Buddha goes West

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EINSICHTEN 2009
NEWSLETTER 02
g e i s t e s - u n d k u lt u r w i s s e n s c h a f t e n
M arcus S imon
Buddha goes West
Richard Gere, Tina Turner, Allen Ginsberg, Brad Pitt – sie alle sind vom Buddhismus
fasziniert und geben prominente Beispiele dafür ab, dass die asiatische Religion immer
mehr Einfluss in westlichen Kulturen gewinnt. Gleichzeitig wirkt der Kulturtransfer in
den Westen – und damit in andere Sprachen – auch auf den Buddhismus selbst zurück.
Der Religionswissenschaftler Professor Michael von Brück untersucht seit vielen Jahren die Wechselwirkungen, die beim Aufeinandertreffen von buddhistisch und christlich geprägten Kulturen entstehen. Seine These: Religionen sind nichts Festgefügtes,
sondern unterliegen einem ständigen Wandlungsprozess.
Im Westen wird er gehandelt wie ein Superstar. Wenn er nach Deutschland kommt, stehen die
Politiker sämtlicher Couleur Schlange und die öffentliche Aufmerksamkeit ist ihm gewiss. Immer
lächelnd scheint er everybody’s darling zu sein: der Dalai Lama. Hierzulande wird er insbesondere als unermüdlicher Kämpfer für die friedliche Befreiung Tibets vom Joch der chinesischen Unterdrücker wahrgenommen und gefeiert. Kritische Worte zum Dalai Lama sucht man in deutschen
Medien oft ebenso vergeblich wie eine Auseinandersetzung mit seinen Zielen, die vor allem durch
seine Doppelfunktion als geistliches und weltliches Oberhaupt der Tibeter geprägt sind. Wie naiv
die öffentliche Darstellung oftmals ausfällt, zeigte jüngst exemplarisch die Vergabe des Deutschen
Medienpreises 2008 an den Dalai Lama. Chefredakteure wichtiger deutscher Medien votierten für
die Verleihung an ihn, weil seine Botschaft „zu einer Kraft des Guten jenseits kultureller oder religiöser Differenzen in der Weltpolitik“ geworden sei. Der Dalai Lama als über allen Religionen und
Konflikten schwebender gütiger Mahner. Diese einseitige und gelegentlich auch verzerrte Wahrnehmung des hohen Repräsentanten einer speziellen Ausformung des Buddhismus trägt dazu
bei, diese Glaubensrichtung inhaltlich zu entleeren und ihrer Unterscheidung beispielsweise zum
Christentum die Spitze zu nehmen.
Missverständnisse prägen die Begegnung des Christentums mit dem Buddhismus von Anfang an.
„Der Buddhismus galt bis ins 20. Jahrhundert hinein als Kultur der Verneinung, des Nihilismus, als
Rückzug aus der Welt, psychologisch zwar erfahren, politisch aber naiv“, erläutert Professor Michael von Brück, Lehrstuhl für Religionswissenschaft. Die Kritiker – von den christlichen Missionaren
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bis hin zu Hegel, den marxistischen Geschichtstheoretikern und modernen Protagonisten des
Fortschritts – fragten selten danach, wie eine angeblich so weltabgewandte Religion über Jahrtausende kulturprägend wirken, buddhistische Königreiche legitimieren und ein kulturelles Band
schaffen konnte, das ganz Asien eint, „einen Kontinent, der ansonsten von Süden nach Norden,
von Osten bis Westen sprachlich, kulturell, ökonomisch, sozial ganz unterschiedlich, ja gegensätzlich ist.“ Die Religionswissenschaft an der LMU unternimmt es seit über zehn Jahren, hier für größere Klarheit zu sorgen, indem ein differenziertes Bild des Buddhismus und seiner zum Teil sehr
unterschiedlichen Ausformungen gezeichnet wird.
