Schwerpunkt: Kunst und Klugheit und

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Ausgabe
2017/3
Schwerpunkt: Kunst und Klugheit und
Integration – das fmc-Symposium 2017
Gegen 300 Fachleute aus allen Landesteilen, Professionen und
Disziplinen vernetzten sich am 14. Juni in Bern und diskutierten, was
Integrierte Versorgung erfolgreich macht – und was sie bedroht. Die
wichtigsten Erkenntnisse in kompakter Form.
Inhaltsverzeichnis
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Klug differenzieren
Google ersetzt keine klugen Köpfe
Health: get connected or die
Cognitive Healthcare Solutions by IBM Watson Health
Intégration des soins: état des réflexions et des projets
dans le canton de Vaud
Smarter Mental Healthcare: Integrierte Psychiatrie
Auswertung Tischgespräche 1 und eVoting
Auswertung Tischgespräche 2 und eVoting
«Wir wollen alle Beteiligten ins Boot holen»
Fehlanreize ausmerzen statt neue Anreize schaffen
fmc-Denkstoff Nr. 3: Performance-orientierte
Vergütungsmodelle 2025
Es braucht eine Revolution von unten
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2017/3
Klug differenzieren
Die Kunst der klugen Integration: Der Titel des
diesjährigen fmc-Symposiums meint zweierlei.
Gelingende Integration und Koordination der
Gesundheitsversorgung erfordert eine Prise Originalität
und Innovationsgeist – Kunst eben – und ein grosses
Mass an Klugheit, um differenziert zu handeln.
PD Dr. Peter Berchtold, Präsident fmc
Denn Integration ist kein triviales Unterfangen, weil – und das wissen wir
heute mit Sicherheit – keine «one-fits-all»-Integrationsmassnahme existiert.
Zu verschieden sind die Erwartungen seitens der Patienten und
Angehörigen und zu unterschiedlich sind die Anforderungen auf Seiten der
Betreuenden.
Welche Bedeutung der Fähigkeit zukommt, die künftige Versorgung und
ihre Integration zu differenzieren, zeigen die Ergebnisse unserer ersten
nationalen Erhebung Integrierte Versorgung Schweiz. Wichtigstes Fazit war
die Erkenntnis, wie vielfältig die Initiativen sind und wie gross die regionalen
Unterschiede. Natürlich ist diese Diversität auch unserem föderalistischen
System geschuldet, dem wir ja gerne eine Mitschuld an der Fragmentierung
der Gesundheitsversorgung zuschreiben. Gleichzeitig greift diese
Begründung zu kurz.
Genauso relevant ist die Feststellung, dass diese Vielfalt auch
unterschiedliche Bedürfnisse, Anforderungen und Präferenzen von
Bevölkerungsgruppen, Patienten und Betreuenden spiegeln. Gerade die
markanten Unterschiede zwischen den deutschen und französischen
Landesregionen dürften hier ihren Ursprung haben. Solche Unterschiede
lediglich als Ausdruck parteipolitsicher Konstellationen oder Präferenzen
einzelner Politiker zu sehen, wäre im eigentlichen Sinn des Wortes unklug.
Die Kunst der klugen Integration fordert künftig von allen Akteuren ein viel
grösseres Mass an Differenzierung als bis heute üblich. Zu fördern ist diese
Differenzierung allerdings weniger durch Anreize, die typischerweise meist
undifferenziert sind, sondern dadurch, dass wir endlich die hinlänglich
bekannten Fehlanreize eliminieren.
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2017/3
Google ersetzt keine klugen Köpfe
Das diesjährige fmc-Symposium stand unter dem Titel
«Smarter Healthcare - die Kunst der klugen Integration».
Und es zeigte sich: Die Digitalisierung erleichtert zwar
den Transfer von Daten, doch das bedeutet noch nicht,
dass damit auch mehr Wissen geteilt wird. Kluge
Integration nutzt technische Unterstützung, aber in erster
Linie braucht sie innovative Köpfe.
Anna Sax, Gesundheitsökonomin, Journalistin
Ärztenetze sind von Gestern. Integrierte Versorgung von heute kommt zu
uns nach Hause, per Internet oder Smartphone. Krankengeschichten, die in
der Arztpraxis lagern, sind passé, wir haben unsere Gesundheitsdaten auf
einem Chip immer dabei. Unser Apotheker weiss, welche Medis wir intus
haben. Die Ernährungsberaterin kennt unsere Cholesterin- und
Blutzuckerwerte. Der Fitness-Trainer lädt unseren Maximalpuls und die
Laktatwerte auf den Chip. Wir googlen jedes Niesen, jedes Jucken und
jedes Fleckchen, das sich auf unserer Haut zeigt. Das freut die
Epidemiologen, die dank Big Data bereit sind für die nächste Grippewelle.
