Die Geburt zwischen Natur und Medizin

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Die Geburt zwischen
Natur und Medizin
2
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22765 Hamburg
Medizinische Prüfung
Prof. Dr. med. Ralf Schild, 30625 Hannover
Gestaltung
Frank W. Koch | Büro für Kommunikation
45481 Mülheim an der Ruhr
Fotos
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Stand: Juli 2012
Diese Broschüre kann auch im Internet unter
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Alle Angaben wurden sorgfältig zusammengestellt und geprüft. Dennoch ist es
möglich, dass Inhalte nicht mehr aktuell
sind. Bitte haben Sie deshalb Verständnis,
dass wir für die Vollständigkeit und Richtigkeit des Inhalts keine Gewähr übernehmen
können. Für Anregungen und Hinweise
sind wir stets dankbar.
© BARMER GEK 2012
Alle Rechte vorbehalten.
3
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 5
Mehr Technik heißt nicht immer
bessere Versorgung 6
Immer mehr Kaiserschnittgeburten 7
Der Kaiserschnitt in anderen Ländern 9
Ärzte und Hebammen nehmen Einfluss 9
Angst vor der Geburt? 10
Information schafft Zuversicht 10
Lassen Sie sich nicht verrückt machen 11
Auch Männer haben Ängste 11
Was ist das Beste für mein Kind? 11
Der Kaiserschnitt 21
Was passiert bei einem Kaiserschnitt? 21
Wann ist der Kaiserschnitt aus
medizinischen Gründen unvermeidbar? 21
Ein Sonderfall: der Kaiserschnitt auf
Wunsch ohne medizinische Indikation 22
Welcher Weg ist der richtige?
Vor- und Nachteile für die Mutter 23
Müttersterblichkeit 23
Schmerzen 23
Körperliche Folgen 23
Eine Entscheidung auch für die Zukunft 24
Emotionale Folgen 25
Vor- und Nachteile für das Baby 26
Informieren Sie sich 13
Hören Sie sich genau um 13
Holen Sie sich professionellen Rat 13
Es gibt viel zu lesen …
Online informieren – in Ruhe von zu Hause
aus 13
Ihr Geburtsteam 15
Die passende Ärztin bzw.
der passende Arzt 15
Die passende Hebamme 15
Das Geburtsteam im Kreißsaal 15
Freunde und Familie: helfende Hände 16
Die natürliche Geburt 17
Wie läuft eine natürliche Geburt ab? 17
Umgang mit den Schmerzen 18
Wenn nicht alles nach Plan läuft … 20
Körperliche Schäden 26
Folgen für den Start ins Leben 26
Weichen stellen für das spätere
Leben des Kindes 27
Interview mit einer Expertin 28
Bücher, Broschüren, Adressen, Links 29
Quellen 30
4
5
Vorwort
Herzlichen Glückwunsch – Sie werden Mutter! Doch bevor es so weit ist, genießen
Sie die Zeit der Schwangerschaft in Ruhe und Muße. Sie bereiten sich bestimmt
schon ganz intensiv auf Ihr Leben mit Ihrem Baby vor. Dazu gehören sicherlich
auch Überlegungen, wo (in der Klinik, zu Hause oder im Geburtshaus) und wie
(zum Beispiel Vierfüßlerstand, Wassergeburt und andere Methoden) Sie Ihr Baby
zur Welt bringen möchten. Auch über das Thema Kaiserschnitt sollten Sie informiert sein – falls eine Situation eintreten sollte, bei der ein geburtsmedizinischer
Eingriff nicht zu vermeiden ist.
Für viele Frauen ist eine natürliche Geburt
ganz selbstverständlich: Schließlich handelt
es sich hierbei um einen Vorgang, für den der
Körper der Frau geschaffen ist. Viele Schwangere vertrauen auf ihre eigenen Fähigkeiten
und freuen sich auf das Geburtserlebnis. Der
natürliche Weg des Gebärens bedeutet ein
tief greifendes Erleben für Mutter, Vater und
Kind, da genau in diesem Moment das
„große Wunder des Lebens“ geschieht –
ein Baby begrüßt die Welt!
Treten jedoch während der Schwangerschaft
Komplikationen auf, kann ein Kaiserschnitt
notwendig sein. Ebenso kann ein ungeplanter
oder Notkaiserschnitt während des Geburtsverlaufs erforderlich werden.
Andererseits entscheiden sich Frauen auch
für einen Kaiserschnitt und damit letztendlich
für eine Operation, ohne dass eine zwingen-
de medizinische Notwendigkeit vorliegt. Die
Gründe dafür sind vielfältig: Ungewissheit
und Ängste spielen eine große Rolle, etwa
vor den Schmerzen oder den möglichen
Folgen einer Geburt. Für andere scheint der
Kaiserschnitt der sicherste Weg für ihr Kind
zu sein. Aber auch ganz pragmatische Argumente, wie die besser planbare Betreuung
der Geschwisterkinder, können den Ausschlag dafür geben.
Der BARMER GEK ist es wichtig, Ihnen und
Ihrem Partner mit dieser Broschüre eine Orientierung an die Hand zu geben, Sie detailliert zu informieren und damit bei Ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen.
Wir wünschen Ihnen und Ihrem Kind
alles Gute!
Ihre BARMER GEK
6
Mehr Technik heißt nicht immer
bessere Versorgung
Viele Tausende Jahre haben Frauen ihre Kinder ohne medizinische Hilfe zur Welt
gebracht. Die medizinische und technische Entwicklung hat dabei geholfen,
die Geburt für Mutter und Kind sicherer zu machen: In der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts konnte hierdurch beispielsweise die Säuglingssterblichkeit bei
der Geburt innerhalb von nur 30 Jahren auf ein Zehntel verringert werden.1 In
jüngerer Zeit hat die Zahl der medizinischen Eingriffe jedoch stark zugenommen,
ohne dass sich der Zustand der Neugeborenen weiter verbessert hätte. Das wirft
die Frage auf: Wie viel Medizin ist notwendig und sinnvoll?
�Immer mehr Technik
Wir leben in einer Gesellschaft, die immer
mehr beschleunigt und immer weniger Zeit
zum Innehalten bietet. Und wir sind so umgeben von Technik, dass diese häufig nicht
mehr als Hilfsmittel gesehen, sondern quasi
per se als „natürliche“ Lösung für Probleme
jeglicher Art betrachtet wird.
Auch die Schwangerschaft wird heutzutage
immer weniger als ein von sich aus harmonisch ablaufender, natürlicher Vorgang wahrgenommen. Hinzu kommt, dass mittlerweile drei Viertel aller Schwangerschaften als
„Risikoschwangerschaft“2 gelten – obwohl
die werdenden Mütter heute gesünder und
besser ernährt sind und leben als früher.
Vielen Frauen fällt es daher schwer, auf
ihre naturgegebene Fähigkeit zu vertrauen,
ein Kind auf ganz natürlichem Weg zur
Welt bringen zu können.
Noch deutlicher wird diese Entwicklung, wenn
man die Entbindung betrachtet: Auch Geburten ohne erschwerende Risikofaktoren
sind heute routinemäßig mit viel Einsatz von
Technik und Medikamenten verbunden. So
brachten im Jahr 1999 lediglich 6,7 Prozent
aller Schwangeren ihr Kind ohne medizinische
Unterstützung zur Welt3 – angesichts der
steigenden Raten für medizinische Interventionen dürften es inzwischen noch weniger
sein. Dagegen wurde bei jeder vierten Frau
der Geburtsbeginn durch die Gabe von Medikamenten eingeleitet. Rund 40 Prozent der
Frauen, die natürlich entbinden wollten,
erhielten einen Wehentropf, um die Geburt
zu beschleunigen. Jede Fünfte bekam eine
Periduralanästhesie (PDA), und bei mehr als
der Hälfte aller vaginalen Geburten wurde
ein Dammschnitt vorgenommen. Trotz der
deutlichen Zunahme all dieser Eingriffe hat
sich der Zustand der Neugeborenen in den
vergangenen zwanzig Jahren jedoch nicht
weiter verbessert: Weder die Apgar-Werte
noch die Nabelschnur-pH-Werte, die beide
als Indikator für das Wohlbefinden des
Kindes gelten, verbesserten sich, und auch
die Säuglingssterblichkeitsrate konnte nicht
weiter gesenkt werden.4
7
Immer mehr Kaiserschnittgeburten
Immer weniger Kinder werden in Deutschland auf natürlichem Wege geboren:
Der Anteil der Kaiserschnittgeburten, der im Jahr 1991 noch etwa 15 Prozent
betrug, hat sich seither mehr als verdoppelt und lag im Jahr 2009 laut Angaben
des Statistischen Bundesamts (Destatis) bei 31,1 Prozent. Der Kaiserschnitt ist
damit zur zweithäufigsten Operation bei Frauen im gebärfähigen Alter geworden.5
�Nur in seltenen Fällen muss es
tatsächlich ein Kaiserschnitt sein
Zweifellos gibt es medizinische Gründe, die
einen Kaiserschnitt unumgänglich machen.
