14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus

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Hals, Schilddrüse und Ösophagus
14.1 Erkrankungen
Halsweichteile
Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
J. Maurer und B. M. Lippert
Angeborene Veränderungen
Halszysten und Halsfisteln
Laterale Halsfisteln
J. Strutz
Ätiologie. Laterale Halsfisteln sind Residuen des Kiemenbogensystems. Während der Embryonalentwicklung
kommt es zur Rückbildung des 3. und 4. Kiemenbogens
mit den korrespondierenden 2., 3. und 4. Kiemenspalten.
Die Ursache liegt im kaudalen Wachstum des 2. Kiemenbogens. Hierbei wird die Rückbildung der mit Ektoderm
ausgekleideten Kiemenspalten gestört.
Die lateralen Halsfisteln haben das Fistelmaul der Fistel
stets am Vorderrand des M. sternocleidomastoideus. Die
innere Öffnung findet sich im Pharynx auf unterschiedlicher Höhe, je nachdem, ob der 2. bzw. der 3. oder 4. Kiemenbogen ursächlich beteiligt ist. Überwiegend findet
sich die pharyngeale Öffnung in der Region der Fossa ton-
sillaris; sie kann aber auch im Sinus piriformis liegen. Hierbei zieht das Gangsystem vom Vorderrand des M. sternocleidomastoideus durch die Karotisbifurkation und lateral
der V. jugularis interna zur Tonsillenregion. Gangresiduen
des 3. Kiemenbogensegments ziehen meist hinter der
A. carotis interna und dem N. glossopharyngeus und überkreuzen dagegen den N. hypoglossus und den N. laryngeus superior (s. Abb. 14.34 und 14.35, S. 726).
Symptome und Diagnose. Laterale Halsfisteln sind bereits
bei der Geburt stets vorhanden. Es findet sich ein kleines
Fistelmaul am Vorderrand des M. sternocleidomastoideus
an unterschiedlicher Höhe; meist ist das untere oder das
mittlere Drittel des M. sternocleidomastoideus betroffen.
Häufig findet sich eine Sekretion am Fistelmaul; hier
kommt es zu rezidivierenden Infektionen.
Therapie. Die Therapie der lateralen Halsfisteln ist stets
chirurgisch. Das Fistelmaul wird spindelförmig umschnitten und das Gangsystem verfolgt. Da das Gangsystem bis
zu 10 cm lang ist (Abb. 14.1), sind 2 – 3 strickleiterartig angeordnete horizontale Hautinzisionen notwendig, um das
Gangsystem durch die Karotisbifurkation bis zur Tonsille
verfolgen zu können. Der letzte Schritt der operativen Chirurgie besteht in der Tonsillektomie und dem Durchzug
des Gangsystems.
Laterale Halszysten
J. Strutz
Abb. 14.1
Halsfistel.
Operationspräparat des Gangsystems einer lateralen
Ätiologie. Laterale Halszysten haben nichts mit lateralen
Halsfisteln zu tun. Sie sind bedingt durch heterotope Epitheleinschlüsse in zervikalen Lymphknoten.
Residuen des Kiemenbogensystems kommen für die
Entstehung von lateralen Halszysten kaum in Frage: Laterale Halszysten treten nie in der Säuglings- und Kleinkindphase in Erscheinung. Auf MRT-Bildern der Halsregion,
durchgeführt aus anderen Gründen während der Kindheit, können nie Anlagen einer lateralen Halszyste gefunden werden. Laterale Halszysten treten typischerweise im
2. und 3. Lebensjahrzehnt auf. Sie sind mit Epithel ausgekleidete Hohlräume mit lymphatischem Gewebe ohne
Verbindung nach außen oder innen.
Symptome. Häufig wird eine Zunahme der Schwellung
während Infektionen des oberen Aerodigestivtrakts beobachtet, insbesondere im Rahmen einer Tonsillitis. Je nach
Größe können außer der am äußerlichen Hals erkennbaren Schwellung (Abb. 14.2) Schmerzen, eventuell Dysphagie und Dyspnoe auftreten. Bei der Infektion kann es
zu einer Abszessbildung kommen.
Abb. 14.2
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Laterale Halszyste links.
Diagnose und Differenzialdiagnose. Laterale Halszysten
sind glatt begrenzte, rundliche, teils fluktuierende
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14.1.1
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Erkrankungen
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Schwellungen. Sie treten meist im oberen Drittel des Halses auf und zeigen im Ultraschall ein charakteristisches Erscheinungsbild. Es handelt sich um glatt begrenzte, rundliche bis ovale Strukturen mit meist geringer Echogenität.
Entzündungen führen zu sonographisch nachweisbaren
Veränderungen des Zysteninhalts. Weitere bildgebende
Verfahren sind bei unkomplizierten Fällen nicht erforderlich. Mögliche Differenzialdiagnosen sind Lymphome,
Lymphangiome, Glomus-caroticum-Tumoren, Neurofibrome und ektopisches Schilddrüsengewebe.
Mediale Halszysten und ‑fisteln
Ätiologie. Die mediale Halszyste entwickelt sich aus embryonalen Überbleibseln des Ductus thyroglossus. Ab
dem 17. Entwicklungstag wandert die Schilddrüse vom
Foramen caecum am Boden des primitiven Pharynx aus
nach kaudal. Ihre normale Position erreicht sie etwa in
der 7. embryonalen Entwicklungswoche. Bis zur 10. Entwicklungswoche bildet sich dann gewöhnlich der Ductus
thyroglossus zurück, der die Verbindung mit dem Foramen caecum während der Kaudalwanderung der Schilddrüse herstellte. Bleibt ein Teil des Gangs mit seinem Epithel erhalten, bildet sich eine Zyste, die mit kolloidartigem
Material gefüllt sein kann. Gewöhnlich besteht eine sehr
enge Lagebeziehung zum Zungenbein, weshalb Gangüberbleibsel vor, innerhalb und hinter dem Zungenbein liegen
können. Histologisch handelt es sich bei den medialen
Halszysten um mit Platten- oder zilientragendem Epithel
ausgekleidete Zysten und Gangsysteme. Gelegentlich finden sich auch muköse Drüsen oder ektopisches Schilddrüsengewebe. Mediale Halsfisteln entstehen sekundär, z. B.
spontan oder nach chirurgischer Entlastung bei Infektion
einer medialen Halszyste.
Symptome. Die meisten medialen Halszysten treten überwiegend vor dem 5. Lebensjahr in Erscheinung. Sie zeigen
sich als in der Mittellinie gelegene Schwellungen, die gelegentlich auch die Zunge verdrängen können. In ⅔ der Fälle
liegen die Zysten oberhalb des Zungenbeins; sie befinden
sich meist in der Mitte, gelegentlich können sie jedoch
auch nach lateral abweichen. Mediale Fisteln zeigen sich
durch eine Fistelöffnung mit Sekretion und Entzündungen
(Abb. 14.3).
14
Abb. 14.3
Mediale Halszyste mit Fistelbildung.
Diagnose und Differenzialdiagnose. Die Diagnose wird
anhand der Inspektion und Palpation gestellt. Reizlose
Zysten sind in der Regel schluckverschieblich. Der sonografische Befund kann die Verdachtsdiagnose bekräftigen.
Typischerweise zeigt sich eine glatt begrenzte, ovaläre,
echoarme bis echoleere Raumforderung mit dorsaler
Schallverstärkung. Eine enge Lagebeziehung zum Zungenbein ist häufig. Weitere bildgebende Verfahren sind in
unkomplizierten Fällen nicht erforderlich. Differenzialdiagnostisch müssen eine Laryngozele, entzündliche
Lymphknotenveränderungen, Dermoidzysten, Lipome,
Hämangiome, zystische Schilddrüsenknoten, ektopische
Speicheldrüsen- und Schilddrüsengewebe sowie laterale
Halszysten in Betracht gezogen werden.
Therapie. Die Behandlung der Wahl ist die chirurgische Exzision. Dabei muss der mittlere Anteil des Zungenbeins
mitentfernt werden, um Epithelreste im oder am Knochen
zu erfassen. Die Rezidivrate liegt bei Teilresektion des
Zungenbeins nur bei 3 – 5%. Bei medialen Halsfisteln sollte
der Fistelmund umschnitten und die Zyste mit Fistelgang
vollständig exstirpiert werden. Zur besseren Darstellung
empfiehlt sich die Anfärbung des Fistelgangs mit einem
Farbstoff.
Gefäßanomalien
Weder Lymphangiome noch Hämangiome noch venöse
Malformationen sind echte Neoplasien. Sie gehören vielmehr zu den häufigsten angeborenen und frühkindlichen
Weichgewebsfehlbildungen. Unter den verschiedenen
Klassifikationen hat sich die von Mulliken und Glowacki
erarbeitete bewährt, die physikalische Befunde, klinisches
Verhalten und zelluläre Reaktionen berücksichtigt. Sie
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Therapie. Die Behandlung der lateralen Halszysten ist immer die komplette chirurgische Exstirpation. Diese sollte
möglichst im infektionsfreien Intervall erfolgen. Bei einer
akuten Entzündung mit Abszedierung kann die Punktion
mit begleitender breiter antibiotischer Therapie zunächst
ausreichen; ggf. sind auch eine Inzision und Drainage erforderlich. Die chirurgische Sanierung erfolgt in diesen
Fällen dann sekundär. Operative Komplikationen sind selten. Hier ist insbesondere der N. accessorius, seltener der
N. hypoglossus betroffen. Liegt eine chronische Tonsillitis
vor, empfiehlt sich die gleichzeitige oder 2-zeitige Tonsillektomie.
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
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Klassifikation vaskulärer Anomalien.
Hämangiome
Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
vaskuläre
Malformationen
Tabelle 14.2
l
Schleimhauthämangiome (oberflächlich, tief, gemischt)
l
dermale Hämangiome (oberflächlich,
tief, gemischt)
l
Syndrome (z. B. Kasabach-MerrittSyndrom; benigne neonatale
Hämangiomatose)
l
Low-Flow-Läsionen:
l kapilläre Malformationen (Naevus
flammeus, Naevus simplex)
l Lymphangiome
l venöse Malformationen
l gemischte Malformationen
l
High-Flow-Läsionen:
l arteriovenöse Malformationen
l arterielle Malformationen
l arteriovenöse Fisteln
Abb. 14.4
l
Syndrome (z. B. Klippel-TrenaunaySyndrom)
sind schmerzlose kompressible Raumforderungen. Häufig
kommt es während Infektionen im Bereich des oberen
Aerodigestivtrakts zu einem Wachstumsschub, so dass sie
bei solchen Infektionen oft klinisch in Erscheinung treten.
Die Schwellung tritt meist im hinteren Halsdreieck auf.
Bei intraoraler oder pharyngealer Ausdehnung kann es zu
Störungen der Atmung und des Schluckvorgangs kommen. Die histologische Unterteilung in kapilläre (einfache), kavernöse und zystische Lymphangiome ist klinisch
nicht relevant und wurde daher von einem Staging-System abgelöst (Tab. 14.2), welches die zervikalen Lymphome nach anatomischen Gesichtspunkten in 5 Stadien unterteilt.
Einteilung zervikofazialer Lymphangiome.
Stadium
Lokalisation des Lymphangioms
I
unilateral infrahyoidal
II
unilateral suprahyoidal
III
unilateral infra- und suprahyoidal
IV
bilateral suprahyoidal
V
bilateral supra- und infrahyoidal
wurde auch von der International Society for the Study of
Vascular Anomalies (ISSVA) anerkannt (Tab. 14.1).
Vaskuläre Malformationen
Vaskuläre Malformationen sind bereits zum Zeitpunkt der
Geburt vorhanden. Im Gegensatz zu den Hämangiomen
zeigen sie keine Spontanremission. Das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen. Der Zeitpunkt des Auftretens
wird von den Flussparametern bestimmt. Kapilläre, lymphatische und venöse Malformationen gehören zu den
Low-Flow-Läsionen, während arterielle und arteriovenöse
Malformationen und arteriovenöse Fisteln als High-FlowLäsionen bezeichnet werden. Das klinische Erscheinungsbild variiert. Vaskuläre Malformationen zeigen sich als
verstärkte Venenzeichnung, als verfärbte Weichteilschwellung oder führen zu rezidivierenden, teils lebensbedrohlichen Blutungen.
Lymphatische Malformationen sind am häufigsten in
der Kopf-Hals-Region lokalisiert. Etwa 40% der Lymphangiome sind bereits im Neugeborenenalter manifest; bis
zum Ende des 2. Lebensjahrs werden 90 % der Lymphangiome erkennbar. Sie können aber auch noch bis zum 40.
oder 50. Lebensjahr auftreten. Lymphangiome (Abb. 14.4)
682
Zervikales Lymphangiom.
Diagnose. Für oberflächlich gelegene Lymphangiome ist
die Ultraschalluntersuchung zur Bestimmung der Größenausdehnung und der Beziehung zu den umgebenden
Strukturen ausreichend. Im Ultraschall ist eine dünnwandige zystische, meist echoarme bis echoleere Raumforderung zu erkennen, die septiert sein kann. Insbesondere bei
Entzündungen kann aber auch eine gemischte Echogenität auftreten, die dann die Differenzialdiagnose erschwert.
Bei größeren Raumforderungen, insbesondere wenn sie
sich zur Tiefe und nach kaudal ausbreiten, ist eine MRT indiziert. In die differenzialdiagnostischen Erwägungen
müssen mediale und laterale Halszysten, Lymphome,
Hämangiome und andere Neoplasien miteinbezogen
werden.
Therapie. Da Lymphangiome höchst selten zu einer Spontanheilung neigen, besteht die Therapie der Wahl in der
chirurgischen Resektion unter Zuhilfenahme mikrochirurgischer Techniken. Für eine frühzeitige Operation spricht
die Tatsache, dass die Resektion ohne vorausgegangene
Infektionen einfacher durchzuführen ist. Bei der Operation sollte in jedem Fall eine komplette Exstirpation unter
Schonung umgebender Strukturen angestrebt werden.
Dies kann insbesondere bei den oft fingerförmig verzweigten und mit der Muskulatur verklebten Lymphangiomen der Submandibularregion erschwert sein. Bleiben
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Tabelle 14.1
Tumorreste zurück, werden Rezidive in bis zu 15 % der Fälle beobachtet. Eine durchaus erfolgversprechende Alternative zur Operation stellt die Sklerotherapie mit Picibanil
(OK-432) dar. Picibanil ist eine lyophilisierte inaktivierte
Mixtur aus Streptococcus pyogenes der Gruppe A, die zu
einer Zerstörung des Zystenepithels mit nachfolgender
Verklebung und Schrumpfung führt.
Hämangiome
Hämangiome entwickeln sich typischerweise wenige Tage
oder Wochen nach der Geburt. Mädchen sind etwas häufiger als Jungen betroffen. Nach einer initialen Wachstumsphase setzt eine langsame, spontane Rückbildung ein. Im
Alter von 9 Jahren ist die Involution zu ca. 90 % abgeschlossen. Allerdings können bei bis zu 50 % der betroffenen Kinder Residuen im Form von Teleangiektasien, Narben oder
atrophen Hautveränderungen beobachtet werden. Hämangiome sind überwiegend an der Hautoberfläche lokalisiert, können aber auch an den Schleimhäuten auftreten.
Sie manifestieren sich zu ca. 60 % im Kopf-Hals-Bereich.
Am häufigsten sind sie an der Haut der Schädeldecke lokalisiert, gefolgt von Hals- und Gesichtshaut.
Diagnose. Die Diagnose kann in den überwiegenden Fällen anhand des charakteristischen klinischen Erscheinungsbilds und der Ultraschalldiagnostik einschließlich
Farbduplexsonografie verlässlich gestellt werden. Eine
MRT‑Untersuchung ist bei größeren und der Ultraschalldiagnostik nicht sicher zugänglichen Hämangiomen erforderlich. Bei multiplen kutanen Hämangiomen sollten gehäuft auftretende viszerale oder zerebrale Hämangiome
ausgeschlossen werden. Eine Angiografie kann erforderlich werden, wenn eine Embolisation therapeutisch in Betracht gezogen wird.
Therapie. Bei kleinen, oberflächlichen und nicht proliferierend wachsenden Hämangiomen ist zunächst eine abwartende Haltung angezeigt, da sich viele angeborene
Hämangiome spontan zurückbilden. Wichtig ist allerdings
eine regelmäßige und engmaschige Befundkontrolle mit
objektivierbarer Bilddokumentation. Der entscheidende
Faktor zur Therapieindikation ist das Wachstumsverhalten. Bei plötzlich einsetzendem und schnellem Wachstum, bei Blutungen oder wiederholten Infektionen sollte
eine definitive Therapie angestrebt werden. Hierdurch
können insbesondere in der Gesichtsregion schwere kosmetische und funktionelle Komplikationen vermieden
oder reduziert werden. Die Wahl des Therapieverfahrens
ist individuell und wird wesentlich von Lokalisation,
Größe sowie Tiefenausdehnung der Läsion beeinflusst.
Die Kryotherapie hat sich vor allem zur Behandlung
von kleinen, überwiegend oberflächlich wachsenden
Hämangiomen bewährt. Kortikosteroide (Methylprednisolon oder Prednison) werden bevorzugt bei rasch proliferierenden Hämangiomen eingesetzt und können zu einer
Wachstumsverlangsamung und/oder Rückbildung führen.
Die Dosierung liegt bei 2 – 5 mg/kg Körpergewicht und Tag
über einen Zeitraum von 3 – 4 Wochen. Stellt sich aller-
Erkrankungen
dings nach der 1. Behandlungswoche kein wachstumshemmender Effekt ein, ist insbesondere bei rasch proliferierenden Hämangiomen eine Fortsetzung nicht sinnvoll.
Es muss dann rasch eine chirurgische Therapie erfolgen.
In den letzten Jahren hat die Laserbehandlung bei Hämangiomen immer mehr an Bedeutung gewonnen (Näheres
s. S. 728). Chirurgische Therapien, alleine oder in Kombination mit Embolisation und/oder Lasertherapie, sind
meist bei stark proliferierenden Hämangiomen indiziert,
die sich mit anderen Behandlungen nicht ausreichend haben beherrschen lassen. Auch chemo- und immuntherapeutische Behandlungen mit Interferon sollten nur bei
Versagen anderer Therapieansätze als Therapie der letzten Wahl Anwendung finden.
Alle genannten therapeutischen Optionen haben ihre
Vor- und Nachteile. Vielfach sind Kombinationstherapien
und mehrere Behandlungsschritte erforderlich. Wegen
des oft unvorhersehbaren Verlaufs muss aber eine Flexibilität in den Behandlungsoptionen erhalten bleiben. Bei
komplizierteren Hämangiomen ist eine interdisziplinäre
Versorgung sinnvoll.
Raumfordernde Missbildungen
Teratome
Ätiologie, Symptome und Diagnose. Bei Teratomen handelt es sich um Entwicklungsfehlbildungen, die Elemente
aller 3 Keimblätter enthalten. Sie kommen ubiquitär vor;
ca. 2 – 9% sind in der Kopf-Hals-Region lokalisiert. Die Zellen können in allen Differenzierungsstadien angetroffen
werden. Sehr unreife Zellen sollen für eine mögliche maligne Entartung sprechen, die jedoch sehr selten vorkommt.
Teratome werden gewöhnlich im Verlauf des 1. Lebensjahrs festgestellt. Dabei fallen sie entweder als sichtbare
Schwellung am äußeren Hals auf oder dadurch, dass sie
durch Kompression zu einer Einengung der Atemwege
führen. Gelegentlich treten auch Schluckstörungen auf.
Bei der ultrasonografischen Untersuchung zeigen sich
Strukturen mit Abschnitten erhöhter und erniedrigter
Echogenität. Bei der Röntgenuntersuchung können in bis
zu 50 % der Fälle verkalkte Strukturen beobachtet werden.
Im Allgemeinen ist das Auftreten von Teratomen nicht mit
dem anderer angeborener Anomalien verbunden.
Differenzialdiagnose. Differenzialdiagnostisch sind die
Teratome von zystischen Hygromen, lateralen und medialen Halszysten, kavernösen Hämangiomen, Laryngozelen
und Lipomen abzugrenzen.
Therapie. Nach Diagnosestellung ist die Exstirpation erforderlich, um eine Obstruktion der Atemwege zu verhindern. Ohne frühzeitige Behandlung sterben die meisten
Patienten an dieser Komplikation.
Epidermoidzysten
Epidermoidzysten (epidermale Zysten, Atherome) sind
subepidermale zystische Tumoren, die oft mit der bedeckenden Epidermis durch eine enge Öffnung oder einen
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dilatierten Haarfollikel in Verbindung stehen. Sie sind mit
einem orthokeratotisch verhornenden Plattenepithel ausgekleidet und enthalten geschichtete Hornlamellen. Gut ¼
der Epidermoidzysten sind im Mundbodenbereich lokalisiert. Eine submental lokalisierte Epidermoidzyste kann
klinisch als prall-elastische Schwellung im Bereich des
vorderen Mundbodens imponieren, so dass neben einer
Lymphknotenschwellung differenzialdiagnostisch auch
eine Ranula in Erwägung gezogen werden muss. Sonografisch imponieren derartige Raumforderungen als zystisch
abgekapselt, mit zentral soliden, kugelförmigen Anteilen
ohne Vaskularisierungszeichen in der Duplexsonografie.
Bei der Punktion zeigt sich typischerweise ein dickes, zähes, teilweise fötide riechendes Sekret. Eine frühzeitige
Exstirpation sollte zur Vermeidung entzündlicher Komplikationen angestrebt werden.
Raumforderungen des Thymus
Raumforderungen, die vom Thymus ausgehen, sind sehr
selten und gewöhnlich benigne. Sie müssen bei Kindern
in Erwägung gezogen werden, die einen zystischen Tumor
im unteren medialen Halsbereich haben. Dieser ist palpatorisch fest und rund und liegt in der supraklavikulären
Region. Husten und Dyspnoe können auftreten. Bei größeren Thymuszysten können die Atemstörungen gravierend
sein. Bei 50 % der Patienten mit einem Thymom besteht
gleichzeitig eine Myasthenia gravis. Differenzialdiagnostisch müssen Thymushyperplasien, Thymome und, sehr
selten, vom Thymus ausgehende Lymphosarkome in Erwägung gezogen werden. Da diese Raumforderungen das
anteriore Mediastinum miteinbeziehen, ist eine CT- und/
oder MRT‑Untersuchung erforderlich. Die operative Therapie erfolgt in Zusammenarbeit mit den Thoraxchirurgen.
Dermoide
Dermoide sind benigne, reife Teratome. Es handelt sich
um eingekapseltes Gewebe mit ektodermaler Dominanz.
Infolgedessen enthalten Dermoide unterschiedliche Anhängsel, wie Haarfollikel, Talg-, Schweiß- und Speicheldrüsen, und sind mit einer kleisterartigen Masse ausgefüllt. Die Tumoren sind meist subkutan gelegen und gut
verschieblich. Sonografisch stellen sie sich als echoarme
bis echoleere Raumforderungen dar. Sie sind glatt begrenzt und von rundlicher bis ovalärer Form. Je nach Flüssigkeitsanteil zeigt sich eine dorsale Schallverstärkung.
Eine Echogenitätszunahme bei gleichzeitiger Abnahme
der scharfen Abgrenzbarkeit liegt bei zunehmender Entzündung vor. Eine Beziehung zu Blutgefäßen oder zu den
tiefen Halsstrukturen besteht in der Regel nicht. Eine komplette Exzision ist erforderlich.
Laryngozelen
Ätiologie. Laryngozelen sind ein- oder doppelseitige, sackartige Ausstülpungen der endolaryngealen Schleimhaut
des Sinus Morgagni. Sie sind mit normalem respiratorischem Epithel mit schleimbildenden Zellen ausgekleidet.
Entsprechend ihrer Ausdehnungsrichtung unterscheidet
man innere, äußere und kombinierte Laryngozelen. Sie
können angeboren und erworben sein und treten häufig
erst in der 5. – 6. Lebensdekade klinisch in Erscheinung.
Als pathogenetische Faktoren sind eine mangelhafte Rückbildung des embryonalen Sacculus laryngis, ein erhöhter
intralaryngealer Druck, eine übermäßige Schlaffheit der
Weichteile sowie auch Traumen zu nennen.
Symptome. Äußere Laryngozelen treten als schmerzlose,
weiche oder prall-elastische Raumforderung durch die
Membrana thyreohyoidea seitlich zwischen Zungenbein
und oberem Schildknorpelrand durch. Bei einem Valsalva-Manöver kann die Vorwölbung deutlicher hervortreten. Die Zysten können sowohl mit Flüssigkeit als auch
mit Luft gefüllt sein. Häufig werden sie erst bei Infektionen bemerkt. Durch Schleimeinlagerung und nachfolgende Entzündung kann klinisch das Bild einer infizierten
medialen oder lateralen Halszyste entstehen. In Abhängigkeit von der Größe treten neben der äußerlich sichtbaren
Raumforderung Globusgefühl und Dysphagie oder Heiserkeit bis hin zum Stridor auf.
Diagnose. Die Diagnose kann ergänzend zur typischen
Symptomatik anhand des Ultraschallbefunds leicht gestellt werden. Zusätzlich sollte aber eine Dünnschicht-CT
durchgeführt werden (Abb. 14.5), da mit dieser Technik
das knöchern-knorpelige Kehlkopfskelett am besten zur
Darstellung kommt.
Abb. 14.5
684
Axiale CT einer Laryngozele.
Therapie. Eine chirurgische Therapie ist dann erforderlich,
wenn funktionelle Beeinträchtigungen wie Atemnot,
Stimmstörungen oder Schwierigkeiten bei der Ernährung
auftreten. Intralaryngeale Zysten können endoskopisch,
meist lasermikrochirurgisch, exzidiert oder marsupiali-
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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Entzündliche Erkrankungen
Unkomplizierte Infektionen der Halsweichteile
Entzündungen der Haut und der Hautanhangsgebilde
Furunkel sind von den Haarbälgen ausgehende eitrige Entzündungen. Sie kommen im gesamten Bereich des Gesichts und Halses, hier insbesondere im Nacken, vor.
Karbunkel entstehen bei konfluierenden Entzündungen
mehrerer Haarbälge. Es handelt sich fast immer um Infektionen durch Staphylokokken. Ebenfalls durch Staphylokokken werden Entzündungen von Atheromen verursacht. Die Therapie derartiger Infektionen besteht in der
Gabe eines gegen Staphylokokken wirksamen Antibiotikums sowie der Inzision und Drainage. Atherome werden
im entzündungsfreien Intervall in toto entfernt.
Beim Skrofuloderm handelt es sich um zunächst blaurötliche Nodi in der Haut, die im Verlauf einschmelzen
und zur Fistelbildung neigen. Sie kommen bei Kindern
und Erwachsenen vor und werden als tuberkulöse Hauterkrankung angesehen.
Die Aktinomykose entsteht durch die zur normalen
Schleimhautflora gehörenden Actinomyces israeli als eitrig einschmelzende Entzündung. Bei der zervikofazialen
Form kommt es meist am Hals zu sehr harten, subkutanen
Indurationen, später zur Eiterbildung und spontanen
Eröffnung. Eine längere antibiotische Therapie führt in
der Regel zur Ausheilung.
Lymphadenopathie
Die unspezifische Lymphadenitis ist die häufigste benigne
Lymphknotenerkrankung. Vergrößerungen der Lymphknoten sind häufig Ausdruck einer reversiblen Aktivierung des Immunsystems aufgrund akuter oder subakut
ablaufender viraler oder bakterieller Infektionen. Sie kommen besonders häufig im Kindesalter vor.
Symptome. Die ein- oder beidseitig auftretenden Lymphknotenschwellungen sind schmerzlos oder druckdolent
und je nach Größe auch bei der Inspektion gut sichtbar.
Eine Rötung oder Überwärmung deutet auf eine beginnende Abszedierung hin.
Diagnose. Die Diagnose kann vielfach aufgrund der Anamnese und des Palpationsbefunds gestellt werden. So tritt
die unspezifische Lymphadenitis colli bei primären Entzündungslokalisationen im Bereich von Oropharynx und
Tonsillen, Nasopharynx, Mundschleimhaut, Zähnen, Kopfhaut, Ohrmuschel und Gehörgang auf. Die Lymphknoten-
.........
schwellungen finden sich im primären Lymphabflussgebiet der Eintrittspforte. In der Ultraschalluntersuchung
finden sich mehrere, häufig in Ketten liegende, echoarme,
rundliche bis ovale und bis 2 cm große Lymphknoten. Im
Blut werden erhöhte Entzündungswerte (Leukozyten,
C‑reaktives Protein und Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit) angetroffen.
Differenzialdiagnose. Wenn bei der initialen Untersuchung keine eindeutige Ursache zu finden ist und ein längeres Fortbestehen im Sinne einer chronischen Lymphadenitis colli vorliegt, sind Serumtiteruntersuchungen auf
EBV, Toxoplasmose und HIV‑Erkrankung zu veranlassen.
Auch die Katzenkratzkrankheit, die Bruzellose sowie die
Tularämie müssen in Erwägung gezogen werden. Differenzialdiagnostisch sollte immer an eine Lymphknotentuberkulose, maligne Lymphome und Lymphknotenmetastasen gedacht werden. Aus diesem Grund ist im Zweifel
eine histologische Abklärung anzustreben.
Therapie. Die isolierte unspezifische Lymphadenopathie
muss in der Regel nicht behandelt werden und bildet sich
spontan zurück. Bei stärkeren Entzündungen kann es in
den Lymphknoten zu eitrigen Einschmelzungen im Sinne
einer Abszessbildung kommen. Hier werden dann neben
der antibiotischen Therapie, die auch anaerobe Keime erfassen sollte, eine Abszessinzision und Drainage erforderlich.
Halslymphknotentuberkulose
Bei Lymphknotentuberkulose unterscheidet man Infektionen mit dem klassischen Mycobacterium tuberculosis, seltener auch Mycobacterium bovis, von Entzündungen
durch sog. atypische Mykobakterien.
Klassische Halslymphknotentuberkulose. Bei der klassischen Halslymphknotentuberkulose handelt es sich fast
immer um eine postprimäre hämatogene Lymphknotentuberkulose, die überwiegend durch das Mycobacterium
tuberculosis verursacht wird. Sie gilt als geschlossene Tuberkulose und tritt in ca. 80% der Fälle als isolierte Manifestation auf.
Die Lymphknotenschwellungen können ein- oder beidseitig auftreten und liegen im unteren jugulären, im supraklavikulären und im lokalen Lymphknotenabflussgebiet. Es können einzelne Lymphknoten befallen sein, aber
auch ganze Gruppen. In späteren Stadien kommen Fistelbildungen sowie Fistelnarben vor.
Die Diagnosestellung ist häufig schwierig. Zur Lokalisation der zervikalen Lymphknoten ist die B‑Sonografie ausreichend. Die Diagnosesicherung erfolgt aufgrund der Histologie und des mikrobiologischen Erregernachweises in
der Kultur. Wesentlich verbessert und zeitlich verkürzt
hat sich die Diagnostik durch den molekularbiologischen
Nachweis von Mykobakterien mittels Polymerasekettenreaktion (PCR). Darüber hinaus gehören die Abklärung
der Lunge (Röntgenthorax, Sputumuntersuchungen) und
der Tuberkulintest zur Basisdiagnostik.
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siert werden. Bei äußeren Laryngozelen, die sich in die
Halsweichteile ausbreiten, muss ein externer Zugang unter Erhalt aller neurovaskulären Strukturen gewählt werden. Sind Laryngozelen infiziert, kann neben der antibiotischen Therapie eine Inzision und Drainage erforderlich
sein. Die endgültige Exzision erfolgt dann in einem 2.
Schritt.
Erkrankungen
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
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Atypische Halslymphknotentuberkulose. Durch atypische Mykobakterien verursachte Lymphknotenschwellungen kommen besonders bei Kleinkindern vor. Als
bevorzugte Eintrittspforte wird die orale Mukosa angesehen.
Häufig zeigt sich eine über Wochen trotz Anwendung
verschiedener Antibiotika persistierende oder progrediente Lymphknotenschwellung, die typischerweise submanibulär oder im Kieferwinkel lokalisiert ist. Nicht selten findet sich eine entzündliche Rötung und Infiltration
der Haut.
Neben Inspektion und Palpation (schlechte oder aufgehobene Verschieblichkeit) ist die B‑Sonografie ausreichend. Die Diagnosestellung gelingt nur durch histologischen und mikrobiologischen Erregernachweis (meist
Tbc avium).
Da eine medikamentöse Behandlung nur selten zu
einer dauerhaften Heilung führt, ist vielfach eine chirurgische Sanierung des zervikalen Lymphabflussgebiets im
Sinne einer selektiven Neck Dissection indiziert. Postoperativ sollte noch eine systemische antibiotische Therapie
über Monate erfolgen. Eine Kooperation mit dem Pädiater
ist zu empfehlen.
Sarkoidose, Morbus Boeck
Ätiologie. Die Sarkoidose ist eine epitheloidzellige, ebenfalls granulomatöse Entzündung, die sich im gesamten
retikulohistiozytären System ausbreitet. Sie kann sich in
nahezu allen Organen manifestieren. Der Pathomechanismus dieser Systemerkrankung ist bisher nicht sicher geklärt. Bevorzugte Manifestationsorte sind die Lunge sowie
mediastinale und zervikale Lymphknoten. Durch die Entzündungsreaktion und Granulombildung entstehen Nekrosen und Narben, die in dem befallenen Organsystem
zu irreversiblen Schäden führen.
Symptome. Es wird eine akute von einer chronischen Verlaufsform unterschieden. Die akute Sarkoidose hält einige
Wochen an und ist durch Allgemeinsymptome wie Fieber,
Abgeschlagenheit, Gelenkbeschwerden und ein Erythema
nodosum charakterisiert. Es werden 2 Sonderformen unterschieden:
l Morbus Boeck: Dieser ist durch bilaterale Lymphknotenschwellung, Arthritis und ein Erythema nodosum
gekennzeichnet.
l Heerfordt-Syndrom: Typische Symptome sind eine
meist bilaterale Schwellung der Glandulae parotis,
eine Fazialisparese und Uveitis.
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Die chronische Sarkoidose verläuft über Monate und
äußert sich verstärkt in pulmonalen Symptomen, wie
Husten, Dyspnoe oder Pleuraergüssen. Extrapulmonale
Manifestationen treten als zervikale Lymphknotenschwellungen oder Befall anderer Organe auf.
Diagnose und Differenzialdiagnose. Die radiologische
Diagnostik ist wegweisend. Charakteristisch ist die doppelseitige, schmetterlingsförmige Lymphknotenschwellung im Bereich der Lungenhili. Die histologische Bestätigung erfolgt durch einen Biopsie aus dem Bronchialsystem oder auch nach erfolgter Lymphknotenexstirpation.
Folgende Laborparameter sind zur Abklärung der Sarkoidose hilfreich: CAP, ACE, SIL2R (s. S. 570).
Therapie. Die Therapie der akuten Form erfolgt mittels
nicht steroidaler Antiphlogistika, die der chronischen
Form durch die Gabe von Kortikosteroiden zur Immunsuppression. Die Therapie wird in enger Kooperation mit
dem Pulmologen und dem Immunologen vorgenommen.
Komplizierte Infektionen
Anatomie der Halsweichteile
Die Halsweichteile sind durch ihre Faszien und die GefäßNerven-Scheiden in verschiedene Räume aufgeteilt, in denen sich entzündliche Veränderungen abspielen und auf
die sie zunächst begrenzt bleiben (Abb. 14.6).
Parapharyngealraum. Der Parapharyngealraum enthält
lockeres Bindegewebe und liegt lateral der Faszie des
M. buccinator und medial der Faszie der Pterygoidmuskulatur des Unterkiefers und des Gefäß-Nerven-Bündels.
Nach oben reicht er bis unter die Schädelbasis und wird
nach unten in Höhe des Zungenbeins durch die Vereinigung der Faszienumhüllungen der Glandula submandibularis, des M. stylohyoideus und des hinteren Bauches des
M. digastricus begrenzt. Nach hinten und medial besteht
eine mögliche Kommunikation mit dem retropharyngealen Raum, nach vorne und unten kommuniziert der parapharyngeale Raum mit dem submandibulären und sublingualen Raum. Durch die zentrale Lage und die vielen Verbindungen ist der Parapharyngealraum die am häufigsten
an komplizierten Halsinfektionen beteiligte Region und
erlaubt außerdem die Ausbreitung von Infektionen von
einer Region zur anderen. Von besonderer Bedeutung ist
dabei das Übergreifen auf das Gefäß-Nerven-Bündel mit
der Umhüllung der A. carotis und auf den retropharyngealen Raum. Am häufigsten ist der Parapharyngealraum
bei entzündlichen Erkrankungen der Zunge und ihrer
lymphatischen Abflusswege, der Glandula submandibularis, der Tonsillen und des Peritonsillarraums sowie der
Kaumuskelregion und der Regio parotidea beteiligt.
Submandibularraum. Der Submandibularraum besteht
eigentlich aus 2 nur teilweise durch den M. mylohyoideus
getrennten Kompartimenten. Unterhalb des M. mylohyoideus liegt der submaxilläre Raum, dessen vorderer Ab-
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Im Vordergrund der Therapie steht eine medikamentöse tuberkulostatische Therapie (Kombination aus den
Medikamenten Ethambutol, Isoniacid, Rifambicin, Pyrazinamid und Streptomycin). Bei Befall der Haut, Fistelbildung oder ausgeprägter Lymphknotenschwellung kann
ergänzend eine chirurgische Resektion bis hin zur Neck
Dissection erforderlich sein.
................................................................
Erkrankungen
.........