Die erste größere Auseinandersetzung mit dem Buddhismus setzte im 17. und 18. Jahrhundert in
Folge der Kolonialisierung von Teilen Asiens durch europäische Mächte ein. Im Westen wurde der
Buddhismus zunächst als rationale, diesseits-fokussierte Religion wahrgenommen im Gegensatz
zum Wunderglauben des Christentums und seiner jenseitigen Transzendenzverheißungen. „Das
ging bis dahin, dass man den Buddhismus nicht als Religion, sondern als Philosophie zu begreifen
gewohnt war – was auch heute noch nachwirkt“, berichtet Michael von Brück. „Diese Zuschreibung
ist dann in den asiatischen Ländern selbst populär geworden, so dass Apologeten des Buddhismus
gegen das Christentum – und überhaupt gegen das Verdikt, Religion sei etwas Vorwissenschaftliches – den Buddhismus als ein rationales und psychologisches Erkenntnissystem in Stellung
brachten und von dem religiösen Hintergrund überhaupt ablösen wollten.“ Diese Selbstzuschreibung als Spiegelbild westlicher Projektionen hatte ganz konkrete politische Auswirkungen und
wurde als Gegenkonzept instrumentalisiert, um den europäischen Kolonialismus zurückzudrängen, in dessen Windschatten das missionarische Christentum sich ausbreitete. Begegnungen mit
dem Fremden, das zeigt dieses Beispiel, führen häufig zum Wandel in der Wahrnehmung der eigenen kulturellen Maßstäbe.
„ R eligionen sind D iskurse “
„Meine These ist“, so Michael von Brück, „dass Kulturen und Religionen nichts Feststehendes sind,
nichts, was man benennen kann wie ein Objekt in einem beschreibbaren und definierbaren Sinne,
sondern Religionen sind Diskurse.“ Sie sind kulturelle Diskurse, so präzisiert der Religionswissenschaftler, in denen viele Facetten zusammenkommen und sich ökonomische, politische, spirituelle,
künstlerische, literartheoretische oder auch medienspezifische Traditionen kreuzen. Religionen
unterliegen also einem beständigen Wandel. In der Begegnung mit anderen Kulturen können sie
sogar regelrecht neu erfunden werden – so etwa bei der Übersetzung des Buddhismus von Indien
nach China. „Er geht dort nicht nur Verbindungen mit daoistischen und konfuzianischen Ideen
ein, sondern gewinnt in dieser neuen Sprachwelt ganz andere Konnotationen.“ So entwickelte der
Buddhismus viele, auch einander widersprechende oder im Disput befindliche Systeme und Schulen. Die Gedankenbildung ist in den indischen Sprachen eine andere als beispielsweise im Chinesischen, wo Bilder nebeneinander gesetzt werden, vieles in der Metaphorik schwebt und sich
somit auch große Interpretationsspielräume öffnen, betont Michael von Brück. „So ändert sich die
Rhetorik bei der Übersetzung ins Chinesische gegenüber den systematisierenden Darstellungen
wie wir sie im Sanskrit und dem Pali haben, und die jeweiligen Ausformungen des Buddhismus
haben auch Schul und Theorie bildend gewirkt haben.“
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Ähnliches passiert, seit der Buddhismus im 19.
Jahrhundert verstärkt Eingang in die europäische Welt findet. „Nun wird darum gerungen,
wie Begriffszusammenhänge, die aus ihrem kulturellen Kontext gelöst sind, in europäische Sprachen, vor allem ins Englische, übersetzt werden
können, um auszudrücken, was tatsächlich gemeint ist.“ Und damit ist ein wesentlicher Punkt
berührt, denn Weltwahrnehmung ist immer
über Sprache, Sozialisation und jeweiligen kulturellen Hintergrund konditioniert. Michael von
Brück verdeutlicht das Übersetzungsproblem an
dem Wort „Heilung“. In beiden Religionen spielt
diese Metapher eine große Rolle, allerdings jeDer Dalai Lama, hier bei einem Auftritt im Europäischen Parlament,
ist im Westen zu einer Ikone für den Kampf um die friedliche Befrei-
weils unter anderen Vorzeichen. So heilt Buddha
ung Tibets vom Joch Chinas geworden. Eine Auseinandersetzung
im Verständnis des Buddhismus das Verhältnis
mit seinen religiösen Vorstellungen findet eher selten statt.