Allerdings, der erste Auftritt am fmc Symposium gehörte Professor Christian
Lovis, dem Direktor der «Medical Information Sciences» am Genfer
Universitätsspital HUG. Er zog ein wenig ermutigendes Fazit über die
Auswertung medizinischer Informationen. Tausende Artikel würden täglich
publiziert, keine Chance für Wissenschaftler, die Informationsflut zu
verarbeiten. «Wir sind alle Ignoranten», stellte Lovis nüchtern fest und
zerstreute auch gleich die Hoffnung, dass Big Data uns dabei unterstützen
könnte, die riesigen Datenmengen aus den Clouds sinnvoll zu nutzen. Die
Computer spucken nämlich nur das aus, was sie gefüttert bekommen: Eine
Wahrheit, die von der Mehrheit als solche wahrgenommen wird, aber
deshalb noch lange nicht richtig ist.
Gesundheitsregionen oder Evidence Based Public Health
Wie also sieht eine kluge Integrierte Gesundheitsversorgung aus? Diese
Frage beschäftigte gegen 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am
diesjährigen fmc-Symposium. Und sie fragten nicht nur, sondern zeigten
auch Lösungen, stellten Projekte vor und tauschten Ideen aus. Die
Teilnehmenden kamen aus allen Branchen des Gesundheitswesens, alle
Berufe waren vertreten. Stéfanie Monod, Ärztin und Leiterin des
Gesundheitsamtes des Kantons Waadt, stellte im dritten Keynote-Referat
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die kluge Strategie ihres Kantons vor, die zum Ziel hat, Gesundheit,
Lebensqualität und Autonomie bis ans Lebensende zu erhalten. Die
Umsetzung erfolgt in vier Gesundheitsregionen, welche die häusliche
Pflege und Betreuung sicherstellen und dafür sorgen sollen, dass weniger
Spitaleinweisungen und Heimaufenthalte notwendig werden. Monod sprach
von «Evidence Based Public Health», die auch in politisches Handeln
übersetzt werden müsse.
Wie es oft an Tagungen der Fall ist, waren auch an diesem 14. Juni die
Pausen wichtig: Versicherungsökonomen redeten mit Pflegeexpertinnen,
Chefärztinnen mit Informatikspezialisten. Visitenkarten wurden getauscht
(gedruckte und elektronische), kluge Ideen wurden getestet und natürlich
wurde auch geklatscht. Die Posters im Foyer zeigten eine beeindruckende
Werkschau der innovativen Köpfe in der ganzen Schweiz. Alle zum
Förderpreis eingereichten und akzeptierten Projekte waren hier ausgestellt,
die besten davon wurden zudem in den Parallelveranstaltungen vorgestellt.
Zum Beispiel das Projekt STARK der universitären geriatrischen Klinik, das
älteren Menschen nach einer Hüftfraktur eine frühzeitige und nachhaltige
Rückkehr in ihr eigenes Zuhause ermöglichen will.
Starker Wunsch nach Autonomie
Drei Tendenzen können aus diesem thematisch breit gefächerten
Symposium abgeleitet werden: Erstens braucht es für eine kluge Integration
die Zusammenarbeit von Angehörigen aller Gesundheitsberufe und dazu
Knowhow in Public Health, Informatik, Ethik, Ökonomie, Politik und Recht,
um nur einige Fachgebiete zu nennen. Zweitens ist der Wunsch nach
Autonomie in Gesundheitsfragen in der Bevölkerung wohl so stark wie noch
nie: In den kommenden Jahrzehnten kommt eine Generation ins hohe Alter,
die eine klare Vorstellung davon hat, wie sie leben und wie sie sterben
möchte. Viele der vorgestellten Projekte stellen sich der Herausforderung,
alten Menschen Autonomie bis ans Lebensende zu ermöglichen. Und
drittens sind Digitalisierung und E-Health auf dem Vormarsch, aber der
direkte Austausch von Wissen und die kluge Interpretation von Daten
bleiben entscheidend für Fortschritte in der Integrierten Versorgung.