Wenn beispielsweise die Plazenta vor dem
Muttermund liegt oder das Baby schlichtweg
zu groß ist, um durchs Becken der Mutter zu
passen, gibt es einfach keine andere Option.
Auch bei schweren Komplikationen während
der Geburt ist ein Kaiserschnitt erforderlich,
um das Leben von Mutter oder Kind zu
schützen. Diese „absoluten Indikationen“
machen jedoch weniger als zehn Prozent
aller Kaiserschnitte aus6 und sind somit nicht
für den starken Anstieg verantwortlich.
Vielmehr fällt heutzutage die Entscheidung
für einen Kaiserschnitt immer öfter ohne
zwingende medizinische Notwendigkeit –
entweder aufgrund von „relativen Indikationen“, bei denen der Kaiserschnitt nur eine
von mehreren abzuwägenden Optionen darstellt, oder sogar ganz ohne medizinische
Indikation (also ein sogenannter Wunschkaiserschnitt). Die Gründe hierfür sind vielfältig: Zum einen ist die Liste der relativen
Indikationen stark ausgeweitet worden7, sodass ein Kaiserschnitt viel öfter als mögliche
Option zur Wahl steht als früher – zumal er
inzwischen sehr sicher geworden ist, sodass
das verbliebene Restrisiko oft geringer ein-
geschätzt wird als das Risiko einer natürlichen Entbindung. Zum anderen werden heute
die Wünsche der werdenden Mütter stärker
berücksichtigt. Ein Teil davon ist medizinisch
begründet: So sieht die Hälfte der Frauen, die
per Kaiserschnitt entbinden, die Sicherheit
des Kindes als Vorteil8, da sie auf diese Weise
Schäden durch die Passage des engen Geburtskanals oder durch Sauerstoffmangel
vermeiden, die bei einer vaginalen Geburt
auftreten können. Aber auch emotionale
Aspekte spielen eine große Rolle: Vielen
Frauen fällt es schwer, auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, mit den Wehenschmerzen umzugehen und ihr Kind auf
natürlichem Wege zur Welt zu bringen. Hinzu kommen oft Ängste vor den Folgen einer
natürlichen Geburt für die Mutter, beispielsweise einem Dammschnitt oder späterer
Inkontinenz durch die starke Belastung des
Beckenbodens. Und in manchen Fällen geben auch ganz praktische Gründe den Ausschlag, etwa weil sich die Betreuung der
Geschwisterkinder oder die Auszeit des berufstätigen Partners nur auf diese Weise,
also durch den „geplanten“ Geburtstermin,
sicher gewährleisten lässt. Diesen emotionalen Aspekten kann Frauen durch frühzeitige umfassende Information und entsprechende Beratung bei diversen Anlaufstellen, wie zum Beispiel der BARMER GEK,
individuell begegnet werden.
8
Trotz der hohen Kaiserschnittrate lässt sich
jedoch kein Trend zum unbegründeten
Wunschkaiserschnitt im Sinne einer „Lifestyle-Geburt“nachweisen: So würden sich
nur etwa drei Prozent der Frauen einen
Kaiserschnitt ohne medizinischen Grund
wünschen.9 Das ist auch gut so. Denn
obwohl der Eingriff in den vergangenen
Jahren erheblich sicherer und schonender
geworden ist, bleibt er trotz aller Routine
immer noch eine Operation – mit all den
damit verbundenen Risiken und Folgen für
Mutter und Kind.
9
Der Kaiserschnitt in anderen Ländern
Die steigende Kaiserschnittrate ist ein Phänomen, das nicht nur Deutschland
betrifft: In fast allen Ländern der industrialisierten Welt hat sich die Anzahl der
Schnittentbindungen in den vergangenen 20 Jahren stark erhöht. Weltweit
variiert die Kaiserschnittrate sehr stark: Am niedrigsten liegt sie in Afrika, die
höchsten Werte wurden in China ermittelt.10 Sogar innerhalb Europas schwankt
die Häufigkeit von Kaiserschnitten stark: In den Niederlanden beispielsweise
lag sie im Jahr 2004 bei lediglich 15 Prozent, Spitzenreiter war Italien mit
37,8 Prozent der Geburten.11 Deutschland belegte mit 27,3 Prozent (knapp 4
Prozentpunkte weniger als 2009) Rang vier.
�Ärzte und Hebammen nehmen Einfluss
Dass bei Weitem nicht nur medizinische
Gründe für diese hohen Raten verantwortlich
sind, zeigt der große Einfluss der Art der Betreuung der Schwangeren: In Ländern, in
denen maßgeblich Ärzte dafür zuständig
sind und Hebammen kaum oder gar keine
Rolle spielen, liegen die Kaiserschnittraten
besonders hoch – beispielsweise in den USA
und in den Großstädten Brasiliens. Betreuen
vor allem Hebammen die werdenden Mütter,
wie dies beispielsweise in den Niederlanden
und in Skandinavien der Fall ist, resultiert
dies in einer deutlich niedrigeren Kaiserschnittrate – ohne dass die Gesundheit der
geborenen Kinder beeinträchtigt wäre.12
Auch der Versicherungsstatus der werdenden Mutter spielt eine Rolle. So ist beispielsweise die Kaiserschnittrate in England, Amerika, Australien und Brasilien bei Privatpatientinnen deutlich höher.13 In einigen Privatkliniken Brasiliens liegt sie bei mehr als 80
Prozent! Ähnliches gilt für andere Länder
Lateinamerikas, in denen im Durchschnitt
jedes dritte Kind per Kaiserschnitt geboren
wird, in Privatkliniken sogar mehr als die
Hälfte.14 Auch dies deutet darauf hin, dass
die Zunahme der Kaiserschnittentbindungen
nicht immer auf medizinischen Notwendigkeiten beruht.
Am Beispiel China zeigt sich, dass auch kulturelle und politische Faktoren die Wahl des
Geburtsmodus beeinflussen: So schreibt die
Kommunistische Partei Chinas seit Ende der
Siebzigerjahre vor, dass jede Familie nur ein
einziges Kind bekommen darf – wer sich nicht
daran hält, muss hohe Strafen zahlen. Angesichts dieser Umstände ist es nachvollziehbar,
dass Eltern das Geburtsrisiko für ihr einziges
Kind möglichst gering halten wollen, auch
wenn sie damit ein höheres Risiko für die
Mutter in Kauf nehmen. Außerdem gilt in
China der Zeitpunkt der Geburt als ausschlaggebend für das Schicksal eines Menschen,
sodass sich viele Eltern für eine geplante Geburt entscheiden, um ihrem einzigen Kind
ein möglichst glückliches, gesundes Leben zu
bescheren. China hat inzwischen die weltweit höchste Kaiserschnittrate: Mehr als die
Hälfte aller Kinder kommt auf diesem Weg
zur Welt.15
10
Angst vor der Geburt?
Früher hatte eine schwangere Frau kaum Möglichkeiten, die Rahmenbedingungen
ihrer Geburt mitzubestimmen. Das hat sich grundlegend gewandelt: Frauen
stehen heutzutage voll im Leben, sind in der Regel berufstätig und im Vergleich
zu früheren Zeiten durchschnittlich rund zehn Jahre älter, wenn sie ihr erstes
Kind erwarten. Da ist es nur schlüssig, dass sie das Recht für sich in Anspruch
nehmen, die Umstände des wohl prägendsten Ereignisses ihres Lebens selbst
mitzubestimmen.
Die Einstellung zur Geburt ist dabei von Frau
zu Frau verschieden. Was für die einen ihre
Traumgeburt ist, hinterlässt bei anderen ein
Trauma; was für manche Frauen eine Herausforderung darstellt, überfordert andere. Bei
der Abwägung zwischen einer natürlichen
Geburt und einem Kaiserschnitt kann es daher kein Pauschalurteil geben: Sie müssen
selbst herausfinden, welcher Weg für Sie der
richtige ist. Dafür sind neben Ihren Gefühlen
die medizinischen Fakten wichtig.
Information schafft Zuversicht
Fast alle werdenden Mütter haben Angst vor
der Geburt. Erstgebärende sind meist unsicher, weil sie nicht einschätzen können, was
auf sie zukommt: Wie stark werden die
Schmerzen sein? Wie lange muss ich das alles
aushalten? Kann ich überhaupt so viel Kraft
aufbringen? Aber auch Frauen, die ein weiteres Kind bekommen, sind oft unsicher:
Einige haben bereits die erste Geburt als sehr
schmerzhaft und anstrengend empfunden;
andere wiederum ahnen, dass jede Geburt
einzigartig ist und sie auch beim zweiten Mal
Neuland betreten werden.
