Christof Wolf Soziale Ungleichheit, Krankheit und Gesundheit

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Christof Wolf
Soziale Ungleichheit, Krankheit und Gesundheit
Abschlussbericht an die Deutsche Forschungsgemeinschaft
Projektnummer WO 739/3-1
Forschungsinstitut für Soziologie
Universität zu Köln
Köln, 2003
Inhalt
1.
Fragestellung und Design
1
2.
Hypothesen
4
2.1
Belastungen und Gesundheit
4
2.2
Soziale Netzwerke und Gesundheit
7
2.3
Lebensstil und Gesundheit
10
2.4
Gesundheitsverhalten und Gesundheit
15
2.5
Zusammenfassung der theoretischen Überlegungen
16
3.
Angaben zur Datenerhebung
20
3.1
Der Fragebogen
20
3.2
Der Pretest
21
3.3
Die Haupterhebung
21
3.4
Das Datenmaterial
25
4.
Operationalisierung und Verteilung der zentralen Variablen
26
4.1
Maße der Gesundheit
26
4.2
Gesundheitsverhalten
29
4.2.1
Rauchen
29
4.2.2
Alkoholkonsum
32
4.2.3
Sportliche Betätigung
34
4.2.4
Kumulation gesundheitsschädigender Verhaltensweisen
34
4.3
Klassische Merkmale sozialer Ungleichheit
36
4.3.1
Bildung
36
4.3.2
Beruf
37
4.3.3
Einkommen
39
4.3.4
Zum Zusammenhang der klassischen Indikatoren sozialer Ungleichheit
41
4.4
Lebensstile
42
4.4.1
Alltagsästhetische Schemata
44
4.4.2
Soziale Milieus
49
4.5
Soziale Netzwerke
52
4.6
Belastungen durch Erwerbsarbeit
55
4.7
Belastungen durch Hausarbeit
58
4.8
Übersicht über die Indikatoren
61
ii
5.
Überprüfung der Hypothesen
62
5.1
Soziale Ungleichheit und Gesundheit bzw. Gesundheitsverhalten
62
5.1.1
Soziale Ungleichheit und Gesundheit
62
5.1.2
Soziale Ungleichheit und Gesundheitsverhalten
66
5.2
Soziale Ungleichheit, berufliche Belastungen und Gesundheit
72
5.2.1
Berufsprestige und berufliche Belastungen
72
5.2.2
Arbeitsbelastungen und Gesundheitsverhalten
74
5.2.3
Arbeitsbelastungen und Gesundheit
81
5.3
Soziale Ungleichheit, Belastungen durch Hausarbeit und Gesundheitsverhalten
bzw. Gesundheit
85
5.4
Soziale Ungleichheit, soziale Netzwerke und Gesundheit
88
5.4.1
Soziale Ungleichheit, soziales Kapital und Gesundheit
88
5.4.2
Soziale Ungleichheit, Geschlossenheit der Netzwerke und Gesundheit
93
5.4.3
Soziale Netzwerke und Gesundheitsverhalten
93
5.5
Soziale Ungleichheit, Lebensstile und Gesundheit
98
5.5.1
Lebensstile und Gesundheitsverhalten
100
5.5.2
Lebensstile und Gesundheit
105
5.6
Gesundheitsverhalten und Gesundheit
107
6.
Zusammenfassung und Integration der Einzelbefunde
110
6.1
Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse
110
6.2
Zusammenfassende Modelle zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens
und der Gesundheit
116
7.
Schlussfolgerung und Ausblick
123
Literatur
Anhang A
Zusätzliche Tabellen
Anhang B
Erhebungsunterlagen: Kontaktprotokoll, Fragebogen, Selbstausfüller und Listen
Anhang C
Anschreiben, Merkblatt für die Interviewer, Presseberichte im Vorfeld der Studie
126
1.
Fragestellung und Design
1
Thema der hier vorgelegten Studie ist der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und
Gesundheit. Diese Fragestellung ist keineswegs neu, hatten Sozialepidemiologen doch schon
vor 100 Jahren auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht (vgl. die Beiträge in Mosse
und Tugendreich 1913). Verkürzt lautet das Ergebnis entsprechender Untersuchungen damals
wie heute, dass sozial und ökonomisch Bessergestellte gesünder sind und länger leben als
weniger gut Gestellte (für einen Überblick über neuere Untersuchungen vgl. Mielck 2000).
Gemeinsam ist den Studien auch, dass sie einen kontinuierlichen Zusammenhang zwischen
der sozialen und ökonomischen Stellung auf der einen und der Gesundheit auf der anderen
Seite finden – ein Resultat, das auch als Schichtgradient der Gesundheit bezeichnet wird.
Trotz der Vielzahl der empirischen Studien auf diesem Gebiet werden die Bindeglieder, die
den statistischen Zusammenhang zwischen der Ungleichheit und der Gesundheit erklären
könnten, meist nicht berücksichtigt. Ein Ziel dieser Studie ist es daher, einige dieser Bindeglieder zu identifizieren und ihren Erklärungsbeitrag empirisch zu überprüfen. Die Auswahl
entsprechender Bindeglieder – d.h. der intervenierenden Variablen – erfolgt in Anlehnung an
das ambitionierte theoretische Modell von Steinkamp (1999). In diesem Modell werden die
Faktoren, die den Zusammenhang zwischen den Merkmalen der sozialen Ungleichheit und
den Merkmalen der Gesundheit erklären können, zunächst drei Ebenen zugeordnet: der
Makroebene (z.B. die Struktur sozialer Ungleichheit), der Mesoebene (z.B. Belastungen aus
den Bereichen Arbeit und Familie) sowie der Mikroebene. Die Mikroebene wird ihrerseits
noch einmal in drei Bereiche untergliedert: die Persönlichkeit (z.B. gesundheitsrelevantes
Verhalten), der Organismus (z.B. Blutdruck) und die „outcomes“ (z.B. Lebenserwartung).
Obwohl das von Steinkamp präsentierte Modell zu umfangreich für eine Überprüfung in einer
einzigen Arbeit ist, bietet es dennoch wertvolle Anhaltspunkte zur Formulierung von Hypothesen, die im Rahmen dieser Studie analysiert werden können. Diese Hypothesen beziehen
sich zunächst auf zwei zentrale Bestandteile aus Steinkamps Modell: die Bedeutung der
1 Die Konzeption dieser Studie wurde durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Forschungspraktikums
beeinflusst, das ich im Sommersemester 1999 und im Wintersemester 1999/2000 an der Universität zu Köln
angeboten habe. An dieser Veranstaltung, die den Titel „Soziale Ungleichheit, Krankheit und Gesundheit“
trug, nahmen folgende Personen teil: Amévor Amouzou-Glipka, Angela Brinck, Stephanie Bous, Imke Dunkake, Stephanie Latzel, Phillip Pilgram, Theta Thiel und Bernd Weiß. Für ihre Diskussionsfreude, ihre Anregungen und ihre kritischen Einwände bin ich diesen Personen sehr zu Dank verpflichtet. Stephanie Bous hat
der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln im Jahr 2001 eine Magisterarbeit mit dem Titel „Lebensstile und gesundheitsrelevantes Verhalten“ vorgelegt, deren empirische Grundlage die in dieser Studie
erhobenen Daten bilden.
Für das Korrekturlesen und für Kommentare zu diesem Bericht danke ich Catie Keßler, Sabine Rhiza und
Anja Semmler.
2
alltäglichen Belastungen, denen Personen ausgesetzt sind, und das Netzwerk sozialer Unterstützungsbeziehungen, die helfen können, diese Belastungen zu bewältigen. Folgt man
Steinkamps Kategorisierung, so handelt es sich bei beiden Komplexen um Merkmale der
Mesoebene, über die die Effekte der sozialen Ungleichheit – der Makroebene – auf die
Gesundheit, d.h. die Mikroebene, vermittelt werden. Eine detaillierte Diskussion der zu
überprüfenden Hypothesen findet sich im nächsten Kapitel dieser Arbeit, die Überprüfung der
Hypothesen erfolgt in Kapitel 5.
Neben der Formulierung und Überprüfung der Hypothesen zu diesen beiden Bereichen,
verfolgt die Studie als zweites das Ziel, zu klären, welchen Ertrag eine Erweiterung der
Konzeption sozialer Ungleichheit auf Lebensstile und Milieus erbringen kann. Damit versteht
sich diese Arbeit nicht nur als Beitrag zur Gesundheitssoziologie, sondern auch als Beitrag
zur Soziologie sozialer Ungleichheit. Die Messung der sozialen Ungleichheit, der Lebensstile
sowie aller weiteren Merkmale wird ausführlich im vierten Kapitel dargestellt.
Bei der Studie, über die hier berichtet wird, handelt es sich um eine Querschnittsstudie, eine
Längsschnittstudie war aus finanziellen und organisatorischen Gründen nicht möglich.
(Genauere Angaben zur Datenerhebung sind in Kapitel 3 zusammengestellt.) Auf der Grundlage der erhobenen Daten lassen sich daher Kausalaussagen im engeren Sinn nicht empirisch
absichern, diese können lediglich auf der Basis von Plausibilitätsüberlegungen vermutet
werden. Mit einer angestrebten Fallzahl von 700 Befragten handelt es sich um eine relativ
kleine Studie. Eine größer angelegte Befragung mit deutlich mehr Befragten und mindestens
zwei Befragungszeitpunkten erschien zum Zeitpunkt der Antragstellung jedoch nicht nur in
finanzieller und organisatorischer Hinsicht als unpraktikabel. Vielmehr sollte in einer kleineren Studie zunächst einmal die Qualität der Messinstrumente und der empirische Gehalt der
Hypothesen geprüft werden. Insofern hat diese Untersuchung den Charakter einer Pilotstudie,
deren Ergebnisse die Grundlage für eine aufwändigere Studie sein können. Entsprechende
Schlussfolgerungen für weitere Arbeiten werden im Abschlusskapitel zur Diskussion gestellt.
Die Grundgesamtheit der Studie stellt die in Privathaushalten lebende Bevölkerung Kölns mit
deutscher Staatsbürgerschaft, die zwischen 30 und 60 Jahre alt ist, dar. Die Einschränkung auf
deutsche Personen erfolgte allein aus pragmatischen Gründen, da eine Untersuchung von
Migranten zum einen ganz andere Fragestellungen nahegelegt hätte – etwa zum Einfluss der
Migrationsgeschichte auf die Gesundheit–, zum anderen wären zusätzliche Mittel für die
Übersetzung des Fragebogens nötig gewesen. Auch die Einschränkung des Untersuchungsgebietes auf Köln diente allein der Kostenreduktion. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass
3
diese Beschränkung die Verallgemeinerbarkeit der hier berichteten Ergebnisse entscheidend
beeinflusst.
Die Beschränkung der Grundgesamtheit auf Personen im Alter zwischen 30 und 60 Jahren ist
inhaltlich begründet. Jüngere Personen werden zu einem erheblichen Teil ihre berufliche
Ausbildung noch nicht vollendet haben. Ältere Personen dagegen werden ihr Arbeitsleben zu
einem großen Teil schon wieder beendet haben. Für beide Gruppen stellen sich aufgrund der
fehlenden Berufstätigkeit jeweils eigene Probleme. Zum einen wären die Untersuchungen
zum Einfluss der beruflichen Belastungen auf die Gesundheit nur für einen noch kleineren
Teil der Stichprobe möglich,2 zum anderen bereitet die Bestimmung der sozialen Lage dieser
Personen besondere Schwierigkeiten, die im Rahmen dieser Studie nicht behandelt werden
sollten.3
Neben der Beschränkung auf die Altersspanne zwischen 30 und 60 Jahren fand keine weitere
Einschränkung der Grundgesamtheit statt, z.B. auf spezifische Berufsgruppen mit besonderer
Belastung oder auf Personen mit speziellen Erkrankungen. Damit gestatten die Daten Aussagen über die gesamte deutsche Bevölkerung im entsprechenden Alter. Dieser Vorteil wird
jedoch damit erkauft, dass bei der gegebenen relativ kleinen Fallzahl keine Aussagen über
spezielle Gruppen, wie z.B. Personen unterhalb der Armutsgrenze, Alleinerziehende oder
einzelne Berufe möglich sind.
2 Die beruflichen Belastungen für ehemals Berufstätige lassen sich zwar prinzipiell erheben, dies hätte aber das
ohnehin schon umfangreiche Erhebungsinstrument noch verlängert und zudem ernste Fragen nach der Validität von erinnerten Belastungen aufgeworfen.
3 Selbstverständlich verbleiben unter den 30- bis 60-Jährigen immer noch Personen, die nicht erwerbstätig
sind, insbesondere die Gruppe der Hausfrauen.
4
2.
Hypothesen
Die folgenden empirischen Analysen folgen einer Reihe von Hypothesen, die sich auf den
Einfluss von Belastungen, Netzwerken und Lebensstilen auf das Gesundheitsverhalten und
auf die Gesundheit beziehen. Von diesen Merkmalen wird erwartet, dass sie den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit erklären können, sie stellen somit
intervenierende Variablen dar.
2.1 Belastungen und Gesundheit
Menschen werden in verschiedenen Lebensbereichen in unterschiedlicher Weise belastet. In
dieser Studie liegt der Schwerpunkt auf den Belastungen am Arbeitsplatz und im Haushalt.
Erwerbstätige stehen durch ihre Arbeit und an ihrer Arbeitsstelle vielfältigen Anforderungen
und Belastungen gegenüber. Grob kann z.B. zwischen: „Umgebungsbelastungen (z.B. Lärm,
Dämpfe, Hitze) und Unfallgefahren, körperlichen Belastungen (schwere Lasten heben,
einseitige Muskelbelastungen) sowie psychischen und psycho-sozialen Belastungen (Monotonie, Zeitdruck, Vorgesetztenverhalten) unterschieden“ werden (Statistisches Bundesamt
1998: 143). Diesen ‚objektiven’ Belastungen, die auch als „Summe aller äußeren Faktoren,
die eine Reaktion hervorrufen“ bezeichnet werden, stehen ‚subjektive’ Beanspruchungen
gegenüber, also „die Summe aller durch die Belastungen hervorgerufenen Reaktionen“
(Griefahn 1996: 5).4
Die Veränderungen in der Arbeitswelt haben zur Folge, dass die psychischen und sozialen
Belastungen durch eine Erwerbsarbeit in den letzen Dekaden angestiegen sind, z.B. in Form
von erhöhtem Termin- und Leistungsdruck, der vermehrten Notwendigkeit zu starker Konzentration sowie dem häufigeren Gefühl, einer nervenaufreibenden und seelisch belastenden
Tätigkeit nachzugehen (Statisches Bundesamt 1998: 144f.; v. Henninges 1998: 4ff.). Gleichzeitig ist der Anteil der Erwerbstätigen, die körperlich belastende Tätigkeiten ausüben, in den
letzten 40 bis 50 Jahren zurückgegangen. Mechanisierung, Automatisierung und Rationalisierung haben dazu geführt, dass viele körperlich anstrengende und gefährliche Arbeitsplätze –
zumindest in den westlichen Industrieländern – abgebaut wurden. Trotz dieses Rückgangs
arbeiteten auch am Ende des 20. Jahrhunderts etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen zumindest
zeitweise unter belastenden Umgebungseinflüssen (z.B. Einatmung von Dämpfen, Rauchen
oder Stäuben 22,1%; Vibrationen von Werkzeugen und Maschinen 27,7%; Lärm 26,5%) und
4 In der Gesundheitspsychologie wird auch von Stressoren (Belastungen) und Stressreaktionen gesprochen
(vgl. Sarafino 1998: Kapitel 3).
5
sogar knapp 60% aller Erwerbstätigen übten eine körperlich belastende Tätigkeit aus (v.
Henninges 1998: 65).5
Die Höhe der Arbeitsbelastung variiert mit verschiedenen Merkmalen der Arbeitsplätze und
Berufe. Folgt man v. Henninges (1981: 365), spielen die verwendeten Arbeitsmittel, der
Wirtschaftszweig, die Betriebsgröße, die berufliche Tätigkeit und die berufliche Stellung in
diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Da es wiederum nicht möglich war, alle diese
Aspekte in die Analyse einzubeziehen, und da vor dem Hintergrund der hier verfolgten
Fragestellung dem sozialen Ansehen einer beruflichen Tätigkeit eine besondere Bedeutung
zukommt, wird im Folgenden nur dieses Merkmal der Erwerbstätigkeit berücksichtigt.
Nach Huster (1990: 249) „konzentrieren sich die Belastungen vor allem auf die Arbeiter ohne
formalen Berufsabschluß“. Ich gehe daher davon aus, dass die Belastungen in höher gestellten
Berufen geringer sind als in weniger hoch gestellten Berufen. Damit sollten die Belastungen
durch die Erwerbsarbeit negativ mit der Stellung eines Berufs in der gesellschaftlichen
Hierarchie der Berufe variieren. Unterstellt man zudem einen negativen Einfluss der Belastungen auf die Gesundheit, werden die Inhaber von höher gestellten beruflichen Positionen
gesünder sein als die Inhaber von niedrigen beruflichen Positionen. Zudem wird erwartet,
dass Belastungen häufig mit defizitären Bewältigungsstrategien in Form von gesundheitsschädlichem Verhalten begegnet wird (Huster ebenda). Unter solchen Verhaltensweisen
sollen hier das Rauchen, der Alkoholkonsum und die (mangelnde) Ausübung von Sport
verstanden werden.6
Auf der Grundlage dieser Überlegungen lassen sich die folgenden Hypothesen formulieren:
H1:
Je höher ein Beruf in der gesellschaftlichen Hierarchie der Berufe angesiedelt ist,
desto geringer ist die Belastung durch die Erwerbsarbeit.
H2a:
Je höher die beruflichen Belastungen sind, desto eher tritt gesundheitsschädigendes
Verhalten auf.
H2b:
Je höher die beruflichen Belastungen sind, desto schlechter ist die Gesundheit.
Eine weitere Hypothese folgt aus den Arbeiten von Karasek und Theorell (1990) und Siegrist
(1994, 1996). Ihr liegt die Beobachtung zugrunde, dass nicht jede Arbeitsbelastung ein
gesundheitliches Problem nach sich zieht, sondern nur solche Belastungen, die gepaart mit
5 Ergebnisse des deutschen Teils des „Second European Survey of Working Conditions“ von 1995.
6 Im Folgenden werden diese Verhaltensweisen auch mit den Begriffen Gesundheitsverhalten oder gesundheitsbezogenes Verhalten umschrieben. Damit wird hier ein eingegrenzter Begriff des Gesundheitsverhaltens
verwendet, der Verhaltensweisen, die dazu geeignet sind, Krankheiten zu entdecken (z.B. die Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen), ausschließt (für eine ausführliche Diskussion verschiedener Dimensionen des Gesundheitsverhaltens vgl. Weiss und Lonnquist1997:108ff.).
6
einem geringen Entscheidungsspielraum und einer als nicht angemessen empfundenen
Entlohnung für die Tätigkeit auftreten. Da der berufliche Entscheidungsspielraum und die
materielle Entlohnung einer Tätigkeit eng mit ihrer Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie der Berufe zusammenhängt, kann diese Überlegung in folgende Hypothesen übersetzt
werden (vgl. auch Steinkamp 1999: 134ff.):
H3a:
Je niedriger ein Beruf in der gesellschaftlichen Hierarchie der Berufe angesiedelt ist
und je höher die Belastungen in diesem Beruf sind, desto eher tritt gesundheitsschädigendes Verhalten auf.
H3b:
Je niedriger ein Beruf in der gesellschaftlichen Hierarchie der Berufe angesiedelt ist
und je höher die Belastungen in diesem Beruf sind, desto schlechter ist die Gesundheit.
Die hier vorgenommene Beschränkung auf die Stellung eines Berufs in der gesellschaftlichen
Hierarchie der Berufe bedeutet nicht, dass der Einfluss weiterer Merkmale des Berufs auf die
Belastungssituation und damit auf die Gesundheit abgestritten wird. Im Kontext der hier
verfolgten Fragestellung, den Zusammenhang zwischen der sozialen Ungleichheit und der
Gesundheit zu erklären, spielen diese Merkmale jedoch keine Rolle, da sie nicht zur Charakterisierung der beruflichen Ungleichheit herangezogen werden. Eine arbeitssoziologische oder
arbeitsmedizinische Untersuchung im engeren Sinne ist hier nicht beabsichtigt und kann auch
nicht geleistet werden (vgl. auch Jansen 2000: 43f.).
Neben den Belastungen durch eine Erwerbsarbeit dürften Belastungen in Haushalt und
Familie von besonderer Bedeutung für das Wohlbefinden und die Gesundheit sein. Diese
Belastungen wurden in der vorliegenden Studie ebenfalls erfasst, wenn auch nicht so differenziert wie die Belastungen am Arbeitsplatz. Es wird hier davon ausgegangen, dass die
(subjektiven und objektiven) Belastungen durch die Haus- und Familienarbeit ähnlich wie
Belastungen durch Erwerbsarbeit einen negativen Einfluss auf die Gesundheit haben. Mit
einem entsprechenden Einkommen lassen sich diese Belastungen durch den Einkauf entsprechender Dienstleistungen jedoch reduzieren. Es wird daher von einem negativen Zusammenhang zwischen Einkommen und Belastungen durch Haus- und Familienarbeit ausgegangen.
Die Hypothesen lauten also:
H4:
Je höher das Einkommen, desto geringer sind die Belastungen durch Haus- und
Familienarbeit.
7
H5a:
Je höher die Belastungen durch Haus- und Familienarbeit sind, desto eher tritt gesundheitsschädigendes Verhalten auf.
H5b:
Je höher die Belastungen durch Haus- und Familienarbeit sind, desto schlechter ist die
Gesundheit.
Diese Belastungen werden vorwiegend die Gesundheit von Frauen beeinflussen, da Hausarbeit noch immer überwiegend „Frauensache“ ist. Zudem kann davon ausgegangen werden,
dass entsprechende Belastungen in jedem Fall eine negative gesundheitliche Belastung
entfalten, da Hausarbeit nur ein geringes soziales Ansehen genießt (Verbundprojekt – Frauengesundheit in Deutschland 2001: 435). Eine zu Hypothese H3a bzw. H3b analoge Hypothese
entfällt somit.
2.2 Soziale Netzwerke und Gesundheit
Menschen sind Belastungen, wie sie im letzten Abschnitt beschrieben wurden, nicht hilflos
ausgeliefert. Vielmehr verfügen die meisten Menschen über persönliche und soziale Ressourcen, die ihnen helfen, solche Belastungen zu bewältigen oder zumindest ihre gesundheitsschädliche Wirkung abzumildern. Eine wichtige Ressource zur Bewältigung von Belastungen
stellt das Netzwerk sozialer Unterstützungsbeziehungen dar. In der einschlägigen Literatur
werden v.a. zwei Mechanismen beschrieben, wie sich soziale Unterstützung auf das Wohlergehen und die Gesundheit auswirken kann (vgl. Waltz 1981). Einerseits soll soziale Unterstützung einen direkten positiven Einfluss auf die Gesundheit haben. Nach dieser Vorstellung
fördert ein intaktes soziales Netzwerk das Wohlbefinden, während umgekehrt „fehlender oder
schwacher sozialer Rückhalt für sich genommen eine chronische soziale Risikosituation
darstellt, die Distress (und damit erhöhte Erkrankungsgefahr) auszulösen vermag“ (Siegrist
1995: 182).7 Eine zweite Vorstellung geht davon aus, dass das soziale Netzwerk nur dann
gesundheitsrelevant wird, wenn eine Person Belastungen ausgesetzt ist. Verfügt sie in dieser
Situation über die notwendige soziale Unterstützung, dann wird sie diese Belastungen besser
bewältigen und diese werden sich dementsprechend weniger negativ auf die Gesundheit
auswirken als es der Fall wäre, wenn keine oder nicht ausreichende Unterstützung verfügbar
ist. Die erste Vorstellung über den Einfluss des sozialen Netzwerks auf die Gesundheit wird
auch als Direkteffekt-Hypothese bezeichnet, die zweite als Puffer-Hypothese. Folgt man
7 Mit Distress bezeichnet Siegrist Stressoren, die einen negativen Effekt auf die Gesundheit haben; z.B. die
wiederholte Erfahrungen bestimmten Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Das Antonym, Eustress, bezeichnet ebenfalls Stressoren, die jedoch nach erfolgreicher Bewältigung das Selbstwertgefühl und die internen Kontrollüberzeugungen steigern bzw. festigen und damit einen positiven Einfluss auf die Gesundheit
ausüben, z.B. die erfolgreiche Bearbeitung einer schwierigen Arbeitsaufgabe.
8
Waltz (1981), so müssen sich diese beiden Effekte nicht ausschließen, sondern können sich
ergänzen.
Nun stellt sich die Frage, ob das Ausmaß der sozialen Unterstützung dazu geeignet ist, den
Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit zu erklären. Eine notwenige
Voraussetzung hierfür wäre, dass das Ausmaß der sozialen Unterstützung mit dem sozialen
Status zunimmt. Wie die Ergebnisse der Netzwerkforschung zeigen, variieren tatsächlich eine
Reihe von Netzwerkmerkmalen positiv mit dem sozialen Status. So nehmen die Größe und
die Heterogenität des sozialen Netzwerks einer Person und damit ihr soziales Kapital im
Sinne Bourdieus (1983) mit ihrem sozialen Status zu (Fischer 1982; Kecskes und Wolf 1996;
Marsden 1987; Pappi und Melbeck 1988). Das zur Verfügung stehende soziale Kapital sollte
seinerseits eine gesundheitsfördernde Wirkung haben, da mit dem Umfang des sozialen
Kapitals auch die Wahrscheinlichkeit steigt, die jeweils benötigte Unterstützung zu erhalten.
Es lassen sich somit die folgenden Hypothesen formulieren:
H6:
Je höher die soziale Position einer Person ist, desto größer das soziale Kapital, auf das
sie zurückgreifen kann.
H7:
Je höher das soziale Kapital, über das eine Person verfügt, desto besser ist die Gesundheit. (Direkteffekt-Hypothese)
H8:
Je höher die Belastungen, denen eine Person ausgesetzt ist, und je niedriger das
soziale Kapital, über das sie verfügt, desto schlechter ist ihre Gesundheit. (PufferHypothese)
Nicht alle Dimensionen sozialer Netzwerke variieren positiv mit dem sozialen Status. Einige
Dimensionen sind gar nicht oder nur geringfügig vom Status abhängig, z.B. die Anzahl
Verwandter; diese werden hier nicht weiter betrachtet. Andere Dimensionen sind negativ mit
dem Status korreliert, unter diesen ist die Geschlossenheit der Netzwerke von besonderer
Bedeutung. So haben statusniedrige Personen dichtere Netzwerke mit einem höheren Anteil
von Verwandten und Personen, die in geographischer Nähe wohnen, als statushohe Personen
(Fischer 1982; Kecskes und Wolf 1996; Laumann 1973). Mit Bezug auf die gesundheitliche
Bedeutung dieses Aspekts stellt sich daher die Frage, ob die Geschlossenheit der Netzwerke
in der Lage ist, den Mangel an persönlichen Ressourcen auszugleichen und damit positiv auf
die Gesundheit zu wirken, oder ob im Gegenteil die Geschlossenheit der Netzwerke eine
weitere Benachteiligung darstellt, die die Bewältigung von Belastungen erschwert und
schließlich negative Folgen für die Gesundheit zeitigt. In der einschlägigen Literatur wurde
diese Frage m.E. bisher kaum untersucht. Die einzige mir bekannte Hypothese zum Zusammenhang zwischen Netzwerkdichte und Gesundheit formulieren Pescosolido und Georgianna
9
(1989) bei ihrem Versuch, Durkheims Überlegungen zum Zusammenhang von Religionszugehörigkeit und Selbstmordrate zu explizieren. Sie vermuten, dass sowohl sehr dichte Netzwerke, wie sie in Sekten vorliegen, als auch die Abwesenheit jeglicher Bindung die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordes erhöhen. Das heißt sie postulieren einen U-förmigen
Zusammenhang zwischen Netzwerkdichte und Selbstmordneigung (ebenda: 44). Ob sich
dieser Zusammenhang generell auf gesundheitliche Phänomene übertragen lässt, soll im
Folgenden geprüft werden. Die entsprechenden Hypothesen lauten also:
H9:
Je höher der soziale Status, desto geringer die Geschlossenheit der sozialen Netzwerke.
H10:
Wenn das soziale Netzwerk einer Person kaum oder aber sehr stark geschlossen ist,
dann ist ihre Gesundheit schlechter als bei Personen mit einem mittleren Grad der
Netzwerkschließung.
Während sich die letzten Hypothesen auf den Zusammenhang zwischen sozialen Netzwerken
und Gesundheit beziehen, stellt sich die Frage, ob auch das Gesundheitsverhalten von sozialen Netzwerken beeinflusst wird. In Anlehnung an Sutherlands (1947) Theorie der differentiellen Assoziation wird hier davon ausgegangen, dass gesundheitsschädigendes Verhalten in
Interaktionen mit anderen gelernt und bestärkt wird. Demnach erhöht der persönliche Umgang mit Menschen, die z.B. (stark) rauchen oder häufig viel Alkohol trinken, die Wahrscheinlichkeit, selbst gesundheitsschädigende Verhaltensweisen auszuüben. Das Erlernen
gesundheitsschädigender Verhaltensweisen kann zwar nur in einer Längsschnittstudie untersucht werden (für Beispiele siehe Cohen 1979, Kandel 1978). Da aber nach der Theorie der
differentiellen Assoziation auch ein Stabilisierungseffekt des gelernten Verhaltens durch
regelmäßige Interaktionen stattfindet, sollte sich auch im Querschnitt ein positiver Zusammenhang zwischen gesundheitsschädigendem Verhalten einer Person und dem ihrer Netzwerkpersonen zeigen. Die entsprechende Hypothese lautet also:
H11:
Je verbreiteter gesundheitsschädigende Verhaltensweisen im Netzwerk einer Person
sind, desto eher wird sie selbst gesundheitsschädigendes Verhalten ausüben.
Wird das eigene Gesundheitsverhalten konstant gehalten, ist nicht davon auszugehen, dass
das Gesundheitsverhalten Dritter einen Einfluss auf die eigene Gesundheit hat – eine Ausnahme ist das Passivrauchen. Daher entfällt eine zu Hypothese 11 vergleichbare Hypothese
für die Gesundheit.
10
2.3 Lebensstil und Gesundheit
Der im Vergleich zu den 1950er Jahren gestiegene Wohlstand der Bevölkerung bietet den
Menschen heute mehr Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten und einen eigenen Lebensstil zu
entwickeln. „Lebensstile sind gruppenspezifische Formen der Alltagsorganisation und
-gestaltung, die auf der Ebene des kulturellen Geschmacks und der Freizeitaktivitäten symbolisch zum Ausdruck kommen. Sie dienen ... der aktiven Zuordnung zu und Abgrenzung von
kollektiv geteilten Lebensweisen.“ (Spellerberg 1996: 57) Ein Lebensstil ist somit zugleich
Ausdruck der Individualität (Expressivitätsfunktion des Lebensstils) und Ausdruck der
Zugehörigkeit zu einer bestimmten Lebensstilgruppe sowie Ausdruck der Abgrenzung gegen
andere Lebensstilgruppen (Identifizierbarkeits- und Distinktionsfunktion des Lebensstils)
(ähnlich Hartmann 1999: 46f.). Der Lebensstil ist damit Ausdruck der personalen und sozialen Identität (Lüdtke 1989: 41).
Mit dem Lebensstilkonzept tritt eine (analytisch) nicht-hierarchische, horizontale Form der
sozialen Ungleichheit neben die klassischen, vertikalen Konzepte sozialer Ungleichheit.
Letztere prägen die Lebenschancen nach wie vor in besonderer Weise. Allerdings bieten diese
Faktoren heute mehr Raum für eine Stilisierung des Lebens, und daher kann die Kenntnis des
Lebensstils einen Beitrag zur Erklärung von Verhaltensweisen liefern. Merkmale wie das
Einkommen, der Beruf und die Bildung stecken somit den Rahmen ab, innerhalb dessen sich
Lebensstile entfalten und soziale Milieus entstehen.
Die bisherigen Erörterungen zum Lebensstilbegriff sollten deutlich gemacht haben, dass hier
ein soziologischer Lebensstil-Ansatz (Pientka 1994) zugrunde gelegt wird, der aus den
neueren Theorien sozialer Ungleichheit entnommen ist. (Genauer: Hier wird der Lebensstilansatz von Schulze (1992) verfolgt, siehe dazu weiter unten.) Diesem soziologischen Ansatz
stehen in der Gesundheitssoziologie Ansätze zur Identifikation sogenannter gesundheitsrelevanter Lebensstile gegenüber (Abel 1991, 1997). Diese Richtung wird hier aus drei Gründen
nicht weiter verfolgt. Erstens steht in dieser Arbeit der Einfluss der sozialen Ungleichheit auf
die Gesundheit im Vordergrund. Deshalb wird auf die allgemeinen Lebensstilansätze der
Soziologie sozialer Ungleichheit zurückgegriffen. Zweitens scheint es unter theoretischen
Gesichtspunkten erstrebenswerter, zu prüfen, wie weit ein allgemeines Lebensstilkonzept
trägt, statt für jeden Gegenstandsbereich eine spezifische Konzeption des Lebensstils zu
entwickeln (etwa einen Lebensstil des Nahrungsmittelkonsums, einen des Medienkonsums,
einen des Urlaubverhaltens etc.). Drittens besteht die Gefahr, dass die Erklärung von Verhalten auf der Basis solcher bereichsspezifischer Lebensstile tautologisch wird. Folgt man z.B.
Abel und Kohlmann (1989: 73) und misst gesundheitliche Lebensstile mit Items „including
11
eating habits, alcohol consumption, and smoking“, dann kann ein solches Maß nicht zur
Erklärung des Rauchens, des Alkoholkonsums oder der Ernährungsweise verwendet werden.
Die Festlegung auf die Verwendung eines allgemeinen Lebensstilkonzepts darf jedoch nicht
darüber hinweg täuschen, dass es der Soziologie sozialer Ungleichheit bis heute noch nicht
gelungen ist, ein einheitliches Konzept und Messinstrument für die Erhebung des Lebensstils
zu entwickeln. Aus der Vielzahl der Angebote wurde für die vorliegende Studie auf die
Konzeption von Gerhard Schulze (1992, 1999) zurückgegriffen. Diese Konzeption hat den
Vorteil, dass sie gut dokumentiert ist und in mehreren Studien erfolgreich repliziert wurde
(Friedrichs, Kecskes und Wolf 2002; Hartmann 1999; Müller-Schneider 2000; Voll 2001).
Schulzes Lebensstilansatz ist mit zwei empirischen Konzepten verknüpft: alltagsästhetischen
Schemata und sozialen Milieus. „Alltagsästhetische Schemata bestehen in der Zuordnung von
Bedeutungen zu Zeichengruppen. Für dieses Zuordnungsverhältnis gilt eine dreifache Generalisierung: Zeichengruppen werden von den Angehörigen einer Deutungsgemeinschaft in etwa
derselben Weise abgegrenzt; eine gegebene Person legt in die vielen Zeichen einer Gruppe
immer wieder ähnliche Bedeutungen hinein; Teile dieser zeichenübergreifenden persönlichen
Lesarten sind intersubjektiv verbreitet.“ (Schulze 1992: 129) Schulze unterscheidet drei
besonders ausgeprägte Schemata: das Hochkulturschema, das Trivialschema und das Spannungsschema. Zu diesen Gruppen von Zeichen mit einer jeweils gemeinsamen Bedeutung
kann jede Person eine gewisse Nähe oder Distanz aufweisen. Die drei Schemata sind so
konzipiert, dass sie theoretisch unabhängig voneinander sind, d.h. die Nähe zu einem Schema
schließt die Nähe zu einem anderen Schema nicht aus. Diese Annahme wird auch durch
verschiedene empirische Studien gerechtfertigt (z.B. Friedrichs, Kecskes und Wolf 2002:
212). Technisch gesprochen handelt es sich bei diesen Schemata also um drei kontinuierliche
Variablen, die zwischen großer Distanz und großer Nähe variieren und einen dreidimensionalen Raum aufspannen (Schulze 1992: 157). Um nun Hypothesen über den Zusammenhang
von Schemata und Gesundheit abzuleiten, müssen die Eigenschaften dieser Schemata, wie
Schulze sie beschreibt, näher betrachtet werden.
Zeichen für das Hochkulturschema sind die Lektüre „guter“ Bücher, der Besuch von Theaterund Konzertveranstaltungen sowie ein Interesse für Kultur- und Nachrichtensendungen.
Äußeres Zeichen für die Nähe zu diesem Schema ist eine hohe Bildung und damit auch ein
höheres Berufsprestige und ein höheres Einkommen (Friedrichs, Kecskes und Wolf 2002:
133). Das Hochkulturschema ist eher durch psychische als physische Genüsse gekennzeichnet. Es „zielt ... nicht ... direkt auf physische Reize ab wie etwa die Feinschmeckerei oder das
Tanzen“ (Schulze 1992: 143). Gleichzeitig kann vermutet werden, dass Disziplin und Selbst-
12
kontrolle in diesem Schema eine wichtige Rolle spielen. Diese Eigenschaften sind auch
Voraussetzung für die regelmäßige Ausübung sportlicher Aktivitäten und die Kontrolle des
Genussmittelkonsums und der Ernährungsweise. Daher grenzen sich Personen mit einer Nähe
zum Hochkulturschema u.a. von den „biertrinkende(n) Vielfernseher(n)“ ab (ebenda: 146).
Diese Charakterisierung würde erwarten lassen, dass die Nähe zum Hochkulturschema mit
gesundheitsfördernden Verhaltensweisen verknüpft ist. Andererseits schreibt Schulze, die
Nähe zu diesem Schema sei „geprägt von einer Zurücknahme des Körpers“ (ebenda: 143) und
verpönt seien „das Geräuschvolle, das Schwitzen, das Riechen, die Korpulenz“ (ebenda: 146).
Dies könnte darauf hindeuten, dass die Nähe zum Hochkulturschema mit einer geringeren
sportlichen Aktivität einhergeht. Es ist jedoch zu vermuten, dass hier das Schwitzen beim
Arbeiten oder beim Feiern (z.B. im Bierzelt) gemeint ist und weniger ein durch systematisches Training kontrolliert herbeigeführtes und danach schnell abgewaschenes Schwitzen
durch sportliche Aktivitäten. Diese dienen ja u.a. auch dazu, „Korpulenz“ zu vermeiden oder
im Rahmen zu halten. Auf der Grundlage dieser Beschreibungen können die folgenden
Hypothesen formuliert werden:
H12:
Je höher der soziale Status, desto größer die Nähe zum Hochkulturschema.
H13a: Je größer die Nähe zum Hochkulturschema, desto seltener werden gesundheitsschädigende Verhaltensweisen ausgeübt.
H13b: Je größer die Nähe zum Hochkulturschema, desto besser die Gesundheit.
Die Zeichen für das Trivialschema umschließen eine Vorliebe für Heimatfilme, Volksmusik
und deutsche Schlager. Die Nähe zum Trivialschema steigt mit dem Alter und sinkt mit dem
sozialen Status. „Der Körper spielt im Genussschema des Trivialschemas eine aktivere Rolle
als beim Hochkulturschema.“ (ebenda: 150) „Ob im Bierzelt oder beim Volksliederabend, bei
der Kaffeefahrt im Autobus oder beim Trachtenumzug, der Körper kommt zu seinem Recht,
er darf sich bewegen, ohne sich anstrengen zu müssen, darf laut sein, essen und trinken,
berühren und berührt werden. Er darf sich bemerkbar machen, ein bisschen gehenlassen und
so bleiben, wie er ist, mag er nun dick oder dünn, groß oder klein, jünger oder älter sein.“
(ebenda: 151) Diese Beschreibung, die von Schulze pointiert mit dem Begriff der Gemütlichkeit umschrieben wird, lässt vermuten, dass Personen mit einer Nähe zum Trivialschema sich
den (einfachen) Genüssen des Lebens hingeben, ‚gut’ essen und trinken und keine Notwendigkeit sehen, ihren Körper durch systematische sportliche Betätigung in Form zu halten. Es
lässt sich daher folgende Vermutung formulieren:
13
H14:
Je höher der soziale Status, desto größer die Distanz zum Trivialschema.
H15a: Je größer die Nähe zum Trivialschema, desto häufiger werden gesundheitsschädigende
Verhaltensweisen ausgeübt.
H15b: Je größer die Nähe zum Trivialschema, desto schlechter die Gesundheit.
Das dritte alltagsästhetische Schema, das Spannungsschema, ist durch eine Vorliebe für
Rock- und Popmusik, den Besuch von Kino und Diskothek, Ausgehen und Abwechslung
gekennzeichnet (Schulze 1992: 154). Action ist der Begriff, der die Erlebnisqualität dieses
Schemas am besten beschreibt. Als äußeres Zeichen für dieses Schema gilt insbesondere das
Alter, mit dessen Anstieg die Distanz zu diesem Schema zunimmt. Allerdings gilt hier auch,
dass es eher darauf ankommt, wie alt man sich fühlt als wie alt man ist. In diesem Schema
„spielt der Körper eine zentrale Rolle“ (ebenda). „Man agiert sich aus (Disco, Sport, PopKonzerte), verwendet Zeit und Geld für die äußere Erscheinung, zeigt sich her, mustert die
anderen.“ (ebenda: 154f.) Aufgrund dieser Beschreibung kann erwartet werden, dass eine
Nähe zum Spannungsschema positiv mit der Ausübung von Sport assoziiert ist. Mit Bezug
auf das Rauchen und den Alkoholgenuss kann dagegen eher ein gegenläufiger Zusammenhang vermutet werden. Beide Verhaltensweisen können kombiniert mit der ‚richtigen Umgebung’ die Erlebnisqualität (vermeintlich) steigern, sollten also bei denen, die eine größere
Nähe zum Spannungsschema aufweisen auch häufiger zu beobachten sein. Aus diesen
Überlegungen ergeben sich damit die folgenden Hypothesen:
H16:
Je größer die Nähe zum Spannungsschema, desto häufiger wird Sport ausgeübt.
H17:
Je größer die Nähe zum Spannungsschema, desto größer der Konsum von Tabakwaren
und Alkohol.
Inwieweit sich diese Verhaltensweisen mit Bezug auf die Gesundheit neutralisieren oder ob
die gesundheitsfördernden Aspekte der sportlichen Betätigung oder aber die gesundheitsschädigenden Aspekte des Rauchens und des Alkoholgenusses die Oberhand gewinnen, muss hier
offen bleiben.
Soziale Milieus, als zweites Element der Schulzeschen Konzeption von Lebensstilen, basieren
auf einer spezifischen Kombination der drei alltagsästhetischen Schemata, so dass fünf
disjunkte Gruppen unterschieden werden können (vgl. weiter unten Abbildung 4.4):8 Das
8 Gleichzeitig zeichnen sich die Milieus durch eine spezifische Kombination der „Milieuzeichen“ Alter und
Bildung aus (Schulze 1992: 188-192, 278ff.), die hier jedoch nicht zur Identifizierung der Milieus herangezogen werden, sondern lediglich zu ihrer Beschreibung. Stattdessen werden die Milieus allein auf der Basis
14
Niveau-, das Integrations-, das Harmonie-, das Selbstverwirklichungs- und das Unterhaltungsmilieu.
Das Niveaumilieu „ist ganz auf das Hochkulturschema ausgerichtet“, „um es zu besichtigen,
muß man nur während der Konzertpause ins Foyer gehen“ (Schulze 1992: 283). Dementsprechend weisen die Mitglieder dieses Milieus eine hohe Distanz zum Trivial- und Spannungsschema auf. Unter sozialstrukturellen Gesichtspunkten handelt es sich bei diesem Milieu um
eine Gruppe von älteren Personen mit hoher Bildung, die in gehobenen beruflichen Positionen
beschäftigt sind und über ein überdurchschnittlich hohes Einkommen verfügen (Friedrichs,
Kecskes und Wolf 2002: 134ff.).
Das Integrationsmilieu zeichnet sich durch eine gemäßigte Nähe zum Hochkultur- und zum
Trivialschema sowie durch eine gewisse Distanz zum Spannungsschema aus. Überspitzt
spricht Schulze (1992: 301) von einer „Ehe von Kitsch und Kunst“. „Das Besondere an
diesem Milieu ist seine Durchschnittlichkeit“, seine „gediegene Mittellage“ (ebenda). Bei den
Angehörigen dieses Milieus handelt es sich um ältere Personen, die mittlere Positionen in der
Angestellten- und Beamtenschaft besetzen.
Das Harmoniemilieu steht dem Trivialschema nahe und weist eine Distanz zum Hochkultursowie Spannungsschema auf. „Gemütlichkeit als Genussform, Harmonie als Lebensphilosophie“ zeichnet dieses Milieu aus (ebenda: 297). Sozialstrukturell hat dieses Milieu seine Basis
unter älteren Personen in unteren Berufsgruppen, seine Mitglieder haben dementsprechend
eine geringe Bildung und ein geringes Einkommen.
Das Selbstverwirklichungsmilieu weist wie das Niveaumilieu eine Nähe zum Hochkulturschema und eine Distanz zum Trivialschema auf. Es unterscheidet sich jedoch von diesem
durch seine gleichzeitige Nähe zum Spannungsschema: Kennzeichnend ist „der Grenzverkehr
zwischen verschiedenen alltagästhetischen Zeichen- und Bedeutungskosmen, zwischen
Mozart und Rockmusik, Kunstausstellung und Kino, Kontemplation und Action“ (ebenda:
312). Seine Mitglieder verfügen typischerweise über eine sehr hohe Bildung, sie sind jünger
und stehen daher meist am Anfang einer beruflichen Karriere, die auf gehobene berufliche
Positionen gerichtet ist.
Das Unterhaltungsmilieu schließlich steht nur dem Spannungsschema nahe. Dieses Milieu
bedient sich „mehr als jedes andere solcher Erlebnisangebote, die reines Aktiviert-Werden
ohne ästhetische Dekodierungsarbeit verheißen, oft in Verbindung mit Unterhaltungsmaschi-
der Stilelemente – d.h. der alltagsästhetischen Schemata – gebildet (vgl. dazu die Diskussion in Abschnitt
4.2.2 weiter unten).
15
nen“ (ebenda: 326). Angehörige dieses Milieus sind eher jünger, weniger gut gebildet und
gehen häufiger manuellen Berufen nach.
Nimmt man diese kurzen Charakterisierungen der Milieus zusammen mit den oben entwickelten Vermutungen zum Einfluss der alltagsästhetischen Schemata auf die Gesundheit bzw. das
Gesundheitsverhalten, lassen sich folgende Hypothesen formulieren:9
H18:
Niveau- und Selbstverwirklichungsmilieu weisen von allen Milieus den höchsten
sozialen Status auf, es folgen das Integrations- und das Unterhaltungsmilieu und das
Harmoniemilieu ist durch den niedrigsten sozialen Status gekennzeichnet.
H19a: Ordnet man die sozialen Milieus aufsteigend nach dem Grad ihres gesundheitsschädigenden Verhaltens, sollten sich folgende drei Gruppen ergeben: Niveaumilieu und
Selbstverwirklichungsmilieu mit der geringsten Rate an gesundheitsschädigendem
Verhalten, Integrationsmilieu und Unterhaltungsmilieu in einer mittleren Position,
Harmoniemilieu mit der höchsten Rate gesundheitsschädigender Verhaltensweisen.
H19b: Ordnet man die sozialen Milieus aufsteigend nach dem Ausmaß ihrer Gesundheit,
sollten sich drei Gruppen ergeben: Harmoniemilieu, Integrationsmilieu und Unterhaltungsmilieu, Niveaumilieu und Selbstverwirklichungsmilieu.
2.4 Gesundheitsverhalten und Gesundheit
Gesundheitsrelevantes Verhalten hat einen Einfluss auf die Gesundheit, sonst wäre dieses
Verhalten falsch bezeichnet. Ob sich dieser Zusammenhang jedoch auch in einer Querschnittsstudie nachweisen lässt, ist fraglich, zumal bei einem solchen Design kein empirischer
Nachweis über die kausale Richtung des Zusammenhangs möglich ist.
Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass der Effekt des Gesundheitsverhaltens auf die
Gesundheit mit einer sehr großen Verzögerung eintreten kann – vgl. Silbereisen (1997: 201),
der von einem „Incubation“ oder „Sleeper-Effekt“ spricht. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass gesundheitlich relevante Verhaltensweisen, wie anderes Verhalten auch,
habitualisiert und relativ dauerhaft sind. Ist diese Vermutung richtig, dann stellt das zum
Zeitpunkt des Interviews berichtete Verhalten einen guten Näherungswert für das frühere
Verhalten dar.
Trotz dieser Schwierigkeiten berichten verschiedene Studien auf Basis von Querschnittsdaten
von negativen Korrelationen zwischen gesundheitsschädigendem Verhalten und Gesundheit.