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Health: get connected or die
«Wir sind alle Ignoranten», stellte Christian Lovis
nüchtern fest und zerstreute auch gleich die Hoffnung,
dass Big Data uns dabei unterstützen könnte, die
riesigen Datenmengen aus den Clouds sinnvoll zu
nutzen.
Prof. Christian Lovis, Head of the Division of Medical
Information Sciences, University Hospitals of Geneva
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Cognitive Healthcare Solutions by IBM Watson
Health
Die Aussichten, was Daten alles ermöglichen können,
sind faszinierend, sei es in der Medizin, sei es in der
Versorgungsgestaltung. Doch die sinnvolle Nutzung
dieser Daten ist anspruchsvoll.
Peter A. Haig, Executive Consultant, IBM Research
THINKLab – Zurich
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Intégration des soins: état des réflexions et
des projets dans le canton de Vaud
Im Kanton Waadt stehen Gesundheit, Lebensqualität
und Autonomie bis ans Lebensende im Zentrum der
kantonalen Strategie. Umgesetzt wird sie in vier
Gesundheitsregionen.
Stéfanie Monod, Cheffe du service de la santé publique,
canton de Vaud
zur Präsentation
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Smarter Mental Healthcare: Integrierte
Psychiatrie
In der Psychiatrie ist Integration seit langem ein
unverzichtbares Instrument, um die Behandlung und
Betreuung patientenorientiert zu gestalten. Gleichwohl
bleibt reichlich Raum für Innovationen.
Prof. Urs Hepp, Ärztlicher Direktor, ipw Integrierte
Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland
zur Präsentation
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Auswertung Tischgespräche 1 und eVoting
These 1 als Diskussionsbasis: Während zu Beginn vor
allem Hausarztnetze die Entwicklung der Integrierten
Versorgung in der Schweiz prägten, besteht mittlerweile
eine grosse Vielfalt, vom kantonalen DiabetesProgramm bis zum Case-Management-Projekt im
Privatspital. «Smarter Healthcare» heisst, diese Vielfalt
zu unterstützen, weil sie die unterschiedlichen
regionalen und lokalen Integrationsbedürfnisse spiegelt.
Fast 60 Prozent sind der Meinung, die Vielfalt der Integrierten Versorgung
sei zu fördern, weil dadurch die Integration als solche angekurbelt wird.
Drei Viertel sind der Meinung, dass die unterschiedlichen geografischen
Versorgungsstrukturen und mit ihnen die unterschiedlichen Präferenzen der
Leistungserbringer für die Vielfalt der Integrierten Versorgung verantwortlich
sind.
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2017/3
Auswertung Tischgespräche 2 und eVoting
These 2 als Diskussionsbasis: Die grosse Vielfalt an
Integrationsprojekten in der Schweiz stellt
Fördermassnahmen und besonders deren Wirksamkeit
vor erhebliche Herausforderungen, denn die Förderung
der einen kann immer auch Behinderung der anderen
sein. «Smarter Healthcare» bedingt deshalb
Förderansätze und Anreizformen, welche dieser grossen
Vielfalt angepasst werden können.
Rund zwei Drittel sehen die Politik und die öffentliche Hand in der
Verantwortung, wenn es darum geht, die Vielfalt der Integrierten
Versorgung zu fördern.
Gesundheitsregionen finden den grössten Zuspruch (39%) vor
interprofessionellen Netzen und Zentren (36%) bei der Frage, welche
Integrationsmodelle vor allem gefördert werden sollen.
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Mit zwei Dritteln der Antworten dominiert die Ansicht, die Vielfalt der
Integrierten Versorgung sei mit unterschiedlichen finanziellen Anreizen zu
fördern. Ein Viertel möchte dies über gesetzliche oder behördliche
Vorgaben tun.
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«Wir wollen alle Beteiligten ins Boot holen»
Isabelle Karzig* und Andreas Weber konnten am 14.
Juni im Namen des ACP-NOPA-Teams den fmcFörderpreis 2017 entgegennehmen. Im Gespräch geben
sie Auskunft über ihre Beweggründe, ihre Arbeitsweise
und die Erwartungen, die sie an ihr Projekt knüpfen.
Warum braucht es eine Notfallplanung für schwer kranke Patienten,
die zu Hause betreut werden?