Wichtig ist, dass Sie sich mit Ihren Ängsten
beschäftigen und herausfinden, was genau
Ihnen Sorgen macht. Anschließend können
Sie gezielt Beratung suchen. Denn sich zu
informieren ist das beste Mittel, um Angst
abzubauen. Frauen, die sich vor den Wehenschmerzen fürchten, kann es beispielsweise
helfen, wenn sie wissen, dass sich die
Schmerzen während der Geburt durch Entspannungstechniken oder Medikamente
lindern oder sogar ganz ausschalten lassen.
11
Vielleicht sind Ihre Ängste auch nach intensiver Beratung noch so stark, dass Sie sich
nicht auf eine natürliche Geburt einlassen
wollen. Das ist Ihr gutes Recht. Wichtig ist
aber, dass Sie diese Entscheidung nicht nur
auf einer Gefühlsbasis treffen. Auch wenn
Sie – gemeinsam mit Ihrem Partner – letztendlich bestimmen, auf welche Weise Sie
Ihr Kind zur Welt bringen, sollten Sie die
medizinischen Fakten und den fachlichen
Rat Ihres Arztes und Ihrer Hebamme nicht
außer Acht lassen. Und verlieren Sie bei Ihrer
Entscheidung auch nie das Urvertrauen in
sich selbst und Ihre ganz besonderen Kräfte.
Den Weg Ihres Kindes aus dem geschützten Mutterleib ans Licht der Welt aktiv mitzuerleben ist eines der schönsten Geschenke, die die Natur bereithält.
Lassen Sie sich nicht verrückt machen
Geschichten über Geburtserlebnisse kennen
wir alle. Manchmal überwiegen dabei die
negativen Erfahrungen: die Kollegin, die von
ihrer traumatischen 30-Stunden-Geburt berichtet,die Nachbarin, deren Baby per Kaiserschnitt zur Welt kam und die noch immer
dem verpassten Geburtserlebnis hinterhertrauert, die Frau aus dem Internet-Forum, die
sich sehnlichst wünscht, sie hätte sich für
einen Kaiserschnitt entschieden, weil ihr Kind
bei der Entbindung ein Trauma erlitten hat.
Lassen Sie sich von solchen Erzählungen
nicht verrückt machen! Jede Geburt ist einzigartig. Und wie die Entbindung Ihres Kindes
verlaufen wird, hängt nicht von den Erfahrungen und Erlebnissen anderer Menschen ab.
Auch Männer haben Ängste
Männer gebären zwar keine Kinder, aber
Angst vor der Geburt haben sie dennoch:
Vor allem sorgen sie sich um das Wohl der
Mutter und des Neugeborenen. Bei der Abwägung zwischen einer natürlichen Geburt
und einem Kaiserschnitt sollten Sie daher
neben all den anderen Aspekten unbedingt
auch die Meinung Ihres Partners mit einbeziehen, denn wenn er nicht mit der Art der
Entbindung einverstanden ist, kann er Sie
nicht optimal unterstützen. Im schlimmsten
Fall kommt es zu Diskussionen im Kreißsaal –
und so etwas können Sie während der Geburt überhaupt nicht gebrauchen. Nehmen
Sie sich also die Zeit, gemeinsam mit Ihrem
Partner eine Entscheidung zu treffen, hinter
der Sie beide voll und ganz stehen. Idealerweise sollte sich der werdende Vater auf die
Geburtsbegleitung vorbereiten, um Sie optimal unterstützen zu können, zum Beispiel
durch einen Geburtsvorbereitungskurs oder
entsprechende Literatur.
Was ist das Beste für mein Kind?
Während Sie und Ihr Partner über Ihre Gefühle sprechen können, lassen sich die Bedürfnisse Ihres Babys nicht so leicht ermitteln:
Tut man ihm durch einen Kaiserschnitt etwas
Gutes, weil man ihm die Strapazen der Geburt erspart und es keinen unnötigen Gefahren aussetzt? Oder ist der für Mutter und
Baby zwar anstrengende, aber natürliche
Weg ins Leben nicht doch die bessere Entscheidung, weil das Kind durch den Geburtsstress ein wahres Feuerwerk an Hormonen
erlebt, das ihm die Anpassung an das Leben
außerhalb der Gebärmutter erleichtert?
12
Da das Baby sich hierzu nicht äußern kann,
bleibt nur der Blick auf Studien, die die Vorteile und Risiken von natürlicher Geburt und
Geburt per Kaiserschnitt untersuchen. Die
wichtigsten Erkenntnisse haben wir auf den
Seiten 23 bis 27 für Sie zusammengestellt.
Anschließend ist es an Ihnen, zu bewerten,
welche Bedeutsamkeit diese Faktoren für
Sie haben: Wollen Sie um jeden Preis eine
Verletzung des Babys während der Passage
des engen Geburtskanals vermeiden, auch
wenn das Risiko dafür gering ist? Möchten
Sie in Kauf nehmen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Diabeteserkrankung Ihres Babys
steigt, wenn Sie per Kaiserschnitt entbinden?16 Auch wenn Sie auf die Risiken selbst
keinen Einfluss nehmen können: Sie entscheiden, welche davon Sie für Ihr Baby unbedingt
ausschließen möchten und welche Sie bereit wären, in Kauf zu nehmen.
So treffen Sie die richtige Entscheidung
Informieren Sie sich über die Fakten. Es gibt sowohl bei der natürlichen Geburt
als auch beim Kaiserschnitt Vorteile und Risiken, die wir Ihnen in den folgenden
Kapiteln aufzeigen werden.
■
Fragen Sie nach, wenn Sie bei Gesprächen, in Büchern oder im Internet auf Infor mationen stoßen, die Sie verunsichern. Ihre Frauenärztin bzw. Ihr Frauenarzt oder
Ihre Hebamme können Ihnen helfen, diese Aspekte zu bewerten und einzuordnen.
■
■ Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl! Wenn Sie sich mit der Wahl der Rahmenbedingungen
für die Geburt wohlfühlen, können Sie sich auch darauf einlassen – und das gibt
Ihnen Stärke und Zuversicht.
13
Informieren Sie sich
Es gibt viele Stellen, die Sie beraten und informieren und Ihnen so bei der Entscheidungsfindung helfen können. Am Ende der Broschüre nennen wir Ihnen
ebenfalls noch Adressen und Links sowie Buch- und Broschürentipps.
Hören Sie sich genau um
Ein sinnvoller Anfang ist es, wenn Sie zunächst einmal mit Frauen aus Ihrem Bekanntenkreis sprechen, die bereits Geburtserfahrung haben. Es gibt dort mit Sicherheit unterschiedliche und vor allem sehr subjektive
Auffassungen über den besten Weg, ein
Kind zur Welt zu bringen. Dennoch können
solche Erfahrungsberichte Ihnen helfen herauszufinden, welche Aspekte für Sie wichtig sind und welche Fragen aus Ihrer Sicht
noch genau geklärt werden müssen. Bedenken Sie dabei: Jede Geburt ist einzigartig.
Und wie die Entbindung Ihres Kindes verlaufen wird, hängt nicht von den Erfahrungen und Erlebnissen anderer Menschen ab.
geren Mut und bestärken sie darin, auf ihre
natürliche Gebärfähigkeit zu vertrauen. Lesen
Sie dazu auch das Interview mit einer erfahrenen Hebamme auf Seite 28.
Ein weiterer wichtiger Ansprechpartner ist
Ihre Krankenkasse: Die BARMER GEK bietet
neben Informationsbroschüren zum Thema
Schwangerschaft und Geburt beispielsweise
die Möglichkeit, Ihre Fragen mit einem Mitglied des Teledoktor Expertenteams zu besprechen. (Informationen hierzu finden Sie
auf Seite 2 und auf Seite 29.)
Darüber hinaus gibt es weitere Stellen, bei
denen Sie Rat und Unterstützung einholen
können, wie beispielsweise die örtliche Familienberatungsstelle oder Beratungsstellen
des Arbeitskreises Frauengesundheit.
Holen Sie sich professionellen Rat
Wenden Sie sich mit den Fragen an diejenigen Ansprechpartner, die sich professionell
damit befassen: Dies sind zunächst Ihre
Frauenärztin bzw. Ihr Frauenarzt und natürlich Ihre Hebamme. In der Regel hat jede
Fachgruppe ihre eigene Sichtweise: Ärzte betrachten die Entscheidung meist nüchterner
und legen den Fokus darauf, das medizinische
Risiko für Mutter und Kind möglichst gering
zu halten. Hebammen haben dagegen oft
einen ganzheitlichen Ansatz, der auch die
emotionale Seite mit einbezieht: Sie gehen
stärker auf Ängste ein, machen der Schwan-
Es gibt viel zu lesen …
Bücher über Schwangerschaft und Geburt
gibt es in Hülle und Fülle – auch speziell zu
den Themen Kaiserschnitt und natürliche
Geburt. Mit einem Blick in das entsprechende
Regal im Buchladen oder einem Suchwort
im Online-Buchshop können Sie sich einen
ersten Überblick verschaffen und die Lektüre
finden, die für Sie relevant ist.