So zeigen Manderbacka, Lundberg und Martikainen (1999), dass starkes Rauchen, Bewegungsmangel und starker Alkoholkonsum (allerdings auch Alkoholabstinenz) negativ mit der
gesundheitlichen Selbsteinschätzung assoziiert sind. Ähnlich zeigt Blaxter (1990: 189ff.),
9 Die Ableitung dieser Hypothesen kann auch anhand der Abbildung A1 in Anhang 1 nachvollzogen werden.
16
dass Raucher ihre Gesundheit schlechter beurteilen und über mehr Beschwerden klagen als
Nichtraucher. Allerdings hatten ehemalige Raucher einen noch deutlich schlechteren Gesundheitszustand als Raucher. „The fact that the health status of this group was worse than that of
current smokers must obviously not be taken as suggesting that health deteriorates on giving
up smoking: rather, those who give up smoking are likely to be in poor health.“ (ebenda: 192)
Eine genauere Untersuchung zeigte dann, dass es vor allem diejenigen waren, die ein Jahr vor
der Studie mit Rauchen aufgehört hatten, während sich diejenigen, die mehr als fünf Jahre
nicht geraucht hatten, kaum noch von denjenigen, die nie geraucht hatten, unterschieden
(ebenda: 192).
Für sportliche Betätigung kommt Blaxter (1990:197) zu demselben Ergebnis wie Manderbacke et al. (s.o.): Mehr sportliche Betätigung führt zu einer besseren Gesundheit. In Bezug auf
den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Gesundheit kommt Blaxter zu keinem
klaren Ergebnis; es überwiegen jedoch die positiven Effekte des Alkoholkonsums auf die
Gesundheit.
Wie das angeführte Beispiel der ehemaligen Raucher zeigt, kann der Gesundheitszustand
auch einen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten haben. Ein anderes Beispiel sind Probleme
mit den Knien oder dem Rücken, die der Ausübung vieler Sportarten im Wege stehen;
allerdings kann in diesen Fällen auch eine spezifische Gymnastik für die nötige Bewegung
sorgen.
Trotz der angeführten methodischen Schwierigkeiten, gehe ich von folgender Hypothese aus:
H20:
Je mehr gesundheitsschädigendes Verhalten ausgeübt wird, desto schlechter ist die
Gesundheit.
2.5 Zusammenfassung der theoretischen Überlegungen
Die bisher diskutierten Zusammenhänge sind schematisch in Abbildung 2.1 wiedergegeben.
Nach diesem Modell wird der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit vermittelt durch die Belastungen, denen eine Person ausgesetzt ist, durch die soziale
Unterstützung, die eine Person genießt, durch den Lebensstil einer Person und durch ihr
gesundheitsschädigendes bzw. –förderndes Verhalten. Neben den in Abbildung 2.1 dargestellten Merkmalen wird in den folgenden Analysen immer auch das Geschlecht und das Alter
kontrolliert. Durch die Berücksichtigung dieser grundlegenden demographischen Variablen
17
Abbildung 2.1: Das heuristische Modell der Untersuchung
Belastungen
Gesundheitsverhalten
Soziale
Ungleichheit
Soziale
Netzwerke
Krankheit/
Gesundheit
Lebensstile
Makroebene
Mesoebene
Mikroebene
werden vor allem biologische Einflüsse auf die Gesundheit kontrolliert, d.h. der Alterungsprozess und die physiologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen.10
Aus diesen allgemeinen Überlegungen wurden konkrete Hypothesen abgeleitet, die in den
Tabellen 2.1 und 2.2 zusammengestellt sind. Die erste Tabelle enthält die vermuteten Effekte
der verschiedenen Merkmale sozialer Ungleichheit auf die hier betrachteten intervenierenden
Variablen. Da die Merkmale der sozialen Ungleichheit trotz einer (geringfügigen) Zunahme
der Statusinkonsistenz noch immer deutlich positiv miteinander korreliert sind (Friedrichs,
Kecskes und Wolf 2002: 124ff.), kann vermutet werden, dass die angegebene Einflussrichtung für ein Merkmal der sozialen Ungleichheit (zumindest bivariat) auch für die jeweils
anderen Merkmale der sozialen Ungleichheit gelten. Vereinfacht kann daher davon ausgegangen werden, dass mit steigendem sozialen Status die Belastungen, die Geschlossenheit der
sozialen Netzwerke und die Nähe zum Trivialschema abnehmen, während das soziale Kapital
und die Nähe zum Hochkulturschema zunehmen. Über den Zusammenhang zwischen dem
sozialen Status und dem gesundheitsschädigenden Verhalten der Netzwerkpersonen und dem
Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und dem Spannungsschema konnten keine
Hypothesen formuliert werden. Hypothese 18, in der der Einfluss des sozialen Status auf die
Milieuzugehörigkeit formuliert ist, wurde nicht in Tabelle 2.1 aufgenommen.
Tabelle 2.2 fasst die Hypothesen zum Effekt der intervenierenden Variablen auf das gesundheitsschädigende Verhalten bzw. die Gesundheit zusammen. Belastungen durch Erwerbsar10 Natürlich sind Alter und Geschlecht auch in vielfältiger Weise „soziale“ Merkmale, die sich z.B. in der
stärkeren Erwerbsbeteiligung von Männern oder in dem (verordneten) Rückzug älterer Menschen aus dem
Arbeitsleben niederschlagen. Allerdings werden diese „sozialen“ Anteile von Alter und Geschlecht durch die
anderen Merkmale (zumindest teilweise) explizit berücksichtigt, so dass ihre „biologischen Anteile“ überwiegen werden.
18
beit, aber auch durch die Haus- und Familienarbeit, gesundheitsschädigendes Verhalten der
Netzwerkpersonen und eine Nähe zum Trivialschema fördern gesundheitsschädigendes
Verhalten und/oder schwächen die Gesundheit. Dagegen wird die Gesundheit durch viel
soziales Kapital und eine Nähe zum Hochkulturschema geschützt.
Tabelle 2.1:
Effekte der Merkmale sozialer Ungleichheit auf die intervenierenden
Variablen a
Belastungen
soziales
Kapital
Bildung
Trivialschema
Spannungsschema
– (H14)
– (H1)
Beruf
– (H4)
Einkommen
sozialer Status
Geschlossen- GSV der Hochkulturheit der
Netzwerkschema
Netzwerke personen b
+ (H12)
c
+ (H6)
– (H9)
a +: positiver Einfluss; –: negativer Einfluss; in Klammern Nummer der Hypothese.
b GSV: Gesundheitsschädigendes Verhalten.
c Sozialer Status wird hier zum einen als Sammelbezeichnung der drei Einzeldimensionen sozialer Ungleichheit verwendet, zum anderen zur Bezeichnung eines zusammenfassenden Indexes.
Die Effekte der Geschlossenheit der Netzwerke und der Nähe zum Spannungsschema auf die
Gesundheit sind etwas komplizierter. Für das erste Merkmal wird eine umgekehrt U-förmige
Beziehung vorhergesagt, d.h. mittlere Grade der Netzwerkgeschlossenheit sind gut für die
Gesundheit. Für den Einfluss des Spannungsschemas auf die Gesundheit konnte keine eindeutige Hypothese formuliert werden, da von widersprüchlichen Einflüssen auf das Gesundheitsverhalten ausgegangen wird.
Mit Bezug auf den Zusammenhang zwischen den fünf sozialen Milieus oder Lebensstilgruppen und dem Gesundheitsverhalten lautet die Vermutung, dass die Angehörigen des Harmoniemilieus am meisten, die Mitglieder des Niveau- und Selbstverwirklichungsmilieus am
wenigsten gesundheitsschädigende Verhaltensweisen ausüben und die Mitglieder des Integrations- und Unterhaltungsmilieus eine Zwischenstellung einnehmen. Für die Gesundheit sollte
sich ein dazu spiegelbildliches Ergebnis zeigen. Die Angehörigen des Selbstverwirklichungsund Niveaumilieus sollten also über die beste Gesundheit verfügen, die Mitglieder des
Unterhaltungs- und Integrationsmilieus sollten eine mittlere Position einnehmen und die
Angehörigen des Harmoniemilieus sollten durchschnittlich den schlechtesten Gesundheitszustand aufweisen.
Die letzte Hypothese bezieht sich auf den Zusammenhang zwischen gesundheitsschädigendem Verhalten und der Gesundheit. Hier wird von einem negativen Einfluss ausgegangen.
19
Bevor mit der empirischen Überprüfung der Hypothesen begonnen werden kann, soll zunächst die Datengrundlage der Studie und die Operationalisierung der verwendeten Merkmale
beschrieben werden.
Tabelle 2.2:
Einflüsse auf das gesundheitsschädigende Verhalten und die Gesundheit a
Belastungen
Belastungen H niedriger Beruf
b
Gesundheitsschädigendes Verhalten
Gesundheit
+ (H2a, H5a)
– (H2b, H5b)
+ (H3a)
– (H3b)
soziales Kapital
+ (H7)
Belastungen H niedriges soziales Kapital b
– (H8)
niedrige und hohe Geschlossenheit
der sozialen Netzwerke
– (H10)
Gesundheitsschädigendes Verhalten
der Netzwerkpersonen
+ (H11)
Hochkulturschema
– (H13a)
+ (H13b)
Trivialschema
+ (H15a)
– (H15b)
Spannungsschema
für Sport
für Rauchen und Alkoholkonsum
– (H16)
+ (H17)
Milieus
Niveaumilieu
Integrationsmilieu
Harmoniemilieu
Selbstverwirklichungsmilieu
Unterhaltungsmilieu
– (H19a)
0 (H19a)
+ (H19a)
– (H19a)
0 (H19a)
Gesundheitsschädigendes Verhalten
a Es bedeuten: +: positiver Einfluss; –: negativer Einfluss;
bei den Milieus: +: überdurchschnittlich; 0: durchschnittlich; –: unterdurchschnittlich;
in Klammern Nummer der Hypothese.
b Gemeint ist ein Interaktionseffekt.
+ (H19b)
0 (H19b)
– (H19b)
+ (H19b)
0 (H19b)
– (H20)
20
3.
Datenerhebung
In diesem Kapitel werden einige zentrale Angaben zum Erhebungsinstrument, zur Organisation der Feldarbeit und zur Struktur des erhobenen Datenmaterials präsentiert.
3.1 Der Fragebogen
Die Datenerhebung zu dieser Studie erfolgte als face-to-face Befragung mit Hilfe eines
standardisierten Fragebogens. Der Fragebogen umfasste verschiedene Themenbereiche, wobei
Fragen zum Thema Gesundheit den Schwerpunkt bildeten. Unter anderem wurde nach dem
Verständnis der Begriffe ‚Krankheit’ und ‚Gesundheit’ gefragt, es wurden gesundheitsrelevante Verhaltensweisen wie das Rauchen, das Alkoholtrinken oder sportliche Aktivitäten
erhoben. Außerdem enthielt der Fragebogen verschiedene in Psychologie und Gesundheitsforschung entwickelte standardisierte Instrumente. Darunter befinden sich der SF-36 Fragebogen zum Gesundheitszustand (Bullinger und Kirchberger 1998) und die Zerssen Beschwerdeliste (v. Zerssen 1976). Neben den Fragen zur Gesundheit wurden in dem Fragebogen auch
die Themen Freizeitaktivitäten, soziale Beziehungen sowie Arbeitswelt und Familie ausführlich abgefragt (vgl. den Fragebogen im Anhang B dieses Berichts). Da der Fragebogen
ohnehin sehr lang war, wurde entschieden, einen kleinen Teil der Fragen nur jeweils der
Hälfte der Befragten zu stellen. Dies betraf die Fragen zu den Fernsehinteressen und die Frage
zur Gestaltung von Reisen.
Ein Teil der Fragen sollte von den Befragten selbst beantwortet werden. Zu diesem Zweck
wurde ein eigener kleiner Fragebogen eingesetzt, der im Folgenden auch als Selbstausfüller
bezeichnet wird. Während die Befragten mit dem Selbstausfüller beschäftigt waren, konnten
die Interviewer eine Liste von Personen zusammenstellen, die für die Erhebung der egozentrierten Netzwerke benötigt wurde.
Die durchschnittliche Dauer eines Interviews betrug 80 Minuten. Trotz der Länge des Fragebogens sagten 90% der Befragten, sie würden an einer Wiederholungsbefragung teilnehmen.
Dieser hohe Anteil kann zum einen als Anzeichen für das Interesse am Thema der Befragung
gedeutet werden. Zum anderen zeigt er aber auch, dass das Interview nur von sehr wenigen
Befragten als unangenehm empfunden wurde.
21
3.2 Der Pretest
Der Haupterhebung ging ein Pretest voraus, der im August und September 1999 von den
Studierenden des Forschungspraktikums „Soziale Ungleichheit, Krankheit und Gesundheit“
durchgeführt wurde. Für diesen Pretest wurde zunächst eine 84 Haushalte umfassende Stichprobe im Random-Route-Verfahren zusammengestellt. Diese Haushalte wurden dann vom
Untersuchungsleiter angeschrieben und gebeten, für ein Interview zur Verfügung zu stehen.
Im Rahmen des Pretests wurden insgesamt 23 Interviews realisiert. Der Pretest zeigte, dass
das Interview keine größeren Schwierigkeiten bereitete, sodass der Fragebogen bis auf wenige
Änderungen für die Haupterhebung übernommen werden konnte.
3.3 Die Haupterhebung
Die Grundgesamtheit der Studie umfasste alle Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit,
die mit erstem Wohnsitz in Köln gemeldet waren und die zwischen dem 16.11.1938 und dem
15.11.1969 geboren wurden. Diese Personen waren also zum Zeitpunkt der Stichprobenziehung zwischen 30 und 60 Jahren alt. Wegen der Größe des Kölner Stadtgebiets und den
begrenzten Mitteln, die für diese Studie zur Verfügung standen, wurde eine zweistufige
Zufallsauswahl getroffen:
Auf der ersten Stufe wurden 63 der 313 Kölner Stadtviertel ausgewählt. Die Auswahl der
einzelnen Viertel erfolgte proportional zu der Anzahl der Personen, die zur Grundgesamtheit
gehören. Auf der zweiten Stufe wurden in jedem der 63 Stadtviertel jeweils 30 Personen der
Grundgesamtheit aus dem Einwohnerregister der Stadt Köln gezogen. Abbildung 3.1 gibt die
Verteilung dieser 63 Viertel über das Stadtgebiet wieder. Insgesamt lagen somit 63H30=1.890
zufällig ausgewählte Adressen vor. Die Ziehung der Stichprobe wurde vom Amt für Statistik
und Einwohnerwesen der Stadt Köln im September 1999 vorgenommen.
Die Datenerhebung erfolgte in zwei Wellen. In der ersten Feldphase, die vom Untersuchungsleiter organisiert wurde, wurden in der Zeit zwischen Oktober 1999 und April 2000 zunächst
374 Interviews durchgeführt. Da im Laufe dieser Phase die Erfahrung gemacht wurde, dass
die Neuregelungen im Zusammenhang mit dem „Scheinselbstständigkeitsgesetz“ (Gesetz zum
Schutz der Arbeitnehmerrechte) die administrative Abwicklung von Interviews an der Universität zu Köln eine Beschäftigung von Interviewern nahezu unmöglich macht, wurde ifep,
ein Umfrageinstitut in Köln, mit der Durchführung der zweiten Welle beauftragt. In dieser
zweiten Phase wurden zwischen August und November 2000 noch einmal 321 Interviews
durchgeführt. Um die Antwortbereitschaft zu erhöhen, wurden alle Personen der Brutto-
22
Stichprobe vor einem Kontakt durch die Interviewer vom Untersuchungsleiter persönlich
angeschrieben und um ihre Mitarbeit gebeten. Darüber hinaus wurde die Studie in zwei
lokalen Zeitungen angekündigt. Das Anschreiben und Kopien der Zeitungsartikel finden sich
in Anhang C.
Abbildung 3.1:
Die Verteilung der 63 Erhebungsgebiete in Köln
Alt-W orringen
NeuW orringen
Thenhoven
Blumberg
Chorweiler
SeebergNord
e in
Volkhoven
Dünnwald
Flittard
Rh
GartenstadtNord
Stam mheim Süd
RennbahnViertel
Neuehrenfeld
NaumannViertel
ParkgürtelNord
Bickendorf
HolweideW est
HolweideO st
Dellbrück
Mülheim
Nippes
Alt-Vogelsang
Siedlung
Schlagbaum
Buchforst
Germ ania- Bergische Siedlung
Siedlung
ParkgürtelSüd
Vogelsanger
Str.
Braunsfeld
BaumeisterViertel
Neu-W eiden
Belgisches
Viertel
1
11
1
3
33
3
Bayenthal
Uni-Viertel
Deutz
W aldtier-Siedlung
Kalk
Merheim er
Höhenberg
Heide
2
22
2
Humboldt
4
44
4
Rolshoven
55
Poll
Zollstock
Rath
W esthoven
G rem berghoven
Junckersdorf
Arnoldhöhe
Siedlung
Südfriedhof
Porz-M itte
1
2
3
4
5
=
=
=
=
=
Eil-Süd
Urbach
Schillingsroth
Neu-W eiß
Cäcilien-Viertel
Georgs-Viertel
Pantaleons-Viertel
Severins-Viertel
Südstadt
Hochkirchen
Elsdorf
W ahn
2,5
5
R
0
he
in
Zündorf-Süd
Kilometer
Neben den genannten administrativen Problemen wurde die Datenerhebung durch die lange
Feldzeit, in deren Verlauf die gezogenen Adressen teilweise veralteten, erschwert. Insgesamt
konnten 10,0% der 1.890 Personen wegen falscher Adressen nicht befragt werden, in weiteren
4,7% der Fälle konnten die Personen aufgrund einer längeren Abwesenheit, wegen fehlender
oder mangelhafter Deutschkenntnisse, längerer Krankheit u.ä. nicht befragt werden (vgl.
Tabelle 3.1).11 Werden diese Personen von der Brutto-Stichprobe abgezogen, verbleibt eine
11 Im Zusammenhang mit der hier verfolgten Fragestellung ist besonders wichtig, dass nur 11 Personen (0,6%)
aufgrund eines zu schlechten Gesundheitszustands nicht an der Befragung teilnehmen konnten. Dementsprechend ist von einer nur geringen Verzerrung der abhängigen Variablen auszugehen.
23
bereinigte Stichprobe von 1.613 Personen. Von diesen konnten 10,8% nicht erreicht werden,
35,8% verweigerten ein Interview und in 7,1% der Fälle verweigerte eine dritte Person das
Interview. 2,4% konnten zwar erreicht werden, fanden jedoch keine Zeit, das Interview
durchzuführen. Befragt werden konnten schließlich 695 Personen, was einer Ausschöpfungsquote von 43,1% der bereinigten Brutto-Stichprobe entspricht (36,8% der nicht bereinigten
Brutto-Stichprobe).
Tabelle 3.1:
Ausfallgründe und Ausschöpfungsquote
Ausfallgrund
Brutto-Stichprobe
Neutrale Ausfälle
Adresse nicht gefunden
Adresse nicht eingesetzt
ZP spricht nicht deutsch
ZP zu alt, zu krank etc.
ZP längere Zeit verreist
Zwei ZPen in einem Haus
Bereinigte Brutto-Stichprobe
Systematische Ausfälle
Nicht erreicht
Verweigerung
Keine Zeit
Verweigerung durch Dritte
Nicht nachvollziehbar
Realisierte Interviews
Angaben
Absolut
in Prozent
1.890
100,0
277
14,7
189
27
24
11
12
14
10,0
1,4
1,3
0,6
0,6
0,7
1.613
100,0
906
56,2
175
578
38
115
10,8
35,8
2,4
7,1
12
0,7
695
43,1
Durchschnittlich erreichte jeder Interviewer 9,5 Interviews. Fünf Interviewern gelang kein
einziges Interview und nur zwei Interviewer führten mehr als 23 Interviews durch; einer 38
und ein weiterer sogar 91. Da diese beiden Interviewer von dem beauftragten Institut geführt
wurden, bestand keine Möglichkeit, hier rechtzeitig einzugreifen.
Alle Interviewer, auch die des beauftragten Instituts, wurden ausführlich vom Untersuchungsleiter geschult und regelmäßig kontrolliert. Dazu wurden die durchgeführten Interviews
regelmäßig auf Erhebungsfehler durchgesehen und wo nötig, wurden die Interviewer nachgeschult. Jeder Interviewer erhielt zudem ein ausführliches Merkblatt mit allgemeinen Anmerkungen zur Durchführung der Befragung und mit speziellen Hinweisen zu einzelnen Fragen
(s. Anhang C). Außerdem wurden die Angaben zum Geburtsjahr der Befragten in allen
24
Interviews mit den amtlichen Angaben verglichen. Ergaben sich hier Abweichungen, wurden
die Befragten persönlich kontaktiert und gefragt, ob tatsächlich eine Befragung stattgefunden
hatte. Die auf diese Weise identifizierten (Teil-)Fälschungen wurden nicht in den Datensatz
aufgenommen und die entsprechenden Interviewer wurden aus dem Feld entlassen.
Tabelle 3.2:
Merkmale der Interviewer
Gesamt
Forschungsinstitut
männlich
weiblich
18
27
ifep
männlich
weiblich
10
18
Anzahl der Interviewer
73
Anzahl der Interviews
Mittelwert
Median
Minimum
Maximum
695
9,5
7,0
0
91
156
8,7
7,5
1
18
218
8,1
8,0
0
22
181
18,1
7,5
0
91
140
7,8
4,5
0
38
1972
1951
1982
1972
1953
1979
1975
1966
1980
1968
1951
1982
1972
1959
1982
Geburtsjahr der Interviewer
Mittelwert
Minimum
Maximum
Insgesamt umfasst die realisierte Stichprobe die Angaben von 695 Kölnerinnen und Kölnern.
Diese Personen verteilen sich zu etwa gleichen Teilen auf die Altersgruppen der 30- bis 39Jährigen, der 40- bis 49-Jährigen und der 50- bis 60-Jährigen. Die Ausschöpfungsrate ist unter
den Frauen etwas größer als unter den Männern und unter den Älteren höher als unter den
Jüngeren. Die Verteilung der Brutto-Stichprobe und der realisierten Stichprobe nach Geschlecht und Altersgruppen kann Tabelle 3.3 entnommen werden.
Tabelle 3.3:
Altersverteilung der Brutto-Stichprobe und der realisierten Stichprobe,
nach Geschlecht, in Prozent
Männer
Frauen
Gesamt
41
27
31
1019
36
31
32
871
39
29
32
1890
Männer
Frauen
Gesamt
Alter
30-39
40-49
50-60 a
BruttoStichprobe
Gesamt (N=100%)
Alter
realisierte
Stichprobe
Gesamt (N=100%)
30-39
40-49
50-60 a
38
27
35
353
32
30
38
342
35
28
37
695
a Insgesamt 60 Personen der Brutto-Stichprobe und 19 Personen der realisierten Stichprobe sind schon 61
bzw. 62 Jahre alt.
25
Die Verkodung und Datenerfassung erfolgte für sämtliche Fragebögen im Forschungsinstitut
für Soziologie der Universität zu Köln. Die geschlossenen Fragen wurden im Feld vorverschlüsselt und mussten nur noch entsprechend erfasst werden. Die offenen Fragen wurden
zum einen numerisch verkoded, zum anderen wurden aber alle Texte auch unverändert in die
Datensätze aufgenommen. Die Verkodung der Berufsangaben wurde vom Zentrum für
Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim durchgeführt. Für die schnelle
und unbürokratische Erledigung dieser Arbeit danke ich dem Leiter der entsprechenden
Abteilung, Herrn Alfons Geis, herzlich. Die Erfassung der Daten erfolgte unter Verwendung
von SPSS Data Entry, die Datenanalyse wurde mit SPSS durchgeführt.
3.4 Das Datenmaterial
Die Daten der Befragung wurden in vier verschiedene Datensätze abgelegt (vgl. Abbildung
3.2). Der erste Datensatz enthält alle Angaben aus den 1890 Kontaktprotokollen. Anhand
dieser Daten kann jeder einzelne Kontakt nachvollzogen werden. Der zweite Datensatz
enthält die Angaben zu den Befragten. Diese Daten stammen aus dem Hauptfragebogen und
dem Selbstausfüller. Da dieser Datensatz auch Angaben zum Wohnviertel der Befragten
enthält, können diesem Datensatz ökologische Variablen zugespielt werden. Dies ist bisher
noch nicht geschehen, ist jedoch für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen.
Die Angaben zu den Kindern und die Angaben zu den Netzwerkpersonen wurden separat in
eigenen Datensätzen abgelegt, so dass getrennt Analysen für Kinder bzw. Netzwerkpersonen
möglich sind. Diese Daten können den Angaben der Befragten entweder in aggregierter Form
zugespielt werden oder die Befragtendaten werden disaggregiert und den Kindern bzw.
Netzwerkpersonen zugespielt, um so Beziehungsdaten zu erzeugen (vgl. Wolf 1993).
Abbildung 3.2:
Die Datensätze und ihre relationale Struktur
Netzwerkpersonen
5086 Einheiten
35 Variablen
Kontaktprotokolle
Befragte Personen
1890 Einheiten
113 Variablen
695 Einheiten
528 Variablen
Schlüsselvariable: ID
Schlüsselvariable: ID
Schlüsselvariable:
ID, ANR
Kinder
849 Einheiten
10 Variablen
Schlüsselvariable:
ID, KNR
26
4.
Operationalisierung und Verteilung der zentralen Variablen
Bevor mit der Überprüfung der im zweiten Kapitel präsentierten Hypothesen begonnen wird,
soll die Operationalisierung der zentralen Variablen dokumentiert werden. Dies sind die
Variablen zur Erfassung der Gesundheit, der gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen, der
Belastungen durch Arbeit und Familie, der sozialen Beziehungen und Netzwerke, der Lebensstile und der klassischen Indikatoren der sozialen Ungleichheit. Über die Angaben zur Operationalisierung hinaus enthält dieses Kapitel auch Angaben zur Verteilung der verwendeten
Merkmale über die Altersgruppen und nach Geschlecht.
4.1 Maße der Gesundheit
Der Begriff Gesundheit wurde bisher nicht weiter problematisiert oder gar definiert. Die
Schwierigkeit, diesen Begriff genau zu bestimmen, beruht unter anderem darauf, dass verschiedene Disziplinen von unterschiedlichen Ansätzen zu seiner Definition ausgehen. Im
medizinischen System wird Gesundheit vor allem als Abwesenheit von klar diagnostizierbaren Symptomen und Krankheitsbildern bestimmt. Das heißt Gesundheit wird negativ vor dem
Hintergrund von Krankheit definiert, die durch medizinisch geschulte Experten festgestellt
werden muss. Im Bereich der psychologischen und soziologischen Gesundheitsforschung
stehen vor allem subjektive Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit sowie Laientheorien über die Entstehung von Krankheiten bzw. die Erhaltung und Wiederherstellung von
Gesundheit im Vordergrund (Filipp und Aymanns 1997; Flick 1991). Trotz der verschiedenen
Positionen zur Bestimmung von Gesundheit besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass
Gesundheit ein mehrdimensionales Konstrukt ist und dass es sich bei diesen Dimensionen um
Kontinua handelt (Bengel und Belz-Merk 1997: 23; Sarafino1998: 4).
Die Datenerhebung der vorliegenden Studie erfolgte ohne die Beteiligung von Medizinern,
daher konnten lediglich subjektive Gesundheitsindikatoren erhoben werden. Die dabei
verwendeten Instrumente, der SF-36 Fragebogen zum Gesundheitszustand (Bullinger und
Kirchberger 1998) und die Beschwerdeliste (v. Zerssen 1976), zeigen jedoch einen engen
Bezug zu Gesundheitskonzepten, die nach klinischen Kriterien definiert sind. Insofern ist eine
substantielle Überschneidung von Laien- und Expertenangaben zum Gesundheitszustand zu
erwarten, ohne dass die beiden Angaben jedoch deckungsgleich wären. Im Folgenden wird
mit Gesundheit bzw. Krankheit das bezeichnet, was diese Instrumente messen.
27
Der SF-36 (Kurzform für Short Form 36), der aus 36 verschiedenen Items12 besteht, gehört
mittlerweile international zu den Standardinstrumenten der Gesundheitsforschung und ist
auch im ersten Bundes-Gesundheitssurvey von 1998 enthalten (Ellert und Bellach 1999;
Radoschewski und Bellach 1999). Von den verschiedenen Varianten, in denen das Instrument
angeboten wird, wurde diejenige mit einem Zeitfenster von vier Wochen gewählt, die von
einem Interviewer durchzuführen ist. Die mit diesem Instrument erhobenen Daten können auf
zwei verschiedenen Ebenen ausgewertet werden: Zum einen können die 36 Items zu neun
verschiedenen Gesundheitsdimensionen13 zusammengefasst werden, zum anderen können
zwei aggregierte Variablen gebildet werden, die das Ausmaß der körperlichen und psychischen Gesundheit summarisch wiedergeben. In der hier vorgelegten Studie wurde die zuletzt
genannte Vorgehensweise gewählt, die auf der Basis der im Handbuch des SF-36 mitgelieferten SPSS-Syntax gebildet wurden. Die beiden resultierenden Skalen spiegeln das Ausmaß der
körperlichen bzw. psychischen Gesundheit wider, je höher die Skalenwerte, desto besser die
Gesundheit.
Der Beschwerdeindex nach v. Zerssen beruht auf Angaben zur Intensität von 24 verschiedenen Beschwerden (Selbstausfüller, Frage 6).14 Der Beschwerdeindex „hat vornehmlich die
Funktion, eine globale Beeinträchtigung des subjektiven Befindens ... anhand konkreter
Beschwerden zu objektivieren und zu quantifizieren.“ (v. Zerssen 1976: 6) „Inhaltlich kennzeichnen die Items im wesentlichen Allgemeinbeschwerden ... oder lokalisierbare körperliche
Beschwerden.“ (ebenda: 7) Entsprechend dieser Charakterisierung messen hohe Indexwerte
stärkere und mehr Beschwerden als niedrige Indexwerte.
Die Tabellen 4.1 und 4.2 geben die Mittelwerte und Standardabweichungen der drei Gesundheitsindikatoren nach Altersgruppen und Geschlecht wieder. Wie diese Angaben zeigen,
nimmt die körperliche Gesundheit mit dem Alter ab, während die Beschwerden mit dem Alter
zunehmen. Gleichzeitig nimmt auch die Streuung dieser beiden Messwerte mit dem Alter zu,
d.h. die gesundheitlichen Unterschiede der Bevölkerung steigen zwischen dem 31. und dem
61. Lebensjahr an. Im Gegensatz zur körperlichen Gesundheit verschlechtert sich die psychische Gesundheit nicht mit dem Alter. Im Gegenteil, die psychische Gesundheit der Älteren ist
durchschnittlich signifikant besser als die der Jüngeren. Die Streuungswerte der psychischen
Gesundheit unterscheiden sich dabei nicht zwischen den Altersgruppen.
12 Vergleiche Fragen 16 bis 23, 25 und 33 im Fragebogen in Anhang B.
13 Diese bilden die körperliche Funktionsfähigkeit, die körperliche Rollenfunktion, körperliche Schmerzen, die
allgemeine Gesundheitswahrnehmung, Vitalität, die soziale Funktionsfähigkeit, die emotionale Rollenfunktion und das psychische Wohlbefinden ab (Bullinger und Kirchberger 1998: 12).
14 In dieser Studie wurde die Beschwerdeliste B-L eingesetzt, die auch im Bundesgesundheits-Survey verwendet wurde. V. Zerssen (1976) bietet auch eine Parallelform B-L' sowie einen Ergänzungsbogen B-L0 an.
28
Tabelle 4.1:
Alter
30-39
40-49
50-60
Differenz
Korrelation a
Statistische Kennwerte der Gesundheitsindikatoren nach dem Alter
Körperliche Gesundheit
s
N
0
Psychische Gesundheit
s
N
0
51,4
50,8
47,4
***
–0,21
49,8
49,0
51,9
**
0,11
8,3
8,3
11,3
***
241
196
251
8,6
9,1
8,9
n.s.
241
196
251
Beschwerdeindex
s
N
0
13,4
15,6
16,8
**
0,14
10,7
10,4
13,4
***
242
194
251
a Korrelation unter Verwendung des ungruppierten Alters.
n.s.: nicht signifikant; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Bei der Gegenüberstellung von Männern und Frauen zeigt sich, dass letztere durchschnittlich
eine schlechtere körperliche Gesundheit aufweisen und mehr bzw. stärkere Beschwerden
angeben. Auch die psychische Gesundheit der Frauen liegt durchschnittlich unter derjenigen
der Männer, dieser Unterschied ist in der vorliegenden Stichprobe jedoch nicht signifikant.
Mit Bezug auf alle drei Maße sind die gesundheitlichen Unterschiede in der Gruppe der
Frauen größer als in der Gruppe der Männer.
Wie Vergleiche der hier analysierten Stichprobe mit dem Bundes-Gesundheitssurvey von
1998 (BGS98) und mit der Normstichprobe des SF-36 bzw. des Beschwerdeindexes zeigen,
entsprechen die berichteten Alters- und Geschlechtsunterschiede der gesundheitlichen Lage in
ihrer Tendenz den bekannten Ergebnissen. Einzige Ausnahme ist der nur geringe Unterschied
der psychischen Gesundheit in den Kölner Daten, der in den anderen Untersuchungen deutlicher ausfällt.
Tabelle 4.2:
Statistische Kennwerte der Gesundheitsindikatoren nach dem Geschlecht
Körperliche Gesundheit
s
N
0
Geschlecht
männlich
weiblich
Differenz
η
51,0
48,5
***
0,13
9,5
9,7
*
347
341
Psychische Gesundheit
s
N
0
50,7
50,0
n.s.
0,04
8,3
9,5
*
347
341
Beschwerdeindex
s
N
0
13,3
17,4
***
0,18
10,9
12,2
*
351
336
n.s.: nicht signifikant; *: p ≤ 0,05; ***: p ≤ 0,001.
Abschließend sei kurz auf den Zusammenhang der drei Indikatoren eingegangen. Die beiden
Indizes aus dem SF-36 sind nicht miteinander korreliert (r = –0,02), sie sind ursprünglich
auch als orthogonale Faktoren konstruiert worden. Die körperliche und psychische Gesundheit variieren in der Gesamtbevölkerung demnach unabhängig voneinander. Dagegen sind
29
beide Skalen in etwa gleich stark mit dem Beschwerdeindex assoziiert (körperliche Gesundheit: r = –0,42; psychische Gesundheit: r = –0,45). Die mit dem Beschwerdeindex erfasste
gesundheitliche Verfassung berührt somit sowohl psychische als auch körperliche Anteile der
Gesundheit. Die Korrelationen der drei Gesundheitsindikatoren sind im BGS98 mit den
soeben berichteten vergleichbar (in derselben Reihenfolge: –0,03; –0,47; –0,51).
4.2 Gesundheitsverhalten
Zu den gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen werden unter anderem Ernährungsweise,
Alkohol-, Tabak- und Drogenkonsum, Schlafverhalten, sportliche Betätigung sowie risikoarme bzw. risikoreiche Verhaltensweisen beispielsweise im Straßenverkehr gezählt. Von diesen
Verhaltensweisen sollen hier das Rauchen, der Alkoholkonsum und die sportliche Betätigung
näher untersucht werden.
4.2.1 Rauchen
Der Tabakkonsum wurde mit verschiedenen Fragen erfasst, die dem Nationalen Gesundheitssurvey der Deutschen Herz-Kreislauf-Präventionsstudie (DHP) entnommen wurden. Zunächst
wurde nach dem gegenwärtigen Raucherstatus gefragt (Frage 27). Wie Tabelle 4.3 ausweist,
variiert der Raucherstatus deutlich mit dem Alter und dem Geschlecht. Der Anteil derjenigen,
die nie geraucht haben, liegt bei den Frauen um mehr als 10 Prozentpunkte über demjenigen
der Männer. Umgekehrt sind die Anteile der ehemaligen und aktuellen Raucher unter Männern deutlich größer als unter Frauen. Allerdings sind diese geschlechtsspezifischen Unterschiede umso geringer, je jünger die betrachteten Altersgruppen sind.
Tabelle 4.3:
Nie geraucht
Früher geraucht
Rauche zur Zeit
N (=100%)
Raucherstatus nach Alter und nach Geschlecht, Spaltenprozent
30-39
38,7
21,0
40,3
243
Alter
40-49
28,4
21,3
50,3
197
CV = 0,13; p ≤ 0,001 a
50-60
37,8
32,3
29,9
254
Geschlecht
Männer
Frauen
29,7
41,3
27,8
22,6
42,5
36,1
353
341
CV = 0,12; p ≤ 0,01
a CV: Cramers V.
Zwischen dem Alter und dem Rauchen besteht eine umgekehrt U-förmige Beziehung. Die
Mitglieder der jüngsten und der ältesten Altersgruppe rauchen seltener und haben einen
größeren Anteil von Personen, die nie geraucht haben als die mittlere Altersgruppe. Die
30
mittlere Altersgruppe ist am stärksten durch das Rauchen belastet. Etwas über die Hälfte der
40- bis 49-Jährigen zählt zu den Rauchern, dagegen nur 40% der Jüngeren und lediglich 30%
derjenigen, die das 50. Lebensjahr überschritten haben.
Die Besonderheit der mittleren Altersgruppe bleibt auch dann bestehen, wenn in Rechnung
gestellt wird, dass einige von ihnen das Rauchen noch aufgeben werden. Von denen, die heute
50 Jahre und älter sind, haben 51% im Alter von 30 Jahren und noch 41% im Alter von 40
Jahren geraucht (s. Abbildung 4.1). Bei den 40- bis 49-Jährigen waren es mit 60% bzw. 52%
jeweils deutlich mehr. In der jüngsten Altersgruppe betrug der Anteil derjenigen, die mit 30
Jahren geraucht haben, nur 48%. Damit haben die Jüngsten im Alter von 30 Jahren die
geringste Raucherquote.
Abbildung 4.1:
Anteile von Rauchern im Alter von 30, 40 und 50 Jahren nach dem Alter
70
60
30
40
50
50
40
30
20
10
0
30-39
40-49
50 u.ä.
Neben dem Raucherstatus wurde für die (ehemaligen) Raucher erhoben, wie viele Zigaretten
sie täglich rauch(t)en.15 Wie Tabelle 4.4 zeigt variiert die Zahl der täglich konsumierten
Zigaretten kaum mit dem Alter. Im Gegensatz dazu sind die Unterschiede zwischen Männern
und Frauen auch mit Bezug auf die Höhe des Tabakkonsums deutlich: Der Anteil der starken
Raucher (mehr als 20 Zigaretten täglich) liegt bei den Männer um über 10 Prozentpunkte über
dem gleichen Anteil bei den Frauen.
15 Es wurde nach der Zahl der täglich gerauchten Zigaretten mit Filter und ohne Filter, der Anzahl der selbstgedrehten Zigaretten, der Zahl der Zigarren, Zigarillos und Stumpen sowie der Anzahl der Pfeifen gefragt.
Diese Angaben wurden alle gleichgewichtet zu einer Gesamtzahl der täglich konsumierten Tabakwaren
addiert.
31
Tabelle 4.4:
Anzahl der heute bzw. früher gerauchten Zigaretten pro Tag
nach Alter und nach Geschlecht, Spaltenprozent
Nie geraucht
1-10 Zigaretten a
11-20 Zigaretten
Über 20 Zigaretten
N (=100%)
30-39
38,7
19,8
21,0
20,6
243
Alter
40-49
28,4
21,8
28,4
21,3
197
50-60
37,8
22,8
19,3
20,1
254
CV = 0,08; n.s.
Geschlecht
Männer
Frauen
29,7
41,3
20,1
22,9
24,1
20,8
26,1
15,0
353
341
CV = 0,16; p ≤ 0,001
a Beinhaltet alle Tabakwaren, auch Pfeifen, Zigarren und Zigarillos.
Aus den zusätzlich erhobenen Angaben zum Alter bei Beginn des Rauchens und ggf. dem
Alter, in dem das Rauchen aufgegeben wurde, kann die Maßzahl ‚Packungsjahre’ berechnet
werden. Diese Zahl gibt an, wie viele Jahre eine Person ein Päckchen Zigaretten täglich
geraucht hat. So zeigt z.B. ein Wert von 10 Packungsjahren einen Zigarettenkonsum an, der
einem 10 Jahre langen, täglichen Konsum von einem Päckchen Zigaretten (à 20 Zigaretten)
entspricht (es kann sich dabei aber auch um einen 20-jährigen Konsum von täglich 10 Zigaretten oder einen 5-jährigen Konsum von täglich 40 Zigaretten handeln usw.). Die Angaben
zu den Packungsjahren wurden in vier Gruppen zusammengefasst: noch nie geraucht; unter
20 Packungsjahre, 20 bis unter 40 Packungsjahre, und 40 Packungsjahre und mehr. Tabelle
4.5 zeigt die Verteilung dieser kategorisierten Variablen nach Alter und Geschlecht.
Tabelle 4.5:
Packungsjahre (PJ) nach Alter und nach Geschlecht, Spaltenprozent
Nie geraucht
Unter 20 PJ
20 bis unter 40 PJ
Über 40 PJ
N (=100%)
30-39
38,7
40,3
18,9
2,1
243
Alter
40-49
28,4
32,0
27,4
12,2
197
CV = 0,20; p ≤ 0,001
50-60
37,8
28,7
13,4
20,1
254
Geschlecht
Männer
Frauen
29,7
41,3
34,0
33,4
21,8
16,7
14,4
8,5
353
341
CV = 0,14; p ≤ 0,01
Der positive Zusammenhang zwischen dem Alter und den Packungsjahren ergibt sich daraus,
dass die Gelegenheit, eine Raucherkarriere um ein weiteres Jahr auszudehnen, mit jedem
Lebensjahr zunimmt. Dennoch spiegeln die Packungsjahre nicht einfach nur das Alter wider.
32
Vielmehr geben sie Auskunft über die reale Belastung durch das Rauchen.16 Mit Bezug auf
das Geschlecht ergibt sich wiederum eine deutlich höhere Belastung der Männer; sie sind
nicht nur häufiger (ehemalige) Raucher, sie rauchen nicht nur durchschnittlich mehr Zigaretten, sondern sie rauchen auch durchschnittlich eine längere Zeit.
4.2.2 Alkoholkonsum
Der Alkoholkonsum wurde, ähnlich wie das Rauchen, durch mehrere Fragen erfasst (Frage
26). Zunächst wurde gefragt, ob man gelegentlich Alkohol trinke oder ob man abstinent sei
und nie Alkohol zu sich nehme. Im Anschluss wurden die Nicht-Abstinenten gefragt, ob sie in
den sieben Tagen vor dem Interview Alkohol getrunken hatten. Schließlich wurden alle, die
in der Woche vor dem Interview Alkohol getrunken hatten, gefragt, wie viele Gläser Bier, wie
viele Gläser Wein und wie viele Gläser hochprozentige alkoholische Getränke sie in den
vergangenen sieben Tagen konsumiert hatten. Aus diesen Angaben wurde dann die durchschnittlich täglich konsumierte Menge reinen Alkohols in Gramm geschätzt.17 Diese Angaben
wurden anschließend wiederum zu Gruppen zusammengefasst. Diese Gruppierung, die auf
den Vorschlag von Uhl und Springer (1996: 13ff.) zurückgeht, unterscheidet: Abstinente,
Personen mit geringem Alkoholkonsum (Frauen: bis einschließlich 16 Gramm pro Tag,
Männer: bis einschließlich 24 Gramm pro Tag), Personen mit mäßigem Alkoholkonsum
(Frauen: mehr als 16 bis einschließlich 40 Gramm pro Tag, Männer: mehr als 24 bis einschließlich 60 Gramm pro Tag) und Personen mit starkem Alkoholkonsum (Frauen: über 40
Gramm pro Tag, Männer: über 60 Gramm pro Tag). Der Konsum der zuletzt genannten
Gruppe wird gemeinhin als gesundheitsgefährdend betrachtet. Die unterschiedliche Grenzziehung für Frauen und Männer ist darauf zurückzuführen, dass die Gefährdungsgrenze für
Männer aus physiologischen Gründen höher liegt als bei Frauen. So produziert der weibliche
Körper weniger Dehydrogenase, die zum Abbau von Alkohol benötigt wird; zusätzlich bremst
Östrogen den Alkoholabbau.
Der hier eingeschlagene Weg, den Alkoholkonsum für die letzten sieben Tage zu erheben,
bringt Vor- und Nachteile mit sich. Aufgrund der Einschränkung auf einen klar definierten
und leicht zu überschauenden Zeitraum werden Erinnerungsschwierigkeiten keine Rolle
16 Berechnet man aus den vorliegenden Daten die Anzahl der Packungsjahre bis zum 30. Lebensjahr, so zeigt
sich der höchste Durchschnittswert wiederum in der mittleren Altersgruppe. Betrachtet man jedoch nur die
Raucher, so erhält man den höchsten Durchschnittswert für die Packungsjahre bis 30 in der jüngsten Altersgruppe. Ursache hierfür ist vor allem, dass das Alter, in dem das Rauchen begonnen wird, immer niedriger
geworden ist.
17 Dazu wurde der Alkoholgehalt des Bieres mit 4,8%, der des Weines mit 11,5% und der der hochprozentigen
Alkoholika mit 40% angesetzt. Aus diesen Volumenprozenten wurde berechnet, wie viele Milliliter Alkohol
getrunken wurden und aus dieser Angaben wurde die Alkoholmenge in Gramm bestimmt (1 Milliliter Alkohol = 0,789 Gramm Alkohol).
33
spielen. Außerdem müssen die Befragten keine ‚Durchschnittswerte’ bilden, wie dies bei
Fragen zum ‚gewöhnlichen’ oder ‚normalen’ Alkoholkonsum der Fall ist. Daher kann davon
ausgegangen werden, dass die Angaben zum Alkoholkonsum der letzten sieben Tage reliabel
und valide sind. Dies wird jedoch dadurch erkauft, dass einige Befragte im betrachteten
Zeitraum ein für ihre Verhältnisse eher untypisches Trinkmuster aufweisen, sei es, weil sie
weniger getrunken haben als üblich, sei es, weil sich die Trinkgelegenheiten in diesem
Zeitraum häuften. Im Aggregat dürften sich diese Phänomene jedoch ausgleichen.
Ein weiterer Nachteil der gewählten Vorgehensweise ist das Fehlen von Angaben für diejenigen, die in der Woche vor dem Interview keinen Alkohol getrunken haben. Dies sind immerhin 16% aller Befragten und 18% aller Nichtabstinenten. Für beide Gruppen, die Abstinenten
und die in den letzten sieben Tagen vor dem Interview keinen Alkohol genossen haben,
wurde als konsumierte Alkoholmenge der Wert null eingesetzt. Die Ergebnisse zur Menge
des getrunkenen Alkohols beziehen sich daher immer nur auf den Alkoholkonsum der Berichtswoche.
Tabelle 4.6:
Alkoholkonsum in den letzten sieben Tagen
nach Alter und nach Geschlecht, Spaltenprozent
Abstinent
Geringer Konsum a
Mäßiger Konsum b
Starker Konsum c
N (=100%)
30-39
9,9
67,5
20,2
2,5
243
Alter
40-49
9,7
67,3
19,4
3,6
196
CV = 0,06; n.s.
50-60
15,4
62,2
18,9
3,5
254
Geschlecht
Männer
Frauen
7,6
16,2
64,6
66,5
24,1
14,7
3,7
2,6
353
340
CV = 0,17; p ≤ 0,001
a Frauen: bis höchstens 16 Gramm/Tag, Männer: bis höchstens 24 Gramm/Tag; inkl. aller Personen, die zwar
generell Alkohol trinken, aber in den letzten sieben Tagen keinen Alkohol getrunken hatten.
b Frauen: 16 bis 40 Gramm/Tag, Männer: 24 bis 60 Gramm/Tag.
c Frauen: über 40 Gramm/Tag, Männer: über 60 Gramm/Tag.
Wie Tabelle 4.6 zeigt, variiert das Trinkverhalten zwischen den Altersgruppen nicht besonders stark. Nur der Anteil der Abstinenten liegt in der ältesten Altersgruppe deutlich höher als
in den beiden anderen Altersgruppen. Im Gegensatz dazu zeigen sich sehr große Unterschiede
zwischen Männern und Frauen. Wie schon beim Konsum von Tabakwaren zeichnen sich die
Männer durch das gesundheitsschädigendere Verhalten aus. Dabei muss bedacht werden, dass
die geschlechtsspezifisch gesetzten Grenzen die Männer eher ‚begünstigen’.
34
4.2.3 Sportliche Betätigung
Der letzte Bereich des gesundheitsrelevanten Verhaltens, der hier untersucht wird, ist die
körperliche Bewegung. Zur Messung dieser Eigenschaft wird die Frage nach der Häufigkeit
sportlicher Aktivitäten herangezogen (Frage 9a). Die Verteilung dieses Merkmals ist in
Tabelle 4.7 wiedergegeben. Etwa jeder Siebte betreibt (fast) täglich Sport, ein weiteres (gutes)
Drittel betreibt mindestens einmal pro Woche Sport.18 Allerdings übt auch jeder fünfte
überhaupt keine sportlichen Aktivitäten aus. Diese Verteilung ist bei Männern und Frauen
nahezu identisch.