des Menschen zu sich selbst. Demnach lebt der
Quelle: Gachon
Mensch in einer geistigen Entfremdung, die ihm
Leiden und Frustration verschafft. Das Leiden, so die Annahme des Buddhismus, könne überwunden werden, indem jeder Mensch den Blick auf sich selbst richtet. Dies wird durch eine spezielle
spirituelle Übungspraxis der Meditation möglich. Es geht also um ein Wahrnehmungsverhältnis:
„Nach buddhistischer Vorstellung nimmt sich der Mensch falsch wahr“, erläutert der Religionswissenschaftler. Der Mensch sei demnach nicht ein sich selbst konstituierendes Ich, sondern vielmehr
ein Konstrukt aus Beziehungsgeflechten, eingeübten Interaktionsmustern und Relationen. Jesus
wiederum will primär nicht das Selbstverhältnis, sondern das Gottesverhältnis heilen. Dieses ist
gebrochen seit Anfang an, wie die biblischen Erzählungen um Adam und Eva, Kain und Abel oder
auch über den Turmbau zu Babel verdeutlichen. Jesus predigt nun nach christlicher Anschauung
ein neues Vertrauen zu Gott. „Damit läutet er im Sprach- und Bildhorizont seiner Zeit eine neue Zeit
ein“, erläutert Michael von Brück. „Die buddhistische und die christliche Tradition stellen ihre Vorstellungen vom Heilen in einem jeweils anderen Sprachuniversum dar.“ Diese unterschiedlichen
Bilder, Mythen, Sprachen müssen in Beziehung zueinander gesetzt werden, so sein Anliegen. Nur
so könne Verständnis für die jeweils andere Sichtweise entstehen – Verständnis, das wiederum Voraussetzung dafür ist, Vorurteile und Ressentiments zu überwinden und womöglich voneinander
zu lernen.
Waren die frühen, neuzeitlichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Religionen weitestgehend geprägt durch akademische Diskussionen und religionspolitisches Kalkül, so trat im
20. Jahrhundert ein neuer Aspekt hinzu: Durch die Vermittlung des 1898 in Westfalen geborenen
Jesuiten-Paters Hugo Makibi Enomiya-Lassalle wurde Zen als Übung in zahllosen katholischen
Ordenshäusern in vielen europäischen Ländern eingeführt. Von dort verbreitete sich Zen in evangelische Kreise, an Universitäten und in psychotherapeutischen Praxen. Zen hat seinen Ursprung
im chinesischen Buddhismus. „Darüber hinaus ist Zen aber auch eine Praxis des Geistestrainings,
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die an keine Sprache, keine Religion, keine kulturelle Ausdrucksform gebunden blieb, sondern in
immer neuer Kreativität ein einziges Ziel verfolgt: dem Menschen, der zu allen Zeiten und an allen Orten die gleichen körperlichen und geistigen Potentiale hat, eine Entwicklung derselben zu
ermöglichen, durch die er über sich selbst hinauswachsen kann“, erläutert Michael von Brück. Diese spirituelle Anziehungskraft ist ein Baustein für die Faszination, die bis heute vom Buddhismus
ausgeht. Für Menschen, die von einem naturwissenschaftlichen Weltbild geprägt sind, macht ein
anderer Aspekt die östliche Religion als Alternative zum Christentum oftmals interessanter. Sie
nehmen den Buddhismus als ein philosophisches, rationales, psychologisch argumentierendes
System der Bewusstseinsschulung wahr, das dem Wunderglauben und Wissenschaftsfeindlichen
des Christentums überlegen sei. Das kosmologische Modell des Buddhismus scheint zunächst viel
anschlussfähiger an moderne Vorstellungen und Theoriemodelle zu sein, die sich aus der Physik
oder der Bewusstseinsforschung ergeben haben – etwa ein nicht dualistisches Weltbild, das auf einen Schöpfergott verzichtet. „Das sind Aspekte, die gerade unter den Gebildeten den Buddhismus
im Westen attraktiv machen“, sagt Michael von Brück Daneben punktet die asiatische Religion zudem mit lebenden Vorbildern. „Die authentische, von Menschen vermittelte Lebenspraxis, die mystische Dimension, haben wir im Buddhismus nicht nur wie im Christentum als Literatur vorliegen,
sondern personifiziert in lebendigen Schultraditionen, in lebenden Meisterinnen und Meistern“,
erläutert der Religionswissenschaftler. Diese Leitbildfunktion von bestimmten Figuren, etwa des
Dalai Lama oder Thich Nhat Hanhs, ist mit einer großen Anziehungskraft verbunden – zumal in
Zeiten, in denen sich viele Menschen orientierungslos und metaphysisch „unbehaust“ fühlen.