Karzig: Viele todkranke Menschen werden noch im letzten Moment ins
Spital gebracht. Wir wissen aber, dass es der Wunsch der allermeisten
Patientinnen ist, nicht ins Spital zurückzukehren. Doch es gibt bis jetzt keine
Organisation, kein Netz, das hilft, diesen Wunsch umzusetzen. Es braucht
eine Notfallplanung gerade für diejenigen, die nicht mehr ins Spital
zurückkehren wollen. Dazu muss gewährleistet sein, dass die Angehörigen
oder die Spitex bei Notfallsituationen wie Schmerzen oder Atemnot rasch
die nötigen Massnahmen treffen können und rund um die Uhr eine über den
Patienten informierte Fachperson erreichbar ist.
Weber: Was man machen soll, wenn ein Notfall auftritt, hängt stark davon
ab, wo der Patient in seiner Krankheitsverarbeitung steht, welche
Erwartungen er noch hat an Therapien und Behandlungen, welche
lebensverlängernden beziehungsweise lindernden Behandlungen er
wünscht. Das muss geklärt werden, und dafür braucht es einen Advance
Care Planning (ACP).
Wie geht ACP?
Karzig: Wir alle können jederzeit in eine Notfallsituation kommen. Wenn wir
selbst nicht mehr urteilsfähig sind, müssen die Angehörigen oder die
Vertretungsberechtigten wissen, wie wir behandelt werden möchten. ACP
ist die gemeinsame Vorausplanung von medizinischen Behandlungen für
solche Situationen. So gesehen ist ACP für alle sinnvoll, auch für Gesunde,
wir aber konzentrieren uns auf Palliativpatienten.
Weber: Das Resultat von ACP ist eine Patientenverfügung, die festlegt, wie
weit man noch gehen soll, wenn eine bestimmte Situation auftritt. Das
macht Sinn für alle, aber einen konkreten Notfallplan machen wir nur mit
Schwerkranken, denn dort können wir abschätzen, mit welchen Notfällen in
den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten zu rechnen ist.
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Damit ACP und Notfallplanung verbreitet möglich werden, brauchen
Sie die Kooperation der Hausärzte und Spitäler. Wie gewinnen Sie
diese?
Karzig: Wir haben schon jetzt ein paar Pilotspitäler, die mitmachen. Vor
allem Pflegende aus der Palliativversorgung lassen sich ausbilden, und
über diese wollen wir die Spitäler ins Boot holen. Sie sollen merken, wie viel
es bringt, den Patienten beim Austritt einen Notfallplan mitzugeben, auch
weil es weniger zu Rehospitalisierungen kommt.
Weber: Unser Ziel ist es, dass jedes Akutspital bei schwer kranken
Patientinnen eine entsprechende Beratung anbietet, bevor es sie nach
Hause schickt. Es gibt zwei gute Argumente: Erstens ist die Nachfrage da.
Die Leute wünschen es, auch die Angehörigen und die Spitex. Wenn wir
jemanden ohne Notfallplan nach Hause entlassen, reklamiert die Spitex und
fragt nach dem Plan. Zweitens sind ja Rehospitalisierungen unter DRG
alles andere als interessant für ein Spital.
Woher wissen Sie, dass es dank Notfallplanung weniger
Rehospitalisierungen gibt?
Weber: Wir machen entsprechende Erfahrungen schon seit ein paar
Jahren und haben auch in einer Masterarbeit ausgewertet, wie viele
unserer Patienten rehospitalisiert werden und wie viele schliesslich im
Spital sterben. Die Rehospitalisationsrate kann nach diesen Auswertungen
um mehr als 50% reduziert werden. Das können wir schon jetzt sagen.
Allerdings gibt es noch keine prospektive randomisierte Studie.
Planen Sie eine Begleitforschung?
Weber: Ja, aber im Moment geht es erst um eine ImplementierungsEvaluation. Wir schauen, ob die Institutionen das Tool wirklich anwenden,
ob es hilfreich ist in der Beratung, ob die Patienten tatsächlich mit einem
Notfallplan nach Hause kommen, ob es nicht nur fünf, sondern vielleicht
150 sind und ob es gelingt, die Notfallpläne auch mit den Hausärzten und
der Spitex vor Ort zu besprechen. Aber haben ACP und Notfallplanung
einen Einfluss auf die Lebensqualität? Tragen sie zur besseren Linderung
von Leiden bei? Verringern sie allenfalls sogar die Kosten am Lebensende?
Das wären weitere Fragen, die in einer prospektiven randomisierten Studie
zu klären wären. Dafür müssten wir aber einen grösseren Preis gewinnen
als den, den wir heute gewonnen haben.
Sie bieten auch Schulungen an. Was muss ein Hausarzt können, was
muss eine Spitex-Organisation erfüllen, um solche
Beratungsgespräche zu machen?