Eine altersspezifische Analyse zeigt, dass die Häufigkeit des Sporttreibens mit dem Alter
abnimmt. Insbesondere steigt der Anteil derjenigen, die sich jeglicher sportlichen Tätigkeit
enthalten. Der Anteil derjenigen, die seltener als einmal in der Woche Sport treiben und daher
an Bewegungsmangel leiden dürften, steigt von 45% in der jüngsten Altersgruppe, auf 49% in
der mittleren Altersgruppe und sogar auf 56% in der ältesten Altersgruppe an.
Tabelle 4.7:
Häufigkeit sportlicher Aktivität nach Alter und nach Geschlecht,
Spaltenprozent
Täglich
Einmal pro Woche
Seltener
Nie
N (=100%)
30-39
17,7
37,0
32,5
12,8
243
Alter
40-49
11,7
39,6
28,4
20,3
197
50-60
13,7
30,2
24,3
31,8
255
CV = 0,15; p ≤ 0,001
Geschlecht
Männer
Frauen
13,9
15,2
34,6
36,0
30,0
26,6
21,5
22,2
353
342
CV = 0,04; n.s.
4.2.4 Kumulation gesundheitsschädigender Verhaltensweisen
Die hier untersuchten gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen – Rauchen, der Genuss von
Alkohol und die Ausübung sportlicher Aktivitäten – werden im Folgenden nicht nur einzeln,
sondern auch in einer Maßzahl zusammengefasst ausgewertet. Diese Zahl gibt Auskunft über
den Grad der verhaltensbasierten Gesundheitsrisiken. Sie kann auch als eine Facette des
gesundheitsbezogenen Lebensstils verstanden werden.
Der Index der kumulierten verhaltensbasierten Gesundheitsrisiken wurde so bestimmt, dass
für jede der folgenden Eigenschaften ein Punkt vergeben wurde: 20 oder mehr Packungsjahre,
Konsum von mehr als geringen Alkoholmengen (für die Frauen mehr als 16, für die Männer
18 Im verwendeten Datensatz liegen keine Informationen über den Anteil der Hochleistungssportler vor. Diese
meist sehr kleine Gruppe hat oftmals gerade wegen des Sports gesundheitliche Probleme. Dieser Sachverhalt
bleibt hier unberücksichtigt.
35
mehr als 24 Gramm pro Tag) und seltener als einmal in der Woche Sport treiben. Der so
gebildete Index variiert zwischen 0 (bei keiner der ausgewählten Verhaltensweisen gesundheitlich bedenkliche Ausprägungen) bis 3 (auf allen drei untersuchten Verhaltensweisen
gesundheitsbedenkliche Ausprägungen).
Bei etwa einem Drittel (32%) der Befragten liegen keine der genannten Verhaltensweisen vor.
Nicht ganz die Hälfte (47%) weisen auf einer der drei Verhaltensweisen einen möglicherweise gesundheitsgefährdenden Wert auf. Immerhin 18% verhalten sich in zwei Bereichen und
3% in allen drei Bereichen in einer Weise, die ihre Gesundheit schädigt.
Tabelle 4.8:
Keine
Eine
Zwei
Drei
N (=100%)
Anzahl gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen
nach Alter und nach Geschlecht, Spaltenprozent
30-39
38,7
39,9
17,3
4,1
243
Alter
40-49
28,9
47,2
19,8
4,1
197
50-60
28,3
53,1
16,9
1,6
254
CV = 0,10; p ≤ 0,05
Geschlecht
Männer
Frauen
28,9
35,5
46,2
47,5
19,8
15,8
5,1
1,2
353
341
CV = 0,13; p ≤ 0,01
Eine nach Geschlecht und Altersgruppen differenzierte Analyse ist in Tabelle 4.8 dargestellt.
Danach verhalten sich Männer wesentlich gesundheitsgefährdender als Frauen: Während der
Anteil der Männer, der keine der drei schädigenden Verhaltensweisen ausübt, unter dem
entsprechenden Anteil der Frauen liegt, ist der Anteil der Männer, der sich in allen drei
Bereichen gesundheitlich bedenklich verhält, um das 4-fache höher als der vergleichbare
Anteil der Frauen. Dieses Ergebnis deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien (Blaxter
1990:131ff.; Hoffmeister et al. 1992: 62, 67; Kolip 1998: 512f.).
Mit Bezug auf das Alter zeigt sich ein gemischtes Ergebnis: Die Gruppe derjenigen, die sich
am wenigsten gesundheitsschädlich verhält und die Gruppe derjenigen, die aufgrund ihres
Verhaltens die größten Gesundheitsgefahren riskieren, sind in der ältesten Altersgruppe am
kleinsten. Umgekehrt weist die jüngste Altersgruppe den größten Anteil von Personen auf, die
kein gesundheitsschädigendes Verhalten ausüben, und ebenso einen verhältnismäßig hohen
Anteil von Personen, die durch ihr Verhalten ihre Gesundheit beeinträchtigen.
36
4.3 Klassische Merkmale sozialer Ungleichheit
In der theoretischen und empirischen Literatur zur sozialen Ungleichheit werden übereinstimmend Bildung, Beruf und Einkommen als zentrale Dimensionen der vertikalen sozialen
Ungleichheit genannt (Empfehlungen 1998; Friedrichs, Kecskes und Wolf 2002: 109ff.;
Kreckel 1997: 94ff.). Diese Merkmale wurden in der vorliegenden Studie entsprechend der
Demographischen Standards (Statistisches Bundesamt 1999) erhoben und (weitgehend)
gemäß der Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft Epidemiologische Methoden operationalisiert (Empfehlungen 1998; Wolf 1998).
4.3.1 Bildung
Als Indikator für die Bildung kommt zunächst der höchste allgemeinbildende Schulabschluss,
den eine Person erlangt hat, in Frage. Darüber hinaus kann die ggf. erworbene berufliche
Ausbildung separat oder in Kombination mit der schulischen Bildung berücksichtigt werden.
In diesem Bericht wird den Empfehlungen (1998: 15) folgend mit einem Index der Bildung
gearbeitet, in dem die schulische und die berufliche Ausbildung zusammengefasst werden.
Dieser Index reicht von 1 (ohne Schul- und Berufsabschluss) bis 8 (Universitätsabschluss).
Tabelle 4.9 gibt die Verteilung dieser Maßzahl nach Alter und Geschlecht getrennt wieder.
Tabelle 4.9:
Niedrig (1-3) a
Mittel (4-6)
Hoch (7,8)
N (=100%)
Die Verteilung des Bildungsindexes nach Alter und nach Geschlecht,
Spaltenprozent
30-39
16,6
47,7
35,7
241
Alter
40-49
32,8
35,4
31,8
195
50-60
50,2
27,7
22,1
253
r = –0,24; p ≤ 0,001 b
Geschlecht
Männer
Frauen
29,0
38,1
37,6
36,1
33,3
25,8
348
341
η = 0,11; p ≤ 0,01 c
a In Klammern sind die Stufen des Bildungsindexes, die zusammengefasst wurden, angegeben.
b Korrelation zwischen nicht gruppiertem Alter und nicht gruppiertem Bildungsindex.
c Korrelation zwischen Geschlecht (Referenzkategorie: männlich) und nicht gruppiertem Bildungsindex;
Maßzahl η (eta).
Deutlich zu erkennen ist der immer besser werdende Ausbildungsstand. Verfügen noch die
Hälfte der älteren über eine niedrige Bildung, sind es in der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen
deutlich unter 20%. Umgekehrt steigt der Anteil derjenigen mit hoher Bildung von 22% in der
ältesten auf knapp 36% in der jüngsten Gruppe. Bei einem Vergleich von Männern und
Frauen fällt der immer noch schlechtere Bildungsstand der letzteren auf. Und obwohl sich der
Abstand zwischen den Bildungsabschlüssen der Männer und Frauen verringert hat, sind auch
37
in der jüngsten hier betrachteten Altersgruppe die Männer noch etwas besser gebildet als die
Frauen.
4.3.2 Beruf
Im Rahmen der Soziologie sozialer Ungleichheiten wird das vielschichtige Phänomen „Beruf“ (Frieling 1980) meist auf den sozio-ökonomischen Status oder das Berufsprestige der
beruflichen Tätigkeit reduziert, manchmal wird auch die sozialrechtliche Stellung im Beruf
berücksichtigt. In der hier präsentierten Studie wird dieser Tradition gefolgt. Dazu wurde zum
einen nach der derzeitigen bzw. letzten beruflichen Tätigkeit (Frage 47) gefragt, die nach
ISCO-68 und ISCO-88 kodiert wurde (ILO 1969, 1990); zum anderen wurde anhand einer
differenzierten Liste nach der beruflichen Stellung gefragt. Aus den nach ISCO kodierten
Angaben wurden verschiedene Berufsprestige- bzw. SES-Skalen abgeleitet,19 von denen im
Folgenden die Magnitude-Prestigeskala (MPS) von Wegener (1988) verwendet wird.20
Dieselben Informationen liegen auch für einen eventuell vorhandenen (Ehe-)Partner vor.
Aus den Angaben zur beruflichen Tätigkeit kann das Prestige, gemessen als Berufsprestige,
abgeleitet werden. Es wäre jedoch verkürzt, würde man das Prestige einer Person ohne Bezug
auf ihre häusliche Situation bestimmen. So ist z.B. das Prestige einer verheirateten Person
nicht nur von ihrer eigenen beruflichen Tätigkeit abhängig – sofern eine solche überhaupt
besteht –, sondern auch von der Tätigkeit ihres Partners. Dieser Tatsache wird hier durch die
Verwendung eines Einordnungsberufs Rechnung getragen, der folgendermaßen konstruiert
wurde: Alle Personen, die nicht mit einem (Ehe-)Partner zusammenwohnen, werden nach
ihrer eigenen (jetzigen bzw. früheren) Tätigkeit eingestuft. Alle Personen, die nicht erwerbstätig sind, aber mit einem (Ehe-)Partner zusammenleben, der aktuell erwerbstätig ist, werden
nach der Tätigkeit ihres Partners eingestuft. Alle erwerbstätigen Personen, die mit einem nicht
erwerbstätigen Partner zusammenwohnen, werden nach ihrer eigenen Tätigkeit eingestuft.
Alle Personen, die mit einem Partner zusammenleben und entweder beide nicht erwerbstätig
sind oder beide erwerbstätig sind, werden nach der Tätigkeit eingestuft, die das höhere
Prestige auf der Magnitude-Prestigeskala erreicht. Nach dieser Vorgehensweise wurde zum
einen das Prestige des Einordnungsberufs, zum anderen eine zusammengefasste Klassifikati-
19 Für die Verkodung der Berufe nach ISCO und die Generierung der Statusskalen danke ich dem Zentrum für
Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim; besonderen Dank schulde ich dem Leiter der
Abteilung Textanalyse, Medienanalyse und Verkodung, Herrn Alfons Geis.
20 Für die Verwendung einer Prestigeskala und gegen die Verwendung einer SES Skala spricht, dass Prestige
im Gegensatz zu sozio-ökonomischem Status konzeptionell unabhängig von den beiden anderen hier betrachteten Aspekten der sozialen Ungleichheit, also der Bildung und dem Einkommen, ist.
38
on der beruflichen Stellung berechnet.21 Tabelle 4.10 gibt die Verteilung des zuletzt genannten Merkmals nach dem Alter und dem Geschlecht wieder.
Tabelle 4.10:
Berufliche Stellung des Einordnungsberufs
nach Alter und nach Geschlecht, Spaltenprozent
Freie Berufe
Selbstständige, 0-1 Mitarbeiter a
Selbstständige, 2+ Mitarbeiter
einfache Ang./Beamte b
mittlere Ang./Beamte
höhere Ang./Beamte
leitende Ang./Beamte
un-, angelernte Arbeiter
Facharbeiter
Meister c
N (=100%)
30-39
3,0
6,4
1,7
9,3
26,3
36,9
4,2
2,5
8,1
1,7
236
Alter
40-49
3,6
7,7
3,1
8,2
27,2
26,2
4,6
9,7
7,2
2,6
195
50-60
2,4
4,5
6,1
10,1
19,4
26,7
10,5
7,7
6,5
6,1
247
CV = 0,18; p ≤ 0,01
Geschlecht
Männer
Frauen
2,0
3,9
6,1
6,0
3,5
3,9
4,9
13,8
25,9
22,2
32,6
27,5
5,2
8,1
7,3
5,7
8,1
6,3
4,4
2,7
344
334
CV = 0,19; p ≤ 0,01
a Inklusive zwei mithelfende Familienangehörigen.
b Inklusive einem Beamtenanwärter.
c Inklusive Industriemeister, Vorarbeiter, Kolonnenführer und Brigadiers.
Betrachtet man die Verteilung des Einordnungsberufs nach dem Alter, lassen sich drei Trends
ausmachen: Erstens steigt der Anteil der leitenden Angestellten und Beamten sowie der Anteil
der hochqualifizierten Arbeiter mit dem Alter an. Hier wird das Senioritätsprinzip sichtbar.
Zweitens ist der Anteil der un- und angelernten Arbeiter in der jüngsten Altersgruppe sehr
klein und zeigt so die Erfolge der Bildungsexpansion sowie die Umstrukturierung des Arbeitsmarktes. Drittens sind die in der jüngsten Kohorte sehr hohen Anteile der mittleren und
vor allem der höheren Angestellten und Beamten ein deutlicher Hinweis auf die Ausweitung
des tertiären Sektors. Bei der Interpretation dieser Daten darf jedoch nicht vergessen werden,
dass es sich um den Einordnungsberuf handelt und nicht notwenigerweise um den eigenen
Beruf. Diese Vorsicht ist insbesondere für die Interpretation der zweiten Hälfte von Tabelle
4.10 geboten. Dass Frauen z.B. häufiger als leitende Angestellte oder Beamte eingestuft sind
als Männer, bedeutet nicht, dass sie diese berufliche Stellung häufiger bekleiden, sondern dass
21 Die Konstruktion des Einordnungsberufs lässt sich an folgender Tabelle nachvollziehen:
Partner
vorhanden
nein
ja
Partner
erwerbstätig
nein
ja
Befragter erwerbstätig
nein
ja
früherer Beruf Befragter jetziger Beruf Befragter
höchster früherer Beruf jetziger Beruf Befragter
Beruf des Partner
höchster jetziger Beruf
39
sie häufiger in einem häuslichen Kontext leben, der seinerseits als Haushalt eines leitenden
Angestellten oder Beamten bzw. einer leitenden Angestellten oder Beamtin eingestuft wurde.22
Während im Zusammenhang der Analysen zum Einfluss sozialer Ungleichheit der Einordnungsberuf das geeignete Konzept darstellt, kommt es bei der Analyse der Arbeitsbelastungen
auf die eigene berufliche Tätigkeit mit ihren spezifischen Belastungen und Belohnungen an.
Daher wird in diesem zuletzt genannten Zusammenhang das Prestige des eigenen Berufs
verwendet.
4.3.3 Einkommen
Wie der Beruf kann auch das ‚Einkommen’ in sehr unterschiedlicher Weise konzeptualisiert
werden. So können z.B. Brutto- und Nettoeinkommen, persönliches und Haushaltseinkommen unterschieden werden. Darüber hinaus kann Einkommen nach der Art der Einkommensquelle differenziert werden. In der vorliegenden Studie wurde sowohl das persönliche als
auch das Haushaltseinkommen erhoben, und zwar jeweils als Nettoeinkommen. Dabei wurde
nicht nach Einkommensquellen unterschieden, vielmehr wurden die Befragten gebeten, alle
Einkünfte zusammenzurechnen. Die Erhebung erfolgte mit Hilfe einer Listenvorlage, auf der
23 Einkommensintervalle aufgeführt waren, die von ‚unter 450 DM’ bis ‚über 14.750 DM’
reichten. Zur Bestimmung der Einkommen in DM wurden die jeweils genannten Einkommensintervalle durch ihren Mittelpunkt ersetzt.23
Das persönliche Einkommen spielt insbesondere im Zusammenhang mit der Analyse der
Belastungen und Belohnungen, die durch die Arbeit entstehen, eine wichtige Rolle. Zur
Beschreibung der ökonomischen Situation einer Person taugt es dagegen nur bedingt. Diese
wird treffender durch das Einkommen des Haushalts bestimmt, dem sie angehört.24 Um die
finanzielle Situation des Haushalts richtig einschätzen zu können, muss das Haushaltseinkommen auf die Zahl der Haushaltsmitglieder bezogen werden. Aber auch das Pro-KopfEinkommen gibt die ökonomischen Möglichkeiten der Haushaltsmitglieder nicht adäquat
wieder, da diese Art der Einkommensberechnung die Einspareffekte nicht berücksichtigt, die
durch gemeinsames Wirtschaften entstehen. Als Ausweg hat sich die Verwendung eines
Äquivalenzeinkommens eingebürgert, bei dem neben der Haushaltsgröße auch die Alters22 Tatsächlich üben bzw. übten 6,4% der Männer, aber nur 4,0% der Frauen eine leitende Tätigkeit im Angestellten- oder Beamtenverhältnis aus.
23 Für die beiden offenen Randklassen, die kaum besetzt waren, wurden die Werte 449 DM und 15.000 DM
eingesetzt.
24 Neben dem Haushaltseinkommen hat das Vermögen des Haushalts einen entscheidenden Einfluss auf die
ökonomische Lage einer Person. Die Untersuchung des Vermögens unterbleibt jedoch meist, so auch in der
hier vorgelegten Studie.
40
struktur der Haushaltsmitglieder berücksichtigt wird. Das Äquivalenzeinkommen wird durch
den Quotienten des Haushaltseinkommens und der Summe von Äquivalenzgewichten gebildet. Diese Gewichte sollen die Einspareffekte des gemeinsamen Wirtschaftens widerspiegeln.
Das Problem besteht nun darin, diese Gewichte zu bestimmen bzw. zu entscheiden, welche
der angebotenen Gewichte der Berechnung des Äquivalenzeinkommens zu Grunde gelegt
werden sollen (vgl. Krause 1992; Faik 1995; Weick 1999). Da es hier nicht um Armutsmessung und die Feststellung absoluter Einkommenshöhen bzw. –differenzen geht, sondern um
relative Einkommenseffekte, spielt die Wahl der Äquivalenzskala kaum eine Rolle.25 Das im
Folgenden verwendete Äquivalenzeinkommen, welches der Einfachheit halber auch schlicht
als Einkommen bezeichnet wird, ist nach den Regelsätzen der Bundessozialhilfe gewichtet
(Krause 1992: 7).
Tabelle 4.11:
Verteilung des Äquivalenzeinkommens in DM über Quartilsklassen
nach Alter und nach Geschlecht, Spaltenprozent a
1. Quartil: unter 1.615 DM
2. Quartil: 1.615 bis unter 2.450
3. Quartil: 2.450 bis unter 3.400
4. Quartil: 3.400 DM und mehr
N (=100%)
30-39
26,4
22,8
28,9
21,8
197
Alter
40-49
28,6
29,8
18,6
23,0
161
Keine Angabe in % von Gesamt
18,9
18,3
R = 0,04; n.s.b
50-60
20,4
23,5
27,0
29,1
196
23,1
Geschlecht
Männer
Frauen
17,3
32,6
25,2
25,0
27,3
23,2
30,2
19,2
278
276
21,2
19,3
r = –0,14; p ≤ 0,001 c
a Personengewichte des Äquivalenzeinkommens nach den Regelsätzen der Bundessozialhilfe.
b Multiple Korrelation zwischen nicht gruppiertem Äquivalenzeinkommen sowie dem nicht gruppiertem
Alter und dem quadrierten Alter.
c Korrelation zwischen Geschlecht (Referenzkategorie: männlich) und nicht gruppiertem
Äquivalenzeinkommen.
Tabelle 4.11 zeigt die Verteilung des Äquivalenzeinkommens nach dem Alter und dem
Geschlecht. Zunächst ist festzuhalten, dass 80% der Befragten Angaben zum Haushaltseinkommen gemacht haben und dass kein Zusammenhang zwischen der Verweigerung der
Einkommensfrage und dem Alter oder dem Geschlecht vorliegt. (Ebenso wenig kann ein
Zusammenhang zwischen der Verweigerung der Einkommensfrage und der Bildung oder dem
Einordnungsberuf festgestellt werden.) Bedingt durch eine Zunahme der Haushaltsgröße
nimmt das Äquivalenzeinkommen von der jüngsten zur mittleren Gruppe ab und steigt dann,
25 So variieren beispielsweise die Korrelationen zwischen der hier verwendeten Gewichtung nach BSHG und
der alten sowie neuen OECD Skala zwischen 0,97 und 1,00 (obwohl sich die Mittelwerte und Mediane der
entsprechenden Maße stark unterscheiden).
41
ausgelöst durch einen Rückgang der Haushaltsgröße, bei den über 49-Jährigen wieder an.
Allerdings ist der statistische Zusammenhang zwischen dem Alter und dem Einkommen nicht
signifikant.
Im Gegensatz dazu unterscheidet sich das Äquivalenzeinkommen von Männern und Frauen
deutlich. Mit der hier verwendeten Gewichtung beträgt die Differenz des Durchschnittseinkommens der Männer und der Frauen immerhin 400 DM. Wie die Verteilung in Tabelle 4.11
zeigt, befinden sich nahezu ein Drittel aller Frauen in der untersten Einkommensgruppe,
dagegen nur 17% der Männer. Ein nahezu umgekehrtes Bild zeigt sich in der obersten Einkommensgruppe, in der sich 19% der Frauen, aber 30% der Männer befinden.
4.3.4 Zum Zusammenhang der klassischen Indikatoren sozialer Ungleichheit
Tabelle 4.12 fasst die vorgestellten klassischen Merkmale der sozialen Ungleichheit zusammen und gibt die Korrelationen zwischen diesen Merkmalen wieder. Zunächst erstaunt der
starke Zusammenhang zwischen der Bildung und dem Berufsprestige. Diese Korrelation
spiegelt die für Deutschland typische enge Kopplung zwischen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt wider (Müller und Shavit 1998; Müller, Steinmann und Ell 1998). Dementsprechend
fällt auch der Zusammenhang zwischen Ausbildung und Einkommen relativ stark aus. Dass
das Prestige des Einordnungsberufs eine geringfügig höhere Korrelation mit dem Äquivalenzeinkommen aufweist als das Prestige des eigenen Berufs, spricht für die Validität des hier
gewählten Konzepts des Einordnungsberufs.
Tabelle 4.12:
Verteilungskennwerte und Korrelationen der Ungleichheitsindikatoren a
Bildungsindex
Bildungsindex
Prestige des eigenen Berufs b
Prestige des Einordnungsberufs
Persönliches Einkommen
Äquivalenzeinkommen
Median
Mittelwert
Standardabweichung
677
684
541
551
4,00
4,95
2,08
Prestige
Prestige persönlieigener
Einordches
Beruf nungsberuf Einkommen
0,66
0,62
0,40
0,86
0,42
681
0,35
536
540
544
550
525
65,0
65,6
3.000
70,1
76,1
3.462
31,9
33,7
2.236
Äquivalenzeinkommen
0,41
0,44
0,47
0,57
2.454
2.647
1.437
a Oberhalb der Hauptdiagonale Korrelationskoeffizienten, unterhalb Anzahl der gültigen Fälle.
Alle Korrelationen signifikant mit p ≤ 0,001.
b Prestige der jetzigen oder letzten beruflichen Tätigkeit nach Wegener (1988).
Schließlich sollte noch erwähnt werden, dass sich hinter der sehr hohen Korrelation zwischen
dem Prestige des eigenen Berufs und dem Prestige des Einordnungsberufs für Männer und
42
Frauen unterschiedliche Korrelationen verbergen. Bei Männern beträgt diese Korrelation
0,95, bei Frauen dagegen 0,77. Der Einordnungsberuf ist somit ‚männerzentriert’, allerdings
nur insoweit, wie der Arbeitsmarkt ‚männer-’ und die häusliche Arbeitsteilung ‚frauenzentriert’ sind.
Aufgrund der engen statistischen Beziehung zwischen den Indikatoren der sozialen Ungleichheit lässt sich die Bildung eines zusammengefassten Indikators des sozialen Status rechtfertigen. In diesen Indikator fließen die Bildung, das Prestige des Einordnungsberufs und die
Höhe des Äquivalenzeinkommens ein.26 Der gewählte Indikator ist der Mittelwert dieser ztransformierten Merkmale, der anschließend auf einen Wertebereich zwischen 1 (niedrigster
Status) und 10 (höchster Status) skaliert wurde. Die Korrelationen zwischen diesem Indikator
des sozialen Status und seinen drei Komponenten betragen 0,84 (Bildung), 0,86 (Prestige des
Einordnungsberufs) und 0,77 (Äquivalenzeinkommen).
4.4 Lebensstile
Eine der Zielsetzung der vorliegenden Studie ist, die klassischen, vertikalen Dimensionen
sozialer Ungleichheit um Aspekte horizontaler Ungleichheiten zu erweitern und zu untersuchen, in welchem Verhältnis diese ‚neuen’ Ungleichheiten zu Krankheit und Gesundheit
stehen. Von den verschiedenen Konzeptionen, die im Zusammenhang mit sogenannten
‚neuen’ sozialen Ungleichheiten diskutiert werden, wird hier nur auf Lebensstile und Lebensstilgruppen eingegangen. In Anlehnung an Hartmann (1999: 46f.) wird unter einem Lebensstil
ein Bündel von Handlungen und Präferenzen verstanden, durch das sich eine Person ausdrücken und welches als spezifisch und von anderen Stilen unterschieden wahrgenommen
werden kann. Lebensstile haben somit eine expressive sowie eine identifikative und damit
gleichzeitig eine distinktive Funktion. Auf der Basis von Lebensstilen können Lebensstilgruppen, also Gruppen von Personen mit ähnlichem Lebensstil, gebildet werden. Diese
Lebensstilgruppen werden hier auch als soziale Milieus bezeichnet.
Im Gegensatz zu vielen anderen Arbeiten wird hier die These vertreten, dass die Einbeziehung des Lebensstilkonzepts in die Analyse des Zusammenhangs zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit nur dann fruchtbar ist, wenn dies im Anschluss an die Konzeptionen geschieht, die in der Soziologie sozialer Ungleichheiten erarbeitet wurden. Im Gegensatz
26
Dies wird auch durch eine Hauptkomponentenanalyse der Bildung, des Einordnungsberufs und des Äquivalenzeinkommens bestätigt, bei der der erste Faktor 67% der Varianz dieser Merkmale auf sich vereint. Nahezu dasselbe Ergebnis berichten Friedrichs, Kecskes und Wolf (2002: 127) für die Verhältnisse in einer Mittelstadt.
43
dazu stehen Versuche, die je nach empirischem Gegenstand immer andere Lebensstilkonzepte
verwenden. So wird in der Gesundheitssoziologie häufig mit gesundheitsbezogenen Lebensstilen gearbeitet, womit letztlich nur die gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen bzw. der
Risikofaktorenansatz ein neues Etikett erhalten (Abel und Kohlmann 1989; Blaxter 1990;
Cockerham 2000).27 Es spricht nichts gegen diese Praxis; allerdings handelt es sich dann bei
den entsprechenden Arbeiten m.E. nicht mehr um eine Arbeit, die den Zusammenhang
zwischen den sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten thematisiert und somit auch nicht
um einen Beitrag zur Allgemeinen Soziologie bzw. der Soziologie sozialer Ungleichheit.28
Abbildung 4.2: Body-Mass-Index nach Musikgeschmack
Wie gerne hören Sie ...
28
Body-Mass-Index (Mittelwert)
klassische Musik?
Volkslieder?
27
26
25
24
sehr ungern
ungern
weder noch
gern
sehr gern
Wie in Abschnitt 2.3 ausführlich dargestellt, wird aus der Fülle der theoretischen und empirischen Ansätze zur Messung von Lebensstilen hier auf die Konzeption von Gerhard Schulze
(1992, 1999) zurückgegriffen. Diese Konzeption hat den Vorteil, dass sie gut dokumentiert
ist. Zudem zeigen eine Reihe weiterer Studien, dass sich die Konzepte von Schulze auch mit
anderen Datensätzen replizieren lassen (Friedrichs, Kecskes und Wolf 2002; Hartmann 1999;
Müller-Schneider 2000). Dass die Einbeziehung eines solchen soziologischen Lebensstilkonzeptes in die Gesundheitssoziologie in der Tat vielversprechend ist, wird aus Abbildung 4.2
deutlich, die auf den Daten der hier vorgestellten Studie beruht. Sie zeigt einen statistisch
27 Hradil (1997: 37) und Cockerham (2000: 161) sehen in den gesundheitsbezogenen Lebensstilen eine
spezielle Form der Lebensstile, die den ‚allgemeinen’ Lebensstilen – gemeint sind wohl die in der Ungleichheitsforschung verwendeten Konzepte – untergeordnet sind. In welchem empirischen Verhältnis die hier
verwendeten Lebensstile zu den gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen stehen, wird in Kapitel 5.5.1 eingehend untersucht.
28 Ähnlich argumentiert Pientka (1994), der zwischen Lifestyle-Ansatz – Risikofaktorenansatz – und soziologischer Lebensstilanalyse unterscheidet.
44
signifikanten Zusammenhang zwischen dem Body-Mass-Index29 und der Präferenz für
klassische Musik bzw. für Volklieder (beides Indikatoren der Lebensstile bei Schulze).
Im Folgenden werden zunächst die drei von Schulze (1992) beschriebenen alltagsästhetischen
Schemata mit den vorhandenen Daten repliziert. Anschließend werden auf Basis dieser
Variablen die fünf Lebensstilgruppen gebildet.
4.4.1 Alltagsästhetische Schemata
Insgesamt wurden den Befragten 22 Items zum Freizeitverhalten (Frage 8), 13 Items zum
Musikgeschmack (Frage 34) und 10 Items zum Interesse am Fernsehen (Frage 10 – Split 1)
bzw. 10 Items zu den wichtigen Aspekten im Urlaub (Frage 10 – Split 2) vorgelegt. Die
Bewertung dieser Items erfolgte mit Ausnahme des Urlaubinteresses auf fünfstufigen Antwortskalen. Die Urlaubsinteressen wurden dichotom erhoben. Im Rahmen der Studie wurde
auch untersucht, inwieweit sich die Urlaubsinteressen dazu eignen, den Lebensstil bzw. die
alltagsästhetischen Schemata zu charakterisieren. Da aufgrund des ohnehin sehr umfangreichen Fragebogens die Aufnahme weiterer Items nicht in Frage kam, wurde entschieden, die
Items zu den Fernsehinteressen und die Items zu den Urlaubsinteressen alternierend in zwei
verschiedenen Fragebogenversionen zu stellen. Die bisher vorgenommenen Analysen zeigen,
dass zumindest die von uns erhobenen Urlaubsinteressen kaum mit den anderen Lebensstilvariablen kovariieren. Diese Daten werden daher im Folgenden nicht weiter verwendet. Im
Gegensatz dazu bilden die Fernsehinteressen, wie auch nach den Untersuchungen von Schulze oder Hartmann zu erwarten war, einen wichtigen Bestandteil der alltagsästhetischen
Schemata, auf den nicht verzichtet werden sollte. Aufgrund des Fragebogen-Splits fehlen die
Angaben zum Fernsehinteresse jedoch von etwa der Hälfte der Befragten. Um auch diese zu
den alltagsästhetischen Schemata und später den Milieus zuordnen zu können, wurden diese
fehlenden Werte aus den Angaben zu allen anderen Lebensstilitems geschätzt. Obwohl die
Qualität der vorhergesagten Werte sich durch die Hinzunahme des Alters, der Bildung, des
Geschlechts und weiterer Sozialstrukturvariablen verbessert hätte, wurde bewusst auf deren
Hinzuziehung verzichtet. Denn ohne diesen Verzicht wären alle weiteren Analysen zum
Verhältnis der ‚neuen’ und ‚alten’ Ungleichheitsdimensionen tautologisch geworden.
Um die in der einen Stichprobenhälfte fehlenden Angaben zum Fernsehinteresse zu schätzen,
wurde zunächst für jedes Fernsehitem eine Regressionsanalyse durchgeführt. Dabei wurde auf
der Basis der anderen 35 Lebensstilitems (22 Freizeit, 13 Musik) eine Schätzgleichung für das
jeweilige Item bestimmt. Dies geschah zunächst in der Teilstichprobe, für die die Items zum
29 Der Body-Mass-Index ist ein Maß für das Gewicht einer Person unter Berücksichtigung ihrer Größe. Es wird
nach folgender Formel berechnet: BMI = Gewicht in kg / Größe in m².
45
Fernsehen auch erhoben worden waren. Über alle zehn Items hinweg, erklären diese Schätzgleichungen durchschnittlich knapp 30% der Varianz im Interesse für die verschiedenen
Fernsehsendungen. Allerdings variiert dieser Anteil zwischen den Sendungen relativ stark (s.
Tabelle 4.13).30
Tabelle 4.13:
A
B
C
D
E
F
G
H
I
J
Erklärte Varianz der Fernsehitems auf Basis der anderen Lebensstilitems
Fernsehshows, Quizsendungen
Sportsendungen
Nachrichten und politische Magazine
Kunst- und Kultursendungen
Volkstümliche Unterhaltung
Krimis und Krimiserien
Actionfilme
Familien- und Unterhaltungsserien
Komödien (Filme und Serien)
Nachmittags-Talk-Shows
R²
0,30
0,21
0,17
0,37
0,56
0,18
0,38
0,32
0,18
0,25
292 ≤ N ≤ 320
Auf der Basis der so gewonnenen Schätzgleichungen wurde nun für die zweite Teilstichprobe, in der die Angaben zum Fernsehinteresse fehlen, eben diese Angaben geschätzt. Die
Validität dieser Schätzungen wurde anhand verschiedener Analysen überprüft. So wurde z.B.
die Struktur der Korrelationen zwischen den Items zum Fernsehinteresse und den Variablen
Geschlecht, Alter und Schulbildung jeweils für die geschätzten und die empirischen Angaben
berechnet (s. Tabelle 4.14). Von den jeweils 30 Korrelationen weichen 4 im Vorzeichen
voneinander ab, eine davon ist jedoch in keiner der beiden Stichproben signifikant. In einer
weiteren Analyse wurde die faktorielle Struktur der geschätzten und der empirischen Angaben
untersucht. Dabei zeigt sich, dass das Item ‚Interesse für Sportsendungen’ sich in den beiden
Teilstichproben etwas anders verhält. Wird dieses Item aus der Analyse ausgeschlossen,
erhalten wir in beiden Teilstichproben dieselbe Anzahl von Faktoren und dieselbe Zuordnung
der Items zu diesen Faktoren.
Auch wenn auf der Grundlage dieser Analysen von einer gewissen Gültigkeit der Schätzwerte
ausgegangen werden kann, darf nicht vergessen werden, dass sie viel weniger Varianz
beinhalten als die empirischen Werte. Dennoch wird in den folgenden Analysen mit diesen
Items gerechnet.
30 In die endgültige Bestimmung der Schemata gehen nur fünf der zehn Items ein (s.u.). Diese weisen durchschnittlich 36% erklärte Varianz auf.
46
Tabelle 4.14:
A
B
C
D
E
F
G
H
I
J
Korrelationsmuster zwischen den empirischen und geschätzten Angaben
zum Fernsehinteresse und den Merkmalen Geschlecht (männlich = 1),
Alter, Schulabschluss
Empirisch
Geschätzt
Mann Alter Schule Mann Alter Schule
Fernsehshows, Quizsendungen
(–)
(+)
–
–
+
–
Sportsendungen
+
(+)
–
+
–
–
Nachrichten und politische Magazine
+
+
(+)
(+)
+
(–)
Kunst- und Kultursendungen
–
(+)
+
(+)
+
+
volkstümliche Unterhaltung, Heimatfilme (–)
+
–
–
+
–
Krimis und Krimiserien
(–)
(–)
–
(–)
(–)
–
Actionfilme
+
–
(–)
+
–
–
Familien- und Unterhaltungsserien
–
(+)
–
–
+
–
Komödien (Filme und Serien)
(+)
(–)
–
(+)
(–)
–
Nachmittags-Talk-Shows
–
(–)
–
–
+
–
+: positive Korrelation
–: negative Korrelation
(..): nicht signifikante Korrelation
Die Replikation der von Schulze identifizierten drei alltagsästhetischen Schemata erfolgte in
mehreren Schritten. Zunächst wurde eine Hauptkomponentenanalyse durchgeführt, bei der auf
der Grundlage des Scree-Tests drei bedeutsame Faktoren extrahiert wurden. Im nächsten
Schritt wurden für jede dieser drei Dimensionen Reliabilitätstests durchgeführt. Dabei wurden
alle Items derjenigen Dimension zugeordnet, auf der sie die größte Ladung aufwiesen,
vorausgesetzt diese überstieg einen Betrag von 0,3. Bei diesen Reliabilitätsanalysen wurden
diejenigen Items, die nicht zur Reliabilität beitrugen bzw. diese verringerten, sukzessive
ausgeschlossen. Nachdem die Reliabilität der drei Skalen optimiert war, wurde nochmals eine
dimensionale Analyse durchgeführt. Aufgrund großer Nebenladungen wurden daraufhin
nochmals zwei Items aus der Analyse ausgeschlossen. Das Endergebnis der Skalenbildung ist
in Tabelle 4.15 wiedergegeben. Faktor I, auf den zehn Items laden, repräsentiert das Hochkulturschema (HS). Auf Faktor II laden ebenfalls zehn Items, die das Spannungsschema (SS)
abbilden und auf dem dritten Faktor finden sich die sechs Items des Trivialschemas (TS)
wieder.
Um abschätzen zu können, inwieweit die gefundene Lösung von den teilweise geschätzten
Angaben zum Fernsehinteresse abhängig ist, wurden die Hauptkomponentenanalyse und die
Reliabilitätsanalysen noch einmal für beide Fragebogensplits getrennt durchgeführt. In beiden
Teilstichproben ergibt sich eine dreidimensionale Lösung sowie dieselbe Zuordnung der
Items zu den Faktoren. Nur die Reihenfolge der Faktoren ist verändert: Mit den empirischen
Fernsehdaten kommt das Trivialschema auf den zweiten Faktor und das Spannungsschema
47
auf den dritten Faktor, bei den geschätzten Fernsehdaten ist es umgekehrt. Auch die Reliabilität der Skalen zum Hochkulturschema und zum Spannungsschema unterscheiden sich nicht.
Tabelle 4.15:
Hauptkomponentenanalyse der Lebensstilitems,
varimax-rotierte Ladungsmatrix
I
HS
0,76
0,76
0,73
0,71
0,70
0,68
0,58
0,54
0,49
0,46
F34h Musik: Klassische Musik
F8j
Freizeit: Konzerte mit klassischer Musik besuchen
F34e Musik: Oper
F8t
Freizeit: Ins Theater gehen
F8d Freizeit: Ausstellungen, Kunstmuseen besuchen
F10d TV: Kunst- und Kultursendungen
F8a Freizeit: Ein Buch lesen
F34g Musik: Jazz
F8b Freizeit: Etwas niederschreiben
F8e Freizeit: Sich weiterbilden
F8r Freizeit: In eine Diskothek gehen
F8q Freizeit: In eine Bar gehen
F34f Musik: Hip-Hop
F34k Musik: Techno und ähnliche Musik
F34c Musik: Popmusik
F8g Freizeit: Ins Kino gehen
F8p Freizeit: In eine Kneipe oder ein Weinlokal gehen
F8k Freizeit: Konzerte mit Rock, Pop besuchen
F8m Freizeit: In ein Café oder in eine Eisdiele gehen
F8c Freizeit: Kicker, Billard, Flippern, in Spielhallen gehen
F34d Musik: Volkslieder
F34b Musik: Deutsche Schlagermusik
F10e TV: Volkstümliche Unterhaltung, Heimatfilme
F10h TV: Familien- und Unterhaltungsserien
F10j TV: Nachmittags-Talk-Shows
F10a TV: Fernsehshows, Quizsendungen
–0,33
Varianzanteil
18,0
0,85
Reliabilität, Cronbachs α
II
SP
III
TS
0,69
0,63
0,59
0,58
0,56
0,54
0,48
0,47
0,46
0,45
12,8
0,74
0,78
0,76
0,75
0,65
0,63
0,62
12,7
0,81
h2
0,59
0,59
0,54
0,52
0,57
0,50
0,37
0,36
0,26
0,29
0,48
0,41
0,35
0,36
0,35
0,37
0,28
0,31
0,24
0,21
0,70
0,63
0,65
0,47
0,41
0,49
43,6
Die Items zum Musikgeschmack wurden umgepolt; paarweiser Ausschluss fehlender Werte; 646 ≤ N ≤ 695;
nur Ladungen > |0,3|.
Nur mit Bezug auf das Trivialschema findet sich in der Variante mit den geschätzten Fernsehitems ein höherer Reliabilitätskoeffizient als in der Variante mit den empirischen Daten (0,85
vs. 0,77). Da in dieser Skala vier der sechs Items aus dem Bereich der Fernsehinteressen
stammen und diese durch die Schätzmethode viel gemeinsame Varianz aufweisen, ist dieses
Ergebnis nicht verwunderlich. Es ist daher davon auszugehen, dass der in Tabelle 4.15
angegebene Reliabilitätskoeffizient für das Trivialschema überschätzt ist. Insgesamt ergeben
48
sich jedoch keine Unterschiede in der Struktur der Items und der Qualität der Skalen, so dass
im Folgenden mit der gesamten Stichprobe gearbeitet wird.31
Zur eigentlichen Messung der alltagsästhetischen Schemata wurde für jede der drei Dimensionen ein Index gebildet, in den alle Items des jeweiligen Faktors ungewichtet eingingen.
Um alle drei Indizes auf einer gemeinsamen Skala abzubilden, wurden die additiven Indizes
durch die Anzahl der Items geteilt.
Tabelle 4.16 gibt die Korrelationen der Schemata untereinander und mit den Merkmalen
Alter, Bildung und Geschlecht wieder. Ähnlich wie in den früheren Untersuchungen sind das
Hochkultur- und das Spannungsschema untereinander positiv und mit dem Trivialschema
negativ korreliert. Ebenso ist die Struktur der Zusammenhänge zwischen den Schemata und
dem Alter und der Bildung derjenigen der früheren Studien ähnlich. Das Alter zeigt die
höchste (negative) Korrelation mit dem Spannungsschema, diese Form der Stilisierung ist
damit am stärksten altersabhängig.32 Den zweitstärksten Zusammenhang mit dem Alter zeigt
das Trivialschema, welches mit steigendem Alter ausgeprägter wird. Kaum ein Zusammenhang besteht dagegen zwischen dem Alter und dem Hochkulturschema. Dieses zeigt vielmehr
eine deutliche Abhängigkeit von der Bildung. Ähnlich stark, aber mit anderem Vorzeichen
sind die Bildung und das Trivialschema korreliert.
Tabelle 4.16:
Korrelationen der alltagsästhetischen Schemata untereinander und mit
Alter, Bildung und Geschlecht a
HS
Hochkulturschema (HS)
Trivialschema (TS)
Spannungsschema (SS)
Alter in Jahren
Bildungsindex
Geschlecht (Ref.: männlich)
–0,38
0,16
0,08 *
0,50
0,15
TS
–0,38
–0,25
0,35
–0,44
0,17
SS
0,16
–0,25
–0,51
0,22
–0,14
* p ≤ 0,05; für alle anderen Korrelationen gilt p ≤ 0,001; N=694.
Im Durchschnitt erreichen Frauen im Vergleich zu Männern höhere Ausprägungen auf dem
Hochkultur und dem Trivialschema, aber niedrigere Werte auf dem Spannungsschema. Dieses
31 Für die Validität der Skalen spricht auch, dass die hier präsentierten Ergebnisse zur Dimensionalität und zur
Reliabilität der Skalen nahezu identisch mit den Ergebnissen von Schulze und Hartmann sind (vgl. die Gegenüberstellung dieser Ergebnisse bei Hartmann (1999: 180ff.)).
32 Ein im Querschnitt beobachteter Zusammenhang zwischen dem Alter und einem anderen Merkmal kann
bekanntlich auf einer Veränderung dieses Merkmals mit dem Alter oder aber auf Unterschieden zwischen
Geburtskohorten (oder beidem) beruhen. Die von Hartmann (1999: 215ff.) vorgelegten Analysen zur Veränderung der Schemata im Lebenslauf legen die Vermutung nahe, dass beim „Hochkulturschema ... Aspekte
der altersmäßigen ‚Reifung’, bei Trivial- und Spannungsschema ... Effekte der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Kohorten“ überwiegen (Hartmann 1999: 232).
49
Ergebnis ist ebenfalls konsistent mit Ergebnissen aus anderen Stichproben (vgl. Friedrichs,
Keckses und Wolf 2002: 133). Allerdings wurden diese geschlechtsspezifischen Ausformungen der Lebensstile bisher nur selten theoretisch reflektiert.
4.4.2 Soziale Milieus
Auf der Basis der drei alltagsästhetischen Schemata wurde versucht, Gruppen von Personen
mit ähnlichem Freizeitverhalten bzw. ähnlichem Musikgeschmack – also Lebensstilgruppen
oder soziale Milieus – zu identifizieren. Dabei wurden verschiedene Vorgehensweisen, die in
der Literatur beschrieben werden, auf ihren Nutzen und ihre Durchführbarkeit hin untersucht.
Eine Möglichkeit zur Abgrenzung sozialer Milieus, die auf Schulze zurückgeht, wurde z.B.
von Jacob (1995) in die Gesundheitssoziologie eingeführt (dieses Verfahren wird auch von
Müller-Schneider (1994) verwendet). Grundlage der Gruppenbildung ist in diesem Fall die
Einteilung der Stichprobe in die fünf von Schulze vorgegebenen Alters- und Bildungsgruppen
(Schulze 1992: 664).
Abbildung 4.3:
Das Milieumodell auf Basis von Alters-Bildungsgruppen (Schulze 1992:
664)
Bildung
Bildung
12 Abitur und Uni-Ausbildung
11 Abitur und Fachhochschule/Lehre
10 Abitur ohne Zusatzausbildung
9 Fachabitur und Fachhochschule
8 Fachabitur und Lehre
7 Mittlere Reife und berufsbildende Schule
6 Mittlere Reife und Lehre
5 Mittlere Reife ohne Zusatzausbildung
4 Hauptschule und berufsbildende Schule
3 Qualifizierter Hauptschulabschluss und Lehre
2 Einfacher Hauptschulabschluss und Lehre
1 Hauptschule ohne Lehre/ohne Schulabschluss
Niveaumilieu
Selbstverwirklichungsmilieu
Integrationsmilieu
Unterhaltungsmilieu
18
30
Harmoniemilieu
40
50
60
12
11
10
9
8
7
6
5
4
3
2
1
> Alter
70 Jahre
Diese in Abbildung 4.3 wiedergegebene Einteilung hat den Vorteil, dass sie ohne große
Schwierigkeiten reproduziert werden kann. Wird dieses Modell verwendet, erübrigt sich
zudem die teure Erhebung unzähliger Lebensstilitems, genügen doch die Merkmale Alter und
Bildung. In einer Untersuchung wie der hier präsentierten, in der geprüft werden soll, ob
Milieuzugehörigkeiten über die traditionell verwendeten Ungleichheitsindikatoren hinaus von
Bedeutung sind, ist dieses Modell jedoch nicht geeignet. Da diese Konzeption auch die
Bildung als Merkmal enthält, ist sie nicht mehr analytisch unabhängig von den herkömm-
50
lichen Merkmalen der Schichtungsforschung. Ähnliches gilt für das Alter: Dieses Basismerkmal der epidemiologischen Forschung sollte m.E. in gesundheitsbezogenen Analysen
immer als eigenständige Variable kontrolliert werden und nicht in einer Typologie mit
anderen Merkmalen ‚verschwinden’.33 Darüber hinaus zeigen die in Tabelle 4.16 wiedergegebenen Korrelationen, dass nur ein Teil der Varianz der Schemata durch das Alter und die
Bildung erfasst wird.
Statt die Milieuzugehörigkeit auf eine Kombination aus Alter und Bildung zu reduzieren,
wird hier vorgeschlagen, die Milieus alleine anhand der alltagsästhetischen Schemata zu
bilden. Mit Hilfe einer auf diese Weise gebildeten Milieuvariable kann abgeschätzt werden,
wie groß der Einfluss der ‚neuen’ Ungleichheiten unabhängig von und im Vergleich zu den
‚alten’ Ungleichheiten ist. In welchem Verhältnis die Milieuzugehörigkeit zu den Merkmalen
Alter und Bildung steht bleibt damit empirisch offen.34 Doch auch mit der Entscheidung für
eine Gruppierung auf Basis der Schemata bleiben unzählige Möglichkeiten zu einer entsprechenden Einteilung zu gelangen. Zwei dieser Möglichkeiten wurden näher untersucht:
Zunächst wurden die drei Schemata am Median dichotomisiert und dann miteinander gekreuzt. Das Ergebnis sind acht Gruppen, die nach Schulze (1992: 663) zu fünf Milieus
zusammengefasst werden können. Zumindest mit dem hier verwendeten Datensatz führt
dieser Weg zu keinem befriedigenden Resultat. So variiert beispielsweise die Größe der fünf
Gruppen sehr stark (Harmoniemilieu 41%,35 Unterhaltungsmilieu und Niveaumilieu je 10%).