14
Darüber hinaus gibt es zahlreiche Broschüren
rund um die Geburt, die Informationen in
kurzer, übersichtlicher Form bereitstellen,
häufig gleich mit entsprechenden Kontaktadressen. Inzwischen bieten die meisten Herausgeber ihre Broschüren nicht nur in gedruckter Form an, sondern auch als Download im Internet – in der Regel sogar kostenlos.
Online informieren –
in Ruhe von zu Hause aus
Das Internet ist heutzutage das Informationsmedium schlechthin: Zu fast jedem Thema
lassen sich dort innerhalb kürzester Zeit Antworten finden. Es gibt viele seriöse Internetseiten und Portale mit den Schwerpunkten
Schwangerschaft und Geburt, die umfangreiche Informationen bereitstellen. Manche
bieten sogar die Möglichkeit, Fragen an Experten zu richten. Allerdings steht im Inter-
net auch viel Fragwürdiges und oftmals
wenig Fundiertes. Achten Sie deshalb stets
darauf, wie vertrauenswürdig und neutral
eine Seite ist. Schauen Sie hierzu auch immer im Impressum nach, welcher Betreiber
hinter dem jeweiligen Angebot steckt. In
einem Forum von überzeugten Kaiserschnittgegnern werden Sie vermutlich keine objektiven Informationen zum Thema finden,
ebenso wenig wie im Blog einer Frau, die
nach einer traumatischen natürlichen Geburt
nur noch per Kaiserschnitt entbinden will.
Das heißt umgekehrt nicht, dass Sie sich nicht
in Foren, Blogs oder Chats umschauen sollten.
Machen Sie sich dabei aber stets bewusst,
dass die dort geäußerten Ansichten sehr
subjektiv und vielfach nicht allgemeingültig
sind.
�Weitere Informationen zur Bewertung
von Gesundheitsinformationen finden Sie
unter www.barmer-gek.de/124573.
15
Ihr Geburtsteam
Viele Frauen sehen der Geburt mit gemischten Gefühlen von Freude und Angst
entgegen. Je besser sich jedoch eine Schwangere betreut fühlt, desto selbstsicherer und optimistischer kann sie die Herausforderung annehmen. Deshalb
ist es wichtig, dass Sie Menschen an Ihrer Seite haben, denen Sie fachlich und
menschlich so vertrauen, dass Sie sich ganz beruhigt auf sich selbst und die
Geburt konzentrieren können.
Die passende Ärztin bzw.
der passende Arzt
Suchen Sie sich schon in der Schwangerschaft
Partner, die Ihnen auf gleicher Augenhöhe
begegnen, Ihre Wünsche, Ängste und Sorgen
respektieren und Sie bei Ihrer Entscheidung
unterstützen, ohne Sie zu bevormunden. Das
beginnt schon bei der Wahl Ihrer Frauenärztin bzw. Ihres Frauenarztes: Auch wenn
diese/r nicht bei der Geburt anwesend sein
wird, so ist sie/er doch ein wichtiger Begleiter bei der Entscheidung, wie Ihr Baby zur
Welt kommen soll. Wünschenswert wäre
auch eine enge Zusammenarbeit mit der
Hebamme, die Sie betreut.
Die passende Hebamme
Dasselbe gilt für die Wahl Ihrer Hebamme.
Fachlich lassen sich beim Kennenlernen sicher kaum Unterschiede ausmachen. Aber
meist sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl, wer zu
Ihnen passt und wer nicht. Überlegen Sie
dabei, ob Sie lieber eine sogenannte Beleghebamme an Ihrer Seite wissen möchten,
die mit Ihnen ins Krankenhaus kommt und
Ihnen auch während der Geburt beisteht:
Viele Hebammen betreuen Sie zwar während
und nach der Schwangerschaft, aber in der
Klinik übernimmt dann die dort angestellte
Hebamme die Fürsorge.
Nutzen Sie in jedem Fall die Chance, Ihren
Geburtsort vorher kennenzulernen: Die meisten Kliniken und Geburtshäuser bieten regelmäßig Informationsabende an, um die Räumlichkeiten, die Behandlungsphilosophie und
das Personal vorzustellen. Auf Anfrage besteht oft auch außerhalb solcher Abende
die Möglichkeit, einen Beratungstermin zu
vereinbaren.
Das Geburtsteam im Kreißsaal
Ein wichtiger Teil Ihres Geburtsteams ist auch
die Person, die Sie in den Kreißsaal begleitet.
Für die meisten Schwangeren ist dies ganz
selbstverständlich der eigene Partner. Einige
Frauen fühlen sich jedoch wohler, wenn sie
in dieser Situation von einer anderen Person
betreut werden, beispielsweise der besten
Freundin oder aber der eigenen Mutter.
In manchen Fällen gibt es auch Gründe,
16
weshalb der werdende Vater bei der Geburt
nicht dabei sein kann oder möchte. Sprechen
Sie mit Ihrem Partner offen darüber, und
finden Sie gemeinsam eine Lösung. In jedem Fall sollten Sie die Begleitperson rechtzeitig einbinden: Idealerweise begleitet sie
Sie bereits zum Geburtsvorbereitungskurs,
um sich auf ihre Rolle bei der Entbindung
einzustellen. Sprechen Sie außerdem intensiv über Ihre Vorstellungen von der Geburt
und darüber, was Sie von Ihrer Begleitperson
erwarten: Soll sie sich im Hintergrund halten
und Ihnen allein durch ihre Anwesenheit Halt
geben? Oder soll sie für Sie aktiv das Wort
ergreifen, wenn sie den Eindruck hat, dass
Sie dies nicht mehr können?
Freunde und Familie: helfende Hände
Nicht zuletzt gehören zu einem idealen Geburtsteam natürlich auch Familienmitglieder
und Freunde, die Ihnen indirekt während der
Geburt oder in der Zeit danach helfen: Es
ist einfach beruhigend, schon im Vorfeld zu
wissen, dass die Oma sich auf Zuruf um die
Geschwisterkinder kümmern wird, wenn die
Wehen einsetzen, oder dass Ihnen eine gute
Freundin ab und zu im Haushalt helfen wird,
solange Sie sich noch von der Entbindung
erholen. Je mehr helfende Hände Sie unterstützen, umso mehr können Sie sich auf
das eigentliche Ereignis, die Geburt, konzentrieren.
17
Die natürliche Geburt
Die natürliche Geburt eines Kindes ist ein unvergessliches, einmaliges und sehr
emotionales Erlebnis. Sie zeugt vom Wunder der Natur, und sie schenkt uns etwas ganz Besonderes: neues Leben – ein Baby! Sie ist jedoch vielfach auch mit
Schmerzen und Anstrengungen verbunden, doch all das ist ganz schnell vergessen, sobald Sie Ihr Baby im Arm halten. Vertrauen Sie ganz auf die Kraft
Ihres Körpers: Er ist dafür geschaffen, Ihr Baby zur Welt zu bringen! Und Ihre
positive Einstellung der natürlichen Geburt gegenüber stärkt Ihren Geist und
beflügelt Ihre Seele!
Wie läuft eine natürliche Geburt ab?
Auch wenn jede Geburt einzigartig ist, folgt
sie dennoch einem grundlegenden Schema,
das für alle natürlichen Entbindungen gleich
ist. Dabei gibt es vier Phasen, deren Dauer
und Intensität von Frau zu Frau verschieden
sind:
Die Eröffnungsphase beginnt mit dem Einsetzen der Wehen. Der Gebärmutterhals verkürzt sich, und die Kontraktionen drücken
das Kind nach unten, sodass sich der Muttermund öffnet. Das Gesicht des Babys zeigt
dabei zur Seite, damit sein Kopf in den querförmig ovalen Beckeneingang der Mutter
eintreten kann.
■
Den letzten Teil der Eröffnungsphase, der
häufig auch als Übergangsphase bezeichnet
wird, erleben die meisten Frauen als stürmisch: Die Wehen kommen jetzt häufiger
und mit größerer Intensität. Da der Geburtskanal im unteren Teil seinen Querschnitt
ändert und nun ein längsgerichtetes Oval
bildet, dreht sich das Kind nun mit dem Gesicht nach hinten zum Steißbein der Mutter,
um hindurchzugelangen. Auf diese Weise
■
passen nun auch die Schultern, der breiteste
Körperbereich des Babys, in den Beckeneingang.
Wenn der Muttermund vollständig eröffnet ist, beginnt die eigentliche Geburtsphase,
auch Austreibungsphase genannt, die die
meisten Frauen aufgrund der heftigen Wehen und der starken Dehnung des Muttermundes und des Dammbereichs als sehr
schmerzhaft empfinden. Die Mutter spürt
nun ganz automatisch einen Drang, mit den
Wehen mitzupressen. Die Kraft der Bauchmuskeln unterstützt die Wehen, sodass der
Kopf des Kindes schließlich durch die Scheide
tritt. Mit der nächsten Wehe dreht sich das
Kind erneut seitwärts, damit die Schultern
durch die Scheide hindurchgelangen können. Unmittelbar danach folgt der Rest des
Körpers: Das Baby ist geboren! Die größten
Schmerzen sind mit einem Mal vorbei und
vergessen, und es zählen nur noch dieses
kleine Wesen, das soeben das Licht der Welt
erblickt hat, und das Wunder, das der gebärenden Frau zuteilwurde.