Karzig: Die Ausbildung ist modulartig aufgebaut. Es gibt einen Basiskurs
zum Beispiel für Hausärztinnen, die Bedürfnisse abklären und die Patienten
dann weitervermitteln. Für diejenigen die Beratungsgespräche über
Behandlungsziele und Behandlungswünsche führen, bieten wir einen
zertifizierten ACP-Lehrgang an.
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Sie werden nächstes Jahr wieder hier am fmc Symposium auftreten
und berichten, wie sich ihr Projekt inzwischen entwickelt hat. Was
werden Sie berichten?
Weber: (lacht) Wenn wir das schon wüssten… Ich bin überzeugt, dass wir
zeigen werden, wie wir in verschiedenen stationären und ambulanten
Institutionen Beratungen durchgeführt und Notfallpläne erstellt haben. Wir
werden hoffentlich auch berichten können, wie weit die Implementierung
tatsächlich gelingt und wie wir Hausärzte einbeziehen. Aber wie das
herauskommt, weiss ich noch nicht.
* Isabelle Karzig ist Fachexpertin für Notfallpflege und hat eine EthikZusatzausbildung absolviert. Sie arbeitet bei der Klinischen Ethik am
Universitätsspital Zürich. Andreas Weber ist ärztlicher Leiter Palliative Care
Team am GZO Spital Wetzikon und Ko-Präsident palliative zh+sh.
Selbstbestimmt sterben
ACP-NOPA ist das Siegerprojekt des diesjährigen fmc-Förderpreises.
Die etwas sperrige Abkürzung steht für Advance Care Planning und
Notfallplanung bei palliativen Patienten. Das Projekt hat zum Ziel, mit
einer vorausschauenden Planung möglichst vielen schwer kranken
Menschen zu ermöglichen, ihre letzte Lebensphase selbstbestimmt zu
gestalten. Es umfasst aufsuchende Beratungen und Interventionen sowie
ein Bildungsangebot für Gesundheitsfachpersonen. Mehr Informationen:
www.pallnetz.ch/p129003037.html. Im September 2017 erscheint in fmhImpulse ein ausführlicher Artikel der Projektgruppe.
Interview: Anna Sax, Gesundheitsökonomin, Journalistin
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2017/3
Fehlanreize ausmerzen statt neue Anreize
schaffen
Gewohnt souverän und kompetent rundete Prof. Volker
Amelung das fmc-Symposium 2017 ab. Seine drei
zentralen Erkenntnisse: Bei der Digitalisierung das
Augenmass wahren. Die medizinische Versorgung mit
der sozialen Versorgung zusammenbringen. Und vor
allem: «Wir konzentrieren uns zu stark darauf, neue
Anreize zu schaffen, und kümmern uns zu wenig darum,
Fehlanreize zu eliminieren.»
Prof. Volker Amelung, Vorstandsvorsitzender des
Bundesverbandes Managed Care
Das erste Thema: die Digitalisierung
Man kann fasziniert sein davon, was wir heute über Watson gehört haben.
Man kann berauscht sein von den Zahlen und den Möglichkeiten, die auf
uns zukommen. Man kann sich aber auch fragen: Habe ich das Gleiche
nicht schon vor fünf Jahren gehört? Was ist neu? Steht jetzt wirklich der
Durchbruch bevor?
Es bleibt ambivalent. Und der folgende Satz bringt es ziemlich genau auf
den Punkt: «Wie schnell ist nichts passiert!?» Die Potenziale von eHealth
und Big Data kennen wir seit vielen Jahren. In Deutschland ist die
elektronische Patientenakte seit 2003 gesetzlich verankert. In die Praxis
haben es gerade mal zwei Testregionen geschafft – und die sind erst noch
am Kämpfen. Der Vorsitzende der Monopolkommission, Achim Wambach,
spricht sogar vom Gesundheitswesen als «unterdigitalisierter» Branche.
Doch weshalb nutzen wir die digitalen Potenziale nicht so, wie wir sie
nutzen könnten? Mögliche Gründe dafür sind:
• Geringer Handlungsdruck
• Keine Transparenz
• Quasi-Monopole als Folge von Bedarfsplanung und
beschränktem Marktzutritt
• Der Status Quo ist für viele angenehm – man möchte nicht
aus der Komfortzone.
Was zur Frage führt: Welches könnten die Treiber sein, damit der
Handlungsdruck zunimmt? Hier eine Auswahl:
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• Wir geben reichlich Geld ins System – à la Obamacare –
und kurbeln damit auch die Wirtschaft an.