Abb. 14.6 Anatomie der Faszienräume
des Halses (schematisch).
a Sagittaler Schnitt.
b Koronarer Schnitt.
c Horizontaler Schnitt.
c
Wirbelkörper
prävertebral
retropharyngeal
präpharyngeal
parapharyngeal
M. longus colli
M. scalenus
anterior
perivasal
Gefäßscheide
Pharynx
Larynx
Schilddrüse
mittlere
Halsfaszie
M. sternothyroideus
oberflächliche
Halsfaszie
M. sternocleidomastoideus
tiefe Halsfaszie
substernal
prätracheal
687
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14
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
schnitt auch noch als submentaler Raum bezeichnet wird.
Oberhalb des M. mylohyoideus befindet sich der sublinguale Raum. Sowohl der submaxilläre als auch der sublinguale Raum sind jeweils ohne größere Abtrennung mit
der Gegenseite verbunden. Der submandibuläre Raum
insgesamt wird nach oben und medial durch die orale Mukosa und die Zunge sowie die Mandibula begrenzt, nach
lateral durch die Lamina superficialis der tiefen Halsfaszie,
mit ihrer Befestigung an der Mandibula und am Zungenbein. Entzündungen, die den submandibulären Raum betreffen, gehen vom Mundboden, von den Glandulae sublinguales und submandibulares, von der Zunge oder auch
von Zähnen oder Zahnwurzeln des Unterkiefers aus. Ausbreitungen entzündlicher Veränderungen können nach
hinten zur Gefäß-Nerven-Scheide oder zum retropharyngealen Raum über den parapharyngealen Raum erfolgen.
Raumfordernde Wirkungen nach oben und lateral zum
Unterkiefer und zum oberflächlichen Blatt der tiefen Halsfaszien können die Zunge nach oben und hinten verlagern.
Dies kann bei schweren Entzündungen auch zu einer
Obstruktion der Atemwege führen.
Raum mit Kaumuskulatur. Der Raum, der die Kaumuskulatur enthält, wird durch eine Aufteilung des oberflächlichen Blattes der tiefen Halsfaszie gebildet, die die Mandibula und die primären Kaumuskeln umscheidet. Dieser
Raum enthält den M. masseter, den medialen und lateralen M. pterygoideus, den Unterkiefer und den Ansatz des
M. temporalis. Die Begrenzung dieses Raumes erfolgt
durch die Ansätze der Halsfaszie am Jochbein, an der Mandibula, an der Pterygoidmuskulatur und an der Schädelbasis. Nach oben und medial besteht eine Verbindung zum
Subtemporalraum medial des Jochbogens. Häufigste Ursache für Infektionen in diesem Gebiet sind Komplikationen
bei Erkrankungen der Zähne.
Parotisloge. Die Parotisloge liegt zwischen der oberflächlichen und tiefen Parotiskapsel, die aus einer Aufteilung
des oberflächlichen Blattes der tiefen Halsfaszie besteht.
Die oberflächliche Kapsel ist relativ dick und fest mit den
darunter liegenden Anteilen der Drüse verwachsen. Von
ihr ausgehend verlaufen einige bindegewebige Septen in
die Drüse und bilden so zahlreiche intraglanduläre Kompartimente. Dagegen ist die mediale Kapsel eher dünn
und grenzt an den parapharyngealen Raum. Infektionen
innerhalb der Drüse breiten sich daher eher nach medial
in das Spatium parapharyngeum aus. Von hier können sie
dann zum retropharyngealen Raum oder in die GefäßNerven-Scheide und so auch per continuitatem zum Mediastinum voranschreiten.
Retropharyngealer Raum. Der retropharyngeale Raum
liegt zwischen der tiefen Schicht der tiefen Halsfaszie
(Fascia praevertebralis) und der bukkopharyngealen Faszie über der Konstriktormuskulatur im Pharynxbereich
bzw. der ösophagealen Faszie weiter unten. Dieser Raum
wird oberhalb des 2. thorakalen Wirbels noch einmal in 2
Faszienräume unterteilt: Der nach anterior gelegene Fas688
zienraum ist der eigentliche retropharyngeale Raum,
während der dahinter gelegene Raum als prävertebraler
Raum bezeichnet wird. Die meisten infektiösen Prozesse
betreffen nur den weniger gefährlichen retropharyngealen Raum. Prozesse, die zum prävertebralen Raum fortschreiten, sind bei Weitem gefährlicher, da sich der prävertebrale Raum ohne weitere Unterteilung bis zum
Zwerchfell fortsetzt, so dass sich entzündliche Prozesse
von hier aus schnell und leicht ins Mediastinum ausbreiten können. Der retropharyngeale Raum wird bei Ausbreitung von Infektionen aus dem parapharyngealen Raum,
aus dem Bereich der Kaumuskulatur, aus der Parotisregion und auch von abszedierenden Halslymphknoten oder
nach verletzungsbedingten Perforationen (Fremdkörper,
Endoskopie) betroffen. Der retropharyngeale und der prävertebrale Raum sind wichtige Ausbreitungsstraßen für
Infektion des Kopf-Hals-Bereichs in das Mediastinum.
Schwere Infektionen
Ätiologie. Infektionen der tiefen Halsweichteile können
Folge einer Lymphadenitis sein, die selbst wieder Folge
einer entzündlichen Erkrankung im oberen Aerodigestivtrakt sein kann. Während in der präantibiotischen Ära
etwa 70 % dieser Infektionen durch Erkrankungen des Pharynx und der Tonsillen verursacht waren, dürften heute
von den Zähnen ausgehende Infektionen die häufigste bekannte Ursache sein. Weitere Ursachen können eine iatrogene oder durch Fremdkörper verursachte perforierende
Verletzung im oberen Aerodigestivtrakt sein. Bei Patienten mit chronischem Drogenmissbrauch ist eine Halsabszedierung auch infolge von Injektionen in die Halsvenen
möglich. Allerdings kann bei über 50 % der Patienten mit
einer zervikalen Abszessbildung keine eindeutige Eintrittspforte identifiziert werden. Zusammenfassend sind
mögliche Eintrittspforten bzw. Ursachen tiefer Halsinfektionen:
l Zahninfektion
l peritonsilläre Entzündungen/Abszesse
l Lymphadenitis
l Trauma (Fremdkörper, iatrogen)
l Sialadenitis
l Mastoiditis
l infizierte laterale oder mediale Halszysten/-fisteln
l Tuberkulose der Halswirbelsäule
l Drogenmissbrauch (Injektion am Hals)
Erregerspektrum. Häufige Erreger bei Abszessen im Halsbereich sind Streptokokken und Staphylokokken. Es handelt sich jedoch vielfach um Mischinfektionen mit einem
breiten Erregerspektrum, das auch gramnegative und
anaerobe Keime einschließt. Eine besonders aggressive
Form der tiefen Halsinfektion ist die nekrotisierende Fasziitis, bei der neben β‑hämolysierenden Streptokokken
auch anaerobe Keime eine besondere Rolle spielen. Hier
werden auch gasbildende Bakterien beobachtet, die nicht
zur Clostridiumfamilie gehören. Die wechselnde bakteriologische Resistenzlage und eine zunehmende Zahl immuninkompetenter Patienten (nach immunsupprimie-
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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Erkrankungen
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render Therapie oder bei HIV‑Infektion) stellt ein besonders problematisches Patientengut bei der Behandlung
von Infektionen im tiefen Halsbereich dar.
Diagnose. Inspektion und klinisches Bild weisen auf die
Diagnose hin. Zur allgemeinen Untersuchung gehört eine
Laboruntersuchung mit der Bestimmung von Differenzialblutbild, C‑reaktivem Protein, Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit, Elektrolyten, Gerinnungsparametern
und bei septischem Verlauf die Anlage von Blutkulturen.
Bei der endoskopischen Untersuchung können ein Speichelsee als Hinweis auf Schluckbehinderungen auffallen,
außerdem Schwellungen der lateralen Pharynxwand
oder der Zunge. Bildgebend kommt als erstes eine Ultraschalluntersuchung in Betracht, mit deren Hilfe der entzündliche Prozess lokalisiert werden kann. Das sonomorphologische Bild ermöglicht es, eine Abszedierung frühzeitig zu erkennen und sonografisch kontrolliert eine
Feinnadelpunktion durchzuführen. Somit kann Sekret für
die mikrobiologische Untersuchung gewonnen werden. In
vielen Fällen ist eine CT oder MRT der Halsweichteile
(Abb. 14.7) von der Schädelbasis zum oberen Mediastinum erforderlich. Die Entscheidung über die adäquate
Therapie kann durch bildgebende Untersuchungen erleichtert werden, stützt sich aber im Zweifelsfall auf die
klinische Beurteilung.
Therapie. Liegt noch keine Abszessbildung vor, kann unter
klinischer Beobachtung eine alleinige antibiotische Behandlung ausreichen. Dies trifft bei 15 – 20% der Erwachsenen und bei etwa 50 % der betroffenen Kinder zu. Bei
Vorliegen eines Abszesses ist immer eine chirurgische Therapie erforderlich. Die antibiotische Behandlung sollte aus
einem Breitspektrumantibiotikum bestehen, das anaero-
14
Abb. 14.7 Abszess in den tiefen Halsweichteilen rechts, dargestellt
in der MRT (koronare Ebene).
be und β‑lactamaseresistente Keime einschließt. Heute
müssen zunehmend auch methicillinresistente Staphylokokken bei der Therapieplanung mit in Betracht gezogen
werden.
Bei vorliegender Abszessbildung oder nicht greifender
konservativer Behandlung ist eine Halsexploration mit
Drainage des Prozesses erforderlich. Patienten mit nekrotisierender Fasziitis müssen möglichst früh einer aggressiven operativen Therapie zugeführt werden. Dabei werden
das nekrotische Gewebe entfernt und alle betroffenen
Halsräume offen gelassen (Abb. 14.8). Auch die Hautwunden werden nicht verschlossen. Die intravenöse Antibiose
besteht aus einer Mehrfachkombination und wird nach
Vorliegen des Antibiogramms entsprechend angepasst.
Sie beginnt z. B. mit der 4er-Kombination aus Penizillin,
Clindamycin, Ceftacidin und Gentamicin.
Komplikationen. Leider werden auch heute noch lebensbedrohliche Komplikationen beobachtet. Dazu gehört die
Ausbreitung ins Mediastinum und auf die Gefäß-NervenScheide. Eine septische Thrombophlebitis der V. jugularis
interna führt zu wiederholten Fiebergipfeln und möglicherweise zur septischen Embolie der Lungengefäße. Neben der konservativen antibiotischen Therapie kann eine
Halsexploration mit Ligatur und Exzision der betroffenen
Abschnitte der V. jugularis interna erforderlich sein. Die
Ausbreitung zur A. carotis kann Pseudoaneurysmen oder
eine Gefäßarrosion mit lebensbedrohlicher Blutung nach
sich ziehen. In diesen Fällen ist eine rasche Angiografie in
diagnostischer und therapeutischer Intention oder auch
eine Gefäßdarstellung mit Unterbindung notwendig. Das
Nichterkennen derartiger Komplikation ist für den Patienten lebensgefährlich.
689
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Symptome. Allgemeine Symptome sind Schmerz, Fieber
und eingeschränkte Beweglichkeit des Halses oder auch
des Unterkiefers. Meist wird darüber hinaus eine Schwellung beobachtet, die bereits einen 1. Hinweis auf die beteiligte Loge und damit auf eine mögliche Ursache gibt. Im
weiteren Verlauf können sich eine zunehmende Dysphagie, eine kloßige Sprache oder sogar eine Dyspnoe entwickeln. Eine mediastinale Ausbreitung wird im Allgemeinen von Schmerzen im Bereich des Brustkorbs und bei
entsprechender Größe auch von Dyspnoe begleitet.
Das Fieber verläuft gewöhnlich mit einem initialen
Temperaturgipfel. Danach bleibt die Temperatur erhöht;
weitere Gipfel treten bei periodischen Septikämien auf,
müssen aber auch an die Möglichkeit einer septischen
Thrombophlebitis der V. jugularis interna oder einer mediastinalen Ausbreitung denken lassen. Fluktuierende
Schwellungen sind typisch bei submandibulären Prozessen. Bei Befall der Kaumuskulaturregion ist die äußere
Schwellung eher gering; führend ist ein deutlicher Trismus. Bei retro- oder parapharyngealen Prozessen sind
äußere Schwellungen selten, während eine deutliche
schmerzhafte Einschränkung von Mundöffnung und Halsbeweglichkeit zu beobachten ist.
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Abb. 14.8
Schwere nekrotisierende Fasziitis links zervikal.
a Initialbefund.
Tumoren
Benigne Tumoren der Halsweichteile
Paragangliome
Pathogenese. Paragangliome im Kopf-Hals-Bereich sind
eher seltene Tumoren. Sie werden auch als Glomustumoren, nicht chromaffine Paragangliome und Chemodektome bezeichnet. Sie entstehen aus nicht adrenergen Paraganglien. Ihre genauere Bezeichnung resultiert aus dem
Paraganglion ihrer Entstehung. Sie haben eine langsame
Wachstumsrate, können lokal invasiv wachsen und in seltenen Fällen auch metastasieren. Häufig treten sie in jüngerem Lebensalter auf. Die Tumoren können multizentrisch und familiär gehäuft vorkommen. Die Diagnose
wird durch bildgebende Verfahren und die farbkodierte
Duplexsonografie erleichtert (Abb. 14.9, s. auch S. 278 f).
Begriffsbestimmung. Die Bezeichnung „nicht chromaffine Paragangliome“ wird verwendet, um diese Tumoren
von dem chromaffinreagierenden Gewebe der adrenergen
Medulla zu unterscheiden. Diese chromaffine Reaktion ist
unspezifisch und wenig sensitiv, um Katecholamine anzufärben. Die adrenerge Medulla weist einen hohen Katecholamingehalt auf, aber auch die Zellen der branchiomeren Paraganglien und die sich von ihnen ableitenden
Tumoren speichern Katecholamine. Daher ist die Bezeichnung „nicht chromaffine Paragangliome“ etwas irreführend. Die Bezeichnung „Chemodektome“ wurde diesen
Tumoren hauptsächlich mit dem Gedanken an die Chemorezeptorfunktion der Zellen des in der Karotisgabel liegenden Paraganglioms und der hieraus hervorgehenden
Tumoren gegeben.
Einteilung und Lokalisation. Es werden die extraadrenergen Paraganglien von den adrenergen Paraganglien unterschieden und nach ihrer anatomischen Lokalisation und
690
b Situs nach Abtragung der Nekrosen und Einlage von Laschen.
Innervation als branchiomer, intravagal, aortiksympathisch und viszeroautonom bezeichnet. Die branchiomeren Paraganglien haben eine Beziehung zu den Hirnnerven. Dazu gehören die jugulotympanalen, die karotidealen, die subklavikulären, die laryngealen, die koronaren,
die aortopulmonaren und die pulmonaren Paraganglien.
Diese Paraganglien haben auch engere Beziehungen zu
größeren Arterien und werden deswegen von den orbitalen und intravagalen Paraganglien unterschieden, die keine sehr enge Gefäßbeziehung aufweisen.
Im Os temporale kommen gewöhnlich 3 Paraganglien
vor, deren Durchmesser nur 0,1 – 1,5 mm beträgt. Sie liegen in der Nachbarschaft des R. tympanicus des N. glossopharyngeus (Jacobson-Nerv) und des R. auricularis des
N. vagus (Arnold-Nerv). Etwa 50 % der jugulotemporalen
Paragangliome liegen in der Fossa jugularis, 10 % in der
Mukosa des Promontoriums und 20 % im Canaliculus tympanicus inferior, in dem auch der R. tympanicus des
N. glossopharyngeus von der Fossa jugularis her zur Paukenhöhle zieht. Die hauptsächliche Blutversorgung
kommt aus der A. pharyngea ascendens mit ihrem R. tympanicus inferior. Die intravagalen Paraganglien sind im
Perineurium des N. vagus verstreute Zellgruppen. Sie können im Ganglion jugulare oder im Ganglion nodosum, gelegentlich auch darunter liegen. In sehr seltenen Fällen
können Paragangliome auch im Kehlkopf und in der Orbita vorkommen.
Klinisches Erscheinungsbild und Erbgang. Bei zufällig
auftretenden Tumoren kommt multizentrisches Wachstum in 2 – 10% der Fälle vor, bei familiär gehäuftem Auftreten in 25 – 50% der Fälle. Beidseitige Karotisparagangliome sind die häufigste Kombination, aber alle Kombinationen von temporojugulären, vagalen, karotidealen
und thorakalen Tumoren sind möglich. Beim familiären
Typ handelt es sich um einen autosomal dominanten Erbgang. Das Gen liegt wahrscheinlich auf dem langen Arm
des Chromosoms Nr. 11. Die phänotypische Expression
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
.................................................................................
................................................................
Erkrankungen
.........
Abb. 14.9
Tumoren.
Bildgebende Diagnostik von Glomus-caroticum-
a Duplexsonografie eines Glomus-caroticum-Tumors (schnelle
Flussrate; ACE = A. carotis externa, ACI = A. carotis interna,
RF = Raumforderung).
b MRT eines Glomus-caroticum-Tumors (T1-Bild mit Kontrastmittel).
c Angio-MR eines beidseitigen Glomus-caroticum-Tumors.
des Genes wird durch das Geschlecht des übertragenden
Elternteils bestimmt, d. h. Kinder von weiblichen Genträgern entwickeln keine Tumoren, sind aber zu 50% Genträger, wohingegen Kinder von männlichen Trägern des Genes zu 50% Tumoren entwickeln werden. Somit kann das
Gen von weiblichen Genträgern über mehrere Generationen ohne das phänotypische Auftreten der Erkrankung
weitergegeben werden. Im Allgemeinen haben Paragangliome eine langsame Wachstumsrate. Die Tumoren weisen ein geringes Potenzial zur malignen Entartung auf.
Maligne Paragangliome sind durch das Auftreten metastatischer Tumoren an Lokalisationen, an denen keine Paraganglien liegen, gekennzeichnet. Meist handelt es sich
um einen regionalen Lymphknotenbefall; sehr selten
kommt es zur Ausbreitung in Lunge, Leber, Knochenmark
und Milz.
Symptome und Diagnose. Paragangliome sind reich vaskularisierte Tumoren, die sowohl Katecholamine als auch
Neuropeptide produzieren können, die als Neurotransmitter, Neurohormone, Hormone und Parahormone wirken können. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass
dies in der Regel keine klinische Bedeutung hat, da Symp-
tome erst ab einem 3- bis 5-fach erhöhten Norepinephrinspiegel auftreten. Weil den jugulotympanalen und intravagalen Paraganglien bisher keine sichere physiologische
Funktion zugeordnet werden konnte, werden symptomatische Ausscheidungen von Katecholaminen bei Paragangliomen dieser Lokalisation auch nicht beobachtet.
Die karotidealen Paraganglien haben dagegen sehr genau
definierte Aufgaben hinsichtlich der Steuerung des Sauerstoff- und Kohlendioxidpartialdrucks sowie des pH‑Werts
im Blut und mithilfe der Barorezeptoren in der Regulation
des Blutdrucks. Entsprechend können hier klinisch sehr
schwerwiegende Störungen auftreten.
Die MRT ist zur Diagnosestellung bzw. Größen- und Lagebestimmung eines Paraganglioms das bildgebende Verfahren der Wahl. Im Bereich der Schädelbasis und des Felsenbeins sollte ergänzend eine CT durchgeführt werden.
Am Hals ist die B‑Mode- in Verbindung mit der farbkodierten Duplexsonografie ein der MRT gleichwertiges Verfahren. Die Diagnostik sollte zudem eine konventionelle oder
eine MR‑Angiografie einschließen.
Die Symptomatik der Paragangliome wird ganz wesentlich von ihrer Lokalisation bestimmt: Glomus-caroticum-Tumoren treten als nicht schmerzhafte Raumforde691
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14
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
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Differenzialdiagnose. Die Differenzialdiagnose von Karotis- und jugulotympanalen Paragangliomen beinhaltet
alle Möglichkeiten zervikaler und parapharyngealer
Raumforderungen, wie Meningeome, Karzinome, primäre
Cholesteatome, und seltenere Läsionen, wie Rhabdomyosarkome, Plasmozytome, Melanome, Osteoblastome,
Chondrosarkome und Histiozytose.
Neurinome und Neurofibrome
Abb. 14.10
Axiale MRT‑Aufnahme eines Vagusneurinoms links.
rungen in der Karotisbifurkation auf. Befinden sich die Paragangliome im parapharyngealen Raum, kann sich bei
entsprechender Größe eine Schwellung im Bereich der
seitlichen Pharynxwand bzw. der Gaumenbögen zeigen.
Bei Paragangliomen mit Ausdehnung ins Foramen jugulare können Ausfallserscheinungen der Hirnnerven IX, X
und XI auftreten. Zum Ausschluss sezernierender Paragangliome ist eine Untersuchung des 24-h-Sammelurins
und des Serums zur Erkennung erhöhter Katecholaminspiegel erforderlich. Bei Karotisparagangliomen werden
zum Zeitpunkt der Diagnosestellung bei 4 % der Patienten
Lähmungen des N. hypoglossus und bei 11% Lähmungen
des N. vagus festgestellt. Deutlich seltener kommt das Horner-Syndrom vor. Bei jugulotympanalen Tumoren geben
über 80 % der Patienten als Erstsymptome einen pulsatilen
Tinnitus sowie eine Hörminderung an. In diesen Fällen ist
typischerweise bei der Ohrmikroskopie ein bläulicher bis
rötlicher, manchmal auch pulsierender Tumor erkennbar.
Blutungen aus dem äußeren Gehörgang sind selten und
werden bei 3% der Patienten beobachtet. Bei Tumoren
mit Ursprung im Bulbus jugularis treten sehr häufig Paresen der Hirnnerven IX – XII auf. Eine Ausdehnung ins Mastoid kann auch zu einer Fazialisparese führen. Ein intrakranielles Tumorwachstum führt möglicherweise zu Zeichen eines erhöhten intrakraniellen Druckes und einer
zerebellären Fehlfunktion.
Vagale Paragangliome sind sehr viel seltener. Wie bei
allen anderen Paragangliomen auch, wird das weibliche
Geschlecht bei sporadischem Auftreten etwas bevorzugt.
Bei der Untersuchung imponiert meist eine schmerzlose
Schwellung des Halses. Weitere Symptome können Heiserkeit, Schluckstörungen oder eine eingeschränkte
Schulterbeweglichkeit als Folge einer Lähmung des N. vagus, des N. accessorius und des N. hypoglossus sein. Bei
der Inspektion findet sich häufig eine Vorwölbung der
mittleren oropharyngealen Wand. Ein Horner-Syndrom
wird beobachtet, wenn der zervikale sympathische Ner692
Neurinome sind typischerweise solitär auftretende Tumoren. Sie kommen im Verlauf eines peripheren Nervs vor.
Typischerweise werden sie nicht von den Axonen durchquert, die an ihrer Oberfläche verlaufen. Neurologische
Defizite sind gewöhnlich nicht nachweisbar. Mit zunehmender Größe treten aber Schmerzen auf. Als Ursprung
kommen am Hals die Hirnnerven, der zervikale Sympathikus, der Plexus cervicalis und der Plexus brachialis in Betracht. Sie können in der Nähe der Foramina liegen und
sich auch in den Spinalkanal ausdehnen. Wenn sie vom
N. glossopharyngeus, N. vagus (Abb. 14.10), N. accessorius, N. hypoglossus oder dem zervikalen Sympathikus ausgehen, ist auch eine Lokalisation im parapharyngealen
Raum möglich. Die Verdachtsdiagnose ergibt sich in der
Regel durch die bildgebende Diagnostik und kann durch
eine Feinnadelpunktion bzw. durch die definitive Histologie nach operativer Sanierung bestätigt werden.
Im Gegensatz zu den Neurinomen haben Neurofibrome keine Kapsel, und die Nervenfasern laufen durch den
Tumor. Sehr häufig kommen sie beim Morbus Recklinghausen (Neurofibromatose) vor. Zervikal lokalisierte Neurofibrome weisen auf den Typ I des Morbus Recklinghausen hin.
Neurome
Neurome entstehen durch den Versuch verletzter Nerven,
sich zu regenerieren. Sie werden selten größer als 2 cm.
Parästhesien und unangenehme Gefühle bis hin zu
Schmerzen um den Tumor herum sind auftretende Symptome. Sie werden typischerweise nach radikaler Neck Dissection hinter der A. carotis im Bereich des 2. zervikalen
Nervs gefunden, können aber auch nach kleinen Halseingriffen auftreten.
Lipome
Lipome sind gutartige, gekapselte, subkutan gelegene Fettgewebsansammlungen. Dabei ist es noch nicht klar, ob es
sich hier um echte Neoplasien, Malformationen oder um
Hyperplasien von adipösem Gewebe handelt. Sehr selten
kommen infiltrierende, nicht gekapselte Lipome vor, die
auch nach ihrer Entfernung eine größere Tendenz zur Rezidivbildung haben. Ebenfalls sehr selten kommt es zur
malignen Entartung von Lipomen.
Beim Morbus Madelung handelt es sich um eine gutartige Lipomatose, bei der es aus bisher unklarer Ursache
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
venstrang beteiligt ist. Zu einer intrakraniellen Ausdehnung kann es über die Pars nervosa des Foramen jugulare
kommen.
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Erkrankungen
.........
zu einer massiven Vermehrung von Fettgewebe am Hals
kommt. Sie unterscheidet sich von der hereditären multiplen Lipomatose dadurch, dass die Fettgewebsvermehrung nicht zusätzlich auch an Armen, Beinen und Körperstamm auftritt.
Extrakranielle Meningeome
Als sehr ungewöhnliche Tumoren des Halses treten extrakranielle Meningeome in Erscheinung. Am häufigsten
werden sie bei einer Ausbreitung primär intrakranieller
Meningeome durch die Schädelbasis beobachtet. Sie können auch als Metastasen von ansonsten eher gutartig
erscheinenden intrakraniellen Meningeomen auftreten.
Extrakranielle zervikale Meningeome werden auch vollkommen unabhängig von intrakraniellen und spinalen
Läsionen beobachtet; Ursprung soll in diesen Fällen ein
embryonaler Zellrest sein. Sie könnten sich aber auch aus
Meningozyten entwickeln, die mit den Nerven während
der embryonalen Entwicklung nach peripher wandern.
Abb. 14.11 Extranodale Manifestation eines Non-Hodgkin-Lymphoms im linken Zungengrund.
Maligne Lymphome
Maligne Lymphome sind in der Regel generalisierte Erkrankungen, die sich nicht nur im lymphatischen System,
sondern auch in anderen Organen manifestieren können,
häufig an den zervikalen Lymphknoten. Bei der extranodalen Manifestation stellt der Kopf-Hals-Bereich nach
dem Gastrointestinaltrakt die zweithäufigste Lokalisation
dar. Besonders betroffen ist der Waldeyer-Rachenring
(Abb. 14.11), am häufigsten die Tonsille, gefolgt vom Nasopharynx. Aber auch in Nase und Nasennebenhöhlen,
im Mund, in der Orbita, im Larynx und in der Schilddrüse
können Manifestationen auftreten. Somit kommt dem
HNO‑Arzt eine wichtige Rolle in der Diagnostik, in der Stadienbestimmung (Tab. 14.3) und ggf. bei der Einleitung
erster therapeutischer Schritte zu.
Ätiologie. Maligne Lymphome sind durch eine Proliferation lymphatischer Zellen sowie deren Vorläufer gekennzeichnet. Histologisch unterscheidet man 2 Hauptgruppen, den Morbus Hodgkin und die Non-Hodgkin-Lymphome, die entsprechend der Kiel-Klassifikation in B- und
T‑Zelllymphome sowie niedrig und hoch maligne differenziert werden.
Symptome. Die klinische Symptomatik hängt sehr vom
Ort des Auftretens der Erkrankung ab und kann zwischen
sehr langsam wachsenden Lymphknoten bis zu rasch progredienten, aggressiven Tumoren variieren. Die Lymphome beim Morbus Hodgkin sind bevorzugt im unteren
Halsbereich bzw. der supraklavikulären Region lokalisiert.
Sie imponieren teilweise wie entzündlichen Reaktionen.
Bei etwa der Hälfte der Patienten bestehen mediastinale
Lymphome. Fieber, Nachtschweiß oder Gewichtsabnahme
können begleitend auftreten (sog. B‑Stadium). NonHodgkin-Lymphome hingegen kommen in allen zervikalen Lymphknotenregionen vor. Nicht selten sind auch –
Tabelle 14.3
Stadieneinteilung von malignen Lymphomen.
Stadium
Beteiligte Lymphknotenregionen
1
Beteiligung einer Lymphknotenregion oder eines
extranodalen Organs
2
Beteiligung von 2 oder mehreren Lymphknotengruppen nur ober- oder unterhalb des Diaphragmas oder eine extranodale Manifestation mit einer
oder mehreren Lymphknotenregionen auf derselben Diaphragmaseite
3
Beteiligung von mehreren Lymphknotenregionen
beidseits des Diaphragmas, eventuell mit extranodaler Manifestation oder Milzbeteiligung
4
diffuse oder disseminierte Beteiligung eines oder
mehrerer extranodaler Organe (Knochenmark,
Leber, Lunge, Pleura, Milz, Haut) mit oder ohne
Lymphknotenbeteiligung
nuchal gelegene Lymphknotengruppen befallen. Eine bilaterale Lymphknotenbeteiligung wird zum Zeitpunkt der
Diagnosestellung bei etwa 25% der Patienten beobachtet.
Bei extranodalem Sitz können beispielsweise Schluckbeschwerden, eine kloßige oder nasale Sprache, Tubenfunktionsstörungen mit Hörminderung, Nasenatmungsbehinderung, Nasenbluten oder auch eine Wangenschwellung
auftreten.
Diagnose. Bei Verdacht auf ein Lymphom umfasst sie neben der Ultraschalluntersuchung des Halses und den entsprechenden endoskopischen Untersuchungen der KopfHals-Region weitere Staging-Untersuchungen. So sind
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Maligne Tumoren der Halsweichteile
14
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
eine CT bzw. MRT von Schädel, Hals und Thorax sowie ein
Differenzialblutbild und die Bestimmung von alkalischer
Phosphatase und Laktatdehydrogenase, eine Liquorpunktion bei neurologischen Symptomen sowie eine Endoskopie bei intestinalem Befall bzw. eine Szintigrafie bei ossärer Beteiligung durchzuführen. Die Vornahme einer
Knochenmarksbiopsie ist obligat.
Im Vordergrund steht aber die histologische Sicherung,
die in der Regel die Entnahme eines Lymphknotens erfordert. Feinnadelpunktionen werden von den Pathologen
nicht als ausreichend erachtet, da eine Subtypisierung damit nicht sicher möglich ist. Bei der Lymphknotenexstirpation sollte darauf geachtet werden, dass Lymphknoten
aus dem unteren Halsbereich eher befallen sind als solche
aus dem oberen, die manchmal nur reaktiv vergrößert
sind. Wünschenswert ist außerdem die Entnahme eines
größeren Knotens aus einer Lymphknotengruppe. Der
Lymphknoten sollte dabei möglichst in toto mit intakter
Kapsel herauspräpariert werden. Bei extranodaler Manifestation ist ebenfalls auf eine ausreichend große Biopsie
zu achten.
Therapie. Die Auswahl der Therapie wird wesentlich von
der Ausbreitung und vom histologischen Typ bestimmt.
Bei Vorliegen eines Morbus Hodgkin wird eine Chemound/oder Strahlentherapie durchgeführt. Bei der Lokalbehandlung niedrig maligner Non-Hodgkin-Lymphome
kommt die Radiatio als kurative Therapie, bei symptomatischen disseminierten Lymphomen eine Polychemotherapie zur Anwendung. Bei aggressiven, hoch malignen
Lymphomen ist die Polychemotherapie die Behandlung
der Wahl, die heute zunehmend durch monoklonale Antikörper ergänzt wird.
Halslymphknotenmetastasen bei
unbekanntem Primärtumor (CUP‑Syndrom)
Metastatische Absiedelungen können als erste erkennbare
Zeichen maligner Tumoren auftreten. Die Metastasierung
kann dabei ihren Ursprung von einem unbekannten Tumor der oberen Luft- und Speisewege, der Schilddrüse
oder der Haut des Kopf-Hals-Bereichs nehmen. Die Metastasen können aber auch von einem bisher unbekannten,
infraklavikulär lokalisierten Malignom herstammen. Der
Begriff CUP‑Syndrom (Cancer of unknown Primary) ist
erst dann gerechtfertigt, wenn eine oder mehrere histologisch gesicherte Metastasen eines malignen Tumors vorliegen, dessen Lokalisation trotz intensiver Diagnostik
nicht bestimmt werden kann.
Ätiologie. Ca. 3 – 5 % der malignen Neuerkrankungen der
Kopf-Hals-Region sind Halslymphknotenmetastasen eines
unbekannten Primärtumors. Etwa 37 % der Metastasen
eines CUP‑Syndroms manifestieren sich zunächst in den
Lymphknoten, wobei der Anteil der zervikalen Lymphknotenmetastasen 84 % beträgt. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 60 Jahren; Männer sind doppelt so
häufig betroffen wie Frauen. Der überwiegende Anteil
(bis zu 70 %) sind Lymphknotenmetastasen unbekannter
694
Plattenepithelkarzinome, gefolgt von den Adenokarzinomen.
Diagnose. Die Diagnosestellung eines CUP‑Syndroms
setzt definitionsgemäß eine intensive Suche nach dem
möglichen Primärtumor voraus. Grundsätzlich muss für
das weitere diagnostische Vorgehen geklärt werden, ob
bei Patienten mit unklaren Halsschwellungen diese durch
ein malignes Geschehen verursacht sind. Die ärztlichen
Maßnahmen beginnen mit einer ausführlichen Erhebung
der Anamnese. Folgende Faktoren erhöhen die Möglichkeit eines malignen Prozesses:
l Alter > 40 Jahre
l langjähriger Alkohol- und Tabakkonsum
l relativ schnell wachsender Halstumor
l Dysphagie
l Otalgie
l Dyspnoe
Weitere Fragen zielen auf Symptome vonseiten der Lunge
oder des Gastrointestinaltrakts, wie Dyspepsie, Hämatemesis, Hämoptoe, Stuhlunregelmäßigkeiten oder Blut
im Stuhl. Auch nach möglichen Erkrankungen der Haut
und stattgefundenen Operationen sollte gefragt werden.
Allgemeinsymptome wie Gewichtsverlust, Fieber und
Nachtschweiß können auf systemische Ursachen einer
Halslymphknotenschwellung hindeuten.
Es folgt dann eine komplette HNO-ärztliche Untersuchung einschließlich der Haut. Bei Patienten mit Metastasen ausgehend von einem Primärtumor des oberen Aerodigestivtrakts kann der Primärtumor in etwa 90 % der Fälle
durch eine sorgfältige Untersuchung gefunden werden.
Dabei kann die Lokalisation der betroffenen Lymphknoten
bereits einen Hinweis auf den Ort des Primärtumors geben, die bei der Primärtumorsuche Beachtung finden sollten. Die wichtigsten Metastasierungsrichtungen von Plattenepithelkarzinomen sind in Tab. 14.4 zusammengestellt.
Zur Untersuchung gehört die sorgfältige Inspektion der
Mundhöhle einschließlich Mundboden, Alveolarkamm,
Tabelle 14.4 Typische Halslymphknotenmetastasierung in Abhängigkeit von der Lokalisation des Primärtumors.
Level
Lokalisation
I
Lippe, vorderer Mundboden, Nase- und Nasennebenhöhlen, Wange
II
Mundhöhle, Oropharynx, Larynx (supraglottisch,
glottisch)
III
Zungengrund, Larynx (glottisch), Hypopharynx
IV
Larynx (subglottisch), Hypopharynx, Schilddrüse,
Ösophagus und Trachea
V
Nasopharynx, dorsale Kopfhaut, Gastrointestinaltrakt,
Lunge
VI
Schilddrüse, Larynx (subglottisch), Trachea
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
.................................................................................
................................................................
.........
14
Abb. 14.12 Teilnekrotische Lymphknotenmetastase (B‑sonografisches Bild).
Positronenemissionstomografie wird das Glukoseanalogon 18-Fluorodesoxyglukose (18FDG) verwendet. Dieses
Radionuklid wird in die sich schnell teilenden Tumorzellen aufgenommen, weshalb sich das Tumorgewebe durch
seinen höheren 18FDG‑Gehalt von dem normalen umgebenden Gewebe unterscheidet. Die Methode ist sensitiv
und lässt in Ergänzung mit anderen bildgebenden Verfahren eine recht genaue Detektion und Lokalisation von malignem Gewebe zu. Andererseits ist die Spezifität der
18
FDG‑Positronenemissionstomografie gering. Insbesondere entzündliche Prozesse mit Gewebsazidose und überwiegend anaerobem Stoffwechsel können falsch-positive
Resultate verursachen. So wurden falsch-positive Ergebnisse bei Patienten mit Sarkoidose, reaktiver Lymphadenopathie und granulomatöser Lymphadenitis beschrieben. Zur Erkennung regionaler Halslymphknotenmetastasen weist die Positronenemissionstomografie
eine ähnliche Trefferquote wie die CT oder MRT auf. Beim
CUP‑Syndrom kann mithilfe der Positronenemissionstomografie in 30 – 50 % der Fälle ein Primärtumor detektiert
werden (Abb. 14.13). Zudem ermöglicht die 18FDG‑Positronenemissionstomografie eine simultane Darstellung
aller Körperregionen, was insbesondere beim CUP‑Syndrom von Nutzen ist, da bis zu 40 % der okkulten Primärtumoren außerhalb der Kopf-Hals-Region lokalisiert sind.
