirche überantwortet wurde, die aus ihm dann einen
Kleriker machte und durch den Zölibat verhinderte, dass er sein
Erbgut regulär weitergab. Die über Jahrhunderte schleichende
negative Selektion der europäischen Intelligenz ist eine kaum
auffallende, aber dennoch höchst ungünstige Einflussnahme
der Katholischen Kirche auf das von ihr stets so hoch gehaltene
„Wohlergehen der christlichen Völker“.
Doch das ist immer noch nicht alles: Denken wir nur an die
vielen Kriege, die von der Kirche und gegen die Kirche geführt
wurden: Als erstes fallen einem da die Kreuzzüge ein. Doch
die sieben Kreuzzüge waren lediglich punktuelle Ereignisse
und noch harmlos im Vergleich zum kriegerischen Alltag:
Das gesamte Mittelalter war ein einziger blutiger Kampf der
Päpste gegen die Kaiser um die weltliche Macht! Und diese
Kämpfe zogen sich bis weit in die Neuzeit hin: Noch der
dreißigjährige Krieg (1618-1648) war rein theologisch bedingt
und wurde so grausam geführt, dass danach ganze Landstriche
entvölkert waren.
Man sieht, dass die katholische Theologie seit ihrem Erstarken
unter Konstantin über einen Zeitraum von 1300 Jahren hinweg
nichts von ihrer gewalttätigen menschenverachtenden Dynamik
eingebüsst hat, und ihre extreme Brutalität ging mit extremer
Intoleranz einher: Nicht nur gegenüber den Heiden, die wahllos
und kaltblütig dahingemordet wurden, sondern auch gegenüber
der eigenen Bevölkerung:
Auch im eigenen Land wurde keinerlei eigenständiges Denken
geduldet und man behinderte oder unterdrückte sogar sämtliche
Wissenschaften – mit nur zwei Ausnahmen: die Alchemie (die
Wissenschaft Gold zu machen) und die Altphilologie (Studium
der lateinischen und griechischen Sprache). Sogar mit der
Medizin ging es stetig bergab und das kann man am besten an
den großen Pestseuchen sehen: Die Pest gab es natürlich auch
schon in der Antike und auch Pestseuchen, doch wurde man
dieser viel besser und viel schneller Herr als 1000 Jahre später.
Auch in den Ländern des Islam, in denen zu genau derselben
Zeit die Medizin als Wissenschaft unbehindert gedeihen durfte,
waren Pestseuchen nie dermaßen verheerend wie bei uns. Und
alle Naturwissenschaftler waren sowieso von vorneherein von
der Kirche mit dem Tod bedroht.
So ergibt sich für diese Epoche unserer Vergangenheit, die man
auch das „finstere Mittelalter“ nennt, nicht dieses Bild, das wir
gewohnt sind: Nämlich, dass in dieser primitiven, grausamen
Zeit die Katholische Kirche mit ihren ehrbaren Klosterschulen
und kunstvollen Kirchenbauten das letzte Licht der Kultur des
„Christlichen Abendlands“ hochhielt, sondern ein vollkommen
anderes: Die Katholische Kirche hatte all die anderen Lichter
ausgelöscht und nur ihr eigenes rußgeschwärztes blutbesudeltes
Licht brennen lassen!
Und wie verursachend die Katholische Kirche für diese finstere
Zeit war, sieht man an der rein kirchlichen Gesetzgebung: Sie
war niemals geprägt von Vergebung, Mitleid, Barmherzigkeit,
Gnade und anderen christlichen Tugenden, sondern nur von der
ausgesuchtesten Grausamkeit und Menschenverachtung: Die
Todesstrafen, die sich die Theologen des Mittelalters im stillen
Kämmerlein ausgedacht hatten, stellten die Grausamkeiten der
römischen Kreuzigung oft noch in den Schatten!
Dabei ist wie bei allen menschlichen Phänomenen, wie sie trotz
aller Beteuerungen ihrer göttlichen Herkunft natürlich auch die
Theologie darstellt, auch hier eine Entwicklung zu beobachten:
Nicht nur die Inhalte der Theologie entwickelten sich, wie wir
schon gesehen haben, in eine skurrile Richtung weiter, auch ihr
Anspruch auf die absolute Herrschaft über die Seelen und den
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Verstand der Menschen wuchs ins Maßlose, und so unternahm
man zu Beginn der Neuzeit ganz offiziell eine ungeheuerliche
Anstrengung:
Man duldete neben der Theologie nicht nur keine andere eigenständige Wissenschaft mehr, sondern man wollte auch alles
alte, natürliche und intuitive Wissen, welches im Volk noch
lebendig war und das man in der Regel den Frauen zuschrieb,
auslöschen! Dazu griff man die diffuse archaische Angst der
Menschen vor Zauberern, Dämonen und natürlich auch Hexen
auf und kanalisierte sie für seine Zwecke – so geschehen am 5.