Außerdem korrespondieren diese Gruppen nicht sehr gut mit den von Schulze vorgelegten
Charakterisierungen der Milieus. Aus diesen Gründen wurde ein zweiter Weg zur Bildung der
Milieus eingeschlagen, bei dem versucht wurde, mit Hilfe einer Clusteranalyse zu einer
Gruppierung zu gelangen. Um jedoch nicht vollkommen empiristisch vorzugehen und sich
33 Zudem ist es mehr als fraglich, ob die von Schulze vorgeschlagene Trennungslinie zwischen jüngeren (bis 40
Jahre) und älteren (älter als 40 Jahre) Personen bzw. Milieus heute noch in der gleichen Weise gilt. Auffällig
ist, dass diese Trennungslinie 1985, im Jahr der Nürnberger Erhebung von Schulze, die vor Ende des Zweiten
Weltkriegs Geborgenen und die nach dem Ende des Krieges Geborenen scheidet. Wie andere Untersuchungen zeigen, unterscheiden sich die Vor- und Nachkriegskohorte deutlich in Bezug auf ihre Werthaltungen
oder ihre Religiosität (Jagodzinski 1995: 269). Da es sich bei diesen Unterschieden aber um Kohortenunterschiede und nicht um Alterseffekte handelt, ändert sich die bedeutsame Altersgrenze von Jahr zu Jahr. Schulze (1992: 372) hat selbst daraufhingewiesen, dass die „Milieustruktur ... wesentlich durch
Generationsdifferenzierungen bedingt“ ist. In dieselbe Richtung weist auch die schon oben zitierte, von
Hartmann (1999: 232) berichtete Kohortenabhängigkeit des Trivial- und Spannungsschemas. Wenn nun auch
die Milieuzugehörigkeit eher kohorten- als altersabhängig wäre und man sich des von Schulze postulierten
Alters-Bildungs-Modells bedienen möchte, müsste die Altersgrenze, die die ‚jungen’ von den ‚alten’ Milieus
trennt, laufend verschoben werden.
34 Dies hat den weiteren Vorteil, dass sich Veränderungen in den Verankerungen der Milieus in bestimmten
Altersgruppen und Bildungsschichten ebenfalls empirisch untersuchen lassen.
35 Die Größe des Harmoniemilieus resultiert aus der Tatsache, dass hier drei der acht Typen zusammengefasst
sind. Verzichtet man auf eine Zusammenfassung und arbeitet mit den acht Grundtypen, die sich aus den
möglichen Kombinationen der dichotomisierten Schemata ergeben, erhält man für die vorliegende Stichprobe zu kleine Fallzahlen.
51
dem Verfahren vollständig auszuliefern, wurde eine K-Means Clusteranalyse mit folgenden
Vorgaben durchgeführt: a) Es sollten fünf Gruppen erzeugt werden, die b) in Übereinstimmung mit Schulzes Milieubeschreibungen und seinen Angaben zur Nähe und Distanz der
Milieus zu den Schemata stehen (Schulze 1992: 277ff.). Schulzes Angaben zur Nähe und
Distanz der Milieus zu den Schemata, die in Abbildung 4.4 wiedergegeben sind, wurden so in
Startwerte für die Clusteranalyse umgesetzt, dass die Clusterbildung an jeweils fünf äußeren
Ecken des dreidimensionalen Raumes der Schemata begann und sich von da zum Mittelpunkt
vorarbeitete. So wurden z.B. für das Niveaumilieu bei der größtmöglichen Nähe zum Hochkulturschema und der größtmöglichen Distanz zum Trivial- und Spannungsschema begonnen
(dies entspricht den Startwerten 5, 1 und 1).
Abbildung 4.4:
Verhältnis der alltagsästhetischen Schemata zu den Milieus
(nach Schulze)
Hochkulturschema
Trivialschema
Spannungsschema
Niveaumilieu
Nähe
Distanz
Distanz
Integrationsmilieu
Nähe
Nähe
Distanz
Harmoniemilieu
Distanz
Nähe
Distanz
Selbstverwirklichungsmilieu
Nähe
Distanz
Nähe
Unterhaltungsmilieu
Distanz
Distanz
Nähe
Die auf der Basis dieser Regeln gefundenen Gruppen sind in etwa gleich groß und zeigen eine
erstaunliche Übereinstimmung mit den Charakterisierungen der Milieus bei Schulze. Aus
diesen Gründen wird im Folgenden diese Klassifikation verwendet.
Wie Tabelle 4.17 zeigt, besteht auch 15 Jahre nach Schulzes Untersuchung ein deutlicher
Zusammenhang zwischen der Milieuzugehörigkeit und dem Alter. Die Anteile der ersten drei
Milieus nehmen mit dem Alter zu. Mit einer Zunahme um mehr als das 3,5fache gilt dies am
stärksten für das Harmoniemilieu. Aber auch der Anteil des Integrationsmilieus wächst von
der jüngsten zur ältesten Altergruppe um das 2,8fache. Im Gegensatz zu den drei ersten
Milieus gehen die Anteile für die beiden letzten Milieus mit dem Alter stark zurück und zwar
für das Selbstverwirklichungsmilieu noch etwas stärker als für das Unterhaltungsmilieu.
Bei einer Analyse der Milieuzugehörigkeit nach dem Geschlecht zeigen sich interessante
Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Am größten ist diese Differenz in Bezug auf das
Unterhaltungsmilieu: Die Männer unserer Stichprobe gehören diesem Milieu doppelt so
52
häufig an wie Frauen. Im Gegenzug sind Frauen etwas häufiger im Harmoniemilieu und im
Integrationsmilieu zu finden.36
Tabelle 4.17:
Verteilung der sozialen Milieus nach Alter und nach Geschlecht,
Spaltenprozent
Niveaumilieu (NM)
Integrationsmilieu (IM)
Harmoniemilieu (HM)
Selbstverwirklichungsmilieu (SM)
Unterhaltungsmilieu (UM)
N (=100%)
30-39
17,8
8,3
8,7
29,8
35,5
242
Alter
40-49
23,4
14,2
15,7
20,3
26,4
197
50-60
25,1
24,3
31,0
7,8
11,8
255
CV = 0,29; p ≤ 0,001
Geschlecht
Männer
Frauen
22,2
21,9
13,6
18,1
14,5
23,4
17,3
20,8
32,4
15,8
352
342
CV = 0,21; p ≤ 0,001
4.5 Soziale Netzwerke
Netzwerke sozialer Beziehungen bieten Hilfe und Unterstützung für ihre Mitglieder. In den
Studien, die den Zusammenhang zwischen sozialen Netzwerken und Gesundheit untersuchen,
wird dieser Aspekt, das Netzwerk als Ressource, betont (Waltz 1981, Hawe und Shiell 2000).
Dabei wird angenommen, dass sich soziale Beziehungen sowohl direkt als auch indirekt auf
die Erhaltung bzw. Wiederherstellung von Gesundheit auswirken (Pilisuk und Parks 1986;
Meyer et al. 1998: 16ff.). Soziale Beziehungen können aber auch psychische Belastungen mit
sich bringen (Laireiter und Lettner 1993) oder gesundheitsschädliches Verhalten bestärken
bzw. dazu verleiten (Kandel 1978).
In der vorliegenden Studie wurde versucht, sowohl den Ressourcenaspekt als auch den
Aspekt der Belastung und Gesundheitsgefährdung durch soziale Netzwerke zu erheben. Dies
geschah mit Hilfe eines Instruments zur Erhebung egozentrierter sozialer Netzwerke, welches
Kecskes und Wolf (1996) auf der Basis der Arbeiten von Fischer (1982; McCallister und
Fischer 1978) entwickelt und seither in verschiedenen Studien eingesetzt haben (Kecskes
2000; Friedrichs, Kecskes und Wolf 2002). Das Instrument besteht aus drei Teilen: den
sogenannten Namensgeneratoren (Fragen 30-32), den Namensinterpretatoren (Fragen N1N18) und den Items zur Ermittlung der Netzwerkdichte (Frage N19). Die Namensgeneratoren
stehen am Beginn des Instruments und bestehen zunächst aus fünf Fragen nach Personen, mit
denen die befragte Person in den letzten 14 Tagen eine bestimmte Art von Interaktion ausge-
36 Diese Unterschiede bleiben auch nach Kontrolle des Alters bestehen.
53
übt hat. Es folgt eine Frage nach weiteren wichtigen Bezugspersonen. Die so ermittelten
Netzwerkpersonen konstituieren den Kern des sozialen Netzwerks der befragten Person. Die
Anzahl der genannten Personen gilt als Indikator für die Größe der sozialen Netzwerke. Im
vorliegenden Fall variiert die Netzwerkgröße zwischen 0 und 35 Personen, bei einem Mittelwert von 8,7 und einem Median von 8 Personen.
Im zweiten Teil des Instruments folgen Fragen zu den Netzwerkpersonen. Um zu verhindern,
dass der Fragebogen zu lang wird, und um Interviewereffekte auf die Netzwerkgröße zu
minimieren, wurde beschlossen, diese Fragen nur für bis zu 10 Netzwerkpersonen zu stellen.
Sollte eine befragte Person mehr als 10 Netzwerkpersonen genannt haben, wählten die
Interviewer mit Hilfe einer Zufallszahlentabelle 10 dieser Personen für eine weitere Befragung aus.37 Für jede dieser Personen wurden 19 verschiedene Merkmale erhoben, z.B. das
Alter, der Schulabschluss, die (letzte) berufliche Stellung oder, ob es sich um Raucher handelt.
Der dritte Teil des Instruments enthält Fragen nach dem Bekanntschaftsgrad der Netzwerkpersonen untereinander. Da eine vollständige Erhebung dieses Merkmals schon für kleine
Netzwerke sehr aufwändig ist, geschieht dies im eingesetzten Instrument nur für bis zu fünf
Personen.38 Bei Netzwerken mit mehr als fünf Mitgliedern wurden wiederum mit Hilfe der
Zufallszahlentabelle fünf Personen zufällig ausgewählt. Auf Basis dieser Angaben wurde die
Dichte der Netzwerke berechnet. Dabei wurden Beziehungen, in denen sich die Netzwerkpersonen gut kannten mit einem Punkt, Beziehungen, in denen sich die Netzwerkpersonen
oberflächlich kannten mit einem halben Punkt und Beziehungen, in denen sich die Netzwerkpersonen gar nicht kannten, mit null Punkten bewertet (s. Pappi und Melbeck 1988). Wird die
Summe dieser Punkte durch die Anzahl der potentiell möglichen Beziehungen geteilt, erhält
man einen Wert für die Dichte der Netzwerke. Die Dichte variiert im vorliegenden Datensatz
empirisch zwischen 0 und 1 und hat einen Mittelwert und einen Median von 0,65.
Neben der Größe und der Dichte der sozialen Netzwerke wurden auf der Basis der Angaben
zu den Netzwerkpersonen durch Aggregation weitere Netzwerkmerkmale gebildet (zur
Methode vgl. Wolf 1993). Das soziale Kapital wird durch den Anteil der Personen mit
37 In jeden Fragebogen war eine entsprechende Zufallszahlentabelle, die sich von Fragebogen zu Fragebogen
unterschied, eingedruckt. Wie erste Analysen zeigen, wurde dieser Auswahlmechanismus nicht immer richtig
befolgt. Wie groß der dadurch entstandene Fehler ist, kann nicht genau beziffert werden. Betroffen ist jedoch
nur eine Minderheit der Netzwerke und Netzwerkpersonen. In nur 188 von 692 Netzwerken musste aus den
Netzwerkpersonen ausgewählt werden, weil sie mehr als 10 Personen umfassten. Für 5086 (84%) der insgesamt 6031 genannten Netzwerkpersonen wurden weitere Informationen gesammelt.
38 Bei N Personen können potentiell N H (N – 1) / 2 Beziehungen bestehen und müssen daher ebenso viele
Fragen gestellt werden. Bei fünf Netzwerkpersonen also 10 Fragen bei 10 Netzwerkpersonen schon 45 Fragen.
54
höchstens Hauptschulabschluss, dem Anteil der Personen mit (Fach-)Abitur und durch den
durchschnittlichen beruflichen Status39 im Netzwerk bestimmt.
Als Indikatoren für die Geschlossenheit der Netzwerke wird die Netzwerkdichte, der Anteil
Verwandter im Netzwerk (inklusive des (Ehe-)Partners) und der Anteil der Nachbarn verwendet.
Das Gesundheitsverhalten der Netzwerkpersonen wurde durch zwei Indikatoren bestimmt:
Den Anteil der starken bzw. sehr starken Raucher und den Anteil der Netzwerkpersonen, die
oft oder sehr oft Alkohol trinken.
Tabelle 4.18:
Hauptkomponentenanalyse der Netzwerkmerkmale,
varimax rotierte Ladungsmatrix
Durchschnittlicher Berufsstatus
Anteil (Fach-)Abiturienten
Anteil mit höchstens Hauptschulabschluss
Dichte des Netzwerks
Anteil Verwandter
Anteil Nachbarn
Anteil häufiger Alkoholgenuss
Anteil starke Raucher
Varianzanteil pro Faktor
Reliabilität: Cronbachs α
I
0,92
0,90
–0,87
II
III
0,85
0,69
0,65
33,2
0,93
22,1
0,63
0,82
0,72
15,2
0,36
h²
0,90
0,86
0,81
0,74
0,56
0,45
0,71
0,61
Nur Ladungen |a| > 0,3.
Eine Hauptkomponentenanalyse zeigt das in Tabelle 4.18 dargestellte Ergebnis. Die acht
Variablen laden wie vorgesehen auf drei Komponenten. Der erste Faktor, in den die Schulbildung und der Berufsstatus der Netzwerkpersonen eingeht, bildet das soziale Kapital der
Netzwerke ab. Der zweite Faktor, der durch den Anteil Verwandter, den Anteil der Nachbarn
und die Dichte gebildet wird, wird hier als Geschlossenheit der Netzwerke interpretiert. Der
dritte Faktor reflektiert das Ausmaß gesundheitsschädigenden Verhaltens der Netzwerkpersonen. Gemessen an Cronbachs α ist dieser Faktor nicht sehr reliabel. Die Ursache hierfür ist die
relativ geringe Korrelation zwischen dem Anteil starker Raucher und Trinker unter den
Netzwerkpersonen. Bei der Hypothesenprüfung wird es daher nötig sein, diese beiden Merkmale auch separat zu untersuchen.
39 Die zur Bestimmung des Berufsprestiges bzw. des sozio-ökonomischen Berufsstatus nötigen Angaben zur
beruflichen Tätigkeit bzw. zur fein klassifizierten beruflichen Stellung liegen für die Netzwerkpersonen nicht
vor. Albrecht, Trappmann und Wolf (2002) haben jedoch ein Verfahren entwickelt, das es erlaubt, auf der
Basis des Geschlechts, des höchsten Schulabschlusses und der grob klassifizierten beruflichen Stellung aus
den herkömmlichen SES bzw. Prestigeskalen abgeleitete Skalen zu erstellen. Dieses Verfahren wurde hier
angewendet, und es wurden sechs abgeleitete Skalen berechnet. Da diese Skalen mit Werten zwischen 0,94
und 0,99 miteinander korreliert sind, wurden sie zu einem Statusindikator zusammengezogen.
55
Wie weiter oben erwähnt, wird neben den drei soeben beschriebenen Faktoren die Netzwerkgröße als zusätzlicher Indikator verwendet. Die Anzahl der Netzwerkpersonen korreliert
schwach positiv mit dem sozialen Kapital (r = 0,13) und negativ mit der Geschlossenheit der
Netzwerke (r = –0,36). Zwischen der Belastung durch das Netzwerk und der Netzwerkgröße
besteht dagegen kein Zusammenhang (r = 0,01).
4.6 Belastungen durch Erwerbsarbeit
Obwohl die Arbeitssituation und die Arbeitsbelastung einen Schwerpunkt der vorliegenden
Untersuchung bilden, musste die Auswahl der Indikatoren doch begrenzt werden. Insgesamt
stehen für den Bereich der Arbeitsbelastungen und –beanspruchungen 24 Items zur Verfügung (Fragen 52-59). Diese Items stammen aus verschiedenen Quellen: acht Items wurden
dem Fragebogen zur Erfassung der subjektiven Belastung von Weyer und Hodapp (1975)
entnommen; die Fragen zur Arbeitszeit, den Arbeitstagen in der Woche und der Schicht-,
bzw. Nacht- und Wochenendarbeit stammen aus dem Mikrozensus 1995; andere Items
wurden für die vorliegende Studie neu entwickelt – z.B. Fragen zur Kontrolle der Arbeitszeit.
Auf der Basis dieser Indikatoren wurden für die 522 Erwerbstätigen (=75%) mit Hilfe einer
exploratorischen Hauptkomponentenanalyse mit schiefwinkliger Rotation fünf Belastungsdimensionen identifiziert und entsprechende Indizes gebildet. Drei Items wurden nach einer
ersten Analyse ausgeschlossen, da sie sehr kleine Ladungen und Kommunalitäten aufwiesen.
Die fünf Faktoren lassen sich wie folgt beschreiben:40
1. Physische Belastung: Die physische Arbeitsbelastung wurde durch vier Items bestimmt:
überwiegendes Sitzen (negativ), langes Stehen, schweres Tragen, gebeugtes Arbeiten (Frage
57a-d). Diese Items der objektiven physischen Belastung laden gemeinsam mit der subjektiven Einschätzung der körperlichen Belastung durch die Arbeit (Frage 59e) auf einem Faktor
(siehe Faktor 2 in Tabelle 4.19).
2. Psycho-soziale Arbeitsbelastung: Starke seelische Belastungen (Frage 59d), das Problem
nach der Arbeit nicht ‚abschalten’ zu können (Frage 59g), mangelnde Anerkennung durch
Kollegen (Frage 59h) und wenig Freude am Beruf (Frage 59i) bilden eine Dimension der
psycho-sozialen Arbeitsbelastung (Faktor 4 in Tabelle 4.19).
3. Zeitdruck und eingeschränkte Zeitautonomie: Zeitdruck (Frage 59a, Frage 59f) und fehlende Zeitautonomie (Frage 58a und b, Frage 59b und c) bilden diesen Faktor (Faktor 1 in
40 Die hier angegebene Reihenfolge der Dimensionen ist nach inhaltlichen Kriterien bestimmt worden und
entspricht nicht der Reihenfolge, in der die Faktoren bei der Hauptkomponentenanalyse extrahiert wurden
(vgl. Tabelle 4.19).
56
Tabelle 4.19). Diese subjektiv erlebte Belastung durch ‚zu wenig Zeit’ korreliert nur schwach
bzw. gar nicht mit den beiden nächsten Dimensionen, die objektive Aspekte der Arbeitszeit
abbilden (s. Tabelle 4.20).
4. Umfang der Arbeitzeit: Dieser Aspekt der Arbeitsbelastung setzt sich zusammen aus der
(logarithmierten) wöchentlichen Arbeitszeit (Frage 54), der Anzahl der Wochentage, an denen
gearbeitet wird (Frage 55), und der Häufigkeit mit der an Samstagen gearbeitet wird (Frage
56a) (Faktor 3 in Tabelle 4.19).
5. Belastung durch ungewöhnliche Arbeitszeiten: Diese Dimension der Arbeitsbelastung
reflektiert die Häufigkeit mit der Nacht-, Sonntags- und Schichtarbeit ausgeübt wird.
Weil die Einzelindikatoren der Arbeitsbelastung auf unterschiedlichen Antwortskalen erhoben
wurden, sind die fünf Belastungsindizes als Faktorwerte gebildet.
Tabelle 4.19:
Hauptkomponentenanalyse der Arbeitsbelastungen
schiefwinklige Rotation, nur Erwerbstätige
F58a Unvorhergesehene Arbeiten
F59c Häufige Störungen
F59f Zeitlich nicht zu schaffen
F59a Starker Zeitdruck
F59b Häufig Probleme
F58b Verlängerter Arbeitstag
F59e Körperlich anstrengend
F57b Langes Stehen
F57c Schwer tragen
F57a Überwiegend Sitzen
F57d Gebeugtes Arbeiten
F55 Arbeitstage pro Woche
F54 Arbeitsstunden pro Woche (ln)
F56a Samstagsarbeit
F59g Kein Abschalten nach Arbeit
F59i Beruf macht Spaß
F59d Starke seelische Belastung
F59h Wenig Anerkennung
F56c Nachtarbeit
F56d Schichtarbeit
F56b Arbeit an Sonn- und Feiertagen
Varianzanteil pro Faktor
Reliabilität: Cronbachs α
I
0,78
0,74
0,68
0,63
0,60
0,59
II
III
IV
–0,31
V
0,31
0,81
0,77
0,76
–0,76
0,74
0,88
0,80
0,61
0,64
–0,61
0,59
0,56
0,31
17,7
0,78
16,8
0,84
0,43
10,7
0,73
7,6
0,54
0,81
0,75
0,63
5,8
0,66
h²
0,67
0,53
0,52
0,51
0,53
0,52
0,75
0,62
0,58
0,62
0,55
0,74
0,71
0,61
0,52
0,39
0,55
0,40
0,68
0,63
0,68
Nur Ladungen |a| > 0,3.
Diese fünf Belastungsbereiche bilden statistisch gesehen verschiedene Dimensionen, die nur
schwach miteinander korreliert sind (s. Tabelle 4.20), insofern hätte auch eine orthogonale
Rotation der Dimensionen erfolgen können.
57
Häufige Schicht-, Nacht- und Sonntagsarbeit geht durchschnittlich mit einer etwas größeren
physischen Belastung und einem entsprechend größeren Umfang der Arbeit einher. Subjektiv
empfundener Zeitdruck bzw. eingeschränkte Zeitautonomie ist mit durchschnittlich etwas
höherer psycho-sozialer Belastung und einem größeren Umfang der Arbeit assoziiert. Im
Gegensatz dazu sind subjektiv empfundener Zeitdruck und physische Arbeitsbelastung
schwach negativ korreliert. Die physische Belastung, die psycho-soziale Belastung und die
Belastung durch den Umfang der Arbeit variieren unabhängig voneinander. Ebenso sind
weder die psycho-sozialen Belastungen, noch der subjektiv empfundene Zeitdruck mit
ungewöhnlichen Arbeitszeiten korreliert.
Tabelle 4.20:
Korrelationen zwischen den Dimensionen der Arbeitsbelastungen
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Psycho-soziale
Belastung
0,07
Zeitdruck
–0,11*
0,16***
Umfang der
Arbeitszeit
0,01
–0,01
0,22***
ungewöhnliche
Arbeitszeit
0,15***
0,03
–0,01
0,20***
* p ≤ 0,05; *** p ≤ 0,001.
Da nach der vorliegenden Literatur angenommen werden kann, dass sich neben dem Vorliegen einzelner Arbeitsbelastungen vor allem die Kumulation verschiedener Belastungen
negativ auf die Gesundheit auswirkt (Henninges 1998: 21f.), wurde zusätzlich eine Maßzahl
der kumulativen Arbeitsbelastung berechnet.41 Diese Zahl gibt an, bei wie vielen der fünf
Belastungsdimensionen eine Person mehr als eine Standardabweichung über der durchschnittlichen Belastung auf dieser Dimension liegt. Eine Operationalisierung wie diese ist insofern
problematisch, als sie keine Aussagen über den absoluten Belastungsgrad einer Person
zulässt, da die Stichprobenverteilung zum Maßstab herangezogen wird. Diese Schwierigkeit
ist m.E. in einer allgemeinen Bevölkerungsbefragung wie der hier vorliegenden jedoch
weniger gravierend als in Spezialuntersuchungen bestimmter Berufsgruppen. Dadurch, dass
hier nur Belastungen, die mindestens eine Standardabweichung über der durchschnittlichen
Belastung liegen, in den Belastungsindex eingehen, dürften hier Belastungsmomente berücksichtigt werden, die auch objektiv ernst zu nehmen sind.
Insgesamt sind 42% aller befragten Erwerbstätigen keiner, 39% einer, 13% zwei, 5% drei und
weniger als 0,5% vier der fünf Arbeitsbelastungen in hohem Maße ausgesetzt. Wie Tabelle
41 Es sollte jedoch nicht vergessen werden, dass es sich auch bei den einzelnen Dimensionen der Arbeitsbelastung um eine Kumulation mehrerer Belastungen handelt, die jedoch jeweils einem Bereich zugerechnet werden können.
58
4.21 zeigt, unterscheidet sich die kumulative Arbeitsbelastung von Männern und Frauen nur
geringfügig; Männer scheinen an ihrem Arbeitsplatz etwas mehr Belastungen ausgesetzt als
Frauen.42 Ebenfalls kaum Unterschiede lassen sich zwischen den Altersgruppen ausmachen,
auch wenn es so scheint, als ob die jüngste Altersgruppe etwas stärker belastet ist als die
beiden anderen Gruppen.
Tabelle 4.21:
Keine
Eine
Zwei und mehr
N (=100%)
Kumulation der Arbeitsbelastungen nach Alter und nach Geschlecht,
nur Erwerbstätige, Spaltenprozent a
Alter
40-49
45,8
32,1
22,0
168
30-39
37,4
43,7
18,9
190
50-60
45,1
40,7
14,2
162
CV = 0,09; n.s.
Geschlecht
Männer
Frauen
39,5
46,7
40,5
36,9
19,9
16,4
306
214
CV = 0,07; n.s.
Die in diesem Abschnitt präsentierten Analysen bezogen sich lediglich auf die Gruppe der
Erwerbstätigen. Dort wo bei den Auswertungen in Kapitel 5 Analysen für die gesamte
Stichprobe vorgelegt werden, wird die Arbeitsbelastung derjenigen, die nicht erwerbstätig
sind, auf das Minimum der jeweiligen Belastungsdimension festgesetzt. Gleichzeitig wird in
diesen Analysen jedoch auch der Erwerbsstatus kontrolliert.
4.7 Belastungen durch Hausarbeit
Zur Bestimmung der Belastung durch die Haus- und Familienarbeit wurde zum einen direkt
nach der Anzahl der Stunden gefragt, die in jeder Woche für das Erledigen der Hausarbeit
(Putzen, Einkaufen, Wäschewaschen, Spülen usw.) aufgewendet wird (Frage 63). Zum
anderen wurde allen, die mindestens 10 Stunden in der Woche Hausarbeiten ausführen, eine
Liste von acht Aussagen vorgelegt, die parallel zu den Items der Arbeitsbelastung im Erwerbsleben formuliert waren (N = 320 oder 46%). Diese Items wurden (überwiegend) aus
Weyer und Hodapp (1975) übernommen (Frage 64a bis i). Eine Faktorenanalyse dieser Items
zeigt, dass diese – bei Ausschluss der Items e und i – einen Faktor abbilden (Cronbachs
α = 0,84). Dieser Faktor wird als die psycho-soziale Belastung durch die Hausarbeit interpretiert.
42 Ein ähnliches Ergebnis berichtet Huster (1990: 247f.) auf Basis des DHP-Gesundheitssurvey 84-86.
59
Eine Analyse dieses Faktors zeigt, dass erwerbstätige Frauen sich stärker durch die Hausarbeit belastet sehen als Männer und auch stärker als Frauen, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen. Die Belastung durch die Hausarbeit nimmt für Frauen mit der Größe der Haushalte zu,
nicht aber für die Männer. Sowohl für Männer als auch für Frauen sinkt die Belastung durch
Hausarbeit mit der Anzahl erwachsener Personen im Haushalt. Werden die genannten Merkmale kontrolliert, besteht kein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Stunden, die für die
Erledigung der Hausarbeit eingesetzt werden, und der subjektiv empfundenen Belastung.
Um nun für die Gesamtstichprobe einen Indikator für die Belastung durch Hausarbeit zu
erhalten, wurde diese auf der Grundlage einer Regressionsanalyse geschätzt. Als unabhängige
Variablen gingen in diese Analysen die Haushaltsgröße, die Anzahl der erwachsenen Haushaltsmitglieder, eine Variable, die anzeigt, ob die befragte Person erwerbstätig ist oder nicht,
das Alter, das Geschlecht, ein Interaktionseffekt für Frauen und Haushaltsgröße und ein
Interaktionseffekt für Frauen und Erwerbsstatus ein. Dieses Modell erklärt 25% der Varianz
in der Belastung durch Hausarbeit.
Die Anzahl der Stunden, die wöchentlich für die Hausarbeiten aufgewandt werden, ist mit
r = 0,15 mit der empirisch ermittelten Belastung durch Hausarbeit korreliert und mit r = 0,24
mit der geschätzten Belastung. Wie die Tabellen 4.22 und 4.23 ausweisen, liegen die gemessenen Werte in den Altersgruppen 30 bis 39 und 40 bis 49 Jahre sowie die durchschnittlich
gemessenen Werte für die Frauen über den abgeleiteten Werten. Für die älteste Gruppe und
für Männer decken sich die Werte. In beiden Fällen zeigen die gemessenen Werte schon eine
sehr geringe Belastung durch Hausarbeit an, so dass die Schätzung von sehr niedrigen Belastungswerten, für diejenigen, die noch seltener Hausarbeiten durchführen, plausibel ist.
Tabelle 4.22:
Statistische Kennwerte der Belastung im Haushalt, nach Altersgruppen
0
Alter
30-39
40-49
50-60
Differenz
η
Gemessene Werte
s
0,41
0,11
–0,41
***
0,34
n.s.: nicht signifikant; ***: p ≤ 0,001.
0,94
1,03
0,88
n.s.
N
0
96
99
122
–0,11
–0,42
–0,63
***
0,56
Abgeleitete Werte
s
0,31
0,37
0,34
n.s.
N
146
95
130
60
Die gemessenen und abgeleiteten Belastungswerte variieren in ähnlicher Weise mit dem Alter
und dem Geschlecht.43 Die subjektive Belastung durch Hausarbeit sinkt mit dem Alter, und
Frauen fühlen sich durch Hausarbeit stärker belastet als Männer.
In den Analysen, bei denen die Belastung durch den Haushalt für die Gesamtstichprobe
analysiert wird, wird zusätzlich kontrolliert, ob es sich um die gemessenen oder die geschätzten Werte handelt.
Tabelle 4.23:
Statistische Kennwerte der Belastung im Haushalt, nach Geschlecht
0
Geschlecht
männlich
weiblich
Differenz
η
–0,44
0,13
***
0,24
Gemessene Werte
s
0,77
1,03
**
N
70
247
0
–0,51
0,04
***
0,59
Abgeleitete Werte
s
0,31
0,36
n.s.
N
280
91
**: p ≤ 0,01***; p ≤ 0,001.
43 Dies ist auch nicht verwunderlich, wurden die abgeleiteten Werte doch u.a. auf Basis dieser beiden Merkmale
geschätzt; eine Folge davon ist, dass der Zusammenhang zwischen diesen demographischen Merkmalen und
der Belastung durch Hausarbeit bei den abgeleiteten Werten deutlich höher ist als bei den gemessenen Werten.
61
4.8 Übersicht über die Indikatoren
In Abbildung 4.4 sind alle in diesem Kapitel vorgestellten Indikatoren nach thematischen
Bereichen zusammengestellt. Für die sieben verschiedenen Bereiche liegen insgesamt 30
Indikatoren vor.
Abbildung 4.4:
Übersicht über die verwendeten Indikatoren
Bereiche
Gesundheit
Indikatoren
Körperliche Gesundheit (SF-36)
Psychische Gesundheit (SF-36)
Beschwerdeindex (v. Zerssen)
Gesundheitsverhalten
Raucherstatus
Tabakkonsum (klassiert und offen)
Packungsjahre (klassiert und offen)
Alkoholkonsum (klassiert und offen)
Häufigkeit sportlicher Betätigung
Kumulation gesundheitsschädigender Verhaltensweisen
Soziale Ungleichheit
Bildungsindex
Berufsprestige (eigener Beruf und Einordnungsberuf)
Berufliche Stellung (eigener Beruf, Einordnungsberuf)
Persönliches Einkommen und Äquivalenzeinkommen
Index des sozialen Status
Lebensstile
Indizes der drei alltagsästhetischen Schemata
Milieuzugehörigkeit
Soziale Netzwerke
Netzwerkgröße
Soziales Kapital
Geschlossenheit der Netzwerke
Gesundheitsverhalten der Netzwerkpersonen
Belastungen durch Erwerbsarbeit Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeiten
Kumulation der Arbeitsbelastungen
Belastungen durch Hausarbeit
Dauer der Hausarbeit
Psycho-soziale Belastung
62
5.
Überprüfung der Hypothesen
Nachdem die Anlage der Untersuchung und die Operationalisierung der zentralen Konstrukte
beschrieben wurden, werden die im zweiten Kapitel entwickelten Hypothesen überprüft. Dies
geschieht zunächst getrennt für die jeweiligen Bereiche. In Abschnitt 5.2 wird der Einfluss
der beruflichen Belastungen auf das Gesundheitsverhalten und die Gesundheit untersucht. Im
nächsten Abschnitt wird der Effekt der Belastung durch Hausarbeit analysiert. In Abschnitt
5.4 wird untersucht, ob die Hypothesen, die sich auf den Einfluss des sozialen Netzwerks
beziehen, bestätigt werden können, und in Abschnitt 5.5 steht der Einfluss der Lebensstile auf
das Gesundheitsverhalten und die Gesundheit im Mittelpunkt. In einem abschließenden Teil
wird untersucht, ob sich ein Zusammenhang zwischen dem Gesundheitsverhalten und der
Gesundheit nachweisen lässt. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse und der Versuch, diese
in ein Gesamtmodell zu integrieren, erfolgt in Kapitel 6.
5.1 Soziale Ungleichheit und Gesundheit bzw. Gesundheitsverhalten
Bevor mit der Überprüfung der Hypothesen begonnen wird, soll jedoch untersucht werden,
wie stark der Zusammenhang zwischen der sozialen Ungleichheit und der Gesundheit bzw.
dem Gesundheitsverhalten im vorliegenden Datenmaterial ist.
5.1.1 Soziale Ungleichheit und Gesundheit
Eine erste grobe Aussage über den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und
Gesundheit gestattet die in Tabelle 5.1 wiedergegebene Analyse. Danach steigt der Anteil
derjenigen, die ihren eigenen Gesundheitszustand als ausgezeichnet oder als gut bezeichnen,
kontinuierlich mit dem sozialen Status an. Die relative Chance, dass eine Person mit hohem
sozialen Status ihren Gesundheitszustand als ausgezeichnet oder sehr gut bezeichnet ist 1,9mal höher als bei einer Person mit niedrigem sozialen Status. Umgekehrt sinkt der Anteil
derjenigen, die ihren Gesundheitszustand als weniger gut oder als schlecht bezeichnen, mit
dem sozialen Status. Die relative Chance, seinen Gesundheitszustand als weniger gut oder als
schlecht zu bezeichnen, liegt in der Gruppe mit niedrigem sozialen Status 2,9-mal über dem
Wert der Gruppe mit hohem Status.
Obwohl die in Tabelle 5.1 wiedergegebene Analyse die Ausgangsannahme einer positiven
Korrelation zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit zunächst bestätigt, lässt sich nicht
erkennen, ob diese Aussage für alle Dimensionen sozialer Ungleichheit und die verschiedenen
Indikatoren der Gesundheit gilt. Darüber hinaus variiert sowohl die Gesundheit als auch die
63
soziale Ungleichheit mit dem Alter und dem Geschlecht. Daher werden diese beiden demographischen Merkmale bei den folgenden Analysen kontrolliert.
Tabelle 5.1:
Gesundheitszustand nach sozialem Status, Spaltenprozent
niedrig
Subjektive Einschätzung
des Gesundheitszustands
Weniger gut, schlecht
Gut
Ausgezeichnet, sehr gut
N (=100%)
29
46
25
231
Sozialer Status a
mittel
21
49
30
232
Gesamt
hoch
13
49
39
232
21
48
31
695
a An Terzentilen trichotomisierter Faktor sozialer Status (vgl. Abschnitt 4.3.4).
Kendalls τb = 0,15 (p ≤ 0,05)
Eine detaillierte Analyse, die über den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und
Gesundheit unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts informiert, findet sich in den
Tabellen 5.2 und 5.3. Für die in Tabelle 5.2 präsentierten Analysen wurden zunächst alle
Merkmale in Quartilsklassen eingeteilt – einzige Ausnahme war die Bildung, hier wurden drei
Klassen verwendet. Dann wurde berechnet, wie groß die relativen Chancen (odds ratios) der
Personen mit hoher Bildung, hohem Berufsprestige, hohem Einkommen und hohem sozialen
Status sind, einen Platz im obersten und nicht im untersten Quartil der Gesundheitsmaße zu
erreichen. Als Vergleichsgruppe wurden Personen mit niedriger Bildung, niedrigem Berufsprestige, niedrigem Einkommen bzw. niedrigem sozialen Status herangezogen.
Tabelle 5.2:
Odds Ratios für niedrige vs. hohe Werte auf den Ungleichheits- und
Gesundheitsdimensionen, kontrolliert nach Alter und Geschlecht a
Bildungsindex
Prestige des eigenen Berufs
Prestige des Einordnungsberufs
Persönliches Einkommen
Äquivalenzeinkommen
Sozialer Status
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
2,3**
1,0 ns
2,3**
1,2 ns
1,8 +
1,5 ns
3,3**
1,5 ns
2,2*
1,8 ns
2,4**
1,7 ns
Beschwerden
5,7–1***
5,7–1***
5,6–1***
6,0–1***
6,1–1**
8,0–1***
a Alle Variablen wurden in Quartilsklassen eingeteilt, niedrige Werte: 1. Quartil, hohe Werte: 4. Quartil;
Ausnahme ist die Bildung, hier gilt: niedrig: Indexwerte 1-3, hoch: Indexwerte 7 und 8.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001 (136 ≤ N ≤ 216).
Die deutlichsten Unterschiede zwischen statushohen und statusniedrigen Personen finden sich
in Bezug auf den Beschwerdeindex. Im Vergleich zu Personen mit niedriger Bildung sind die
64
besser Gebildeten 5,7-mal seltener unter dem Viertel mit den stärksten Beschwerden zu
finden. Bei den anderen Ungleichheitsdimensionen ergeben sich ähnlich hohe bzw. noch
höhere relative Chancen. Auch für die mit dem SF-36 gemessene Dimension der körperlichen
Gesundheit zeigt sich durchgehend ein Vorteil der statushöheren Positionen. Verglichen mit
denen im untersten Quartil der Einkommensverteilung sind diejenigen im obersten Quartil
3,3-mal häufiger unter den 25% mit der besten und nicht unter den 25% mit der schlechtesten
Gesundheit.
Wird statt der einzelnen Ungleichheitsdimensionen der Index des sozialen Status verwendet,
ergibt sich dasselbe Ergebnis: Im Vergleich mit statusniedrigen Personen sind Personen im
obersten Quartil der Statusverteilung 2,4-mal häufiger unter den 25% mit der besten und nicht
unter den 25% mit der schlechtesten körperlichen Gesundheit. Mit Bezug auf den Beschwerdeindex ergibt sich für die relativen Chancen sogar ein Wert von 8,0.
Die mit dem SF-36 gemessene psychische Gesundheit variiert zwar auch in der angenommenen Weise mit der sozialen Ungleichheit, die Zusammenhänge sind jedoch deutlich schwächer als bei den beiden anderen Gesundheitsmaßen und werden in diesen Analysen nicht
signifikant.
Tabelle 5.3:
Korrelationen zwischen den Dimensionen sozialer Ungleichheit und
der Gesundheit unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts
Bildungsindex
Prestige des eigenen Berufs
Prestige des Einordnungsberufs
Persönliches Einkommen
Äquivalenzeinkommen
Sozialer Status
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
0,11**
0,07 ns
0,11**
0,08*
0,11**
0,09*
0,14***
0,04 ns
0,09*
0,07 ns
0,13***
0,09*
Beschwerden
–0,24***
–0,21***
–0,24***
–0,21***
–0,23***
–0,28***
ns: nicht signifikant, *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001 (535 ≤ N ≤ 683).
Werden statt der relativen Chancen für die Extremgruppen partielle Korrelationen zwischen
den verschiedenen Merkmalen für die gesamte Stichprobe berechnet, verändert sich das Bild
geringfügig (Tabelle 5.3). Wieder zeigt sich kein bzw. ein nur sehr schwacher Zusammenhang
zwischen der sozialen Ungleichheit und der psychischen Gesundheit. Die Korrelationen
zwischen der körperlichen Gesundheit und den Ungleichheitsdimensionen sind zwar auch
nicht besonders stark, aber durchgehend signifikant. Und die deutlichste Abhängigkeit der
Gesundheit von der sozialen Ungleichheit zeigt sich wiederum mit Bezug auf die Beschwerden.
65
Abschließend wurde der Einfluss der Ungleichheitsmerkmale auf die Gesundheit in multivariaten Analysen untersucht. Für jedes der drei Maße der Gesundheit wurden drei Analysen
durchgeführt. In der ersten Analyse wurden nur Alter und Geschlecht kontrolliert (M1). In der
zweiten Analyse wurden zusätzlich die Bildung, das Prestige des Einordnungsberufs und das
Äquivalenzeinkommen eingeführt (M2a). In der dritten Analyse wurde neben dem Alter und
dem Geschlecht der Index des sozialen Status verwendet (M2b). Zur Beurteilung der Erklärungsleistungen der Ungleichheitsmaße wurde für die Modelle 2a und 2b der Zuwachs an
erklärter Varianz gegenüber Modell 1 angegeben (∆ R²). Die Ergebnisse dieser Analysen sind
in Tabelle 5.4 zusammengestellt.
In Hinblick auf das Alter und das Geschlecht bestätigen diese Analysen die Ergebnisse, die in
Abschnitt 4.1 gewonnen wurden. Unter den 30- bis 60-Jährigen wird die körperliche Gesundheit mit zunehmendem Alter schlechter, die Anzahl und Stärke der Beschwerden nimmt zu,
während sich gleichzeitig die psychische Gesundheit verbessert. Dabei berichten die Männer
durchschnittlich eine bessere Gesundheit und klagen über weniger Beschwerden als die
Frauen. Für die psychische Gesundheit lassen sich dagegen keine geschlechtsspezifischen
Unterschiede feststellen.
Tabelle 5.4:
Soziale Ungleichheit und Gesundheit,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
M1
M2a
M2b
M1
M2a
Alter
–29*** –18*** –18*** 12**
12**
Geschlecht (männlich = 1)
8** 10*
10**
5 ns
4 ns
ns
2 ns
Bildung
6
ns
Prestige des Einordnungsberufs
6
7 ns
ns
Äquivalenzeinkommen
4
3 ns
Sozialer Status
13***
R² bzw. ∆ R²
9*** 3***
2***
1*
1 ns
Beschwerden
M2b
M1
M2a
M2b
13*** 13*** 10*
10**
4 ns –17*** –13*** –14***
–12*
–9 +
–13**
9*
–28***
1*
5***
8***
7***
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert; paarweiser Ausschluss fehlender Werte.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Wie die Modelle M2a für die körperliche und psychische Gesundheit zeigen, sind die Effekte
der Bildung, des Berufs und des Einkommens, wenn man sie gleichzeitig in die Analyse
einführt, sehr schwach und werden nicht signifikant. (Und dies obwohl diese drei Merkmale
im Fall der körperlichen Gesundheit zusätzlich drei Prozent mehr Varianz erklären.)44 Immer-
44 Es ist naheliegend, hier ein Problem zu hoher Multikollinarität zu vermuten. Eine Untersuchung der entsprechenden Toleranzkoeffizienten zeigt für das Berufsprestige einen relativ niedrigen Wert (tol = 0,56), der
jedoch keine ernsthaften Schwierigkeiten verursachen sollte. Wird dieses Merkmal dennoch aus den Analy-
66
hin sind die Einflüsse der drei Ungleichheitsmerkmale im entsprechenden Modell für den
Beschwerdeindex signifikant – auch wenn die Einflussstärke nicht besonders groß ist. Werden
die drei Aspekte sozialer Ungleichheit zu einem Index des sozialen Status zusammengefasst
und wird dieser Index in die Regressionsanalyse eingeführt, ergibt sich ein signifikanter
Einfluss auf jedes der drei Gesundheitsmaße (vgl. Modell 2b). Insbesondere die Zahl und
Stärke der Beschwerden variiert mit dem sozialen Status.45
Insgesamt sind die Resultate dieser Analysen ernüchternd. In Bezug auf die durch den SF-36
gemessenen Gesundheitsdimensionen kann nicht von einem sehr starken Einfluss der sozialen
Ungleichheit ausgegangen werden.46 Etwas anders sieht es beim Beschwerdeindex aus, bei
dem eine deutliche Abhängigkeit von der sozialen Ungleichheit vorliegt – Bildung, Beruf und
Einkommen erklären acht Prozent der Varianz dieser Variablen. In den folgenden multivariaten Analysen zur Gesundheit, bei dem der Einfluss weiterer Merkmale untersucht wird, wird
zunächst nur der Index des sozialen Status verwendet, da er einen konsistenten Einfluss in der
erwarteten Richtung auf alle drei Gesundheitsmaße hat.
5.1.2 Soziale Ungleichheit und Gesundheitsverhalten
Nachdem der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Gesundheit genauer analysiert
wurde, soll geprüft werden, ob das Gesundheitsverhalten mit der sozialen Ungleichheit
variiert. Diese Frage kann mit dem vorliegenden Datenmaterial am Beispiel folgender Verhaltensweisen untersucht werden (vgl. Abschnitt 4.2): Ausmaß des Zigarettenkonsums und
Anzahl der Packungsjahre, Menge des konsumierten (reinen) Alkohols bzw. einer Typologie
des Alkoholkonsums, dem Ausmaß sportlicher Betätigung und einem zusammenfassenden
Index gesundheitsschädigenden Verhaltens.
Die nach Alter und Geschlecht kontrollierten partiellen Korrelationen zwischen diesen
gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen und den Maßen der Ungleichheit finden sich in
Tabelle 5.5. Wie diese Koeffizienten zeigen, besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen
dem Gesundheitsverhalten und der sozialen Ungleichheit. So konsumieren statushöhere
sen ausgeschlossen, bleibt es bei den nichtsignifikanten Ergebnissen der Bildung und des Einkommens. (In
diesen Analysen produziert die Bildung den niedrigsten Toleranzwert – tol = 0,76).
45 In Tabelle A1.1 finden sich die Ergebnisse derselben Analysen, wenn nur die Gruppe der Erwerbstätigen
zugrundegelegt wird. Für die soziale Ungleichheit ergeben sich hier dieselben Resultate. Allerdings sind die
Effekte des Alters in diesen Analysen deutlich geringer. Im Fall der Beschwerden verschwindet der Alterseffekt unter Kontrolle der sozialen Ungleichheit vollständig. Im Gegenzug sind die Unterschiede zwischen den
Erwerbstätigen Männern und Frauen stärker ausgeprägt als in der gesamten Stichprobe. So ist die psychische
Gesundheit der männlichen Erwerbstätigen signifikant besser als die der weiblichen. Diese Analysen bilden
die Basis zur Beurteilung des Einflusses der Arbeitsbelastungen, die in Abschnitt 5.2 untersucht werden.
46 Vergleichsanalysen mit dem Bundesgesundheits-Survey 1998 für Westdeutsche im Alter von 30 bis 60
Jahren bestätigen die hier vorgelegten Ergebnisse zum eher geringen Einfluss der Ungleichheitsmaße auf die
Gesundheit. Es handelt sich demnach nicht um einen „Defekt“ der Kölner Stichprobe.
67
Personen weniger Tabakwaren, sie haben weniger Packungsjahre und sie treiben deutlich
häufiger Sport als statusniedrige Personen. Diese Zusammenhänge finden sich tendenziell
sowohl für jeden einzelnen Ungleichheitsindikator als auch für den zusammengefassten Index
des sozialen Status. Unter den Einzelindikatoren hat die Bildung die größten Effekte auf die
Verhaltensweisen, am schwächsten ist der Einfluss des Äquivalenzeinkommens.47
Tabelle 5.5:
Korrelationen zwischen den Dimensionen der sozialen Ungleichheit und
dem Gesundheitsverhalten unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts
Bildungsindex
Prestige des eigenen Berufs
Prestige des Einordnungsberufs
Persönliches Einkommen
Äquivalenzeinkommen
Sozialer Status
Tabakkonsum a
Packungsjahre
–0,23***
–0,17***
–0,19***
–0,10*
–0,08 ns
–0,20***
–0,25***
–0,18***
–0,19***
–0,16***
–0,13**
–0,22***
Alkoholmenge b
Sport
Gesamtindex
0,14***
0,13***
0,11**
–0,01 ns
0,06 ns
0,11**
0,16***
0,15***
0,17***
0,15***
0,17***
0,20***
–0,13***
–0,08*
–0,11**
–0,12**
–0,06 ns
–0,12**
a Anzahl der heute bzw. früher täglich gerauchten Zigaretten, Zigarren und Pfeifen.
b In der Berichtswoche durchschnittlich täglich konsumierte Menge reinen Alkohols.
ns: nicht signifikant; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001 (539 ≤ N ≤ 690).