Ein weiterer Einsatz der 18FDG‑Positronenemissionstomografie scheint die Verlaufskontrolle nach erfolgter Tumortherapie zu sein, da es in diesen Fällen häufig schwierig ist, Narbengewebe sicher von aktivem Tumorgewebe
zu unterscheiden. Durch die Kombination von PET und CT
konnte in jüngster Zeit eine deutlich verbesserte räumliche Auflösung erreicht werden. Dadurch hat die PET-CT
in der Diagnostik des CUP-Syndroms einen deutlich verbesserten Stellenwert gegenüber der alleinigen PET-Untersuchung.
695
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Zunge, hartem und weichem Gaumen und Mundvorhof.
Bei Oropharynx, Zunge, Vallekula und Tonsillenregion sowie weichem Gaumen muss neben der Inspektion auch
eine Palpation vorgenommen werden. Die Untersuchung
der kaudalen Oropharynxabschnitte, des Hypopharynx
und des Larynx erfolgt mithilfe der 90°-Optik transoral
oder mit der flexiblen Optik transnasal. Die Untersuchung
mit der flexiblen Optik erlaubt auch die Betrachtung der
Nasenhaupthöhle und des Nasopharynx, bevor das Endoskop dann zur Untersuchung des Oropharynx, Hypopharynx und Larynx sowie der subglottischen Region und
der Trachea weiter eingeführt wird.
Die Bestätigung eines malignen Halstumors sollte zunächst durch eine Feinnadelaspiration mit anschließender
zytopathologischer Begutachtung erfolgen. Hierdurch
können die Nachteile einer offenen Biopsie vermieden
werden. Leider werden auch heute noch häufig offene
Biopsien durchgeführt, bevor systematisch nach dem Primärtumor gesucht wird. Dies kann zur Folge haben, dass
durch die Metastaseneröffnung die definitive operative
Behandlung schwieriger und ggf. eine Strahlentherapie
unvermeidlich wird. Die diagnostische Aussagekraft der
Feinnadelpunktion beschränkt sich häufig auf die Unterscheidung zwischen benigne und maligne und beeinflusst
die weitere Diagnostik zur Suche des Primärtumors. Das
Ergebnis der Feinnadelpunktion hängt ganz wesentlich
von der Art und der Menge der Materialgewinnung, aber
auch von der Erfahrung des die Gewebeprobe beurteilenden Zytopathologen ab. Es ist zu empfehlen, die Feinnadelpunktion von kleineren Knoten oder von Knoten, die
in unmittelbarer Nähe der großen Gefäßen lokalisiert
sind, ultraschallgeführt vorzunehmen, wodurch das Ergebnis deutlich verbessert werden kann.
Lässt sich mit der Feinnadelpunktion keine ausreichende Beurteilung erzielen, kann eine histologische Gewebeuntersuchung erforderlich werden. Dabei sind die Gewinnung eines Gewebezylinders mittels Grobnadelpunktion
oder besser eine Lymphknotenentnahme einer offenen
Biopsie vorzuziehen. Insbesondere bei Verdacht auf ein
malignes Lymphom ist die vollständige Entnahme eines
befallenen Lymphknotens sinnvoll, um eine exakte histologische Klassifikation vornehmen zu können.
Bei der Suche nach dem Primärtumor, aber auch bei
der Beurteilung der Halslymphknotenmetastase bezüglich
der Lokalisation und Beziehungen zu Nachbarstrukturen
sind bildgebende Verfahren, wie die B‑Sonografie, CT
oder MRT, notwendig. Methode der 1. Wahl ist die Ultraschalluntersuchung (Abb. 14.12). Die Beurteilung ist bei
ausgedehnten, hoch und tief zervikal sitzenden Metastasen jedoch häufig eingeschränkt, so dass in diesen Fällen
eine CT oder MRT sinnvoll erscheint. Vorteil beider Verfahren ist, dass neben der Lymphknotendarstellung gleichzeitig auch nach einem möglichen Primärtumor gesucht
werden kann.
In den letzten Jahren wird zur Primärtumorsuche zunehmend die Positronenemissionstomografie (PET) eingesetzt. Maligne Tumoren weisen im Vergleich zu Normalgewebe eine gesteigerte Stoffwechselaktivität auf. Für die
Erkrankungen
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
In der Diagnostik des CUP‑Syndroms kommt bei Vorliegen eines Plattenepithelkarzinoms oder auch eines undifferenzierten Karzinoms der Panendoskopie (Nasenund Nasopharynxendoskopie, Meso- und Hypopharyngoskopie sowie Ösophago-, Laryngo- und Tracheoskopie)
eine besondere Bedeutung zu. Dabei werden eine Tonsillektomie sowie tiefe Biopsien aus dem Nasopharynx und dem
Zungengrund durchgeführt. Es hat sich bewährt, die
Schleimhautproben aus dem Zungengrund flächig und seitengetrennt mit dem CO2-Laser zu entnehmen. Mit diesem
Vorgehen kann die Nachweisrate okkulter Karzinome deutlich gesteigert werden. Bei Verdacht auf eine zervikal lokalisierte Metastase eines Adenokarzinoms sollten zusätzlich
Untersuchungen der Mamma, der Prostata und des Rektums eingeleitet werden. Weiterführende Untersuchungen
werden durch bereits vorliegende Ergebnisse bestimmt.
tastasierung, die zunächst im regionären Drainagegebiet
des Primärtumors erfolgt. Mit fortschreitendem Tumorwachstum sind zunehmend weitere zervikale Lymphknotenstationen betroffen. Die Metastasierung erfolgt
zunächst ipsilateral; bei mittelliniennahem Tumorwachstum tritt vielfach eine bilaterale Lymphknotenmetastasierung auf. Das Ausmaß der Halslymphknotenmetastasierung ist für die Prognose des Patienten und für die
Planung des therapeutischen Vorgehens von großer Bedeutung. Die möglichst frühzeitige und zuverlässige Detektierung von Halslymphknotenmetastasen ist daher
von essenzieller Wichtigkeit. Die international anerkannte
Klassifikation der zervikalen Lymphknotenmetastasen erfolgt nach den Kriterien des American Joint Commitee on
Cancer (AJCC) und der International Union against Cancer
(UICC).
Therapie und Prognose. Behandlungsstrategien und Gesamtprognose der Patienten werden unmittelbar vom histologischen Typ der Lymphknotenmetastase beeinflusst.
So ist die Prognose bei Plattenepithelkarzinommetastasen
besser als bei anderen Histologietypen. Weitere prognostisch relevante Parameter sind die Anzahl und Lokalisation der Metastasen oder der Nachweis eines Kapseldurchbruchs. Bei hoch zervikal sitzenden Lymphknotenmetastasen liegt die tumorspezifische 5-Jahres-Überlebensrate
bei 60 %, wohingegen sie bei tief zervikalen Metastasen
mit weniger als 15 % angegeben wird.
Die Strahlentherapie nimmt bei der Behandlung des
CUP‑Syndroms einen zentralen Platz ein, da sie den
Lymphabfluss und die unbekannte Primärtumorlokalisation gemeinsam behandeln kann. Die besten Ergebnisse
bezüglich der Überlebenszeit ergeben sich aus einer Kombination aus Chirurgie (Neck Dissection) und anschließender Strahlentherapie. Allerdings gibt es bezüglich des Ausmaßes der Neck Dissection und den Protokollen der Strahlentherapie (mit/ohne Chemotherapie, Bestahlungsarten,
Zielvolumina) erhebliche Variationen.
Diagnose und Staging. Viele Jahre lang war die Palpation
der Standard für das Staging eines Halses. Die Ungenauigkeit war auch bei erfahrenen Untersuchern hoch, da einerseits der Palpationsbefund aufgrund individueller anatomischer Gegebenheiten oft schwer zu erheben ist und andererseits vergrößerte Halslymphknoten erst ab einer
Größe von über 10 mm sicher tastbar sind. Heute gehören
zum Staging daher bildgebende Verfahren. Als Methode
der Wahl ist die Ultraschalluntersuchung zu nennen, aber
auch die CT und MRT. Über den hohen Stellenwert der
B‑Bildsonografie als momentan sensitivstem Verfahren
zur Erkennung von Lymphknotenmetastasen im Rahmen
des Primär-Stagings und auch in der Tumornachsorge besteht in der Literatur Einigkeit. Die B‑Sonografie ist der
Palpation eindeutig überlegen und, je nach Studie und Zugrundelegung der Vergleichsparameter, auch der CT und
MRT ebenbürtig oder überlegen. Unter Einbeziehung der
sonografisch kontrollierten Feinnadelpunktion wird in
der Literatur die Sensitivität mit 93 – 95 % und die Spezifität mit 87 – 100 % angegeben. Gelegentlich werden auch
andere Methoden, wie Lymphografie, Lymphoszintigrafie
und Immunoszintigrafie mit radioaktiv markierten monoklonalen Antikörpern, eingesetzt. Ihre Anwendungsmöglichkeiten sind jedoch eingeschränkt und die Aussagekraft
nicht oder noch nicht gesichert.
Weitere wichtige Informationen für die Therapieplanung ergeben sich aus den Beziehungen der metastastisch
Halslymphknotenmetastasen
bei bekanntem Primärtumor
Das Plattenepithelkarzinom ist der häufigste maligne Tumor der oberen Luft- und Speisewege. Charakteristisch
für diese Tumorentität ist die frühzeitige lymphogene Me696
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Abb. 14.13 a, b PET-CT eines Hypopharynxkarzinoms (Sinus piriformis rechts)
mit 1 großen und 2 kleinen Lymphknotenmetastasen rechts. Primärtumor und Halsmetastase zeichnen sich durch einen hohen
Glukoseumsatz und damit hoher Aktivität
in diesen Strukturen aus.
Abb. 14.14 Zervikale Lymphknotenmetastase (Ultraschall-B‑Bild)
mit nicht verschieblicher Bindegewebsschicht zum Gefäß (Wandinfiltration, Stadium 3; CCA = A. carotis communis, LN = Metastase).
Abb. 14.15 Halslymphknotenmetastase mit Gefäßeinbruch (Ultraschall-B‑Bild), der an der unregelmäßigen Wandstruktur der längs
dargestellten A. carotis communis erkennbar wird (Stadium 4).
befallenen Lymphknoten zu den umgebenden Strukturen
(Muskulatur, Gefäße). Hierdurch wird das Ausmaß der
Neck Dissection bestimmt. Besonders wichtig ist das Verhältnis großer Lymphknotenmetastasen zur A. carotis
communis und zur A. carotis interna. Durch die Sonopalpation kann geklärt werden, ob eine chirurgische Trennung von Tumor und Arterie möglich ist. Die ultrasonografische Sonopalpation hat sich dabei in mehreren Studien
der MRT- und CT‑Untersuchung in den für die Ultraschalluntersuchung zugänglichen Regionen als überlegen erwiesen. Dabei macht man sich die Möglichkeit der dynamischen Untersuchung im B‑Bildverfahren zunutze, bei
der im Gegensatz zur CT und MRT Bewegungsabläufe fest-
Erkrankungen
gehalten und beurteilt werden können. Bei der Untersuchung wird vor allem auf die Gefäßwand geachtet. Gegebenenfalls empfiehlt es sich daher, die Untersuchung
ohne Farbkodierung vorzunehmen. Wenn die Arterienwand deutlich und ununterbrochen in 2 Ebenen dargestellt werden kann, darf der Untersucher davon ausgehen,
dass keine Gefäßbeteiligung vorliegt. Als indirekte Zeichen eines Tumoreinbruchs in ein arterielles Gefäß können eine Kontaktlänge von mehr als 3 cm und eine Ummauerung des Gefäßes von mehr als 150° gewertet werden. Des Weiteren wird die Beweglichkeit der Gefäße
gegenüber dem Tumor beurteilt (Abb. 14.14 und Abb.
14.15). Direkte Zeichen eines Tumoreinbruchs sind ein intraluminal festgestelltes Tumorwachstum sowie eine Unterbrechung des Wandechos und eine sonopalpatorisch
nicht nachweisbare Verschieblichkeit des Tumors gegenüber dem Gefäß und umgekehrt. Die erhobenen Befunde
werden in 4 Stadien eingeteilt:
l Stadium 1: Unabhängige Pulsationen der A. carotis
communis bzw. interna und deutliche Verschieblichkeit zwischen Tumor und Gefäß.
l Stadium 2: Noch erkennbare unabhängige Bewegung
zwischen Arterie und Tumor ohne deutliche Verschieblichkeit.
l Stadium 3: Verlust der unabhängigen Bewegung der
Arterien gegenüber dem Tumor, eventuell mit Kompression des Lumens; die Grenzen der Gefäße sind
nicht mehr erkennbar und eine zirkuläre Tumorumwachsung des Gefäßes kann vermutet werden.
l Stadium 4: Deutliche Gefäßinfiltration der Arterie mit
oder ohne intraluminalem Tumor; in diesem Stadium
kann in der Farbduplexsonografie eine verlangsamte
Blutflussgeschwindigkeit festgestellt werden.
Die Ultraschallsonografie ist die einzige dynamische
Untersuchungsmethode, die es dem Untersucher erlaubt,
Beziehungen der großen Gefäße zu den Nachbarschaftsstrukturen und vor allem zum Tumor darzulegen. Findet
sich bei der Sonopalpation eine Tumor-Gefäß-Beziehung
des Stadiums 3 oder 4, muss mittels weiterführender Untersuchungen geklärt werden, ob eine Resektion möglich
ist. Auf jeden Fall sollte bei der Operation ein möglicher
Gefäßersatz eingeplant werden.
Bösartige Tumoren des Halses, vor allem metastatische
Lymphknoten, entwickeln im späteren Stadium Kapselrupturen mit extrakapsulärer Tumorausbreitung. Zunächst
kommt es an den Nachbarstrukturen zu Adhäsionen, später zu Infiltrationen. Dies betrifft neben den großen Arterien auch die V. jugularis interna, den M. sternocleidomastoideus, den N. vagus, den Pharynxschlauch und die tiefe
Halsmuskulatur. Ab einer Größe von 4 cm erscheinen Tumoren häufig palpatorisch nicht trennbar vom M. sternocleidomastoideus, der V. jugularis interna oder der A. carotis. Eine Adhärenz an die V. jugularis interna lässt sich bereits ab einer Tumorgröße von etwa 2,5 cm beobachten.
Die Ultraschalluntersuchung erlaubt auch in diesen Fällen
eine recht genaue Diagnostik und damit Operationsplanung.
697
.........
14
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14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
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Schilddrüse
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698
Die Vergrößerung der Schilddrüse wird symptomatisch
als Struma bezeichnet. Diese morphologischen Veränderungen können diffus (Struma diffusa) oder nodös (Struma nodosa; einknotig, mehrknotig) sein. Neben diesen
entopen Lokalisationen kommen auch dystope Lokalisationen (intrathorakale, mediastinale Ausbreitungen und
Zungengrundstrumen) vor. Die klinische Stadieneinteilung erfolgt zur Bestimmung der altersabhängigen Grenzvolumina hinreichend exakt mit der sonografischen Volumetrie (Tab. 14.5).
Die Stadieneinteilung nach WHO (Struma Grad I – III)
ist bei der palpatorischen Untersuchung der Schilddrüse
zweckmäßig. Eine hohe Prävalenz für Autonomien der
Schilddrüse (unifokal, mulitifokal, disseminiert) besteht
bei älteren Menschen. Diagnostisch müssen benigne von
malignen Erkrankungen abgegrenzt werden.
Ursachen für die Erkrankungen der Schilddrüse zeigt
die Tab. 14.6.
Schilddrüsenerkrankungen kommen in Deutschland
häufig vor. Etwa 50 % der Bevölkerung haben eine vergrößerte Schilddrüse; davon sind 20 – 30 % behandlungsbedürftig (ca. 20 Mio. Personen). Mitteleuropa und insbesondere Deutschland ist durch den meist chronischen Jodmangel ein Strumaendemiegebiet. Durch die letzte Eiszeit
vor rund 20 000 Jahren wurden beim Abschmelzen der
Gletscher wichtige Spurenelemente nahezu vollständig
aus dem Boden gewaschen. Deshalb können derzeit mit
der Nahrung täglich nur ca. 70 μg Jod aufgenommen werden, obwohl ca. 150 – 300 μg für eine reguläre Stoffwechselfunktion notwendig wären. Das zu geringe Jodangebot
in der Nahrung führt zunächst zu einer kompensatorischen Hyperplasie der Schilddrüse. Dieser Veränderung
folgen knotiger Umbau, Zystenbildung, Verkalkungen und
die Bildung von funktionell autonom wirkenden Arealen.
Die meisten Patienten mit einer Struma haben eine normale Schilddrüsenfunktion. Hyperthyreote Stoffwechselsituationen bei einer funktionellen Autonomie oder immunogene Reaktionen beim Morbus Basedow sowie Hypothyreosen kommen wesentlich seltener vor.
Tabelle 14.5
Kinder
Jugendliche
Schilddrüsenvolumen.
8 Jahre
< 4 ml
10 Jahre
< 8 ml
15 – 18 Jahre
< 15 ml
Frauen
< 18 ml
Männer
< 25 ml
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
14.1.2
Literatur
................................................................
Mögliche Ursachen einer Struma.
Häufigkeit
Mögliche Ursachen
häufig (ca. 90 %)
l
alimentärer Jodmangel
seltener
l
Autonomie der Schilddrüse
l
Morbus Basedow
l
Hashimoto-Thyreoiditis
l
andere Thyreoiditiden (z. B. subakute
Thyreoiditis de Quervain)
l
Tumoren, Zysten
l
Schwangerschaft
l
Medikamente (Thyreostatika, Lithium)
l
angeborene Enzymdefekte
l
TSH‑Rezeptormutation
l
TSH‑produzierender Hypophysentumor
l
Schilddrüsenhormonresistenz
l
Riedel-Struma
l
Akromegalie
l
Hodentumoren
l
Amyloidose
l
strumigene Nahrungsfaktoren
(Thiozyanat, Perchlorat, Nitrat)
l
Selen-, Zinkmangel
sehr selten
TSH = thyreoideastimulierendes Hormon, Thyreotropin
Pathophysiologische Grundlagen
Anatomie der Schilddrüse
Aus einer unpaarigen Anlage am Boden der Schlundtasche
entwickelt sich der follikuläre Anteil der Schilddrüse. Dieser entodermale Epithelwulst (Tuberculum thyreoideum)
senkt sich in das anliegende Mesenchym, wird nach kaudal verlagert bis zur endgültigen Position vor der Trachea
und bleibt anfänglich durch den Ductus thyreoglossus mit
seinem Ursprungsort am Zungengrund (Foramen caecum)
verbunden. Der Ductus thyreoglossus obliteriert in der
weiteren Entwicklung. In seinem Bereich kann sich dystopes Schilddrüsengewebe als Zungengrundstruma entwickeln. Die kaudalen Reste können einen Lobus pyramidalis
am Oberrand des Schilddrüsenisthmus bilden. In der
10. Schwangerschaftswoche erfolgt bereits die erste Jodaufnahme diaplazentar, und nach kurzer Zeit werden
Schilddrüsenhormone synthetisiert und sezerniert. In diesem Zeitraum entwickelt sich die fetale hypothalamischhypophysäre Funktion – fetales thyreoideastimulierendes
Hormon (TSH) wird nachweisbar. Auch mütterliche Schilddrüsenhormone können auf den Fötus permeieren, aber
auch Thyreostatika und maternale Autoantikörper. Beim
Neugeborenen wiegt die Schilddrüse ca. 2 g. Die Schilddrüse besteht aus dem rechten und linken Schilddrüsenlappen
und ist nahezu symmetrisch in Höhe der oberen Trachea in
die paratracheale Region eingebettet. Der Schilddrüsenisthmus verbindet beide zu einer schmetterlingsartigen
Nervenfaser
Follikellumen
mit Kolloid
.........
Blutgefäß
14
Thyreozyt
Lymphgefäß
Schilddrüsenkapsel
50 μm
Abb. 14.16
Mikroanatomie der Schilddrüse.
Figur. Das Parenchym der Schilddrüse besteht aus Thyreozyten, die Schilddrüsenfollikel bilden und eine Größe von
ca. 50 – 200 μm haben. Das in den Follikeln vorhandene
Kolloid besteht hauptsächlich aus Thyreoglobulin. Zwischen den einzelnen Zellen und den Follikeln befinden
sich die kalzitoninbildenden C‑Zellen. Die Schilddrüsenfollikel, die in ihrer Form und Größe sehr unterschiedlich sein
können, sind von Nerven, Lymph- und zahlreichen Blutgefäßen umgeben (Abb. 14.16).
Die Blutzufuhr erfolgt über die Arteria thyreoidea superior et inferior beiderseits und beträgt im Normalfall
4 – 6 ml Blut/min und g Gewebe. Eine erhebliche Mehrdurchblutung kann bei Hyperthyreosen vorhanden sein
(schwirrende, rauschende Struma). Der Lymphabfluss aus
der prälaryngealen und paratrachealen Region wird in die
tiefen zervikalen und weiter in die mediastinalen Lymphknoten abgeleitet. Von besonders großer klinischer Bedeutung sind die topografisch-anatomischen Beziehungen
der Schilddrüse bzw. Struma zu den arteriellen und venösen Polgefäßen, den Nebenschilddrüsen, den oberen und
unteren Kehlkopfnerven sowie die Beziehungen zur Trachea, zum Larynx, zum Ösophagus, zur Nerven-GefäßScheide und zum vorderen oberen Mediastinum.
Schilddrüsenhormonstoffwechsel
Die Schilddrüse hat die Aufgabe, für den Organismus in
ausreichender Menge die Schilddrüsenhormone Tetrajodthyronin (Thyroxin, T4) und Trijodthyronin (T3) zu synthetisieren.
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Tabelle 14.6
Erkrankungen
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
Bedeutung der Schilddrüsenhormone für die verschiedensten Stoffwechselprozesse.
Fettstoffwechsel
Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Kohlenhydratstoffwechsel
Eiweißstoffwechsel
Knochenstoffwechsel
ZNS, neuromuskuläre
Übertragung, Muskulatur
l
Steigerung der Fettmobilisation
l
Abbau von Speicherfetten
l
Lipidsynthese geringfügig erhöht
l
Hyperthyreose → Abfall der Cholesterinwerte
l
Hypothyreose → Anstieg der Cholesterinwerte
l
intestinale Resorption der Kohlenhydrate wird beschleunigt; Steigerung der Glukoneogenese mit
verstärktem Kohlenhydratabbau
l
Verstärkung der Insulinwirkung bei gleichzeitig verstärktem Insulinabbau; Insulinbedarf ↑
l
anabole Wirkung bei physiologischen Dosen, katabole Wirkung bei erhöhten Schilddrüsenhormonkonzentrationen
l
Hypothyreose im Kindesalter → Minderwuchs
l
Hyperthyreosen bedingen ein verstärktes Wachstum mit einem verzögerten Schluss der
Epiphysenfugen
l
normale Reifung des Skelettsystems bei Euthyreose
l
bei Schilddrüsenhormonmangel disproportionierter Minderwuchs bei verzögerter Skelettreifung
l
Aktivierung von Osteoblasten und Osteoklasten beim Erwachsenen
l
normale Reifung des Gehirns
l
bei Schilddrüsenhormonmangel in der Fetalzeit → irreversible Schäden (Kretinismus)
l
beim Erwachsenen bedingt ein Mangel oder Überschuss an Schilddrüsenhormonen
Störungen des ZNS, der neuromuskulären Übertragung (Reflexe) und der Muskulatur
l
Schilddrüsenhormone steigern die Kontraktilität des Myokards, erhöhen das Schlagvolumen und
die Herzfrequenz und führen zu einer Zunahme der Blutdruckamplitude
l
Sauerstoffverbrauch und Erregbarkeit ↑
l
bei Hyperthyreosen sind kardiale Komplikationen (Extrasystolen, Vorhofflimmern, Angina pectoris)
möglich
Das Spurenelement Jod ist ein zentraler Baustein. Das
mit der Nahrung aufgenommene anorganische Jodid gelangt über den Dünndarm in die Blutbahn und wird zur
Schilddrüse transportiert. Hier wird das Jodid unter Mitwirkung der Schilddrüsenperoxidase in das Thyreoglobulin eingebaut, das in den Thyreozyten gebildet wird. Die
Synthese von Tetra- und Trijodthyronin erfolgt über die
Kopplungsreaktion von Mono- bzw. Dijodthyrosin. Die
Speicherung der jodierten Thyreoglobulinmoleküle erfolgt in Abhängigkeit vom Jodangebot in den Follikellumen. Die Schilddrüse kann auch im extrazellulären
Raum Hormone speichern.
Die Hypophyse steuert den Bedarf an Schilddrüsenhormonen über die Blutbahn durch das Thyreotropin (TSH).
Durch enzymatische Prozesse wird aus dem Thyreoglobulin Thyroxin und Trijodthyronin gebildet und über die
Basalmembran der Schilddrüsenfollikel in die Blutbahn
abgegeben. Die Schilddrüse sezerniert beim Gesunden
täglich ca. 100 µg Thyroxin. Das entspricht einem Hormonanteil von mehr als 90 %. Dagegen wird das Trijodthyronin vorwiegend extrathyreoidal in der Leber aus T4 gebildet – ca. 30 μg.
Die Schilddrüsenhormone (T4) sind zu 99,9 % an Transportproteine gebunden und kommen nur etwa zu 0,03 %
700
in freier Form vor. Beim T3 liegt der freie Anteil bei ca.
0,3 %. Transportproteine sind das thyroxinbindende Globulin (TBG), das Transthyretin (TTR) und das Albumin.
Das thyroxinbindende Globulin ist mit seiner großen Bindungsaffinität das wichtigste Transportprotein. Für die
Hormonwirkung stehen in der Körperperipherie nur die
freien Hormone zur Verfügung. Die Konzentration und
die Zusammensetzung der Transportproteine bestimmen
die Gesamthormonkonzentration. Erkrankungen, die die
Konzentration an thyroxinbindendem Globulin beinflussen, müssen bei der Beurteilung der Gesamthormonkonzentration berücksichtigt werden.
Die Tab. 14.7 zeigt die Bedeutung der Schilddrüsenhormone für die verschiedensten Stoffwechselprozesse.
Anhand der pathophysiologischen Auswirkungen bei
einem gestörten Schilddrüsenhormonstoffwechsel wird
deutlich, welche klinisch relevanten Folgen – z. B. nach
einer ablativen chirurgischen Intervention – zu erwarten
sind, wenn nicht eine entsprechende medikamentöse Substitution erfolgt.
Das Thyreotropin (TSH) und die intrathyreoidalen autoregulatorischen Prozesse der Schilddrüsenhormonsynthese regulieren die bedarfsgerechte Bereitstellung von
Schilddrüsenhormonen für die einzelnen Stoffwechsel-
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Tabelle 14.7
................................................................
Diagnostik von Schilddrüsenerkrankungen
Anamnese
Die Beschwerden bei Schilddrüsenerkrankungen resultieren einerseits aus den funktionellen Veränderungen (Hyper- und Hypothyreose) und andererseits aus der Größe
(Struma) sowie dem Zeitraum des Auftretens.
Bei der Erhebung der Anamnese sollten gezielte Fragen
gestellt werden nach:
l familiärer Belastung durch Schilddrüsenerkrankungen
l Vergrößerung des Halsumfangs, Dysphagie, „Kloß im
Hals“, Engegefühl → Luftnot
l schnellem Wachstum, ggf. mit Heiserkeit → Schilddrüsenmalignom, Thyreoiditis
l bei Befall der Schilddrüse durch extrahyreoidale bzw.
systemische Erkrankungen, Tumorinfiltration anderer
Genese
l Vergrößerung der regionalen Lymphknoten → Malignomverdacht
l Radiatio der Halsregion
l Schlafstörungen
l verminderter Temperaturtoleranz (frieren/schwitzen)
l Gereiztheit, innerer Unruhe, kardialen Beschwerden
l Müdigkeit, verminderter Leistungsfähigkeit
l Verdauungsstörungen, Durchfall/Verstopfung
l Medikamente (jodhaltige Medikamente, Östrogenpräparate [Kontrazeptiva])
l Pubertät, Schwangerschaft, Wechseljahren
l Schmerzen in der Regio thyreoidea (Blutungen)
l Veränderungen an Haut (trocken), Haaren (stumpf),
Fingernägeln (brüchig)
l Akromegalie
Palpatorische Untersuchung der Schilddrüse
Die palpatorische Untersuchung der Schilddrüse kann am
sitzenden Patienten von vorn und von hinten vorgenommen werden. Folgende Palpationsbefunde sollen erhoben
werden:
l Konsistenz
l Schluckverschieblichkeit
l Größe: Einteilung nach WHO:
l Oa: keine Struma
l Ob: Struma nicht sichtbar, aber tastbar
l I: Struma tastbar, bei rekliniertem Hals gerade sichtbar
l II: Struma sichtbar
l III: große sichtbare Struma, ggf. mit Komplikationen
l
l
l
l
.........
Lokalisation der knotigen Veränderungen
Atemgeräusche
Halslymphknotenschwellungen
Druckschmerzhaftigkeit (Thyreoiditis de Quervain)
Klinische Untersuchungsbefunde
Beim Verdacht auf eine Schilddrüsenfunktionsstörung
sollten folgende klinische Befunde beachtet werden:
l Hyperthyreose: Tachykardie, vergrößerte Blutdruckamplitude, feinschlägiger Tremor, feuchte warme Haut,
gesteigerte Muskelreflexe
l endokrine Orbitopathie: → Morbus Basedow, ggf. mit
Kopfschmerzen, Druckgefühl hinter dem Bulbus, Lichtempfindlichkeit, Epiphora, auch Doppelbilder
l Hypothyreose: Verlangsamung, myxomatöse Hautveränderungen, Stimm- und Sprachstörungen (heisere,
raue, kloßige Sprache), Bradykardie, verlangsamte
Muskelreflexe
In-Vitro-Diagnostik
Thyreotropin-, Thyreotropin-releasing-Hormontest
Das Glykoprotein Thyreotropin (TSH) wird in spezifischen
basophilen Zellen des Hypophysenvorderlappens gebildet.
Seine Freisetzung durch die Hypophyse stellt den zentralen Regulationsmechanismus der biologischen Schilddrüsenhormonwirkung dar. Das Thyreotropin stimuliert alle
Stufen der thyreoidalen Hormonbildung und übt einen
proliferativen Effekt aus. Der Thyreotropintest steht wegen seiner hohen Sensitivität und Spezifität am Anfang
der Schilddrüsendiagnostik und ist besonders für den frühen Nachweis bzw. Ausschluss von Störungen des zentralen Regelkreises zwischen Hypothalamus. Hypophyse und
Schilddrüse geeignet.
Die Schilddrüsenfunktion wird durch eine hoch sensitive In-Vitro-Diagnostik (Thyreotropin-Elecsys-Test) analysiert. Mit diesem immunhistochemischen Verfahren
kann eine zuverlässige Unterscheidung zwischen erniedrigten und normalen Thyreotropinspiegeln vorgenommen
werden. Der normale Wert des basalen Thyreotropins
liegt zwischen 0,4 und 4 mU/l. Bei Hypothyreosen ist der
Thyreotropinspiegel erhöht (> 4 mU/l) und bei Hyperthyreosen erniedrigt (< 0,05 mU/l). Bei einem normalen Thyreotropinspiegel kann auf die Bestimmung des Thyreotropin-releasing-Hormonwerts in der Regel verzichtet werden. Bei schweren extrathyreoidalen Erkrankungen, z. B.
der Hypophyse oder des Hypothalamus, kann auch die Bestimmung des Thyreotropin-releasing-Hormonwerts notwendig werden.
Schilddrüsenhormone
Da für die Beurteilung der Schilddrüsenhormonkonzentration die biologisch wirksamen freien Hormone fT4 und
fT3 notwendig sind, erfolgt die Funktionsdiagnostik auf
der Basis der freien Schilddrüsenhormonspiegel. Bei alleiniger Bestimmung der Gesamtschilddrüsenhormone sind
701
14
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vorgänge. Das Thyreotropin (TSH) wird in den basophilen
thyreotropen Zellen des Hypophysenvorderlappens gebildet. Seine Freisetzung wird zum einen durch das Thyreotropin-releasing-Hormon des Hypothalamus und zum
anderen durch die Konzentration der freien Schilddrüsenhormone im Serum gesteuert. Das Thyreotropin stimuliert
auch das Wachstum von Schilddrüsenzellen.
Erkrankungen
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Fehlinterpretationen möglich, wenn es z. B. zu Veränderungen der Konzentrationen oder der Bindungsfähigkeit
der Transportproteine (thyroxinbindendes Globulin, thyroxinbindendes Präalbumin, Transthyretin und Albumin)
kommt. Die Hormondiagnostik erfolgt mit Elektrochemilumineszenzimmunoassays für die Hormone TT4, fT4, TT3
und fT3.
Das Trijodthyronin (T3) ist entscheidend für die Wirksamkeit der Schilddrüsenhormone an den unterschiedlichen Zielorganen. Es wird überwiegend extrathyreoidal
in der Leber aus Thyroxin gebildet, vorwiegend durch enzymatische Dejodierung. Die Serumkonzentration gibt somit eher einen wichtigen Hinweis zum Funktionszustand
des peripheren Gewebes als über die Sekretionsleistung
der Schilddrüse. Vermindert sich die Umwandlung von
Thyroxin zu Trijodthyronin (durch Medikamente: Propanolol, Glukokortikoide, aber auch bei schweren nicht thyreoidalen Allgemeinerkrankungen) kann es zur Senkung
der Trijodthyroninkonzentration im Serum kommen. Trijodthyronin ist, wie auch das Thyroxin, fast 100%ig an
Transportproteine gebunden, aber mit einer deutlich geringeren Affinität.
Schilddrüsenautoantikörper
Die Bestimmung von Autoantikörpern gegen Schilddrüsenantigene hat bei der Differenzialdiagnostik von
Immunthyreopathien eine große Bedeutung erlangt. Es
werden die Antikörper gegen folgende Proteine bestimmt:
l Thyreotropinrezeptor (TSH‑R‑AK): Mit dessen Bestimmung kann eine Abgrenzung zwischen einem Morbus
Basedow und einer nicht immunogen bedingten Hyperthyreose erreicht werden.
l Schilddrüsenperoxydase (TPO‑AK): Mit der Bestimmung der TPO‑AK kann der Verdacht auf eine chronische
Immunthyreoiditis erhärtet werden. Die Bestimmung
der Antikörper muss im Zusammenhang mit anderen
immunometrischen Verfahren erfolgen, da aus dem
Anstieg und der Höhe der TPO‑AK nicht auf die Schwere
der Immunthyropathie geschlossen werden kann.
l Thyreoglobulin (TG‑AK): Die Bestimmung der TG‑AK
wird beim Verdacht auf eine Autoimmunthyreopathie
vorgenommen.
Thyreoglobulin
Das Thyreoglobulin (TG) nimmt im Schilddrüsenhormonstoffwechsel eine zentrale Stellung ein. Die Synthese und
Freisetzung erfolgt durch das Thyreotropin. Eine besondere Bedeutung hat die Bestimmung des Thyreoglobulins als
Tumormarker nach ablativer Therapie des differenzierten
Schilddrüsenkarzinoms, d. h. die gesamte Schilddrüse (Tumor und gesundes Gewebe) muss entfernt werden. Sollte
nach einer ablativen Therapie ein Schilddrüsenrest in situ
verbleiben, ist eine Unterscheidung zwischen benignen
und malignen Veränderungen nicht möglich. Die Thyreoglobulinbestimmung liefert zuverlässige Aussagen bei der
Differenzialdiagnose der konnatalen Hypothyreose sowie
der Hyperthyreosis factitia. Bei anderen benignen Schilddrüsenerkrankungen ist der diagnostische Stellenwert
702
eher als gering zu bewerten. Dagegen sind hohe Thyreoglobulinwerte bei großen Knotenstrumen, beim floriden
Morbus Basedow oder der subakuten Thyreoiditis de Quervain nachweisbar.
Kalzitonin
Kalzitonin wird von den C‑Zellen gebildet und ist ein wichtiger Tumormarker bei der Diagnose und Verlaufskontrolle
des medullären Schilddrüsenkarzinoms, aber auch beim
Familien-Screening (multiple endokrine Neoplasie Typ 2)
bzw. dem familiären medullären Schilddrüsenkarzinom.
Titeranstiege weisen sehr spezifisch auf das Vorhandensein eines medullären Schilddrüsenkarzinoms bzw. auf
ein Rezidiv hin. Die Bestimmung der Kalzitoninkonzentration im Serum erfolgt mit radioaktiven und nicht radioaktiven Verfahren. Die Sensitivität der Bestimmung kann
durch den Pentagastrintest verbessert werden.
Beim medullären Schilddrüsenkarzinom ist häufig das
karzinoembryonale Antigen (CEA) erhöht. Referenzwerte:
Männer 2 – 48 pg/ml, Frauen 2 – 10 pg/ml.
Molekulargenetische Diagnostik
Gendefekte können als angeborene Störungen die Synthese der Schilddrüsenperoxidase (TPO) und das Thyreoglobulin betreffen. Des Weiteren treten Mutationen des
Thyreotropinrezeptorgens, der Schilddrüsenhormonbindungsproteine, des Gens für den nukleären Schilddrüsenhormonrezeptor und somatische Gendefekte in benignen
und malignen Schilddrüsentumoren auf. Etwa 25 % der
medullären Schilddrüsenkarzinome treten familiär im
Rahmen einer multiplen endokrinen Neoplasie (MEN 2)
auf. Die Subtypen des MEN 2 sind durch die Kombination
mehrerer endokriner Störungen ausgewiesen:
l MEN 2A: medulläres Schilddrüsenkarzinom, Phäochromozytom, Hyperparythyreoidismus
l MEN 2B: medulläres Schilddrüsenkarzinom, Phäochromozytom, Schleimhautneurinome, marfanoider Habitus, Ganglionneuromatosen)
Das familiäre medulläre Schilddrüsenkarzinom (FMTC) ist
dadurch charakterisiert, dass kein Phäochromozytom und
kein Hyperparythyreoidismus bestehen.