Dezember 1484 in der so genannten „Hexenbulle“ des Papstes
Innozenz VIII. In dieser Hexenbulle wurde die Hexenjagd von
päpstlicher Stelle legitimiert und vom Autor des nur kurze Zeit
(1486) später erscheinenden „Hexenhammer“ präzisiert.
Die Folgen waren verheerend und forderten in Europa in den
folgenden 200 Jahren zwischen 40 000 und 60 000 Todesopfer
meist unter den Frauen – Frauen, die aufgrund individueller
Lebenswege, über die dümmsten Banalitäten hinausgehenden
Wissens oder sonstiger auffälliger Merkmale in die Mühlen der
katholischen Justiz geraten waren. Vielleicht klingen 40 000
bis 60 000 auf dem Scheiterhaufen Verbrannte innerhalb von
200 Jahren nicht einmal so furchtbar viel, doch muss man sich
die damals deutlich geringere Bevölkerungsdichte vor Augen
halten: Auf die heutige Zeit bezogen wären es 500 000!
Man braucht hier an dieser Stelle nicht näher auszuführen, mit
welch selbstgerechter Überheblichkeit und wollüstiger Neugier
die Inquisition die völlig entkleideten und an ihrer Scham stets
geschorenen Frauen vor allem über ihre sexuellen Erlebnisse
mit dem Teufel befragte, und dass sie unter der grausamsten
Folter dann das gestanden, was ihre Peiniger hören wollten
(wahrscheinlich ohnehin nur deren eigenen abartigen sexuellen
Fantasien)! Dabei war unter der Regie der katholischen Kirche
die Folter viel grausamer als unter den weltlichen Herren.
Dort hatten die Delinquenten wenigstens reelle Chancen: Nach
einer Stunde Folter musste Pause gemacht werden und wer drei
mal eine Stunde Folter ohne Geständnis überstanden hatte, galt
als unschuldig.
Diese Gnade kannte die katholische Kirche nicht: Wenn man
wegen Hexerei oder Ketzerei angeklagt war, durfte man ohne
Pause solange gefoltert werden, bis man gestand – und das aber
bitte sehr, vollständig! Als vollständig galt ein Geständnis erst
dann, wenn man mindestens noch fünf andere beschuldigte, an
den eigenen Hexereien teilgenommen zu haben. Auf diese
Weise konnte sich die katholische Kirche bequem weitere
Opfer für ihre Scheiterhaufen aussuchen und sich missliebige
Personen gezielt vom Hals schaffen. In manchen Gegenden
ging man jedoch sämtlichen unter der Folter Denunzierten an
Leib und Leben und rottete in solchen Landstrichen tatsächlich
alle Frauen vorübergehend aus.
Erst an dieser Stelle, als die Theologie so brutal und organisiert
auf die tiefsten Schichten unserer menschlichen Kultur zugriff,
formierte sich die Gegenbewegung, die die katholische Kirche
dann endlich langsam zurückdrängen konnte, wenigstens hier
in Europa: Die Aufklärung.
Es dauerte jedoch lange, bis die bis in die kleinsten Strukturen
vom theologischen Gedankengut infiltrierte Bevölkerung sich
soweit aus ihrer den Lebensatem abschnürenden kirchlichen
Umarmung lösen konnte, dass wir heute endlich ungestraft und
frei ein nicht-religiöses Leben führen können. Wir dürfen aber
trotz aller Freude über diese Freiheit und das Ende der kirchlichen Bevormundung eines nicht vergessen: Wir sind nicht die
ganze Welt, und so müssen wir uns nun noch der letzten und
gleichzeitig schlimmsten theologischen Großtat widmen!
Diese fand ausgerechnet im Jahre 1968 statt und kann durchaus
als Gegenreaktion des Kirchenfürsten auf die Lebensfreude der
Flower-Power-Bewegung verstanden werden.
1968 wurde das Verhütungsverbot erlassen! Es wurde in der so
genannten „Pillenenzyklika“ durch Papst Paul VI formuliert
und stellt fest, dass die Enthaltsamkeit die einzige von Gott
erlaubte Verhütungsmethode sei. Wenn Eheleute keine Kinder
mehr wünschen, haben sie sich an den fruchtbaren Tagen der
Frau des Beischlafs zu enthalten – so wunderbar simpel ist die
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Lösung der Katholischen Kirche! Und wenn der Mensch das
nicht schafft, dann deshalb, weil er sündig, schwach und böse
ist.
