Falsche Töne

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österreich
Falsche Töne
Kriegsbiograf ie. Christa Zöchting über den Lyriker Michael Guttenbrunner, der seine Jahre als
Soldat der Deutschen Wehrmacht schöngeschrieben hat.
n diesen
Tägen wäre Michael
Guttenbrunner 90 Jahre alt geworden. Ein Symposion zu seinen
Ehren wird abgehalten, die \Atener
Ausstellung über die Opfer der
NS-Militarjustiz widmet ihm eine
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Deserteur Guttenbrunner*
Kein klassischer Widerstandskämpf er
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Faksimile aus Heft 36/2009
Plakatwand, profi 1 berichtete.
Nun stellt sich heraus, dass der
Dichter, der zeitlebens gegen den
Krieg und seine Verharmloser auf
die Barrikaden gestiegen war, ein
Widerborst, der sich der Wahrheit
verpflichtet fühlte, dessen Werk und
dessen Leben von seiner Anhängerschaft in eins gesetzt wurden, die
Jahre in der Deutschen Wehrmacht
schöngeschrieben hat.
Nach eigenen Angaben stand
Guttenbrunner, l9l9 in Kärnten in bitterarme Verhältnisse
hineingeboren und im Herbs t 1940 ntt Deutschen Wehrmacht
eingeÄgen, während der nationalsozialistischen Herrschaft
Verhaltens mehrmals vor der NS-Mirv.g.tr
"rrÄti.glerischen
litdryustiz. Im Sommer 1941, nach der Erober-ung Kretas, habe
bei einem Streifkommando gegen griechische
verweigert,
er
Zivilisten mitzumachen. Ein Jahr später sei er seiner vorschriftswidrigen Haarmähne wegen drangsaliert worden, und
im Sommer 1S++, in den italienischen Abruzzen, habe es sich
zum
,,dramatisch zugespitzt"' Von einem NS-Feldgericht
Tode verurteilt, sei er durch ein gutes Wort seiner Kameraden
mit zwölfJahren Gefängnishaft davongekommen. Der Anlass
des letzten Aufbegehrens, ehe er auf Frontbewährung zur ,,SSSturmbrigade Diilewanger" gezwungen wurde, sei Stauffenbergs Anichlag auf Hitler gewesen' schreibt Guttenbrunner'
Miiden Worten ,Jetzt meutern schon die Preußengenerale
(...) und ihr macht hier mit Fleiß noch alies kaputtl" habe er
einen Hauptmann in Rage versetzt und zugeschlagen'
Der profil-Be richt (16/2009), vor allem die Versetzung zur
Mitar,,SS-Sturmbri gade Dirlewanger", ließ Roman Eccher,
beiter des Österreichischen Staatsarchivs, keine Ruhe, und er
überpüfte Guttenbrunners Angaben in NS-Militärakten'
Sie erzählen eine andere Geschichte.
fijLr Stauffenberg, sondern ein eskalierender
Streit um ein Säckchen Zrtcker brachte Guttenbrunner vor das
Feldgericht. (Das Attentat fand erst nach dem Vorfall statt')
Im Verlauf der Auseinandersetzung hatte Guttenbrunner einem Vorgesetzten eine so genannte ,,Goschn" angehängt und
Nicht die Rede
war mit einem Stock auf ihn losgegangen. In der IJntersu-
chunsshaft kam es zu einer weiteren Rauferei. Die Todesstrafe wurde laut Gerichtsprotokoll nie erwogen. Die Anklage
p1ädierte auf funfJahre Zuchthaus (,,ein selbstgefälliger, überheblicher Intellektueller"). Der Urteilssprtch wurde auf Gefängnis mit späterer Frontbewährung abgemildert, da Guttenbrunner laut Gerichtsakt ,,sich wenigstens im Kampfeinsatz
als einsatzfreudiger Soldat bewährt" habe.
Zuvor waren ähnliche Zwischenfälle aktenkundig geworden. Im Sommer 1941 auf Kreta hatte Guttenbrunner,,in angetrunkenem Zustand (...) einem griechischen Zivilisten eine
leichte Schnittwtnde zugefügt". Dem Arrest entging er, doch
nicht dem ,,sonderunternehmen Völkerbund", bei dem seine
Einheit die Order bekam, Dörfer zu durchkämmen, F{äuser
niederzubrennen und Geiseln zu erschießen. In diesen Tägen
wurde er des ,,Kameradendiebstahls" (Wadenstrümpfe und
Lederhandschuhe) und der,,Plünderung" (Schnaps aus einer
Täverne) fur schuldig befunden - nach der teuflischen Logik
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der Wehrmachtskommandeure, die schlimmste Mordaktionen
rechtfertigten, ja befahlen, doch die kleinste individuelle Un-
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rechtstat unter dem Titel ,,Aufrechterhaltung der Manneszucht" strengstens ahndeten.
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wie Guttenbrunner mit ausgeprägter
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darin fügen. Es folgten Strafen wegen ,,Tirrnkenheit", ,,Gehorsamsver-weigerung und aufsässiger Reden",,,Uberschrei-
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rung des Wochenendurlaubs um dreieinhalb Stunden"' Klassische Widerstandshandlungen waren das nicht. Aber als
Widerstandskämpfer habe sich Guttenbrunner auch nie ausgegeben, sagt der Kärnmer Schriftsteller Antonio Fian und
ä.itrtr..t an einen Auftritt Guttenbrunners zur Eröffnung der
Wehrmachtsausstellung im Jahr 1997. Seinen Text über die
SS-Brigade, ein ,,militärisches Monstrum, zum Zwecke doppelt rüiksichtsloser Kriegsfährung" (Guttenbrunner) hatte
der Dichter dabei. Doch danach fragte niemand.