Als Ursache dieser Krankheitsbilder wurde eine Keimbahnmutation des RET‑Protoonkogens nachgewiesen. Die
Bestimmung sollte in speziellen Labors erfolgen.
Sonografie
Die Schilddrüsensonografie ist eine einfach durchführbare
Methode ohne Belastung für den Patienten. Es werden
hochauflösende Schallköpfe mit einer Frequenz von
7,5 – 10 Mhz verwendet. Die Sonografie kann beliebig oft
wiederholt werden und ermöglicht eine objektive Untersuchung der Schilddrüse:
l zur Bestimmung der Volumina (Referenzwerte: Frauen
< 18 ml, Männer < 25 ml)
l zur Angabe von Länge, Breite und Tiefe für jeden Schilddrüsenlappen; Besonderheiten zur Lage und Form
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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zur Binnenstruktur (Echomuster: homogen – inhomogen, echonormal – echoarm)
zur diffusen Echoarmut → Verdacht auf Autoimmunthyreopathie
zum Nachweis von Knoten bzw. fokalen Veränderungen: Größe, Struktur: solide – zystisch, scharf oder unscharf begrenzt, mit und ohne Randsaum
zu Verkalkungen
zur Beurteilung der Halslymphknoten (Lymphknotenkompartimente der Schilddrüse), der Nebenschilddrüsen, der Trachea und des Ösophagus sowie der Gefäßscheide
zur Durchblutung (Duplexsonografie)
Szintigrafie
Die Szintigrafie liefert Informationen über den allgemeinen und lokalen Funktionszustand der Schilddrüse. Die
kombinierte Beurteilung mit der Sonografie und den klinischen, laborchemischen und zytologischen Befunden ermöglicht eine hinreichende Befundbeurteilung. Bei der
Szintigrafie wird ein Radiopharmakon nach intravenöser
Gabe von der Schilddrüse aufgenommen (Uptake) und
die globale Anreicherung über der Regio thyreoidea als
Gesamt-Uptake gemeinsam mit der regionalen Aktivitätsverteilung gemessen. Damit können Aussagen über autonome Bezirke in der Schilddrüse nachgewiesen werden,
ebenso funktionell inaktive, nicht speichernde Areale
(kalte Knoten). Für die szintigrafischen Untersuchungen
werden vorwiegend 2 Radiopharmakons eingesetzt. Die
Wahl des verwendeten Radionuklids richtet sich nach
den physikalischen Emissionseigenschaften und der Halbwertszeit.
l 99 mTc-Pertechnetat-Szintigrafie: Nach i. v. Gabe Anreicherung in den Thyreozyten, maximale Konzentration
bereits nach 15 – 20 min, wird nicht in organische Jodverbindungen eingebaut. Nach 30 min erfolgt bereits
wieder die Ausscheidung in der ursprünglichen Form.
Die Aufnahme von 99mTc-Pertechnetat erfolgt nicht spezifisch in Schilddrüsenzellen, sondern in anderen Geweben (z. B. Speicheldrüsen). Das 99mTc-Pertechnetat
ist für die Szintigrafie der Schilddrüse besonders deshalb gut geeignet, weil es eine reine γ‑Strahlung emittiert und die Halbwertszeit mit ca. 6 h eine höhere Radioaktivitätsmenge zulässt. Damit wird die Detaildarstellung im Szintigramm wesentlich verbessert. Die
Strahlenexposition beträgt 3,4 mGy und ist um den
Faktor 300 niedriger als bei der Anwendung von 131I.
Indikationen:
l Struma nodosa (kalte u. warme Knoten)
l Verdacht auf Autonomie der Schilddrüse: diffus, unifokal, multifokal, disseminiert (Uptake-Messung),
ggf. Supressionsszintigrafie (Aussage zur globalen
bzw. regionalen Regulation der thyreoidalen Jodaufnahme); Zunahme der Autonomien bei älteren Patienten
l Jodszintigrafie: Die physikalische Halbwertszeit von 123I
wird mit 13 h angegeben. Das 123I hat für die Szintigrafie
Erkrankungen
ähnlich gute Eigenschaften wie das 99mTc-Pertechnetat
(fehlender β‑Strahlenanteil). Vorteilhaft ist der größere
thyreoidale Uptake mit einer besseren Abgrenzung der
Schilddrüse. Der Nachteil von 123I ist die eingeschränkte
Verfügbarkeit, weil es im Zyklotron hergestellt werden
muss. Das 131I wird wegen seiner ungünstigen physikalischen Eigenschaften (Halbwertzeit 8,1 Tage, β‑Strahler, Energie 362 kV) nur noch bei der Nachsorgediagnostik des Schilddrüsenkarzinoms und zur Radiojodtherapie eingesetzt. Indikationen (123I):
l Verdacht auf dystopes Schilddrüsengewebe
l Differenzialdignose bei mediastinalen Raumforderungen
Die 123I‑Szintigrafie sollte nicht bei der juvenilen, diffusen euthyreoten Struma eingesetzt werden. Kontraindiziert ist diese Methode in der Schwangerschaft und
der Stillperiode.
Punktionszytologie
Die Punktionszytologie hat bei der Differenzialdiagnose
von regressiven und malignen Veränderungen in der
Schilddrüse einen hohen Stellenwert. Die Beurteilung des
Punktats sollte durch einen erfahrenen Zytopathologen
(Angabe von klinisch relevanten Befunden) erfolgen. Das
Verfahren ist durch eine hohe Sensitivität und Spezifität
ausgewiesen.
Indikationen:
l Schilddrüsenknoten ≥ 1 cm, klinisch suspekte Knoten,
echoarme Knoten > 1 cm, kalte Knoten
l Abklärung der befunddominanten Seite (Operationsplanung)
l große Knoten bei sonst normalem Schilddrüsenparenchym
l Knoten nach Bestrahlung der Halsregion (Malignomrisiko ↑)
l Differenzialdiagnose Thyreoiditis – Malignom
Bei einer ausgeprägten hämorrhagischen Diathese ist die
Punktionszytologie kontraindiziert.
Ergänzende Untersuchungen
Bei großen Strumen sind häufig bereits Komplikationen
durch die Beeinträchtigung der Nachbarorgane eingetreten. In diesem Fall können folgende diagnostische Maßnahmen weiterhelfen:
l Tracheazielaufnahme (Trachealkompression, Verlagerung, Abb. 14.17)
l Thoraxröntgenaufnahme (retrosternale, retrotracheale, mediastinale Ausbreitung der Struma, ggf. CT des
Thorax)
l endoskopische Untersuchung der Trachea (Tracheomalazie)
l Lungenfunktionsprüfung (Beurteilung einer Ventilationsstörung bei Trachealeinengung)
l Untersuchung des Ösophagus (Breischluck, Endoskopie, Differenzialdiagnose der Dysphagie)
703
.........
14
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14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Abb. 14.17
l
l
l
Struma multinodosa III mit Trachealverlagerung und ‑kompression.
Cave: jodhaltige Kontrastmittel, wenn die Gefahr einer
jodinduzierten Hyperthyreose besteht
ophthalmologische Untersuchungen bei endokriner
Orbitopathie
kardiale Untersuchungen
l
Funktionsstörungen der Schilddrüse
Euthyreote Struma
Diagnose. Bei einem Strumaverdacht mit Euthyreose sind
bei der Erstuntersuchung folgende Untersuchungen erforderlich:
l Klinische Untersuchung.
l Schilddrüsensonografie: Beim Echoverhalten wird die
Schilddrüse mit der angrenzenden Halsmuskulatur verglichen. Im Normalfall stellt sich die Schilddrüse deutlich heller dar; man nennt dies echodicht und im Vergleich zur normalen Schilddrüse echonormal. Als echoarm wird eine Struktur bezeichnet, wenn sie ähnlich
wie die Halsmuskulatur und damit dunkler erscheint.
Echonormale und echoreiche Knoten – auch im Bereich
des Randsaums – und echofreie Anteile sind häufig
nachweisbar und entsprechen meist gutartigen Veränderungen. Das Risiko eines bösartigen Tumors ist
bei diesen Knoten sehr gering. Der echofreie Randsaum
entspricht meist einer Zone vermehrter Durchblutung
und findet sich häufiger bei gutartigen Knoten. Diese
Zeichen schließen jedoch ein Schilddrüsenkarzinom
nicht aus. Schilddrüsenkarzinome weisen meistens
eine echoarme Binnenstruktur auf. Eine sichere Unterscheidung zwischen gut- und bösartigen Knoten ist mit
der Sonografie nicht möglich.
l Bestimmung des basalen Thyreotropins (TSH) zum
Nachweis einer peripheren euthyreoten Stoffwechsellage (Ausschluss einer Schilddrüsenfunktionsstörung;
Hyper-/Hypothyreose). Beurteilung: Liegen die basalen
Messwerte im Referenzbereich (0,3 – 4,0 mU/l), so ist
eine Schilddrüsenfunktionsstörung nahezu ausge704
l
schlossen – ggf. Bestimmung der Schilddrüsenhormone fT3 und fT4, um seltene Funktionsstörungen zu erkennen.
Schilddrüsenszintigrafie: Die Schilddrüsenszintigrafie
kann zum Nachweis eines kalten Knotens (funktionelle
Charakterisierung, Differenzierung der Hyperthyreose)
eingesetzt werden. Sie ist bei allen tastbaren oder sonografisch nachweisbaren Knoten indiziert. Bei der
Untersuchung wird Technetium (99 mTc04) intravenös
appliziert und selektiv in die Schilddrüse transportiert
– auch bei einem Karzinom –, und nach 10 – 20 min
werden die radioaktiven Impulse mit einer Kamera
aufgezeichnet (Quantifizierung: Aufnahme im Schilddrüsengewebe = Uptake). Radioakives Jod (123J) ist nur
dann erforderlich, wenn eine stark vergrößerte Schilddrüse bis in das Mediastinum reicht.
Punktionszytologie: Der Punktionszytologie gehen in
der Regel die Sonografie und die Szintigrafie voraus.
Der hypofunktionelle Schilddrüsenknoten stellt die
häufigste Indikation zur Punktionszytologie dar. Wenn
klinische und sonografische Kriterien für einen bösartigen Prozess fehlen, kann auf die Punktion verzichtet
werden. Da sie ultraschallgestützt durchgeführt wird,
sind Komplikationen extrem selten. Erfahrenen Zytopathologen können bösartige Tumoren in bis zu 90 %
der Fälle nachweisen.
Hyperthyreote Struma
Pathogenese. Bei einer hyperthyreoten Funktionsstörung
der Schilddrüse werden vom Körper vermehrt Schilddrüsenhormone produziert. Die erhöhte Konzentration von
freien Schilddrüsenhormonen führt zu einer gesteigerte
Wirkung auf die verschiedensten Stoffwechselprozesse.
Diese Funktionsstörung ist nach der Jodmangelstruma im
Erwachsenenalter mit etwa 5 % die zweithäufigste Schilddrüsenerkrankung. Neben dem klinischen Verdacht ist
bei der paraklinischen Diagnostik zwischen einer latenten
(Thyreotropin im Serum erniedrigt) und einer manifesten
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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Erkrankungen
.........
14
Autonomes Adenom der Schilddrüse.
a Sonografie.
b Suppressionsszintigrafie.
Hyperthyreose (zusätzlich Schilddrüsenhormone T3, T4 im
Serum erhöht) zu unterscheiden.
Die funktionelle Autonomie (50 – 70 % der Fälle) und
die Immunthyreopathie des Morbus Basedow (30 – 50 %)
sind die häufigsten hyperthyreoten Funktionsstörungen.
Untersuchungschema
l Anamnese.
l Körperliche Untersuchung.
l Laborparameter: Wichtigster Parameter ist die basale
Thyreotropinbestimmung. Eine erhöhte Konzentration
von freien Schilddrüsenhormonen führt bei einem
funktionstüchtigen Regelkreis zu einer Thyreotropinsuppression (Referenzbereich: 0,3 – 4 mU/l). Liegt der
Thyreotropinwert in diesem Bereich, kann eine Hyperthyreose ausgeschlossen werden. Bei einem supprimierten Thyreotropinwert ist von einer subklinischen
oder manifesten Hyperthyreose auszugehen. Die Bestimmung der Schilddrüsenhormone erhärtet den Verdacht auf eine Hyperthyreose unter Berücksichtigung
des klinischen Bildes (Referenzwerte: freies Thyroxin
[fT4] 0,8 – 2,0 ng/dl, Gesamtthyroxin [T4] 4,5 – 12 μg/dl,
freies Trijodthyronin [fT3] 2,1 – 5,3 pg/ml, Gesamttrijodthyronin [T3] 0,8 – 2,0 ng/dl). Für den differenzialdiagnostischen Nachweis einer immunogenen Form
der Hyperthyreose ist die Bestimmung der Schilddrüsenantikörper erforderlich. Allgemeine Laborwerte: Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit und CRP
(stark erhöht bei Thyreoiditis de Quervain), Blutzucker,
Leberwerte, alkalische Phosphatase, Blutbild (thyreostatische Therapie), Cholesterin.
l Sonografie:
l Morbus Basedow: diffuse Echoarmut und große Tiefenausdehnung – charakteristisch, aber nicht spezifisch (ähnlich bei Autoimmunthyreoiditis mit Hypothyreose).
l Autonomie: häufig ein oder mehrere Schilddrüsenknoten – nicht bei disseminierter Autonomie
(Abb. 14.18).
l Szintigrafie/Suppressionsszintigrafie: Die Schilddrüsenszintigrafie ermöglicht in Korrelation zur Sonogra-
l
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fie die Beurteilung der funktionellen Aktivität. Eine erhöhte Aufnahme des verabfolgten Radionuklids mit
diffuser Anreicherung ist typisch für den Morbus Basedow und die disseminierte Autonomie. Bei der uniund multifokalen Autonomie dagegen stellen sich fokale Mehranreicherungen dar. Kalte Knoten speichern
nur sehr vermindert oder gar nicht.
Fachophthalmologische Untersuchung: Bei endokriner
Orbitopathie.
Orbitasonografie: Beurteilung der Augenmuskelverdickung; Differenzialdiagnose zu anderen Erkrankungen.
Orbita-CT: Koronare Schnittführung.
MRT: Abgrenzung zu anderen Erkrankungen (Tumoren,
Myositis).
Oktreotidszintigrafie: Beurteilung der entzündlichen
Veränderungen.
Therapie. Bei der Behandlung einer manifesten Hyperthyreose steht die medikamentöse thyreostatische Therapie mit Substanzen aus der Thionamidgruppe an erster
Stelle. Bei leichteren Formen kann die alleinige Gabe von
β‑Rezeptorenblockern oder eine hoch dosierte Jodidvorbehandlung (Plummerung) erfolgen. In seltenen Fällen
von konservativ nicht beherrschbaren jodinduzierten Thyreotoxikosen oder bei schweren Nebenwirkungen einer
thyreostatischen Therapie (Knochenmarksdepression) ist
eine Operation unter hyperthyreoten Bedingungen indiziert. Vor der Einleitung einer thyreostatischen Therapie
ist deshalb die Untersuchung des peripheren Blutbilds,
der γ‑Glutamyltranspeptidase und der Glutamat-PyruvatTransaminase notwendig.
Morbus Basedow
Pathogenetisch ist der Morbus Basedow dadurch gekennzeichnet, dass der hypophysäre Rückkopplungsmechanismus zugunsten einer unkontrollierten Stimulation durch
das genetisch determinierte autoaggressive Immunsystem gestört ist. Durch verschiedene endogene und exogene Faktoren wird der Immundefekt verstärkt, mit der Folge, dass die Selbstkontrolle gegen thyreoidale Antikörper
nicht mehr funktioniert. Die Antikörper sind vorwiegend
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Abb. 14.18
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Autonomie der Schilddrüse
Im Gegensatz zum Morbus Basedow wird die Hyperthyreose bei einer Autonomie nicht durch eine exogene
Überstimulation bedingt, sondern durch endogenes hyperaktives Schilddrüsengewebe hervorgerufen. Diese Vorgänge sind von der hypophysären Regulation abgekoppelt
und funktionell autonom. Diese Störungen der normalen
Schilddrüsenfunktion werden mit einer Mutation der
Gensequenzen des Thyreotropinrezeptors und der G‑Proteine erklärt. Der Jodmangel scheint die somatische Mutation zu begünstigen. Folgende klinische Manifestationen
werden bei der Autonomie unterschieden:
l unifokale
Autonomie (solitärer heißer Knoten;
Abb. 14.19)
l multifokale Autonomie (mehrere mehrspeichernde
Knoten)
l disseminierte Autonomie (diffuse Mehrspeicherung in
der Schilddrüse)
Jodinduzierte Hyperthyreose
Die funktionelle Autonomie ist eine Folge des Jodmangels.
Die Entstehung einer funktionell wirksamen Autonomie
nimmt mit der Größe der Struma zu. Die Verabreichung
von hohen Jodmengen kann zur Entstehung einer Hyperthyreose führen, da die Schutzmechanismen der gesunden Schilddrüse gegen eine Jodüberflutung nicht mehr
wirksam sind (Wolff-Chaikoff-Effekt, Blockade des Jodid-
Abb. 14.19 Autonomes Adenom mit Hyperthyreose.
Szintigramm.
706
transports) – ebenso der Plummer-Effekt (Hemmung der
Hormonfreisetzung).
Erhöhte Jodmengen sind u. a. enthalten in:
l jodhaltigen Röntgenkontrastmitteln
l Desinfizienzien (Betaisodona)
l Dermatika
l Lugol-Lösung
Thyreotoxische Krise
Die thyreotoxische Krise als akuter, lebensbedrohlicher
Zustand wird häufig durch einen Jodexzess, durch Operationen, fieberhafte Infekte, schwere Allgemeinerkrankungen oder lange bestehende unerkannte Erkrankungen
ausgelöst. Als Grunderkrankung überwiegt die Autonomie
der Schilddrüse.
Die Diagnose wird zunächst durch das klinische Bild
gestellt und nicht durch die Höhe des Schilddrüsenhormonspiegels. Die klinischen Leitsymptome sind:
l Übelkeit
l Erbrechen
l akute abdominelle Beschwerden
l Tachykardie
l Beeinträchtigung der Bewusstseinslage
l Hyperthermie
l Herzrhythmusstörungen
l Zeichen einer kardialen Dekompensation
l Hypertonie
l psychotische Symptome
l Krämpfe
l Koma
Endokrine Orbitopathie
Die endokrine Orbitopathie wird als extrathyreoidale Lokalisation des Morbus Basedow (bei 60 % der Patienten)
aufgefasst. Pathohistologisch stellt sich eine lymphozytäre
Infiltration des Retrobulbärraums mit Beteiligung des Bindegewebes und der Augenmuskeln dar. Ursächlich führt
eine autoaggressive Immunreaktion in der Orbita bei genetischer Disposition zu dieser Erkrankung.
Klinische Symptome:
l Exophthalmus eines oder beider Augen
l retrobulbäre Druckempfindung
l Epiphora
l Lichtempfindlichkeit
l lymphozytäre Infiltration des Retrobulbärraums bis
zum malignen Exophthalmus mit Konjunktivitis
l Keratitis
l Doppelbilder bis zum Visusverlust (Kompression der
N. opticus)
Stadieneinteilung der endokrinen Orbitopathie:
l Klasse 0: keine Symptome
l Klasse I: seltener Lidschlag
l Klasse II: Lidschwellung, Chemosis, Konjunktivitis
l Klasse III: Exophthalmus
l Klasse IV: Augenmuskelveränderungen
l Klasse V: Hornhautläsion
l Klasse VI: Beteiligung des N. opticus
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gegen den Thyreotropinrezeptor, die Schilddrüsenperoxidase und das Thyreoglobulin gerichtet. Durch die Aktivierung intrazellulärer Signalwege infolge Rezeptorbindung
kommt es beim Morbus Basedow häufig zum Strumawachstum.
................................................................
Erkrankungen
.........
Abb. 14.20
Struma parenchymatosa (mit freundlicher Genehmigung von Herrn Priv.-Doz. Dr. Buchmann, Halle).
a Ohne regressive Veränderungen.
Hypothyreote Struma
Die hypothyreote Stoffwechsellage ist durch eine verminderte Wirkung der Schilddrüsenhormone an den Zielorganen gekennzeichnet. Je nach Ausmaß des hormonellen
Defizits wird das Krankheitsbild als latente (subklinische)
oder als manifeste Hypothyreose bezeichnet. Mit einer
Prävalenz von 6 – 10 % bei der latenten und 1 – 3% bei der
manifesten Hypothyreose zählen diese Funktionsstörungen zu den häufigen Schilddrüsenerkrankungen. Frauen
sind etwa 4-mal häufiger betroffen als Männer. Hypothyreosen entstehen durch eine nicht bedarfsadaptierte Synthese und Sekretion von Schilddrüsenhormonen. Der Beginn der Erkrankung ist meist schleichend und entwickelt
sich über Jahre. Mit zunehmendem Alter treten diese Erkrankungen häufiger auf.
Ursachen
l primäre Hypothyreose bei einem Defekt in der Schilddrüse: Autoimmunthyreoiditis, Schilddrüsenentzündungen, Medikamente, Radiojodtherapie, Operationen
l sekundäre Hypothyreose (verminderte oder ausgefallene Thyreotropinstimulation): bei Hypophysenvorderlappeninsuffizienz, Hypophysentumoren, Hypophysitis
l tertiäre Hypothyreose (ausgefallene Thyreotropin-releasing-Hormonstimulation): Erkrankungen des Hypothalamus
l Resistenzsyndrome:
Thyreotropinrezeptorresistenz,
generalisierte und periphere Schilddrüsenhormonresistenz
Symptome
l Herabsetzung zahlreicher Stoffwechselprozesse
l Einschränkung vieler Körperfunktionen: Antriebslosigkeit, Müdigkeit, allgemeine Leistungsminderung, Kälteintoleranz, Hypothermie, Haarausfall, Gewichtszunahme, Appetitlosigkeit, Obstipation, depressive Stimmungen, sexuelle Störungen (Periode, Libido, Potenz)
b Mit regressiven Veränderungen/Kalk.
l
l
l
l
l
Lidödeme bei aufgedunsenem Gesicht
blasse, trockene Haut
Sprache heiser, verlangsamt
kardiale Symptome bis zur Herzinsuffizienz
Störung des Lipidstoffwechsel (LDL‑Cholesterinanstieg,
HDL‑Cholesterinabfall)
Therapie von euthyreoter Struma,
Hyper- und Hypothyreose
Euthyreote Struma
Die Therapie der euthyreoten Struma richtet sich nach der
Ätiologie, den morphologischen Veränderungen (Größe,
Konsistenz, Knoten, mechanische Komplikationen), der
Schilddrüsenstoffwechsellage, dem Alter des Patienten sowie den Begleiterkrankungen (Abb. 14.20).
Je nach Befund stehen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung:
l medikamentöse Therapie: Jodidtherapie, Schilddrüsenhormone, Verabreichung von Kombinationspräparaten aus Jodid und Schilddrüsenhormonen
l chirurgische Therapie
l Radiojodtherapie: in ausgewählte Situationen, z. B. Versagen der medikamentösen Therapie, Kontraindikation
gegen eine Operation, Multimorbidität
Der Strumaprophylaxe bzw. der frühzeitigen Behandlung
kommt eine besondere Bedeutung zu. Da die Rückbildungsfähigkeit einer vergrößerten Schilddrüse begrenzt
ist, muss das Therapieziel auf die Verhinderung von Folgeerkrankungen des Jodmangels ausgerichtet sein. Um einen
dauerhaften Behandlungserfolg zu erreichen, ist eine Rezidivprophylaxe unbedingt notwendig.
Hyperthyreose
Die Therapie der Hyperthyreose setzt den laborchemischen Beleg voraus – auch von den Hyperthyreosenformen, die keiner spezifischen Behandlung bedürfen (Hyperthyreosis factitia, Postpartumthyreoiditis, Schwangerschaftshyperthyreose, Thyreoiditis de Quervain).
707
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14
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Für die spezifische Therapie der Hyperthyreose stehen
mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: Das Ziel der medikamentösen Behandlung ist die Unterdrückung der Hyperthyreose (Operationsvorbereitung, Euthyreose, zur Remission bei Morbus Basedow, Langzeitbehandlung, wenn
definitive Therapie nicht möglich ist). Indikation sind
Morbus Basedow, Autonomie der Schilddrüse, jodinduzierte Hyperthyreose und Hyperthyreose in der Schwangerschaft. Kontraindiziert ist diese Therapie bei frühzeitig
auftretenden Nebenwirkungen:
l selten:
Agranulozytose, Thrombozytopenie, Hypoglykämie
l häufiger:
Kopfschmerzen, Leukopenie, allergische
Reaktionen, Leberenzymerhöhung
drüsengewebe von 3 – 5 ml ausgeführt werden, auch unter
Inkaufnahme einer postoperativen substitutionspflichtigen Hypothyreose. Im Rahmen einer funktionellen Strumachirurgie bei Autonomie müssen alle erkrankten Gewebeanteile entfernt werden, bei weitgehender Erhaltung
der gesunden Areale.
Komplikationen
l Mortalität: ca. 0,1 %
l Nachblutungen: 1 – 5%
l Rekurrensparesen beim Ersteingriff: 1 – 3%
l Zweiteingriff: bis 10%
l Hypoparathyreoidismus: 1 – 3%
Hypothyreose
Die Radiojodtherapie wird in Abhängigkeit von der Ätiologie angewendet, und zwar primär bei der Autonomie der
Schilddrüse und beim Morbus Basedow, wenn die thyreostatische Therapie versagt hat. Voraussetzung für eine
operative Intervention ist eine euthyreote Stoffwechsellage (seltene Ausnahme: Notfallthyreoidektomie bei thyreotoxischer Krise). Indikationen hierfür sind:
l Primärtherapie des Morbus Basedow
l thyreotoxische Krise
l jodinduzierte, thyreostatisch nicht behandelbare
Hyperthyreose
l große Struma > 60 ml
l Malignomverdacht
l Sekundärtherapie beim Morbus Basedow
l Rezidivhyperthyreose
l bei Kontraindikation für Radiojodtherapie
l Primärtherapie bei Schilddrüsenautonomie,
Struma > 60 ml
l Vorhandensein von zusätzlichen größeren kalten
Knoten
Operationsziele sind die Beseitigung der Hyperthyreose
und die Vermeidung eines Hyperthyreoserezidivs. Die
Strumektomie sollte bis auf ein Restvolumen an Schild-
Abb. 14.21
a Übersicht.
708
Die Therapie der Hypothyreose erfolgt durch die Substitution mit Levothyroxin zum Ausgleich des Hormonmangels
und zur Wiederherstellung einer euthyreoten Stoffwechsellage. Die Therapie ist gut verträglich und von hoher
Wirksamkeit. Die Dosierung erfolgt individuell und wird
am Serumthyreotropinspiegel ausgerichtet, mit dem Ziel
der Senkung des Thyreotropinspiegels in den Normalbereich.
Schilddrüsentumoren
Einteilung und Prognose
In Deutschland erkranken jährlich etwa 4000 Personen an
einem Malignom der Schilddrüse. An allen krebsbedingten
Todesfällen sind die Schilddrüsenkarzinome mit 0,2 – 0,3 %
beteiligt. Die Inzidenz beträgt für Frauen 6,3 und ist doppelt so hoch wie bei Männern, bei insgesamt weltweit
steigenden Erkrankungszahlen. Ätiologisch führen mutagene und initiierende Faktoren in Verbindung mit einer
erhöhten Thyreotropinwirkung zur malignen Entartung.
Strahlenbelastungen (z. B. Tschernobyl, externe Bestrahlung der Halsregion) sind gesicherte Risikofaktoren für die
Papilläres Mikrokarzinom (mit freundlicher Genehmigung von Herrn Priv.-Doz. Dr. Buchmann, Halle).
b Tumorkapsel.
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
.................................................................................
................................................................
Einteilung
Tumoren
Schilddrüsenkarzinom
l
papilläres Karzinom
l
follikuläres Karzinom
l
l
l
Einteilung und Prognose der Schilddrüsenkarzi-
Einteilung
Prognose
10-JahresÜberlebensrate in %
gering differenziertes Karzinom
differenziertes Karzinom
(DTC):
sehr gut
ca. 93
undifferenziertes (anaplastisches)
Karzinom
l
papilläres Karzinom (PTC)
l
Mikrokarzinom
l
Mikrokarzinom mit lymphogener Metastasierung
l
großzellige (Tall-Cell-)
Variante
Plattenepithelkarzinom
l
Mukodermoidkarzinom
l
sklerosierendes Mukodermoidkarzinom mit Eosinophilie
l
muzinöses Karzinom
l
medulläres Karzinom (C‑Zellkarzinom)
l
gemischtes medulläres und
Follikelzellkarzinom
l
Spindelzelltumor mit thymusähnlicher
Differenzierung
l
Tabelle 14.9
nome.
Karzinom mit thymusähnlicher
Differenzierung
Schilddrüsenadenome und verwandte Tumoren
l
follikuläres Adenom
l
hyalinisierender trabekulärer Tumor
andere Schilddrüsentumoren
l
Teratom
l
primäres Lymphom und Plasmozytom
l
ektopisches Thymom
l
Angiosarkom
l
Tumoren der glatten Muskulatur
l
periphere Nervenscheidentumoren
l
Paragangliom
l
solitärer fibröser Tumor
l
Tumor der follikulären dentrischen
Zellen
l
Langerhans-Zellhistiozytose
l
Metastasen
Entstehung eines Schilddrüsenkarzinoms mit einer Latenzzeit von 5 – 30 Jahren. Dagegen stellt die therapeutische Radiojodtherapie kein erhöhtes Krebsrisiko dar. Die
histologische Klassifikation der Schilddrüsentumoren
nach WHO (Pfannenstiel et al. 1997) zeigt die Tab. 14.8.
Am häufigsten gehen die Schildrüsenkarzinome von
den Follikelzellen (95 – 97 %) oder den parafollikulären kalzitoninproduzierenden C‑Zellen (3 – 5 %) aus. In der
WHO‑Klassifikation werden die Schilddrüsenkarzinome
mit Follikelzellursprung unter Berücksichtigung von prognostischen Aspekten in 3 Gruppen unterteilt (Tab. 14.9).
Das papilläre Schilddrüsenkarzinom metastasiert vorwiegend lymphogen in die zervikomediastinalen Lymphknoten, wobei die Inzidenz der Lymphknotenmetastasen
ab einer Primärtumorgröße > 2 cm signifikant ansteigt
(Abb. 14.21). Bei lokal destruierendem Wachstum kann
der Tumor in die Trachea einwachsen (Abb. 13.31, S. 647).
.........
14
schlechter
80 – 90
follikuläres Karzinom (FTC):
l
minimalinvasives FTC
(gekapseltes follikuläres
Karzinom)
l
grobinvasives FTC
l
onkozytäres FTC
85
50
schlechter
75
C‑Zellkarzinom (MTC)
gut
25 – 35
gering differenzierte
Karzinome (PDTC)
deutlich
schlechter
Überleben
meist < 12
Monate
undifferenzierte (anaplastische) Karzinome
extrem
schlecht
Lymphknotenmetastasen treten beim follikulären Karzinom durch hämatogene Metastasierung in 10 – 20 % der
Fälle auf. Im Allgemeinen ist die Prognose des Schilddrüsenkarzinoms als gut zu bezeichnen. Die C‑Zellkarzinome
(medulläre Schilddrüsenkarzinome) können sporadisch
(75 %) oder familiär gehäuft (25%) auftreten.
Klinische Symptome und diagnostisches Vorgehen
Schilddrüsenkarzinome weisen in der Regel keine spezifischen Frühsymptome auf. Malignomverdächtige Befunde
sind:
l rasches Knotenwachstum (bestehende oder neue Knoten)
l einzelner Knoten in einer diffusen Struma
l Kinder und Jugendliche (< 14 Jahre), ältere Personen
(> 60 Jahre)
l Geschlecht: männlich
l auffällige zervikale Lymphknoten
l nicht schluckverschieblicher Tastbefund
l Rekurrensparese
Bei kleinen Schilddrüsenkarzinomen gibt es außer bei
dem medullären Schilddrüsenkarzinom (erhöhte Kalzitoninkonzentration) keine geeigneten Verfahren zur Frühdiagnose. Bei einer multinodösen Struma besteht außerdem die Schwierigkeit der Differenzierung verdächtiger
Befunde. Spezielle Verfahren zur Diagnostik des Schilddrüsenkarzinoms sind:
709
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Tabelle 14.8 Histologische Klassifikation der Schilddrüsentumoren
(nach: Pfannenstiel et al. 1997).
Erkrankungen
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
l
l
l
l
l
Sonografie: Echoarmut, unscharfe Begrenzung
Szintigrafie: kalter Knoten
Feinnadelpunktion
Labor: Kalzitonin erhöht, Pentagastrintest
Nachweis einer Mutation im RET‑Protoonkogen
14.1.3
Ösophagus
V. Bonkowsky und J. Schüssler
Angeborene Veränderungen
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916 – 922
Typ A
710
Typ B
Typ C
Typ D
Ösophagusatresie und tracheoösophageale Fisteln
Die Ösophagusatresie ist die häufigste kongenitale Ösophagusanomalie (1 : 3000 bis 1 : 5000). Sie ist in der Mehrzahl der Fälle mit einer ösophagotrachealen Fistel kombiniert. Die häufigsten Atresietypen sind in Abb. 14.22
zusammengefasst. In 85 % der Fälle findet sich ein proximaler Blindsack mit einer distalen ösophagotrachealen
Fistel (Typ C), in 8% liegt ein Blindsack ohne Fistel vor
(Typ A), in 4 % der Typ E. Häufig bestehen zusätzliche Fehlbildungen wie Duodenal- und Analatresie.
Ätiologie und Pathogenese. Differenzierungsstörungen
in der 4. – 6. Gestationswoche führen zu einer inkompletten Teilung des embryonalen Vorderdarms in die Trachea
und den Ösophagus. Als auslösende Ursachen werden
exogene Faktoren diskutiert.
Symptome. Während oder kurz nach der Geburt kommt
es zu schaumigem Speichelfluss aus Nase und Mund. Die
Nahrung wird regurgitiert, es treten Hustenanfälle und
Zyanose auf. Beim Schreien des Säuglings tritt Luft durch
die tracheoösophageale Fistel und führt zu einer Überblähung des Magens. Durch Aspiration via Fistel kommt es zu
Pneumonie und Atelektase.
Ein Polyhydramnion der Mutter kann bereits ein Hinweis auf eine Ösophagusatresie sein, da der Fötus das
Fruchtwasser nicht schlucken kann.
Diagnose. Bei jedem auffälligen Neugeborenen ist die
Sondierung der Speiseröhre obligat. Typischerweise stößt
man nach 10 – 12 cm auf einen Widerstand. Eine Röntgenübersichtsaufnahme von Thorax und Abdomen im Hängen (luftgefüllter Blindsack, ggf. mit Spiegelbildung) ermöglicht eine Klassifikation der Ösophagusatresie. Zur raTyp E
Abb. 14.22 Schema der häufigsten Formen einer angeborenen Ösophagusatresie
mit einer ösophagotrachealen Fistel.
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Literatur
................................................................
Tabelle 14.10
primäre
Ursachen
Therapie. Zur Vermeidung von pulmonalen Komplikationen muss der ösophageale Atresiesack regelmäßig abgesaugt werden; die Lagerung des Kindes ist dabei in halbsitzender Position. Die Ernährung erfolgt parenteral. Die
operative Therapie sollte baldmöglichst durchgeführt
werden; die Methode der Wahl ist die End-zu-End-Anastomose des Ösophagus mit Verschluss einer ösophagotrachealen Fistel.
sekundäre
Ursachen
Risiken und Komplikationen. An erster Stelle stehen postoperative Stenosen im Anastomosenbereich, die durch
Bougieren meist zu beseitigen sind. Weiterhin sind Anastomoseninsuffizienzen möglich.
l
Duplikaturen
Komplette oder inkomplette Duplikaturen des Gastrointestinaltrakts sind selten; sie bevorzugen das Ileum. Am
zweithäufigsten treten Duplikaturen im Ösophagus auf,
bevorzugt im unteren Drittel (60 % der Fälle). Rein deskriptiv lassen sich tubuläre und zystische Duplikaturen differenzieren.
Symptome. Durch Kompression des Ösophagus kommt es
zu Dysphagien und Regurgitation sowie durch Kompression der Trachea zu Dyspnoe mit Stridor.
Diagnose und Therapie. Der Ösophagusbreischluck mit
Barium ist weiterführend. Die chirurgische Resektion ist
bei einer klinischen Symptomatik indiziert.
l
l
Funktionelle Erkrankungen des Ösophagus.
l
Achalasie
l
diffuser Ösophagusspasmus/Nussknackerspasmus
l
nicht spezifische Störungen des unteren
Ösophagussphinkters
l
verminderte Amplitude der ösophagealen
Peristaltik
l
Bindegewebserkrankungen (Sklerodermie)
l
Diabetes mellitus
l
Alkoholismus
l
Störung des ZNS
l
Presby-Ösophagus
l
Chagas-Krankheit
14
Dysphagie
retrosternales Brennen oder Schmerz
Probleme beim Nahrungstransport oder bei der Regurgitation
Eine Dysphagie, die auf Motilitätsstörungen des Ösophagus beruht, ist eher intermittierend, schreitet, wenn überhaupt, sehr langsam voran und tritt bei flüssiger und fester Nahrung auf. Für obstruktive Ösophaguserkrankungen
dagegen ist eine konstante und zunehmende Dysphagie
typisch, die zuerst bei festen Speisen und erst bei fortschreitender Erkrankung auch flüssige Nahrung betrifft.