Eine der analysierten Verhaltensweisen, der Alkoholkonsum, variiert positiv mit der Bildung,
dem Berufsprestige und dem sozialen Status. Die Korrelationen sind in diesem Fall zwar
etwas schwächer als die zwischen den Ungleichheitsmaßen und dem Rauchen bzw. der
Häufigkeit des Sporttreibens, aber sie sind signifikant. Dieses Ergebnis deckt sich mit der
Beobachtung von Mielck (2000: 203), dass die meisten Studien in Deutschland einen positiven Zusammenhang zwischen der sozialen Schicht und dem Alkoholkonsum berichten. Am
Beispiel der Bildung gibt Abbildung 5.1 ein genaueres Bild des Zusammenhangs zwischen
sozialer Ungleichheit und der konsumierten Alkoholmenge. Mit zunehmender Bildung sinkt
der Anteil der Abstinenten während der Anteil der starken Trinker ansteigt. Wie eine nach
Getränkearten differenzierte Analyse zeigt, unterscheiden sich die Bildungsgruppen vor allem
mit Bezug auf die Menge des konsumierten Weins, nicht jedoch hinsichtlich der Menge des
konsumierten Biers oder der konsumierten höherprozentigen alkoholischen Getränke. Das
heißt vor allem der Weinkonsum ist schichtabhängig, ein Resultat, das sich mit anderen
Forschungsergebnissen deckt (Rommel et al. 2002: 63f.).
47 Ob dieses Ergebnis bedeutet, dass die kulturellen und kognitiven Eigenschaften, die über die formale Bildung
gemessen werden, für das Gesundheitsverhalten eine größere Bedeutung haben als die anderen Dimensionen
der Ungleichheit, oder ob die unterschiedlich großen Korrelationskoeffizienten nur die unterschiedlich hohe
Reliabilität der Indikatoren widerspiegeln, kann hier nicht geklärt werden.
68
Abbildung 5.1:
Typologie des Alkoholkonsums nach der Bildung a
Bildung
hoch
mittel
niedrig
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Alkoholkonsum:
abstinent
gering
mäßig
stark
a abstinent: trinkt nie Alkohol; gering: Frauen bis 16 gr./Tag, Männer bis 24 gr./Tag;
mäßig: Frauen mehr als 16 bis 40 gr./Tag, Männer mehr als 24 bis 60 gr./Tag;
stark: Frauen mehr als 40 gr./Tag, Männer mehr als 60 gr./Tag.
χ² = 36,8; p ≤ 0,001; γ = 0,25 (N = 687)
Abschließend soll auch für das Gesundheitsverhalten in multivariaten Modellen untersucht
werden, welchen Einfluss die soziale Ungleichheit hat. Für das Rauchen und den Alkoholkonsum bin ich dabei in zwei Schritten vorgegangen. Zunächst wurde in logistischen Regressionen untersucht, welchen Einfluss die Ungleichheit darauf hat, dass jemand zum Zeitpunkt des
Interviews raucht48 bzw. nie Alkohol trinkt, also abstinent ist. Da Angaben zur Menge des
getrunkenen Alkohols nur für diejenigen vorliegen, die in den sieben Tagen vor dem Interview alkoholische Getränke zu sich genommen haben (vgl. Abschnitt 4.2.2), wurde außerdem
geprüft, von welchen Faktoren die Abstinenz in der Berichtswoche abhängt. Diese Analyse
bezieht sich nur auf Personen, die grundsätzlich Alkohol trinken. Die Ergebnisse der entsprechenden Untersuchungen finden sich in Tabelle 5.6.49 In einem zweiten Schritt wurde für
diejenigen, die rauchen bzw. diejenigen, die in der Berichtswoche Alkohol getrunken haben,
untersucht, inwieweit die Menge der gerauchten Tabakwaren bzw. die Menge des getrunkenen Alkohols von den Merkmalen der sozialen Ungleichheit abhängt. Diese Fragen wurden
mit Hilfe linearer Regressionsanalysen überprüft (vgl. Tabelle 5.7).
48 Sinnvoll wäre auch, zu untersuchen, von welchen Faktoren es abhängt, ob jemand überhaupt einmal geraucht
oder nie geraucht hat. Entsprechende Analysen finden sich in Tabelle A1.4 in Anhang A. Im Rahmen dieser
Arbeit, bei der im Weiteren der Einfluss der Arbeitsplatzbelastungen oder der sozialen Unterstützung auf das
Gesundheitsverhalten untersucht wird, erscheint es sinnvoller, den derzeitigen Status zu analysieren, denn
nur dieser kann durch die heutige Lebenssituation beeinflusst werden.
49 Um einen besseren Vergleich mit den Ergebnissen der linearen Regression zu ermöglichen, wurden alle
Koeffizienten nach der von Menard (1995: 46) vorgeschlagenen Methode standardisiert. Dieses Verfahren
hat den Vorteil, dass die Effekte der Variablen desselben Modells gut vergleichbar sind und dass sie ihrer
Größe nach den standardisierten Koeffizienten der linearen Regressionsanalyse gleichen.
69
Tabelle 5.6:
Soziale Ungleichheit und Gesundheitsverhalten,
logistische Regression, standardisierte Koeffizienten a
Raucher
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Bildung
Prestige des Einordnungsberufs
Äquivalenzeinkommen
Sozialer Status
Nagelkerke R² bzw. ∆ R²
M1
–9*
6 ns
2*
M2a
M2b
M1
–11*
–12**
6+
ns
6
8*
–13**
–10 +
–9 ns
–3 ns
–20***
4**
4***
4**
Abstinente
M2a
M2b
5 ns
4 ns
+
–7
–11**
–12 +
–5 ns
–16*
–22***
9***
7***
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche b
M1
M2a
M2b
0 ns
0 ns
–1 ns
–15*** –17*** –14***
–1 ns
–11 ns
–2 ns
–12**
4**
2+
2**
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert; die Standardisierung der Koeffizienten erfolgte nach der
von Menard (1995: 46) vorgeschlagenen Methode.
b Nur Personen, die grundsätzlich Alkohol trinken.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Für den Status als Raucher finden sich die folgenden Ergebnisse: Jüngere Personen rauchen
häufiger als ältere und Männer geringfügig häufiger als Frauen. Die Einführung von Bildung,
Beruf und Einkommen in die Analyse des Rauchens erhöht die erklärte Devianz um immerhin
vier Punkte. Die Einflussstärke der drei Ungleichheitsmerkmale ist jedoch gering und wird
nur im Fall der Bildung auf dem 10%-Niveau signifikant (Modell 2a). Wird statt dessen der
soziale Status in das Modell eingeführt (Modell 2b), zeigt sich ein deutlicher negativer
Einfluss der sozialen Ungleichheit: Je höher der soziale Status einer Person, desto geringer die
Wahrscheinlichkeit, dass sie raucht. Im zweiten Analyseschritt wurde untersucht, von welchen Faktoren der Tabakkonsum der Raucher abhängt. Wie Modell 2a in Tabelle 5.7 zeigt,
hängt die Menge der konsumierten Tabakwaren vor allem mit der Bildung zusammen und
zwar negativ. Wird die Bildung kontrolliert, haben die beiden anderen berücksichtigten
Ungleichheitsmerkmale keinen eigenständigen Einfluss auf den Tabakkonsum. Dasselbe gilt
für das Alter und das Geschlecht. Wird nur der soziale Status berücksichtigt, ergibt sich
ebenfalls ein negativer Effekt auf den Tabakkonsum, wobei dieser Effekt geringer ist als
derjenige der Bildung in Modell 2a. Es kann also angenommen werden, dass hier vor allem
der im Statusindex enthaltene Bildungseffekt durchschlägt. Vergleicht man den Anteil der in
Modell 2a und 2b zusätzlich erklärten Varianz – zehn bzw. fünf Prozent – bestätigt sich diese
Vermutung.50 Separat durchgeführte Analysen für das Rauchverhalten und die konsumierte
50 Statt des heutigen Tabakkonsums kann auch die Anzahl der Packungsjahre (vgl. Abschnitt 4.2.1) untersucht
werden. Entsprechende Analysen, die in Tabelle A1.5 in Anhang A zusammengestellt sind, zeigen sowohl
für die gesamte Stichprobe als auch für die Teilgruppe der Erwerbstätigen ebenfalls einen starken negativen
Einfluss der Bildung auf diese Variable. Für die Gesamtstichprobe ergibt sich zudem ein schwacher negativer
Einfluss des Einkommens auf die Packungsjahre. Im Gegensatz zur Analyse des Tabakkonsums ergibt sich,
70
Tabakmenge der Erwerbstätigen, die in den Tabellen A1.2 und A1.3 wiedergegeben sind,
führen zu den gleichen Ergebnissen.
Tabelle 5.7:
Soziale Ungleichheit und Gesundheitsverhalten
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Bildung
Prestige des Einordnungsberufs
Äquivalenzeinkommen
Sozialer Status
R² bzw. ∆ R²
Tabakkonsum b
Alkoholmenge c
Sport
M1
M2a
M2b
M1
M2a
M2b
M1
M2a
M2b
–7 ns –11 ns
–8 ns
2 ns
4 ns
3 ns –16*** –15*** –14***
3 ns
7 ns
7 ns
30*** 30*** 30*** –3 ns
–6 ns
–5 ns
ns
ns
–32***
7
7
–4 ns
5 ns
7 ns
ns
ns
8
1
11*
–23***
11**
19***
1 ns
10***
5*** 9***
1 ns
1**
3***
4***
4***
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert.
b Nur jetzige Raucher; Anzahl der gerauchten Tabakwaren pro Tag wurden logarithmiert.
c Nur Personen, die in der Berichtswoche Alkohol getrunken haben; Alkoholmenge wurde logarithmiert.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Betrachten wir nun die Ergebnisse für den Alkoholkonsum. Zunächst wurden die Einflussfaktoren für Abstinenz untersucht (vgl. Tabelle 5.6). Diese tritt häufiger bei Frauen als bei
Männern auf, das Alter spielt keine Rolle. Wie Modell 2a zeigt, sinkt die Wahrscheinlichkeit
für Abstinenz mit der Bildung und mit dem Einkommen, beide Effekte sind signifikant. Und
auch wenn die einzelnen Koeffizienten nicht besonders groß sind, sollte doch beachtet
werden, dass die drei Merkmale der sozialen Ungleichheit zusammen neun Prozent der
Devianz aufklären. Der in Modell 2b eingeführte Index des sozialen Status hat einen negativen Effekt auf die Wahrscheinlichkeit, abstinent zu sein, und seine relative Einflussstärke ist
deutlich größer als die der drei Einzeldimensionen sozialer Ungleichheit, die in Modell 2a
berücksichtigt wurden.
Bei der Untersuchung der Frage, von welchen Faktoren es abhängt, ob unter den nichtabstinenten Personen in der letzten Woche Alkohol getrunken wurde oder nicht, kommt man zu
ähnlichen Ergebnissen. Wieder zeigt sich, dass Frauen seltener Alkohol trinken als Männer
und Personen mit niedrigem Status seltener als Personen mit hohem sozialen Status.
Im zweiten Analyseschritt wurde untersucht, von welchen Faktoren die Menge des in der
Berichtswoche getrunkenen Alkohols abhängt; d.h. diese Analyse bezieht sich lediglich auf
diejenigen, die in der Woche vor dem Interview Alkohol zu sich genommen haben (vgl.
Tabelle 5.7). Der stärkste Prädiktor für den Alkoholkonsum ist das Geschlecht, wobei Männer
dass Männer durchschnittlich mehr Packungsjahre aufweisen als Frauen; da sie sich beim aktuellen Konsum
kaum unterscheiden, bedeutet dies, dass Männer durchschnittlich länger rauchen als Frauen. Der positive
Effekt des Alters auf die Packungsjahre ist dagegen trivial, da die Älteren mehr Gelegenheit hatten, Packungsjahre anzuhäufen als die Jüngeren.
71
deutlich mehr Alkohol konsumieren als Frauen. Das Alter hat dagegen keinen Einfluss auf die
Höhe des Alkoholkonsums. Mit Bezug auf die soziale Ungleichheit zeigt die erste Analyse
unter Verwendung der drei einzelnen Ungleichheitsindikatoren zwar durchweg positive
Effekte auf den Alkoholkonsum, aber keiner dieser Effekte ist stark genug, um statistisch
signifikant zu werden. Erst die Analyse, in der der soziale Status als zusammenfassender
Index verwendet wurde, zeigt, dass der Alkoholkonsum statistisch signifikant mit dem
sozialen Status zunimmt. Wie eine getrennte Analyse für die Erwerbstätigen zeigt, steigt der
Alkoholkonsum in dieser Gruppe ebenfalls signifikant mit dem sozialen Status an, dabei
handelt es sich im Wesentlichen um einen Effekt des Berufsprestiges (vgl. Modelle 2a und 2b
für die konsumierte Alkoholmenge der Erwerbstätigen in Tabelle A1.3 in Anhang A).
Das letzte gesundheitsrelevante Verhalten, das hier untersucht wird, ist die Häufigkeit des
Sporttreibens. Wie die Analysen in Tabelle 5.7 zeigen, nimmt die Häufigkeit sportlicher
Betätigung mit zunehmendem Alter ab und mit steigendem sozialen Status zu. In Modell 2a,
in dem Bildung, Beruf und Einkommen wieder getrennt eingeführt werden, hat nur das
Einkommen einen signifikanten Effekt, der jedoch relativ klein ist. Dass die Ausübung
sportlicher Aktivitäten auch von den beiden anderen Ungleichheitsdimensionen beeinflusst
wird, zeigt Modell 2b. Zum einen ist der Einfluss des sozialen Status deutlich höher als die
Effekte der drei Einzelvariablen in Modell 2a, zum anderen ist der zusätzlich erklärte Anteil
an Varianz in Modell 2a und 2b mit jeweils vier Prozent identisch.51
Zusammengefasst zeigen die Analysen zum Gesundheitsverhalten, dass statushöhere Personen seltener zu den aktuellen Rauchern zählen als statusniedrige, und wenn sie rauchen,
rauchen sie weniger stark. Darüber hinaus treiben statushöhere im Vergleich zu statusniedrigen Personen deutlich häufiger Sport. Für diese beiden gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen bestätigt sich meine Erwartung eines positiven Zusammenhangs zwischen sozialer
Stellung und gesundheitsbewusstem Verhalten.
Die Analysen zum Alkoholkonsum ergaben, dass statushohe Personen seltener abstinent sind,
dass sie häufiger Alkohol trinken und größere Mengen Alkohol konsumieren als statusniedrige Personen. Inwieweit regelmäßiger Alkoholkonsum in Maßen gesundheitlich bedeutsam ist,
ist umstritten. Auf der einen Seite wird behauptet, auch kleinste Mengen Alkohol, wenn sie
nur regelmäßig konsumiert werden, seien der Gesundheit langfristig abträglich (Teyssen und
Singer 2001). Auf der anderen Seite werden Studien angeführt, die belegen sollen, dass der
regelmäßige Konsum von geringen Mengen Alkohol positive Effekte auf die Gesundheit hat –
ein Effekt der auch als französisches Paradox bekannt ist (Bode und Bode 1999; Renaud und
51 Getrennte Analysen für die Gruppe der Erwerbstätigen ergeben dieselben Ergebnisse (vgl. Tabelle A1.3).
72
Gueguen 1998). Welche dieser Hypothesen eher zutrifft, kann hier nicht entschieden werden.
Wir können jedoch festhalten, dass sich Personen mit einem hohen sozialen Status in Bezug
auf den Alkoholkonsum nicht gesundheitsbewusster verhalten als andere.
Im weiteren Verlauf der Untersuchung wird nun geprüft, ob die hier gefundenen Zusammenhänge durch die Einführung von intervenierenden Variablen in ihren Wirkungen besser
verstanden werden können.
5.2 Soziale Ungleichheit, berufliche Belastungen und Gesundheit
In den ersten Hypothesen, die in Kapitel 2 entwickelt wurden, wird behauptet, dass gesundheitsschädigendes Verhalten positiv (H2a und H3a), die Gesundheit negativ mit beruflichen
Belastungen variiert (H2b und H3b) und dass die beruflichen Belastungen umso größer sind,
je niedriger das Prestige eines Berufs ist (H1). Diese Hypothesen sollen nun schrittweise
überprüft werden. Dabei wird auch untersucht, ob die beruflichen Belastungen mit anderen
Ungleichheitsdimensionen korreliert sind. Alle Analysen dieses Abschnitts (5.2) beziehen
sich ausschließlich auf die Gruppe der Erwerbstätigen (N = 522).
5.2.1 Berufsprestige und berufliche Belastungen
Mit Ausnahme der psycho-sozialen Belastung variieren die anderen Dimensionen der beruflichen Belastung mit dem Prestige des Berufs (vgl. Tabelle 5.8). Dennoch kann Hypothese 1,
der zu Folge die Belastungen mit der gesellschaftlichen Anerkennung der Berufe abnehmen
sollten, nur für die physische Belastung am Arbeitsplatz bestätigt werden. Im Gegensatz dazu
steigen die Belastungen durch Zeitdruck kontinuierlich mit dem Prestige der Berufe an; und
bei den beiden mit der Arbeitszeit in Zusammenhang stehenden Belastungsdimensionen
ergibt sich ein U-förmiger Zusammenhang, bei dem die Personen im obersten Quartil der
Prestigeverteilung höher belastet sind als die im untersten Quartil. Ein ähnliches Bild ergibt
sich auch für den Index der kumulativen Arbeitsbelastung: Nimmt man die fünf unterschiedenen Belastungsaspekte zusammen, sind die Erwerbstätigen mit dem niedrigsten Berufsprestige tatsächlich am stärksten belastet, und diese Belastung nimmt in Übereinstimmung mit
Hypothese 1 mit steigendem Prestige zunächst auch ab. Allerdings sind die Personen im
obersten Quartil der Prestigeverteilung wiederum deutlich stärker belastet als diejenigen des
dritten Quartils.
73
Tabelle 5.8:
Prozentsatz der Erwerbstätigen mit überdurchschnittlichen beruflichen
Belastungen, nach Berufsprestige
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Ungewöhnliche Arbeitszeit
Durchschnittliche Anzahl
beruflicher Belastungen
Prestige des jetzigen Berufs
Gesamt Signifikanz a
1. Quartil 2. Quartil 3. Quartil 4. Quartil
81
43
27
21
41
***
ns
42
45
49
49
46
37
51
54
69
54
***
43
30
38
62
45
***
38
29
25
44
35
**
1,02
0,75
0,56
0,73
0,76
***
a χ²-Unabhängigkeitstest bzw. einfaktorielle Varianzanalyse; N = 519.
ns: nicht signifikant; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Eine nach Geschlecht differenzierte Analyse ergibt für den Index der kumulierten
Arbeitsbelastung dieselbe Verteilung nach Berufsprestige wie in der Stichprobe insgesamt,
wobei die Gesamtbelastung der Frauen ab dem zweiten Quartil der Prestigeverteilung immer
unterhalb derjenigen der Männer liegt (vgl. Tabelle A1.6 in Anhang A). Mit Bezug auf die
fünf einzelnen Belastungsaspekte ergeben sich jedoch teilweise größere Unterschiede
zwischen männlichen und weiblichen Erwerbstätigen. So sind die Belastungen durch
Zeitdruck, durch den Umfang der Arbeitszeit und in etwas geringerem Maße durch
ungewöhnliche Arbeitszeiten bei Männern deutlich höher als bei Frauen. Dafür liegt die
psycho-soziale Belastung der Frauen etwas über derjenigen der Männer. Bei der körperlichen
Belastung zeigen die Analysen keine geschlechtsspezifischen Unterschiede.
Analysen zum Zusammenhang zwischen den Arbeitsbelastungen und dem Bildungsniveau,
dem persönlichen Einkommen und dem sozialen Status führen zu vergleichbaren Ergebnissen: Keines dieser Ungleichheitsmaße steht mit der psycho-sozialen Belastung im Zusammenhang. Die körperlichen Belastungen nehmen mit jeder dieser Dimensionen ab und der
wahrgenommene Zeitdruck nimmt zu. Bei den beiden arbeitszeitbezogenen Belastungsaspekten findet sich wie auch für den Index der kumulierten Arbeitsbelastung jeweils ein Uförmiger Zusammenhang.
Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass die unterschiedlichen beruflichen
Belastungen nicht einheitlich mit dem Prestige der Berufe oder mit den anderen Ungleichheitsdimensionen variieren. Eine Abnahme der Belastungen mit dem sozialen Status kann nur
für die körperliche Belastung nachgewiesen werden. Dagegen steigt der wahrgenommene
Zeitdruck mit dem sozialen Status der Erwerbstätigen stetig an. Werden die einzelnen Belastungen zu einem Index der Gesamtbelastung zusammengefasst, zeigt sich, dass Personen in
74
mittleren Positionen des Ungleichheitsgefüges deutlich geringer durch ihre Arbeit belastet
werden als Personen in unteren oder oberen sozialen Positionen.
Das Ausmaß der Arbeitsbelastungen scheint demnach nur bedingt dazu geeignet zu sein, die
Korrelation zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit zu erklären. Dies wäre nur dann
möglich, wenn entweder allein das Ausmaß körperlicher Belastungen für den Zusammenhang
zwischen Ungleichheit und Gesundheit verantwortlich wäre oder aber wenn statushöhere
Personen die beruflichen Belastungen besser bewältigen als statusniedrige Personen. Diese
letzte Überlegung wird durch die Arbeiten von Karasek und Theorell (1990) sowie Siegrist
(1994) nahegelegt und ist in der Hypothese 3b formuliert. Bevor diese Hypothese untersucht
wird, sollen jedoch zunächst die Hypothesen 2a, 2b und 3a überprüft werden.
5.2.2 Arbeitsbelastungen und Gesundheitsverhalten
Nach Hypothese 2a sollten höhere berufliche Belastungen mit einem größeren Ausmaß an
gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen einhergehen. Zur Prüfung dieser Hypothese habe
ich zunächst verschiedene Kreuztabellen berechnet, in denen die Gesamtbelastung mit den
ausgewählten gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen in Beziehung gesetzt wurde. Für den
Index der gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen ergibt sich dabei das in Abbildung 5.2
wiedergegebene Resultat.
Abbildung 5.2:
Anzahl gesundheitsschädigender Verhaltensweisen, nach
Anzahl beruflicher Belastungen (Erwerbstätige, N = 520)
mehr Belastungen
eine Belastung
keine Belastung
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Gesundheitsschädigende Verhaltensweisen:
keine
eine
zwei/drei
Es zeigt sich, dass der Anteil derjenigen, die ihre Gesundheit nicht durch Fehlverhalten
schädigen, in der Gruppe ohne Belastungen am größten und der Anteil mit zwei oder drei
gesundheitlich bedenklichen Verhaltensweisen in dieser Gruppe am kleinsten ist. Dennoch ist
75
der Zusammenhang zwischen den beiden zusammengefassten Maßzahlen der Belastungen
und des Verhaltens sehr schwach (γ = 0,12; p ≤ 0,1).
Werden statt der zusammengefassten Indizes die einzelnen Belastungs- und Verhaltensdimensionen getrennt analysiert, ändert sich das Bild kaum; nur in wenigen Fällen lässt sich der
vermutete Zusammenhang erkennen. Eine Analyse der partiellen Korrelationen zwischen dem
Ausmaß der einzelnen Belastungen und dem Ausmaß gesundheitsrelevanten Verhaltens unter
Kontrolle des Alters und des Geschlechts ergibt dasselbe Bild. Von den insgesamt 30 Korrelationen sind nur vier auf dem 5%-Niveau signifikant (vgl. Tabelle A1.7 in Anhang A). So ist
die Häufigkeit sportlicher Betätigung negativ mit der körperlichen und der gesamten Arbeitsbelastung assoziiert (partielles r = –0,15 bzw. –0,12). Darüber hinaus ist die körperliche
Arbeitsbelastung positiv mit der Anzahl der gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen
korreliert (partielles r = 0,09). Außerdem steigt der Konsum von Alkohol mit dem Umfang
der Arbeitszeit an (partielles r = 0,11). Diese Korrelationen sind, obwohl sie statistisch
signifikant sind und in die richtige Richtung weisen, sehr klein und bieten somit keine besonders überzeugende Basis zur Akzeptanz der untersuchten Hypothese. Zudem sind die meisten
Korrelationen zwischen den Indikatoren der Belastung und dem Tabakkonsum bzw. den
Packungsjahren negativ und nicht wie erwartet positiv; d.h. mit steigenden Belastungen sinkt
die konsumierte Tabakmenge bzw. die Rauchdauer. Die untersuchte Hypothese bestätigt sich
in diesen Fällen noch nicht einmal der Tendenz nach.
Die bisherigen Analysen zum Zusammenhang von Belastung und gesundheitsschädigenden
Verhaltensweisen bezogen sich ausschließlich auf die Gruppe der Erwerbstätigen. Nun könnte
argumentiert werden, dass die Tatsache, erwerbstätig zu sein, an sich schon eine Belastung
darstellt, die viele durch gesundheitsschädigende Verhaltensweisen zu bewältigen versuchen.
Wie ein entsprechender Vergleich des Gesundheitsverhaltens von Erwerbstätigen und Nichterwerbstätigen zeigt, findet diese Überlegung keine empirische Bestätigung.
Nimmt man all diese Ergebnisse zusammen, muss Hypothese 2a als weitestgehend falsifiziert
angesehen werden. Dies gilt ganz eindeutig für das Rauchen, hier findet sich kein einziger
signifikanter Zusammenhang und die meisten Korrelationen haben zudem das falsche Vorzeichen. Immerhin korreliert der Alkoholkonsum positiv mit dem Umfang der Arbeit und
schwere körperliche Arbeit reduziert die Häufigkeit sportlicher Betätigung. Diese Korrelationen sind jedoch sehr klein und es ist kaum davon auszugehen, dass sie bei Kontrolle weiterer
Merkmale, wie z.B. dem Berufsprestige, signifikant bleiben.
Doch selbst wenn die beruflichen Belastungen insgesamt keinen eigenständigen Einfluss auf
das gesundheitsschädigende Verhalten haben, ist es denkbar, dass ein solcher Einfluss we-
76
nigstens unter den statusniedrigen Personen vorhanden ist, dass also der in Hypothese 3a
postulierte Interaktionseffekt zwischen beruflichen Belastungen und Berufsprestige nachgewiesen werden kann. Um diese Hypothese zu überprüfen, habe ich die Belastungsindikatoren
und das Berufsprestige zunächst am Median dichotomisiert und für jede Kombination dieser
dichotomen Variablen eine Vierfelder-Tabelle erstellt (Prestige niedrig/ Belastung niedrig,
Prestige niedrig/ Belastung hoch, Prestige hoch/ Belastung niedrig, Prestige hoch/ Belastung
hoch). Für jede dieser Vierfelder-Tabellen wurden dann die Mittelwerte der verschiedenen
Indikatoren des gesundheitsschädigenden Verhaltens untersucht. Von den 30 untersuchten
Interaktionseffekten (sechs Belastungs- und fünf Verhaltensindikatoren) sind zumindest sechs
auch dem 10%-Niveau signifikant und bei einer ganzen Reihe weiterer Merkmale zeigt sich
derselbe Zusammenhang, ohne jedoch signifikant zu werden.
Ein typisches Beispiel für die Art des gefundenen Interaktionseffekts ist in Abbildung 5.3
dargestellt. Menschen mit niedrigem Berufsprestige, die häufig Schicht-, Nacht- oder Sonntagsarbeit verrichten, üben durchschnittlich deutlich mehr gesundheitsschädigende Verhaltensweisen aus als Menschen mit vergleichbarem Prestige, die seltener zu untypischen Zeiten
arbeiten.
Verhaltensweisen (Mittelwert)
Abbildung 5.3:
Durchschnittliche Anzahl gesundheitsschädigender Verhaltensweisen der
Erwerbstätigen, nach dem Berufsprestige und dem Ausmaß untypischer
Arbeitszeiten (N = 519)
1,2
1,1
1,0
0,9
0,8
0,7
selten
oft
selten
oft
untypische Arbeitszeit
untypische Arbeitszeit
niedrig
hoch
Berufsprestige
In weiterführenden Analysen wurde die Gruppe der Personen mit einem niedrigen
Berufsprestige, die hohen beruflichen Belastungen ausgesetzt sind, allen anderen Personen
gegenübergestellt. Wie sich zeigt, raucht die Personengruppe mit niedrigem Prestige und
untypischer Arbeitszeit deutlich mehr und schon länger und sie übt deutlich seltener Sport aus
als alle anderen Personen. Bei den Erwerbstätigen mit höherem Berufsprestige führt häufigere
77
alle anderen Personen. Bei den Erwerbstätigen mit höherem Berufsprestige führt häufigere
Nacht-, Sonntags- oder Schichtarbeit nicht zur Erhöhung gesundheitsschädigenden Verhaltens. Personen dieser Gruppe scheinen tatsächlich über Ressourcen zu verfügen, die ihnen
alternative Bewältigungsstrategien der beruflichen Belastungen ermöglichen.
Analysen für die anderen Belastungsdimensionen ergeben ähnliche Ergebnisse: Erwerbstätige
in Berufen mit niedrigem Prestige, die überdurchschnittlich viel arbeiten oder starkem Zeitdruck oder hohen körperlichen bzw. psycho-sozialen Belastungen ausgesetzt sind, rauchen
tendenziell stärker und treiben seltener Sport als andere. Diese Ergebnisse bleiben auch bei
Kontrolle des Alters und des Geschlechts weitgehend stabil, auch wenn sie in Bezug auf den
Tabakkonsum nicht signifikant werden (vgl. Tabelle A1.8 in Anhang A).
Diese Analysen zeigen jedoch auch, dass Erwerbstätige mit niedrigem Berufsprestige und
hohen Arbeitsbelastungen deutlich weniger Alkohol trinken als andere Erwerbstätige.52 Dies
gilt für alle fünf Belastungsdimensionen, für die physische Arbeitsbelastung wird die Differenz der konsumierten Alkoholmenge signifikant (p ≤ 0,01).
Abschließend wird wieder in multivariaten Modellen untersucht, welchen Einfluss die
Arbeitsbelastungen auf das Gesundheitsverhalten haben und ob durch die Berücksichtigung
der Belastungen der Einfluss des sozialen Status verschwindet – d.h. statistisch erklärt werden
kann. Die entsprechenden Analysen, deren Ergebnisse in den Tabellen 5.9 und 5.10 zusammengestellt sind, gliedern sich wieder in zwei Schritte. Zunächst wird in logistischen Regressionsmodellen untersucht, von welchen Faktoren der heutige Status als Raucher, die Alkoholabstinenz bzw. der Nichtkonsum von Alkohol in der Berichtswoche abhängt. Dann wird
untersucht, ob die Arbeitsbelastungen den Tabakkonsum, die Alkoholmenge und die Häufigkeit sportlicher Aktivitäten beeinflussen. Jedes Modell wird zweimal präsentiert. Im ersten
Modell werden zusätzlich zum Alter, zum Geschlecht und zum sozialen Status die fünf hier
unterschiedenen beruflichen Belastungen berücksichtigt. Im zweiten Modell werden zusätzlich fünf Dummyvariablen eingeführt, die anzeigen, ob ein niedriges Berufsprestige zusammen mit einer hohen Belastung vorliegt oder nicht. Zum Vergleich kann auf die Ergebnisse
der ersten Analysen, in denen nur der Einfluss des Alters, des Geschlechts und des sozialen
Status untersucht wurden, zurückgegriffen werden. Diese finden sich für die Gruppe der
Erwerbstätigen in den Tabellen A1.2 und A1.3 in Anhang A. In diesen Analysen hätte auch
nach der Dauer der Erwerbstätigkeit kontrolliert werden müssen; außerdem wäre es wün-
52 Wie die Analysen in Abschnitt 5.1 gezeigt haben, ist dies vor allem auf den höheren Alkoholkonsum der
statushöheren Personen zurückzuführen, denn auch bei höheren Arbeitsbelastungen neigen die Erwerbstätigen mit einem niedrigen Berufsprestige nicht zu erhöhtem Konsum von Alkohol.
78
schenswert, Angaben über die Belastungen in allen bisher ausgeübten Berufen zur Verfügung
zu haben. Diese Angaben liegen im hier verwendeten Datensatz jedoch nicht vor.
Mit Bezug auf die zentrale Fragestellung dieser Arbeit kann zunächst festgehalten werden,
dass der soziale Status auch unter Kontrolle der Arbeitsplatzbelastungen das Gesundheitsverhalten signifikant beeinflusst, seine relative Einflussstärke nimmt jedoch ab – die einzige
Ausnahme von dieser Regel ist die Wahrscheinlichkeit des Alkoholkonsums in der Berichtswoche (vgl. Modell 2 in den Tabellen 5.9 und 5.10).
Tabelle 5.9:
Arbeitsbelastungen und Gesundheitsverhalten von Erwerbstätigen,
logistische Regression, standardisierte Koeffizienten a
Raucher
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Ungewöhnliche Arbeitszeit
Niedriges Prestige und
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Ungewöhnliche Arbeitszeit
Nagelkerke R² bzw. ∆ R²
M1
–11*
6 ns
–17**
–3 ns
2 ns
4 ns
–1 ns
3 ns
M2
–11*
6 ns
–13*
–7 ns
–3 ns
11*
–5 ns
4 ns
5*
5 ns
13*
–14*
10 +
2 ns
3*
Abstinente
M1
4 ns
–14**
–17**
–1 ns
1 ns
–7 ns
5 ns
1 ns
M2
3 ns
–15**
–16*
–8 ns
6 ns
–11 +
6 ns
1 ns
10**
10 ns
–8 ns
7 ns
0 ns
0 ns
2 ns
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche
M1
–1 ns
–16**
–13*
–1 ns
–2 ns
–1 ns
–2 ns
–2 ns
M2
0 ns
–16**
–14*
4 ns
–2 ns
3 ns
–4 ns
–6 ns
8**
–7 ns
1 ns
–7 ns
1 ns
8 ns
1 ns
a Siehe Anmerkungen in Tabelle 5.6.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Wie eine genauere Betrachtung der Analysen zeigt, haben die Arbeitsbelastungen als solche
kaum einen Einfluss auf die gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen (vgl. die Modelle 1 in
Tabellen 5.9 und 5.10). Von den insgesamt 30 Regressionskoeffizienten sind nur zwei
signifikant, einer auf dem 10%-Niveau – Untypische Arbeitszeiten erhöhen den Tabakkonsum von Rauchern geringfügig –, der andere auf dem 5%-Niveau – Physische Arbeitsbelastung senkt die Häufigkeit sportlicher Aktivitäten. Da bei Variablen, die in der Grundgesamtheit unabhängig von einer Zielvariablen sind, im Fall einer Stichprobenuntersuchung bei der
gegebenen Anzahl von Koeffizienten mit durchschnittlich drei auf dem 10%-Niveau signifikanten Effekte zu rechnen ist, muss davon ausgegangen werden, dass die beruflichen Belastungen keinen direkten Einfluss auf das Gesundheitsverhalten haben.
79
Bei den Analysen mit Dummyvariablen, die ein niedriges Berufsprestige und eine hohe
Belastung anzeigen, ergeben sich sehr heterogene Ergebnisse, die in ihrer Gesamtheit nur
schwer zu interpretieren sind (vgl. Modelle 2 in Tabellen 5.9 und 510). Die Wahrscheinlichkeit zu rauchen steigt mit dem Zeitdruck an, aber nur für statushöhere Personen – denn für
Personen mit niedrigem Prestige sinkt die Raucherwahrscheinlichkeit bei hohem Zeitdruck.
Bei letzteren steigt die Wahrscheinlichkeit des Rauchens bei hohen psycho-sozialen Belastungen und einem großen Arbeitszeitumfang. Die Menge der von den Rauchern konsumierten
Tabakwaren steht kaum mit den Arbeitsplatzbelastungen in einem Zusammenhang. Es zeigt
sich jedoch, dass untypische Arbeitszeiten den Tabakkonsum vor allem unter den statusniedrigen Personen erhöhen. Allerdings ist dieser Effekt nicht signifikant (vgl. Modell 2 für den
Tabakkonsum in Tabelle 5.10).
Tabelle 5.10:
Arbeitsbelastungen und Gesundheitsverhalten von Erwerbstätigen,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeit
Niedriges Prestige und
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeit
R² bzw. ∆ R²
Tabakkonsum
M1
M2
ns
–7
–5 ns
8 ns
7 ns
–24**
–20*
–2 ns
6 ns
ns
–3
–1 ns
8 ns
8 ns
ns
–6
–11 ns
13 +
6 ns
8*
–13 ns
–4 ns
–2 ns
7 ns
15 ns
2 ns
Alkoholmenge
M1
M2
ns
0
1 ns
27***
28***
18**
13 +
9 ns
18*
ns
6
7 ns
–4 ns
0 ns
ns
6
1 ns
2 ns
3 ns
12***
–14 ns
–2 ns
–10 ns
8 ns
1 ns
2 ns
Sport
M1
–18***
–4 ns
12*
–10*
–6 ns
0 ns
0 ns
0 ns
8***
M2
–19***
–4 ns
10 +
–12 +
–6 ns
–6 ns
3 ns
7 ns
4 ns
–2 ns
12*
–3 ns
–15*
2+
a Siehe Anmerkungen in Tabelle 5.7.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Bei der Frage, ob man überhaupt Alkohol trinkt oder aber abstinent ist, wird keine der Dummyvariablen signifikant (vgl. Tabelle 5.9). Ihre Berücksichtigung führt aber dazu, dass der
negative Effekt des Zeitdrucks signifikant wird, d.h. mit steigendem Zeitdruck sinkt die
Wahrscheinlichkeit für Alkoholabstinenz. Ob in der letzten Woche Alkohol getrunken wurde
oder nicht, ist vollkommen unabhängig von den Arbeitsbelastungen oder den Dummyvariablen. Unter denjenigen, die in der Berichtswoche Alkohol getrunken haben, steigt der Konsum
mit steigenden physischen Arbeitsbelastungen; dies gilt jedoch vor allem für statushohe
80
Personen, da der Interaktionseffekt für niedriges Prestige und hohe körperliche Belastungen
einen negativen Effekt auf den Alkoholkonsum zeigt (der allerdings nicht signifikant wird).
Im Gegensatz zu manch populären Vorurteilen zeichnet sich die Gruppe der Statusniedrigen
mit hohen beruflichen Belastungen nicht generell durch einen höheren Alkoholkonsum aus –
im Gegenteil zeigen die Ergebnisse, dass diese durchschnittlich weniger Alkohol trinken als
andere Erwerbstätige.
Die Häufigkeit des Sporttreibens schließlich wird vom Ausmaß physischer Belastungen
negativ beeinflusst, dasselbe gilt für häufige Nacht-, Schicht- und Sonntagsarbeit, wenn sie
mit einem niedrigen Berufsprestige kombiniert auftritt. Im Gegensatz dazu üben diejenigen
mit niedrigem Prestige, die einen hohen Zeitdruck wahrnehmen, häufiger Sport aus als
andere.
In einem letzten Test wurde für jede Belastungsdimension und für jede der Dummyvariablen
getrennt überprüft, ob sie einen Effekt auf die verschiedenen Formen gesundheitsrelevanten
Verhaltens haben. Auch in diesen Analysen ergaben sich nur sehr wenige signifikante Koeffizienten, die zudem bei den verschiedenen Verhaltensweisen von unterschiedlichen Belastungen ausgehen.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass ein direkter Zusammenhang zwischen den
Arbeitsbelastungen und dem Gesundheitsverhalten – mit einer Ausnahme – nicht nachgewiesen werden kann, Hypothese 2a muss also als weitgehend falsifiziert gelten.53 Das heißt
jedoch nicht notwendigerweise, dass ein solcher Zusammenhang nicht besteht. Der Einfluss
der Arbeitsbelastungen auf das Gesundheitsverhalten könnte so gering sein, dass er mit der
verhältnismäßig kleinen Stichprobe nicht erfasst werden kann. Darüber hinaus gilt dieses
Ergebnis nur für die Gruppe der Erwerbstätigen insgesamt. In Untergruppen dieser Population, z.B. bei Binnenschiffern (Braun, König und Georg 2002), könnten durchaus andere
Verhältnisse vorliegen.
Etwas anders sieht es aus, wenn die Belastungssituation der Erwerbstätigen mit niedrigem
Prestige untersucht wird. In dieser Gruppe führen psycho-soziale Belastungen zu einer
erhöhten Wahrscheinlichkeit zu rauchen und untypische Arbeitszeiten zu einer Verminderung
sportlicher Aktivitäten. Diesen Ergebnissen, die sich in Einklang mit Hypothese 3a befinden,
stehen jedoch Resultate gegenüber, die der Hypothese widersprechen. So steigt die Wahrscheinlichkeit zu rauchen unter den Statushohen mit steigendem Zeitdruck an, nicht aber
unter den Statusniedrigen. Umgekehrt ist es bei der Häufigkeit sportlicher Aktivitäten. Diese
53
Die Ausnahme betrifft den negativen Effekt physischer Arbeitsbelastung auf die Ausübung sportlicher
Aktivitäten.
81
nimmt unter den Erwerbstätigen mit niedrigem Prestige mit zunehmendem Zeitdruck zu, nicht
jedoch unter den Erwerbstätigen mit hohem Prestige. Schließlich findet für den Alkoholkonsum kein einziges Ergebnis, das mit Hypothese 3a kompatibel wäre. Daher muss auch diese
Hypothese eher als widerlegt gelten.
5.2.3 Arbeitsbelastungen und Gesundheit
Nachdem das Gesundheitsverhalten untersucht wurde, sollen nun die entsprechenden Hypothesen, die sich auf die Gesundheit selbst beziehen, analysiert werden. In Hypothese 2b wird
behauptet, dass sich Belastungen am Arbeitsplatz negativ auf die Gesundheit auswirken. Eine
erste Analyse zu dieser Frage findet sich in Abbildung 5.4. Dargestellt sind die prozentualen
Abweichungen der Durchschnittswerte für die drei Gesundheitsmaße in jeder Belastungsgruppe vom Gesamtmittelwert. Das Alter und die Geschlechtszugehörigkeit wurden in diesen
Analysen kontrolliert.
Abbildung 5.4:
Berufliche Belastungen und Gesundheit,
nach Kontrolle von Alter und Geschlecht a
Körperliche
Gesundheit
keine Belastung
eine Belastung
zwei und mehr
Psychische
Gesundheit
Beschwerden
-20
-15
-10
-5
0
5
10
15
20
Abweichungen vom Mittelwert in Prozent
a Multiple Klassifikationsanalyse (N = 514);
β körperl. G. = 0,10 (p ≤ 0,1); β psych. G. = 0,21 (p ≤ 0,001); β Beschw. = 0,18 (p ≤ 0,001)
Im Ergebnis zeigt sich, dass die psychische Gesundheit mit der Anzahl der Belastungen stetig
sinkt und die durchschnittliche Zahl der angegebenen Beschwerden steigt. Beide Effekte sind
auf dem 0,1%-Niveau signifikant. Die körperliche Gesundheit ist bei denen, die keiner
(übermäßigen) Belastung ausgesetzt sind, am besten, nimmt dann aber nicht kontinuierlich
mit der Zahl der Belastungen ab. Der Mittelwertsunterschied zwischen den drei verschiedenen
Belastungsstufen ist nach Kontrolle der beiden demographischen Variablen noch auf dem
82
10%-Niveau signifikant. Mit Bezug auf die Gesamtbelastung kann Hypothese 2b demnach als
bestätigt gelten.
Wie eine nach den verschiedenen Belastungsformen differenzierte Analyse zeigt, sind es vor
allem die psycho-sozialen Belastungen am Arbeitsplatz, die sich negativ auf die Gesundheit
auswirken (vgl. Tabelle 5.11). Höhere Belastungen dieser Art sind mit einer schlechteren
körperlichen und psychischen Gesundheit und einer größeren Anzahl von Beschwerden
verknüpft. Eine körperlich belastende Tätigkeit wirkt sich negativ auf die körperliche Gesundheit und positiv auf die Nennung von Beschwerden aus, ist jedoch nicht mit der psychischen Gesundheit assoziiert. Die einzige weitere signifikante Korrelation findet sich zwischen
dem wahrgenommenen Zeitdruck und der psychischen Gesundheit, wobei letztere bei Personen, die unter starkem Zeitdruck leiden, schlechter ist.
Der Umfang der Arbeitszeit sowie häufige Nacht-, Schicht- und Sonntagsarbeit ist mit keinem
der drei Gesundheitsindikatoren korreliert. Ursache hierfür mag zum einen das Vorliegen
eines Selektionseffekts sein – Personen mit schlechterer Gesundheit ziehen sich eventuell aus
diesen Arbeitszeiten zurück –, zum anderen mag nicht das Vorliegen dieser Belastung zum
Zeitpunkt des Interviews für die Gesundheit von Bedeutung sein, sondern die Anzahl der
Jahre, die diese Form der Arbeit ausgeübt wurde.54 Da derartige Informationen jedoch nicht
vorliegen, können diese Überlegungen im Rahmen dieser Studie nicht geprüft werden.
Tabelle 5.11
Korrelationen zwischen den Arbeitsbelastungen und der Gesundheit
unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Ungewöhnliche Arbeitszeit
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
–0,11*
–0,03 ns
–0,22***
–0,36***
–0,04 ns
–0,14***
ns
0,08
0,01 ns
0,00
–0,07 ns
Beschwerden
0,14**
0,31***
0,03 ns
–0,09 ns
–0,01 ns
ns: nicht signifikant, *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001 (N = 512/514).
Insgesamt wird Hypothese 2b durch die hier vorgelegten Analysen eher bestätigt als widerlegt. Zwar konnte für den Umfang der Arbeitszeit und das Arbeiten zu untypischen Zeiten
kein Zusammenhang mit der Gesundheit festgestellt werden, dies kann jedoch auch methodische Ursachen haben, auf die hingewiesen wurde. Mit Bezug auf die physische Belastung und
54 Dieses Argument gilt jedoch auch für die anderen Belastungsdimensionen, da die gesundheitliche Bedeutung
der Belastungen mit ihrer Dauer zunehmen müsste.
83
vor allem die psycho-soziale Belastung wird Hypothese 2b jedoch bestätigt; darüber hinaus
findet sich auch ein negativer Einfluss des Zeitdrucks auf die psychische Gesundheit.
Gemäß Hypothese 3b wird erwartet, dass sich die Arbeitsbelastungen vor allem dann gesundheitsschädlich auswirken, wenn ein statusniedriger Beruf ausgeübt wird. Wie schon im
Zusammenhang mit dem Gesundheitsverhalten argumentiert wurde, beruht diese Hypothese
auf der Überlegung, dass die Inhaber statushöherer Berufe für die erfahrenen Belastungen
besser kompensiert werden – sie erhalten ein höheres Einkommen und genießen eine höhere
gesellschaftliche Anerkennung. Diese Kompensationen sollten statushöhere Personen in die
Lage versetzen, ihre Arbeitsbelastungen erfolgreicher zu bewältigen und damit gesünder zu
bleiben. Ebenso wird bei Personen, die nur wenigen beruflichen Belastungen ausgesetzt sind,
eine bessere Gesundheit erwartet. Damit konzentriert sich das Interesse wieder auf die
Personen, die einem Beruf nachgehen, der eine nur geringe gesellschaftliche Anerkennung
genießt, und die gleichzeitig hohen Belastungen ausgesetzt sind. Vergleicht man diese Gruppe
mit allen anderen Erwerbstätigen, ergibt sich eine deutliche Bestätigung für diese Interpretation der Hypothese 3b (vgl. Tabelle 5.12). Mit Ausnahme des Umfanges der Arbeitszeit führen
hohe Belastungen auf den anderen vier Dimensionen bei niedrigem Prestige immer zu deutlich mehr Beschwerden und zu einer schlechteren körperlichen und/oder psychischen Gesundheit (diese Ergebnisse bleiben bestehen, wenn nach Alter und Geschlecht kontrolliert
wird). Am deutlichsten ist dabei der Effekt der psycho-sozialen Belastung am Arbeitsplatz.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Erwerbstätige in Berufen mit geringem
gesellschaftlichen Ansehen, die hohen Belastungen ausgesetzt sind, einem größeren Gesundheitsrisiko unterliegen sind als andere.
Tabelle 5.12:
Mittelwertsdifferenz der Gesundheitsmaße bei Erwerbstätigen mit hohen
Belastungen und niedrigem Prestige zu allen anderen Erwerbstätigen unter
Kontrolle des Alters und des Geschlechts
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Ungewöhnliche Arbeitszeit
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
–2,5**
–0,1 ns
–2,6**
–3,8***
ns
–1,9
–2,3*
–1,2 ns
0,4 ns
–2,1*
–0,6 ns
Beschwerden
3,0**
6,3***
2,5*
0,5 ns
2,7*
ns: nicht signifikant, *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001 (N = 515/517).