• Die Techniker Krankenkasse, die grösste in Deutschland,
hat soeben eine Kooperation mit IBM abgeschlossen, um
eine eigene elektronische Krankenakte zu entwickeln.
• Der Druck kann von den Leistungserbringern kommen,
indem zum Beispiel Ärztenetze eigene Lösungen
entwickeln.
• Oder er kann von den Bürgern und Patienten kommen, die
Produkte von Grossunternehmen wie Apple oder Google
vermehrt nutzen.
Das zweite Thema: die Integrierte Versorgung
Hier geht es um die Weiterentwicklung der horizontalen und vertikalen
Integration. Am Anfang standen die Ärztenetze mit ihrer horizontalen
Vernetzung. Entstanden aus dem Bedürfnis, die eigenen vier Wände zu
verlassen, mit Kolleginnen und Kollegen zusammenzukommen, ein WirGefühl aufzubauen, Erfahrungen zu teilen und zu bündeln. Wenn das sogar
beiträgt, wirtschaftlich besser da zu stehen, umso besser.
Der Ausgangspunkt für die vertikale Integration, also die Bildung von
Wertschöpfungsketten – zum Beispiel für Diabetes- oder SchlaganfallPatienten – ist ein völlig anderer. Hier geht es um Produktgestaltung: Wie
kann ich Wertschöpfungsketten optimieren? Beim Schlaganfall-Patienten
reicht diese von der Einweisung über die Akut-Phase, die Rehabilitation, die
Reintegration in den Alltag bis zur Tertiärprävention, also die Verhinderung
eines neuerlichen akuten Ereignisses. Etwas platt ausgedrückt, ist es wie
das Gestalten einer Pauschalreise, also die Frage: Wie müssen die
einzelnen Teile zusammengefügt werden, damit etwas Sinnvolles,
Ganzheitliches entsteht, das möglichst viele Bedürfnisse abdeckt und erst
noch erschwinglich ist? Oder aufs Gesundheitswesen übertragen: das ein
günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweist.
Wichtig dabei: Es braucht nicht horizontale oder vertikale Integration. Es
braucht beides – die horizontale Vernetzung ist eine wichtige
Voraussetzung für die vertikale.
Wir haben in Deutschland oder der Schweiz vielleicht die Hälfte des Weges
zu einer besseren Integration zurückgelegt. Was auf der zweiten Hälfte
relevant sein könnte, erfuhren die Teilnehmer der jährlichen Studienreise
von BMC und fmc vor ein paar Wochen in Schottland: Entscheidend für die
Gestaltung des Gesundheitssystems und damit auch die Integrierte
Versorgung ist die grundsätzliche Haltung der wesentlichen Akteure. Ohne
eine gemeinsame Zielsetzung, die dort plakativ mit «We have to care for
each other» umschrieben wird, können keine tragfähigen Strategien
entwickelt werden. Der zweite zentrale Punkt: Die medizinische und die
soziale Versorgung gehen Hand in Hand und werden in einem Budget
abgedeckt – health and social care. Darin enthalten ist ein starker Fokus
auf den Ausgleich von sozialen Ungerechtigkeiten.
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Das dritte Thema: Möglichkeiten zur Förderung der Integration
Die entscheidende Frage hier: Weshalb braucht es überhaupt Förderung?
Wo doch klar ist, dass es nichts Günstigeres gibt als gute Versorgung und
nichts Teureres als schlechte. In anderen Branchen würde man sagen: Wir
können uns schlechte Qualität gar nicht leisten. Gewiss, hohe Qualität
kostet. Doch das Thema wird gerne hochgespielt, um davon abzulenken,
dass Qualität etwas verlangt, das längst nicht allen genehm ist:
Transparenz. Hinzu kommt: Unsere heutigen Vergütungssysteme sehen
keine Belohnung vor für gute Qualität; die Anreizsysteme sind primär auf
Mengen ausgelegt und nicht auf Qualität. In der Konsequenz bedeutet das
für Organisationen, welche die Qualität ihrer Leistungen entwickeln
möchten, mehr Arbeit, aber nicht mehr Einkommen.