■
18
Nachdem das Kind geboren ist, folgt in der
nächsten Stunde die Nachgeburtsphase. Die
Plazenta löst sich nun von der Gebärmutterwand und wird zusammen mit den Eihäuten,
die die Fruchtblase bildeten, abgestoßen.
■
Die gesamte Geburt dauert beim ersten Kind
im Durchschnitt rund 13 Stunden, ab dem
zweiten Kind etwa acht Stunden. Es gibt
aber durchaus Entbindungen, die länger als
24 Stunden dauern, und als anderes Extrem
sogenannte überstürzte Geburten, bei denen
das Kind innerhalb von drei Stunden geboren wird. Letzteres ist jedoch sehr selten
und kommt nur bei einer von rund 1.000
Schwangeren vor.17
Umgang mit den Schmerzen
Eine natürliche Geburt ist stets auch mit
Schmerzen verbunden. Der Grad dessen, was
als erträglich empfunden wird, ist jedoch von
Frau zu Frau verschieden: Was die eine noch
auszuhalten vermag, ist für eine andere bereits unerträglich. Für die meisten Frauen
lautet daher die bange Frage: Wie werde
ich mit den Schmerzen zurechtkommen?
Werde ich Hilfe brauchen, um die Schmerzen
zu lindern?
Glücklicherweise müssen Sie diese Entscheidung nicht im Vorfeld treffen, denn während der Geburt haben Sie jederzeit die Möglichkeit, Ihre Schmerzen lindern zu lassen,
wenn diese nicht auszuhalten sind – auch
wenn Sie vielleicht vor der Geburt fest entschlossen waren, auf Schmerzmittel zu verzichten. Ein schlechtes Gewissen brauchen
Sie deswegen nicht zu haben. Schließlich
schreibt Ihnen niemand vor, dass Sie sich
quälen müssen, um Ihr Kind zur Welt zu
bringen. Im Gegenteil: Wenn Sie zu starke
Schmerzen haben und verkrampfen, kann
dies dazu führen, dass die Geburt länger
dauert, was sowohl Sie als auch Ihr Kind
belastet. Es ist also kein unnötiger Luxus,
Schmerzlinderung in Anspruch zu nehmen,
sondern in vielen Fällen eine sinnvolle Hilfe
für Mutter und Kind, für die sich niemand
zu schämen braucht.
In Geburtsvorbereitungskursen wird eine Vielzahl von Techniken vermittelt, mit denen
Sie selbst den Schmerz lindern können: von
Entspannungs- über Atemtechniken bis hin
zum Einfluss von Bewegung auf die Wehen.
Oft informieren die Hebammen auch über
sanfte Methoden wie beispielsweise Massagen oder warme, wohltuende Bäder, die die
Wehen erträglicher machen können. Wenn
all dies im Kreißsaal jedoch nicht ausreicht,
bietet die Medizin viele Möglichkeiten, die
Schmerzen zu lindern:
Eine Akupunkturbehandlung während der
Geburt kann der Schwangeren helfen, sich
zu entspannen. Hierzu setzt die Hebamme
sterile Nadeln an genau definierten Punkten
des Körpers. Diese Stimulation durchbricht
den typischen Kreislauf von Angst, Verspannung und Schmerz: Die Verkrampfungen
lösen sich, und manche Frauen empfinden
die Wehen als weniger schmerzhaft – auch
wenn Studien diesen Effekt bislang nicht
zweifelsfrei belegen konnten. Wird die Akupunktur bereits geburtsvorbereitend ab der
36. Woche eingesetzt, verkürzt sich zudem
im Durchschnitt die Geburtsdauer.18
■
Krampflösende Medikamente wie Buscopan
können während der Geburt gespritzt oder
als Zäpfchen verabreicht werden. Sie dämpfen die Schmerzen und entkrampfen die
Muskulatur, sodass die Wehen als weniger
schmerzhaft empfunden werden.
■
19
Morphiumderivate wie Pethidin dämpfen
das Schmerzempfinden sehr wirksam. Allerdings werden die Frauen oft müde und benommen, manche schlafen in den Wehenpausen sogar ein, sodass die Geburt möglicherweise ins Stocken gerät. Zudem geht
der Wirkstoff auf das Baby über. Daher
werden diese Medikamente zum Ende der
Geburt nicht mehr verabreicht, damit das
Neugeborene richtig atmen kann, wenn es
auf der Welt ist.
■
Bei der Periduralanästhesie (PDA) spritzt ein
Anästhesist ein örtliches Betäubungsmittel
in den Rückenmarkskanal, ohne dabei das
Rückenmark selbst zu erreichen. Von dieser
Stelle abwärts hat die Schwangere dann
keine Schmerzen mehr, spürt aber trotzdem
die Wehen, sodass sie weiterhin aktiv mitarbeiten kann. Viele Frauen empfinden dies
als große Erleichterung. Das Baby wird von
dieser Form der Anästhesie nicht beeinträchtigt. Bei der PDA ist das richtige Timing
wichtig: Wird sie zu früh gesetzt, erhöht sich
das Risiko für Komplikationen bei der Geburt;
kurz vor der Austreibungsphase lohnt sie
meist nicht mehr, weil das Baby bis zum vollen Eintritt der Wirkung in der Regel schon
geboren wäre. Es kann auch vorkommen,
dass die PDA nicht perfekt sitzt und die
Schmerzen nicht komplett, sondern nur teilweise ausgeschaltet werden. Manche Frauen
bekommen durch die PDA Kopfschmerzen
oder einen Blutdruckabfall. Außerdem können die Wehen nachlassen, und die Geburt
kann eventuell länger dauern oder gar zum
Stillstand kommen, sodass anschließend ein
Wehentropf nötig ist.
■
Beim Pudendus-Block wird ein Betäubungsmittel in die Nähe der Sitzbeinhöcker
gespritzt, um Schmerzen im Bereich des
Dammes, des Scheidenausgangs und der
Schamlippen auszuschalten. Diese Art der
Betäubung kommt in der Austreibungsphase
zum Einsatz, wenn die Schwangere starke
Schmerzen hat oder wenn eine Zangenoder Saugglockengeburt nötig ist. Die Wehenschmerzen bleiben davon unberührt, die
Schwangere verspürt weiterhin einen Pressdrang und kann aktiv mitarbeiten. Allerdings
besteht ein gewisses Risiko, beim Einspritzen
des Betäubungsmittels mit der Kanüle den
Kopf des noch ungeborenen Kindes zu treffen. Daher wird der Pudendus-Block fast
ausschließlich bei operativen Eingriffen wie
einem Dammschnitt sowie bei Zangen- und
Saugglockengeburten eingesetzt.
■
20
Wenn nicht alles nach Plan läuft …
Was Frauen abgesehen von den Schmerzen
die meiste Angst bereitet, ist die Ungewissheit. Denn wie eine natürliche Geburt verlaufen wird, lässt sich natürlich nie so ganz
genau vorhersagen. Einige Frauen haben so
starke Schmerzen oder sind so erschöpft, dass
sie nicht mehr entspannen können und die
Geburt ins Stocken gerät. Bei anderen werden während der Geburt plötzlich die Herztöne des Kindes schlechter, sodass schnelles
Eingreifen gefragt ist. Manchmal muss man
sogar komplett von seinem Plan abweichen,
beispielsweise wenn sich erst im Verlauf der
Geburt herausstellt, dass ein Kaiserschnitt
unumgänglich ist. Das kann in einer so emotionalen Stresssituation sehr belastend sein.
Umso wichtiger ist es daher, dass Sie schon
im Vorfeld akzeptieren und realisieren, dass
sich Ihre Wunschgeburt nicht planen lässt
wie ein Drehbuch. Natürlich dürfen und sollen Sie bei der Vorbereitung all Ihre Vorstellungen und Wünsche mit einfließen lassen,
und mit etwas Glück wird vieles davon auch
möglich sein. Bleiben Sie dennoch realistisch,
und spielen Sie in Gedanken auch einmal
durch, wie Sie damit umgehen würden, wenn
eventuell nicht alles nach Plan läuft. Umso
positiver werden Sie rückwirkend Ihr Geburtserlebnis bewerten – ganz gleich, wie die Entbindung verlaufen ist.
21
Der Kaiserschnitt
Ihr Baby soll per Kaiserschnitt auf die Welt kommen?
Dann lassen Sie sich kein schlechtes Gewissen einreden: Ihre Geburt kann
ebenso wunderschön und erfüllend werden wie eine natürliche Entbindung.
Was passiert bei einem Kaiserschnitt?