In einer abschließenden Analyse wurde wiederum multivariat geprüft, ob die Arbeitsbelastungen auch bei der Kontrolle des sozialen Status einen eigenständigen Einfluss auf die
84
Gesundheit haben. Die Ergebnisse dieser Analysen sind in Tabelle 5.13 zusammengestellt. Da
die in den Modellen 2 aufgenommenen Dummyvariablen zwischen niedrigem Prestige und
hohen Arbeitsbelastungen in keinem Fall einen signifikanten Einfluss auf die Gesundheitsindikatoren haben und sich die Ergebnisse der anderen Merkmale auch nicht verändern, muss
Hypothese 3b auf der Basis dieser Analysen zurückgewiesen werden.55 Daher werde ich im
Folgenden nur noch die Ergebnisse der Modelle 1 betrachten.
Tabelle 5.13:
Berufliche Belastungen und die Gesundheit von Erwerbstätigen
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeit
Niedriges Prestige und hohe
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeit
R² bzw. ∆ R²
SF-36: Gesundheit
körperlich
psychisch
M1
M2
M1
M2
–13**
–13**
12**
12**
12**
12**
9*
9*
ns
ns
3
–1
10*
12*
–9 +
–3 ns
4 ns
0 ns
–20*** –24*** –33*** –33***
–4 ns
–5 ns
–12**
–10 +
+
+
ns
8
10
2
3 ns
0 ns
4 ns
–7 +
–10 +
10***
–9 ns
8 ns
0 ns
–6 ns
–7 ns
1 ns
17***
6 ns
–1 ns
–3 ns
–1 ns
5 ns
0 ns
Beschwerden
M1
6 ns
–18***
–23***
1 ns
28***
5 ns
–4 ns
0 ns
M2
6 ns
–18***
–24***
5 ns
26***
6 ns
–3 ns
–2 ns
20***
–7 ns
4 ns
–3 ns
–3 ns
5 ns
0 ns
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Die oben getroffene Feststellung der herausragenden Bedeutung psycho-sozialer Arbeitsbelastungen für die Gesundheit wird in diesen Analysen noch einmal bestätigt. Von allen
einbezogenen Merkmalen hat diese den größten Einfluss auf die Gesundheit. Die anderen
Arbeitsbelastungen spielen demgegenüber eine untergeordnete Rolle. Zwar führt hohe
physische Belastung zu einem geringfügigen Rückgang physischer Gesundheit und hoher
Zeitdruck sowie häufige Nacht-, Schicht- und Sonntagsarbeit zu einer mäßigen Reduktion der
psychischen Gesundheit. Diese Effekte sind jedoch im Vergleich zur Bedeutung psychosozialer Belastung gering. Schließlich sollte noch auf den (sehr schwachen) positiven Einfluss
des Umfangs der Arbeitszeit auf die körperliche Gesundheit hingewiesen werden. Hier
55 Werden statt der hier verwendeten Dummyvariablen echte Interaktionseffekte zwischen den Belastungsdimesionen und dem Berufsprestige bzw. dem sozialen Status gebildet, erhält man dasselbe negative Ergebnis.
85
handelt es sich wahrscheinlich um einen Selektionseffekt, der auch unter der Bezeichnung
„Healthy Worker Effect“ (Östlin 1989) bekannt ist. Dieser Effekt besteht darin, dass weniger
Gesunde den Umfang ihrer Erwerbsarbeit eher reduzieren, z.B. indem sie weniger Überstunden machen oder indem sie Teilzeit arbeiten. Damit verbleiben unter denjenigen, die einer
Vollzeitbeschäftigung nachgehen und sich zeitlich besonders engagieren, mehr gesündere
Personen.
Zuletzt soll noch untersucht werden, wie sich der Einfluss des sozialen Status auf die Gesundheit verändert, wenn die Belastungsdimensionen berücksichtigt werden. Zum Vergleich
kann auf die Modelle 2b in der Tabelle A1.1 zurückgegriffen werden. Im Fall der Beschwerden und der psychischen Gesundheit reduziert die Kontrolle der Belastungen den Einfluss des
sozialen Status nicht – für die psychische Gesundheit ist sogar eine leichte Zunahme der
Effektstärke des sozialen Status festzustellen. Nur im Fall der körperlichen Gesundheit
verschwindet der Einfluss des sozialen Status, wenn die Arbeitsbelastungen kontrolliert
werden. Das heißt nur in Bezug auf diesen Gesundheitsindikator bestätigt sich meine Vermutung, dass der ohnehin sehr schwache Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Gesundheit
(vg. Abschnitt 5.1.1) durch die beruflichen Belastungen erklärt wird.
Für die hier untersuchten Hypothesen kann abschließend festgestellt werden, dass die Arbeitsbelastung, zumindest in Form psycho-sozialer Arbeitsbelastung, einen deutlichen Einfluss auf die Gesundheit hat. Hypothese 2a kann somit als bestätigt gelten. Hypothese 2b,
nach der die Arbeitsbelastung vor allem die Gesundheit von Personen in Berufen mit geringer
gesellschaftlicher Anerkennung beeinträchtigen sollte, kann dagegen nicht bestätigt werden;
zumindest dann nicht, wenn der soziale Status kontrolliert wird. Das heißt Arbeitsplatzbelastungen, und dies sind hier insbesondere die psycho-sozialen Belastungen, wirken sich auf
allen Stufen der gesellschaftlichen Hierarchie negativ auf die Gesundheit aus – und zwar
sowohl auf die körperliche wie die seelische Gesundheit.
5.3 Soziale Ungleichheit, Belastungen durch Hausarbeit und Gesundheitsverhalten
bzw. Gesundheit
In den Hypothese 5a und 5b wird vermutet, dass die Belastungen durch Haus- und Familienarbeit gesundheitsschädigendes Verhalten fördern und die Gesundheit verschlechtern. Außerdem wird in Hypothese 4 die Behauptung aufgestellt, dass diese Belastungsform mit steigendem Einkommen sinkt, da es mit höherem Einkommen eher möglich ist, die belastenden
Tätigkeiten von Personen, die nicht dem Haushalt angehören, gegen Bezahlung erledigen zu
lassen. Zur Überprüfung dieser Hypothesen stehen zwei Indikatoren zur Verfügung: die
86
wöchentliche aufgewendete Zeit für Hausarbeit und die psycho-sozialen Belastungen durch
diese Tätigkeit (vgl. Abschnitt 4.7).
Wie Tabelle 5.14 zeigt, kann Hypothese 4 als bestätigt gelten. Unter den hier verwendeten
Ungleichheitsmerkmalen zeigt sich für das Äquivalenzeinkommen jeweils die größte Korrelation zu den beiden Indikatoren der Belastung durch Haus- und Familienarbeit.56 Dies gilt
auch, wenn die Analyse für Männer und Frauen getrennt durchgeführt wird, allerdings ist die
Korrelation zwischen Einkommen und Dauer der Hausarbeit für Männer nicht signifikant.
Tabelle 5.14:
Korrelationen der Dauer der Hausarbeit (1) und der psycho-sozialen
Belastungen durch Hausarbeit (2) mit der sozialen Ungleichheit,
nach Geschlecht und unter Kontrolle des Alters
Männer
1
Bildung
–0,06 ns
Prestige des Einordnungsberufs –0,01 ns
Äquivalenzeinkommen
–0,07 ns
Sozialer Status
–0,05 ns
2
–0,05 ns
–0,11*
–0,15*
–0,09 ns
Frauen
1
–0,21***
–0,13*
–0,29***
–0,23***
2
0,03 ns
–0,01 ns
–0,16**
–0,04 ns
Gesamt a
1
–0,15***
–0,09*
–0,21***
–0,16***
2
0,01 ns
–0,04 ns
–0,15***
–0,05 ns
a In diesen Analysen wurde zusätzlich zum Alter auch das Geschlecht kontrolliert.
ns: nicht signifikant, *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Nach Hypothese 5a wird erwartet, dass mit zunehmender Belastung durch die Haus- und
Familienarbeit das Ausmaß gesundheitsschädigenden Verhaltens ansteigt. Wie schon bei der
Überprüfung der analogen Hypothesen zur Rolle der Arbeitsbelastungen (siehe Abschnitt
5.2.2) wird in zwei Schritten vorgegangen. Zunächst wird in logistischen Regressionsmodellen untersucht, ob die Wahrscheinlichkeit des Rauchens, der Alkoholabstinenz und der
Alkoholenthaltsamkeit in der Berichtswoche durch die Belastungen im Haushalt beeinflusst
werden. Dann wird in linearen Regressionsmodellen geprüft, ob diese Belastungen Auswirkungen auf die Höhe des Tabak- und Alkoholkonsums und die Häufigkeit sportlicher Aktivitäten haben. Jede dieser Analysen wird einmal unter Verwendung des Äquivalenzeinkommens als Ungleichheitsmaß und einmal unter Verwendung des sozialen Status durchgeführt.
Die Ergebnisse sind in den Tabellen A1.9 und A1.10 dokumentiert.
Von den insgesamt 24 Koeffizienten, die in diesem Zusammenhang interessieren, sind gerade
zwei auf dem 10%-Niveau signifikant. Diese sind jedoch so klein, dass von einem substantiell
bedeutsamen Ergebnis nicht die Rede sein kann. Hypothese 5a muss also als falsifiziert
56 Kontrolliert man zusätzlich zum Alter noch die jeweils anderen Ungleichheitsmerkmale, dann wird nur der
partielle Korrelationskoeffizient für das Äquivalenzeinkommen signifikant. D.h. bei den in Tabelle 5.14
berichteten Korrelationen zwischen der Bildung bzw. dem Berufsprestige und den Belastungsmaßen handelt
es sich um Scheinkorrelationen, die unter Kontrolle des Einkommens verschwinden.
87
gelten, d.h. in der vorliegenden Studie kann kein Einfluss der Belastungen durch die Hausund Familienarbeit auf das Gesundheitsverhalten nachgewiesen werden. Dieses Ergebnis
ändert sich auch nicht, wenn die Analysen für Männer und Frauen getrennt durchgeführt
werden.
Damit komme ich zur Überprüfung der Hypothese 5b, in der behauptet wird, dass die Belastungen durch Haus- und Familienarbeit negative Effekte für die Gesundheit haben. Die
Ergebnisse der entsprechenden Analysen sind in Tabelle 5.15 wiedergegeben. Wie sich zeigt,
hat die Dauer der Hausarbeit keinen Einfluss auf die Gesundheit. Anders sieht es mit der
psycho-sozialen Belastung durch die Arbeit aus. Mit Bezug auf diesen Indikator findet sich
für alle drei Indikatoren der Gesundheit der erwartete Effekt und zudem in einer beachtlichen
Größenordnung.
Tabelle 5.15:
Belastungen durch Hausarbeit und Gesundheit
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich=1)
Äquivalenzeinkommen
Sozialer Status
Dauer der Hausarbeit
Psycho-soziale Belastung
R²
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
M1
M2
M1
M2
ns
–26*** –25***
3
4 ns
0 ns
0 ns
–6 ns
–6 ns
ns
ns
5
4
11**
8*
–6 ns
–5 ns
1 ns
2 ns
–18*** –18*** –26*** –26***
8***
9***
6***
6***
Beschwerden
M1
23***
–3 ns
–20***
1 ns
24***
13***
M2
19***
–3 ns
–26***
0 ns
26***
17***
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert.
ns: nicht signifikant, *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001 (N = 515/517).
Darüber hinaus ergibt diese Analyse weitere interessante Resultate. Wie ein Vergleich der
Modelle 2 in Tabelle 5.15 mit den Modellen 2b in Tabelle 5.4 zeigt, verschwindet der Einfluss der Geschlechtszugehörigkeit auf die körperliche Gesundheit und die Beschwerden (im
Fall der psychischen Gesundheit unterscheiden sich die Geschlechter auch ohne Kontrolle der
Hausarbeitsbelastung nicht). Die gesundheitlichen Unterschiede zwischen Männern und
Frauen werden also maßgeblich durch ihre unterschiedliche Belastung im Haushalt verursacht. Es zeigt sich weiter, dass sich bei Kontrolle der psycho-sozialen Belastung durch die
Hausarbeit die Altersunterschiede in der körperlichen Gesundheit und den Beschwerden
verschärfen und der ehemals positive Einfluss des Alters auf die psychische Gesundheit
verschwindet. Da die Belastung durch die Hausarbeit mit zunehmendem Alter deutlich sinkt
(vgl. Abschnitt 4.7), würde die Verschlechterung der Gesundheit im Alter noch deutlicher
88
ausfallen, wenn sich die Belastung durch Haus- und Familienarbeit gleichmäßig über die
Altergruppen verteilte.57 Im Gegensatz zu den Veränderungen der Alters- und Geschlechtseffekte bleibt der Einfluss des sozialen Status auf die Gesundheit auch unter Kontrolle der
Haushaltsbelastungen stabil. Das heißt der hier im Vordergrund stehende Zusammenhang
zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit wird nicht durch diese Belastungsform
vermittelt.
Wird die Analyse auf diejenigen Personen eingeschränkt, die mindestens 10 Stunden in der
Woche für Hausarbeit aufwenden,58 zeigt sich ein noch stärkerer Effekt der psycho-sozialen
Belastung auf die Gesundheit (für die Modelle mit dem sozialen Status lauten die standardisierten Koeffizienten auf die körperliche Gesundheit: -0,22; auf die psychische Gesundheit:
-0,34; und auf die Beschwerden: 0,35). An den anderen Ergebnissen ändert sich dagegen
nichts grundlegendes.
Es wurde auch überprüft, ob zwischen der Geschlechtszugehörigkeit und den Belastungen
durch Haus- und Familienarbeit ein Interaktionseffekt auf die Gesundheit besteht. Dies ist
nicht der Fall, das heißt diese Form der Belastung wirkt sich bei Männern und Frauen in der
gleichen Weise negativ auf die Gesundheit aus.
Es kann festgehalten werden: Hypothese 4 und Hypothese 5b können als deutlich bestätigt
gelten, Hypothese 5a muss dagegen als falsifiziert betrachtet werden.
5.4 Soziale Ungleichheit, soziale Netzwerke und Gesundheit
In diesem Abschnitt werden die Hypothesen 6 bis 11 untersucht, in denen spezifische Beziehungen zwischen der sozialen Ungleichheit, der Struktur der Netzwerke und der Gesundheit
bzw. dem Gesundheitsverhalten vermutet werden. Die Überprüfung dieser Hypothesen ist in
drei Unterabschnitte gegliedert. Im ersten Teil wird der Einfluss des sozialen Kapitals auf die
Gesundheit untersucht. Dann wird geprüft, ob die Geschlossenheit der Netzwerke mit der
Gesundheit in einem Zusammenhang steht. Abschließend steht der Einfluss des Gesundheitsverhaltens der Netzwerkpersonen auf die Befragten im Zentrum der Analyse.
5.4.1 Soziale Ungleichheit, soziales Kapital und Gesundheit
Im Mittelpunkt dieses Abschnitts steht der Zusammenhang zwischen der sozialen Ungleichheit und dem sozialen Kapital einerseits sowie zwischen dem sozialen Kapital und der
57 Diese beiden Befunde gelten auch für diejenigen, für die die Belastung durch die Hausarbeit direkt gemessen
und nicht geschätzt wurde.
58 Das heißt für diese Belastungsform werden nur die gemessenen Werte, nicht die geschätzten Werte verwendet (vgl. Abschnitt 4.7)
89
Gesundheit bzw. dem Gesundheitsverhalten andererseits. In der sechsten Hypothese wird ein
positiver Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und der Menge an sozialem Kapital,
das eine Person hat, vermutet. Als Indikatoren des sozialen Kapitals kommen zum einen die
Netzwerkgröße, zum anderen der aus der Bildung und dem beruflichen Status der Netzwerkpersonen gebildete Index in Frage (vgl. Abschnitt 4.5).
Tabelle 5.16:
Korrelationen des sozialen Kapitals mit der sozialen Ungleichheit, unter
Kontrolle des Alters und des Geschlechts
Bildung
Prestige des Einordnungsberufs
Äquivalenzeinkommen
Sozialer Status
Netzwerkgröße
0,19
0,20
0,15
0,22
Index soziales Kapital
0,68
0,55
0,36
0,64
Für alle Koeffizienten gilt: p ≤ 0,001.
Wie Tabelle 5.16 zeigt, besteht zwischen der Netzwerkgröße und allen Ungleichheitsdimensionen ein mäßig starker positiver Zusammenhang. Statushöhere Personen haben also größere
soziale Netzwerke, ein Ergebnis, das in allen mir bekannten Netzwerkuntersuchungen auftritt.
Deutlich stärker als die Netzwerkgröße korreliert der Index des sozialen Kapitals mit den
Dimensionen der sozialen Ungleichheit. Hier zeigt sich das hohe Ausmaß an Statusgleichheit
(Statushomophilie) der sozialen Beziehungen; ein Strukturmerkmal von Beziehungen,
welches auch mit Bezug auf andere Merkmale auftritt (vgl. zusammenfassend Wolf 1996).
Hypothese 6 kann somit als bestätigt gelten.
In der siebten Hypothese wird behauptet, dass das soziale Kapital einen direkten positiven
Einfluss auf die Gesundheit hat (Direkteffekt-Hypothese). Um diese Hypothese zu überprüfen, habe ich zunächst partielle Korrelationen zwischen den beiden Indikatoren des sozialen
Kapitals und den drei Gesundheitsmaßen berechnet. Dabei wurden zum einen das Alter und
das Geschlecht konstant gehalten, zum anderen wurde zusätzlich der soziale Status der
Befragten kontrolliert. Die Ergebnisse dieser Analysen sind in Tabelle 5.17 zusammengestellt.
Die psychische Gesundheit variiert positiv mit der Netzwerkgröße, ein Zusammenhang, der
auch nach der Kontrolle des sozialen Status bestehen bleibt. Dagegen hat die Netzwerkgröße
keinen Einfluss auf die Anzahl und Stärke der Beschwerden, und auf die körperliche Gesundheit hat die Netzwerkgröße einen negativen Einfluss, wenn der soziale Status kontrolliert
wird. Mit Bezug auf diese beiden Gesundheitsmerkmale muss Hypothese sieben also als
falsifiziert gelten.
90
Tabelle 5.17:
Netzwerkgröße
Soziales Kapital
Netzwerkgröße H
Soziales Kapital
Korrelationen zwischen der Netzwerkgröße, dem Index des sozialen
Kapitals und der Gesundheit
1. unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts
2. unter zusätzlicher Kontrolle des sozialen Status
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
1
2
1
2
ns
–0,05
–0,08*
0,11**
0,09*
0,10**
0,02 ns
0,06 ns
0,00 ns
1
–0,05 ns
–0,18***
–0,01 ns
–0,08*
–0,01 ns
0,00 ns
0,00 ns
Beschwerden
2
0,02 ns
0,00 ns
–0,07 +
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001 (677 ≤ N ≤ 680).
Verwendet man statt der Netzwerkgröße den Index des sozialen Kapitals im Netzwerk, wird
H7 sogar mit Bezug auf alle drei Gesundheitsmaße widerlegt. Wird nur nach Alter und
Geschlecht kontrolliert, zeigt sich zwar der erwartete positive Zusammenhang zwischen dem
Index des sozialen Kapitals und der körperlichen Gesundheit sowie ein negativer Zusammenhang mit dem Beschwerdeindex. Diese beiden Korrelationen verschwinden jedoch, wenn der
soziale Status der Befragten konstant gehalten wird. Der durchschnittliche soziale Status der
Netzwerkpersonen hat also keinen direkten Einfluss auf die Gesundheit.59
Nun kann argumentiert werden, dass nicht die Anzahl der Netzwerkmitglieder oder ihr
durchschnittlicher Status ausschlaggebend für das Wohlbefinden und die Gesundheit sind,
sondern die Tatsache, dass man viele Personen mit hohem Status kennt. Daher wurde in
einem weiteren Schritt überprüft, ob zwischen der Netzwerkgröße und dem durchschnittlichen Status im Netzwerk ein Interaktionseffekt in Bezug auf die Gesundheit besteht. Wie der
letzten Zeile in Tabelle 5.17 entnommen werden kann, zeigt sich ein solcher Effekt immerhin
für den Beschwerdeindex und zwar in der erwarteten Richtung – je größer das Netzwerk und
je höher der Status der Netzwerkpersonen, desto weniger Beschwerden. Und obwohl dieser
Effekt sehr klein ist, bleibt er in einem multivariaten Regressionsmodell unter Kontrolle der
anderen Variablen signifikant.
Eine zusammenfassende Beurteilung der Direkteffekt-Hypothese (H7) fällt angesichts dieser
Ergebnisse nicht leicht. Klar scheint, dass die körperliche Gesundheit weder von der Netzwerkgröße noch vom sozialen Kapital profitiert. In Bezug auf diesen Aspekt der Gesundheit
muss H7 eindeutig abgelehnt werden. Betrachtet man dagegen die psychische Gesundheit,
59 Dieser Befund wird auch durch Regressionsanalysen bestätigt (vgl. Tabelle A1.11 in Anhang A). Außerdem
wurde untersucht, ob Anzeichen für einen nichtlinearen Zusammenhang zwischen sozialem Kapital und
Gesundheit oder für einen Interaktionseffekt zwischen sozialem Status der Befragten, ihrem sozialen Kapital
und der Gesundheit existieren. Beides ist nicht der Fall.
91
findet sich immerhin ein positiver Einfluss der Netzwerkgröße: Je mehr Menschen jemand
kennt, desto besser seine seelische Befindlichkeit. Und die Beschwerden betreffend kann
festgehalten werden, dass diese bei Personen mit großem Netzwerk und vielen statushohen
Verwandten, Freunden und Bekannten geringer sind als bei anderen Personen. Diese beiden
Ergebnisse sprechen für die Geltung der Direkteffekt-Hypothese, zumindest für die psychische Gesundheit und das Ausmaß allgemeiner Beschwerden.
Eine Ursache für dieses nicht eindeutige Ergebnis mag sein, dass das soziale Kapital seinen
Einfluss auf die Gesundheit erst dann entfaltet, wenn diese durch Belastungen gefährdet ist.
Erst in dieser Situation, so die Vermutung der Puffer-Hypothese (H8), kann das Ausmaß der
sozialen Unterstützung als Schutzschild der Gesundheit wirksam werden. Im Rahmen dieser
Studie kann diese Hypothese mit Bezug auf die Arbeitsbelastung und die Belastung durch
Haus- und Familienarbeit geprüft werden.
Bei den entsprechenden Analysen wurde in folgenden Schritten vorgegangen. Zunächst
wurde untersucht, ob zwischen den Belastungen durch die Hausarbeit und dem Ausmaß
sozialen Kapitals bzw. der Netzwerkgröße ein Interaktionseffekt auf die Gesundheit besteht.
Dazu wurden diese beiden Merkmale im ersten Schritt dichotomisiert, kreuztabelliert und die
durchschnittliche Gesundheit der vier Gruppen untersucht. In keiner dieser Analysen konnte
der postulierte Effekt nachgewiesen werden. Stattdessen fanden sich stets einfache additive
Einflüsse der Belastungen und des sozialen Kapitals bzw. der Netzwerkgröße auf die Gesundheit. Ein typisches Ergebnis dieser Analysen ist in Abbildung 5.5 wiedergegeben.
Abbildung 5.5:
Durchschnittliche körperliche Gesundheit nach dem Ausmaß der
Hausarbeitsbelastung und dem sozialen Kapital (N = 681)
körperliche Gesundheit
52
51
50
49
48
47
hohe Belastung
geringe
Belastung
wenig soziales Kapital
hohe Belastung
geringe
Belastung
viel soziales Kapital
In weiterführenden Untersuchungen wurden lineare Regressionsmodelle für die drei Gesundheitsmaße geschätzt, in die neben den Merkmalen Alter, Geschlecht und sozialer Status auch
92
die Belastung durch die Hausarbeit, die Netzwerkgröße bzw. der Index des sozialen Kapitals
und ein Interaktionseffekt dieser Variablen aufgenommen wurde. Tabelle A1.12 in Anhang A
enthält die Ergebnisse dieser Analysen für die Netzwerkgröße. Für die körperliche Gesundheit
führen diese Analysen zu einer klaren Falsifikation der Puffer-Hypothese, der Interaktionseffekt hat in beiden Analysen das falsche Vorzeichen – wird jedoch nicht signifikant. Bei den
Beschwerden zeigt sich zwar die vermutete Richtung des Effekts, d.h. große Belastungen
durch die Hausarbeit und wenig soziales Kapital führen zu mehr Beschwerden, aber die
entsprechenden Koeffizienten sind sehr klein und werden nicht signifikant. Ähnliches gilt für
die psychische Gesundheit, allerdings erreicht der Interaktionseffekt zwischen geringer
Netzwerkgröße und hohen Belastungen hier immerhin auf dem 5%-Niveau statistische
Signifikanz.60
Dieselben Analysen wurden auch für die verschiedenen Formen der Arbeitsbelastung durchgeführt. Dabei ergab sich weder bei der Analyse der Vierfelder-Tafeln noch in den entsprechenden Regressionsmodellen ein überzeugender Beleg für die Puffer-Hypothese. Auch wenn
man nur die Vorzeichen der Interaktionseffekte betrachtet und ihre Einflussstärke außer Acht
lässt, muss die Puffer-Hypothese zurückgewiesen werden. Für die körperliche und psychische
Gesundheit haben vier der zehn Effekte das falsche Vorzeichen, bei den Beschwerden sind es
immerhin noch drei von zehn. In Hinblick auf die Arbeitsbelastungen kann diese Hypothese
daher als falsifiziert gelten.
Dies gilt zumindest in Bezug auf die hier vorgenommene Operationalisierung dieser Hypothese, an der mindestens zwei Punkte kritisiert werden können. Zum einen könnte es sein,
dass zur Bewältigung der Arbeitsbelastungen nicht das gesamte soziale Netzwerk, sondern
nur bestimmte Ausschnitte, z.B. die Gruppe der Kollegen, von Bedeutung sind. Zum anderen
könnte argumentiert werden, dass das soziale Kapital oder die Netzwerkgröße etwas anderes
messen als das Unterstützungspotential des Netzwerkes und dass nur letzteres effektiv gegen
die gesundheitliche Beeinträchtigung von Belastungen schützt. Dieser Einwand wurde weiter
untersucht, indem statt der Netzwerkgröße bzw. statt des sozialen Kapitals die Anzahl bzw.
der Anteil der Netzwerkpersonen, auf den man sich in persönlichen Krisensituationen auf
jeden Fall verlassen kann, herangezogen wurde (vgl. Frage N11 im Fragebogen, Anhang B).
Allerdings konnte die Puffer-Hypothese auch in diesen Analysen in keinem einzigen Fall
bestätigt werden.
60 Neben dieser Operationalisierung des Interaktionseffekts wurden verschiedene andere überprüft. In keiner
dieser Analysen konnte die Puffer-Hypothese klar bestätigt werden.
93
Soziales Kapital schützt demnach nicht vor den gesundheitsschädlichen Auswirkungen hoher
Arbeitsbelastungen. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich die Puffer-Hypothese nicht bewährt. In Bezug auf die Belastungen durch die Hausarbeit ließen sich immerhin schwache
Hinweise für die Gültigkeit der Puffer-Hypothese feststellen. Große Belastungen durch die
Hausarbeit wirken sich weniger stark auf die psychische Gesundheit aus, wenn man über ein
großes soziales Netzwerk verfügt.
5.4.2 Soziale Ungleichheit, Geschlossenheit der Netzwerke und Gesundheit
Die soziale und räumliche Geschlossenheit der sozialen Netzwerke, die hier über die Netzwerkdichte, den Anteil Verwandter und den Anteil der Nachbarn im Netzwerk operationalisiert wurde (vgl. Abschnitt 4.5), sollte nach Hypothese 9 negativ mit dem sozialen Status
korreliert sein. Diese Hypothese wird voll bestätigt.61
Im Gegensatz dazu kann Hypothese 10 nicht bestätigt werden. In dieser Hypothese wurde
vermutet, dass Personen mit besonders stark bzw. besonders wenig geschlossenen Netzwerken eine schlechtere Gesundheit aufweisen als Personen, deren Netzwerke einen mittleren
Grad der Geschlossenheit aufweisen. Wie entsprechende Analysen zeigen, steht die Geschlossenheit der Netzwerke weder in einem linearen noch in einem nichtlinearen Zusammenhang
mit der Gesundheit. Dies gilt sowohl bivariat also auch unter Kontrolle des Alters, des
Geschlechts, des sozialen Status und der Netzwerkgröße. Auch eine Analyse auf Basis der
drei einzelnen Bestandteile des Geschlossenheitsmaßes führt zum selben Ergebnis. Folglich
muss festgehalten werden, dass die Geschlossenheit der sozialen Netzwerke keinen Einfluss –
zumindest keinen direkten Einfluss – auf die Gesundheit hat.
5.4.3 Soziale Netzwerke und Gesundheitsverhalten
Die letzte Hypothese (H11) im Zusammenhang der sozialen Netzwerke bezieht sich auf den
Einfluss des Gesundheitsverhaltens der Netzwerkmitglieder auf das Gesundheitsverhalten der
Befragten. Dabei wird das Gesundheitsverhalten der Netzwerkmitglieder über den Anteil der
starken Raucher und den Anteil der Netzwerkpersonen, die oft oder sehr oft Alkohol trinken,
gemessen.62
61 Die partiellen Korrelationen unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts lauten: mit der Bildung: –0,20;
mit dem Prestige des Einordnungsberufs: –0,10; mit dem Äquivalenzeinkommen: –0,21 und mit dem sozialen Status: –0,19.
62 Zur Operationalisierung des gesundheitsschädigenden Verhaltens der Befragten siehe Abschnitt 4.2, zur
Operationalisierung des gesundheitsschädigenden Verhaltens der Netzwerkpersonen siehe Abschnitt 4.5.
94
Abbildung 5.6:
Durchschnittliche Anzahl gesundheitsschädigender Verhaltensweisen der
Befragten nach dem Ausmaß gesundheitsschädigenden Verhaltens im
Netzwerk (Quartilsklassen; N = 689)
Verhaltensweisen (Mittelwert)
1,2
1,1
1,0
0,9
0,8
wenig
mittel
viel
sehr viel
Gesundheitsschädigendes Verhalten im Netzwerk
Wie Abbildung 5.6 deutlich macht, kann der vermutete Effekt tatsächlich nachgewiesen
werden. Mit dem Ausmaß des gesundheitsschädigenden Verhaltens im Netzwerk steigt die
durchschnittliche Anzahl der gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen, die von den
Befragten berichtet werden. Dabei scheinen vor allem Netzwerke, in denen ein großer Anteil
von Personen stark raucht bzw. viel Alkohol trinkt, zu einer Verstärkung gesundheitsschädigenden Verhaltens zu führen.
Den Ergebnissen der Tabelle 5.18 zufolge, hat das Gesundheitsverhalten der Netzwerkpersonen auch nach der Kontrolle des Alters, des Geschlechts und des sozialen Status einen
Einfluss auf das Gesundheitsverhalten der Befragten. Weitere Analysen zeigen, dass dieser
Effekt nicht von der Netzwerkgröße oder der Geschlossenheit der Netzwerke abhängt.
Darüber hinaus besteht auch kein quadratischer Effekt des gesundheitsschädigenden Verhaltens auf das eigene Verhalten, wie Abbildung 5.6 nahe legt. Es kann jedoch ein schwacher
Interaktionseffekt zwischen dem sozialen Status und dem gesundheitsschädigenden Verhalten
im Netzwerk nachgewiesen werden. Dieser Effekt ist positiv, das heißt je höher der soziale
Status, desto größer der Einfluss des Verhaltens der Netzwerkmitglieder auf das eigene
Verhalten. Eine Ursache für dieses Ergebnis könnte in der mit dem sozialen Status wachsenden Netzwerkgröße und damit der größeren Anzahl von potentiellen Einflüssen liegen.
Allerdings bleibt der Effekt unverändert bestehen, wenn die Netzwerkgröße kontrolliert wird.
In einer weiteren Analyse wurde geprüft, ob das gesundheitsschädigende Verhalten im
Netzwerk mit dem sozialen Status Egos variiert. Dies ist nicht der Fall.
95
Tabelle 5.18:
Soziales Netzwerk und gesundheitsschädigendes Verhalten
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
GSV im Netzwerk a
H Sozialer Status Egos
R² bzw. ∆ R²
Zahl gesundheitsschädigender Verhaltensweisen der Befragten
M1
M2
M3
0,05 +
0,06 +
0,06 +
0,13***
0,13***
0,13***
–0,12**
–0,12***
–0,12***
0,14***
0,14***
0,07 +
3***
2***
1+
a GSV im Netzwerk: Gesundheitsschädigendes Verhalten im Netzwerk.
+: p ≤ 0,1; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001 (690 ≤ N ≤ 695).
Im nächsten Schritt wird der Einfluss der Netzwerkpersonen auf die einzelnen gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen untersucht. Wie bei den bisherigen Analysen dieser Merkmale
wird wiederum zunächst in logistischen Regressionen der aktuelle Raucherstatus, die generelle Alkoholabstinenz und die Alkoholsabstinenz in der Berichtswoche analysiert. Danach wird
für die Raucher die Höhe des Tabakkonsums, für diejenigen, die in der Berichtswoche
Alkohol getrunken haben, die Menge des konsumierten Alkohols, und für alle Befragten die
Häufigkeit sportlicher Betätigung in linearen Regressionsanalysen untersucht. Jede dieser
Analysen wird zweimal durchgeführt. In der ersten Analyse wird der Index des gesundheitsschädigenden Verhaltens im Netzwerk verwendet (Modell 2a). In der zweiten Analyse wird
stattdessen die durchschnittliche Trinkhäufigkeit und die durchschnittliche Rauchstärke der
Netzwerkpersonen verwendet (Modell 2b).63 Dieses Vorgehen scheint geboten, weil die
Reliabilität des Gesamtindexes des Gesundheitsverhaltens der Netzwerkpersonen sehr gering
ist (vgl. Abschnitt 4.5). Die Ergebnisse dieser Analysen sind in den Tabellen 5.19 und 5.20
zusammengestellt.
Für den Status als Raucher und für die Menge der von den aktuellen Rauchern gerauchten
Tabakwaren zeigt sich jeweils ein deutlicher Einfluss des sozialen Netzwerks. Wie die
Ergebnisse der Modelle 2b zeigen, ist es der durchschnittliche Tabakkonsum der Netzwerkpersonen, der diesen Effekt erklärt. (Der Alkoholkonsum im Netzwerk hat dagegen keinen
Einfluss auf das Rauchverhalten Egos.) Interessant ist in diesem Zusammenhang vor allem
ein Vergleich von Modell 1 und Modell 2b zur Erklärung des aktuellen Raucherstatus. Wird
der Tabakkonsum im Netzwerk kontrolliert, verschwinden die Effekte des Alters, des Ge-
63 Diese Angaben wurden für bis zu 10 Netzwerkpersonen erhoben (vgl. Frage N14 und N16 im Fragebogen,
Anhang B). Die vorgegebenen 5-stufigen Antwortskalen lauten für den Alkoholkonsum „1: nie“ bis „5: sehr
oft“; für das Rauchen „1: gar nicht“ bis „5: sehr stark“.
96
schlechts und des sozialen Status. Das Rauchverhalten ist somit zu einem ganz erheblichen
Maße von dem Verhalten der sozialen Nahwelt abhängig.
Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch in den verschiedenen Analysen zum Alkoholkonsum.
In den Netzwerken von Abstinenten wird weniger Alkohol getrunken (allerdings mehr
geraucht) als in den Netzwerken von Nichtabstinenten. Dabei bleibt der Effekt des Geschlechts und des sozialen Status signifikant. Auch in den Netzwerken derjenigen, die zwar
nicht generell abstinent sind, aber in der Berichtswoche keinen Alkohol konsumiert haben,
wird weniger getrunken als in den Netzwerken derjenigen, die in der Woche vor dem Interview Alkohol genossen haben. Und in der zuletzt genannten Gruppe zeigen die Analysen
einen starken positiven Einfluss des durchschnittlichen Alkoholkonsums der Netzwerkpersonen auf den eigenen Konsum. Ähnlich wie bei der Analyse des Raucherstatus verschwindet
der signifikante Effekt des sozialen Status in der Analyse zur konsumierten Alkoholmenge
und zur Abstinenz in der Berichtswoche.
Tabelle 5.19:
Gesundheitsverhalten im Netzwerk und Gesundheitsverhalten Egos
logistische Regression, standardisierte Koeffizienten a
Raucher
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
GSV im Netzwerk b
Alkoholkonsum im Netzwerk
Tabakkonsum im Netzwerk
Nagelkerke R² bzw. ∆ R²
Abstinente
M1
M2a
M2b
M1
M2a
M2b
–12** –9*
–4 ns
4 ns
4 ns
4 ns
ns
8*
8*
6
–11** –12** –13**
–20*** –19*** –6 ns –22*** –20*** –15**
16***
0 ns
ns
–3
–18***
39***
8+
ns
6*** 4*** 17*** 11***
0
4***
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche b
M1
M2a
M2b
–1 ns
–2 ns
–3 ns
–14*** –13*** –14***
–12** –11** –6 ns
–9 +
–18***
3 ns
+
6***
1
3***
a Siehe Anmerkungen in Tabelle 5.6.
b GSV: Gesundheitsschädliches Verhalten der Netzwerkpersonen.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
In Hinsicht auf die Häufigkeit sportlicher Betätigung haben die beiden gesundheitsrelevanten
Verhaltensweisen der Netzwerkpersonen unterschiedliche Vorzeichen, der durchschnittliche
Alkoholkonsum im Netzwerk hat einen positiven, die durchschnittliche Stärke des Rauchens
im Netzwerk einen negativen Effekt. Beide Effekte verschwinden jedoch, wenn die Häufigkeit sportlicher Aktivitäten der Netzwerkpersonen kontrolliert wird. Wie beim Rauchen und
beim Alkoholkonsum hat das sportliche Verhalten der Netzwerkpersonen einen starken
positiven Einfluss auf die sportlichen Aktivitäten Egos. Der Einfluss des Alters und der des
sozialen Status bleiben jedoch bestehen (diese Analyse ist hier nicht wiedergegeben).
97
Tabelle 5.20:
Gesundheitsverhalten im Netzwerk und Gesundheitsverhalten Egos
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
GSV im Netzwerk b
Alkoholkonsum im Netzwerk
Tabakkonsum im Netzwerk
R² bzw. ∆ R²
Tabakkonsum
Alkoholmenge
Sport
M1
M2a
M2b
M1
M2a
M2b
M1
M2a
–8 ns
–6 ns
–2 ns
3 ns
7+
9*
–14*** –15***
7 ns
7 ns
5 ns
30*** 29*** 30*** –5 ns
–5 ns
ns
–23*** –22*** –19** 11**
11*
6
19*** 19***
15*
21***
–4 ns
ns
6
28***
25***
8+
6***
2*
7*** 10***
4*** 8*** 6***
0 ns
M2b
–15***
–5 ns
15***
7+
–8*
1+
a Siehe Anmerkungen in Tabelle 5.7.
b GSV: Gesundheitsschädliches Verhalten der Netzwerkpersonen.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Auf der Basis dieser Analysen kann Hypothese 11 im Prinzip als bewährt gelten, sie sollte
jedoch dahingehend präzisiert werden, dass ein jeweils spezifisches gesundheitsrelevantes
Verhalten (Rauchen, sportliche Betätigung etc.) durch ebensolches Verhalten von Personen
der sozialen Nahwelt beeinflusst wird. Dabei ist dieser Einfluss teilweise so stark, dass der
Einfluss der sozialen Ungleichheit auf das Gesundheitsverhalten reduziert wird oder sogar
ganz verschwindet. Mit anderen Worten, der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit
und Gesundheitsverhalten kann zumindest teilweise durch die in einem sozialen Netzwerk
verbreiteten Verhaltensweisen erklärt werden.
Wenn diese Schlussfolgerung richtig ist, bedeutet dies, dass statushohe Personen nicht
deshalb seltener rauchen als statusniedrige, weil sie über mehr Ressourcen verfügen oder die
langfristigen Gesundheitsgefahren des Rauchens ernster nehmen, es bedeutet auch nicht, dass
statusniedrige Personen Belastungen dadurch begegnen, dass sie ein inadäquates Bewältigungsverhalten in Form von Tabakkonsum an den Tag legen. Vielmehr folgt aus diesem
Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit zu rauchen mit dem sozialen Status abnimmt, weil die
Wahrscheinlichkeit, mit Rauchern zu verkehren, mit dem sozialen Status zurückgeht. Ähnliches gilt für die anderen gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen, auch wenn hier der Einfluss des sozialen Status bestehen bleibt.64
64 Sicherlich sind hier methodische Probleme in Bezug auf die Validität der Daten nicht ganz von der Hand zu
weisen. So ist bekannt, dass Personen dazu neigen, ihre Netzwerkpersonen als ähnlicher wahrzunehmen als
sie es tatsächlich sind (Pappi und G. Wolf 1984). Dieser Einwand trifft vor allem die Bewertung der Stärke
des Rauchens oder der Häufigkeit des Alkoholkonsums der Netzwerkpersonen durch Ego. Ob jedoch eine
Person raucht oder alkoholabstinent ist, wird einer vertrauten Person auf Dauer nicht verborgen bleiben.
Ein anderer Punkt betrifft das Verhalten der Netzwerkpersonen. Dieses wird Ego üblicherweise nicht vollständig bekannt sein, sondern lediglich das in der Gegenwart Egos gezeigte bzw. das von Alter berichtete
Verhalten. Dieser Punkt ist jedoch für die Gültigkeit der Hypothese 11 nicht von Bedeutung, wenn expliziert
98
Wie bereits in Abschnitt 4.5 betont wurde, erlauben es die hier präsentierten Daten nicht, zu
entscheiden, ob der beobachtete Effekt darauf beruht, dass Personen sich anderen mit ähnlichen Präferenzen und Verhaltensweisen anschließen (Selektionshypothese), oder darauf, dass
das Verhalten einer Person durch ihre Kontaktpersonen beeinflusst wird (Sozialisationshypothese). Die Wirkung beider Mechanismen ist plausibel und wurde auch empirisch nachgewiesen. Doch einerlei, wie diese Frage empirisch beantwortet wird, das Ergebnis ist dasselbe: Die
Mitglieder eines sozialen Netzwerks weisen nicht nur ähnliche sozialstrukturelle Merkmale
auf oder zeichnen sich durch Wertehomophilie aus (Lazarsfeld und Merton 1954; Wolf 1996),
sie sind sich auch in Bezug auf ihr Gesundheitsverhalten sehr ähnlich.
5.5 Soziale Ungleichheit, Lebensstile und Gesundheit
In diesem Abschnitt wird untersucht, inwieweit sich das Lebensstilkonzept von Gerhard
Schulze mit seinen empirischen Realisationen durch alltagsästhetische Schemata und soziale
Milieus dazu eignet, den Zusammenhang zwischen den klassischen Merkmalen sozialer
Ungleichheit und der Gesundheit bzw. dem Gesundheitsverhalten zu erklären.65 Zunächst soll
jedoch untersucht werden, in welchem Zusammenhang die klassischen Dimensionen sozialer
Ungleichheit und die Lebensstilmerkmale stehen.
Die Hypothesen 12 und 14 beziehen sich auf den Zusammenhang zwischen dem sozialen
Status und dem Hochkultur- bzw. dem Trivialschema. Dabei wurde vermutet, dass die Nähe
zum Hochkulturschema mit steigendem Status zunimmt, während die Nähe zum Trivialschema abnimmt. Zum Zusammenhang zwischen der sozialen Ungleichheit und dem Spannungsschema wurde keine Hypothese formuliert. Wie Tabelle 5.21 zeigt, werden beide Hypothesen
deutlich bestätigt.
Tabelle 5.21:
Korrelationen der Ungleichheitsmaße mit den alltagsästhetischen
Schemata unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts
Hochkulturschema
Bildung
0,56***
Prestige des Einordnungsberufs
0,47***
Äquivalenzeinkommen
0,36***
Sozialer Status
0,56***
Trivialschema
–0,38***
–0,37***
–0,35***
–0,44***
Spannungsschema
0,10**
0,06 ns
0,12**
0,11**
ns: nicht signifikant, **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
wird, dass nur das von Ego wahrgenommene aktuelle oder berichtete Verhalten Alters sein Verhalten beeinflusst.
65 Zur Operationalisierung der Lebensstilmerkmale vergleiche Abschnitt 4.4.
99
Von den drei alltagsästhetischen Schemata Schulzes ist das Hochkulturschema am engsten,
das Spannungsschema am schwächsten mit den klassischen Indikatoren der sozialen Ungleichheit verknüpft. Dabei weisen die Korrelationen der Bildung, des Berufsprestiges und
des Einkommens mit den drei Schemata jeweils in etwa die gleiche Größenordnung auf
- einzige Ausnahme ist die im Verhältnis zu den beiden anderen Merkmalen etwas geringere
Korrelation des Einkommens mit dem Hochkulturschema. Folglich ist es auch nicht verwunderlich, dass der Index des sozialen Status jeweils ähnlich hoch wie die Einzeldimensionen
der Ungleichheit mit den drei Schemata korreliert.
Hypothese 18 bezieht sich auf den sozialen Status der Milieus, die auf der Grundlage der
Schemata gebildet wurden. Der Hypothese zufolge sollten die Angehörigen des Niveau- und
des Selbstverwirklichungsmilieus den höchsten, die Angehörigen des Integrations- und des
Unterhaltungsmilieus einen mittleren und die Angehörigen des Harmoniemilieus den geringsten sozialen Status aufweisen. Wie Abbildung 5.7 zeigt, trifft diese Erwartung weitgehend zu,
muss jedoch geringfügig korrigiert werden. Selbstverwirklichungs- und Niveaumilieu stehen
in Bezug auf die klassischen Ungleichheitsdimensionen tatsächlich an der Spitze der Milieus,
und zwischen ihnen gibt es in Bezug auf diese Merkmale keine Unterschiede.66 Es folgt das
Integrationsmilieu, dessen Angehörige wie erwartet ziemlich genau dem Durchschnitt der
Population entsprechen. Damit bestätigt sich die schon in Abschnitt 2.3 zitierte Charakterisierung dieses Milieus auch im Hinblick auf die Ungleichheitsdimensionen: „Das Besondere an
diesem Milieu ist seine Durchschnittlichkeit“, seine „gediegene Mittellage“ (Schulze 1992:
301).
Das Unterhaltungsmilieu, von dem erwartet wurde, dass es einen in etwa vergleichbaren
sozialen Status aufweist wie das Integrationsmilieu, ist mit diesem jedoch nur in Bezug auf
das Einkommen vergleichbar. Die Bildung und das Berufsprestige in diesem Milieu liegen
dagegen deutlich unterhalb der entsprechenden Werte im Integrationsmilieu. Das Milieu mit
dem niedrigsten sozialen Status ist erwartungsgemäß das Harmoniemilieu. Nach ihrem
sozialen Status lassen sich die fünf sozialen Milieus also vier Gruppen zuordnen: Niveau- und
Selbstverwirklichungsmilieu, Integrationsmilieu, Unterhaltungsmilieu, Harmoniemilieu.
66 Da es sich bei den Angehörigen des Selbstverwirklichungsmilieus um Jüngere handelt, die erst am Anfang
ihrer beruflichen Karriere stehen, mag verwundern, dass sie nicht nur über eine ähnlich hohe bzw. höhere
Bildung verfügen wie die Angehörigen des Niveaumilieus, sondern auch über ein entsprechend hohes Berufsprestige und Einkommen. Verantwortlich für dieses Ergebnis ist die Einschränkung der Grundgesamtheit
auf Personen, die das 30. Lebensjahr abgeschlossen haben. Werden alle Erwachsenen in eine solche Milieutypologie einbezogen, liegt der soziale Status des Selbstverwirklichungsmilieus etwas unterhalb des Niveaumilieus (vgl. Friedrichs, Kecskes und Wolf 2002: 137).
100
Abbildung 5.7:
Die Verteilung der klassischen Ungleichheitsmerkmale über die fünf
sozialen Milieus unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts
Selbstverwirklichungsm.
Niveaumilieu
Integrationsmilieu
Bildung
Unterhaltungsmilieu
Berufsprestige
Einkommen
Harmoniemilieu
Sozialer Status
-40
-30
-20
-10
0
10
20
30
Abweichungen vom Mittelwert in Prozent
Wie in Kapitel 2 vermutet wurde, ist die Alltagsästhetik und die Milieuzugehörigkeit als ein
Ausdruck des Lebensstils nicht unabhängig von den klassischen Merkmalen sozialer Ungleichheit. Gleichzeitig wird die Nähe oder Distanz zu den Schemata aber auch nicht vollständig durch den sozialen Status bestimmt. Vielmehr bestehen im Bereich der Alltagsästhetik
neue bzw. weitere Differenzierungsmöglichkeiten, die auch genutzt werden. Daher ist es eine
empirische Frage, ob diese Differenzierung der verschiedenen Lebensstile, über die Unterschiede in den klassischen Dimensionen sozialer Ungleichheit hinaus, zur Erklärung des
Gesundheitsverhaltens und der Gesundheit beitragen.
