Christoph Schäfer, Rüsselsheim hr 1

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Christoph Schäfer, Rüsselsheim
hr 1-Zuspruch am Dienstag, 15. August 2017
Gipfel-Gedanken
Wenn irgendwo ein Buch herumliegt, muss ich als leidenschaftlicher Leser meine
Nase hineinstecken. Das gilt auch für den ungewöhnlichen Lese-Ort „Berggipfel“, an
den ich jetzt nach den Ferien gerne zurückdenke: Denn dort oben angekommen,
lasse ich zwar natürlich auch erst einmal glücklich meine Blicke auf das Panorama
um mich herum schweifen. Nach ein paar Minuten packt mich aber die Leselust. Ich
blende Gipfel und Grate um mich herum aus und vertiefe mich in das Gipfelbuch.
Seit rund 150 Jahren kann man sich auf vielen Alpengipfeln mit einem GipfelbuchEintrag verewigen. Und ich finde es faszinierend, in diesen Büchern zu blättern.
Denn immer wieder finden sich zwischen Auflistungen von Namen und Daten und –
allerdings bemerkenswert wenig – Quatsch-Gekritzel sehr lesenswerte Gedanken.
Viele Menschen bedanken sich sehr herzlich und anrührend dafür, dass sie einen
ganz besonderen Tag in den Bergen erlebt haben: „Ein schönes Fleckchen Erde“,
heißt es dann etwa. Andere zitieren Sinnsprüche, die mich zum Nachdenken
bringen. So habe ich zum Beispiel einmal auf einem Tiroler Gipfel eine Einsicht
gelesen, die mich seitdem nicht loslässt: „Wer nur das tut, was er schon kann, wird
immer bleiben, wer er ist.“ Für mich heißt das nämlich: Es ist zwar anstrengend, aber
unglaublich wohltuend, eingefahrene Wege zu verlassen. Diese schöne Erkenntnis
hat damals vielleicht einen Aufstieg bei schwierigen Wetterverhältnissen belohnt, als
sie ins Gipfelbuch eingetragen wurde. Und mir hat sie in vielen andern Momenten
Mut und Kraft gegeben. Etwa, als ich mich beruflich umorientiert habe. Besonders
bewegend sind Widmungen an Verwandte, gerade auch verstorbene, die sich ab und
zu in den Gipfelbuch-Einträgen finden. Sie haben mich immer wieder dazu gebracht,
dann ebenfalls an Verstorbene zu denken. Und für sie zu beten.
Natürlich mache ich auch ab und zu die Erfahrung: Oben auf einem Berggipfel erlebt
man in Zeiten des Massentourismus nicht automatisch einen erhebenden Moment.
Es gibt keine Erleuchtungsgarantie. Aber eben doch immer wieder Augenblicke des
Glücks, der Dankbarkeit, auch der Verbundenheit mit Gott. Gerade wenn ich
besonders anrührende Gipfelbuch-Einträge lese, fällt mir wieder ein: Auch in der
Bibel spielen Berge für die Begegnung mit Gott eine wichtige Rolle. Mose hat etwa
auf einem Berg die Zehn Gebote entgegengenommen. Jesus hat sich auf einem
Berg seinen engsten Jüngern als Sohn Gottes geoffenbart. Und wenn ich dann vom
Berg wieder hinunterkomme und der Urlaub irgendwann wieder vorbei ist, dann stelle
ich fest: Die besonders kostbaren Gipfel-Gedanken verflüchtigen sich nicht. Die
Erinnerung an sie tut auch in meinem Alltag einfach gut.
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