Arbeitsfeld Litgesch und Kanonbildung

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ARBEITSFELD LITERATURGESCHICHTSSCHREIBUNG UND KANONBILDUNG
Begriff, Aufgaben, Konzepte der Literaturgeschichtsschreibung
Auf den kleinsten Nenner gebracht, stellt die Geschichtsschreibung der Literatur zwischen verschiedenen
Texten einen Zusammenhang her: entweder durch eine äußerliche Reihung, deren Sinn im Erfassen der
Gegenstände liegt, oder durch das Aufzeigen einer inneren Logik in ihrer zeitlichen Abfolge. Insofern hat
sie zwei formal entgegengesetzte, in der Regel freilich ineinander verschränkte Leistungen zu erbringen:
einerseits das Registrieren, für das die einzelnen Daten im Mittelpunkt stehen (im wesentlichen die Autoren bzw. Werke); andererseits deren Auswertung, wobei nicht mehr die individuellen Dichtungen das eigentliche Untersuchungsobjekt bilden, sondern deren interne Beziehungen. In beiden Fällen hat die Literaturgeschichtsschreibung ihren Zweck darin, ihr Material zu erschließen und dessen Brauchbarkeit zu
sichern.
Aus diesem Grund war das additive Verfahren nur solange zureichend, wie sich die Informationen in ihrer
Extensität noch überschauen ließen. Als aber die Fülle des stetig expandierenden Wissens die eigene Verfügbarkeit zu gefährden begann, mußte die Literaturgeschichtsschreibung Auswahltechniken entwickeln
und Wertungen vornehmen. Im Übergang vom ›Sammeln‹ zu einer interpretierend-wertenden Aufbereitung, für die der jeweilige Text oder Autor nur noch ein Moment einer übergeordneten Struktur repräsentiert, nimmt die Literaturgeschichtsschreibung im eigentlichen Sinn ihren Anfang. Seitdem verlangt jede
Literaturgeschichtsschreibung ein (oft implizit bleibendes) Modell von Geschichte als durchschaubarem
Ablauf wie einen spezifischen Begriff von Literatur, der die Ausschlußkriterien liefert (ob etwa ein Kochbuch dazugehört oder worin sich ›gute‹ Dichtung von ›schlechter‹ unterscheidet). Sie muß sich darüber im
klaren sein, welcher Art ihre Prämissen sind: Hat die Literaturgeschichte ihr Ziel in den einzelnen poetischen Texten, die sie in ihrem zeitlichen Kontext angemessener erläutern will, oder nutzt sie die Werke,
um vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen, z. B. auf eine Struktur literarischer Epochen oder
Gattungen, einen Stil oder einen ›Volkscharakter‹? Wird die Poesie als autonome Kulturleistung angesehen
oder in ein Abhängigkeits- bzw. Wechselverhältnis zu den sozialen Gegebenheiten ihrer Gegenwart gestellt? In allen ihren Formen hat die Literaturgeschichtsschreibung beim Versuch, ihr Material zu ordnen,
Distinktionen vorzunehmen: zunächst nur zwischen ›früher‹ und ›später‹; mit zunehmender Datenmenge
dann auch zwischen ›repräsentativ‹ und ›belanglos‹ oder ›progressiv‹ und ›konventionell‹ usw. Literaturgeschichte ist somit (wissenschaftlicher) Ausdruck einer allgemeineren kulturellen Praxis der literarischen
Wertung und Kanonbildung.