Diese Mordbrigade unter dem Kommando eines Sadisten,
der seine 4000 Männer - darunter straffällig gewordene SSler
und Polizisten, berüchtigte Kapos aus Konzentrationslagern,
aber auch zahlreiche politische Häftlinge - unter Alkohol und
Prügeln zu Vergewaltigungen, Quälereien und Menschen-
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T] in Einzelgänger
schlachtungen antrieb (wer nicht mitmachte, wrrde abgeknallt), -"i d"t Schlimmste, was Guttenbrunner zustoßen
konnte.
..Kurz nach ihrer ftirchterlichen Bewährung bei der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto in einer
ihrer Roiten eingereiht, hatte ich unmittelbar das Geftihl einer anderen Dimension, einer ungeahnten Klimax des Gräu-
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NS-Militärakt Guttenbrunnern
Nicht aufrührerische Reden,
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Raufhändel lührten den Dichter
1 9zl4 in die berüchtigte SS-Sturmbrigade Dirlewanger
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6r51a7a6 P, Pr,yM/Gerichtsakten
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habe keine Lust,
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betreten. November neunzehnhunderwierundvierzig, auf dem
blutgetränkten Boden der polnischen Slowakei,,, schrieb Gut-
in einer autobiografischen Skizze 1953.
Er sei im Herbst 1941 ,,in hellen Scharen zur Deutschen
Wehrmacht übergelaufen", heißt es an anderer Stelle, doch
trug ihm das nur einen höhnischen Kommentar von Günther
Nenning ein.
Dem Vorschlag von Klaus Amann, dem Leiter des MusilInstituts, seine Kriegsbiografie niederzuschreiben, konnte
Guttenbr-unner nicht nachkommen. Da sab es wohl eine in-
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Weihnachten 1944 wtrde Guttenbrunner in Kämpfen gegen die Rote Armee schwer ver-wundet. Hunderte politische
Häftlinge waren in diesen Tägen zu den Russen übergelaufen,
Guttenbrunner hatte das nicht gewagr. Noch Mitte April
1945, nach seiner Genesung, wollte er ,,aus einer Wirrsal von
Gründen, deren Wahrheit oder Lügenhaftigkeit ich nicht
mehr unterschied" (Guttenbrunner), zur Tluppe zurückkehren. Freunde überredeten ihn bei einem so genannten ,,Bombenuriaub" in Kärnten zur Desertion. Guttenbrunner rar es
mit Todesmut, noch immer in Uniform und in Botendiensten
für Partisanen unterwegs, die Feldpolizei allgegenwärtig.
An Gumenbrunners Gegnerschaft zum Nationalsozialismus
besteht kein Zweifel. Ns 16-jähriger G)'mnasiast war er wegen Mitgiiedschaft bei den illegalen Revolutionären Sozialisten verhaftet, tm Mtrz 1938 von der Schule verwresen worden, weil er sich geweigert hane, das ,,FIorsr-Wbssel-Lied,, zu
singen. Er war einige Monate in Gestapo-Gewahrsam.
Nach Kriegsende handelte sich Guttenbrunner des öfteren Schwierigkeiten ein, wenn er Banden weinseliger Nazis,
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die in Kärntner Wirtshäusern die alten Lieder sangen, schlag-
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kräftig zur Rede stellte. Oder die Aniiegen der Kärntner Slo-
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wenen verfocht.
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Der Guttenbrunner-Gemeinde, ienem Kreis von Literaturwissenschaftern, Freunden und Bewunderern, hatte Guttenbrunner mehr als einmal einen Hinweis darauf gegeben,
seine Kriegsgeschichte könnte komplizierter sein, als sie so
gern gesehen wurde. ,,Ich bin nicht der, den ihr sucht. Ich
fiir
euch durchs Feuer zu gehen,,, schrieb er
nere Spcrre.
Die neuen Alcten sind ftir Amann ,,nur Teil einer Wahrheit.
Als Angehöriger der Kriegsgeneration bezog er in einer einzigartigen Weise gegen die unselige österreichische Tiadition
der Verharmlosung Stellung, die alles andere aufiviegt,,.
Christian Teissl, ein junger Lyriker, der eine Monografie
über Guttenbrunner veröffendichte und mit ihm in Brieflontakt stand, schickte Guttenbrunner einmal Gedichte des Widerstandskämpfers Richard Zach, der 1943 in Berlin hinserichtet wurde. Guttenbrunner schrieb zurück: ..Mit Richard
Zach stelien Sie mich auf eine harte Probe. Es sibt kein Entrinnen, dass ich nicht in mein halbschlächtises Herz hineinsähe." Teissl vermurer, Guttenbr-unner habe .,nach seinem eigenen antifaschistischen Verständnis nicht wie Zach ,das Ganze', sondern nur Halbes geleistet; was ihm zeit seines Lebens
zu schaffen machte". Sein literarisches Werk könne man lesen
als ,,einen sechzigJahre lang unablässig nachgeholten
Wider-
standskampf'.
Die geschönten biografischen Skizzen unter dem Titel
,,Kriegsgerichte" verfasste Guttenbrunner als älterer Mann.
Noch später ersr wurden sie veröffentlicht. Da war er bereirs
zur Legende geworden.
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