Beim Kaiserschnitt, auch Schnittentbindung
oder Sectio caesarea genannt, wird das
Baby mithilfe einer Operation aus dem Bauch
der Mutter geholt. Dazu öffnet der Arzt den
Unterbauch der Mutter nahe der Schamhaargrenze, um an die Gebärmutter zu gelangen.
Auch diese wird durch einen Schnitt eröffnet, sodass das Baby auf diesem Wege auf
die Welt „gehoben“ werden kann. In der
Regel erhält die werdende Mutter eine Anästhesie (ähnlich der PDA), sodass sie den Eingriff schmerzfrei, aber bei vollem Bewusstsein erlebt. Die OP dauert in der Regel etwa
45 Minuten.
Es gibt verschiedene Techniken für den Kaiserschnitt. Lange Zeit galt der nach seinem
Erfinder benannte „Pfannenstiel-Schnitt“ als
Standard, ein Querschnitt am Unterbauch
nahe der Schamhaargrenze. Heute wird oft
nach der Misgav-Ladach-Methode operiert,
die in den Medien unter der Bezeichnung
„sanfter Kaiserschnitt“ bekannt wurde.
So richtig sanft geht es allerdings auch hier
nicht zu: Es wird zwar nur ein kurzer Schnitt
mit dem Skalpell gesetzt, aber anschließend
wird die Öffnung durch Dehnen und Reißen
so weit vergrößert, dass das Kind hindurchpasst. Das „sanft“ bezieht sich vielmehr darauf, dass die auf diese Weise entstehende
Wunde schneller heilt19 und in der Regel
weniger Komplikationen nach sich zieht.20
Am Ende der Geburt vernäht der Arzt die
Öffnungen sowohl in der Gebärmutterwand
als auch in der Bauchdecke, was etwa 30
bis 45 Minuten in Anspruch nimmt. In den
meisten Fällen kann die Mutter ihr Baby
während dieser Zeit bereits im Arm halten.
Allerdings haben Kaiserschnittbabys manchmal Schwierigkeiten bei der Anpassung
an das Leben außerhalb der Gebärmutter,
beispielsweise bei der eigenständigen Atmung. In solchen Fällen muss das Baby erst
einmal getrennt von der Mutter medizinisch
versorgt werden.
22
Wann ist der Kaiserschnitt aus
medizinischen Gründen unvermeidbar?
Auch wenn Sie gern selbst bestimmen möchten, auf welchem Wege Sie Ihr Kind zur Welt
bringen, lassen die medizinischen Umstände
manchmal keine Wahl: entweder weil die
Geburt auf natürlichem Wege unmöglich
ist oder weil sie das Leben von Mutter oder
Kind gefährden würde. Diese sogenannten
absoluten Indikationen machen hierzulande
weniger als zehn Prozent21 der Kaiserschnitte
aus und umfassen folgende Umstände:
Das Becken der Mutter ist definitiv zu eng
für den Kopf des Kindes.
■ Die Plazenta liegt vor dem Muttermund
(Placenta praevia).
■ Die Plazenta löst sich vor der Geburt des
Kindes.
■ Die Mutter entwickelt eine schwere Form
der Schwangerschaftserkrankung (Schwan gerschaftsgestose).
■ Die Nabelschnur legt sich vor das Kind und
wird eingeklemmt (Nabelschnurvorfall).
■ Das Kind liegt quer in der Gebärmutter.
■
Der Kaiserschnitt als Alternative kam früher
überhaupt nur in den eben genannten Fällen
infrage. Heute dagegen wird er oft als mögliche Alternative zur natürlichen Geburt gesehen, und zwar immer dann, wenn es Risikofaktoren gibt, die bei einer vaginalen Entbindung möglicherweise – aber eben nicht
zwingend – zu Komplikationen führen könnten. Es gibt viele solcher relativen Indikationen, beispielsweise eine Beckenendlage des
Kindes, ein besonders großes und schweres
Kind, ein Geburtsstillstand, verschlechterte
Herztöne des Kindes oder die Gefahr eines
Gebärmutterrisses. In solchen Fällen ist eine
vaginale Entbindung im Prinzip möglich,
aber eventuell nicht die sicherste Variante.
Ihre Ärztin bzw. Ihr Arzt und Ihre Hebamme
werden Ihnen dann helfen, das individuelle
Risiko für Sie und Ihr Kind genauestens abzuwägen und die bestmögliche Lösung für
Sie beide zu finden.
Bei der Frage, ob eine relative Indikation vorliegt, gibt es einen gewissen Ermessensspielraum: Wenn beispielsweise eine Schwangere
sehr starke Angst vor der Geburt hat, kann
dies schon als hinreichender Grund für einen
Kaiserschnitt gelten – auch wenn eine Betreuung durch eine erfahrene Hebamme sowie entspannungsfördernde Heilmethoden
diese Angst in der Regel bereits im Vorfeld
wirkungsvoll verringern können.
Ein Sonderfall: der Kaiserschnitt auf
Wunsch ohne medizinische Indikation
Immer wieder taucht der Begriff „Wunschkaiserschnitt“ in den Medien auf – eine Sectio, bei der ausdrücklich keinerlei medizinische Gründe vorliegen, sondern die nur
auf persönlichen Wunsch der Schwangeren
erfolgt. Zahlreiche Prominente haben genau
dies vorgemacht, die Geburtstermine ihrer
Kinder mit den beruflichen Terminen ihres
Partners abgestimmt oder öffentlich bekundet, sich schlichtweg die Wehenschmerzen
ersparen zu wollen.
Umfragen zeigen jedoch, dass der Wunschkaiserschnitt als „Lifestyle-Geburt“ in Deutschland weder verbreitet noch populär ist:
Nur etwa zwei bis drei Prozent aller Frauen
würden sich ohne jegliche medizinische
Gründe für einen Kaiserschnitt entscheiden,
und 90 Prozent der Frauen, die bereits per
Kaiserschnitt entbunden haben, sind der Ansicht, dieser sollte nur durchgeführt werden,
wenn es wirklich notwendig ist.22
23
Welcher Weg ist der richtige?
Vor- und Nachteile für die Mutter
Müttersterblichkeit
Für die Mutter ist die sicherste Form der Entbindung die natürliche Geburt: Derzeit liegt
die Müttersterblichkeitsrate bei gesunden
Frauen bei lediglich 0,007 Promille, was einem Todesfall auf fast 150.000 Entbindungen
entspricht.23 Beim Kaiserschnitt ist das Risiko
für die Schwangere in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gesunken und liegt
heute bei 0,02 Promille, was etwa einen
Todesfall auf rund 57.000 Entbindungen
bedeutet. Auch dies ist ein ausgesprochen
geringes Risiko, das aber dennoch um den
Faktor 2,6 höher liegt als bei einer Spontangeburt. Es kommt allerdings auch darauf
an, ob der Kaiserschnitt vorab geplant war
und dementsprechend vorbereitet ist. Dann
ist das Risiko deutlich geringer, als wenn
die Entscheidung erst während der Geburt
getroffen wird.
Hinzu kommt, dass auch der Kaiserschnitt
alles andere als eine Geburt ohne Schmerzen
darstellt: Die Entbindung selbst ist dank der
Narkose zwar schmerzfrei, aber in den Tagen
danach werden Ihnen die operationsbedingten Schmerzen zu schaffen machen – und
das zu einem Zeitpunkt, an dem Sie sich viel
lieber intensiv um Ihr Baby kümmern möchten. So können sich viele Frauen wegen der
Wundschmerzen nur mit Mühe aufsetzen –
vom Heben des Kindes ganz zu schweigen.
Und auch beim Stillen ist es oft schwierig,
eine Position zu finden, in der die Wunde
nicht zu stark belastet wird. In einer Studie
berichteten fast 70 Prozent der Frauen, die
per Kaiserschnitt entbunden hatten, dass die
Versorgung des Kindes nach der Operation
erschwert gewesen sei. Und sogar 86 Prozent der Kaiserschnittmütter gaben an, sie
hätten die Folgen der Schnittentbindung
unterschätzt.24
Schmerzen
Körperliche Folgen
Da sich die Müttersterblichkeitsraten bei
Spontangeburt und Kaiserschnitt inzwischen
stark angenähert haben, gewinnen zunehmend auch andere Faktoren an Bedeutung,
beispielsweise das Thema Schmerzen.
Schließlich ist es heutzutage möglich und
üblich, Schmerzen zu lindern. Allerdings
lassen sich Wehenschmerzen natürlich nicht
nur mit einem Kaiserschnitt vermeiden, sondern es gibt viele Methoden, um die Schmerzen auch bei einer natürlichen Geburt zu
lindern (siehe Seiten 18 bis 19).
Abgesehen von den Wehenschmerzen kann
auch eine natürliche Geburt unangenehme
Folgen für die Mutter haben. Die häufigste
ist eine Verletzung des Damms (Dammschnitt
/Dammriss), die bei jeder zweiten Frau eintritt25 und Schmerzen bereiten kann. Zudem
wird der Beckenboden stark belastet, was
eine Harninkontinenz zur Folge haben kann:
Eine Studie aus dem Jahr 2002 zeigte, dass
38 Prozent der Frauen direkt nach der Entbindung Probleme damit hatten, ihren Urin
zurückzuhalten; nach einem Jahr waren es
immerhin noch 17,6 Prozent.