5.5.1 Lebensstile und Gesundheitsverhalten
In Abschnitt 2.3 wurde vermutet, dass mit zunehmender Nähe zum Hochkulturschema
seltener, mit zunehmender Nähe zum Trivialschema dagegen häufiger gesundheitsschädigendes Verhalten beobachtet werden kann (H13a bzw. H15a). Für den Zusammenhang zwischen
dem Spannungsschema und dem Gesundheitsverhalten wurden zwei unterschiedliche Hypothesen formuliert. Zum einen sollte mit zunehmender Nähe zu diesem Schema die Häufigkeit
des Sporttreibens zunehmen, zum anderen sollte aber auch der Tabak- und Alkoholkonsum
ansteigen (H16 und H17). Die Ergebnisse der entsprechenden Analysen sind in den Tabellen
5.22 und 5.23 zusammengestellt.
Die Hypothese für das Hochkulturschema wird in Bezug auf das Rauchen und Sporttreiben
bestätigt. Raucher weisen eine größere Distanz zu diesem Schema auf als Nichtraucher, und
unter den Rauchern steigt der Tabakkonsum mit der Distanz zu diesem Schema an. Umgekehrt ist es bei der Ausübung sportlicher Aktivitäten, deren Häufigkeit mit der Nähe zum
101
Hochkulturschema zunimmt. Damit kann Hypothese 13a zumindest für das Rauchen und die
sportliche Betätigung als bewährt gelten. Dagegen findet sich kein Effekt dieses Schemas auf
die Häufigkeit oder die Menge des Alkoholkonsums.
Tabelle 5.22:
Alltagsästhetische Schemata und Gesundheitsverhalten,
logistische Regression, standardisierte Koeffizienten a
Raucher
M1
Alter
–12**
Geschlecht (männlich = 1)
8*
Sozialer Status
–20***
Hochkulturschema
Trivialschema
Spannungsschema
Nagelkerke R² bzw. ∆ R²
6***
M2
–4 ns
4 ns
–17***
–11*
–8 ns
8+
2+
Abstinente
M1
4 ns
–11**
–22***
11***
M2
–2 ns
–12**
–17**
–3 ns
2 ns
–13*
2*
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche b
M1
M2
ns
–1
–8 ns
–14*** –12**
–12**
–13*
7 ns
6 ns
–10 +
6***
1 ns
a Siehe Anmerkungen in Tabelle 5.6.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Die Hypothese zum Trivialschema wird nur in Hinblick auf die sportlichen Aktivitäten
bestätigt, und auch dort ist der entsprechende Effekt sehr klein. Ansonsten variiert das Gesundheitsverhalten nicht mit der Nähe oder Distanz zu diesem Schema. Hypothese 15a muss
also im Wesentlichen als falsifiziert gelten.
Tabelle 5.23:
Alltagsästhetische Schemata und Gesundheitsverhalten
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
Hochkulturschema
Trivialschema
Spannungsschema
R² bzw. ∆ R²
Tabakkonsum
M1
M2
ns
–8
–1 ns
ns
7
1 ns
–23***
–8 ns
–28***
–3 ns
6 ns
6***
4**
Alkoholmenge
M1
M2
ns
3
5 ns
30***
29***
11**
9 ns
1 ns
–4 ns
1 ns
10***
0 ns
Sport
M1
–14***
–5 ns
19***
6***
M2
–6 ns
–4 ns
9*
10*
–8 +
20***
5***
a Siehe Anmerkungen in Tabelle 5.6.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Mit der Nähe zum Spannungsschema nimmt die Häufigkeit, mit der Sport getrieben wird,
deutlich zu. Außerdem steigert eine größere Nähe zum Spannungsschema die Wahrscheinlichkeit zu rauchen – dieser Effekt ist jedoch sehr klein. Gleichzeitig senkt die Nähe zu
102
diesem Schema die Wahrscheinlichkeit, vollkommen alkoholabstinent zu sein oder in der
Berichtswoche keinen Alkohol getrunken zu haben. Unter denjenigen, die rauchen, bzw.
denjenigen, die in der Berichtswoche Alkohol getrunken haben, ist die Nähe zum Spannungsschema nicht mit der Menge der konsumierten Tabakwaren bzw. der konsumierten Alkoholmenge assoziiert. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Personen, die auf
‚Action stehen’, häufiger Sport treiben, häufiger Alkohol trinken und mit einer größeren
Wahrscheinlichkeit rauchen als andere, jedoch nicht mehr rauchen bzw. trinken. Hypothese
16 kann somit als vollständig bewährt gelten; Hypothese 17 nur mit Einschränkungen.
Eine letzte interessante Beobachtung zu den Ergebnissen dieser Analysen betrifft die Veränderung im Effekt des sozialen Status auf das Gesundheitsverhalten, wenn die alltagsästhetischen Schemata kontrolliert werden. In fünf der sechs Analysen wird dieser Effekt kleiner,
teilweise sogar deutlich kleiner. Dies gilt vor allem für die Menge der konsumierten Tabakwaren und für die Häufigkeit des Sporttreibens. Bei gegebener Stilisierung des Alltagslebens
reduziert sich der Einfluss der sozialen Ungleichheit auf diese Verhaltensweisen stark.
Bleibt die Frage, ob diese Feststellung auch für die Milieuzugehörigkeit zutrifft. Um dies
beurteilen zu können, wird zunächst in bivariaten Analysen das Gesundheitsverhalten der
Milieus untersucht. Abbildung 5.8 gibt die Verteilung des Tabakkonsums nach der Milieuzugehörigkeit wieder, entsprechende Abbildungen für den Alkoholkonsum und die sportlichen
Aktivitäten finden sich in den Abbildungen A1.2 und A1.3 in Anhang A.
Abbildung 5.8:
Milieuzugehörigkeit und Rauchverhalten (N = 693; CV = 0,11; p ≤ 0,05)
Niveaumilieu
Integrationsmilieu
Harmoniemilieu
Selbstverwirklichungsm.
Unterhaltungsmilieu
0%
20%
40%
Nichtraucher
11-20 Zigaretten
60%
80%
100%
1-10 Zigaretten
21 u.m. Zigaretten
Für das Rauchverhalten zeigen sich nur wenige Unterschiede zwischen den fünf Gruppen. Die
Verteilung des Niveau- und des Integrationsmilieus auf die vier Gruppen des Tabakkonsums
sind nahezu identisch. In beiden Gruppen sind über 40% der Personen Nichtraucher und
103
weniger als 16% rauchen mehr als 20 Zigaretten täglich. Sozialstrukturell ist diesen beiden
Milieus gemeinsam, dass es sich um ältere Personen mit mittlerer bis hoher Bildung handelt.
Auch das Rauchverhalten im Harmonie- und Unterhaltungsmilieu sind sich ähnlich. Über ein
Viertel der Angehörigen dieser Milieus zählt mit einem Konsum von über 20 Zigaretten
täglich zu den starken Rauchern. Allerdings ist der Anteil der Nichtraucher im Harmoniemilieu um 7 Prozentpunkte höher als im Unterhaltungsmilieu (35% zu 28%). Das Selbstverwirklichungsmilieu nimmt eine Zwischenstellung ein. Zum einen entspricht die Nichtraucherrate
in dieser Gruppe etwa dem Durchschnitt und ist vergleichbar mit der im Harmoniemilieu.
Zum anderen weist dieses Milieu den geringsten Anteil starker Raucher auf und ist insofern
mit dem Niveau- und Integrationsmilieu vergleichbar. Insgesamt ist der bivariate Zusammenhang zwischen der Milieuzugehörigkeit und dem Rauchverhalten eher gering.
Beim Alkoholkonsum zeigen sich ebenfalls nur geringe Differenzen zwischen den Milieus
(vgl. Abbildung A1.2 in Anhang A). Hier weisen die beiden in sozialstruktureller Hinsicht am
weitesten entfernten Milieus, nämlich das ältere, gutgebildete Niveaumilieu und das jüngere,
weniger gutgebildete Unterhaltungsmilieu, dasselbe Muster auf. In beiden Milieus liegt der
Anteil der Abstinenten bei etwa 10%, der Anteil derjenigen, die nur geringe Mengen Alkohol
konsumieren, bei etwa zwei Drittel, der Anteil der mäßigen Alkoholkonsumenten bei einem
Fünftel und der Anteil der starken Trinker bei etwa 4%. Das Harmoniemilieu unterscheidet
sich von dieser Verteilung vor allem durch den deutlich höheren Anteil der Abstinenten
(23%) und einen entsprechend geringeren Anteil mit geringem Alkoholkonsum. Im Selbstverwirklichungsmilieu ist es umgekehrt: hier findet sich der niedrigste Anteil von Abstinenten
(5%) und dafür ein etwas höherer Anteil mit mäßigem Alkoholkonsum (23%). Das Integrationsmilieu schließlich zeichnet sich durch einen überdurchschnittlichen Anteil von Konsumenten geringer Alkoholmengen und durch das Fehlen starken Alkoholkonsums aus.
Das Gesundheitsverhalten, welches am stärksten zwischen den sozialen Milieus variiert, ist
die Ausübung sportlicher Tätigkeiten (vgl. Abbildung A1.3 in Anhang A). Deutlich am
meisten Sport üben die Angehörigen des Selbstverwirklichungsmilieus aus. 73% dieser
Gruppe tun dies mindestens einmal in der Woche und nur 5% üben keinen Sport aus. Es
folgen, mit einigem Abstand, das Niveau- und das Integrationsmilieu. In diesen beiden
Milieus übt immerhin noch jede zweite Person mindestens einmal in der Woche eine sportliche Aktivität aus, aber immerhin jede Fünfte tut es nie. Danach folgen das Unterhaltungs- und
mit einem weiteren Abstand das Harmoniemilieu. Im zuletzt genannten Milieu üben etwa ein
Drittel nie eine sportliche Aktivität aus und ein Drittel mindestens einmal wöchentlich.
104
Im nächsten Analyseschritt wird der Effekt der Milieuzugehörigkeit auf das Gesundheitsverhalten unter Kontrolle des Alters, des Geschlechts und des sozialen Status geschätzt. Diese
Analysen sind in den Tabellen A1.13 und A1.14 in Anhang A wiedergegeben. Tabelle 5.24
enthält die relativen Chancen (odds ratios) für die Angehörigen der verschiedenen Milieus zu
rauchen, abstinent zu sein, in der Berichtswoche keinen Alkohol getrunken zu haben und
mindestens einmal pro Woche sportliche Aktivitäten auszuüben. Als Referenzkategorie
dienen in diesen Analysen die Angehörigen des Niveaumilieus.
Wie die bivariaten Analysen schon vermuten ließen, finden sich nur wenige signifikante
Unterschiede zwischen den Lebensstilgruppen. Immerhin zeigt sich, dass im Verhältnis zum
Niveaumilieu im Unterhaltungsmilieu häufiger geraucht, im Integrationsmilieu seltener
Alkohol getrunken und im Selbstverwirklichungsmilieu häufiger Sport ausgeübt wird.
Tabelle 5.24:
Odds Ratios für das Gesundheitsverhalten in den sozialen Milieus
nach Kontrolle des Alters, des Geschlechts und des sozialen Status
Raucher
Niveaumilieu (Referenzkat.)
Integrationsmilieu
Harmoniemilieu
Selbstverwirklichungsmilieu
Unterhaltungsmilieu
1,00
0,78 ns
1,21 ns
1,21 ns
1,75*
Abstinente
1,00
0,74 ns
1,25 ns
0,54 ns
0,83 ns
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche
1,00
2,05*
0,82 ns
0,85 ns
1,08 ns
mindestens
einmal pro
Woche Sport
1,00
1,06 ns
0,73 ns
2,37***
0,81 ns
ns: nicht signifikant, *: p ≤ 0,05; ***: p ≤ 0,001.
Die im Anhang dokumentierten zweistufigen Analysen zum Zusammenhang zwischen der
Milieuzugehörigkeit und dem Gesundheitsverhalten bestätigen noch einmal, dass vor allem
die Ausübung sportlicher Aktivitäten durch die Milieuzugehörigkeit beeinflusst wird und sich
durch die Berücksichtigung dieser Variable der Einfluss des sozialen Status auf die Sporthäufigkeit nahezu halbiert (von 0,19 auf 0,10). Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich für das Rauchen
und den Tabakkonsum, auch wenn der Rückgang im Effekt des sozialen Status in diesen
Analysen nicht so groß ist wie beim Sport. Wenn das Alter, das Geschlecht und der soziale
Status kontrolliert werden, hat die Milieuzugehörigkeit keinen Einfluss auf die Alkoholabstinenz und den Alkoholkonsum.
Abschließend soll Hypothese 19a beurteilt werden. In dieser Hypothese wurde vermutet, dass
in den beiden Milieus – Niveau- und Selbstverwirklichungsmilieu – mit dem höchsten
sozialen Status und der größten Nähe zum Hochkulturschema bei gleichzeitiger Distanz zum
Trivialschema insgesamt am wenigsten gesundheitsschädigende Verhaltensweisen ausgeübt
werden. Im Gegensatz dazu sollten im Harmoniemilieu, dem Milieu mit dem niedrigsten
105
sozialen Status, einer großen Nähe zum Trivialschema und einer Distanz zu den anderen
beiden Schemata, die meisten gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen beobachtet werden.
Integrations- und Unterhaltungsmilieu sollten eine mittlere Position einnehmen. Wie Abbildung 5.9 zeigt, bestätigen sich diese Erwartungen nur für das durchschnittlich sehr seltene
gesundheitsschädigende Verhalten im Selbstverwirklichungsmilieu und das durchschnittlich
sehr häufige gesundheitsschädigende Verhalten im Harmoniemilieu. Anders als erwartet üben
die Mitglieder des Unterhaltungsmilieus nahezu ebenso viele gesundheitsschädigende Verhaltensweisen auf wie die des Harmoniemilieus. Auch im Niveaumilieu werden mehr gesundheitsschädigende Verhaltensweisen ausgeübt als erwartet, so dass dieses Milieu in der Rangfolge eine mittlere Position einnimmt. Das Integrationsmilieu schließlich ist durch ein sehr
geringeres Maß an gesundheitsschädlichem Verhalten gekennzeichnet und teilt sich den
unteren Rang mit dem Selbstverwirklichungsmilieu. Trotz dieser Abweichungen von Hypothese 19a kann festgehalten werden, dass die Anzahl gesundheitsschädigender Verhaltensweisen auch bei Konstanthaltung des sozialen Status signifikant mit der Milieuzugehörigkeit
variiert.
Abbildung 5.9:
Milieuzugehörigkeit und gesundheitsschädigendes Verhalten
unter Kontrolle des Alters, des Geschlechts und des sozialen Status
Harmoniemilieu
Unterhaltungsmilieu
Niveaumilieu
Integrationsmilieu
Selbstverwirklichungsm.
0
0,2
0,4
0,6
0,8
1
1,2
Anzahl gesundheitsschädigender Verhaltensweisen
5.5.2 Lebensstile und Gesundheit
In diesem Abschnitt werden die Hypothesen 13b, 15b und 19b überprüft, die einen Zusammenhang zwischen den alltagsästhetischen Schemata bzw. den sozialen Milieus und der
Gesundheit vorhersagen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen, keine dieser Hypothesen kann
empirisch bestätigt werden. So wurde ein positiver Effekt des Hochkulturschemas sowie ein
negativer Effekt des Trivialschemas auf die Gesundheit erwartet. Wie Tabelle 5.25 zeigt, sind
106
beide Hypothesen falsch.67 Stattdessen ergeben die Analysen einen signifikanten Effekt des
Spannungsschemas auf die körperliche Gesundheit und den Beschwerdeindex. Die in diesem
Merkmal erfasste Neigung zur Aktivität, die – wie im letzten Abschnitt dargestellt – einen
positiven Einfluss auf die Häufigkeit sportlicher Betätigung hat, schlägt sich also auch auf die
physische Gesundheit nieder. Dieses Ergebnis kann auch dahingehend interpretiert werden,
dass für diese Dimension der Gesundheit nicht nur das biologische Alter, sondern ebenso das
subjektive Altersgefühl von Bedeutung ist. Denn eine Nähe zum Spannungsschema drückt
Dynamik, „Power“, „Action“ – kurz „Jugendlichkeit“ – aus, wobei es weniger um eine
Abgrenzung von „jung“ und „alt“ als vielmehr um den Gegensatz von Individualisten und
Angepassten geht (Schulze 1992: 153ff). Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass das
subjektive Alter seinerseits vom Ausmaß der körperlichen Gesundheit beeinflusst wird, eine
Hypothese, die an den verfügbaren Querschnittsdaten nicht untersucht werden kann.
Tabelle 5.25:
Alltagästhetische Schemata und Gesundheit,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich=1)
Sozialer Status
Hochkulturschema
Trivialschema
Spannungsschema
R² bzw. ∆ R²
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
M1
M2
M1
M2
–18*** –10*
13***
10*
10**
8*
4 ns
5 ns
13***
12**
9*
7 ns
–4 ns
3 ns
ns
4
–3 ns
13**
–6 ns
7***
1*
2***
0 ns
Beschwerden
M1
10**
–14***
–28***
12***
M2
6 ns
–14***
–25***
–3 ns
1 ns
–8 +
0 ns
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert.
ns: nicht signifikant, *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Zwischen den sozialen Milieus und der Gesundheit lassen sich in bivariaten Analysen zwar
Zusammenhänge erkennen, diese verschwinden jedoch vollständig, wenn die unterschiedliche
demographische Zusammensetzung der Milieus berücksichtigt wird (vgl. Tabelle A1.15 in
Anhang A).
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Lebensstilmerkmale einen Beitrag zur
Erklärung des Gesundheitsverhaltens leisten, insbesondere für die Erklärung des Rauchens
67 Für die bivariaten Korrelationen zwischen den Schemata und den drei Gesundheitsindikatoren ergibt sich
zumindest zwischen dem Trivialschema und der körperlichen Gesundheit (r = –0,16), dem Trivialschema und
dem Beschwerdeindex (r = 0,20) sowie zwischen dem Hochkulturschema und dem Beschwerdeindex
(r = -0,15) ein Wert, der mit den Hypothesen H13b und H15b übereinstimmt. Diese Effekte werden jedoch
durch die Kontrolle des Alters, des Geschlechts und des sozialen Status vollständig absorbiert.
107
und der sportlichen Betätigung. Dagegen haben diese Merkmale, mit Ausnahme des Spannungsschemas, keine eigenständigen Effekte auf die Gesundheit.
5.6 Gesundheitsverhalten und Gesundheit
Die letzte zu überprüfende Hypothese bezieht sich auf den Einfluss des Gesundheitsverhaltens auf die Gesundheit. Dabei wurde von einem negativen Zusammenhang zwischen der
Anzahl gesundheitsschädigender Verhaltensweisen und der Gesundheit ausgegangen (H20).
Zieht man zur Beurteilung dieser Hypothese den kumulierten Index der gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen heran, ergeben sich die in Abbildung 5.10 dargestellten Ergebnisse.
Danach bewährt sich die Hypothese in Bezug auf den Beschwerdeindex voll, in Bezug auf die
psychische Gesundheit tendenziell und in Bezug auf die körperliche Gesundheit überhaupt
nicht. In der hier betrachteten Altersgruppe der 30- bis 60-Jährigen verstärkt das gesundheitsschädliche Verhalten demnach vor allem die Beschwerden und vermindert die psychische
Gesundheit geringfügig. Ein Einfluss auf die körperliche Gesundheit kann dagegen nicht
nachgewiesen werden. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass ein solcher Einfluss bei Beibehaltung des entsprechenden Verhaltens in der Zukunft auftreten wird.
Abbildung 5.10:
Gesundheit in Abhängigkeit der Anzahl gesundheitsschädigender
Verhaltensweisen unter Kontrolle des Alters, des Geschlechts und
des sozialen Status
keine
körperliche Gesundheit
psychische Gesundheit
Beschwerden
eine
zwei
drei
-10
0
10
20
30
40
50
60
Abweichungen vom Mittelwert in Prozent
Werden statt des kumulierten Index des gesundheitsschädlichen Verhaltens die verschiedenen
Verhaltensweisen einzeln analysiert, gelangt man zu differenzierteren Aussagen (vgl. Tabelle
5.26). Ein erster Vergleich der Modelle ohne und mit den Merkmalen des Gesundheitsverhaltens, zeigt für alle drei Dimensionen der Gesundheit eine signifikante Zunahme der erklärten
108
Varianz. Das heißt auch die körperliche Gesundheit steht in einem Zusammenhang mit dem
Gesundheitsverhalten.
Von den als besonders gesundheitsschädlich angesehenen Verhaltensweisen, die auch in den
kumulierten Index des gesundheitsschädigenden Verhaltens aufgenommen wurden, hat der
starke Alkoholkonsum keinen Effekt auf die Gesundheit. Der Konsum von über 20 Zigaretten
täglich hat einen Effekt auf die psychische Gesundheit und die Beschwerden und das Fehlen
jeder sportlichen Aktivität hat einen Einfluss auf die körperliche Gesundheit und die Beschwerden. Diejenigen, die mäßig oder stark trinken, haben eine schlechtere psychische
Gesundheit als Personen, die nur geringe Mengen Alkohol konsumieren. Allerdings wird
dieser Effekt nur im Fall der mäßigen Trinker signifikant.
Tabelle 5.26:
Gesundheitsverhalten und Gesundheit,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich=1)
Sozialer Status
Rauchen
Nichtraucher (Ref.)
1-10 Zigaretten täglich b
11-20 Zigaretten täglich b
21 und mehr Zigaretten b
Alkoholkonsum
Alkoholabstinenz
Geringer Alkoholkonsum (Ref.)
Mäßiger Alkoholkonsum
Starker Alkoholkonsum
Sportliche Aktivität
Täglich (Ref.)
Mindestens einmal in der Woche
Seltener
Nie
R² bzw. ∆ R²
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
M1
M2
M1
M2
–18*** –15*** 13*** 12**
10**
9*
4 ns
5 ns
13*** 10*
9*
6 ns
0 ns
4 ns
5 ns
Beschwerden
M1
M2
10**
10**
–14*** –15***
–28*** –22***
–7 +
–8 +
–13***
2
13***
8*
–10**
–12**
11**
2 ns
–2 ns
–7 +
–3 ns
5 ns
2 ns
–3 ns
–6 ns
–16**
7***
3**
2***
–6 ns
0 ns
–2 ns
4***
12***
3 ns
10 +
11*
4***
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert.
b Nur jetzige Raucher, ehemalige Raucher zählen zu den Nichtrauchern.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Die einzige Verhaltensweise, die einen signifikanten Effekt auf alle drei Gesundheitsindikatoren hat, ist die Alkoholabstinenz. Abstinente zeichnen sich durch eine schlechtere Gesundheit
als die Konsumenten geringer Mengen Alkohols aus. Dieses Ergebnis darf sicherlich nicht im
109
Sinne einer gesundheitsfördernden Wirkung des Alkohols interpretiert werden. Vielmehr wird
die Abstinenz ihrerseits häufig gesundheitliche Ursachen haben.
Zusammenfassend kann festgehalten werden: Raucher haben eine schlechtere psychische
Gesundheit als Nichtraucher und bei einem Konsum von mehr als zehn Zigaretten täglich
erhöhen sich auch die Anzahl und Stärke der Beschwerden. Auf die körperliche Gesundheit
hat das Rauchen dagegen keinen unmittelbaren Einfluss. Alkoholabstinenz ist mit einer
schlechteren Gesundheit korreliert, wobei eher von einem Effekt der Gesundheit auf die
Abstinenz ausgegangen werden muss. Das Fehlen jeglicher sportlicher Aktivität reduziert die
körperliche Gesundheit und verstärkt die Beschwerden. Zwar kann auch in Bezug auf dieses
Ergebnis prinzipiell von dem umgekehrten Kausalzusammenhang ausgegangen werden, zu
bedenken wäre jedoch in diesem Fall, dass es kaum physische Einschränkungen gibt, die
nicht irgendeine Form von Sport erlauben würden bzw. bei denen nicht spezifische Bewegungsarten die körperliche Gesundheit erhalten.
110
6.
Zusammenfassung und Integration der Einzelbefunde
In diesem Kapitel werden zunächst die Ergebnisse der bisherigen empirischen Analysen kurz
zusammengefasst. Anschließend wird untersucht, wie die im letzten Kapitel jeweils einzeln
überprüften Hypothesen in Konkurrenz zueinander abschneiden. Dazu werden für das Gesundheitsverhalten bzw. die Gesundheit Modelle berechnet, in die alle unabhängigen Variablen einfließen.
6.1 Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse
Die im letzten Kapitel präsentierten Ergebnisse sind, soweit sie die Hypothesen betreffen, in
drei Tabellen zusammengestellt worden. Tabelle 6.1 enthält die Hypothesen zum Einfluss der
sozialen Ungleichheit auf die in dieser Studie einbezogenen intervenierenden Variablen. Fünf
dieser sieben Hypothesen haben sich ohne Einschränkungen bewährt. Dieses Ergebnis ist
nicht überraschend, da alle diese Hypothesen schon in anderen, die meisten in zahlreichen
Studien überprüft wurden. Dass sich die meisten Hypothesen auch in der vorliegenden
Untersuchung bewähren, ist dennoch von Bedeutung. Wäre dies nicht der Fall, müsste an der
Validität der Studie gezweifelt werden.
Zwei der sieben Hypothesen lassen sich in der vorliegenden Form allerdings nicht halten, dies
sind H1 und H18. Der in der ersten dieser Hypothesen vermutete Rückgang der Arbeitsbelastungen mit dem Berufsprestige kann nur für den Teilaspekt der körperlichen Belastung
festgestellt werden. Für die beiden mit der Arbeitszeit in Verbindung stehenden Teildimensionen sowie für die gesamte Belastung zeigen sich die stärksten Belastungen am unteren und
oberen Ende der Prestigeskala, also ein U-förmiger Zusammenhang; und der Zeitdruck nimmt
sogar kontinuierlich mit dem Prestige der Berufe zu. Die psycho-soziale Belastung durch die
Erwerbsarbeit, der Aspekt, der für die Gesundheit von entscheidender Bedeutung ist, ist nicht
mit dem Berufsprestige korreliert. Wenn von einem monotonen Zusammenhang zwischen
Belastungen und Gesundheit ausgegangen wird, folgt aus diesen Ergebnissen, dass die
Belastungen durch die Erwerbsarbeit zwar einen Einfluss auf die Gesundheit haben können –
dazu weiter unten mehr –, dass diese Merkmale jedoch – mit Ausnahme der Dimension der
körperlichen Belastung – aus analytischen Gründen nicht geeignet sind, den Zusammenhang
zwischen der sozialen Ungleichheit und der Gesundheit zu erklären.68
68 Prinzipiell könnte auch der Zeitdruck, der positiv mit dem Prestige korreliert ist, den positiven Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit ‚erklären’. Dazu müsste allerdings angenommen wer-
111
Im Gegensatz dazu führt die Falsifikation von Hypothese 18, in der eine spezifische Rangfolge der sozialen Milieus nach ihrem sozialen Status behauptet wurde, nicht automatisch zum
Ausscheiden der Milieuzugehörigkeit als mögliche intervenierende Variable, die zwischen der
sozialen Ungleichheit und der Gesundheit vermittelt. Denn zwischen den klassischen Merkmalen sozialer Ungleichheit und der Milieuzugehörigkeit besteht ein enger Zusammenhang
(vgl. Abschnitt 5.5).
Tabelle 6.1:
Übersicht der Hypothesen zum Zusammenhang sozialer Ungleichheit
und der intervenierenden Variablen
Hypothese
H1 Je höher ein Beruf in der gesellschaftlichen Hierarchie
der Berufe angesiedelt ist, desto geringer ist die Belastung durch die Erwerbsarbeit
Beurteilung
gilt für körperliche Belastung
insgesamt ein U-förmiger
Zusammenhang
H4
Je höher das Einkommen, desto geringer sind die
Belastungen durch Haus- und Familienarbeit
bewährt
H6
Je höher die soziale Position einer Person ist, desto
größer das soziale Kapital, auf das sie zurückgreifen
kann
bewährt
H9
Je höher der soziale Status, desto geringer die Geschlos- bewährt
senheit der sozialen Netzwerke
H12 Je höher der soziale Status, desto größer die Nähe zum
Hochkulturschema
bewährt
H14 Je höher der soziale Status, desto größer die Distanz zum bewährt
Trivialschema
H18 Niveau- und Selbstverwirklichungsmilieu weisen von
allen Milieus den höchsten sozialen Status auf, es folgen
das Integrations- und das Unterhaltungsmilieu und das
Harmoniemilieu ist durch den niedrigsten sozialen
Status gekennzeichnet
in dieser Form falsifiziert;
aber es besteht ein starker
Zusammenhang zwischen der
Milieuzugehörigkeit und der
sozialen Ungleichheit
In Hinblick auf die Hypothesen zum Gesundheitsverhalten fällt die Bilanz weniger befriedigend aus (siehe Tabelle 6.2). Zudem ist auffällig, dass die Überprüfung der Hypothesen in
den meisten Fällen kein eindeutiges Ergebnis bringt. Vielmehr hängt der Wahrheitsgehalt der
Hypothesen häufig von dem jeweils betrachteten Gesundheitsverhalten ab.
Eindeutig widerlegt wurde die Vermutung, dass die Belastungen durch die Hausarbeit sich in
häufigerem gesundheitsschädigendem Verhalten niederschlägt, dies gilt auch, wenn nur die
Gruppe der Frauen untersucht wird. Menschen, die dieser Form der Belastung besonders stark
ausgesetzt sind, und dies sind vor allem Frauen, reagieren auf diese Belastungen demnach
den, dass Zeitdruck einen positiven Effekt auf die Gesundheit hat; eine Annahme, die keinen Sinn macht und
sich empirisch auch als falsch erweist (vgl. Abschnitt 5.2.3).
112
nicht durch die hier untersuchten gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen.69 Denkbar wäre
jedoch, dass hier andere, die Gesundheit schädigende Verhaltensweisen ausgeübt werden,
z.B. Medikamentenmissbrauch (vgl. Verbundprojekt – Frauengesundheit in Deutschland
2001: 221ff.).
Mehr falsifizierende als bestätigende Ergebnisse zeigten sich auch für die Hypothesen, in
denen entweder ein direkter Einfluss der Arbeitsbelastungen auf das Gesundheitsverhalten
oder zumindest ein Einfluss der Belastungen in Kombination mit einem niedrigen Berufsprestige vermutet wurde (H2a und H3a). Die wenigen Ergebnisse in diesem Zusammenhang, die
diese Hypothesen bestätigen, sind in Tabelle 6.2 aufgeführt.
Bewährt hat sich Hypothese 11, in der ein Einfluss des Gesundheitsverhaltens der Netzwerkpersonen auf das eigene gesundheitsrelevante Verhalten vermutet wurde. Allerdings muss die
Hypothese dahingehend präzisiert werden, dass ein spezifisches Verhalten Egos durch eben
dieses Verhalten seiner Alteri beeinflusst wird.
Von den vier Hypothesen über den Zusammenhang der alltagsästhetischen Schemata und dem
Gesundheitsverhalten wurden drei eher bestätigt während eine eher falsifiziert wurde. Immerhin zeigen die Ergebnisse in Abschnitt 5.5.1, dass alle drei Schemata die Häufigkeit sportlicher Aktivität beeinflussen. Des Weiteren bestätigten die Analysen den erwarteten negativen
Effekt des Hochkulturschemas auf das Rauchen und zwar sowohl für die Wahrscheinlichkeit
zu rauchen als auch für den Tabakkonsum. Schließlich ergab die Überprüfung der Hypothese
17 zwar keinen Einfluss des Spannungsschemas auf die Menge der von Rauchern gerauchten
Tabakwaren und auch keinen Einfluss auf die Menge des konsumierten Alkohols, aber einen
deutlichen Effekt auf die Wahrscheinlichkeit überhaupt zu rauchen bzw. Alkohol zu trinken.
Eine letzte Hypothese betraf das Ausmaß des gesundheitsschädigenden Verhaltens in den
sozialen Milieus (H19a). In der ursprünglichen Form kann diese Hypothese nicht aufrechterhalten werden. Die Analysen zeigten jedoch, dass sich die Angehörigen der verschiedenen
Milieus nicht nur in Bezug auf ihr Freizeitverhalten, ihre Musikpräferenzen und ihr Interesse
für bestimmte Fernsehsendungen, also der Alltagsästhetik, unterscheiden, sondern ebenso
unterschiedliche gesundheitsrelevante Verhaltensweisen an den Tag legen.
Insgesamt zeigen die Analysen, dass von den hier untersuchten Merkmalen das Verhalten der
Netzwerkpersonen den größten Einfluss auf das Gesundheitsverhalten hat. An zweiter Stelle
stehen die Lebensstilmerkmale, deren Einfluss sich zwar eher auf das Rauchen und die
Ausübung sportlicher Aktivitäten bezieht, in Bezug auf diese Merkmale sind die Effekte
69 Wie die Analysen zur Gesundheit jedoch zeigen, haben Belastungen durch die Hausarbeit einen starken
negativen Effekt auf alle untersuchten Aspekte der Gesundheit (vgl. weiter unten). Diese Effekte werden
jedoch nicht durch die hier betrachteten gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen ausgelöst.
113
jedoch konsistent. Den geringsten Einfluss auf das Gesundheitsverhalten haben nach den
vorliegenden Analysen die Belastungen, einerlei, ob es sich um Belastungen durch die
Erwerbs- oder Hausarbeit handelt.
Tabelle 6.2:
Übersicht der Hypothesen zum gesundheitsschädigenden Verhalten
Hypothese
H2a Je höher die beruflichen Belastungen sind,
desto eher tritt gesundheitsschädigendes
Verhalten auf
Beurteilung
eher falsifiziert;
die Gesamtbelastung und die körperliche
Belastung haben jedoch einen Effekt auf
die Häufigkeit sportlicher Aktivität
H3a
Je niedriger ein Beruf in der gesellschaftlichen Hierarchie der Berufe angesiedelt
ist und je höher die Belastungen in diesem
Beruf sind, desto eher tritt gesundheitsschädigendes Verhalten auf
eher falsifiziert;
jedoch erhöhen psycho-soziale Belastungen die Wahrscheinlichkeit zu rauchen;
und untypische Arbeitszeiten verringern
die Häufigkeit des Sporttreibens
H5a
Je höher die Belastungen durch Haus- und falsifiziert
Familienarbeit sind, desto eher tritt
gesundheitsschädigendes Verhalten auf
H11
Je verbreiteter gesundheitsschädigende
Verhaltensweisen im Netzwerk einer
Person sind, desto eher wird sie selbst
gesundheitsschädigendes Verhalten
ausüben
bewährt, mit der Modifikation, dass ein
spezifisches Verhalten durch eben dieses
Verhalten der Netzwerkpersonen beeinflusst wird
H13a Je größer die Nähe zum Hochkulturschema, desto seltener werden gesundheitsschädigende Verhaltensweisen ausgeübt
bewährt sich für Sport und Rauchen
H15a Je größer die Nähe zum Trivialschema,
desto häufiger werden gesundheitsschädigende Verhaltensweisen ausgeübt
eher falsifiziert;
bewährt sich jedoch für Sport
H16
Je größer die Nähe zum Spannungsschema, desto häufiger wird Sport ausgeübt
bewährt
H17
Je größer die Nähe zum Spannungsschema, desto größer der Konsum von Tabakwaren und Alkohol
bewährt sich für die Wahrscheinlichkeit zu
rauchen und Alkohol zu trinken, jedoch
nicht für die Höhe des Konsums
H19a Ordnet man die sozialen Milieus aufsteigend nach dem Grad ihres gesundheitsschädigenden Verhaltens, sollten sich
folgende drei Gruppen ergeben: Niveaumilieu und Selbstverwirklichungsmilieu
mit der geringsten Rate an gesundheitsschädigendem Verhalten, Integrationsmilieu und Unterhaltungsmilieu in einer
mittleren Position, Harmoniemilieu mit
der höchsten Rate gesundheitsschädigender Verhaltensweisen
in dieser Form falsifiziert;
es bestehen jedoch Unterschiede zwischen
den Milieus, aber die Rangfolge ist anders.
In Bezug auf den Gesamtindex des
Gesundheitsverhaltens ergibt sich in
aufsteigender Folge: Integrations- und
Selbstverwirklichungsmilieu, Niveaumilieu, Harmonie- und Unterhaltungsmilieu
114
Die Hypothesen, die sich auf die Gesundheit beziehen, schneiden insgesamt am schlechtesten
ab (vgl. Tabelle 6.3). Fünf der zehn Hypothesen wurden vollständig falsifiziert und fünf
können mit mehr oder weniger großen Einschränkungen oder Modifikationen als gültig
angesehen werden. Für die Erwerbs- und Hausarbeit zeigen die Analysen deutlich, dass die
jeweilige eingesetzte Zeit keinen Effekt auf die Gesundheit hat. Dagegen wirken sich die
psycho-sozialen Belastungen dieser Arbeiten, die sich z.B. in zu wenig Anerkennung oder zu
wenig Spaß an der Arbeit ausdrücken, für beide Arbeitsformen negativ auf die Gesundheit
aus. Im Falle der beruflichen Belastungen gilt dies unabhängig von der beruflichen Position
bzw. dem Berufsprestige der Tätigkeit und unabhängig von der Größe des sozialen Netzwerks
oder dem sozialen Kapital für alle beruflichen Stellungen gleichermaßen. Immerhin konnte
gezeigt werden, dass die negativen Folgen hoher Belastung durch die Haus- und Familienarbeit auf die psychische Gesundheit durch größere soziale Netzwerke abgepuffert werden.
Diese Schutzfunktion großer sozialer Netzwerke für die psychische Gesundheit konnte auch
generell nachgewiesen werden, ebenso ein schützender Einfluss großer Netzwerke mit vielen
statushohen Personen auf die Anzahl und die Stärke der Beschwerden. Die körperliche
Gesundheit profitiert dagegen nicht vom sozialen Kapital – egal welcher Indikator verwendet
wird. Dieses Ergebnis ist theoretisch mehr als unbefriedigend, weil nicht klar ist, warum der
eine Indikator den einen Aspekt von Gesundheit, ein anderer einen anderen Aspekt und ein
weiterer Aspekt der Gesundheit überhaupt nicht vom sozialen Kapital beeinflusst wird.
Theoretisch eindeutig ist hingegen die klare Falsifikation von Hypothese 10. Die Geschlossenheit der Netzwerke steht weder in dem in dieser Hypothese postulierten U-förmigen
Zusammenhang mit der Gesundheit noch in einem anderen. Nach den Ergebnissen dieser
Studie ist die Dichte, der Anteil Verwandter und der Anteil der Nachbarn in der sozialen
Nahwelt einer Person für ihre Gesundheit vollkommen ohne Belang.
Dasselbe gilt weitestgehend für die Merkmale des Lebensstils. Die drei in diesem Zusammenhang formulierten Hypothesen wurden alle eindeutig widerlegt. Werden das Alter, das
Geschlecht und der soziale Status kontrolliert, stehen das Hochkultur- und Trivialschema
nicht in einem Zusammenhang mit der Gesundheit, dasselbe gilt für die Milieuzugehörigkeit.
Die Analysen zeigten jedoch einen nicht erwarteten Einfluss des Spannungsschemas auf die
körperliche Gesundheit und die Beschwerden, so dass zumindest von dieser Dimension
erwartet werden kann, dass sie gesundheitlich von Bedeutung ist.
115
Tabelle 6.3:
Übersicht der Hypothesen zur Gesundheit
Hypothese
Beurteilung
H2b Je höher die beruflichen Belastungen sind, für Gesamtbelastungsindex in Bezug auf
desto schlechter ist die Gesundheit
psychische Gesundheit und Beschwerden
bewährt;
psycho-soziale Belastungen haben auch
einen Effekt auf körperliche Gesundheit;
plus weitere Effekte der anderen Belastungsdimensionen auf jeweils ein Gesundheitsmaß
H3b
Je niedriger ein Beruf in der gesellschaft- falsifiziert
lichen Hierarchie der Berufe angesiedelt
ist und je höher die Belastungen in diesem
Beruf sind, desto schlechter ist die Gesundheit
H5b
Je höher die Belastungen durch Haus- und in Bezug auf die psycho-sozialen BelasFamilienarbeit sind, desto schlechter ist
tungen bewährt
die Gesundheit
in Bezug auf den Zeitaufwand falsifiziert
H7
Je höher das soziale Kapital, über das eine für körperliche Gesundheit falsifiziert;
Person verfügt, desto besser ist die
psychische Gesundheit profitiert von
Gesundheit
größeren Netzwerken;
Beschwerden sind geringer bei großen
Netzwerken mit vielen Statushohen
H8
eher falsifiziert;
Je höher die Belastungen, denen eine
Person ausgesetzt ist, und je niedriger das gilt nur für Hausarbeitsbelastungen in
soziale Kapital, über das sie verfügt, desto Bezug auf psychische Gesundheit
schlechter ist ihre Gesundheit
H10
Wenn das soziale Netzwerk einer Person falsifiziert
kaum oder aber sehr stark geschlossen ist,
dann ist ihre Gesundheit schlechter als bei
Personen mit einem mittleren Grad der
Netzwerkschließung
H13b Je größer die Nähe zum Hochkulturschema, desto besser die Gesundheit
falsifiziert
H15b Je größer die Nähe zum Trivialschema,
desto schlechter die Gesundheit
falsifiziert
falsifiziert
H19b Nach dem Ausmaß ihrer Gesundheit
sollten sich drei Gruppen ergeben: Harmoniemilieu, Integrations- und Unterhaltungsmilieu, Niveau- und Selbstverwirklichungsmilieu
H20
Je mehr gesundheitsschädigendes Verhalten ausgeübt wird, desto schlechter ist die
Gesundheit
teilweise bewährt
116
Die letzte Hypothese, die erwarten ließ, gesundheitsschädigendes Verhalten habe einen
negativen Effekt auf die Gesundheit, bewährt sich nur teilweise. So verringert mäßiger und
starker Tabakkonsum die psychische Gesundheit und vergrößert die Beschwerden, mäßiger
Alkoholkonsum verringert die psychische Gesundheit und seltenes Sporttreiben reduziert die
körperliche Gesundheit und vergrößert die Beschwerden. Die einzige Gruppe, die auf allen
drei Gesundheitsdimensionen konsistent schlechtere Werte aufweist, sind die Abstinenten,
doch hier wird von einem umgekehrten Kausalzusammenhang auszugehen sein.
Von allen untersuchten Merkmalen haben die psycho-sozialen Belastungen durch den Beruf
und vor allem durch die Hausarbeit den größten Einfluss auf die Gesundheit. An zweiter
Stelle folgt das Gesundheitsverhalten und an dritter das soziale Kapital. Den geringsten
Einfluss haben die Lebensstilmerkmale.
6.2 Zusammenfassende Modelle zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens
und der Gesundheit
Die bisher berichteten Ergebnisse beruhen auf der isolierten Überprüfung der verschiedenen
Hypothesen. Abschließend wird nun untersucht, wie die Hypothesen abschneiden, wenn sie
simultan überprüft werden. Dazu werden Modelle vorgestellt, in die alle in dieser Studie
vorgestellten unabhängigen Variablen eingehen.70 Dabei kommt es mir nicht in erster Linie
auf die Einflussstärke der einzelnen Variablen an, vielmehr sollen die Analysen Hinweise auf
die relative Bedeutung der einzelnen Merkmalsbereiche liefern. Um diese relative Bedeutung
der verschiedenen Bereiche von Einflussfaktoren abschätzen zu können, wurde festgestellt,
um wie viel sich die Erklärungsleistung eines Modells mit allen unabhängigen Variablen
verringert, wenn die Merkmale eines bestimmten Bereichs aus dem Modell entfernt werden.
Diese Vorgehensweise hat zudem den Vorteil, dass die durch die Aufnahme von Interaktionseffekten möglicherweise vorhandene zu hohe Multikollinearität die Ergebnisse nicht beeinträchtigt, da sie keinen Einfluss auf die Schätzung der Modellgüte bzw. ihrer Veränderung
hat. Für das Rauchen, den Alkoholkonsum und die Ausübung sportlicher Aktivitäten finden
sich die Ergebnisse dieser Analysen in den Tabellen 6.4 und 6.5. Für die Gesundheit sind die
Ergebnisse in Tabelle 6.6 zusammengefasst.
70 Nicht aufgenommen werden die Interaktionseffekte der beruflichen Belastungen mit dem sozialen Kapital, da
die entsprechenden Analysen kaum Hinweise auf einen Einfluss dieser Merkmale auf das Gesundheitsverhalten und die Gesundheit geliefert haben. Darüber hinaus führt der gleichzeitige Einschluss dieser Interaktionseffekte und der Interaktionsterme für die beruflichen Belastungen mit dem Berufsprestige zu sehr großer
Multikollinearität. Außerdem wurde die Geschlossenheit der Netzwerke nicht in diese zusammenfassenden
Analysen aufgenommen, da dieses Merkmal in keinerlei Beziehung zur Gesundheit steht.
117
Wie die Analysen in Abschnitt 5.4.3 schon vermuten ließen, ist für die hier einbezogenen
gesundheitlich bedeutsamen Verhaltensweisen in erster Linie das Verhalten der Netzwerkpersonen ausschlaggebend. Wird das Gesundheitsverhalten im Netzwerk kontrolliert, spielen alle
anderen Merkmale – mit wenigen Ausnahmen – kaum noch eine Rolle. Wie die detaillierten
Ergebnisse dieser Analysen zeigen, bestätigt sich zudem, dass ein spezifisches Verhalten vor
allem durch ebendiese Verhaltensweise der Netzwerkpersonen beeinflusst wird. Für das
Trinkverhalten zeigen sich jedoch auch schwache Effekte des Rauchens und der sportlichen
Aktivitäten der Netzwerkpersonen (vgl. Tabelle A1.16 in Anhang A). So wirkt sich die Stärke
des Rauchens und die Häufigkeit sportlicher Aktivitäten der Netzwerkpersonen jeweils
positiv auf die Wahrscheinlichkeit, alkoholabstinent zu sein, aus. Unter denjenigen, die in der
Berichtswoche Alkohol getrunken haben, erhöht der Tabakkonsum im Netzwerk gleichzeitig
den Alkoholkonsum. Eine einfache Erklärung für diese Befunde ist hier nicht möglich.
Vollkommen ohne Bedeutung für das gesundheitsrelevante Verhalten sind die Belastungen
durch die Hausarbeit. Dasselbe gilt im Großen und Ganzen für die beruflichen Belastungen,
deren Entfernung aus den Modellen zum Gesundheitsverhalten in keinem Fall zu einer
signifikanten Reduktion der Erklärungsleistung der Modelle führt. Wie die detaillierten
Ergebnisse zeigen, verringert die physische Belastung im Beruf die Wahrscheinlichkeit zu
rauchen geringfügig und die Häufigkeit untypischer Arbeitszeiten erhöht den Tabakkonsum.
Beide Effekte sind jedoch recht schwach (vgl. Modell 2 in Tabelle A1.16 und A1.17 in
Anhang A). Werden zusätzlich zu den einfachen Belastungsmaßen die Interaktionseffekte für
die Belastungen bei niedrigem Prestige in die Modelle aufgenommen, verändert sich ihre
Erklärungsleistung nicht signifikant. Allerdings verändern sich die Effekte der einzelnen
Belastungsdimensionen auf das Gesundheitsverhalten, insbesondere für das Ausmaß des
Tabak- und Alkoholkonsums sowie für die Häufigkeit sportlicher Betätigung (vgl. Tabelle
A1.17 in Anhang A, Modell 3). So nimmt der Konsum von Tabakwaren bei niedrigem
Berufsprestige mit dem Umfang der Arbeitszeit ab, während er bei hohem Berufsprestige
tendenziell zunimmt. In ähnlicher Weise sinkt der Alkoholkonsum bei niedrigem Berufsprestige mit dem Ausmaß psycho-sozialer Belastungen im Beruf, während er bei Personen mit
hohem Berufsprestige und hohen psycho-sozialen beruflichen Belastungen ansteigt. Und die
Ausübung sportlicher Aktivitäten geht unter den Personen mit niedrigem Berufsprestige und
hohem Zeitdruck zurück, während er bei den Personen mit hohem Prestige und hohem
Zeitdruck ansteigt.