O ptimistisches M enschenbild
Mit dem – wenn auch nachlassenden – Zuspruch, den die christlichen Kirchen verzeichnen, kann
sich die buddhistische „Gemeinde“ in Deutschland jedoch nicht messen. Zu Beginn des neuen
Jahrtausends, so schätzt Michael von Brück, gab es hierzulande etwa 250.000 Buddhisten in etwa
600 Gruppen und Gemeinschaften, „um die sich ungleich mehr Interessierte in loser Anbindung
scharen“. Ein Gutteil seiner Anziehungskraft zieht der Buddhismus daraus, dass jeder Mensch
durch eigenverantwortetes Bewusstseinstraining seine psychische Struktur und mentalen Muster verändern kann. Der Buddhismus pflegt somit ein optimistisches Menschenbild, das im Kontrast zum christlichen Sündenbewusstsein steht. Er wird als wesentlich weniger autoritätsgläubig
wahrgenommen, spricht die autonome Übungspraxis des Einzelnen an und trifft damit in den
individualisierten Lebensentwürfen westlicher Gesellschaften auf fruchtbaren Boden. Es ist dieses
Zusammenspiel, das den Reiz des Buddhismus für viele ausmacht: Er verströmt den Charme des
Exotischen und scheint sich gleichzeitig mühelos in den Trend zu Bindungslosigkeit und Vereinzelung einzufügen. Vielfach wird er als eine Art Modereligion wahrgenommen, als Teil einer um
sich greifenden Wellness-Kultur. Der Buddhismus als Ideenlieferant für den Religionssupermarkt,
in dem jeder nach eigenen Vorlieben sich spirituelle Deutungsangebote zusammenbasteln kann?
Michael von Brück sieht in dieser Entwicklung die Gefahr, dass der Buddhismus seinen Charakter
verliert. Mehr noch: Dem Primat des Ökonomischen stellt ein solcherart „weichgespülter“ Buddhismus eine spirituelle Legitimationsgrundlage zur Seite, die selbstberuhigend und leistungssteigernd wirkt. Er hält dagegen, dass der Buddhismus nicht als individualistische Selbsterlösung,
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als Heilspfad des Einzelnen für sich selbst missverstanden werden sollte. „Das ist eine illegitime
Projektion des individualistischen bürgerlichen Selbstbildes der Europäer des 19. Jahrhunderts auf
Asien.“ Der Buddhismus verstehe den Menschen vielmehr als soziales Wesen, hebt er hervor: „Der
Mensch ist nur, was er ist, aus seinen Relationen; er existiert nur in gegenseitiger Abhängigkeit.“
Dass dies von Europäern, die sich vom Buddhismus angezogen fühlen, nicht immer in gleicher
Weise erkannt wird, ist wiederum Teil der Begegnungsgeschichte zweier Kulturen: „Was uns als
‚Buddhismus’ erscheint, ist auch abhängig davon, was wir als Buddhismus betrachten wollen, und
solche Sichtweisen ändern sich im Laufe der Geschichte.“
Prof. Dr. Michael von Brück ist seit 1991 Inhaber Lehrstuhls für Religionswissenschaft. Seit vielen Jahren beschäftigt sich
der evangelische Theologe, Religionswissenschaftler und Zen-Lehrer mit dem Buddhismus und hat unter anderem 1998
ein historisches und systematisches Werk Buddhismus und Christentum sowie 2007 im „Verlag der Weltreligionen“ des
Suhrkamp Verlags das Buch Einführung in den Buddhismus veröffentlicht.
http://www.religionswissenschaft.uni-muenchen.de/personen/professoren/vbrueck/index.html
[email protected]
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