Zunächst werden die funktionellen Störungen der Ösophagusmotilität dargelegt; diese können in primäre und
sekundäre
Funktionsstörungen
eingeteilt
werden
(Tab. 14.10).
Primäre Motilitätsstörungen
Dysphagia lusoria
Die häufigste zugrunde liegende Gefäßanomalie ist eine
linksseitig entspringende A. subclavia dextra, die in 80 %
der Fälle dorsal des Ösophagus, in 15 % zwischen Trachea
und Ösophagus und in 5% ventral der Trachea verläuft.
Selten findet sich ein gedoppelter Aortenbogen. Eine klinisch relevante Dysphagie entsteht selten; sie wird allenfalls im mittleren und höheren Alter auffällig.
Diagnose und Therapie. Im Ösophagusbreischluck zeigt
sich eine Impression der Speiseröhre von außen. Ein MRT
stellt die Gefäßanomalie dar. Eine operative Therapie ist
nur bei entsprechend ausgeprägter Dysphagie indiziert.
Funktionelle Störungen
Im Prinzip treten bei allen Ösophaguserkrankungen (funktionelle Störungen, entzündliche oder tumoröse Erkrankungen) ähnliche Leitsymptome auf:
.........
Achalasie
Ätiologie und Pathogenese. Die Achalasie ist durch eine
inkomplette Relaxation des unteren Ösophagussphinkters
mit fehlender ösophagealer Peristaltik charakterisiert;
dies führt zu einer Stase und einer Dilatation des Ösophagus. Die Achalasie stellt eine neuromuskuläre Erkrankung
der glatten Ösophagusmuskulatur mit degenerativen Veränderungen der Neurone im Bereich des dorsalen Vaguskerns, des vagalen Trunkus und des Auerbach-Plexus
(Plexus myentericus) dar. Dies führt zu der fehlenden Peristaltik im tubulären Ösophagus sowie zu einem Nichtauslösen der schluckreflektorischen Erschlaffung des unteren Ösophagussphinkters.
Die Ursache dieser Neuronendegeneration ist unbekannt. Diskutiert werden infektiöse, toxische, ischämische
oder genetische Ursachen. Die Erkrankung manifestiert
sich im mittleren Lebensalter (3. – 5. Lebensjahrzehnt).
Symptome. Leitsymptome sind Dysphagie, Regurgitation
und krampfartige Schmerzen. Die Patienten deuten oft
auf das Xiphoid als Ort der stärksten Dysphagie.
711
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diologischen Bestätigung sollten wegen der Gefahr der
Aspiration nur geringe Mengen eines wasserlöslichen, isotonischen Kontrastmittels verwendet werden (z. B. Iotrolan).
Erkrankungen
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
Diagnose. Der Ösophagusbreischluck zeigt ein typisches
Bild mit einer spitz zulaufenden Stenose im distalen Ösophagus mit prästenotisch weitgestelltem, atonischem
Ösophagus (Abb. 14.23). Die Ösophagoskopie mit Biopsie
ist zum Ausschluss eines Karzinoms obligat (Häufigkeit
eines sekundären Karzinoms bei lang bestehender Achalasie: 5 – 10%). Durch die Speiseretention finden sich Zeichen einer Retentionsösophagitis im tubulären Ösophagus. Die Ösophagusmanometrie zeigt am unteren Ösophagussphinkter einen deutlich erhöhten Ruhedruck
(35 mmHg höher als der Druck im Magen) und ein Ausbleiben der Relaxation beim Schluckvorgang. Weiterhin
zeigt sie, entsprechend den 3 Erscheinungsformen der
Achalasie (amotil, motil oder hypermotil), eine fehlende,
schwache oder überschießende Kontraktion bei fehlender
Peristaltik. Als weiterer charakteristischer Befund findet
sich eine gesteigerte Empfindlichkeit des Ösophagus und
des unteren Sphinkters auf cholinerge Stimuli (Mecholyltest).
Therapie. Kalziumantagonisten (Nifedipin) und Nitrate
sind in der Lage, den Tonus des unteren Ösophagussphinkters zu senken. Langzeitresultate sind allerdings enttäuschend. Die Methode der Wahl bei symptomatischen Patienten im Stadium 1 und 2 ist die endoskopische BallonDilatation des unteren Sphinkters. Bei nicht eintretendem
Erfolg (max. 3 Dilatationen) oder symptomatischen Patienten im Stadium 3 ist die extramuköse Kardiomyotomie nach Gottstein-Heller die Therapie der Wahl.
712
Abb. 14.24 Tertiäre Ösophagusmotilitätsstörung
(Nussknackerösophagus).
Eine Alternative zur pneumatischen Dilatation ist die
direkte endoskopische intraspinktere Botulinustoxininjektion. Die Wirkung einer einzelnen Behandlung hält jedoch
lediglich ca. 6 Monate an.
Da Patienten mit Achalasie ein erhötes Risiko für ein
Ösophaguskarzinom haben (5 – 10%), sind engmaschige
Kontrollendoskopien notwendig!
Diffuser Ösophagusspasmus
Tertiäre, abnormal starke, simultane Kontraktionen des
tubulären Ösophagus bei normaler Funktion des unteren
Ösophagussphinkters werden als idiopathischer diffuser
Ösophagusspasmus bezeichnet. Eine regelrechte propulsive Peristaltik fehlt.
Die Ätiologie ist unbekannt, degenerative Veränderungen der vagalen Innervation werden diskutiert.
Symptome und Diagnose. Dysphagie und retrosternale
Schmerzen stehen im Vordergrund, teilweise mit Ausstrahlung der Schmerzen in Arme und Rücken.
Der Ösophagusbreischluck zeigt tertiäre Kontraktionen des Ösophagus mit Pseudodivertikelbildung (Korkenzieherösophagus). Die flexible Endoskopie lässt direkt die
pathologisch gesteigerten Kontraktionen erkennen. Die
Mehrpunktmanometrie objektiviert diesen Befund.
Differenzialdiagnose. Bei der Funktionsstörung des hyperkontraktilen Ösophagus (Nussknackerösophagus, Abb.
14.24) finden sich normal fortgeleitete Kontraktionen mit
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Abb. 14.23 Ösophagusbreischluck
bei Achalasie.
................................................................
Erkrankungen
.........
Abb. 14.25 Dysphagie bei
Morbus Forrestier.
überhöhten Amplituden (über 120 mmHg). Bei der hypermotilen Form der Achalasie weist der untere Ösophagussphinkter einen erhöhten Tonus auf.
Therapie. Ein Behandlungsversuch mit Kalziumantagonisten und Nitraten steht am Anfang einer Therapie. Bei
Schmerzanfällen wird N‑Butylscopolamin eingesetzt.
Krikopharyngeale Achalasie
An der pharyngealen Hinterwand in einem muskelschwachen Dreieck zwischen Pars obliqua und Pars fundiformis
des M. cricopharyngeus kann es zur Ausbildung eines
Hypopharynxdivertikels (Zenker-Divertikel) kommen (s.
S. 714 f und Kap. 11.1.2 „Erkrankungen des Meso- und
Hypopharynx“).
Sekundäre Motilitätsstörungen
Motilitätsstörungen können auch im Rahmen verschiedener Grunderkrankungen, wie z. B. Bindegewebserkrankungen (Sklerodermie, systemischer Lupus erythematodes, Dermatomyositis), gefunden werden. Diabetes mellitus und Alkoholabusus führen zu einer peripheren und
enteralen Neuropathie mit verminderter ösophagealer
Peristaltik.
In diese Gruppe gehört auch die Dysphagie durch
Nachbarschaftsprozesse: So führen eine Skoliose und
Halswirbelsäulenhyperostosen (Morbus Forrestier) zu
einer Dysphagie (Abb. 14.25). Weiterhin sind ein Aortenaneurysma, mediastinale und Schilddrüsentumoren zu
berücksichtigen.
Ösophagusdivertikel
Bei Divertikeln handelt es sich definitionsgemäß um pathologische Ausstülpungen eines Hohlorgans. Man unterscheidet:
l echte Divertikel: Ausstülpungen aller Wandschichten
l falsche Divertikel (= Pseudodivertikel): Ausstülpung
der Tunica mucosae und der Submukosa
Ösophagusdivertikel sind am häufigsten unmittelbar
oberhalb des oberen Ösophagusspinkters lokalisiert (Zenker-Divertikel), seltener im mittleren (tubulären) Ösophagusdrittel und vor dem unteren Ösophagusspinkter
(epiphrenische Divertikel; Abb. 14.26 a).
Betroffen sind hauptsächlich Patienten im mittleren
bis höheren Lebensalter (Geschlechterverhältnis Männer : Frauen = 3 : 1).
Ätiopathogenese. Das zervikale (= Zenker-, Hypopharynxdivertikel) sowie das epiphrenische Divertikel gehören zu den sog. Pulsionsdivertikeln. Hierbei führt ein erhöhter intraluminaler Druck, aufgrund einer Funktionsstörung des oberen oder unteren Ösophagusspinkters,
zur Ausstülpung von Schleimhaut durch eine Muskellücke
oder ein muskelschwaches Areal. Dieses liegt beim Zenker-Divertikel typischerweise zwischen der Pars obliqua
und der Pars fundiformis der Pars cricopharyngea des
M. constrictor pharyngis inferior (= Kilian-Dreieck). Hierbei entsteht zwischen dem Lumen des Ösophagus und
dem Divertikel ein Septum (Schwelle), das die Nahrungspassage behindert. Klassischerweise entwickelt sich das
Zenker-Divertikel nach links lateral, wohingegen sich das
713
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14
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
Raphe
Hypopharynxdivertikel
(Zenker-Divertikel)
(ca. 70 %)
M. constrictor
pharyngis inferior
Zenker-Divertikel
krikopharyngealer
Muskel
Traktionsdivertikel
in Höhe der
Trachealbifurkation
(ca. 21,5 %)
Laimer-Dreieck
parabronchiales
Divertikel
Krikoidknorpel
Trachea
Längsmuskel des
Ösophagus
epiphrenisches
Divertikel
(ca. 8,5 %)
epiphrenisches
Divertikel
a
b
Abb. 14.26
Ösophagusdivertikel.
a Am häufigsten tritt ein Hypopharynxdivertikel (Zenker-Divertikel)
auf, gefolgt von einem tubulären Divertikel in Höhe der Trachealbifurkation und einem epiphrenischen Divertikel.
b Killian- und Laimer-Dreieck
epiphrenische Divertikel nach rechts lateral ausbildet. Der
Vollständigkeit halber sei auf das 2. muskelschwache
Areal, das Laimer-Dreieck hingewiesen, welches unterhalb
der Pars fundiformis der Pars cricopharyngea des M. constrictor pharyngis inferior lokalisiert ist. Dieses ist jedoch
praktisch niemals Durchtrittsstelle zervikaler Divertikel
(Abb. 14.26 b). Da eine physiologische Muskellücke im distalen Ösophagusabschnitt fehlt, sind die epiphrenischen
Divertikel sehr selten.
Die vor allem im mittleren Drittel in Höhe der Karina
gelegenen tubulären Divertikel (früher Traktions-/parabronchiale Divertikel) wurden früher als Folge einer Tuberkulose angesehen. Heute wird der größte Teil als angeborene Fehlbildung mit unvollständiger Trennung zwischen Ösophagus und Trachea interpretiert (RibbertTheorie).
Diagnose. Die Diagnostik erfolgt bei entsprechenden
Symptomen durch Röntgenaufnahmen mit Kontrastmittel
(Ösophagusbreischluck) und die Endoskopie. Ein Ösophaguskarzinom ist hierbei auszuschließen (sehr selten,
0,5 %).
Cave: Die Endoskopie beim Zenker-Divertikel ist gefährlich, weil der Divertikelsack keine muskuläre Komponente hat und so leicht perforiert werden kann. Beim Versuch des Einführens des Ösophagoskops in den Ösophagus
kann das Endoskop an der Divertikelschwelle nach dorsal
abrutschen, in das Divertikel gleiten und dieses dann aufgrund der Wandschwäche leicht perforieren (Abb. 14.27).
Zenker-Divertikel
Dabei handelt es sich, wie oben bereits erklärt, eigentlich
um ein Hypopharynxdivertikel (s. Abb. 14.26 a).
Symptome
l Dysphagie/Odynophagie
l Regurgitation unverdauter Nahrung
l Aspiration (rezidivierende Pneumonien)
l Globus-/Fremdkörpergefühl
l Foetor ex ore
714
Therapie. Bei Hypopharynxdivertikeln (Zenker-Divertikeln), die zu Schluckstörungen führen, stehen verschiedene Operationsmethoden zur Verfügung:
1. konventionelle Abtragung von außen (linkszervikaler
Schnitt) mit zervikaler Myotomie (Rezidivprophylaxe)
in Intubationsnarkose
2. endoskopische (starr) Schwellendurchtrennung mithilfe des CO2-Lasers oder diathermischer Scheren in Intubationsnarkose
3. endoskopische (starr) Staplerresektion des Divertikels
in Intubationsnarkose (z. B. Endo-GIA‑30-Stapler); Vorteil: Reduktion des Perforations- und Blutungsrisikos
durch Wundverschluss mittels Klammernaht
4. endoskopische (flexibel) Schwellendurchtrennung mittels Nadelmesser oder APC‑Sonde in Analgosedierung
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Killian-Dreieck
................................................................
Erkrankungen
.........
Abb. 14.27
Zenker-Divertikel.
Darstellung der
Divertikelschwelle.
a Endoskopie.
b Ösophagusbreischluck.
Die im Rahmen der 2., 3. und 4. Operationsmethode bewirkte Umwandlung des Divertikelsacks in eine Ausbuchtung des Ösophagus ist hinsichtlich der Besserung der
Dysphagiesymptome der konventionellen Divertikelabtragung gleichwertig. Das eigentliche Divertikellumen
bleibt allerdings bei diesen Verfahren radiologisch weiterhin nachweisbar. Für die Schluckfunktion ist dies jedoch
bedeutungslos: Durch das (nach Durchtrennung der
Schwelle) nach ventral kollabierende Divertikel kann die
Nahrung nun ungehindert in den Ösophagus rutschen.
Tubuläre Divertikel sind in der Regel klinisch ohne Bedeutung und bedürfen selten einer chirurgischen Therapie. Bezüglich der Therapie epiphrenischer Divertikel sei
auf die Lehrbücher der Chirurgie verwiesen.
Hiatushernien
Die Verlagerung der Kardia und des oberen Magenabschnitts durch den Hiatus oesophageus in den Brustraum
wird als Hiatushernie bezeichnet.
Ätiologie und Pathogenese. Eine zunehmende Mesenchymschwäche im Alter führt zu einer Erschlaffung des
Bandapparats im ösophagogastralen Übergang und zu
einer Ausweitung des Hiatus oesophageus. Begünstigend
wirkt die Erhöhung des abdominal-thorakalen Druckgefälles bei Adipositas.
Je nach Ausmaß und Inhalt werden axiale, paraösophageale und gemischte Hernien unterschieden: Axiale Hiatushernien sind mit 90 % die häufigste Form. Es kommt zu
einem Emporgleiten des gastroösophagealen Übergangs
mit Verlagerung von Kardia und Magenfornix durch den
Hiatus in den Thorax. Eine Vorstufe ist die Abstumpfung
des ösophagogastralen Winkels (His-Winkel). In 10% der
Fälle tritt bei der paraösophagealen Hiatushernie eine Verlagerung von Magenanteilen durch den Hiatus (neben
dem an normaler Position verbleibenden gastroösophagealen Übergang) auf, im Extremfall eine Verlagerung des
ganzen Magens (Upside-down-Stomach).
Symptome. Bei einer Gleithernie kommt es selten zu Beschwerden, und wenn, dann meist im Sinne einer Refluxösophagitis. Bei paraösophagealen Hernien sind Passagestörungen oder ‑blockaden festzustellen. Ulzerationen
mit chronischen Blutungsanämien können sich entwickeln. Postprandiale Krämpfe im Epigastrium werden
häufig als kardiale Symptome fehlinterpretiert.
Diagnose und Differenzialdiagnose. Hiatushernien werden mithilfe des Ösophagusbreischlucks erkannt. Als Ergänzung erfolgt eine flexible Ösophagoskopie. Die Untersuchung wird durch Manometrie und pH‑Metrie ergänzt.
Refluxösophagitis, aber auch Lungenembolie oder Herzinfarkt müssen differenzialdiagnostisch berücksichtigt
werden.
Therapie. Die konservative Behandlung besteht in der
Gabe von H2-Rezeptorenblockern (z. B. Cimetidin, Ranitidin) und von Protonenpumpenblockern (z. B. Omeprazol,
Pantoprazol). Die gemischten Hernienformen und die paraösophagealen Hernien stellen eine Indikation zur operativen Therapie dar.
Entzündliche Erkrankungen der Speiseröhre
Die Ösophagitis stellt kein eigenes Krankheitsbild dar, sie
tritt als Begleit- oder Folgeerscheinung von nicht infektiösen und infektiösen (bakteriellen, mykotischen oder viralen) Erkrankungen sowie mechanischen, chemischen oder
physikalischen Schädigungen auf. Divertikel und Stenosen
sowie funktionelle Motilitätsstörungen führen zu einer
Retentionsösophagitis. Dermatologische Erkrankungen
mit Blasenbildung (Pemphigus, Morbus Behçet, Epidermolysis bullosa) können eine Ösophagitis hervorrufen.
Eine Strahlentherapie führt zu einer chronischen Strahlenösophagitis. Durch Verschlucken von Medikamenten
(Azetylsalizylsäure, Tetrazykline) kann ein lokalisiertes
Ulkus entstehen.
715
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14
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Abb. 14.28
Soormykose des
Ösophagus.
Symptome. Neben der Dysphagie, einer Odynophagie
oder retrosternalen Schmerzen tritt selten eine Hämatemesis auf.
Diagnose. Die flexible Endoskopie erbringt den makroskopischen Nachweis entzündlicher Schleimhautveränderungen. Gleichzeitig werden damit ein Abstrich oder Biopsien gewonnen. Der Ösophagusbreischluck stellt nur ausgeprägte Schleimhautveränderungen dar.
Infektiöse Ösophagitiden
Soorösophagitis
Der häufigste Erreger ist Candida albicans. Dieser wird klinisch besonders bei Antibiotika- und Kortisontherapie sowie bei immunsupprimierten Patienten und bei Patienten
mit Immundefizit (HIV‑Erkrankung, Chemotherapie) relevant.
Diagnose. Endoskopisch finden sich gelb-weißliche
Plaques mit zum Teil rötlichem Rand und Ulzerationen,
in schweren Fällen großflächig konfluierend (Abb. 14.28).
Eine Biopsie und ein Abstrich sichern die Diagnose.
Therapie. An erster Stelle steht die topische Behandlung
mit einem Antimykotikum (z. B. Amphotericin B). Bei ausgeprägtem Befund oder ausbleibender Wirkung der Lokaltherapeutika erfolgt zusätzlich die systemische Gabe von
Fluconazol.
Nicht infektiöse Ösophagitiden
Gastroösophageale Refluxkrankheit
Die häufigste Ursache einer Ösophagitis ist die gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD). Diese Bezeichnung
wird für alle Symptome oder histopathologischen Veränderungen verwandt, die durch den Reflux von Magensaft
und Magensäure bedingt sind. Dazu gehören die Ösophagitis, aber auch extraösophageale Manifestationen.
Inzidenz, Ätiologie und Pathogenese. Ungefähr 20% der
Bevölkerung der westlichen Industrieländer sind von
GERD betroffen. Es besteht dabei eine Insuffizienz des un716
teren Ösophagussphinkters. Ist die Ursache der Insuffizienz unbekannt, so liegt eine primäre Insuffizienz vor.
Bei der sekundären Insuffizienz findet sich z. B. ein Zustand nach Kardiaresektion, Gastrektomie oder Gleithernien, oder es liegt eine Schwangerschaft vor. Eine gewisse
Menge an Reflux von Magensaft ist physiologisch und tritt
bei Mahlzeiten immer auf. Ob dieser Reflux pathologisch
wird, hängt von der Frequenz, vom Volumen und der Dauer der Exposition ab. So ereignen sich Refluxepisoden
deutlich öfter tagsüber als nachts, aber die schädigende
Wirkung ist nachts viel stärker ausgeprägt. Der Grund dafür ist, dass man nachts viel seltener schluckt (ungefähr
7 × pro Stunde im Vergleich zu 70 × pro Stunde am Tage).
Der refluktierte Magensaft verweilt daher nachts viel länger im Ösophagus, weil er sehr langsam wieder abgeschluckt wird; die schädigende Wirkung ist dadurch viel
größer. Schutzmechanismen gegen einen gastroösophagealen Reflux sind:
l funktionierender unterer ösophagealer Sphinkter
l peristaltische Clearance von ösophagealem Refluxvolumen
l Widerstandsfähigkeit des ösophagealen Epithels
l Funktionsfähigkeit des oberen ösophagealen Sphinkters
Obwohl der pH‑Wert des Refluxmaterials wichtig ist,
scheint jedoch eher die Pepsinkonzentration für die
Schleimhautschädigung verantwortlich zu sein. Pepsin
braucht jedoch ein saures Milieu (pH < 4,5), um seine Aktivität zu entfalten.
Symptome. Ein brennender, retrosternaler Schmerz (Sodbrennen) tritt besonders nach ausgedehnten Mahlzeiten
oder im Liegen auf. Die Schmerzen können in den Rücken,
in den Arm oder in den Pharynx ausstrahlen. Regurgitation von Magensaft ist pathognomonisch. Therapieresistente Hustenanfälle und eventuelle Heiserkeit sind im Sinne
einer Refluxlaryngitis als extraösophageale Symptome
des GERD zu interpretieren. Gleichzeitig können sich ein
Kontaktulkus des Kehlkopfs oder eine posteriore Laryngitis (s. Abb. 13.8) entwickeln.
Diagnose. Die Verdachtsdiagnose GERD kann durch eine
exakte Anamnese und typische Symptome gestellt werden. Eine empirische Therapie mit Protonenpumpenhemmer kann in Absprache mit dem Patienten durchgeführt
werden. Wenn der Patient dadurch keine Besserung erfährt oder atypische Symptome zeigt, stehen eine Reihe
von diagnostischen Möglichkeiten zur Verfügung:
l 24-h – pH‑Metrie: Diese ist als Goldstandard allerdings
relativ aufwendig.
l Flexible
Endoskopie: Sie zeigt charakteristische
Schleimhautveränderungen im distalen Ösophagus,
die als isolierte Schleimhauterosionen, konfluierende
erosive oder zirkuläre Schleimhautdefekte erscheinen
können. (Abb. 14.29; hier sei auf die Klassifikation
nach Savary und Miller verwiesen). Eine Biopsie ist zu
entnehmen! Im Verlauf kann sich eine Zylinderzell-
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l
metaplasie (Barrett-Ösophagus) entwickeln. Allerdings
schließt das Fehlen von endoskopischen Veränderungen eine GERD nicht aus (in bis zu 50% der Fälle zeigt
sich bei der Ösophagoskopie eine normale Schleimhaut).
HNO-ärztliche laryngoskopische Untersuchung: Posteriore Laryngitis, Kontaktgranulom usw; zum Nachweis
extraösophagealer Manifestationen.
Barrett-Ösophagus
Als Barrett-Ösophagus wird die Auskleidung des terminalen Ösophagus mit Zylinderepithel bezeichnet. Dies ist
meist Folge einer Refluxösophagitis, selten dagegen angeboren. Die klinische Bedeutung des Barrett-Ösophagus
liegt in der potenziellen Gefahr der malignen Entartung.
Das Risiko, an einem Adenokarzinom des distalen Ösophagus zu erkranken, ist 30- bis 100-fach erhöht.
Symptome und Diagnose. Die Klinik entspricht der der
Refluxkrankheit.
Die flexible Ösophagoskopie zeigt die metaplastische
Magenschleimhaut. Regelmäßige endoskopische Kontrollen sind alle 6 – 12 Monate zum Ausschluss einer malignen
Entartung (Quadrantenbiopsie alle 2 cm sowie aus auffälligen Läsionen) indiziert.
Therapie. Die konservative Behandlung ist identisch mit
der der Refluxkrankheit. Beim Nachweis von Dysplasien
ist eine chirurgische, eventuell aber auch eine fotodynamische Therapie indiziert.
Eosinophile Ösophagitis
Differenzialdiagnose. Neben Motilitätsstörungen der
Speiseröhre, koronarer Herzkrankheit sowie Ulkuserkrankungen des Magens sind insbesondere maligne Erkrankungen des Ösophagus auszuschließen.
Therapie
l Die Änderung der Essgewohnheiten führt häufig zu
einer Normalisierung der Beschwerden. Hierzu gehört
auch die Gewichtsreduktion. Bei geringen Refluxbeschwerden sind Antazida (Aluminiumhydroxid) indiziert.
l Bei stärkeren Beschwerden steht die Säureblockade im
Zentrum der Therapie. Protonenpumpenblocker (Omeprazol, Pantoprazol) als Mittel der Wahl (Step-downTherapie) erreichen eine höhere Säuresuppression als
H2-Antagonisten (Cimetidin, Ranitidin).
l Wenn eine mindestens 3-monatige konsequente konservative Behandlung eine schwere Refluxösophagitis
nicht ausreichend beeinflussen kann, ist eine operative
Therapie, d. h. die Fundoplikation, zu diskutieren.
Komplikationen. Neben Stenosen kann als Endstadium
ein Barrett-Ösophagus oder auch eine maligne Entartung
entstehen.
GERD ist eine häufige Erkrankung, heutzutage aber
auch eine Art „Modediagnose“. Deshalb sollte man sich
als HNO‑Arzt hüten, alle unspezifischen Symptome, bei
denen eine Ursache oft schwer zu finden ist, wie Globusgefühl, chronischer Husten, Heiserkeit oder Otalgie, auf
extraösophageale Manifestationen des GERD zurückzuführen!
.........
Ätiologie und Pathogenese. Die eosinophile Ösophagitis
ist eine zunehmend diagnostizierte, immunvermittelte,
chronisch entzündliche Erkrankung der Speiseröhre. Erstmals wurde sie 1978 von Landres et al. beschrieben. Sie
wird sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter beobachtet. Bei den meist männlichen Patienten handelt es
sich häufig um Atopiker bzw. Patienten mit Inhalations-/
Nahrungsmittelallergien oder Asthma. Ursächlich werden
eine intraösophageale Sensibilisierung und Immunreaktion durch Nahrungsmittelproteine, geschluckte Luftallergene sowie eine außerhalb der Speiseröhre stattfindende
Immunreaktion diskutiert.
Symptome. Klinisch ähnelt die eosinophile Ösophagitis
der gastroösophagealen Refluxerkrankung (GERD) und
stellt daher eine wichtige Differenzialdiagnose dar. Im
Kindesalter stehen bevorzugt rezidivierende Bauchschmerzen, Gedeihstörungen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle sowie Refluxbeschwerden im Vordergrund. Zusätzlich tritt häufig eine subglottische Trachealstenose auf.
Erwachsene klagen hingegen über Sodbrennen, Globusgefühl, retrosternale Schmerzen und vor allem über eine
meist jahrelange Dysphagie für feste Nahrung. Ein rezidivierendes Steckenbleiben eines festen Nahrungsbolus ist
keine Seltenheit. Mehrfache Krankenhausaufenthalte mit
endoskopischer Fremdkörperentfernung und Bougierung
sind nicht selten anamnestizierbar. Ein Teil der Patienten
wird unter Annahme einer GERD mit Protonenpumpeninhibitoren erfolglos behandelt.
Diagnostik. Bei der eosinophilen Ösophagitis handelt es
sich um eine histologisch gestellte Diagnose. Sie liegt vor,
wenn mehr als 20 eosinophile Granulozyten bei 40-facher
717
14
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Abb. 14.29
Endoskopisches
Bild einer Refluxösophagitis im distalen Ösophagus.
Erkrankungen
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Vergrößerung pro hochauflösendem Gesichtsfeld (high
power field) nachweisbar sind. Unter physiologischen Bedingungen ist der Ösophagus der einzige Abschnitt des
Gastrointestinaltrakts, der nahezu frei von eosinophilen
Granulozyten ist. Die Schwierigkeit der Diagnosestellung
liegt darin, dass es bei der eosinophilen Ösophagitis zu
einer meist punktförmigen Infiltration der Ösophagusmukosa kommt, häufig makroskopisch unauffällige Schleimhautverhältnisse vorliegen und somit nur die Biopsie
eines betroffenen Schleimhautareals zur Diagnose führt.
Daher ist die diagnostische Methode der Wahl die flexible
bzw. starre Ösophagoskopie mit Stufenbiopsien vom proximalen bis zum distalen Ösophagus im Abstand von 5 cm.
Typische Endoskopiebefunde sind:
l ringförmige Aufwerfung der Ösophagusschleimhaut
(= Trachealisierung)
l Strikturen
l bei Berührung leicht blutende, ödematöse Schleimhaut
(= Krepppapiermukosa)
l Längsfurchung der Mukosa
l weiße, nicht abwischbare Papeln (= Mikroabszesse mit
eosinophilen Infiltraten), Differenzialdiagnose Candidiasis
l subglottische Trachealstenose
Röntgenbreischluckuntersuchung, Gesamt-IgE Spiegelbestimmung, Bluteosinophiliebestimmung, 24-Stunden-2Kanal-pH‑Metrie und Prick-/Patchtestung stellen nur ergänzende Maßnahmen dar.
Cave: Bei 10% der Erwachsenen und 34% der Kinder
findet man endoskopisch keine Schleimhautveränderungen. Bei klinischem Verdacht auf eine eosinophile Ösophagitis sind multiple Biopsien aus dem proximalen, medialen und distalen Ösophagus indiziert.
Therapie. Bei Kenntnis des Allergens ist vor allem bei Kindern die Allergenkarenz die wirksamste Therapie. Im Erwachsenenalter stellt die Einnahme des topischen Steroids Fluticason (geschluckt, nicht inhaliert!), 2-mal täglich über 6 – 12 Wochen, die Therapie der Wahl dar (4
Pumpstöße mit einem 220-μg-Inhaler). Eine 2-stündige
Nüchternheit nach Einnahme ist einzuhalten. Bei fehlendem Ansprechen kommen auch systemische Steroide, der
Leukotrienantagonist Montelukast sowie Mepolizumab
(monoklonaler Antikörper gegen Interleukin-5) zum Einsatz. Die Rezidivrate nach 12 – 18 Monaten beträgt bei Erwachsenen 50 – 60 %, bei Kindern nach 6 Monaten fast
100 %.
Differenzialdiagnosen
l GERD (≤ 10 eosinophile Granulozyten pro
hochauflösendem Gesichtsfeld)
l eosinophile Gastroenteritis
l hypereosinophiles Syndrom
l Pilzinfektionen, parasitäre Erkrankungen
l Leiomyomatose der Ösophagus
l Sklerodermie
718
Verletzungen des Ösophagus
Verätzungen
Verätzungen durch Säuren oder Laugen führen zu reversiblen oder irreversiblen Schädigungen von Speiseröhre
und Magen. Je nach Konzentration und Menge an freien
H+- oder OH−-Ionen tritt eine Schädigung unterschiedlichen Schweregrads auf.
Pathogenese. Säure führt zu einer Koagulationsnekrose
mit Schorfbildung, die eine Barriere gegen eine weitere
Ausdehnung darstellt. Säureverätzungen lösen überwiegend Magenläsionen aus, da es durch einen Pylorusspasmus zu einer verlängerten Verweildauer im Magen kommt.
Laugenverätzungen dagegen sind Ursache von Kolliquationsnekrosen mit Verflüssigung des Gewebes und tiefer Penetration der Substanz. Durch einen reflektorischen
Kardiospasmus ist bevorzugt der Ösophagus betroffen. In
vielen Haushaltsreinigungsmitteln und Abflussreinigern
sind als auslösendes Agens Natronlauge und Natriumhypoxid enthalten.
Klassifikation. Eine histopathologische Einteilung der Verätzungsgrade erfolgt in Bezug auf die Schädigungstiefe:
l Grad 1: oberflächliche Mukosaschädigung mit entzündlichem Schleimhautödem
l Grad 2: Zerstörung der Mukosa mit partieller Schädigung von Submukosa und Tunica muscularis mit Ausbildung eines flachen Ulkus; die Abheilung erfolgt narbig
l Grad 3: tief greifende Wandnekrose aller Organwandschichten bis zur Organsequestrierung; eine Wandperforation kann zu weiteren Verätzungsfolgen intrathorakaler oder intraabdominaler Organe führen
Regeneration und reparative Vorgänge. Diese entwickeln
sich in 3 Stadien:
1. Initialstadium (bis zum 4. Tag): Demarkierung der Gewebsnekrose nach bakterieller und hämorrhagischer
Infiltration.
2. Granulationsphase (bis zur 4. Woche): Nach einer Abstoßung von nekrotischem Material findet eine Gefäßeinsprossung mit Ausbildung von Granulationsgewebe
statt. Es kommt zum Einsprossen von kollagenem Bindegewebe.
3. Vernarbungsphase: Eine Gewebsneubildung mit Narbengewebe beginnt nach ungefähr 4 Wochen mit der
Folge von narbigen Stenosen; 90 % der posttraumatischen Stenosen manifestieren sich im 1. Jahr.
Symptome. Starke Schmerzen treten in Mund- und Rachenraum sowie retrosternal und im Oberbauch auf. Flache Ulzerationen finden sich im Bereich der Lippen, der
Mundhöhle und des Oropharynx. Eine extreme Speichelhypersekretion mit Herauslaufen von Speichel aus dem
Mund ist typisch. Ein toxisches Glottisödem mit Heiserkeit oder Stridor kann auftreten.
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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Bei Verätzungen 2. und 3. Grades kommt es durch die
Intoxikation zur Entwicklung einer Schocksymptomatik
mit Kreislauf- und Nierenversagen sowie schließlich
einem Multiorganversagen. Ösophagus- und Magenperforationen (3 – 5 % der Fälle) können zu einer akuten Mediastinitis oder einer Peritonitis führen. Perforationen sind
mit einer hohen Letalität (50 – 70%) behaftet.
Diagnose. Die typische Anamnese eines Unfalls oder eines
Suizidversuchs mit Sicherstellung der toxischen Substanz
sowie dem Nachweis von Ätzspuren in Mundhöhle und
Mesopharynx sind wegweisend. (Informationszentren
für Vergiftungsfälle mit 24-h-Dienst sind in der Roten Liste aufgeführt.)
Röntgenaufnahmen des Thorax und des Abdomens
sind obligatorisch. Ein Röntgenbreischluck mit einem isotonischen Kontrastmittel (z. B. Iotrolan) kann vorhandene
Perforationen darstellen.
Die flexible Endoskopie zur optischen Kontrolle der Lokalverhältnisse ist die entscheidende Untersuchung zur
Beurteilung der Schwere der Verätzung. Sie sollte nur von
extrem erfahrenen Endoskopikern möglichst bald nach
der Verätzung durchgeführt werden, da das Risiko der iatrogenen Perforation 48 – 72 h nach der Ingestion viel
größer wird. Man verwende ein pädiatrisches Endoskop
mit minimaler Luftinsufflation. Das Endoskop wird bis
zur 1. erkennbaren Läsion eingeführt. Von diesem Punkt
an muss man extrem vorsichtig sein, um eine Perforation
aller Wandschichten zu vermeiden. Oft kann der Erfahrene aber doch an mäßigen Läsionen vorbeinavigieren und
das gesamte Ausmaß der Verätzung beurteilen. Gibt es
aber nur geringste Zweifel an der Sicherheit des endoskopischen Vorgehens, sollte man die Untersuchung abbrechen! Verätzungen werden entsprechend der Tiefe der endoskopisch erkennbaren Läsion klassifiziert (Tab. 14.11).
Therapie. Die Soforttherapie besteht in einer Volumensubstitution mit Hydroxyäthylstärke, dem Ausgleich einer
metabolischen Azidose oder Alkalose sowie der intensivmedizinischen Überwachung. Zur Verdünnung und Neutralisation wird bei leichtgradigen Verätzungen bei Laugeningestion Zitronensaft oder 2 %ige Essigsäure empfohlen. Bei Säureingestion können Antazida verabreicht
werden. Bei schwerwiegenden Verätzungen ist neben der
intensivmedizinischen Betreuung eine antibiotische Abdeckung mit einem Zephalosporin zu empfehlen.
Tabelle 14.11
Erkrankungen
Eine Kortisontherapie mit initial hoher Dosis soll zu
einer Reduzierung von posttraumatischen Stenosen führen. Zwei neuere große Studien haben jedoch den minimalen Einfluss von Kortison zur Prävention von Stenosen
gezeigt (s. Literatur).
Eine Früh-Bougierung (Beginn 5 – 6 Wochen nach der
Läsion) wird bei Bedarf durchgeführt und muss regelmäßig in bestimmten Abständen wiederholt werden. Die
Technik der Dilatation ist außerordentlich wichtig. Um
Perforation zu vermeiden, darf sie nur nach Legen eines
Führungsdrahts und radiologischer Kontrolle der Lage
des Drahtes im Magen durchgeführt werden. Die Dilatation beginnt über den Führungsdraht mit kleinen Bougies
(Savary-Dilatator), deren Größe man steigert, bis ein
mäßiger Widerstand oder eine leichte Blutung auftreten.
Dann muss man stoppen, da wiederholte Dilatationen
nach dem Auftreten von Blut zu einem Einriss der Struktur
führen. Dies resultiert dann wieder in einer stärkeren Stenose durch die erneute narbige Heilung des Risses. Diese
vorsichtigen Dilatationen muss man, je nach Befund, im
Abstand von Tagen oder Wochen auf gleiche Weise wiederholen. Hochgradige Stenosen machen eine Dauer-Bougierung notwendig, die vom Patienten selbstständig
durchgeführt werden soll.