Kanonbildung
Als »Kanon« wird im allgemeinen ein Corpus von Texten bezeichnet, das eine Gesellschaft oder Gruppe
für wertvoll hält und an dessen Überlieferung sie interessiert ist. Betrachtet man zum Beispiel Verlagsprogramme daraufhin, von welchen Autoren verschiedener Nationalitäten Gesamtausgaben erstellt worden
oder welche dieser Texte zur Zeit lieferbar sind, dann hat man eine ungefähre Vorstellung vom Kanon der
Weltliteratur. (Da Kanonisierung immer mit zeitlicher Verzögerung eintritt, müßte die Gegenwartsliteratur von dieser Suche ausgeschlossen werden.) Ein Kanon wäre auch eine Liste der 100 wichtigsten literarischen Werke, die Romanistikstudenten bis zum Examen gelesen haben müssen, vorausgesetzt, es läßt sich
in einer bestimmten Gruppe, etwa der Mehrheit der Romanistikdozenten, Konsens über die Titel finden,
die ein solcher Kanon enthalten soll. Kanonbildung wird, wie sich zeigt, in vielfältigen Instanzen (Autoren,
Verlage, Fach- und Allgemeinpublikum, Zensurstellen) und durch unterschiedliche Gruppen realisiert,
deren Selbstverständnis und Verhaltensnormen sich in den von ihnen kanonisierten Texten spiegelt. Wir
haben es also mit einem Nebeneinander verschiedener Kanones zu tun (Kanonpluralität). Der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Thema eröffnet sich eine doppelte Perspektive: Zum einen kann
deskriptiv vorgegangen und untersucht werden, welche Texte nach welchen Kriterien tradiert wurden und
nach welchen Mechanismen sie in einen Kanon einbezogen oder aus ihm ausgeschlossen werden. Zum
anderen kann eine normative Perspektive eingenommen und nach adäquaten Maßstäben für die Kanonisierung literarischer Texte, für die Neu- oder Umbildung von Kanones gesucht werden. Unter beiden Perspektiven hängt das Problem der Kanonbildung eng mit dem umfassenderen Problem der Wertung von
Literatur zusammen.
Wertungen in der Literaturwissenschaft
Literaturwissenschaftler selegieren, indem sie manche Werke einer Edition oder Interpretation für wert
erachten oder sie in eine literarhistorische Darstellung aufnehmen, andere dagegen nicht. Die Maßstäbe
hinter diesen Wertungen bleiben meist implizit. Es können Normen und Werte sein, die in der Institution
Literaturwissenschaft gelten oder von einzelnen Gruppen von Forschern akzeptiert werden; aber auch individuelle Vorlieben für bestimmte Themen, Autoren oder Gattungen können diese Wertungen beeinflussen.
Auch innerhalb des ›Kanons‹ werden nicht alle Texte als ›gleichwertig‹ beurteilt. Vielmehr werden sie unterschiedlich eingestuft, und zwar nach denselben historisch variablen Maßstäben, die auch zur Selektion
herangezogen werden können. Dieses Einstufen literarischer Texte kann in Form sprachlicher, expliziter
Wertungen vorgenommen werden; meist vollzieht es sich aber in motivationalen Wertungen – etwa wenn
es allein an der Häufigkeit oder Intensität abzulesen ist, mit der ein literarischer Text behandelt wird. So
gibt es in der Literaturwissenschaft eine implizite Hierarchie der Forschungsgegenstände, die einen Indikator für die Einstufung literarischer Texte zu bestimmten Zeiten bildet: Heute sind zum Beispiel Arbeiten
über Autoren wie Cervantes, Calderón oder Borges häufig vermutlich prestigeträchtiger als Studien zu
Herrera oder Cadalso.
Albert Meier, ›Literaturgeschichtsschreibung‹, in: Heinz-Ludwig Arnold / Heinrich Detering (Hg.), Grundzüge der
Literaturwissenschaft, München: DTV, 52002, 570–584.
Simone Winko, ›Literarische Wertung und Kanonbildung‹, in: Heinz-Ludwig Arnold / Heinrich Detering (Hg.),
Grundzüge der Literaturwissenschaft, München: DTV, 52002, 585–600.
Rainer Grübel / Ralf Grüttemeier / Helmut Lethen, Orientierung Literaturwissenschaft. Was sie kann, was sie will,
Reinbek: Rowohlt, 2001, 135–137.
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