24
Bei Kaiserschnittmüttern waren unmittelbar
nach der Geburt lediglich 13,4 Prozent betroffen; ein Jahr später nur noch 5,2 Prozent.26 Einige Frauen klagen nach einer vaginalen Entbindung noch einige Zeit über
Schmerzen oder beeinträchtigte Empfindsamkeit beim Sex.
Diese körperlichen Folgen vermeidet man
größtenteils mit einem Kaiserschnitt, und für
manche Frau mag auch die Planbarkeit ein
positives Argument für diesen Geburtsweg
sein. Doch es gibt immer auch eine Kehrseite:
Obwohl der Kaiserschnitt in den vergangenen
Jahren erheblich sicherer und schonender geworden ist, bleibt er eine große Bauchoperation – mit all den damit verbundenen Risiken. Hierzu zählen neben dem Narkoserisiko
auch die Gefahr von Thrombosen, Infektionen, Wundheilungsstörungen und Narbenbildung. Hinzu kommt ein in der Regel längerer Aufenthalt im Krankenhaus und eine
fast doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, in
den Wochen nach der Entbindung erneut
stationär behandelt werden zu müssen.27
Die höhere Komplikationsrate kommt vor
allem dadurch zustande, dass nach einem
Kaiserschnitt häufiger Probleme mit der Plazenta auftreten. So entwickelt sich häufiger
eine „Placenta praevia“, bei der der Mutterkuchen so liegt, dass er den Gebärmutterausgang ganz oder teilweise verdeckt, was
eine natürliche Geburt unmöglich macht.
Ohne Kaiserschnitt sind normalerweise lediglich 0,3 Prozent der Schwangeren betroffen. Nach einem Kaiserschnitt ist dieses Risiko
fast verdreifacht, nach zwei Kaiserschnitten
liegt es bereits bei zwei Prozent und nach
weiteren Kaiserschnitten bei 4,2 Prozent.28
Außerdem besteht das Risiko, dass die Plazenta bei einer Folgeschwangerschaft mit
der Kaiserschnittnarbe verwächst, was bei
rund einem Viertel dieser Fälle dazu führt,
dass die Gebärmutter komplett entfernt werden muss. Solche Verwachsungen können
auch dafür verantwortlich sein, dass das Kind
im Mutterleib nicht ausreichend versorgt
wird und im schlimmsten Falle nicht überlebt.
Dies trägt dazu bei, dass das Risiko einer Totgeburt nach einem früheren Kaiserschnitt
doppelt so hoch ist wie nach einer vaginalen
Entbindung.29
Eine Entscheidung auch für die Zukunft
Wenn Sie sich ohne zwingenden Grund für
einen Kaiserschnitt entscheiden, sollten Sie
auch die Konsequenzen für die Zukunft bedenken: Bei einer Folgeschwangerschaft
tragen Kaiserschnittmütter ein höheres Risiko für Komplikationen, und in manchen
Fällen ist bei ihnen eine natürliche Geburt gar
nicht mehr möglich. Falls Ihr Kinderwunsch
mit dem aktuellen Nachwuchs also noch
nicht erfüllt sein sollte, sollten Sie daher in
jedem Fall auch diesen Punkt in Ihre Entscheidung mit einbeziehen.
Immerhin gilt die Regel „Einmal Kaiserschnitt,
immer Kaiserschnitt“ heute nicht mehr. In
vielen Fällen ist eine natürliche Entbindung
auch nach einer Sectio möglich. Allerdings
ist die Gefahr erhöht, dass die Gebärmutter
an der vernarbten Stelle reißt – ein lebensbedrohlicher Notfall für Mutter und Kind.
Das Risiko für eine solche Uterusruptur ist
zwar dank der verbesserten Operationstechnik beim Kaiserschnitt gesunken, liegt aber
immer noch deutlich höher als nach einer
natürlichen Geburt.
25
Emotionale Folgen
Bei der Abwägung zwischen natürlicher Geburt und Kaiserschnitt dürfen auch die seelischen Folgen nicht außer Acht gelassen
werden. Eine natürliche Geburt bedeutet
zwar eine enorme körperliche Anstrengung,
doch wenn das Kind auf der Welt ist, sind die
Schmerzen in der Regel schnell vergessen,
und meist ist die Mutter anschließend stolz
auf ihre Leistung. Eine unerwartet schwere
Geburt, eventuell sogar mit unerwarteten Ereignissen wie dem Einsatz von Geburtszange
oder Saugglocke, kann jedoch ein emotionales Trauma hinterlassen, das die nächste
Schwangerschaft belastet. Statistisch gesehen würde aber dennoch nur jede fünfte
Frau, die natürlich entbunden hat, beim
nächsten Mal einen Kaiserschnitt bevorzugen.30
Dagegen haben Frauen, die per Kaiserschnitt
entbinden, oft das Gefühl, etwas verpasst
zu haben: In einer Studie31 gab ein Viertel
von ihnen an, das Fehlen eines „richtigen“
Geburtserlebnisses zu bedauern. Fast sieben Prozent litten sogar unter psychischen
Problemen wie dem Gefühl, „versagt“ zu
haben. Jede zweite befragte Frau war der
Ansicht, dass sich ein Kaiserschnitt nachteilig auf die Bindung zwischen Mutter und
Kind auswirke. Und 87 Prozent der Kaiserschnittmütter waren der Meinung, dass
eine Frau versuchen sollte, ihr Kind auf natürlichem Wege zur Welt zu bringen.
26
Vor- und Nachteile für das Baby
Körperliche Schäden
Folgen für den Start ins Leben
Das Hauptargument für einen Kaiserschnitt
ist das geringere Risiko für das Baby, bei der
Geburt körperlichen Schaden zu erleiden.
Denn eine natürliche Geburt ist zwar für die
Mutter schonender, birgt aber durchaus Gefahren für das Kind: So kann es beispielsweise dazu kommen, dass das Kind nicht
mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt
wird, was in schweren Fällen zu Hirnschäden
führen kann. Es gibt zwar Überwachungsmöglichkeiten, doch komplett ausschließen
lässt sich das Risiko nicht. Auch die Passage
durch den engen Geburtskanal bleibt für das
Kind nicht immer ohne Folgen: Durch die
enormen Kräfte kann es zu Schlüsselbeinoder gar Schädelbrüchen kommen. Zudem
kann niemand vorhersagen, ob eine natürliche Geburt komplikationslos verlaufen wird:
Bei 5,2 Prozent der Geburten kommt eine
Saugglocke zum Einsatz, in weiteren 0,7 Prozent eine Geburtszange. In beiden Fällen
trägt das Baby ein erhöhtes Risiko für Verletzungen.
Doch auch wenn die Sterblichkeits- und Verletzungsrate beim Kaiserschnitt geringer ist,
ist er für das Baby alles andere als ein perfekter Start ins Leben. Denn der anstrengende
Weg aus dem Bauch der Mutter hat durchaus seinen Sinn. Ein Beispiel: Während das
Baby den engen Geburtskanal passiert, wird
die Flüssigkeit aus der Lunge vollständig herausgepresst, damit das Baby nach der Geburt
gleich selbstständig atmen kann. Bei einem
Kaiserschnitt geschieht dies nicht: Die so entbundenen Babys haben in der Folge zweibis dreimal so oft Atemschwierigkeiten wie
natürlich entbundene Kinder; doppelt so
viele von ihnen müssen deshalb auf die Neugeborenen-Intensivstation verlegt werden.33
Auch die Apgar-Werte, die den Zustand des
Neugeborenen nach der Geburt beschreiben,
liegen bei Kaiserschnittkindern im Mittel
niedriger.
Bei einem Kaiserschnitt ist all dies ausgeschlossen – ebenso wie jene seltenen tragischen Fälle, in denen das Kind kurz vor der
Geburt wegen einer vorzeitigen Ablösung
der Plazenta oder einer um den Hals gewickelten Nabelschnur noch im Mutterleib
stirbt. Das einzige Verletzungsrisiko, das
dem Kind bei einer Sectio droht, ist, dass es
beim Öffnen der Gebärmutter versehentlich
eine Schnitt-verletzung erleidet. Dies ist bei
knapp zwei Prozent der Kaiserschnitte der
Fall.32
27
Was sind die Apgar-Werte?
Die Apgar-Werte sind ein Punkteschema, mit dem sich der Zustand von Neugeborenen
standardisiert beurteilen lässt. Dabei werden die fünf Merkmale Herzfrequenz, Atemanstrengung, Reflexauslösbarkeit, Muskeltonus und Hautfarbe des Babys bewertet,
und zwar jeweils eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt. Je höher die ApgarWerte liegen, desto besser ist der Zustand des Kindes. Die optimale Punktzahl für
Neugeborene sind 9 bis 10 Punkte. Bei 5 bis 8 Punkten gilt das Kind als gefährdet, bei
unter 5 Punkten als akut lebensgefährdet.