Ein sinnvoller Förderansatz ist der Innovationsfonds in Deutschland, dem
1.2 Mrd. Euro für vier Jahre zur Verfügung stehen. Ein Viertel davon muss
für Versorgungsforschung eingesetzt werden, der Rest geht in konkrete
Projekte, zum Beispiel Versorgung in ländlichen Regionen, Telemedizin,
seltene Krankheiten, Gesundheitskompetenz. Ebenso wichtig ist, dass die
Projekte auf drei bis vier Jahre angelegt sein müssen, denn
Veränderungsprozesse brauchen in der Regel mehr Zeit als ein paar
Monate. Daran krankt auch die Schweiz, wo viel zu kurzfristig gedacht wird,
weil die Versicherten jedes Jahr die Kasse wechseln können. Ein weiter
wichtiger Punkt beim Innovationsfonds ist die Evaluation – zu Recht: Wir
haben in Deutschland über 7000 Verträge in der Integrierten Versorgung
gehabt, wussten nachher aber kaum etwas, weil viel zu wenig evaluiert
wurde. Zu guter Letzt ist im Gesetz verankert, dass Projekte, deren
Evaluation positive Ergebnisse brachten, in die Regeversorgung
aufgenommen werden müssen – ein schlauer Ansatz, der davor schützt,
noch ein Pilotprojekt zu machen und noch eines und noch eines.
Die ersten beiden Wellen des Innovationsfonds haben viel frischen Wind ins
System gebracht, haben neue Partner und Partnerschaften ermöglicht.
Strenge Ordnungspolitiker finden den Innovationsfonds natürlich völligen
Quatsch. Doch manchmal heiligt der Zweck oder das Ziel die Mittel. Drei
Beispiele:
• In den sozial benachteiligten Hamburger Stadtteilen
Billstedt und Horn entsteht ein patientenorientiertes und
sektorenübergreifendes Gesundheitsnetzwerk.
• Das Projekt Templin (Brandenburg) soll die Blaupause
liefern für eine nachhaltige medizinische Versorgung im
ländlichen Raum.
• Schlaganfall-Lotsen sind für die Verzahnung von
Fachärzten, Therapeuten, Krankenkasse und
Rentenversicherung zuständig. Zudem beraten sie die
Patienten und schalten sich bei Problemen ein.
Die Schlussbemerkungen
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1. Anreize: Wir konzentrieren uns zu stark auf die Frage, wie
wir neue Anreize für «besseres», «richtiges» Verhalten
setzen können. Und kümmern uns zu wenig darum, wie
wir Fehlanreize aus dem System nehmen. Das heisst, wir
müssen die Systeme noch viel gezielter auf Bremsklötze
oder Hemmschwellen absuchen statt Anreize zu schaffen,
um über diese Hemmschwellen hinweg zu kommen. Hier
sind nicht zuletzt Patientenvertreter gefragt: «Was macht
ihr da eigentlich? Es kann doch nicht sein, dass wir
eindeutige Erkenntnisse haben und ihr es nicht schafft, sie
umzusetzen.»
2. Die Kunst der klugen Integration: ja, es ist eine Kunst, klug
zu integrieren. Es geht nicht (primär) darum, das
Gesundheitswesen durchzustandardisieren, industrielle
Prozesse hineinzubringen. Kunst verlangt und bedeutet
Freiheit, Individualität. Und diese Individualität gilt es in
den Versorgungsprozessen zu pflegen. Patienten möchten
nicht integriert werden, geschweige denn gemanaged. Sie
möchten versorgt oder – noch besser – umsorgt werden.
3. Das Denken in Zielen: Wir müssen uns noch viel mehr
Gedanken darüber machen, was Gesundheitsversorgung
eigentlich ist, zum Beispiel Medizin, Pflege, psychosoziale
Unterstützung. Und was sie soll, zum Beispiel
Lebensqualität erhalten, soziale Netze schaffen,
gesellschaftliche Verantwortung stärken.
4. Von anderen lernen: Bevor Sie ein nächstes Pilot- oder
Modellprojekt konzipieren, schauen Sie zuerst, was
andere in diesem Gebiet schon gemacht haben. Was sich
bewährt hat, was gescheitert ist. Dabei kann der Blick in
die nächste Gemeinde, in andere Kantone oder
Sprachregionen, ins Ausland gehen.
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2017/3
fmc-Denkstoff Nr. 3: Performance-orientierte
Vergütungsmodelle 2025
Darin sind sich fast alle einig: Bei den Vergütungsformen
für Behandlung und Betreuung besteht Handlungsbedarf
– und zwar dringend. Lesen Sie das Editorial zum
neusten Denkstoff des fmc. Und laden Sie die ganze
Publikation herunter.
fmc Denkstoff Nr. 3
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2017/3
Es braucht eine Revolution von unten
Das heutige Vergütungssystem für medizinische
Leistungen steht schon lange in der Kritik. Natürlich kann
man sich mit kleinen Korrekturen begnügen, indem man
dem einen Leistungserbringer etwas wegnimmt, um es
einem anderen zu geben, oder Budgetkürzungen für alle
beschliesst. Dies ist zwar der einfachere Weg, aber
keine Lösung für die vorhandenen Probleme.