Bei der überwiegenden Mehrheit ist eine Operation
nicht notwendig. Auch kleine paraösophageale Perforationen, die wieder ins Ösophaguslumen drainieren, können
konservativ kontrolliert werden. Ein Pneumoperitoneum,
eine Peritonitis oder eine klinische Befundverschlechterung bedeuten eine Operationsindikation, die je nach Gesamtsituation immer individuell gestellt werden muss.
Wenn trotz intensivmedizinischer Maximaltherapie eine
Instabilität der Vitalfunktionen droht, werden transmurale Wandschädigungen reseziert. Häufig sind eine totale
Ösophagektomie und eine Gastrektomie erforderlich. Die
Rekonstruktion erfolgt 2-zeitig mithilfe eines Koloninterponats.
Risiken und Komplikationen. Das Risiko einer malignen
Entartung im Stenosebereich ist gegenüber der Normalbevölkerung um den Faktor 1000 erhöht. Deshalb müssen
endoskopische Kontrollen im jährlichen Abstand erfolgen.
Klassifikation von Verätzungen anhand der Tiefe der Läsion.
Grad
Tiefe
Endoskopie
1
mukös
Schleimhautschwellung und Ödem
2
transmukös, mit oder ohne Beteiligung der Muskularis;
keine Ausdehnung in periösophageales Gewebe
hämorrhagische exsudative, ulzeröse Pseudomembranen
3
Läsion aller Wandschichten mit Ausdehnung in periösophageales Gewebe; kann mediastinale oder
intraperitoneale Organe betreffen
komplette Obliteration des Ösophaguslumens durch massives
Ödem und ausgedehnten Verätzungsschorf; Nekrose aller
Wandschichten mit Perforation
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14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
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Fremdkörper
Nahrungsfremde Materialien oder Nahrungsbestandteile,
die aufgrund ihrer Größe und Beschaffenheit zu einer Lumenblockade führen und Wandverletzungen verursachen
können, werden als Ösophagusfremdkörper bezeichnet.
Pathogenese. Das Verschlucken von Fremdkörpern geschieht unabsichtlich oder absichtlich. Bei Kindern treten
Ösophagusfremdkörper im Alter von 6 Monaten bis 10
Jahren am häufigsten auf. Die Art der Fremdkörper variiert enorm; am häufigsten sind es Münzen. Bei Erwachsenen sind die häufigsten Fremdkörper vom Fisch (Gräten) oder Huhn und treten vor allem im Alter von > 50
Jahren auf. Häufigster Sitz von Ösophagusfremdkörpern
ist die 1. Ösophagusenge, gefolgt von der 2. Ösophagusenge (Impression durch den Aortenbogen und den
Hauptstammbronchus) und der 3. Enge (ösophagogastraler Übergang).
Symptome. Leitsymptom ist eine akut einsetzende
schmerzhafte Dysphagie bis Aphagie nach Nahrungsmittelaufnahme, die bei bewusstseinsklaren Erwachsenen
eine einfache Verdachtsdiagnose ist. Nicht so bei alkoholisierten oder verwirrten Erwachsenen und bei Kindern!
Gleichzeitig treten erhebliche retrosternale oder epigastrische Schmerzen auf. Ein Halsemphysem ist beweisend
für eine Perforation.
Kleine Fremdkörper werden häufig via naturalis ausgeschieden. Die Passagezeit bis zur Ausscheidung beträgt
2 – 5 Tage.
Diagnose. Die Laryngoskopie zeigt einen Speichelsee in
beiden Sinus piriformes, ein Ödem oder eine Rötung der
Aryregion.
Eine seitliche Weichteilröntgenaufname des Halses sowie eine a.-p. Röntgenaufnahme des Thorax sind obligat
und können schattengebende Fremdkörper identifizieren
(Abb. 14.30). Bei nicht schattengebenden Fremdkörpern
findet man ggf. einen kranial gelegenen Luftschatten.
Eine Verbreiterung des prävertebralen Raumes deutet auf
eine beginnende Perforation oder eine beginnende Absze720
dierung hin. Kontrastaufnahmen mit Barium sind aus folgenden Gründen kontraindiziert:
l Die nachfolgende Endoskopie kann erschwert sein,
weil Barium Fremdkörper verschleiert.
l Bei einer Perforation besteht das Risiko einer Penetration von Barium ins Mediastinum.
l Es besteht ein Aspirationsrisiko von Barium.
Eine Gastrografinuntersuchung (wasserlösliches Kontrastmittel) bringt keine zusätzlichen Informationen im Rahmen des klassischen endoskopischen Managements von
Fremdkörpern.
Jeder Verdacht auf einen Ösophagusfremdkörper erfordert eine Ösophagoskopie, auch wenn die klinische und
radiologische Untersuchung negativ ist. Die Fremdkörperendoskopie ist in aller Regel auch gleichzeitig die Therapie
(endoskopische Fremdkörperextraktion).
Therapie. Der Ösophagusfremdkörper ist ein HNO-ärztlicher Notfall. Die Durchführung einer Ösophagoskopie mit
einem starren Endoskop ist die Therapie der Wahl
(s. Kap. 6.2.4 „Klinische Diagnostik des Ösophagus“). Sie
empfiehlt sich schnellstmöglich, jedoch immer innerhalb
der ersten 6 h nach Fremdkörperingestion. Zeigt sich eine
Perforation, so ist die Endoskopie mit einem chirurgischen
Eingriff (Drainage und Perforationsverschluss) zu kombinieren.
Eine absolute Kontraindikation der endoskopischen Extraktion ist das Vorhandensein von schwerer Hämatemesis. Diese kann auf eine mögliche Fistel zu den großen Gefäßen, bedingt durch die Perforation des Fremdkörpers,
hindeuten.
Die Fremdkörperendoskopie besteht aus 3 Teilschritten:
l diagnostische Evaluation
l endoskopische Fremdkörperextraktion
l Postextraktionsendoskopie
Nach der Fremdkörperextraktion wird der Ösophagus
nochmals auf Wandläsionen oder Perforationen kontrolliert. Auch der Ösophagus distal des Fremdkörpers muss
überprüft werden.
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Abb. 14.30 Ösophagusfremdkörper
(Knochen).
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Komplikationen. Die Lumenobstruktion verhindert das
Schlucken von Speichel. Der Speichel kann in den Kehlkopf
übertreten und zu einer Aspiration führen. Gleichzeitig
kann eine Drucknekrose oder eine Perforation mit Fremdkörperdurchwanderung beobachtet werden. Thorakale
Perforationen sind gefährlicher als zervikale. Die Mortalität bei einer eingetretenen Perforation liegt, insgesamt gesehen, bei ca. 20 – 25 %.
Kommt es aufgrund des Fremdkörpers zu einer Verlegung des Kehlkopfeingangs mit drohendem Bolustod, ist
als lebensrettende Maßnahme der Handgriff nach Heimlich durchzuführen. Kinder werden an den Beinen hochgenommen; ein starkes Klopfen auf den Rücken soll zur
Fremdkörperlösung führen. Gegebenenfalls kann versucht
werden, den Fremdkörper mit dem tastenden Finger aus
dem Hypopharynx zu entfernen. Gelingt dies nicht, muss
eine Koniotomie durchgeführt werden.
Ist die endoskopische Fremdkörperentfernung nicht
möglich oder tritt eine Perforation auf, so wird die Indikation zur operativen Fremdkörperentfernung von außen
gestellt.
Boerhaave-Syndrom/Mallory-Weiss-Syndrom
und Bulimia nervosa
Das Boerhaave- bzw. Mallory-Weiss-Syndrom stellt die
Spontanruptur des Ösophagus dar.
Ätiologie. Ursächlich ist eine durch heftiges Erbrechen
hervorgerufene Ruptur. Die Pathogenese ist nicht vollständig geklärt. Das Mallory-Weiss-Syndrom mit longitudinalem Einriss im Bereich der Ösophagusschleimhaut
(Mukosa und Submukosa) wird als inkomplettes Boerhaave-Syndrom verstanden. Die Spontanruptur tritt überwiegend bei Männern auf (80 %). Die Lokalisation ist in
über 90 % der Fälle subdiaphragmal (links, dorsolateral).
Rezidivierende spontane Ösophagusperforationen und
parapharyngeale Abszesse bei jungen Frauen müssen an
die Möglichkeit der Manipulation bei Bulimia nervosa
denken lassen.
.........
Symptome. Leitsymptom ist der akut auftretende Vernichtungsschmerz mit heftigem Erbrechen, einhergehend
mit einer raschen Verschlechterung des Allgemeinzustands mit Dyspnoe und Kreislaufversagen. Häufig entwickeln sich ein Pneumothorax und ein Mediastinalemphysem mit Übergreifen auf Hals und Thorax.
Diagnose. Auf der Thoraxübersichtsaufnahme kann ein
Mediastinalemphysem und das sog. V‑Zeichen als eine
Luftsichel zwischen mediastinaler und diaphragmaler
Pleura verifiziert werden. In 70 % der Fälle kann der Nachweis durch einen Ösophagusbreischluck mit einem wässrigen, isotonischen Kontrastmittel erbracht werden.
Therapie. Die sofortige operative Versorgung mit Primärverschluss der Rupturstelle und hoch dosierter Antibiotikatherapie ist notwendig. Die Prognose hängt vom Zeitraum zwischen Diagnose und operativer Behandlung ab.
Traumatische Ösophagusperforation
Eine traumatische Perforation tritt am häufigsten iatrogen
im Rahmen einer Ösophagoskopie, von Bougierungsversuchen und pneumatischer Dilatation oder einer fehlerhaften Intubation auf.
Lokalisation. Die häufigsten Perforationsstellen sind der
zervikale Ösophagus in Höhe des M. cricopharyngeus und
der thorakoabdominale Übergang des Ösophagus am
Zwerchfell. Die Perforation im Bereich des Krikopharyngeus geschieht durch unbemerktes Einführen des Ösophagoskops in den Sinus piriformis oder bedingt durch störende Osteophyten. Es können Perforationen am Hiatus
auf Zwerchfellhöhe auftreten, wenn der Endoskopiker die
Biegung des anterior verlaufenden Ösophagus auf dieser
Höhe nicht berücksichtigt.
Symptome. Die Symptome variieren abhängig von der Lokalisation der Verletzung. Anhaltende Schmerzen und Fieber nach einer Ösophagoskopie müssen jedoch immer an
eine Perforation denken lassen. Perforationen des zervikalen Ösophagus verursachen Halsschmerzen (95 % der Fälle)
und ein subkutanes Emphysem (55%). Dysphagie und Hämatemesis können ebenfalls auftreten. Fieber und eine
Leukozytose entwickeln sich in den ersten 24 h. Weiter distal gelegene Perforationen verursachen die typischen retrosternalen Schmerzen sowie Schmerzen zwischen den
Schulterblättern. Dysphagie, Fieber und Kreislaufversagen
sind die späten Leitsymptome der traumatischen Ösophagusperforation. Ungefähr 50% der Patienten sind in den ersten 8 h nach einer iatrogenen Perforation asymptomatisch!
Diagnose. Der Ösophagusbreischluck mit einem wasserlöslichen, isotonischen Kontrastmittel ist die 1. Maßnahme. Bei zervikalen Läsionen sind eine paraösophageale
Luftansammlung und eine Verbreiterung der prävertebralen Weichteile typisch. Bei der Thoraxübersicht finden sich
ein Pneumothorax sowie eine Mediastinalverbreiterung.
721
14
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Postextraktionsmanagement. Bei einer schwierigen Extraktion mit Läsionen bis zur Muskelschicht, aber ohne endoskopische oder radiologische Hinweise auf eine Perforation, ist das Vorgehen konservativ: Der Patient wird klinisch überwacht und eventuell radiologisch kontrolliert.
Wenn endoskopisch eine punktförmige Perforation
(z. B. durch einen spitzen Knochen oder eine Stecknadel)
ohne ein mediastinales oder zervikales Emphysem diagnostiziert wird, ist das Vorgehen ebenfalls konservativ. Zusätzlich werden Breitspektrumantibiotika gegeben.
Bei einer endoskopisch oder radiologisch diagnostizierten Perforation ist eine chirurgische Versorgung innerhalb
der nächsten 3 h erforderlich (Vernähen der Perforation
und Drainage).
In all diesen Fällen wird vor einer oralen Nahrungszufuhr und vor der Entlassung des Patienten ein Gastrografinschluck durchgeführt.
Erkrankungen
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
Therapie. Kleine zervikale Perforationen können unter
parenteraler Ernährung und breiter antibiotischer Abdeckung (z. B. Pipril + Certomycin + Fortum) primär konservativ behandelt werden. Der Kreislauf ist entsprechend zu
stabilisieren. Eine Operationsindikation besteht bei größeren Perforationen. Im zervikalen Bereich wird über eine
laterale Pharyngotomie die Perforation dargestellt und
durch eine Naht verschlossen.
Konservatives oder operatives Vorgehen bei einer iatrogenen Perforation wird immer noch kontrovers diskutiert. Eine wichtige Rolle für das entsprechende Vorgehen
spielen die Lage und Größe der Perforation, die Zeitdauer,
nach der die Perforation erkannt wurde, und der Allgemeinzustand des Patienten.
werden. Gelingt eine Blutstillung durch diese Maßnahmen nicht, wird eine Sengstaken-Blakemore-Sonde (bzw.
Linton-Nachlas-Sonde bei Varizen im Magenfundus) eingelegt.
Tumoren des Ösophagus
Benigne Tumoren
Etwa 10 % aller Ösophagustumoren sind gutartig. Das Leiomyom ist mit ungefähr 75% der häufigste Speiseröhrentumor. Es handelt sich in der Regel um eine intraluminal
liegende, solitäre Raumforderung. Weiterhin treten Lipome und Fibrome auf.
Komplikationen. Perforationen im mittleren und unteren
Drittel haben eine deutlich höhere Komplikationsrate als
zervikale Perforationen und werden daher eher operativ
über eine Thorakotomie versorgt.
Symptome und Diagnose. Die Symptome sind meist geringgradig und äußern sich als Dysphagie.
Die Diagnose wird mittels der flexiblen Ösophagoskopie und entsprechenden radiologischen Untersuchungen
gestellt (CT, MRT, Bariumkontrastuntersuchung). Eine Biopsie sollte wegen der Gefahr der Blutung, Infektion oder
Perforation zunächst nicht durchgeführt werden.
Ösophagusblutung
Therapie. Die Behandlung besteht in der endoskopischen
Resektion oder chirurgischen Enukleation.
Bei Blutungen aus dem Ösophagus handelt es sich meist
um Ösophagusvarizenblutungen. Sie machen 10 % der Blutungen im oberen Gastrointestinaltrakt aus.
Ätiologie und Pathogenese. Bei fortgeschrittener Leberzirrhose kommt es in 75 % der Fälle zu einer portalen Hypertension mit Entwicklung von Kollateralkreisläufen und
Ausbildung gastroösophagealer Varizen.
Symptome. Die Hämatemesis kann mit hellrotem Blut
auftreten oder kaffeesatzartig aussehen. In Abhängigkeit
vom Blutverlust kann es zu einem Herz-Kreislauf-Versagen kommen.
Diagnose und Differenzialdiagnose. Die flexible Endoskopie mit Nachweis der Varizen und Darstellung der Blutungsquelle stellt das Diagnoseverfahren der Wahl dar.
Ösophagusruptur, Mallory-Weiss-Syndrom, BoerhaaveSyndrom, Magenblutung bei Ulkuserkrankung, Hämoptoe
und Epistaxis müssen differenzialdiagnostisch in Erwägung gezogen werden.
Therapie. Als Sofortmaßnahme muss eine Kreislaufstabilisierung mit Volumensubstitution vorgenommen werden. Die endoskopische Blutstillung mittels Ligaturen
(Multibandligatursysteme) ist die Behandlung der Wahl.
Eine Varizensklerosierung in das blutende Gefäß oder
die interstitielle Applikation von Fibrinkleber sind als Reservemethoden anzusehen. Eine medikamentöse Senkung der Varizendurchblutung kann mit Terlipressin, Somatostatin oder Somatostatinanaloga (Octreotid) erreicht
722
Maligne Tumoren
Mit weitem Abstand ist das Ösophaguskarzinom der häufigste maligne Tumor. Überwiegend sind Männer betroffen; das Geschlechtsverhältnis beträgt 7 : 1. In 15 % (6 %)
der Fälle treten Adenokarzinome auf, deren Inzidenz deutlich zunimmt.
Epidemiologie und Ätiologie. Geografisch zeigen sich
starke Unterschiede des Erkrankungsrisikos mit erhöhter
Inzidenz in Südostasien, Indien, Frankreich und Brasilien.
Die regional unterschiedliche Inzidenz bösartiger Ösophagustumoren führt man auf eine unterschiedliche Exposition exogener und physikalischer Noxen zurück. Alkohol und Nikotin sind wichtige prädisponierende Faktoren;
auch Aflatoxine und Nitrosamine in der Nahrung werden
für die Entstehung verantwortlich gemacht. Als Matrix für
das Adenokarzinom werden Residuen von Zylinderepithelinseln angenommen. Als Präkanzerosen gelten der Endobrachyösophagus, die Achalasie, Stenosen nach Laugenverätzungen und das Plummer-Vinson-Syndrom. Häufig
tritt das Ösophaguskarzinom als Zweitkarzinom nach Hypopharynx- oder supraglottischem Karzinom auf.
Metastasierung. Der fehlende Serosaüberzug des extraabdominellen Ösophagus führt zu einer raschen Tumorinfiltration in Nachbarstrukturen (Trachea) sowie
einer frühzeitigen Metastasierung in die regionalen
Lymphknoten des zervikalen oder thorakalen Ösophagus.
Im Bereich der Bifurkation finden sich am häufigsten Metastasen, die Lymphflussrichtung ist hier bidirektional in
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Eine subphrenische Luftsichel ist bei intraabdominaler
Ösophagusverletzung typisch. Ein CT des Thorax ist für die
Beurteilung der Schwere der Verletzung weiterführend.
................................................................
retrosternaler Schmerz, Heiserkeit durch Läsion des
N. recurrens und eine Hämatemesis auf.
Diagnose. Im Ösophagusbreischluck (Abb. 14.31) können
sich darstellende Schleimhautunregelmäßigkeiten, Füllungsdefekte sowie Stenosen einen ersten Hinweis auf
das Vorliegen eines Ösophaguskarzinoms geben. Beweisend ist die Endoskopie mit Probeexzisionen (Histologie).
Die Endosonografie erleichtert die Stadieneinteilung.
Zur Tumorausdehnung und zum Nachweis der Lymphknotenmetastasen ist das CT das bildgebende Verfahren
der Wahl. Die Endosonografie erlaubt ein genaues Staging
der TNM‑Klassifikation (Tab. 14.12).
Therapie. Als Behandlungskonzepte stehen die chirurgische Exzision, die Strahlentherapie oder die kombinierte
Radiochemotherapie (primär, adjuvant oder neoadjuvant)
zur Verfügung. Bei der Erstdiagnose sind 40 % der Tumoren
inoperabel.
Die chirurgische Resektion bietet weiterhin die größtmögliche Heilungschance. Der beste chirurgische Zugang,
das Ausmaß der Resektion und die angewandten Rekonstruktionsmöglichkeiten werden jedoch kontrovers diskutiert. Zur Sicherstellung der Ernährung ist die Anlage einer
perkutanen, endoskopisch kontrollierten Gastrostomie
anzustreben. Bei kompletter Obstruktion muss eine CTgesteuerte Gastrostomie durchgeführt werden.
Prognose. Die Prognose des Ösophaguskarzinoms ist
schlecht. Eine günstigere Prognose haben lediglich Ösophaguskarzinome, die unterhalb der Trachealbifurkation
lokalisiert sind. Im Stadium T3 und T4 verschlechtert sich
die Prognose dramatisch. Die 5-Jahres-Überlebensrate
aller Patienten liegt unter 10 %!
Literatur
Tabelle 14.12
TNM‑Klassifikation des Ösophaguskarzinoms.
Tis
Carcinoma in situ
T1
Tumor infiltriert Lamina propria oder Submukosa
T2
Tumor infiltriert Muscularis propria
T3
Tumor infiltriert Adventitia
T4
Tumor infiltriert Nachbarstrukturen
den Ductus thoracicus bzw. in die Cisterna chyli. Als Fernmetastasen werden am häufigsten Lungen- und Lebermetastasen, seltener Knochen-, Nieren- und Magenmetastasen beobachtet.
Symptome. Initial sind die Krankheitssymptome diskret.
Die Folge ist eine verspätete Erstdiagnose in einem späten
Tumorstadium. Im fortgeschrittenen Stadium treten
progressive Dysphagie mit raschem Gewichtsverlust,
.........
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723
14
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Abb. 14.31
Doppelkontrastdarstellung des
Ösophagus mit
großem Ösophaguskarzinom.
Erkrankungen
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
14.2 Chirurgische Therapie
14.2.1
sache berücksichtigen, dass Halsinfektionen durch ein
sehr breites grampositives wie auch gramnegatives, aerobes und auch anaerobes Keimspektrum, häufig auch durch
Keimgemische, verursacht werden können. Zur Initialtherapie eignen sich z. B. Cefuroxin und Metronidazol.
Halsweichteile
J. Maurer und B. M. Lippert
Bei allen entzündlichen Erkrankungen mit Abszessbildung
in den verschiedenen Kompartimenten der Halsfaszien
besteht eine dringliche Indikation zur Entlastung der putriden Flüssigkeit. Dies geschieht durch Inzision und Drainage, nachdem klinisch und durch Ultraschalluntersuchung, gelegentlich auch durch weiterführende bildgebende Diagnostik, die Einschmelzung erkannt und
lokalisiert wurde.
In den meisten Fällen ist zur Abszess-Drainage eine Allgemeinnarkose erforderlich. Nur bei sehr oberflächlich
liegenden oder kleineren Prozessen bieten sich eine Inzision in Lokalanästhesie bzw. eine Anästhesie durch Kühlung
der Haut mit Chloralhydrat an.
Zu Beginn der Operation kann eine Punktion mit einer
Nadel und Spritze zur genaueren Lokalisation eines tiefer
liegenden Abszesses hilfreich sein. Die weitgehende Abpunktion der eitrigen Flüssigkeit ist bei Kontraindikationen für eine operative Abszessspaltung (z. B. stark reduzierter Allgemeinzustand, Antikoagulation) sinnvoll. Es
sollte aus der eitrigen Flüssigkeit immer ein Abstrich für
die mikrobiologische Untersuchung (Erregernachweis
und Antibiogramm) gewonnen werden. Ebenso empfiehlt
es sich, aus der Abszesshöhle eine Gewebeprobe für die
histologische Untersuchung zu entnehmen.
Zur suffizienten Behandlung einer abszedierenden Entzündung der Halsweichteile muss begleitend eine ausreichende antibiotische Therapie erfolgen. Dies sollte die Tat-
a
Abszesse der Zunge und des Mundbodens
Abszedierungen im Bereich der vorderen Zungenabschnitte und des Mundbodens lassen sich in der Regel
von enoral eröffnen. Tiefer und weiter dorsal gelegene
Abszesse machen eine Operation von außen erforderlich.
So wird eine horizontale Inzision am Unterrand der ggf.
auch außen erkennbaren Schwellung durchgeführt
(Abb. 14.32 a). Subkutangewebe und Platysma werden
durchtrennt. Anschließend erfolgt ein vertikaler Schnitt
in der Mittellinie des M. mylohyoideus. Mit einer stumpfen, gebogenen Klemme wird danach die Abszesshöhle
eröffnet, so dass die eitrige Flüssigkeit abfließen kann
(Abb. 14.32 b). Nach Gewebe- und Abstrichentnahme
wird die Abszesshöhle mehrfach gespült, beispielsweise
mit Polyvidonjod (Kontraindikationen beachten) oder
verdünnter Wasserstoffperoxidlösung und ein DrainageRöhrchen oder ein Lasche eingelegt. Nach Fadenfixierung
an der Haut erfolgen ein locker adaptierender Wundverschluss sowie ein steriler Verband. Die liegende Drainage
ermöglicht in den folgenden Tagen einen weiteren Sekretfluss sowie das reinigende Spülen der Abszesshöhle.
Laterale parapharyngeale Halsabszesse
Die Hautinzision liegt mindestens 2 Querfinger unterhalb
der Mandibula, um den Mundast des N. facialis nicht zu
verletzen (Abb. 14.33 a), möglichst in einer vorhandenen
Abb. 14.32 Chirurgisches Vorgehen
bei Mundbodenabszessen.
b
M. digastricus
M. mylohyoideus
Inzision
M. geniohyoideus
724
c
a
Hautinzision am Unterrand der
Schwellung.
b, c Eröffnen des Abszesses und Entlastung
mit einer stumpfen Klemme.
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Chirurgie entzündlicher Erkrankungen
...........................................................
a
b
Chirurgische Therapie
.........
Abb. 14.33 Chirurgisches Vorgehen bei
lateralen parapharyngealen Halsabszessen.
a
Hautinzision 2 Querfinger unterhalb
der Mandibula.
b, c Darstellung des Vorderrands des
M. sternocleidomastoideus und
Eröffnen des Abszesses.
Inzision
14
c
Haut- bzw. Halsfalte, . Es wird der Vorderrand des M. sternocleidomastoideus identifiziert und dargestellt. Mit
einer stumpfen Klemme wird das Gewebe bei gleichzeitiger Gegenpalpation gespreizt und die Abszesshöhle eröffnet (Abb. 14.33 b, c). Bei ausgedehnten Befunden kann
eine Gegeninzision sinnvoll sein, um eine Drainage von 2
Seiten zu ermöglichen. Nach Spülung erfolgen die Einlage
eines an der Haut zu fixierenden Drainage-Röhrchens sowie der Wundverschluss. Auch weiter kaudal lokalisierte
Halsabszesse, Abszesse mit Ausbreitung im Verlauf des
Gefäß-Nerven-Bündels und Abszesse des retropharyngealen Raumes werden von außen eröffnet und drainiert.
Postoperativ wird die Abszesshöhle für einige Tage gespült und die Drainage in 2 – 3 Schritten entfernt. Unter
dieser Therapie und gleichzeitiger Antibiose sollten sich
der Lokalbefund und die Laborparameter (Leukozyten,
CRP) normalisieren.
Nekrotisierende Infektionen
Nekrotisierende bakterielle Infektionen des Weichteilgewebes können durch β-hämolysierende Streptokokken,
Clostridien oder andere Keime verursacht werden. Häufig
liegen Mischinfektionen vor. Es können Staphylokokken,
hämolytische Streptokokken, Proteus, Klebsiella, Enterobacter, Pseudomonas, Bakteroidesspezies, Fusobakterien,
Propionibakterien und Peptostreptokokken beteiligt sein.
Aufgrund der Gefährlichkeit des Krankheitsbilds muss
eine breite antibiotische, aber auch aggressive chirurgische Therapie mit Fasziotomie und ausgiebigem Débridement erfolgen. In vielen Fällen ist zusätzlich eine hyperbare Sauerstofftherapie indiziert. Die antibiotische Therapie
(z. B. Clindamycin, Penizillin G, Ceftacidin und Aminoglykosid) sollte frühzeitig ein breites Keimspektrum erfassen
und im Verlauf nach Vorlage des Antibiogramms ggf. modifiziert werden.
Chirurgie von Halszysten und Halsfisteln
Laterale Halszysten und laterale Halsfisteln
Prinzipiell besteht für alle lateralen Halszysten und laterale Halsfisteln eine Operationsindikation. Im Verlauf treten
rezidivierende Schwellungen und Infektionen sowie bei
Fisteln auch Sekretabsonderungen auf. Bei Fisteln erfolgt
die Operation überwiegend im Kindesalter, während laterale Halszysten eher in der 2. – 4. Lebensdekade in Erscheinung treten und dann einer Operation zugeführt werden.
Liegt eine Infektion vor, so empfiehlt sich zunächst eine
antibiotische Behandlung; ggf. sind auch Inzision und
Drainage erforderlich. Im entzündungsfreien Intervall
kann dann die Operation mit dem Ziel einer totalen Exstirpation der Zyste bzw. Fistel erfolgen. Die Operation wird in
Allgemeinanästhesie durchgeführt.
Entfernung lateraler Halszysten
Operationstechnik. Dazu erfolgt nach Injektion der Haut
mit 1 %igem Ultracain + Suprarenin 1 : 200 000 eine ca.
5 cm lange Hautinzision mit Durchtrennung der oberflächlichen Halsfaszie und des Platysmas über der Zyste.
Der Schnitt wird möglichst in eine Hautfalte und mindestens 2 Querfinger unterhalb der Mandibula gelegt. Bei der
Präparation des oberen Haut-Platysma-Lappens ist auf die
Schonung des R. marginalis des N. facialis zu achten. Ein
Nerven-Monitoring kann hier sehr hilfreich sein (s. Kap.
7.3 „Intraoperatives Monitoring“). Dann erfolgen die Darstellung des Vorderrands des M. sternocleidomastoideus
und die Inzision der Faszie längs des Vorderrands. Eventuell müssen die Vv. jugulares externa und anterior durchtrennt und unterbunden werden. Unter sowohl stumpfer
als auch scharfer Präparation wird die Zyste dann vorsichtig von der medialen Seite des M. sternocleidomastoideus
725
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Vorderrand des
M. sternocleidomastoideus
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
Lig. stylohyoideum
N. glossopharyngeus
Abb. 14.34 Anatomische Beziehungen
einer lateralen Halsfistel des 2. Kiemenbogensegments zu wichtigen Gefäß- und
Nervenbahnen des Halses.
N. hypoglossus
N. laryngeus superior
Ramus internus
des N. laryngeus superior
Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Ramus externus
des N. laryngeus superior
Lig. stylohyoideum
N. glossopharyngeus
Abb. 14.35 Anatomische Beziehungen
einer lateralen Halsfistel des 3. Kiemenbogensegments zu wichtigen Gefäß- und
Nervenbahnen des Halses.
N. hypoglossus
N. laryngeus superior
Ramus internus
des N. laryngeus superior
Ramus externus
des N. laryngeus superior
Hautinsel mit
Fistelöffnung
abpräpariert. Hierbei ist auf die Schonung des N. accessorius zu achten. Bei der Präparation sollte die Zyste möglichst nicht eröffnet werden. Auch medial wird die Zyste
präpariert. Dabei wird die V. facialis dargestellt, die nur
selten durchtrennt werden muss. In der Tiefe unter der
Zyste befindet sich das Gefäß-Nerven-Bündel des Halses
mit V. jugularis interna, N. vagus, A. carotis communis
bzw. Aa. carotis externa und interna und dem lateral der
Karotisgabel kreuzenden N. hypoglossus. Die Schicht zwischen Zyste und hinterem Bauch des M. digastricus sowie
des M. stylohyoideus wird überwiegend stumpf präpariert. Bei der Präparation der kranialen Ausdehnung der
Zyste werden gewöhnlich der N. hypoglossus und der
N. glossopharyngeus dargestellt. Ein Gangsystem findet
sich nicht.
Entfernung lateraler Halsfisteln
Operationstechnik. Abb. 14.34 zeigt die Beziehungen
einer lateralen Halsfistel des 2. Kiemenbogensegments zu
den wichtigen Gefäß- und Nervenbahnen des Halses,
Abb. 14.35 diejenigen von Fistelgängen des 3. Kiemenbogensegments.
726
Zunächst muss um die Fistelöffnung herum eine kleine
Hautinsel mitexzidiert werden. Der Fistelgang wird dann
nach kranial verfolgt und freigelegt. Häufig ist zur weiteren Verfolgung des Fistelgangs eine 2., weiter kranial lokalisierte Hautinzision erforderlich (Abb. 14.36). Erstreckt
sich der Gang in die Tonsillenregion, erfolgt die Tonsillektomie. Auch bei der Operation von Halsfisteln und ihren
Gängen müssen alle wichtigen Gefäß- und Nervenleitungsbahnen des Halses geschont werden (Abb. 14.34,
14.35). Am Ende der Operation werden eine Redon-Drainage eingelegt, das Subkutangewebe mit dem Platysma
adaptiert, die Haut verschlossen und ein steriler Verband
angelegt.
Prognose und Nachbehandlung. Die Rezidivrate liegt bei
etwa 3%, bei Revisionen steigt sie bis 20 %. Die Risiken des
Eingriffs ergeben sich durch die benachbarten anatomischen Strukturen, die mögliche Komplikationen des Eingriffs erklären (Aa. carotis communis, interna und externa,
V. jugularis interna, N. hypoglossus, N. glossopharyngeus,
N. laryngeus superior und N. accessorius). Die präoperative Aufklärung muss daher diese Aspekte neben den allge-
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Hautinsel mit
Fistelöffnung
...........................................................
Chirurgische Therapie
.........
meinen Operationsrisiken besonders berücksichtigen.
Normalerweise ist präoperativ nur eine Single-Shot-Antibiotikaprophylaxe mit einem Zephalosporin der 2. Generation erforderlich. Die Redon-Drainage wird entfernt,
wenn sie nur noch geringe Mengen Wundsekret fördert,
gewöhnlich am 2. oder 3. postoperativen Tag. Es empfiehlt
sich, selbstlösende Fäden zu benutzen.
Kongenitale Fehlbildungen des 1. Kiemenbogengangs
(Gehörgangsduplikaturen, Ohr-Hals-Fisteln). Diese sind
sehr viel seltener als die des 2. und 3. Kiemenbogengangs
(weniger als 1 % aller branchiogenen Fehlbildungen). TypI‑Fehlbildungen (nach Work) bestehen nur aus epidermoiden Anteilen. Sie zeigen sich als Duplikaturen des Gehörgangs und kommen dem N. facialis sehr nahe. TypII‑Fehlbildungen des 1. Kiemenbogensegments sind etwas
häufiger und enthalten ekto- und mesodermale Anteile.
Klinisch treten sie meist als rezidivierende Abszesse in
der Kieferwinkelregion auf. Sie ziehen durch die Glandula
parotidea medial oder lateral am N. facialis vorbei und enden unterhalb des äußeren Gehörgangs oder im äußeren
Gehörgang am Übergang vom knöchernen zum kartilaginösen Abschnitt. Keiner der beiden Typen hat eine Verbindung zum Trommelfell oder zum Mittelohr selbst. Zu ihrer
kompletten Entfernung ist eine partielle Parotidektomie
mit Darstellung des N. facialis notwendig (s. S. 327 f). Zur
Vermeidung von Rezidiven ist eine komplette Entfernung
erforderlich.
Operationstechnik. Jede mediale Halszyste bzw. ‑fistel
sollte operativ entfernt werden. Im infizierten Stadium
ist zunächst eine antibiotische Therapie indiziert. Die
Operation wird in Intubationsnarkose durchgeführt. Es erfolgt über der Schwellung eine horizontale Hautinzision.
Eventuell vorhandene Fistelöffnungen werden umschnitten und mit einer Hautspindel exzidiert. Haut- und Subkutangewebe werden nach oben und unten präpariert. Die
infrahyoidale Muskulatur wird zur Seite präpariert und
die Zyste dargestellt. Gelegentlich besteht eine Verbindung zum Lobus pyramidalis der Schilddrüse, die durchtrennt wird. Die Zyste wird dann, falls erforderlich, vom
Larynx und der Membrana thyrohyoidea freipräpariert,
so dass sie nach oben geschlagen werden kann. Das Zungenbein wird häufig vom Zystengang durchzogen, oder
der Gang ist am Zungenbein adhärent. Daher muss zur
Vermeidung von Rezidiven der mittlere Teil des Zungenbeins immer mitexzidiert werden.
Manchmal besteht ein durchgängiger Gang bis zum
Foramen caecum in der Vallekula. Nach Darstellung des
Ganges wird die Muskulatur am Oberrand des Zungenbeins mit dem elektrischen Messer abgetrennt. Dabei
darf das Zungenbein nicht so weit herausgelöst werden,
dass ein Zystengang, der zum Foramen caecum zieht,
durchtrennt wird und deshalb nicht mehr weiter präpariert werden kann. Mit einer Knochenschere wird der Mittelteil des Zungenbeins von den beiden lateralen Anteilen
Abb. 14.36 Strickleiterförmige Hautinzisionen und spindelförmige
Umschneidung des Fistelmauls einer lateralen Halsfistel links.
getrennt. Dieser Teil wird anschließend von der Membrana thyrohyoidea abgetrennt. Hierbei ist wieder darauf zu
achten, dass ein zum Zungengrund ziehender Gang nicht
übersehen wird. Falls vorhanden, wird ein solcher Gang
bis zum Zungengrund verfolgt und mit der Schleimhaut
des Foramen caecum ausgeschnitten. Die Öffnung in der
Pharynxwand kann mit resorbierbarem Nahtmaterial verschlossen werden. Beim Wundverschluss wird die Muskulatur adaptiert. Die beiden lateralen Zungenbeinanteile
werden nicht approximiert. Eine Redon-Drainage wird
eingelegt. Subkutangewebe mit Platysma und Haut werden verschlossen (Abb. 14.37 und Abb. 14.38).
Risiken und Komplikationen. Spezifische Operationsrisiken und Komplikationen sind Blutungen, Fistelbildung
zum Pharynx und Wundinfektionen. Cave: Bildet sich
postoperativ ein Hämatom aus, kann eine Intubation unmöglich und eine Koniotomie notwendig sein. Intraoperativ können der R. internus des N. laryngeus superior und
der N. hypoglossus verletzt werden.
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Mediale Halszysten und mediale Halsfisteln
14
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Abb. 14.37
Hautinzision bei medialer Halszyste.