Wichtig ist auch die Frage des richtigen Zeitpunkts. Üblicherweise wird ein geplanter
Kaiserschnitt zehn bis vierzehn Tage vor dem
errechneten Termin angesetzt. Das birgt die
Gefahr, dass das Baby eigentlich noch gar
nicht reif dafür ist, geboren zu werden. Entsprechende Untersuchungen weisen nach,
dass das Risiko gesundheitlicher Probleme
umso höher ist, je früher ein Kind zur Welt
kommt. Aus dieser Sicht wäre es also sinnvoll, einen geplanten Kaiserschnitt so spät
wie möglich vorzunehmen. Damit allerdings
gehen andere Vorteile des Kaiserschnitts wieder verloren, weil sich beispielsweise das
Risiko einer späten Totgeburt durch den späteren Entbindungstermin wieder erhöht.
Weichen stellen für das spätere
Leben des Kindes
Es gibt Studien, die belegen, dass die Wahl
der Geburtsmethode auch einen Einfluss
auf die Entwicklung und das spätere Leben
eines Kindes hat. So zeigte beispielsweise
eine britische Meta-Studie, dass Babys, die
per Kaiserschnitt zur Welt kommen, ein um
20 Prozent erhöhtes Risiko tragen, schon in
der Kindheit einen Typ-1-Diabetes zu entwickeln.34
Kaiserschnittkinder leiden auch häufiger an
Allergien: Das Risiko, an Heuschnupfen zu
erkranken, ist deutlich erhöht,35 bei Nahrungsmittelallergien liegt es sogar doppelt
so hoch.36 Der Grund hierfür ist vermutlich,
dass das Kind bei einer natürlichen Geburt
mit den Bakterien der vaginalen Schleimhaut
in Kontakt kommt und diese aufnimmt, was
die Entwicklung des Immunsystems des
Babys fördert – und bei einem Kaiserschnitt
im sterilen OP eben fehlt.
Es gibt auch Studien, die belegen, dass ein
Kaiserschnitt sogar das Erbgut des Babys
verändert:37 So wiesen Forscher nach, dass
sich das Erbgut der weißen Blutkörperchen
von Kaiserschnittbabys von denen natürlich
geborener Kinder unterscheidet. Was für
Auswirkungen dies haben könnte, ist jedoch
noch nicht hinreichend erforscht.
Ihre Entscheidung ist die richtige!
Vielleicht haben Sie Ihre Entscheidung
bereits getroffen. Vielleicht brauchen Sie
aber auch noch etwas Zeit dafür. Das
wäre verständlich. Nehmen Sie sich die
Zeit, sich zu informieren – und hören Sie
dabei stets auch auf Ihr Bauchgefühl.
28
Interview mit einer Expertin
Prof. Dr. Nicola H. Bauer ist seit 1988 Hebamme und seit 2001 Dipl.-Pflegewirtin
(FH). Sie arbeitete von 2004 bis 2010 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im
Verbund Hebammenforschung an der Hochschule Osnabrück in zwei vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojekten
zum Versorgungskonzept Hebammenkreißsaal. Nach ihrer Promotion wurde sie
im April 2010 an die Hochschule für Gesundheit in Bochum berufen. Dort ist
sie als Professorin für Hebammenwissenschaft tätig.
Frau Dr. Bauer, was raten Sie Frauen,
die Angst vor einer natürlichen Geburt
haben?
Viele Frauen haben Befürchtungen und Bedenken hinsichtlich der Geburt. Es ist eine
ganz neue Situation, die im Vorfeld nicht
abschätz- und planbar ist – auch bei einem
zweiten oder weiteren Kind nicht. Was Frauen benötigen, sind Informationen rund um
die Geburt und den Ablauf, die sie zum Beispiel in einem Geburtsvorbereitungskurs erhalten können. Hier können ihnen auch
Möglichkeiten der Wehenverarbeitung und
Schmerzlinderung vermittelt werden. Zudem
ist es sinnvoll, bereits in der Schwangerschaft
im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge
bzw. -beratung von einer Hebamme betreut
zu werden. Bei diesen Treffen ist ausreichend
Zeit gegeben, um Fragen, Befürchtungen
und Ängste anzusprechen und zu klären.
Wenn jemand unter sehr starken Ängsten
leidet, kann es außerdem sinnvoll sein, sich
psychologisch beraten zu lassen.
Wann würden Sie zu einem Kaiserschnitt raten?
Pauschal kann ich diese Frage nicht beantworten, denn es sollten immer der individuelle Fall, die betreffende Frau und ihre Situation betrachtet werden. Es gibt natürlich
medizinische Gründe, die einen Kaiserschnitt
zwingend nötig machen, aber auch viele
Grenzfälle, bei denen verschiedene Aspekte
gegeneinander abgewogen werden müssen,
um die bestmögliche Lösung zu finden.
Was sollten Frauen tun, denen die
Entscheidung schwerfällt?
Sprechen Sie zunächst intensiv mit allen Beteiligten – mit Ihrem Partner, Ihrem Frauenarzt, Ihrer Hebamme. Holen Sie sich Unterstützung. Klären Sie Ihre Fragen, bringen Sie
in Erfahrung, was aus medizinischer Sicht für
Sie sinnvoll und möglich wäre, und wägen Sie
dann die übrigen Faktoren gegeneinander
ab. Setzen Sie sich nicht unter Druck, und
hören Sie auch auf Ihr Bauchgefühl: Wenn
Sie sich für einen Weg entscheiden, sollten
Sie sich damit auch wohlfühlen. Dieser emotionale Aspekt ist ganz wichtig dafür, dass
Sie die Geburt als erfüllend erleben.
29
Bücher, Broschüren, Adressen, Links
Bücher und Broschüren
Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht
Caroline Oblasser, Ulrike Ebner, Gudrun Wesp
edition riedenburg, 2008
Die selbstbestimmte Geburt: Handbuch für
werdende Eltern
Ina May Gaskin, Kösel-Verlag, 2004
Du bist willkommen – Ein Wegbegleiter
rund um Schwangerschaft und Geburt
BARMER GEK Broschüre
Geburt erleben: Zwischen Niederkommen
und Hochgefühl
Jutta Ott-Gmelch, Verena Böning
Urban & Fischer Verlag, 2007
Kaiserschnitt auf Wunsch. Vorteile. Risiken.
Adressen.
Annette Bopp, Rowohlt Verlag, 2003
Kaiserschnitt: Ja! Nein! Vielleicht?
ProFamilia-Broschüre
Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter
Brigitte Renate Meissner
Meissner Winterthur, 2010
Kaiserschnitt – wie Wunden an Leib und
Seele heilen können
Theresia Maria De Jong, Gabriele Kemmler
Kösel-Verlag, 2003
Kaiserschnitt: Wunsch oder Notwendigkeit?
Wolfgang Grin Edition vabene, 2004
Meine Wunschgeburt: Selbstbestimmt
gebären nach Kaiserschnitt
Dr. med. Ute Taschner, Kathrin Scheck
edition riedenburg, 2012
Optimistisch trotz Risikoschwangerschaft
Sylvia Börgens
Kösel-Verlag, 2007
Broschüren der BARMER GEK erhalten Sie
in jeder BARMER GEK Geschäftsstelle oder
unter www.barmer-gek.de/broschueren.
Adressen und Links
Babyclub.de – www.babyclub.de
BARMER-Expertenforum Schwangerschaft
und Geburt – www.barmer-gek.de
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Referat Familienplanung und Verhütung
Ostmerheimer Straße 220, 51109 Köln
www.familienplanung.de
Das Kaiserschnitt-Netzwerk
www.kaiserschnitt-netzwerk.de
Gesundheitsseiten24 – Familienplanung
http://www.gesundheitsseiten24.de/
familienplanung
Online-Familienhandbuch des
Staatsinstituts für Frühpädagogik
www.familienhandbuch.de
ProFamilia – www.profamilia.de
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dieser Altersgruppe war die Rekonstruktion
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modulation at birth – altered DNAmethylation in white blood cells after
Caesarean section. Acta Paediatrica.
37
� Alle Internetlinks wurden zuletzt
am 25.05.2012 abgerufen.
Sie sind schwanger! Wie wunderbar!
Die meisten Frauen wünschen sich, ihr Kind auf ganz
natürlichem Weg zu bekommen. Doch manchmal läuft
alles anders, und das Kind muss durch eine Operation,
den sogenannten Kaiserschnitt, auf die Welt geholt
werden.
60166 0514
Wichtig ist, dass Sie und Ihr Baby die Geburt möglichst
sorgenfrei erleben. Dabei können Ihnen die Informationen
in dieser Broschüre helfen. Wir wünschen Ihnen alles
Gute für Sie und Ihr Baby!
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