118
Tabelle 6.4:
Verringerung der erklärten Devianz bei Ausschluss jeweils eines
Merkmalsbereichs bei Modellen zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens a
Alter, Geschlecht, Erw., HA b
Sozialer Status
Berufliche Belastungen c
Berufl. Belastungen H Prestige d
Belastungen durch Hausarb. e
Hausarbeitsbel. H Netzwerkgr. f
Netzwerkgröße H soz. Kapital
Gesundheitsverhalten im Netz g
Alltagsästhetische Schemata
Nagelkerke R²
Raucher
Abstinente
0,3 ns
0,6 +
1,1 ns
0,8 ns
0,3 ns
0,2 ns
0,4 ns
16,0***
0,3 ns
26,2***
1,8 ns
0,3 ns
0,5 ns
1,2 ns
0,4 ns
0,7 +
1,5*
4,5***
1,7 +
22,5***
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche
2,4 +
0,5 ns
0,4 ns
0,2 ns
0,0 ns
0,0 ns
0,5 ns
4,3***
1,0 ns
12,2**
a Die Ergebnisse der vollständigen Modelle finden sich in Tabelle A1.16 in Anhang A.
b Erw. Erwerbstätig (ja = 1); HA: 10 Stunden und mehr pro Woche für Hausarbeit (ja = 1).
c Nur für Erwerbstätige; Nichterwerbstätige = Mittelwert; Reduktion der Devianz ohne Interaktionseffekte
im Modell.
d Berufliche Belastungen und niedriges Berufsprestige.
e Nur für Personen, die mindestens 10 Stunden pro Woche für die Hausarbeit aufwenden;
andere = Mittelwert; Reduktion der Devianz ohne Interaktionseffekte im Modell.
f Hausarbeitsbelastung und kleine Netzwerke.
g Durchschnittliche Stärke des Rauchens, des Alkoholkonsums und der sportlichen Tätigkeiten der
Netzwerkpersonen.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Die Indikatoren des sozialen Kapitals haben keinen Einfluss auf das Rauchen oder die Ausübung sportlicher Aktivitäten. Allerdings tragen sie deutlich zur Erklärung des Trinkverhaltens bei. Wie die entsprechenden Koeffizienten in den Tabellen A1.16 und A1.17 in Anhang
A zeigen, beruht dieser Effekt allein auf der Netzwerkgröße. Mit zunehmender Anzahl von
Freunden und Verwandten sinkt die Wahrscheinlichkeit, abstinent zu sein, und gleichzeitig
steigt die Menge des getrunkenen Alkohols. Im Gegensatz zum Rauchen und zur Ausübung
sportlicher Aktivitäten wird der Alkoholkonsum somit von der Geselligkeit beeinflusst.
Die Kontrollvariablen Alter, Geschlecht, Erwerbsstatus und die Ausübung von mindestens 10
Stunden Hausarbeit pro Woche haben kaum einen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten. Bei
Kontrolle aller anderen Variablen spielen diese Merkmale beim Rauchverhalten und der
Ausübung sportlicher Aktivitäten keine Rolle; sie beeinflussen jedoch die Menge des von den
Nichtabstinenten getrunkenen Alkohols. Die detaillierten Ergebnisse dieser Analyse zeigen,
dass es sich hierbei vor allem um einen Effekt der Geschlechtszugehörigkeit handelt, in
geringem Ausmaß auch um einen Effekt des Erwerbsstatus (vgl. Tabelle A1.17 in Anhang A):
Männer trinken deutlich mehr Alkohol als Frauen und Nichterwerbstätige geringfügig mehr
als Erwerbstätige.
119
Tabelle 6.5:
Verringerung der erklärten Varianz bei Ausschluss jeweils eines
Merkmalsbereichs bei Modellen zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens a
Alter, Geschlecht, Erw., HA
Sozialer Status
Berufliche Belastungen
Berufl. Belastungen H Prestige
Belastungen durch Hausarb.
Hausarbeitsbel. H Netzwerkgr.
Netzwerkgröße H soz. Kapital
Gesundheitsverhalten im Netz
Alltagsästhetische Schemata
R²
Tabakkonsum
0,4 ns
0,0 ns
1,4 ns
1,7 ns
0,6 ns
0,0 ns
0,1 ns
5,5***
3,4*
21,9***
Alkoholmenge
8,7***
0,1 ns
1,5 ns
0,9 ns
0,2 ns
0,0 ns
1,7**
8,2***
0,2 ns
23,9***
Sport
0,9 ns
0,1 ns
0,6 ns
0,9 ns
0,2 ns
0,1 ns
0,0 ns
4,3***
2,5***
17,8***
a Siehe Anmerkungen in Tabelle 5.6 und 6.4; die Ergebnisse der vollständigen Modelle findet sich in
Tabelle A1.17 in Anhang A.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Der Lebensstil spielt bei allen drei analysierten gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen eine
Rolle.71 Er beeinflusst die Wahrscheinlichkeit alkoholabstinent zu sein, die Menge der von
den Rauchern konsumierten Tabakwaren und die Häufigkeit sportlicher Aktivitäten. Dabei
handelt es sich insbesondere um Effekte des Spannungsschemas, welches sich negativ auf die
Wahrscheinlichkeit, abstinent zu sein bzw. in der Berichtswoche keinen Alkohol getrunken zu
haben, auswirkt und einen positiven Einfluss auf die Ausübung sportlicher Aktivitäten hat.
Das Hochkulturschema zeigt immerhin noch einen negativen Effekt auf den Tabakkonsum,
während das Trivialschema ohne Belang für das gesundheitsbezogene Verhalten ist.
Von besonderem Interesse ist schließlich der Einfluss des sozialen Status auf das Gesundheitsverhalten. Wie in Abschnitt 5.1.2 gezeigt wurde, beeinflusst dieses Merkmal alle drei
untersuchten Verhaltensweisen signifikant, und zwar auch unter Kontrolle des Alters und der
Geschlechtszugehörigkeit. Werden zusätzlich die anderen unabhängigen Variablen dieser
Untersuchung kontrolliert, verbleibt nur noch einer von sechs Effekten signifikant – und zwar
für die Wahrscheinlichkeit, zu rauchen. Die Einflussstärke des sozialen Status auf dieses
Merkmals geht jedoch stark zurück, der standardisierte Regressionskoeffizient wird von –0,20
auf –0,10 halbiert (vgl. Tabelle A1.16 in Anhang A). In den meisten anderen Fällen reduziert
sich die relative Einflussstärke des sozialen Status auf die untersuchten Verhaltensweisen
71 Als Merkmale des Lebensstils wurde bei diesen Analysen auf die alltagsästhetischen Schemata und nicht die
Milieuzugehörigkeit zurückgegriffen, da erstere bei den Analysen in Abschnitt 5.5 insgesamt mehr Erklärungspotential gezeigt haben.
120
sogar noch stärker. Somit ist zumindest ein Teil der einbezogenen Merkmale in der Lage, den
Zusammenhang zwischen dem sozialem Status und dem Gesundheitsverhalten zu erklären.
Damit komme ich zu den Modellen zur Erklärung der drei untersuchten Gesundheitsmaße
(vgl. Tabelle 6.6 und Tabelle A1.18 in Anhang A). Gemessen an der Verringerung der
Erklärungsleistung der Modelle, üben die Indikatoren des Gesundheitsverhaltens den stärksten Einfluss auf die Gesundheit aus. Wie schon mehrfach betont, darf jedoch bei der Interpretation dieses Ergebnisses die Rolle der Alkoholabstinenz nicht übersehen werden. Diese
Kategorie des Gesundheitsverhaltens weist als einzige einen signifikanten Effekt auf alle drei
Gesundheitsmaße auf, der jedoch nicht als kausaler Einfluss interpretiert werden sollte.
Dennoch verbleiben weitere Effekte, die durchaus als Einfluss der jeweiligen Verhaltensweise
auf die Gesundheit interpretiert werden können. So führt das Unterlassen sportlicher Aktivitäten zu einer Reduktion der körperlichen Gesundheit; mäßiger Alkoholkonsum und starkes
Rauchen zu einer Reduktion der psychischen Gesundheit und mäßiges Rauchen zu einer
Erhöhung der Beschwerden.
Die Belastungen durch die Erwerbsarbeit und die Hausarbeit üben ebenfalls einen starken
Einfluss auf die Gesundheit aus. Ein Blick auf die detaillierten Ergebnisse dieser Analysen
bestätigt den Befund aus Abschnitt 5.2.3, dem zu Folge es unter den beruflichen Belastungen
insbesondere die psycho-sozialen Belastungen sind, die die Gesundheit beeinträchtigen.
Daneben existiert nur noch ein schwacher negativer Effekt des Zeitdrucks auf die psychische
Befindlichkeit. Da in keiner dieser Analysen die Interaktionseffekte der Berufsbelastungen
mit dem Berufsprestige nennenswert zur Erklärungsleistung der Modelle beitragen, kann
gefolgert werden, dass sich die psycho-sozialen Belastungen für alle Berufstätigen gleichermaßen negativ auf die Gesundheit auswirken. Dagegen wird der negative Effekt der Belastungen durch die Hausarbeit zumindest für die psychische Gesundheit durch ein großes
soziales Netzwerk teilweise abgemildert.
Werden die beiden Netzwerkmerkmale – Netzwerkgröße und ein Interaktionseffekt zwischen
Netzwerkgröße und sozialem Kapital – aus den Modellen entfernt, verringert sich die Erklärungsleistung für die beiden durch den SF-36 gemessenen Gesundheitsdimensionen. Auch für
diesen Merkmalsbereich ergeben sich dieselben Ergebnisse wie sie schon in Abschnitt 5.4.1
berichtet wurden. Mit der Größe der sozialen Netzwerke nimmt die psychische Gesundheit
zu, die körperliche Gesundheit verschlechtert sich dagegen. Während der erste Effekt mit den
hier vorgelegten Hypothesen übereinstimmt, ist unklar, warum die körperliche Gesundheit
unter einem großen Netzwerk leiden sollte. Denkbar wäre, dass diejenigen, denen es körper-
121
lich schlechter geht, ihr soziales Netzwerk bewusst vergrößern, umso die Wahrscheinlichkeit,
Hilfe zu erhalten, zu maximieren. Ob dies der Fall ist, kann hier nicht entschieden und muss
weiteren Analysen vorbehalten werden. Schließlich sollte erwähnt werden, dass das in den
Einzelanalysen gefundene Ergebnis eines Rückgangs der Beschwerden mit großen Netzwerken, die viele statushohe Personen enthalten, auch unter der Kontrolle der anderen Merkmale
stabil bleibt. Der Effekt ist zwar sehr klein, aber statistisch signifikant.
Tabelle 6.6:
Verringerung der erklärten Varianz bei Ausschluss jeweils eines
Merkmalsbereichs bei Modellen zur Erklärung der Gesundheit a
Alter, Geschlecht, Erw., HA
Sozialer Status
Berufliche Belastungen
Berufl. Belastungen H Prestige
Belastungen durch Hausarb.
Hausarbeitsbel. H Netzwerkgr.
Netzwerkgröße H soz. Kapital
Gesundheitsverhalten im Netz
Alltagsästhetische Schemata
Alter, Geschlecht, Erw., HA
R²
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
2,7***
0,5 ns
ns
0,2
0,1 ns
3,0***
7,7***
ns
0,2
0,3 ns
1,1**
2,1***
ns
0,0
0,5*
1,2**
0,8*
ns
0,0
0,8 +
0,4 ns
0,5 ns
2,3*
2,3*
18,2***
21,3***
Beschwerden
1,6**
1,4***
4,2***
0,4 ns
2,4***
0,2 ns
0,5 ns
0,3 ns
0,3 ns
2,7**
27,0***
a Siehe Anmerkungen in Tabelle 6.4; die Ergebnisse der vollständigen Modelle finden sich in Tabelle A1.18
in Anhang A.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Im Gegensatz zu ihrer Bedeutung für das Gesundheitsverhalten, haben die Lebensstile kaum
einen direkten Einfluss auf die Gesundheit. Nur die körperliche Gesundheit wird geringfügig
von einer Nähe zum Spannungsschema beeinflusst.
Das Gesundheitsverhalten im sozialen Netzwerk wurde in den Analysen zur Gesundheit
bisher nicht untersucht, da nicht mit einem direkten Effekt dieses Merkmals auf die Gesundheit gerechnet wurde. In diesen abschließenden Analysen soll diese Annahme überprüft
werden. Wie Tabelle 6.6 zeigt, bestätigt sich die Vermutung für die körperliche Gesundheit
und die Beschwerden. Für diese beiden Gesundheitsmaße führt die Entfernung der Variablen
zum Gesundheitsverhalten der Netzwerkpersonen zu keiner nennenswerten Verringerung der
Erklärungsleistung. Dies gilt jedoch nicht für die psychische Gesundheit. Wie die detaillierten
Ergebnisse zeigen, ist die psychische Gesundheit von Personen, in deren Netzwerken viel
geraucht wird, etwas geringer als von Personen, deren Alteri nicht oder nur wenig rauchen –
und dies bei Kontrolle des Rauchverhaltens Egos (vgl. Tabelle A1.18 in Anhang A). Es kann
vermutet werden, dass nicht das Rauchen der Netzwerkpersonen selbst, sondern deren
122
psychische Verfassung für dieses Ergebnis verantwortlich ist – denn auch bei den Befragten
zeigt sich, dass Rauchen die psychische Gesundheit beeinträchtigt.
Durch das Entfernen der Kontrollvariablen Alter, Geschlecht, Erwerbsstatus und Ausmaß der
Hausarbeit verringert sich die Erklärungsleistung der Modelle bei der körperlichen Gesundheit und den Beschwerden, für die psychische Gesundheit spielen diese Faktoren dagegen
keine eigenständige Rolle, wenn die anderen berücksichtigten Merkmale kontrolliert werden.
Im Einzelnen zeigt sich, dass Erwerbstätige körperlich gesünder sind und weniger Beschwerden angeben als Nichterwerbstätige. Dieses Ergebnis mag zum einen auf einen Selektionseffekt zurückzuführen sein, andererseits ist aber auch denkbar, dass die Personen der hier
untersuchten Altersgruppe der 30- bis 60-Jährigen, für die eine Erwerbstätigkeit den Standardfall darstellt, bei Fehlen dieser Rolle gesundheitlich gefährdet sind. Das Alter hat ebenfalls einen Einfluss auf die körperliche Gesundheit und die Beschwerden, nicht jedoch auf die
psychische Gesundheit. Die im Vergleich zu den Frauen bessere körperliche Gesundheit der
Männer und ihr geringeres Ausmaß an Beschwerden wird durch die anderen in die Modelle
einbezogenen Merkmale erklärt. Wie die Analysen in Abschnitt 5.3 zeigten, sind es vor allem
die Belastungen durch die Hausarbeit, die für die gesundheitlichen Unterschiede zwischen
Männern und Frauen verantwortlich sind. Der Umfang der Hausarbeit ist dagegen für die
Gesundheit bedeutungslos.
Die relative Einflussstärke des sozialen Status auf die Gesundheit geht durch die Berücksichtigung der anderen Variablen stark zurück. Bei den beiden durch den SF-36 gemessenen
Gesundheitsdimensionen reduziert sich seine Einflussstärke um jeweils die Hälfte und der
Effekt wird nicht mehr statistisch signifikant. Zumindest in Bezug auf diese beiden Gesundheitsmaße wird der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit also
durch die einbezogenen Variablen erklärt. Für die Beschwerden findet sich ebenfalls eine
Reduktion der Einflussstärke des sozialen Status, und zwar um knapp ein Drittel, der Effekt
bleibt jedoch signifikant und ist mit –0,19 auch vergleichsweise groß.
Die in diesem Abschnitt präsentierten Ergebnisse bestätigen die im letzten Kapitel durchgeführten Einzelanalysen überwiegend. Die nachgewiesenen Effekte auf das Gesundheitsverhalten und die Gesundheit sind also weitgehend unabhängig voneinander und bleiben unter
Kontrolle der anderen Variablen signifikant. Die im vorherigen Abschnitt gezogene Bilanz zu
den einzelnen Hypothesen kann daher im Wesentlichen als Fazit dieser Untersuchung gelten.
123
7.
Schlussfolgerung und Ausblick
Die Ziele dieser Studie waren erstens, Merkmale zu identifizieren, die für den statistischen
Zusammenhang zwischen der sozialen Ungleichheit und der Gesundheit bzw. dem Gesundheitsverhalten verantwortlich sind. Das zweite Ziel der Untersuchung bestand darin, zu
klären, welchen Beitrag ein soziologisches Lebensstilkonzept bei der Analyse der Gesundheit
und des Gesundheitsverhaltens leisten kann.
In Bezug auf dieses zweite Ziel legen die vorgelegten Analysen den Schluss nahe, dass ein
soziologisches Lebensstilkonzept nahezu ohne Bedeutung für die Erklärung der Gesundheit
ist, jedoch einiges zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens beitragen kann. Alle drei untersuchten Verhaltensweisen – das Rauchen, der Alkoholkonsum und die Ausübung sportlicher
Aktivitäten – werden durch Lebensstilmerkmale beeinflusst. Während dieser Zusammenhang
empirisch als gesichert gelten kann, muss theoretisch noch genauer bestimmt werden, inwieweit die Unterscheidung zwischen den gesundheitlich bedeutsamen Verhaltensweisen und
den Verhaltensweisen, die als Basis des Lebensstils dienen, fruchtbar begründet und somit
„Lebensstile“ und gesundheitsbezogene Verhaltensweisen unterschieden werden können. Vor
diesem Problem steht jedoch jede Analyse, die Verhaltensweisen mit (verhaltensbasierten)
Lebensstilen erklären will. Wichtig scheint aus meiner Sicht, dass die Verwendung eines
soziologischen Lebensstilansatzes gegenüber den ansonsten häufig verwendeten gesundheitsbezogenen Lebensstilansätzen den Vorteil hat, Explanans und Explanandum nicht zu vermischen und damit nicht mit dem Problem konfrontiert ist, möglicherweise tautologische
Aussagen zu treffen. Ein weiterer Vorteil des soziologischen Lebensstilansatzes im Gegensatz
zur Verwendung von explizit gesundheitsbezogenen Lebensstilkonzepten ist seine Anschlussfähigkeit an die theoretische Debatte und die empirischen Ergebnisse der soziologischen
Lebensstilforschung als Teilbereich der Soziologie sozialer Ungleichheit.
Das Hauptziel dieser Studie, Merkmale zu identifizieren, die für den Zusammenhang zwischen der sozialen Ungleichheit und der Gesundheit bzw. dem Gesundheitsverhalten verantwortlich sind, kann insoweit als erreicht gelten, als in den zusammenfassenden Modellen
kaum noch signifikante Effekte des sozialen Status auf die verschiedenen abhängigen Variablen vorliegen; und die relative Einflussstärke des sozialen Status durch die Berücksichtigung
der betrachteten intervenierenden Variablen in allen Modellen erheblich reduziert wird.
Im Fall des Gesundheitsverhaltens sind es insbesondere das Verhalten der Netzwerkpersonen
und die Lebensstilmerkmale, die sich als entscheidende Drittvariablen herausstellen. Dies sind
auch die beiden Merkmalsbereiche, die am meisten zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens
124
beitragen. Die Belastungen durch die Haus- oder Erwerbsarbeit üben kaum einen Einfluss auf
das Gesundheitsverhalten aus und kommen daher auch als intervenierende Variablen nicht in
Frage.
Die wichtigsten Determinanten der Gesundheit sind die psycho-sozialen Belastungen bei der
Hausarbeit und im Beruf sowie das Gesundheitsverhalten. Insbesondere letzteres ist für die
Reduktion der Einflussstärke des sozialen Status auf die Gesundheit verantwortlich, aber auch
die Kontrolle der beruflichen Belastungen und des sozialen Kapitals verringert den Einfluss
des sozialen Status auf die Gesundheit.
Wie jede empirische Untersuchung wirft auch diese neue Fragen auf. Die meisten dieser
Fragen stehen entweder mit dem Einfluss der sozialen Netzwerke oder dem Einfluss der
beruflichen Belastungen im Zusammenhang. In Hinblick auf den Einfluss der sozialen
Netzwerke ist z.B. offen, warum die Netzwerkgröße einen negativen Einfluss auf die körperliche Gesundheit hat; warum das Ausmaß des Rauchens von Netzwerkpersonen einen negativen Effekt auf die psychische Gesundheit hat oder warum das Ausmaß des Rauchens und der
sportlichen Betätigung der Netzwerkpersonen einen Einfluss auf das Trinkverhalten Egos hat.
Bei den beruflichen Belastungen liegt der Fall etwas anders. Die vorgelegten Analysen
zeigen, dass diese Merkmale zwar eine gewisse Rolle für das Gesundheitsverhalten spielen,
doch sind diese Effekte sehr klein, sodass sie bei dem relativ kleinen Umfang der Stichprobe
nicht stabil geschätzt werden können. Hier wären differenziertere Analysen nach männlichen
und weiblichen Erwerbstätigen sowie nach verschiedenen Branchen nötig, bei denen man
aber schnell an die Grenzen des Datenmaterials stößt. Auch die Operationalisierung der
Interaktionseffekte muss noch einmal überdacht werden.
Mit den hier vorgelegten Analysen ist das Potential des Datensatzes bei weitem noch nicht
ausgeschöpft. Dies betrifft sowohl die abhängigen als auch die unabhängigen Variablen. Als
weitere abhängige Variable kommt für das Gesundheitsverhalten die Ernährungsweise in
Betracht, die über 19 verschiedene Items erhoben wurde (vgl. Frage 35 im Fragebogen).
Ebenso stehen weitere Indikatoren der Gesundheit zur Verfügung. So wurde das Vorliegen
von 18 konkreten Erkrankungen bzw. Beschwerden abgefragt (vgl. Frage 1 im Selbstausfüller). Darüber hinaus wurde nach der Körpergröße und dem Gewicht gefragt, sodass die
Einflussfaktoren auf den Body-Mass-Index bzw. das Übergewicht untersucht werden können.
Auf Seiten der unabhängigen Variablen können zum einen weitere Merkmale der Makrobzw. Mesoebene herangezogen werden, aber auch verschiedene Variablen der Mikroebene.
Weiterführende Untersuchungen könnten z.B. die Effekte der intra- und intergenerationalen
125
Mobilität auf die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten in den Blick nehmen, da sowohl
die früheren Berufe der Eltern als auch der erste Beruf der Befragten erhoben wurde. Des
Weiteren erlaubt der Datensatz ökologische Analysen, die dem Einfluss der sozialen Zusammensetzung des Wohnumfeldes auf die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten nachgehen.
Auf der Mikroebene wurden u.a. gesundheitsbezogene Kontrollüberzeugungen (Frage 15),
das Copingverhalten (Frage 36), die Religiosität (Frage 37 bis 39) und die Androgynie (Frage
10 des Selbstausfüllers) erhoben.
Schließlich eröffnet die Anlage der Studie die Möglichkeit, die Teilnehmer noch einmal zu
interviewen, da neun von zehn Befragten einer Wiederholungsbefragung zugestimmt haben.
Die Vorteile einer solchen zweiten Befragung liegen auf der Hand, da auf diese Weise
Längsschnittdaten zur Verfügung stehen würden, auf deren Basis mit größerer Sicherheit
Aussagen über die Kausalität der verschiedenen Faktoren gemacht werden können. Bevor mit
einer solchen Erweiterung des Datensatzes begonnen wird, muss jedoch noch genauer geprüft
werden, ob sich der Aufwand bei einer erwartbaren Stichprobengröße von etwa 500 Personen
lohnt. Die Alternative wäre, die bewährten Hypothesen in einer von vornherein als Längsschnittstudie angelegten Untersuchung mit einer größeren Fallzahl zu validieren.
126
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Weinheim:
Beltz.
Anhang A: Zusätzliche Tabellen und Abbildungen
Abbildung A1.1: Die Ableitung der Hypothesen zum Zusammenhang der Milieuzugehörigkeit und des gesundheitsschädigenden Verhaltens bzw. der Gesundheit
Milieu a
NM
Gesundheitsschädigung
Gesundheit
soz.
c
c
SS c
b HS TS
d
e
f
Status
soz. Status HS TS Rang soz. Status d HS g TS h Rang
1
+
+
–
–
–
–
–
3
+
+
+
IM
0
+
+
–
0
–
+
2
0
+
–
2
HM
–
–
+
–
+
+
+
1
–
–
–
3
SM
+
+
–
+
–
–
–
3
+
+
+
1
UM
0
–
–
+
0
+
–
2
0
–
+
2
a NM: Niveaumilieu; IM: Integrationsmilieu; HM: Harmoniemilieu; SM: Selbstverwirklichungsmilieu; UM:
Unterhaltungsmilieu.
b Aus Hypothese 18.
c Aus den Beschreibungen der Milieus durch Schulze, vgl. auch Abbildung 4.4.
d Grundannahme der Studie über den Einfluss des sozialen Status auf das Gesundheitsverhalten bzw. die
Gesundheit in Verbindung mit Hypothese 18.
e Hypothese 13a in Verbindung mit der Milieubeschreibung von Schulze.
f Hypothese 15a in Verbindung mit der Milieubeschreibung von Schulze.
g Hypothese 13b in Verbindung mit der Milieubeschreibung von Schulze.
h Hypothese 15b in Verbindung mit der Milieubeschreibung von Schulze.
2
Tabelle A1.1:
Soziale Ungleichheit und Gesundheit bei Erwerbstätigen,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Bildung
Prestige des eigenen Berufs
Persönliches Einkommen
Sozialer Status
R² bzw. ∆R²
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
M1
M2a
M2b
M1
M2a
–13** –13** –12** 11*
12*
15** 11*
14** 10*
10 +
ns
3
2 ns
ns
5
5 ns
ns
7
–1 ns
+
8
4***
1+
1+
2**
0 ns
Beschwerden
M2b
M1
M2a
M2b
12**
8+
7 ns
6 ns
10*
–22*** –17** –20***
–11 +
–10 +
–9 +
ns
7
–24***
0 ns
6***
6***
6***
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert; paarweiser Ausschluss fehlender Werte.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Tabelle A1.2:
Soziale Ungleichheit und Gesundheitsverhaltens bei Erwerbstätigen,
logistische Regression, standardisierte Koeffizienten a
Raucher
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Bildung
Prestige des eigenen Berufs
Persönliches Einkommen
Sozialer Status
Nagelkerke R² bzw. ∆ R²
M1
–10*
5 ns
2*
M2a
M2b
M1
–7 ns –11*
6 ns
ns
ns
6
6
–14**
–7 ns
–5 ns
–5 ns
–15**
2*
3**
5**
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche b
M2a
M2b
M1
M2a
M2b
1 ns
4 ns
0 ns
–2 ns
–1 ns
–12* –13** –10*** –16** –17***
–18*
–13 +
ns
0
2 ns
ns
2
–6 ns
–17**
–14**
5**
4**
5**
3*
2**
Abstinente
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert; die Standardisierung der Koeffizienten erfolgte nach der
von Menard (1995: 46) vorgeschlagenen Methode.
b Nur Personen, die grundsätzlich Alkohol trinken.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
3
Tabelle A1.3:
Soziale Ungleichheit und Gesundheitsverhalten bei Erwerbstätigen,
lineare Regression; standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Bildung
Prestige des eigenen Berufs
Persönliches Einkommen
Sozialer Status
R² bzw. ∆ R²
Tabakkonsum b
Alkoholmenge c
Sport
M1
M2a
M2b
M1
M2a
M2b
M1
M2a
M2b
–8 ns
–8 ns
–7 ns
–1 ns
3 ns
0 ns –19*** –19*** –18***
9 ns
15 +
10 ns
29*** 31*** 29*** –3 ns
–7 ns
–4 ns
ns
na
–26**
9
8
–2 ns
13 +
6 na
ns
ns
–13
–8
8 ns
–21**
14**
17***
0 ns
11***
4*** 8***
3**
2**
3***
3**
3***
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert.
b Nur jetzige Raucher; Anzahl der gerauchten Tabakwaren pro Tag wurden logarithmiert.
c Nur Personen, die in der Berichtswoche Alkohol getrunken haben; Alkoholmenge wurde logarithmiert.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Tabelle A1.4:
Soziale Ungleichheit und Raucherstatus (nie geraucht vs. jemals geraucht),
gesamte Stichprobe und Erwerbstätige;
logistische Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Bildung
Berufsprestige c
Einkommen d
Sozialer Status
Nagelkerke R² bzw. ∆ R²
Gesamte Stichprobe b
M1
M2a
M2b
ns
ns
1
3
0 ns
12**
13**
13**
ns
–5
–7 ns
2 ns
–11**
2**
1 ns
2**
Erwerbstätige b
M1
M2a
M2b
ns
ns
–2
2
–2 ns
6 ns
7 ns
7 ns
ns
–4
–6 ns
4 ns
–9*
1 ns
1 ns
1*
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert; die Standardisierung der Koeffizienten erfolgte nach der
von Menard (1995: 46) vorgeschlagenen Methode.
b Nur Raucher und ehemalige Raucher.
c Für die gesamte Stichprobe wurde der Einordnungsberuf verwendet, für Erwerbstätige der eigene Beruf.
d Für die gesamte Stichprobe wurde das Äquivalenzeinkommen verwendet, für Erwerbstätige das
persönliche Einkommen.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
4
Tabelle A1.5:
Soziale Ungleichheit und Packungsjahre, nur (ehemalige) Raucher
gesamte Stichprobe und Erwerbstätige;
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Bildung
Berufsprestige c
Einkommen d
Sozialer Status
R² bzw. ∆ R²
a
b
c
d
Gesamte Stichprobe b
M1
M2a
M2b
15**
12*
13**
9+
11*
11*
–18**
–11 +
0 ns
–24***
3**
7***
6***
Erwerbstätige b
M1
M2a
M2b
+
14*
11
13*
9 ns
10 +
10 +
–19*
5 ns
0 ns
–20***
3*
5**
4***
Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert.
Nur (ehemalige) Raucher; Anzahl der Packungsjahre wurden logarithmiert.
Für die gesamte Stichprobe wurde der Einordnungsberuf verwendet, für Erwerbstätige der eigene Beruf.
Für die gesamte Stichprobe wurde das Äquivalenzeinkommen verwendet, für Erwerbstätige das
persönliche Einkommen.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Tabelle A1.6:
Prozentsatz der Erwerbstätigen mit überdurchschnittlichen beruflichen
Belastungen, nach Berufsprestige und Geschlecht
Prestige des jetzigen Berufs
Gesamt Signifikanz a
1. Quartil 2. Quartil 3. Quartil 4. Quartil
Männer
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeit
Anzahl der Belastungen (0)
Frauen
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeit
Anzahl der Belastungen (0)
78
39
42
45
43
1,01
50
45
60
35
34
0,79
31
49
52
48
33
0,61
14
47
77
67
39
0,78
41
45
60
51
38
0,81
86
48
29
38
29
1,02
36
45
42
25
25
0,70
22
49
56
29
17
0,51
35
53
51
53
55
0,63
42
49
45
35
30
0,70
a χ²-Unabhängigkeitstest bzw. einfaktorielle Varianzanalyse, Männer: N = 305; Frauen: N = 214.
ns: nicht signifikant; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
***
ns
***
***
ns
*
***
ns
*
*
***
**
5
Tabelle A1.7:
Korrelationen zwischen beruflicher Belastung und Gesundheitsverhalten
unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts, Erwerbstätige
Tabakkonsum
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeit
Anzahl der Belastungen
0,03
–0,02
–0,03
–0,08
–0,04
0,02
Packungsjahre
0,05
–0,02
–0,05
–0,04
–0,04
0,03
Alkoholmenge
0,00
0,00
0,03
0,11**
0,07
0,03
Sport
–0,15***
–0,07
0,03
–0,04
0,02
–0,12**
Gesamtindex
0,09*
0,05
–0,03
0,03
0,02
0,07
*: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001; alle anderen Koeffizienten sind nicht signifikant (N = 515 bzw. 516).
Tabelle A1.8:
Mittelwertsdifferenz des Gesundheitsverhaltens bei Erwerbstätigen mit
hohen Belastungen und niedrigem Prestige zu allen anderen Erwerbstätigen
unter Kontrolle des Alters und des Geschlechts
Tabakkonsum
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeit
1,5
1,8
2,6
3,1
2,5
Packungsjahre
Alkoholmenge
Sport
Gesamtindex
3,1
3,0
1,6
4,6*
4,2*
–4,2**
–3,1
–3,0
–1,0
–3,0
–0,4***
–0,4**
0,0
–0,3*
–0,5***
0,1
0,2*
0,0
0,1
0,3**
*: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001; alle anderen Koeffizienten sind nicht signifikant (N = 518 bzw. 519).
6
Tabelle A1.9:
Belastungen durch die Hausarbeit und Gesundheitsverhalten,
logistische Regression, standardisierte Koeffizienten a
Raucher
M1
Alter
–8 +
Geschlecht (männlich = 1)
7 ns
Äquivalenzeinkommen
–11*
Sozialer Status
Dauer der Hausarbeit
3 ns
Psycho-soziale Belastung
–1 ns
Nagelkerke R² bzw. ∆ R²
3*
M2
–13***
7 ns
–19***
3 ns
–4 ns
7***
Abstinente
M1
11*
–3 ns
–21***
6 ns
4 ns
11***
M2
6 ns
–7 ns
–21***
7+
2 ns
12***
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche
M1
–3 ns
–22***
–10 +
–3 ns
–8 ns
7***
M2
–3 ns
–17***
–13**
–4 ns
–3 ns
6***
a Siehe Anmerkungen zu Tabelle A1.2.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Tabelle A1.10:
Belastungen durch die Hausarbeit und Gesundheitsverhalten,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Äquivalenzeinkommen
Sozialer Status
Dauer der Hausarbeit
Psycho-soziale Belastung
R² bzw. ∆ R²
Tabakkonsum b
M1
M2
–9 ns
–10 ns
6 ns
7 ns
–6 ns
–22***
7 ns
10 ns
ns
–4
–4 ns
2 ns
6**
Alkoholmenge c
M1
M2
1 ns
2 ns
30***
29***
6 ns
11**
2 ns
3 ns
ns
–2
–3 ns
9***
11***
a Siehe Anmerkungen zu Tabelle A1.3.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Sport
M1
–19***
–7 ns
17***
2 ns
–6 ns
5***
M2
–17***
–7 ns
19***
2 ns
–8 +
7***
7
Tabelle A1.11:
Soziales Kapital und Gesundheit,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
M1
M2
M3
M1
M2
Alter
–18*** –19*** –19*** 13*** 14***
Geschlecht (männlich = 1)
10** 10** 10**
4 ns
5 ns
Sozialer Status
13*** 13*** 13*** 9*
6 ns
Netzwerkgröße
–8*
–8*
10*
Soziales Kapital
3 ns
2 ns
1 ns
ns
–1
Netzwerkgröße H Soziales Kapital
R² bzw. ∆R²
7*** 1 +
0 ns
2*** 1*
Beschwerden
M3
14***
5 ns
6 ns
10*
1 ns
–1 ns
0 ns
M1
M2
M3
10** 10** 10**
–14*** –14*** –14***
–28*** –28*** –27***
1 ns
2 ns
ns
0
–1 ns
–7*
12*** 0 ns
1*
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert; paarweiser Ausschluss fehlender Werte.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Tabelle A1.12:
Belastungen durch die Hausarbeit, soziales Kapital und Gesundheit,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
Hausarbeitsbelastung
10 Std Hausarbeit u.m.
Netzwerkgröße
Netzwerkgröße H
Belastungen b
R² bzw. ∆R²
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
M1
M2
M1
M2
–26*** –26***
5 ns
5 ns
ns
ns
ns
3
3
–6
–5 ns
14***
14***
6 ns
6 ns
–19*** –19*** –26*** –26***
1 ns
–1 ns
0 ns
1 ns
–8*
–8*
10**
11**
10***
0 ns
0 ns
8***
–9*
1*
Beschwerden
M1
19***
–3 ns
–27***
26***
0 ns
1 ns
M2
19***
–4 ns
–27***
26***
0 ns
1 ns
17***
4 ns
0 ns
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert; paarweiser Ausschluss fehlender Werte.
b Dieser Interaktionseffekt wurde mit der negativen Netzwerkgröße gebildet.
ns: nicht signifikant, *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
8
Abbildung A1.2: Milieuzugehörigkeit und Alkoholkonsum
(N = 692; CV = 0,12; p ≤ 0,01)
Niveaumilieu
Integrationsmilieu
Harmoniemilieu
Selbstverwirklichungsm.
Unterhaltungsmilieu
0%
20%
40%
Abstinenz
mäßiger Konsum
60%
80%
100%
geringer Konsum
starker Konsum
Abbildung A1.3: Milieuzugehörigkeit und die Ausübung sportlicher Aktivitäten
(N = 694; CV = 0,17; p ≤ 0,001)
Niveaumilieu
Integrationsmilieu
Harmoniemilieu
Selbstverwirklichungsm.
Unterhaltungsmilieu
0%
20%
40%
nie
einmal pro Woche
60%
seltener
fast täglich
80%
100%
9
Tabelle A1.13:
Soziale Milieus und Gesundheitsverhalten,
logistische Regression, standardisierte Koeffizienten a
Raucher
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
Niveaumilieu (Referenzkat.)
Integrationsmilieu
Harmoniemilieu
Selbstverwirklichungsmilieu
Unterhaltungsmilieu
Nagelkerke R² bzw. ∆ R²
M1
–12**
8*
–20***
6***
M2
–8 +
6 ns
–16***
–4 ns
4 ns
4 ns
11*
2+
Abstinente
M1
4 ns
–11**
–22***
M2
2 ns
–12**
–19***
11***
–4 ns
3 ns
–8 ns
–3 ns
1 ns
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche
M1
–1 ns
–14***
–12**
M2
3 ns
–15**
–14*
6***
11*
–3 ns
–3 ns
1 ns
2+
a Siehe Anmerkungen in Tabelle A1.2.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
Tabelle A1.14:
Soziale Milieus und Gesundheitsverhalten,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
Niveaumilieu (Referenzkat.)
Integrationsmilieu
Harmoniemilieu
Selbstverwirklichungsmilieu
Unterhaltungsmilieu
R² bzw. ∆ R²
Tabakkonsum
M1
M2
ns
–8
–9 ns
7 ns
6 ns
–23*** –14*
6***
9 ns
13 ns
–7 ns
13 ns
3+
Alkoholmenge
M1
M2
ns
3
4 ns
30***
31***
11**
10 +
10***
a Siehe Anmerkungen in Tabelle A1.3.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
–7 ns
0 ns
3 ns
–4 ns
1 ns
Sport
M1
–14***
–5 ns
19***
6***
M2
–11**
3 ns
10*
0 ns
–10*
13**
–8 +
3***
10
Tabelle A1.15:
Soziale Milieus und Gesundheit,
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich=1)
Sozialer Status
Niveaumilieu (Referenzkat.)
Integrationsmilieu
Harmoniemilieu
Selbstverwirklichungsmilieu
Unterhaltungsmilieu
R² bzw. ∆ R²
SF-36: Gesundheit
Körperlich
Psychisch
M1
M2
M1
M2
–18*** –16***
13***
11**
ns
10**
10**
4
4 ns
13***
11*
9*
8+
7***
4 ns
–4 ns
5 ns
6 ns
1 ns
2***
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert.
ns: nicht signifikant, *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001 (N = 515/517).
1 ns
–4 ns
–4 ns
–4 ns
0 ns
Beschwerden
M1
10**
–14***
–28***
M2
9*
–14***
–26***
12***
–6 ns
3 ns
–5 ns
–4 ns
0 ns
11
Tabelle A1.16:
Zusammenfassende Modelle zum Gesundheitsverhalten
logistische Regression, standardisierte Koeffizienten a
nicht abstinent, aber
kein Alkohol in der
Berichtswoche
M1
M2
M3
M1
M2
M3
M1
M2
M3
–12** –2 ns
–2 ns
4 ns
–2 ns
–2 ns
–1 ns –10 +
–9 +
8*
4 ns
3 ns –11** –8 ns
–7 ns –14*** –11* –11*
+
+
ns
–20*** –10
–10
–22*** –10
–8 ns –12** –8 ns
–9 ns
ns
ns
ns
ns
ns
5
4
–6
–5
1
0 ns
ns
ns
ns
ns
–9*
–10
–4
–9
–1
7 ns
ns
ns
ns
ns
ns
5
17
0
3
1
8 ns
ns
ns
ns
ns
ns
3
–16
–4
22
–2
–3 ns
ns
ns
ns
ns
ns
0
8
4
12
–3
–1 ns
ns
ns
ns
ns
ns
0
–14
1
–2
–3
–5 ns
ns
ns
ns
ns
ns
2
0
4
4
–1
–1 ns
ns
ns
ns
ns
ns
–5
–5
5
6
–2
–2 ns
ns
ns
ns
6
6
–13* –14*
3
3 ns
ns
ns
ns
ns
ns
1
–7
–5
0
–7
–5 ns
ns
38*** 39***
11*
11*
6
6 ns
ns
ns
–4
–4
–16*** –16**
–20*** –19***
–5 ns
–5 ns
7+
7+
6 ns
6 ns
ns
ns
ns
ns
ns
–6
–6
–2
–3
6
6 ns
ns
ns
ns
ns
ns
–6
–5
4
4
4
4 ns
ns
ns
+
1
1
–12* –11*
–10
–10 +
Raucher
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
Erwerbstätig (ja = 1)
Physische Belastung b
Psycho-soziale Belastung b
Zeitdruck b
Umfang der Arbeitszeit b
Untypische Arbeitszeit b
Über 10h Hausarbeit (ja = 1)
Belastung durch Hausarbeit c
Netzwerkgröße
Netzwerkgröße H soz. Kapital
Tabakkonsum im Netzwerk
Alkoholkonsum im Netzwerk
Sport im Netzwerk
Hochkulturschema
Trivialschema
Spannungsschema
Niedriges Prestige
H Physische Belastung b
H Psycho-soziale Belastung b
H Zeitdruck b
H Umfang der Arbeitszeit b
H Untypische Arbeitszeit b
umgepolte Netzwerkgröße
H Belastungen durch Hausarbeit c
R² bzw. ∆ R²
6*** 19***
Abstinente
2 ns
–13 ns
20 +
–10 ns
15 ns
6 ns
–5 ns
–28 ns
–9 ns
4 ns
–10 ns
–9 ns
2 ns
–3 ns
3 ns
4 ns
1 ns
–7 +
2 ns
0 ns
0 ns
11*** 10**
6***
6+
a Siehe Anmerkungen in Tabelle A1.2.
b Nur für Erwerbstätige; Nichterwerbstätige = Mittelwert; Reduktion der Devianz ohne Interaktionseffekte
im Modell.
c Nur für Personen, die mindestens 10 Stunden pro Woche für die Hausarbeit aufwenden;
andere = Mittelwert; Reduktion der Devianz ohne Interaktionseffekte im Modell.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
12
Tabelle A1.17:
Zusammenfassende Modelle zum Gesundheitsverhalten
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Tabakkonsum
M1
M2
Alter
–8 ns
2 ns
ns
Geschlecht (männlich = 1)
7
–2 ns
Sozialer Status
–23*** –4 ns
Erwerbstätig (ja = 1)
–8 ns
Physische Belastung
–3 ns
Psycho-soziale Belastung
0 ns
Zeitdruck
7 ns
Umfang der Arbeitszeit
–5 ns
Untypische Arbeitszeit
12 +
Über 10h Hausarbeit (ja = 1)
–4 ns
Belastung durch Hausarbeit
–8 ns
Netzwerkgröße
3 ns
–4 ns
Netzwerkgröße H soz. Kapital
Tabakkonsum im Netzwerk
23***
Alkoholkonsum im Netzwerk
6 ns
Sport im Netzwerk
–11 +
Hochkulturschema
–26**
Trivialschema
–1 ns
Spannungsschema
5 ns
Niedriges Prestige
H Physische Belastung
H Psycho-soziale Belastung
H Zeitdruck
H Umfang der Arbeitszeit
H Untypische Arbeitszeit
Netzwerkgröße
H Belastungen durch Hausarbeit
R² bzw. ∆ R²
6*** 14***
Alkoholmenge
M3
2 ns
–3 ns
–3 ns
–7 ns
–14 ns
10 ns
10 ns
26 ns
28 ns
–3 ns
–8 ns
3 ns
–1 ns
20**
6 ns
–11+
–27**
–2 ns
8 ns
M1
M2
3 ns
8 ns
30*** 36***
11**
6 ns
–9 +
5 ns
6 ns
–5 ns
5 ns
–2 ns
6 ns
–3 ns
15***
1 ns
8+
28***
–4 ns
1 ns
–5 ns
–3 ns
Sport
M3
M1
M2
8 ns –14*** –6 ns
35*** –5 ns
–4 ns
ns
5
19*** 4 ns
–9*
3 ns
ns
14
–5 ns
32*
–4 ns
ns
–22
–1 ns
ns
20
0 ns
ns
–8
–3 ns
ns
5
6 ns
ns
–4
–6 ns
14***
–2 ns
ns
0
–2 ns
+
8
–5 ns
28***
2 ns
ns
–3
20***
1 ns
4 ns
ns
–5
–7 +
ns
–2
18***
M3
–6 ns
4 ns
4 ns
4 ns
–4 ns
–10 ns
29*
–6 ns
–6 ns
6 ns
–5 ns
–2 ns
–1 ns
–5 ns
2 ns
21***
3 ns
–7 ns
17***
11 ns
–10 ns
–4 ns
–33+
–16 ns
–10 ns
–26*
17 ns
–16 ns
7 ns
–2 ns
5 ns
–32**
7 ns
3 ns
0 ns
2 ns
2 ns
1 ns
10*** 13***
a Siehe Anmerkungen zu Tabelle A1.3 und A1.16.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
–3 ns
6*** 10*** 1 ns
13
Tabelle A1.18:
Zusammenfassende Modelle zur Gesundheit
lineare Regression, standardisierte Koeffizienten a
Alter
Geschlecht (männlich = 1)
Sozialer Status
Erwerbstätig (ja = 1)
Physische Belastung
Psycho-soziale Belastung
Zeitdruck
Umfang der Arbeitszeit
Untypische Arbeitszeit
Über 10h Hausarbeit (ja = 1)
Belastung durch Hausarbeit
Netzwerkgröße
Netzwerkgröße H soz. Kapital
Tabakkonsum im Netzwerk
Alkoholkonsum im Netzwerk
Sport im Netzwerk
Hochkulturschema
Trivialschema
Spannungsschema
Rauchen
Nichtraucher (Ref.)
1-10 Zigaretten täglich
11-20 Zigaretten täglich
21 und mehr Zigaretten
Alkoholkonsum
Alkoholabstinenz
Geringer Alkoholk. (Ref.)
Mäßiger Alkoholkonsum
Starker Alkoholkonsum
Sportliche Aktivität
Täglich (Ref.)
Mindestens einmal/Woche
Seltener
Nie
Niedriges Prestige
H Physische Belastung
H Psycho-soziale Belastung
H Zeitdruck
H Umfang der Arbeitszeit
H Untypische Arbeitszeit
Netzwerkgröße
H Belastungen durch Hausarbeit
R² bzw. ∆ R²
SF-36: Gesundheit
Beschwerden
Körperlich
Psychisch
M1
M2
M3
M1
M2
M3
M1
M2
M3
–18*** –12* –12*
13*** 7 ns
8+
10** 10*
9*
10** –1 ns
–1 ns
4 ns
1 ns
1 ns –14*** –6 ns
–6 ns
13*** 6 ns
6 ns
9*
4 ns
3 ns –28*** –19*** –17***
ns
15*** 16***
–2
–2 ns
–9*
–8*
ns
ns
ns
–5
–8
3
2 ns
–1 ns –15 ns
–14*** –4 ns
–26*** –33**
20*** 14 ns
ns
ns
ns
–4
–4
–9*
–18
4 ns
13 ns
ns
ns
ns
ns
8*
16
3
1
–5
–13 ns
ns
ns
ns
ns
ns
0
–4
–4
8
–1
2 ns
ns
ns
ns
ns
ns
1
1
–3
–2
2
2 ns
–11** –11**
–16*** –16***
17*** 17***
–11** –12**
9*
9*
4 ns
4 ns
ns
ns
ns
ns
+
0
–1
–1
0
–6
–6 +
ns
ns
ns
0
0
–9*
–10*
6
6 ns
ns
ns
ns
ns
ns
1
1
–2
–2
–1
–1 ns
ns
ns
ns
ns
ns
2
2
2
2
–2
–3 ns
ns
ns
ns
ns
ns
–3
–3
–3
–2
1
0 ns
ns
ns
ns
ns
ns
–3
–3
–6
–7
3
3 ns
+
+
ns
ns
ns
8
8
–6
–5
–6
–7 ns
–2 ns
4 ns
5 ns
–2 ns
3 ns
5 ns
–9*
–9*
4 ns
0 ns
4 ns
–1 ns
–7 +
–3 ns
–2 ns
–2 ns
–12*
–2 ns
–2 ns
–12*
–1 ns
5 ns
2 ns
7*** 11***
–5 ns
–6 ns
–8*
–5 ns
–6 ns
–8 +
–11** –12**
3 ns
3 ns
13*** 13***
5 ns
5 ns
9**
10**
–7 +
–3 ns
5 ns
2 ns
4 ns
2 ns
–2 ns
4 ns
1 ns
1 ns
6 ns
6 ns
1 ns
6 ns
6 ns
3 ns
–11 ns
1 ns
–8 ns
4 ns
2 ns
8 ns
10 ns
3 ns
–13 ns
15 ns
7 ns
–10 ns
8 ns
–4 ns
0 ns
0 ns
–7*
2*** 18*** 1 ns
5 ns
1 ns
12*** 14***
a Alle Koeffizienten wurden mit 100 multipliziert; paarweiser Ausschluss fehlender Werte; siehe auch
Anmerkungen zu Tabelle A1.16.
ns: nicht signifikant, +: p ≤ 0,1; *: p ≤ 0,05; **: p ≤ 0,01; ***: p ≤ 0,001.
14
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