Os hyoideum
M. mylohyoideus
Membrana thyrohyoidea
In den letzten Jahren hat die Laserbehandlung bei Hämangiomen immer mehr an Bedeutung gewonnen. Es wurden
dabei verschiedene Lasersysteme, wie CO2-, Farbstoff-,
KTP-, Argon-, Dioden- und Nd : YAG‑Laser, erfolgreich eingesetzt. Die Wahl des am besten geeigneten Lasersystems
wird durch dessen biophysikalische Wirkung am Gewebe,
aber auch von der Größe und Beschaffenheit des Hämangioms bestimmt. Somit kommt der Erfahrung des behandelnden Arztes eine große Bedeutung zu. Oberflächliche
Prozesse können sehr zufriedenstellend mit einem gepulsten Farbstofflaser behandelt werden. Für größere und tiefer liegende Hämangiome hat sich der Nd : YAG‑Laser bewährt, dessen Licht mit einer Wellenlänge von 1064 nm
über flexible Lichtleiter auch intraläsional appliziert werden kann. Die Eindringtiefe in das Gewebe beträgt
6 – 10 mm. Bei voluminösen Hämangiomen erfolgt die Laserlichtapplikation sonografisch kontrolliert.
Lymphangiome
Die Therapie der Wahl ist die frühzeitige chirurgische Resektion unter Einsatz mikrochirurgischer Techniken. Bei
der Operation sollte in jedem Fall eine komplette Exstirpation unter Schonung umgebender Strukturen angestrebt
werden. Dabei ist zu beachten, dass die präoperativen
bildgebenden Verfahren häufig die Ausdehnung der
Lymphangiome nicht richtig einschätzen lassen.
Glomus-caroticum-Tumoren
Schildknorpel Zyste
Abb. 14.38
Zystengang
Anatomische Verhältnisse bei medialer Halszyste.
Chirurgie der Gefäßanomalien
Hämangiome
Bei kleinen, oberflächlichen und nicht proliferierend
wachsenden Hämangiomen ist zunächst eine „Wait-andsee“-Stategie die Vorgehensweise der Wahl, da sich viele
angeborene Hämangiome spontan zurückbilden. Allerdings muss stets eine regelmäßige und engmaschige Befundkontrolle mit objektivierbarer Bilddokumentation
durchgeführt werden. Bei plötzlich einsetzendem und
schnellem Wachstum, bei Blutungen oder wiederholten
Infektionen ist, abhängig von Lokalisation, Größe und Tiefenausdehnung der Läsion, eines der folgenden Therapieverfahren angezeigt (s. S. 683):
l Kryotherapie
l medikamentöse Therapie (Kortison, β‑Blocker, Interferon)
l Embolisation
l konventionell-chirurgische Resektion
l Lasertherapie
728
Das Glomus caroticum liegt an der Teilungsstelle der A. carotis communis in A. carotis interna und externa. Klinisch
manifestieren sich Tumoren des Glomus caroticum als
langsam wachsende Schwellungen am Hals. Wie bereits
erwähnt, zeigt sich in der Ultraschalluntersuchung ein
charakteristisches Bild mit einem Auseinanderspreizen
von A. carotis interna und externa.
Die chirurgische Entfernung mit Erhalt der Kontinuität
der Arterie ist die Methode der Wahl. Falls erforderlich,
muss eine Gefäßplastik durchgeführt werden. Die operative Therapie sollte so früh wie möglich angestrebt werden,
da kleinere Tumoren leichter als größere zu entfernen
sind. Während des Wachstums werden wichtige nervale
Strukturen vom Tumor nicht nur verschoben, sondern
auch umwachsen. Bei einer Ausdehnung sehr weit nach
kranial wird die Zugänglichkeit im Bereich des Kieferwinkels erschwert. Gefäßplastiken sollten nur dann durchgeführt werden, wenn die Tumoren nicht von der Wand der
A. carotis abpräpariert werden können. In jedem Fall müssen die dafür notwendigen Instrumente vorhanden und
ggf. die Kooperation mit einem Gefäßchirurgen möglich
sein. Bei der Operation ist auf eine ausreichende Darstellung der Gefäße proximal und distal des Tumors zu achten. Eine präoperative Embolisation ist anzustreben.
Operationstechnik. Der Hautschnitt verläuft 2 Querfinger
unterhalb der Mandibula. Bei der Präparation der HautPlatysma-Lappen ist besonders auf Schonung und Erhal-
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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Risiken und Komplikationen. In der Hand eines geübten
Chirurgen ist die operative Entfernung eines einseitigen
Glomus-caroticum-Tumors eine sichere Operation mit
kompletter Tumorentfernung in 96 – 98 % der Fälle. Die
Hauptrisiken der operativen Tumorentfernung sind starke
Blutungen infolge von Gefäßverletzungen und die Schädigung von Hirnnerven. Das Risiko einer Verletzung der
A. carotis communis oder interna steht in unmittelbarem
Zusammenhang mit der Tumorgröße. Die häufigsten
Komplikationen nach Resektion von Glomus-caroticumTumoren sind jedoch Fehlfunktionen von Hirnnerven, die
mit Raten zwischen 10 und 40% angegeben werden. Am
häufigsten ist der N. hypoglossus betroffen. Zur Vermeidung von Hirnnervenläsionen wird empfohlen, vor der eigentlichen Tumorresektion die Hirnnerven kranial des Tumors darzustellen und zu identifizieren. Eine präoperative
Embolisation mit Polyvinylalkoholpartikeln kann Blutungen reduzieren und somit die Operation erleichtern.
Während bei einseitigen Glomus-caroticum-Tumoren
die chirurgische Entfernung als Therapie der Wahl anerkannt ist, ist die Behandlung bilateraler Glomus-caroticum-Tumoren oder einseitiger Glomustumoren mit einem
kontralateralen Glomus-vagale-Tumor problematischer.
Durch eine beidseitige Operation ist die Möglichkeit von
beidseitigen Hirnnervenschädigungen, insbesondere
N. hypoglossus
Tumor
.........
N. vagus
14
A. carotis communis
V. jugularis interna
Abb. 14.39 Anatomische Verhältnisse bei Glomus-caroticumTumor links.
einer beidseitigen Parese des N. vagus, gegeben. Kommt
es bei einer einseitigen Operation zu einer Vagusparese,
so sollte bei der Gegenseite eine Strahlentherapie in
Erwägung gezogen werden. Eine weitere mögliche Komplikation einer beidseitigen Entfernung von Glomus-caroticum-Tumoren ist die fehlende Funktion der Barorezeptoren in der Karotisgabel, die Blutdruckregulationsstörungen mit schweren hyper- oder hypotensiven Krisen
verursachen kann. Des Weiteren wurden Kopfschmerzen
und emotionale Instabilität beobachtet.
Strahlentherapie. Die Wirksamkeit einer Strahlentherapie bei Glomus-caroticum-Tumoren ist ähnlich wie bei
anderen Paragangliomen. Die notwendige Strahlendosis
wird mit 40 – 55 Gray angegeben.
Chirurgie parapharyngealer Tumoren
Tumoren des parapharyngealen Raumes können aus ortsständigem Gewebe entstehen, tumoröse Raumforderungen von Nachbarstrukturen können sich in den Parapharyngealraum ausdehnen, und in seltenen Fällen kann es
sich um metastatische Absiedelungen handeln. Die wichtigsten gut- und bösartigen Tumoren des parapharyngealen Raums sind in Tab. 14.13 aufgeführt. In knapp der
Hälfte der Fälle handelt es sich um Speicheldrüsentumo729
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tung des R. marginalis des N. facialis zu achten. Nach Darstellung des Vorderrands des M. sternocleidomastoideus
erfolgt die des Gefäß-Nerven-Bündels. Die V. jugularis interna wird nach hinten verlagert; anschließend werden
der Tumor, die anliegenden Karotisgefäße sowie der N. vagus dargestellt. Oberhalb und unterhalb des Tumors können die Gefäße jetzt angeschlungen werden, um bei starken Blutungen kurzfristig die Blutzufuhr drosseln bzw.
ganz unterbrechen zu können. Der Tumor wird nun vorsichtig und sorgfältig von den umgebenden Strukturen
freipräpariert. Dabei ist auf den Erhalt des N. vagus, des
N. laryngeus superior mit seinen Ästen sowie der sympathischen Nervenkette zu achten. Der N. hypoglossus wird
vom Tumor gewöhnlich verlagert (Abb. 14.39). Bei größeren Tumoren treten häufig Verlagerungen weiterer Nerven
auf, die dann ebenfalls den N. accessorius und möglicherweise auch den N. glossopharyngeus betreffen.
Die Trennung von Tumor und Gefäß erfolgt in einer
Ebene zwischen Adventitia und Media der Gefäßwand.
Dabei sollte zunächst von hinten lateral der Tumoranteil
präpariert werden, der in der Wand der A. carotis interna
und A. carotis communis liegt. Die A. carotis externa bzw.
ihre Äste können ggf. geopfert werden. Bei diesem Operationsschritt hat sich die Zuhilfenahme des Operationsmikroskops bewährt. Sollte sich herausstellen, dass eine
Tumorentfernung ohne Eröffnung des Gefäßes nicht möglich ist oder es bei der Präparation zu einem Einriss des
Gefäßes kommt, muss in Zusammenarbeit mit einem Gefäßchirurgen eine Gefäßplastik durchgeführt werden.
Nach vollständiger Tumorentfernung erfolgen die sorgfältige Kontrolle der Blutstillung, die Einlage einer RedonDrainage sowie der Wundverschluss.
Chirurgische Therapie
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
.................................................................................
Differenzialdiagnosen parapharyngealer Tumoren.
Pathologische
Veränderungen
Häufigkeit in %
Tumoren der
Speicheldrüsen
40 – 50
neurogene
Tumoren
Lymphknotentumoren
verschiedene
von Muskel- und
Bindegewebe
ausgehende
Tumoren
20 – 25
15
l
Glandula parotidea
l pleomorphe Adenome
l maligne Tumoren
l
kleine Speicheldrüsen
l ektopisches Speicheldrüsengewebe im parapharyngealen Raum
l kleine Speicheldrüsen
der Pharynxwand
l
Neurinome
l
Neurofibrome
l
Glomus-vagale-Tumoren
l
primär: Lymphome
l
sekundär: Metastasen
l
Rhabdomyome
l
Leiomyome
l
Rhabdomyosarkome
l
Lipome
l
Fibrome
Meningeome
angeborene
Veränderungen
Verschiedenes
l
Halszysten
l
Dermoidzysten
l
Hämangiome
l
AV‑Malformationen
l
Abszesse
l
inflammatorische
Pseudotumoren
l
Aneurysmen
l
maligne Tumoren, die
aus der Nachbarschaft
übergreifen
l
Fernmetastasen maligner
Tumoren
ren, die ihren Ursprung vom tiefen Lappen der Glandula
parotidea nehmen. Auch die kleinen Speicheldrüsen des
Pharynx oder ektopes Speicheldrüsengewebe können
Ausgangspunkt von gut- und bösartigen Tumoren im parapharyngealen Raum sein (Abb. 14.40). Am zweithäuftigsten treten neurogene Tumoren auf. Es handelt sich
meist um Schwannome, die im retrostylohyoidalen Raum
von den Hirnnerven IX – XII oder vom sympathischen Nervenstrang ausgehen. In ca. 50 % der Fälle ist der N. vagus
der Ursprungsnerv. Ihre Behandlung besteht in der Enukleation, wenn möglich, mit Erhalt des betroffenen Hirnnervs. Vagale Paragangliome sind die häufigsten Paragangliome des parapharyngealen Raumes. Differenzialdiagnostisch müssen auch entzündliche Pseudotumoren und
Aneurysmen sowie andere seltene Erkrankungen in Erwägung gezogen werden.
730
Abb. 14.40 MRT eines mehrteiligen pleomorphen Adenoms des
parapharyngealen Raums links.
Anatomie des parapharyngealen Raums. Zum besseren
Verständnis des Tumorwachstums und operativer Maßnahmen ist eine genaue Kenntnis der Anatomie des parapharyngealen Raumes erforderlich. Der parapharyngeale
Raum ist ein hypothetischer Raum mit der Form einer umgekehrten Pyramide, die lateral des Pharynx liegt. Ihre
Spitze liegt am großen Horn des Zungenbeins, die Basis
an der Schädelbasis. Die obere Begrenzung ist das Felsenbein; nach hinten bildet die Fascia praevertebralis die
Grenze, nach lateral die Faszie des M. pterygoideus medialis, der aufsteigende Unterkieferast und der tiefe Lappen
der Glandula parotidea. Die genannten anatomischen
Strukturen sind relativ fest und begrenzen dadurch ein Tumorwachstum mit Ausnahme der medialen Wand, die an
den Pharynx grenzt. Genauer handelt es sich um die Faszie
des M. tensor veli palatini, des M. constrictor pharyngis
superior, des M. styloglossus und des M. stylopharyngeus.
Durch den Processus styloideus und die von dort ausgehende Faszie zum M. tensor veli palatini wird der parapharyngeale Raum in ein prästyloidales und ein retrostyloidales Kompartiment unterteilt. Der prästyloidale Raum
enthält nur Fett und unterschiedliche Anteile des retromandibulären tiefen Lappens der Glandula parotidea. Daher finden sich in diesem Raum nur Glandula-parotideaTumoren, Lipome und selten neurogene Tumoren. Der retrostyloidale Raum enthält die A. carotis interna und die
V. jugularis interna sowie die Hirnnerven IX – XII, Fasern
des sympathischen Nervenstrangs und Lymphknoten.
Dieses Kompartiment wird vom retropharyngealen Raum
nur durch eine dünne Faszie getrennt.
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Tabelle 14.13
...........................................................
Chirurgische Therapie
Operative Zugangswege. Es stehen 3 operative Zugangswege zur Verfügung:
l Der am häufigsten angewendete ist der transzervikale
Zugang.
l Der intraorale, transpharyngeale Zugang eignet sich
für umschriebene, mehr medial gelegene Tumoren.
l Tumoren des tiefen Parotislappens werden am besten
über einen transparotidealen Zugang mit Darstellung
des N. facialis entfernt. Der Tumor wird medial der Nervenäste präpariert und zwischen Nervenästen hindurch entfernt.
Neck Dissection
Anatomische Vorbemerkungen
Um im Rahmen einer Neck Dissection Wundheilungsstörungen und Hautnekrosen mit nachfolgenden Komplikationen zu vermeiden, ist es wichtig, ausreichende Kenntnisse über die Durchblutung der Halshaut zu haben. Die
Haut im anterolateralen Bereich des Halses wird aus Ästen
der A. facialis, A. submentalis und A. occipitalis mit absteigenden Ästen versorgt, sowie über die Aa. cervicalis trans-
14
hinterer Bauch des
M. digastricus
N. hypoglossus
N. vagus
Glandula submandibularis
Abb. 14.41 Transzervikaler Zugang zum parapharyngealen Raum
(Pfeil). A. und V. facialis werden durchtrennt.
versa und suprascapularis mit aufsteigenden Ästen
(Abb. 14.42). Diese arteriellen Gefäße ziehen durch das
Platysma und bilden dann ein oberflächliches Gefäßnetzwerk, das hauptsächlich in vertikaler Richtung verläuft.
Obwohl einige der Hauptarterien bei der Neck Dissection
durchtrennt werden können, muss der oberflächliche Gefäßplexus erhalten bleiben, um die Hautlappen zu durchbluten. Das Platysma liegt direkt unterhalb des Subkutangewebes und bildet daher eine ideale Schicht, unter der
die Haut-Platysma-Lappen präpariert werden können. Ist
aus onkologischer Sicht die Erhaltung des Platysmas nicht
möglich, wird in einer oberflächlichen Schicht oberhalb
des Muskels präpariert. Im unteren vorderen und im hinteren oberen Halsanteil ist das Platysma häufig nicht oder
sehr dünn ausgebildet, so dass im subkutanen Gewebe
eine entsprechende Schicht präpariert werden muss. Am
hinteren oberen Rand des Platysmas liegen häufig die
V. jugularis externa und der N. auricularis magnus.
Werden die Lymphknoten des submandibulären Dreiecks mit ausgeräumt, kann es erforderlich sein, den
R. marginalis mandibulae des N. facialis darzustellen, um
ihn sicher zu schonen. Der Nerv kann unmittelbar am Kieferwinkel identifiziert werden, wenn die oberflächliche
Schicht der tiefen Halsfaszie parallel zum Verlauf des
Nervs direkt oberhalb der Drüse inzidiert wird (s. S. 595 f).
Der Nerv verläuft medial der Faszie, aber lateral der
V. facialis. Die submandibulären retrovaskulären Lymphknoten liegen gewöhnlich in der Nähe des Nervs und müssen sorgfältig präpariert werden. Dabei werden A. und
V. facialis dargestellt und ggf. durchtrennt.
731
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Operationstechnik. Für den transzervikalen Zugang wird
eine Hautinzision etwa 2 Querfinger unterhalb der Mandibula in einer Hautfalte gelegt. Haut, Subkutangewebe und
Platysma werden durchtrennt und der R. marginalis mandibulae des N. facialis dargestellt und geschont. Normalerweise müssen A. und V. facialis dargestellt, durchtrennt
und unterbunden werden. Die Glandula submandibularis
wird nach vorne verlagert. Oberhalb des M. digastricus
kann in den parapharyngealen Raum eingegangen werden
(Abb. 14.41). Dies wird erleichtert, indem der Processus
styloideus durchtrennt wird. Die folgende Präparation
hängt von der Art des Tumors ab: So können Tumoren
der kleinen Speicheldrüsen gewöhnlich stumpf präpariert
und entfernt werden. Ebenso können Neurinome der
Hirnnerven IX – XII auf diesem Wege durch intrakapsuläre
Enukleation ausgeräumt werden, wobei manchmal sogar
die Nervenfunktion erhalten werden kann.
Bei Tumoren des tiefen Lappens der Glandula parotidea
erlaubt der Zugang leicht die Kombination mit einer partiellen Parotidektomie. Bei größeren Tumoren kann der
Zugang durch eine paramediane Durchtrennung und Lateralverlagerung der Mandibula erweitert werden. Paragangliome des N. vagus können über diesen Zugang in
Kombination mit einem transmastoidalen Zugang und,
falls erforderlich, auch mit einem subokzipitalen Zugang
angegangen werden. Neben möglichen vaskulären Komplikationen liegen die Hauptkomplikationen dieser Operation in Funktionsstörungen der Hirnnerven VII, IX, X
und XII. Besonders schwerwiegend sind Funktionsstörungen des N. vagus, wenn dieser oberhalb des Ganglion nodosum verletzt wurde, weil dann die pharyngealen Äste
und der N. laryngeus superior betroffen sind, was zu Dysphagie und Dysphonie führt.
.........
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
A. occipitalis
I
II
A. facialis
III
VI
IV
V
A. transversa cervicis
A. suprascapularis
Abb. 14.42 Hautversorgende Gefäße des Halses. Zwischen diesen
Gefäßen besteht oberhalb des Platysmas ein Gefäßnetzwerk mit
hauptsächlich vertikaler Verlaufsrichtung.
Abb. 14.43 Schematische Darstellung der Einteilung des Halses in
6 lymphknotenhaltige Gebiete (Level).
Unterhalb des Foramen jugulare verläuft der R. externus des N. accessorius, medial von M. digastricus und
M. stylohyoideus und lateral oder hinter der V. jugularis
interna. Danach zieht er schräg nach unten und hinten
zur medialen Fläche des M. sternocleidomastoideus. Er erreicht ihn in etwa am unteren Ende des oberen Drittels
des Muskels. Meist zieht der Nerv dann durch den Muskel
zu dessen Hinterrand, wo er in der Regel etwa 1 cm oberhalb des Erb-Punkts zur Darstellung kommt. Von hier aus
verläuft er durch das hintere Halsdreieck zum Vorderrand
des M. trapezius. An der Muskelunterfläche zieht er gewöhnlich weiter und muss auch hier dargestellt werden.
Vorsicht ist bei der Präparation am Hinterrand des M. sternocleidomastoideus geboten, da der Nerv hier sehr oberflächlich verlaufen kann. Dies ist auch bei der Präparation
einzelner Lymphknoten in diesem Gebiet zu beachten
(Nerven-Monitoring!).
Der Ductus thoracicus verläuft im unteren Halsbereich
auf der linken Seite medial und hinter der A. carotis communis und dem N. vagus. Von hier zieht er bogenförmig
nach oben, vorne und lateral, hinter der V. jugularis und
vor dem M. scalenus anterior und dem N. phrenicus.
Dann mündet er in die V. jugularis interna, die V. subclavia
oder den Venenwinkel. Der Ductus thoracicus liegt vor
dem Truncus cervicalis und der A. cervicalis transversa.
Der Ductus thoracicus kann auch in mehrere kleinere Gefäße aufgeteilt in die verschiedenen Venen münden; er erhält gewöhnlich juguläre und subklavikuläre sowie weitere kleinere lymphatische Zuflüsse, die sorgfältig unterbunden werden müssen. Durch die große Variabilität des
terminalen Anteils des Ductus thoracicus besteht die Gefahr der Ausbildung einer Chylusfistel.
732
Nomenklatur der Halslymphknoten. Der Hals wird entsprechend der Klassification des Committee for Neck Dissection Classification der American Head and Neck Society
in 6 3-dimensionale lymphknotenhaltige Gebiete (Level)
unterteilt (Abb. 14.43). Die oberflächliche Begrenzung
wird durch das oberflächliche Blatt der tiefen Halsfaszie
unterhalb des Platysma gebildet. Die tiefe Begrenzung besteht aus der Fascia praevertebralis und dem mittleren
Blatt der tiefen Halsfaszie, die die viszeralen Teile des oberen Aerodigestivtrakts umgibt.
l Level I (submentale und submandibuläre Lymphknoten): Er wird begrenzt durch den Unterkiefer, den hinteren Bauch des M. digastricus, das Zungenbein und die
Mittellinie.
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
.................................................................................
...........................................................
l
l
l
l
Level II (obere juguläre Lymphknoten): Er dehnt sich
vom Zungenbein und der Karotisbifurkation nach
oben bis zur Schädelbasis aus; in anterior-posteriorer
Richtung reicht er von der Sehne des M. digastricus bis
zum Hinterrand des M. sternocleidomastoideus.
Level III (mittlere juguläre Gruppe): Er reicht von der
Oberkante des Schildknorpels und der unteren Begrenzung des Levels II zwischen Hinterkante des M. omohyoideus und Hinterkante des M. sternocleidomastoideus nach unten bis in Höhe des Ringknorpels.
Level IV (untere juguläre Gruppe): Dieser liegt zwischen M. sternohyoideus und dem Hinterrand des
M. sternocleidomastoideus, unterhalb des Levels III bis
zur oberen Thoraxapertur.
Level V (hinteres Halsdreieck): Er wird begrenzt durch
die Hinterkante des M. sternocleidomastoideus, den
Vorderrand des M. trapezius und die Klavikula.
Level VI (vorderes Halsdreieck): Er dehnt sich zwischen
den medialen Begrenzungen der Gefäß-Nerven-Scheide beidseits aus und wird oben durch das Zungenbein
und unten durch Klavikula und Sternum begrenzt.
Zu diesen 6 Lymphknotengruppen kommen noch die retroaurikulären und subokzipitalen Lymphknotengruppen
hinzu, außerdem die parotidealen sowie die retropharyngealen Lymphknoten.
Klassifikation der Halslymphknotenmetastasen
In Abb. 14.44 sind die vorwiegenden Metastasierungsrichtungen des initialen lymphogenen Metastasierungsverhaltens von Karzinomen unterschiedlicher Lokalisation dargestellt.
Neben der Tumorgröße (T Stadium) sollte bei allen Patienten mit malignen Tumoren der Kopf-Hals-Region eine
Einordnung möglicher zervikaler Lymphknotenmetastasen nach der TNM‑Klassifikation erfolgen. Am Hals besteht
dabei folgende Einteilung:
l Nx: regionäre Lymphknoten nicht untersuchbar oder
noch nicht untersucht
l N0: keine regionären Lymphknoten
l N1: Metastase in einem einzelnen ipsilateralen Halslymphknoten; größter Durchmesser < 3 cm
l N2:
l N2a: Metastase in einem einzelnen ipsilateralen
Lymphknoten mit größtem Durchmesser zwischen 3
und 6 cm
l N2b: multiple ipsilaterale Lymphknoten mit weniger
als 6 cm Durchmesser
l N2c: bilaterale oder kontralaterale Lymphknoten,
von denen keiner größer als 6 cm im größten Durchmesser ist
l N3: Lymphknotenmetastase mit einem Durchmesser
von mehr als 6 cm im größten Durchmesser
.........
Technik der Neck Dissection
Klassifikation
l
l
l
Radikale Neck Dissection (RDN): En-Bloc-Resektion der
ipsilateralen Lymphknotengruppen der Regionen I – V
inklusive des M. sternocleidomastoideus, der V. jugularis interna und des N. accessorius. Wegen der deutlich
größeren peri- und postoperativen Morbidität wird
diese Operation nur noch selten ausgeführt.
Modifiziert-radikale Neck Dissection (MRND): Resektion des lymphknotenhaltigen Gewebes der Level I – V
unter Erhalt von N. accessorius und/oder V. jugularis interna und/oder M. sternocleidomastoideus. Je nach
Erhalt der genannten Strukturen kann die modifiziertradikale Neck Dissection noch in einen Typ I, II oder III
unterteilt werden (Tab. 14.14). Die modizifiert-radikale Neck Dissection beruht auf der Erkenntnis, dass sich
die lymphatischen Gewebe innerhalb von abgegrenzten Faszienräumen des Halses befinden und die anderen Gewebe des Halses, wie Muskeln, Blut, Nervengefäße, Aerodigestivtrakt und Glandula thyroidea, von
Faszien umgeben und dadurch von den Geweben mit
Lymphknoten getrennt sind.
Selektive Neck Dissection (SND): Entfernung von
Lymphknoten bestimmter Level. Es werden verschiedene Formen der selektiven Neck Dissection unterschieden (Tab. 14.14). Im Vergleich zur radikalen oder
auch modifiziert-radikalen Neck Dissection weisen
diese Formen eine verminderte Morbidität auf. Zudem
werden immunkompetente Lymphknoten erhalten.
Weitere Sonderformen der selektiven Neck Dissection
im Sinne weiter begrenzter Neck-Dissection-Formen sind
Tabelle 14.14
Klassifikation der Neck Dissection.
Bezeichnung der
Neck Dissection (ND)
Ausgeräumte
Lymphknotenlevel
Radikale ND
I–V
Erhaltene
Strukturen
Modifiziert-radikale ND
Typ I
I–V
N. XI
Typ II
I–V
N. XI, VII
Typ III
I–V
N. XI, VII, SCM
supraomyohyoidal
I – III
N. XI, VII, SCM
lateral
II – IV
N. XI, VII, SCM
posterolateral
II – V
N. XI, VII, SCM
anterior
VI
N. XI, VII, SCM
anterolateral
I – IV
N. XI, VII, SCM
Selektive ND
N. XI = N. accessorius
SCM = M. sternocleidomastoideus
VII = V. jugularis interna
733
14
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l
Chirurgische Therapie
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
a
b
c
d
e
f
g
h
i
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
.................................................................................
Abb. 14.44 Schematische Darstellung des vorwiegenden initialen lymphogenen Metastasierungsverhaltens von Karzinomen des Kopf-HalsBereichs. Mit zunehmender Schwärzung steigt die Wahrscheinlichkeit initial betroffener Lymphknotenregionen (nach: Werner 1997).
a Unterlippe.
b Mundboden.
c Vordere ⅔ der Zunge.
734
d Nasopharynx.
e Tonsilla palatina.
f Zungengrund.
g Supraglottis.
h Glottis.
i Sinus piriformis.
möglich. Dazu gehören die submentale Neck Dissection
mit Ausräumung des Level I, die suprahyoidale Ausräumung mit Entfernung der Lymphknoten der Level I und II,
die Dissektion des vorderen Kompartiments (Level VI) sowie die limitiert-laterale Neck Dissection mit Ausräumung
der Level II und III.
Auswahl der Neck-Dissection-Technik
Die Auswahl der „richtigen“ Art der Neck Dissection wird
durch verschiedene Faktoren beeinflusst, wie beispielsweise das Ausmaß der lymphogenen Metastasierung, die
Tumorgröße und Lokalisation, durch tumorbiologische
Parameter, Allgemeinzustand des Patienten sowie eine
eventuelle Vorbehandlung des Halses.
Die selektiven Formen der Neck Dissection werden vor
allem bei einem N0- oder N1-Hals durchgeführt. Ist bereits eine Metastasierung über mehrere Lymphknotenregionen aufgetreten, so sollte eine antero- oder posterolaterale Neck Dissection vorgenommen werden. Bei
Patienten mit einem höheren Risiko für Lymphknotenmetastasen (z. B. Karzinom der Zunge, des Zungengrunds, des
posterioren Mundbodens, des Hypopharynx und des supraglottischen Larynx) sollte eine selektive Neck Dissection der primären Metastasierungsstationen ab einem
T1-Tumor auch bei klinischem N0-Hals durchgeführt werden. Bei ca. 30 % dieser Patienten liegen bereits okkulte
Metastasen, teilweise schon mit extrakapsulärer Ausbreitung, vor, die dann operativ erfasst bzw. entfernt werden.
Die selektive Neck Dissection berücksichtigt die Level,
die in Abhängigkeit von der Lokalisation des Primärtumors am häufigsten von Metastasen betroffen sind
(s. Abb. 14.44). Bei Tumoren der Mundhöhle und des
Oropharynx sollten die Level I – III ausgeräumt werden,
bei Tumoren der Zunge die Level I – IV, da Metastasen im
Level IV hier auch auftreten können, wenn die Level I – III
nicht betroffen sind. Metastasen von Kehlkopf und Hypopharynx betreffen zu Beginn meist die Level II – IV; subglottische Tumoren und Karzinome des Sinus piriformis
metastasieren auch nach Level VI. Level V sollte bei Patien-
a
d
b
Chirurgische Therapie
ten mit Tumoren des Nasopharynx und der Haut des hinteren Kopfes sowie des Halses ausgeräumt werden.
Eine kontralaterale Neck Dissection ist bei Tumoren
mit bilateraler lymphatischer Drainage, wie Mittellinientumoren (Zungengrund, weicher Gaumen, supraglottischer Larynx und mediale Wand des Sinus piriformis), zu
diskutieren. Bei Tumoren des äußeren Gehörgangs und
des Gesichts ist in Abhängigkeit vom Ultraschallbefund
eine laterale Parotidektomie indiziert. Bei Tumoren des
Nasopharynx, des weichen Gaumens und der lateralen sowie posterioren Wände des Oro- und Hypopharynx ist auf
eine Metastasierung in retropharyngealen Lymphknotengruppen zu achten.
Ein Auftreten von Metastasen nach vorheriger Operation und/oder Bestrahlung bedeutet eine Verschlechterung der Prognose. Tumorrezidive scheinen aufgrund tumoraler und/oder wirtsbedingter Faktoren aggressiver zu
sein, auch wenn es sich um Lymphknotengewebe in nicht
ausreichend behandelten Regionen des Halses handelt.
Durch eine Vortherapie können eventuelle biologische
Schranken zerstört werden und auch die Durchblutung
für eine adjuvante Tumortherapie verschlechtert sein. Daher ist bei Rezidiven eine größere Radikalität erforderlich.
Oft müssen Hautanteile mitexzidiert und durch regionale
gestielte oder freie Lappen wiederhergestellt werden.
Operationstechnik
Hautschnitt. Für die Neck Dissection wurde eine Vielzahl
von Schnittführungen beschrieben. Die gebräuchlichsten
Hautschnitte sind in Abb. 14.45 dargestellt. Die Wahl der
Hautschnitte wird durch folgende Faktoren beeinflusst:
l Lage der Knoten
l Vitalität der Haut-Platysma-Lappen
l Protektion der A. carotis
l Narben vorhergehender Operationen
l Primärtumor
l geplante rekonstruktive Maßnahmen
l präoperative Bestrahlung
l kosmetische Gesichtspunkte
Abb. 14.45 Verschiedene Hautschnitte
für die Neck Dissection (s. Text).
c
e
735
.........
14
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14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Es ist der Grundsatz zu berücksichtigen, dass Lappen der
Halshaut, die hinten und unten ihre Basis haben, einen
schlechteren Blutzufluss aufweisen als Lappen, die medial
und medial-superior ihre Basis haben. Die in Abb. 14.45 a
abgebildete Schnittführung ergibt einen großen Hautlappen mit einer oben gelegenen Basis. Dieser Hautlappen
kann auch kürzer gestaltet werden. Er hat eine gute
Durchblutung und ermöglicht eine gute Protektion der
A. carotis. Außerdem erlaubt er die Entwicklung eines
muskulären Platysmalappens. Die in Abb. 14.45 b gezeigte
U‑förmige Schnittführung (sog. Schürzenlappen) von
einem Mastoid über den Ringknorpel zum anderen ist
zur Durchführung einer beidseitigen Neck Dissection geeignet, vor allem in Kombination mit einer Laryngektomie
oder auch Schilddrüsenoperationen. Wenn notwendig,
kann zusätzlich ein Entlastungsschnitt nach lateral angelegt werden. Weitere Möglichkeiten der Schnittführung
sind in Abb. 14.45 c– e dargestellt.
Technik der modifiziert-radikalen Neck Dissection. Im
Folgenden wird die Technik der modifiziert-radikalen
Neck Dissection mit Erhalt des N. accessorius beschrieben.
Nach dem Hautschnitt und der Entwicklung entsprechender Haut-Platysma-Lappen wird die Faszie zunächst
entlang des Hinterrands des vorderen Bauches des
M. omohyoideus und entlang des Vorderrands des M. sternocleidomastoideus eingeschnitten. Medial vom M. sternocleidomastoideus wird das Gefäß-Nerven-Bündel mit
V. jugularis interna, A. carotis communis und N. vagus dargestellt. Anschließend wird die mediale Faszie des M. sternocleidomastoideus an dessen Unterseite präpariert und
der Muskel unterminiert. Nach vollständiger Unterminierung des Muskels kann dieser mit dem elektrischen Messer etwa 1,5 – 2 cm oberhalb der Klavikula durchtrennt
werden. Anschließend wird das Fettbindegewebe von lateral her bis auf die Faszie der Skalenusmuskulatur durchtrennt. Unter dieser Faszie verläuft der N. phrenicus, der
geschont wird. Die Äste der A. transversa colli können unterbunden werden. Der obere Pol der Schilddrüse und die
Ansa des N. hypoglossus bilden die mediale Begrenzung
der Präparation. Medial ist auch darauf zu achten, dass
der Ductus thoracicus auf der linken Seite und der Ductus
accessorius auf der rechten Seite nicht verletzt werden. Sie
liegen hinter dem Gefäß-Nerven-Bündel und ziehen meist
bogenförmig von hinten in die Region des Zusammenflusses von V. jugularis interna und V. subclavia.
Anschließend werden V. jugularis interna, A. carotis
communis und N. vagus dargestellt und die V. jugularis interna nach doppelter Ligatur durchtrennt und unterbunden. Dabei ist sorgfältig auf die sichere Trennung des
N. vagus von der Vene zu achten. Mit einem Haken wird
die A. carotis communis etwas nach anterior und medial
verlagert, und es erfolgt die Darstellung des Truncus sympathicus sowie die Präparation des Fettbindegewebes inklusive der V. jugularis interna auf der tiefen Halsfaszie
und entlang der A. carotis nach kranial. Der obere Bauch
des M. omohyoideus wird durchtrennt; nach hinten wird
die Präparation durch den Vorderrand des M. trapezius
736
begrenzt. Am Hinterrand des M. sternocleidomastoideus,
etwa 1 cm oberhalb des Erb-Punkts, kann der N. accessorius dargestellt und durch das Fettbindegewebe nach kaudal verfolgt werden. Nach kranial muss er meist durch den
Muskel hindurch und aus dem Fettbindegewebe des Halses herauspräpariert werden. Bei der Präparation nach
oben wird darauf geachtet, dass der Plexus brachialis erhalten bleibt, wobei auch die meisten Äste des Plexus cervicalis geschont werden können. Weiter kranial kommt
die Karotisbifurkation zur Darstellung.
Auch die V. jugularis interna wird weiter nach kranial
dargestellt. A. und V. facialis werden in Höhe der Mandibula unterbunden, der R. mandibularis des N. facialis wird
dargestellt und möglichst erhalten. Oberhalb der Karotisgabel werden der N. hypoglossus sowie der M. digastricus
und der M. stylohyoideus dargestellt. An dieser Stelle kann
dann der M. sternocleidomastoideus kranial durchtrennt
werden; dabei ist wieder auf den N. accessorius zu achten.
Im Anschluss hieran wird die Submandibularloge einschließlich des Fettbindegewebes des submentalen Raumes und der Drüse selbst präpariert. Der N. lingualis und
der N. hypoglossus werden identifiziert und erhalten. Der
Drüsenausführungsgang und venöse Gefäße werden unterbunden. Bei der weiteren Präparation des Neck-Blocks
entlang der A. carotis interna nach kranial werden venöse
Zuflüsse zur V. jugularis interna aus der Glandula thyroidea, dem Larynx und der Zunge unterbunden. Dabei
wird besonders auf die Schonung des N. hypoglossus geachtet. Ebenso wird der N. laryngeus superior, der medial
der A. carotis verläuft, erhalten. Nach hinten stellen sich
A. occipitalis und A. auricularis dar und können unterbunden werden. Nach Unterbindung auch des Stammes der
A. facialis kurz nach ihrem Abgang aus der A. carotis externa und oberhalb der Sehne des M. digastricus kann jetzt
das ganze Fettbindegewebe mit dem M. sternocleidomastoideus nach kranial geschlagen und die V. jugularis interna weiter nach kranial verfolgt werden. Diese wird vom
N. accessorius freipräpariert und so weit kranial wie möglich, oberhalb des M. digastricus und zum Foramen jugulare hin präpariert, unterbunden und durchtrennt. Anschließend kann der Neck-Block am noch verbliebenen
Gewebe auf der tiefen Halsfaszie abgesetzt werden.