Das Problem ist aber, dass der von Gott erschaffene Mensch
nicht so einfach gestrickt ist, dass er auf Knopfdruck seine
Sexualität abschalten kann. Tatsächlich gibt es im Menschen
wie in jedem Lebewesen zwei elementare Triebe: Der eine ist
der Selbsterhaltungstrieb, der andere der Arterhaltungstrieb.
Der Selbsterhaltungstrieb manifestiert sich am anschaulichsten
im Essen und Trinken, der Trieb zur Erhaltung der Art am
greifbarsten in der sexuellen Betätigung.
Die Menschen essen und trinken seit jeher viel mehr als es nur
für die Erfüllung des Selbsterhaltungstriebs notwendig ist, denn
Essen und Trinken hatte von Anfang an weit mehr Funktionen:
Essen und Trinken bedeutet auch fröhliches Beisammensein
und friedliches Besprechen ernster Themen. Essen und Trinken
steht für emotionalen Ausgleich und bereitet uns Freude, wenn
das Leben mal sonst keine Freude birgt. Wollten wir das Essen
und Trinken auf die Menge reduzieren, wie sie für die reine
Selbsterhaltung nötig ist, sähe unser Leben traurig aus!
Ebenso steht es mit der Sexualität als Arterhaltungstrieb: Der
Mensch hat nie deshalb seine sexuellen Bedürfnisse ausgelebt,
weil er seine Art erhalten wollte, sondern ganz einfach weil es
schön war, das hat Gott nun mal so eingerichtet. Das dem Sex
vorangehende Flirten, die Verliebtheit, die zärtliche Berührung,
die Beflügelung der Fantasie und das Träumen vom geliebten
Menschen machen das Leben lebenswert. Der Mensch braucht
für sein seelisches Gleichgewicht weit mehr guten Sex als es
für die reine Arterhaltung notwendig ist. Und die Menschen
sind nicht böse, sündig und schwach, nur weil sie immer und
immer wieder Hunger und Durst haben und dann essen und
trinken, und sie sind ebenso wenig böse, sündig und schwach,
weil sie immer und immer wieder Lust bekommen und dann
Sex haben wollen.
Oder in anderen Worten ausgedrückt: Die Menschen sind nicht
sündig, nicht böse und auch nicht schwach, nur weil sie dem
Wunsch des Papstes nach Gehorsam weniger Folge leisten als
ihrem eigenen Verlangen nach sexueller Vereinigung!
Wichtig ist nur, dass beim Essen wie beim Sex dem anderen
kein Unrecht oder Leid zugefügt wird. Und gerade im Hinblick
auf unsere verschwenderischen Essgewohnheiten sündigen wir
alle – ausdrücklich einschließlich des Klerus! – angesichts des
Elends in der Welt bei jeder unserer täglichen Mahlzeiten mehr
als durch einen fallweise geschützten Geschlechtsverkehr.
Der zynische Originaltitel der Pillenenzyklika lautet übrigens
„Humanae Vitae“, was soviel heißt wie „Für das menschliche
Leben“, und sie hat eine interessante Vorgeschichte. Das 2.
Vatikanische Konzil, das 1962 begann und bis 1965 dauerte,
hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Katholische Kirche
volksnäher und für den gemeinen Katholiken verständlicher zu
machen. Genau in dieses Konzil platzte die Pille. Das Konzil
reagierte auf diese Herausforderung mit einer eigenen
Kommission, die die bestmögliche Haltung der Katholischen
Kirche zur Pille eruieren und theologisch begründen sollte. Die
Kommission kam zu dem eindeutigen Ergebnis, es sollte jedem
Menschen selbst überlassen bleiben, ob und wie er verhütet.
Papst Paul VI, dessen absolutistischer Herrschaftsanspruch
weithin bekannt war, war damit überhaupt nicht einverstanden
und berief diesbezüglich eine Bischofskonferenz ein.
Der gute Papst hatte jedoch wieder Pech: Auch seine
Bischofskonferenz kam zu dem Ergebnis, dass die Verhütung
jedem einzelnen freigestellt sein sollte.
Genau das konnte und wollte der Papst aber nun wirklich nicht
dulden: Jeder Einzelne solle selbst entscheiden, was er darf und
was nicht? Wo blieb denn da seine Führungsrolle, die Christus
der Herr dem Petrus und in dessen Nachfolge dem Papst völlig
unmissverständlich übertragen hat: „Was Du auf Erden binden
wirst, soll auch im Himmel gebunden sein?“ (Mt. 17,12) Dem
musste in dieser wichtigen causa auf jeden Fall Rechnung
getragen werden und so band der Papst und gab im Alleingang
seine Pillenenzyklika heraus – und alle katholischen Kardinäle
und Bischöfe, die vorher für die Freigabe waren, ordneten sich
unter! Die Welt reagierte auf diesen Vorgang entsetzt und man
befürchtete durch die nun unvermeidliche Überbevölkerung
Schlimmes:
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Ein Zitat aus der Spiegel-Ausgabe 32/1968:
„Hunderttausende von Jahren hatte es gedauert, bis sich die
Steinzeit-Population zur ersten Bevölkerungsmilliarde – im
Jahre 1850 – vermehrte. Für den zweiten Milliardensprung
waren nur noch 75 Jahre nötig. Heute (Weltbevölkerung: 3,4
Milliarden) ist die Spanne schon auf 15 Jahre geschrumpft.