Daniel Scheidegger, Präsident der Schweizerischen
Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW
Wir verzichten so darauf, uns grundlegende Überlegungen zu einer neuen
Form der Vergütung von medizinischen Leistungen zu machen. Wie ein
Vergütungssystem im Gesundheitssystem aussehen könnte, das
konsequent auf die Performance ausgerichtet ist, zeigt die vorliegende
Publikation. Sie stellt vier verschiedene Modelle vor, die zudem
kombinierbar sind.
Im Alltag bezahlen wir normalerweise auch für eine Performance und nicht
für Einzelleistungen. Bei einem Flug in die Ferien sind die Leistungen an
beiden Flughäfen, der Flug, das Essen inkl. Bedienung und die
Gepäckabfertigung im Preis inbegriffen, obwohl es sich um ganz
verschiedene Firmen handelt, welche die Leistungen erbringen. Man stelle
sich vor, es gälte das heutige ambulante medizinische Abrechnungssystem:
Dann würden wir für den Abflug- und den Ankunftflughafen, den Piloten, die
Flight Attendant, die Person, die unser Gepäckstück ins Flugzeug bringt,
und jene, die es wieder herausholt, einzeln bezahlen. Umgekehrt heisst
das: Vor allem chronisch Kranke brauchen eine langfristige, koordinierte
und integrierte Behandlung ihrer Erkrankung. Dabei ist es sekundär, wer
welchen Beitrag geleistet hat.
Dem wichtigen und vielleicht schwierigsten Problem, wie solche
ganzheitlichen Performances in der Medizin zu messen sind, widmet die
Publikation ein eigenes Kapitel. Die übersichtlichen Grafiken sowie die
kurzen und prägnanten Beschreibungen der Vor- und Nachteile der
verschiedenen Modelle helfen, die komplexe Materie rasch zu verstehen.
Damit ist allerdings auch ein Nachteil verbunden: All jene, die solche
Performance-basierten Vergütungssysteme von vornherein ablehnen,
bekommen die Gegenargumente frei Haus geliefert und müssen sich nicht
mehr vertieft mit dieser Materie beschäftigen.
fmc | Zugerstrasse 193 | 6341 Neuägeri/Zug | T 041 544 84 67 | F 041 763 13 35 | [email protected]
Es ist an der Zeit, dass wir in der Schweiz mit solchen Modellen zu
experimentieren beginnen und nicht nur darüber sprechen. Das System ist
in der Zwischenzeit so komplex geworden, dass nicht alle möglichen
Nebeneffekte im Vorfeld ausdiskutiert werden können. Dank unseres
föderalistischen Systems könnten solche Modelle in einzelnen Kantonen
oder Regionen ausprobiert und bei Bedarf angepasst werden. Natürlich
wäre bei solchen Experimenten eine unabhängige Begleitforschung eine
Voraussetzung.
Autoren stellen die Frage: «Wer müsste die Initiative ergreifen, um ein
Performance-basiertes Vergütungssystem zu etablieren?» Zur Auswahl
stehen die Versicherer, die stationären und ambulanten Leistungserbringer,
die Politik sowie der Bund und die Kantone. Womit mir der wichtigste Player
fehlt: Eigentlich müssten wir als Bürger, Krankenversicherte, Patienten die
Initiative ergreifen und neue Systeme verlangen. Wir sind diejenigen, die
das im Moment unbefriedigende Finanzierungs- und Vergütungssystem mit
unseren Steuern und Prämien bezahlen. Eine Revolution kommt immer von
unten!
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Das Schweizer Forum für integrierte Versorgung fmc ist ein unabhängiges, breit abgestütztes Kompetenzzentrum das
den Wissens- und Erfahrungsaustausch zur horizontalen und vertikalen Vernetzung in der Gesundheitsversorgung
fördert. Das fmc trägt dazu bei, die Qualität und Effizienz der Patientenbetreuung zu verbessern sowie die Sicherheit und
Handlungsfähigkeit der Patienten zu erhöhen. Die Mitglieder des fmc profitieren von einem disziplinen- und
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