Am Ende der Operation erfolgen eine sorgfältige Blutstillung sowie Spülung der Wunde. Die Einlage einer Redon-Drainage sowie eine Subkutan- und Hautnaht beenden den Eingriff. Bei der Einlage der Redon-Drainage ist
darauf zu achten, dass diese möglichst nicht die A. carotis
berührt, um hier keine mechanischen Alterationen hervorzurufen. Abb. 14.46 zeigt schematisch den Überblick
über den Operationssitus nach modifiziert-radikaler Neck
Dissection Typ I (Abb. 14.46 a) und modifiziert-radikaler
Neck Dissection Typ III (Abb. 14.46 b).
Komplikationen
Wie bereits oben ausgeführt, sind zur Reduktion operativ
bedingter Komplikationen bei der Neck Dissection genaue
Kenntnisse zur Halsanatomie erforderlich. Darüber hinaus
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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...........................................................
Komplikationen der Neck Dissection.
intraoperative
Komplikationen
postoperative
Komplikationen
b
Abb. 14.46
l
vasovagaler Reflex
l
Thrombose der V. jugularis interna
l
Blutungen
l
Nervenläsionen
l
Wundheilungsstörungen
l
Lymphödem
l
funktionelle Beeinträchtigungen
durch Nervenläsionen:
l N. hypoglossus
l N. accessorius
l N. phrenicus
l Plexus brachialis
l Truncus sympathicus
l
Chylusfistel/Chylothorax
l
Ruptur der A. carotis
l
Visusminderung/Erblindung
l
endokranieller Druckanstieg
14
Intraoperative Komplikationen
Operationsfeld nach Neck Dissection.
a Nach modifiziert-radikaler Neck Dissection Typ I.
b Nach modifiziert-radikaler Neck Dissection Typ III.
sind weitere Faktoren wie Metastasengröße und ‑lokalisation, vorangegangene Strahlentherapie, Diabetes mellitus,
Immunsuppression u. Ä. zu beachten und in die Behandlungsplanung einzubeziehen. Die wichtigsten, mit einer
Neck Dissection in Zusammenhang stehenden Komplikationen sind in Tab. 14.15 zusammengefasst.
.........
Bei den intraoperativen Komplikationen stehen die Verletzungen von Gefäßen im Vordergrund. Die Verletzung
großer venöser Gefäße, der V. jugularis interna oder selten
auch der V. subclavia, kann einerseits zu einem größeren
Blutverlust, andererseits auch zu einer Luftembolie führen. Ist es zu einer Verletzung eines größeren venösen Gefäßes gekommen, so sollte das eröffnete Areal durch sofortige Kompression verschlossen werden. Anschließend erfolgen bei Überdruckbeatmung die weitere Präparation
und Versorgung der Gefäßverletzung, möglichst unter Erhalt seiner Kontinuität. Durch Manipulation oder durch
Austrocknung besteht die Gefahr der Ausbildung einer
Thrombose der V. jugularis interna.
Auch Verletzungen größerer arterieller Gefäße können
vorkommen, die meist zu einem raschen und erheblichen
Blutverlust führen. Äste der A. carotis externa können bei
einer Blutung problemlos unterbunden werden. Die A. carotis communis und A. carotis interna sollten jedoch erhalten werden, nötigenfalls in Kooperation mit einem Gefäßchirurgen. Bei einer nicht elektiven Ligatur der A. carotis interna liegt die Rate für einen Apoplex bei über 50 %.
Die Präparation im Bulbusbereich der A. carotis ist vorsichtig durchzuführen, da Manipulationen an den Druckrezeptoren zu Herzrhythmusstörungen, Bradykardie und
erheblichen Blutdruckschwankungen führen können.
Verletzungen des Ductus thoracicus oder sonstiger
größerer Lymphgefäße sollten, wenn sie intraoperativ
festgestellt werden, direkt durch Ligatur versorgt werden.
Häufig werden sie jedoch erst postoperativ bemerkt. Möglich sind auch akzidentelle Verletzungen von Nerven, deren Kontinuität ggf. wiederhergestellt werden sollte.
737
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Tabelle 14.15
a
Chirurgische Therapie
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
Postoperative Komplikationen
In der direkten postoperativen Phase kann es zu venösen
oder arteriellen Nachblutungen kommen, die eine frühzeitige operative Revision erforderlich machen. Wundheilungsstörungen, teilweise mit Ausbildung einer Fistel,
oder Nekrosen der Haut-Platysma-Lappen treten vermehrt nach vorangegangener Strahlentherapie oder bei
Patienten mit einem schlechten Ernährungszustand oder
Diabetes mellitus auf. Besonders gefürchtet ist die Ruptur
der A. carotis als letale Komplikation nach radikaler Neck
Dissection. Karotis-„Blow-out“-Blutungen entstehen besonders dann, wenn bei einer ausgeprägten Wundheilungsstörung die freiliegende A. carotis mit Speichel benetzt wird.
Nach radikaler Neck Dissection liegt das Risiko für das
postoperative Auftreten einer Chylusfistel bei 1 – 2 %. Mithilfe einer konservativen Therapie ist in den meisten Fällen eine erfolgreiche Behandlung möglich. Diese beinhaltet eine intravenöse Ernährung, vor allem aber eine konsequente Kompression mittels Druckverband. Kommt es
unter den konservativen Maßnahmen nicht zu einem Sistieren der Chylusmenge oder übersteigt gar die tägliche
Fördermenge 600 ml, so ist eine chirurgische Revision angezeigt. Ebenfalls in der Folge einer Neck Dissection kann
es bei tiefer Präparation bei Verletzung der Pleura zu
einem Pneumothorax, bei Verletzung des rechten Ductus
thoracicus zu einem bilateralen Chylothorax kommen.
Eine entsprechende chirurgische Behandlung mit SaugDrainagen wird dann erforderlich.
Die wohl häufigste Spätfolge einer Neck Dissection sind
Schulter-/Armschmerzen und Lähmungen infolge des Ausfalls der Funktion oder der Resektion oder akzidentellen
Durchtrennung des N. accessorius. Machen sich bei einem
Patienten solche Beschwerden bemerkbar, ist eine frühzeitige und langfristige krankengymnastische Behandlung
angezeigt.
Eine weitere, oft lang anhaltende Komplikation der
Neck Dissection sind Lymphödeme, die im Gesicht und
am Hals auftreten können. Sie entstehen besonders nach
bilateraler Neck Dissection mit beidseitiger Unterbindung
der V. jugularis interna, wurden aber auch nach einseitiger
Operation beobachtet. Auch eine Zunahme des endokraniellen Drucks mit Kopfschmerzen und Übelkeit ist durch
den verminderten venösen Abfluss möglich. Es sollten daher beide V. jugulares internae nicht gleichzeitig entfernt
werden. Die genannten Komplikationen werden bei der
zunehmend durchgeführten selektiven Neck Dissection
erfreulicherweise weniger beobachtet.
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Schilddrüse
H. J. Neumann
Voruntersuchungen
Für die Operationsplanung zur chirurgischen Therapie
einer Struma sind Voruntersuchungen notwendig, die
den pathophysiologischen Befund hinreichend beschreiben:
l Strumagröße
l Ausdehnung (substernal)
l Beziehung zu den Nachbarorganen
l Atmung
l Dysphagie
l laryngologischer Befund
l Stoffwechselsituation
der Schilddrüse (Laborparameter, medikamentöse Vorbehandlung, Durchblutung,
Halslymphknotenschwellung)
l Narben durch vorangegangene Operation
l ggf. Punktionszytologie
Zugang
Das Operationsziel besteht in der Beseitigung der morphologischen, funktionellen und onkologischen Veränderungen durch ein morbiditätsarmes Operieren. Der Zugang zum Operationssitus erfolgt über den Kocher-Kragenschnitt. Nach Freilegung der Schilddrüsenkapsel und
der perikapsulären Mobilisation der Schilddrüse auf der
befunddominanten Seite nach ventral und medial wird
zunächst der N. vagus aufgesucht, in dem sich auch die
Nervenfasern des N. recurrens befinden. Der N. vagus lässt
sich im Bereich der Gefäßscheide zwischen der A. carotis
communis und der V. jugularis interna in der Regel problemlos darstellen (Abb. 14.47).
Abb. 14.47
Neuromonitoring
Wird die Operation unter Anwendung des intraoperativen
neurophysiologischen Monitorings durchgeführt, kann
bereits in dieser Phase der Operation die Funktionsprüfung des N. recurrens erfolgen. Die Stimulation des N. recurrens über den N. vagus hat den großen Vorteil, dass
der gesamte N. recurrens in die Funktionsprüfung einbezogen wird. Damit wird eine wertvolle Verbindung
zwischen der topografisch-anatomischen Situation und
der Nervenfunktion hergestellt. Die Identifikation des N.
recurrens durch das intraoperative neurophysiologische
Monitoring ist die konsequenteste Art der Nervendarstellung. Mit der Benutzung einer bipolaren Nadelelektrode,
die durch das Lig. cricothyreoidum oder durch den Schildknorpel in den entsprechenden M. vocalis platziert wird,
erreicht man für die Erfassung des Summenaktionspotenzials (SAP) eine hohe Sensitivität von 98 – 99%. Bei der Benutzung der Tubuselektroden ist der Komfort bezüglich
der Potenzialableitung für den Operateur gegenüber der
Nadelelektrode deutlich größer. Der Nachteil der Tubuselektroden besteht derzeit darin, dass das Summenaktionspotenzial, welches als Oberflächenelektromyogramm
von der Schleimhaut der Stimmbänder abgeleitet wird,
eine deutlich geringere Sensitivität mit ca. 80% zeigt. Die
Potenzialhöhe ist gegenüber der Nadelelektrode um den
Faktor 5 geringer. Die geringere Sensitivität der Tubuselektrode ist häufig auf eine Deplatzierung der Elektroden im
Bereich der Glottis zurückzuführen. Vor der Fixation des
Tubus empfiehlt sich deshalb eine endoskopische Kontrolle der Tubuslage.
Nach der Mobilisation des Schilddrüsenlappens nach
ventral und medial wird der N. recurrens kaudal am unteren Schilddrüsenpol im Bereich der ösophagotrachealen
Rinne mit dem intraoperativen neurophysiologischen
Monitoring aufgesucht. Hilfreich beim Aufsuchen des
N. recurrens ist sein topografischer Verlauf zu den Epithel-
Intraoperatives neurophysiologisches Monitoring (IONM).
a N. vagus (A. c. c. = A. carotis communis, BE = bipolare Nadelelektrode, Gl.t. = Glandula thyreoidea, N. v. = N. vagus,
V. j. i. = V. jugularis interna).
.........
b Identifikation des N. recurrens (N. l.rec.) mit IONM durch die
protektiven Gewebeschichten. Fensterartige Freilegung.
739
14
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14.2.2
Chirurgische Therapie
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Abb. 14.48
Vasa nervorum des N. recurrens.
a Langstreckige Freilegung des N. recurrens.
b Cave: Glandula thyreoidea (Gl.t.) und faszikulärer N. recurrens
(N. r. 1 und 2).
des Nervs erforderlich. Langstreckige Freilegungen sollten
vermieden werden, um Spätparesen nach ca. 4 – 6 Wochen
durch die Narbenbildung zu vermeiden (Abb. 14.48).
Rekurrensparese
N. recurrens. Der N. recurrens ist mit nahezu 30 verschiedenen anatomischen Variationen in seinem topografischen Verlauf sehr variabel. In der Nachbarschaft der
A. thyreoidea inferior besteht für den Nerv ein hohes Verletzungsrisiko, wenn er zwischen ihren Gefäßästen und
dem Lig. suspensorium glandulae thyroideae (Lig. Berry)
verläuft. Um eine Verletzung des Nervs zu vermeiden,
sollten die in die Schilddrüse einstrahlenden Gefäße möglichst kapselnah abgesetzt werden.
Eine eindeutige Unterscheidung zwischen Nerv und
Gefäßen wird bei blutiger Inhibition des Gewebes durch
die auf den Nerv fortgeleiteten arteriellen Pulsationen
durch das intraoperative neurophysiologische Monitoring
deutlich erleichtert.
Abb. 14.49
N. laryngeus non recurrens.
körperchen. Die oberen Epithelkörperchen liegen regulär
dorsal und die unteren ventral vom Nerv. Unter intraoperativem neurophysiologischem Monitoring mit Sichtschonung des Nervs und der begleitenden, sehr feinen Vasa
nervorum wird die Präparation bis zu seiner Einmündung
in den Kehlkopf fortgesetzt (Mikrodissektion: Benutzung
von optischen Hilfsmitteln wie Lupenbrille oder Operationsmikroskop). Mit dem intraoperativen neurophysiologischen Monitoring können die protektiven Schichten
über dem Nerv belassen werden. Für die visuelle Identifikation ist in der Regel nur eine fensterartige Freilegung
740
N. laryngeus non recurrens. In 0,6 – 0,8 % der Fälle wird
ein nicht rekurrierender Verlauf des N. laryngeus inferior beschrieben. Diese Verlaufsvariante ist mit dem
Vorhandensein einer A. lusoria (Abgangsanomalie der
A. subclavia dextra, entspringt aus der Aorta descendens
statt aus dem Truncus brachiocephalicus, nimmt einen
retrotrachealen aberranten Verlauf) kombiniert und betrifft fast ausschließlich nur die rechte Schilddrüsenseite
(Abb. 14.49).
Rezidivoperationen. Die Rate an Rekurrensparesen steigt
bei Rezidivoperation deutlich an. Verwachsungen des
N. recurrens mit der Kapsel des Rezidivs führen zu einer
Verlagerung des Nervs nach lateral und, was besonders
gefährlich ist, nach ventral – ggf. bis in das Niveau der Tracheavorderwand. Diese erheblichen Veränderungen der
topografisch-anatomischen Situation erklären das hohe
Verletzungsrisiko. Der Nerv kann zudem sein normales
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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Chirurgische Therapie
R. externus
des N. laryngeus superior
.........
A. thyreoidea
superior
1 cm
14
Typ IIa
Typ IIb
Abb. 14.50 Strumarezidiv mit erheblicher Verlagerung des N. laryngeus recurrens durch Narbenzug.
Abb. 14.51 Topografisch-anatomische Beziehung des R. externus
des N. laryngeus superior zu den Ästen der A. thyreoidea superior.
Aussehen verändern. Damit wird auch die optische Identifikation mit leistungsfähigen Hilfsmitteln erschwert. Nach
der Identifikation des Nervs an dem Strumarezidiv sollte
eine Neurolyse auch unter optimalen mikrochirurgischen
Bedingungen sehr kritisch bewertet werden. Es empfiehlt
sich eine Inzision oberhalb der Verwachsung Nerv – Kapsel und ein intrakapsuläres Vorgehen (Abb. 14.50).
Abwägung aller Komplikationsmöglichkeiten auf eine
Drainage verzichtet werden.
R. externus des N. laryngeus superior. Bei der Präparation der oberen Schilddrüsenpole muss der R. externus
des N. laryngeus superior geschont werden, um die Funktion des M. cricothyroideus zu erhalten. Der R. externus ist
besonders gefährdet, wenn der obere Schilddrüsenpol
weit nach kranial reicht (Abb. 14.51).
Intraoperativer Signalverlust beim intraoperativen
neurophysiologischen Monitoring
Tritt intraoperativ ein Signalverlust auf und sind technische und medikamentöse Ursachen (Systemfehler, Relaxation) ausgeschlossen, so muss postoperativ in 40 % der Fälle mit einer passageren und in 12 % mit einer permanenten Rekurrensparese gerechnet werden. Intraoperativ ist
zu entscheiden, ob die Operation beendet oder 2-zeitig
komplettiert wird, nachdem der laryngologische Befund
abgeklärt ist. Es kann sich auch eine andere therapeutische Indikationsstellung ergeben, indem z. B. ein autonomes Adenom auf der Gegenseite radiologisch therapiert
werden kann. Die Möglichkeit eines 2-zeitigen operativen
Vorgehens sollte vor dem operativen Eingriff mit dem Patienten besprochen werden.
Drainagen
Redon-Drainagen sollten immer dann verwendet werden,
wenn z. B. Hemistrumektomien mit kontralateraler subtotaler Resektion (Dunhill) ausgeführt werden. Erfahrungsgemäß wird ca. 120 ml Wundsekret am 1. postoperativen
Tag abgesondert. Die Drainagen müssen so platziert werden, dass sie weder N. recurrens noch Blutgefäße beschädigen. Nur bei einem kleinen Operationssitus kann nach
Risiko des postoperativen Hypoparathyreoidismus
Zur Schonung der Nebenschilddrüsen müssen sowohl eine
direkte Schädigung als auch eine Unterbrechung der Blutversorgung vermieden werden. Die Risikofaktoren für einen frühpostoperativen und permanenten Hypoparathyreoidismus sind abhängig von der Art der Schilddrüsenerkrankung und dem Resektionsausmaß (Odds Ratio
[OR]: Verhältnis des Risikos eines postoperativen Hypoparathyreoidismus zu dem eines Struma multinodosa und
Schilddrüsenrests; Morbus Basedow: OR 1,7; Rezidivstruma: OR 1,8; Resektionsausmaß Rest 0 ml: OR 5,1). Erscheint die Durchblutung einer Nebenschilddrüse gefährdet, ist eine Autotransplantation in den M. sternocleidomastoideus angezeigt. Eine permanente postoperative
Hypokalzämie ist als ernsthafte Komplikation zu werten.
Chirurgie von Schilddrüsenkarzinomen
Die Primärtherapie als Regeleingriff ist die (totale) Thyreoidektomie mit zentraler Lymphknotendissektion. Sie
ist indiziert bei:
l papillärem Karzinom mit einem Durchmesser von
mehr als 1 cm (ab T2)
l multifokalem papillärem Karzinom jeder Größe (jedes
T mit Zusatz b)
l follikulärem Karzinom
l medullärem Karzinom
l undifferenziertem Karzinom, sofern kein organüberschreitendes Wachstum vorliegt
Ausnahmen: Bei solitärem, papillärem Karzinom mit
einem größten Durchmesser von 1 cm oder weniger
(pT1a) und fehlendem Hinweis auf Lymphknotenmetastasen ist die Lobektomie oder Hemithyreoidektomie onkologisch adäquat.
741
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Typ I
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Bei nach beidseitiger subtotaler Schilddrüsenresektion
zufällig gefundenem solitärem papillärem Karzinom bis
1 cm (pT1a) ist eine Nachoperation nicht erforderlich, sofern der Tumor im Gesunden reseziert ist und keine Hinweise auf Lymphknotenmetastasen bestehen.
Bei gekapseltem follikulärem Karzinom mit einem
Größendurchmesser von 1 cm oder weniger (pT1a), das
postoperativ nach Lobektomie oder subtotaler Resektion
nachgewiesen wird, ist es vertretbar, auf die Entfernung
der restlichen Schilddrüse zu verzichten.
Bei lokal destruierendem Wachstum kann die Struma
maligna in die Trachea einwachsen (s. S. 647).
Lymphknotendissektion
Das Lymphablaufgebiet der Schilddrüse wird in ein zentrales, ein laterales und ein mediastinales Kompartiment
unterteilt. Eine Thyreoidektomie schließt eine Lymphadenektomie der beteiligten Kompartmente mit ein.
Minimalinvasive Techniken
in der Schilddrüsenchirurgie
1999 wurden von Paolo Miccoli (Italien, Pisa) minimalinvasive Techniken in die Schilddrüsenchirurgie eingeführt,
um bei einem geeigneten Patientengut Operationsergebnisse zu erzielen, mit denen die morphologischen, funktionellen und onkologischen Veränderungen im Sinne
einer fokussierten Mikropräparation mit einem guten
kosmetischen Ergebnis beseitigt werden können. Neben
dem minimalinvisiven, videoassistierten Zugang in der
Region des Kocher-Kragenschnitts mit einer Länge von
nur 2 cm oder einer offenen, miniinzisionalen Technik
werden alternativ auch endoskopische Zugänge von der
Area mamillaris, der Axilla und der seitlichen hinteren
Haargrenze angewendet, um einen narbenfreien Hals zu
erreichen. Diese operativen Zugangswege sind wegen ihrer schwierigen technischen Durchführung sehr kritisch
zu werten! Die Umsetzung der minimalinvasiven Chirurgie sollte derzeit nur erfolgen, wenn bestimmte Voraussetzungen eingehalten werden können:
l Die Operationen werden an Zentren für Schilddrüsenchirurgie mit dem notwendigen endoskopischen und
mikrochirurgischen Instrumentarium durchgeführt.
l Es sind in der Schilddrüsenchirurgie und anderen endoskopischen Operationen erfahrene Operateure vorhanden, die ein morbiditätsarmes Operieren garantieren.
l Die Indikationsstellung für Schilddrüsenerkrankungen,
die für minimalinvasive Operationen geeignet sind, ist
sehr streng.
l Die für die Schilddrüsenchirugie von den Fachgesellschaften erarbeiteten Leitlinien werden eingehalten.
l Nach wie vor gilt, dass der Kocher-Kragenschnitt mit
einer Länge von 5 – 7 cm den Goldstandard für den Zugang zur Schilddrüse darstellt. Das setzt voraus, dass
die Möglichkeiten des atraumatischen Operierens im
Hautbereich der Regio thyreoidea angewendet werden.
742
l
Narbenkorrekturen nach Schilddrüsenoperation spielen in der plastischen Chirurgie derzeit eine absolut
untergeordnete Rolle.
Das intraoperative Neuromonitoring wird zur Minimierung von Rekurrensparesen eingesetzt.
Drainagen sind in der minimalinvasiven Schilddrüsenchirurgie bei dem geringen Volumen des Operationssitus
nur dann erforderlich, wenn primär mit einer verstärkten
Blutungsneigung (Hyperthyreosen, Methimazolmedikation) zu rechnen ist. Zusammenfassend muss betont werden, dass gute kosmetische Ergebnisse nicht auf Kosten
des eigentlichen Operationsziels – nämlich der Beseitigung der morphologischen, funktionellen und onkologischen Veränderungen – erzwungen werden dürfen.
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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14.2.3
Chirurgische Therapie
.........
Tabelle 14.16 Chirurgische Therapie bei zervikaler Ösophagusperforation: Tipps und Tricks.
V. Bonkowsky und J. Strutz
Management der Perforation
des Hypopharynx oder zervikalen Ösophagus
Der entscheidende prognostische Faktor bei pharyngoösophagealen Perforationen ist die Zeit, die zwischen Perforation und Beginn der Therapie liegt. Früher wurde in allen Fällen einer Perforation eine chirurgische Exploration
samt Wundverschluss gefordert. In neuerer Zeit gibt es einen Trend zu einem konservativeren Vorgehen, bestehend
aus intravenöser Gabe von Breitbandantibiotika (z. B. Clindamycin, Ampicillin-Sulbactam) und Protonenpumpenhemmern, oraler Nahrungskarenz (Ernährung über nasogastrale Sonde für 7 Tage) und eventuell Abszess-Drainage.
Chirurgische Therapie
Das chirurgische Management beinhaltet die Ösophagoskopie, die zervikale Exploration und den Wundverschluss
sowie die Drainage. Die Indikation und der Zeitpunkt des
chirurgischen Vorgehens hängen von mehreren Faktoren
ab:
l Mechanismus und Ausmaß der Verletzung
l Zeitdauer zwischen Perforation und Erkennen der Perforation
l Erfahrung des Chirurgen
Technik. Eine Ösophagoskopie vor dem chirurgischen Zugang von außen erleichtert die Seitenwahl des Zugangs
und ermöglicht eine Beurteilung des Ausmaßes der Perforation, auch wenn die Indikation zur Exploration schon
klar ist.
l
Die Schluckuntersuchung mit wasserlöslichen Kontrastmitteln ist sowohl entscheidend für die Diagnose einer Perforation als auch für den Nachweis einer wieder verschlossenen
Perforation
l
Die meisten zervikalen Verletzungen, die frühzeitig diagnostiziert werden (< 24 h), können konservativ mit Breitspektrumantibiotika, oraler Nahrungskarenz und engmaschiger
klinischer Überwachung unter Kontrolle gebracht werden
l
Thorakale Perforationen sind deutlich gefährlicher und
müssen, sobald die Diagnose gestellt wird, schnellstmöglich
zusammen mit den Chirurgen versorgt werden
Der Zugang bei einer zervikalen Ösophagusperforation
mit einer mediastinalen Sepsis wird folgendermaßen
durchgeführt (Tab. 14.16):
Die Inzision erfolgt entlang des unteren Drittels des
Vorderrands des M. sternocleidomastoideus auf der Seite
der Perforation (wenn eine eindeutige Seitenlokalisation
möglich ist). Ansonsten wird der linkszervikale Zugang
bevorzugt (Abb. 14.52). A. carotis communis und V. jugularis interna werden nach lateral beiseite gehalten und
die mittleren Schildrüsenvenen und die A. thyroidea inferior ligiert (weit lateral ungefähr da, wo sie unter der A. carotis communis verschwindet), damit Trachea und Ösophagus nach medial weggehalten werden können und
gleichzeitig der N. recurrens geschont wird. Es folgt die
stumpfe Präparation medial der Gefäße. Diese führt in
den retroviszeralen Raum und zur prävertebralen Faszie
unmittelbar posterior zum Ösophagus (Abb. 14.53). Die
Dissektion wird durch die durch die Perforation bedingte
Flüssigkeitsansammlung und das Ödem erleichtert. Die
Perforation wird aufgesucht und mit resorbierbaren Nähten vernäht. Das Vernähen der Perforation ist jedoch keine
M. constrictor
pharyngis
A., V.
thyroideae superiores
Abb. 14.52 Zervikale Ösophagotomie.
Der Ösophagus wird zwischen der Trachea
und der tiefen Halsfaszie aufgesucht,
medial der Gefäßscheide. Die Darstellung
des N. laryngeus recurrens verhindert die
unbeabsichtigte Verletzung.
Pars fundiformis des
M. cricopharyngeus
A. carotis communis
V. jugularis interna
Ösophagusverletzung
N. laryngeus recurrens
M. sternocleidomastoideus
743
14
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Ösophagus
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Abb. 14.53
Dissektion in den retroviszeralen Raum.
Conditio qua non für eine erfolgreiche Therapie, da zervikale Ösophagusperforationen mit einer guten Drainage
und ohne distale Obstruktion narbig verheilen. Nun erfolgt die stumpfe Fingerdissektion im retroviszeralen
Raum nach kaudal Richtung hinteres Mediastinum. Das
Areal wird sorgfältig gespült und eine weiche Saug-Drainage eingelegt.
Eine Perforation durch ein externes Trauma erfordert
eine zusätzliche Verstärkung mit einem gestielten Lappen
der geraden Halsmuskulatur oder des M. omohyoideus.
Bei gleichzeitiger Perforation von Trachea und Ösophagus
werden beide Perforationen getrennt vernäht, und zwischen Ösophagus und Trachea wird ein gestielter Muskellappen interponiert.
Postoperativ wird die intravenöse Antibiotika- und die
Protonenpumpenhemmergabe weitergeführt, bis keine
Förderung der zervikalen Drainage mehr zu sehen ist
(7 – 10 Tage nach operativer Versorgung). Dann erfolgt
eine postoperative Kontrolle mit isotonischem Gastrografinschluck. Nach Perforationsausschluss wird mit einem
langsamen oralen Nahrungsaufbau begonnen.
Dysfunktion oberer Ösophagussphinkter
und Zenker-Divertikel
Krikopharyngeale Myotomie
Indikation. Die Indikationsstellung muss sehr streng erfolgen!
Operationstechnik. Der linkszervikale Zugang wird wie
oben beschrieben durchgeführt (alternativ: transversale
Inzision in Höhe des Krikoidunterrands und linkslastig).
Die Muskulatur des oberen ösophagealen Sphinkters
wird nach vorsichtiger Freipräparation der bedeckenden
744
Faszie exakt in der Mittellinie dargestellt, um die Nn. recurrentes zu schonen. Eine liegende Magensonde oder
ein im Ösophagus liegender Bougie (36 Char.) erleichtern
die Identifizierung der Ösophagusmuskulatur erheblich.
Der Krikoidknorpel markiert den Krikoidmuskel. Die Muskelfasern des oberen ösophagealen Sphinkters werden in
der Mittellinie mit einer Präparierklemme von der Mukosa getrennt (Abb. 14.54) und dann durchtrennt (Skalpell
oder bipolare Pinzette), ohne die Mukosa zu verletzen.
Die quer verlaufenden Muskelfasern des M. circopharyngeus und die schräg verlaufenden Fasern des M. constrictor pharyngis inferior werden komplett durchtrennt.
Diese schrittweise Durchtrennung wird wiederholt, bis
die komplette Breite bzw. Höhe des M. cricopharyngeus
durchtrennt ist und die angrenzende Muskulatur des Ösophagus kaudal und die des Hypopharynx (M. constrictor
pharyngis inferior) kranial miteinbezogen sind. Die Länge
der Myotomie beträgt mindestens 3 cm, bei manchen
neurologischen Erkrankungen, die eine Myotomie erfordern, sogar bis zu 6 cm. Die Magensonde bleibt 24 h liegen; anschließend kann mit einer flüssigen Diät der Nahrungsaufbau begonnen werden, wenn bei der Operation
nicht versehentlich die Schleimhaut eröffnet wurde.
Komplikationen. Spezifische Komplikationen sind eine
Läsion des N. recurrens, ein retropharyngeales Hämatom
und eine Speichelfistel mit Infektion.
Zenker-Divertikel
Die Therapie des pharyngoösophagealen Divertikels ist
operativ.
Operation von außen (transzervikaler Zugang)
1. Linkszervikaler Zugang: wie oben beschrieben.
2. Krikopharyngeale Myotomie: mindestens 3 cm.
3. Divertikelexzision oder Divertikulopexie: Das Divertel
wird an der Spitze des Divertikelsacks mit einer
Klemme gefasst und der Divertikelsack exzidiert
(Abb. 14.55). Zu starkes Ziehen muss vermieden werden, um nicht zu viel Hypopharynxmukosa zu entfernen und damit eine Stenose zu erzeugen. Anschließend
wird die Naht mit resorbierbaren 3.0- oder 4.0-Nähten
oder Stapler ausgeführt. Die Divertikulopexie soll die
Risiken vermeiden, die mit der Pharynxeröffnung verbunden sind. Dabei wird der Fundus invertiert und kranial an die prävertebrale Faszie genäht.
Die intraoperative Divertikelidentifikation kann deutlich
erleichtert werden, wenn unmittelbar vor der Operation
endoskopiert, eine nasogastrale Magensonde gelegt und
das Divertikel mit einer fortlaufenden Tamponade ausgestopft wird.
Endoskopischer Zugang
Der endoskopische Zugang ist aus anatomischen Gründen
manchmal nicht möglich! Mit einem speziellen Divertikuloskop wird der Übergang Hypopharynx/Ösophagus expo-
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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Abb. 14.54
Myotomie.
Schilddrüse
Chirurgische Therapie
.........
Krikopharyngeale
Divertikelsack
Ösophagus
A. carotis
communis
Myotonie der
Pars fundiformis des
M. cricopharyngeus
Abb. 14.55
niert; das obere Blatt wird in den zervikalen Ösophagus,
das untere in das Divertikel eingeführt. Die Divertikelschwelle (entspricht dem M. cricopharyngeus) wird optimal dargestellt (Abb. 14.56).
Es folgt die Durchtrennung der Divertikelschwelle entweder mit dem CO2-Laser (1 W) oder mit dem Stapler (En-
Exzision des Divertikelsacks.
do-GIA‑Stapler). Der Vorteil des Staplers ist das Durchtrennen der Divertikelschwelle und gleichzeitiges Setzen
von Klammernahtreihen auf beiden Seiten (Abb. 14.57).
Die Tab. 14.17 fasst Tipps und Tricks für die operative
Therapie von Zenker-Divertikeln zusammen.
745
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14
14 Hals, Schilddrüse und Ösophagus
Abb. 14.56
Endoskopische Exposition der Divertikelschwelle.
Tabelle 14.17
und Tricks.
Operative Therapie von Zenker-Divertikeln: Tipps
l
Läsionen des N. recurrens können vermieden werden, wenn
man sich bei der posterioren Myotomie in der Mittellinie hält
l
Eine Speichelfistel und eine Wundheilungsstörung können
immer auftreten, wenn man den Pharynx eröffnet
l
Wichtig ist die Untersuchung der Schleimhaut des ZenkerDivertikels, um ein Karzinom im Divertikel nicht zu übersehen
(sehr selten: < 1 %)
l
Es sollte immer der bestmögliche Zugang ausgewählt
werden, je nach anatomischer Situation und Erfahrung
des Operateurs
Postoperatives Management
Nach der Operation mit Divertikelexzision und Naht von
außen wird für 7 Tage eine nasogastrale Sonde belassen.
Sodann wird eine Kontrolle auf Dichte der Naht mittels
Gastrografinschluck durchgeführt. Für eine weitere Woche nimmt der Patient weiche Nahrung zu sich; anschließend erfolgt der Übergang auf feste Nahrung.
Beim endoskopischen Zugang wird die postoperative
Nahrungskarenz unterschiedlich gehandhabt. Bei der Divertikeldurchtrennung mit dem Laser wird der Patient
5 – 7 Tage über die Magensonde ernährt; dann erfolgt
eine radiologische Kontrolle mit Gastrografinschluck zum
Fistelausschluss.
Chirurgie maligner Ösophagustumoren
Karzinom des zervikalen Ösophagus
Ein Karzinom des zervikalen Ösophagus ist ein sehr aggressiver Tumor und geht oft mit einer Beteiligung des Larynx und der Trachea einher. Die operative Therapie ist in
aller Regel in ein Gesamtkonzept integriert (neoadjuvante/adjuvante Radiochemotherapie).
746
Abb. 14.57
ler.
Durchtrennung der Divertikelschwelle mit dem Stap-
Operative Therapiemöglichkeiten:
l Laryngopharyngoösophagektomie und Rekonstruktion
mit Magenhochzug: Ein Magenhochzug nach Resektion eines zervikalen Ösophaguskarzinoms ist ein verlässliches Single-Stage-Operationsverfahren.
l Resektion des zervikalen Ösophagus unter Funktionserhalt der laryngotrachealen Einheit und Rekonstruktion des Schlucktrakts mit freien, mikrovaskulären Lappen: Versuche, den zervikalen Ösophagus unter Erhalt
eines funktionsfähigen laryngotrachealen Komplexes
zu resezieren, sind schwierig und erfordern sowohl
eine nahezu perfekte Kombination von Lage und Ausdehnung des Tumors als auch chirurgische Expertise.
Diese Eingriffe sind sehr komplex und erfordern eine Kooperation mit den Chirurgen, bieten aber, eingebettet in
ein Gesamttherapiekonzept, die besten Heilungschancen
bei insgesamt jedoch schlechter Prognose (5-Jahres-Überlebensrate < 20 %). Die operative Technik ist in speziellen
Operationslehren detailliert beschrieben.
Karzinom im mittleren und distalen Drittel
des Ösophagus
Abhängig von der Tumorlokalisation kommen verschiedene chirurgische Verfahren zur Anwendung. Besonders bewährt hat sich die transthorakale En-Bloc-Ösophagektomie mit Resektion der regionalen Lymphknoten. Sie ist
bei Tumoren des mittleren und insbesondere des distalen
Drittels des Ösophagus indiziert.
An die transthorakale Resektion des Ösophagus wird
eine Ausräumung des mediastinalen Lymphabflussgebiets
angeschlossen. Zusätzlich erfolgt eine transabdominale
suprapankreatische Lymphadenektomie. Der Ösophagusersatz wird durch einen Magenhochzug (Gastric Pull-up)
vorgenommen. Läsionen der Tracheahinterwand und des
linken Hauptbronchus nach scharfer Präparation oder enger Beziehung zwischen Tumor und Trachea sind bei diesem Vorgehen möglich. Die Letalität beträgt 5 – 10 %.
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Spezielle HNO‑Erkrankungen und ihre Therapie
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Die Thorakotomie wird vom Thoraxchirurgen in der Regel
rechtsseitig im 5. oder 7. Interkostalraum durchgeführt;
nur bei linksseitiger Perforation erfolgt eine linksseitige
Thorakotomie. Nach Abdrängung der Lunge und Spaltung
der Pleura mediastinalis schließen sich die Mobilisation
und das Anschlingen des terminalen Ösophagussegments
an. Liegt ein Fremdkörper vor, so wird der Ösophagus
längs gespalten und 2-schichtig wieder verschlossen.
Eine Saug-Spül-Drainage beendet den Eingriff. Eine perioperative und postoperative Antibiose mit einem Zephalosporin + Metronidazol ist indiziert.
Chirurgie der Hiatushernien
Axiale Gleithernien und paraösophageale und gemischte
Hernien sollten aufgrund potenzieller Komplikationen
operativ versorgt werden. Gemischte und paraösophageale Hernien werden vom Viszeralchirurgen mithilfe einer
Gastropexie nach Reposition des Hernieninhalts fixiert.
Zusätzlich wird eine Hiatopexie zur Reduktion des erweiterten Hiatusrings durchgeführt.
Hiatusgleithernien werden wie die Refluxkrankheit
mit einer Fundoplikation nach Nissen oder Rossetti versorgt. Der Magenfundus wird entlang der großen Kurvatur mobilisiert und als spannungsfreie Manschette gebildet. Diese Manschette wird um den Ösophagus geführt
und mit dem linken Magenfundus vereinigt. Eine Vagotomie erfolgt in der Regel bei einer zusätzlichen Ulkuskrankheit.
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Thorakale Ösophagotomie
Chirurgische Therapie
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