Und wenn Geburtenkontrolle ausbliebe, würden sich -- so die
demographische Hochrechnung – in 30 Jahren, um das Jahr
2000, sieben Milliarden Menschen auf der Erde drängen!“
Diese Befürchtungen sind leider nur allzu wahr geworden: Die
Erdbevölkerung wächst und wächst und die Probleme, die es
zu bewältigen gibt, wachsen mit ihr! Sie werden schon bald
kaum mehr bewältigbar sein!
Wir sind auf der Erde nun bald 8 Milliarden Bewohner und
man kann sich leicht vorstellen, dass es mit zunehmender
Bevölkerungszahl immer schwerer wird, die Güter der Erde
gerecht zu verteilen, damit alle Menschen das Notwendige zum
Leben haben, und irgendwann geht es gar nicht mehr.
Heutzutage verhungern 15 000 Kinder auf dieser Erde qualvoll
jeden Tag – und 3000 von diesen toten Kindern gehen direkt
auf das Pillenverbot des Papstes zurück! Und ändern kann dies
auch nur der Papst selbst: Kein anderer Mensch auf Erden,
weder der russische noch der amerikanische Präsident hat zum
Beispiel diese Macht, auch nicht die chinesische Regierung
oder die großen Konzerne. Allein der Papst kann das unselige
Pillenverbot aufheben und der Menschheit damit die Lösung
ihrer Probleme enorm erleichtern, wahrscheinlich überhaupt
erst ermöglichen. Am 11. September 2001 hatte Osama bin
Laden 3000 Menschen auf dem Gewissen und gilt in der
westlichen Welt als d i e Inkarnation des Bösen – zu Recht?
Der Papst hat jeden Tag 3000 qualvoll verhungernde Kinder
auf seinem Gewissen und lässt sich als d e r Stellvertreter
Gottes auf Erden und die Inkarnation der Nächstenliebe feiern!
nicht mehr navigierbar sein wird. Wir wissen spätestens seit
den Osterinseln, dass sich die menschliche Gesellschaft, wenn
sie ausweglos überbevölkert ist und die natürlichen Ressourcen
zur Neige gehen, selbst zerfleischt. Warum bringt der Papst die
Menschheit in diese Gefahr, warum lässt er sie sehenden Auges
auf ihre Katastrophe zusteuern?
Die Gründe sind ausnahmslos theologischer Natur und haben
definitiv mit nichts anderem zu tun als mit dem „guten Ruf“
der Katholischen Kirche als der Hüterin des wahren Glaubens
und dem Hort der alleinigen Wahrheit. Auch fürchtet der Papst
um die Zukunft seines Amtes, denn eine direkt von Gott selbst
inspirierte und auf die Ewigkeit ausgelegte Institution wie die
seine kann sich nicht in so kurzen Abständen selbst korrigieren.
Es geht beim näheren Hinsehen um nichts anderes, als um das
Ansehen des Papsttums in der Welt und den Erhalt des Scheins
seiner Heiligkeit! Für diese Eitelkeit und nur dafür opfert der
Papst 3000 Kinder, jeden Tag! Und das weiß er genau!
Und er weiß auch (das ist reine Mathematik), dass wegen des
Pillenverbots schon um ein Vielfaches mehr Menschen sterben
mussten als wegen des Kriegstreibers zum 2. Weltkrieg.
Und er weiß auch, dass er für den Erhalt seines Ansehens und
seiner Macht die Zukunft der Menschheit aufs Spiel setzt.
Kein Mensch hat je geschützt und gestützt durch die Theologie
soviel Leid in der Welt verursacht wie heutzutage der Papst;
und trotz seines klaren Wissens ist er nicht bereit, daran etwas
zu ändern!
So wird die Theologie, allen voran die katholische,
zum grenzenlos Bösen auf unserer Erde!
Der Papst – wir sollten wie wir schon einmal festgestellt haben,
ihn hier nicht unterschätzen – weiß selbst am besten, was für
eine verheerende Wirkung sein Pillenverbot für die Welt hat –
für eine Welt, die aufgrund der Bevölkerungsexplosion bald
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